Dreht euch nicht um


Dreht euch nicht um - der Golem geht rum (BRD, 1971)

DVD Regionalcode 2, Pidax/AL!VE
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: ca. 134 Minuten

Extras:
Keine

Regie:
Peter Beauvais

Hauptdarsteller:
Martin Benrath (Sig Prun)
Jens Weisser (Botho)
Jose Luis Gomez (Willi)
Katrin Schaake (Ehmi Schons)
Peter Eschberg (Ebby Pels)
Christoph Bantzer (Jerico)




Story

Weltbürger Nr. DARK 70357201, Eigenname Sig Prun, wird von der Rechtsprechungszentrale der kybernetischen Weltregierung einbestellt. Man wirft ihm vor, die für das 120. Lebensjahr im Gesetz zur Kontrolle der Übervölkerung des Weltraums vorgeschriebene Selbstliquidierung versäumt zu haben. Sig gibt an, er habe den Termin nur verschoben. Er sei auf der Suche nach seinem Sohn Botho, dem er ein legitimes Dasein verschaffen wolle. Für Sig sind allerdings keine Nachkommen registriert. Er räumt ein, dass es sich um eine "Schwarzgeburt" gehandelt hat. Sig berichtet, wie es dazu gekommen ist.



Dreht euch nicht um - der Golem geht rum

(Sig Prun wird verhört)

Die Menschheit hat sich über das gesamte Sonnensystem ausgebreitet. Jeder Ort der Erde ist per Rakete in kürzester Zeit erreichbar. Die Nationalstaaten existieren nicht mehr. Alle Völker haben sich bereits am 31.13.1999 zusammengeschlossen, um die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Menschheit zu lösen. Dies ist durch eine umfassende Automatisierung gelungen, so dass inzwischen fast niemand mehr arbeiten muss. So genannte Halbintelligenzler - genetisch optimierte Affen beziehungsweise umgezüchtete Kriminelle - werden als Sklaven eingesetzt. Trotzdem haben die Bürger viele Termine, denn die Weltfreizeitzentrale verordnet ihnen die verschiedensten Betätigungen zum Zeitvertreib sowie Sport für die Fitness. Wer diese Pflichten vernachlässigt, wird bestraft. Die Religionen wurden abgeschafft. Niemand interessiert sich für die Vergangenheit; tatsächlich werden die Erinnerungen von Personen, die das 75. Lebensjahr überschritten haben, durch Medikamentengabe gelöscht. Alle Belange des täglichen Lebens werden von Computern geregelt. Alles ist vereinheitlicht und gleichgeschaltet, Individualität ist nicht gefragt. Nahrungs- und Genussmittel sowie Kleidung sind per Knopfdruck frei verfügbar. Auch die Medizintechnik hat enorme Fortschritte gemacht. Kinder werden ausschließlich in vitro und nach Vorgaben der Regierung gezeugt. Wer von Schmerzen geplagt wird, greift zum handlichen Symptomizer, der nach kurzer Untersuchung einen Medikamentencode für die heimische Drogenorgel ausgibt. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei weit über 100 Jahren und aufgrund eines Durchbruchs bei der Züchtung künstlicher Zellen winkt gar die Unsterblichkeit.



Dreht euch nicht um - der Golem geht rum

(Schöne neue Welt. In der Mitte eine Abholstation für HI-Sklaven)

Man schreibt das Jahr 2228. Sig Prun lebt im Stadtkomplex Antwerpen-Ruhr, Wohnteil Köln, mit drei Frauen in einer Haushaltsgemeinschaft. Alle vier werden zu einer genetischen Musterung nach Rom einbestellt. Durch diese Untersuchungen wird sichergestellt, dass nur Kinder auf die Welt kommen, die aufgrund des Erbguts ihrer Eltern optimale Voraussetzungen mitbringen. Sigs Partnerinnen erfüllen die Normen, aber für männliche Probanden gelten strengere Grenzwerte. Sig ist außer sich vor Zorn, als man ihm mitteilt, sein Intelligenzquotient sei nicht hoch genug. Eigentlich wollte er gar keine Kinder, doch jetzt will er es den Behörden zeigen. Er zeugt mit seiner Partnerin Ehmi Schons einen Sohn - eine illegale Handlung, die geheim gehalten werden muss. Das Kind darf die Wohnung deshalb nicht verlassen. Die beiden anderen Frauen ziehen aus. Aufgrund der vielen Vergnügungstermine haben Sig und Ehmi keine Zeit, sich um den kleinen Botho zu kümmern. Er wird von einem Halbintelligenzler namens Willi betreut und ist auch im Alter von 21 Jahren noch auf dem Entwicklungsstand eines Kleinkindes, was sich immer mehr als Problem erweist. Sigs Freund, der Erfinder Ebby Pels, weiß Rat. Für ihn ist Botho die ideale Versuchsperson zum Test eines von ihm entwickelten fortschrittlichen Lerncomputers. Mit diesem Gerät lassen sich Informationen direkt ins Gehirn des Benutzers übertragen. Die nicht weit genug entwickelten Gehirne von Kindern würden der Belastung nicht standhalten. Tests an Halbintelligenzlern kommen erst recht nicht in Betracht. Die Sklaven sollen schließlich dumm bleiben.



