Baraka


Baraka (USA, 1992)

Blu-ray, MPI Home Video
Altersfreigabe: FSK "Infoprogramm"
Laufzeit: ca. 97 Min.

Extras
- Baraka: A closer Look (76:23 Min.)
- Restoration (7:04 Min.)

Regie:
Ron Fricke




Inhalt / Kommentar

Au weia, wie beschreibe ich diesen Film? Ist es ein Spielfilm? Eine Dokumentation? Eine audiovisuelle Meditation? Nichts davon oder alles zugleich? Schwierig, schwierig! "Baraka" ist kein Spielfilm, weil es keine Handlung gibt, die durch Schauspieler vermittelt werden könnte. Und doch ist es ein Spielfilm, weil trotz des Fehlens von Schauspielern und vordergründiger Handlung eine Art Geschichte erzählt wird, nämlich die Geschichte vom Leben des Menschen mit der Natur - oder gegen die Natur. "Baraka" zeigt Landschaften, Tiere, Naturphänomene, von Menschen geschaffene Kunstwerke, Städte, Fabriken, Szenen des alltäglichen Lebens und vieles mehr aus aller Herren Länder. Dennoch ist "Baraka" eigentlich kein Dokumentarfilm, denn es wird nichts erklärt oder kommentiert. Es gibt keinen Erzähler und keine Untertitel, so dass man nicht erfährt, was da eigentlich gerade zu sehen ist, wenn man es nicht schon kennt. "Baraka" ist mehr als lediglich eine Zusammenstellung von Bildern, die während einer Weltreise gemacht wurden - dann wäre der Film kaum besser als eine heimische Urlaubs-Diashow. Stattdessen werden die Aufnahmen thematisch miteinander verknüpft und zusammen mit der "sphärischen" Musik zu einem facettenreichen Gesamtbild verwoben, das mich von der ersten bis zur letzten Minute in seinen Bann gezogen hat. Und das, obwohl gar nicht mal so viel Neues gezeigt wird; es sind einfach die ungewöhnlichen Perspektiven, die ruhigen Kamerafahrten, langen Zeitrafferaufnahmen und eben das Fehlen eines Kommentars, die den Film so faszinierend machen.

Der Film beginnt mit wundervollen Aufnahmen unberührter Natur. Später sieht man "primitive" Völker, die geradezu Bestandteil des Dschungels zu sein scheinen, in dem sie leben. Andere haben sich die Natur schon ein wenig untertan gemacht. Felder wurden angelegt, Hütten wurden gebaut, aber es herrscht immer noch Harmonie. Dann beginnt sich der Grundton zu ändern. Man sieht Arbeiterinnen, die zu Hunderten an endlos langen Tischen in einer Fabrikhalle sitzen und Zigaretten drehen. Menschenmassen wuseln durch einen U-Bahnhof. In einer Parallelmontage werden unzählige Küken gezeigt, die durch Sortiermaschinen geschleust werden, bis sie in einer Legebatterie enden. Arbeiter bedienen die gigantischen Schmelzöfen in einem Stahlwerk. Verstopfte Straßen in einer Großstadt. Bettelnde, auf sich gestellte Kinder. Menschen, die auf Müllhalden nach verwertbaren Resten suchen. Aufgetürmte Schuhe in einem Konzentrationslager. Knochenberge in einer Killing Fields - Gedenkstätte. Brennende Ölfelder (Folgen des erster Irakkriegs). Erneut ändert sich das Thema, es geht dann um Religionen und Riten: Pilger bei der Kaaba, Totenverbrennung am Ganges, eine katholische Messe...

Das Wort "Baraka" bedeutet soviel wie "Atem des Lebens". Das umschreibt den Film ganz gut. Er zeigt unglaublich schöne Landschaftsaufnahmen und macht die Vielfalt der Kulturen sowie die unzähligen Spielarten der menschlichen Spiritualität deutlich, obwohl im gesamten Film kein einziges Wort gesprochen wird. Der Film ist fesselnd, ohne oberflächlich unterhalten zu wollen, und lehrreich, ohne belehren zu wollen. Wahrscheinlich wird jeder Zuschauer das Gezeigte anders interpretieren, und zumindest für mich steht fest, dass ich den Film noch mehrmals anschauen werde, denn man kann die Detailfülle beim ersten Mal noch gar nicht richtig würdigen. Das HD-Format ist genau das richtige Medium für einen solchen Film. Man kann die Blu-ray definitiv als Referenzmaterial verwenden, denn eine bessere Bildqualität als hier ist mir noch nicht untergekommen. Dass ein zwanzig Jahre (!) alter Film so fantastisch aussehen kann, hätte ich nicht gedacht. Die Bilder sind schlicht und einfach atemberaubend: Alles ist so plastisch, detailreich, scharf, brillant und farbenprächtig, als wäre man selbst vor Ort. Großartig.

Blu-ray-Features

"Baraka" wurde aufwändig restauriert. Die originalen 65 mm - Negative wurden Bild für Bild gescannt und digital überarbeitet, wobei Artefakte und Beschädigungen entfernt wurden. Die Digitalisierung erfolgte in 8k-Abtastung und es wird damit geworben, dass der Film im Ultra-HD-Format vorliegt. Laut Wikipedia bedeutet das, dass eine weit höhere Auflösung möglich wäre als beim für Blu-rays ansonsten üblichen Format. Ein Bild im Full-HD-Format hat 1920 x 1080 Pixel. Ultra-HD hat eine Auflösung von 7680 4320 Pixeln. Der Digitalisierungs- und Restaurationsprozess wird in der kürzeren der beiden Dokumentationen dieser Blu-ray erläutert.

Die längere Doku (beide stammen aus 2008) bietet unter anderem das, was der Film ein wenig vermissen lässt: Hier erfährt man, wo gedreht wurde und was da überhaupt zu sehen ist. In aktuellen Interviews berichten der Regisseur und sein damaliges Team von der beschwerlichen Reise rund um die Welt, die sie auf sich nehmen mussten, um die grandiosen Momentaufnahmen in den Kasten zu kriegen. Es muss zum Teil ziemlich schwierig gewesen sein, die Ausrüstung von A nach B zu transportieren - vom Kampf um die Drehgenehmigungen in Krisengebieten ganz zu schweigen. Die zum Einsatz kommende Technik wird erläutert, Anekdoten von der Reise und den Dreharbeiten werden erzählt. Man sieht das Team bei der Arbeit und erfährt, dass neben den minutiös geplanten Aufnahmen auch viele spontane, zufällige Eindrücke und Begegnungen auf Film gebannt wurden. Sehr interessant und als Ergänzung zum Film fast unverzichtbar. Einziges Manko: Es gibt keine deutschen Untertitel.


J. Kreis, 03.10.2012




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