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animatrix

Animatrix (USA 2003)
DVD - Regionalcode 2, Warner Home Video
FSK: 16
Laufzeit: ca. 89 Minuten

Extras
Audiokommentar der Regisseure zu "The Second Renaissance", "Program" und "World Record", Scrolls to Screen: Geschichte und Kultur der Animes, "Making Of" Original-Dokumentation zu jedem Film, Enter the Matrix Videospiel-Trailer

Regie:

Andy Jones, Mahiro Maeda, Shinichiro Watanabe, Yoshiaki Kawajiri, Takeshi Koike, Koji Morimoto, Peter Chung




Inhalt:

Die Einflüsse der japanischen Anime-Comics und -Filme auf Matrix ist unübersehbar und nach dem gigantischen Erfolg ihres ersten Films beschlossen die Wachowski-Brüder, das Matrix-Universum auf dieses Genre auszudehnen. So entstanden in Zusammenarbeit mit namhaften japanischen (und einem koreanischen) Anime-Künstlern neun Kurzfilme, in denen u.a. die Vorgeschichte des ersten Matrix-Kinofilms erzählt wird oder die bestimmte Aspekte des Matrix-Universums vertiefen. Zu einigen Episoden haben die Wachowski-Brüder auch das Drehbuch geschrieben. Die ersten vier Kurzfilme konnte man sich bereits vor dem Kinostart von Matrix Reloaded aus dem Internet herunterladen, zusammen mit fünf weiteren sind sie auch auf DVD erhältlich. Der Titel dieser DVD entstand aus einer Verschmelzung der Begriffe "Anime" und "Matrix".

Hierzulande haben Zeichentrickfilme eine völlig andere Kultur als in Japan. Animes werden deshalb eher ins Kinderprogramm verbannt (wo sie aufgrund der oftmals ziemlich krassen Gewaltdarstellung aber eigentlich überhaupt nicht hingehören) und nicht wirklich ernst genommen. Deshalb wurde für die Animatrix-Filme zumeist mit "Der letzte Flug der Osiris" geworben, denn hierbei handelt es sich um einen CGI-Film im Stil und von den Machern von Final Fantasy - Die Mächte in dir, der als Kinofilm auch in der westlichen Welt für einiges Aufsehen gesorgt hat und der am ehesten unseren Sehgewohnheiten für "ernsthafte Filme" entspricht. Er ist denn auch der erste der auf dieser DVD versammelten Filme, obwohl er chronologisch gesehen eher an die dritte Stelle hinter "The Second Renaissance" gehört. Um es gleich klarzustellen: "Der letzte Flug der Osiris" ist der einzige Film dieser Machart auf der DVD. Wer also erwartet, alle neun Filme seien komplett mit diesen spektakulären Computergrafiken erstellt worden, der dürfte enttäuscht sein, denn alle anderen Episoden sind "nur" Zeichentrickfilme unterschiedlichen Stils und schwankender Qualität. Wer noch nie etwas von Animes gehört hat, findet mit "Animatrix" allerdings einen guten Einstieg in dieses Genre.

Die Filme im einzelnen:

DER LETZTE FLUG DER OSIRIS

Die OSIRIS ist ein Hovercraft wie die NEBUKADNEZAR (das Schiff von Morpheus). Thadeus, Captain der OSIRIS, absolviert gerade ein virtuelles Kampftrainig mit seiner geliebten Jue, als Alarm gegeben wird: Wächter-Roboter haben das Schiff entdeckt und gehen sofort zum Angriff über. Auf der Flucht vor den Squids rast die OSIRIS durch das weit verzweigte unterirdische Tunnelsystem und gelangt bis an die Erdoberfläche. Dort macht die Besatzung eine äußerst beunruhigende Entdeckung: Eine gewaltige Roboterarmee hat sich versammelt und ist dabei, mit gigantischen Bohrern bis zu der mehrere Kilometer unter Grund liegenden Stadt Zion vorzudringen. Während die Besatzung versucht, die hartnäckigen Wächter abzuschütteln, klinkt Jue sich in die Matrix ein, um dort einen Kontaktpunkt aufzusuchen, denn die Nachricht über den Angriff der Maschinen muß unbedingt nach Zion übermittelt werden. Jue erreicht den Kontaktpunkt gerade noch rechtzeitig, bevor die Squids in die OSIRIS eindringen, die Besatzung töten und das Schiff zur Explosion bringen. In der Matrix fällt Jues Restselbstbild leblos zu Boden, als ihr realer Körper getötet wird, aber die Mission ist erfüllt: Zion wurde gewarnt.

