Mein liebster Feind


Mein liebster Feind (D/GB/USA, 1999)

DVD Regionalcode 2, Arthaus
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: ca. 95 Min.

Extras:
- Was ich bin, sind meine Filme - Ein Portrait von Werner Herzog (91:56 Min.)

Regie:
Werner Herzog




Inhalt

Durch die Zusammenarbeit des Regisseurs Werner Herzog mit dem Schauspieler Klaus Kinski sind zwischen 1972 und 1987 fünf Filme entstanden, die vielleicht nicht alle als Meisterwerke bezeichnet werden können, aber auf jeden Fall in die Geschichte eingegangen sind - wegen der Begleitumstände ihrer Entstehung und vor allem wegen des ständig zwischen Genie und Wahnsinn schwankenden Hauptdarstellers. In meiner kleinen Sammlung befinden sich zurzeit nur drei dieser Filme, nämlich Aguirre, der Zorn Gottes (1972), Nosferatu, Phantom der Nacht (1979) und Cobra Verde (1987). "Woyzeck" (1979) und "Fitzcarraldo" (1982) fehlen noch. Gemeinsam haben Herzog und Kinski Werke erschaffen, die mir unvergesslich geblieben sind. Das hat natürlich viel mit Herzogs Vorgehensweise und dem für ihn typischen halbdokumentarischen Stil der Filme zu tun. So wurde "Aguirre" unter härtesten Bedingungen an Originalschauplätzen mitten im Dschungel gedreht, meilenweit entfernt von jeglicher Infrastruktur. Die so entstandenen Bilder haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Alle fünf Filme haben zweifellos faszinierende Schauwerte und eine ganz besondere Atmosphäre. Ohne Kinski wären sie jedoch nicht halb so gut. Sein Aguirre hat zum Beispiel eine unglaubliche Präsenz, ein geradezu dämonisches Charisma. Sein Graf Dracula ist kein schicker Verführer, sondern eine schreckenerregende Kreatur, ein abstoßender Nachtmahr, ein leidendes untotes Geschöpf.

In "Mein liebster Feind" lässt Herzog diese Zusammenarbeit Revue passieren und versucht zu verdeutlichen, warum er in einer Art Hassliebe mit dem 1991 verstorbenen Kinski verbunden war. Die Dokumentation ist kein Film über Kinski, keine Autobiografie Herzogs und kein Making of der genannten Filme, sondern ein persönlicher Rückblick des Regisseurs auf eine für ihn mindestens ebenso belastende wie erfolgreiche Beziehung mit dem Enfant terrible der deutschen Filmwelt. Der Grundton ist versöhnlich. Es geht Herzog keineswegs darum, Kinski als Irren hinzustellen, mit dem man nicht arbeiten konnte. Die positiven Seiten des Schauspielers bleiben nicht unerwähnt, auch was die Liebenswürdigkeit angeht, zu der er durchaus fähig war. Dennoch findet Herzog deutliche Worte für Kinskis Charakter. Der Schauspieler hat das gesamte Team bei den Dreharbeiten praktisch aller Filme mit seiner Unberechenbarkeit und Launenhaftigkeit, mit furchtbaren Wutanfällen und stundenlangen Schreiereien derart terrorisiert, dass selbst Herzog irgendwann Mordphantasien hatte. Herzog sagt, bei einer Gelegenheit sei er nur durch die Wachsamkeit eines Hundes an einem Brandanschlag auf Kinskis Haus gehindert worden! Herzog zufolge waren manche Eskapaden Kinskis allerdings reine Berechnung. Er hat dem Publikum einfach das gegeben, was es sehen wollte.

