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Dies ist der neunte Teil einer Übersicht meiner neueren Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie seit August 2002 gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



450
Willkommen in Otopia Justina Robson: Lila Black 01 – Willkommen in Otopia
Blanvalet, 2007
413 Seiten

Durch die Explosion eines Superzyklotrons wird im Jahre 2015 ein Loch in das Gewebe der Raumzeit gerissen. Portale zu anderen Welten entstehen. Die Menschenwelt – seit der Quantenbomben-Explosion Otopia genannt – ist nur eine von mindestens sechs nebeneinander existierenden Realitätssphären. Über Zoomenon, die für Menschen lebensfeindliche Sphäre der Elementargeister, und über Thanatopia, das Reich der Toten, ist nur wenig bekannt. Mit den im weitesten Sinne menschenähnlichen Bewohnern der Welten Alfheim, Dämonia und Feenland gibt es jedoch schon bald einen regen Austausch. Menschliche Technik ist in diesen drei Sphären verpönt, wenn sie überhaupt funktioniert. Stattdessen wenden die Elfen, Dämonen und Feen Magie an - auch in Otopia. Die Bewohner der anderen Sphären behaupten zwar, die sechs Welten seien noch nie strikt voneinander getrennt gewesen, doch für die Menschen ist der Kontakt mit den anderen Sphären ein Kulturschock, denn deren Bewohner, vor allem die extrem langlebigen Elfen, sind ihnen weit überlegen. Das lassen sie die Menschen nur zu gern spüren.

Bei einer gescheiterten diplomatischen Mission in Alfheim wird Lila Black von Elfen-Agenten gefangen genommen und grausam gefoltert. Sie wird zwar gerettet, ihr Körper ist aber verstümmelt und nicht mehr lebensfähig. Für ihre Familie gilt sie als tot. Sie wird jedoch im Auftrag der Nachrichten- und Aufklärungsabteilung der nationalen Sicherheitsbehörde von Otopia ("Incon") mit Hilfe modernster Hightech am Leben erhalten, erhält eine neue Identität und wird zum Prototypen eines kybernetischen Superkämpfers umgewandelt. Sie ist ausgestattet mit künstlichen Armen, Beinen, Augen sowie anderen Sensoren, zahlreichen Waffensystemen und einem Fusionsreaktor. Eine interne KI ist mit ihrem Gehirn verbunden und kann im Kampfmodus die volle Kontrolle über ihren Körper übernehmen. Darüber hinaus ist Lila immer online im globalen Netzwerk, das ihr alle möglichen Informationen liefern kann. Ein Spezialistenteam überwacht ihren Zustand permanent aus der Ferne. Als sie nach zweijähriger Reha in ihren ersten Einsatz geschickt wird, hat sich Lila noch nicht mit ihrem Schicksal abgefunden und muss sich erst an den neuen Körper gewöhnen. Sie weiß, dass sie kein gewöhnlicher Mensch mehr ist, hat aber immer noch die Gefühle und Bedürfnisse einer normalen Frau.

Lila erhält den Auftrag, den Rockmusiker Zal zu schützen. Zal ist ein Elf und wird von seinesgleichen als Verräter betrachtet, da er ausschließlich in Otopia lebt und sich der menschlichen Lebensweise angepasst hat. Er erhält Drohbriefe, die auf eine Beteiligung des elfischen Geheimdienstes schließen lassen, und da Alfheim alle diplomatischen Beziehungen zu den anderen Sphären abgebrochen hat, nimmt Incon die Drohungen sehr ernst. Lilas Job wird schwieriger als gedacht, denn sie wird von Zal in ein magisches Liebesspiel verstrickt, und als er trotz all ihrer Bemühungen nach Alfheim entführt wird, muss Lila mit genau jenen Agenten zusammenarbeiten, denen sie ihre jetzige Existenz zu "verdanken" hat...

Dies ist der erste von bislang fünf Romanen mit der Hauptfigur Lila Black. Drei sind bereits in deutscher Sprache erschienen. Im englischen Original heißt die Serie "Quantum Gravity". In Lila Blacks fiktivem Universum vermischen sich Science Fiction und Fantasy auf gar nicht mal so unspannende Weise. Wenn man ein Problem damit hat, diese Vermengung zweier Genres zu akzeptieren (richtig erklärt wird das Ganze nicht), muss man mit der Lila-Black-Reihe gar nicht erst anfangen. Verschiedene "Märchenwelten" überlappen sich, Magie und Technik funktionieren gleichzeitig. Während man im hochtechnisierten Otopia - der Schauplatz der ersten Hälfte des Romans - eine etwas weiter entwickelte Version unserer Realität erkennen kann, wirkt das hyper-idyllische Alfheim in der zweiten Hälfte etwa so, wie man sich das von J.R.R. Tolkien erdachte Elbenreich Valinor vorstellt. SF-Klischees auf der einen, Fantasy-Klischees auf der anderen Seite also - der Roman bezieht seinen Reiz aus der Vermischung von beidem. Der Autorin ist durchaus bewusst, dass sie in fremden Gefilden wildert, wie man an diversen scherzhaften Anspielungen und Insider-Gags erkennen kann. Leider widmet die Autorin ihrem eigenen Weltenentwurf nicht allzu viel Aufmerksamkeit. In einer vierseitigen Einleitung werden die Grundlagen kurz erläutert, und das war’s dann auch fast schon. Natürlich werden im Roman immer wieder ein paar Informationshäppchen eingestreut, dennoch bleibt das Bild für den Leser irgendwie unklar. Eine etwas genauere Ausarbeitung hätte der Geschichte sicher nicht geschadet.

An der Charakterzeichnung gibt es dagegen weniger auszusetzen. Lila Black ist keine eindimensional-coole Actionheldin, keine Terminatrix, die nur die Waffen ihres Cyborg-Körpers einsetzen muss, um alle Probleme zu lösen. Sie ist vielmehr eine emotional labile, von Selbstzweifeln gequälte junge Frau, die nur zu gern auf die körpereigene Apotheke zurückgreift, um ihre Unsicherheit zu überspielen - ein Kunstgriff, mit dem sich die Autorin eine echte, tiefer gehende Auseinandersetzung mit ihrer Hauptfigur allerdings auch wieder erspart. Irgendwann kommt Lila aber selbst mit der Hilfe ihrer emotionslosen KI nicht mehr weiter, und spätestens in Alfheim widerfahren ihr Dinge, die sie nie erwartet hätte. Es wird zwar nicht mit Action gegeizt (etwas bemüht-überzogen wirkende Elfen-Erotik darf auch nicht fehlen), aber aufgrund von Lilas Unerfahrenheit geht vieles schief. Sie steht sich oft selbst im Weg und macht so manchen Fehler. Das undurchsichtige Beziehungs- und Intrigengeflecht zwischen den Elfen sorgt für weitere interessante Aspekte. Insgesamt: Wenig Tiefgang, aber doch gute Unterhaltung. Man darf hoffen, dass die Autorin in den nächsten Bänden noch etwas mehr aus dem vielversprechenden Szenario herausholt. Band 2 liegt jedenfalls schon in meinem SUB. (02.05.2011)


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449
Das Bernsteinteleskop Philip Pullman: Das Bernsteinteleskop
Heyne, 2007
587 Seiten

Es ist Mrs. Coulter gelungen, Lyra in ihre Gewalt zu bringen. Sie denkt aber nicht daran, das Mädchen dem Magisterium auszuliefern, denn in der eigentlich so kalten Frau ist ein Gefühl der Mutterliebe erwacht. Sie hält Lyra in einer Gebirgshöhle gefangen und hält sie mit einem Trank in ständigem Schlaf. In ihren Träumen sieht Lyra ihren Freund Roger, an dessen Tod sie sich mitschuldig fühlt. Mit Hilfe der Engel Balthamos und Baruch, die zu den Rebellen Lord Asriels gehören, und des Bären Iorek Byrnison gelingt es Will, Lyra zu befreien und zu erwecken. Im selben Moment greifen sowohl Lord Asriels Streitkräfte an, als auch Soldaten des Erzengels Metatron, der schon längst die Macht über das himmlische Reich des so genannten "Allmächtigen" übernommen hat. Als Will mit dem magischen Messer ein Tor zu einer anderen Welt öffnet, stößt er auf unerwarteten Widerstand, so dass das Messer zerbricht. Dennoch gelingt den Kindern die Flucht. Sie werden von den gallivespischen Spionen Tialys und Salmakia begleitet. Diese Wesen sind zwar nur handspannengroß, aber mit gefährlichen Giftspornen ausgestattet. Damit setzt Tialys Mrs. Coulter außer Gefecht, so dass sie Lord Asriels Streitkräften in die Hände fällt. Natürlich lässt sie nichts unversucht, um weiter ihre Intrigen zu spinnen.

Zur selben Zeit entsendet das Magisterium einen Assassinen, der Lyra und Dr. Mary Malone töten soll, denn beide sind für die Kirchenmänner die Personifizierung der Erbsünde und müssen beseitigt werden. Die Wissenschaftlerin ist durch ein Fenster in eine andere Welt getreten. Dort begegnet sie dem nichtmenschlichen Volk der Mulefa. Sie schließt schnell Freundschaft mit den sanften Wesen und wird von ihnen um Hilfe gebeten. Die Existenz der Mulefa ist eng mit den gigantischen Bäumen dieser Welt verknüpft, und diese Bäume sterben seit ca. 300 Jahren langsam aus. Dr. Malone konstruiert eine Art Teleskop aus Bernsteinscheiben, mit dem sie die als "Staub" bezeichneten Elementarteilchen wahrnehmen kann. So stellt sie fest, dass der "Staub", auf den die Riesenbäume angewiesen sind, nicht mehr auf ihre Blüten herabrieselt, sondern von gewaltigen Strömungen davongetragen wird und verschwindet.

Die Gallivespier wollen Will und Lyra ohne weitere Verzögerung zu Lord Asriel bringen, denn dessen Rebellion gegen Metatron wird bald zu offenem Krieg werden, und in dieser Auseinandersetzung haben Lyra, Will und das magische Messer wichtige Rollen zu spielen. Doch die Kinder haben andere Pläne. Zunächst muss das Messer repariert werden. Dass dies überhaupt gelingt, ist nur der überragenden Schmiedekunst Iorek Byrnisons zu verdanken. Der Panzerbär warnt Will jedoch vor dem Messer; er meint, es verfolge unbekannte eigene Absichten. Danach machen sich die Kinder und die Gallivespier auf den Weg ins Reich der Toten. Auch hierbei handelt es sich um eine der unzähligen Welten, die man mit dem magischen Messer erreichen kann. Lyra will versuchen, Roger aus dieser Welt zu retten. Die Gefährten finden einen Fährmann, der bereit ist, sie ins eigentliche Totenreich überzusetzen - aber das gilt nicht für Pantalaimon, Lyras Daemon. Lyra muss das Unmögliche wagen und sich von Pantalaimon trennen, wenn sie Roger helfen will...

Dies ist nur eine ganz knappe Zusammenfassung der wichtigsten Handlungsebenen des Romans. Die Handlung ist wesentlich vielschichtiger, als es die paar Zeilen vielleicht vermuten lassen. Der letzte Band der Trilogie "His Dark Materials" ist meiner persönlichen Meinung nach aus genau diesem Grund der schwächste, denn die Handlung zerfasert noch mehr, als es schon im zweiten Band geschehen ist. Die Geschichte konzentriert sich zwar zum Teil auf Will und Lyra, aber das ist nur die vordergründige Erzählebene. Dahinter spielen sich Ereignisse ab, deren Ausmaße fast zu groß für den Leser sind und die den Roman zu sehr überfrachten. Die metaphysischen Elemente nehmen überhand. Obwohl Pullman am Ende alle Fäden stimmig zusammenführt, ist man irgendwie nicht richtig zufrieden. Das liegt nicht nur daran, dass es kein Happy-End gibt, sondern noch mehr daran, dass der Weg bis dorthin etwas zu lang und verschlungen ist - und dass das Ende mehr oder weniger offen bleibt. War vielleicht ein weiterer Band angedacht, der nie geschrieben wurde?

Das Weltbild der Trilogie muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen; kein Wunder, dass bestimmte Kreise kein gutes Haar an den Romanen gelassen haben. Gott existiert nicht. Der so genannte "Allmächtige" ist nur der älteste aller Engel. Er ist inzwischen völlig senil und zu keiner Handlung mehr fähig. Er wurde vom machtgierigen Erzengel Metatron abgelöst. Dessen Ziel besteht darin, alle Wesen in allen Welten in der Art einer permanenten Inquisition zu kontrollieren. Gott hat zwar einen Gegenspieler, aber der ist kein Teufel, sondern jemand, der gegen Metatrons Ziele rebelliert und damit eigentlich etwas Gutes bewirken will. Das Jenseits existiert ebenfalls nicht. Alle Lebewesen gehen nach ihrem Tod in eine Parallelwelt ein, aus der sie wieder befreit werden können. Sie verströmen sich dann in "Staub", also in Elementarteilchen, die sich mit allem Lebenden vereinigen. Durch die unzähligen Öffnungen zwischen den Welten, die mit dem Magischen Messer geschaffen und nicht wieder verschlossen worden sind, verschwindet mehr "Staub" im Nichts, als neuer entsteht. Ohne "Staub" gibt es keine Phantasie, keine Kreativität und kein intelligentes Leben, neuer "Staub" entsteht hauptsächlich dann, wenn sich die Menschen (und die anderen intelligenten Lebewesen) einen wachen, offenen Geist bewahren. Kurz gesagt: Frömmigkeit und Gottesfurcht sind völlig sinnlos.

Natürlich ist die tiefgründige Geschichte gerade wegen dieses Weltbilds, bei dem auf gängige Fantasy-Klischees weitgehend verzichtet wird, durchaus faszinierend. Sowohl die bekannten Charaktere als auch neue Nebenfiguren wie Chevalier Tialys und Lady Salmakia oder die trotz ihrer Fremdartigkeit sympathischen Mulefa werden so facettenreich und überzeugend dargestellt, dass man wunderbar mitfiebern kann. Trotzdem: Vieles wirkt irgendwie allzu sehr herbeigezwungen, manchmal steht sich Pullman mit der Komplexität seines Weltenentwurfs nur selbst im Weg. Und ich muss sagen: Wenn Kritik - wie hier an der Kirche - so… hm… aufdringlich daherkommt, dann kann ich nur das leicht abgewandelte Goethe-Zitat bemühen: "Man merkt die Absicht, und ist verstimmt". Insgesamt jedoch zähle ich die Trilogie auch nach dem dritten Band immer noch zu meinen Lese-Highlights 2010/2011. (27.04.2011)


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448
Der Tod des Bunny Munro Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro
Kiepenheuer & Witsch, 2009
312 Seiten

Bunny Munro, Vertreter für Kosmetikprodukte, ist ein sexbesessener Schürzenjäger. Er hält sich für unwiderstehlich und übt tatsächlich eine gewisse Faszination auf manche Frauen aus, so dass er meist ans Ziel seiner Wünsche gelangt. Er betrügt seine Frau Libby bei jeder Gelegenheit und vernachlässigt sie, bis sie depressiv wird und schließlich Selbstmord begeht. Bunny lässt zwar auch nach ihrem Tod nicht von seiner Obsession ab, wird aber doch einigermaßen aus der Bahn geworfen. Außerdem fühlt er sich von Libbys Geist bedrängt. Als er es deshalb in der Wohnung nicht mehr aushält, geht er mit seinem Sohn Bunny junior auf eine letzte Verkaufsreise, die immer mehr außer Kontrolle gerät. Bunny ist praktisch permanent im Alkoholdelirium, und nicht immer sind seine Verführungskünste erfolgreich. Mehr als einmal wird er äußerst unsanft vor die Tür gesetzt. Ramponiert und verzweifelt stellt er irgendwann fest, dass er Libbys Geist nicht abschütteln und seinem Sohn kein Vater sein kann. Die Verkaufsreise wird zu einem chaotischen Trip in die Verdammnis...

Nick Cave, besser bekannt als Musiker (meist zusammen mit der Band "The Bad Seeds"), hat bereits vor Jahren einen Roman veröffentlicht: Und die Eselin sah den Engel. Diese tiefschwarze Geschichte eines missgebildeten Außenseiters und Mörders hat mich seinerzeit tief beeindruckt und gleichzeitig abgestoßen. Das ist mit "Der Tod des Bunny Munro" nicht anders, wenn ich auch sagen muss, dass die Atmosphäre in diesem Roman auf ihre Weise zwar genauso finster, aber nicht ganz so faszinierend ist wie in Caves früherem Werk; im Grunde dreht sich - genau wie in Bunny Munros Einbahnstraßenhirn - alles nur um ein einziges Thema. Bunny ist besessen von weiblichen Geschlechtsorganen, und er schreckt vor nichts zurück, um seinen Trieb zu befriedigen. Er betrachtet Frauen nur als Objekte, belästigt alles, was nicht bei Fünf auf den Bäumen ist und greift auch gern mal zu KO-Tropfen, wenn sein vermeintlicher Charme nicht mehr ausreicht. Als er seine tote Frau findet, gilt sein erster Gedanke ihren Brüsten, die ihn erregen, und während der Trauerfeier hat er nur Augen für die Reize der weiblichen Gäste. Noch in derselben Nacht treibt er es mit der Freundin eines Kollegen. Seinen Sohn ignoriert er weitestgehend. Er schleppt ihn durch versiffte Hotels, wo er sich ins Koma säuft, während sich der Junge mit seiner geliebten Enzyklopädie beschäftigt, die er immer mit sich herumträgt. Bunny junior kann sich alles merken, was er liest. Die Enzyklopädie kann ihm aber leider keine Antwort auf die Frage geben, ob sein Vater ein guter Mensch ist.

Es ist unmöglich, diese schmierige, jämmerliche Figur auch nur ansatzweise sympathisch zu finden, und genau das dürfte auch Caves Absicht gewesen sein. Bunny ist die auf die Spitze getriebene Personifizierung der ex-und-hopp-Konsumgesellschaft. Leider konzentriert sich Cave im Mittelteil des Romans etwas zu sehr auf Bunnys Eskapaden. Im Grunde wird dieselbe Situation mit leichten Abwandlungen mehrmals wiederholt: Bunny versucht seinen Kundinnen an die Wäsche zu gehen, während Bunny junior im Auto wartet. Da machen sich irgendwann doch Längen bemerkbar, und man wünscht sich, Cave möge mal auf den Punkt kommen. Im krassen Gegensatz dazu steht Bunny junior, aus dessen Perspektive einige Kapitel erzählt werden. Die bedingungslose Liebe des vernachlässigten Jungen zu seinem Vater ist ebenso rührend wie traurig. Das ganze wird so sprachgewaltig erzählt, wie man es von Nick Cave erwartet, gewürzt mit bitterbösem Humor. Zum Beispiel verwüstet Libby vor ihrem Selbstmord die ganze Wohnung, bestellt aber vorsorglich Dutzende Tiefkühlpizzen für die Hinterbliebenen - sowie Beerdigungsanzüge, die sie säuberlich in den leergeräumten Kleiderschrank hängt... (18.04.2011)


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447
Blind Joe Hill: Blind
Heyne, 2007
430 Seiten

Mit 54 Jahren hat der Rockstar Judas Coyne mehr als genug Geld verdient, um sich aus dem Musikbusiness zurückzuziehen und sein Leben mit ständig wechselnden Freundinnen (die er immer nur nach den Bundesstaaten nennt, in denen er sie kennengelernt hat) und einem ausgefallenen Hobby zu verbringen: Er sammelt makabre Gegenstände aus verschiedenen Epochen. Eines Tages wird er durch die E-Mail eines Internet-Auktionshauses auf eine Versteigerung hingewiesen, bei der es um einen Geist geht. Eine Frau behauptet, der Geist ihres vor einigen Wochen verstorbenen Stiefvaters gehe in ihrem Haus um. Angeblich ist der Geist an den alten Sonntagsanzug des Verstorbenen gebunden, und der wird nun zum Verkauf angeboten. Jude klickt auf den "sofort kaufen" - Button und erwirbt den Anzug für tausend Dollar. Zuerst hält er die Sache für einen Scherz, aber es ereignen sich merkwürdige Dinge, nachdem der Anzug bei Jude eingetroffen ist. Bald bekommt Jude den Geist selbst zu Gesicht. Später erhält er rätselhafte Todesdrohungen.

Durch etwas Recherche findet Jude heraus, dass der Verkauf kein Zufall gewesen sein kann, denn er kennt die Familie des Toten. Dessen Name war Craddock McDermott. Seine Stieftochter Anna war eine von Judes Geliebten. Jude hatte das Zusammenleben mit der unter Depressionen leidenden jungen Frau irgendwann nicht mehr ausgehalten und sie vor die Tür gesetzt. Sie hatte sich danach umgebracht. Ein Anruf bei ihrer Schwester Jessica beseitigt alle Zweifel. McDermott, zu Lebzeiten ein begabter Spiritist und Hypnotiseur, hat geschworen, das Schicksal seiner Stieftochter Anna nach seinem eigenen Tod zu rächen. Durch den Erwerb des Anzugs hat Jude den Geist an sich gebunden, und McDermott wird nicht eher ruhen, bis er Jude und alle, die ihm zu helfen versuchen, ins Verderben gerissen hat. Die Gefahr ist real, denn McDermott hat Macht über Judes Willen. Er versucht Jude dazu zu bringen, seine aktuelle Freundin Georgia (eigentlich Marybeth Kimball) zu töten und treibt Judes Assistenten Danny Wooten in den Selbstmord. Selbst die Vernichtung des Anzugs ist keine Lösung. Judes letzte Hoffnung besteht darin, Jessica Price aufzusuchen und sie zur Rücknahme des Geists zu zwingen. Zusammen mit Georgia und seinen zwei Hunden, die ihn zumindest vorübergehend schützen können, macht er sich auf den Weg, ständig verfolgt von McDermotts Geist. Die Reise wird zu einem Trip in Judes Vergangenheit und bald stellt sich heraus, dass die Wahrheit noch weit grausamer ist, als Jude bisher angenommen hat...

Dass "Joe Hill" ein Pseudonym für Stephen Kings Sohn Joseph Hillstrom King ist, habe ich erst erfahren, als ich den Roman schon fast durchgelesen hatte. King jr. wollte wohl nicht im Schatten seines Vaters stehen oder von seinem Ruhm profitieren, und hat seine wahre Identität zunächst geheim gehalten. Seine Sorge war zwar nicht ganz unberechtigt, denn Stephen Kings Einfluss ist unverkennbar, aber mit "Blind" beweist Joe Hill - bleiben wir mal bei diesem Namen - doch genug Eigenständigkeit. Er setzt wie Stephen King auf ausführliche, intensive Charakterzeichnung, und das ist vielleicht die größte Stärke des Romans, denn richtige Horror-Atmosphäre entsteht eigentlich nicht.

Judas Coyne (bürgerlich: Justin Cowzynski) ist ein Anti-Held, ein alternder Rockstar aus der Gothic-, Metal- oder Industrial-Szene, der in seiner Karriere nichts ausgelassen hat und immer noch gern diverse Mittelchen einwirft, Groupies verschleißt, zu Gewaltausbrüchen neigt usw. - ein böser Bube wie aus dem Bilderbuch also, aber einer mit vielschichtiger Vergangenheit, über die man im Verlauf des Romans einiges erfährt und die beim Finale noch eine Rolle zu spielen hat. Seine Beziehung zu "Georgia" ist anfangs etwas undurchsichtig. Das Mädchen scheint zunächst nicht mehr als eine drogensüchtige Ex-Stripperin zu sein, die Jude nicht viel bedeutet. Erst als sie in Lebensgefahr gerät, erkennt Jude, was er wirklich für sie empfindet. Auch sie entwickelt sich zu einer komplexen Figur. Beide machen eine interessante Entwicklung durch und wachsen dem Leser trotz aller Widersprüchlichkeiten ans Herz, so dass man wunderbar mitfiebern kann.

Aber was wäre eine Geistergeschichte - und um klassischen Geister-Grusel handelt es sich hier, wenn auch im modernen Umfeld - ohne einen bösen, rachsüchtigen Geist? McDermott eignet sich dafür gut. Er ist geheimnisvoll und bedrohlich, beeinflusst alles in Judes Umgebung und versucht seinen Willen zu brechen. Nur ganz allmählich erfahren wir, was für ein Mensch McDermott war, welche Fähigkeiten er hatte und warum er Jude wirklich verfolgt. Hier nimmt die Story eine unerwartete Wendung, die zwar etwas dick aufgetragen wirkt, im Gesamtkontext aber doch akzeptabel ist. Ohne zu viel zu verraten: McDermott ist nicht der einzige Geist, mit dem Jude und Georgia es zu tun bekommen! Der Roman bleibt bis zum Schluss spannend und man wird quasi in Judes Stimmung der zunehmenden Verzweiflung und Ausweglosigkeit hineingesogen. Gutes Lesefutter! (11.04.2011)


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446
Die Dame vom See Andrzej Sapkowski: Die Dame vom See
dtv, 2011
639 Seiten

Geralt ist immer noch auf der Suche nach Ciri und Yennefer, doch die Spur ist kalt. Zudem nähert sich der Krieg zwischen Nilfgaard und den Nördlichen Königreichen dem Höhepunkt. Der Hexer sowie seine Gefährten Milva, Cahir, Angouleme und Regis finden Zuflucht vor den Kriegswirren im Herzogtum Toussaint, dessen Herrscherin Anna Henrietta sich in den Barden Rittersporn verliebt hat. In diesem märchenhaft schönen Land, das vom Krieg unberührt zu sein scheint, führen die Gefährten ein gutes, aber zunehmend langweiliges Leben. Geralt verdient sich etwas Geld, indem er das Land von verschiedenen Ungeheuern befreit. Seine Suche nach Ciri wird jedoch vor allem durch die Zauberin Fringilla Vigo verzögert. Fringilla soll Geralt im Auftrag der Loge der Zauberinnen so lange wie möglich in Toussaint festhalten. Sie soll herausfinden, was Geralt über Ciris Verbleib weiß. Fringilla hat zumindest teilweise Erfolg, denn Geralt lässt sich von ihr verführen. Als er sich schließlich doch aus ihrem Bann befreit und weiterzieht, hält sie ihn jedoch nicht auf.

Ciri ist durch den Schwalbenturm geflohen, um Leo Bonhart zu entkommen, dem von Stefan Skellen angeheuerten Mörder. So gelangt sie ins Reich der Elfen, die sie nicht wieder gehen lassen wollen, da sie ihre Herkunft und ihre besonderen Fähigkeiten nur zu genau kennen. Auberon Muircetach, der Elfenkönig, soll sie schwängern. Das aus dieser Verbindung hervorgehende Kind wollen die Elfen für ihre eigenen Zwecke nutzen. Mit Hilfe der Einhörner, die ebenfalls in dieser Welt leben und die mit den Plänen der Elfen nicht einverstanden sind, gelingt Ciri nach einiger Zeit die Flucht. Sie nutzt ihre Gabe, um so lange durch Raum und Zeit zu springen, bis sie endlich die Festung Stygga erreicht, in der Yennefer vom Magier Vilgefortz gefangen gehalten wird. Doch sie ist dem Magier nicht gewachsen und gerät in seine Gewalt. Auch er will ihr Blut missbrauchen, aber er ist längst nicht so geduldig oder zartfühlend wie die Elfen…

Soviel in aller Kürze (ich will ja nicht zu viel verraten) zur Handlung des fünften und letzten Romans aus der "Geralt-Saga", zu der auch zwei Kurzgeschichtenbände gehören. Alle sieben Bücher bilden eine einzige, zusammengehörende und aufeinander aufbauende Geschichte. "Die Dame vom See" schließt unmittelbar an Der Schwalbenturm an. Genau genommen hat die Geralt-Saga kein Ende, denn (Achtung! Es folgen massive Spoiler!) nach seinem vermeintlichen Tod bei einem Pogrom in Riva findet sich Geralt zusammen mit Yennefer an einem unbekannten Ort wieder, zu dem die beiden durch Ciris Kräfte versetzt worden sind. Soweit der Roman. Jahre später wird Geralt bewusstlos und mit Gedächtnisverlust von anderen Hexern in der Nähe von Kaer Morhen gefunden - aber das ist eine andere Geschichte, die im Computerspiel The Witcher erzählt wird. Ciri dagegen entzieht sich sowohl Vilgefortz als auch der Zauberinnenloge und gelangt in die Welt von König Artus und den Rittern der Tafelrunde, wo sie sich dem jungen Galahad anschließt...

Es ist gar nicht so leicht, der vielschichtigen Handlung zu folgen. Im Intrigenspiel der Mächtigen kann man schon mal den Überblick verlieren, was nicht zuletzt an den langen Zeiträumen zwischen der Veröffentlichung der Romane liegt. Wahrscheinlich könnte man sich all die vielen Charaktere besser merken, wenn man alle fünf Romane direkt hintereinander lesen würde. Ich musste jedenfalls einige Male im Witcher-Wiki nachschlagen, um meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Die komplexe Erzählstruktur verlangt dem Leser einiges an Aufmerksamkeit ab. Der Roman beginnt praktisch mit dem Ende und die Handlung wird nicht nur in Rückblicken und Erzählungen aus verschiedenen Blickwinkeln wiedergegeben, sondern auch noch durch Visionen zweier Damen namens Condwiramurs und Nimue. Wer sich mit der Artussage, die bei Sapkowski diesmal breiten Raum einnimmt, ein wenig auskennt, dem werden diese Namen bekannt sein. Condwiramurs hat die Gabe, Geschehnisse der Vergangenheit in ihren Träumen lebendig werden zu lassen, wenn sie zuvor Gemälde betrachtet, auf denen die entsprechenden Personen zu sehen sind. Und so wissen wir letztlich nicht: Hat sich alles wirklich so zugetragen? Oder nur in Träumen?

Geralts Erlebnisse in Toussaint, Ciris wilde Reise durch Zeit und Raum sowie der Krieg zwischen Nilfgaard und den Nördlichen Königreichen sind nur die drei Haupt-Erzählebenen, um die herum ein ganzes Netz von Nebenhandlungen geknüpft wird. Man könnte fast sagen, dass Sapkowski sich ein wenig verzettelt. Man wünscht sich manchmal, er würde sich mehr auf seine interessanteste Figur (Geralt) konzentrieren. Vilgefortz wird leider sehr schnell abserviert, zuvor degeneriert er vom klugen, geschickten Strippenzieher zum wahnsinnigen Möchtegern-Welteroberer. Ständig wechseln die Schauplätze; mal einige Schlaglichter aus dem Krieg, dann ein paar Hexer-Aufträge, Beratungen der Zauberinnen usw. - da freut man sich, wenn Sapkowski länger bei einem Handlungsstrang verweilt. Andererseits macht dieser Facettenreichtum gerade den Reiz seiner Romane aus! Und letzten Endes werden alle offenen Fragen beantwortet und alle Fäden sinnvoll zusammengeführt.

Wie ich schon in früheren Kommentaren erwähnte, wird die Geralt-Saga auch durch den für das Fantasy-Genre nicht unbedingt üblichen Realismus aus der Masse sonstiger Romane herausgehoben. In einem typischen Fantasy-Roman folgt auf die Entscheidungsschlacht in der Regel gleich das Happy End. Bei Sapkowski ist nach dem Ende des Krieges noch lange nicht Schluss. Es folgen zähe Verhandlungen, Grenzen werden neu festgelegt, Bauernopfer werden erbracht und nicht nur für die Besiegten wird es bitter. Dem Krieg folgen Armut, Hunger und die Pest. Gesellschaftliche Umwälzungen zeichnen sich ab und es kommt zu Pogromen gegen Zwerge, Elfen und andere Nichtmenschen. "Das Böse" an sich existiert bei Sapkowski mit Ausnahme von Vilgefortz und Bonhart genauso wenig wie eine Heile Welt, die durch den Sieg "des Guten" wiederhergestellt werden könnte.

Die Geralt-Saga ist Erwachsenen-Fantasy vom Feinsten. Düster, schmutzig und brutal auf der einen, gefühlvoll und poetisch auf der anderen Seite. Voller Anspielungen auf die reale Welt und einige ihrer Sagen, humorvoll und meisterlich erzählt, hervorragend übersetzt - eine klare Kaufempfehlung. (04.04.2011)


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445
Wilsberg und die Wiedertäufer Jürgen Kehrer: Wilsberg und die Wiedertäufer
Tandem-Verlag
179 Seiten

Georg Wilsberg ist pleite. Sein Vermieter hat ihm bereits mit der Räumungsklage gedroht, und auch der Deckel im Alcatraz, Wilsbergs Lieblingskneipe, müsste dringend bezahlt werden. Deshalb ist der Ex-Privatdetektiv trotz seiner Abneigung gegen die katholische Kirche bereit, für Monsignore Kratz und Weihbischof Becker zu arbeiten, als diese ihm 20.000 Mark anbieten. Das Bischöfliche Generalvikariat wird vom "Kommando Jan van Leiden" erpresst. Diese Gruppe, benannt nach dem König der Wiedertäufer, einer radikalchristlichen Sekte des 16. Jahrhunderts, hat bereits zwei Anschläge verübt: Die Käfige an der Lambertikirche wurden gelb angemalt, und ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert, das den Hauptgegner der historischen Wiedertäufer zeigt, wurde mit Säure zerstört. Das Kommando fordert 500.000 Mark von der Kirche, und das Geld soll von niemand anderem als Wilsberg überbracht werden. Mit diesem Job könnte Wilsberg vielleicht sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn Sigi, die seine Detektei erfolgreich weiterführt, arbeitet derzeit für die Eltern eines verschwundenen Siebzehnjährigen, der sich dem Kommando angeschlossen hat.

Da er wissen will, wie die Erpresser ausgerechnet auf ihn gekommen sind, lässt Wilsberg es nicht bei der Geldübergabe bewenden. Insgeheim folgt er der schönen rothaarigen Frau, die das Geld abholt, und stolpert direkt in eine Versammlung des Kommandos hinein. Er wird drei Tage lang festgehalten und verliebt sich in die Rothaarige, die sich Mareike nennt. Dass er es nicht mit Verbrechern zu tun hat, sondern mit fehlgeleiteten Idealisten, erfährt Wilsberg, als man ihn freilässt und in die Motive des Kommandos einweiht. Alle Mitglieder hatten in der einen oder anderen Weise schwer unter den Machenschaften der katholischen Kirche zu leiden. Dafür sollen die Verantwortlichen nun zahlen. Eigentlich könnte die Sache damit für Wilsberg erledigt sein, aber bald wird ihm zweierlei klar: Die Anschläge des Kommandos werden immer aggressiver - und es muss einen Verräter in ihren Reihen geben, denn Hauptkommissar Stürzenbecher scheint über ihre nächsten Schritte informiert zu sein. Um Mareike schützen zu können, muss Wilsberg mehr über die Geschichte der Wiedertäufer herausfinden. Dabei wird er bald selbst zu einem Hauptverdächtigen...

