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Dies ist der achte Teil einer Übersicht meiner neueren Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie seit August 2002 gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



400
Msuri im Land der Antilope Götz R. Richter: Msuri im Land der Antilope
Der Kinderbuchverlag Berlin, 1979
207 Seiten, gebunden

Seit der Vertreibung der Krallenmänner und der Vernichtung der Bestien herrscht Friede in der Savanne. Die Menschen bauen ihre Dörfer wieder auf, das Leben geht bald wieder seinen geregelten Gang. Msuri und sein Freund Chege leben im selben Dorf. Beide haben Frau und Kinder. Doch Msuri kommt nicht zur Ruhe. Er befürchtet einen neuen Angriff der grausamen Feinde aus dem Land jenseits der Berge, das der Legende nach von einer großen Antilope regiert wird. Deshalb wird beschlossen, dass ein kleiner Kriegertrupp dorthin vorstoßen und das Muttertier der Bestien töten soll. Damit soll die Bedrohung ein für alle Mal beseitigt werden. Msuri, Chege und sieben weitere Männer machen sich auf den Weg, doch die Reise droht schon bei der Überquerung des schneebedeckten Gebirges zu scheitern. Msuri, der die Sprache der Tiere versteht, ruft seine alten Freunde zu Hilfe: Den Elefantenbullen Njogu, den Schreiadler Kidogo und das Madenhackermädchen Ani. Gemeinsam bezwingen sie die Berggipfel und steigen in ein fremdes Land hinab.

Dort ist zunächst nichts von Bestien und Krallenmännern zu sehen. Ihre Existenz scheint ein Geheimnis zu sein, man spricht nicht von ihnen. Stattdessen begegnen die Männer einem weiteren Gefährten: Mkali, ein ehemaliger Büffelledermann, der von Msuri befreit wurde, ist der Gruppe heimlich gefolgt. Sie werden freundlich von einem Mann aufgenommen, der sich aus ihrer Freundschaft Vorteile verspricht. Sie sollen seine beiden Töchter zu einem Jahresfest begleiten. Im Land der Antilope drohen Gefahren, mit denen die Männer nicht gerechnet haben. Alle Menschen in diesem Land werden von der Gier nach Muschelgeld angetrieben, und es gibt dort nicht nur Arme und Reiche, sondern auch Sklaven, die eigens für diverse Frondienste gezüchtet werden. Nur zu bald erliegen manche Gefährten Msuris dem Reiz des Wohllebens und dem Zauber der schönen Muscheln. Aber es gibt auch Widerstand: Ausgerechnet in den Kalkbrennern, den Ärmsten der Armen, findet Msuri wertvolle Freunde.

Dieses Buch ist die Fortsetzung des Kurzromans Msuri, der mir 1977 oder 1978, als ich zehn oder elf Jahre alt war, von Verwandten aus der ehemaligen DDR geschenkt worden ist. Ich war damals fasziniert von der phantastischen, abenteuerlichen Geschichte mit sprechenden Tieren, elefantengroßen Monsterhyänen, grausigen Krallenmännern und dergleichen. Ich hatte keine Ahnung, dass es eine Fortsetzung gibt, obwohl ich damals schon nicht zufrieden mit dem Ende der Geschichte war. Schließlich wird Msuris Schwester zu Beginn des Romans entführt und man erfährt nichts über ihr weiteres Schicksal. Aber im Zeitalter des Internet war es kein Problem, nicht nur den Titel der Fortsetzung zu erfahren, sondern diese auch zu erwerben.

Tja, und während ich "Msuri" auch bei wiederholter Lektüre (2006) durchaus noch goutieren konnte, so ist das mit der Fortsetzung ein bisschen anders. Natürlich wird die Geschichte durchaus gut erzählt, und Richter verwendet wieder eine interessante, irgendwie archaisch wirkende Sprache, die gut zum Schauplatz passt. Aber diesmal springt einem der sozialistische Missionierungseifer derart ungeschminkt entgegen, dass man es kaum ertragen kann. Im Westen, hinter der schützenden Mauer... pardon: hinter dem hohen Gebirge... liegt ein von gewissenlosen Kapitalisten bewohntes Land, in dem alle behaupten, frei zu sein, in Wahrheit aber vom schnöden Mammon geknechtet werden. Ein Land, dessen Bewohner durch dekadente Spiele und andere Annehmlichkeiten ruhiggestellt werden, während sie in ihrer Gier nach sinnlosen Vergnügungen, Geld und ständigem Wachstum nicht nur sich selbst, sondern auch die Natur zugrunde richten. Dort arbeiten Wissenschaftler an der Züchtung willenloser Zombie-Sklaven, die demnächst zur endgültigen Eroberung der wahrhaft freien Lande im Osten über das Gebirge getrieben werden sollen...

Wäre das Buch erst heute erschienen, könnte man das ja als gesellschaftskritisch bezeichnen. Beachtet man aber Erscheinungsdatum und -ort, und stellt man den politischen Lebensweg Richters in Rechnung, dann weiß man, was man wirklich davon zu halten hat. (17.05.2010)


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399
Darwinia Robert Charles Wilson: Darwinia
Heyne, 2010
398 Seiten

Im März 1912, an Guilford Laws vierzehntem Geburtstag, ereignet sich etwas, das viele Menschen später als "Wunder" bezeichnen. Über Nacht verschwinden alle Menschen, alle Städte und alles von Menschenhand erschaffene innerhalb eines Kreises, der ganz Europa und die britischen Inseln sowie Teile Russlands und Nordafrikas umschließt. Erste Erkundungen zeigen, dass dieses Gebiet von einer völlig fremden Flora und Fauna beherrscht wird. Es scheint so, als habe das Land Jahrmillionen einer völlig anders verlaufenen Evolution hinter sich. Als der erste Schock abgeklungen ist, kehren Siedler aus den Kolonien der europäischen Staaten in die radikal veränderte alte Heimat zurück. Trapper und Abenteurer lassen sich dort nieder, erste Siedlungen werden gegründet. Kaum jemand wagt sich jedoch ins wilde, gefährliche Hinterland dieser neuen Welt vor, die den Namen "Darwinia" erhält. Die ehemaligen europäischen Staaten existieren zwar praktisch nicht mehr, aber die Reste des britischen Empire sind stark genug, sich gegen alle Konkurrenten durchzusetzen und mit dem Wiederaufbau Londons zu beginnen. Dabei kommt es bald zum Konflikt mit den USA, die sich für ein Darwinia ohne Grenzen (aber unter amerikanischer Vorherrschaft) einsetzen.

In dieser Zeit haben viele Menschen seltsame Erscheinungen. Law hat immer wieder Visionen von einem geisterhaften Mann, der ein Spiegelbild seiner selbst zu sein scheint. Dieser Mann ist in einem Weltkrieg gestorben, der sich nie ereignet hat. Ein Wahrsager namens Elias Vale ist von einer Entität besessen, die er für einen Gott hält. Diese Gottheit verspricht ihm Unsterblichkeit und ermöglicht ihm echten Kontakt mit den Toten. Sie scheint ihn in eine bestimmte Richtung dirigieren zu wollen und verfolgt damit Ziele, die Vale nicht begreift.

Acht Jahre nach dem "Wunder" nimmt Law als Fotograf an einer Forschungsreise teil, die über den Rhein tief ins Landesinnere vorstoßen soll. Seine Frau Caroline und seine Tochter Lily begleiten ihn bis London, wo sie bei Verwandten auf seine Rückkehr warten wollen. Doch die nach ihrem Leiter benannte amerikanische Finch-Expedition wird im weglosen Urwald von Partisanen angegriffen und verliert einen Großteil ihrer Vorräte. Law gehört zu den Überlebenden. Sie schlagen sich unter großen Entbehrungen bis zu einer bizarren, verlassenen Ruinenstadt durch, wo sie den Winter verbringen. Während Law ums Überleben kämpft, kommt seine Frau einer Verschwörung auf die Spur. Der Überfall auf die Finch-Expedition war ein inszenierter Vorwand, der Amerika als Anlass für einen Angriff auf London dient...

Die Erkundung Darwinias ist nur ein Aspekt der Romanhandlung - und nicht der wichtigste. Die Grundidee ist eine völlig andere. Solltet ihr beabsichtigen, diesen Roman irgendwann noch zu lesen, dann überspringt bitte den folgenden Spoiler!

SPOILER ANFANG
Die Erde, ihre Bewohner, ihr Sonnensystem, die Galaxie, in der sich dieses System befindet, und alle anderen Galaxien des Universums sind nicht real - es handelt sich um Kopien bzw. Aufzeichnungen aller Dinge, die jemals existiert haben, aller Taten, die jemals begangen wurden und aller Gedanken, die jemals gedacht wurden. Unbegreifliche Entitäten haben diese allumfassende Simulation, dieses unfassbare Archiv alles je Dagewesenen angelegt, um der Zeit ein Schnippchen zu schlagen. Somit sind auch Bewusstseinskopien im Archiv eingelagert, die eigentlich nur nach den durch die Vergangenheit vorgegebenen Schemata denken und handeln sollten. Das Archiv wurde jedoch durch halbbewusste künstliche Lebensformen korrumpiert. In der Art von Computerviren wollen diese als "Psionen" bezeichneten Superparasiten das gesamte Archiv durch sich selbst ersetzen, was gleichbedeutend mit seiner Vernichtung wäre. Die Veränderung Europas ist eine der Auswirkungen ihres schädlichen Tuns. Guilford Law wird in diese Auseinandersetzung hineingezogen und hat dabei eine zentrale Rolle zu spielen.
SPOILER ENDE

Wer nichts anderes als einen bunten Abenteuer- bzw. Alternativweltroman erwartet haben sollte, in dem es um die Erkundung einer phantastischen neuen Welt und um den veränderten Verlauf der Geschichte geht, der wird zunächst nicht enttäuscht, denn genau so beginnt der Roman. Nach und nach erschließt sich dem Leser ein Bild der bizarren Flora und Fauna Darwinias, und ganz wie bei den Reiseberichten realer Entdecker der damaligen Zeit erzählt Law seine Erlebnisse in Briefen und Tagebuchnotizen. Die weltpolitische und gesellschaftliche Entwicklung nimmt einen anderen Verlauf, denn einerseits führt das "Wunder" dazu, dass Schöpfungsgeschichte und Evolutionstheorie mit ganz anderen Augen betrachtet werden, andererseits gibt es zwar keinen Ersten Weltkrieg, aber durch den Wegfall der Großmächte Europas gewinnen andere Staaten an Bedeutung - vor allem natürlich Amerika. All das wird recht gut und überzeugend, aber nicht allzu ausführlich ausgearbeitet. Denn schon ungefähr nach 150 Seiten schlägt die Handlung eine völlig andere Richtung ein. Man erfährt, was es mit dem Archiv auf sich hat, und wird in Begebenheiten kosmischen Ausmaßes hineingeworfen. Das ist dann Science Fiction in Reinkultur, und diese Thematik verlangt dem Leser einiges an Phantasie ab. Auch geht es dann irgendwann nicht mehr um Darwinia, sondern um den Kampf der von den Psionen besessenen Bösewichte gegen die "Guten" wie Law, die als Werkzeuge der Schöpfer des Archivs dienen.

Ich bin ein wenig hin und her gerissen - vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Wilson überhaupt keine Erklärung für das "Wunder" geliefert, sondern sich ganz auf die Ausarbeitung der Alternativwelt konzentriert hätte. Andererseits ist die Erklärung ungewöhnlich genug, um mich zu faszinieren. Und ohne die Psionen bzw. ihre Schergen wäre der Roman um einige effektvolle Kapitel ärmer gewesen. Vor allem aber verliert Wilson seine Protagonisten nicht aus den Augen. Die Geschehnisse mögen noch so phantastisch sein; man kann doch mit den Hauptfiguren mitleiden. Vielleicht ist der Roman einfach nur zu kurz? Ich will gar nicht wissen, was für einen Wälzer z.B. Stephen King aus dem Stoff gemacht hätte! (10.05.2010)


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398
Gebrauchsanweisung für Griechenland Martin Pristl: Gebrauchsanweisung für Griechenland
Piper, 2008
189 Seiten

Dies ist die 6. Auflage einer im Jahre 2001 überarbeiteten Neuausgabe eines schon 1996 erschienenen Buches. Das Alter des Buches kann man schon daran erkennen, dass der gelungene EU-Beitritt Griechenlands lobend erwähnt wird... aber das nur nebenbei.

Das Buch ist eigentlich keine Gebrauchsanweisung für Griechenland, denn auf das Land selbst wird allenfalls am Rande eingegangen, sondern eine Gebrauchsanweisung für Griechen. Also für den Umgang mit diesem auf uns Nordeuropäer oft so chaotisch und doch (oder gerade deswegen) so charmant wirkenden Volk, diesen Meistern der Improvisation, deren Gleichmut nur während der Olivenernte oder in Diskussionen über die Politik verschwindet. Ich war zwar erst… hm… sechzehn Mal als Urlauber in diesem schönen Land zu Gast (siebzehn Mal, wenn man Zypern mitzählt), glaube aber doch, behaupten zu können, dass Pristl weiß, wovon er schreibt. Er lebt ja auch in Griechenland. Jedenfalls habe ich die Griechen genau so, wie Pristl sie beschreibt, selbst erlebt. In humorvoll-ironischer Weise werden die typischen Eigenschaften der Griechen beschrieben, und wenn ihre Macken auf die Schippe genommen werden, dann geschieht das mit einem Augenzwinkern, aber nie in beleidigender Weise. Pristl macht sich nicht über die Griechen lustig, aber er stellt sie so dar, wie sie sind - und das wirkt halt einfach manchmal lustig.

Pristl will keine konkreten Tipps für den Umgang mit den Griechen geben - das wäre bei diesem Volk von Individualisten auch gar nicht möglich - stattdessen versucht er, ihr Lebensgefühl einzufangen. Oder, wie man heute so schön sagt, er will verdeutlichen, wie die Griechen "ticken". Und das gelingt ihm ganz hervorragend. Ein Kernpunkt: Die Griechen lieben "Kosmos" - sie wollen dort sein, wo was los ist, wo das Leben pulsiert. Sie brauchen Rummel, Trubel und Kontakt, und das können sie auch in einer kargen, von kaltem Neonlicht erhellten Taverne finden, die auf Touristen einfach nur abschreckend wirkt. Auch räumt Pristl mit so manchen romantischen Vorurteilen auf. In diesem Zusammenhang hier eine der Formulierungen, für die man das Buch einfach lieben muss (Zitat): "...wenn Sommer für Sommer zehn Millionen Touristen zehn Millionen Einheimische überfallen, ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass gerade Sie auf einen der letzten Griechen treffen, der noch nicht begriffen hat, dass der Tourismus ein Geschäft ist, mehr als gering." (Zitat Ende)

Abgesehen davon, dass es "weniger als gering" oder so heißen müsste, kann ich diesen Satz jederzeit unterschreiben, muss aber ebenso wie Pristl hinzufügen, dass man in Griechenland trotzdem meist mit ehrlicher Herzlichkeit begrüßt wird. Ob das in Zeiten der Finanzkrise noch stimmt, werde ich womöglich in diesem Sommer aus erster Hand erfahren... (09.05.2010)

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397
Metro 2034 Dmitry Glukhovsky: Metro 2034
Heyne, 2009
526 Seiten

Moskau im Jahre 2034. Seit ein globaler Atomkrieg die Erdoberfläche in eine unbewohnbare, radioaktive Hölle verwandelt hat, in der nur noch mutierte Bestien existieren können, fristen die letzten Überlebenden ein erbärmliches Dasein im Untergrund. Ungefähr 10.000 Menschen haben sich vor 30 Jahren, als Moskau angegriffen wurde, in die atombombensicheren Stationen und Tunnels der Metro zurückgezogen. Doch auch dort herrscht Krieg. Jeder ist sich selbst der Nächste, Banditen ziehen plündernd von Station zu Station, und immer wieder kommt es zu grausamen Kämpfen zwischen verschiedenen verfeindeten Gruppierungen. Mit den wenigen verbliebenen technischen Hilfsmitteln, großen Pilzfarmen und den Nachkommen einer kleinen Schweineherde wird die Grundversorgung mehr schlecht als recht gesichert. Manche Gruppen wie die mächtige Hanse, die die Ringstationen kontrolliert, haben sich einen gewissen Wohlstand bewahrt und halten die menschliche Kultur aufrecht. In anderen, entlegenen Stationen fallen die Menschen jedoch allmählich in die Barbarei zurück, zumal sie die Hoffnung verloren haben, die engen, dunklen, schmutzigen Kavernen der Metro jemals wieder verlassen zu können. Es gibt aber noch ganz andere Bedrohungen, denn in der Metro hausen namenlose, räuberische Kreaturen und manchmal brechen schreckliche Seuchen aus, die ganze Stationen ausradieren.

Kampf gehört für die Bewohner der Sewastopolskaja zum Alltag. Diese Station liegt ganz am Rand der von Menschen besiedelten Metro und wird praktisch permanent von Ungeheuern aus den unerforschten Gebieten im Süden belagert. Die Menschen verteidigen ihre Heimat jedoch hartnäckig, denn in der Nähe befindet sich das größte Wasserkraftwert der Metro. Der Strom wird an die Hanse verkauft, im Austausch dafür erhalten die Sewastopoler Vorräte und Munition. Doch eines Tages lässt die Karawane mit der nächsten Warenlieferung auf sich warten. Die Telefonverbindung zur Ringlinie ist unterbrochen und ein Erkundungstrupp kehrt nicht zurück. Hunter, ein geheimnisvoller, unheimlicher Fremder mit einem Narbengesicht, der seit einiger Zeit in der Sewastopolskaja lebt und sich als unersetzlicher Kämpfer erwiesen hat, will selbst zur Ringlinie gehen. Homer, ein ehemaliger Angestellter der U-Bahn, begleitet ihn auf dieser gefahrvollen Reise. Unterwegs begegnen die beiden ungleichen Männer der jungen Sascha. Sie hat bisher allein mit ihrem verbannten Vater in einem Nebentunnel gelebt und wurde nach dessen Tod von einem seiner alten Feinde bedrängt. Hunter und Homer retten sie und dulden, dass sie sich ihnen anschließt. Sascha hält es für ihre Aufgabe, Hunter vor sich selbst zu schützen. Homer, der sich für einen Schriftsteller hält und ein unsterbliches Epos erschaffen will, benutzt diese Beziehung als Inspirationsquelle.

Schon bald stellt sich heraus, dass eine Seuche in einer Nachbarstation ausgebrochen ist, die daraufhin blockiert wurde. Für Hunter steht fest, dass die Station mit all ihren Bewohnern geopfert werden muss, wenn die übrige Metro gerettet werden soll. Sascha sucht verzweifelt nach einer anderen Möglichkeit...

Im Grunde ist dies keine Fortsetzung des Romans Metro 2033, sondern eine andere (aber sehr ähnliche) Geschichte, die im selben Umfeld spielt. Hunter ist zwar eine Figur aus dem älteren Roman, er hat dort aber keine große Rolle gespielt. Umgekehrt wird Artjom, die Hauptfigur des vorherigen Romans, diesmal nur ab und zu nebenbei erwähnt. Auf die damaligen Geschehnisse wird zwar manchmal angespielt, sie sind aber nicht mehr von Bedeutung. So erfährt man nicht, was Hunter widerfahren ist, wie er überlebt hat und wodurch seine Wandlung vom an sich schon nicht besonders umgänglichen Stalker zum grimmigen Todesengel bewirkt wurde. Seine Beziehung zu Sascha, der gleichzeitig naiven und desillusionierten Kindfrau, Homers Bemühungen, etwas zu erschaffen, das ihn selbst überdauert usw. - all diese Aspekte sollen dem Roman vermutlich eine gewisse Tiefe verleihen. Irgendwie hat mich das Ganze aber nicht überzeugt. Hunters gnadenlose Vorgehensweise ist ja noch verständlich. Er scheint sich die Schuld dafür zu geben, dass die "Schwarzen" vernichtet wurden, und will dieses Versagen wieder gut machen. Homers Motivation wirkt aber ein wenig an den Haaren herbeigezogen, und was Sascha wirklich in Hunter sieht oder was sie bewirken will, bleibt unklar. Und das Ende des Romans scheint auf eine weitere Fortsetzung angelegt zu sein, denn das Buch hat keinen richtigen Abschluss. Man meint, da müsse noch etwas kommen, und ist nicht zufrieden mit dem Ausgang der Geschehnisse.

