Die Hamburger Krankheit


Die Hamburger Krankheit (D/F, 1979)

DVD, Arthaus/Kinowelt
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: ca. 109 Min.

Extras
- Herbst der Gammler (62:33 Min.)
- Interview mit Peter Fleischmann (23:14 Min.)
- Zeichnungen von Jean-Claude Carriere
- Fotogalerie
- Presseheft (PDF)

Regie:
Peter Fleischmann

Hauptdarsteller:
Helmut Griem (Prof. Sebastian Ellerwein)
Carline Seiser (Ulrike)
Ulrich Wildgruber (Heribert)
Fernando Arrabal (Ottokar)
Rainer Langhans (Alexander)
Tilo Prückner (Fritz)




Inhalt

Der junge Gerontologe und Fachbuchautor Sebastian Ellerwein soll in Hamburg eine Rede bei der Tagung "Verlängerung des Lebens - Möglichkeit oder Utopie?" halten, wird aber unterbrochen, als ein befreundeter Kollege zusammenbricht und ins Krankenhaus gebracht wird. Dort erfährt Sebastian, dass in Hamburg schon seit Tagen eine Krankheit grassiert, der immer mehr Menschen zum Opfer fallen. Die Ursachen sind unbekannt, aber die Symptome sind immer dieselben. Die Erkrankten fühlen sich zunächst völlig normal. Von einem Moment zum anderen erstarren sie, rollen sich zur Embryonalhaltung zusammen und sterben. Die anfängliche Geheimhaltung kann bald nicht mehr aufrecht erhalten werden. Alle Personen, die mit den Toten in Kontakt gekommen sind, werden unter Quarantäne gehalten - auch Sebastian, der diese Maßnahme für grundfalsch hält und nicht an die Theorie von einem eingeschleppten Virus glaubt. Als es auch in der Quarantänestation zu einem Todesfall kommt, bricht Panik aus. Sebastian, der Würstchenverkäufer Heribert, die junge Ulrike und der Rollstuhlfahrer Ottokar nutzen die Gelegenheit zur gemeinsamen Flucht. Sie können Hamburg gerade noch verlassen, bevor die Stadt komplett abgeriegelt wird.

In einem Dorf, dessen Einwohner alle zur selben Zeit gestorben sind und zuvor übereinander hergefallen zu sein scheinen, kommt es zum Streit. Heribert fährt allein weiter. Die drei anderen finden eine Mitfahrgelegenheit bei Alexander, der einen Wohnwagen nach Hessen überführen muss. Sebastian erfährt von Fritz, einem weiteren Überlebenden, dass alle Dorfbewohner geimpft worden sind. Offenbar wurde die Krankheit dadurch nur noch verschlimmert. Sebastian begibt sich mit Ulrike nach Lüneburg, wo seine Schwester wohnt. Sebastian hat in Lüneburg vor einiger Zeit an einem Forschungsprojekt teilgenommen, das in einem Zusammenhang mit den aktuellen Ereignissen stehen könnte. Auch in dieser Stadt ist die Hamburger Krankheit bereits ausgebrochen. Die Wohnung von Sebastians Schwester wurde geräumt. Sebastian und Ulrike wollen dort trotzdem übernachten. Sebastian stirbt an der Hamburger Krankheit. Ulrike schließt sich wieder Alexander, Fritz und Ottokar an, die weiter nach Süden fahren. Zwei Italienerinnen mit Kleinkind stoßen zu der Gruppe, eine der Frauen stirbt jedoch an der Hamburger Krankheit.

Nachdem Alexander seinen Wohnwagen in Fulda abgeliefert hat, fliehen Ulrike und ihre Gefährten vor der sich immer weiter ausbreitenden Krankheit nach Bayern. Im ganzen Land droht die öffentliche Ordnung zusammenzubrechen. Der Bundeskanzler fällt der Hamburger Krankheit zum Opfer. Angesichts des unausweichlich scheinenden Todes stürzen sich manche Menschen in wilde Orgien, während andere von einer glänzenden Zukunft für die Überlebenden träumen. Fritz verlässt die Gruppe aus Angst vor der Ansteckungsgefahr. Ottokar macht gemeinsame Sache mit Heribert, der die chaotischen Zustände ausnutzt, um sich zu bereichern. Alexander wird von Heimatschützern erschossen, die Jagd auf Infizierte machen. Ulrike wird festgenommen und soll geimpft werden, kann aber mit Heriberts und Ottokars Hilfe fliehen. Inzwischen wird im Rundfunk behauptet, die Seuche sei eingedämmt und es habe keine neuen Todesfälle gegeben. Heribert und Ottokar schenken diesen guten Neuigkeiten keinen Glauben. Ulrike besucht ihren im Gebirge lebenden Großvater, wird dort aber aufgespürt und mit einem Hubschrauber abtransportiert.

