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Immortal Immortal (F, 2004)
DVD - Regionalcode 2, Sunfilm Entertainment
FSK: 16
Laufzeit: ca. 99 Minuten

Extras
2 x Making of: "Der Film" und "Special Effects", "Universum der Unsterblichkeit" (Interview mit Thomas Kretschmann), Gespräch mit Co-Autor Serge Lehmann, In Enki Bilals Atelier, Unveröffentlichte Filmmusik, Diskussion mit dem Publikum, Premieren, Originaltrailer, 2 Teaser

Regie:
Enki Bilal

Hauptdarsteller:
Linda Hardy (Jill Bioskop)
Thomas Kretschmann (Nikopol)
Charlotte Rampling (Dr. Elma Turner)




Inhalt:

New York im Jahre 2095. Eine gigantische schwebende Pyramide erscheint über der Stadt. Im Central Park entsteht eine Verbotene Zone, in der arktische Temperaturen herrschen und die von keinem Sterblichen betreten werden kann. Die Stadt wird insgeheim vom Konzern "Eugenics" beherrscht und ist in drei Zonen unterteilt. Die Reichen und Mächtigen leben in der ersten Zone. In der zweiten hausen die Armen und Unterprivilegierten. Die dritte sollte man als Mensch besser nicht betreten, denn dort tummeln sich Außerirdische und andere obskure Gestalten. Eugenics führt seit Jahren verbotene Menschenversuche durch, die zu bizarren Mutationen der Betroffenen führen. Eugenics stellt auch synthetische Wesen her, die kaum noch menschliche Züge haben. Von Eugenics beziehen die Menschen künstliche oder geklonte Organe, viele lassen ihre Körper auch mehr oder weniger umfassend verändern: Inzwischen laufen überall Menschen mit eigenartigen Implantaten, künstlerisch verformten Gesichtern, Kiemen, Federn oder sonstigen Modifikationen herum.

Zur Strafe für eine von ihm angezettelte Rebellion soll der Gott Horus, der an der Erschaffung der Erde beteiligt war, seine Unsterblichkeit verlieren. Die Götter Anubis und Bastet gewähren ihm sieben Tage, die er auf der Erde verbringen darf. Horus plant, eine menschliche Frau zu schwängern, um in ihrem Kind wiedergeboren zu werden. Hierzu muß er aber zunächst einmal die geeignete Partnerin finden, denn nur ganz besondere Frauen sind geeignet, das Kind eines Gottes zu empfangen. Außerdem braucht er selbst einen Wirtskörper, um das Kind zeugen zu können. Das erweist sich als problematisch, denn in der Welt des Jahres 2095 gibt es kaum noch Menschen ohne Implantate oder Modifikationen. Die ersten sieben Menschen, die Horus zu übernehmen versucht, zerplatzen nach kurzer Zeit von innen heraus, weil sie Horus wegen ihrer künstlichen Organe abstoßen. Inspektor Froebe, der auf diese Mordserie angesetzt wird, steht vor einem Rätsel.

Durch Zufall findet Horus doch noch einen geeigneten Wirtskörper: Den politischen Gefangenen Nikopol. Dieser hat vor 30 Jahren eine Untergrundbewegung ins Leben gerufen, die auch 2095 noch gegen Eugenics agitiert. Nikopol wurde verhaftet, in Kälte-Tiefschlaf versetzt und in ein schwebendes Gefängnis gebracht. Dort kommt es aber zu einem Unfall, bei dem Nikopols Kältekapsel abstürzt - Pech für Nikopol, denn er hätte nur noch ein Jahr abbüßen müssen und wäre dann sowieso freigelassen worden. Nikopol ist der perfekte Wirt für Horus, denn er hat keine künstlichen Organe oder Implantate. Allerdings hat er beim Absturz einen Unterschenkel verloren, doch Horus konstruiert ihm ein neues Bein aus einem Stück Stahl. Nikopol hat keine Wahl: Er muß Horus in sich aufnehmen, denn nur dessen besondere Kräfte ermöglichen es ihm, sich mit dem schweren Stahlbein überhaupt bewegen zu können. Und in Bewegung muß Nikopol bleiben, wenn er überleben will: Er wird von Senator Allgood und dessen Schergen gejagt, denn er kennt die finsteren Machenschaften des Eugenics-Konzerns, in die auch Allgood verstrickt ist.

