Hugo Cabret


Hugo Cabret (USA, 2011)
- Hugo -

Blu-ray, Paramount
Altersfreigabe: FSK 6
Laufzeit: ca. 126 Minuten

Extras:
- Auf den Mond geschossen (Das Making of Hugo Cabret) (19:48 Min.)
- Der Kinomagier Georges Méliès (15:41)
- Der mechanische Mann im Mittelpunkt von Hugo Cabret (12.45 Min.)
- Große Effekte, kleiner Maßstab (5:55 Min.)
- Sacha Baron Cohen: Die Rolle des Lebens (3:33 Min.)

Regie:
Martin Scorsese

Hauptdarsteller:
Asa Butterfield (Hugo Cabret)
Chloe Grace Moretz (Isabelle)
Ben Kingsley (Georges Méliès)
Helen McCrory (Jeanne d'Alcy)
Sacha Baron Cohen (Stationsvorsteher)
Michael Stuhlbarg (Prof. René Tabard)
Ray Winstone (Claude Cabret)




Story

Der zwölfjährige Hugo Cabret lebt seit dem Tod seines Vaters, eines Uhrmachers, in den labyrinthischen Wartungsschächten des Bahnhofs Gare Montparnasse in Paris. Hugos Mutter ist schon vor vielen Jahren gestorben. Claude Cabret, Hugos trunksüchtiger Onkel, hat den Waisenknaben bei sich aufgenommen und in der Wartung der riesigen Bahnhofsuhren ausgebildet. Als Claude spurlos verschwindet (seine Leiche wird Monate später aus der Seine geborgen), ist Hugo ganz allein. Niemand weiß, dass er existiert, und Claudes Verschwinden fällt nicht auf, denn Hugo kümmert sich weiter um die Uhren. Er muss sich nur vor dem Stationsvorsteher in Acht nehmen. Der gnadenlose Mann überwacht den Bahnhof mit Argusaugen, und dabei hat er es besonders auf Herumtreiber abgesehen, die er ins Waisenhaus schickt. Ab und zu wagt sich Hugo dennoch ins Freie, um Essen und Ersatzteile für die Reparatur eines mechanischen Menschen zu beschaffen. Sein Vater hatte die defekte Figur in einem Museum gefunden und mit nach Hause genommen. Hugo glaubt, sein Vater habe ihm eine Botschaft hinterlassen, die im komplizierten Uhrwerk des mechanischen Menschen verborgen ist. Deshalb stiehlt er immer wieder Zahnräder und ähnliche Utensilien, unter anderem aus dem Laden des Spielzeugmachers Georges. Doch eines Tages wird er dabei von Georges erwischt. Hugo muss seine Taschen leeren. So fällt Georges das Notizbuch in die Hände, in dem alle Erkenntnisse über den mechanischen Menschen aufgezeichnet sind.

Hugo erkennt an der Reaktion des Ladenbesitzers, dass dieser etwas über den mechanischen Menschen weiß. Der verbitterte Mann verrät jedoch nichts, behält das Notizbuch und droht damit, es zu verbrennen. Hugo folgt Georges bis zu dessen Wohnung. Dort lernt er Isabelle kennen, Georges' Patenkind und Waise wie Hugo. Die beiden freunden sich an. Hugo liebt Filme und nimmt Isabelle mit ins Kino, was ihr eigentlich von Georges verboten wurde. Hugos Verhältnis zu Georges bessert sich rasch, nachdem der Junge sein Geschick im Umgang mit mechanischen Objekten bewiesen hat. Hugo arbeitet von nun an im Spielzeugladen, um die Diebstähle wieder gut zu machen. Nach einiger Zeit weiht Hugo Isabelle in sein Geheimnis ein, aber es gelingt ihm nicht, den mechanischen Menschen zum Funktionieren zu bringen. Ein entscheidender Bestandteil fehlt: Ein Aufziehschlüssel in Form eines Herzens. Ausgerechnet einen solchen Schlüssel trägt Isabelle allerdings bei sich - sie hat ihn von Georges' Frau Jeanne erhalten. So kann der Automat endlich in Gang gesetzt werden. Er zeichnet ein Bild, das eine Szene aus dem Film "Die Reise zum Mond" zeigt und mit "Georges Méliès" unterschrieben ist - das ist der vollständige Name des Paten Isabelles. Die Kinder finden weitere, ganz ähnliche Zeichnungen in einer versteckten Schachtel in Georges' Wohnung. Als Georges dies bemerkt, reagiert er mit Zorn und Verzweiflung. Hugo wird hinausgeworfen.

