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Brazil Brazil (GB, 1985)
DVD - Regionalcode 2, Fox Home Entertainment
FSK: 12
Laufzeit: ca. 137 Minuten

Extras
Featurette: "What is Brazil", Kinotrailer

Regie:
Terry Gilliam

Hauptdarsteller:
Jonathan Pryce (Sam Lowry)
Michael Palin (Jack Lint)
Kim Greist (Jill Layton)
Robert DeNiro (Harry Tuttle)
Katherine Helmond (Ida Lowry)
Ian Holm (Mr. Kurtzmann)




Inhalt:

Sam Lowry lebt in einem totalen Überwachungsstaat, der im bürokratischen Würgegriff des allmächtigen "Informationsministeriums" steckt und längst jeglichen Respekt vor der Freiheit und Würde seiner Bürger verloren hat. Lowry selbst ist Beamter im Informationsministerium und geht dort einer Tätigkeit nach, deren Sinn er nicht versteht und die ihn zum Ärger seiner einflußreichen Mutter, auf deren Protektion er nicht zurückgreifen will, auch beruflich nicht weiterbringt. Oft muß er auch die Fehler seines überforderten, unfähigen Chefs Kurtzmann ausbügeln, was ihm immer wieder schwere Gewissensnöte einbringt, denn im Grunde ist er ein herzensguter Mensch, der im seelenlosen Räderwerk der allgegenwärtigen, jeden einzelnen Bürger bis ins Privateste ausspionierenden Bürokratie eigentlich völlig fehl am Platze ist. Seiner tristen Existenz entflieht er durch ausufernde Tagträume, in denen er sich selbst als engelsgleiches Wesen sieht, das den gigantischen Stadtmoloch heldenhaft bekämpft. In diesen Visionen phantasiert Lowry auch von einer wunderschönen Frau - und dieser Traumfrau begegnet er in der Realität, als er wieder einmal ausbaden muß, was sein Chef ihm eingebrockt hat.

Kurtzmann hat nämlich die Verhaftung (die gleichbedeutend mit einem Todesurteil ist) des eigentlich unschuldigen Mr. Buttle zu verantworten. Der harmlose Familienvater wurde aufgrund eines simplen Schreibfehlers anstelle des "gefährlichen Terroristen" Harry Tuttle buchstäblich eingesackt - und das anschließende Verhör (ein Euphemismus für brutalste Folter) hat er nicht überlebt. Ironischerweise entpuppt Tuttle sich später als einfacher Heizungstechniker, der sich lediglich nicht den undurchschaubaren Arbeitsvorschriften beugen und nichts mit dem endlosen Papierkram zu tun haben will, was das auf strikte Einhaltung des Dienstwegs bedachte System natürlich nicht dulden kann. Lowry soll jetzt der katatonischen Witwe Buttles einen Entschädigungsscheck überbringen. Mrs. Buttles Nachbarin ist die junge Jill Layton, in der Lowry seine Fleisch gewordene Traumfrau erkennt. Natürlich will er die schöne Unbekannte wiedersehen. Um herauszufinden, wer sie ist, muß er einen höheren Rang im Informationsministerium erlangen. Deshalb nimmt er nun doch die Hilfe seiner Mutter in Anspruch, aber damit beginnen seine Probleme erst richtig. Die resolute Jill will sich nämlich mit dem Unrecht, das ihrer Nachbarin angetan worden ist, nicht zufrieden geben. Da sie sich im Informationsministerium nicht abwimmeln läßt und rabiat wird, erklärt man sie prompt zur Terroristin. Als sie verhaftet werden soll, versucht Lowry ihr natürlich zu helfen.

Lowry hat eine geniale Idee: Er fälscht eine Information, der zufolge jemand bei einer Verhaftung erschossen worden sein soll. Er setzt einfach Jills Namen in diese Meldung ein - also sollte sie jetzt offiziell tot und damit außer Gefahr sein. Der Plan funktioniert - doch nach einer mit Jill verbrachten Nacht wird Lowry infolge von Bürokratiechaos, Irrtümern und anderen Verwicklungen verhaftet, man legt ihm die absurdesten Verbrechen zur Last. Und bei dieser Aktion wird Jill tatsächlich erschossen. Lowry findet sich im Verhörstuhl wieder, und der Folterknecht (ausgerechnet Lowrys bester Freund) schickt sich an, sein grausiges Werk an ihm zu verrichten. Da brechen Tuttle und seine Guerillas in die Folterkammer ein und befreien Lowry. Auf der immer unwirklicher werdenden Flucht verschwindet Tuttle zwar in einem Wust von Formularen, aber Lowry und Jill können gemeinsam fliehen und irgendwo auf dem Land ein neues, freies Leben beginnen. Aber all das findet nur in Lowrys Kopf statt. In Wirklichkeit sitzt er immer noch im Verhörstuhl: Sein Geist ist vor dem Grauen der Folter in eine Phantasiewelt geflohen...