Dieser Film dient als direktes Bindeglied zwischen den Filmen Matrix und Matrix Reloaded, im zweiten Kinofilm wird auch in einem Dialog darauf Bezug genommen. Wie Eingangs schon gesagt, ist dies der einzige Film auf der DVD, der die genialen fotorealistisch gerenderten CGI-Hintergründe und Charaktermodelle verwendet, die man aus Final Fantasy kennt, er wurde ja auch vom gleichen Team produziert. Die Hintergründe, die Modelle der Schiffe und Roboter usw. haben das gleiche Design wie die Matrix-Kinofilme und sehen fast genauso gut aus, die Matrix-typische düstere Atmosphäre wurde 1:1 in CGI übersetzt. Die Charaktere sind zwar - genau wie in Final Fantasy - natürlich nicht mit lebendigen Schauspielern zu verwechseln, aber sie wirken noch um einen Tick "echter" als in Final Fantasy. Das erkennt man besonders deutlich in den leckeren "Entkleidungs-Szenen" zu Beginn und beim Abschied zwischen Thadeus und Jue. Die Animationen wirken allerdings an manchen Stellen noch etwas hölzern, insbesondere bei Jues Abstieg in die Matrix. Ansonsten: Eine Augenweide, spannend, leider viel zu kurz.

THE SECOND RENAISSANCE PART I und PART II

Mit der Erschaffung von Maschinen und Robotern, die über künstliche Intelligenz und ein eigenes Bewußtsein verfügen, schaufelt die Menschheit sozusagen ihr eigenes Grab. Die Maschinen sind nicht länger bereit, wie Sklaven für die Menschen zu arbeiten. Die Menschen dagegen sind nicht bereit, besseren Werkzeugen den Status unabhängiger Wesen zuzuerkennen und sie fühlen sich darüber hinaus von den sich immer weiter verbessernden Maschinen bedroht. Zu einer friedlichen Koexistenz, wie sie von den Maschinen angeboten wird, sind die Menschen nicht bereit, und so kommt es zu einem weltumspannenden Krieg, der mit allen Mitteln und unvorstellbarer Härte geführt wird. Um die Maschinen von ihrer Energiequelle - der Sonne - abzuschneiden, verdunkeln die Menschen den Himmel. Die Maschinen halten sich in diesem Konflikt allerdings auch nicht mehr zurück und stellen unvorstellbar grausame Experimente mit gefangenen Menschen an, die schließlich dazu führen, daß eine neue Energiequelle entdeckt wird: Die vom menschlichen Körper erzeugte Bio-Energie. Nachdem alle großen Städte der Menschheit vernichtet und die Erdoberfläche in eine leblose Wüste verwandelt worden ist, erschaffen die Maschinen riesige Anlagen, in denen die menschlichen "Batterien" wie in einem Bienenstock gehalten werden. Um sie ruhigzustellen, erschaffen die Maschinen eine virtuelle Welt, in der alle menschlichen Bewußtseine vernetzt sind - die Matrix.

Die Vorgeschichte des Kinofilms Matrix ist zu umfangreich, um in einem Kurzfilm erzählt werden zu können, deshalb wurde sie auf zwei Teile ausgedehnt, sie wird in diesen Episoden vom virtuellen Archiv der Stadt Zion erzählt. Dies ist ein typischer Anime-Film im Stil von "Akira" oder auch von Jean "Moebius" Giraud, bei dem Handzeichnungen und Computergrafiken vermischt werden. Er enthält einige derbe Gewaltdarstellungen, wurde vielleicht etwas zu sehr wie eine "Dokumentation" aufgebaut und ist daher nicht wirklich spannend. Ich war auch etwas überrascht zu erfahren, daß die eigentlichen Urheber des ganzen Unheils nicht die Maschinen, sondern die Menschen waren... Insgesamt vor allem ein optischer Genuß, für Anime-Fans ein wahres Fest, und auch für Leute, die mit Animes sonst nichts am Hut haben, als Hintergrundinfo durchaus interessant.

KIDS STORY

Für einen jungen Mann in der Pubertät mag es normal sein, daß er die Realität in Frage stellt und eine Sinnkrise kriegt - als der Held dieses Kurzfilms dann aber seltsame Botschaften von einem gewissen Neo über seinen PC und sein Handy empfängt, ahnt er, daß wirklich etwas nicht stimmt. Plötzlich setzen sich Agenten auf seine Fersen. Er wurde aber rechtzeitig von Neo gewarnt, flieht quer durch die Schule und klettert an einer Dachrinne nach oben - wo die Agenten aber schon warten. Er läßt los und fällt. Das scheint sein Tod zu sein - aber in Wirklichkeit hat er sich selbst aus der Matrix befreit, denn er kommt in der wahren Realität wieder zu sich und wird von Neo persönlich begrüßt.