Gemeinsam spüren Nikopol und Horus die junge Jill Bioskop auf, die von Dr. Elma Turner vor dem Zugriff des Eugenics-Konzerns gerettet wurde und sich ihr für Experimente zur Verfügung gestellt hat. Jill ist genau die Frau, die Horus sucht, aber sie hat ein Geheimnis. Sie ist kein echter Mensch, sondern wurde von einem mysteriösen Wesen, das sich "John" nennt, über die Verbotene Zone zur Erde gebracht. Mit Hilfe von Pillen, die sie von John erhält, verwandelt Jill sich allmählich in eine menschliche Frau, dadurch werden aber auch die Erinnerungen an ihr früheres Leben unterdrückt. Horus, dem die Zeit davonläuft, zwingt Nikopol dazu, Jill zu vergewaltigen. Allgood setzt derweil einen gefährlichen außerirdischen Jäger auf Nikopol an. Allgood selbst wird bei dem Versuch, Kontakt mit den Fremden in der schwebenden Pyramide aufzunehmen, getötet. Der Jäger, der wie eine Kreuzung aus Hai und Krake aussieht, dringt in Jills Hotelzimmer ein. In letzter Sekunde greift John ein, der Nikopol und Jill in die Verbotene Zone bringt. Dort geht John in "das Nichts" ein, aus dem er gekommen ist, gibt Jill zuvor aber noch eine rote Pille, durch die ihre Metamorphose zu einer echten Menschenfrau abgeschlossen wird. Danach normalisiert die Verbotene Zone sich wieder, so daß Inspektor Froebe Nikopol verhaften kann. Horus kehrt in die Pyramide zurück und stellt sich seiner Strafe.

Ein Jahr später sucht Nikopol Jill in Paris auf. Wegen der roten Pille hat sie zwar alles vergessen, aber ihr Kind lebt. Es kann sich wie Horus in einen Raubvogel verwandeln - und es scheint zumindest einen Teil des Gottes in sich zu tragen...

Der Film:

Der Film basiert auf einer Comic-Trilogie Bilals mit dem Titel "Alexander Nikopol im 21. Jahrhundert". Wer diese Comics nicht kennt, wird den Film wahrscheinlich nicht verstehen oder für totalen Schwachsinn halten (so scheint es den Verfassern einiger Kritiken ergangen zu sein, die ich gelesen habe), denn viel zu viele wichtige Handlungselemente werden im Film nur angedeutet oder gleich ganz weggelassen. So ist man gar nicht in der Lage, die Zusammenhänge oder die Motivationen bzw. die "Existenzberechtigung" mancher Figuren zu verstehen. Der ganze Handlungsstrang um Allgood ergibt zum Beispiel kaum Sinn und ist für den Film eigentlich völlig bedeutungslos. Diese Nebenhandlung wird zwar "irgendwie" zu Ende gebracht - was auch für die "Froebe-Geschichte" gilt - aber insgesamt bleibt man als Zuschauer etwas ratlos und fragt sich, was das alles eigentlich sollte. Spannung kann kaum aufkommen, da Horus jedem Gegner überlegen zu sein scheint. So verpufft die Bedrohung durch den roten Jägerhai wirkungslos. Auch das Ende des Films überzeugt nicht. Horus ist wieder in der Pyramide und scheint dort, angeschlossen an irgend eine Apparatur, zu schlafen. Jill erinnert sich an nichts mehr, ist jetzt eine ganz normale Frau - und hat kein Problem damit, daß ihr Baby sich mal eben in einen Vogel verwandelt und um den Eiffelturm herumflattert. Hm. Da fragt man sich unwillkürlich, wie das Ende in den Comics ausgesehen haben mag und ob der Film womöglich fortgesetzt werden soll - soviel ich weiß, wird im Film nur ein Teil der Comic-Story behandelt.

Fast alle Hintergründe und die allermeisten Personen, Gebäude, Objekte usw. in "Immortal" sind Computergrafiken. Nur die o.g. Hauptdarsteller sowie einige Komparsen sind echte Schauspieler. Und das ist eine der größten Schwächen des Films neben der ziemlich wirren Story und den banalen und teilweise unfreiwillig komischen Dialogen. Hätte man sich nämlich auf die Verwendung computergenerierter Umgebungen beschränkt und ausschließlich menschliche Schauspieler eingesetzt, dann wäre die Optik des Films hundertprozentig überzeugend gewesen. Auch mit der einen oder anderen CGI-Kreatur hätte ich leben können. Leider haben diese Pixelwesen aber einige Hauptrollen, zum Beispiel Senator Allgood, Inspektor Froebe und Horus. Diese Figuren sehen so künstlich, so unecht aus und sind zum Teil so texturarm oder schlecht animiert, daß die Glaubwürdigkeit sofort verloren geht, sobald eine dieser Personen auftaucht. Besonders krass fällt das ins Auge, wenn reale Schauspieler und CGI-Figuren nebeneinander agieren. Man muß allerdings zugeben, daß manche CGI-Figuren sehr gut gelungen sind. Das gilt vor allem für solche Leute, die schon einige "Verbesserungen" duch chirurgische Eingriffe oder genetische Manipulation an sich selbst vorgenommen haben. Übrigens fügen sich die Realschauspieler sehr gut in die künstlichen Hintergründe ein, was auch an ihrem ungewöhnlichen Make-up und den eigenartigen Frisuren liegen kann...