Wilsbergs fünfter Fall (vom ZDF verfilmt) ist ein Krimi ganz ohne Leiche, dafür mit vielen Einblicken in die Geschichte der Stadt Münster. Die Verflechtung historischer Ereignisse mit dem Kriminalfall ist gut gelungen. Die Anschläge der Erpresser richten sich nach bestimmten Ereignissen im Zusammenhang mit dem so genannten "Täuferreich von Münster". In den Dreißigerjahren des 16. Jahrhunderts hat es ausgerechnet im erzkatholischen Münster tatsächlich eine Bewegung gegeben, wie sie im Roman beschrieben wird. Sie wurde durch ein Blutbad beendet. Die Leichen ihrer Anführer wurden in Käfigen ausgestellt, die heute noch am Turm der Lambertikirche hängen. Wilsberg muss sich eingehend mit dieser Geschichte beschäftigen, um den Fall lösen zu können. So wird das Interesse des Lesers für bestimmte Orte in Münster geweckt, Fußnoten geben weiterführende Informationen.

Der Roman wäre ohne seine sympathische Hauptfigur höchstens halb so lesenswert. Wilsberg ist und bleibt ein mehr oder weniger normaler Durchschnittsbürger, der sich immer wieder nur selbst in Schwierigkeiten bringt. Er ist kein gestählter Superagent, sondern ein körperlich nicht mehr so ganz fitter Enddreißiger, der gern mal in der Kneipe versackt. Seine einzigen Waffen sind seine gute Spürnase und sein trockener, manchmal zynischer Humor. Er verleiht dem Roman als Ich-Erzähler jene authentische Bodenständigkeit, ohne die ein Wilsberg-Roman nicht denkbar wäre. Wieder einmal wird unserem Helden übel mitgespielt: Diesmal wird er sogar zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, und da der zweite Scheck seiner Auftraggeber platzt, steht er am Ende auf der Straße... (28.03.2011)


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444
Kate Bush Biografie Rob Jovanovic: Kate Bush - Die Biografie
Hannibal, 2006
230 Seiten

Kate Bush. Eine Ausnahme-Künstlerin, ohne die die Musikwelt ärmer wäre - nicht zuletzt deshalb, weil viele Musikerinnen durch sie maßgeblich beeinflusst worden sind. Sie selbst ist all jenen, die sie in den Siebziger- und Achtzigerjahren erlebt haben, nicht nur durch ihre ungewöhnlichen, facettenreichen Songs unvergesslich geworden, sondern auch durch ihre denkwürdigen Liveauftritte und Musikvideos. Ich zumindest kann mich noch ganz genau an ihren Auftritt in der Fernsehsendung "Bios Bahnhof" erinnern. Und an Bio, der nach dem Auftritt sagte: "Kate, you're great". Ich fand die Performance und die beiden Titel ("Kite" und natürlich "Wuthering Heights") damals eher bizarr - das war 1978 und ich war erst 11 Jahre alt. Kate Bush ist gerade mal neun Jahre älter als ich... Ein Video des kompletten Auftritts findet man übrigens auf YouTube. Zum Fan bin ich erst 1980 mit der LP "Never for Ever" und der Single "Babooshka" geworden. Vielleicht war ja der dazu gehörende Videoclip Schuld, in dem Kate Bush ziemlich freizügig gekleidet zu sehen war? Genau wie alle anderen Fans war ich etwas betrübt darüber, dass kaum etwas über die Person hinter den verschiedenen Rollen, die sie in ihren Clips verkörperte, zu erfahren war.

Das ist bis heute so geblieben, denn Kate Bush hat stets darauf geachtet, ihr ohnehin skandalfreies Privatleben gegen die Außenwelt abzuschirmen. Und genau das ist auch der Grund dafür, dass sich eine Biografie dieser außergewöhnlichen Künstlerin immer auf ihr Werk wird konzentrieren müssen. Rob Jovanovics Buch stellt da keine Ausnahme dar. Zu einem Interview war Kate Bush, wie er schreibt, nicht bereit, und so musste er auf andere Quellen und ältere Interviews zurückgreifen. Immerhin erfährt man durchaus einiges über Kate Bushs Herkunft, den Beginn ihrer Karriere, ihr Interesse für Tanz und Filme. Der Schwerpunkt liegt aber auf der Entstehung der Alben von "The Kick inside" bis "Aerial". Ihre Arbeitsweise wird beschrieben, Studiomusiker, die an den Alben mitgewirkt haben, kommen zu Wort und die Alben selbst werden genauer unter die Lupe genommen. Dabei spart der Autor nicht mit kritischen Anmerkungen, die ziemlich genau meine Meinung widerspiegeln - mit einer Ausnahme: Im Gegensatz zu Jovanovic halte ich das Album "The Dreaming" für eines der besten Werke Kate Bushs. Einige Schwarzweißfotos und ausführliche Diskografien, Bibliografien usw. runden dieses für Fans unverzichtbare Buch ab. Schade nur, dass einige Schreibfehler enthalten sind, ausgerechnet bei Songtiteln...

Gute Nachrichten: Für Mai 2011 wurde ein neues Album mit dem Titel "Director's Cut" angekündigt. Es soll allerdings keine neuen Titel enthalten, sondern lediglich neu eingespielte Stücke aus "The Sensual World" und "The Red Shoes". Man darf gespannt sein, was darunter zu verstehen ist! (14.03.2011)

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443
Starship Troopers Robert A. Heinlein: Starship Troopers
Bastei Lübbe, 2008
335 Seiten

Nach dem Zusammenbruch der Nationalstaaten am Ende des 20. Jahrhunderts gibt es nur noch eine einzige, geeinte Menschheit mit einer demokratischen Weltregierung. Als vollwertiger, privilegierter und wahlberechtigter Bürger gilt aber nur, wer den zweijährigen freiwilligen Grundwehrdienst abgeleistet und somit bewiesen hat, dass er die nötige Reife besitzt und bereit ist, sein persönliches Wohl dem der Gemeinschaft unterzuordnen. Der Militärdienst steht deshalb jedem Mann und jeder Frau offen. Auch all jene, die sich nicht zum Militär melden und auf die Vollbürgerrechte verzichten (und das ist die große Mehrheit), genießen Freiheit und Wohlstand. Sie können lediglich keine politische Karriere einschlagen. Die Kriminalitätsrate ist sehr gering, denn jedes Verbrechen wird sofort bestraft: Entweder durch öffentliche Auspeitschung oder mit dem Tod.

Seit der Entwicklung des Hyperraum-Antriebs hat sich die Menschheit über zahlreiche Kolonialplaneten ausgebreitet und Bündnisse mit anderen Zivilisationen geschlossen. Diese Expansion hat zum Konflikt mit dem Sternenreich eines insektoiden Volkes vom Planeten Klendathu geführt. Diese Wesen ähneln riesigen Spinnen und werden als "Bugs" bezeichnet. Die Bugs sind in verschiedene Kasten unterteilt, wobei die Angehörigen der Arbeiter- und Kriegerkaste kaum mehr sind als ferngesteuerte Roboter, die von der Gehirn-Kaste kontrolliert werden. An der Spitze dieser an einen Ameisenstaat erinnernden Kultur stehen die Eier legenden Königinnen. Nur die Elitesoldaten der terranischen Mobilen Infanterie sind den Bug-Kriegern gewachsen. Sie tragen schwer bewaffnete und gepanzerte Kampfanzüge mit Kraftverstärkern, mit denen sie von Träger-Raumschiffen aus direkt ins Einsatzgebiet abspringen können.

Juan Rico meldet sich trotz des Widerstands seines Vaters freiwillig zur Armee, um vollwertiger Bürger zu werden. Er wird in die Mobile Infanterie aufgenommen und muss zunächst einmal die extrem harte Grundausbildung überstehen. In dieser Zeit eskaliert der Konflikt mit den Bugs zum offenen Krieg. Die Bugs greifen die Erde an und vernichten Buenos Aires. Dabei kommt Ricos Mutter ums Leben, und daraufhin verpflichtet sich auch sein Vater bei der Mobilen Infanterie. Nach den ersten verlustreichen Gefechten mit den Bugs sieht es so aus, als würden die Menschen den Krieg verlieren. Rico, der sich inzwischen für eine Karriere als Berufssoldat entschieden hat, nimmt an einem Kommandoeinsatz auf Planet P teil. Das Ziel besteht in der Gefangennahme eines Gehirn-Bugs, denn der Nachschub an neuen, bedingungslos bis zum Tod kämpfenden Bug-Kriegern scheint unerschöpflich zu sein...

Ich habe schon einige Romane Heinleins gelesen, irgendwann jedoch das Handtuch geworfen. Inhaltlich waren die Romane teils durchaus interessant oder sogar faszinierend, aber ich war zuletzt so abgestoßen vom ermüdend weitschweifigen Stil und dem endlosen Macho-Geplänkel zwischen männlichen Hauptfiguren und weiblichen Statisten, dass ich mir vorgenommen hatte, niemals wieder ein Buch Heinleins auch nur mit der Kneifzange anzufassen. Allerdings wusste ich, dass seine früheren Werke nicht so sehr von Altherrenphantasien geprägt sind wie die Bücher, die ich schon kannte. Ein solches wollte ich schon immer mal lesen, und was lag näher, als zu dem 1959 erstmals erschienenen Roman "Starship Troopers" zu greifen? Schließlich hat Heinlein hiermit einst den Hugo-Award gewonnen. Anlässlich der Verfilmung von Paul Verhoeven aus dem Jahre 1997 wurde der Roman neu aufgelegt. Das Buch ist nicht, wie der Klappentext dieser Ausgabe suggeriert, der "Roman zum Film". Wer das annimmt, kann vom Roman nur enttäuscht sein. Im Grunde könnte man Verhoevens Film als Parodie des Romans bezeichnen.

In "Starship Troopers" gibt es nur wenige Dialoge und noch weniger Beziehungskisten. Deshalb ist der Roman angenehmer lesbar als z.B. "Die Zahl des Tiers", einen der meiner Meinung nach schrecklichsten Heinlein-Romane. Eine gewisse Geschwätzigkeit findet man aber bereits hier. Dabei ist der Roman vergleichsweise handlungsarm. Über viele Kapitel hinweg beschreibt Rico minutiös seine Ausbildung, seine Kameraden, seine Ausrüstung, das militärische Regelwerk usw. - das gipfelt in erschöpfenden Ausführungen darüber, wie und warum jemand in einen bestimmten militärischen Rang befördert werden kann oder nicht und wie sich die Sitzordnung am Offizierstisch eines Schiffes gestaltet, in dem sowohl Marinesoldaten als auch Infanteristen mitfliegen... Hinzu kommen lange Monologe der Ausbilder, in denen diese ihre Meinung zur aktuellen Gesellschaftsform darlegen. Wären die Ansichten, die hier zum Ausdruck kommen, nicht so extrem, dann würde man sich bei der Lektüre schnell langweilen. Der Autor zeigt uns nicht, wie die fiktive Gesellschaft funktioniert, stattdessen setzt er uns erklärende Texte vor, wie sie auch in einem geschichtlichen Essay stehen könnten. Die "Action" tritt dem gegenüber deutlich in den Hintergrund. Es gibt immer nur kurze Gefechte mit den Bugs, wie es ja auch dem Einsatzzweck der Mobilen Infanterie entspricht. Danach geht's gleich wieder zurück ins Schiff und zum drögen Dienstalltag. Heinlein versucht den zähen Text durch zahlreiche Rückblenden etwas aufzulockern.

Was ich von den hier propagierten Ansichten halten soll? Ich weiß nicht. Die erzreaktionäre, faschistoide Weltsicht der Ausbilder Ricos kann sicherlich als Gesellschaftskritik verstanden werden. Nur: Welche Gesellschaft ist gemeint? Die fiktive des Romans? Oder doch eher unsere? Letzteres dürfte zutreffen, denn Ricos Welt wird durchweg positiv geschildert. Sie ist ja anscheinend keine finstere Militärdiktatur, sondern eine Gesellschaftsform, die wirklich "funktionieren" könnte (jedenfalls sollen wir das glauben), während unsere Version der Demokratie als verweichlicht und zum Scheitern verurteilt dargestellt wird. Die Bugs repräsentieren natürlich die aus Heinleins Sicht ultimative Irrlehre: Den Kommunismus.

"Starship Troopers" kommt mir vor wie eine auf Rechts gebürstete Version von Im Westen nichts Neues. Durchaus lesbar, wenn etwas Straffung der Geschichte auch gut getan hätte. Als Gegenentwurf zu unserer Gesellschaft ist das Buch nicht uninteressant, aber das Gedankengut... na ja: Regierungsbildung durch eine Elite, die infolge des Militärdienstes ein Verantwortungsgefühl für die Allgemeinheit verinnerlicht hat. Minimierung der Kriminalität durch sofortige harte Bestrafung. Expansion und Kampf als Lebensmaxime. Das klingt alles genauso naiv und lebensfremd wie jede andere Kopfgeburt dieser Art. (07.03.2011)


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442
Stürme des Wüstenplaneten Brian Herbert / Kevin J. Anderson: Stürme des Wüstenplaneten
Heyne, 2010
589 Seiten

Im Jahre 10.207 endet die Herrschaft des Imperators Paul Atreides, genannt Muad'Dib. Infolge eines Mordanschlags mit einem Steinbrenner hat er sein Augenlicht verloren. Seine geliebte Chani ist bei der Geburt der Zwillinge Ghanima und Leto II gestorben. Paul geht daraufhin in die Wüste des Planeten Arrakis, um dort zu sterben. Nach Pauls Verschwinden übernimmt seine Schwester Alia als Regentin die Macht. Ihr zur Seite steht ein von den Tleilaxu erschaffener Ghola Duncan Idahos, der alle Erinnerungen des Originals besitzt und Alia heiratet. Obwohl Pauls Djihad beendet ist, verüben Alia, die Quizarat-Priester und die fanatischen Fedaykin immer noch unmenschliche Grausamkeiten an allen, die sich dem zur Religion gewordenen Personenkult um Muad'Dib entziehen wollen oder gar in irgendeiner Weise gegen ihn vorgehen. Zu letzteren gehört Bronso Vernius, ehemaliger Herrscher des Planeten Ix und früherer Freund Pauls. Bronso versucht gegen die Vergötterung Pauls und die von Prinzessin Irulan zu diesem Zweck vorgenommene Geschichtsfälschung vorzugehen. Er ist ständig auf der Flucht und wird von mächtigen Freunden geschützt.

Pauls Leichnam wurde zwar nicht gefunden, dennoch wird auf dem Wüstenplaneten eine gigantische Trauerfeier vorbereitet. Lady Jessica Atreides erfährt erst Wochen später vom Tod ihres Sohnes, denn sie und ihr Vertrauter Gurney Halleck haben sich schon vor längerer Zeit nach Caladan zurückgezogen. Sie reisen nach Arrakis, um an der Trauerfeier teilzunehmen. Diese wird durch einen an sich harmlosen Anschlag Bronsos empfindlich gestört. Dadurch wird Bronso endgültig zum verhasstesten und meistgesuchten Mann des Imperiums. Duncan Idaho und Gurney Halleck erhalten den Auftrag, ihn aufzuspüren. Nun hält Jessica die Zeit für gekommen, Gurney und Irulan über Details aus Pauls Vergangenheit in Kenntnis zu setzen, die die aktuellen Ereignisse in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen.

In ihrer Jugend waren Paul und Bronso ohne Wissen ihrer Eltern als blinde Passagiere eines Gilden-Heighliners von Welt zu Welt gereist und hatten sich fahrendem Volk vom Planeten Jongleur angeschlossen. Von Rheinvar dem Großartigen, einem Meister-Jongleur, hatte Paul Techniken zur Manipulation der Massen erlernt. Im Verlauf der Ereignisse war es zu einem Zerwürfnis zwischen Paul und Bronso sowie den Häusern Atreides und Vernius gekommen. Jahre später jedoch, als Pauls Djihad schon außer Kontrolle geraten war, hatte Paul seinen ehemaligen Freund um Hilfe gebeten. Bronso sollte eine Gegenkampagne starten, um Paul auf menschliches Maß zurechtzustutzen. Somit gehen Bronsos "ketzerische" Schriften letztlich auf Paul selbst zurück...

Der "Wüstenplanet"-Zyklus des 1986 verstorbenen Autors Frank Herbert besteht aus sechs Bänden, zwischen denen teils sehr große zeitliche Lücken klaffen - so auch zwischen Band 2 und 3 ("Der Herr des Wüstenplaneten" und "Die Kinder des Wüstenplaneten"). Band 2 endet damit, dass der blinde Paul nach dem Tod Chanis in die Wüste geht, wodurch der Djihad endgültig beendet wird. Band 3 beginnt ca. neun Jahre später. Alia ist Regentin und wird allmählich wahnsinnig, da ihre "Inneren Stimmen" - vor allem die ihres Großvaters, des Barons Wladimir Harkonnen - allmählich übermächtig werden. Ein blinder Prediger erscheint, der gegen Alias Schreckensherrschaft zu agitieren beginnt. Es ist niemand anderer als der tot geglaubte Paul Atreides.

Frank Herberts Sohn Brian und SF-Autor Kevin J. Anderson haben bereits zwei Prequel-Trilogien und zwei Fortsetzungen (also Band 7 und 8 des Zyklus) geschrieben, die sich angeblich auf Frank Herberts Nachlass stützen. Jetzt gehen sie daran, die erwähnten "Lücken" zu schließen. Der erste dieser Romane trägt den Titel Der Wüstenplanet - Paul Atreides und spielt zwischen Band 1 und 2 des ursprünglichen Zyklus. "Stürme des Wüstenplaneten" ist das zweite "Zwischenspiel" und leitet von Band 2 zu Band 3 des ursprünglichen Zyklus über. Weitere Romane sind bereits in Vorbereitung. "Stürme des Wüstenplaneten" ist ähnlich aufgebaut wie "Paul Atreides". Wieder wird die Handlung eines der Romane Frank Herberts weitergesponnen, ohne dass irgendwelche entscheidenden neuen Informationen zum Zyklus beigetragen werden, zwischendurch werden einige Rückblenden auf Pauls Jugend und die ersten Herrschaftsjahre als Imperator eingeflochten. Ich würde zwar auch diesen Roman als reine Geldmacherei bezeichnen, aber wenigstens wird diesmal der Versuch unternommen, den verschiedenen Hauptfiguren mehr Tiefe zu verleihen. Lady Jessica steht dabei eindeutig im Mittelpunkt. Ihre Konflikte mit den Bene Gesserit und die Schwierigkeiten, die sie als Herzogin von Caladan hat, sorgen für einige durchaus interessante Kapitel. Ansonsten bietet zumindest die Rahmenhandlung nichts Neues; irgendwie hat man das Gefühl, alles schon so oder so ähnlich in Band 2 und 3 des ursprünglichen Zyklus gelesen zu haben. Die Beziehungen zwischen Jessica, Alia, Duncan Idaho, Gurney Halleck usw., die verschiedenen Intrigen, die Machenschaften der Priesterkaste - all das kommt dem kundigen Leser doch allzu bekannt vor.

Bleiben die Rückblicke mit Pauls Abstecher zur Jongleur-Truppe und die sich daraus ergebenden Folgen. Die Autoren scheinen es für nötig gehalten zu haben, Pauls Fähigkeit der Massenbeeinflussung einen bisher nicht bekannt gewesenen Hintergrund zu verleihen. Netter Versuch, aber letztlich bleiben diese Kapitel doch belanglos. Die Autoren verschenken außerdem erneut die Chance, Pauls wahre Beweggründe verständlich zu machen. Jessica hat angesichts der Gräuel des Djihad dieselben Zweifel an Pauls Zukunftssicht, die auch den Leser beschleichen. Aber offenbar haben Brian Herbert und Kevin J. Anderson ebenfalls keine vernünftige Antwort auf die Frage anzubieten, welche Bedrohung der Menschheit Paul in seinen Visionen zu sehen glaubte, die all das rechtfertigen. Es gibt sogar ein Kapitel, das man so lesen könnte, als habe Paul durch das Entfesseln des Djihad eine selbsterfüllende Prophezeiung erschaffen, d.h. er selbst und sein Djihad wären die Bedrohung, die er durch den Djihad eigentlich hätte abwehren wollen. Da der Djihad außer Kontrolle geraten sei, habe Bronso mit seiner Kampagne einschreiten müssen...

Mir reicht's jetzt. Weitere Zwischenspiele, Prequels oder Fortsetzungen des "Wüstenplanet"-Zyklus werde ich mir nicht mehr antun. (28.02.2011)


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441
Perry Rhodan Jupiter Hubert Haensel / Christian Montillon / Wim Vandemaan: Perry Rhodan Jupiter
Heyne, 2011
1007 Seiten

Infos zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke meines Archivs. Einfach hier klicken!

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440
Das magische Messer Philip Pullman: Das magische Messer
Heyne, 2007
333 Seiten

Lord Asriel hat es geschafft, einen Übergang zu einer anderen Welt zu öffnen. Die Folgen sind für alle Welten katastrophal. Serafina Pekkala hält eine Ratsversammlung der Hexen ab, bei der auch Lee Scoresby teilnehmen darf. Es steht fest, dass es zu einem großen Krieg kommen wird, dem sich auch die Hexen nicht werden entziehen können. Während sich Serafina Pekkala mit einigen Hexen auf den Weg macht, um Lyra zu finden, sucht Scoresby nach dem Polarforscher Dr. Grumman, der Kenntnis von einem Objekt haben soll, das seinen Träger schützen kann. Er will dieses Objekt für Lyra gewinnen. Serafina Pekkala wird von Ruta Skadi begleitet, der Königin eines anderen Hexenclans. Sie war einst Lord Asriels Geliebte und findet heraus, dass er in einer der zahlreichen Parallelwelten offensichtlich seit langer Zeit an einer gigantischen Festung arbeitet, in der sich viele Heere der unterschiedlichsten Völker sammeln. Selbst jene geheimnisvollen, unglaublich mächtigen Wesen, die sich selbst als Engel bezeichnen, scheinen ihm zu Diensten zu sein.

Währenddessen in unserer Welt: Der zwölfjährige William Parry kümmert sich allein um seine Mutter, deren Geisteszustand sich seit Jahren immer mehr verschlechtert. Wills Vater John ist kurz nach Wills Geburt bei einer Forschungsreise in den hohen Norden spurlos verschwunden. Eines Tages stellt Will fest, dass manche Wahnvorstellungen seiner Mutter eine reale Grundlage haben. Unbekannte verfolgen sie und brechen eines Nachts in das Haus ein - vermutlich um eine Mappe mit Briefen John Parrys zu stehlen. Will stellt sich den Eindringlingen entgegen und tötet einen von ihnen unabsichtlich. Er nimmt die Mappe an sich und flieht. Er entdeckt eine Art "Fenster", das in eine andere Welt führt. Dort versteckt er sich vor seinen Verfolgern. In der scheinbar völlig verlassenen Stadt Cittagazze trifft er auf Lyra, die einige Tage zuvor durch den von Lord Asriel erschaffenen Weltenübergang ebenfalls hierher gelangt ist. In dieser Stadt, die einst als Kreuzungspunkt für die zahlreichen Parallelwelten gedient haben muss, treiben Gespenster ihr Unwesen, die Erwachsenen die Seelen aussaugen.

Lyra und Will raufen sich allmählich zusammen und verfolgen ihre Ziele künftig gemeinsam. Sie nutzen das "Fenster", um in Wills Welt zurückzukehren. Dort forscht Will nach dem Schicksal seines Vaters, während Lyra auf Anraten des Alethiometers Kontakt mit der Wissenschaftlerin Dr. Mary Malone aufnimmt. Dr. Malones Forschungsgebiet ist Dunkle Materie - und dabei handelt es sich um genau dieselben Elementarteilchen, die in Lyras Welt als "Staub" bekannt sind. Dr. Malone nimmt an, dass diese Teilchen intelligent sind, und ist sehr überrascht, als Lyra ihr den Beweis für diese Hypothese liefert. Ein gewisser Sir Charles Latrom stiehlt das Alethiometer. Als Lyra und Will es zurückfordern, bietet er ihnen einen Handel an. Sie sollen ihm ein Magisches Messer beschaffen, das in Cittagazze aufbewahrt wird. Die Kinder gehen darauf ein, und so wird Will zum neuen Träger des Magischen Messers. Er bezahlt dies mit dem Verlust zweier Finger der linken Hand. Der bisherige Träger des Messers macht ihm klar, dass er dieses mächtige Instrument niemals hergeben darf. Die Kinder finden ohnehin heraus, dass man Sir Charles nicht trauen kann. Er kann ebenfalls zwischen den Welten wechseln. In Lyras Welt ist er als Lord Boreal bekannt - und er macht gemeinsame Sache mit Mrs. Coulter, die immer noch hinter Lyra her ist...

Der zweite Teil der Trilogie "His Dark Materials" ist ein weiterer Beweis für Pullmans grandiose Erzählkunst. Der Roman ist zwar nicht mehr so in sich geschlossen wie Der Goldene Kompass, aber das tut der Spannung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Der relativ häufige Wechsel der Handlungsebenen und Erzählperspektiven bringt mehr Tempo in die Geschichte hinein und eröffnet ganz neue Aspekte. Denn in Band 1 hat man alles aus Lyras Blickwinkel miterlebt, aber diesmal steht nicht mehr nur sie im Mittelpunkt. Stattdessen wird mit Will eine völlig neue Hauptfigur eingeführt, auf die man sich erst einlassen muss. Wer gedacht hat, Lyras Erlebnisse würden nahtlos weitergeführt werden, ist vielleicht erst einmal enttäuscht, zumal Lyra allmählich vernünftiger bzw. erwachsener wird und sich Will sogar unterordnet. Serafina Pekkala und Lee Scoresby, die man aus Band 1 schon kennt, sind ebenso zentrale Figuren mit eigenen Handlungssträngen. Alle Ebenen werden aber am Ende sinnvoll zusammengeführt.

Allerdings dauert es eine Weile, bis man zu ahnen beginnt, in welche Richtung sich die Story weiterentwickeln wird. In "Der Goldene Kompass" war von Anfang an klar: Es geht um Lyras Suche nach ihrem entführten Freund und Lord Asriel. In "Das magische Messer" geht es zunächst einmal um Wills Flucht und sein Zusammentreffen mit Lyra, gleichzeitig werden die fatalen Auswirkungen von Lord Asriels Taten geschildert. Erst allmählich wird klar, dass sich eine Auseinandersetzung von wahrhaft biblischen Ausmaßen abzeichnet. Lord Asriel - der diesen Namen nicht zufällig trägt - schickt sich an, gegen Gott zu Felde zu ziehen! Man darf gespannt sein, zu welchem Höhepunkt diese Anbahnungen noch führen werden. Das nämlich ist die einzige echte Schwäche des Romans, die er mit allen Mittelteilen von Trilogien gemein hat: Es gibt kein echtes Ende. Eigentlich müsste ich sofort Teil 3 lesen! Aber das will ich noch ein wenig hinauszögern.

Die Dimensionen, in denen hier gedacht wird, haben es wirklich in sich. Engel und Vampire erscheinen, es wird von Quantenphysik und intelligenter Dunkler Materie gesprochen. Die Handlung wird immer komplexer und man muss schon aufpassen, dass man bei all den verschiedenen Parallelwelten nicht durcheinanderkommt. Dann noch die Rollen, die Lyra und Dr. Malone zu spielen haben werden (ohne zu viel zu verraten: Beide haben biblische Vorbilder), das tragische Schicksal lieb gewonnener Hauptfiguren… all das lässt zweierlei klar werden: Kinder können eigentlich nicht die Zielgruppe dieser Trilogie sein, und bei gläubigen Christen dürfte die als positiv dargestellte Rebellion gegen Gott (hier als "höchste Autorität" bezeichnet) für Entsetzen und Ablehnung gesorgt haben... Wer nicht so engstirnig ist, darf sich über hervorragend erzählte, intelligente Fantasy freuen, wie sie besser kaum sein kann. (15.02.2011)


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439
Im Westen nichts Neues Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues
Ullstein, 1983
204 Seiten

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges melden sich der neunzehnjährige Paul Bäumer und all seine Klassenkameraden, angestachelt vom patriotischen Geschwätz ihres Lehrers Kantorek, freiwillig zum Kriegsdienst. In der Grundausbildung wird den Rekruten klargemacht, was das Soldatenleben wirklich bedeutet. Die romantische Begeisterung wird ihnen schnell ausgetrieben und durch gnadenlose Disziplin ersetzt. Die jungen Männer werden vom Ausbilder Himmelstoß tyrannisiert, aber selbst dieser unmenschliche Drill ist nur eine unzureichende Vorbereitung auf das Grauen des Grabenkrieges, das sie an der Westfront erwartet. Nach einem Jahr schrecklicher Stellungskämpfe ist nur noch die Hälfte der Kompanie am Leben.

Paul und seine Mitschüler Albert Kropp, Müller V und Leer konnten zusammenbleiben. Eine besondere Kameradschaft verbindet sie mit dem erfahrenen alten Kämpfer Stanislaus Katcinsky (genannt Kat), der ihnen das Überleben an der Front beibringt und eine Art Vaterfigur für sie wird, sowie mit dem Schlosser Tjaden, dem friesischen Bauern Detering und dem Torfstecher Haie Westhus. Gemeinsam stehen sie Sturmläufe auf gegnerische Stellungen, Gasangriffe, Artilleriebeschuss, ständigen Hunger und das zermürbende Warten in den Schützengräben durch. Manchmal sind ihnen ruhige Momente in der Etappe vergönnt, wo sie es sich wegen Kats Organisationstalent gutgehen lassen können. Doch dadurch wird die unvermeidliche Rückkehr in die Schützengräben nur noch unerträglicher. Nur die Kameradschaft in der Gruppe verhindert, dass die Soldaten wahnsinnig werden oder desertieren.

Als Paul einen kurzen Urlaub zu Hause verbringt, erkennt er, dass es nichts gibt, wozu er nach dem Krieg zurückkehren könnte. Er hat sich seinem früheren Leben bereits zu sehr entfremdet. Zurück an der Front verliert er einen Kameraden nach dem anderen, denn der Krieg verläuft schlecht für das Deutsche Reich, die Versorgungslage wird immer katastrophaler und Pauls Kompanie erleidet schreckliche Verluste. Der Tag, an dem Paul Bäumer fällt, ist ansonsten so ruhig, dass der Kriegsbericht nichts Neues von der Westfront zu vermelden hat...

Im Vorwort schreibt Remarque, das Buch sei nicht als Anklage gemeint. Es mag zwar nicht als Anti-Kriegs-Roman gedacht sein, aber allein der Tatsachenbericht eines einfachen Soldaten reicht aus, um dem Leser wenigstens den Hauch einer Ahnung zu vermitteln, mit welcher aus heutiger Sicht unglaublichen Grausamkeit der Grabenkrieg geführt worden ist, und klarzumachen, dass Krieg rein gar nichts mit Heldentum zu tun hat. Für die Soldaten zählt nur das Überleben und die nächste meist elende Mahlzeit – alles andere ist weniger als zweitrangig. Remarque nimmt kein Blatt vor den Mund und schildert die Schrecken, denen die Soldaten ausgeliefert waren, auf ziemlich drastische Weise. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie der Kampf Mann gegen Mann, zwischen Artilleriebeschuss, Giftgas, Flammenwerfern, Handgranaten und mit völlig unzureichender medizinischer Versorgung, gewesen sein muss. Gerade die Sachlichkeit, mit der Paul seine Erfahrungen wiedergibt, macht den Roman viel eindringlicher, als es übertriebenes Pathos vermocht hätte. Man muss den Krieg gar nicht wortreich verdammen; es reicht völlig, ihn einfach so zu schildern, wie er wirklich war und ist.

Die zunehmende Abstumpfung der jungen Männer, ihre Verrohung und Entmenschlichung, ist das zweite zentrale Thema des Romans. Den "Einjährigen" wird klar, dass sie durch die grausamen Kriegserfahrungen für immer verändert worden sind. Ältere Soldaten haben bereits einen Beruf und eine Familie, zu denen sie zurückkehren können, aber Paul und seine ehemaligen Mitschüler haben sich noch kein derartiges Leben aufgebaut. Paul hat nur eines gelernt: Wie man Menschen tötet. Wie sollte er nach allem, was er gesehen hat, jemals ein normales Leben beginnen können? Der im Grunde sensible, gebildete junge Mann fühlt sich in ein Tier verwandelt, das keine Ideale mehr kennt und nur überleben will, koste es was es wolle.

Ein packender Roman, den man so schnell nicht wieder vergisst. Gehört zur Allgemeinbildung – wurde Zeit, dass ich diese Bildungslücke mal geschlossen habe... (07.02.2011)


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438
Keine Spur von Leben... Herbert W. Franke: Keine Spur von Leben...
Suhrkamp, 1982
231 Seiten

Dieser Band enthält den Text folgender sechs Science Fiction - Hörspiele Herbert W. Frankes, die in der Zeit zwischen 1975 und 1981 von verschiedenen Sendern aufgeführt worden sind:

Keine Spur von Leben...

Im 23. Jahrhundert beuten die Menschen die Kristallfelder eines fremden Planeten aus. Dabei kommt es zu unerklärlichen Zwischenfällen, die von einer Psychologin untersucht werden. Ein Expeditionsteilnehmer glaubt Stimmen zu hören, die ihn in den Selbstmord treiben wollen. Man glaubt an Täuschung oder Sabotage, denn auf dem Planeten gibt es keine Spur von Leben. Allerdings können merkwürdige, an Musik erinnernde Geräusche aufgezeichnet werden Jahre später werden sie entschlüsselt – und sie enthalten tatsächlich eine verständliche Botschaft. Waren die Kristalle also eine bislang unbekannte Lebensform? Wenn ja, dann wurde dieses Leben von den Menschen restlos ausgerottet...

