Delicatessen


Delicatessen (F, 1991)

DVD Regionalcode 2, Kinowelt Home Entertainment
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: ca. 95 Minuten

Extras
- Audiokommentar von Jean-Pierre Jeunet
- Aus dem Archiv von Jean-Pierre Jeunet (8:38 Min.)
- Fein Geschnittenes von Diane Bertrand (13:32 Min.)
- Teaser und Trailer

Regie:
Jean-Pierre Jeunet, Marc Caro

Hauptdarsteller:
Dominique Pinon (Louison)
Marie-Laure Dougnac (Julie Clapet)
Jean-Claude Dreyfus (Fleischer Clapet)
Karin Viard (Mademoiselle Plusse)




Inhalt:

Nahrungsmittel sind extrem knapp, denn seit einer nicht näher bezeichneten Katastrophe ist die Sonne hinter Staubwolken verborgen und es wächst praktisch nichts mehr. Fleisch ist so gut wie gar nicht mehr erhältlich. Dennoch kann Fleischer Clapet den Bewohnern seines Hauses regelmäßig schmackhafte Delikatessen anbieten - im Austausch gegen Mais, der anstelle von Geld als Währung benutzt wird und den Clapet inzwischen säckeweise im Hinterzimmer hortet. Jeder weiß, woher das Fleisch kommt, aber niemand spricht darüber: Clapet hat ein leer stehendes Zimmer, das er per Zeitungsanzeige als Entlohnung für Hausmeisterdienste anbietet. Immer wieder melden sich Interessenten, aber sie bleiben nie lang, sondern wandern schon bald in Form von Schnitzeln, Koteletts und Schinken in die Mägen der Hausbewohner. Da Clapet in mageren Zeiten auch nicht davor zurückschrecken würde, sich an einem seiner alteingesessenen Mieter zu vergreifen, wagt sich Nachts niemand mehr aus den Wohnungen. Clapets Tochter Julie beteiligt sich nicht am Kannibalismus. Obwohl sie es immer wieder versucht, gelingt es ihr nicht, ihren Vater von seinem schrecklichen Tun abzubringen. Ein Briefträger, auf seine Weise ebenso brutal wie der Fleischer, versucht bei Julie zu landen, hat aber keine Chancen bei der zurückhaltenden jungen Frau.

Eines Tages zieht der arbeitslose Artist Louison (früher bekannt als Clown "Stan") bei Clapet ein. Den Hausbewohnern läuft schon das Wasser im Mund zusammen, obwohl Louison etwas mager ist. Julie jedoch verliebt sich auf Anhieb in den sympathischen Mann. Die beiden kommen sich schnell näher, was nicht unbemerkt bleibt. Der Briefträger wird eifersüchtig und auch Clapet ist über diese Entwicklung nicht erfreut. Er verzichtet jedoch vorerst darauf, den neuen Mieter zu schlachten, denn dieser leistet gute Arbeit und repariert das heruntergekommene und teilweise baufällige Haus. Deshalb muss die alte Schwiegermutter eines Hausbewohners dran glauben. Ein weiterer Mieter verliert einen Unterschenkel. Louison freundet sich mit Mademoiselle Plusse an, der Geliebten des Fleischers, und beeindruckt die beiden einzigen Kinder im Haus mit seinen Kunststückchen. Eines seiner Artisten-Utensilien ist der "Australier", ein Taschenmesser, das man wie einen Bumerang werfen kann.

Da es Julie nicht gelingt, ihren neuen Freund zu warnen, versorgt sie ihn mit Schlaftee, damit er Nachts im Zimmer bleibt. Außerdem sucht sie Hilfe bei den Troglodisten, streng vegetarisch lebenden Widerstandskämpfern, die in der Kanalisation hausen. Diese sollen Louison entführen. Als Lohn winkt ihnen der von Clapet gesammelte Mais. Die Troglodisten willigen ein, kidnappen aber versehentlich Mademoiselle Plusse. Gleichzeitig eskalieren die Ereignisse im Haus und gipfeln darin, dass Clapet und die anderen Bewohner sowie der Briefträger Louisons Wohnung stürmen wollen, in die sich auch Julie geflüchtet hat. Indem er das Badezimmer bis unter die Decke flutet, so dass die Angreifer davongespült werden, als sie die Tür öffnen, gewinnt Louison eine Atempause. Der Briefträger hat zwar einen Revolver, doch dessen Lauf ist verstopft, weil die Kinder Leim hineingegossen haben. Die Waffe explodiert und setzt den Briefträger außer Gefecht. Da gerade kein Hackmesser greifbar ist, versucht Clapet Louison mit dem "Australier" zu töten. Das Wurfmesser kehrt jedoch zu ihm zurück und durchbohrt seinen Schädel. Die Fleischerei wird nach seinem Tod geschlossen. Julie und Louison bleiben zusammen.