Rundum gelungen finde ich die Darstellung der Stadt New York des Jahres 2095. Man kann sich zwar fragen, warum die meisten Fahrzeuge (Lufttaxis, fliegene Polizeiautos usw.) Oldtimer-Karosserien haben oder warum so viele Gegenstände mit altertümlichem Design verwendet werden. Aber gerade dieses Nebeneinander von schicker, glatter High-Tech mit bunt leuchtenden Hologrammen auf der einen und verrosteten, beschädigten Gegenständen oder heruntergekommenen Hotelzimmern auf der anderen Seite macht den besonderen Reiz des Films aus. Jede einzelne Szene platzt geradezu aus den Nähten vor teilweise ziemlich verrückten Ideen, die man gar nicht alle sofort wahrnimmt. Man sollte einfach mal auf die Pause-Taste drücken und sich zum Beispiel das Stadtbild von New York in Ruhe anschauen, um Bilals Einfallsreichtum gebührend würdigen zu können. Viele andere Filme, wie zum Beispiel Blade Runner, Das Fünfte Element und Stargate haben sich bei Bilals Ideen (aus den Comics) bedient. "Immortal" ist also im wahrsten Sinn des Wortes ein sehenswerter Film. Das soll heißen: Wie in einem Comic geht es weniger um die Entwicklung einer komplexen oder auch nur spannenden Story, sondern um den Look, den optischen Reiz und die phantasievolle Gestaltung einer fiktiven Welt. Natürlich steckt "Immortal" voller Anspielungen auch politischer und sozialkritischer Art. Es werden auch philosophische Themen angesprochen. Diese Elemente sind aber zweitrangig: Im Vordergrund stehen für mich die phantastischen Bilder.

Die DVD:

Angesichts des geringen Preises, der für diese Special Edition verlangt wird (eine andere Edition gibt es meines Wissens gar nicht), ist die Ausstattung erstaunlich umfangreich. Das fängt schon mit dem schönen Pappschuber und dem daran befestigten "Holo-Coverbild" an, außerdem enthält die Box eine zweite DVD mit ca. drei Stunden Bonusmaterial. An erster Stelle stehen zwei gut halbstündige "Making of" - Beiträge, in denen Enki Bilal, die Schauspieler und andere Beteiligte einiges zur Entstehung des Films erzählen und in denen man die Storyboards, die Entwicklung der digitalen Effekte sowie mehrere Szenen von den Dreharbeiten zu sehen bekommt. Man kann sehr schön erkennen, wie wenig in diesem Film "echt" ist: Die Schauspieler agieren bei den Dreharbeiten hauptsächlich vor grünen Hintergründen... Leider fehlen Namenseinblendungen, d.h. man muß schon selbst wissen, wer da gerade spricht.

Insgesamt eine Stunde laufen Interviews mit Kretschmann, Bilal und Drehbuchautor Serge Lehmann. Während Kretschmann dankenswerterweise deutsch spricht, unterhalten Bilal und Lehmann sich auf französisch. Es gibt zwar Untertitel, aber die sind sehr knapp. Bilal und Lehmann philosophieren ausgiebig über Bilals Comics, über Science Fiction im Allgemeinen und in Frankreich, kommen dabei vom Hundertsten ins Tausendste und landen letztlich bei der Situation des europäischen Films. Sehr interessant, aber wegen der für mich nicht so leicht verständlichen französischen Sprache konnte ich nicht allen Gedankengängen folgen.

Recht interessant ist auch ein ca. achtminütiger Blick in Enki Bilals Atelier (mit Audiokommentar). Man sieht, wie Bilal seine Comics malt - zeichnen wäre das falsche Wort, da er keine Tusche verwendet, sondern viel mit Acrylfarben und Wachsmalstiften arbeitet. Bilal gibt währenddessen seine Gedanken wieder, die ihn beschäftigt haben, als man ihm das Angebot machte, "Immortal" zu drehen. Die unveröffentlichte Filmmusik ist eigentlich nur eine Ansammlung von 18 Tracks, bei denen es sich mehr um Soundeffekte als um Musik handelt. Zu guter Letzt bekommt man noch zu sehen, wie Bilal auf verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen über den Film spricht (insg. eine halbe Stunde). Bilal war zum Beispiel bei Filmpremieren anwesend und hat sich den Fragen des Publikums gestellt. Auch hier müßte man wiederum bessere Französischkenntnisse haben als ich, um alles zu verstehen, denn die deutschen Untertitel sind sehr knapp geraten.

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