Aktion im Niemandsland

Nach einem Atomkrieg sind weite Teile der Erde verwüstet. In den intakt gebliebenen Städten führen die Menschen ein bis ins Detail geregeltes Leben. All ihre Aktivitäten sind genau vorgeschrieben. Im Niemandsland gibt es ebenfalls zwar Überlebende, aber man nimmt an, dass sie alle strahlenverseuchte Mutanten sind. Im Jahre 2150 soll die Sperrzone geräumt und entseucht werden. Angeblich sollen die Bewohner des Niemandslands dann neue, schöne Wohnungen erhalten. Sie sind jedoch mit ihrem Leben in den Ruinen ganz zufrieden, denn dort sind sie frei. In Wahrheit geht es den Stadtbewohnern ohnehin nur um die Bodenschätze, die in der Sperrzone gefunden wurden.

Papa Joe & Co.

Nach vielen Jahren der Isolation reist im Jahre 2000 erstmals wieder eine europäische Delegation in die USA. Dort hat sich eine merkwürdige Religion entwickelt, an deren Spitze "Papa Joe" steht. Papa Joe und seine Engel stehen angeblich immer im Kontakt mit den Gläubigen, die sich in dieser Gemeinschaft geborgen fühlen. Die Menschen werden umsorgt, es wird Unterhaltung geboten und es gibt keine Konflikte. Die Delegation stellt fest, dass dieses System durchaus seine Schattenseiten hat. Wer nicht hineinpasst, wird verbannt und fristet ein erbärmliches Dasein im Untergrund. Außerdem ist Papa Joe kein Gott, und die Verbindung zu den Gehirnen seiner Jünger besteht zwar wirklich, ist aber keineswegs spiritueller Natur...

"Ich bin der Präsident"

Die junge Ärztin Lea Pellegrino erhält den Auftrag, einen Mann zu untersuchen, der beinahe einem Brandanschlag zum Opfer gefallen ist. Sein Gesicht ist durch die Verbrennungsnarben entstellt, aber er behauptet steif und fest, der Präsident der südamerikanischen Konföderation zu sein. Er hat Kenntnis von Dingen, die nur der wahre Präsident haben kann - aber wer ist dann der Mann, der gerade erst einen Frieden mit dem Nachbarland ausgehandelt hat? Lea setzt neue Untersuchungsmethoden ein, um die Wahrheit aus dem Unterbewusstsein des Patienten herauszufiltern, und ist erfolgreicher, als gut für sie ist...

Der Auftrag

Nach einem globalen Krieg gibt es nur noch Überlebende in unterirdischen Bunkeranlagen. Sie haben ein ausgeklügeltes Gesellschaftssystem entwickelt, das den Fortbestand der menschlichen Rasse sichern soll, aber dieses System wird von Außenseitern bedroht, die immer wieder terroristische Anschläge verüben. Als Präsident Forestier stirbt, wird Jonathan Berger mit der Ausarbeitung seiner Biografie beauftragt. Bei den Recherchen stößt Berger auf Informationen, die Forestier in einem ganz neuen Licht zeigen: War der beliebte Präsident etwa gar nicht der Wohltäter, für den alle ihn gehalten haben, sondern ein Verräter, der mit den Terroristen zusammengearbeitet hat?

Signale aus dem Dunkelfeld

Drei Wissenschaftler arbeiten im Jahre 2079 auf der Rückseite des Mondes. Eines Tages werden sie von Unbekannten angefunkt, die alles über das Wesen der Menschheit erfahren wollen. Die Fremden bezeichnen sich selbst als "HCS". Niemand weiß, wer sie sind, aber ihre Fähigkeiten sind beängstigend. Sie sind in der Lage, direkt auf die Gedanken der Menschen zuzugreifen. Die Astrophysikerin Janine Brou findet heraus, dass die Fremden wahrscheinlich wirklich keine Menschen sind, aber womöglich von Menschen erschaffen wurden. Sie wurden vor langer Zeit entsandt, um Wissen zu sammeln. Nun sind sie zurückgekehrt, aber leider hat man ihnen seinerzeit nicht mitgeteilt, wer ihre Schöpfer sind - und so betrachten sie diese nun als Studienobjekte...

Obwohl die sechs Storys (ich nenne die Texte mal so) praktisch nur aus den gesprochenen Dialogen der Hörspiele und kurzen Regieanweisungen bestehen, d.h. obwohl es keine Beschreibungen, keine spannungssteigernden Stilmittel und dergleichen gibt, sind sie doch sehr interessant. Wenn man sie liest, kann man sich gut vorstellen, wie sie bei der Ausstrahlung im Rundfunk gewirkt haben müssen.

Ebenfalls enthalten ist eine Art Nachwort mit Bemerkungen zu "Signale aus dem Dunkelfeld". Darin erläutert Franke, was es mit dem "HCS" - dem "hypothetischen cognitiven System" - auf sich hat. Das HCS ist ein Gedankenkonstrukt des Kybernetikers Karl Steinbuch, von dem Franke wohl ziemlich beeindruckt war und das dem Nachwort zufolge seinerzeit für einige Kontroversen gesorgt hat. Steinbuch hat so etwas wie lernfähige Roboter beschrieben, die sich unter bestimmten äußeren Voraussetzungen durch Anpassung selbst weiterentwickeln könnten - mithin also von Menschen erschaffenes künstliches Leben. Franke erklärt anhand dieses Beispiels, worin sich seiner Meinung nach "ernsthafte" von trivialer Science Fiction unterscheidet: Während in der Trivialliteratur einfach irgendwelche phantastischen Technologien und dergleichen als gegeben vorausgesetzt werden, beruht die bessere SF auf realen Prämissen.

Wie dem auch sei: Dass "ernsthafte" SF durchaus unterhaltsam sein kann, beweisen die in diesem Band zusammengefassten Texte, denn sie decken eine große Bandbreite der SF ab: Erforschung fremder Planeten, Kontakt mit unbekannten Lebensformen, gesellschaftliche Veränderungen nach dem globalen Atomkrieg, Diktaturen, die sich technischer Hilfsmittel zur Kontrolle des Volkes bedienen, der Überlebenskampf von Bunkerbewohnern... (31.01.2011)


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437
Nordseeblut Jens Lossau: Nordseeblut
Blitz-Verlag, 2011
272 Seiten

Der Schriftsteller Albert Rothmann lebt im Nordseebad Norden. Eines Tages im Dezember beobachtet er vier Jugendliche, die sich in einem Geheimversteck versammelt haben. Spontan kommt er auf die Idee, ihnen einen Streich zu spielen. Nachdem die Jungen gegangen sind, hinterlässt er eine geheimnisvoll und bedrohlich klingende Botschaft in dem Versteck, die er mit "Wengry" unterzeichnet - es ist die erste von vielen, in denen er den Jungen verschiedene Aufgaben erteilt und immer wieder ankündigt, an Weihnachten werde er einen von ihnen in sein unterirdisches Reich holen. In den folgenden Tagen folgt Albert den Jungen, um sie zu beobachten.

Victor Timberley, der jüngste der Gruppe und eigentlich ein begabter Zeichner, wird von seinen alkoholsüchtigen Eltern zum Stehlen geschickt. Sein viehischer Vater behandelt ihn wie Dreck und verprügelt ihn täglich mit äußerster Brutalität. Mark Derling lebt seit dem Tod seines Vaters allein mit seiner dementen Mutter, die er mehr schlecht als recht pflegt, in einem immer mehr verwahrlosenden Haus. Er schluckt starke Psychopharmaka, die eigentlich für seine Mutter bestimmt sind, und hat eine gespaltene Persönlichkeit. Manchmal übernimmt sein Alter Ego "Rainbow" die Kontrolle. Tom Nadolny wird regelmäßig und mit Wissen seiner Mutter von seinem Onkel Daniel missbraucht, der sich für seinen Vater ausgibt. Philip Andersen leidet unter der ständigen Beobachtung durch seine Familie, die einem bizarren Reinheitswahn huldigt.

Aus Rothmanns Scherz wird bald blutiger Ernst, denn Wengry beginnt ein unheimliches Eigenleben zu führen. Rothmann stellt fest, dass er sich nicht an alle Botschaften erinnern kann, die er mit Wengrys Namen hinterlassen haben muss. Die Jungen halten Wengry für eine reale Person, oder vielmehr für ein übernatürliches Ungeheuer, das ihnen bis in die Elternhäuser folgt. Durch seine Anweisungen werden sie zu grauenhaften Taten getrieben - sofern Wengry diese nicht selbst begeht. Allmählich erinnert sich Rothman daran, dass Wengry ein Relikt aus seiner eigenen Jugend ist. Damals war sein Freund Anton Solveig in einer ausgebombten Lungenklinik ums Leben gekommen - ermordet entweder von Wengry, oder von Rothmann selbst…

Jens Lossaus dritter "ernsthafter" Solo-Thriller (ohne Jens Schumacher) nach Die Schlafwandler und Dunkle Nordsee spielt wie letzterer Roman zwar ebenfalls wieder im Nordseebad Norden, hat mit "Dunkle Nordsee" aber nur den Schauplatz gemein. Man kann beide Romane also völlig isoliert voneinander betrachten. Lossau schaltet noch einige Gänge weiter hoch und erzählt diesmal eine Geschichte, die so weit von jeglicher Normalität entfernt ist, dass sich die Schwächen von "Dunkle Nordsee" in Stärken verwandeln. Das Chaos hat diesmal Methode, denn diesmal werden Realität und Wahn Schritt für Schritt und sehr geschickt immer stärker miteinander vermischt. So weiß der Leser irgendwann selbst nicht mehr, ob Wengry real ist, oder ob die vier Jungs und Rothmann einer kollektiven Halluzination unterliegen. Da stört es dann auch nicht mehr, dass alle Figuren bis zur Unglaubwürdigkeit überzeichnet sind - im Kontext eines Romans, der eher ins Genre der Phantastik gehört, ist dieses Stilmittel akzeptabel und erfüllt seinen Zweck.

Aber nicht genug damit. Mit den vier total kaputten Familien, die sich im Verlauf des Romans selbst vernichten - oder von Wengry vernichtet werden - hat Lossau ein Szenario erschaffen, das schwärzer nicht sein könnte. Jeder der vier Jungen lebt auch ohne den von Wengry verursachten Terror buchstäblich in der Hölle. Sie versuchen zunächst noch den Schein der Normalität zu wahren, befinden sich aber in einer zur totalen Zerstörung führenden Spirale des Wahnsinns und der Gewalt, aus der sie nicht ausbrechen können. Lossau schildert diese Situationen sehr eindringlich, zwar grotesk übertrieben und vielleicht etwas klischeehaft, aber doch unglaublich packend. Zu "Dunkle Nordsee" hatte ich geschrieben, bierernste Dramatik sei Lossaus Sache nicht. Er schreibt aber nicht nur dann besser, wenn er humoristische Töne anschlägt, sondern auch dann, wenn er die Grenzen eines "normalen" Thrillers sprengt. Er führt den Leser immer tiefer in die Dunkelheit hinein und erschafft eine Atmosphäre der Ausweglosigkeit und des Horrors, die ihresgleichen sucht. Ich konnte das Buch jedenfalls nicht mehr aus der Hand legen und musste es ohne Unterbrechung durchlesen. Deshalb verzeihe ich Lossau den übermäßigen Gebrauch von Großbuchstaben in Dialogen gern. (14.01.2011)


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436
Kein Fall für Wilsberg Jürgen Kehrer: Kein Fall für Wilsberg
Grafit-Verlag, 1993
143 Seiten

Ein halbes Jahr ist seit Wilsbergs gescheitertem Feldzug gegen die "Kirche für angewandte Philosophie" vergangen. Als Andenken an diesen zwar nicht ungelöst, aber ungesühnt gebliebenen Fall hat er ein kaputtes Bein zurückbehalten. Er kuriert sich in der Karibik in den Armen der schönen Nellie aus und denkt gar nicht daran, jemals nach Münster oder gar in seinen alten Job als Privatdetektiv zurückzukehren. Konsequenterweise hat er das Detektivbüro an seine ehemalige Sekretärin Sigi verkauft. Doch dann erhält er Besuch von seiner jüngeren Schwester Christiane, genannt Kiki. Sie hat vor Jahren in die reiche Warenfelder Industriellenfamilie Große-Hülskamp eingeheiratet. Ihr Ehemann Jochen, Juniorchef der Grohü GmbH, hat sich in letzter Zeit verändert und Kiki befürchtet, dass er erpresst wird. Die familieneigene Fabrik stellt Werkzeugmaschinen her, die man mit leichten Modifikationen zur Herstellung von Kriegswaffen einsetzen könnte. Möglicherweise hat Jochen sich in nicht ganz legale Exportgeschäfte mit einem arabischen Staat eingelassen, der jetzt mehr von der Grohü GmbH verlangt, als Jochen leisten kann oder will. Wilsberg soll herausfinden, ob an diesem Verdacht etwas dran ist.

Wilsberg verspürt wenig Lust, seine kaffeebraune Gespielin zu verlassen, aber er kann seine Schwester nicht im Stich lassen. Also kehrt er doch in die Heimat zurück und mischt sich unter die verhasste Verwandtschaft, um ein paar unangenehme Fragen zu stellen. Jochen spricht zwar von wirtschaftlichen Schwierigkeiten, streitet Kikis Verdacht jedoch ab. Noch in derselben Nacht wird Jochen ermordet. Kiki hält es bei der bigotten Familie nicht mehr aus und zieht bei Wilsberg ein. Der nimmt sich zu Hauptkommissar Stürzenbechers Missvergnügen endgültig des Falles an, stellt aber schon bald fest, dass die Araber wohl doch nichts mit der Sache zu tun haben. Jochen war homosexuell veranlagt und hatte Kontakt zu Strichjungen. Kommt der Mörder also aus dem entsprechenden Milieu? Und warum wird Wilsberg selbst von einem Privatdetektiv verfolgt, der von den Große-Hülskamps auf ihn angesetzt worden ist?

Wilsbergs vierter Fall wurde nicht vom ZDF verfilmt - kein Wunder, denn die Geschichte entwickelt sich in eine Richtung, die nicht mit der Fernsehserie vereinbar ist. Wilsberg als Rehabilitand (Folgen seines letzten Falles, der ebenfalls nicht verfilmt wurde - siehe Gottesgemüse)? Das süße Leben in der Karibik? Detektivbüro verkauft? Trotzdem kein Geldmangel? Das passt irgendwie nicht so richtig zum TV-Wilsberg und klingt wie schon das Ende des letzten Romans erneut danach, als habe Jürgen Kehrer sich überlegt, die Romanreihe nicht fortzusetzen.

Zum Roman gibt's ansonsten nicht viel zu sagen - Wilsberg ist derselbe kantige, zynische Typ geblieben, den wir kennen und lieben. Vielleicht wird etwas zu oft betont, wie furchtbar spießig und reaktionär die Große-Hülskamps sind. Kehrer schreckt noch nicht einmal davor zurück, einen unsäglichen Dialog zum Thema "Erbschuld der Deutschen" einzubauen. Es bleibt aber doch noch genug Zeit für solide Detektivarbeit, und wie gewohnt bringt sich Wilsbergs immer wieder selbst in Schwierigkeiten. Das Ende ist ein wenig allzu vorhersehbar, leider kommt es leicht überhastet und bleibt letztlich unbefriedigend, zumal auch dieses Verbrechen ungesühnt bleibt. Aber das ist in der Realität ja leider oft nicht anders. (17.01.2011)


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435
Der Orksammler Jens Lossau / Jens Schumacher: Der Orksammler
Egmont / Lyx, 2010
318 Seiten

Ein neuer Fall für Hippolit und Jorge, die besten Spezialisten des Instituts für angewandte investigative Thaumaturgie (IAIT): Kaum haben sie den Elbenschlächter entlarvt und daraufhin einen wohlverdienten Urlaub angetreten, da werden sie in ein Militärlager nahe der Totenstadt Torrlem abkommandiert. Dort wartet ein gemischtes lyktisches Söldnerheer, das zur Bereinigung von Grenzstreitigkeiten angeheuert wurde, auf Verstärkung. Nacht für Nacht wird das Lager von einem unheimlichen Wesen heimgesucht, das stets einzelne Orks entführt. Manchmal werden die Entführten wiedergefunden - tot, mit zerfetztem Brustkorb und herausgerissenem Herzen. Die Orks, denen Empfindungen wie Angst normalerweise fremd sind, sprechen schon bald furchtsam vom "Orksammler", einer grauenhaften Kreatur aus ihrer Sagenwelt. Moral und Disziplin leiden enorm, aber das Lager kann nicht verlegt werden, solange die Verstärkung nicht eingetroffen ist. Da Massendesertionen zu befürchten sind, muss der Fall schnellstmöglich gelöst werden.

Meister Hippolit, Thaumaturg der 9. Stufe, mächtiger Lichtadept und immer noch im Körper eines vierzehnjährigen Albinos gefangen, untersucht die Leichen und findet schnell heraus, dass bei den Morden keine Thaumaturgie eingesetzt wurde. Troll Jorge, sein Mann fürs Grobe, hört sich derweil beim Fußvolk um, aber außer wilden Gerüchten bringt er nichts aus den Soldaten heraus. Da die Spur des Täters nach Torrlem führt, verlagern die beiden IAIT-Agenten ihre Ermittlungsarbeit in die Totenstadt. Aufgrund der besonderen Bodenbeschaffenheit im Lande Sdoom können Tote nicht auf herkömmliche Weise bestattet werden. Deshalb wurde ein gigantisches Krematorium errichtet, in dem eine gewaltige thaumaturgisch erschaffene Flamme die aus allen Regionen des Reiches angelieferten Leichen zu feiner Asche verbrennt. Um dieses Krematorium herum ist die Totenstadt Torrlem entstanden. In den dortigen Archiven findet Hippolit Hinweise auf das Verschwinden Abertausender Leichen in den unterirdischen Katakomben. Alles deutet darauf hin, dass ein schon zuvor von Jorge geäußerter Verdacht zutreffen könnte: Der "Orksammler" könnte ein Ghoul sein, denn nur ein Monstrum dieser Art wäre schnell und stark genug, Ork-Krieger in Angst und Schrecken zu versetzen und im Handumdrehen zu töten. Allerdings wurde der letzte Ghoul schon vor über tausend Jahren erschlagen.

Hippolit kann sich nicht so recht auf den Fall konzentrieren, denn die schöne Lith, Sekretärin des obersten Verwalters, zeigt eindeutiges Interesse an ihm. Dadurch werden in dem Greis mit dem Körper eines Pubertierenden ungeahnte Gefühle erweckt. Doch etwas stimmt nicht mit der scheinbar so naiven jungen Frau. Sie ist versiert und wurde nie ausgebildet, rettet Hippolit aber mit dem gekonnten Einsatz thaumaturgischer Kampfkünste das Leben, als er in Torrlems Gassen in Lebensgefahr gerät. Derweil bewahrt Jorge die Vulvatte Pompom vor einem wahnsinnigen Schädlingsbekämpfer und gewinnt somit ein treues, wenn auch ziemlich hässliches Haustier. In der Nacht läuft er zufällig dem "Orksammler" über den Weg, der gerade der Kanalisation Torrlems entstiegen ist und sich auf die Jagd nach neuen Opfern gemacht hat...

Zur Vorgeschichte und zum Autorenduo Lossau / Schumacher habe ich ja schon so einiges geschrieben - siehe hier. Das möchte ich hier nicht alles wiederholen. Die zu "Der Elbenschlächter" ausgesprochene Kaufempfehlung kann ich für Hippolits und Jorges zweiten Fall wiederholen, allerdings mit der Einschränkung, dass man "Der Elbenschlächter" zuvor gelesen haben sollte. Zwar ist "Der Orksammler" keine direkte Fortsetzung, sondern eine in sich abgeschlossene Geschichte, außerdem erhält man auch in Band zwei ausreichende Informationen über die beiden skurrilen Ermittler und die nicht minder abgedrehte Fantasywelt, in der sie leben. Dennoch ist die Kenntnis des älteren Romans hilfreich. Ganz abgesehen davon, dass Band eins so genial ist, dass man ihn einfach gelesen haben muss!

"Der Orksammler" erreicht die Genialität des ersten Bandes allerdings nicht ganz. Das kann daran liegen, dass der Reiz des Neuen doch bereits ein bisschen verflogen ist. Man kennt sich in Sdoom jetzt schon aus, die Hauptfiguren sind keine Unbekannten mehr. Darunter leidet die Originalität nicht unerheblich. Außerdem muss ich sagen, dass "Der Orksammler" fast schon zu "normal" ausfällt - will sagen: Die unglaubliche Ideenvielfalt des ersten Romans, der Detailreichtum der fiktiven Welt, das komplexe Geflecht verschiedener Völker, Interessen, politischer Ränke, Intrigen usw. findet sich diesmal nur ansatzweise wieder, und man hat nicht so oft das Gefühl, dass altbekannte Fantasy-Klischees bewusst veralbert werden sollen. Die Autoren ruhen sich aber nicht auf altbekanntem aus, sondern führen mit der Totenstadt Torrlem einen neuen Schauplatz ein. Der ist halt naturgemäß nicht so bunt wie Nophelet, die brodelnde Metropole, in der der Elbenschlächter sein grausiges Werk verrichtet hat, sondern eher grau und staubig. Leider fühlte ich mich angesichts der dortigen Vorgänge unangenehm an KZs erinnert. Eine beabsichtigte Parallele oder Zufall?

Ich jammere aber wirklich auf hohem Niveau. Ich könnte es auch anders formulieren: "Der Orksammler" ist superb, aber "Der Elbenschlächter" ist noch superber! Die IAIT-Agenten sind immer noch ein äußerst ungewöhnliches Dreamteam mit ihrer unnachahmlichen Mischung aus elitärer Arroganz (Hippolit) und handfester Rüpelhaftigkeit (Jorge). Jorge müsste zwar nicht alle zwei Absätze mit irgendwelchen Trollsprichworten um sich werfen, aber sonst kann man sich über die Dialoge, den schwarzen Humor und die Situationskomik bestens amüsieren. Zwei kleine Kritikpunkt muss ich doch noch anbringen: Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist zumindest vorhersehbar, wer wirklich hinter den Morden steckt, und am Ende hätte ich doch gern gewusst, was aus dem Söldnerheer und dem Grenzkonflikt wird. Das gerät so ziemlich in Vergessenheit. (10.01.2011)


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434
Der Goldene Kompass Philip Pullman: Der Goldene Kompass
Heyne, 2007
410 Seiten

In einer Parallelwelt, die der unseren sehr ähnlich, aber doch ganz anders ist, leben die zwölfjährige Lyra Belacqua und ihr Daemon Pantalaimon. Alle Menschen dieser Welt haben einen solchen Begleiter - ein intelligentes, sprechendes Wesen in Tiergestalt, das seine Form wandeln kann und als Sitz der Seele des Menschen gilt. Die Bindung zwischen Mensch und Daemon ist inniger als die von Liebenden und die Berührung eines fremden Daemon ist tabu. Mensch und Daemon sind verschiedene Ausprägungen ein und derselben Person. Was der Daemon empfindet, fühlt auch der Mensch, und der Daemon spiegelt den Charakter des Menschen wider. Eine Trennung wird für unmöglich gehalten - doch genau das ist das Ziel der General-Oblations-Behörde (GOB), einer von Marisa Coulter geleiteten Organisation, die zum mächtigen Magisterium gehört. Letzteres ist ein Konglomerat der verschiedensten Behörden und Institutionen, das aus der abgeschafften katholischen Kirche hervorgegangen ist.

Die Erforschung des "Staubes" - unsichtbare Elementarteilchen, die sich vor allem um Erwachsene herum konzentrieren und deshalb vom Magisterium als Ausdruck der Erbsünde betrachtet werden - ist das wichtigste Ziel der GOB, und da Kinder vor der Pubertät fast keinen Staub anziehen, entführt Mrs. Coulter immer wieder insgeheim Kinder in eine polare Forschungsstation, um sie für grausame Experimente zu missbrauchen. Um herauszufinden, warum die Daemonen beim Eintritt ihres Menschen in die Pubertät die Fähigkeit der Gestaltwandlung verlieren, sollen die Kinder von ihren Daemonen getrennt werden. Der Wissenschaftler Lord Asriel, den Lyra für ihren Onkel und einzigen lebenden Verwandten hält, ist Mrs. Coulters schärfster Gegenspieler. Auch er konzentriert seine Forschungen ganz auf den "Staub", denn er ist davon überzeugt, mit Hilfe dieser Elementarteilchen müsse es möglich sein, andere Welten zu erreichen.

Von alldem ahnt Lyra freilich nichts. Sie führt ein unbeschwertes Leben in Oxford, wo sie von den Professoren des Jordan College, die sie als Waise aufgenommen haben, betreut wird. Das unerklärliche Verschwinden von Kindern, für das man die geheimnisvollen "Gobbler" verantwortlich macht, sorgt zunächst nur für eher wohliges Gruseln. Doch eines Tages beobachtet Lyra, wie der Rektor versucht, Lord Asriel zu vergiften. Sie warnt ihren Onkel und darf deshalb heimlich beobachten, wie der Lord dem Kollegium seine neuesten Erkenntnisse über den "Staub" präsentiert, die er hoch im Norden gewonnen hat, um Mittel für weitere Forschungen lockerzumachen. Lyra ist fasziniert von diesem Thema. Als einige Zeit später Mrs. Coulter in Oxford erscheint, um das Mädchen als persönliche Assistentin und Schülerin mit sich nach London zu nehmen, und später mit ihr in den Norden zu reisen, ist Lyra nur zu gern bereit, ihr zu folgen. Dass ihr bester Freund Roger Parslow, ein Küchenjunge am College, kurz zuvor von den Gobblern entführt wurde, geht in dieser Aufregung zunächst unter. Zum Abschied überreicht der Rektor Lyra das Alethiometer, ein extrem wertvolles und seltenes Instrument, das alle möglichen Fragen beantworten kann - wenn man weiß, wie man es zu lesen hat.

Lyra bewundert ihre schöne, elegante und weltgewandte Gönnerin, merkt aber schon bald, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Nicht umsonst verabscheut Pantalaimon Mrs. Coulters Daemon, einen goldenen Affen, aus tiefstem Herzen. Als sie erfährt, dass sowohl die entführten Kinder als auch der inzwischen verschwundene Lord Asriel in der Arktis gefangen gehalten werden, flieht Lyra, um ihnen zu helfen. Dass sie überhaupt aus London herauskommt, hat sie den Gyptern zu verdanken. Diese frei lebenden Seefahrer hatten besonders unter den Übergriffen der Gobbler zu leiden und sind bereits dabei, eine Rettungsexpedition vorzubereiten. Ihr Anführer John Faa und der weise Farder Coram nehmen Lyra bei sich auf. Sie darf die Gypter begleiten, und da sie unterwegs das Alethiometer zu lesen lernt, wird sie zu einem wertvollen Mitglied der Expedition. In dem gepanzerten Bären Iorek Byrnison, der von seinem Stamm verbannt wurde, dem Ballonfahrer Lee Scoresby und der Hexenkönigin Serafina Pekkala findet sie gute Freunde und wichtige Helfer. Nach und nach erfährt sie mehr über ihre wahre Vergangenheit und ergründet das Wesen des "Staubes" sowie die Absichten Mrs. Coulters. Doch sie erkennt zu spät, welche Ziele Lord Asriel wirklich verfolgt - und welche Opfer er dafür in Kauf nehmen würde...

Ich mach’s kurz: "Der Goldene Kompass", der erste Band der "His Dark Materials"-Trilogie, war für mich eine der schönsten Leseerfahrungen 2010. Ich hatte angenommen, es handele sich um Fantasy für Kinder oder den heutzutage so beliebten mehr oder weniger belanglosen "All-Age"-Kram nach dem Strickmuster von "Eragon". Weit gefehlt! Natürlich stehen Kinder im Vordergrund, allen voran die freche und gewitzte Lyra, und somit wird vorwiegend aus einer kindlichen Perspektive erzählt. "Kindlich" ist bei Philip Pullman aber absolut nicht dasselbe wie "infantil", zumal Lyra ja in einer Erwachsenen-Welt lebt. Im Gegenteil: Lyra ist manchmal sogar etwas zu listenreich, was vor allem bei der Übertölpelung Iofur Raknisons auffällt. Diese Aktion würde man einem Helden wie Odysseus zutrauen - aber einem zwölfjährigen Mädchen? Egal! Lyra ist eine wunderbare Hauptfigur, und ihre ebenso unschuldige wie klare Sicht der Dinge steht in einem interessanten Gegensatz zu den Machenschaften der Erwachsenen. Eine besondere Ironie, wie man sie in der "heroischen Fantasy" eher selten findet: Normalerweise bricht der Held auf, um irgendwelchen armen Bedrängten beizustehen und für das Gute einzutreten. Mit dieser Absicht macht sich auch Lyra auf den Weg, aber es stellt sich heraus, dass ihr Idealbild einer bestimmten Person überhaupt nicht der Realität entspricht...

(Vorsicht, der folgende Absatz enthält Spoiler!) ...denn Lord Asriel ist keineswegs ein "Guter", sondern auf seine Art genauso fanatisch, rücksichtslos und gefährlich wie Mrs. Coulter. Er ist bereit, für die Verwirklichung seiner Ziele buchstäblich über Leichen zu gehen, und unabsichtlich hilft Lyra ihm nicht nur dabei, sondern gibt am Ende sogar noch den entscheidenden Anstoß zum Tod desjenigen, den sie eigentlich retten wollte. (Spoiler Ende)

Dieses Ende, sowie die allmähliche Weiterentwicklung einer von Beginn an schon starken Hauptfigur, faszinierende Nebenfiguren wie John Faa oder Serafina Pekkala, die undurchsichtigen Absichten der Erwachsenen, so manche überraschende Wendung und der komplexe Entwurf einer gut durchdachten fiktiven Welt mit verschiedenen Machtgruppen und einem Steampunk-Setting, in dem sich High-Tech (z.B. Atomkraftwerke) und Low-Tech (Zeppeline u.a.) auf kuriose Weise vermischen, machen den Roman zu etwas ganz Besonderem. Ich habe gelesen, Pullman habe "His Dark Materials" gezielt als Gegenentwurf zur "Narnia"-Reihe angelegt, und das glaube ich gern. Religion spielt in beiden Welten eine große Rolle. Aber wo in Narnia an allen Ecken und Enden oft in Schwulst ausartende christliche Symbolik nervt, herrscht in Pullmans Welt zwar ebenfalls ein religiöser Grundton vor - nur mit genau entgegengesetzten Vorzeichen. Die Kirche (bzw. das Magisterium) wird hier alles andere als positiv dargestellt, und ihre Theorien zum Thema "Staub" werden als theologische Verballhornung eines naturwissenschaftlichen Phänomens entlarvt. Die Hexen sind nicht böse, sie sind vielmehr bewundernswerte, ultra-emanzipierte Frauen. Sie nehmen sich bei Bedarf männliche Liebhaber, die sie jedoch um Jahrhunderte überleben. Bei alldem verwundert es nicht, dass die Romane in gewissen Kreisen auf wenig Gegenliebe gestoßen sind - ganz im Gegensatz zum Werk von C.S. Lewis. Allein die Abschaffung des Papsttums und der Gedanke, die menschliche Seele in den Körper eines Tieres zu verpflanzen, wie bei den "Krafttieren" bzw. Totems schamanischer Religionen, dürfte so einige Kritiker auf den Plan gerufen haben.

Aber solche Aspekte schwingen meist nur im Hintergrund mit, der Leser wird nicht ständig bewusst mit der Nase darauf gestoßen. So kann man die spannende, mitreißende und einfach hervorragend erzählte Geschichte uneingeschränkt genießen. Nur die überdurchschnittlich vielen Schreibfehler in dieser Ausgabe wirken sich etwas störend aus.

Der Roman wurde 2007 verfilmt, siehe hier. (06.01.2011)


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433
Der Vogelmann Mo Hayder: Der Vogelmann
Goldmann, 2002
413 Seiten

Bei Arbeiten in einem halb aufgegebenen Betonwerk nahe der Themse werden fünf Frauenleichen gefunden. Detective Inspector Jack Caffery vom Area Major Investigation Pool (AMIP) und sein Vorgesetzter, Detective Superintendent Steve Maddox, leiten die Ermittlungen. Caffery wurde erst jüngst zum AMIP versetzt. Private Probleme erschweren seine Arbeit. Er liefert sich einen Kleinkrieg mit seinem Nachbarn Penderecki, den er für das spurlose Verschwinden seines Bruders Ewan vor vielen Jahren verantwortlich macht. Cafferys gesamtes Leben kreist um dieses traumatische Ereignis, und auch seine aktuelle Beziehung zu der besitzergreifenden Veronica leidet darunter.

Die gerichtsmedizinischen Untersuchungen der Frauenleichen lassen keinen Zweifel daran, dass in London ein Serientäter sein Unwesen treibt. Alle Opfer wurden auf die gleiche Weise verstümmelt. Der Täter ist ein Nekrophiler; die Frauen wurden nach ihrem Tod missbraucht. Der Mörder hat ihre Brustkörbe geöffnet, um noch lebende Vögel hineinzusetzen. Deshalb wird er bald nur noch "Vogelmann" genannt. Offenbar war es ihm wichtig, die Opfer so herzurichten, dass sie einem bestimmten Vorbild gleichen. Falls nötig, hat er eine amateurhafte Brustverkleinerung an ihnen durchgeführt und ihnen eine weißblonde Perücke aufgenäht.

Vier der fünf Frauen können schnell identifiziert werden. Alle Opfer waren drogenabhängige Prostituierte, die im selben Pub – dem "Dog and Bell" - auf Freiersuche gegangen sind. Detective Diamond, ein ehrgeiziger und fremdenfeindlicher Kollege Cafferys, schießt sich schnell auf einen Stammgast des Pubs ein und unterschlägt wichtige Hinweise. Caffery geht anderen Spuren nach und lernt dabei die attraktive Rebecca kennen, eine junge Künstlerin, deren Freundin Joni zu den im Dog and Bell arbeitenden Stripperinnen gehört. Von Rebecca erhält er den entscheidenden Hinweis, um den wahren Täter identifizieren zu können. Doch damit ist der Fall noch lange nicht gelöst, und bald gerät Rebecca, in die sich Caffery verliebt hat, in Gefahr.

Mo Hayder und ihre Thriller mit der Hauptperson Jack Caffery waren mir bisher völlig unbekannt, und ohne eine eher beiläufig eingestreute Bemerkung von Ingo Naujoks in der Fernsehsendung "Was liest du?" wäre ich wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, eines ihrer Bücher zu lesen. Naujoks war von Jürgen von der Lippe gefragt worden, was er besonders gern lese, und hatte daraufhin die "Splatter-Krimis" von Mo Hayder genannt...