Leider verblasst auch der an sich faszinierende Schauplatz gegenüber dem früheren Roman, denn Glukhovsky hat ihm wenig Neues hinzuzufügen. Die unterschiedlichen Gesellschaftsstrukturen in den Metrostationen, die dazwischen und außerhalb lauernden Gefahren, die Konflikte usw. - das kennen wir alles schon. Es wird nicht anders geschildert oder genauer ausgearbeitet als in "Metro 2033". Im Gegenteil: Glukhovsky schafft es diesmal nicht so gut, eine überzeugende Atmosphäre zu erschaffen, glaubwürdige Charaktere zu entwickeln und die Metro für den Leser "greifbar" zu machen. Die Welt wird auch nicht erweitert, d.h. man erfährt immer noch nicht, ob es außerhalb der Moskauer U-Bahn noch Überlebende gibt. Wieder werden diverse unerklärliche Phänomene einfach so in den Raum gestellt. Man muss sie akzeptieren, und man muss hinnehmen, dass sich innerhalb absurd kurzer Zeit völlig neue Lebensformen entwickelt haben. Und dass in der Metro nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Diese "übernatürlichen" Geschehnisse habe ich als störend empfunden.

"Metro 2034" ist immerhin noch ganz nettes Lesefutter, aber bei weitem nicht so spannend und faszinierend wie "Metro 2033". Vielleicht wird es ja eines Tages "Metro 2035" geben. Wenn ja, kann man nur hoffen, dass Glukhovsky dann die bisherigen Handlungsstränge zu einem befriedigenden Abschluss bringen wird. (03.05.2010)


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396
Die Flucht der Ameisen Ulrich C. Schreiber: Die Flucht der Ameisen
Piper, 2008
359 Seiten

Gerhard Böhm, Geologieprofessor aus Köln, sucht in der Eifel nach bestimmten geologischen Störungen, die seiner Theorie zufolge eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Rheinischen Schiefergebirges gespielt haben müssen. Seine Frau Katrin begleitet ihn ins Gelände, und gemeinsam stellen sie fest, dass auf den von Gerhard entdeckten Verwerfungslinien auffällig viele Ameisenhügel stehen. Gerhard findet außerdem Anzeichen für eine zunehmende vulkanische Aktivität in der Eifel. Unter anderem sind die Ameisen selbst im Winter noch aktiv, was nur durch Wärme erklärbar ist, die aus der Tiefe aufsteigt. Für eingehendere Forschungen fehlt ihm das Geld, ein entsprechender Antrag wird von den Behörden nicht bewilligt. Doch was in der Silvesternacht desselben Jahres geschieht, kann er ohnehin nicht vorhersehen: Direkt am Rhein, zwischen Koblenz und Bonn, ereignet sich ein heftiger Vulkanausbruch. Das Dorf Brohl wird durch Feuer und Asche vernichtet. Da Gerhards Hinweise die Rettung von Überlebenden ermöglichen, rückt er schnell ins Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Einige Monate später folgt eine weit größere Katastrophe. Der Vulkan (er hat inzwischen den Namen "Nunak" erhalten) bricht erneut aus und spuckt nicht enden wollende Lavaströme ins an dieser Stelle ohnehin schon enge Rheintal. So bildet sich ein unaufhaltsam wachsender Damm, der den Fluss aufstaut. Innerhalb kurzer Zeit läuft praktisch das gesamte Mittelrheintal voll. Koblenz und Mainz ertrinken in den Fluten, selbst der Frankfurter Flughafen steht bald unter Wasser - und ein Ende ist nicht abzusehen. Sogar die europäischen Nachbarländer sind bedroht. Die Bevölkerung wird so schnell wie möglich evakuiert. Gerhard gehört zu den Spezialisten, die von der Regierung hinzugezogen werden. Auf seinen Rat hin versucht man einen Tunnel unter dem Lavastrom voranzutreiben, um einen Abfluss der Wassermassen zu ermöglichen. Es kommt jedoch immer wieder zu Erdbeben, die die Arbeiten gefährden. Sollte der Lavadamm durch neue Ausbrüche weggesprengt werden, wäre eine verheerende Flutwelle die Folge.

Die Katastrophe bringt aber noch ganz andere Dinge ans Tageslicht: Bei den Evakuierungsmaßnahmen begegnet Gerhard einer ehemaligen Liebe, mit der er sich auch nach der Heirat mit Katrin noch ein einziges Mal getroffen hat - und bei der Arbeit im Tunnel stößt Gerhard auf etwas aus der Sagenwelt, das seit vielen Jahrhunderten auf dem Grund des Rheins geschlummert hat...

Ulrich C. Schreiber ist Geologe. Er weiß also, wovon er schreibt, und kann nicht nur ein glaubwürdiges Szenario entwerfen, sondern selbiges auch mit Fakten unterfüttern. Die Eifel gilt auch heute noch als vulkanisch aktiv, und ein Blick auf die Landkarte zeigt: Was in diesem Roman beschrieben wird, könnte sich tatsächlich so ereignen. Dieses Szenario wirkt auf mich, der ich in Rheinland-Pfalz lebe, in Mainz arbeite und regelmäßig mit der Bahn durchs Rheintal fahre, geradezu gespenstisch. Allerdings bleibt es mehr oder weniger dem Leser überlassen, sich die menschlichen Schicksale, die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft in Deutschland usw. vorzustellen, denn Schreiber geht auf diese Aspekte nur am Rande ein. Gut, Gerhard ist von alldem nicht unmittelbar betroffen, und da der Roman zwar nicht in der Ich-Perspektive geschrieben ist, sich aber ganz auf den Geologen konzentriert (der denn auch ständig im Mittelpunkt der Geschehnisse steht und vielleicht ein paarmal zu oft entscheidend eingreift), kann man das akzeptieren.

Der Roman ist gut, solange er nüchtern und sachlich bleibt, d.h. solange Schreiber sich auf sein eigenes Fachgebiet konzentriert. Dass die wissenschaftlichen Hintergrundinformationen etwas oberlehrerhaft vermittelt werden, kann man verschmerzen. Dem Autor scheint dieser Mangel übrigens selbst aufgefallen zu sein, denn Böhms Frau wirft ihrem Mann genau diese schulmeisterliche Art vor. Wenn es aber zu "menscheln" beginnt, wird der Roman schnell peinlich. Das gilt auch für den manchmal allzu bemüht wirkenden Humor. Da schreckt der Autor auch nicht vor geradezu schmerzhaften Kalauern zurück. Die Dialoge wirken oft gekünstelt, die Charaktere (außer Gerhard natürlich) bleiben blass. Nur Kater Morpheus hat bei mir für das eine oder andere Grinsen gesorgt: Der Schabernack, den der Bursche treibt, scheint direkt aus dem Leben gegriffen zu sein. Der Roman kippt leider endgültig (Achtung: Es folgen Spoiler), wenn im trockengelegten Teil des Rheins ein riesiger Goldschatz gefunden wird, den Gerhard für den Nibelungenhort hält. Diesen Teil hätte Schreiber lieber ganz weglassen sollen. (26.04.2010)


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395
Lucky Starr Isaac Asimov: Lucky Starr
Bastei-Lübbe, 2003
964 Seiten

In der fernen Zukunft hat die Menschheit viele Planeten der Milchstraße besiedelt. Zentrum des Reiches ist nach wie vor die Erde. Die Kolonien sind teilweise unabhängig. Manche, vor allem die Sirianer, werden zur Bedrohung für die Erde. Die mächtigste Organisation der Erde ist der Wissenschaftsrat. Der Rat strebt zwar nicht nach Macht und steht über den politischen und militärischen Organisationen, kümmert sich jedoch um alle Bedrohungen, die die Erde betreffen. Die Ratsmitglieder besitzen Sondervollmachten und sind im Zweifelsfall die höchste Entscheidungsinstanz. Nur die Elite der Wissenschaftler kann hoffen, in den Rat aufgenommen zu werden. David Starr, genannt "Lucky", gehört zu dieser Elite. Er ist der letzte Überlebende eines von Piraten gekaperten Schiffes; seine Eltern wurden damals getötet. Seine Mentoren Augustus Henree und Hector Conway haben ihn seinerzeit in einer im All treibenden Rettungskapsel gefunden. David wird zum jüngsten Ratsmitglied. Seine Aufträge führen ihn zu verschiedenen Planeten des Sonnensystems.

Dieser Band enthält alle sechs Lucky-Starr-Romane:

Lucky Starr - Weltraumranger: Auf der Erde kommt es zu mysteriösen Fällen von tödlichen Lebensmittelvergiftungen. Alle vergifteten Nahrungsmittel stammen vom Mars. David Starr, der gerade erst zum Vollmitglied des Wissenschaftsrates geworden ist, wird zum Nachbarplaneten der Erde geschickt. Er verdingt sich undercover als Arbeiter bei einer Marsfarm. Dort lernt er seinen späteren Freund und ständigen Begleiter, den kleinwüchsigen James Jones (genannt "Bigman") kennen. Im Rahmen seiner Ermittlungen begegnet David Lebewesen, die schon seit Urzeiten auf dem Mars leben und den Menschen weit überlegen sind. Von ihnen erhält er einen Energieschild, der seinen Körper unkenntlich macht und vor allen Gefahren schützt.

Lucky Starr im Asteroidengürtel: Ein Jahr, nachdem Lucky die Lage auf dem Mars geklärt hat, gerät die Erde wieder in Gefahr. Die Piratenübergriffe häufen sich, möglicherweise stecken die Sirianer dahinter. Da sich die Verbrecher im unübersichtlichen Asteroidengürtel verstecken, ist es praktisch unmöglich, diese Bedrohung ein für allemal auszuschalten. Ohne Wissen seiner Mentoren versucht Lucky, sich bei den Piraten einzuschleichen und den Kopf der Bande zu finden. Seine Tarnung fliegt jedoch schnell auf, so dass er in Lebensgefahr gerät.

Lucky Starr auf der Venus: Lucky soll merkwürdige Vorgänge auf der Venus untersuchen, weil ein anderes Ratsmitglied, mit dem er befreundet ist, dort verbrecherischer Machenschaften beschuldigt worden ist. Schon bei der Anreise geraten Lucky und Bigman in Gefahr, da die Piloten ihres Shuttles wie unter Hypnose agieren und das Schiff abstürzen lassen. Offenbar kommt es auf der Venus seit einiger Zeit immer wieder zu ähnlichen Vorfällen. Für Lucky steht fest, dass die Menschen von einer fremden Macht beeinflusst werden. Sind etwa die allseits beliebten V-Frösche dafür verantwortlich?

Lucky Starr im Licht der Merkursonne: Lucky und Bigman reisen zum Merkur, um eine Serie von Unfällen zu untersuchen, die ein extrem wichtiges Forschungsprojekt gefährden. Einer der auf dem Planeten eingesetzten Wissenschaftler verdächtigt die Sirianer, Sabotage verübt zu haben. Dieser Verdacht erhärtet sich, als Lucky von einem Roboter sirianischer Bauart angegriffen wird. Aber wer hat den Roboter programmiert?

Lucky Starr auf den Jupitermonden: Informationen über das Agrav-Schiff, ein streng geheimes Forschungsprojekt auf dem neunten Jupitermond, sollen an die Sirianer verraten worden sein. Lucky und Bigman gehen der Sache nach. Sie werden unfreundlich empfangen, da auf Jupiter IX hauptsächlich ehemalige Straftäter arbeiten, die sich rehabilitieren wollen und schon mehrere Sicherheitsüberprüfungen über sich ergehen lassen mussten. Lucky gewinnt jedoch schnell den Respekt der Männer. Allerdings gibt es noch ein ganz anderes Problem: Der Befehlshaber der Station setzt alles daran, den Jungfernflug des Agrav-Schiffes noch in seiner Amtszeit durchzuziehen...

Lucky Starr und die Saturnringe: Unbemerkt von Regierung und Wissenschaftsrat haben die Sirianer eine Kolonie auf dem Saturnmond Titan errichtet. Die Erdregierung hat den Saturn und dessen Monde nie offiziell als ihr Eigentum bezeichnet, und diesen Umstand wollen die Sirianer nutzen, um einen Präzedenzfall zu schaffen. Mit einer Basis auf Titan hätten sie einen wichtigen Brückenkopf im Sonnensystem. Würde die Erde mit militärischer Gewalt gegen diese Kolonie vorgehen, so hätten die Sirianer sofort alle anderen Kolonialwelten auf ihrer Seite. Deshalb müssen Lucky und Bigman auf eigene Faust handeln. Sie werden umgehend der Spionage beschuldigt. Lucky hat einen Plan: Er will die Sirianer mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Isaac Asimov ist hierzulande wohl vor allem als Autor der "Foundation"-Romane und als Erfinder der drei Robotergesetze bekannt. Übrigens spielt die merkwürdige Vorstellung, dass Robotergehirne stets so konstruiert sind, dass sie diesen Gesetzen folgen müssen (d.h. dass sie nicht anders programmiert werden können), auch in manchen der Lucky Starr-Romane eine wichtige Rolle. Diese Romane richten sich eindeutig an ein jugendliches Publikum und enthalten recht viele Passagen mit weitschweifigen Erklärungen zu den verschiedenen Schauplätzen, diversen Technologien und dergleichen. Asimov verfällt dabei in einen belehrenden Tonfall, der sich in Unterhaltungsromanen eher störend auswirkt. Zumal die Beschreibungen dem damaligen Wissens- und Technikstand entsprechen und natürlich heillos überholt sind. So ist zumindest für unfreiwillige Komik gesorgt, z.B. wenn man liest, wie ein Computer mit Daten gefüttert wird und daraufhin einen Lochstreifen ausspuckt, der wiederum in einen anderen Computer eingelegt werden muss...

Selbst wenn man berücksichtigt, dass die sechs in diesem Band enthaltenen Romane in der Zeit von 1952 bis 1958 entstanden sind, sind sie heute schwer zu ertragen. Schon das Konzept einer Organisation (Wissenschaftsrat), die ihre offensichtlich gewaltigen Machtmittel nach eigenem Gutdünken einsetzen kann, ohne in irgendeiner Weise der staatlichen Kontrolle zu unterliegen, ist günstigstenfalls grenzenlos naiv. Natürlich sind alle Mitglieder des Wissenschaftsrates absolut integre, grundgute Menschen, die sich niemals von der eigenen Machtfülle korrumpieren lassen würden und immer nur für das Wohl der Gemeinschaft eintreten. Aber auch die Hauptpersonen sind derart eindimensional, dass es weh tut - zumindest im Fall von Bigman. Lucky ist einfach nur der typische durchtrainierte, unbesiegbare und superschlaue 08/15-Held, der nie seine Überlegenheit verliert und dem in jeder noch so ausweglosen Situation aus heiterem Himmel eine Lösung einfällt. Genauer charakterisiert wird er nicht, er bleibt blass und austauschbar.

Das kann man ja noch hinnehmen. Aber sein Sidekick Bigman ist ein ganz anderes Kaliber. Diese Nervensäge begreift immer zunächst einmal gar nichts, so dass Lucky ihm (und dem Leser) alles erklären darf. Lucky zaust ihm gern das Haar und behandelt ihn auch sonst eher wie ein drolliges Haustier. Noch schlimmer ist Bigmans Minderwertigkeitskomplex. Das gnomenhafte Männlein ist nur 1,55 Meter groß und hasst deshalb alles, was größer ist als er selbst (auch Planeten). Sollte es irgendjemand wagen, sich über seine geringe Körpergröße lustig zu machen, rastet er aus und will seinen Kontrahenten verprügeln. Was auch mehrmals geschieht - in jedem Roman gibt es mindestens eine Prügelszene. Bigman scheint nur dazu da zu sein, um sich selbst oder Lucky durch unüberlegte Aktionen in Gefahr zu bringen, Wutanfälle zu erleiden und dumme Bemerkungen zu machen. Dieses Klischee wird derart auf die Spitze getrieben, dass es man es wie gesagt kaum ertragen kann. Dass die Protagonisten unglaublich oft Ausrufe wie "Heiliger Weltraum!", "Bei den Wüsten des Mars!", "Große Galaxis!" und dergleichen von sich geben, kann auch nur für Kopfschütteln sorgen. Die deutsche Übersetzung trägt noch zum negativen Gesamteindruck bei, denn sie wimmelt nicht nur vor Fehlern, sondern auch vor Kraftausdrücken, Gossensprache, betont macho- oder rüpelhaftem Gelaber und dergleichen.

Leider verlaufen die Romane immer nach demselben Schema. Unerklärliche Phänomene oder Kriminalfälle rufen Lucky auf den Plan. Der schaut sich vor Ort ein bisschen um, absolviert das eine oder andere Duell, macht Verfolgungsjagden im All, muss sich mit durchgedrehten Robotern auseinandersetzen usw., und präsentiert am Ende in weiteren weitschweifigen Erklärungs-Kapiteln seine Schlussfolgerungen - die immerhin logisch bleiben und nicht einfach nur aus dem Hut hervorgezaubert werden. Das Ganze wird mit ein paar technischen Spielereien gewürzt, wie z.B. den Kraftfeldklingen, die angeblich den Lichtschwertern aus Krieg der Sterne als Vorbild gedient haben sollen.

Muss man nicht gelesen haben. (19.04.2010)


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394
Gottesgemüse Jürgen Kehrer: Gottesgemüse
Grafit-Verlag, 1992
141 Seiten

Georg Wilsberg hat's geschafft: Er hat sich von seinem alten Kompagnon getrennt. Mit der Abfindung, die er für seinen Anteil am gemeinsam betriebenen Kaufhaus erhalten hat, konnte er ein schönes Büro direkt am Prinzipalmarkt in Münster mieten. Die Laufarbeit überlässt er zwei Angestellten, eine Sekretärin (Sieglinde Bach, genannt "Sigi") erledigt den lästigen Papierkram. Wilsberg kann es sich endlich leisten, nur noch Aufträge anzunehmen, die ihn wirklich interessieren.

Wilsberg wird von Anja Kunstmann aufgesucht. Die verzweifelte Frau bittet den Privatdetektiv, ihren Mann, einen angesehenen Professor für Astrophysik, aus den Fängen einer Sekte zu befreien. Martin Kunstmann ist seit einiger Zeit Mitglied der "Kirche für angewandte Philosophie" (KAP), die ihren Anhängern viel Geld aus der Tasche zieht. Die KAP bietet dubiose Therapiekurse an, die es ihren Mitgliedern ermöglichen sollen, schmerzhafte Erinnerungen zu bewältigen und sich zu mächtigen "Geistwesen" zu entwickeln. Dahinter steht nichts anderes als eine raffinierte Gehirnwäsche, mit der die KAP totale Abhängigkeit erzeugt. Prof. Kunstmann hat ein KAP-Seminar in England besucht und ist von dort nicht zurückgekehrt.

Da Wilsberg seine junge Klientin mehr als nur sympathisch findet, nimmt er den Auftrag an. Zu Recherchezwecken schleicht er sich in die Reihen der Sekte ein, aber er muss bald feststellen, dass dieser Auftrag mehrere Nummern zu groß für ihn ist. Die mächtige KAP hat ihre Helfer überall, und bald gerät Wilsberg in Lebensgefahr...

Wilsbergs dritter Fall wurde nicht vom ZDF verfilmt, und man kann sich leicht vorstellen, warum das so ist. Es fällt nämlich nicht schwer, in der KAP die Scientology-Sekte zu erkennen, und vermutlich wollte sich das ZDF nicht mit dieser mächtigen Organisation anlegen bzw. hat die Thematik als zu anspruchsvoll für leichte Samstagabend-Unterhaltung eingestuft. Genau wie Scientology wurde auch die KAP von einem Science-Fiction-Schriftsteller gegründet, und das Gedankengut, die Kurse usw. erinnern nicht von ungefähr sehr deutlich an "Dianetics" und "Auditing". So lächerlich das im Roman auch klingen mag: Es gibt in der Realität Millionen von Menschen, die an solchen Humbug glauben. Obwohl auch Jürgen Kehrer nicht allzu genau auf diese Thematik eingeht (wie sollte das bei 141 Seiten auch möglich sein) und die Auswirkungen der KAP-Praktiken auf die Opfer weitgehend ausklammert, hätte man aus diesem Stoff einen ziemlich brisanten, auf jeden Fall aber spannenden Film machen können. Aber vielleicht kommt der ja noch.