Der Film:

Franz Kafka und George Orwell hätten ihre helle Freude an diesem Film gehabt. Mir geht es genauso - aber nur, solange ich mich in der Rolle des Zuschauers befinde. Der Gedanke, eine Review zu diesem Film zu schreiben, hat mir dagegen den Angstschweiß auf die Stirn getrieben, denn es ist praktisch unmöglich a) die verzwickte, verschachtelte Handlung verständlich zusammenzufassen und dann auch noch b) zu erklären, warum man den Film so genial findet. Die eigentliche Handlung, die an und für sich schon komplex genug ist und immer wieder in surreale Nebenstränge abdriftet, ist nämlich nicht alles. Der Film strotzt nur so vor Anspielungen auf andere Filme und Seitenhieben auf unser alltägliches Leben, immer wieder werden kleine Zitate eingebaut. Jede Szene ist vollgepackt mit einer Unmenge an Details, die man unmöglich alle beim ersten Sehen erkennen oder zuordnen kann. Ich versuche es trotzdem mit einer kleinen Review, aber seid mir nicht böse, wenn ihr aus dem jetzt folgenden Geschwafel nicht schlau werdet. Am besten schaut ihr euch den Film einfach selbst an, denn eigentlich sollte man ihn sowieso mindestens einmal gesehen haben. Wenn ihr "Brazil" noch nicht kennt, dann habt ihr definitiv eine Bildungslücke, die ihr schleunigst schließen solltet.

Terry Gilliam, Regisseur von "Brazil" und ehemaliges Mitglied der Monty Python - Truppe, ist immer ein Garant für schräge Einfälle gewesen, sein Stil ist einfach unverkennbar. Sein erster eigener Film, Jabberwocky, war denn schon ein Sammelsurium chaotisch-absurder Szenen und bizarrer Figuren, dessen Humor zwar tiefschwarz ist, aber doch ganz anders funktioniert als das, was man von den Pythons kennt. Das trifft auch auf "Brazil" zu, aber hinzu kommt hier noch eine kafkaeske, alptraumhafte Atmosphäre, die sich wie ein roter Faden durch den ganzen Film zieht und von Anfang an keine Zweifel daran offen läßt, daß das vermeintliche "Happy End" tatsächlich nur eine Illusion sein kann. Denn in der Welt, die Gilliam ersonnen hat, ist der Wahnsinn der einzige Ausweg aus der Verzweiflung und die einzige Möglichkeit, sich dem Zugriff der total außer Kontrolle geratenen Bürokratie zu entziehen. In Wirklichkeit wird jeder gnadenlos zermalmt, der einmal ins Mahlwerk dieses Apparats geraten ist, dieses Molochs, der eigentlich nichts anderes tut, als sich selbst zu verwalten und alles zu eliminieren, was seine Existenz gefährden oder auch nur in Frage stellen könnte.

"Brazil" wird manchmal in die Kategorie "Komödie" eingeordnet, aber dort gehört der Film überhaupt nicht hin. Tatsächlich ist "Brazil" einer der bösesten Filme, die ich kenne. Natürlich gibt es einige durchaus witzige Szenen, die manchmal in Slapstick ausarten. Beispiel: Als Tuttle die Schutzanzüge der "ordentlichen" Monteure mit Fäkalien-Abwasser füllt, dann ist das purer Klamauk. Der Tonfall solcher Szenen schlägt aber immer wieder sehr schnell um, so auch in der genannten Szene, denn die Monteure ertrinken buchstäblich in der Brühe. Auf Witzigkeit ist der Film denn auch nicht angelegt. Wenn Komik entsteht, dann durch die Absurdität der Situationen oder die Verhaltensweisen der Figuren - deren Dämlichkeit im Zusammenhang mit der Macht, die sie ausüben, aber wiederum dafür sorgt, daß aus Komik schnell Bedrohlichkeit wird. Im Verlauf des Films beginnen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion immer mehr zu verschwimmen. Tatsächlich könnte ich nicht genau sagen, ab welcher Stelle man nur noch Lowrys Wunschvorstellungen miterlebt - ist es die Szene, in der er von Tuttles Guerillas befreit wird, oder hat der "Wechsel" schon viel früher stattgefunden?

Warum all das so gut funktioniert, obwohl der Film so chaotisch ist? Keine Ahnung. Vielleicht liegt es an den tollen schauspielerischen Leistungen (Robert DeNiro als Tuttle ist einfach hinreißend, man sieht ihm die Spielfreude richtig an) oder am phantastischen Set-Design. Sowohl Lowrys Traumwelten als auch die triste Stadt und die bunte Scheinwelt der Reichen sind auch im Zeitalter der CGI-Effekte noch ungemein beeindruckend und absolut überzeugend.

Dies ist kein Film für "Zwischendurch". Er ist teilweise, was die Gewaltdarstellung (oder besser gesagt: Die unmißverständliche Andeutung von Gewalt) angeht, auch recht starker Tobak. Der Humor ist so tiefschwarz, daß einem schonmal das Lachen im Halse steckenbleibt. Trotzdem oder gerade deshalb gehört "Brazil" in jede Filmsammlung.

Die DVD:

Auf dem DVD-Cover steht, der Film sei ca. 124 Minuten lang. Diese Angabe ist definitiv falsch! Incl. Abspann hat der Film nämlich eine Länge von gut 137 Minuten. Also keine Angst: Der Film ist nicht gekürzt und es handelt sich auch nicht etwa um die vom Produzenten Sheinberg verstümmelte Version, die man auch ironisch als "Love conquers all" - Cut bezeichnet.

Die Featurette "What is Brazil" läuft ca. 30 Minuten lang und ist kein richtiges Making of - aber auch keine reine Werbeveranstaltung. Sie scheint während der Dreharbeiten zum Film entstanden zu sein. Natürlich wird die Frage, was "Brazil" denn nun eigentlich ist, nicht wirklich beantwortet, aber man erfährt doch einiges zum Enstehungsprozeß des Films und bekommt auch mindestens eine Szene zu sehen (oder wenigstens die Kulisse dafür), die es nicht in den endgültigen Film geschafft hat. Schon witzig, wenn man sieht, wie Schauspieler und Produktionsteam in Interviews zu erklären versuchen, wie sie "Brazil" interpretieren - sie scheinen es alle selbst nicht so recht zu wissen.

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