Arrival


Arrival (USA, 2016)

Blu-ray, Sony Pictures Home Entertainment
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: ca. 116 Minuten

Extras:
- Xenolinguistik: Arrival verstehen (30:02 Min.)
- Ewige Wiederholung: Die Filmmusik (11:24 Min.)
- Akustische Signaturen: Das Sound-Design (13:59 Min.)
- Nichtlineares Denken: Der Schnitt-Prozess (11:19 Min.)
- Prinzipien von Zeit, Gedächtnis & Sprache (15:24 Min.)

Regie:
Denis Villeneuve

Hauptdarsteller:
Amy Adams (Dr. Louise Banks)
Jeremy Renner (Ian Donnelly)
Forest Whitaker (G.T. Weber)




Story

Zwölf riesige Raumschiffe erscheinen in verschiedenen Ländern der Erde. Die Außerirdischen - große nicht-humanoide Wesen, die als Heptapoden bezeichnet werden - gewähren den Menschen Zutritt. Sie selbst verlassen ihre Schiffe nicht. Sie zeigen sich ihren Besuchern lediglich in einem Raum hinter einer transparenten Scheibe. Obwohl sich die Heptapoden völlig friedlich und passiv verhalten, kommt es überall auf der Welt zu schweren Ausschreitungen. Manche Menschen sehen das Ende der Welt gekommen, glauben an eine Invasion oder lassen sich einfach von der allgemeinen Unruhe anstecken. Niemand versteht die Sprache der Heptapoden, so dass der Grund ihrer Ankunft unbekannt bleibt. Das US-Militär riegelt die Landestelle des in Montana erschienenen Raumschiffes ab und richtet ein Camp ein, in dem Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche unter strenger Geheimhaltung an der Erforschung des Schiffes und seiner Besatzung arbeiten - mit geringem Erfolg, bis Colonel G.T. Weber die Linguistin Dr. Louise Banks hinzuzieht. Es gelingt ihr, echten Kontakt mit den Heptapoden herzustellen. Sie erkennt, dass diese Wesen Logogramme anstelle einer Buchstabenschrift verwenden. Es handelt sich um komplexe, universell anwendbare Symbole mit vielfältiger Bedeutung.

In mühsamer Kleinarbeit entschlüsseln Louise und der Physiker Ian Donnelly, der sich allmählich in seine Kollegin verliebt, immer mehr Symbole. Als Louise in der Sprache der Heptapoden zu denken beginnt, hat sie immer wieder Visionen von sich und einem Mädchen, das an einer unheilbaren Krankheit stirbt. Das Mädchen scheint Louises Tochter Hannah zu sein, doch Louise war nie verheiratet und hat keine Kinder. Auch in anderen Ländern werden Fortschritte gemacht. Einige Nachrichten der Heptapoden lassen sich mit "Waffe anbieten" oder "Waffe nutzen" übersetzen. Daraufhin betrachtet China die Heptapoden als Bedrohung und bereitet einen Präventivschlag vor, der von General Shang geführt werden soll, sofern die Heptapoden das chinesische Hoheitsgebiet nicht innerhalb von 24 Stunden verlassen. Mehrere Länder schließen sich an. Auch in den USA wächst die Besorgnis, insbesondere nachdem einige Hardliner einen Anschlag auf das Raumschiff verüben, der nicht ganz folgenlos bleibt. Das Schiff bleibt unbeschädigt, aber ein Heptapode wird getötet. Weber erhält den Befehl, die Zusammenarbeit mit den Forschungsteams der anderen Länder zu beenden und das Camp zu räumen. Louise und Ian ahnen, dass diese Reaktion das genaue Gegenteil dessen ist, was die Heptapoden erreichen wollten. Jedes Schiff übermittelt ein Zwölftel einer umfassenden Botschaft, die nur in der Gesamtschau verständlich wäre. Also müssten alle Nationen zusammenarbeiten, um zu verstehen, warum die Heptapoden zur Erde gekommen sind.

