Es ist schwer, ein Gott zu sein


Es ist schwer, ein Gott zu sein (Russland, 2013)
- Trudno byt' bogom -

Blu-ray, Bildstörung
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: ca. 177 Minuten, s/w

Extras:
- Filmbegleitendes Gespräch mit Barbara Wurm und Olaf Möller

Regie:
Aleksei German

Hauptdarsteller:
Leonid Yarmolnik (Don Rumata)
Aleksandr Chutko (Don Reba)
Natalya Moteva (Ari)
Yuri Tsurilo (Don Pampa)
Aleksandr Ilyin (Arata)




Story

Etwa 30 Forscher von der Erde mischen sich unter die Bevölkerung des Planeten Arkanar, um die dortige Gesellschaft und Kultur zu studieren. Sie müssen die ihnen zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmittel geheim halten und dürfen sich nicht einmischen; sie sollen reine Beobachter sein. Arkanar steht an der Schwelle zu einem der irdischen Renaissance vergleichbaren Zeitalter, was diesen Planeten für die Forscher besonders interessant macht. Doch es kommt anders. Ein gewisser Don Reba kommt an die Macht und unterdrückt gnadenlos jegliche Weiterentwicklung. Seine Schergen, "die Grauen", verfolgen und ermorden Wissenschaftler, Dichter und Bücherfreunde. Einer der irdischen Forscher lebt seit geraumer Zeit in der Identität des reichen Edelmannes Don Rumata auf Arkanar. Er wohnt mit seinen Gefolgsleuten, einigen Sklaven und einer jungen Geliebten namens Ari in einem großen Anwesen mitten in Don Rebas Domäne. Aufgrund seiner Unbesiegbarkeit gilt Don Rumata bei vielen Bewohnern Arkanars als beinahe göttliches Wesen. Er selbst weiß nicht so recht, ob er die rückständigen, ignoranten und gewalttätigen Bewohner Arkanars verachten oder bedauern soll.

Trotz der Maxime der Nichteinmischung versucht Don Rumata, Verfolgte außer Landes zu bringen und zu schützen. Als er nach dem von Don Rebas Schergen entführten Arzt Budakh sucht, gerät er in Konflikt mit dem Regime, dessen Brutalität immer weiter zunimmt. Eines Tages wird er festgenommen, denn Don Reba hat herausgefunden, dass der echte Don Rumata schon vor Jahrzehnten gestorben ist. Die Schergen des Gewaltherrschers können Don Rumata nicht halten. Er befreit den Arzt sowie seinen alten Freund, den Baron Pampa. Dieser wird jedoch auf der Flucht von Bogenschützen getötet. Die Lage wird noch schlimmer, als sich Religionsfanatiker in der Gegend breitmachen. Sie bekämpfen die Grauen und gewinnen immer mehr Einfluss. Ein Rebellenführer, genannt Arata der Bucklige, hat erfahren, wer Don Rumata wirklich ist. Arata versucht Don Rumata dazu zu bringen, ihm einige seiner fortschrittlichen Waffen zur Verfügung zu stellen, damit er die Adligen vernichten kann. Don Rumata weigert sich und nimmt den Mann gefangen.

Ari wird aufgefordert, sich bei den Behörden zu melden, was einem Todesurteil gleichkommt. Don Rumata ist entschlossen, sie zu beschützen und die Soldaten zu vertreiben, die sein Anwesen belagern. Ari wird von einem Armbrustbolzen getroffen und stirbt. Voller Zorn bewaffnet sich Don Rumata und richtet ein Gemetzel an. Wenig später treffen einige andere irdische Beobachter ein. Die Stadt ist ein Ruinenfeld. Nur noch Don Rumata ist am Leben. Man bietet ihm die Rückreise zur Erde an, doch er lehnt ab. Bevor er die Gegend verlässt, gibt er seinen Kollegen Stoff zum Nachdenken, indem er sagt: "Es ist schwer, ein Gott zu sein".


