Gravity


Gravity (USA/GB, 2013)

Blu-ray, Warner Home Video
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: ca. 91 Minuten

Extras:
- Mission Control (106:36 Min.)
- Szenen-Analyse (36:48 Min.)
- Kollisionspunkt: Der Wettlauf für ein sauberes All (22:28 Min.)
- Aningaaq (incl. Einführung 10:11 Min.)

Regie:
Alfonso Cuaron

Hauptdarsteller:
Sandra Bullock (Dr. Ryan Stone)
George Clooney (Matt Kowalski)




Story

Dr. Ryan Stone ist zum ersten Mal im Weltraum. Sie ist Besatzungsmitglied des Space Shuttles Explorer und führt Reparaturarbeiten am Hubble-Weltraumteleskop durch. Während ihres ersten Außeneinsatzes kommt von der Bodenstation der Befehl zum sofortigen Abbruch der Mission. Nach der Zerstörung eines funktionsunfähigen russischen Satelliten ist es zu einer Kettenreaktion gekommen. Andere Satelliten wurden von Überresten getroffen und sind zerborsten. Eine große Trümmerwolke hat sich gebildet, die durch den Orbit rast und den Planeten in 90 Minuten einmal umkreist. Die Explorer befindet sich genau in der Flugbahn. Aus demselben Grund bricht die Funkverbindung mit Houston ab. Die Warnung kommt zu spät. Das Space Shuttle wird von den Trümmern getroffen. Stone und der Astronaut Matt Kowalski, der sich ebenfalls außerhalb des Raumfahrzeugs aufgehalten hat, sind die einzigen Überlebenden. Sie werden ins All hinausgeschleudert, Stone gerät in Panik. Kowalski, der im Gegensatz zu Stone einen Raumanzug mit Jetpack trägt, rettet seine Kollegin und bringt sie zurück zum zerstörten Shuttle. Es gelingt dem erfahrenen Raumfahrer, Stone zu beruhigen und sie mitzunehmen, als er sich auf den Weg zur nahe gelegenen Internationalen Raumstation macht.

Die ISS wurde evakuiert. Es ist nur noch eine einzige Sojus-Raumkapsel, deren Bremsfallschirm aber bereits ausgelöst wurde, für die Rückkehr zur Erde vorhanden. Kowalski verbraucht den letzten Treibstoff seines Jetpacks, um die Station anzusteuern, aber die Geschwindigkeit ist zu hoch. Kowalski und Stone können sich nicht festhalten und treiben ab. Stone bleibt in den Leinen des Bremsfallschirms hängen. Sie kann einen an Kowalskis Raumanzug befestigten Gurt packen, droht aber von den Fallschirmseilen losgerissen zu werden. In dieser Situation begeht Kowalski praktisch Selbstmord, indem er den Gurt loshakt. Manövrierunfähig driftet er davon. Mit fast völlig aufgebrauchtem Sauerstoffvorrat erreicht Stone eine Luftschleuse der ISS. Auch die Station wurde von den Trümmern beschädigt. Kurz nach Stones Ankunft bricht Feuer an Bord aus. Stone koppelt die Sojus-Kapsel ab und muss nun noch die Fallschirmseile demontieren. Das gelingt ihr gerade noch rechtzeitig, denn inzwischen sind 90 Minuten vergangen und die Trümmerwolke ist wieder da. Diesmal wird die ISS vollständig vernichtet.

