Anderland


Anderland (Norwegen, 2006)
- Den brysomme mannen -

DVD Regionalcode 2, Indigo
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: ca. 91 Min.

Extras
- Making of (19:40 Min.)
- Deleted Scenes (5:11 Min.)
- Selbstablaufende Fotogalerie (2:17 Min.)
- Trailer

Regie:
Jens Lien

Hauptdarsteller:
Trond Fausa Aurvaag (Andreas Ramsfjell)
Petronella Barker (Anne Britt)
Birgitte Larsen (Ingeborg)
Per Schaaning (Hugo)




Story

Andreas Ramsfjell wird von einem Bus an einer heruntergekommenen Tankstelle irgendwo in einer vegetationslosen Einöde abgesetzt. Von dort geht die Fahrt per Auto weiter in eine unbekannte Stadt. Dort steht eine spärlich möblierte, identitätslose Wohnung für Andreas bereit. Er wird bereits als neuer Buchhalter einer Firma erwartet. Künftig beschäftigt sich Andreas damit, endlose Zahlenkolonnen in einen Computer einzugeben und die Ausdrucke zuzuschneiden. Alle sind freundlich zu Andreas, seine Anwesenheit wird überall als selbstverständlich hingenommen. Doch etwas stimmt nicht. Die Menschen verhalten sich oberflächlich und emotionsarm, alle tragen ähnliche Kleidung in gedeckten Farben. Das Essen hat keinen Geschmack und Geruch, von Schnaps wird man nicht betrunken, in den Bars wird eintönige Fahrstuhlmusik gespielt. Selbst ein blutiger tödlicher Unfall auf der Straße erregt keine Aufmerksamkeit. Nirgends sind Kinder zu sehen. Andreas beginnt eine Beziehung mit der attraktiven Anne Britt und zieht bei ihr ein. Sie interessiert sich weit mehr für die Innenausstattung ihres Hauses als für ihren Partner. Eines Tages trennt sich Andreas einen Finger in der Schneidemaschine ab, doch schon wenig später ist die Hand wieder völlig unversehrt. Andreas beobachtet die Ankunft eines weiteren Stadtbewohners. Er versucht dem Bus zu folgen. Der Bus verschwindet, die Reifenspuren hören einfach auf. Andreas verliebt sich in seine Arbeitskollegin Ingeborg und verlässt Anne Britt.

Andreas erkennt, dass Ingeborg ebenso leidenschaftslos ist wie Anne Britt und im Grunde nichts für ihn empfindet. Er wirft sich vor die U-Bahn, stirbt jedoch nicht. Einige Zeit später verschafft sich Andreas Zugang zum Keller eines fremden Hauses, denn er hat dort ungewöhnlich schöne Musik gehört. In dem Keller lebt Hugo, der Andreas einen Riss in der Wand zeigt. Musik und ein schwacher Lichtschein dringen durch diesen Riss. Andreas besorgt einen Presslufthammer und stemmt die Wand auf. Hugo ist zunächst dagegen. Als ein Geruch durch die Öffnung dringt, hilft er Andreas bei den Ausschachtungsarbeiten. Allmählich entsteht ein langer Tunnel, der bis in eine andere, viel realere, von Musik und Kinderlachen erfüllte Welt zu führen scheint. Es gelingt Andreas lediglich, eine Hand durch die kleine Öffnung am Ende des Tunnels zu stecken und ein Stück Kuchen zu ergreifen, das er heißhungrig verzehrt.

Der Arbeitslärm ist nicht unbemerkt geblieben. Andreas und Hugo werden aus dem Tunnel gezerrt. Man lässt Hugo laufen, aber in Andreas sehen die Stadtbewohner einen Störenfried, der entfernt werden muss. Er wird ins Gepäckfach desselben Busses verfrachtet, mit dem er angekommen ist. Die Fahrt dauert lange und führt in eine Eiswüste. Andreas steigt aus. Der Bus fährt davon.


Kringels Meinung

Der Film beginnt nicht mit Andreas' Ankunft in der Stadt. Stattdessen sieht man, wie er auf dem U-Bahnsteig steht. Er beobachtet ein sich küssendes Pärchen. Die beiden scheinen bei dem Kuss überhaupt nichts zu empfinden, es ist ein rein mechanischer, im Grunde sogar ekliger Vorgang. Dann kommt die Bahn und Andreas springt aufs Gleis. Diese Szene wiederholt sich im Verlauf des Films. Wieder steht Andreas in der Nähe des Pärchens, erneut springt er vor die Bahn, aber diesmal sieht man, was mit ihm geschieht. Er wird mehrmals überrollt, bis nur noch ein blutüberströmtes Gliedergewirr von ihm übrig ist. Trotzdem bleibt er am Leben, es renkt sich buchstäblich alles wieder ein. Hat Andreas also Selbstmord begangen und wird anschließend per Bus in die Hölle gebracht? Oder war er zuvor schon dort und wollte durch Selbstmord entkommen?