Der Roman-Wilsberg unterscheidet sich diesmal noch mehr als bisher von der Verfilmung: So erfolgreich war seine Filmversion nie. Sigi, seine Sekretärin (mit der er auch schon mal ins Bett steigt), kommt in den TV-Krimis ebenso wenig vor wie die beiden Hilfs-Detektive. Egal: Auch diesmal gerät Wilsberg wieder in Gefahr und muss einiges an Prügel einstecken. Tatsächlich endet der Roman so, dass man annehmen könnte - ACHTUNG! Hier folgen Spoiler! - Kehrer habe die Krimireihe mit diesem Band abschließen wollen. Was Wilsberg diesmal erdulden muss, ist starker Tobak; als ein Mord geschieht, ist er persönlich betroffen... Zum Glück überlebt der sympathische Prügelknabe, es folgen noch zahlreiche Wilsberg-Romane. Sie stehen alle auf meiner "to buy"-Liste.

Übrigens: Ein Hauch von Nostalgie macht sich breit, wenn in diesem Roman, erschienen im Jahre 1992, vom ECU und von verkaufsoffenen Samstagen die Rede ist... (12.04.2010)


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393
Krieg der Vampire David Wellington: Krieg der Vampire
Piper, 2008
363 Seiten

Ein Jahr ist vergangen, seit Special Deputy Jameson Arkeley Trooper Laura Caxton als Lockvogel für die vermeintlich letzten Vampire missbraucht hat und beim Kampf gegen diese Kreaturen zum Krüppel gemacht worden ist. Caxton ist inzwischen ins Bureau of Criminal Investigation aufgestiegen und hat zahlreiche Fortbildungen über sich ergehen lassen. Als sie erstmals an einem richtigen Einsatz teilnimmt, einer Razzia gegen eines der größten Drogenlabore Pennsylvanias, verhält sie sich prompt falsch und gerät in Gefahr. Deshalb sind ihre Vorgesetzten nur zu gern bereit, Arkeleys Wunsch nachzukommen, als er Caxton erneut anfordert. In einer Höhle unter dem Schlachtfeld von Gettysburg sind 99 Särge mit Vampirskeletten gefunden worden. Bei allen fehlt das Herz, so dass sie ungefährlich zu sein scheinen, doch Arkeley weiß, dass mehr dahintersteckt. Er stützt sich nicht nur auf Vermutungen, sondern auf Informationen, die er von der uralten Vampirin Justinia Malvern erhält. Arkeley hat den Sarg mit der nicht mehr handlungsfähigen Untoten immer bei sich. Er füttert sie mit seinem eigenen Blut...

Caxton ist nicht bereit, sich wieder von Arkeley vereinnahmen zu lassen, aber sie begleitet den alten Vampirjäger immerhin zur Fundstelle. Sie stellt fest, dass ein Sarg fehlt - zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs müssen einhundert Vampire in dieser Höhle beigesetzt worden sein. Noch in derselben Nacht stößt Caxton mit dem Ungeheuer zusammen, wird von diesem aber verschont. Sie kann sich nicht erklären, warum das Wesen sich überhaupt noch bewegen kann. Ebenso wie Malvern sollte von ihm nach all der Zeit nur ein vermoderter Haufen kaum mit Fleisch überzogener Knochen übrig sein, doch der Vampir ist quicklebendig und sehr zielstrebig. Caxton übernimmt den Fall. Es stellt sich heraus, dass sie es nicht nur mit einem einzigen Gegner zu tun hat, denn die Herzen der 99 anderen Vampire wurden keineswegs vernichtet. Jemand hat sie entwendet und kann die Vampire somit jederzeit wieder zum Leben erwecken. Und so muss die unerfahrene Polizistin, die allgemein für eine große Vampirjägerin gehalten wird, die Stadt Gettysburg auf einen Krieg vorbereiten, dessen Grausamkeit sich niemand vorstellen kann.

Gegenüber Der letzte Vampir fällt dieser Roman, der zweite in Wellingtons Vampir-Serie, zwar ziemlich ab, dennoch bietet er actionreiche und alles andere als zimperliche Horror-Kost. Da Arkeley praktisch außer Gefecht ist, steht Laura Caxton noch mehr im Mittelpunkt als im ersten Roman der Reihe, bis es am Ende zu einer überraschenden Wendung kommt, über die ich an dieser Stelle nichts verraten will – mehr dazu, wenn ich Band 3 gelesen habe. Caxtons Ungeschicktheit wird zu Beginn etwas zu sehr übertrieben, so dass es schwer fällt, ihr die Rolle als Anführerin einer ganzen Armee im Kampf gegen die Vampire abzunehmen. Immer wieder macht sie fatale Fehler, schätzt Situationen falsch ein und scheint kaum geeignet zu sein, gegen ihre übermächtigen Feinde zu bestehen. Kein Wunder, dass ihr am Schluss Hilfe von gänzlich unerwarteter Seite zuteil werden muss, damit die Geschichte wenigstens halbwegs gut ausgeht...

Wie ich zu Band 1 schon schrieb, sind Wellingtons Vampire keine romantischen Figuren, keine charmanten Verführer usw., sondern blutrünstige Bestien. Allerdings können sich auch alte Vampire einen Rest Menschlichkeit bewahren. Das gilt auch für Caxtons Hauptgegner, einen Veteranen des amerikanischen Bürgerkriegs. Durch zahlreiche Rückblicke in diese Zeit gewinnt er Charakter und Profil, er wird dem Leser sogar sympathisch. Er ist deshalb ein viel besserer Antagonist als die verschiedenen Vampire des ersten Buches, die doch eher gesichtslos geblieben sind. Man muss aber sagen: Die erwähnten Rückblicke in die Zeit seiner Vampir-Werdung sind der interessantere Teil des Romans. Der Rest beschränkt sich auf die Vorbereitung auf den großen Kampf und den Kampf selbst. Mehr als diverse blutige Gefechte zwischen Menschen und Vampiren wird da nicht geboten. Die Idee, dass es dem Vampir gar nicht darum geht, so viele Menschen wie möglich auszusaugen oder dergleichen, sondern um Rache an Justinia Malvern, der er sein Schicksal zu "verdanken" hat, geht darüber irgendwann in Vergessenheit, d.h. dieser Subplot spielt sehr bald keine Rolle mehr. Ob er im dritten Teil zu Ende geführt wird? (06.04.2010)


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392
Artus Stephen Lawhead: Artus (Pendragon-Saga 3)
Buchvertrieb Blank GmbH, 2004
538 Seiten

Die Römer haben sich vollständig aus Britannien zurückgezogen. Angeln, Sachsen, Iren, Pikten und andere Barbarenvölker suchen die Küstengebiete heim, um raubend und brandschatzend immer tiefer ins Land vorzudringen. Artus zieht das Schwert aus dem Stein und strebt die Hochkönigswürde an. Merlin hofft, dass es dem jungen Mann gelingen wird, die Stämme der Insel der Mächtigen zu vereinen, die fremden Invasoren zu besiegen und das Sommerreich zu errichten - ein christliches Reich des Friedens, der höfischen Bildung und des Wohlstands, in dem alle Britannier vereint sind. Artus hat bereits viele Anhänger, doch zahlreiche Kleinkönige bestreiten seinen Herrschaftsanspruch. Zwar küren sie ihn zum Herzog und übertragen ihm die Aufgabe, ein Heer zur Verteidigung des Landes gegen die Barbaren aufzustellen, doch verweigern sie ihm den dringend benötigten Tribut. So muss Artus nicht nur gegen die Invasoren zu Felde ziehen, sondern auch gegen seine Landsmänner.

Artus erweist sich als hervorragender Feldherr und charismatischer Anführer, der es versteht, die Menschen für sich und seine Ziele zu begeistern. Nach und nach schart Artus eine immer größere Gefolgschaft um sich, zu der schließlich nicht nur Bors aus dem fernen Armorica gehört, sondern auch einige seiner einstigen Feinde aus Irland. Auf diese Weise kommen Prinzessin Gwenhwyvar und ihr Beschützer Llwch Llenlleawg an Artus' Hof. Der junge Heerführer verliebt sich in die schöne, aber sehr eigenwillige Königstochter und vermählt sich mit ihr - allerdings macht er sich mit dieser Verbindung nicht nur Freunde, denn die Britannier misstrauen den neuen Verbündeten von der Nachbarinsel noch immer. In verlustreichen Schlachten vernichtet das Heer Britanniens mehrere riesige Barbarenhorden. Artus treibt zudem den Schiffsbau voran, so dass die Küsten vor neuen Invasionsversuchen gesichert werden können. Allmählich scheint der Friede in greifbare Nähe zu rücken, doch Unheil naht von anderer Seite.

Merlin trifft mehrmals mit der bösen Zauberin Morgian zusammen, die ihn und Artus vernichten will. Nachdem sie Siedlungen der Atlanter vernichtet und Merlins Vertrauten Pelleas beseitigt hat, stellt sie sich ihm zum Entscheidungskampf. Merlin obsiegt zwar mit Gottes Hilfe und vertreibt seine Widersacherin, doch dabei verliert er für viele Jahre das Augenlicht. Eines Tages kehrt Morgian zurück, aber ihre Macht ist geschwunden und sie wird getötet. Artus und seine Gefährten wundern sich über die Reaktion Medrauts, eines Kriegers im Gefolge des Königs. Nur zu bald sollen sie erfahren, wer der hochmütige junge Mann wirklich ist...

Auch im dritten Band der Pendragon-Reihe interpretiert Lawhead den Sagenstoff um König Artus und die Ritter der Tafelrunde neu. Wie üblich werden bekannte Elemente dieser Geschichte mit dem auf keltischen Mythen basierenden Mabinogion, realen geschichtlichen Ereignissen, der Legende von Atlantis und christlichen Mysterien verknüpft. Der Schwerpunkt liegt noch mehr als bisher auf dem Abwehrkampf der Britannier gegen Angeln, Sachsen, Iren und andere "Barbarenvölker", und so wird das Buch über weite Strecken von ausführlichen Schlachtenszenarien dominiert, die recht bald langweilig werden. Artus bleibt natürlich siegreich und wird zum Sommerkönig, aber als es soweit ist, ist es auch schon gleich wieder vorbei. Die glücklichen Jahre seiner Herrschaft werden auf ganz wenigen Seiten abgehandelt.

Die Tafelrunde und die aus der Sage bekannten Abenteuer der Ritter spielen praktisch überhaupt keine Rolle, die Suche nach dem Heiligen Gral wird nur nebenbei kurz erwähnt. Gwenhwyvar (Guinevere) und Llwch Llenlleawg (Lancelot) werden zwar gut eingeführt und hätten zu sehr interessanten Charakteren werden können, aber Lawhead ignoriert beide Figuren (wie übrigens die meisten Protagonisten) im weiteren Verlauf fast völlig. Sie haben anscheinend auch keine Liebesbeziehung, d.h. Artus hat keinen Grund zur Eifersucht. Auch Charis und die übrigen Atlanter verschwinden nur allzu bald in der Vergessenheit. Insgesamt lässt der Roman die gute Charakterzeichnung der beiden vorherigen Bände vermissen, sie wird den vielen Kampfszenen und den Vorbereitungen dazu geopfert. Nur im zweiten Teil des Romans, der aus der Sicht von Bedwyr erzählt wird (die anderen Ich-Erzähler sind der Atlanter Pelleas und Aneirin, ein Barde), schimmert ein wenig Humor durch, denn Bedwyr ist ein handfester Krieger, der die Geschehnisse ironisch kommentiert. Ansonsten ist der Roman bierernst und manchmal unglaublich schwülstig.

Geradezu unerträglich wird es, wenn auf dem "göttlichen Auftrag" des Sommerkönigs herumgeritten wird. Die Britannier werden mal eben massenweise getauft, bevor sie begeistert singend in die Schlacht ziehen. Somit metzeln sie die Barbaren mit Gottes Segen nieder, vorher wäre es vielleicht eine Sünde gewesen. Die Vernichtung der heidnischen und natürlich absolut bösen, schmutzigen, hässlichen und niederträchtigen Gegner gerät zur Ausmerzung unwerten Lebens. Da beschleicht den Leser doch sehr bald ein äußerst unbehagliches Gefühl. (22.03.2010)


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391
Typisch Katze Marty Becker / Gina Spadafori: Typisch Katze!
VAK-Verlag 2007
248 Seiten, gebunden

Marty Becker ist Mediziner, Gina Spadafori ist Journalistin. Die beiden Autoren beantworten 101 der am häufigsten zum Thema Katzen gestellten Fragen. Sie räumen mit diversen Gerüchten und Fehlinformationen auf, geben praktische Tipps zum Zusammenleben mit sowie zur Pflege von Katzen und machen dem Leser klar, welche Rolle er in einer solchen Beziehung haben kann: Höchstens die eines geschätzten Kumpels, aber nie die des Herren. Ob alles stimmt, was Becker und Spadafori schreiben, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls kann ich vieles aus eigener Erfahrung bestätigen. Lobenswert ist, dass die Autoren immer deutlich machen, wenn sie den Boden der gesicherten Tatsachen verlassen und eigene, persönliche Ansichten einbauen. Da sie alle Informationen mit einer gehörigen Portion Humor verpacken, ist das Buch nicht nur eine informative, sondern auch eine sehr unterhaltsame Lektüre für alle Katzenfreunde. (14.03.2010)

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390
Metro 2033 Dmitry Glukhovsky: Metro 2033
Heyne, 2008
783 Seiten

Im Jahre 2033, knapp 30 Jahre nach einem globalen Atomkrieg, ist die Erdoberfläche eine unbewohnbare, radioaktive Hölle. Die wenigen Überlebenden haben sich in den Untergrund zurückgezogen. In der Metro, der Moskauer Untergrundbahn, leben noch ungefähr 10.000 Menschen unter meist erbärmlichen Bedingungen. Verschiedene Gruppierungen, die teilweise untereinander verfeindet sind und sich bekämpfen, hausen in den atombombensicheren Metrostationen. Mit den verbliebenen technischen Hilfsmitteln, großen Pilzfarmen und den Nachkommen einer kleinen Schweineherde wird die Grundversorgung mehr schlecht als recht gesichert. Besonders wagemutige Abenteurer, die so genannten Stalker, machen immer wieder kurze Expeditionen zur Oberfläche, um wertvolle Dinge und Brennholz aus der zerstörten Stadt zu holen. Manche Gruppen wie die mächtige Hanse, die die Ringstationen kontrolliert, haben sich einen gewissen Wohlstand bewahrt und halten die menschliche Kultur aufrecht. In anderen, entlegenen Stationen fallen die Menschen jedoch allmählich in die Barbarei zurück, zumal sie die Hoffnung verloren haben, die engen, dunklen, schmutzigen Kavernen der Metro jemals wieder verlassen zu können. Obskure Kulte, Neofaschisten und Plünderer machen sich breit. Es gibt aber noch ganz andere Bedrohungen, von denen riesige Rattenschwärme noch die harmlosesten sind. Der Krieg wurde nicht nur mit Atomwaffen geführt; auch experimentelle biologische Waffensysteme sind zum Einsatz gekommen. Und so sind in kürzester Zeit mutierte Wesen entstanden, die sich in den Tiefen der Metro einnisten oder von außen in sie eindringen und die Randstationen zu überrennen drohen.

Der junge Artjom gehört zu einer Generation, die das Leben an der Erdoberfläche schon nicht mehr kennt. Seine Station ist eine derjenigen, die immer öfter von grauenhaften Kreaturen angegriffen werden - da Artjom vor einiger Zeit mit zwei anderen Jungen einen unerlaubten Abstecher an die Oberfläche gemacht und dabei die schweren Sicherheitstüren seiner Station geöffnet hat, nimmt er an, er selbst sei Schuld an diesen Überfällen. Schlimmer als die angreifenden Mutanten ist die Angst, die wie ein hypnotischer Einfluss von ihnen auszugehen scheint und die Verteidiger in den Wahnsinn treibt. Eines Tages erscheint Hunter in Artjoms Station, ein Stalker, der den Überfällen auf den Grund gehen will. Bevor er aufbricht, übergibt er Artjom eine Botschaft, die dieser in die "Hauptstadt" der Metro bringen muss, falls Hunter etwas zustoßen sollte. Als Hunter nicht zurückkehrt, bricht Artjom zu einer gefahrvollen Reise in die "Polis" auf. Unterwegs begegnet er zahlreichen Helfern, aber auch schrecklichen Feinden, und lernt die verschiedenen Gesellschaftsformen der Metro kennen. Beim verzweifelten Versuch, seine Heimat gegen das sich ausbreitende Grauen zu verteidigen, kommt Artjom einem unblaublichen Geheimnis auf die Spur…

Dystopische Endzeit-Romane, deren Handlung in einer postapokalyptischen Welt spielt, gibt es ja wirklich zuhauf. Dennoch stößt man immer wieder auf Szenarien, die man so noch nicht kannte und die einen interessanten Hintergrund für spannende Geschichten bilden. So auch in "Metro 2033". Ich habe schon -zig Romane gelesen, in denen der Überlebenskampf der letzten Menschen nach einem Atomkrieg oder einer sonstigen Katastrophe geschildert wird, aber Glukhovsky fügt dem doch noch ganz eigene Aspekte hinzu. Der Schauplatz ist selbst für mich, der ich die Moskauer Metro nicht kenne, absolut faszinierend. Die klaustrophobische Enge, die Angst und Verzweiflung der Menschen, die allgegenwärtige Bedrohung und die verschiedenen Möglichkeiten, damit fertig zu werden - all das wird so eindringlich, glaubwürdig und in sich schlüssig geschildert, dass man die unterirdische Welt der Metro deutlich vor dem inneren Auge sehen kann. Wie muss es da erst jenen Lesern gehen, die die Moskauer U-Bahn täglich nutzen und konkrete Orte mit all den für mich doch sehr exotisch klingenden Namen in Verbindung bringen können?

Artjoms abenteuerliche Reise folgt dem typischen Handlungsverlauf einer mittelalterlichen Queste, durch die sich der Schauplatz dem Leser allmählich erschließt. Artjom, der bisher nur seine Heimatstation kannte, muss ein fernes Ziel erreichen, um seine Welt zu retten. Er hat unterwegs viele Gefahren zu überstehen, Aufgaben zu lösen usw., und ist dabei auch auf der Suche nach sich selbst und dem Sinn seiner Existenz. Dabei wird er erfahrener und reifer, bis er am Ende die Wahrheit erkennt. Dass sich das vermeintliche Happy-End auf der letzten Seite im Grunde in eine bittere Niederlage verwandelt, ist dabei die letzte Konsequenz: Die Menschheit wiederholt ihre Fehler. Weite Teile des Romans bestehen aus detailreichen Beschreibungen der diversen teils recht bizarren Subkulturen in der Metro. Hinzu kommen philosophische Überlegungen und Geschichten am Lagerfeuer - da es in der Metro kein System für die schnelle Nachrichtenübermittlung mehr gibt, verbreiten sich nur noch Gerüchte, Legenden und heillos übertriebene Schreckensbotschaften. Über die Gründe für den Krieg und dessen Verlauf erfährt man nur wenig - aber das passt zur Handlung, schließlich kennt Artjom nur die Metro, Dokumente über die zerstörte Zivilisation gibt es praktisch nicht, erst recht keine Kontakte zu anderen Überlebenden, und nur wenige Menschen erinnern sich noch an die Zeit "davor"...

Action, Abenteuer und ein bisschen Gesellschaftskritik, ein wunderbar ausgearbeiteter Schauplatz mit ungemein bedrückender Atmosphäre, menschlich bleibende Charaktere, spannende Unterhaltung mit Stoff zum Nachdenken - insgesamt ein toller Roman. Er liest sich allerdings ein wenig wie der Auftakt zu einer ganzen Serie, denn manche Fragen bleiben offen. Und in der Tat ist die Fortsetzung ("Metro 2034") bereits erschienen. Das Buch liegt natürlich schon in meinem SUB. (08.03.2010)


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389
Shadowmarch 2 Das Spiel Tad Williams: Shadowmarch 2 - Das Spiel
Klett-Cotta, 2007
815 Seiten, gebunden

In der Südmarksfeste herrscht nach dem Angriff der Qar angespannte Ruhe. Die Burg wird zwar belagert, doch die Zwielichtler verhalten sich ruhig und scheinen auf irgendetwas zu warten. Meister Chaven, Leibarzt und Hofastrologe des Königs, hat bei Chert Blauquarz Unterschlupf gefunden. Allerdings wurde ihm ein wichtiges Artefakt gestohlen: Ein magischer Spiegel, den er unbedingt wiedererlangen muss. König Olin Eddon ist noch immer abwesend, er wird in der Zitadelle von Hierosol gefangen gehalten. Er freundet sich mit Pelaya an, der Tochter des dortigen Verwalters. Zufällig begegnet er Qinnitan, der aus Xand geflohenen Gemahlin des Autarchen Sulepis, die sich unter den Waschweibern vor ihren Verfolgern versteckt. Der Autarch hat den gewissenlosen Meuchelmörder Daikonas Vo mit der Jagd nach Qinnitan beauftragt. Außerdem sticht er persönlich mit einer gewaltigen Kriegsflotte in See, um Hierosol zu erobern. Dabei geht es ihm allerdings nicht um die entlaufene Gattin, auch die Eroberung neuer Ländereien ist eher zweitrangig - Sulepis will vor allem Olin in seine Gewalt bringen, da er ihn für noch unbekannte Zwecke braucht.