Als "Splatter" würde ich den Roman nicht bezeichnen, denn mit diesem Begriff assoziiere ich eher Filme, und zwar solche, in denen die Gewalt so explizit, exzessiv und oft selbstzweckhaft dargestellt wird, dass man sich vor Blut und Leichenteilen gar nicht mehr retten kann. Mo Hayder geht bei der Darstellung bzw. Beschreibung von Gewalt in diesem Roman wahrlich nicht zimperlich vor, aber diese Darstellungen stehen nicht im Vordergrund und wirken nicht übertrieben, sondern dienen stets der Atmosphäre und der Story. Die Autorin legt viel mehr Wert auf die Vorstellung der Hauptfiguren, wobei Jack Caffery im Mittelpunkt steht. Seine jahrelange Fixierung auf Ewans Schicksal und den seltsamen Penderecki sowie seine Unfähigkeit, echte Beziehungen aufzubauen, machen ihn zu einer gebrochenen Figur. Man weiß nie so recht, a) ob Penderecki wirklich etwas mit Ewans Verschwinden zu tun hat und b) ob Veronica wirklich so ein manipulatives Miststück ist, wie Caffery meint, oder ob die Schwierigkeiten, die er mit den beiden (und mit anderen) hat, auf seine eigenen Probleme zurückzuführen sind. Und was er am Ende mit dem Täter anstellt, macht ihn endgültig zum Antihelden.

Man erfährt schon zu einem recht frühen Zeitpunkt, wer der Mörder ist (ohne zu spoilern sei gesagt: Das ist nur ein Teil der Wahrheit), und so kann sich die Autorin ausgiebig seiner Psyche widmen. Wo Caffery kein strahlender Held ist, ist er kein blutgieriges Monster, sondern einfach jemand, der völlig die Kontrolle verloren und eine günstige Gelegenheit genutzt hat. Welche das ist, will ich nicht verraten. Mo Hayder scheut sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen und zu beschreiben, welche Begierden den Täter antreiben oder was er mit seinen Opfern anstellt. Nekrophilie, Vivisektionen und Autopsien - das ist nichts für zart besaitete Gemüter, aber diese Schilderungen sind doch noch ziemlich weit von dem entfernt, was man vor einigen Jahren mal als "Splatterpunk" bezeichnet hat - siehe Clive Barkers "Bücher des Blutes" - zumal nichts übernatürliches vorkommt. "Der Vogelmann" ist ein harter und ziemlich düsterer Thriller mit einer ungewöhnlichen Hauptfigur und einem klaren, schnörkellosen Erzählstil. Er braucht zwar ein bisschen Zeit, bis er richtig in Fahrt kommt, steuert dann aber auf ein spannungsgeladenes Finale zu. Dass vieles "very british" wirkt (man trinkt gern eine schöne Tasse Tee) trägt noch zur Eigenständigkeit des Romans bei. Den nächsten Jack-Caffery-Roman habe ich mir bereits zugelegt! (03.01.2011)


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432
Das Haus am See Olaf Lange: Das Haus am See
Novum Pro, 2010
264 Seiten

Ein Flugzeug stürzt in einen See in der Nähe einer kleinen Stadt irgendwo in Nevada und versinkt. Alle Passagiere und Besatzungsmitglieder kommen ums Leben. Die Sache wird vertuscht, denn es handelt sich nicht um einen Unfall. Abfangjäger haben die Maschine abgeschossen, denn man ist irrtümlich von einer Flugzeugentführung ausgegangen. Da der Pilot indianischer Abstammung war, wird ein alter Ritus zelebriert. Eine Steintafel mit den eingravierten Namen aller Opfer wird im See versenkt. Sie soll die Seelen der Toten ins Jenseits geleiten. In den folgenden vier Jahren werden immer wieder geisterhafte Erscheinungen am See gesichtet, aber niemand nimmt die entsprechenden Berichte ernst.

Vier Jahre nach dem Absturz baut der Zimmermann Mike, dessen Frau damals ihre Eltern verloren hat, Ferienhäuser im Auftrag der Stadtverwaltung am Seeufer. Er hat Visionen von grausigen Kreaturen, die dem See entsteigen. Eines Tages beobachtet ein Ehepaar, das sich für eines der Ferienhäuser interessiert, einen weiteren Flugzeugabsturz – doch es handelt sich um das Geisterflugzeug. Die Toten finden keine Ruhe und wollen sich an den Lebenden rächen. Einige Polizisten und Feuerwehrmänner, die wegen des vermeintlichen Unglücks an den See gerufen wurden, werden getötet. Auch Mike und Mary geraten in Gefahr. Sie kommen auf die Idee, man müsse die Steintafel zerstören. Das gelingt ihnen auch, aber damit beschwören sie unabsichtlich noch mehr Unheil herauf...

Die Story besteht aus einer Ansammlung von Klischees, wobei die schaurig lachenden Gerippe eher zur Rubrik "unfreiwillige Komik" gehören, und Personen, die dem Leser völlig gleichgültig bleiben. Hintergrundinformationen werden nicht sinnvoll in die Handlung integriert, sondern einfach dazwischengeschoben. Sie sind meist ohnehin irrelevant, da die entsprechende Person entweder gleich wieder einem Geist zum Opfer fällt, oder weil die Informationen für die Handlung keine Rolle mehr spielen - z.B. läuft die Sache mit Marys Eltern völlig ins Leere. Keine einzelne Figur spricht oder handelt auf nachvollziehbare Weise; mal liebt Mike seine Frau über alles, dann wieder würde er sie ohne mit der Wimper zu zucken den Untoten überlassen - um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. Der Autor hält sich viel zu oft mit der ausführlichen Schilderung von Nebensächlichkeiten und Alltäglichkeiten auf. Der "Showdown" setzt an Absurdität allem die Krone auf: Untote Indianerkrieger bekämpfen skelettierte Fluggäste. Und am Ende erweist sich alles als Wahnvorstellung eines Wachkomapatienten.

Die Zeitformen gehen wild durcheinander, sie wechseln in praktisch jedem Satz völlig willkürlich. Ebenso chaotisch ist der Aufbau der meist sehr kurzen Kapitel, bei denen zwischen -zig Personen hin und her gesprungen wird. Spannung entsteht auf diese Weise nicht. In den Dialogen werden ständig Großbuchstaben und umgangssprachliche Formulierungen oder dergleichen verwendet. Hinzu kommen fragwürdiger Satzbau, mangelhafte Rechtschreibung und Zeichensetzung, fehlende Worte und merkwürdige Formulierungen, die Bastian Sick für seine "Zwiebelfisch"-Kolumne verwenden könnte. (27.12.2010)


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431
Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt Haruki Murakami: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt
btb-Verlag, 2007
503 Seiten

Hard-boiled Wonderland:

Ein in Tokyo lebender Kalkulator wird zu einem Wissenschaftler gerufen, dessen Daten er verschlüsseln soll. Der Kalkulator arbeitet für das System, welches für das Daten-Copyright eintritt. Der Kalkulator ist ein begabter Rechenkünstler. Seit einer Gehirnoperation und einem speziellen Training kann er riesige Datenmengen in seinem Geist speichern und so verschlüsseln, dass sie absolut sicher sind. Um diese perfekte "Black Box" zu knacken, müsste man nicht nur das Gehirn des Kalkulators sezieren, sondern auch sein Unterbewusstsein kopieren – und das ist selbst für die Datendiebe von der Fabrik, die im ständigen Konkurrenzkampf mit dem System stehen, ein Ding der Unmöglichkeit.

Der Wissenschaftler weist den Kalkulator auf die Wichtigkeit seiner Aufgabe hin. Angeblich droht das Ende der Welt, wenn nicht alles zum genau festgesetzten Zeitpunkt erledigt wird. Der Kalkulator beginnt mit der Arbeit. Von dem Wissenschaftler erhält er neben den Daten auch einen mysteriösen Einhornschädel. Mit Hilfe einer Bibliothekarin, in die er sich verliebt, versucht er mehr über dieses Objekt herauszufinden. Doch dann wird er von zwei Schlägern heimgesucht, die ihn bedrohen und seine Wohnung verwüsten. Nach einer beschwerlichen Reise zu dem unterirdischen Versteck des Wissenschaftlers, dessen Labor ebenfalls überfallen wurde, erfährt der Kalkulator, dass es bereits zu spät ist. Das Ende der Welt ist nun nicht mehr aufzuhalten – nur: welche Welt ist damit gemeint?

Das Ende der Welt:

Ein Mann gelangt in eine merkwürdige Stadt, die von einer unbezwingbaren Mauer umgeben ist. Der Torwächter trennt den Mann von seinem Schatten, wodurch der Neuankömmling alle Erinnerungen verliert und bald wie alle anderen Stadtbewohner seine Seele einbüßen wird. Der Wächter macht dem Mann klar, dass er die Stadt niemals wieder verlassen kann. Es scheint ohnehin keine Welt außerhalb der Stadt und ihrer unmittelbaren Umgebung zu existieren. Jeder Stadtbewohner hat eine Reihe genau festgelegter Regeln zu beachten und jedem ist eine bestimmte Aufgabe zugewiesen. Die Arbeit des Neuankömmlings besteht im Auslesen "Alter Träume". Diese sind in den konservierten Schädeln von Einhörnern gespeichert. Die Tiere leben in einer riesigen Herde vor den Toren der Stadt; sie werden morgens und abends von einer Seite zur anderen getrieben.

Der Traumleser verliebt sich in die Bibliothekarin, die ihm bei der Arbeit assistiert, aber sein Schatten schmiedet Fluchtpläne. Zur Vorbereitung der Flucht erkundet der Traumleser die Umgebung, um eine Karte für den Schatten zu zeichnen. Als der Winter kommt, wird der vom Torwächter gefangen gehaltene Schatten immer schwächer. Die Flucht kann deshalb nicht länger hinausgeschoben werden. Doch der Traumleser hat sich an das Leben in der Stadt gewöhnt, vor allem aber will er die Bibliothekarin nicht verlieren. Allerdings kann sie seine Gefühle nicht erwidern, da sie keine Seele hat...

Ich weiß nicht so recht, wie ich diesen schon 1985 erschienenen Roman kommentieren soll. Ich finde ihn absolut faszinierend, aber ich kann nicht ausdrücken, warum das so ist! Das Buch besteht aus zwei Teilen, deren Handlungsebenen kapitelweise wechseln. In der "Hard-boiled Wonderland"-Ebene, die im Tokyo der Achtzigerjahre spielt, wird eine Vergangenheitsform verwendet, in der "Das Ende der Welt"-Ebene dagegen die Gegenwartsform. Keine der Figuren hat einen Namen, weder der Ich-Erzähler beider Handlungsebenen noch eine der Personen, denen er begegnet. Der Tokyo-Erzählstrang ist bis auf die Existenz von "System" und "Fabrik" sowie die Mnemotechniken des Erzählers sehr realitätsnah. Dem steht die kafkaeske Welt der ummauerten Stadt gegenüber. "Kafkaesk" deshalb, weil der Erzähler wie z.B. in Kafkas Werken "Das Schloss" oder "Der Prozess" in eine unverständliche Welt hineingerät, deren Merkwürdigkeiten für ihn selbstverständlich zu sein scheinen. Auch der Leser muss alles als gegeben akzeptieren, denn zunächst einmal wird nichts erklärt. Beide Welten haben scheinbar nichts miteinander zu tun, sind tatsächlich aber eng miteinander verwoben (wer sich den Spaß nicht verderben will, der sollte den folgenden Absatz überspringen):

Der Wissenschaftler, für den der Kalkulator arbeitet, kann das Unterbewusstsein von Menschen quasi auslesen und in Bilder umwandeln. Er kann es auch manipulieren und in Form einer fiktiven Welt in den Geist des Probanden re-importieren. Genau so ist mit dem Kalkulator verfahren worden, und dieses Verfahren ermöglicht ihm die Arbeit als Kalkulator erst. Er ist der einzige von Dutzenden Versuchspersonen, der diese Prozedur überlebt hat, aber es ist doch etwas schiefgegangen. Das führt jetzt dazu, dass der Kalkulator in der Realität sterben muss - aber in der fiktiven Welt innerhalb seines Geistes ist er praktisch unsterblich, weil Zeit dort keine Bedeutung hat. Der Moment seines Todes in der einen Welt dauert in der anderen Welt ewig. Es wird im Roman zwar nie eindeutig gesagt, aber ich vermute, dass die Personen, denen der Erzähler im "Ende der Welt" begegnet, so etwas wie Abbilder oder Spiegelungen realer Vorbilder sind. In dieser "Innenwelt" kann es natürlich keine Entwicklung und keine Veränderungen geben. Alles verläuft innerhalb klar vorgezeichneter Bahnen, dafür aber auch in absoluter Ruhe und Sicherheit. Erst ganz am Ende erkennt der Erzähler, dass er selbst derjenige ist, der diese Welt erschaffen hat. Dann stellt sich nur noch die Frage: Will er bleiben, oder will er sie verlassen - und was würde im letzteren Fall geschehen?

Murakami setzt diese phantastische Grundidee irgendwie sehr... hm... pragmatisch um, also nicht effekthascherisch, sondern so, als sei alles völlig normal. Das passt zur Hauptfigur, die alles andere als ein Action-Held ist. Bis auf seine Kalkulatorenfähigkeit ist der Erzähler ein normaler Durchschnittsbürger. Natürlich hat man es mit einer ziemlich verwickelten Geschichte zu tun, aber man darf nicht erwarten, durch eine bunte Fantasywelt geführt zu werden oder von verrückten Abenteuern zu lesen. Im Grunde sind die Erlebnisse des Erzählers meist ganz alltäglich. Plötzlich stößt man dann aber wieder auf Gedankenkonstrukte, über die man erst einmal ein wenig nachdenken muss. Dasselbe gilt für die Dialoge. Banale Unterhaltungen beschäftigen sich im nächsten Moment mit metaphysischen Themen, oberflächliche Gedankengänge des Erzählers führen zu tiefsinnigen Überlegungen... Hinzu kommen unzählige Anspielungen und Querverweise aus den Gebieten Film, Musik und Literatur. Der klare Stil, die einfache, aber prägnante Sprache und der ironische Humor runden dieses Meisterwerk perfekt ab. (21.12.2010)


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430
Resident Evil - The Umbrella Chronicles 2 Osamu Makino: Resident Evil - The Umbrella Chronicles 2
Panini Books, 2009
204 Seiten

Was den Stil dieses Buches angeht, so kann ich auf Teil 1 der "Umbrella Chronicles" verweisen - siehe unten. Genau dieselbe plumpe, lieblos hingerotzte Zombie-Abschlachterei sowie Bosskämpfe gegen absurd riesige und doch leicht zu besiegende Monster findet man auch in Teil 2 vor. Fast könnte man sich darüber freuen, dass dieser Band noch einige Dutzend Seiten kürzer ist als der erste - bei ziemlich großem Schriftbild übrigens - denn so hat man's schneller hinter sich. Der unverschämt hohe Preis (knapp zehn Silberlinge, genau wie Band 1) dämpft den Galgenhumor aber sofort wieder. Dennoch gefällt mir das Buch besser als Teil 1, denn es enthält wenigstens neue Elemente. Nach einer knappen Rekapitulation der Story des Spiels Resident Evil 2, besser nachzulesen in S.D. Perrys Roman Stadt der Verdammten, folgt eine mir noch nicht bekannte Handlung. Möglicherweise ist sie Bestandteil des Wii-Spiels The Umbrella Chronicles, das ich nicht kenne. Sie findet im Februar 2003 in einer Umbrella-Forschungseinrichtung in Russland statt.

Die Umbrella-Corporation steht seit der Vernichtung von Raccoon City am Rand des Ruins. Sergei Vladimir versucht zu retten, was zu retten ist. Er bringt den Red Queen-Computer aus Raccoon City zur russischen Niederlassung des Pharmakonzerns und igelt sich dort ein. Chris Redfield und Jill Valentine dringen zusammen mit einem russischen Spezialteam in die Anlage ein und müssen sich gegen die dort gezüchteten Ungeheuer zur Wehr setzen. Albert Wesker, der sich in eine Art Übermensch verwandelt hat und nach wie vor sein eigenes Süppchen kocht, kommt vor ihnen dort an. Er will sich den Red Queen-Computer unter den Nagel reißen, denn dieser enthält alle bisherigen Forschungsergebnisse. Diese Ereignisse läuten den endgültigen Niedergang von Umbrella ein. Sie leiten zum Film Resident Evil Degeneration, vor allem aber zum Spiel Resident Evil 5 über. Und wenigstens in einem einzigen Kapitel kommt so etwas wie Spannung und Horror-Atmosphäre auf, dann nämlich, wenn Wesker beim Endkampf in Vladimirs Geist eindringt und dessen schrecklichste Erinnerung ausgräbt, um sie als Waffe gegen ihn einzusetzen. Abgesehen von dieser eindrucksvollen, aber leider sehr kurzen Stelle ist auch Band 2 der "Umbrella Chronicles" noch nicht einmal für Fans der Spiele- bzw. Romanserie zu empfehlen. (13.12.2010)

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429
Resident Evil - The Umbrella Chronicles 1 Osamu Makino: Resident Evil - The Umbrella Chronicles 1
Panini Books, 2009
235 Seiten

Sofern man überhaupt davon sprechen kann, dass dieses Buch eine Handlung enthält, lohnt sich eine eigene Zusammenfassung nicht. Es handelt sich um einen groben, stark verkürzten Abriss der Storys der Spiele Resident Evil Zero, Resident Evil und Resident Evil 3. Eine kurze Szene aus Resident Evil 2 ist ebenfalls vorhanden. Also: Ausbruch des T-Virus in Forschungseinrichtungen des Biowaffenherstellers "Umbrella Corporation" und in Raccoon City, Verwandlung der Infizierten in Zombies, Freisetzung diverser anderer Monstren, Überlebenskampf der Helden Rebecca Chambers, Billy Coen, Jill Valentine, Chris Redfield und Carlos Oliveira. Im Hintergrund zieht Albert Wesker, vorgeblich Chef der Polizei-Eliteeinheit S.T.A.R.S., in Wahrheit aber Mitarbeiter von Umbrella, die Fäden. Er interessiert sich insbesondere dafür, wie sich die Helden gegen die Produkte der grausigen Experimente Umbrellas schlagen. Diese Geschichten kann man in den Resident-Evil-Romanen Nr. 1, 3, 5 und 7 der Autorin S. D. Perry nachlesen, die zwar auch keine literarischen Meisterwerke sind, aber wenigstens Ansätze von Handlung enthalten. Wer diese Romane oder die Spiele kennt, kann sich das Geld für Osamu Makinos Buch sparen.

Es gibt tatsächlich ein Videospiel mit dem Titel The Umbrella Chronicles für Nintendos Wii-Konsole. Es ist so was wie ein Egoshooter, in dem man diverse bekannte Locations älterer Resident Evil-Spiele durchläuft und nebenbei ein wenig mehr über Weskers Machenschaften erfährt. Genauso ist die "Story" dieses Buches gestrickt. Spannung kommt nicht auf, denn die Protagonisten metzeln sich völlig problemlos, in Windeseile und ohne auch nur einen Kratzer abzukriegen durch die Zombiehorden. Dabei sind sie offenbar so unterfordert, dass sie viel Zeit damit verbringen, grenzdebiles Geschwätz, schlüpfrige Neckereien und ähnlichen Unsinn von sich zu geben. Horror-Atmosphäre? Grusel-Stimmung? Neue Informationen? Charakterentwicklung? Irgendwelche interessanten Details? Absolute Fehlanzeige. Man quält sich durch die öden, langweiligen Kapitel und wundert sich nur, woher die Helden eigentlich die Unmengen von Munition hernehmen, die sie pausenlos in die Untoten und Monstren pumpen. Besonders ärgerlich: Diese Ansammlung von Nichtigkeiten wurde auch noch in zwei Bände aufgeteilt. Und ich Idiot habe natürlich beide zusammen gekauft. Immerhin: Es sind acht nett anzuschauende Farbseiten enthalten. (06.12.2010)

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428
Andy Summers Andy Summers: I'll be watching you: Inside The Police 1980 - 83
Taschen, 2007
376 Seiten, gebunden

Dieser großformatige Bildband enthält hunderte schwarz-weiß-Fotos, die Andy Summers, Gitarrist von The Police, während verschiedener Tourneen dieser Gruppe in den Jahren 1980 bis 1983 in aller Welt gemacht hat. Die allermeisten Fotos sind unkommentiert, nur ab und zu sind kurze Texte eingestreut, die Summers' Eindrücke während der Konzerte, der Reisen usw. vermitteln. Wenn sie wirklich nicht neu, sondern in der damaligen Zeit entstanden sind, dann vermitteln sie zusammen mit den Bildern trotz ihrer Kürze einen recht guten Eindruck vom Tour-Alltag und von den Gefühlen, die Summers angesichts des riesigen Erfolgs der Band damals bewegt haben müssen. Die Texte wurden übrigens in englischer, deutscher und französischer Sprache abgedruckt. Leider wurden sie anscheinend wörtlich und somit manchmal sinnentstellend aus dem Englischen übersetzt.

Die Fotos haben weniger einen dokumentarischen als einen künstlerischen Touch. Man sollte sie vielleicht wie ein Foto-Tagebuch betrachten. Summers hat versucht, Stimmungen einzufangen, und so bekommt man nicht nur Aufnahmen von Menschenmassen während der Konzerte oder von den Bandmitgliedern während der Proben zu sehen, sondern auch Bilder von den Hotels, den Tourbussen, den Städten, in denen The Police gastiert hat, den Landschaften und manchmal auch von nackten Tatsachen (Groupies?). Man fühlt sich in eine andere Zeit zurückversetzt und kann erahnen, was für ein verrücktes Leben die drei Polizisten damals geführt haben müssen. (02.12.2010)

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427
Die Reise nach Kettari Max Frei: Das Echo-Labyrinth 2 – Die Reise nach Kettari
Blanvalet, 2007
443 Seiten

Ungefähr ein Jahr ist vergangen, seit Max von Sir Juffin Halli in eine phantastische Parallelwelt geholt wurde, in der Magie ebenso zum alltäglichen Leben gehört wie gutes Essen. Tatsächlich werden die besten Gerichte auf magische Weise zubereitet. Dass sich aber ein bekannter Koch in eine leckere Pastete verwandelt, ist selbst für die Stadt Echo, in der Max lebt, ein äußerst ungewöhnliches Vorkommnis. Als Mitarbeiter des "Kleinen Geheimen Suchtrupps", der immer dann zum Einsatz kommt, wenn Magie auf unerlaubte Weise angewendet wird, muss sich Max mit diesem Fall befassen. Bei der Überführung des Täters zeigt sich wieder einmal, dass in Max noch viele unentdeckte Talente schlummern. Immer wieder gelingen ihm auf Anhieb magische Kunststücke, die normalerweise jahrelanges Training erfordern. So löst er wenig später einen weiteren Fall, in dem magische Gürtel eine Rolle spielen, die man nicht ablegen kann. Wer es versucht, stirbt sofort unter schrecklichen Schmerzen. In Liebesdingen ist Max weniger erfolgreich. Er schafft es einfach nicht, bei seiner Kollegin Lady Melamori zu landen.

Schließlich erhalten Max und sein ebenso unerschütterlicher wie humorloser und pedantischer Kollege Sir Schurf Lonely-Lokley den Auftrag, in die Stadt Kettari zu reisen und dort inkognito nach dem Rechten zu sehen. Niemand weiß, ob Kettari überhaupt noch existiert, denn angeblich soll die Stadt von einem Magier vernichtet worden sein, aber es gibt Berichte von Reisenden, die erst jüngst dort gewesen sein wollen. Um nicht aufzufallen, müssen sich Max und Sir Schurf andere Identitäten zulegen. Im Fall von Max geht man auf Nummer Sicher: Er wird in einer aufwändigen Prozedur in die betörend schöne Lady Marilyn verwandelt. Unterwegs nach Kettari erfährt Max einige beunruhigende Details über Sir Schurfs Vergangenheit. Und wie es scheint, hängen die Ereignisse in Kettari irgendwie mit dieser Vergangenheit zusammen.

Dies ist der zweite Band einer Fantasy-Reihe von einem Autoren, den es gar nicht gibt. "Max Frei" ist nur ein Pseudonym für ein russisches Autorenduo. Die Romane sind in Russland angeblich Kult, und seit Fantasy aus dem Osten hierzulande sehr beliebt ist - siehe die Wächter-Romane von Sergej Lukianenko - erscheinen die "Echo-Labyrinth"-Bücher nach und nach auch bei uns. Obwohl es deutliche Parallelen zwischen Lukianenkos "Wächter"-Universum und den "Echo-Labyrinth"-Romanen gibt, muss man doch zugestehen, dass die Autoren durchaus eigenständige Werke erschaffen haben und immer wieder mit verblüffenden neuen Ideen aufwarten. Der zweite Band besteht aus drei isoliert voneinander lesbaren Geschichten, ist also eher eine Novellensammlung als ein zusammenhängender Roman. Er liest sich im Prinzip wie der erste: Die Protagonisten sind die meiste Zeit damit beschäftigt, sich in diversen Restaurants den Bauch vollzuschlagen, Kamra zu saufen und miteinander zu flirten bzw. sich gegenseitig zu verulken. Zwischendurch wird ein bisschen gezaubert, die "Kriminalfälle" werden mehr oder weniger nebenbei erledigt. Die Auflösung fällt Max meist einfach so in den Schoß.

Das wäre ja alles gut und schön - ganz amüsante, teils sogar originelle, insgesamt aber belanglose Fantasy-Unterhaltung eben - wenn ich nicht schon wieder das Gefühl hätte, dauernd etwas Entscheidendes zu verpassen. Erneut muss ich feststellen, dass ich entweder absolut humorlos sein muss, oder dass der Roman einfach so schlecht übersetzt wurde, dass mir alle Anspielungen, Wortspiele usw. unverständlich bleiben mussten. Ich frage mich, was das ganze Wortgeplänkel eigentlich soll, außerdem kann ich mich immer noch nicht mit der Hauptfigur anfreunden. Der fiktive Max Frei bleibt genauso wenig greifbar wie der nicht existierende Autor Max Frei... (22.11.2010)


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426
20.000 Meilen unter dem Meer Jules Verne: 20.000 Meilen unter dem Meer
Lingen, 2008
347 Seiten, gebunden

Im Jahre 1867 bricht die amerikanische Fregatte ABRAHAM LINCOLN zur Jagd auf ein mysteriöses Seeungeheuer auf, das bereits mehrere schwere Schiffsunglücke verursacht haben soll. Mit an Bord sind der Franzose Pierre Arronax, Professor für Naturgeschichte, dessen gleichmütiger Diener Conseil und der berühmte kanadische Harpunier Ned Land. Als das vermeintliche Meerestier schließlich gesichtet und zum Kampf gestellt wird, muss Prof. Arronax seine bisherige Meinung revidieren: Es handelt sich weder wie von ihm angenommen um einen gigantischen Narwal noch um irgendein anderes Lebewesen. Es ist ein 70 Meter langes metallenes Unterseeboot, an dem Ned Lands Harpune ebenso wirkungslos abprallt wie das Geschützfeuer des amerikanischen Kriegsschiffes. Das ungemein schnelle und wendige Unterseeboot versetzt der Fregatte mit seinem Rammsporn einen heftigen Stoß, der das Ruder beschädigt. Arronax, Conseil und Ned Land werden ins Meer geschleudert. Die steuerlose Fregatte verschwindet hinter dem Horizont. Die Schiffbrüchigen retten sich auf die Oberfläche des aufgetaucht fahrenden Unterseebootes. Sie werden nach einiger Zeit an Bord genommen und eingesperrt.

Die Besatzung des Unterseebootes spricht eine unbekannte Sprache. Nur der Kapitän, der sich selbst unter dem Namen "Nemo" vorstellt, kann sich mit seinen Gefangenen verständigen. Er macht ihnen klar, dass sie das Unterseeboot - die NAUTILUS - nie wieder verlassen dürfen, denn niemand darf Nemos Geheimnis erfahren. Sie müssen die Reise dieses völlig autarken Erzeugnisses genialer Schiffsbaukunst, die durch alle Weltmeere führt, bis zum Ende mitmachen. An Bord dürfen sie sich allerdings frei bewegen, außerdem nimmt Nemo sie auf Unterwasserspaziergänge mit. Er zeigt ihnen die Wunder des Meeres und versunkene Schätze, die der Menschheit bislang unbekannt waren. Kapitän Nemos Ziele bleiben unbekannt, doch Arronax erkennt, dass der ebenso charismatische wie verschlossene Mann von unstillbarem Hass auf die Menschheit erfüllt sein muss. Während Ned Land immer wieder neue Fluchtpläne schmiedet (wenn er nicht damit beschäftigt ist, seinen Magen zu füllen), wächst in Arronax die Faszination für Nemo, die NAUTILUS und die fremdartige Unterwasserwelt - er möchte das Schiff gar nicht mehr verlassen...

Eigentlich kann ich mir jeglichen Kommentar zu diesem Klassiker der phantastischen Literatur sparen, denn er dürfte allgemein bekannt sein. Wer den Roman noch nicht gelesen hat, kennt sicher eine der verschiedenen Verfilmungen und weiß, dass Jules Verne nicht nur Unterwasserfahrzeuge und deren militärische Nutzung, sondern auch die Ausbeutung und Zerstörung der Ozeane vorhergesagt hat. Die teils naiven, teils aber technisch zumindest sehr versiert klingenden Beschreibungen der NAUTILUS und anderer Dinge (Tiefseeaucheranzüge usw.) wirken heute natürlich nicht mehr so beeindruckend, wie es vor 140 Jahren der Fall gewesen sein muss - schließlich gibt es U-Boote, wie Jules Verne sie beschreibt, schon seit geraumer Zeit. Man muss aber konstatieren, dass sich Vernes Visionen als erstauntlich korrekt erwiesen haben. U-Boote funktionieren wirklich so, wie er es beschreibt. Sogar die geheimnisvolle Kraft, von der die NAUTILUS angetrieben wird, hat in Form der Atom-U-Boote ein reales Gegenstück gefunden. Verne übt deutliche Gesellschaftskritik, indem er Nemo das Wunderwerk NAUTILUS als zerstörerische Waffe einsetzen lässt - gegen die Mächte der Welt, die sich der Natur nur als Eroberer und Zerstörer nähern.

Nemos Vergangenheit und seine Motive bleiben bis zuletzt geheimnisvoll. Das ist natürlich gut so, aber auch sonst werden weder der Ich-Erzähler Arronax noch die anderen Hauptpersonen genauer charakterisiert. Sie bleiben schablonenhafte Klischeefiguren, vor allem der Diener Conseil, der seinem Herrn fast sklavisch ergeben ist. Verne konzentriert sich mehr auf die Beschreibung der NAUTILUS und die Schilderung der fremdartigen Unterwasserwelt. Es geht ihm mehr um die Technik als um die Menschen, und deshalb lesen sich manche Kapitel etwas zäh. Wenn Nemo seine unfreiwilligen Gefährten jedoch auf Expeditionen auf dem Meeresgrund mitnimmt, bei denen sogar das versunkene Atlantis entdeckt wird, oder wenn gegen diverses Meeresgetier gekämpft werden muss, dann kommt immer wieder Spannung und jenes merkwürdige Gefühl auf, das man gern als "Sense of Wonder" bezeichnet: Die Faszination für das Unbekannte, Fremde, Neue - in diesem Fall die wunderbare Welt der Tiefsee, die Nemos Leuten alles bietet, was sie zum Leben und zum Betrieb der NAUTILUS brauchen.

"20.000 Meilen unter dem Meer" ist eine klassische Abenteuergeschichte und mehr. Der Roman enthält Elemente, die zu Topoi nicht nur in der phantastischen Literatur geworden sind: Der geniale Entdecker, die Abwendung von der Welt, die Erforschung unbekannter Regionen, das Scheitern eines Rachefeldzuges, die dünne Grenze zwischen Genie und Wahnsinn, Nutzen und Gefahren des technischen Fortschritts.

Der Roman gehört zur Allgemeinbildung. Sollte man gelesen haben. Das kann man kostenlos tun, denn der Text dieses 1869 bis 1870 erschienenen Romans ist gemeinfrei und kann komplett im Internet gelesen werden, zum Beispiel auf den Seiten des Projekts Gutenberg. (15.11.2010)


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425
Das Spiel Stephen King: Das Spiel
Heyne, 2009
464 Seiten

Dem Ehepaar Jessie und Gerald Burlingame ist schon vor geraumer Zeit jegliche Leidenschaft abhanden gekommen. Um ihr Liebesleben aufzupeppen, spielen sie deshalb Fesselspiele, die allmählich immer bedenklichere Formen annehmen. Eines Tages im Oktober wollen sie ein Wochenende in ihrem abgelegenen Haus am Lake Kashwakamak verbringen. Diesmal hat Gerald echte Handschellen dabei, mit denen er Jessie ans Bett fesselt. Jessie wird der Sache jedoch schnell überdrüssig, zumal sie Geralds Eskapaden ohnehin lediglich geduldet, aber nur selten selbst genossen hat. Sie fühlt sich erniedrigt und missbraucht. Als Gerald nicht begreift (oder nicht begreifen will), dass sie nicht mehr mitspielen und befreit werden möchte, wird sie derart von Abscheu übermannt, dass sie ihm einen heftigen Tritt versetzt. Gerald - ein übergewichtiger Anwalt mit einem Alkoholproblem, mit dessen Blutdruck es seit langem nicht zum Besten steht - erleidet einen Herzinfarkt, kippt vom Bett und ist schon tot, als er auf dem Boden aufprallt. Nur allmählich begreift Jessie ihre Lage. Sie liegt halbnackt und hilflos in dem kälter werdenden Raum und die Schlüssel der Handschellen sowie das Telefon sind außer Reichweite. Jessie kann ihre Arme nicht befreien, die Handschellen lassen sich nicht von dem massiven Bettgestell lösen und das Haus liegt so einsam, dass niemand ihre Hilferufe hören kann. Jessie wird klar, dass sie möglicherweise hier sterben wird.