Kommentar

In den Siebzigerjahren kamen einige Filme aus Deutschland ins Kino und ins Fernsehen, die eindeutig dem Genre der Science Fiction zuzurechnen sind, aber einen derart realistischen und künstlerischen Ansatz haben, dass sie ganz anders wahrgenommen wurden als etwa Raumschiff Enterprise oder Krieg der Sterne. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere von euch noch an die Titel einiger dieser "ernsthaften" SF-Filme: Das Millionenspiel, "Das blaue Palais", "Fleisch"...

Ich zähle auch "Die Hamburger Krankheit" zu diesen Filmen, obwohl er ein bisschen aus dem Rahmen fällt. Als Teenager war ich von dem mitten in der deutschen Wirklichkeit angesiedelten Endzeit-Szenario mit leeren Autobahnen, abgeriegelten Städten, von Leichen übersäten Dörfern, Weltuntergangs-Partys und dergleichen schwer beeindruckt. Einen gewissen Reiz hat diese etwas unzusammenhängende Ansammlung surrealer Szenen immer noch, zumal Look und Zeitgeist der späten Siebziger schön eingefangen wurden. Dennoch kann ich nicht umhin, mich über die ziemlich wirre Inszenierung zu wundern. Weder wird erklärt, was die Hamburger Krankheit wirklich ist oder wie sie übertragen wird, noch wird Wert auf eine nachvollziehbare Figurenzeichnung gelegt. Es könnte natürlich sein, dass das Chaos symbolisch für die sich auflösende Ordnung in Deutschland gemeint ist. Dass die Hauptperson im letzten Drittel des Films stirbt, nehme ich dem Regisseur nicht übel, aber der Schwerpunkt wird dann auf Ulrike verlagert, die zu distanziert ist, als dass man sich mit ihr identifizieren könnte. Laiendarsteller, die in die Kamera grinsen, und der teils ziemlich klamaukige Humor mancher Szenen sorgen für zusätzliche Irritation.

Egal. Interessant ist der Film auf jeden Fall, natürlich wegen der sozialkritischen Thematik, nicht zuletzt aber auch wegen der ungewöhnlichen Besetzung. Nur ein paar Beispiele: Rainer Langhans - ja, der Rainer Langhans aus der Kommune I - tritt als esoterischer Caravan-Verkäufer auf und wird erschossen, weil er einen "bombenähnlichen Gegenstand" trägt (es ist ein Eimer mit Kuhmilch). Peter von Zahn, der Mann mit der unverwechselbaren Stimme aus "Bilder, die die Welt bewegten", hat einen kurzen Auftritt als Senator. Fernando Arrabal, ein weltbekannter spanisch/französischer Schriftsteller, chargiert als obszöner Rollstuhlfahrer. Romy Haag ist entkleidet zu sehen - komplett mit Brüsten und Penis! Dass das für den damals noch minderjährigen Kringel, der nicht wusste, was ein Transsexueller ist, eine unvergessliche Szene war, könnt ihr euch vielleicht vorstellen. Hinzu kommt, dass das merkwürdige Geschehen mit der futuristischen Synthesizermusik von Jean-Michel Jarre ("Equinoxe") unterlegt ist, für die ich damals geschwärmt habe.

DVD-Features

Die DVD hat eine überraschend gute Bild- und Tonqualität, darüber hinaus wird interessantes Bonusmaterial geboten. Vor allem Peter Fleischmanns Schwarzweißfilm "Herbst der Gammler", entstanden im Jahre 1966 in München. Thema sind jugendliche Aussteiger, die im Englischen Garten, in irgendwelchen Bauruinen und auf dem Oktoberfest herumlungern, immer argwöhnisch beobachtet von Polizei und braven Bürgern. Man merkt, dass diese "Gammler" oder "Beatniks" (die Bezeichnung "Hippie" war anscheinend noch nicht in aller Munde) ihre Lebensweise keineswegs aufgrund einer politischen Überzeugung gewählt haben, sondern weil sie es im miefigen Elternhaus nicht mehr ausgehalten haben oder aus Erziehungsheimen ausgerissen sind, weil sie etwas von der Welt sehen wollten oder schlicht keinen Bock auf Arbeit / Bundeswehr hatten. Einzelne Mädels scheinen sich der Gruppe nur angeschlossen zu haben, weil der Freund es so wollte. Eine telefoniert mit zu Hause und die Tränen fließen. Eine andere wird von der Mutter aufgespürt und wirft sich ihr heulend in die Arme - das war wohl nix mit dem geplanten Trip nach Spanien! Viele Passanten sind empört, möchten die "Faulenzer" und "Tagediebe" gern per Gesetz zur Arbeit verpflichten oder gleich in Arbeitslager stecken. Andere, auch ältere Menschen, zeigen sich aber durchaus tolerant. Eine Oma fragt besorgt: "Wer kocht denn für dich?" Es entspinnen sich einige bizarre Dialoge, und Fleischmann zeigt das alles unkommentiert. Nur ab und zu stellt er den Jugendlichen oder den misstrauischen Normalbürgern einige Fragen. Etwas mulmig wird's, als die Kids ein paar Joints durchziehen und danach wirres Zeug philosophieren, wobei sie mit Messern herumhantieren. Für dieses interessante Stück Zeitgeschichte hat Fleischmann 1967 den Adolf-Grimme-Preis erhalten.

