Eastern Promises


Tödliche Versprechen (GB / Kanada, 2007)
- Eastern Promises -

Blu-ray, Universum Film
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: ca. 101 Min.

Extras
- Interviews mit Cast und Crew (46:43 Min.)
- Featurette "Secrets and Stories" (10:31 Min.)
- Featurette "Naked for Life" (6:41 Min.)
- B-Roll (8:46 Min.)
- Kinotrailer und TV-Spots

Regie:
David Cronenberg

Hauptdarsteller:
Viggo Mortensen (Nikolai Luzhin)
Naomi Watts (Anna Khitrova)
Vincent Cassel (Kirill)
Armin Mueller-Stahl (Semjon)
Sinead Cusack (Helen)
Jerzy Skolimowski (Stepan)
Mina E. Mina (Azim)




Inhalt

Eine hochschwangere Vierzehnjährige bricht mit starken Blutungen in einer Londoner Apotheke zusammen und wird ins Krankenhaus gebracht. Die junge Frau, deren Identität nicht festgestellt werden kann, stirbt bei der Geburt des Kindes. Die Hebamme Anna Khitrova hat vor Kurzem ihr ungeborenes Kind verloren und kümmert sich deshalb besonders intensiv um das namenlose Baby. Sie setzt alles daran, die Angehörigen des kleinen Mädchens zu finden. Ihr einziger Anhaltspunkt ist das in russischer Sprache verfasste Tagebuch der Toten. Anna gibt es ihrem Onkel Stepan, der es übersetzen soll, sich aber zunächst weigert, weil in dem Buch von Prostitution und Vergewaltigungen die Rede ist - in solche Angelegenheiten will er sich nicht einmischen. Immerhin erfährt Anna, dass der Name der Toten Tatjana lautet. Zwischen den Tagebuchseiten steckt die Visitenkarte eines russischen Restaurants. Anna sucht den Inhaber Semjon auf, um ihn nach Tatjana zu befragen. Er gibt vor, sie nicht zu kennen, bietet aber an, bei der Übersetzung des Tagebuchs zu helfen. Semjon legt ein auffälliges Interesse dafür an den Tag, das Buch in die Hände zu bekommen. Anna bringt ihm jedoch nur eine Kopie. Bei ihren Besuchen im Restaurant begegnet Anna mehrmals dem Chauffeur Nikolai Luzhin. Die beiden sind einander nicht gleichgültig. Semjon behauptet, er habe aus dem Tagebuch erfahren, dass sein Sohn Kirill in illegale Machenschaften verwickelt sei. Um die Polizei aus der Sache herauszuhalten, bietet er Anna die Adresse von Tatjanas Angehörigen im Austausch für das Tagebuch an.

Inzwischen hat Stepan ebenfalls mit der Übersetzung angefangen. So wird klar, dass Tatjana den "Dieben im Gesetz" (Wory w Sakone) in die Hände gefallen ist, einer Verbrecherorganisation mit einem eigenen Verhaltenskodex und strengen Beitrittsregeln. Semjon ist eines der Oberhäupter dieser Organisation, der auch Kirill angehört. Kirill selbst hat Tatjana mit falschen Versprechungen nach England gebracht, unter Drogen gesetzt und zur Prostitution gezwungen, aber es war Semjon, der die junge Frau zuerst vergewaltigt und geschwängert hat. Nikolai gehört noch nicht zum inneren Kreis Wory w Sakone. Er dient seinem Freund Kirill als Handlanger und muss sich erst bewähren, um in die Bruderschaft aufgenommen zu werden. Dazu hat er Gelegenheit, als er von Semjon den Auftrag erhält, das Tagebuch zu beschaffen und Stepan, der es gelesen hat, zu beseitigen. Nikolai führt beide Aufträge zu Semjons Zufriedenheit aus, so dass er in der Hierarchie aufsteigt und die charakteristischen Tätowierungen eines hochrangigen Wor erhält. In Wahrheit will Semjon Nikolai opfern, um Kirill zu retten. Letzterer ist durch den von Azim, einem Geschäftsfreund Semjons, in Kirills Auftrag ausgeführten Mord ins Visier tschetschenischer Killer geraten. Die Brüder des Opfers wollen sich rächen und Kirill töten, kennen aber sein Gesicht nicht. Nikolai trägt nun dieselben Tätowierungen wie Kirill.

Nikolai wird in ein Badehaus gelockt und dort von zwei Tschetschenen angegriffen, die ihn für Kirill halten. Es gelingt ihm, beide Männer zu töten, aber er wird schwer verwundet. Im Krankenhaus begegnet er Anna noch einmal, die ihn zur Rede stellt, weil Stepan vermisst wird. Nikolai gesteht, dass er den Auftrag hatte, Stepan zu ermorden. Er hat Annas Onkel stattdessen in einem schottischen Hotel in Sicherheit gebracht. Nikolai trifft sich im Krankenhaus mit einem Beamten von Scotland Yard, um ihm vom Inhalt des Tagebuchs zu berichten. Nikolai ist kein Gangster, sondern ein Undercover-Agent des russischen Geheimdienstes, der die Wory w Sakone in England unterwandern soll. Die Vergewaltigung einer Minderjährigen wäre eine geeignete Möglichkeit, Semjon endlich hinter Gitter zu bringen. Ein Vaterschaftstest würde als Beweis genügen. Als Semjon Besuch von der Polizei erhält und eine Blutprobe abgeben muss, durchschaut er die Zusammenhänge und beauftragt Kirill mit der Beseitigung des Babys. Nikolai und Anna verfolgen Kirill, doch der bringt es ohnehin nicht übers Herz, ein Kind zu ermorden. Nikolai überzeugt Kirill davon, dass Semjon zu weit gegangen ist, und dass sie gemeinsam gegen Kirills Vater vorgehen müssen. Anna kann das Baby in Sicherheit bringen; sie adoptiert das Kind später. Da Semjon nunmehr ausgeschaltet ist, können Kirill und Nikolai seine Nachfolge antreten.

