Babylon A.D.


Babylon A.D. (USA / F / GB, 2008)

Blu-ray, Concorde Home Entertainment
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: ca. 101 Minuten

Extras
- Interviews mit Darstellern und Regisseur (57:57 Min.)
- B-Roll: Ein Blick hinter die Kulissen (10:31 Min.)
- Vom Buch zum Film (11:03 Min.)
- Kampfsport und Stunts im Film (7:02 Min.)
- Einblick in die Snowmobil-Verfolgungsjagd (11:40 Min.)
- Analyse der Hetzjagd mit Hummer-Jeeps (7:58 Min.)

Regie:
Mathieu Kassovitz

Hauptdarsteller:
Vin Diesel (Toorop)
Melanie Thierry (Aurora)
Michelle Yeoh (Schwester Rebecca)
Charlotte Rampling (Hohepriesterin der Noeliten)
Gerard Depardieu (Gorsky)
Lambert Wilson (Dr. Arthur Darquandier)




Inhalt:

In naher Zukunft gewinnt die Kirche der Noeliten immer mehr Macht und hat schon bald viele Millionen Mitglieder. Im Auftrag ihrer Hohepriesterin stellen die Wissenschaftler der Noeliten immer neue "Wunder" her, die von der Kirche werbewirksam ausgeschlachtet werden können. Eines dieser Wunder ist Aurora, ein von Dr. Arthur Darquandier künstlich erschaffener Mensch, dem schon als Fötus mit Hilfe eines Supercomputers das gesamte Wissen der Menschheit vermittelt wird. Darquandiers Ziel besteht eigentlich darin, die Evolution der Menschheit auf die nächste Stufe zu heben - Aurora soll der erste Schritt auf diesem Weg sein. Sie ist genetisch darauf programmiert, zu einem bestimmten Zeitpunkt schwanger zu werden. Die Hohepriesterin will sich diese "Jungfrauengeburt" zu gegebener Zeit zu Nutze machen, um Auroras Nachkommen zu einer Art Messias ihrer Kirche aufzubauen. Es gelingt Darquandier jedoch nicht, in Aurora lediglich eine Versuchsperson zu sehen. Für ihn ist sie wie eine Tochter. Er will sie vor der skrupellosen Hohepriesterin schützen und wird daraufhin in deren Auftrag vom Killer Gorsky beseitigt. Aurora wächst in einem abgelegenen Kloster in der Mongolei heran, betreut von einer Noelitenschwester namens Rebecca. Aurora kann Informationen wie ein Computer verarbeiten, spricht bereits im Alter von zwei Jahren neunzehn Sprachen fließend, kann manchmal künftige Ereignisse vorhersehen und Gedanken bzw. Gefühle anderer Menschen lesen. Eines Tages stellt ein Noeliten-Arzt fest, dass Rebecca schwanger ist. Sie muss deshalb nach New York zum Hauptsitz der Kirche gebracht werden - kein einfaches Unterfangen, denn ganz Osteuropa ist ein hoffnungslos überbevölkerter Sumpf des Verbrechens, der Korruption und der allgegenwärtigen Gewalt.

Von alldem ahnt der Söldner Toorop noch nichts, als er drei Monate später von Gorsky (inzwischen zum reichen Gangsterboss aufgestiegen) auf recht unsanfte Weise den Auftrag erhält, ein ganz bestimmtes "Paket" nach New York City zu liefern. Der Preis dafür ist nicht nur eine halbe Million, sondern auch eine neue Identität, denn Toorop steht in der westlichen Welt auf den Fahndungslisten und darf sich nicht in den USA blicken lassen. Toorop möchte nur zu gern in seine alte Heimat zurückkehren und lässt sich daher auf den Handel ein. Das "Paket" besteht aus Aurora und Schwester Rebecca. Ein Fahrzeug sowie ein umfangreiches Waffenarsenal wird Toorop zur Verfügung gestellt. Dass mit Aurora etwas nicht stimmt, stellt Toorop erstmals fest, als sie eine Explosion in einem Bahnhof vorhersieht. Als Toorop Kontakt mit dem Schleuser Finn aufnimmt, kommt es zu einem weiteren Zwischenfall. Unbekannte greifen an und wollen Aurora entführen. Als ihr Anführer behauptet, dies geschehe im Auftrag von Auroras Vater, will sie freiwillig mitgehen. Das wird jedoch von Toorop verhindert. Ein altes russisches U-Boot bringt die Gruppe nach Alaska. Dort geht die Reise mit Schneemobilen weiter. Als Toorop im Kampf gegen bewaffnete Drohnen verwundet wird, will Finn, der Auroras Wert erkannt hat, ihn und Rebecca erschießen, um Aurora für sich selbst zu beanspruchen. Toorop kann ihn mit letzter Kraft töten. Aurora versorgt Toorops Wunde und rettet sein Leben. Dadurch kommen sich die beiden näher. Toorop betrachtet Aurora nicht mehr als abzuliefernde Ware, sondern als Freundin.