Hinzu kommt noch ein aktuelles Interview (mit einzelnen Filmszenen), in dem Peter Fleischmann über die Entstehung des Films berichtet. Dem zufolge ist ihm mitten in der Arbeit das Geld ausgegangen. Das erklärt einiges! Bildergalerien mit Szenenfotos sowie Zeichnungen und das Presseheft im PDF-Format runden das Bonusmaterial ab. Letzteres hat 29 Seiten und enthält Angaben zu Stab und Besetzung, eine Handlungszusammenfassung, einen Kommentar von Volker Schlöndorff, kurze Interviews mit Kinobesuchern sowie Jean Michel Jarre, Co-Autor Roland Topor und vieles mehr.


J. Kreis, 05.09.2012




Gastkommentare


Gastkommentare werden nicht von J. Kreis verfasst und dürfen nicht auf anderen Homepages oder in Printmedien weiterverwendet werden.


Gastkommentar von hairybird (06.09.2012):

Ob es so etwas wie Synchronizität gibt?
Mir ging es ganz genau so mit dem Film (inklusive der Szene mit Romy Haag), als Jugendlicher war ich sehr beeindruckt von der Story (der Film erschien 2 Jahre, bevor AIDS als Krankheit erkannt wurde).
Und deshalb habe ich mir vor 1 Monat auch diese DVD gekauft, weil ich wissen wollte, ob der Film mich nach wie vor so beeindrucken würde. Sicherlich bemerkt man die Schwächen heute viel deutlicher als damals, aber der Film ist deutlich besser, als die vielen Verrisse glauben machen wollen.
Sonderliche Brüche in der Handlung habe ich keine gesehen, woher die Krankheit kam, ist für mich eigentlich unerheblich, was mich am meisten gestört hat, war das abrupte Ende (aber gut, das Budget war halt verbraucht).
Rainer Langhans als Schauspieler - na ja, lassen wir das Thema, aber Tilo Prückner ist leider viel zu wenig bekannt und geschätzt hierzulande - er ist einer unserer ganz Grossen!!
Und erst Fernando Arrabal - das ist so, als hätte Goethe eine Rolle im "Schuh des Manitu" übernommen, man muss sich wirklich mal ansehen, welche Wertschätzung und Ehre ihm in Spanien mittlerweile entgegengebracht wird.
Dass Carline Seiser mich damals nicht gerade wegen ihrer schauspielerischen Fähigkeiten beeindruckt hat gebe ich gern zu. Ich habe ihren Werdegang dann auch mal etwas recherchiert. Es gibt einen köstlichen Artikel von Michael Graeter, dem damaligen Münchner Klatschreporter und Archetyp zum Baby Schimmerlos, in dem er erzählt, wie er mit Seiser und Nastassia Kinski im Schlepptau ("2 Schwabinger Lolitas, extrem frühreif") in einem Lokal Polanski trifft, die alle zusammen in Polanskis Suite verschwinden, aber die Kinski wegen ihrer strengen Mama 'früh' nach Hause muss ..... Den fand ich so lustig und zeittypisch, dass ich den Link hier anfüge.
http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.leute-michael-graeter:-die-hasen-uschi-nastassja-iris.06bed9f4-9d1a-41fe-9447-d3091405a941.html
Mit allem, was sonst zum Film und den Bonustracks zu sagen ist, hat JK mir völlig aus der Seele gesprochen. Der Film ist sehenswert.
hairybird



Deine Meinung?

(Bei Klick auf diesen Button öffnet sich ein Kontaktformular in einem gesonderten Fenster)


Seitenanfang


Startseite

Filme