Kringels Meinung

Selten habe ich eine Romanverfilmung gesehen, die sich so wie diese genau an den Text hält und trotzdem drastisch von den Vorstellungen abweicht, die ich bei der Lektüre hatte. Obige Handlungszusammenfassung könnte man nämlich problemlos für den gleichnamigen Roman der Brüder Strugatzki aus dem Jahre 1964 verwenden, aber sie enthält keinen Hinweis darauf, wie sehr die Erwartungen und Sehgewohnheiten des Zuschauers auf die Probe gestellt werden. Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, dass es sich um einen nicht synchronisierten Schwarzweißfilm in russischer Sprache handelt. Untertitel sind vorhanden, aber es gibt nur wenige Dialoge. Wäre da nicht der Voice-over-Kommentar eines als handelnde Figur nicht auftretenden Erzählers, der die Ausgangssituation erläutert sowie im Verlauf des Films ab und zu erklärt, was gerade vor sich geht, und wäre mir der Roman nicht wohlbekannt, so hätte ich mit ziemlicher Sicherheit überhaupt nichts verstanden. Ich hätte nicht kapiert, wer Don Rumata ist, was er die ganze Zeit treibt und was das für merkwürdige Kerle sind, mit denen er es zu tun hat!

Ich wage zu behaupten, dass es dem Regisseur nicht darum gegangen ist, eine Geschichte zu erzählen. Ich muss zugestehen, dass das Gezeigte erstaunlich genau mit dem Roman übereinstimmt, aber das erkennt man wie gesagt nur, wenn man den Roman gelesen hat. Man beachte nur Don Rumatas Stirnreif. Wer den Roman nicht kennt, weiß nicht, dass es sich um eine Kamera handelt, die alles aufzeichnet, was Don Rumata sieht. Über diese Vorrichtung steht er in ständiger Verbindung mit seiner Basis. Ihr fragt euch, warum sich anscheinend ein Kind in Don Rumatas Anwesen aufhält? Es ist der Kronprinz und Don Rumata versucht ihn (vergeblich) vor Don Reba zu schützen. Außerdem sind ganze Dialoge direkt dem Buch entnommen. Mit der Bemerkung, es sei schwer, ein Gott zu sein, spielt Don Rumata natürlich auf das Grundthema des Romans an, welches im Film nur angedeutet wird. Die Forscher von der Erde dürfen sich nicht einmischen. Diese Haltung wird im Roman unter anderem mit dem moralischen Selbstverständnis der Menschen von der Erde begründet. Sie glauben, sie hätten alle negativen Gefühle, Gewalt usw. überwunden, und verstehen sich als Theoretiker (Don Rumata wirft genau das dem Mann vor, der ihn am Ende abholen will). Es fällt Don Rumata nicht leicht, den Niedergang der Zivilisation um ihn herum mit anzusehen und nicht einzugreifen, obwohl er die Mittel dazu hätte.

Story und Aussage des Romans treten gegenüber der Inszenierung vollkommen in den Hintergrund. Ziel des Regisseurs war es vermutlich, dem Zuschauer die Rückständigkeit und Armut Arkanars so drastisch wie nur irgend möglich vor Augen zu führen. Das ist ihm definitiv gelungen! Da es in der Gegend, in der Don Rumata lebt, sehr oft regnet oder neblig und kalt ist, stapft man ständig knietief durch den Matsch. Abfall, Fäkalien und Ungeziefer überall, auch in Don Rumatas Anwesen. Alle Eingeborenen scheinen permanent erkältet zu sein, und so wird ausgiebig geschnupft, gerotzt und ausgespuckt. Es wird auf unaussprechlich aussehenden Dingen herumgekaut, man klaubt sich gegenseitig die Parasiten von der Haut. Privatsphäre existiert nicht; in der Regel herrscht drangvolle Enge. Man glaubt den Gestank der ungewaschenen, oft völlig verdreckten Leute förmlich zu riechen. Am Ende, als das Gemetzel losgeht (von dem zum Glück nur der Beginn zu sehen ist) wird nicht mehr im Mist herumgewühlt, sondern in menschlichen Eingeweiden. Auffällig ist, dass Don Rumata und andere Personen sehr oft genau in die Kamera blicken. Die Kamera ist immer mittendrin, immer wieder wird direkt davor demonstrativ mit etwas herumgefuchtelt, so dass es sich anfühlt, als stecke man selbst im Gedränge. Das alles hat mich übrigens sehr an Der silberne Planet erinnert.

Ihr wollt wissen, warum ihr euch dieses abstoßende, chaotische, unverständliche Monstrum von einem Film voller hässlicher, ignoranter Typen anschauen sollt? Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, dass ich von der ersten bis zur letzten Minute völlig fasziniert war.


J. Kreis, 04.04.2018




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