In den USA injiziert sich Toorop den von Gorsky erhaltenen mikroskopisch kleinen UN-Pass. Zu spät erfährt er, dass er darüber jederzeit geortet werden kann. Das Trio bezieht ein luxuriöses Appartement in New York. Der Noeliten-Arzt erscheint und zeigt sich äußerst zufrieden über Auroras Zustand; sie trägt Zwillinge, deren Geisteskräfte die ihren bereits weit übersteigen. Die Übergabe wird zu einem Massaker, denn Toorop will nicht zulassen, dass Aurora von den Noeliten missbraucht wird. Rebecca fällt im Kugelhagel, Toorop wird angeschossen. Ein Killer feuert eine auf seinen Peilsender programmierte Rakete ab. Um ihn zu retten, erschießt Aurora ihn - als seine Lebensfunktionen erlöschen, stellt der Peilsender die Tätigkeit ein. Einige Tage später kommt Toorop wieder zu sich. Er wurde von Dr. Darquandiers Leuten geborgen und ins Leben zurückgeholt. Ein Arm und ein Unterschenkel mussten durch kybernetische Prothesen ersetzt werden. Von Darquandier, der ebenfalls quicklebendig ist (wenn auch als halbe Maschine), erfährt Toorop endlich die Wahrheit über Aurora. Angeblich hat sie alle Ereignisse bis zu ihrem vermeintlichen Tod bei der Raketenexplosion geplant. Durch eine Maschine werden die letzten Bilder ausgelesen, die Toorop vor seinem Tod gesehen hat. So wird deutlich, dass Aurora die Explosion der Rakete überlebt und gesagt hat, Toorop solle "nach Hause gehen". Somit ist klar, wo sie sich versteckt: Auf der alten Farm der Familie Toorops. Er hatte ihr während der Reise von seinem Traum erzählt, diese Farm wieder aufzubauen.

Während Toorop sich auf den Weg dorthin macht, schaltet die Hohepriesterin zunächst Gorsky aus und sucht dann Darquandier auf. Da er eisern schweigt, erschießt sie ihn. Toorop findet Aurora wie erwartet im zerfallenen Farmhaus und bringt sie in Sicherheit. Doch er kann sie nicht wirklich retten, denn sie wurde nur erschaffen, um die nächste Generation von Supermenschen zu gebären und dann zu sterben. Sie fällt ins Koma und erwacht erst kurz vor der Geburt noch einmal. Sie bittet Toorop, der sie in all der Zeit bewacht hat, für ihre Kinder zu sorgen.

Der Film:

Das jedenfalls ist das Ende der europäischen Version. Die US-Kinoversion endet anders. Aurora stirbt möglicherweise nicht. Man sieht, dass Toorop einige Jahre später mit den Zwillingen (ein Junge und ein Mädchen) in idyllischer Natur lebt, sehr wahrscheinlich auf seiner wieder aufgebauten Farm. Das ist aber nicht der einzige Unterschied zwischen den beiden Versionen. Interessanterweise wurden in der US-Version nicht in erster Linie Gewaltszenen entfernt - im Gegenteil: Am Schluss wurde noch eine sinnlose Verfolgungsjagd eingebaut - sondern vorwiegend Dialoge, in denen Kritik an den Machenschaften der Kirche zum Ausdruck kommt. Die Geschichte wird übrigens nicht so chronologisch erzählt, wie ich sie zusammengefasst habe. Man erfährt die Hintergründe nach und nach durch Erzählungen Rebeccas und Darquandiers.