Der Bezug zu Matrix Reloaded und Matrix Revolutions fällt nicht sofort auf: Bei dem Jungen, der sich selbst aus der Matrix befreit, handelt es sich um den Knaben, der - eben unter dem Namen "Kid" - Neo bei dessen Ankunft in Zion so überschwänglich begrüßt und in Teil 3 das Dock-Tor mit Mifunes APU öffnet, damit die HAMMER einfliegen kann. Besonders in der Sequenz, wenn Kid von den Agenten verfolgt wird, wechselt der an sich schon "rauhe" 2D-Zeichenstil in eine verwaschene, "schlampige" Grafik, mit der die Dynamik der Ereignisse verdeutlicht werden soll. Eine nicht ganz so starke Episode wie die ersten drei, immerhin mit direkten Bezügen zu den Kinofilmen.

PROGRAM

In einer Trainingssimulation muß die junge Rebellin Cis gegen einen Mann antreten, den sie liebt. Aus der zwar durchaus ernsthaft geführten, letztlich aber doch harmlosen Simulation wird Ernst, als der Mann den "Ausgang" abschottet und Cis vor eine Wahl stellt: Entweder mit ihm wieder in die Matrix zurückzukehren - oder zu sterben! Er wünscht sich nämlich nichts sehnlicher, als die harte Realität wieder gegen die bequeme Scheinexistenz der Matrix einzutauschen, und hat bereits einen entsprechenden Deal mit den Maschinen abgeschlossen. Cis weigert sich standhaft und tötet den Verräter - nur um gleich darauf aus der virtuellen Trainingswelt geholt zu werden und zu erfahren, daß auch ihre Liebe nur eine Simulation war, mit der ihre Loyalität getestet werden sollte...

Nicht besonders aufregende Samuraikämpfe in handgezeichneter 2D-Grafik. Könnte irgend ein beliebiger Film sein, der Bezug zur Matrix ist, naja, eher lose. Er enthält aber alle Elemente, die für Animes typisch sind.

WORLD RECORD

Dan hält den Weltrekord im Kurzstrecken-Sprint. In dem Moment, als er mit einer unglaublichen Anstrengung alle physischen und psychischen Kräfte bündelt, um trotz einer Verletzung seinen eigenen Rekord zu unterbieten, bricht er irgendwie aus der Matrix aus und wirft einen winzigen Blick in die Realität. Er findet sich für wenige Sekunden in seiner "Brutkammer" wieder, kann sich aber nicht befreien. Zurück in der Matrix ist er ein körperliches und geistiges Wrack.

Eigenartiger Zeichenstil - die Personen wirken seltsam verzerrt und werden aus ungewöhnlichen Perspektiven gezeigt. Hat mir insgesamt nicht allzu gut gefallen.

BEYOND

Auf der Suche nach ihrer entlaufenen Katze gerät die junge Yoko in ein seltsames "Spukhaus", in dem die Naturgesetze nicht mehr gültig zu sein scheinen. Türen führen ins Nichts, Gegenstände erscheinen aus der leeren Luft, um kurz darauf wieder spurlos zu verschwinden, Regen fällt aus einem strahlend blauen Himmel, Dinge schweben scheinbar schwerelos dicht über dem Boden... Dieses mitten in einer ganz normalen japanischen Kleinstadt stehende Haus ist nichts anderes als ein Fehler in der Matrix, eine instabile Anomalie, mit der man aber prima spielen kann - und so vergnügen Yoko und ein paar Jungs sich eine Zeitlang. Bis die Maschinen beschließen, daß der Fehler korrigiert werden muß. Ein bedrohlich wirkender Truck taucht auf, Leute in Schutzanzügen erscheinen und sperren das Gelände ab. Als Yoko wenig später noch einmal nachsieht, ist das Haus verschwunden und alles gehorcht wieder den gewohnten langweiligen Regeln.

Diese Episode hat zwar eigentlich keine richtige Story, aber sie ist dennoch eine der faszinierendsten der ganzen DVD. Man kann sie mehrmals ansehen und entdeckt doch immer wieder neue, verspielte Details. Genial!