Barrick und Briony, König Olins Kinder, erleiden derweil ganz unterschiedliche Schicksale. Die beiden (und merkwürdigerweise auch Qinnitan) scheinen auf geistiger Ebene eng miteinander verbunden zu sein. Briony musste vor den verräterischen Tollys fliehen, die die Macht in der Südmarksfeste an sich gerissen haben und das Mädchen beseitigen wollen. Sie hat Shaso befreit, den alten Waffenmeister der Südmark, den man wegen falscher Anschuldigungen für den Mörder des Prinzen Kendrick hält. Die beiden schlagen sich zu Freunden Shasos durch, sind aber auch dort nicht in Sicherheit. Es kommt so weit, dass Briony allein durch die Wildnis irrt, wo sie von einer alten Frau gerettet wird, die nur äußerlich einem Menschen gleicht. Nach dieser Begegnung schließt sie sich fahrendem Volk an - Schauspielern, denen sie ihre wahre Identität natürlich verheimlicht.

Barrick und Hauptmann Ferras Vansen sind seit der verlorenen Schlacht gegen die Qar in den unheimlichen Zwielichtlanden unterwegs. In dem sprechenden Raben Skurn und dem gesichtslosen Elben Gyir finden sie unerwartete Gefährten. Als sie Kituyik in die Hände fallen, einem uralten Halbgott, der Barricks Blut zur Öffnung eines Tores in die Unterwelt benutzen will, gibt Gyir ein überraschendes Geheimnis preis. Seine Aufgabe ist es, einen magischen Spiegel zu den Herrschern der Qar zu bringen. Sollte er dabei scheitern, wäre das Schicksal der Menschheit besiegelt, denn Yasammez, die Heerführerin der Qar, hält Südmarkstadt besetzt und hat die Burg der Eddons nur deshalb noch nicht angegriffen, weil sie auf eine Nachricht über das Ergebnis von Gyirs Mission wartet. In dieser Situation nehmen die Dachlinge insgeheim Kontakt mit Gräfin Merolanna auf. Barricks und Brioys Großtante hat einst ihren Sohn an die Zwielichtlande verloren und erfährt jetzt, dass er noch am Leben sein soll.

So manches, was ich schon an Band 1 der Shadowmarch-Trilogie bemängelt habe, gilt auch für den zweiten Teil. Wenn auch in abgeschwächter Form. Nach wie vor muss ich sagen, dass Tad Williams die meisten Ideen bei anderen Fantasy-Autoren und sogar bei eigenen Werken (Osten Ard-Romane) klaut, das Ganze nur mit Abwandlungen realer geschichtlicher Ereignisse vermischt und Elemente verschiedener Kulturen bzw. Religionen hinzufügt. Dem Roman fehlt es an Eigenständigkeit und Originalität, er verharrt größtenteils in abgedroschenen Klischees. Daran ändert auch die Ausarbeitung eines umfangreichen Pantheons nichts. Hatte man es in Band 1 hauptsächlich mit Menschen und den diversen Qar-Völkern zu tun, so treten jetzt Götter und Halbgötter in Erscheinung. Erstere werden vorerst nur in Geschichten erwähnt, letztere mischen kräftig in der Handlung mit. Das bringt ein grundlegendes Problem mit sich: Wenn solch übermächtige Wesen auftreten, wirken alle Anstrengungen menschlicher Helden eher lächerlich - erst recht, wenn sie (wenn auch unter Verlusten) siegreich bleiben.

Immerhin versteht sich Tad Williams aufs Erzählen spannender Geschichten und verwendet zahlreiche parallel verlaufende Handlungsstränge mit immer neuen Schauplätzen, Wendungen und Cliffhangern, um das Interesse des Lesers wach zu halten. Man kann nur hoffen, dass all diese verschiedenen Handlungen am Ende auch wirklich zu einem sinnvollen Ganzen verknüpft werden. Während Barricks und Vansens Erlebnisse jenseits der Schattengrenze sowie der Angriff des Autarchen auf Hierosol mit düsterer Atmosphäre und knackiger Action aufwarten, drehen sich die Geschehnisse in der Südmarksfeste mehr um Intrigen und tragische Beziehungen. Brionys Abenteuer mit der Vagantentruppe fallen ein wenig aus dem Rahmen - man kann sich die Prinzessin nur schwer als Schauspielerin vorstellen. Insgesamt sind die Protagonisten aber plastisch gezeichnet, ihre Gefühls- und Gedankenwelt wird gut vermittelt und es fällt nicht schwer, Anteil an ihrem Schicksal zu nehmen. Mit Gyir, König Olin und Daikonas Vo kommen interessante neue Figuren hinzu.

Die Story hat in Band 2 deutlich an Tempo zugelegt und bietet gute Unterhaltung. Allerdings muss man sich klar machen, dass man es mit einem typischen Mittelteil zu tun hat. Am Ende hängt alles in der Luft, die wichtigsten Fragen bleiben offen und man muss aufs Erscheinen von Band 3 warten. Was sich übrigens entscheidend verbessert hat, ist die Übersetzung. Vom geradezu infantilen Stil, der mir an Band 1 so unangenehm aufgefallen ist, bemerkt man diesmal nichts mehr. Anscheinend ist der Übersetzerin angesichts der vielen recht drastischen Gewaltdarstellungen doch noch aufgefallen, dass sie es nicht mit einem Kinder- oder Jugendbuch zu tun hat. (02.03.2010)


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388
Der Irrtum des Großen Zauberers Johanna und Günter Braun: Der Irrtum des Großen Zauberers
Suhrkamp, 1982
196 Seiten

Birnen sind das wichtigste Grundnahrungsmittel und Exportprodukt des Landes Plikato. Die Früchte enthalten den Wirkstoff "Vitamin-Gamma", der die Menschen antriebs- und interessenlos werden lässt oder sogar einschläfert. Mittels dieser besonderen Birnen beherrscht Multi Multiplikato, der "Große Zauberer", das Land und die Stadt Integral. Sein Ziel besteht darin, die unvollkommenen und unzuverlässigen Menschen nach und nach durch Maschinen zu ersetzen. Der größte Teil aller Arbeiten wird bereits von Maschinen erledigt, so dass die Menschen sich sinnlosen Spielen hingeben können. Eines Tages bestimmt Multiplikato den jungen Oliver Input zu seinem Nachfolger und Erben. Input hat beschlossen, nicht mehr die Birne zu kauen, ist sozusagen "aufgewacht" und hat schon so manchen Streich ausgeheckt. Er wird in die eigens für ihn erschaffene Kybernetische Akademie gesteckt, entwickelt sich zu einem mathematischen Genie und lebt nach dem Ende seiner Ausbildung in Multiplikatos Palast. Doch er ist alles andere als ein treuer Gefolgsmann. Stattdessen beginnt er damit, die Pläne des Großen Zauberers zu hintertreiben. Entscheidenden Anteil daran hat Naida, ein junges Mädchen, dem Oliver scheinbar zufällig begegnet. Naida macht ihm klar, dass er seinen übermächtigen Ziehvater mit dessen eigenen Waffen schlagen muss.

Dieser zeitlose Roman ist praktisch eine einzige Allegorie, eine unverhohlene Kritik an totalitären Staaten, namentlich der DDR. Planwirtschaft, lückenlose Bespitzelung der Bürger usw. - all das wird hier auf die Spitze getrieben. Wenn die Bürger nicht nach dem Plan "funktionieren", dann müssen sie eben durch Maschinen ersetzt werden, die das weit zuverlässiger tun. Der Herrscher selbst sieht die Erfüllung seines Lebens darin, alles Menschliche hinter sich zu lassen und zu einer Maschine zu werden. Input (sic!) ist der personifizierte Fehler im System, der menschliche Faktor, der sich niemals eliminieren oder durch diverse Verblödungskampagnen ruhigstellen lässt. Input bringt das ausgeklügelte Machtgefüge von innen heraus zum Zusammenbruch, folgt dabei aber eher persönlichen Interessen und seinem Spieltrieb als revolutionären Absichten.

Obwohl dieses Szenario durch und durch dystopisch ist, wird daraus keineswegs ein deprimierender Roman, sondern eher eine witzige Parabel. Auch wird nicht dröge moralisiert. Inputs Erlebnisse sind amüsant, ein gewisses Augenzwinkern ist immer bemerkbar. Das Erzähltempo ist flott, aber man muss sich erst einmal daran gewöhnen, dass nur sehr wenig Interpunktion verwendet wird - und gar keine Anführungszeichen bei Dialogen. (22.02.2010)


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387
Bemerkungen ueber Pferde Horst Stern: Bemerkungen über Pferde
Rororo, 1974
122 Seiten

Dieses Buch ist seinerzeit der gleichnamigen Fernsehsendung gefolgt und diente zweifellos der Richtigstellung einiger Missverständnisse, zu der es infolge der Sendung gekommen war - vermutlich nicht zuletzt ausgelöst durch die falsche Darstellung der Aussagen Sterns in der Presse. Stern hatte u.a. die These aufgestellt, dass Pferde für das Springreiten nicht geschaffen sind bzw. nie ohne Zwang ein Hindernis überspringen würden, um das sie auch herumlaufen könnten. Er hatte verschiedene Praktiken im Reitsport angeprangert, zum Beispiel das "Barren". Dabei wird die oberste Stange eines Hindernisses angehoben, während das Pferd darüber springt, so dass es mit den Vorderbeinen dagegen schlägt. Das Pferd soll auf diese Weise dazu gebracht werden, höher zu springen bzw. die Beine besser anzuziehen - dass es dabei Schmerzen erleidet, wird in Kauf genommen. Stern war wegen dieser Sendung scharf angegriffen worden. In seinem Buch führt er seine Ansichten genauer aus und geht auf die Kritiken ein. Außerdem wendet er sich gegen eine falsch verstandene Tierliebe, die zur Vermenschlichung der Tiere führt, schildert die Geschichte der Pferdezucht, stellt die Geschäftemacherei der Pferdezüchter heraus und streut einige Absätze zur Anatomie des Pferdes ein. Das Buch enthält außerdem zahlreiche vom Autor ausgewählte Abbildungen.

Ich verstehe nichts von Pferden, erst recht nichts vom Reitsport. Deshalb kann ich nicht beurteilen, ob Sterns Bemerkungen zutreffend sind. Ich zweifle aber nicht daran. Auch weiß ich nicht, wie aktuell die Thematik heute noch ist. Das ist mir im Grunde aber egal, denn mich interessiert mehr, wie Stern schreibt. Sein Stil ist zwar meist nüchtern und sachlich, er schreckt aber auch vor gezielt eingesetzter Polemik nicht zurück. Ein Beispiel für seine scharfe Feder: Man hatte ihm vorgeworfen, er habe Pferde in seiner Sendung als "dumm" und "feige" bezeichnet. Tatsächlich hatte er sinngemäß gesagt, man könne ein Pferd eher feige nennen, bevor man es als dumm bezeichne, da es als steppenbewohnendes Lauftier auf Flucht eingestellt sei. Dazu schreibt er (Zitat): "Es war mein erster Film, dieser über die Pferde. Ich lernte seither, dass ein konditionaler Konjunktiv im Fernsehen, abends um 20 Uhr 15, [...] glatt verschenkt ist." Für solche Formulierungen muss man ihn einfach lieben. (15.02.2010)

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386
Kryptozoikum Brian Aldiss: Kryptozoikum
Ullstein, 1976
176 Seiten

In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts sind Zeitreisen in die Vergangenheit möglich. Mittels einer neu entwickelten Droge und spezieller Konzentrationstechniken kann jede beliebige Epoche erreicht werden. Allerdings können die Zeitreisenden nur wenig mehr als das mitnehmen, was sie am Leibe tragen, außerdem sind sie nicht in der Lage, die "Entropieschranke" zu durchbrechen. Anders ausgedrückt: Sie können während der Zeitreise nicht mit ihrer Umwelt interagieren und von dieser auch nicht wahrgenommen werden, sind also nur Beobachter, die die Vergangenheit nicht verändern können. Zeitreisen entwickeln sich schnell zu einem beliebten Freizeitvergnügen für unzählige Menschen. Das bringt auch Probleme mit sich, denn die Zeitreisenden interessieren sich nicht mehr für die Gegenwart.

Edward Bush ist ein Künstler, der zwar im Auftrag eines Forschungsinstituts in der Vergangenheit unterwegs ist, in Wahrheit aber in einer Schaffenskrise steckt und Inspiration sucht. Als er nach jahrelanger Abwesenheit in die Gegenwart zurückkehrt, hat ein Militärregime die Macht übernommen und damit begonnen, die Zeitreisen zu reglementieren. Bush wird einer harten Ausbildung unterzogen und erhält dann den Auftrag, den irgendwo in der Vergangenheit untergetauchten systemkritischen Wissenschaftler Prof. Silverstone aufzuspüren und zu töten. Bush spielt mit, da er ohnehin keine andere Wahl hat. Insgeheim beschließt er, Silverstone zu beschützen. Er wird jedoch von ebenfalls zeitgereisten Spitzeln beschattet. Als er Silverstone schließlich begegnet, erfährt er, warum das Regime den Professor ausschalten will - der Wissenschaftler hat entdeckt, dass der Zeitablauf, wie die Menschheit ihn kennt, nur Einbildung ist...

Dies ist ein Roman aus einer Zeit, in der sich zahlreiche (vor allem britische) Schriftsteller bemüht haben, neue Wege abseits der bis dahin üblichen Science Fiction-Themen einzuschlagen. Da ging es nicht mehr um Space Operas, Abenteuer auf exotischen Planeten, heldenhafte Raumschlachten, technischen Schnickschnack und die Eroberung des Weltalls. Stattdessen wurde der Blick mehr nach innen gerichtet, auf die Psyche des Menschen, und an die Stelle der positiven Utopien traten pessimistischere (dystopische) Zukunftsentwürfe. Die Autoren dieser "New Wave" wollten sich außerdem auch in stilistischer Hinsicht von der gängigen, einfach strukturierten SF abgrenzen.

"Kryptozoikum" ist ein gutes Beispiel für Romane aus dieser Phase. Die Hauptfigur ist alles andere als ein Held, sondern wird von allerlei Ängsten, Selbstzweifeln und Komplexen umgetrieben. Er interessiert sich weniger für wissenschaftliche Erkenntnisse, die er durch seine Besuche in der fernen Vergangenheit gewinnen könnte. Stattdessen sucht er nach künstlerischer Inspiration und einem neuen Sinn in seinem Leben. Dabei gerät er in die Fänge eines totalitären Regimes und muss diverse Repressalien erdulden. Aldiss beschäftigt sich in den ersten zwei Dritteln des Romans hauptsächlich mit Bushs Innenwelt. Die neue Sicht des Zeitablaufs (grob gesagt: Die Zeit läuft in Wahrheit "rückwärts") kommt dann am Ende vielleicht etwas überhastet. Die entsprechenden philosophischen Betrachtungen verlangen dem Leser einiges an Geduld ab. Dennoch ist der Roman schon wegen des alternativen Zeitreisekonzepts interessant. (08.02.2010)


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385
Spektrum Sergej Lukianenko: Spektrum
Heyne, 2007
702 Seiten

In nicht allzu ferner Zukunft erscheinen die "Schließer" auf der Erde: Allmächtige, unangreifbare Außerirdische, die die Menschheit mit verschiedenen Geschenken beglücken. Sie errichten mehrere Stationen bzw. Portale, die die Erde mit unzähligen anderen Planeten verbinden. Jeder darf dieses Transportsystem nach Belieben benutzen, niemand darf daran gehindert werden. Man kann aber nur soviel mitnehmen, wie man selbst tragen kann. Es gibt eine Bedingung - wer eine Station benutzen will, muss dem zuständigen Schließer zuvor eine Geschichte erzählen, die diesem gefällt. Da jede erzählte Geschichte sofort allen Schließern auf allen Planeten bekannt ist, kann man jede Story nur ein einziges Mal benutzen. Die Schließer akzeptieren zwar manchmal sogar einfache Witze (wenn sie neu und originell sind), sind ansonsten aber recht anspruchsvoll. Viele der ins Netz der Schließer eingebundenen Planeten sind von anderen intelligenten Völkern besiedelt, und so kommt es im Laufe der Jahre zu einem regen Austausch. Sprachprobleme existieren nicht, denn bei der ersten Durchquerung eines Portals wird dem Benutzer die Kenntnis einer universell gültigen Sprache ("Touristisch") vermittelt. Niemand weiß, welche Ziele die Schließer eigentlich mit alldem verfolgen.

Es kommt natürlich immer wieder zu Problemen, die nur von Personen gelöst werden können, deren Phantasie und erzählerisches Talent so groß sind, dass sie regelmäßig zwischen den Welten pendeln können. Der Russe Martin Dugin ist solch ein Mensch. Er finanziert seine Vorliebe für gutes Essen, edle Getränke und teure Zigarren, indem er sich als interplanetarer Privatdetektiv und Kopfjäger betätigt. Sein neuester Auftrag führt ihn zum Planeten "Bibliothek". Dort soll er Irina Poluschkina finden, die von zu Hause weggelaufene siebzehnjährige Tochter eines reichen Geschäftsmanns. Der Auftrag scheint unproblematisch zu sein. Martin stöbert Irina rasch auf. Sie hatte sich mit der Enträtselung geheimnisvoller Artefakte beschäftigt, die den ganzen Planeten bedecken. Doch noch während Martin mit Irina spricht, um sie zur Rückkehr zu bewegen, wird das Mädchen scheinbar grundlos ermordet. Vor ihrem Tod gibt sie Martin einen Hinweis, der ihn zu einer weiteren Welt führt. Dort begegnet er einer Doppelgängerin Irinas, die kurz danach ebenfalls durch eine Verkettung unglücklicher Umstände getötet wird.

Dass er es nicht mit Zwillingen zu tun hatte, stellt Martin fest, als er den Planeten Arank aufsucht, der von Irina Nr. 2 erwähnt worden war. Auch dort ist eine "Kopie" Irinas unterwegs...

Die Geschichte, die sich rund um die Suche nach den sieben Versionen Irina Poluschkinas entspinnt, ist eine eigenartige, aber fesselnde und faszinierende Mischung aus typischen Science-Fiction-Versatzstücken (Stargate lässt schön grüßen) und russischer Kochkunst, Detektivarbeit und Fremdwelten-Erkundung, Philosophie und Esoterik, Action und Poesie. Wer moderne Fantasy nach dem Strickmuster von Lukianenkos Wächter-Romanen erwartet haben sollte, wird vielleicht zunächst enttäuscht sein - der Roman hat damit nichts zu tun - er wird aber auch hier wieder sympathischen und teils ziemlich skurrilen Figuren sowie einem Antihelden begegnen, mit dem man sich sehr gut identifizieren kann. Der Roman ist übrigens nicht Teil einer Trilogie oder eines Doppelbands, sondern in sich abgeschlossen.

Dem Titel des Romans entsprechend sind die Kapitel nach den Farben des Regenbogens benannt, jedes Kapitel spielt auf einem anderen Planeten, und all diese Welten haben etwas mit der jeweiligen Farbe zu tun. Das Ganze wird durch Lukianenkos ironischen Humor, unzählige Anspielungen auf andere Werke der SF und Fantasy sowie Seitenhiebe auf unsere Realität gewürzt. Nicht alles ist für unsereins verständlich, so manches russische Wortspiel geht in der Übersetzung (die übrigens vor Fehlern nur so strotzt) zwangsläufig unter. Man freut sich jedes Mal auf die nächste Geschichte, die Martin erzählen muss, um Zugang zum Portal zu erhalten. Während Martin allmählich auf die Spur des großen Geheimnisses kommt, das am Ende aufgedeckt wird (und es geht um weit mehr als nur die Frage, warum es sieben Irinas gibt), reflektieren diese Geschichten immer mehr seine letzten Erlebnisse, die Erkenntnisse, die er daraus gezogen hat, und die Weiterentwicklung seines Charakters. Ein genialer Kunstgriff!

