Lucy


Lucy (Frankreich, 2014)

Blu-ray, Universal
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: ca. 89 Minuten

Extras:
- Die Evolution von Lucy (16:14 Min.)
- Hirnkapazität: Die Wissenschaft hinter Lucy (10:04 Min.)

Regie:
Luc Besson

Hauptdarsteller:
Scarlett Johansson (Lucy Miller)
Morgan Freeman (Prof. Samuel Norman)
Choi Min-sik (Mr. Jang)
Amr Waked (Pierre del Rio)




Story

Die meisten Lebewesen, so erklärt Professor Samuel Norman während eines Vortrags in Paris, nutzen nur einen Bruchteil der Leistungsfähigkeit ihres Gehirns. Beim Menschen, dem am höchsten entwickelten Lebewesen, sind es immerhin zehn Prozent. Wäre es einem Menschen möglich, weitere Anteile der brachliegenden Hirnkapazität zu nutzen, dann wäre er Normans Theorie zufolge nicht nur das größte Genie aller Zeiten, sondern würde darüber hinaus Fähigkeiten gewinnen, die ans Übersinnliche grenzen. Er könnte all seine Körperfunktionen willentlich steuern, jedes Lebewesen nach Belieben beeinflussen und Materie allein mit der Kraft des Geistes kontrollieren. Das müsste bei einer Nutzung von 20 bis 40 Prozent der Hirnkapazität möglich sein. Was ein Mensch tun könnte, der Zugriff auf das volle Potential seines Gehirns hätte, vermag sich selbst der angesehene Professor nicht auszumalen. Noch weniger kann er sich vorstellen, dass es einen solchen Menschen bereits gibt...

Die in Taiwan lebende Studentin Lucy Miller wird von ihrem neuen Freund Richard "überredet", einen Handel für ihn abzuschließen. Ein Koffer mit unbekanntem Inhalt muss überbracht werden, und weil Richard Ärger mit den Hintermännern hatte, soll Lucy die Sache erledigen. Als sie sich weigert, kettet er den Koffer kurzerhand an ihrem Handgelenk fest. Da nur der Empfänger der Sendung, ein gewisser Mr. Jang, den Schlüssel hat, bleibt Lucy nichts anderes übrig als mitzuspielen. Die Übergabe wird zum Desaster. Jangs Schergen töten Richard und schleppen Lucy in ein Hotelzimmer voller Leichen. Die völlig verängstigte junge Frau wird gezwungen, als Drogenkurierin für Jang zu arbeiten. Ihr und drei weiteren "Freiwilligen" wird je ein Beutel aus besagtem Koffer in die Bauchhöhle gesetzt. Jeder Beutel enthält eine große Menge der neuen synthetischen Droge CPH4, einer Substanz, die auch in der Natur vorkommt. Schwangere produzieren die Substanz in winzigen Mengen. Sie fördert das Knochenwachstum des Ungeborenen. Schon eine kleine Dosis des künstlichen Derivats wirkt stärker als jedes bekannte Rauschgift. CPH4 ist also extrem wertvoll, und um sicherzustellen, dass sich die Kuriere nicht damit absetzen, wird ihnen mit der Ermordung all ihrer Angehörigen gedroht.

Bevor Lucy in ein Flugzeug nach Europa gesetzt wird, werden ihre Entführer zudringlich. Sie wehrt sich und wird brutal zusammengeschlagen. Dabei platzt der Drogenbeutel. Lucys Körper wird mit CPH4 überschwemmt, was zu den von Norman beschriebenen Effekten führt. Innerhalb kurzer Zeit erschließen sich Lucy immer weitere bisher ungenutzte Anteile von Hirnkapazität. Schon kurz nach dem Vorfall hat sie totale Körperkontrolle, sie verspürt keine Schmerzen, alle anderen Sinneswahrnehmungen werden gesteigert, die Intelligenz wird gefördert. So kann sie sich problemlos befreien. In einem Krankenhaus lässt sie den Drogenbeutel entfernen. Etwa 500 Gramm CPH4 sind noch enthalten. Lucy begreift, dass sich ihr Körper unter dem Einfluss der Droge immer weiter verändert, was möglicherweise zu ihrem Tod führen wird. Um an die drei anderen Pakete heranzukommen, stattet sie Jang einen Besuch ab. Seinen Gedanken entnimmt sie die Zielorte der anderen Kuriere: Berlin, Rom und Paris. Innerhalb weniger Stunden sammelt Lucy unermessliches Wissen, wobei sie auf Normans Theorie stößt. Doch im selben Maße, wie ihre Fähigkeiten wachsen, schwindet ihre Empfindungsfähigkeit. Emotionen existieren für sie bald ebenso wenig wie ethische Hemmnisse. Da Lucy nicht weiß, was sie mit ihren neuen Kräften tun soll und wie lange sie noch zu leben hat, nimmt sie Kontakt mit Norman auf. Inzwischen kann sie elektromagnetische Wellen manipulieren, so dass sie sich von Taiwan aus auf den Bildschirm seines Fernsehers in Paris schalten kann. Nachdem sie ihm erklärt hat, was mit ihr geschehen ist, erhält sie den Rat, ihr Wissen weiterzugeben. Norman möchte sich mit Lucy treffen. Sie macht sich auf den Weg nach Paris. Zuvor ruft sie den dort arbeitenden Polizisten Pierre del Rio an und informiert ihn über die Zielorte der Drogenkuriere. Pierre nimmt Lucys Warnung ernst. Alle Kuriere werden verhaftet.