Dreht euch nicht um - der Golem geht rum

(Sig Pruns Frauen sind von seinem Vorhaben nicht begeistert)

Botho wird an den Lerncomputer angeschlossen und eignet sich in kürzester Zeit umfassendes Wissen an. Unerwarteterweise wird dadurch auch seine Neugier gesteigert. Er stellt seinem Vater Fragen, die dieser nicht beantworten kann. In Abwesenheit der Eltern verlässt Botho die Wohnung und sieht sich in der Stadt um. Dabei wird er später von Willi begleitet, der den Lerncomputer heimlich benutzt und auf diese Weise echte Intelligenz erlangt. Befremdet stellt Botho fest, dass im Gegensatz zu ihm niemand Fragen stellt oder über seine Situation nachdenkt. Kein Mensch ist kreativ tätig. Es gibt zwar einen Mann, der in den Katakomben eines merkwürdigen alten Gebäudes, dessen Bedeutung niemand kennt und das demnächst abgerissen werden soll, insgeheim an der Bearbeitung von Holz arbeitet, doch auch seine Tätigkeit ist nutzlos - er produziert nur Späne, die er anschließend entsorgt. Alle anderen beschäftigen sich mit absurden Spielen und anderen sinnlosen Tätigkeiten. Botho entdeckt Baupläne und erkennt, dass Gebäude wie dieses früher von Hand hergestellt worden sind. Botho besucht eine Kindertagesstätte. Die Kleinen werden darauf konditioniert, ihre Aggressionen an Halbintelligenzlern oder durch die Zerstörung von hierfür vorgesehenen Gegenständen abzureagieren. Als Botho aus diesen Objekten stattdessen eine Brücke baut, löst er unabsichtlich so etwas wie eine Revolution aus. Kinder und Jugendliche wollen nun ebenfalls etwas aufbauen. Mit dem Schlachtuf "Sachen machen" auf den Lippen marschieren sie durch die Stadt und scharen immer mehr Anhänger um sich. Die Betreuer können nur hilflos zusehen.



Dreht euch nicht um - der Golem geht rum

(Ebby Pels erklärt den Lerncomputer)

Der Aufstand nimmt bedrohliche Ausmaße an. Die jungen Leute kommen auf die Idee, man müsse alles zerstören, um die Welt anschließend neu aufbauen zu können. Ein Mann namens Jerico, der seine Anhänger bisher lediglich dazu animiert hat, ihre sadomasochistischen Triebe auszuleben, schlägt nun kollektiven Suizid als letzten Schritt zur Selbstverwirklichung vor. Die kybernetische Weltregierung reagiert, indem sie ausnahmsweise Filmaufnahmen aus dem zwanzigsten Jahrhundert veröffentlicht, die zeigen, dass man früher hart für seinen Lebensunterhalt arbeiten musste und dass es Hungersnöte sowie Kriege gab. Somit ist bewiesen, dass das jetzige Zeitalter der Muße das beste von allen ist. Weil viele Menschen das anders sehen und die Mittel zur Freizeitgestaltung erschöpft sind, greift die kybernetische Weltregierung zu anderen Maßnahmen. Alle Weltbürger müssen sich zur Wiederherstellung des sozialen Friedens einer Bewusstseinsdrosselung unterziehen und werden künftig noch umfassender von Halbintelligenzlern betreut als zuvor. Botho und Willi fliehen.



Dreht euch nicht um - der Golem geht rum

(Willi und Botho)

Damit ist Sigs Bericht beendet. Er bittet um Gnade und darf weiterleben, wird allerdings zum Halbintelligenzler umgezüchtet. Er schließt sich einer von Botho und Willi geleiteten HI-Untergrundbewegung an, deren Ziel im Sturz der menschlichen Vorherrschaft besteht.