Lukianenko lässt den Leser an den kulinarischen Genüssen Martins teilhaben (der Roman liest sich stellenweise fast wie ein Kochbuch), vor allem aber werden die verschiedenen Welten und die Eigenarten ihrer Bewohner ausführlich geschildert. Lukianenko nimmt sich viel Zeit, um die unterschiedlichen Kulturen, Denkweisen, Religionen usw. plastisch auszuarbeiten. Insoweit erinnert "Spektrum" ein wenig an die Sterntagebücher von Stanislaw Lem und ebenso episodenhaft wirkt das Buch manchmal. Die Haupthandlung gerät dabei aber nie aus dem Fokus, und sie wird zu einem phantastischen Abschluss gebracht, der auch romantisch veranlagte Leser zufriedenstellt - es gibt ein Happy-End! (25.01.2010)


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384
Der letzte Vampir David Wellington: Der letzte Vampir
Piper, 2008
381 Seiten

Vampire existieren und haben schon immer existiert. Die Blutsauger sind mörderische Bestien mit gewaltigen Kräften, die nichts Menschliches mehr an sich haben. Kreuze und Knoblauch schaden ihnen nicht, Tageslicht ist zwar lästig, aber nicht tödlich für sie. Man kann sie nur durch die Vernichtung ihres Herzens töten. Sie können den Vampirfluch bewusst an Menschen weitergeben, und wer durch ihren Biss getötet wurde, den können sie in eine grausige untote Existenz zurückrufen. Diese "Halbtoten" dienen den Vampiren als bedingungslos ergebene Sklaven und Handlanger.

Im Jahre 1983 trifft Special Deputy Jameson Arkeley auf Piter Byron Lares, den vermeintlich letzten Vampir. Lares vernichtet ein komplettes SWAT-Team und schleppt den verwundeten Special Deputy in ein Versteck, wo mehrere Särge mit mumifizierten Vampiren stehen. Lares will die fast vollständig skelettierten Vampire mit Hilfe des Blutes, das er in sich aufgespeichert hat, wieder zum Leben erwecken, wodurch er selbst geschwächt wird. Das ist Arkeleys Chance: Er feuert seine letzten Kugeln auf den Vampir ab und greift in dessen zerfetzte Brust, so dass er das Herz zerquetschen kann. Danach verbrennt er die anderen, noch nicht wieder auferstandenen Vampire. Durch diese Tat wird Arkeley zum anerkannten Vampirkiller und Fachmann auf diesem Spezialgebiet.

Zwanzig Jahre lang wird kein weiterer Vampir mehr gesichtet. Doch dann stößt State Trooper Laura Caxton bei einer routinemäßigen Kontrolle zufällig auf einen Halbtoten, der eine ganze Fuhre von Leichen durch die Gegend kutschiert; offensichtlich hatte die Kreatur die Aufgabe, die Überreste einer Vampir-Mahlzeit zu entsorgen. Arkeley übernimmt den Fall. Trotz ihrer Unerfahrenheit soll Caxton ihn unterstützen. Die Verkehrspolizistin ist darüber nicht sehr erfreut, denn Arkeley ist nicht nur ein recht unausstehlicher Misanthrop, sondern auch geradezu besessen von der Jagd auf Vampire. Caxton erfährt, dass Arkeley seinerzeit keineswegs alle Vampire in Lares' Versteck vernichtet hat. Eine davon, die mehrere hundert Jahre alte Vampirin Justinia Malvern, hat das Feuer überstanden und wird seitdem in einem ehemaligen Sanatorium wissenschaftlich untersucht. Offensichtlich hat sie es in der Gefangenschaft fertig gebracht, neue Vampire zu erschaffen. Diese sollen sie jetzt mit genügend Blut versorgen, damit sie sich regenerieren kann. Um ihre Brut aufspüren zu können, braucht Arkeley einen Lockvogel. Zu ihrer Erbitterung muss Caxton feststellen, dass der Special Deputy ihr diese Rolle zugedacht hat, denn aus irgendeinem Grund haben die Vampire ein besonderes Interesse an der jungen Frau.

David Wellington erfindet den Vampir-Mythos zwar nicht neu und beschränkt sich in diesem Roman weitgehend auf die explizite Schilderung der Ernährungsgewohnheiten von Vampiren sowie auf den nicht minder blutigen, actionreichen Kampf gegen die verschiedenen Arten von Untoten, aber wenn man sich - wie ich - schon durch mehrere geschwätzige, gefühlsduselige Anne-Rice-Romane gekämpft hat, in denen die Vampire nichts anderes sind als Menschen mit besonderen Fähigkeiten, dann weiß man Wellingtons kompromisslosen Umgang mit dem Thema erst so richtig zu schätzen. Seine Vampire entsprechen keineswegs den althergebrachten, recht romantischen Vorstellungen von Vampiren. Sie haben auch nichts mit den coolen Typen und knackigen Mädels in den Blade- oder Underworld-Filmen zu tun. Wellingtons Vampire sind fremdartige, hässliche, nichtmenschliche Raubtiere, die nichts außer ihrer Gier nach Blut kennen und ihre Opfer geradezu zerfetzen. Die Gewaltdarstellung hat es in sich! Würde man hierzulande mit Büchern genauso umgehen wie mit Filmen, dann wäre dieser Roman längst indiziert. Aber diese Härte ist nötig, damit dem Leser klar wird, womit er es zu tun hat.

Außerdem fügt der Autor dem Vampir-Mythos durchaus ein paar eigene Ideen hinzu bzw. wandelt bekannte Details ein wenig ab. So brauchen die Vampire praktisch von Nacht zu Nacht immer mehr Blut, bis sie irgendwann einfach nicht mehr genug vom roten Lebenselixier zu sich nehmen können. Dann degenerieren sie zu ausgetrockneten Trauergestalten, die geradezu in Blut baden müssten, um sich wenigstens für eine Nacht aus dem Sarg erheben zu können. Bei Tagesanbruch sterben die Vampire buchstäblich und lösen sich in Protoplasma auf, aus dem sich ihr Körper bis zum Sonnenuntergang neu bildet. Zur Weitergabe des Vampirfluchs ist kein Biss erforderlich, aber ausgesaugte Leichen können von ihnen Meistern selbst im fortgeschrittenen Verwesungszustand wieder "belebt" werden. So erschaffen sie sich Gehilfen, die zwar feige und leicht zu vernichten sind, dafür aber in Massen auftreten. Wellington setzt die Existenz der Vampire ebenso als gegeben voraus wie diverse andere übernatürliche Phänomene. Der Leser wird etwas unvermittelt in diese Parallelwelt hineingeworfen, findet sich dort aber schnell zurecht.

Die Story wartet mit einigen überraschenden Wendungen auf (mit dem Finale hätte ich so wirklich nicht gerechnet) und Laura Caxton ist trotz einzelner Momente übertriebener Naivität bzw. Schusseligkeit gut geeignet, um das "menschliche Element" in die Geschichte hineinzubringen. Arkeley, der sich einen Dreck um seine Mitmenschen schert, solange sie ihm bei der Jagd auf Vampire nicht im Wege stehen, ist da ein ganz anderes Kaliber; ein rücksichtsloser Einzelgänger ganz nach meinem Geschmack. Der Autor widmet beiden Figuren trotz aller Action genug Aufmerksamkeit, damit sie nicht zu austauschbaren Pappkameraden werden. Düster, brutal, flott, schnörkellos und fesselnd. So sieht Wellingtons Vampir-Kosmos aus. Und dies ist nur der erste einer ganzen Serie zusammenhängender Romane. Drei sind in Deutschland bereits erschienen, die beiden Folgebände liegen schon in meinem SUB. (11.01.2010)


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383
Nachts Stephen King: Nachts
Heyne, 1999
510 Seiten

Dieser Band enthält die Novellen "Der Bibliothekspolizist" und "Zeitraffer" sowie den kurzen autobiografischen Text "Kurz vor Mitternacht". Beide Novellen sind ursprünglich zusammen mit "Langoliers" und "Das geheime Fenster" im Sammelband "Four past Midnight" veröffentlicht worden. In Deutschland wurden die Novellen auf die Bände "Langoliers" und "Nachts" aufgeteilt. Ebenfalls enthalten sind Vorbemerkungen, in denen King erläutert, wie er zu den Ideen für die Novellen gekommen ist und in welcher Beziehung "Zeitraffer" zu seinen anderen Werken steht. Die Geschichte spielt in Castle Rock, dem Schauplatz zahlreicher Geschichten Kings, und ist quasi als Bindeglied zwischen "Stark - The Dark Half" und "Needful Things" gedacht.

Der Bibliothekspolizist


Sam Peebles, Besitzer eines Makler- und Versicherungsbüros in der Kleinstadt Junction City, wird von einem Freund gedrängt, eine Rede vor dem örtlichen Rotary-Club zu halten. Naomi Higgins, die die Rede für ihn tippt, hält den Text für etwas trocken und gibt Sam den Rat, in der Bibliothek ein paar Bücher mit Tipps für ungeübte Redner auszuleihen. Sam besorgt sich zwei einschlägige Werke, wobei er mit der Bibliotheksleiterin Ardelia Lortz zusammenrasselt. Die unsympathische, ansonsten aber völlig unauffällige ältere Dame ist nicht erfreut über Sams Kritik an diversen Plakaten, die im für Kinder vorgesehenen Bereich der auch sonst nicht gerade anheimelnden, altertümlichen Bibliothek aufgehängt sind und die auf drastische, selbst für Erwachsene erschreckende Weise zeigen, was mit Kindern geschieht, die entliehene Bücher nicht rechtzeitig zurückbringen. Die Bibliothekarin droht auch Sam mit dem Bibliothekspolizisten, falls er die Rückgabefrist von einer Woche nicht einhalten sollte. Diese Drohung macht auf Sam mehr Eindruck, als er zugeben möchte, denn sie rührt an ein Ereignis aus seiner Kindheit, das er fast völlig verdrängt hat.

Mit Hilfe der beiden Bücher peppt Sam die Rede auf und hat damit so großen Erfolg, dass sogar seine Geschäfte besser laufen als je zuvor. Allerdings versäumt er in all dem Stress den Rückgabetermin, und als die Lortz ihn per Telefon daran erinnert, kann er die Bücher nirgends finden. Als er die Bibliothek aufsucht, um sich zu entschuldigen und die Bücher zu bezahlen, muss er zu seinem Entsetzen feststellen, dass das Gebäude, das er vor einer Woche betreten hat, gar nicht existiert - die Innenräume sehen völlig anders aus und niemand kennt Ardelia Lortz. Als Sam nachzuforschen beginnt, erfährt er, dass die Bibliothekarin vor Jahren zwei Kinder bestialisch ermordet und sich in der Bibliothek erhängt hat. Doch Sam hat sich die Sache nicht eingebildet, und auch der Bibliothekspolizist ist eine reale, tödliche Bedrohung. Sam begreift, dass es um etwas ganz anderes geht als zwei nicht zurückgegebene Bücher - es geht um seine Seele und um schreckliche Ereignisse der Vergangenheit, die so manchen Bewohner Junction Citys in die Alkoholsucht getrieben haben...

Zeitraffer

An seinem fünfzehnten Geburtstag wird Kevin Delavans sehnlichster Wunsch erfüllt: Seine Eltern schenken ihm eine Polaroid-Sofortbildkamera vom Typ "Sun 660". Seine Freude erhält einen jähen Dämpfer, als sich herausstellt, dass jede einzelne mit dieser Kamera gemachte Aufnahme immer dasselbe Motiv zeigt: Einen ausnehmend hässlichen Hund, der vor einem Lattenzaun steht. Kevin denkt zunächst an einen Scherz, doch bald ist er davon überzeugt, dass es sich um ein übernatürliches Phänomen handelt. Er bittet "Pop" Merrill, den Trödler von Castle Rock, um Hilfe. Der erkennt, was auch Kevin schon aufgefallen ist - tatsächlich sind die Bilder nicht genau identisch, vielmehr ist erkennbar, dass sich der Hund bewegt. Ganz allmählich dreht er sich der Kamera zu und setzt zum Sprung an.

Merrill muss Kevin nicht lange dazu überreden, die Kamera zu vernichten, denn der Junge ist davon überzeugt, dass der Hund sich jedes Mal ein wenig mehr der Realität annähert, wenn jemand ein Bild mit der Sun 660 macht, und dass die Bestie es auf ihn abgesehen hat. Allerdings zerschlägt der ahnungslose Kevin nicht seine eigene Kamera, sondern ein harmloses Modell, das Merrill ihm untergeschoben hat. Merrill will Kevins Kamera für viel Geld an Kunden verkaufen, die sich für paranormale Phänomene interessieren. Doch wie unter Zwang macht er ein Foto nach dem anderen. Der Hund kommt immer näher, und inzwischen sieht er nicht mehr wie ein gewöhnliches Tier aus, sondern wie eine Ausgeburt der Hölle...

Was mit mehr als 200 Seiten bei anderen Autoren als kompletter Roman durchgehen würde, ist für Stephen King gerade mal eine Novelle. Im Fall von "Der Bibliothekspolizist" muss ich sagen, dass man der Story durchaus noch etwas mehr Substanz hätte verleihen können. Man kann nicht behaupten, dass ihr wirklich etwas fehlt, aber man erkennt doch, dass King sich bei der Ausarbeitung der Hauptfiguren und der Entwicklung ihrer Hintergrundgeschichten weniger Zeit gelassen hat, als man es sonst von ihm gewohnt ist. In einem längeren Roman hätte auch die Bedrohung durch den Bibliothekspolizisten effektvoller eingesetzt werden können. So jedoch kommt es fast schon wieder zu schnell zum Showdown. Das ist aber immer noch besser als die Geschwätzigkeit, in die King bei "Zeitraffer" verfallen ist. Die vielen Abschweifungen und nicht benötigten Nebenhandlungen stören den Handlungsverlauf dort eher.

Trotz allem sind beide Novellen fesselnd und bleiben spannend bis zum Schluss. Während "Der Bibliothekspolizist" nach einem etwas unerwarteten Plot-Twist mit einem befriedigenden Finale aufwartet, wird es in "Zeitraffer" am Ende ein wenig lächerlich. Vorsicht, Spoiler: Nachdem der Angriff des Höllenhunds abgewehrt und die Polaroidkamera vernichtet ist, scheint alles in Ordnung zu sein. Doch zu seinem nächsten Geburtstag bekommt Kevin einen PC geschenkt. Da kann er eingeben, was er will, er erhält immer eine Meldung, der zufolge der Hund immer noch hungrig ist - und stinksauer. Das nenne ich mal einen Bug! Oder ist es ein Microsoft-Feature?

"Zeitraffer" profitiert natürlich nicht unerheblich vom bekannten Schauplatz. In Castle Rock dürften sich erfahrene King-Leser ziemlich heimisch fühlen. Man findet einige Anspielungen auf andere Romane und es werden auch zahlreiche bekannte Figuren zumindest erwähnt (echte Auftritte haben sie nicht): Die Sheriffs Bannerman und Pangborn, Cujo, die Trentons, Frank Dodd und andere. (05.01.2010)


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382
Ein todsicherer Job Christopher Moore: Ein todsicherer Job
Goldmann, 2006
480 Seiten

Charlie Ashers Leben bricht zusammen, als seine Frau Rachel kurz nach der Geburt ihrer Tochter Sophie noch im Krankenhaus stirbt. An ihrem Bett steht ein ganz in Mintgrün gekleideter Mann, der schockiert darüber ist, dass Charlie ihn sehen kann – tatsächlich taucht er auf keinem der Überwachungsvideos auf, und außer Charlie kann niemand ihn wahrnehmen. Durch Rachels Tod wird Charlie zwar völlig aus der Bahn geworfen, aber das kann nicht der Grund dafür sein, dass er in seinem Second-Hand-Laden plötzlich Alltagsgegenstände sieht, die rot leuchten, dass mehrere Menschen in seiner Gegenwart sterben und dass er geisterhafte Stimmen aus den Gullys hört. Es gibt eine zwar phantastische, aber schlüssige Erklärung für all diese Ereignisse. Sie steht im "Großen Bunten Buch des Todes", das Minty Fresh (der Mann in Mintgrün) Charlie zukommen lassen will. Lily, Charlies Grufti-Aushilfe, bekommt es zuerst in die Finger, findet es cool und behält es, ohne ihrem Chef etwas davon zu erzählen.

So dauert es einige Zeit, bis Charlie erfährt, dass er zwar nicht der Tod selbst ist, aber dennoch einen im wahrsten Sinne des Wortes todsicheren Job zu erledigen hat. Er ist (wie Minty) einer von vielen "Totenboten", die die Aufgabe haben, die Seelen jüngst Verstorbener einzusammeln. Die entsprechenden Namen erscheinen jeweils wie aus dem Nichts in Charlies Terminkalender. Die Seelen sind immer an beliebige Gegenstände gebunden (so genannte "Seelenschiffchen") und müssen innerhalb einer bestimmten Frist an einen neuen Besitzer weitergegeben werden. Wird diese Frist versäumt, fallen die Seelen den Mächten der Finsternis anheim. Tatsächlich sind die Morrigan Babd, Macha und Nemain (Todesgöttinnen aus der keltischen Mythologie) und der Dämon Orkus bereits dabei, materielle Gestalt anzunehmen und sich aus der Unterwelt San Franciscos in die Welt der Menschen emporzuarbeiten, und jede nicht rechtzeitig geborgene Seele ist wie ein Lebenselixier für sie.

Nach einigen Jahren wächst Charlie in seinen neuen Job hinein. Er fühlt sich relativ sicher, seit mehrere Angriffe der Gullyhexen (wie er die Morrigan nennt) abgewehrt werden konnten, und seitdem zwei aus dem Nichts erschienene riesige Höllenhunde seine Tochter schützen. Doch in San Francisco geht irgendetwas vor, das nichts mit der Tätigkeit der Totenboten zu tun hat. Menschen, deren Namen auf Charlies Terminkalender erschienen sind, leben auch nach ihrem "Verfallsdatum" noch und eine Unbekannte kauft alle Seelenschiffchen auf. Bizarre kleine Kreaturen machen die Stadt unsicher und Charlies Tochter entwickelt beängstigende Fähigkeiten. Gibt es etwa eine dritte Macht, die sich für frische Seelen interessiert?

Von allen Romanen Christopher Moores, die ich bis jetzt gelesen habe, ist dies der beste. Hier stimmt nicht nur die Mischung aus schwarzem Humor, bizarren Situationen und skurrilen Charakteren. Auch die Story kann überzeugen und trotz der für Moore üblichen Leichtigkeit in der Erzählweise enthält der Roman viele warmherzige und vor allem zu Beginn geradezu ergreifende Momente. Charlies Reaktionen auf Rachels Tod stehen dabei an erster Stelle. Seine Trauer wirkt absolut echt und wird nicht für billige Gags missbraucht. Moore gleitet dabei nie in Kitsch oder Gefühlsduselei ab, und auch die Wendung zurück zum Humor gelingt ihm immer wieder. Manche Situationen strotzen nur so vor Aberwitz - was soll ein Totenbote zum Beispiel tun, wenn die Seele einer Verstorbenen in ihren Brustimplantaten steckt - oft handelt es sich aber einfach um ironisch geschilderte Alltagssituationen, die durch Charlies Geheimnis eine besondere Note erhalten. Und natürlich sprüht der Text nur so vor geschliffenen Dialogen. Bei verschiedenen anderen Romanen Moores hatte ich oft den Eindruck, der Humor sei zu übertrieben oder werde herbeigezwungen. Das war bei "Ein todsicherer Job" nie der Fall.