Während des Fluges beginnt sich Lucys Körper aufzulösen. Nur durch die Einnahme von CPH4 kann sie den Prozess stoppen, aber sie verliert das Bewusstsein. Im selben Krankenhaus, zu dem auch die Kuriere gebracht wurden, kommt Lucy wieder zu sich. Wenig später treffen Jangs Schergen dort ein, die einige Polizisten sowie die Kuriere töten, um die Drogenpakete zurückzubekommen. Lucy setzt ihre neu gewonnenen unermesslichen Kräfte ein, um die Gangster außer Gefecht zu setzen und die Pakete an sich zu nehmen. Pierre, der alles mit ansieht, schließt sich Lucy an. Sie trifft sich mit Norman und weiteren Wissenschaftlern an der Sorbonne. Sie bietet an, einen Supercomputer zu erschaffen, der ihr gesamtes Wissen enthalten soll. Um ihre volle Hirnkapazität nutzen zu können, lässt sie sich das gesamte CPH4 auf einmal verabreichen. Während die von Jang persönlich angeführten schwer bewaffneten Gangster eintreffen und ein Gemetzel anrichten, gewinnt Lucy vollkommene Kontrolle über Raum und Zeit. Ihr Körper verändert sich, verbindet sich mit allen erreichbaren Energiequellen und absorbiert die um sie herum aufgebauten Großrechner. Lucy reist durch die Jahrmillionen zurück bis zum Urknall, ihr Wissen wächst ins Unendliche. Als Jang erscheint, um Lucy zu töten, erreicht sie 100 Prozent. Ihre leibliche Hülle verschwindet. Pierre erschießt Jang. Der von Lucy erschaffene Supercomputer produziert einen kleinen Datenträger für Norman und zerfällt zu Staub. Pierre fragt, wo Lucy sei. Da erhält er eine Textachricht auf seinem Handy. Sie lautet: "ICH BIN ÜBERALL".


Kringels Meinung

Wenn eine interessante Hypothese zentrales Thema eines Films ist, recherchiere ich gern mal ein wenig im Internet darüber. Wieder was dazugelernt, kann ich diesmal nur sagen! Auch ich habe geglaubt, dass wir Menschen nur einen kleinen Teil unserer Gehirnkapazität nutzen. Der Wikipedia zufolge ist das ein moderner Mythos, der durch die Hirnforschung widerlegt wurde. Auch durch logische Überlegungen könne man zu dem Ergebnis kommen, dass ein zum größten Teil ungenutztes Gehirn sinnlos wäre. So wird als Gegenargument unter anderem der exorbitante Energiebedarf des Gehirns angeführt. Wenn der Bedarf so hoch ist, warum sollte der Mensch dann überhaupt ein derart großes Gehirn, von dem er neun Zehntel nicht nutzt, mit sich herumschleppen? Wäre der Mythos wahr, müssten zehn Prozent der Hirnmasse völlig ausreichen, schließlich leben wir sehr gut damit. Dann müsste man nicht so viel essen, um die Energieversorgung sicherzustellen, und schon hätten die Menschen einen nicht zu unterschätzenden evolutionären Vorteil - aber auch ganz schön kleine Köpfe. Ob man die Theorie nun rundweg ablehnen oder einfach annehmen möchte, dass wir nicht in der Lage sind, unser volles Potential bewusst zu nutzen: Natürlich ist es möglich, den Brägen in Schwung zu halten, um neue Kenntnisse, Fertigkeiten und so weiter zu erlangen. Aber ob man nur durch Training auch Telepathie, Telekinese und andere Kräfte wie Lucy gewinnen kann? Man weiß es nicht!

Letzten Endes ist das aber auch egal. Es könnte ja sein, dass Lucy nicht etwa brachliegende Hirnbestandteile nutzt, sondern von Anfang an einer von CPH4 ausgelösten Transformation unterliegt, so dass sich ihr Gehirn in etwas Neues verwandelt, das leistungsfähiger ist als die normalen kleinen grauen Zellen. Ich habe schon unplausiblere Superhelden-Entstehungsgeschichten gelesen bzw. gesehen! Und damit ist auch schon das Stichwort für eine Warnung gefallen: Dies ist kein Superheldenfilm, kein episches Abenteuer mit einem Menschen, der besondere Kräfte entwickelt, ihre Verwendung erkundet und es dann mit diversen Schurken aufnimmt. Eher könnte man von einem filmischen Gedankenspiel sprechen, sozusagen von der Kurzgeschichtenversion eines Films. Ohne Abspann ist "Lucy" gerade mal 80 Minuten lang! Und dabei wird die Lucy-Handlung sogar noch mehrmals unterbrochen, entweder durch Normans Vortrag oder durch Tierfilmszenen zur Veranschaulichung dessen, was Norman erklärt oder was gerade geschieht. So wird von der Szene in der Hotellobby, als Lucy auf die Ankunft Mr. Jangs wartet, zu Raubkatzen umgeschaltet, die sich an Beute anpirschen. Auch Lucys berühmte Namensvetterin wird gezeigt. Bekanntlich wurden im Jahre 1974 in Äthiopien Teile des mehr als drei Millionen Jahre alten Skeletts eines Vormenschen entdeckt. Man nahm an, es habe sich um ein weibliches Individuum gehandelt. Im Film wird diese Lucy als "erste Frau" bezeichnet. Die beiden Film-Lucys begegnen sich am Ende sogar persönlich.

