Naked Lunch


Naked Lunch - Arthaus Collection (Kanada/GB, 1991)

DVD Regionalcode 2, Arthaus / Kinowelt Home Entertainment
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: ca. 110 Min.

Extras
- Audiokommentar mit David Cronenberg
- Naked making Lunch - The Making of David Cronenberg's Film of William Burroughs' Novel (48:51 Min.)

Regie:
David Cronenberg

Hauptdarsteller:
Peter Weller (William Lee)
Judy Davis (Joan Lee/Joan Frost)
Ian Holm (Tom Frost)
Roy Scheider (Dr. A. Benway)




Inhalt

Im Jahre 1953 stellt Ex-Schriftsteller, Ex-Junkie und jetziger Kammerjäger William Lee fest, dass seine Frau Joan das Insektenvernichtungsmittel Pyrethrum stiehlt, um es sich in die Adern zu spritzen. Sie überredet ihn, diese Droge selbst einmal auszuprobieren. Er wird sofort abhängig und fragt Dr. Benway um Rat. Der verschreibt ihm eine aus Tausendfüßlern hergestellte Gegendroge, nach der Lee ebenfalls süchtig wird. Lee wird von der Polizei verhaftet. Er soll beweisen, dass sein Beruf wirklich die Ungezieferbekämpfung ist. Man lässt ihn mit einem riesigen sprechenden Käfer allein, der behauptet, Lee sei ein Geheimagent und er sei Lees Controller. Joan sei eine feindliche Agentin der Organisation "Interzone Incorporated". Sie sei nicht menschlich und müsse beseitigt werden. Lee tötet den Käfer. Zu Hause überrascht er Joan mit zweien seiner Schriftsteller-Freunde. Wenig später erschießt er Joan versehentlich bei einem Wilhelm-Tell-Spiel.

Von einem merkwürdigen Wesen (einem Mugwump), dem er in einer Bar begegnet, erhält Lee ein Ticket zur "Interzone", einem Freihandelsgebiet in Tanger. Lee flieht dorthin und verbringt seine Tage im Drogenrausch. Er begegnet bizarren, nichtmenschlichen Kreaturen, macht Erfahrungen mit seiner Homosexualität und schreibt regelmäßig "Berichte", die er an einen unbekannten Adressaten schickt. Daraus entsteht allmählich der Roman "Naked Lunch". Lees Schreibmaschine, eine Clark Nova, verwandelt sich immer wieder in einen Käfer und gibt ihm Anweisungen. Unter anderem soll er Benway finden. Zu diesem Zweck nimmt er Kontakt mit dem Schriftsteller Tom Frost auf, dessen Gattin Joan - ein Ebenbild von Lees verstorbener Frau - er verführt. Frost nimmt die Clark Nova an sich und foltert sie zu Tode. Joan Frost fällt Benway in die Hände.

Lee lässt sich von seinen Schriftsteller-Freunden, die ihn besuchen und der Vollendung von "Naked Lunch" entgegenfiebern, nicht überreden, Interzone zu verlassen. Es stellt sich heraus, dass Benway hinter der Drogenproduktion von Interzone steckt. Benway versklavt die Mugwumps, deren Körperflüssigkeiten als willenlos machende Droge verwendet werden. Benway lässt sich auf einen Handel mit Lee ein. Der Schriftsteller soll für Benway als Speerspitze der Expansion nach Annexia fungieren. Als Gegenleistung gibt Benway Joan frei. Gemeinsam mit ihr fährt Lee nach Annexia. Die Grenzsoldaten verlangen einen Beweis für seine Behauptung, Schriftsteller zu sein. Erneut spielt Lee das Wilhelm-Tell-Spiel mit Joan und schießt ihr in den Kopf. Daraufhin wird er in Annexia willkommen geheißen.

Kommentar

Es ist schon schwer genug, die Handlung dieses Films zusammenzufassen. Mit der bloßen Wiedergabe dessen, was man sieht, kann ich sowieso nicht deutlich machen, worum es in "Naked Lunch" geht. Den Film dann auch noch kommentieren zu wollen? Ein aussichtsloses Unterfangen. Ich weiß noch genau, wie ich "Naked Lunch" damals in einem Schubladenkino in Mainz gesehen habe. Der verqualmte Raum war voller Leute, die schon nach zehn Minuten genau wussten, dass der Film Scheiße ist - aber rausgegangen sind sie nicht. Sie sind lieber geblieben, haben dummes Zeug gequatscht, sich über den Film lustig gemacht und mir damit das Verständnis noch weiter erschwert...