Charlie, der liebenswerte Verlierer, wächst dem Leser schnell ans Herz, aber auch die anderen Figuren werden liebevoll ausgearbeitet. Einige Charaktere aus anderen Büchern haben kurze Auftritte (z.B. Jody aus Lange Zähne), andere spielen durchaus wichtige Rollen (etwa Alphonse Rivera aus demselben Roman). Charlie wird als typisches "Betamännchen" bezeichnet - das ist eine Art Running Gag, der sich durch den ganzen Roman zieht. "Betamännchen" sind Allerweltstypen wie Du und ich, die das ihnen fehlende aggressive Macho-Gehabe der "Alphamännchen" durch Grips und eine gewisse Portion Verschlagenheit ausgleichen. In der Steinzeit haben sie sich zum Beispiel in weiser Voraussicht nicht an den verlustreichen Mammut-Jagden beteiligt, sondern sind lieber zu Hause am Lagerfeuer zurückgeblieben, um die Witwen zu trösten… Selbst die finsteren Morrigan sind für so manchen Lacher gut, wenn sie sich zum Beispiel über die für sie ungewohnten Tücken der modernen Welt ärgern. Dabei büßen sie nie ihre Bedrohlichkeit ein. Moore verarbeitet viele Elemente der unterschiedlichsten Religionen und Kulturen auf ziemlich unkonventionelle Weise. Schon die Grundidee hat es in sich: Die Wiedergeburt erfolgt über den Handel mit vermeintlichem Trödel - Reinkarnation durch den Verkauf von Ramsch, sozusagen...

Ein humoristischer Fantasy-Thriller mit Gefühl, Tiefgang und philosophischen Untertönen. Was für eine Zusammenstellung! Aber sie ist auf brillante Weise gelungen. (28.12.2009)


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381
Backup Cory Doctorow: Backup
Heyne, 2007
287 Seiten

In naher Zukunft muss niemand mehr endgültig sterben oder unter irgendeinem Mangel leiden. Das Bewusstsein eines Menschen kann inklusive aller Erinnerungen, Gedanken und Gefühle gespeichert werden - im Todesfall wird es einfach in einen wachstumsbeschleunigten Klon des eigenen Körpers geladen. Der "Verstorbene" verliert allenfalls die Erinnerungen seit der letzten Speicherung einer Backup-Kopie. Alternativ kann man sich auch in Kälteschlaf versetzen lassen und auf diese Weise praktisch unbegrenzte Zeiträume überdauern. Auch das Wirtschaftssystem hat eine tiefgreifende Umgestaltung erfahren. Man arbeitet nicht mehr, um Geld zu verdienen, denn die einzige existierende "Währung" ist die Wertschätzung, die der Einzelne in der Gesellschaft genießt. Dieser Ruf wird in der Einheit "Woppel" ausgedrückt, und Woppel kann man nicht nur durch gemeinnützige Tätigkeiten, gelungene Kunstwerke und dergleichen verdienen, sondern auch durch die Freundschaft oder das Mitleid anderer. Da alle Menschen durch Schädelimplantate permanent online und miteinander vernetzt sind, kann jeder jederzeit alle öffentlich zugänglichen Informationen abrufen, und dazu gehört auch der Woppel-Kontostand jeder beliebigen Person. Die neue Gesellschaft wird als "Bitchun-Society" bezeichnet. Regierungen oder sonstige Organisationsformen gibt es nicht mehr. Stattdessen finden sich die Menschen meist spontan zu Interessengruppen ("Ad-hocs") zusammen, die zum Beispiel an einem gemeinsamen Projekt arbeiten.

Disneyland wird ebenfalls von Ad-hocs betrieben, tatsächlich verbringen viele Menschen ihr ganzes Leben dort. Zu ihnen gehört auch Julius, ein schon mehrfach durch Backups wiedergeborener Mann mit einer bewegten Vergangenheit. Er lebt mit der viele Jahrzehnte jüngeren Lil zusammen und beherbergt seinen Freund Dan, der einst die letzten nicht zur Bitchun-Society gehörenden Enklaven "missioniert" und somit Unmengen an Woppel angesammelt hat, danach aber mangels sinnvoller Betätigungsmöglichkeiten abgestürzt ist und jetzt nur noch ein wenig Anerkennung zurückgewinnen will, bevor er sich umbringt. Allerdings stirbt Julius vor seinem Freund; er wird von einer Unbekannten erschossen. Sein Backup wird umgehend in einen neuen Körper geladen. Julius steigert sich daraufhin in einen selbstzerstörerischen Verfolgungswahn hinein. Er glaubt, eine andere Ad-hoc-Gruppe wolle Disneyland übernehmen und solange modernisieren, bis nichts mehr vom ursprünglichen Geist der Anlage übrig ist. Das kann Julius nicht zulassen und so beginnt er mit einem Privatkrieg. Das führt aber zunächst nur dazu, dass er seine Freundin verliert und eines Tages sogar gezwungen ist, dauerhaft offline zu gehen. Dass er seine durchaus nicht eingebildeten Feinde bisher im falschen Lager gesucht hat, merkt Julius zu spät...

Dieser Roman hat mich sofort an Das Unsterblichkeitsprogramm von Richard Morgan erinnert. Auch in Morgans fiktivem Universum legen die Menschen permanent Sicherungskopien ihres Bewusstseins an, allerdings erfolgt das ohne eigenes Zutun. Morgan hat sich außerdem einige weit ausgefallenere Anwendungsmöglichkeiten dieser Technologie ausgedacht als Doctorow, quasi zum Ausgleich präsentiert letzterer ein alternatives Wirtschaftssystem, das gar nicht so weit hergeholt ist. Man denke nur an unsere "Social Networks" oder die Produktbewertungen bei einem auch von mir genutzten Internet-Versandhaus. Das Woppel-System ist nur die logische Weiterentwicklung derartiger Konzepte. Wenn keiner mehr arbeiten muss, hängt man sein Herz eben an andere Dinge, wie in diesem Fall an das Spukhaus in Disneyland. Der Kampf um diese Themenpark-Attraktion ist zwar absurd, aber er verdeutlicht umso besser die Denkweise einer Gesellschaft, für die herkömmliche Werte keine Gültigkeit mehr haben. Ausgerechnet Disneyworld, den Inbegriff von Kitsch und Realitätsflucht, will Julius im ursprünglichen Zustand erhalten, vergleichbar einem Denkmalschützer, der sich z.B. der Sprengung des Kölner Doms zwecks Ausbau des Hauptbahnhofs widersetzen würde...

Doctorow hat einen flotten, unterhaltsamen Roman um die interessanten (wenn auch keineswegs neuen) Grundideen herum gestrickt. Bei aller Kürze kann man doch Sympathie für die Hauptfiguren entwickeln und die Handlung hat am Schluss eine überraschende Wendung. Tiefergehende Implikationen werden allerdings nicht einmal angedeutet. So könnte man überlegen, ob den Menschen durch die Digitalisierung des Bewusstseins nicht vielleicht doch etwas Entscheidendes verloren geht. Ist das Backup wirklich die vollständige Kopie des menschlichen Geistes incl. Seele - oder handelt es sich um nicht mehr als eine besonders komplizierte Programmschablone für einen organischen Roboter? Wenn die Seele ebenfalls kopiert und neu übertragen wird, was geschieht dann mit dem Original? Tummeln sich in Himmel und Hölle irgendwann -zig Ausfertigungen derselben Person? (21.12.2009)


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380
Die Tefroder 3 Wim Vandemaan: Die Stadt der tausend Welten (Perry Rhodan "Die Tefroder" Nr. 3)
Heyne, 2009
415 Seiten

Infos zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke meines Archivs. Einfach hier klicken!

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379
Feuertaufe Andrzej Sapkowski: Feuertaufe
dtv, 2009
428 Seiten

Nilfgaard hat einige der Königreiche jenseits der Jaruga erobert. Temerien und Redanien sowie einige andere kleinere Reiche leisten noch Widerstand. Kaiser Emhyr var Emreis ist noch nicht zufrieden, er will seinen Machtbereich weiter ausdehnen. Er benutzt unter anderem die Scoia'tael, um die Lage in den nördlichen Königreichen weiter zu destabilisieren, damit diese den nächsten Angriffen weniger Widerstand leisten können. In dieser Zeit gründen einige Zauberinnen aller Länder unter der Führung von Philippa Eilhart eine Geheimloge, die den Rat der Magier ersetzen und sich vor allem der Erhaltung der Magie widmen soll. Zu diesem erlesenen Zirkel gehört auch Yennefer, die allerdings nicht ganz freiwillig an der ersten Gesamtzusammenkunft teilnimmt. Geralt, der im Kampf gegen Vilgefortz von Roggeveen beim Aufstand von Thanedd schwere Verwundungen davongetragen hat, wurde von Triss Merigold in den Brokilon-Wald teleportiert. Dort wird er von den Dryaden gesund gepflegt, was wegen der magischen Heilkünste dieser Wesen nur wenige Wochen in Anspruch nimmt. Er wird von der Ungewissheit um Ciris Schicksal geplagt - der Turm Tor Lara, in den sein "Kind der Vorsehung" während der Kämpfe auf Thanedd geflohen war, liegt in Trümmern, aber von Ciri wurde keine Spur gefunden.

Die mit den Dryaden verbündete Jägerin Milva versorgt Geralt mit Neuigkeiten aus der Welt außerhalb des Brokilon. Ihr anfänglicher Widerwille gegen den Hexer wird bald zu Faszination. Als sie ihm die Nachricht bringt, dass Ciri nicht tot ist, sondern den Kaiser Nilfgaards ehelichen soll (Emhyr will seinen Herrschaftsanspruch durch eine Heirat mit der Prinzessin von Cintra legitimieren), hält ihn nichts mehr in der Abgeschiedenheit des Waldes. Er macht sich auf, Ciri zu befreien. Milva und Rittersporn begleiten ihn. Später schließen sich ihm weitere Weggefährten an, mit denen er nicht gerechnet hat: Der nilfgaarder Ritter Cahir, der Ciri einst aus Cintra geholt hat und zur Hauptperson ihrer Alpträume geworden ist, der geheimnisvolle Kräutersammler Regis, dessen übermenschliche Fähigkeiten Geralt zu denken geben, und eine Zwergengruppe um Zoltan Chivay, von dem Geralt später das Schwert Sihil erhält. Die Reise verläuft anders als geplant, denn viele Wege sind durch die Kriegshandlungen versperrt, Zoltans Zwerge haben eine Flüchtlingsgruppe im Schlepptau und Milva trägt im wahrsten Sinne des Wortes ebenfalls ein Problem mit sich herum.

Und schließlich stellt sich heraus, dass das in Emhyrs Residenz gefangen gehaltene Mädchen gar nicht Ciri ist. Die echte Prinzessin ist von einem Portal im Tor Lara in eine Wüste teleportiert worden und hat sich im weiteren Verlauf der Ereignisse einer Gruppe von Banditen angeschlossen. Auch die Zauberinnen erhalten Kenntnis davon. Sie erkennen, dass in Ciri eine alte, möglicherweise gefährliche Macht zu neuem Leben erwacht ist...

Dies ist der dritte Roman der Hexer-Reihe, zu der auch zwei Kurzgeschichtenbände gehören. Meine Reviews (siehe Archiv) setze ich als bekannt voraus - wer noch keines dieser Bücher gelesen hat, dürfte sich auch für "Feuertaufe" nicht interessieren, denn die Romane der Hexer-Reihe können nicht isoliert voneinander gelesen werden, sie bilden eine einzige, zusammengehörende Geschichte.

Erneut werden die Geschehnisse aus mehreren Blickwinkeln erzählt, diesmal steht Geralt aber im Gegensatz zum letzten Roman wieder mehr im Vordergrund. Man könnte dem Roman vorwerfen, dass er die Geschichte nicht so recht vorantreibt, aber das stimmt auch wieder nicht. Schließlich erleben wir die "weltpolitischen Ereignisse" aus der Sicht von Personen mit, die die Lage nicht vom Feldherrnhügel aus betrachten, sondern mittendrin stecken und immer nur einen kleinen Ausschnitt zu sehen bekommen. Deshalb sind es mehr die Details am Rande und nicht etwa großmaßstäbliche Schlachtengemälde, die die Situation für den Leser verdeutlichen.

Diesen Zweck erfüllt die beschwerliche Reise des Hexers und seiner Gefährten sehr gut, noch besser funktioniert aber die "Chemie" innerhalb der Gruppe. Sapkowski arbeitet die verschiedenen Figuren wieder liebevoll aus; meine Favoriten sind die derbe, ungebildete Milva und die nur vordergründig rüpelhaften Zwerge. Wer das Computerspiel The Witcher kennt, für den ist Zoltan Chivay übrigens kein Unbekannter. Im Gegensatz zu diesen beiden eher rustikalen Figuren stehen der zum Dozieren neigende Regis und der adlige Cahir, Rittersporn tänzelt wie üblich dazwischen herum und Geralt muss sich mit dem Gedanken anfreunden, dass er all diese lästigen Typen wohl nie mehr loswerden wird - und das irgendwann auch gar nicht mehr will. Die Dialoge, die sich an dieser bunten Zusammenstellung von Charakteren entzünden, sprühen wieder vor Wortwitz und erneut funktioniert die Mischung aus Politik, Ränkespielen, bodenständigen Fantasy-Abenteuern, Kriegswirren und teils explizit geschilderter Gewalt hervorragend. Das Universum des Hexers ist nun einmal kein pastellfarbenes Kindermärchen, sondern eine dreckige, realistische Welt, und da gehören Kriegsgräuel genauso dazu wie Gossensprache.

Erneut wird "erwachsene" Fantasy abseits ausgetretener Pfade und abgedroschener Klischees geboten. Der Grundton ist zwar düster, aber auch der für Sapkowski typische Humor fehlt nicht. Der Roman ist definitiv das erhoffte Highlight und eigentlich gibt es nur einen einzigen Kritikpunkt: Da dies der dritte von fünf Hexer-Romanen ist, ist die Hälfte jetzt schon rum…... (07.12.2009)


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378
Merlin Stephen Lawhead: Merlin (Pendragon-Saga 2)
Buchvertrieb Blank GmbH, 2004
528 Seiten

Merlin, auch Myrddin Emrys genannt, ist der Sohn der Atlanterin Charis und des Druiden Taliesin, eines Nachkommen britannischer Fürsten. Nach Taliesins frühem Tod infolge einer Intrige Morgians (die Halbschwester von Charis hat sich den Dunklen Mächten verschrieben) wächst Merlin in Ynis Avallach auf, einer der letzten Zufluchtsstätten der Atlanter. Damit er die Vision seines Vaters vom Sommerreich - einem christlichen Reich des Friedens und des Wohlstands - verwirklichen kann, wird er zum Krieger ausgebildet, während der alte Druide Hafgan seine geistigen Gaben fördert. In seiner Jugend macht Merlin eine seltsame Erfahrung: Er wird vom Bergvolk entführt, kleinwüchsigen Wesen mit besonderen Fähigkeiten, die zurückgezogen leben und von den Menschen allmählich verdrängt werden. Von ihnen lernt er vieles, und eines Tages lassen sie ihn wieder ziehen. Auf dem Rückweg in seine Heimat kommt er an den Hof des Fürsten Custennin, in dessen Tochter Ganieda er sich verliebt. Merlin wird zum Hochkönig Britanniens gekrönt und heiratet Ganieda, doch sein Glück ist nur von kurzer Dauer.

Das unter dem Ansturm der Barbaren zusammenbrechende römische Imperium gibt Britannien auf - die Legionen ziehen sich zurück, die Römerstädte verfallen und die Grenzbefestigungen werden verlassen. Ohne römischen Schutz ist Britannien den Angriffen seiner Feinde mehr oder weniger hilflos ausgeliefert, denn viele Britannier sehen sich immer noch als römische Bürger und begreifen nicht, dass sie sich selbst schützen müssten. Die räuberischen Pikten und Skoten aus dem Norden werden dreister, vor allem aber strömen immer neue Horden von Angeln, Sachsen und Iren übers Meer heran und wüten grausam unter der Bevölkerung. Als neuer Hochkönig versucht Merlin die kleinen britannischen Königreiche zu einen, um den Fremden die Stirn bieten zu können. Doch dann fällt seine geliebte Frau den Sachsen zum Opfer. Er wird vom Schlachtenfuror übermannt und nimmt schreckliche Rache, denn niemand kann gegen ihn bestehen. Am Ende hat er alle Barbaren niedergemetzelt, doch auch Merlins Freunde liegen tot auf dem Schlachtfeld.

Verzweifelt und dem Wahnsinn nahe zieht sich Merlin in die Wildnis zurück, wo er in völliger Einsamkeit lebt. Er hat verschiedene Visionen, wird vom Teufel versucht und begegnet einem Himmelsboten. Als er von seinem Diener schließlich in die Wirklichkeit zurückgeholt wird, sind viele Jahre vergangen. Der Usurpator Vortigern ist neuer Hochkönig. Merlin verzichtet auf seinen Thronanspruch und nimmt eine neue Rolle an: Er wird zum Berater der Mächtigen, verfolgt aber immer noch das Ziel, Britannien unter einem Herrscher zu einen, der eines Tages das Sommerreich gewinnen wird.

Dies ist der zweite Band der Pendragon-Saga, einer Neuinterpretation der Artus-Sage, in der bekannte Elemente dieser Geschichte mit dem auf keltischen Mythen basierenden Mabinogion, römischer Historie, der Legende von Atlantis und christlichen Mysterien verknüpft werden. Das Ganze bleibt zwar in sich schlüssig, aber ein Element nimmt jetzt einen größeren Stellenwert ein, meiner Meinung nach einen zu großen. Gemeint ist Lawheads christlicher Glaube. Gut, manchen Theorien zufolge sollen Merlin und Artus in der Zeit des Abzugs Roms aus Britannien gelebt haben, also irgendwann Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrhunderts, und das fällt ja ungefähr mit der Christianisierung zusammen. Irgendwann kann man es aber nicht mehr lesen, wenn alle davon faseln, wie sie zur göttlichen Liebe finden, dass der Glaube ihnen Trost in ihrem Elend spendet oder dass Merlin glaubt, Gottes Willen auf Erden zu erfüllen. Man hat teilweise sogar das Gefühl, als wolle der Autor auch den Leser missionieren, und das stört erst recht. Christliche Hardliner dürften von Lawheads Verflechtung des Christentums mit heidnischem Glauben und Magie zumindest irritiert sein, aber diesen Aspekt finde ich eigentlich sogar lobenswert, denn eine klare Trennung zwischen beidem hat es damals wohl eher nicht gegeben.

Ansonsten finde ich den Roman nicht so fesselnd wie den ersten Band der Saga, was zum Teil daran liegt, dass Atlantis keine Rolle mehr spielt. Die Ausarbeitung dieser von Britannien so verschiedenen Kultur fand ich besonders faszinierend, und von Atlantis sind ja jetzt nur noch Fragmente übrig, die in den Augen der Britannier allmählich zum Gegenstand von Mythen und Märchen werden. Merlin ist der Ich-Erzähler dieses Romans, aber irgendwie werde ich mit ihm nicht warm. Das kann an seinem bereits erwähnten angeblichen göttlichen Auftrag liegen, auf dem er immer wieder herumreitet, vielleichte auch daran, dass man ihm die Wandlung vom Superkämpfer, der Horden von Gegnern im Alleingang schnetzelt, hin zum Drahtzieher im Hintergrund nicht wirklich abnimmt.

Dennoch hat auch der zweite Band der Saga seinen ganz eigenen Reiz, denn jetzt treten die Figuren auf, die man aus der Artus-Sage kennt und allmählich kommen einem die Ereignisse bekannt vor. Auch hier beschränkt sich Lawhead nicht auf die x-te Nacherzählung der überlieferten Geschichte. Vielmehr versucht er, den Figuren einen eigenen Charakter zu geben und verschiedene Begebenheiten umzudeuten. So wird auch dieser Band wieder durchaus lesenswert. (26.11.2009)


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377
Schlecht englisch kann ich gut Bürger Lars Dietrich: Schlecht Englisch kann ich gut
rororo, 2009
239 Seiten

Lars Dietrich, geboren 1973 in Potsdam und aufgewachsen in der DDR, ist spätestens seit seinen Auftritten in der "Wochenshow" und der Zusammenarbeit mit Stefan Raab als Musiker und Comedian bekannt. In diesem Buch beschreibt er humorvoll seine Kindheit und Jugend, die sich zwar grundlegend von meiner eigenen Kindheit unterscheidet - in dem, was für Kinder wichtig ist, aber eben doch nicht. Und so enthält das Buch zwar nostalgisch verklärte Erinnerungen, wie ich sie in sehr ähnlicher Form auch zu Papier bringen könnte, aber weder Ostalgie noch Systemkritik. Dietrich glorifiziert die damaligen Verhältnisse ebenso wenig wie er sie anprangert, denn nicht Stasi-Spitzelei, Mängelverwaltung usw. sind das zentrale Thema des Buches, sondern das, was man als Kind in der DDR erlebt hat. Das hält Dietrich natürlich nicht davon ab, viele ironische Seitenhiebe zu verteilen und den einen oder anderen Ost-Witz zum Besten zu geben. Er muss ein ziemlich stressiger Zeitgenosse gewesen sein; immer aufgekratzt und hyperaktiv, nichts als Unsinn im Kopf und mit nie stillstehendem Mundwerk. Das liest sich alles sehr unterhaltsam, wobei einem das Lachen angesichts der teils bizarren Gängelei durch Obrigkeit und Behörden, die immer wieder anklingt, manchmal doch ein bisschen im Halse stecken bleibt.