Die Kirchenkritik kommt aber auch wirklich ziemlich zynisch daher: Gott wird nicht mehr gebraucht, Wissenschaft und Technik sind an seine Stelle getreten. Die Kirche schafft sich ihre Wunder, ihre Jungfrau Maria und ihren Messias selbst, und zwar ausschließlich zu einem einzigen Zweck: Um neue Mitglieder anzuwerben, die mehr Geld in die Kasse der Kirche bringen sollen. Das ist nur ein Aspekt des dystopischen Weltbilds in diesem Film. Die Unterschiede zwischen Ost und West, Arm und Reich, Überwachungsstaat und Anarchie könnten größer nicht sein. Lowtech, allgegenwärtiger Dreck und unkontrollierte Gewalt auf der einen Seite, eine im grellen Neonlicht erstrahlende, vermeintlich schöne und doch genauso verkommene Hightech-Welt auf der anderen. Diese Gegensätze werden optisch sehr schön in Szene gesetzt, besonders gut gefällt mir die Verwendung verschiedener Kulturen aus Ost und West. Man fühlt sich in eine realistische Welt versetzt, die in naher Zukunft genau so wirklich existieren könnte. Übertrieben futuristisch wirkt das Ganze nicht; fliegende Autos oder dergleichen kommen nicht vor. Stattdessen werden Technologien eingesetzt, die wir heute schon benutzen, sie wurden einfach ein wenig verfeinert und bleiben somit durchaus plausibel.

Der wirklich interessante Weltenentwurf bleibt letztlich aber doch nur Kulisse für eine straff durcherzählte Story mit reichlich Action. Das ist zwar schade, andererseits hätte es vermutlich dem Tempo und auch der Spannung geschadet, wenn man ausführlicher auf die gesellschaftskritischen Ansätze eingegangen wäre. Vin Diesel schießt und prügelt sich souverän wie immer durch die zwar nicht besonders originelle, aber gut inszenierte Geschichte. Er kann so grimmig brummen, seine Stirn in so tiefe Falten legen und so viele Narben im Gesicht haben wie er will - er bleibt doch immer sympathisch. In Melanie Thierry findet der Zuschauer Toorops genaues Gegenteil. Sie verkörpert das trotz unglaublicher Fähigkeiten naive und hilfslose Klosterkind sehr glaubwürdig - allerdings kann man deshalb nicht so recht akzeptieren, dass sie alles geplant haben soll. Vielleicht hätte man Charlotte Ramplings Rolle etwas mehr ausbauen sollen, denn sie gibt eine wunderbar gefühlskalte Hohepriesterin ab. Und Gerard Depardieu scheint viel Spaß dabei gehabt zu haben, den hässlichen Fiesling Gorsky zu spielen.

"Children of Men" mit mehr Action - so könnte man "Babylon A.D." vielleicht bezeichnen. Ein solider SF-Thriller, der nicht ganz auf ein bisschen Tiefgang verzichtet, wobei mehr angedeutet als ausgearbeitet wird. Dazu noch ausgestattet mit guten Spezialeffekten, aber erfreulich wenig CGI. Das reicht auf jeden Fall für einen vergnüglichen Heimkinoabend.

Blu-ray-Features:

Die Blu-ray ist mit umfangreichem Bonusmaterial ausgestattet. Allein die Interviews sind schon fast eine Stunde lang, sie stammen aber aus verschiedenen Quellen. Während Vin Diesel und Melanie Thierry mit einem Interviewer sprechen, der intelligente Fragen über den Glauben, den multikulturellen Ansatz des Films usw. stellt (lustig: Thierry versteht so manche Frage gar nicht...), beschreiben Lambert Wilson und Mathieu Kassovitz ihrem Interviewpartner nur mehr oder weniger den Film und ihre Einstellung dazu. Dabei laufen im Hintergrund die immer gleichen Bilder des Filmtrailers ab.

Das übrige Bonusmaterial setzt sich aus fünf Featurettes zusammen, die einen ganz guten Einblick in den Produktionsprozess ermöglichen und in denen auch Filmszenen zu sehen sind (die Verfolgungsjagd am Schluss), die in der europäischen Version nicht enthalten sind. Der Film basiert auf dem mir nicht bekannten Roman "Babylon Babies" von Maurice Dantec. Der Schriftsteller kommt selbst zu Wort und spricht über das Buch. Man erfährt, dass die Szenen mit den Schneemobilen unter Mitwirkung einer Gruppe von Extremsportlern namens "Slednecks" entstanden sind, die alle Stunts selbst gemacht haben - und dass Vin Diesel, das große Kind, einen Riesenspaß mit seinem Schneemobil hatte.


J. Kreis, 12.05.2011




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