Stone richtet die Kapsel so aus, dass sie die chinesische Raumstation Tiangong erreichen könnte. Doch es ist kein Treibstoff für das Haupttriebwerk der Kapsel mehr vorhanden. Hilflos und allein, nur in vorübergehendem Funkkontakt mit einer unbekannten Funkstation auf der Erde stehend, gibt Stone auf. Sie drosselt die Sauerstoffzufuhr, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Da erscheint Kowalski und betritt die Kapsel. Er schlägt vor, die Bremsraketen der Kapsel zu zünden. Der Schub müsste zum Erreichen der chinesischen Station ausreichen. Kowalskis Ankunft war nur ein Traum, aber der Plan funktioniert, so dass Stone neue Hoffnung schöpft. Auch Tiangong ist menschenleer. Die Station hat den Orbit verlassen und stürzt ab. Stone koppelt die Shenzhou-Rettungskapsel ab, als die auseinanderbrechende Station bereits in der Erdatmosphäre zu verglühen beginnt. Die Rettungskapsel landet sicher in einem großen See, beginnt aber zu versinken, als Stone die Luke öffnet. Die Landung der Kapsel wurde beobachtet. Stone fängt Funksprüche auf, in denen eine Rettungsmission angekündigt wird. Mit letzter Kraft entledigt sie sich des Raumanzugs, schwimmt zur Oberfläche und taumelt an Land.


Kringels Meinung

"Gravity" ist nur insoweit Science Fiction, als es noch nicht zu den in diesem Film dargestellten katastrophalen Auswirkungen der zunehmenden Verschmutzung des erdnahen Weltraums durch allerlei Schrott und sonstigen Müll gekommen ist. Denkbar ist ein solches Szenario aber absolut! Der Weltraummüll stellt eine nicht unerhebliche Gefahr für die Raumfahrt dar und wird deshalb (soweit das überhaupt möglich ist) permanent beobachtet. Space Shuttles, die ISS, die chinesisches Station Tiangong, das Weltraumteleskop Hubble und so weiter - all das existiert auch in der Realität.

"Aha, also keine SF", werdet ihr vielleicht denken, und "kann ein Weltraumfilm ohne eroberungswütige Außerirdische, aggressive Aliens, Raumschlachten und Laserschwertduelle denn spannend sein?" Ja, auf jeden Fall. Tatsächlich war ich beim erstmaligen Anschauen im Kino derart gefesselt, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie die 90 Minuten vergangen sind. Ebenso wie Stone hat der Zuschauer nur wenige Atempausen. Nach einer kurzen Expositionsphase, in der klar gemacht wird, dass sich Stone bei ihrem ersten Weltraumspaziergang alles andere als wohl fühlt, während der Veteran Kowalski beim Flug mit dem Jetpack seinen Spaß hat, geht es Schlag auf Schlag. Das Shuttle wird zerstört, Stone wirbelt davon. Ruhiger wird es erst, nachdem sie von Kowalski eingefangen wurde. Danach geht immer wieder etwas schief, und wenn Stone verzweifelt nach jedem kleinen Vorsprung auf der ISS greift, um nicht wieder in die Endlosigkeit des Alls davonzutreiben, krallt man sich unwillkürlich selbst am Kinosessel fest ... Eine Story im eigentlichen Sinne wird hier nicht erzählt. Vielmehr geht es in bester Apollo 13 - Tradition um die verzweifelten Versuche einer völlig isolierten, auf sich gestellten Person, mit Hilfe der wenigen verfügbaren Mittel zu überleben. Dabei wird viel Wert auf Realismus gelegt. Wie schon gesagt kommt ausschließlich real existierende Technik zum Einsatz. Darüber hinaus habe ich selten einen Film gesehen, in dem das Verhalten von Objekten in Schwerelosigkeit so perfekt dargestellt wird wie hier. Davon ist auch der Ton betroffen; Stone hört im All nur ihre eigene Stimme, den Funkverkehr und das, was vom Material ihres Raumanzuges übertragen wird. Allerdings wurde mit der perfekt zu den Szenen passenden Musik ein wenig getrickst. Das heißt: Auf Toneffekte wurde verzichtet, aber die Musik ist so gestaltet, dass man doch "hört", wie z.B. die ISS vernichtet wird. Klasse gemacht!