In der Bibliothek schlagen die Kinder den Namen "Georges Méliès" nach. Sie erfahren, dass Georges einst ein berühmter Filmpionier war. Dem Buch zufolge ist er im Ersten Weltkrieg gefallen und in Vergessenheit geraten. Professor Tabard, der Autor des Buches, bemerkt das Interesse der Kinder und ist höchst überrascht, als sie ihm erzählen, dass Georges Méliès noch lebt. Tabard bewundert Méliès. Er besitzt die letzte Kopie des Films, aus dem das vom Automaten gezeichnete Bild stammt. Am nächsten Tag erscheinen die Kinder mit Tabard bei Jeanne. Sie lässt zu, dass Tabard den Film vorführt, denn sie selbst ist darin zu sehen. Georges kommt hinzu. Er stellt sich nun endlich seiner Vergangenheit und ist erfreut zu erfahren, dass es überhaupt noch Kopien seiner Filme gibt. Infolge des Weltkriegstraumas hatte sich seinerzeit niemand mehr für Filme interessiert, so dass Méliès in schwere Finanznot geraten war. Er war gezwungen, das Filmstudio zu schließen, alle Requisiten zu verbrennen und das Filmmaterial zu verkaufen. Die Filme waren zur Herstellung von Schuhabsätzen eingeschmolzen worden. Méliès selbst hatte den mechanischen Menschen damals konstruiert.

Um den alten Mann aufzuheitern, will Hugo das verloren geglaubte Kunstwerk herbeiholen, wird aber vom Stationsvorsteher geschnappt. Da erscheint Méliès und verkündet, Hugo gehöre zu ihm. Der Stationsvorsteher lässt Hugo laufen, schon um in den Augen der Blumenverkäuferin Lisette, in die er sich verliebt hat, nicht als herzlos zu erscheinen. Einige Zeit später wird Georges Méliès auf Betreiben Tabards mit einer großen Gala geehrt. Inzwischen konnten achtzig seiner Filme rekonstruiert werden, sie werden dem begeisterten Publikum vorgeführt. Auf der Bühne bedankt sich Méliès bei Hugo, dem er alles zu verdanken hat. Hugo lebt nun nicht mehr allein im Bahnhof, sondern hat bei Méliès ein neues Zuhause gefunden.

Kringels Meinung

"Hugo Cabret" ist ab sechs Jahren freigegeben und Kinder spielen die Hauptrollen. Er ist aber kein Kinderfilm, sondern eine wundervoll romantische, leicht märchenhafte Hommage an den Film an sich, insbesondere an dessen Anfangszeit und speziell an Georges Méliès. Die im Film erzählte Lebensgeschichte dieses ehemaligen Zauberkünstlers, der zum Regisseur, Drehbuchautor, Hauptdarsteller, Kulissenbauer, Effektspezialisten und Cutter von mehr als 500 Filmen wurde, ist (wie ich euch hoffentlich nicht erst sagen muss) keine Erfindung, sondern Realität. Méliès hat nach dem Ersten Weltkrieg wirklich vor dem Ruin gestanden und dann einen Spielzeugladen in der Metrostation Montparnasse betrieben. Sogar das Detail mit dem Verkauf des Filmmaterials an die Schuhindustrie stimmt. Erst in den Dreißigern war er zu neuem Ruhm gelangt, heute ist er für Filmfreunde eine Legende. Wer sich auch nur ein bisschen für Film interessiert, wird in "Hugo Cabret" unzählige liebevolle Details, Querverbindungen und Anspielungen finden, die deutlich machen: Hier war jemand am Werk, der diese Kunstform nicht nur liebt, sondern auch selbst in Perfektion beherrscht.