Seit dem Attentat ist das Raumschiff in Montana für die Menschen nicht mehr erreichbar, aber Louise wird mit einer Art Beiboot hereingehot. Endlich erfährt sie, was die Heptapoden beabsichtigen und was es mit den Visionen auf sich hat. Die Heptapoden nehmen Zeit anders wahr als Menschen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind für sie eins. Wer ihre Sprache verinnerlicht, erwirbt diese Fähigkeit. Louise "erinnert" sich somit an die Zukunft und den Tod einer Tochter, die sie noch nicht hat. Die vermeintliche Waffe, von der die Heptapoden gesprochen haben, ist in Wahrheit ein Werkzeug. Damit ist ihre Sprache gemeint, die die nichtlineare Zeitwahrnehmung ermöglicht. In 3000 Jahren, so erfährt Louise, bevor sie entlassen wird, werden die Heptapoden die Hilfe der durch die Universalsprache geeinten Menschheit brauchen. Inzwischen steht der chinesische Angriff unmittelbar bevor. Louise geht ein großes Risiko ein, indem sie das Satellitentelefon eines Geheimdienstmannes stiehlt und Shang auf dessen Privatnummer anruft. Diese Nummer kennt sie durch die "Erinnerung" an ein zukünftiges Treffen mit dem General, bei dem dieser ihr außerdem verrät, was seine Frau auf dem Sterbebett gesagt hat. Dieses Wissen nutzt Louise, um Shang dazu zu bringen, den Angriff abzubrechen. Ian steht Louise bei, als sie von Geheimdienstleuten bedroht wird.

In der folgenden Zeit teilen die USA und China ihre Erkenntnisse miteinander. Die anderen Nationen schließen sich an. Die Raumschiffe verschwinden. Louise und Ian heiraten, sie bekommen ein Kind, das sie Hannah nennen. Louise kennt das Schicksal ihrer Tochter. Dennoch lässt sie den Geschehnissen ihren Lauf, denn sie weiß, dass ihr auch glückliche Zeiten bevorstehen.


Kringels Meinung

Dieser Film basiert auf der Kurzgeschichte "Geschichte deines Lebens" von Ted Chiang, enthalten in der Sammlung Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes. Chiangs Storys sind nicht zuletzt aufgrund ihrer Vielschichtigkeit faszinierend, und ich finde, dass dieser Aspekt in "Arrival" hervorragend umgesetzt wurde. So geht es in "Geschichte deines Lebens" und der Verfilmung nur vordergründig um die Frage, wie wir mit Außerirdischen umgehen würden, insbesondere solchen, deren Sprache wir nicht verstehen, mit denen es schon aufgrund ihres völlig fremdartigen Erscheinungsbildes keine gemeinsame Basis geben kann und deren Denkweise für uns nicht nachvollziehbar ist. Die Heptapoden passen nicht ins Klischee der eroberungswütigen Tentakelwesen (ihr Erscheinungsbild ist vermutlich als Insidergag gemeint), denn sie kommen nicht als Invasoren. Dass die Menschheit auf diese Wesen, die zunächst einmal vollkommen passiv bleiben, mit Ablehnung und Aggression reagiert, könnte als Seitenhieb auf zurzeit weltweit spürbare Tendenzen verstanden werden. Die Heptapoden bringen Geschenke, um die Menschheit auf ein höheres Entwicklungslevel zu heben. Das ist keine neue Idee in der Science Fiction, aber dass es sich bei den Geschenken nicht etwa um Produkte einer überlegenen Technologie handelt, sondern um eine Sprache - allein das ist schon eine für Chiang typische ungewöhnliche Idee.

Story und Film haben aber noch weitere Ebenen. Zunächst einmal dreht sich alles um die Sprache. Ist die im Film erwähnte Sapir-Whorf-Hypothese (siehe Wikipedia) richtig, der zufolge unser Denken, genauer gesagt unsere Wahrnehmung der Welt, durch unsere Sprache beeinflusst wird, und stimmt es, dass sich unser Bewusstsein verändern kann, wenn wir eine andere Sprache lernen? "Zeit" oder die Wahrnehmung derselben ist ein weiteres Thema. Vergeht Zeit überhaupt oder glauben wir das nur, weil uns die "Sinnesorgane" fehlen, mit denen wir Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit gleichzeitig "sehen" könnten? In diesem Zusammenhang kann der Konflikt Vorherbestimmung vs. freier Wille nicht unerwähnt bleiben. Muss sich alles so ereignen, wie Louise es in ihren Visionen erlebt, oder hätte sie eine Wahl? Die Story legt sich diesbezüglich nicht so fest wie der Film, wenn ich mich recht erinnere. Sich mit etwas abzufinden, das man nicht ändern kann - das ist ein weiteres zentrales Thema. Wie kann Louise die schönen Zeiten mit Hannah genießen und glücklich sein, obwohl sie bereits weiß, was geschehen wird? Sie muss sich auf dieses Leben einlassen und es so akzeptieren, wie es ist. "Arrival" bietet also reichlich Stoff zum Nachdenken. Verkopft ist der Film aber keinesfalls! Und auch alles andere als langweilig, selbst wenn man den Plot-Twist schon kennt und weiß, dass sich Louise gar nicht an eine gemeinsame Vergangenheit mit ihrer Tochter erinnert, sondern die Zukunft vorhersieht.