Spannung und Realismus allein hätten vielleicht nicht gereicht, um "Gravity" zu einem meiner persönlichen Kinohighlights der letzten Jahre zu machen. Die technisch perfekte Umsetzung, die Präsentation in atemberaubendem 3D und die phänomenale Kameraarbeit sind die hierfür entscheidenden Punkte! Ich könnte wirklich nicht sagen, was echt ist und wann es sich um einen Spezialeffekt handelt, wann mit Modellen gearbeitet wurde und wann mit CGI. "Gravity" ist ein visueller Hochgenuss für Weltraumfans, vor allem in der 3D-Version! Schon die ruhigen Szenen zu Beginn des Films haben mir ein verzücktes Lächeln ins Gesicht gezaubert, bei Stones unfreiwilligem Abflug wurde mir fast schwindlig und bei der Zerstörung der ISS ist mir der Unterkiefer runtergeklappt. Solch wunderschöne, atemberaubende, hundertprozentig überzeugende Szenen habe ich zuvor noch nie gesehen. Lange Einstellungen mit nur wenigen erkennbaren Schnitten verstärkten diesen Eindruck noch. Die Kamera ist oft ganz dicht bei Stone, manchmal sogar innerhalb des Raumhelms. So entsteht eine ganz eigentümliche Stimmung, fast als wäre man selbst der Einsamkeit des Alls ausgeliefert. Umso krasser ist der Gegensatz, wenn plötzlich in die Totale umgeblendet wird, so dass die Astronauten nur noch kleine Punkte in der Endlosigkeit sind. Stones Panik lässt sich nachempfinden, man ist direkt dankbar für Kowalskis beruhigende Worte. Hut ab vor den Schauspielern, die diese Emotionen allein mit ihren Stimmen vermitteln müssen, solange sie in ihren klobigen Raumanzügen stecken!

Natürlich soll der Film auch eine Botschaft vermitteln. Stone hat eine Hintergrundgeschichte: Seit dem Tod ihrer kleinen Tochter hat das Leben für sie jeglichen Sinn verloren. Sie ist fast schon besessen von dem Verlust, er beherrscht ihre ganze Existenz. Sie klammert sich also genauso an ihre leidvolle Vergangenheit wie an die Trümmer der Raumstation, muss ihren Lebenswillen erst wiederfinden und dann lernen, dass sie loslassen muss, um weitermachen zu können. Die entsprechenden Metaphern sind vielleicht etwas zu offensichtlich, zum Beispiel eine Szene, in der Stone in der Luftschleuse der ISS den Raumanzug ablegt und danach in Embryonalhaltung in der engen Kammer schwebt. Und natürlich ihre ersten Schritte vom See ans Ufer. Es geht also quasi um Wiedergeburt.

Ich verwende die Bezeichnung "Meisterwerk" selten, aber in diesem Fall ist sie definitiv angebracht. Allerdings sollte man "Gravity" wenn irgend möglich auf der großen Leindwand sehen - das IMAX-Format wäre ideal! Auf einem kleinen Fernsehbildschirm entfaltet der Film nur einen Teil seiner visuellen Wucht.


Blu-ray-Features

Die Ausstattung mit Bonusmaterial kann sich wirklich sehen lassen. Besonders wichtig war mir, dass der Kurzfilm "Aningaaq" vorhanden ist. Aningaaq ist jener Unbekannte, mit dem Stone Funkkontakt erhält, nachdem sie die Hoffnung aufgegeben hat und nur noch einschlafen will. Der Kurzfilm zeigt diese Szenen aus Aningaaqs Sicht. Er ist ein grönländischer Fischer, der mit Frau und Kind irgendwo im ewigen Eis unterwegs ist und mit seinem Funkgerät herumspielt. Da meldet sich eine Frauenstimme (Stone), deren Sprache er nicht versteht. Jetzt erfährt man auch, was Aningaaq in dieser Szene sagt. Er berichtet von seinem kranken Lieblingshund, den er erlösen müsste, was er aber bis jetzt nicht übers Herz gebracht hat. Am Ende tötet Aningaaq den Hund dann doch. Derweil sieht man Feuerlinien am Himmel - das sind die abstürzenden Trümmer der chinesischen Raumstation und Stones Landekapsel. Der Kurzfilm hätte eigentlich im Abspann von "Gravity" laufen sollen, diese Idee wurde dann aber verworfen. Infos zum Kurzfilm vermitteln Vater und Sohn Cuaron (letzterer hat bei "Aningaaq" Regie geführt und das Drehbuch geschrieben) in einer Einleitung. Hierbei sind auch Fotos von den Dreharbeiten zu sehen. Ohne Einleitung ist der Film ca. 7 Minuten lang.