Aber auch wenn ihr mit der Vergangenheit des Kinos gar nichts anfangen könnt und nicht wisst, wer Georges Méliès war, werdet ihr euch bei "Hugo Cabret" keinesfalls langweilen. Erwartet nur keine Fantasy-Action oder dergleichen! Da erweckt der Filmtrailer einen falschen Eindruck. Es gibt zwar eine fantastische Verfolgungsjagd im Bahnhof, aber ansonsten ist "Hugo Cabret" ein sehr ruhiger Film mit melancholischer Stimmung. Mich jedenfalls hat der Film von der ersten Minute an verzaubert. Das winterliche Paris in den Dreißigerjahren, Hugos von gigantischen Uhrwerken und anderen Mechanismen erfülltes geheimes Reich hinter den Mauern, der Betrieb in einem Bahnhof aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg - das alles ist ein einziger audiovisueller Genuss, wie ich ihn schon lange nicht mehr erlebt habe. Selbst in 2D sind die farbenprächtigen, üppigen Bilder einfach wunderschön anzuschauen. Besonderes Schmankerl: Es werden immer wieder Ausschnitte aus Méliès' Filmen gezeigt, und manchmal gehen diese in neue Szenen über. Man sieht dann, wie Méliès (Kingsley) Regie führt, wie sich die Schauspieler in Positur stellen und so weiter. Diese Verschmelzung von alt und neu ist geradezu verblüffend - genau so könnte es damals in Méliès' Filmstudio wirklich gewesen sein.

Damit ich nicht weiter ins Schwärmen gerate, sage ich zu den Schauspielern nur soviel, dass jeder einzele von ihnen oscarverdächtige Leistungen abliefert. Allen voran der damals dreizehnjährige Asa Butterfield und Ben Kingsley, der hier mit einem Augenzwinkern mehr Emotionen ausdrückt als mancher Mime in seinem ganzen Leben. Und selbst jemand wie Sacha Baron Cohen, von dem ich so etwas nun überhaupt nicht erwartet hätte, ist eine echte Bereicherung für den Film. Ich habe ihn immer für einen Vertreter des Holzhammer-Humors gehalten, aber in "Hugo Cabret" beweist er ganz andere, feinere Qualitäten. Insgesamt kann ich dieses vielleicht ein klein wenig rührselige, aber absolut bezaubernde und handwerklich perfekte Meisterwerk nur jedem empfehlen.

Blu-ray-Features

Das so genannte "Making of" bietet nur die übliche, wenig aussagekräftige Mixtur aus Film- und Interviewausschnitten sowie unkommentiertem Hinter-den-Szenen-Material. Immerhin bekommt man zu sehen, mit welchem Aufwand das riesige Bahnhofs-Bühnenbild konstruiert wurde. Der Bahnhof wurde praktisch im Originalmaßstab nachgebaut! Viel interessanter sind da schon zwei Featurettes, die sich mit Leben und Werk von Georges Méliès sowie mit mechanischen Menschen beschäftigen. Méliès' Ur-Ur-Enkelin kommt im ersten Beitrag zu Wort und es sind viele Szenen aus Filmen ihres Vorfahren zu sehen. In der zweiten Featurette werden viele Beispiele für Automaten-Menschen in Aktion gezeigt. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas in Ansätzen bereits in der Antike gegeben hat: Sich drehende Götterstatuen und Tempeltüren, die sich wie von Geisterhand öffneten, in Wahrheit aber von einer Hydraulik gesteuert wurden.

In einer weiteren Featurette geht es ausschließlich um eine Szene in einem Alptraum Hugos. Darin bricht eine Dampflok durch die Außenwand des Bahnhofs und stürzt auf die Straße. Auch dabei habe ich was neues gelernt: Ein solcher Unfall hat sich im Jahre 1885 im Gare Montparnasse wirklich ereignet, und im Film wird ein zeitgenössisches Foto, das die quer vor dem Gebäude hängende Lok zeigt, detailgenau im Maßstab 1:4 zum Leben erweckt.

Den Vogel schießt aber Sacha Baron Cohen ab. Er gibt ein Interview in voller Stationsvorsteher-Montur, befleißigt sich eines gestelzten britischen Akzents und behauptet, er sei derjenige gewesen, der bei den Dreharbeiten die Fäden in der Hand hatte. Angeblich hat er - auf Bitten Scorseses - immer genau das Gegenteil von dem gemacht, was der Regisseur wollte. Er bringt das so todernst rüber, dass man ihm fast glauben könnte.


J. Kreis, 23.01.2014




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