Richtig interessant wird das Buch aber, wenn Dietrich von der Entdeckung erzählt, die sein Leben verändert hat: Rap und Breakdance, in seinem Fall vermittelt durch den Film "Beat Street" (den habe ich damals übrigens auch gesehen). Interessant deshalb, weil ich gar nicht wusste, dass es in der DDR auch eine HipHop-Szene gegeben hat, und weil man sich unschwer vorstellen kann, vor welchen Problemen junge HipHopper im real existierenden Sozialismus gestanden haben. So war Kreativität gefragt, wenn es darum ging, die obligatorischen Klamotten und sonstigen Accessoires zu beschaffen, an die richtige Musik zu kommen - oder mangels Englischkenntnissen passende Texte für eigene Stücke zusammenzubasteln. So erklärt sich auch der Titel des Buches: Dietrich hat für seine Raps einfach irgendwelche englischen Begriffe verwendet, die in seinen Lieblingstiteln vorkamen, und wenn er ihre Bedeutung bzw. Schreibweise nicht kannte, dann hat er sie lautmalerisch nachgebildet oder gleich ganz eigene Wortschöpfungen kreiert, die zwar irgendwie englisch klangen, aber völliges Kauderwelsch waren. Leider endet das Buch, als es mit der Breakdancerei für Lars Dietrich so richtig losgeht, nämlich im Jahr des Mauerfalls.

Man könnte Dietrich vorwerfen, er habe sein Buch mit unspektakulären Belanglosigkeiten gefüllt, die allenfalls für ihn selbst oder seine Familie interessant sind - quasi wie ein altes Familien-Fotoalbum in Textform - aber ich habe mich köstlich amüsiert und kann mir jetzt auch ein etwas besseres Bild vom Alltag in der DDR machen. Einen zweiten Teil dieser Mini-Biografie würde ich mir jedenfalls auch zulegen. (19.11.2009)

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376
Die Tefroder 2 Michael Marcus Thurner: Segler im Sternenwind (Perry Rhodan "Die Tefroder" Nr. 2)
Heyne, 2009
350 Seiten

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375
Kundschafter aus dem All William Voltz: Kundschafter aus dem All (PR-Planetenroman Nr. 60)
Moewig-Verlag, 1974
161 Seiten

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374
A Clockwork Orange Anthony Burgess: A Clockwork Orange
Penguin Books, 2000
165 Seiten

In einer nicht allzu weit entfernten Zukunft hat die Polizei die Kontrolle über die Kriminalität verloren. Die Gefängnisse sind überfüllt, Banden von meist jugendlichen Schlägern machen die Stadt unsicher. Alex und seine drei Kumpane Pete, Georgie und Dim treffen sich jede Nacht in der Korova Milchbar, wo sie sich mit verschiedenen Milch-Drogen-Cocktails scharf machen. Danach vergnügen sie sich damit, Passanten auszurauben, Penner zusammenzuschlagen, Läden zu plündern, andere Banden zu bekämpfen und einsam gelegene Häuser außerhalb der Stadt heimzusuchen, um deren Bewohner zu terrorisieren. Alex ist der Anführer der kleinen Gang. Als seine "Droogies" ihm diese Rolle eines Tages streitig machen, züchtigt er sie ebenso brutal, wie er die Opfer seiner nächtlichen Gewaltorgien quält. Doch Alex hat nicht mit der Hinterhältigkeit seiner vermeintlichen Freunde gerechnet, denn als er bei einem weiteren Einbruch eine alte Frau tötet und fliehen will, schlagen die draußen wartenden Gangmitglieder ihn nieder und überlassen ihn der Polizei. Alex ist 15 Jahre alt. Er wird zu 14 Jahren Haft verurteilt.

Nach zwei Jahren im Gefängnis kommt es zu einem Zwischenfall, bei dem Alex einen anderen Häftling erschlägt. Daraufhin wird er zum Versuchskaninchen für ein neues "Umerziehungsverfahren" gemacht. Die Ludovico-Therapie, eine Art Gehirnwäsche, soll den Strafvollzug revolutionieren und Platz in den Gefängnissen schaffen. Alex wird so konditioniert, dass er schon beim Gedanken an Gewalttaten schreckliche Schmerzen und Übelkeit empfindet. Er wird als "geheilt" entlassen. Der Innenminister beutet die Verwandlung eines notorischen Gewalttäters in einen "anständigen Bürger" als Erfolg für seine Partei aus, um drastische Verschärfungen im Strafrecht durchsetzen zu können. Alex trifft auf einige seiner einstigen Opfer und wird von diesen brutal misshandelt, da er sich nicht mehr wehren kann. Schließlich fällt er Regierungsgegnern in die Hände, die ihn für ihre Zwecke ausnutzen wollen. Einer dieser Männer ist Witwer - seine Frau ist gestorben, nachdem Alex und seine Droogies sie bei einem ihrer "Überraschungsbesuche" vergewaltigt hatten...

Dieser im Jahre 1962 erschienene dystopische Roman gehört zu meinen Lieblingsbüchern, deshalb habe ich ihn jetzt endlich einmal im englischen Original gelesen. Der besondere Reiz des Romans, der ganz aus der Ich-Perspektive des "kleinen Alex" erzählt wird, wird im Original noch deutlicher. Er entsteht aus der "Nadsat"-Sprache. Alex und seine Droogies verwenden einen fiktiven Slang, der unter anderem aus vielen (meist modifizierten oder verballhornten) russischen Begriffen besteht. Seit ich "Uhrwerk Orange" zum ersten Mal gelesen habe, gehören Worte wie "Tollschock", "pitschen", "Grudies" und dergleichen auch zu meinem Wortschatz. Die Bedeutung ergibt sich aus dem Kontext, ein Glossar ist nicht vorhanden. Ein zweiter Aspekt ist die Darstellung von Gewalt. Alex berichtet stets völlig beiläufig von den übelsten Brutalitäten, er zelebriert seine von klassischer Musik untermalten Eskapaden lustvoll und mit ironischen Anmerkungen. Ob man das als Gewaltverherrlichung bezeichnen muss, kann ich nicht beurteilen. Siehe auch meinen Kommentar zur Verfilmung von Stanley Kubrick.

Der Titel des Buches ist so zu verstehen, dass Alex nach Anwendung der Ludovico-Methode nicht mehr auf natürliche Weise reifen kann (wie eine Orange am Baum), sondern in eine Art Maschine verwandelt wird (ein Uhrwerk), die nach einer starren Programmierung funktioniert, ohne jemals eine moralische Entscheidung zu treffen. Im Grunde hat sich Alex nicht in einen besseren Menschen verwandelt. Er entscheidet sich nicht für das Gute, stattdessen vermeidet er einfach alles, was die befürchteten Qualen auslösen könnte. Somit folgt er nur irgendwelchen beliebigen Regeln, die von anderen vorgegeben werden. Ob diese Regeln (oder deren Erfinder) gut oder böse sind, ist für Alex völlig gleichgültig. In dem Roman wird die Frage, ob es besser sei, einem Menschen die Freiheit der Entscheidung zwischen Gut und Böse zu lassen (selbst dann, wenn er sich für das Böse entscheidet), mit "Ja" beantwortet.

Alex wird im weiteren Verlauf der Geschichte zum zweiten Mal "geheilt", d.h. die Ludovico-Konditionierung wird rückgängig gemacht. Er kehrt deshalb zu seiner alten Lebensweise zurück. Im letzten Kapitel ist Alex sozusagen wieder eine Orange ohne Uhrwerk, kann sich weiterentwickeln und erkennt schließlich, dass er sein Leben ändern muss. Das ist zwar ein versöhnliches, geradezu optimistisches Ende, aber ich muss sagen: Das ist mir ein bisschen zu billig. Durch die "Läuterung" der Hauptfigur will Burgess, so kommt es mir vor, sein Plädoyer für den freien Willen rechtfertigen. Das hätte nicht unbedingt sein müssen. Oder sollte man die Freiheit des Willens etwa nur unter der Voraussetzung akzeptieren, dass sich am Ende doch alle Menschen für "das Gute" entscheiden? (26.10.2009)


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373
Der Tanz in den Tod Algernon Blackwood: Der Tanz in den Tod
Suhrkamp, 1982
222 Seiten

Dieser Band enthält zehn Kurzgeschichten Algernon Blackwoods, die zwischen 1906 und 1929 erstmals veröffentlicht wurden.

Der Tanz in den Tod

Ein junger Mann hat gerade erst erfahren, dass er an einer Herzschwäche leidet und sich nicht überanstrengen darf. Dennoch nimmt er an einer Tanzveranstaltung teil, bei der er einer jungen Frau begegnet, die niemand außer ihm wahrzunehmen scheint. In ihren Armen tanzt er seinen letzten Tanz.

Der Mann, den die Bäume liebten

Der alte Mr. Bittacy hat seit einem merkwürdigen Erlebnis in Indien eine besondere Beziehung zu Bäumen. Seine sehr religiöse Frau beobachtet die Hinwendung ihres Gatten zu den unheimlichen Naturmächten, die ihren Sitz im nahe gelegenen Wald haben, mit Misstrauen. Daraus wird Entsetzen, als diese Mächte in ihr trautes Heim eindringen.

Durch die Wand

Jim Shorthouse belauscht unabsichtlich einen tödlichen Streit zwischen Vater und Sohn durch die dünne Wand, die seine Mietwohnung vom benachbarten Zimmer trennt. Als er nebenan nachsieht, ist der Raum jedoch leer.

Rennender Wolf

Trotz verschiedener Warnungen kampiert ein Angler auf der "falschen" Seite eines Sees in der Wildnis Kanadas. Dort begegnet er einem riesigen Wolf, der sich seltsam menschlich verhält und ihn zu einem unter der Erde ruhenden Geheimnis führt.

Der Mann, der Milligan war

Milligan fühlt sich in eine alte chinesische Zeichnung hineinversetzt. Jahre später findet er sich als wohlhabender Geschäftsmann in China wieder, hat aber keine Ahnung, was in der Zwischenzeit geschehen ist.

Der leere Ärmel

Eine geisterhafte Erscheinung versucht eine Geige aus der Sammlung zweier Brüder zu stehlen. Einer der beiden schlägt mit einem Säbel auf das Gebilde ein. Zurück bleibt ein leerer Ärmel. Wenig später begegnet der Mann zufällig einem Bekannten, der einen Arm verloren hat.

Verbotener Weg

Eine vermeintliche Abkürzung durch den Wald erweist sich als direkter Weg in die jenseitige Welt.

Aussprache

Ein beurlaubter Frontsoldat mit Platzangst verirrt sich im Nebel und gerät in die Geisterwelt, wo er fast das Opfer eines viele Jahre zurückliegenden Eifersuchtsdramas wird.

Verfrühtes Ereignis

Ein Wanderer fällt zwei Wegelagerern in die Hände und stellt fest, dass dieses Ereignis nur eine Vision war - er hat die Tat vorausgesehen. Es gelingt ihm aber nicht, das wahre Opfer zu warnen.

Ein Opfer der Vierten Dimension

Dr. John Silence wird von einem Mann aufgesucht, der immer wieder unkontrolliert durch die Dimensionen stürzt und sich in unbekannten Gefilden wiederfindet, die ihn vollständig zu vereinnahmen drohen. Silence weiß, wie dem Mann geholfen werden kann, doch der geringste Anlass genügt schon, um den Patienten "verschwinden" zu lassen.

Die Storys bilden eine Mischung aus "klassischen Geistergeschichten", bei denen die Lebenden Besuch aus dem Totenreich erhalten oder Zeuge der geisterhaften Wiederholung längst vergangener Gräueltaten werden, und originelleren Geschichten, in denen die übersteigerte Vorstellungskraft der Menschen zu Geschehnissen führt, die real sein könnten - oder auch nicht. Bei letzteren Storys wird nicht so sehr auf billige Grusel-Effekte gesetzt, sondern mehr auf außergewöhnliche Bewusstseinszustände oder auf eine Atmosphäre der allmählich anwachsenden Bedrohung durch Kräfte, die für den Menschen unverständlich sind. Das gilt vor allem für "Der Mann, den die Bäume liebten", die mit Abstand längste Geschichte dieser Anthologie. Allerdings ist die minutiöse Beschreibung der Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonisten in dieser Geschichte denn doch ein wenig zu lang geraten; man wird dadurch eher ermüdet als gefesselt.

Nicht umsonst wurde ein Blackwood-Zitat als Klappentext verwendet, dem zufolge der Autor sich für Phänomene interessiert, die sich der normalen Wahrnehmung entziehen. In seinen Geschichten ist die Trennlinie zwischen der wahrnehmbaren Realität und der jenseitigen Welt dünn. Man kann sie unter besonderen Voraussetzungen sehen oder sogar in sie übertreten und wieder zurückkehren (wenn man Glück hat). Das geschieht in den vorliegenden Geschichten mal durch die totale Konzentration auf ein Bild, mal durch übertriebene Angst - manchmal führen auch Vorahnungen oder Musik dazu, dass sich "Übernatürliches" ereignet. Dem stehen wiederum banalere Geschichten gegenüber, in denen sich die Protagonisten von einer unerklärlichen Präsenz bedrängt fühlen, von der nichts bleibt, wenn man das Licht entzündet. Typisch für alle Geschichten ist die Hilflosigkeit der Handelnden. Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Dr. Silence, der wie Jim Shorthouse in zahlreichen Geschichten Blackwoods wiederkehrt) sind sie Opfer des Unbeschreiblichen und können sich nicht aus eigener Kraft aus den Labyrinthen befreien, in die sie unversehens geraten. (19.10.2009)


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372
Die Tefroder 1 Christian Montillon: Das genetische Siegel (Perry Rhodan "Die Tefroder" Nr. 1)
Heyne, 2009
350 Seiten

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371
Im Namen der Götter Oisin McGann: Im Namen der Götter
Piper, 2006
314 Seiten

Chamus Aranson lebt im fortschrittlichen Industriestaat Altima. Er ist der jüngste Spross einer Familie, die schon mehrere Piloten und Wissenschaftler hervorgebracht hat. Wie sein Vater will auch Chamus Flieger werden. In Altima werden immer wieder Selbstmordattentate von Fanatikern aus dem benachbarten Land Bartokhrin verübt. Im Vergleich zu ihren wohlhabenden Nachbarn sind die Bartokhriner unterentwickelt. Sie leben hauptsächlich von Ackerbau und Viehzucht, vor allem aber sind sie in einem starren System gesellschaftlicher Regeln und religiöser Dogmen gefangen. Viele Bartokhriner wandern in die altimanischen Städte ab, um dort Arbeit zu suchen, aber sie sind dort schlecht integriert und verrichten nur niedere Dienste. Wenn sie in ihrer Heimat bleiben, haben sie unter den Übergriffen der Altimaner zu leiden, die die wertvollen Bodenschätze Bartokhrins rücksichtslos ausbeuten und dabei die Natur zerstören. Für viele Bartokhriner ist diese Situation so unerträglich, dass sie sich der Terrororganisation Hadram Cassal anschließen. Einer ihrer Anschläge richtet sich gegen die von Chamus besuchte Flugschule. Chamus überlebt das Attentat nur knapp.

Riadni Mocranen ist die Tochter eines Grundbesitzers in Bartokhrin. Sie beobachtet einen Bombenangriff, den die Altimaner wie üblich zur Vergeltung des jüngsten Selbstmordattentats gegen ein Dorf fliegen, in dem zu Recht ein Stützpunkt der Hadram Cassal vermutet wird. Riadnis Vater gewährt den fliehenden Widerstandskämpfern auf seinem Grund und Boden Unterschlupf. Riadni ist fasziniert von der Freiheit, in der die Kämpfer leben, da sie sich als Frau an zahlreiche Regeln und Einschränkungen zu halten hat. Eines Tages läuft sie von zu Hause weg und macht dabei unerwartete Beute: Ein junger Altimaner musste im Nebel mit seinem Doppeldecker notlanden und kann nicht wieder starten - es ist Chamus. Riadni nimmt ihn gefangen und ist bereit, ihn an die Hadram Cassal auszuliefern. Sie hofft, sich auf diese Weise einen Platz unter den Kämpfern sichern zu können. Doch als sie erfährt, dass die Widerständler den Jungen, der niemandem etwas zu Leide getan hat, töten wollen, flieht sie gemeinsam mit ihm. Unterwegs kommen die beiden sich nicht nur näher, sondern lernen die Kultur des jeweils anderen besser kennen. Allmählich kommen sie einem ungeheuerlichen Plan auf die Spur, in den Chamus' Familie verwickelt ist, so dass klar wird, warum die Hadram Cassal ein so großes Interesse daran hat, Chamus in die Hände zu bekommen.

Dieser Roman wird als "Fantasy" beworben und verkauft, aber ganz so leicht lässt er sich diesem Genre - oder irgendeinem anderen - nicht zuordnen. Mit Magie, Orks, Elfen oder dem Mittelalter hat die Geschichte jedenfalls nichts zu tun. Als einziges "übernatürliches" Element kann man die Stimmen der "Geister" bezeichnen, die es den Hadram-Cassal-Terroristen erst ermöglichen, ihre merkwürdigen Anschläge zu verüben. Darauf bin ich in obiger Zusammenfassung nicht eingegangen, aber dieses Element ist ein wesentlicher Bestandteil der Story. "Im Namen der Götter" spielt in einer fiktiven Welt, die sich ansonsten kaum von der Realität unterscheidet. Zeitlich könnte man die Story in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ansiedeln, vielleicht zwischen 1920 und 1945. Ein Parallelwelt-Roman ist es aber auch nicht, schließlich gibt bzw. gab es in der Realität weder Altima noch Bartokhrin. Man müsste aber schon mit Blindheit geschlagen sein, um nicht sofort zu begreifen, dass man es mit einer literarischen Parabel zu tun hat, d.h. dass der Autor seine Einstellung zur aktuellen weltpolitischen Situation vermitteln will. Man muss nur "Altima" durch "USA" und "Bartokhrin" durch "Afghanistan" ersetzen, dann ist alles klar. Ich mag es nicht, wenn die "Botschaft" eines Romans zu offensichtlich ist. Man kann sich außerdem des Eindrucks nicht erwehren, dass der Roman eher für jüngere Leser geschrieben wurde. Beides schränkt den Lesegenuss nicht unerheblich ein.

Natürlich ist die Geschichte durchaus spannend. Die Probleme, vor denen Chamus und Riadni wegen ihres grundverschiedenen kulturellen Hintergrunds immer wieder stehen, sorgen für amüsante Momente. Auch muss man zugestehen, dass keine der beiden Seiten als eindeutig "gut" oder "böse" hingestellt wird. Jede hat nachvollziehbare Gründe für ihr Handeln, und in beiden Lagern ist man jederzeit zu furchtbaren Grausamkeiten bereit. Den Umstand, dass Chamus die Sinnlosigkeit des endlosen Schlagabtauschs nicht nur erkennt, sondern diese Gewaltspirale auch durchbrechen kann, könnte man vielleicht doch als "Fantasy" bezeichnen... (12.10.2009)


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370
Taliesin Stephen Lawhead: Taliesin (Pendragon-Saga 1)
Buchvertrieb Blank GmbH, 2004
576 Seiten

Noch halten die Römer Britannien südlich des Hadrianswalles besetzt, doch die Garnisonsstärke wird allmählich verringert, die Verteidigung der Grenzen wird vernachlässigt. So hat vor allem die nichtrömische Bevölkerung unter immer häufigeren Überfällen durch Iren, Pikten und Sachsen zu leiden. Elphin, das Oberhaupt eines Clans der Britannier, erkennt die Zeichen der Zeit und stellt erstmals seit dem Einzug der Römer wieder eine kleine Armee zusammen, die er den Besatzern unter der Bedingung zur Verfügung stellt, dass ihnen eine militärische Ausbildung nach römischem Vorbild zuteil wird. So gelingt es ihm eine Zeitlang, sich gegen die Horden der Plünderer zu behaupten. Doch Hafgan, Barde und Druide des Clans, sieht Zeichen am Himmel, die auf große Veränderungen hindeuten. In einer Fischreuse findet Elphin einen in Seehundsfell gewickelten Säugling. Er nimmt das Neugeborene an Kindes statt an. Der Junge erhält den Namen Taliesin und wird zu Hafgans Schüler, übertrifft seinen Meister aber schon bald bei weitem.