Die Situation verschlimmert sich noch weiter. Jessie wird von Durst gequält und durch das stundenlange Liegen in erzwungener Fehlhaltung treten schlimmer werdende Muskelkrämpfe auf. Ein ausgehungerter streunender Hund dringt durch die unverschlossene Tür ein und labt sich an Geralds Leichnam. In ihrer Einsamkeit hat Jessie viel Zeit zum Nachdenken. Sie hat schon immer höchst lebhafte innere Stimmen gehört, doch jetzt wird sie von diesen zu einem traumatischen Ereignis ihrer Kindheit zurückgeführt, das sie sorgfältig verdrängt hat: Im Alter von zehn Jahren ist sie von ihrem Vater während einer Sonnenfinsternis missbraucht worden. Sie hat in all den Jahren mit niemandem über diesen Vorfall geredet.

Als endlich die Nacht hereinbricht, bekommt Jessie unheimlichen Besuch. Ein missgebildeter Mann steht plötzlich in einer dunklen Ecke des Zimmers und starrt Jessie an. Er hat einen Weidenkorb voller Knochen und Schmuck bei sich. Jessie wird ohnmächtig, und als sie erwacht, ist die Kreatur verschwunden. In ihren Gedanken wird der nächtliche Besucher - möglicherweise ein reales Wesen, vielleicht aber auch nur Einbildung - zu einem tödlichen Monster. Jessie begreift, dass sie verzweifelte Maßnahmen ergreifen muss, um sich zu befreien. Denn sie ist davon überzeugt, der Fremde werde in der nächsten Nacht zurückkehren, um sie zu töten.

Wer diesen Geniestreich Stephen Kings lesen möchte, der sei gewarnt. Der Roman ist zwar ein Musterbeispiel für psychologischen Horror, aber King lässt sich sehr viel Zeit, um das Szenario auszuarbeiten und Jessies Charakter, ihre Innenwelt und ihre Vergangenheit vor dem Leser auszubreiten. Nur ein kleines Beispiel, das euch klarmachen soll, worauf ihr euch einlassen müsst: Über mehrere Dutzend Seiten hinweg wird nur beschrieben, wie Jessie versucht, an ein Glas Wasser heranzukommen, das auf einem Brett an der Wand hinter dem Bett steht! Sonst geschieht in diesem Kapitel praktisch nichts. Dass sich diese Abschnitte trotz einer gewissen Langatmigkeit ungemein spannend lesen, ist Kings Erzählkunst zu verdanken. Gerade durch diese zwar banalen, aber deswegen umso realistischeren Momente gewinnt der Horror seine fiese Schlagkraft. Die Story nimmt natürlich immer mehr Fahrt auf, und spätestens nachdem Jessies nächtlicher Besuch erschienen ist, kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Übrigens hat das Glas bei Jessies Befreiungsversuchen (ob die erfolgreich sind oder nicht, wird nicht verraten) noch eine wichtige, sehr blutige Rolle zu spielen...

Jessies innere Stimmen, durch die verschiedene Facetten ihrer Persönlichkeit repräsentiert werden, kommentieren das Geschehen permanent. Ihr Geisteszustand verschlechtert sich zusehends, bis sie fast in den Wahnsinn abgleitet. Wie man es von King nicht anders kennt, tritt die Hauptfigur dem Leser so plastisch vor Augen, dass man sie bald genau zu kennen glaubt und ihre Verzweiflung nachempfinden kann. Hinzu kommen zahlreiche Rückblicke auf Jessies Kindheit. Das beginnt mit Andeutungen, denn Jessie will sich nicht an die Sonnenfinsternis erinnern, und mündet dann in längere Kapitel, in denen wir erfahren, was damals wirklich geschehen ist. Mit dem Kindesmissbrauch wird ein ziemlich heikles Thema aufgegriffen, aber King schafft es, weder zu moralisieren noch schlüpfrig zu werden oder einen ähnlichen Fehltritt zu begehen.

King verzichtet fast völlig auf übernatürliche Elemente, aber doch nicht ganz. Die einzige Ausnahme ist gleichzeitig ein Querverweis auf Kings Roman Dolores. Jessie hat zweimal Visionen von einer Frau, die anscheinend gerade ihren Ehemann in einen Brunnen gestoßen hat. Das ist Dolores Claiborne nach vollbrachter Tat. Dolores hat ihrerseits in "ihrem" Roman Visionen von Jessie. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil beide Frauen Probleme mit ihren Männern haben? Oder weil der Mord im Jahr der Sonnenfinsternis stattfindet? Ansonsten geht in "Das Spiel" alles mit rechten Dingen zu - was dem Grusel aber keinen Abbruch tut! (10.11.2010)


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424
Paul Atreides Brian Herbert / Kevin J. Anderson: Der Wüstenplanet - Paul Atreides
Heyne, 2010
685 Seiten

Paul Atreides, genannt Muad'Dib, hat sich zum neuen Imperator des bekannten Universums aufgeschwungen. Die fanatischen Fremen überrennen in seinem Namen zahlreiche Planeten, deren Bevölkerungen noch Widerstand leisten. Aufgrund seiner Visionen von der Zukunft glaubt Paul, dieser blutige Djihad sei notwendig, um noch schlimmeres Übel von der Menschheit abzuwenden. Fünf Jahre nach dem Fall des alten Imperiums erobern Pauls Truppen Kaitain, den ehemaligen Herrschersitz - aber ein Ende der grausamen Massaker ist noch lange nicht in Sicht. Gleichzeitig wächst der von dem Fremen Korba angeheizte religiöse Personenkult rund um Paul immer weiter. Auf Arrakis, dem Wüstenplaneten, entsteht ein gigantischer Tempelpalast, und Prinzessin Irulan, Tochter des gestürzten Imperators Shaddam IV und Pauls nominelle Gattin, arbeitet an einer mehrbändigen Biografie Muad'Dibs, die bei Pauls Anhängern den Status einer heiligen Schrift erhält.

Einer von Pauls schärfsten Widersachern, Graf Memnon Thorvald, schart mehrere rebellische Adelshäuser um sich und plant einen Angriff auf Pauls Heimatwelt Caladan. Gleichzeitig spinnen Shaddam IV und Graf Hasimir Fenring, beide im Exil (auf Salusa Secundus bzw. bei den Tleilaxu), sowie weitere Machtgruppen und Einzelpersonen verschiedene Intrigen, mit denen sich Paul und seine Gefährten auseinandersetzen müssen. Diese Ereignisse und Irulans Schriften wecken in Paul die Erinnerung an seine Jugend, lange vor der Umsiedlung des Hauses Atreides nach Arrakis. Damals war seine Familie in eine tödliche Fehde zwischen den Häusern Ecaz und Moritani verwickelt worden, bei der auch Pauls Leben in Gefahr geraten war...

Der "Wüstenplanet"-Zyklus des 1986 verstorbenen Autors Frank Herbert besteht aus sechs Bänden, zwischen denen teils sehr große zeitliche Lücken klaffen - so auch zwischen Band 1 und 2 (Der Wüstenplanet und Der Herr des Wüstenplaneten). Band 1 endet mit der Niederwerfung Shaddams und Pauls Thronbesteigung. Band 2 beginnt zwölf Jahre später; der Djihad tobt und Paul kann ihn nicht stoppen. Frank Herberts Sohn Brian und SF-Autor Kevin J. Anderson haben bereits zwei Prequel-Trilogien und zwei Fortsetzungen (also Band 7 und 8 des Zyklus) geschrieben, die sich angeblich auf Frank Herberts Nachlass stützen. Jetzt gehen sie daran, die erwähnten "Lücken" zu schließen. Um es kurz zu machen: In meinen Augen ist das reine Geldmacherei, denn dieser Roman trägt praktisch nichts zum Zyklus bei. Dass Paul an sich selbst und den in seinem Namen verübten Grausamkeiten zweifelt, ist ebenso wenig neu wie z.B. Korbas Machenschaften und andere Aktionen. Erfährt man, welche Bedrohung der Menschheit Paul in seinen Visionen zu sehen glaubte, die all diese Gräuel rechtfertigen? Wird ausgearbeitet, wie er mit seinen Selbstzweifeln umgeht? Hat Frank Herbert irgendetwas nicht erzählt, das diesen "Lückenfüller" notwendig machen würde? Dreimal NEIN!

Das scheint auch den Autoren klar gewesen zu sein, denn große Teile des Romans bestehen aus Rückblicken auf Pauls Jugend und die Fehde zwischen mehreren großen Häusern. Auch diese Episoden sind ziemlich sinnlos. Sie tragen praktisch nichts zur Charakterisierung der darin vorkommenden Hauptfiguren bei. Die Autoren erfinden irgendwelche wilden, schlecht erzählten, unnötig grausamen und schlicht langweiligen Geschichten, die man wirklich nicht gebraucht hätte. Viel Krieg und Gemetzel, ein bisschen Intrigenspiel - meist nur tumbe Action ohne jeglichen Anspruch. Wohlgemerkt: Ich könnte damit leben, wenn der Roman spannend oder wenigstens unterhaltsam wäre. Das ist er aber nicht. Er ist nur eine öde, wirre Ansammlung von Belanglosigkeiten - eine vollkommen überflüssige Verschwendung von Papier. (02.11.2010)


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423
Picknick am Wegesrand Arkadi und Boris Strugatzki: Picknick am Wegesrand
Suhrkamp, 1981
215 Seiten

Praktisch über Nacht entstehen auf der Erde sechs so genannte "Zonen", die auf merkwürdige Weise verseucht und mit geheimnisvollen Artefakten angefüllt sind. Man nimmt an, in diesen Zonen seien außerirdische Besucher gelandet, die dort Produkte ihrer extrem weit entwickelten Technologie zurückgelassen hätten. Die hypothetischen Besucher sind unbemerkt gekommen und wieder verschwunden - niemand weiß, ob ihre Hinterlassenschaften so etwas wie der Müll eines Picknicks am Wegesrand sind, oder ob sie auf diese Weise vielleicht Kontakt mit der Menschheit aufnehmen wollten. In den Zonen treten immer wieder unverständliche und unkontrollierbare Phänomene auf. Die Naturgesetze scheinen in manchen Bereichen der Zonen nicht mehr zu gelten, außerdem scheint dort ein Einfluss zu herrschen, der Menschen in Mutanten verwandelt und Tote erweckt.

Auch in der kanadischen Stadt Harmont ist eine Zone entstanden. Der größte Teil der Stadt ist deshalb unbewohnbar und verlassen. Am Rand der Zone wurde ein militärisch gesicherter Sperrgürtel aufgebaut, in dessen Nähe Forschungseinrichtungen entstanden sind. Dort werden die teils harmlosen, teils aber extrem gefährlichen Artefakte untersucht. Niemand versteht ihre Funktion (falls sie überhaupt eine haben), doch manche von ihnen erweisen sich als überaus nützlich. Deshalb wagen sich immer wieder Schatzgräber in die Zone, um neue Artefakte zu besorgen, die sie auf dem Schwarzmarkt verkaufen können. Sie riskieren ihr Leben - und viele von ihnen fallen den Gefahren der Zone zum Opfer. Die Schatzgräberei ist illegal, so dass sich die Männer nicht nur mit den tödlichen Fallen in der Zone, sondern auch mit den Wachsoldaten herumschlagen müssen.

Roderick "Red" Schuchart arbeitet in einem Forschungsinstitut am Rand der Zone, betätigt sich jedoch gleichzeitig insgeheim als Schatzgräber. Um seinem Kollegen, dem Wissenschaftler Kirill Panow, einen Gefallen zu tun, führt Red ihn und einen weiteren Begleiter in die Zone, um ein besonderes Artefakt zu bergen. Der Coup gelingt, doch Kirill kommt in Kontakt mit einem der vielen noch unbekannten Phänomene und stirbt kurz nach der Rückkehr aus der Zone. Red gibt seine Arbeit daraufhin auf und bestreitet seinen Lebensunterhalt künftig ausschließlich mit der Schatzgräberei. Die häufigen Ausflüge in die Zone bleiben nicht ohne Folgen. Sein Erbgut wird geschädigt, so dass seine Freundin Gutta ein leicht missgebildetes Kind zur Welt bringt, das sich im Laufe der Jahre immer mehr verändert, bis es kaum noch als menschlich bezeichnet werden kann. Red sieht nur noch eine Möglichkeit: Er muss die "Goldene Kugel" finden, ein legendäres Artefakt tief in der Zone, das angeblich jeden Wunsch erüllt...

Ich habe dieses Buch schon mehrmals gelesen (zuletzt 1992) und finde es immer wieder faszinierend. Es ist wirklich erstaunlich, wie die Autoren mit einem nur ca. 180 Seiten umfassenden Werk (der Rest des Buches wird durch ein Nachwort von Stanislaw Lem eingenommen) das Kunststück fertigbringen, gleichzeitig ein ganz neues und absolut überzeugendes Szenario, eine Atmosphäre der totalen Fremdartigkeit und eine ganze Reihe teils tragischer, teils bizarrer, aber stets glaubwürdiger und komplexer Charaktere zu erschaffen. Sowohl die Hauptfiguren als auch die Zone treten dem Leser trotz aller Knappheit des Textes plastisch vor Augen. Im Zentrum steht natürlich Roderic Schuchart, aus dessen Perspektive sich der Leser der Zone nähert. Der Roman konzentriert sich ganz auf ihn, sein Leben und seine besondere Beziehung zur Zone, von der er wie besessen ist und die ihn nicht loslässt. Red ist ein einfacher, handfester Mann, der die Zone und ihre Gefahren zwar genau kennt, der sie aber ebenso wenig versteht wie der Rest der Menschheit. Die Wissenschaft kann sich weder die Existenz der Zonen noch die dort gefundenen Artefakte erklären. Es gibt verschiedene Theorien, aber niemand weiß, was in den Zonen wirklich geschehen ist und warum. Das hindert die Menschen aber nicht daran, sich die weniger gefährlichen Artefakte zu Nutze zu machen, und so werden Dinge als Konsumprodukte vermarktet, die möglicherweise eine ganz andere Funktion haben. Die so genannten "schwarzen Spritzer" zum Beispiel werden als Schmuck verwendet, aber einer Theorie zufolge enthalten diese hübschen kleinen Kügelchen ganze Universen...

Der Eindruck der Fremdartigkeit entsteht gerade dadurch, dass die Strugatzkis gar nicht versuchen, etwas zu erklären oder genauer zu beschreiben. Andeutungen genügen, und manchmal reicht sogar ein Name. So kann sich jeder Leser auch ohne weitere Ausführungen vorstellen, was wohl der so genannte "Fleischwolf" in der Zone mit einem Menschen anstellt. Die Spannung entsteht nicht so sehr dadurch, dass irgendwelche phantastischen Bedrohungen ausformuliert werden, sondern vielmehr durch die Gedanken und Gefühle der Protagonisten. Wenn Red sich mit extremer Vorsicht Meter für Meter in der Zone voranarbeitet, wobei er Flügelmuttern wirft, um noch nicht bekannte Fallen aufzuspüren, dann kann man seine Angst direkt nachempfinden. Kein Wunder, dass dieser Roman zu den besten Werken der Science Fiction gezählt wird!

Über die philosophischen Implikationen haben sich schon genügend Rezensenten ausgelassen. Dem kann ich nichts Schlaues hinzufügen. Es geht um die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit, den Umgang der Menschen mit dem absolut Fremden (wie Dr. Pillman es im Roman so schön ausdrückt: Wahrscheinlich werden die Artefakte so verwendet, als würde man Nägel mit Mikroskopen einschlagen) und natürlich auch um die Religion. Stanislaw Lem meldet sich mit einem ausführlichen Anhang in dieser Ausgabe zu Wort. Er hat seine eigene Theorie zur Entstehung der Zone, setzt aber Prämissen als gegeben voraus, die gar nicht so fest stehen, wie er meint.

Die im Roman als "Schatzgräber" bezeichneten Schmuggler tragen in anderen Sprachen den Namen "Stalker". Unter diesem Titel wurde der Roman von Andrej Tarkowskij verfilmt, außerdem gibt es ein gleichnamiges PC-Spiel, in dem Elemente des Romans bzw. des Films verwendet werden. Ich behaupte, dass "Picknick am Wegesrand" zu den Romanen gehört, die man einfach gelesen haben MUSS, egal ob man SF-Fan ist oder nicht. (28.10.2010)


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422
Dunkle Nordsee Jens Lossau: Dunkle Nordsee
Blitz-Verlag, 2010
220 Seiten, gebunden

Die beschauliche Ruhe im Nordseebad Norden wird im Sommer 1998 durch bizarre Ereignisse gestört. Alles beginnt mit einem Einbruch im städtischen Krankenhaus, bei dem anatomische Präparate gestohlen werden. Es handelt sich um abgetrennte Gesichter. Wenig später werden innerhalb weniger Tage mehrere grausig zugerichtete Leichen gefunden. Alle Opfer wurden geköpft - und von den Schädeln fehlt jede Spur. Paul Czapsky und Patrick Tomek, die beiden zuständigen Kriminalpolizisten, sind mit diesem Fall hoffnungslos überfordert. Es gibt nur wenige Zeugen und noch weniger Spuren. Auch ein mit den Polizisten befreundeter Psychologe, der als Berater hinzugezogen wird, kann keine entscheidenden Hinweise geben. Die Ermittlungen sollen an eine Sonderkommission abgegeben werden, doch bevor es dazu kommt, spitzen sich die Ereignisse zu. Der Täter sucht sich sein nächstes Opfer in Czapskys Familie.

Czapsky findet ein Tagebuch, das er vor zwanzig Jahren geführt hat. Damals hat es eine ähnliche, ungeklärt gebliebene Mordserie auf Helgoland gegeben. Sein bester Freund Lennart Molloy war seinerzeit eines der letzten Opfer. Doch jetzt scheint Lennart von den Toten zurückgekehrt zu sein, und er hat ein persönliches Interesse an Czapsky - oder vielmehr: An dessen Gesicht...

Meine Güte, was für ein Durcheinander. Klischees, so weit das Auge reicht, unfreiwillige Komik inklusive, denn der Roman trieft nur so vor Pathos, unglaubwürdigen Reaktionen und irrealen Dialogen. Praktisch jede einzelne Figur ist hoffnungslos überzeichnet. Sei es der von diversen Neurosen und Psychosen gebeutelte Czapsky oder der 500 (!) Kilo schwere Psychologe, diverse geradezu groteske Nebenfiguren, durchgedrehte Ärzte und noch verrücktere Insassen einer Irrenanstalt. Es geht aber noch schlimmer, denn Lossau baut unnötige übernatürliche Elemente ein. Die Geisterseherei einer Oma, deren auf See verschollener Ehemann tatsächlich wie ein fliegender Holländer zurückzukehren scheint, könnte man auf die Schrulligkeit der alten Dame und die überspannte Phantasie der pubertierenden Kids zurückführen. Aber bei Czapskys Sohn und Lennart ist das anders. Beide sind aus unerfindlichen Gründen wirklich mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet. Ich weiß nicht, was den Autor zu der Annahme gebracht hat, die an sich schon schwer verdauliche Story habe derartige Elemente nötig. Sie machen die Geschichte nur endgültig unglaubwürdig.

Für einen Krimi gibt es zu wenig Charakterentwicklung und Polizeiarbeit (die Morde passieren einfach, die Opfer sind irgendwelche Unbekannten, die dem Leser gleichgültig sind und ermittelt wird fast gar nicht), für einen Horror-Roman wird zu wenig Spannungsaufbau und Grusel-Atmosphäre geboten. Das ganze Buch ist weder Fisch noch Fleisch. Es kommt mir so vor, als habe Lossau eine Kurzgeschichte mit allerlei sinnlosen Nebenhandlungen auf Romanlänge gestreckt. Die Auflösung kommt ziemlich überhastet. Sie ist trotz diverser Irreführungsversuche vorhersehbar und so gezwungen, dass man es kaum noch erträgt. Lossaus "ernsthafte" Romane sind meiner Meinung nach ziemlich in die Hose gegangen (siehe auch: Die Schlafwandler). Bierernste Dramatik ist seine Sache nicht. Dass er es viel besser kann, wenn er humoristische Töne anschlägt, hat er gerade erst mit Der Elbenschlächter bewiesen. (18.10.2010)


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421
PR Jubiläumsband 4 Perry Rhodan Jubiläumsband 4
Moewig, 1983
30 Seiten

Infos zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke meines Archivs. Einfach hier klicken!

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420
Shadowmarch 3 - Die Dämmerung Tad Williams: Shadowmarch 3 - Die Dämmerung
Klett-Cotta, 2010
701 Seiten, gebunden

Die Südmarksfeste wird nach wie vor von den Qar belagert. Bisher hat Fürstin Yasammez den entscheidenden Angriff hinausgezögert, da sie auf Nachricht über den Ausgang von Gyirs Mission warten musste. Als ihr Gyirs Tod bekannt wird, hält sie den "Pakt des Spiegelglases" für gescheitert und bereitet die Erstürmung der Burg vor. Die ersten Vorstöße erfolgen unterirdisch, im Reich der Funderlinge. Dort halten sich Meister Chaven und Hauptmann Ferras Vansen versteckt. Vansen ist nach Kituyiks Ende auf unerklärliche Weise direkt in die Kavernen von Funderlingstadt teleportiert worden. Zusammen mit Chert Blauquarz und den Oberhäuptern der Funderlinge organisiert er jetzt den Widerstand gegen die Eindringlinge. Der Dichter Matty Kettelsmit wird von Graf Avin Brone gezwungen, Hendon Tolly auszuspionieren. Er stellt fest, dass der Usurpator mit finsteren Ritualen beschäftigt ist.

Prinzessin Briony hat vorübergehend Unterschlupf bei einer Schauspieltruppe gefunden und konnte den Häschern Hendon Tollys entkommen, musste sich jedoch gegenüber Enander, König von Syan, zu erkennen geben. An seinem Hof hat sie den Status eines adligen Gasts, fühlt sich aber wie eine Gefangene. Zudem wird sie in die höfischen Ränkespiele verwickelt und fällt fast einem Giftanschlag zum Opfer. Als sie sich mit Enanders Sohn Eneas anfreundet, spielt sie damit unwissentlich der intriganten Lady Ananka (Enanders Geliebte) in die Hände, die Briony beseitigen will. Briony versucht am Hof Verbündete für den Kampf gegen Hendon Tolly zu gewinnen, macht sich damit aber erst recht neue Feinde. Schließlich wird sie von einem ihrer Gefährten aus den Reihen der Schauspieler verraten und muss erneut fliehen.

Derweil sind König Olin Eddon und Qinnitan auf den Weg nach Norden - beide unfreiwillig: Der wahnsinnige Autarch Sulepis hat Hierosol niedergeworfen und reist nun persönlich in Richtung Südmarksfeste, um Olin dort zu opfern und auf diese Weise göttliche Macht zu erringen. Daikonas Vo, der Qinnitan in seiner Gewalt hat, folgt ihm in einigem Abstand. Barrick, Brionis Zwillingsbruder, hat Kituyiks Untergang ebenfalls überlebt. Geführt von dem sprechenden Raben Skurn sucht er nach der Elben-Hauptstadt Qul-na-Qar, um den Pakt des Spiegelglases zu erfüllen. Von Skurn erfährt er während des gefährlichen und entbehrungsreichen Marsches durch das Land jenseits der Schattengrenze mehr über den Gott Krummling, der einst die alten Götter ins Jenseits verbannt hat. Nur Barrick kann die Vernichtung seiner Heimat noch abwenden, doch er muss einen hohen Preis dafür zahlen...

Tja. Eigentlich sollte dies der dritte und letzte Band der Shadowmarch-Trilogie sein. Aber wie Tad Williams in einem kurzen Vorwort selbst zugibt, hat er immer wieder Probleme damit, sich selbst im Zaum zu halten, und so wird aus der Trilogie ein Vierteiler. Der nächste Band soll, so kündigt der Autor an, nicht mehr so lange auf sich warten lassen wie die bisherigen...

Allerdings muss man sich fragen, warum Williams es nicht schafft, seine Geschichte in drei Bänden zu erzählen, denn nach den 700 Seiten des dritten Buches haben sich fast alle Hauptpersonen quasi nur einmal im Kreis gedreht und sind jetzt wieder genau da, wo sie zu Beginn des Romans waren: Yasammez belagert die Südmarksfeste, in der sich ebenfalls kaum etwas tut, Briony ist "Gast" am syanesischen Hof, Sulepis und Olin sind noch immer nicht miteinander fertig und Qinnitan unternimmt einen weiteren Fluchtversuch. Nur Barrick erlebt wirklich Entscheidendes und ist am Ende nicht mehr der hilflose und gequälte Krüppel, der er bisher war. Immerhin wird jetzt klar, welche Ziele die Elben, der Autarch und Hendon Tolly wirklich verfolgen, was es mit dem Pakt des Spiegelglases auf sich hat, und dass die Götter keineswegs nur Gegenstand religiöser Verehrung sind, sondern reale Figuren, denen höchstwahrscheinlich beim Finale noch große Bedeutung zukommen wird. Antworten auf die wichtigsten offenen Fragen werden also endlich gegeben, und sie können durchaus überzeugen, aber warum braucht Williams dafür so lange?

Wie üblich gilt: Bei Tad Williams ist der Weg das Ziel. Er nimmt sich viel Zeit für die Figurenentwicklung, und so kann man schön beobachten, wie vor allem Barrick und Briony sozusagen den Kinderschuhen entwachsen. Alle Protagonisten werden sehr gut zum Leben erweckt; Williams lässt keine austauschbaren Klischeefiguren agieren, sondern glaubwürdige Individuen. Selbst wenn nicht all die vielen verschiedenen Handlungsstränge und die Erlebnisse der zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren für den Gesamtzusammenhang relevant sein mögen, so versteht sich Williams doch wie immer aufs Erzählen spannender Geschichten. Der ständige Wechsel zwischen den Handlungsebenen macht’s möglich. Die bisherigen Kritikpunkte gelten natürlich weiterhin. Die Shadowmarch-Romane sind ein Sammelsurium aus Ideen anderer fiktiver Universen, viel Neues hat Williams dem nicht hinzuzufügen. Immerhin schafft er es sehr gut, die Fremdartigkeit der Qar zu verdeutlichen.

Insgesamt kann man sich zwar nicht des Gefühls erwehren, dass die Story doch sehr gestreckt wurde, aber die Erzählkunst des Autors und sein (auch in der Übersetzung erkennbares) hohes sprachliches Niveau machen den Roman dennoch zu einem wahren Lesegenuss. Jedenfalls freue ich mich schon sehr auf den (hoffentlich) letzten Band. (05.10.2010)


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419
Warte auf das letzte Jahr Philip K. Dick: Warte auf das letzte Jahr
Heyne, 2006
317 Seiten

Die Erde ist eine Kolonie der Menschen vom Lili-Stern, die vor Jahrtausenden in Vergessenheit geraten, jüngst aber wieder in Kontakt mit der Mutterwelt getreten ist. Da die Sternmenschen angeblich die dominierende Militärmacht der Galaxis sind, hat sich Gino Molinari, der Diktator der Erde, mit ihnen verbündet. Dadurch wurde die Erde in den Krieg mit den Riegs hineingezogen. Diesen Krieg drohen die Sternmenschen - und damit auch die Erdbewohner - nun zu verlieren. Molinari hat erkannt, dass ein Seitenwechsel die einzige Überlebenschance der Menschheit wäre. Aber daran ist nicht zu denken, denn die Sternmenschen würden Molinari beim ersten Anzeichen von Verrat aus dem Weg räumen, um selbst die Macht zu übernehmen und die Erde zu besetzen. Die neue Droge JJ 180, mit deren Hilfe man zwischen verschiedenen Zeitebenen diverser Paralleluniversen hin- und her reisen kann, soll die Entscheidung im Krieg gegen die Riegs bringen, aber über dunkle Kanäle gelangt die Substanz zuerst auf der Erde in Umlauf.

Der Chirurg Dr. Eric Sweetscent arbeitet für Virgil Ackerman, den Inhaber der kriegswichtigen Tijuana Fur & Dye Corporation. Er stattet seinen Chef mit immer neuen Organen aus und hat Ackermans Leben schon auf weit über hundert Jahre verlängert. Als Molinari, ein Freund Ackermans, im Jahre 2055 auf unerklärliche Weise an schweren Organstörungen erkrankt, wird Sweetscent hinzugezogen. Er nimmt den neuen Job an, um sich von seiner neurotischen Frau Kathy zu trennen. Er wird in bestimmte Staatsgeheimnisse eingeweiht und erfährt, dass Molinari nicht nur einmal existiert, sondern dreifach: Es gibt noch einen jungen, dynamischen Molinari, der die öffentlichen Reden hält, und eine von Kugeln durchsiebte Leiche, die in einem Versteck aufbewahrt wird.

Kathy wird derweil von den Sternmenschen unter Druck gesetzt. Durch einen Kollegen ist sie an JJ 180 herangekommen. Sie wird schon nach der ersten Dosis unheilbar abhängig. Die Sternmenschen versprechen Nachschub an JJ 180, wenn Kathy ihren Mann und Molinari ausspioniert. Um ihren Mann zur Mitarbeit zu "motivieren", verabreicht Kathy ihm ebenfalls eine Dosis der Droge. Im Gegensatz zu allen anderen Süchtigen, die stets in die Vergangenheit versetzt werden, verschlägt es Sweetscent vorübergehend in die Zukunft. Er kann somit erkennen, welche Auswirkungen bestimmte gegenwärtige Ereignisse haben werden. So wird er wider Willen zur Schlüsselfigur in Molinaris Intrigenspiel, während er gleichzeitig verzweifelt versucht, ein Gegenmittel für JJ 180 aus der Zukunft mitzubringen...

Dieser schon 1966 erschienene Roman beschäftigt sich nicht so sehr mit der Frage nach der menschlichen Identität oder dem Menschsein an sich - ansonsten zentrales Thema vieler Romane und Storys von Philip K. Dick - sondern vielleicht eher mit Abhängigkeiten und Vorherbestimmung. So scheint Sweetscent ebenso abhängig von seiner Frau zu sein, die er doch zu hassen vorgibt, wie sie wiederum nicht mehr ohne JJ 180 auskommen kann. Und während sie es (wahrscheinlich) nicht schafft, die Vergangenheit zu verändern, ist es ihm nicht möglich, einfach das Heilmittel aus der Zukunft mitzubringen oder dem Krieg mit seinem Wissen um zukünftige Entwicklungen eine Wendung zum Besseren zu geben. Sind also alle Ereignisse vorherbestimmt und unabänderlich? Möglicherweise doch nicht, denn am Ende entscheidet sich Sweetscent anders, als er es einem Ausflug in die Zukunft zufolge hätte tun müssen. Das ist ein ungewöhnlich optimistischer Ausgang für diesen Autor (wenn man mal von der nicht abgewendeten Invasion der Erde absieht), wie übrigens der ganze Stil des Romans sehr humorvoll geprägt ist.

Dick schafft es immer wieder, facettenreiche fiktive Welten mit kurzen Beschreibungen oder auch nur Andeutungen zu entwerfen. Irgendwie ähneln sich zwar die meisten, aber jede hat ihre charakteristischen Merkmale. Diesmal sind es die drogeninduzierten Zeitreisen. Dass die Zeitreisen wirklich stattfinden, d.h. dass es sich nicht einfach nur um Halluzinationen handelt, scheint festzustehen. Dick legt sich da - ebenfalls ungewöhnlich - recht eindeutig fest. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie Dick es schafft, einer Ansammlung im Grunde abgedroschener SF-Klischees (hier u.a. der Krieg gegen die Riegs - das sind natürlich Insektenwesen) immer noch neue Aspekte abzugewinnen und daraus einen Roman zu konstruieren, der Lichtjahre von trivialen Space-Operas entfernt ist.

Obwohl das Hauptaugenmerk auf Sweetscents Innenwelt liegt, so dass man sich gut mit dieser Figur identifizieren kann, gerät das "Große Ganze" nicht aus dem Fokus. Nur die Bedeutung der seltsamen Version von Hypochondrie, unter der Molinari leidet, habe ich nicht verstanden. Der Diktator "spiegelt" immer wieder seine Umwelt. Beispiel: Wenn jemand in seiner nächsten Umgebung einen Herzanfall hat, dann ergeht es ihm genauso, obwohl sein Herz völlig gesund ist. Hm. (05.10.2010)


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418
Liebe auf den ersten Biss Christopher Moore: Liebe auf den ersten Biss
Goldmann, 2008
319 Seiten

Jody Stroud und ihr Schöpfer Elijah ben Sapir wurden von Jodys menschlichem Beschützer Tommy Flood mit Bronze umhüllt. So wollte er den gefährlichen Elijah unschädlich machen. Um mit seiner geliebten Jody sprechen zu können, hat Tommy ihrer Statue jedoch Ohrlöcher gebohrt, und da Jody von Elijah gelernt hat, wie man sich in Nebel auflöst, kann sie sich befreien. Sie verwandelt Tommy in einen Vampir, um für immer mit ihm zusammen sein zu können. Tommy muss sich erst an die neue Existenzform gewöhnen, außerdem fehlt den beiden jetzt ein Vasall, der sie tagsüber, wenn sie im todesähnlichen Schlaf liegen, beschützen und Botengänge erledigen kann. Um nicht immer auf Jagd gehen zu müssen, legen sich Jody und Tommy einen lebenden Blutvorrat in Gestalt des Penners William und dessen Kater Chet zu. Als Tommy der jungen Goth-Punkerin Abby Normal begegnet, die ganz hingerissen von der Bekanntschaft mit einem echten Vampir ist, löst sich bald auch das Vasallen-Problem.

Bei dem Versuch, Elijah endgültig zu entsorgen, macht Tommy jedoch einen Fehler, so dass der uralte Vampir befreit wird. Außerdem verwandelt Tommy versehentlich die Prostituierte "Blue" in einen Blutsauger. Blue ist bisher von Tommys ehemaligen Arbeitskollegen aus dem Supermarkt ausgehalten worden und hat ihnen das ganze Geld aus den Taschen gezogen. Dieses Geld haben Tommy und Jody an sich genommen, denn sie können es nur zu gut brauchen, um ein neues Versteck zu finanzieren - die Inspektoren Rivera und Cavuto sind ihnen immer noch auf den Fersen. Und so werden die beiden verliebten Vampire nicht nur von der Polizei verfolgt, sondern auch von Blue, die ihr Geld zurückhaben will und zu diesem Zweck eine kleine Truppe ihr höriger Vampire zusammenstellt, sowie von Elijah, der allmählich den Spaß am Kampf gegen Jody verliert.