Die Welt, in der er sich wiederfindet, ist wahrhaft höllisch, auch wenn keine am Grill röstenden Sünder und keine Teufelchen zu sehen sind. Feuer gibt es in dieser Welt nun wirklich nicht, stattdessen herrscht dort eine eisige (Gefühls-)Kälte. Es ist eine Welt ohne echte Emotionen und Sinneswahrnehmungen, eine Welt des Konsums ohne Lustgewinn. Alles ist austauschbar: Wohnungen, Besitztümer, Arbeit, Freunde, Lebenspartner. Niemanden außer Andreas scheint das zu stören. Die anderen Menschen haben sich schon an diesen Zustand gewöhnt, sie finden ihn ganz normal. Schließlich ist alles ruhig und ordentlich, man muss sich über nichts Gedanken machen, es gibt keine Gefahren. Echte menschliche Nähe ist den Stadtbewohnern suspekt, sie fühlen sich dabei nur unbehaglich. Die Stadtbewohner könnten direkt dem Spiel Die Sims entsprungen sein, denn ihr Lebensinhalt besteht (neben der Verrichtung sinnloser Arbeiten) vor allem in der Dekoration ihrer Wohnungen!

Die Botschaft des Films ist natürlich offensichtlich, da spricht die Handlungszusammenfassung wohl für sich selbst. Aber auch ohne die sarkastische Gesellschaftskritik mit unterschwelligem schwarzem Humor könnte ich "Anderland" durchaus empfehlen. Mir gefallen die ungewöhnliche surreale Atmosphäre, die bizarren Verhaltensweisen der Stadtbewohner und - im krassen Gegensatz dazu - Hugos phantasievoll eingerichtete Kellerbehausung sowie das lichtdurchflutete Haus, welches Andreas durch den selbst gegrabenen Tunnel fast erreicht hätte. Drei ziemlich blutige Szenen entfalten wegen der ansonsten konsequent durchgehaltenen Kühle besonders große Wirkung. Bleibt die Frage: Wohin wird Andreas am Ende gebracht? Welche Hölle ist für Leute vorgesehen, denen es dort zu kalt ist?


DVD-Features

Das Making of ist zwar kurz, aber durchaus interessant. In einer Splitscreen-Montage wird zum Beispiel gezeigt, wie der Regisseur mit jemandem über den Handlungsverlauf einer bestimmten Szene diskutiert, und wie die endgültige Szene aussieht. Außerdem wird die Entstehung der Kulissen und der maskenbildnerischen Effekte gezeigt, Probeaufnahmen und Dreharbeiten, Nachvertonungen und Orchesterarbeit sind zu sehen.

In einer nicht verwendeten Szene sieht man, wie Andreas jemandem begegnet, dessen aufgespießte Leiche er einige Zeit vorher gesehen hat. Dadurch wäre etwas zu früh klar geworden, was es mit dieser Welt auf sich hat. In einer anderen nicht verwendeten Szene wird gezeigt, wie Andreas ein Auto stiehlt, um dem Bus folgen zu können. Ich hatte mich gefragt, woher er das Auto hat. Außerdem hatte ich mich gefragt, warum Andreas' Hemd am Ende, als er wieder in den Bus verfrachtet wird, blutverschmiert ist. Eine nicht verwendete Szene erklärt das: Nachdem er aus dem Tunnel gezerrt wurde, muss ihm die Flucht gelungen sein. Er läuft davon, seine Verfolger überfahren ihn, um ihn einzufangen.


Screenshots


Anderland

Den Eingang zur Hölle habe ich mir etwas spektakulärer vorgestellt


Anderland

Andreas (rechts) und sein Chef im gemütlichen Büro. In meinem Büro sieht's genauso aus!


Anderland

"Du willst mich verlassen? Aber am Samstag haben wir doch Gäste!"


Anderland

Nicht jeder findet das Leben in der Stadt toll


Anderland

Ingeborg weiß nicht so recht, was Andreas von ihr will - "Liebe" kommt in ihrem Vokabular nicht vor...


Anderland

Andreas wurde von der U-Bahn überrollt und ist trotzdem noch auf den Beinen...


Anderland

...sieht aber doch ziemlich ramponiert aus!


Anderland

In Hugos Kellerwohnung. Der Riss ist hinter dem Bild versteckt.


Anderland

Griff in eine andere Welt


Anderland

Andreas muss erkennen, dass es noch kältere Orte als die Stadt gibt


J. Kreis, 02.09.2013




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