Die Expositionsphase ist im Verhältnis zur Dauer des Films gesehen ziemlich lang. Man lernt Lucy als etwas ausgeflippte Studentin kennen, die sich nicht gern in die Machenschaften ihres Freundes hineinziehen lassen will, sich aber unversehens in einer schrecklichen Situation wiederfindet. Ihre Hilflosigkeit wird wohl deshalb besonders betont, damit das Folgende umso effektvoller wirkt. Sobald sich das CPH4 nämlich erst einmal in Lucys Körper ausgebreitet hat, geht alles Schlag auf Schlag - da bleibt keine Zeit für Figurenzeichnung oder Handlungsentwicklung. Lucy hat von einer Minute zur anderen Superkräfte, Gefühle aber so gut wie nicht mehr. Unaufhaltsam kämpft sie sich von ihrer Gefängniszelle über Jangs Hotelzimmer bis nach Paris vor, wo es nach weiteren Kämpfen, in denen Lucy ihre neuen Fähigkeiten noch effektvoller einsetzt, und einer spektakulären Auto-Verfolgungsjagd sehr schnell zum doppelten Showdown kommt. Pierres Polizisten liefern sich mit Jangs Gangstern ein Feuergefecht, während Lucy wie einst Astronaut Bowman (2001 - Odyssee im Weltraum) durch Raum und Zeit bis zu den Anfängen der Schöpfung reist. Dieser phantastische Trip durch verschiedene Epochen endet in einem psychedelischen Farbenrausch, der nicht das einzige Zitat bleibt. Der eckige USB-Stick, den Norman erhält, ist "voller Sterne" - er ist also die Miniaturausgabe des Monolithen, zu dem das Raumschiff Discovery im oben verlinkten Film reist.

Die Story mag also eher dünn sein, aber die Visualisierung von Lucys Kräften ist beeindruckend. Scarlett Johansson stellt ihr schauspielerisches Talent einmal mehr unter Beweis und macht bei der knackigen Action eine wahrhaft gute Figur. Wie ein weiblicher Terminator marschiert Lucy unbeeindruckt und mit unbewegter Miene durch Gegnermassen, die sie mit beiläufigen Gesten beiseitewischt wie unsereins lästige Fliegen. Pierre, der sich bis dahin wohl für einen harten Kerl gehalten hat, muss schnell einsehen, dass er Lucy im Grunde gar nicht helfen kann. Sie braucht tatsächlich keine Hilfe und duldet Pierre nur an ihrer Seite, weil er sie an ihre verloren gegangene Menschlichkeit erinnert... Langeweile kommt bei dieser kurzen Achterbahnfahrt nicht auf, am Ende habe ich mich dann aber doch gefragt: "Wie, das war schon alles?"


Blu-ray-Features

Die zwei kurzen Featurettes sind leider nicht weiter interessant. "Die Evolution von Lucy" enthält lediglich die übliche Mischung aus Filmszenen, Interviews (die größtenteils aus gegenseitigen Lobpreisungen bestehen) und Hinter-den-Szenen-Material. Witzig: Am ersten Tag der Dreharbeiten in Taipeh wurde eine Zeremonie abgehalten, an der sich das ganze Team mit Gebeten und Opfergaben beteiligt hat. In "Hirnkapazität: Die Wissenschaft hinter Lucy" kommen Prof. Dr. P. Murali Doraiswamy vom Duke Institute for Brain Sciences und der Neurologe Dr. Yves Agid zu Wort. Während Doraiswamy den Zehn-Prozent-Mythos für wahr zu halten scheint, drückt sich Agid sehr viel zurückhaltender aus. Na, wenn sich schon die Wissenschaftler nicht einig sind...


J. Kreis, 13.08.2015




Gastkommentare


Neueste Kommentare stehen oben.


Gastkommentare werden nicht von J. Kreis verfasst und dürfen nicht auf anderen Homepages oder in Printmedien weiterverwendet werden.


Noch keine Gastkommentare vorhanden!


Deine Meinung?

(Bei Klick auf diesen Button öffnet sich ein Kontaktformular in einem gesonderten Fenster)


Seitenanfang


Startseite

Filme