Dieser Roman ist eine direkte Fortsetzung von Lange Zähne, und den muss man gelesen haben, um "Liebe auf den ersten Biss" zu verstehen. Leider fehlt der Fortsetzung einiges von dem, was "Lange Zähne" lesenswert gemacht hat, nämlich a) Jodys Entwicklung zur emanzipierten Vampirin bzw. zum Raubtier, das die Menschen nur noch als Snack betrachtet und b) Tommys Verhältnis zu ihr sowie seine Experimente, mit denen er herausfinden will, was einem Vampir schadet. In der Fortsetzung ist das Szenario festgesteckt, daran ändert sich nichts mehr. Gut, Tommy kommt mit dem Vampirfluch weit schlechter zurecht als Jody, aber das war's dann auch schon. Seine Sexbesessenheit dominiert den Roman vor allem in der Anfangsphase derart, dass man es bald schon nicht mehr erträgt. Moore überfrachtet die Story zu sehr mit Aberwitz und überzeichneten Charakteren - das ist irgendwann nicht mehr lustig, sondern ermüdet nur noch. Am Ende müssen drei weitere Vampire, von denen bisher nicht einmal andeutungsweise die Rede war, herbeigezaubert werden, damit die Story abgeschlossen werden kann. Aber eigentlich wird sie gar nicht abgeschlossen. Eine weitere Fortsetzung ist in den USA schon erschienen.

Es gibt aber doch noch ein Highlight, nämlich die von der Goth-Göre Abby Normal verfassten Tagebucheinträge. Abby ist eine Freundin Lilys aus dem Roman Ein todsicherer Job und verwendet eine wirklich köstliche Mischung aus Teenie-Sprache, schwarzer Romantik und altklugem Sarkasmus. Es gibt noch einen weiteren Bezug zu "Ein todsicherer Job": Jody bringt ein "Seelenschiffchen" zu Charlie Asher. Das wirkt selbst als Gimmick für Fans zu bemüht; für Nicht-Eingeweihte ist es sowieso unverständlich. Insgesamt ist der Roman für meinen Geschmack zu sehr auf platte Gags ausgelegt. An "Lange Zähne" reicht er nicht heran, an "Ein todsicherer Job" schon gar nicht. Witzig ist er dennoch, und inzwischen ist mir Jody so sehr ans Herz gewachsen, dass ich mir den nächsten Band sicher ebenfalls zulegen werde. (20.09.2010)


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417
Ausgebrannt Andreas Eschbach: Ausgebrannt
Bastei Lübbe, 2008
750 Seiten

Markus Westermann hat einen Traum. Er will in den USA Karriere machen, ein Leben auf der Überholspur führen und eines Tages einen Schriftzug mit seinem Namen auf einem riesigen gläsernen Turm sehen. Doch vom Aufbau eines eigenen Firmenimperiums kann zunächst noch keine Rede sein. Markus hat zwar ein beachtliches Vermögen geerbt, das sein bei einem Unfall ums Leben gekommener Vater durch eine geheimnisvolle Erfindung verdient hat, er ist aber noch nicht einmal amerikanischer Staatsbürger. Immerhin darf er als Angestellter einer Softwarefirma im Land seiner Träume an der Lokalisierung eines neuen Programms für den deutschen Markt arbeiten, doch der Job und die Aufenthaltserlaubnis sind auf ein halbes Jahr befristet. Markus setzt deshalb alles daran, auf Dauer von der Firma übernommen zu werden. Nach aufreibenden Wochen voller Mehrarbeit und sorgsam geknüpften Kontakten hat Markus beinahe Erfolg, scheitert aber an einem kleinen Schwindel. Da er seinen Namen auf einem Formular für die Erstellung von Visitenkarten mit "Mark S. Westman" angegeben hat, was "amerikanischer" klingen sollte, verliert er das Vertrauen seines Vorgesetzten. Er soll nur noch die angesammelten Überstunden abfeiern und dann nach Deutschland zurückkehren.

Markus ist am Boden zerstört und fährt ziellos durch die USA. Dabei ergibt sich eine unerwartete neue Chance. Er begegnet Karl Walter Block, einem Österreicher, der eine neue Theorie zur Entstehung von Erdöl sowie ein revolutionäres Verfahren zur Entdeckung neuer Fundstätten entwickelt haben will, aber noch keine Geldgeber zur Realisierung entsprechender Projekte gefunden hat. Obwohl Markus nichts von Blocks Erklärungen versteht, lässt er sich doch überzeugen. Immerhin hat Block in Österreich Öl gefunden. Markus setzt sein Erbteil ein, um die Firma Block Explorations zu gründen, eine professionelle Werbeveranstaltung auf die Beine zu stellen und die Investmentgesellschaft Peak Performance Pool (PPP) für Blocks Theorie zu gewinnen. Als Block in South Dakota eine Ölquelle findet, die nach allen bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen gar nicht existieren dürfte, ist PPP überzeugt und es kann in großem Stil weitergearbeitet werden. Markus beginnt in dieser Zeit eine leidenschaftliche Affäre mit der Bankerin Amy-Lee Wang, die ihm genau das Leben ermöglicht, das er sich immer gewünscht hat.

Endlich scheint Markus den erträumten Erfolg in Händen zu halten. Er jongliert mit Milliardenbeträgen, hat eine schöne Geliebte und hält sich mit Kokain für die langen Partynächte fit. Doch Probebohrungen, die Block in Saudi-Arabien für die dortige Regierung durchführt, bleiben ergebnislos. Außerdem beginnt sich die CIA für Block Explorations zu interessieren. Dann kommt es zu einem Anschlag auf Ra's Tanura, einen der weltweit bedeutendsten Ölverladehäfen am arabischen Golf. Plötzlich wird das Öl weltweit knapp, es kommt zu Unruhen und internationalen Konflikten. Block verschwindet. Markus wird verdächtigt, ihn ermordet zu haben. Amy-Lees Vater macht die Preisgabe der Block-Methode zur Bedingung für die geplante Heirat. Beim Versuch, Blocks Unterlagen sicherzustellen, wird Markus in einen Verkehrsunfall verwickelt. Er fällt ins Koma und wird von seinem Bruder Frieder heimlich nach Deutschland gebracht. Als Markus Monate später ins Leben zurückkehrt, hat sich die Welt dramatisch gewandelt...

Dies war meine Urlaubslektüre im Herbst 2010.

Alle Ölquellen werden irgendwann erschöpft sein. Das wäre das Aus für unsere High-Tech-Gesellschaft, vielleicht sogar das Ende der Menschheit. Das ist die gar nicht so weit hergeholte Idee, die der Story zugrunde liegt. Warum Öl so wichtig ist, wird überzeugend (wenn auch manchmal allzu dozierend) dargestellt, und gegen Ende des Romans wird die Grundidee gut weitergesponnen. Dummerweise liegt der Schwerpunkt des Romans aber woanders. Zunächst einmal geht es nur um Markus Westermann und seinen amerikanischen Traum. Am Beispiel dieser (hoffentlich absichtlich) völlig überzeichneten Figur wird verdeutlicht, worin das eigentliche Problem besteht. Rücksichtslos, zynisch und ohne auch nur einen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden erschleicht sich Markus das Vertrauen verschiedener Personen, die er zur Verwirklichung seiner Ziele benutzt, setzt Unsummen für hochriskante Projekte ein, deren Hintergrund er nicht einmal annähernd versteht, und verschleudert Geld, das er noch gar nicht verdient hat, für leere Vergnügungen. Der totale Kollaps ist nur eine Frage der Zeit. In dieser Phase ist Markus eigentlich eher unsympathisch, so dass man ihm den tiefen Sturz gönnt. Ausgerechnet er wird dann aber zum Weltretter, und irgendwie nimmt man ihm die Läuterung, die er angeblich durchmacht, nicht wirklich ab. Er wandert ein bisschen durch die einsame Natur und ist hinterher ein anderer Mensch. Na klasse. Einige unglaublich kitschige Momente (u.a. Markus' Vatergefühle) und peinliche Klischees (auch und gerade in Bezug auf Saudi-Arabien) sowie einzelne sprachliche Entgleisungen (die der Charakterzeichnung geschuldet sein könnten) trüben den Eindruck zusätzlich.

Außerdem ist dies nur einer von mehreren Handlungssträngen, mit denen Andreas Eschbach das Szenario einer Welt entwerfen will, deren Lebenselixier innerhalb kürzester Zeit versiegt - und auch die Nebenstorys ziehen sich ziemlich in die Länge, bis die Geschichte endlich mal Fahrt aufnimmt und auf den Punkt kommt: Markus' Schwester Dorothea Utz und ihr Mann haben ein sehr günstiges Haus erworben, dessen Beheizung (mit Öl natürlich) jedoch Unsummen verschlingt. Dorothea sorgt für die Wiederbelebung des ausgestorbenen Dorfkerns, indem sie den leer stehenden Tante-Emma-Laden übernimmt. Mit diesem Hobby rettet sie ironischerweise die Existenz der Familie. Frieder Westermann begegnet in der Klinik, in der er Markus versteckt hat, dem saudischen Prinzen Abu Jabr. Der Prinz wiederum versucht sich im Intrigenspiel der Großmächte zu behaupten. Der CIA-Agent Taggard agiert hinter den Kulissen und wird später zum Aussteiger in einem abgeschiedenen Dorf voller christlicher Fundamentalisten. Hinzu kommen noch Rückblicke auf Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurückliegende Ereignisse, außerdem wird in der Markus-Ebene ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit gewechselt. Eschbach versucht die Spannung durch diesen ständigen Wechsel zu steigern. Zum Teil funktioniert das durchaus, manchmal zerfasert die Handlung aber auch derart, dass man den roten Faden vergeblich sucht.

Zudem sind zu viele Zufälle vonnöten, bis alle losen Enden letztlich zusammengeführt werden können. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen, was zwar in sich schlüssig vermittelt wird, insgesamt aber wenig glaubwürdig klingt. Damit meine ich wohlgemerkt nicht die internationalen Verflechtungen, die Informationen über Ölförderung usw. - das alles wird ebenso detailreich wie weitschweifig ausgearbeitet - sondern die manchmal doch sehr bemüht wirkenden Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Handlungsebenen. In der Endphase verläuft alles für meinen Geschmack viel zu schnell. Der Beinahe-Zusammenbruch der Zivilisation geht unmittelbar und völlig problemlos in die Weltrettung incl. Entwurf einer Alternativzukunft über - und dann ist das Buch schon wieder zu Ende. Ich hätte lieber mehr über das globale Chaos und die neue Weltordnung gelesen als z.B. über die Bettspielchen von Markus und Amy-Lee... Weniger Figurenexposition und mehr Zukunftsvision - das hätte ich mir gewünscht. (13.09.2010)


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416
Die Songs Sting: Die Songs
S. Fischer Verlag, 2010
479 Seiten, gebunden

Dieses schön aufgemachte Buch enthält alle Songtexte, die Matthew Gordon Sumner alias Sting für "The Police" und seine Solo-Alben verfasst hat. In Kommentaren zu den Alben und zu einigen Songs lässt Sting uns wissen, wie, wo und warum die Werke entstanden sind, was er mit den Texten sagen wollte und welche Bedeutung sie für ihn persönlich haben. Hinzu kommen ein paar wenige Fotos. Für Fans ist das Buch natürlich unverzichtbar, denn so muss man nicht mehr in der Plattensammlung nach einzelnen Texten suchen, sondern hat alle gebündelt in einem Buch. Nicht-Fans werden allenfalls die deutschen Übersetzungen der Songtexte interessant finden.

Das nämlich ist der Clou dieses Buches, oder besser: Das hätte er sein sollen. Manfred Allie, der u.a. schon Stings Autobiografie Broken Music übersetzt hat, bemüht sich redlich, Stings englische Texte in die deutsche Sprache zu übertragen. Wohl gemerkt: Übertragen, nicht übersetzen, denn die Texte werden nicht wörtlich übersetzt. Allie hat nicht versucht, den Textsinn genau wiederzugeben, stattdessen wollte er offenbar Reime und Versmaß der Songs bewahren und hat deshalb sinnentstellende Formulierungen in Kauf genommen. Das hätte man ja noch akzeptieren können, aber manche Stellen klingen doch sehr gezwungen und manchmal sogar unfreiwillig komisch. Reim dich oder ich fress' dich, könnte man sagen. Es wäre mir lieber gewesen, der Übersetzer hätte auf die Reimform verzichtet und den Sinn der Texte so belassen, wie er von Sting vorgesehen war. Lustig: Französischer Text (kommt in einzelnen Songs vor, z.B. "Hungry for you") wurde nicht übersetzt.

Stings Kommentare liegen übrigens nur in deutscher Übersetzung vor, nicht im englischen Original. (02.09.2010)

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415
Stimmen Greg Bear: Stimmen
Heyne, 2007
382 Seiten

Der ehemalige Regisseur, Fotograf und Schriftsteller Peter Russell glaubt, er habe die Hölle hinter sich. Seine Tochter Daniella ist das Opfer eines Ritualmords geworden. Er ist danach in die Alkoholsucht abgestürzt, seine Ehe ist gescheitert. Inzwischen ist er wieder trocken, hat den Tod Daniellas aber noch immer nicht verwunden, zumal der Fall nie geklärt wurde. Kurz nach dem Tod seines besten Freundes Philip ergibt sich für Peter die Gelegenheit, wieder kreativ tätig zu werden. Er wurde schon vor längerer Zeit von dem millionenschweren Filmproduzenten Joseph Benoliel als Mädchen für alles eingestellt und ist mit der Zeit zu Benoliels Vertrautem und Freund geworden. Bei ihm begegnet er einem gewissen Stanley Weinstein, der einen Investor für ein Projekt sucht, das er als Revolution in der Telekommunikation bezeichnet. Das neue System trägt den Namen TRANS und ermöglicht Telefonverbindungen in exzellenter Qualität von jedem beliebigen Punkt der Erde aus zu jedem anderen Ort, völlig unabhängig von allen Funknetzen.

Als es Peter mit der Hilfe von Benoliels junger Frau Michelle gelingt, den alten Multimillionär zu der Investition zu bewegen, zahlt Weinstein eine saftige Prämie und engagiert Peter für die Werbekampagne. Er schenkt ihm einige TRANS-Geräte, die er an seine Freunde und Verwandten verteilen soll. Bei einem Besuch in der TRANS-Zentrale erfährt Peter, dass das System auf eine Dimension "unterhalb" der materiellen Welt zugreift, die eine möglicherweise unbegrenzte Bandbreite bietet. Die schick designten kleinen Apparate funktionieren einwandfrei, Doch die Nutzung hat ungeahnte Nebenwirkungen. Peter und andere Nutzer von TRANS haben immer öfter Visionen von Menschen, die sich an völlig anderen Orten aufhalten - oder bereits gestorben sind. Die Geister der Toten scheinen von schattenhaften Wesen verfolgt zu werden, die sie verschlingen wollen.

Eines Tages wird Peter von Daniellas Geist heimgesucht. Obwohl die Erscheinung nur halb materiell ist, kann sie mit Peter sprechen und ihn berühren. Er begreift, dass die Toten aus bestimmten Gründen zurückkehren, und er beginnt zu ahnen, worum es sich in Daniellas Fall handeln könnte...

Man sollte sich nicht vom Klappentext in die Irre führen lassen. Dies ist kein Wissenschafts- oder Verschwörungsthriller, und die Verweise auf Michael Crichton, Douglas Preston sowie Lee Child sind völlig daneben. Vielmehr könnte man den Roman als typische Geistergeschichte bezeichnen. Die zurückkehrenden Geister der Toten wollen sich zwar nicht rächen, aber sie bedienen einen anderen Topos des Gruselroman-Genres, indem sie - wie z.B. in Daniellas Fall - die Umstände ihrer Ermordung ans Licht bringen wollen. Sie kehren an den entsprechenden Ort zurück und werden nicht zuletzt durch ihre Hinterbliebenen, die sie nicht "loslassen" können, im Diesseits gehalten. Das klingt bekannt, nicht wahr? Durch das TRANS-Netz wird dem Ganzen zwar ein pseudowissenschaftlicher Hintergrund verliehen, aber nicht diese merkwürdige Technik steht im Mittelpunkt, sondern das komplizierte Seelenleben Peters. Die Bezeichnung "Thriller" ist bei dem eher gemächlichen Spannungsaufbau unpassend. Action, Morde und dergleichen gibt es nicht - und eine "Verschwörung" schon gar nicht. Es agieren keine verrückten Wissenschaftler, die die Welt verändern wollen, sondern einfach nur ein paar Leute, die aus Profitgier mit etwas herumspielen, das sie nicht verstehen.

Der Roman beginnt, vielleicht etwas langatmig, wie eine Gesellschaftsstudie. Viel Zeit wird auf die Schauplatz- und Figurenexposition verwendet. Diese Phase erfüllt ihren Zweck sehr gut und ist, wie sich am Ende herausstellt, unverzichtbar für die Auflösung. Peters Charakter und Vergangenheit werden nach und nach eindringlich verdeutlicht. Er hat zwar eine bewegte Vergangenheit, ist aber im Grunde ein Durchschnittsmensch, jedenfalls kein Held oder Geisterjäger. Man versteht seine Ängste, Sorgen und Zweifel, nimmt Anteil an seinem Leid und ist schließlich wie er bereit, an die Existenz des Übernatürlichen zu glauben. Bear zieht dann einige Register klassischer Gruselromane. Der Transponder des neuen Kommunikationsnetzwerks steht ausgerechnet im Hinrichtungstrakt eines Gefängnisses, es treten gleich zwei Medien auf, die Kontakt zur Geisterwelt haben, das Benoliel-Anwesen hat eine äußerst makabre Vergangenheit und das eigentliche Böse lauert dort, wo man es am wenigsten erwartet. Man fühlt sich ab und zu ein wenig an den Film "The sixth Sense" erinnert, vor allem am Ende, wenn... aber ich will nicht zu viel verraten. Nur soviel: Alle Fragen werden wenn schon nicht wirklich plausibel, so doch in sich schlüssig beantwortet. Bewegendes Charakterdrama? Auf jeden Fall. Unheimlicher Gruselroman? Zum Teil durchaus. Spannender Wissenschaftsthriller? Eindeutig nein. (30.08.2010)


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414
Der Elbenschlächter Jens Lossau / Jens Schumacher: Der Elbenschlächter
Egmont / Lyx, 2010
216 Seiten

In Nophelet, der Hauptstadt des Landes Sdoom, sorgt die Stadtwache mehr schlecht als recht für Ordnung. Da ein Zehntel aller Lebewesen versiert ist und somit Magie (sprich: Thaumaturgie) anwenden kann, sind die Ordnungshüter nicht selten überfordert, wenn etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Oft handelt es sich nur um Unglücksfälle infolge der unkontrollierten Freisetzung thaumaturgischer Energie durch junge Versierte, deren Begabung nicht rechtzeitig entdeckt und geschult wurde. Doch manchmal wird bei einem Verbrechen verbotene Thaumaturgie eingesetzt. Dann kommen die Spezialisten des Instituts für angewandte investigative Thaumaturgie (IAIT) ins Spiel. Die in der Regel selbst versierten und mit besonderen Vollmachten ausgestatteten IAIT-Agenten ermitteln unabhängig von der regulären Ordnungsmacht und stehen stets in Konkurrenz mit dem Oberhaupt der Stadtwache, dem ebenso unfähigen wie eitlen General Glaxiko.

Meister Hippolit, promovierter Thaumaturg der 9. Stufe und ausgebildeter Lichtadept, ist einer der besten Agenten des IAIT und möglicherweise der fähigste Ermittler in ganz Sdoom. Im Alter von 107 Jahren ist er allerdings ein körperliches Wrack. Ein kompliziertes Ritual, die "Korporale Subtraktion", soll ihm zu neuer jugendlicher Kraft verhelfen, doch etwas geht schief. Hippolit wird tatsächlich verjüngt, ist seitdem aber im Leib eines etwa vierzehnjährigen Albinos gefangen. Seinen überlegenen thaumaturgischen und detektivischen Fähigkeiten tut das zwar keinen Abbruch, aber der Respekt, den er sich in siebzig Dienstjahren bei den Bewohnern Nophelets verdient hat, ist dahin. Da niemand den schmächtigen Knaben kennt oder ernst nimmt, braucht er einen Partner - und wer wäre besser als Mann fürs Grobe geeignet als ein Troll? So tritt Jorge in Hippolits Dienste, ein zwar verfressener, trunksüchtiger und anderen Genüssen nicht abgeneigter, aber mit schlagkräftigen Argumenten und einem wachen Verstand gesegneter Muskelberg. Schon nach kurzer Zeit werden Meister Hippolit und Jorge nicht nur zu einem eingespielten Team, sondern auch zu guten Freunden.

Das IAIT wird eingeschaltet, als im zwielichtigen Viertel "Foggats Pfuhl" innerhalb kurzer Zeit fünf elbische Prostituierte ermordet werden. Normalerweise würde sich niemand für den Tod der Lustknaben interessieren, denn das einst stolze Elbenvolk führt nur noch ein Schattendasein und hat keine Fürsprecher. Doch die Leichen sind völlig blutleer, so dass der Verdacht sofort auf die Vampyre fällt - und denen ist es seit noch nicht allzu lange zurückliegenden blutigen Unruhen unter Androhung schrecklicher Strafen verboten, menschliches (oder elbisches) Blut zu konsumieren. Das IAIT muss unter Zeitdruck arbeiten, weil sich jederzeit weitere Morde ereignen können, vor allem aber, weil sich die aufgeheizte Stimmung der Bevölkerung Nophelets in neuen Massakern zu entladen droht. Hippolit und Jorge werden auf den Fall angesetzt. Hippolit stellt schon bald fest, dass nur ein hochrangiger Thaumaturg als Mörder in Betracht kommt, und Jorge erfährt, dass möglicherweise ein Mitglied des Königshauses in die Sache verwickelt ist. Zu allem Überfluss pfuscht auch noch General Glaxiko den beiden Ermittlern ins Handwerk...

Lieber Leser! Verschwende deine Zeit nicht mit dem folgenden Text. Geh lieber in den nächsten Buchladen und kauf diesen Roman!

Wie, du bist immer noch da? Na dann...

Jens Lossau und Jens Schumacher schreiben seit vielen Jahren Storys und Romane, die man dem Genre der Phantastik zurechnen kann, aber "Der Elbenschlächter" ist ihr erster Fantasy-Roman. Von 2002 bis 2007 haben sie vier Romane mit dem Ermittlerduo Frank Passfeller und Tillmann Grosch veröffentlicht. Passfeller und Grosch sind Beamte der BKA-Sonderkommission 66 und werden immer dann hinzugezogen, wenn irgendwo in Deutschland Delikte mit okkultem Hintergrund oder unerklärlichen Begleiterscheinungen bekannt werden. Am Ende stellt sich immer heraus, dass die Kriminalfälle keineswegs übernatürlich, sondern ganz logisch zu erklären sind. Passfeller ist ein Kopfmensch, bleibt in den Romanen aber meist blass. Grosch ist ein fetter Vielfraß mit merkwürdigen Gewohnheiten. Das größte Manko all dieser Romane besteht darin, dass Passfeller und Grosch eigentlich gar nichts zur Lösung der Fälle beitragen, und dass darüber hinaus nicht erkennbar ist, wodurch sie sich für die Arbeit in der SK 66 qualifizieren. Ich hatte immer den Eindruck, dass Lossau und Schumacher einfach ein möglichst skurriles Kumpelpärchen erschaffen wollten, wobei aber die Glaubwürdigkeit auf der Strecke blieb. Zudem ist die Auflösung ihrer Fälle selten überzeugend.

Die Lösung für all diese Probleme: Man verlagere das Geschehen in eine Fantasywelt, in der zunächst einmal sowieso alles möglich ist und bei der man als Leser gern jede noch so verrückte Erklärung akzeptiert. Dann verwandle man die beiden Kommissare in einen Magier bzw. einen Troll - was ihrem Charakter genau entspricht! Diesen Kunstgriff kann man nur als genial bezeichnen. Plötzlich ergeben Groschs (Pardon: Jorges) absonderliche Vorlieben einen Sinn, denn von Trollen erwartet man ja nun einmal nichts anderes, als dass sie sich lieber mit gebratenen Krügerschweinen und dergleichen vollstopfen, als Dienstvorschriften zu büffeln. Glücklicherweise belassen es die Autoren aber nicht dabei. Jorge ist nicht einfach nur dummstark. Er beteiligt sich auf seine Weise durchaus an der Lösung des Falles, wenn die Hauptarbeit auch bei Meister Hippolit verbleibt. Wie eine Mischung aus Sherlock Holmes und den heute so beliebten CSI-Forensikern setzt er seine Kombinationsgabe, aber vor allem seine magischen Fähigkeiten ein, um dem Elbenschlächter auf die Spur zu kommen. Im Gegensatz zu Passfeller und Grosch werden Hippolit und Jorge sinnvoll eingesetzt, sie sind nicht nur witziges Beiwerk, sondern werden wirklich gebraucht. Trotz ihrer Gegensätzlichkeit passen sie perfekt zusammen und wachsen dem Leser sofort ans Herz.

Die Schwächen früherer Romane sind ausgeräumt, ihre Stärken bleiben erhalten. Der Roman sprüht nur so vor skurrilen Charakteren, teils recht schwarzem Humor, verblüffenden Ideen, verdrehten Situationen und köstlichen Formulierungen. Wie man es von Lossau/Schumacher nicht anders kennt, sind sie bei der Gewaltdarstellung nicht zimperlich. Das passt aber stets zum Kontext und wirkt nicht selbstzweckhaft. Die Autoren schrecken zwar vor Zoten und Kalauern nicht zurück, aber ich würde sagen, dass die Komik doch auf intelligentere Weise erzielt wird als in ihren älteren Romanen. Dass sich Hippolit und Jorge in Wahrheit mitten in der Geschichte von Jack the Ripper befinden, tut der Originalität keinen Abbruch. Der Kriminalfall wird trotzdem interessant ausgearbeitet und der Leser wird auf ein paar falsche Fährten geführt, so dass neben den Charakteren auch die Story überzeugen kann. Wenn ich auch zugeben muss, dass die Auflösung ab einem bestimmten Zeitpunkt vorhersehbar ist. Übrigens muss man natürlich keinen einzigen Passfeller/Grosch-Roman gelesen haben, um "Der Elbenschlächter" genießen zu können.

Für die von Lossau und Schumacher neu erschaffene detailreiche Fantasywelt gilt das natürlich ebenfalls! Hier hat man es nicht mit edlen Magiern und ehrenwerten Helden zu tun, die sich durch klinisch reine Kulissen bewegen. Nein, Nophelet ist dreckig und stinkt, die Ärmsten der Armen (gettoisierte Vampyre und heruntergekommene Elben) werden unterdrückt und vegetieren unter erbärmlichen Verhältnissen dahin, während die Reichen auf ihre Kosten in Saus und Braus leben. Kriminalität, Korruption, Prostitution, Drogenproblematik usw. - all das klingt an, wird aber nicht übertrieben eingesetzt. Zwar fühlt man sich ein bisschen an Ankh-Morpork (aus Terry Pratchetts "Discworld") oder an Sapkowskis Hexer-Romane erinnert, vielleicht klingen auch Ideen aus Max Freis Echo-Labyrinth an. Aber sollten Lossau und Schumacher geklaut haben (sagen wir lieber: Sie haben sich inspirieren lassen), dann ist das Ergebnis doch eigenständig genug. Dass so manches Fantasy-Klischee bei Lossau und Schumacher gehörig gegen den Strich gebürstet wird, trägt nicht unerheblich zum Lesevergnügen bei.

"Der Elbenschlächter" ist bunte Fantasy und spannender Krimi zugleich. Herrlich! Bei Batardos! (23.08.2010)


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413
Der Schwalbenturm Andrzej Sapkowski: Der Schwalbenturm
dtv, 2010
543 Seiten

Emhyr var Emreis, Kaiser von Nilfgaard, wird demnächst Cirilla von Cintra heiraten. So lautet jedenfalls die offizielle Version. In Wahrheit ist die angehende Braut irgendeine Unbekannte, die als Thronerbin Cintras ausgegeben wird. Als die echte Ciri von den Hochzeitsplänen erfährt, verlässt sie die Rattenbande, um ihre Ansprüche geltend zu machen. Sie fällt jedoch dem sadistischen Kopfjäger Leo Bonhart in die Hände, der all ihre ehemaligen Gefährten niedermetzelt und Ciri im Schwertkampf besiegt. Er tötet sie nicht, denn er erkennt, dass sie etwas Besonderes sein muss. Er bringt sie nach Claremont und zwingt sie zu Arenakämpfen auf Leben und Tod. Später will er sie dem abtrünnigen nilfgaarder Geheimagenten Stefan Skellen ausliefern. In dessen Gefolge befindet sich eine Empathin, die in Ciris Gedanken einzudringen versucht und damit unabsichtlich die verschütteten magischen Kräfte des jungen Mädchens weckt. Ciri kann fliehen, wird aber von Skellen schwer verwundet. Sie findet Zuflucht bei dem alten Gelehrten Vysogota, der als Einsiedler in den Sümpfen von Pereplut lebt. Er pflegt sie gesund, doch sie behält eine entstellende Narbe im Gesicht zurück. Während ihrer Genesung erzählt sie ihm ihre Lebensgeschichte. Sie erfährt, dass es im Schwalbenturm am Ufer des Sees Tarn Mira einen Teleport gibt, durch den sie auf die Insel Thanedd gelangen könnte. Dort wäre sie vor all ihren Verfolgern sicher. Unterwegs dorthin muss sie sich erneut Skellen und Bonhart stellen, die die Jagd auf sie noch nicht aufgegeben haben. Ciri hat nichts dagegen, denn sie will Rache...

Geralt und seine Gefährten sind derweil immer noch auf der Suche nach Ciri. Immer wieder werden sie in den Krieg zwischen Nilfgaard und den nördlichen Königreichen hineingezogen und müssen sich gegen Wegelagerer zur Wehr setzen, die erstaunlich genau über ihre Absichten informiert sind - so genau, dass Geralt einen seiner Gefährten des Verrats verdächtigt. In der jungen Cintrierin Angouleme, die er vor dem Schafott bewahrt, findet Geralt eine neue Gefährtin. Mit ihrer Hilfe kann er sich seiner Feinde zwar erfolgreich entledigen, verliert dabei aber sein Hexer-Medaillon. Schließlich begegnet er dem Elfen Avallac'h und erfährt von ihm mehr über Itlinnes Prophezeiung und Ciris vorhergesagtes Schicksal. Dem zufolge ist Ciri ein Abkömmling der Elfin Lara Dorren, deren Nachkommenschaft über Jahrhunderte hinweg Gegenstand eines Zuchtprogramms der Elfen war, dann aber sich selbst überlassen worden ist. In Ciri schlummert das Ältere Blut, und sie wird beim nahenden Tedd Deireath, dem Ende der Welt, eine wichtige Rolle zu spielen haben.

Auch Yennefer versucht verzweifelt, zu Ciri zu gelangen. Sie ist Philippa Eilhart und der Loge der Zauberinnen entkommen und zu den Skellige-Inseln geflohen. Dort versichert sie sich der Hilfe des Königs Crach an Craite, der Ciri zur Treue verpflichtet ist. Yennefer muss verhindern, dass Ciri dem mächtigen Magier Vilgefortz von Roggeveen in die Hände fällt, der sich das Ältere Blut zu Nutze machen will, um unbegrenzte Macht zu gewinnen. Sie begreift, dass sie sich selbst opfern muss, um Vilgefortz von Ciri abzulenken. Sie ahnt nicht, dass sie genau damit seine Pläne erfüllt...

Dies ist der vierte Roman der Hexer-Reihe, zu der auch zwei Kurzgeschichtenbände gehören. Meine Reviews setze ich als bekannt voraus. Wer noch keines dieser Bücher gelesen hat, sollte nicht erst mit "Der Schwalbenturm" anfangen, denn die Romane der Hexer-Reihe können nicht isoliert voneinander gelesen werden. Sie bilden eine einzige, zusammengehörende Geschichte. Mit "Der Schwalbenturm" werden die Geschehnisse des vorherigen Romans unmittelbar fortgesetzt. Solltet ihr in die Hexer-Saga einsteigen wollen, dann müsst ihr mit Der letzte Wunsch beginnen.

Doch selbst wenn man alle Kurzgeschichten und Romane gelesen hat, ist es gar nicht so leicht, der komplexen Handlung zu folgen. Sapkowski teilt die Story nicht nur, wie man nach obiger Kurzzusammenfassung meinen könnte, in drei Hauptebenen auf, sondern flicht unzählige Nebenhandlungen, Abweichungen, Ergänzungen, ineinander verschachtelte Rückblicke und sogar zwei Ausblicke auf die Zukunft ein. Der Roman wird somit aus vielen verschiedenen Blickwinkeln erzählt - und dabei steht Geralt gar nicht mal im Mittelpunkt. Hauptperson ist eigentlich Ciri. Das finde ich schade, denn sie ist zwar ebenfalls eine faszinierende Persönlichkeit, aber sie kann Geralt doch nicht das Wasser reichen. Ich hätte lieber mehr über ihn und die bunt gemischte Gruppe seiner Gefährten gelesen, die immer wieder für amüsante Konstellationen gut sind. Geralt erreicht denn auch nicht viel in diesem Roman. Seine Gruppe wächst zwar um ein weiteres interessantes Mitglied an (Angouleme), aber er kommt seinem Ziel nicht wirklich näher.

Neben den handfesten Abenteuern, die Geralt, Ciri und Yennefer erleben, wird uns wieder ein gerüttelt Maß an "weltpolitischen Ereignissen" um die Ohren geworfen, dass die Namen, Ortsbezeichnungen und Daten nur so durcheinander schwirren. Man muss schon genau aufpassen, um bei den ganzen Intrigenspielen, Spionage- und Gegenspionage-Aktionen, Feldzügen, Bündnissen usw. noch mitzukommen. Mehr und mehr ist abzusehen, dass die Hexer-Saga kein glückliches Ende nehmen wird. Ciri muss ja jetzt schon Dinge erdulden, an denen gestandene Männer zerbrechen würden - was wird dadurch wohl bei ihr angerichtet? Immerhin schafft sie es am Ende gerade noch so eben, sich aus ihrem Rachewahn zu lösen. Yennefer fällt Vilgefortz in die Hände und sieht einem ungewissen Schicksal voller Qualen entgegen. Geralt erkennt, dass er eigentlich kein Hexer mehr ist. Und überall mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Prophezeiung vom Ende der Welt sich bald erfüllen wird. Im nächsten Roman, der den Abschluss der Hexer-Saga bildet, wird es also entweder ein ziemlich tragisches Ende geben - oder eine überraschende Wendung zum Guten, die ich mir momentan noch nicht vorstellen kann...