Der Film:

Meine Güte, ist das schon wieder lange her... Diesen Film habe ich zuletzt vor 20 Jahren gesehen! Aber ich muss sagen: Er gefällt mir heute womöglich noch besser als damals. Nicht nur wegen des Szenarios sowie der vielen skurrilen Figuren, sondern auch wegen des einprägsamen Looks und der ungewöhnlichen Kamerafahrten bzw. -einstellungen. Man erfährt praktisch nichts über die Ursache der Nahrungsmittelknappheit oder die Zeit, in der die Handlung angesiedelt ist. Von der Kleidung und den Wohnungseinrichtungen her könnten es die Fünfziger- oder Sechzigerjahre sein. Vielleicht befinden wir uns in einer alternativen Welt, in der die Atomwaffenversuche außer Kontrolle geraten sind oder der Kalte Krieg zum Dritten Weltkrieg eskaliert ist? Die Mischung aus detailverliebter Retro-Ausstattung und postapokalyptischem Setting hat schon ihren besonderen Reiz. Die Geschichte wirkt verspielt und märchenhaft, aber sie hat einen sehr bösen Kern. Der Umgang der Hausbewohner mit dem Kannibalismus ist recht starker Tobak. Man könnte Kritik an unserem realen Konsumverhalten hineindeuten: Solange man nicht so genau weiß, was das Fleisch eigentlich ist, weil es sauber eingepackt und schön zubereitet ist, so dass man seine Herkunft schon rein optisch gar nicht mehr erkennen kann, ist alles kein Problem.

"Delicatessen" ist in erster Linie eine Ansammlung ausgefallener Situationen und Charaktere. Der Film wirkt deshalb etwas episodenhaft. Die Rahmenhandlung gerät aber zum Glück nie ganz aus dem Blickwinkel. Louison, Julie und der Fleischer stehen natürlich im Mittelpunkt. Dominique Pinon und Jean-Claude Dreyfus können schon allein durch ihre... hm... ungewöhnliche Physiognomie punkten. Louison ist gleichzeitig witzig und melancholisch, der Fleischer ist ungemein bedrohlich. Marie-Laure Dougnac verleiht ihrer Rolle der etwas naiven und schrecklich kurzsichtigen, gutherzigen Metzgerstochter genau den Charme, den sie braucht, damit der Zuschauer sie sofort ins Herz schließt. Viel Zeit wird aber auch auf die Vorstellung des bizarren Mikrokosmos im Haus Nr. 129b verwendet - wohlgemerkt: nicht "verschwendet", denn ohne die anderen Hausbewohner wäre der Film nur halb so gut, außerdem werden sie alle sinnvoll in die Handlung eingebunden. Meine Favoritin ist die lebensmüde Madame Interligator, die sich immer ausgefeiltere Methoden ausdenkt, um Selbstmord zu begehen, dabei aber jedes Mal scheitert. Auch nicht schlecht: Ein im Keller hausender Mann, der den gesamten Boden unter Wasser gesetzt hat, um Schnecken und Frösche züchten zu können. So ist er zwar autark und beteiligt sich nicht am makabren Geschäft des Fleischers, mutiert aber langsam selbst zu einem Amphibium. Derart verrückte Ideen ziehen sich wie ein roter Faden durch den ganzen Film, man kann sie nur als genial bezeichnen. Die Troglodisten dagegen kommen mir mit ihrer Tollpatschigkeit etwas zu albern vor.

"Delicatessen" ist ein geradezu surreales visuelles Fest für Freunde des schwarzen Humors, gespickt mit verrückten Ideen, bevölkert von absonderlichen Figuren, toll gefilmt und hervorragend gespielt. Kann man immer wieder mal anschauen; man entdeckt stets neue Details.

DVD-Features:

Das Bonusmaterial ist leider nicht besonders umfangreich. "Fein Geschnittenes" enthält unkommentierte Aufnahmen von den Dreharbeiten und vom Aufbau der Kulissen. Gar nicht mal so uninteressant; man sieht zum Beispiel, dass Dominique Pinon die Kunststücke mit den Seifenblasen und der singenden Säge wirklich beherrscht. Hinzu kommt eine kurze Zusammenstellung von Probeaufnahmen (Dialogszenen und Sets), die den fertigen Filmszenen gegenübergestellt werden.

Die Bildqualität der DVD wirkt zwar durchwachsen, aber der Sepia-Farbton und das grobe Filmkorn werden ja als Stilmittel eingesetzt, dieser Effekt ist also gewollt und war so auch im Kino zu sehen. Ansonsten ist das Bild OK, jedenfalls habe ich kaum Kompressionsartefakte gesehen.


Screenshots


Delicatessen

Die Mieter können sich noch so gut verstecken - ihr letzter Anblick...


Delicatessen

...ist immer das freudig erregte Gesicht des Fleischers...


Delicatessen

.. der ihre Überreste dann sauber verpackt, abwiegt und an die gefräßige Meute verkauft.


Delicatessen

Man kann sich natürlich auch anders ernähren, aber das wird auf die Dauer einseitig.


Delicatessen

Mademoiselle Plusse ist von dieser Art der Fleischbeschau nicht besonders angetan.


Delicatessen

Louisons neuester Trick.


Delicatessen

Julie weiß nicht, wie sie Louison die Wahrheit schonend beibringen kann.


Delicatessen

Madame Interligator hat mal wieder Stimmen gehört.


Delicatessen

Die Troglodisten haben etwas gefangen. Nur: was?


Delicatessen

"Das ist ein Job für den Australier!"


J. Kreis, 15.06.2011




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