Kommentar

"Tödliche Versprechen", ein weiteres Meisterwerk von David Cronenberg, ist zwar im Grunde ein Genrefilm mit einer wunderbar düsteren Atmosphäre, verläuft aber keineswegs in den Bahnen nach Thriller-Standard. Gut: Erwartungsgemäß verlieben sich Täter und Opfer ineinander. Es kommt aber nicht zum ansonsten üblichen Melodram mit Happy End. Nikolais wahre Identität bleibt für Anna ein Geheimnis. Obwohl er sie offensichtlich liebt, hält er seine Tarnung selbst ihr gegenüber aufrecht. Die beiden "kriegen" sich also nicht. In der letzten Szene sitzt Nikolai quasi auf Semjons Platz im Restaurant - mit steinernem Gesicht, aber womöglich mit Tränen in den Augen. Vielleicht denkt er gerade darüber nach, was er geopfert hat, um die Undercover-Operation nicht zu gefährden. Außerdem ist Anna gar nicht das Opfer. Nur Stepan sollte beseitigt werden. Das ist für mich nebenbei bemerkt der einzige unlogische Punkt in der Story. Warum begnügt sich Semjon damit? Er kann nicht wissen, was Anna weiß oder nicht weiß. Eigentlich hätte er Nägel mit Köpfen machen und die ganze Familie auslöschen müssen. Jedenfalls haben Anna und Nikolai weit weniger Berührungspunkte, als es die Werbung für den Film suggeriert. Eigentlich werden zwei für sich stehende Geschichten erzählt, die sich nur manchmal überschneiden.

Viggo Mortensen stellt seine überragenden schauspielerischen Qualitäten einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis. Wie schon in A History of Violence spielt er einen Mann, der sich vermutlich über Jahre hinweg eine sorgfältig durchgeplante zweite Identität aufgebaut hat, so dass er für jeden, mit dem er zusammentrifft, ein Mysterium bleibt. Ohne mit der Wimper zu zucken "anonymisiert" er ein Mordopfer, indem er die Fingerspitzen abknipst usw., aber man ahnt schon bald, dass da mehr dahintersteckt. Der optische Höhepunkt des Films ist natürlich jene Szene, in der Nikolai völlig nackt gegen zwei bewaffnete Killer kämpfen muss - eine für Cronenberg, den Erfinder des "Body Horror" irgendwie typische Szene, in der Mortensen mal wieder vollen Körpereinsatz zeigt. Vor expliziter Gewalt wird in dieser und zwei anderen Szenen nicht zurückgeschreckt. Schon gleich zu Anfang wird eine Kehle nicht einfach sauber durchtrennt, sondern geradezu durchgesägt. Puh! Aber das sind nur einzelne Gewaltspitzen, und sie sind weder Selbstzweck, noch wird hier etwas beschönigt oder verherrlicht. Cronenberg zeigt einfach nur die brutale, schmerzhafte Realität.

Andere Momente - ganz ohne Gewalt - wirken womöglich noch bedrohlicher. Etwa wenn Semjon vordergründig freundlich im Krankenhaus erscheint und Anna einen Handel anbietet. Man erkennt sofort, dass allein seine Anwesenheit dort eine Drohung ist: Er weiß jetzt, wo er Anna finden kann. Armin Müller-Stahl spielt solche kleinen Andeutungen wunderbar heraus. Angenehm überrascht war ich auch von Vincent Cassel. Ich dachte erst, er habe nicht mehr zu bieten als den üblichen Bösewicht, auf den er abonniert zu sein scheint. Genau so gibt er sich zu Beginn des Films. Kirill zeigt aber schon bald ganz andere Facetten. Auf der einen Seite ist er ein inkompetenter und ziemlich naiver Maulheld, andererseits aber auch ein Gemütsmensch. Anscheinend hat er seine empfindsame Seite tief in sich versteckt, um Semjons Anforderungen genügen zu können. Was er natürlich nie schafft. Er kann sich selbst gegenüber nicht eingestehen, dass er die Rolle des eiskalten Gangsters nie wird ausfüllen können. Deshalb ist er am Ende geradezu erleichtert, als Nikolai das Heft in die Hand nimmt.

Übrigens: Die im Film gezeigte Subkultur der Wory w Sakone existiert wirklich. Details dazu könnt ihr in der Wikipedia nachlesen.

Blu-ray-Features

Normalerweise enthalten Interviews, die als Bonusmaterial mitgeliefert werden, kaum mehr als Allgemeinplätze und gegenseitige Lobhudeleien. Hier aber nicht, denn die Leute (vor allem Mortensen und Cronenberg) haben wirklich etwas zu sagen: Über die Aussage des Films, die Gewaltdarstellung, die "Diebe im Gesetz" und Mortensens intensive Recherchen zu diesem Thema, für die er eigens durch Russland gereist ist. Die Featurettes sind leider weniger gehaltvoll, sie bestehen hauptsächlich aus Nacherzählungen der Handlung. Immerhin wird genauer auf die "Diebe im Gesetz" und die Bedeutung von Mortensens Tätowierungen eingegangen. Man erfährt, was einige davon zu bedeuten haben. "B-Roll" ist eine unkommentierte Zusammenstellung von Aufnahmen, die während der Dreharbeiten gemacht wurden.


J. Kreis, 01.08.2012




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