Sapkowskis Formulierkunst, sein Wortwitz, die pfiffigen Dialoge und vielen Anspielungen (Sapkowski bedient sich gern bei allen möglichen alten Sagen und modernen Mythen) machen auch diesen Roman wieder zu einem einzigen Lesegenuss. Bei ihm agieren keine austauschbaren Klischeebilder, sondern authentische Personen, bei denen eine klare Einteilung in Gut und Böse meist nicht möglich ist. Die Charakterzeichnung gelingt dem Autor ohne langes Geschwafel, wobei er natürlich von der Tatsache profitieren kann, dass der Leser die Hauptfiguren schon sehr gut kennt. Obwohl Fabelwesen, Magie und dergleichen darin vorkommen, ist das Hexer-Universum doch ungemein realistisch, was durch die explizite, aber nicht beschönigend oder verherrlichend wirkende Gewaltdarstellung noch unterstrichen wird. Sapkowskis Fantasy ist originell, lebendig, rasant, humorvoll, verzwickt, manchmal poetisch und immer ungemein fesselnd. Ich kann nicht genug davon kriegen! (16.08.2010)


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412
Der Fisch Ulrich Magin: Der Fisch
Aufbau-Verlag, 2008
378 Seiten

Carl Ghuimin ist Limnologe am Institut zur Erforschung des Bodensees. Seine Aufgabe besteht darin, die stetige Erwärmung des Gewässers zu analysieren, außerdem hat er es sich zum Ziel gesetzt, Belege für vorzeitliche Tsunamis im See zu finden. Bei seiner Arbeit stößt er auf Lebewesen, die es im Bodensee eigentlich gar nicht geben dürfte. Zur selben Zeit häufen sich in der Region die Meldungen über riesige Fische. Als mehrere Menschen spurlos im See verschwinden, und als ein Ausflugsschiff scheinbar von einem Riesenfisch angegriffen wird, steht für Anwohner und Touristen fest: Es muss ein Ungeheuer im See leben! Rebekka Butsch, als Reporterin bei einer Lokalzeitung beschäftigt, beginnt zu recherchieren. Dabei begegnet sie Carl. Die beiden verlieben sich ineinander und versuchen nun gemeinsam, dem Geheimnis des Riesenfischs auf den Grund zu gehen.

Sie ahnen nicht, dass sie dadurch dem Militär ins Handwerk pfuschen. Die Bundeswehr nutzt das Institut schon seit geraumer Zeit zur Beobachtung der Vorgänge im Bodensee. Man hat Mikrobeben gemessen, die darauf hindeuten, dass dort unterseeische Bauarbeiten stattfinden. Außerdem werden neuerdings alle im See installierten Beobachtungskameras zerstört. Ist eine feindliche Macht dabei, unterirdische Tunnelsysteme zu konstruieren? Oder versucht jemand, den See zu vergrößern? Aber welchen Sinn sollte das haben? Das sind die Fragen, die sich dem verantwortlichen General Bilderberger stellen. In Carl findet er schon bald nicht nur einen geeigneten Sündenbock, um das Interesse der Öffentlichkeit abzulenken, sondern auch ein unfreiwilliges Versuchskaninchen für Erkundungsfahrten, die für seine Soldaten zu gefährlich wären...

Dieser Roman bewegt sich hart an der Grenze zur Ungenießbarkeit. Das fängt schon damit an, dass die Handlung wahllos hin und her springt: Ständig werden kurze Abschnitte mit irgendwelchen Personen eingebaut, die aus dem Nichts kommen und sofort entweder von den "Boddys" (den Bodensee-Monstern) gefressen werden oder ihnen knapp entrinnen, woraufhin sie keine Rolle mehr spielen. Noch öfter werden Kapitel mit angeblich realen Monster-Sichtungen aus vergangenen Jahrhunderten und anderen historischen Belegen für ungewöhnliche Vorkommnisse am und im Bodensee eingeschoben. Diese Einschübe sollen der ins Reich der Phantastik gehörenden Story wohl einen Hauch von Realismus verleihen, aber der Autor wirft einfach alles Mögliche in einen Topf, ohne irgendetwas zu hinterfragen. Die Einschübe sorgen zusammen mit den anderen wilden Handlungssprüngen nur dafür, dass jegliche Spannung (falls etwas ähnliches je aufkeimt) sofort wieder zerstört wird. Das Ergebnis ist ein wirres, zerfahrenes Konglomerat nicht zusammenpassender Elemente. Man hätte die historischen Belege lieber aus dem Roman herausnehmen und als Anhang beifügen sollen.

Darüber hinaus ist die ganze Schreibe derart unbeholfen und holprig, dass es oft wirklich weh tut. Die Hauptpersonen werden sehr stiefmütterlich behandelt. Sie bleiben platt und blass, reagieren unmotiviert, und wenn sie sterben oder zumindest in Gefahr geraten, lässt das den Leser weitgehend kalt. Den Gipfel der Peinlichkeit bildet erwartungsgemäß die unglaublich bemüht wirkende Liebesgeschichte, aber auch die Machenschaften der Bundeswehr stoßen übel auf. Mit Realismus hat das, was General Bilderberger & Co. da treiben, jedenfalls nicht das allergeringste zu tun. Das ist Trivialliteratur-Niveau der schlimmsten Sorte. Die Grundidee - gefährliche Veränderungen in einem Ökosystem aufgrund des Eingreifens der Menschen - wäre zwar, wenn schon nicht neu, so doch wenigstens nicht uninteressant, aber das Ergebnis ist banal und langweilig. (09.08.2010)


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411
So finster die Nacht John Ajvide Lindqvist: So finster die Nacht
Bastei Lübbe, 2007
639 Seiten

Der zwölfjährige Oskar lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter in Blackeberg, einem Vorort von Stockholm. Sein Vater, den Oskar nur selten besuchen darf, hat ein Alkoholproblem und lebt auf dem Land. Oskar wird von einigen Schulkameraden systematisch gedemütigt und gequält, hat sich längst mit der Rolle des Außenseiters abgefunden, kann mit niemandem über seine Probleme sprechen und denkt nicht mehr an Gegenwehr. Nur in seiner Phantasie nimmt er schreckliche Rache an seinen Peinigern. Er sammelt Zeitungsausschnitte, in denen über Morde und Gewalttaten berichtet wird und verbringt seine Freizeit ansonsten mit Tagträumen, Fernsehen und kleinen Ladendiebstählen.

Im Oktober 1981 ziehen neue Mieter in die benachbarte Wohnung. Dort bleiben die Fenster immer verhängt, es gibt kein Namensschild an der Tür und niemand weiß, wer die Mieter eigentlich sind. Eines Abends spielt Oskar nach Einbruch der Dunkelheit noch draußen und begegnet dabei einem Mädchen in seinem Alter. Sie nennt sich Eli und stellt sich als seine Nachbarin vor. Oskar ist fasziniert von Eli, obwohl (oder weil) sie sich etwas seltsam verhält. Eli scheint nicht zur Schule zu gehen und zeigt sich niemals am Tag. Die beiden freunden sich allmählich an, und durch Eli gewinnt Oskar mit der Zeit den Mut, sich gegen die endlose Schikane in der Schule aufzulehnen. Doch damit stachelt er den Hass seiner Feinde erst recht an.

In dieser Zeit sorgen grausame Ritualmorde in der Umgebung Stockholms für Aufsehen. Der Täter schlachtet seine Opfer regelrecht und hängt sie an den Füßen auf, damit sie ausbluten - aber an den Tatorten ist keine Spur von Blut zu finden. Oskar ahnt nicht, dass der Täter, ein ehemaliger Lehrer namens Hakan Bengtsson, Tür an Tür mit ihm lebt. Hakan ist nicht etwa Elis Vater, tatsächlich ist er wesentlich jünger als das vermeintliche Mädchen. Eli ist ein über 200 Jahre alter Vampir, der sich nach einer langen Ruhephase noch nicht selbst versorgen kann und einen Beschützer braucht. Hakan ist pädophil und begehrt seinen Schützling ebenso sehr, wie er die Taten verabscheut, die er begehen muss, um Elis Leben zu erhalten. Eines Tages schlägt ein weiterer Mordversuch Hakans fehl. Er wird festgenommen, doch zuvor gelingt es ihm noch, sein Gesicht mit Säure so zu entstellen, dass seine Identität zunächst nicht bekannt wird. Eli ist somit auf sich selbst angewiesen. Schließlich klärt sie Oskar, ihren einzigen Freund, über die Wahrheit auf...

Ich kann unmöglich weitere Details der Handlung preisgeben, ohne zuviel zu verraten und euch den Spaß an diesem Buch zu rauben. Dass Eli ein Vampir ist, ist kein so großes Geheimnis; es wird im Roman schon früh enthüllt. "So finster die Nacht" ist jedoch kein "klassischer" Vampir- oder Horror-Roman. Schließlich stehen nicht so sehr der Vampir und seine Taten im Mittelpunkt, sondern der zwölfjährige Oskar, sein Martyrium in der Schule, seine aussichtslose Situation und sein Leben in der gesichtslosen Vorstadt. Er ist auf dem besten Wege, zu einem jugendlichen Gewalttäter wie der etwas ältere Tommy bzw. zu einem sinnlos dahinvegetierenden Trinker wie Lacke zu werden. Diese beiden sind die Hauptfiguren von Nebenhandlungen, die zunächst scheinbar nichts mit Oskar und Eli zu tun haben. Sie verdeutlichen jedoch die Trostlosigkeit des Lebens in Blackeberg und erweisen sich schließlich als unverzichtbar für das Ende des Romans. Für Eli ist das Töten von Menschen ein zwar bedauerlicher, aber unvermeidlicher Bestandteil der Existenz - entsprechend beiläufig werden die Raubzüge geschildert. Die Jagd des Vampirs und die Angst der Opfer werden nicht so ausgearbeitet, wie es in einem Horror-Roman der Fall wäre, auf Effekthascherei wird weitgehend verzichtet. Allerdings schreckt der Autor auch nicht davor zurück, Abschnitte mit ziemlich derben Gewaltdarstellungen einzubauen.

Außerdem kommt der Roman weitgehend ohne Vampir-Romantik, Mystizismus und übernatürliche Elemente aus. Eli ist kein Monster - jedenfalls empfindet der Leser weit mehr Sympathie für den Vampir als für die stumpfen Bewohner Blackebergs oder für Oskars Mitschüler. Stattdessen wurde ein viel realistischerer Ansatz gewählt. Der Vampirismus scheint eine Art Infektion zu sein, durch den sich die Organe des Betroffenen verändern. So können der Blutdurst und die besonders schlimme Lichtallergie erklärt werden. Die Vampire sind nicht tot, ihr Herzschlag ist nur extrem verlangsamt, wenn sie tagsüber ruhen. Die relative Unsterblichkeit der Vampire, Elis Fähigkeit, sich Krallen und Flügel wachsen zu lassen, sowie ihre enormen Körper- und Selbstheilungskräfte sind schon schwerer zu akzeptieren. Warum Vampire erst eingeladen werden müssen, bevor sie eine Wohnung betreten können, bleibt zwar unklar, aber so erklärt sich der vermutlich allegorisch gemeinte Originaltitel des Romans ("Lass den Richtigen ein"), der darauf anspielt, wie schwierig es ist, sich für einen anderen Menschen zu öffnen.

Die Pädophilie Hakans, der trotz seines Alters irgendwie kindlich gebliebene, einsame Vampir, die ganz besondere, sich langsam entwickelnde echte Freundschaft Elis und Oskars, die schmerzhafte innere Wandlung, die mit Oskar vorgeht und die bittere Realität des Lebens in der seelenlosen städtischen Tristesse - das sind die Bestandteile einer sehr ungewöhnlichen, eindrucksvollen und spannenden Story. Der Roman wurde übrigens kongenial verfilmt, allerdings fehlen in der Verfilmung manche Nebenhandlungen und Elis Vorgeschichte. Im Roman stirbt Hakan übrigens keineswegs so schnell wie im Film - ganz im Gegenteil: Er bleibt bis zum Schluss lebendig. Jedenfalls mehr oder weniger... (02.08.2010)


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410
Ich trink Ouzo, was trinkst du so? Stella Bettermann: Ich trink Ouzo, was trinkst du so?
Bastei Lübbe, 2010
205 Seiten

Die Journalistin und Autorin Stella Bettermann hat eine griechische Mutter und einen deutschen Vater. Sie ist in München aufgewachsen, aber Griechenland war (ist?) ihre zweite Heimat. Ihre Erlebnisse als Halbgriechin in Deutschland und bei den vielen Reisen mit Eltern und Bruder nach Griechenland, zu Yiayia und Pappous (Oma und Opa) in Athen, beschreibt sie mit viel Humor in diesem köstlichen Buch. Dabei werden die "typisch griechischen" Eigenheiten der riesigen Verwandtschaft anschaulich und augenzwinkernd vorgestellt. Die Autorin lässt sich nie auf das Niveau des durch-den-Kakao-ziehens herab; das Buch ist zwar amüsant, aber nicht auf "Witzigkeit" getrimmt. Stella Bettermanns Mutter, die trotz fast völliger Erblindung rüstige und reiselustige Yiayia und der unter chronischer Seekrankheit leidende Pappous sind (neben der Autorin selbst natürlich) die Hauptfiguren im ersten Teil des Buches. Die Reisen nach Griechenland waren beschwerlich, denn man fuhr mit dem Auto quer durch den ganzen Balkan. Endlich angekommen, mussten die Kinder die übertriebene Fürsorglichkeit der Verwandtschaft ertragen. "Min trechis", hieß es da immer ("renn nicht"), denn griechische Kinder sollten immer adrett und proper aussehen, "iss, iss!" wurde gedrängt, wenn der übervolle Teller einfach nicht leer werden wollte. Da wurde dann schon mal das eine oder andere Käsebrot heimlich verbuddelt.

Im zweiten Teil stehen der Bruder und die beste Freundin im Mittelpunkt. Die Kinder werden zu jungen Erwachsenen und machen sich allmählich selbständig, was zu gewissen Konflikten mit den althergebrachten Moralvorstellungen der Altvorderen führt. Die emanzipierten Mädchen wagen den Einmarsch in eine unantastbare griechische Männerdomäne: Das Kafenion. Sie müssen sich der aufdringlichen Annäherungsversuche jener griechischen Möchtegern-Casanovas erwehren, die mit dem Begriff "Kamaki" (= Harpune) treffend charakterisiert sind.

Die Autorin erzählt mit leichter Feder und lässt immer wieder geniale Lautmalereien einfließen. Zur Mittagszeit erklingt der Ruf "Kiiiender! Ääähsen!" in der Münchner Neubausiedlung, Klein-Stella ist zwar griechisch-orthodox, darf aber am katholischen Religionsunterricht teilnehmen, damit das Außenseitergefühl ihr nicht das "Chärz bricht", und Mutter sorgt sich, weil auf dem Spielplatz alles voller "Baktärien" ist. Herrlich.

Wer Griechenland mag und die Griechen ein bisschen näher kennen gelernt hat, der wird dieses Buch lieben und viele Details wiedererkennen. Natürlich könnte man einwenden, das Buch enthalte kaum mehr als leicht zusammenhanglose Familienanekdoten und nostalgisch verklärte Kindheitserinnerungen. Dennoch ist es eine wunderbare Liebeserklärung an Griechenland und vermittelt schöne Einblicke in die überlebensgroße griechische Seele sowie ins Alltags- / Familienleben jenseits touristischer Postkartenidyllen. Vom albernen Titel des Buches darf man sich nicht abschrecken lassen. (29.07.2010)

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409
Irgendwo ganz anders Jasper Fforde: Irgendwo ganz anders
dtv, 2009
415 Seiten

Das Special Operations Network wurde aufgelöst. Thursday Next arbeitet seitdem als Verkäuferin in einer Swindoner Firma, die Bodenbeläge verkauft, wobei sie ihre Popularität nutzt, die seit der Veröffentlichung ihrer Abenteuer in Romanform stark angestiegen ist. Ihre größte Herausforderung besteht somit darin, ihre Kinder unter Kontrolle zu bekommen: Den heftig pubertierenden Friday, die hyperintelligente Tuesday und Jenny, die irgendwie nie da zu sein scheint. So lautet jedenfalls die offizielle Version. In Wahrheit ist Thursday nach wie vor LiteraturAgentin, denn SpecOps-27 nutzt die Teppichfirma nur als Tarnung und ist noch aktiv - mehr oder weniger illegal. Wegen chronischen Geldmangels sowohl der LiteraturAgenten als auch der Teppichfirma betätigt sich Thursday außerdem als Käseschmugglerin - und natürlich ist sie immer noch regelmäßig für JurisFiction in der BuchWelt unterwegs. Dort greift die Sorge wegen ständig fallender Leserzahlen immer mehr um sich. Der GattungsRat ist deshalb schon auf die Idee gekommen, die Handlung von "Stolz und Vorurteil" komplett umzuwerfen, damit daraus ein interaktives Buch nach dem Vorbild moderner Castingshows gemacht werden kann. Bevor sie sich dieses Problems annehmen kann, muss Thursday jedoch zwei grundverschiedene fiktive Ausgaben von sich selbst beurteilen, die aus "ihren" Romanen stammen und bei JurisFiction aufgenommen werden wollen. Sie weiß nicht, welche Ausgabe schlimmer ist: Die aggressiv-überhebliche Thursday aus den ersten vier Romanen, in denen Sex und Action dominieren, oder die naive und auf Harmonie bedachte Thursday aus Roman Nr. 5, der bewusst ganz anders angelegt wurde und prompt gefloppt ist.

All das verschweigt sie seit 14 Jahren ihrem ent-nichteten Ehemann Landen, doch die Schwierigkeiten, mit denen sie sich herumschlagen muss, greifen bald auf ihr Privatleben über. So ist es unbedingt erforderlich, dass Friday der ChronoGarde beitritt, denn nur er kann verhindern, dass sich die Zeitlinie praktisch von hinten aufrollt und verschwindet. Im Gegensatz zu den potentiellen Versionen seiner selbst, die immer wieder bei Thursday auftauchen, ist der echte Friday aber nur daran interessiert, den ganzen Tag im Bett herumzulungern und Musik zu hören. Außerdem heftet sich ein tot geglaubter Killer wieder auf Thursdays Fersen, die Goliath Corporation unternimmt neue Versuche, in die BuchWelt vorzudringen, und zu guter Letzt begegnet Thursday auch noch ihrem längst verstorbenen Onkel Mycroft, der ihr etwas enorm wichtiges mitzuteilen hätte, wenn ihr denn nur die richtige Frage einfiele. Während Thursday mit ihren beiden Auszubildenden in der BuchWelt unterwegs ist und alle Hände voll damit zu tun hat, den von ihnen angerichteten Schaden wieder zu beheben, muss sie feststellen, dass sie selbst ihr gefährlichster Gegner ist...

Seit Es ist was faul, dem vierten Band der Thursday-Next-Reihe, sind zwar 14 Handlungsjahre vergangen, und sowohl in Thursdays Universum (das sich in vielen Punkten von unserer Realität unterscheidet) als auch in der BuchWelt hat sich einiges geändert, dennoch schließt Band 5 relativ nahtlos an die bisherigen Geschehnisse an. Man versteht jedenfalls oft nur Bahnhof, wenn man die Bände 1 bis 4 nicht gelesen hat. Ein paar Erläuterungen und kurze Rückblicke sollen dem Neuleser das Verständnis erleichtern, aber das reicht nicht. Wer Thursdays Abenteuer nicht von Anfang an verfolgt hat, für den werden die meisten Hauptpersonen eher gesichtslos bleiben. Und obwohl fast alle Handlungsstränge zu einem befriedigenden Abschluss gebracht werden, so endet Band 5 doch mit einem Cliffhanger - Band 6 soll im Jahre 2011 erscheinen. Schlechte Nachrichten also für alle, die einfach mal schnell bei Thursday Next reinschnuppern wollten, ohne die ganze Serie zu lesen. Das geht nicht, ihr müsst schon bei Band 1 einsteigen. Aber so schlimm ist das ja nicht, schließlich sind die älteren Romane erstklassige Unterhaltung.

Das gilt auch für Band 5. Der Reiz des Neuen ist natürlich längst verflogen. Bei der Lektüre von Band 1 (Der Fall Jane Eyre) bin ich aus dem Staunen ob der phantasievoll und detailreich, dabei aber nie weitschweifig beschriebenen Parallelwelt gar nicht mehr herausgekommen. In den Folgeromanen wurde das Ganze dann praktisch nur noch als Kulisse für die immer neuen Probleme der LiteraturArgenten und JurisFiction-Mitglieder benutzt, wobei man die Einführung der BuchWelt, also einer Parallelwelt-in-der-Parallelwelt, in der erst recht alles möglich ist, aber als genialen Kunstgriff bezeichnen kann. Ganz neue Ideen finden sich in Band 5 kaum noch, stattdessen wird Bekanntes weiter ausgebaut. Das geschieht aber wieder auf so humorvolle, vor Fabulierlust und Wortwitz sprühende Art und Weise, dass man den Roman gar nicht wieder aus der Hand legen möchte. Vor allem bleibt Thursdays phantastisches Universum nach wie vor trotz all der verrückten Ideen in sich schlüssig. Fforde geizt nicht mit aktueller Gesellschaftskritik, verpackt diese aber stets humorvoll. Game- und Castingshows kriegen ihr Fett ebenso weg wie die Kirche und die Regierung.

Der Roman steckt voller literarischer Anspielungen, und erneut ist dies auch schon das größte Problem, das man als nicht-britischer Leser hat: Man müsste sich mit der englischsprachigen Literatur und der britischen Gesellschaft sehr gut auskennen, um alles richtig würdigen zu können. Mein tief empfundenes Mitgefühl gilt den Übersetzern...

Fazit: Für Neueinsteiger ungeeignet, für Thursday-Fans ein Muss. (26.07.2010)


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408
Darkness Douglas Preston / Lincoln Child: Darkness
Knaur, 2009
499 Seiten

Special Agent Pendergast und sein Mündel Constance Greene ziehen sich in das tibetische Kloster Gsalrig Chongg zurück, um nach dem schrecklichen Kampf gegen Pendergasts wahnsinnigen Bruder Diogenes wieder zu sich selbst zu finden. Sie werden freundlich aufgenommen. Constance erlernt dort verschiedene Meditationstechniken, doch für Pendergast ist die Ruhe bald vorbei, denn die Mönche bitten ihn um Hilfe. Das Kloster ist der Okkupation und Vernichtung durch die chinesischen Invasoren seinerzeit aufgrund seiner versteckten Lage in der unzugänglichen Bergwelt Tibets entgangen. Es birgt ein Geheimnis, das bisher niemandem außer den dort lebenden Mönchen bekannt war und nun auch Pendergast enthüllt wird. Das Kloster umschließt ein noch älteres Heiligtum, in dem eine uralte Reliquie aufbewahrt wird. Dieser heilige Gegenstand, das Agozyen, ist gestohlen worden. Die Identität des Diebes ist den Mönchen bekannt. Allerdings wissen die Mönche nicht, wie das Agozyen aussieht, da es sich in einem verschlossenen Behälter befindet, der nie geöffnet wurde. Das eigentliche Problem besteht darin, dass es sich bei dem Agozyen um etwas handelt, das in den falschen Händen zu einer schrecklichen Waffe werden und die gesamte Menschheit vernichten könnte. Es muss deshalb so schnell wie möglich ins Kloster zurückgebracht werden.

Es fällt Pendergast nicht schwer, dem Dieb bis nach London zu folgen, aber er kommt zu spät. Der Dieb wollte das Agozyen verkaufen und wurde von seinem Kunden bestialisch ermordet. Als Pendergast am Tatort eintrifft, ist das Agozyen verschwunden. Es gibt jedoch eine neue Spur. Der Mörder muss sich mit seiner Beute auf der Britannia befinden, dem größten und modernsten Passagierschiff der Welt, dessen erste Fahrt nach New York unmittelbar bevorsteht. Pendergast und Constance machen die Jungfernfahrt des Luxusliners mit. Zwar befinden sich über 4000 Passagiere und Besatzungsmitglieder an Bord, aber es gelingt Pendergast schnell, den Kreis der Verdächtigen auf wenige Personen einzuengen. Doch die Jagd auf den Mörder erweist sich schon bald als geringstes Problem. Auf der Britannia verschwinden mehrere Passagiere. Als der Täter seine Opfer nicht mehr nur im Meer entsorgt, sondern ihre grausig zugerichteten Leichen auf bizarre Weise zur Schau stellt, und als sich immer mehr Menschen von einem dämonischen Wesen verfolgt fühlen, droht Panik auszubrechen. Die wenigen Sicherheitskräfte sind hoffnungslos überfordert, und Kapitän Cutter weigert sich, den nächsten Hafen anzusteuern, weil er völlig darauf fixiert ist, den Rekord für die Ozeanüberquerung einzustellen.

Trotz all dieser Widrigkeiten hat Pendergast schließlich Erfolg. Er findet das Versteck des Agozyen und kann einen Blick auf die Reliquie werfen. Doch dadurch gerät er selbst in den Bann einer zerstörerischen Macht, deren Ziel in der Vernichtung der Britannia zu bestehen scheint...

Dies war meine vierte Urlaubslektüre im Sommer 2010.

Special Agent Pendergast ist die Hauptfigur zahlreicher Romane des Autorenduos Preston/Child. In "Darkness" wird sein erstes Abenteuer nach der so genannten "Pendergast-Trilogie" (Burn Case, Dark Secret und Maniac) geschildert. Man muss diese Trilogie zwar nicht gelesen haben, um "Darkness" goutieren zu können, aber wenn man wissen möchte, wer Pendergast und Constance Greene sind, wird man sowohl auf die Trilogie als auch auf den noch etwas älteren Roman Formula nicht verzichten können. Am Ende muss man sogar etwas verärgert feststellen, dass die Pendergast-Trilogie doch nicht so in sich abgeschlossen ist, wie die Autoren behaupten, denn (Achtung, es folgen Spoiler) es zeigt sich, dass Diogenes in gewisser Weise immer noch lebt und eine wichtige Rolle bei der finalen Wendung zum Guten zu spielen hat! Sein Erbe ist quicklebendig und das Ende des Romans lässt darauf schließen, dass es bald weitere Fortsetzungen geben wird...

Der Roman beginnt wie ein weiterer Thriller nach bekanntem Preston/Child-Strickmuster. Ein Verbrechen muss aufgeklärt und ein Geheimnis enträtselt werden. Pendergast setzt wie üblich sein scheinbar unerschöpfliches Wissen und phantastische Kombinationsfähigkeiten ein, die Sherlock Holmes vor Neid erblassen lassen würden. Wie schon in früheren Romanen erscheinen diese geradezu übermenschlichen Fähigkeiten allzu unrealistisch. Sobald Pendergast die Britannia betritt, rückt er aber deutlich in den Hintergrund. Dort eröffnen sich weitere Handlungsebenen, die zunächst scheinbar nur mit den internen Problemen der Führungscrew zu tun haben. Zu guter Letzt erkennt man aber, wie alles zusammenhängt. Die Story bleibt also immerhin in sich schlüssig. Bis es soweit ist, hangelt sich die doch etwas dürftige Handlung von Cliffhanger zu Cliffhanger. Zur Spannungssteigerung rast die Britannia unaufhaltsam ihrer Vernichtung entgegen, und Pendergast erlebt eine Schaffenskrise der besonderen Art. Er ist dann buchstäblich nicht mehr er selbst. Bei alldem hatte ich für kurze Zeit die Hoffnung, die Autoren würden Pendergast mit diesem Roman einen spektakulären endgültigen Abgang verschaffen wollen, aber dem ist nicht so.

Die Handlung folgt also letztlich doch vorhersehbaren Pfaden. Ich frage mich nur, welchen Status Pendergast beim FBI hat. Wurde er nach dem Ende seines Bruders im Schnellverfahren rehabilitiert? Er hat sich ja so einiges zu Schulde kommen lassen, aber es wird mit keinem Wort erwähnt, ob er dafür zur Rechenschaft gezogen wurde oder nicht. Wie immer kann er auf eigene Faust schalten und walten, wie es ihm beliebt. Leider stellt sich diesmal außerdem heraus, dass es eben doch keine wissenschaftliche Erklärung für die merkwürdigen Vorkommnisse gibt. Für meinen Geschmack verwurstet das Autorenduo zu viel fernöstlichen Mystizismus. Dabei ist die "Tulpa" (der Dämon) keine Erfindung des Autorenduos. Der Begriff entstammt tatsächlich der tibetischen Mythologie, in der die Erschaffung materieller Objekte durch reine Willenskraft - also quasi Gestalt gewordene Gedanken - für möglich gehalten wird. Mir geht das zu weit. Spannend ist die Geschichte zugegebenermaßen schon, mit "Wissenschaft" hat der Thriller aber nichts mehr zu tun. (19.07.2010)


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407
Träume vom Wüstenplaneten Frank Herbert, Brian Herbert, Kevin J. Anderson: Träume vom Wüstenplaneten
Heyne, 2009
590 Seiten

Frank Herbert hat mit Dune - Der Wüstenplanet und fünf Fortsetzungsromanen ein Epos erschaffen, das zu den wichtigsten Werken der Science Fiction gehört. Ich kann mich nur in den Chor all jener einreihen, die den Wüstenplanet-Zyklus immer wieder mit Tolkiens Der Herr der Ringe gleichsetzen, denn sie haben Recht: Ebenso wie Tolkien hat auch Herbert ein unglaublich detailreiches, lebendiges Universum erschaffen, einen facettenreichen Weltenentwurf, der seinesgleichen sucht. Leider ist der Zyklus unvollendet geblieben. Frank Herberts Sohn Brian Herbert und Kevin J. Anderson betätigen sich jetzt als "Resteverwerter". Sie schlachten alles aus, was es noch an Entwürfen, Notizen, Korrespondenz, nicht verwendeten Kapiteln, Handlungsabrissen usw. aus Frank Herberts Nachlass gibt, und melken diese Kuh, solange es nur geht. So haben sie zwei Prequel-Trilogien und zwei "Dune"-Fortsetzungen (also Band 7 und 8 des Zyklus) geschrieben, die sich angeblich auf Frank Herberts Nachlass stützen. Zwei weitere Bände, die in den "Lücken" zwischen Frank Herberts Romanen spielen, wurden in den letzten Monaten veröffentlicht. Meine Meinung zu den Pre-Prequels könnt ihr hier nachlesen: Band 1, Band 2 und Band 3. Ich halte diese Machwerke und die beiden Romane, die den Zyklus zum angeblich von Frank Herbert vorgesehenen Abschluss bringen, für reine Geldmacherei, aber nicht für würdige Fortsetzungen des Zyklus. Brian Herbert und Anderson können weder inhaltlich noch stilistisch auch nur annähernd mit Frank Herbert mithalten.

Und dennoch kaufe ich immer noch alles, was auch nur ein Fitzelchen der Ideen Frank Herberts enthalten könnte, und was nur irgendwie im Wüstenplanet-Universum spielt. "Träume vom Wüstenplaneten" fällt dabei ein wenig aus dem Rahmen, denn es handelt sich nicht einfach nur um eine weitere Eigenkreation der "Resteverwerter", sondern um eine Zusammenstellung von Texten, die wenigstens teilweise tatsächlich aus Frank Herberts Feder stammen. Kern und umfangreichster Bestandteil ist der Roman "Der Gewürzplanet". Man könnte ihn als ersten Entwurf oder als alternative Version des ungleich komplexeren und umfangreicheren, besser ausgearbeiteten Romans "Dune" bezeichnen. Alle wichtigen Elemente sind da: Ein Adelshaus soll durch eine Intrige gestürzt werden, der Wüstenplanet als einzige Fundstelle der Droge "Gewürz" dient als Falle. Im Prinzip sind auch die bekannten Hauptfiguren vorhanden. Allerdings ist Herzog Leto Atreides hier der Edelmann Jesse Linkam. Seine Konkubine heißt Dorothy Mapes, sein Sohn heißt Barri. Nicht Baron Wladimir Harkonnen (hier: Valdemar Hoskanner) ist der große Gegenspieler, sondern der Hochkaiser Wuda und dessen Hofrat Ulla Bauers. Caladan heißt Catalan, und Arrakis ist nicht der Name des Wüstenplaneten, sondern der Name der Sonne, um die er kreist. Jesse Linkam vereinigt praktisch die Figuren Leto und Paul Atreides in sich, denn er überlebt die Intrige und wendet alles zum Guten, indem er mit der Vernichtung der Gewürzquellen droht. Sein Sohn Barri spielt keine Rolle und hat keine besonderen Fähigkeiten. Es gibt nicht nur ein echtes Happy End - man erfährt interessanterweise auch sehr viel mehr über das Ökosystem des Wüstenplaneten, als Frank Herbert in "Dune" je preisgegeben hat.

Man könnte sagen: "Der Gewürzplanet" ist "Dune", wie der Roman geworden wäre, wenn Brian Herbert und Anderson ihn geschrieben hätten - kürzer und actionreicher, aber viel oberflächlicher und trivialer. Der faszinierende Schauplatz der planetenweiten Wüste verfehlt zwar auch hier seine Wirkung nicht, aber der gesamte geschichtliche Hintergrund fehlt. Das Gewürz wurde erst vor relativ kurzer Zeit entdeckt, es gibt weder die Bene Gesserit, noch die Fremen (nur freie Wüstenarbeiter, die aber keine eigene Kultur haben und keineswegs auf die Ankunft des Messias warten) oder die Sardaukar, die Tleilaxu, die Mentaten und so weiter. Das Gewürz ist wirklich nur eine Droge, wenn auch eine, von der praktisch alle Adeligen abhängig sind. Wäre der Roman in dieser Form veröffentlicht worden, d.h. hätte Frank Herbert ihn nicht verworfen, um mit einem ganz anderen Ansatz ganz neu zu beginnen, dann hätte er kaum mehr Anklang gefunden als irgendein anderer SF-Roman der damaligen Zeit. Sicher wäre er nie fortgesetzt worden, und die Science Fiction wäre um eines ihrer Glanzstücke ärmer.