Zugegeben, "Naked Lunch" ist gewöhnungsbedürftig. Schreibmaschinen, die sich in Riesenkäfer verwandeln, durch Öffnungen, die an After-Rosetten erinnern, zu dem Menschen sprechen und sich gegenseitig bekämpfen. Schwule Dandys, die sich in insektoide Monster verwandeln und Lustknaben im wahrsten Sinne des Wortes vernaschen. Außerirdische mit penisähnlichen Kopftentakeln, aus denen man Drogen herauslutscht. Ein Hauptdarsteller, der immer hart an der Grenze zur Hörschwelle murmelt, allerlei philosophisches Zeug absondert, von Halluzinationen geplagt wird und ständig seine Frau erschießt. Da kann der eine oder andere Kinogänger schonmal überfordert sein. Was all diese Symbole, Metaphern, Gleichnisse und Andeutungen zu bedeuten haben, erschließt sich dem unbedarften Zuschauer vielleicht nicht ohne weiteres - mir geht's zugegebenermaßen genauso.

Aber zumindest war ich damals bereit, mich auf ein ungewöhnliches Filmerlebnis einzulassen, ohne zu wissen, um was es in dem Film überhaupt geht. Das war Anfang der Neunziger. Da gab's noch kein Internet. Heute ist es kein Problem, herauszufinden, dass "Naked Lunch" der Titel eines Romans von William S. Burroughs ist, der gleichnamige Film aber nicht direkt als Verfilmung dieses Romans betrachtet werden kann. Burroughs' Romane enthalten viele autobiografische Elemente, und kann man den Film eher als Geschichte des Schriftstellers bzw. der Entstehung des Romans bezeichnen. Im Roman, der aus vielen teils unzusammenhängenden Handlungssträngen besteht, gibt es zwar einen William Lee, er gelangt zur Interzone, hat mit einem Dr. Benway zu tun usw., aber Joan Lee und Joan Frost sind alternative Versionen von Burroughs' Frau, die dieser 1951 im Suff erschossen hat. Er selbst sagte, das sei der Beginn seiner Schriftstellerkarriere gewesen. Mit der Arbeit an "Naked Lunch" hat Burroughs in Nordafrika begonnen - als wirre Zettelsammlung, genau wie im Film. Dieser enthält außerdem noch Elemente aus anderen Werken des Autors.

David Cronenberg vermischt all das zu einem zwar schwer verdaulichen, visuell aber faszinierenden Trip. Zu einem surrealen Alptraum aus Lees Sicht. Anders als in vielen anderen Filmen Cronenbergs steht diesmal trotz aller Körperlichkeit nicht die leibliche Metamorphose im Mittelpunkt, sondern die des Geistes. Es wird nie gesagt, was real ist und was nicht, und so ist man als Zuschauer genauso unfähig, Drogenwahn und Realität auseinanderzuhalten wie der Protagonist selbst.

DVD-Features

Die Arthaus-Collection enthält ein ausführliches Booklet mit Fotos und Informationen über den Film, den Autor, die Beat-Generation, sowie David Cronenberg. Der deutsch untertitelte Audiokommentar trägt erheblich zum Verständnis des Films bei. Die gut dreiviertelstündige, leider nicht deutsch untertitelte Dokumentation konzentriert sich recht stark auf Burroughs' Leben und Werk, seinen Drogenkonsum und die Literatur seiner Zeit, sowie auf Cronenbergs Interpretation von "Naked Lunch". Burroughs kommt selbst zu Wort, vorwiegend in Interviews, die zur Zeit der Entstehung des Films gemacht wurden. Er liest auch aus dem Buch vor. Hinzu kommt Archivmaterial über den Autor.

Der Filmproduktion wird dem gegenüber ziemlich wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Immerhin erfährt man, dass der britische Regisseur Antony Balch schon einmal an einer Verfilmung gearbeitet hat (Mick Jagger hätte die Hauptrolle spielen sollen), aber nur bis zum Stadium des Storyboard-Zeichnens gekommen ist. Einige Storyboards werden gezeigt, und urteilt man danach, dann wäre diese Verfilmung noch weit radikaler gewesen als Cronenbergs Version...


Screenshots


Naked Lunch

Lee hat kein Wanzenpulver mehr.


Naked Lunch

Seine Frau weiß, wo das Zeug geblieben ist.


Naked Lunch

Dr. Benway hat ein Gegenmittel.


Naked Lunch

Lee begegnet seinem ersten Mugwump.


Naked Lunch

Lee schreibt auf seiner Clark Nova.


Naked Lunch

Tom Frost kommuniziert telepathisch mit Lee.


Naked Lunch

Joan Frost, die untreue Ehefrau.


Naked Lunch

Lees neue Schreibmaschine.


Naked Lunch

An der Grenze von Annexia.


Naked Lunch

Ein Füller reicht nicht aus, wenn man beweisen will, dass man Schriftsteller ist...


J. Kreis, 27.12.2012




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