"Mein liebster Feind" beginnt mit Ausschnitten aus der legendären Uraufführung des von Kinski selbst verfassten Monologs "Jesus Christus Erlöser" im Jahre 1971, bei der Kinski vom Publikum provoziert worden ist und prompt - vermutlich wie vom Publikum erhofft - mit aggressiven Ausbrüchen reagiert hat. Das war kurz vor Beginn der Dreharbeiten zu "Aguirre", und man kann sich vorstellen, dass Kinski da nicht in bester Laune gewesen ist. Es folgt ein Besuch Herzogs in einer Münchner Wohnung. Dort hat Herzog als Teenager gelebt. Im selben Haus hat der 15 Jahre ältere Kinski damals mit diversen Eskapaden für Aufsehen gesorgt. Der größte Teil der Dokumentation besteht aus Reisen Herzogs zu verschiedenen Drehorten der oben genannten Filme. Der Regisseur erzählt von den Dreharbeiten und der Arbeit mit Kinski. Durch Hinter-den-Szenen-Material, insbesondere von "Fitzcarraldo", wird deutlich, wie schwierig die Bedingungen teilweise waren und wie sehr Kinski die Arbeit manchmal obendrein behindert hat. Zudem werden einige Filmausschnitte gezeigt, auch von anderen Filmen Kinskis, bei denen Herzog nicht beteiligt war. Interviews, die Herzog mit den Schauspielerinnen Eva Mattes ("Woyzeck") und Claudia Cardinale ("Fitzcarraldo") sowie mit dem Fotografen Beat Presser geführt hat, runden das Bild ab.

Die Dokumentation mag viel älteres Material enthalten, also Filmausschnitte und Bestandteile der "Fitzcarraldo"-Doku "Die Last der Träume". Aber selbst wenn man das alles kennt, ist "Mein liebster Feind" ein hochinteressantes Porträt zweier Ausnahmepersönlichkeiten, denn natürlich gibt Herzog viel von sich selbst preis, wenn er über Kinski und seine Filme spricht ...


DVD-Features

Mit dem Kauf dieser DVD macht man schon allein wegen des sehenswerten Hauptfilms nichts falsch. Sie enthält obendrein einen zweiten abendfüllenden Film, nämlich die Doku "Was ich bin, sind meine Filme" aus dem Jahre 1978. Herzog wird von Laurens Straub interviewt, einem Gründungsmitglied des Filmverlags der Autoren und des Verleihs "Filmwelt". Genauer gesagt monologisiert Herzog meist, Straub muss nur sehr wenig sagen oder fragen. Herzog erzählt von seiner Kindheit, verschiedenen Reisen und natürlich von der Arbeit als Filmemacher. Wenn nur die Hälfte davon stimmt (ich habe den Eindruck, dass Herzog zu Übertreibungen neigt), hat Herzog eine wahrhaft bewegte Vergangenheit! Zum damaligen Zeitpunkt hatte Herzog erst einen Film mit Kinski gemacht ("Aguirre"), deshalb wird nur vergleichsweise wenig über den Schauspieler gesprochen. Die beiden waren schon bei ihrem ersten gemeinsamen Film heftig aneinandergeraten, wie Herzog demonstriert, indem er eine kurze Tonbandaufnahme abspielt, die ohne sein Wissen während der Dreharbeiten angefertigt worden ist. Kinski schreit ihn an und regt sich maßlos darüber auf, dass Herzog es gewagt hat, ihm Regieanweisungen zu geben ...

Witzig an den Interviews ist, dass Herzog und Straub ganz zwanglos vermutlich in Herzogs Wohnung sitzen, eine Zigarette nach der anderen rauchen und sich so gar nicht bemühen, sich publikumswirksam zu verhalten. Sie diskutieren ab und zu sogar darüber, wie das Interview weiter verlaufen sollte. Es werden viele Ausschnitte aus verschiedenen Filmen Herzogs gezeigt, außerdem ist einiges an Hinter-den-Szenen-Material enthalten, vor allem zum Film "Stroszek". Das Filmteam ist an verschiedenen Drehorten zu sehen, unter anderem in einer Wohnung in Berlin. Dort albert Herzog mit Norbert Grupe (bekannt als Profiboxer unter dem Pseudonym Wilhelm von Homburg) herum, der in "Stroszek" einen Zuhälter spielt. Es geht um eine Wette Herzogs, der behauptet, er werde eine Runde gegen den Boxer durchhalten. Der zückt prompt ein paar Tausendmarkscheine und nimmt die Wette an! Man erfährt leider nicht, wie die Geschichte ausgegangen ist ...


J. Kreis, 06.12.2016




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