Kringels Meinung

Diese kleine Science-Fiction-Perle aus längst vergangenen Zeiten war mir bis dato nicht bekannt. Bei der Erstausstrahlung 1971 war ich zu jung für sowas! "Dreht euch nicht um - der Golem geht rum" ist kein Kinofilm, sondern ein TV-Zweiteiler. Der fünf Jahre später entstandene Film Flucht ins 23. Jahrhundert ("Logan's Run") weist erstaunlich viele Parallelen zu der deutschen TV-Produktion auf. Auch in diesem Film spielt die Haupthandlung im 23. Jahrhundert. Die Menschen leben in einem in sich geschlossenen System, das von automatischen Systemen gesteuert wird und scheinbar paradiesische Bedingungen bietet. Während die Weltbürger in "Dreht euch nicht um - der Golem geht rum" im Alter von 120 Jahren Selbstmord begehen müssen, werden sie in "Flucht ins 23. Jahrhundert" schon mit 30 getötet. Hier wie dort wird das System nicht in Frage gestellt, allerdings existiert in "Flucht ins 23. Jahrhundert" eine bewaffnete Ordnungsmacht, die die Einhaltung der Regeln erzwingt. Das ist in "Dreht euch nicht um - der Golem geht rum" nicht so. Den Anordnungen der kybernetischen Weltregierung wird stets Folge geleistet. Dass sich die Menschen mit Leichtigkeit aus den Zwängen lösen könnten, wenn sie denn nur wollten, wird bei der "Rebellion" der Jugendlichen deutlich. Es gibt schlicht und einfach niemanden, der sie aufhalten könnte.

Die Bereitwilligkeit, sich Regeln selbst dann zu beugen, wenn man sie für sinnlos oder gar gefährlich hält, ist nur einer von vielen Seitenhieben auf unsere von Oberflächlichkeiten und Konsumwahn dominierte Wegwerfgesellschaft, die in diesem Film vielleicht etwas zu plakativ daherkommen. Wir wissen ja schon lange, dass die Annahme, von der Arbeit befreite Menschen würden sich weiterbilden, sich den Künsten zuwenden und so weiter, nur eine Illusion ist. Wer viel Zeit hat, nutzt diese nicht zur persönlichen Weiterentwicklung, sondern kommt nur auf dumme Ideen. Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Hätte ich mehr Freizeit, würde ich sicherlich nicht damit anfangen, z.B. Sprachen zu lernen, meine Defizite in Mathematik, Physik und Chemie zu bereinigen oder kreativ tätig zu werden. Stattdessen würde ich noch mehr faulenzen und die Zeit mit Büchern, Filmen und Videospielen totschlagen! In "Dreht euch nicht um - der Golem geht rum" wird das natürlich auf die Spitze getrieben. Irgendwann sind die von der Weltfreizeitzentrale verordneten sinnlosen Spiele nicht mehr ausreichend. Man sucht immer neue Kicks und flüchtet sich in virtuelle Erlebniswelten oder sucht nach extremeren Formen der Unterhaltung wie dem von Jerico propagierten "Masozynismus". Kommt mir alles irgendwie bekannt vor. Wir leben wohl schon längst in der hier gezeigten Welt kollektiver Verblödung! Das in der Handlungszusammenfassung erwähnte zum Abriss freigegebene Gebäude, dessen Funktion niemand kennt, ist übrigens der Kölner Dom ...

Schrieb ich gerade "Handlung"? Na ja, eine solche ist eigentlich nicht vorhanden, zumindest keine, die einen zwei Stunden langen Film tragen könnte. Im Grunde geht es nur darum, dass Botho die verschiedenen Aspekte des "Zeitalters der Muße" stellvertretend für den Menschen erkundet. Das ist einigermaßen interessant, solange Neues geboten wird. Köstlich: Die Alten vertreiben sich die Zeit mit einem ganz besonderen Wettspiel. Es wird darauf getippt, wer als nächster ableben wird - und dabei wird auch schonmal ein bisschen nachgeholfen! Als verkündet wird, dass wg. neuer Behandlungsmethoden niemand mehr sterben muss, sind die Alten empört. Man hat ihnen das Spiel kaputtgemacht! Irgendwann hat man jedoch kapiert, was mit der Welt des 23. Jahrhunderts nicht stimmt. Dann schleichen sich Längen ein, zumal die meisten Szenen/Dialoge immer einen Tick zu sehr in die Länge gezogen wirken. Zudem agieren die meisten Schauspieler leider so übertrieben, als ob sie auf einer Theaterbühne stehen würden. Der Look funktioniert wegen der beabsichtigten Künstlichkeit/Sterilität dagegen sogar heute noch - zumindest teilweise. Wenn Botho aus dem Fenster schaut und billige Pappsilhouetten sieht, die wir für eine futuristische Stadt halten sollen, ist es damit natürlich zu Ende, selbst wenn man das Alter des Films berücksichtigt. Ansonsten geht die Ausstattung schon in Ordnung. Das gilt vor allem für die Pyjamas, die die Schauspieler tragen müssen. Sig Pruns Frauen sind eine wahre Augenweide in diesen hauchdünnen Dingern ...


J. Kreis, 19.03.2018




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