Die Dokumentationen "Mission Control" und "Szenen-Analyse" gehören eigentlich zusammen, jedenfalls sind sie gleich aufgebaut, aber nicht redundant. Insgesamt sind sie fast zweieinhalb Stunden lang und ermöglichen einen sehr guten Einblick in den Produktionsprozess. Auf jede Phase von der Vorproduktion bis hin zur Filmmusik wird ausführlich eingegangen. Regisseur und Drehbuchautoren erläutern, was sie mit "Gravity" ausdrücken wollten und dass es ursprünglich nur ein "kleiner" Film hätte werden sollen. Vier Jahre später ist etwas völlig anderes daraus geworden! Man sieht, dass die Schauspieler manchmal wie Puppen an zahlreichen Drähten hängen und wie Marionetten bewegt werden, während Kameras und Beleuchtung von Robotern geführt werden, weil nur durch den Einsatz solcher Maschinen die für die komplizierten Dreharbeiten erforderliche Präzision erreicht werden konnte. Am meisten hat mich die Tatsache überrascht, dass "Gravity" praktisch ein CGI-Animationsfilm ist. Die Schauspieler haben während der Dreharbeiten zwar mit echten Kulissen und Requisiten interagiert, aber das waren nur "Stellvertreter", die dann durch computergenerierte Objekte ersetzt wurden. Fast alles, was in "Gravity" zu sehen ist, ist am Computer entstanden! Das hätte ich wirklich nicht gedacht, es ist mir auch beim zweiten Anschauen nicht aufgefallen.

Dass das in "Gravity" heraufbeschworene Gefahrenszenario nicht erfunden, sondern nur allzu real und ganz schön beängstigend ist (man spricht vom Kessler-Syndrom), wird in "Kollisionspunkt: Der Wettlauf für ein sauberes" All erklärt. Als Erzähler fungiert der Schauspieler Ed Harris. Anschauliche Grafiken, Interviews mit namhaften Wissenschaftlern und Ausschnitte aus "Gravity" sowie aus verschiedenen Dokumentationen machen deutlich, dass wir uns eine weitere Verschmutzung des Erdorbits durch Weltraumschrott nicht leisten können. Selbst kleine Teilchen werden bei extrem hoher Geschwindigkeit zu tödlichen Geschossen. Tatsächlich ist zum Beispiel die ISS bereits heute einem durchaus gefährlichen Bombardement ausgesetzt, und es hat auch schon folgenreiche Zusammenstöße von Satelliten gegeben. Der NASA-Berater Donald J. Kessler, Namensgeber für das Kessler-Syndrom, kommt in diesem hoch interessanten Beitrag ebenfalls zu Wort.


J. Kreis, 29.10.2015




Gastkommentare


Neueste Kommentare stehen oben.


Gastkommentare werden nicht von J. Kreis verfasst und dürfen nicht auf anderen Homepages oder in Printmedien weiterverwendet werden.


Noch keine Gastkommentare vorhanden!


Deine Meinung?

(Bei Klick auf diesen Button öffnet sich ein Kontaktformular in einem gesonderten Fenster)


Seitenanfang


Startseite

Filme