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass sich das Drehbuch einige Freiheiten im Umgang mit der Story herausnimmt. Darin landen die Schiffe zum Beispiel nicht, stattdessen werden an 112 Stellen auf der Erde kleine Vorrichtungen zur Kontaktaufnahme aufgestellt. Vor allem aber gibt es kein Attentat fehlgeleiteter Militärs und keinen Angriff der Chinesen. Stattdessen wird viel mehr auf das Wesen der Sprache bzw. der Kommunikation an sich, auf Physik usw. eingegangen. Im Film gibt es also mehr Action als in der Story, aber das finde ich völlig in Ordnung, zumal die Action sehr sparsam eingesetzt wird. "Arrival" ist ein ruhiger Film, dessen Stärken neben der faszinierenden Thematik in den phantastischen Bildern und der großartigen Hauptdarstellerin liegen. Die dicht über der Erde schwebenden gigantischen Schiffe mit ihrem merkwürdigen Design und dem sich im Inneren umkehrenden Schwerkraftvektor, die tollen Landschaftsaufnahmen, die Heptapoden selbst ... das sind wunderbare Anblicke, deren Wirkung durch den mal bombastischen, mal ergreifenden und teils recht ungewöhnlichen Soundtrack noch verstärkt wird. Amy Adams ist im wahrsten Sinne des Wortes das Herz des Films. Sie erdet ihn und gibt ihm emotionale Tiefe. Egal ob als ganz in ihrer Arbeit aufgehende Wissenschaftlerin oder als Mutter in den immer wieder eingestreuten Zukunftsvisionen - sie hat mich hundertprozentig für sich eingenommen.

Mit "Arrival" wird wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass SF-Kino mehr sein kann als Sternenkrieg, Superheldenaction und sonstiger Effektbombast. Es ist ein Film für Auge, Herz und Kopf! Absolut empfehlenswert - auch für Nicht-SF-Fans.


Extras

In den fünf Featurettes wird neben Filmausschnitten auch Hinter-den-Szenen-Material gezeigt, aber eher nebenbei. Die Interviews drehen sich mehr um die im obigen Kommentar angesprochenen zentralen Fragen sowie um die Gedanken, die man sich zu Sound/Musik, zum Design der Schiffe und der Heptapoden sowie zu deren Sprache gemacht hat. Es wird deutlich, dass mit viel Sorgfalt an all das herangegangen wurde - das Ergebnis spricht für sich! So wurden der Physiker Stephen Wolfram und die Linguistin Jessica Coon als wissenschaftliche Berater hinzugezogen. Unter anderem wurde mit ihrer Hilfe eine Symbolsprache entwickelt, die wirklich funktioniert. Besonders interessant fand ich, dass das Innere der Heptapodenschiffe gebaut wurde. Ich hatte gedacht, dass die Schauspieler vor Greenscreens gefilmt wurden; tatsächlich konnten sie in einem riesigen Bühnenbild agieren.

Ted Chiang, Autor der zugrunde liegenden Kurzgeschichte, kommt auch zu Wort. Er erklärt unter anderem, wie sich die Idee zur Kurzgeschichte entwickelt hat. Er sagt, er habe nicht gedacht, dass diese Story überhaupt verfilmbar ist ... Chiang, Wolfram und Coon gehen näher darauf ein, wie physikalische Systeme, Wahrnehmung und Sprache funktionieren. Aus Sicht eines Phyiskers, so ist zu erfahren, gibt es eigentlich keinen Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Warum also können wir uns an die Vergangenheit erinnern, aber nicht an die Zukunft? Es wird eine Erklärung geliefert, sie hat etwas mit der Entropie zu tun. Wirklich verstanden habe ich sie nicht. Logischer fand ich einen anderen Denkanstoß. Wenn alles, was je geschehen ist und noch geschehen wird, eine Abfolge von Ursachen und Wirkungen ist, muss die Zukuknft vorherbestimmt sein - und sich vorhersagen lassen, quasi im Sinne einer umgekehrten Erinnerung.


J. Kreis, 08.02.2018




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