A DETECTIVE STORY

Ash ist ein eher erfolgloser Privatdetektiv, der gern so wäre wie seine berühmten Vorbilder Philip Marlowe oder Sam Spade. Eines Tages erhält er von einem namenlosen Anrufer den Auftrag, die berühmte Hackerin Trinity zu finden. Ash will erst ablehnen, aber ein Hinweis des Anrufers auf seinen neuen Kontostand überzeugt ihn dann doch. Auf seiner Suche stößt Ash auf eine beunruhigende Information: Alle Privatdetektive, die früher schon mit der Suche nach Trinity beauftragt wurden, sind entweder verschwunden, tot oder wahnsinnig geworden... Es gelingt ihm tatsächlich, ein Treffen mit Trinity in einem Zug zu arrangieren. Noch während er sich mit ihr unterhält und auf die Realität vorbereitet wird, greifen Agenten an. Ash bleibt zurück, um Trinity die Flucht zu ermöglichen.

Eine klassische, wenn auch kurze, und im Stil eines "Film Noir" erzählte Detektivgeschichte. Der einzige Schwarz-weiß-Beitrag auf der DVD.

MATRICULATED

Eine Rebellengruppe hat eine Basis auf der zerstörten Erdoberfläche eingerichtet. Von dort aus fangen sie immer wieder Roboter ein, die sie quasi "umerziehen", damit sie sich auf die Seite der Menschen schlagen. Sie verpassen den Maschinen jedoch nicht einfach nur eine neue Programmierung - das wäre auch gar nicht möglich, weil die Maschinen ja über ein eigenes Bewußtsein verfügen. Stattdessen klinken sie sich zusammen mit dem jeweiligen Roboter in eine virtuelle Welt ähnlich der Matrix ein, die aber kein Abbild der Welt vor dem großen Krieg ist, sondern eher wie ein Gestalt gewordener Traum aussieht. Auch der jüngste "Fang" reagiert wie alle anderen Roboter vor ihm: Er beginnt diese Traumwelt der Maschinenwelt vorzuziehen. Doch dann wird die Rebellenbasis von Wächter-Robotern angegriffen und vernichtet. Der konvertierte Robot vernetzt sich danach noch einmal mit der letzten Überlebenden.

Ein faszinierender Trip durch die Vorstellungswelt des Drehbuchautors/Regisseurs Peter Chung, der auch schon "Aeon Flux" erschaffen hat. In diesem Stil sind denn auch die Szenen gehalten, die in der Realität spielen, während der Rest ein faszinierendes Kaleidoskop an psychedelischen Bildern ist. Die "abstrakteste" Episode auf der DVD.

Die DVD:

Ich finde die Extras auf dieser DVD hochinteressant, weil ich mich für japanische Kultur im allgemeinen und für moderne Kunstformen wie Animes im besonderen interessiere. In "Scrolls to Screen" erfährt man beispielsweise, welch hohen Stellenwert Animes und Mangas im japanischen Alltagsleben haben. Schon im japanischen Mittelalter gab es Zeichnungen auf Papierrollen, die bis zu dreißig Meter lang waren und allmählich entrollt wurden, so daß der Betrachter aufeinander folgende Szenen wahrnehmen konnte. Schon damals wurden Bildsymbole verwendet, die sich auch in modernen Comics wiederfinden. Diese Rollen wurden bald massenhaft hergestellt und boten alle möglichen Inhalte: Historische Geschichten, Sagen, Sehenswürdigkeiten, aber auch erotische Darstellungen und vieles mehr. Irgendwann wurden aus diesen Rollen gebundene Bücher, und aus europäischen Cartoons wurde die Technik der Sprechblasen und miteinander verknüpfter kleinerer Einzelbilder übernommen. Heute gibt es in Japan Animes und Mangas für jede Bevölkerungsschicht und für alle denkbaren Interessen. Diese Entwicklung wird ausführlich und anschaulich vorgestellt und man bekommt viele Beispiele aus bekannten Erzeugnissen dieser Kultur zu sehen.

Sehr gut gelungen sind auch die Dokumentationen zu den neun Episoden, hier kommen vor allem die Regisseure in Interviews zu Wort. Man bekommt auch eine sehr schöne Studie der Produzenten von "Der letzte Flug der Osiris" zu sehen, in der Aki, die Hauptdarstellerin des Final Fantasy - Films, in leicht verändertem Erscheinungsbild (mit kurzem schwarzem Haar und im Leder-Outfit) gegen eine Wächter-Robot kämpft.

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