Dieser Bestandteil des Buches ist eine interessante Lektüre, vor allem natürlich wegen der Unterschiede zur endgültigen Version von "Dune". Man muss aber zugeben, dass er durchaus spannend ist und kurzweilige Unterhaltung bietet. Hinzu kommen diverse kürzere Texte, unter anderem der Entwurf eines Zeitungsartikels über Wanderdünen, der möglicherweise der Anstoß für Frank Herbert war, seinen wichtigsten Roman überhaupt erst zu schreiben. Sehr interessant ist auch die abgedruckte Korrespondenz zwischen Frank Herbert, seinem Agenten und verschiedenen Herausgebern vor der Veröffentlichung von "Dune"; man erfährt, welche Probleme beide Seiten mit Länge und Komplexität des Texts hatten. Außerdem sind mehrere nicht verwendete Kapitel aus den Romanen "Der Wüstenplanet" und "Der Herr des Wüstenplaneten" vorhanden, die teilweise ein ganz neues Licht auf die Geschehnisse werfen und Lücken wie z.B. Pauls Tod in der Wüste füllen.

Zu "guter" Letzt sind noch vier Kurzgeschichten Brian Herberts und Andersons vorhanden. Die erste spielt zur Zeit des Angriffs der Harkonnen, die anderen sollen als Bindeglieder zwischen den einzelnen Romanen der in der Zeit von Butlers Djihad spielenden Prequels dienen. Sie sind nur mäßig interessant... eigentlich sind sie genauso entbehrlich wie die Prequels selbst.

Insgesamt muss ich sagen, dass "Träume vom Wüstenplaneten" nur etwas für Fans ist. Für sich betrachtet ist "Der Gewürzplanet" kaum mehr als ein bestenfalls durchschnittlicher SF-Roman, und wer Frank Herberts Werk nicht kennt, wird sich kaum für dessen Entstehung oder für die gestrichenen Kapitel interessieren. Echte Fans werden es jedoch zu schätzen wissen, wieder einmal etwas lesen zu dürfen, das von Frank Herbert selbst geschrieben wurde, und nicht von den beiden "Resteverwertern".

Dies war übrigens meine dritte Urlaubslektüre im Sommer 2010. (13.07.2010)

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406
Love Stephen King: Love
Heyne, 2006
733 Seiten

Lisey Landon hat ihre Trauer auch zwei Jahre nach dem frühen Tod ihres Mannes, des berühmten und erfolgreichen Schriftstellers Scott Landon, noch nicht überwunden. Sie fühlt sich zwar inzwischen stark genug, seinen Nachlass zu ordnen, doch ausgerechnet dadurch werden immer wieder Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Scott in ihr wachgerufen – und auch Erinnerungen an dunkle, alles andere als glückliche Zeiten, denn Scott war mehrmals das Angriffsziel von Verrückten, die kryptische Botschaften in seinen Texten entdeckt haben wollten. Einem von ihnen war es sogar gelungen, einen Mordanschlag auf Scott zu verüben. Lisey hatte den Mann damals gekonnt außer Gefecht gesetzt und Scott das Leben gerettet. Lisey unterdrückt all diese Erinnerungen, und zwar nicht nur deshalb, weil sie noch zu schmerzhaft für sie sind, sondern auch, weil Scott eine besondere, geradezu übernatürliche Gabe hatte, die er mit seiner Frau geteilt hat. Genau daran will Lisey sich nicht erinnern, denn sie hat damals nicht nur wunderbare, sondern auch grausige Dinge erlebt. Seitdem gestattet sie sich nicht mehr, an diese speziellen Aspekte der Vergangenheit zu denken.

Doch eines Tages taucht ein Fremder bei ihr auf, der sich Zack McCool nennt und behauptet, er sei damit beauftragt worden, nicht veröffentlichte Texte aus Scotts Schreibwerkstatt für einen Auftraggeber zu besorgen, dessen Namen er nicht nennt. Lisey weiß dennoch Bescheid. Es kann sich nur um Professor Woodbody handeln, einen besonders hartnäckigen Bewerber um das wertvolle Material, den Lisey ebenso wie alle anderen abgewiesen hat, da sie die Texte erst allein durchgehen will. Zack McCool lässt nicht locker und beginnt Lisey zu bedrohen. Sie stellt Woodbody zur Rede und setzt ihn unter Druck, muss aber erfahren, dass der Professor nicht in der Lage ist, McCool zurückzupfeifen. Tatsächlich ist der angebliche Auftrag nur ein Vorwand für McCool, sich an Lisey vergreifen zu können. Sie erhält zwar Polizeischutz, dennoch gelingt es dem Wahnsinnigen, ihr im eigenen Haus aufzulauern und sie schwer zu verletzen. Er kündigt seine Rückkehr an, und Lisey begreift, dass er sie dann zu Tode quälen wird.

In dieser Zeit erhält Lisey immer wieder verzwickte Botschaften ihres Mannes, die dieser vor seinem Tod vorbereitet haben muss. Auf diese Weise schickt Scott seine Frau auf eine bizarre Schnitzeljagd, durch die er sie behutsam an die phantastischen Geschehnisse heranführt, die sie verdrängt hat, denn dies ist die einzige Möglichkeit, wie sie sich gegen ihren Peiniger zur Wehr setzen kann. Gleichzeitig enthüllt er so die ganze Wahrheit über seine eigene, schreckliche Vergangenheit.

Dies war meine zweite Urlaubslektüre im Sommer 2010.

Eindringliche Charakterstudien sind schon immer Stephen Kings Stärke gewesen, und wenn er sich wie in diesem Roman auf eine oder höchstens zwei Hauptpersonen beschränkt, dann kommt es dem Leser manchmal so vor, als befinde er sich selbst "im Kopf" der Protagonisten. Genau so ist es mir mit "Love" ergangen. Da sich King ganz auf Lisey konzentriert (allerdings wird nicht die Ich-Perspektive verwendet), wird daraus etwas, das in gewisser Weise an "Ulysses" von James Joyce erinnert, und zwar vor allem deshalb, weil Lisey eine "Geheimsprache" verwendet, die sich zwischen ihr und ihrem Mann entwickelt hat, und weil von Anfang an immer wieder bestimmte Geschehnisse der Vergangenheit angedeutet werden – Lisey zwingt sich stets sofort dazu, diese Gedankengänge abzubrechen, wird aber durch die von ihrem Mann ausgelegten Spuren dorthin zurückgeführt, so dass auch der Leser häppchenweise mehr erfährt. Das geschieht durch viele teils recht verschachtelte Rückblicke: Lisey erinnert sich z.B. an eine Episode ihrer Vergangenheit, in der ihr früheres Ich sich etwas ins Gedächtnis ruft, was Scott ihr vor Jahren über seine eigene Kindheit erzählt hat...

Durch die Geheimsprache, deren abstruse Begriffe zunächst nicht erklärt werden, und die vielen anfangs unverständlichen Andeutungen fällt der Einstieg in die Geschichte zwar ziemlich schwer, und wie man es von King nicht anders gewöhnt ist, füllt er viele Seiten mit Text, den man für Geschwafel halten könnte, wenn er nicht durchaus wichtig für Liseys Charakterisierung wäre. Aber mit der Zeit wird alles klar und ergibt am Ende stets einen überzeugenden Sinn. Am Schluss des Romans hat man Lisey und Scott genau kennen gelernt, man ist quasi Teil ihrer besonderen Beziehung. Gewürzt wird das Ganze natürlich durch die Bedrohung, der Lisey sich ausgesetzt sieht. Diese Gefahr ist der eigentliche Anreiz für sie, in ihre verdrängte Vergangenheit einzutauchen, und dadurch soll etwas mehr Spannung in den Roman einfließen. Eigentlich hätte King das gar nicht nötig gehabt, d.h. er hätte ganz auf Zack McCool verzichten können – der Roman wäre dennoch ungemein packend und faszinierend gewesen. Vielleicht war das auch dem Autor klar, denn er beschäftigt sich gar nicht so sehr mit der Psyche des Irren. Das ist ungewöhnlich für King. McCool bleibt seltsam blass, seine Innenwelt bleibt dem Leser verschlossen. Andererseits passt das aber auch wieder zum Roman, denn man erlebt ja praktisch alles aus Liseys Perspektive, und sie kann schließlich nicht in McCools Kopf hineinsehen.

Der Roman enthält, wie King im Anhang selbst schreibt, unzählige Anspielungen auf andere Romane, Filme, Lieder usw. – auch Kings eigenes Werk wird eingebunden. So erinnert Scotts Fähigkeit frappierend an das "Flippen" aus Der Talisman und Das schwarze Haus, Boo'ya Mond ähnelt der "Region" aus denselben Romanen, und das Verdrängen der eigenen Vergangenheit ist ein wichtiger Aspekt von "Das schwarze Haus". Außerdem finden sich zahlreiche Anspielungen auf von King erfundene Orte und Personen, vor allem natürlich Castle Rock und seine Bewohner. (12.07.2010)


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405
Mission Arktis James Rollins: Mission Arktis
Ullstein, 2008
648 Seiten

Omega ist eine halbpermanente Driftstation auf der nördlichen Polarkappe. Sie ist ein gemeinsames Projekt verschiedener Regierungsbehörden der USA und wird von Dr. Amanda Reynolds geleitet, einer gehörlosen Ingenieurin, die mit Captain Gregory Perry liiert ist, dem Kapitän des unbewaffneten U-Bootes Polar Sentinel. Dieses Schiff ist noch in der Testphase und wurde der Driftstation zugeteilt. Als die Polar Sentinel eines Tages 538 Kilometer nördlich des Polarkreises auf Tauchfahrt ist, rammt sie fast einen gewaltigen Eisberg, der allerdings nicht nach oben, sondern nach unten ragt: Das kolossale Gebilde erstreckt sich mindestens einen Kilometer in die Tiefe des Ozeans. Erste Untersuchungen erbringen erstaunliche Ergebnisse: Der Berg ist teilweise ausgehöhlt, im Inneren befindet sich eine immer noch intakte Forschungsstation. Die Wissenschaftler von Omega verschaffen sich Zutritt und finden heraus, dass die Station in der Zeit des zweiten Weltkriegs von Russland betrieben worden sein muss und den Namen Grendel getragen hat. Die Station ist ein gewaltiges Grab. Alle Besatzungsmitglieder sind verhungert oder haben Selbstmord begangen. In einer versiegelten Ebene der Station machen die Forscher von Omega eine schockierende Entdeckung. Sie ahnen jedoch nicht, dass sie im Inneren von Grendel keineswegs allein sind.

Ungefähr zur gleichen Zeit beobachtet der Wildhüter Matthew Pike, ein ehemaliger Elitekämpfer der Green Berets, in Alaska den Absturz eines Kleinflugzeuges. Der Pilot kommt dabei ums Leben. Matt kann nur den Passagier retten: Einen Mann namens Craig Teague, der sich als Reporter bei der Seattle Times ausgibt. Angeblich war er auf dem Weg zur Driftstation Omega, um dort über gewisse Vorkommnisse zu recherchieren. Eine zweite Maschine erscheint und vernichtet das Flugzeugwrack, als Matt und Teague sich gerade erst davon entfernt haben. Fallschirmjäger werden abgesetzt, die sofort Jagd auf die beiden Männer machen. Matt fragt sich zwar, was es mit Teague wirklich auf sich hat, aber er schaltet die Fallschirmjäger aus und will Teague zu Sheriff Jennifer Aratuk bringen, seiner Exfrau, von der er sich vor einiger Zeit getrennt hat, weil sie ihm die Schuld am Tod des gemeinsamen Sohnes gibt. Doch die Verfolger lassen nicht locker und vernichten Jennifers Hütte. Matt, Teague, Jennifer, ihr Vater John und Matts treuer Hund Bane entkommen mit einem Wasserflugzeug. Als auch noch eine Küstenstadt angegriffen wird, die sie erreichen wollten, gibt es nur noch einen Zufluchtsort für sie: Omega.

Auch Admiral Viktor Petkow ist dorthin unterwegs, denn die Wiederentdeckung der Eisstation Grendel ist in Russland bekannt geworden. Petkow befehligt das Kampf-U-Boot Drakon und hat den Auftrag, das Geheimnis von Grendel um jeden Preis zu schützen - auch wenn das den Tod der Wissenschaftler von Omega und der Besatzung der Polar Sentinel bedeutet. Petkow hat allerdings selbst ein Geheimnis und ein ganz persönliches Motiv für die Vernichtung der Eisstation Grendel...

Dies war meine erste Urlaubslektüre im Sommer 2010.

Man könnte den Roman als Wissenschafts-Thriller nach dem Vorbild des Autorenduos Douglas Preston / Lincoln Child bezeichnen - tatsächlich weist er einige deutliche Parallelen mit deren Roman Ice Ship, vielleicht auch mit Relic auf. Hier wie dort wird etwas unbekanntes in einer abgelegenen, lebensfeindlichen Region gefunden, das sich als äußerst gefährlich erweist. Es soll erforscht und geborgen werden, aber es gibt einen mehr oder weniger wahnsinnigen Gegenspieler, der das verhindern will. Letzterer ist bei Preston/Child der Kommandant eines chilenischen Zerstörers, bei Rollins ist es Admiral Petkow. Und dessen Ziele sind derart abstrus, dass sie einem Schurken aus einem James Bond-Film zur Ehre gereichen würden! Eigentlich hätte es dieser Handlungsebene nicht bedurft, denn allein die Erkundung der Eisstation und die Gefahren, die dort lauern, hätten schon für eine spannende Geschichte ausgereicht. Durch das Eingreifen der Russen und einer Einheit der amerikanischen Delta Force wird sozusagen eine zweite Front eröffnet, an der ein wenig zu viel geballert wird. Ist zwar durchaus spannend, hätte aber nicht sein müssen, zumal die "Guten" trotz einiger Verluste auf diese Weise zu sehr wie Alleskönner aussehen, die zu viel Erfolg haben. Rollins versucht etwas emotionale Tiefe einzubauen, indem er z.B. Matt und Jenny eine tragische Hintergrundgeschichte verleiht, aber das geht in der Action teilweise etwas unter.

Ein paar phantastische Elemente muss man zwar akzeptieren, aber immerhin wird wenigstens alles logisch nachvollziehbar erklärt. Die Story enthält einige überraschende Wendungen und wartet mit durchaus kritischen Tönen auf. Um die Machenschaften der beteiligten Regierungen glaubhafter zu machen, hat der Autor dem Roman eine Aufstellung mit Menschenversuchen der USA beigefügt. Von den meisten aufgelisteten Ereignissen habe ich noch nie zuvor gehört – wenn das wahr ist, kann man selbst als nicht unmittelbar Betroffener zornig werden. Insgesamt bietet der Roman dank unzähliger Cliffhanger, tröpfchenweise eingefügter Enthüllungen und ständigen Wechsels der Handlungsebenen packendes, bestens für träge Urlaubs-Strandtage geeignetes Lesefutter. (12.07.2010)


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404
Blauäugig in Tokio Niall Murtagh: Blauäugig in Tokio
Ullstein, 2008
291 Seiten

Der Untertitel "Meine verrückten Jahre in Japan" ist irreführend und wird auf dem Titelblatt auch gleich relativiert. Dort heißt es nur noch: "Meine verrückten Jahre bei Mitsubishi". Dieses Buch ist kein lustiger Japan-Reiseführer, und wer erwartet, dass der Autor die Japaner und ihre Marotten durch den Kakao zieht, wird ebenfalls enttäuscht sein. Stattdessen schildert Murtagh seine Arbeit als "Salaryman" (Angestellter) bei Mitsubishi in Tokio. Was er dort als einer der wenigen europäischen Mitarbeiter (und später als einziger europäischer Angestellter auf Lebenszeit) erlebt hat, kann für unsereins durchaus verrückt oder zumindest skurril klingen, aber das Buch ist nicht auf Lacher ausgelegt. Murtagh macht sich nicht über die Japaner oder die Firma Mitsubishi lustig. Das ist allerdings auch gar nicht nötig. Schon die vergleichsweise nüchtern beschriebenen Arbeitsumstände, die umfassende Reglementierung und Kontrolle in der stark auf Traditionen bedachten Firma, der Umgang mit dem Ausländer (Murtagh ist übrigens Ire) usw. reichen aus, um beim Leser zumindest ein Kopfschütteln hervorzurufen. Natürlich geizt Murtagh nicht mit Anekdoten, Ironie und Sarkasmus, aber obwohl er recht offene Worte findet, wird er doch nie respektlos.

Liest man von Murtaghs bewegter Vergangenheit als Weltenbummler, dann wundert man sich, dass er es überhaupt so lange bei Mitsubishi ausgehalten hat. Er musste sich anpassen, die unzähligen ungeschriebenen Regeln und in endlosen Formularen niedergelegten, oft sinnlos erscheinenden Vorschriften befolgen, sich ins Ameisenheer der niemals aufmuckenden Befehlsempfänger einreihen, willkürliche Versetzungen über sich ergehen lassen und immer wieder die auf unverschämte Weise bis ins intimste Privatleben vordringenden Fragen des Arbeitgebers beantworten. Er musste lernen, dass Loyalität bei Mitsubishi weit gefragter war als Fachwissen, und dass Speichelleckerei besser ankam als konstruktive Kritik - selbst wenn nach letzterer gefragt wurde. Murtagh schildert die Firmenkultur Mitsubishis in den Neunzigerjahren gut verständlich aus seiner Sicht. Man kann einwenden, dass das alles längst veraltet ist, dass das Privatleben zu kurz kommt (kein Wunder: Ein Salaryman hat praktisch keins), und dass man nur wenig über den alltäglichen Lebensstil in Japan erfährt. Dennoch ermöglicht dieser Tatsachenbericht einen guten Einblick ins Arbeitsleben eines Völkchens, das in mancherlei Hinsicht deutscher als die Deutschen zu sein scheint... (14.06.2010)

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403
Vampirfeuer David Wellington: Vampirfeuer
Piper, 2009
384 Seiten

Jameson Arkeley hat den Vampirfluch angenommen, um Laura Caxton im Kampf gegen die Armee der Vampire von Gettysburg beistehen zu können. Er wollte sich noch in derselben Nacht stellen, um sich vernichten zu lassen, doch er hat Gefallen an seiner neuen Existenz gefunden und ist nicht erschienen. Nun setzt Caxton alles daran, ihren ehemaligen Mentor sowie die von ihm beschützte uralte Vampirin Justinia Malvern aufzuspüren und zu vernichten. Sie widmet dieser Aufgabe ihre gesamte Zeit und verhält sich mehr und mehr wie damals Arkeley, worunter ihre Beziehung mit Clara leidet. Man hat ihr zwar eine eigene Abteilung zugestanden, doch Officer Glauer, den sie in Gettysburg kennen gelernt hat, ist ihr einziger Mitarbeiter und ihr Budget ist verschwindend gering. So kommt es ihr sehr gelegen, als ein Bundesagent namens Fetlock sie zum Special Deputy erklärt. Sie muss nun zwar mit dem recht unsympathischen und stets streng nach Vorschrift handelnden Agenten zusammenarbeiten und sich von ihm überwachen lassen, kann aber in allen Bundesstaaten tätig werden und auf alle nötigen Mittel zurückgreifen.

Caxton steht unter enormem Zeitdruck, denn Arkeley und Malvern könnten jederzeit neue Vampire erschaffen. Außerdem hat sie es nicht mit einem "normalen" Vampir zu tun, sondern mit jemandem, der diese Wesen einst selbst gejagt hat und somit genau weiß, wie seine Feinde vorgehen. Caxton beginnt mit der Befragung der Familie Arkeleys, da sie sonst keine Ansatzpunkte hat. Als sie sich seinen Bruder Angus vornimmt, erscheint Arkeley persönlich und tötet den Mann. Aus dem, was dieser zuvor gesagt hatte, kann Caxton schließen, dass Arkeley allen Menschen, die er einst geliebt hat, die Verwandlung in einen Vampir anbietet. Stimmen sie innerhalb von 24 Stunden nicht zu, tötet er sie. So ergeht es auch Arkeleys Frau Astarte. Da es noch immer keinerlei Hinweise auf das Versteck der Vampire gibt, bleibt Caxton nichts anderes übrig, als bei Arkeleys Kindern Raleigh und Simon auszuharren und abzuwarten, bis der Vampir dort auftaucht. Als sich herausstellt, dass doch nicht alle Mitglieder der Familie Arkeley den Vampirfluch abgelehnt haben, ist Caxton gezwungen, zu illegalen Mitteln zu greifen, um ihre Gegner stellen zu können.

Arkeleys Verwandlung in einen Vampir - also in eines jener Wesen, deren Vernichtung er sein Leben gewidmet hat - ist die überraschende Wendung, die ich in meinem Kommentar zu Band zwei noch nicht verraten wollte. Der dritte Teil der Vampir-Serie enthält im Gegensatz zu Band zwei nicht nur eine Abfolge von Kämpfen gegen Vampire, sondern auch einiges an solider Ermittlungsarbeit und ein bisschen Charakterentwicklung. Caxton steht nun ganz im Mittelpunkt der Geschehnisse, und sie muss zu ihrer Beunruhigung feststellen, dass sie dabei ist, zu genau so einem soziopathischen, von der Vampirjagd besessenen Einzelgänger zu werden, wie Arkeley es zu seinen Lebzeiten war. Dieser Konflikt wird zwar angesprochen, aber doch nur oberflächlich ausgearbeitet. Arkeley ist zwar der Hauptgegner in diesem Roman, macht aber überhaupt keine Entwicklung mehr durch. Er ist jetzt nur noch ein Vampir, wenn auch ein besonders schlauer. Uns wird kein Blick in seine Innenwelt gewährt.

Wellington übertreibt es ab und zu mit der Schilderung von Caxtons Ungeschicktheit - nicht nur im Kampf, sondern auch im Umgang mit Menschen. Manchmal möchte man das Mädel am Kragen packen und ordentlich durchschütteln. So dämlich wie sie kann eigentlich niemand sein! Wenigstens mutiert sie nicht zur Superkämpferin. Das wäre vollends unglaubwürdig gewesen. Stattdessen muss sie zahlreiche Rückschläge hinnehmen und geht keineswegs unversehrt aus der finalen Auseinandersetzung hervor. Der Roman hat zwar ein echtes Ende, aber es ist immer noch Raum für eine Fortsetzung - und tatsächlich gibt es schon einen vierten Band der Serie. Er ist derzeit (Juni 2010) aber noch nicht in deutscher Sprache erhältlich.

Was mir nach wie vor gut gefällt, ist die kompromisslose Action dieser Romane und die Art und Weise, wie die Vampire dargestellt werden. Darüber hatte ich in den Kommentaren zum ersten Band ja schon etwas geschrieben. Es wird zwar etwas weniger gemetzelt als im letzten Band, aber die entsprechenden Textstellen wirken umso effektvoller. Gutes Lesefutter also. Seit Band 1 frage ich mich aber: Die Regierung sollte inzwischen begriffen haben, wie gefährlich Vampire sind. Warum also setzt man kein ganzes Team von Spezialisten auf Arkeley an, sondern überlässt den Fall Caxton und dem Sesselpupser Fetlock? (07.06.2010)


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402
Pendragon Stephen Lawhead: Pendragon (Pendragon-Saga 4)
Buchvertrieb Blank GmbH, 2004
485 Seiten

Nach dem Sieg über die Barbarenhorden in der Schlacht von Baedun Hill wird Artus zum Hochkönig von Britannien gekrönt. Man nennt ihn künftig auch "Pendragon" - den Oberdrachen. Er nimmt die irische Fürstentochter Gwenhwyvar zur Frau und reist nach Irland, um Gwenhwyvars Vater Fergus zu besuchen. Dort erhält Myrddin sein Augenlicht zurück, das er im Kampf gegen Morgian verloren hat. Der Mönch Ciaran heilt den Barden durch Handauflegen. Nach dieser Demonstration der Macht des Christengottes nehmen auch Fergus und sein gesamtes Volk den neuen Glauben an. Die Freude währt nicht lang, denn ein neuer Feind greift an. Die aus der Gegend von Karthago vertriebenen Wandalen überfallen Britanniens Nachbarinsel. Amilcar, genannt Twrch Trwyth, der Schwarze Eber, führt ein gewaltiges Heer an, das mordend und brandschatzend durchs Land zieht. Artus ruft seine Gefährten aus Britannien herbei, um die Wandalen zu bekämpfen, denn die untereinader zerstrittenen irischen Stämme können diesen gnadenlosen Gegner nicht allein aufhalten.

Den berittenen und schwer gepanzerten britischen Recken sind die wilden Wandalen nicht gewachsen. Sie werden geschlagen und fliehen - und zwar nach Britannien, wie Artus entsetzt feststellen muss, als er in die Heimat zurückkehrt. Die Wandalen verbrennen ihre eigenen Schiffe. Diese Botschaft ist deutlich: Die Eroberer beabsichtigen, für immer zu bleiben. Der Abwehrkampf allein wäre schon schlimm genug, zumal einige der britischen Unterkönige den Herrschaftsanspruch des Pendragon noch immer nicht anerkennen. Doch die Wandalen haben - wenn auch unabsichtlich - eine Waffe mitgebracht, die weit schrecklicher ist als Schwerter und Speere: Der Schwarze Tod, die Pest, folgt ihnen und breitet sich schnell in ganz Britannien aus. In diesem Zweifrontenkrieg drohen Artus‘ Streitkräfte zu versagen, denn die Versorgungslage ist schlecht und die Moral noch schlechter...

Dies ist der vierte Band der "Pendragon"-Reihe, aber nicht der letzte. Es sind zwei weitere Bücher erschienen, doch die wurden offensichtlich nie ins Deutsche übersetzt. Man müsste sie im englischen Original lesen, wenn man wissen wollte, in welcher Weise Stephen Lawhead weiter an seiner Neuinterpretation des Sagenstoffes um König Artus, die Ritter der Tafelrunde und den Heiligen Gral herumstrickt. Aber ganz ehrlich: Nach vier Bänden dieser Reihe will ich es gar nicht mehr wissen!

Zudem handelt es sich bei diesem Buch nicht um eine echte Fortsetzung von Band 3. Ich hatte zu Artus ja schon kritisch angemerkt, dass sowohl Gwenhwyvar als auch Llwch Llenlleawg und viele andere Figuren mehr oder weniger ignoriert werden, dass das Buch von ausführlichen Schlachtenszenarien dominiert wird und recht abrupt endet. Anscheinend ist auch dem Autor aufgefallen, dass er seine Protagonisten sträflich vernachlässigt hat, und so schiebt er einige Ergänzungen nach. Band 4 ist somit nur eine Art Erweiterung von Band 3. Es beginnt mit einigen Kapiteln aus Artus' Kindheit, die man eigentlich lesen müsste, bevor man mit Band 3 anfängt. Dann könnte man zu Band 3 wechseln, ungefähr bis zur Krönung und der Heirat mit Gwenhwyvar. Danach müsste man wieder in Band 4 weiterlesen. Die dortige Geschichte endet noch vor dem Bau des Schreins für den Gral, der am Schluss von Band 3 beschrieben wird.

Aber auch diesmal verschwendet Lawhead Dutzende und Aberdutzende von Seiten für weitschweifig geschildertes Gemetzel, so dass Band 4 wieder dieselben Schwächen hat wie der vorherige Roman. In Band 3 ging's gegen die Sachsen und Iren, jetzt geht's eben zusammen mit den Iren gegen die Wandalen. Und das nicht nur einmal, sondern zweimal: Erst in Irland, dann in Britannien. Neue Aspekte gewinnt Lawhead dem Kampfgetümmel nicht ab, lediglich die Pest kommt noch hinzu. Und so hat man das dumpfe Gefühl, den ganzen langweiligen Kram schon mehrmals in den ersten drei Bänden, vor allem in Band 3, gelesen zu haben. Der Heilige Gral kommt erst ganz am Ende des Romans kurz zum Einsatz, Morgian und ihr Sohn kommen überhaupt nicht vor, und die Tafelrunde spielt praktisch keine Rolle (es gibt sie ja wahrscheinlich noch gar nicht).

Vor allem aber ist der religiöse Schwulst nicht mehr zu überbieten. In den letzten drei Reviews habe ich ja schon genug dazu geschrieben. Das betont salbungsvolle Gefasel, außerdem Myrddins himmlische Visionen, seine Gebete und der ganze Unsinn sind diesmal umso unerträglicher, als sie nicht einmal mehr ansatzweise ironisch gebrochen werden, wie in Band 3 noch durch Bedwyrs Erzählweise. Nein, Band 4 ist absolut humorfrei. Und so wird fleißig im Namen des Herrn gemetzelt, es wird missioniert und Menschen wirken göttliche Wunder. Am Ende scheint Myrddin es aber merkwürdigerweise für nötig zu halten, dass er und Artus sich auf ihre heidnischen Wurzeln zurückbesinnen. Wie das alles zusammenpassen soll, geht über mein Verständnis.

Insgesamt muss ich sagen: Nach einem ziemlich guten Auftakt lässt die Reihe stark nach und wiederholt sich in Band 3 und 4 teilweise nur noch selbst. Diese beiden Bände muss man sich nicht antun. (01.06.2010)


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401
Der Griff aus dem Dunkel Algernon Blackwood: Der Griff aus dem Dunkel
Suhrkamp, 1979
260 Seiten

Dieser Band enthält sechs Kurzgeschichten Algernon Blackwoods, die zwischen 1907 und 1925 erstmals veröffentlicht wurden:

Das Haus der Verdammten

Die Geschwister William und Frances besuchen ihre alte Bekannte Mabel Franklyn im Landsitz "The Towers". Das Haus hat seit langer Zeit verschiedenen Gruppen von Religionsfanatikern als Versammlungsort gedient, so auch Mabels jüngst verstorbenem Gatten Samuel Franklyn und dessen Anhängern. Der böse Wille der früheren Bewohner hat sich in diesem Haus aufgespeichert. Ihre Seelen suchen nach einem Fluchtweg aus diesem Gefängnis. In der willenlosen Mabel und ihrer Haushälterin, einem ehemaligen Sektenmitglied, finden sie nützliche Werkzeuge. Auch William und Frances fühlen sich von den Geistern bedroht.

Die Übergabe

Ein merkwürdiges Fleckchen Erde, auf dem sich niemals auch nur der geringste Pflanzenwuchs zeigt, wird einem Mann zum Verhängnis, der seinen Mitmenschen seit Jahren unbewusst die Lebensenergie aussaugt, um sich selbst daran zu laben. Jedenfalls glaubt das eine junge Frau, die die Ankunft des Mannes am besagten Ort beobachtet.

Am ersten Abend im Mai

In der Mainacht wandert ein Mann, der nur an die Welt sichtbarer oder beweisbarer Tatsachen glaubt, durch die Felder zum Haus eines alten Freundes. Plötzlich wird er sich der lebendigen Natur um ihn herum bewusst und findet sich in der Geisterwelt wieder, wo er mit zwei grundverschiedenen Elementen seines eigenen Selbst konfrontiert wird.

Jones' Wahnidee

John Enderby Jones, ein unbedeutender Angestellter, hält sich für die Reinkarnation eines Mannes, der in einem früheren Leben zu Tode gefoltert worden ist - von einem Mann, der als sein jetziger Chef wiedergeboren wurde. Jones glaubt, sich an ihm rächen zu müssen.

Im Banne des Schnees

Ein gewisser Mr. Hibbert begegnet beim nächtlichen Schlittschuhlaufen einer jungen Frau, die ihn völlig in ihren Bann schlägt. Sie verschwindet spurlos, um wieder aufzutauchen, als frischer Schnee fällt. Die Unbekannte lockt Hibbert in die eisige Bergwelt.

Der Fall Pikestaffe

Der Mathematiker Thorley mietet ein Zimmer bei Miss Speke, einer älteren Dame, die gern hinter ihren Mietern hinterherspioniert. Sie entdeckt bei Thorley seltsame Symbole auf dem Boden sowie unter der Zimmerdecke gespannte Seidenfäden, die alle zu einem Spiegel führen, den Thorley zur Wand gedreht hat. Unmengen von Büchern und wissenschaftlichen Instrumenten werden in das Zimmer geschafft, sind dort danach aber nicht mehr zu finden. Eines Tages verschwinden auch Thorley und sein Schüler Pikestaffe spurlos...

Die erste Story, mit ca. 100 Seiten schon eher ein Kurzroman, ist ein typisches Beispiel für Algernon Blackwoods Werk und die in diesem Band versammelten Geschichten. Im Grunde könnte alles, was William in "The Towers" wahrzunehmen glaubt, ausschließlich seiner überspannten Einbildungskraft entsprungen sein. Im Grunde geschieht in diesem Haus bis zuletzt gar nichts - William hat nur merkwürdige Visionen, spürt ungreifbare Präsenzen um sich herum und glaubt Geräusche zu hören. Sichtbare Veränderungen treten niemals ein, nur das Verhalten der Menschen ändert sich. Und obwohl überhaupt nichts passiert, entsteht doch eine Atmosphäre des Unheimlichen. Obwohl kein "Geist" im herkömmlichen Sinne auftritt, d.h. obwohl die Protagonisten nichts sehen usw., kann auch der Leser nachempfinden, dass sie sich bedroht fühlen.

Wie bei Blackwood üblich werden die Gemütszustände der Protagonisten in allen Storys sehr ausführlich beschrieben, und genau dadurch entsteht die eigentliche Faszination, nicht so sehr durch das, was die Menschen wahrzunehmen glauben. Bei Blackwood entsteht der Grusel nicht durch platte Schockeffekte oder reale Ungeheuer. Er geht subtiler vor, macht Andeutungen, baut nur ganz allmählich Spannung auf. Die Protagonisten fühlen zunächst nur, dass irgend etwas nicht stimmt, dass da etwas undefinierbares ist, ein unbekanntes Etwas, eine übelwollende Macht, die um so unheimlicher ist, als man nicht weiß, womit man es überhaupt zu tun hat. In "The Towers" hat sich früher nicht einmal ein Mord oder eine ähnlich schreckliche Tat ereignet (eine in Gruselgeschichten ansonsten gern verwendete Idee), stattdessen konzentriert sich dort nur die Intoleranz der früheren Bewohner. So faszinierend das alles auch sein mag - auf die Dauer wird es langweilig. Und so ist man direkt erleichtert, dass die übrigen Geschichten viel kürzer, aber prägnanter sind. Auch bei ihnen gilt: Alles könnte sich komplett im Geist der Hauptfiguren abspielen. Einzige Ausnahme ist vielleicht die letzte Story, denn hier gibt es mindestens zwei Augenzeugen.

In seinem kurzen, aber lesenswerten Nachwort "Algernon Blackwood - Geisterseher und Weltbummler" liefert Kalju Kirde eine Biografie des Autors und einige Erläuterungen zu Blackwoods Werk. (25.05.2010)


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