Die von Hafgan gesehenen Zeichen haben nicht nur die Ankunft Taliesins angekündigt, sondern auch den Untergang der Insel Atlantis. Dort existiert eine uralte Hochkultur, deren Niedergang sich allerdings schon in höfischen Intrigen abzeichnet. Die Atlanter leben in unvorstellbarem Luxus und sind allen anderen Völkern weit überlegen. Viele Atlanter verfügen außerdem über magische Kräfte. Charis, Tochter des Königs Avallach, ist eine dieser besonders begabten Personen. Ihr behütetes Leben am Hof endet, als der Hochkönig einem Mordanschlag zum Opfer fällt, was einen Krieg zwischen Avallach und anderen Unterkönigen nach sich zieht. Charis muss mit ansehen, wie ihre Mutter bei einem Überfall getötet wird, ihr Vater erleidet im Krieg eine Verwundung, die nie ganz geheilt werden kann. Da Avallach seiner Tochter die Schuld am Tod seiner Gattin gibt, verbringt sie die nächsten Jahre als Stiertänzerin in der Hauptstadt. Bei ihrer Rückkehr in die Heimat muss sie feststellen, dass eine Magierin namens Lile den Platz an der Seite Avallachs eingenommen hat.

Charis, die Zeit ihres Lebens Visionen hatte, schenkt den Warnungen eines Propheten Glauben und bereitet ihr Volk auf die Katastrophe vor. So entgehen Charis, Avallach und einige Tausend Atlanter der totalen Vernichtung von Atlantis durch Erdbeben und Vulkanausbrüche. Sie fliehen über das Meer und siedeln sich in Britannien an, wo Avallach einen neuen Palast errichtet. Bei den vergleichsweise primitiven Britanniern werden die Atlanter bald zum Gegenstand abergläubischer Legenden. Charis und Taliesin begegnen sich, nachdem Elphins Clan der Übermacht der räuberischen Barbaren weichen musste. In Avallachs Land finden sie eine neue Heimat. Die Prinzessin und der Barde lieben sich und nehmen wie Avallach den noch jungen christlichen Glauben an. Doch Avallach ist gegen die Verbindung, und Liles Tochter, die Hexe Morgian, lässt nichts unversucht, um die Liebenden auseinanderzubringen...

Dies ist der Auftakt der so genannten Pendragon-Saga, einer Neuinterpretation der Artus-Sage. Ich habe vor vielen Jahren so einige Bücher gelesen, die sich mit der Deutung dieser Sage befassen und in denen der Versuch gemacht wird, Artus, Merlin und andere Figuren historisch zu verorten. Deshalb weiß ich, dass die Idee, die Geschichte in der Zeit der zu Ende gehenden Römerherrschaft spielen zu lassen, ebenso wenig neu ist wie die Verflechtung mit der Kultur der Kelten. Lawhead geht aber noch zwei Schritte weiter, denn er bindet die beginnende Christianisierung Britanniens sowie die Legende von Atlantis mit ein. Und so darf man sich nicht wundern, dass einige Personen einen neuen Hintergrund erhalten: Der Fischerkönig, in dessen Palast der Artussage zufolge der Heilige Gral aufbewahrt wird, ist in diesem Roman identisch mit dem Atlanterkönig Avallach. Morgian (= Morgaine) ist dessen Tochter, und sie hat einerseits verschiedene Künste vom atlantischen Magier Annubi erlernt, andererseits hängt sie einer Art Naturmagie an, die vermutlich aus dem alten Ägypten stammt. Merlin ist der Sohn des Barden Taliesin, der wohl tatsächlich existiert hat. So entsteht eine interessante Mixtur aus Fantasy, historischen (Halb-)Wahrheiten und bekannten Bestandteilen der Artus-Dichtung. So ungewöhnlich es auch klingen mag: Lawhead verschmilzt all das zu einem schlüssigen Ganzen.

Bis zum Untergang von Atlantis verläuft die Handlung in zwei getrennten Strängen. Die Zentralfigur der einen Handlungsebene ist Charis. Anhand ihrer Erlebnisse wird die fremdartige, prächtige Szenerie einer der Vernichtung geweihten Hochkultur vor unseren Augen ausgebreitet. In Atlantis sind Elemente verschiedener anderer Kulturen vertreten, zum Beispiel war der von Charis zelebrierte Stiertanz im alten Griechenland eine wichtige Kulthandlung. Man kann sich vorstellen, dass Atlantis viele andere Völker der Welt beeinflusst hat, die diese Dinge dann übernommen haben. Im Mittelpunkt der zweiten Handlungsebene stehen die Britannier. Hier teilen Elphin und der Druide Hafgan sich die Hauptrollen, Taliesin rückt erst richtig in den Fokus, als er Charis kennenlernt. Auch die Schilderung des Clanslebens im römisch besetzten Teil Britanniens ist sehr anschaulich gelungen und bietet einen guten Kontrast zum in Atlantis herrschenden Pomp. Die Hauptfiguren sind liebevoll gezeichnet und wachsen dem Leser ans Herz. Also gibt es eigentlich nichts an dem Roman auszusetzen.

Mit einer Ausnahme. Lawhead lässt nämlich im letzten Viertel seinen christlichen Glauben allzu sehr raushängen. Gut: Wir befinden uns in einer Zeit, in der die heidnischen Britannier zum Glauben an den christlichen Gott bekehrt wurden und auch die Artusdichtung ist ja ganz durchdrungen von christlicher Mystik und Symbolik. Also ist es nicht verkehrt, dass praktisch alle davon faseln, wie sie zur göttlichen Liebe finden, dass der Glaube ihnen Trost in ihrem Elend spendet und so weiter und so fort. Irgendwann fing es aber an, mir auf die Nerven zu gehen. Man hat teilweise sogar das Gefühl, als wolle der Autor auch den Leser missionieren, und das stört erst recht. Abgesehen von diesem Manko ist "Taliesin" ein fesselnder und phantasievoller Roman, den man nur schwer wieder aus der Hand legen kann. (05.10.2009)


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369
Jens Lossau / Jens Schumacher: Der Rebenwolf
AGIRO Verlag, 2007
254 Seiten, gebunden

Im pfälzischen Weindorf Kottler gibt es seit über 100 Jahren die Legende vom Rebenwolf, einer monströsen Bestie, die ihre Opfer bei Vollmond zerfleischt und verspeist. Als zwei Jugendliche im September 2003 bei einem nächtlichen Stelldichein im Weinberg von einer schattenhaften Kreatur mit dämonisch glühenden Augen angegriffen werden und bei der Flucht buchstäblich über die aufgeschlitzte Leiche einer jungen Frau stolpern, erwacht diese Legende wieder zum Leben. Die Untersuchung der Leiche erbringt das Ergebnis, dass kein Tier derartige Wunden hätte verursachen können. Sie passen auch zu keiner bekannten Waffe. Da die Umstände des Leichenfundes äußerst merkwürdig sind, wird die Sonderkommission 66 des Bundeskriminalamtes eingeschaltet. Die Beamten dieser Einheit kommen immer dann zum Einsatz, wenn Fälle okkult motivierter Gewalttaten oder unerklärliche Phänomene aufgeklärt werden müssen.

Nachdem SK-66-Sonderkommissar Tillmann Grosch sich von den geliebten Erzeugnissen seiner bevorzugten Bäckerei losgerissen und außerdem seinen Kollegen Frank Passfeller aus dem Mallorca-Urlaub geholt hat, können die Ermittlungen beginnen. In Kottler stoßen sie auf ein Sammelsurium absonderlicher Gestalten. So mancher Bewohner des kleinen Dorfes hätte sehr handfeste Motive für einen Mord gehabt, denn in den letzten Wochen sind alte Familienfehden eskaliert. Tatsächlich verhaftet Hauptkommissar Bemmann, der bisher mit dem Fall befasst war, einen Verdächtigen und kann sogar Beweise liefern. Passfeller und Grosch wollen sich den Fall jedoch nicht so schnell aus der Hand nehmen lassen. Ausgerechnet Groschs nie zu stillender Appetit liefert schließlich den entscheidenden Hinweis auf die wahren Schuldigen...

Dies ist der vierte und meiner Meinung nach beste Fall Passfellers und Groschs nach Der Schädeltypograph, Der Luzifer-Plan und Die Menschenscheuche. Das Handlungsmuster ist immer gleich: Es ereignen sich Verbrechen, die möglicherweise einen übernatürlichen Hintergrund haben, Passfeller und Grosch ermitteln ein bisschen, finden dann eher zufällig die Lösung (bei der es sich stets, wie ich ohne zuviel zu verraten sagen kann, um etwas ganz rational erklärbares handelt) und müssen sich am Ende die Motive vom Bösewicht relativ wortreich erklären lassen. Diesmal ist die Geschichte aber nicht so bizarr und unglaubwürdig wie in den letzten drei Fällen, und die Auflösung kann wirklich überzeugen. In den ersten drei Romanen war das noch anders, da hatte man den Eindruck, dass die Autoren mit aller Gewalt eine äußerst fragwürdige Lösung herbeizaubern mussten, um ihren verrückten Ideen einen Hauch von Sinn zu verleihen.

Passfeller bleibt wie immer blass, Grosch verharrt im schon zur Genüge ausgewalzten Klischee (fett, verfressen, leicht rüpelhaft, neuerdings betätigt er sich nebenbei als Schriftsteller), man kalauert und treibt diverse Scherzchen. Noch in keinem Roman haben die beiden Polizisten auch nur ansatzweise gezeigt, warum sie ausgerechnet für die Tätigkeit in einer Sonderkommission qualifiziert sein sollen. Aber irgendwie sind sie mir inzwischen doch ans Herz gewachsen. Außerdem tun sie diesmal wenigstens auch etwas, um den Fall aufzuklären, und tapsen nicht nur durch die Szenerie, um dumme Sprüche abzusondern. Der Humor scheint mir weniger klamaukig zu sein als sonst, und für geniale Textstellen wie die Schilderung des Treibens am "Ballermann 6" muss man die Autoren einfach lieben. Natürlich bleiben die üblichen Versatzstücke nicht aus (inkompetente Dorfpolizisten, verschrobene Winzer, versiffte Kneipen usw.), aber insgesamt kann man mit dem Roman sehr zufrieden sein... vor allem, wenn man wie ich in einem Weindorf aufgewachsen ist und diese typische Atmosphäre, besonders im Herbst, genau kennt! (28.09.2009)


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368
Max Frei: Das Echo-Labyrinth 1 – Der Fremdling
Blanvalet, 2007
415 Seiten

Max ist in seinem bisherigen Leben nie auf einen grünen Zweig gekommen, da er keinerlei Ehrgeiz hat und tagsüber praktisch zu nichts zu gebrauchen ist. Seine Lebensgeister erwachen erst spät abends so richtig. Tagsüber schläft er lieber und genießt seine äußerst lebhaften Träume, die er oft kaum von der Realität unterscheiden kann. Dass dies ein Ausdruck seiner besonderen Begabungen ist, wird ihm erst klar, als Sir Juffin Halli, eine seiner "Traumbekanntschaften", ihn zu sich einlädt. Nach einer bizarren Reise mit einer Straßenbahn, die eigentlich überhaupt nicht existiert, findet Max sich in einer phantastischen Welt wieder, die er zum Teil schon aus seinen Träumen kennt. Halli gibt ihn als Barbaren aus fernen Ländern aus, damit Max mit seinen für diese Welt ungewöhnlichen Eigenheiten nicht allzu sehr auffällt. Max braucht einige Zeit, um sich an die Lebensumstände in seiner neuen Umgebung und die merkwürdigen Verhaltensweisen ihrer Bewohner zu gewöhnen, und schon bald wird er in unglaubliche, gefährliche Abenteuer verwickelt.

Denn Sir Juffin Halli ist Leiter des "Kleinen Geheimen Suchtrupps", einer Art Geheimpolizei in der Stadt Echo, und diese Stadt befindet sich in einer Parallelwelt, wo die Ausübung von Magie ganz alltäglich ist. Allerdings darf die Magie nur bis zu einem gewissen Grad genutzt werden, und wenn dieses Gebot missachtet wird (oder wenn sich sonst irgendwelche unerklärlichen Phänomene, Verbrechen usw. ereignen), schreitet Hallis Truppe ein. Aufgrund seiner Veranlagung wird Max als Vertreter Hallis in der Nachtschicht angelernt. Es zeigt sich, dass Max einige selbst für Echo außergewöhnliche Talente besitzt, die es ihm ermöglichen, schon seine ersten schwierigen Fälle bravourös zu lösen. Schnell wird er zu einer lebenden Legende, aber bei seinem Wechsel von einer Welt in die andere ist sozusagen eine Tür offen geblieben, durch die ihm ein wahnsinniger Mörder folgen kann...

"Max Frei" ist, wie ich nach ein bisschen Internet-Recherche herausfinden konnte, keine reale Person, sondern ein Pseudonym der russischen Autoren Svetlana Martynchik und Igor Stepi. Die beiden haben unter anderem schon eine ganze Reihe von Romanen veröffentlicht, die in Echo und Umgebung spielen, und diese Romane (sowie ihr fiktiver Autor) genießen in Russland angeblich Kultstatus. Vermutlich hat man in Deutschland aufgrund der großen Popularität der "Wächter"-Romane Sergej Lukianenkos (z.B. Wächter der Nacht) fieberhaft nach vergleichbaren Werken gesucht und ist dabei auf Max Frei gestoßen, so dass nun auch hierzulande schon fünf Romane aus der Reihe "Das Echo-Labyrinth" veröffentlicht wurden - "Der Fremdling" ist der erste davon. Vergleiche mit dem "Wächter"-Universum sind angebracht, denn hier wie dort geht es um eine Behörde, die die Ausübung von Magie überwacht, und auch Echo bietet mal was anderes als die in Fantasy-Romanen übliche mittelalterliche Welt. Abgesehen von der Mode, diversen Nahrungsmitteln und anderen Kleinigkeiten (sowie natürlich der Magie) unterscheidet sich Echo gar nicht so sehr von der Realität. Immerhin kann man den Autoren aber auch kein Tolkien-Plagiat vorwerfen, sie haben wirklich etwas Eigenständiges geschaffen.

Bei der Lektüre hatte ich die meiste Zeit das Gefühl, dass mir irgendetwas entging. Das Buch soll wohl witzig sein, aber der Humor hat sich mir nicht so recht erschlossen - ob es an der Übersetzung oder daran gelegen hat, dass ich irgendwelche Anspielungen nicht verstanden habe? Oder ob die Autoren einfach eine andere Art von Humor haben als ich? Keine Ahnung. So konnte dieser Aspekt des Romans mich nicht überzeugen, genaugenommen fand ich das ständige Wortgeplänkel zwischen Max und seinen Freunden ziemlich ermüdend. Man findet den Einstieg in die Geschichte nur schwer, da man quasi genauso in die Welt Echos hineingeworfen wird wie Max, d.h. man begreift erst gar nicht, was da überhaupt passiert, warum es passiert und was das Ganze soll. Ob Max seine Erlebnisse in Sir Hallis Trupp wirklich erlebt oder nur träumt, bleibt übrigens offen. Interessant sind die kuriosen Geschichten (der Roman ist etwas episodenhaft strukturiert) zwar durchaus, denn die Welt von Echo ist schon recht fremdartig und die Bewohner dieser Stadt sind ebenso exotisch wie die Fälle, die Max zu lösen hat, aber letzten Endes konnten sie mich nicht fesseln. Vor allem ist die Hauptfigur mir nie sympathisch geworden. Dummerweise habe ich den zweiten Band auch schon gekauft... (21.09.2009)


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367
Douglas Preston / Lincoln Child: Ice Ship
Knaur, 2004
527 Seiten

Auf der Isla Desolacion, einem öden Eiland vor der Küste von Chile, liegt seit Millionen von Jahren ein gigantischer Meteorit unter der Erde, der infolge der natürlichen Erosion allmählich wieder in die Nähe der Oberfläche kommt. Der Meteoritenjäger Nestor Masangkay findet den gewaltigen Brocken, bezahlt diese Entdeckung aber mit dem Leben. Seine Ausrüstung taucht einige Zeit später auf dem Schwarzmarkt auf. Dazu gehört auch ein Datenträger, der dem Multimilliardär Palmer Lloyd in die Hände fällt. Lloyd hält die Entdeckung des Meteoriten, der größer ist als alle anderen jemals auf der Erde gefundenen Exemplare, weiter geheim. Er will ihn heimlich bergen und zum Prunkstück seines eigenen, noch im Bau befindlichen Museums machen. Für dieses mehr als ehrgeizige Unternehmen – der Meteorit ist das mit Abstand schwerste Objekt, das Menschen jemals bewegt haben, und auf der Isla Desolacion herrschen äußerst unangenehme Wetterbedingungen – braucht Lloyd ein Team von besonders fähigen Spezialisten. Nachdem er Sam McFarlane (Masangkays früheren Partner) angeheuert hat, versichert Lloyd sich der Dienste Eli Glinns, des Präsidenten der Firma Effective Engineering Solutions Inc. (EES). Glinn verlangt zwar exorbitante Honorare, ist aber dafür bekannt, auch unmöglich scheinende Projekte nach sorgfältiger Planung erfolgreich durchzuführen.

Glinn nimmt den Auftrag an. Der Supertanker Rolvaag wird so umgebaut, dass er den tausende Tonnen schweren Meteoriten aufnehmen kann und gleichzeitig bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein erweckt, als handele es sich um einen uralten, halbwracken Seelenverkäufer – denn Lloyd hat sich zwar die Schürfrechte für die Isla Desolacion legal beschafft, dabei aber verschwiegen, was eigentlich abgebaut werden soll. Als das Team vor Ort eintrifft, wird die Bergungsaktion vor unerwartete Probleme gestellt: Der Meteorit ist doppelt so schwer wie ursprünglich angenommen und lässt sich nicht analysieren, so dass sich bald tödliche Unfälle ereignen. Außerdem wird die Rolvaag von einem chilenischen Zerstörer verfolgt, dessen Kapitän einen Privatkrieg gegen Glinn führt...

Dies war meine zweite Urlaubslektüre im Herbst 2009 in Kopenhagen.

Schön: Endlich mal wieder ein Wissenschafts-Thriller des Autorenduos Preston & Child, in dem der FBI-Agent Pendergast nicht vorkommt! Und die Geschichte kommt sogar sehr gut ohne diesen mit unglaubwürdigen Fähigkeiten und diversen Macken gesegneten Superagenten aus. Stattdessen wird ein zwar auch nicht besonders realistisches, dafür aber äußerst effektvolles Szenario ausgearbeitet. Unrealistisch? Gut, es kommen keine übernatürlichen oder wissenschaftlich nicht irgendwie erklärbaren Dinge vor, so dass man nicht von Effekthascherei sprechen kann. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass es eine Firma wie die EES geben kann, die heimlich, still und leise die unglaublichsten Aufträge mit der fortschrittlichsten Technologie ausführt und dabei von einem Multimilliardär finanziert wird, der mit hunderten von Millionen Dollars nur so um sich wirft – nur um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen. Auch kommen mir die Reaktionen des chilenischen Zerstörerkommandanten ziemlich an den Haaren herbeigezogen vor. Und die Erklärung, warum der Meteorit so reagiert, wie er es tut, bleiben die Autoren dem Leser schuldig. Was der Meteorit wirklich ist, wird ganz am Schluss zwar klar, aber das erklärt nicht, wie er "funktioniert".

Aber das macht alles nichts, darüber kann man bei so einer packenden Geschichte gern hinwegsehen. Der Roman ist schon fesselnd, wenn nur die Vorbereitungen zur Bergungsaktion geschildert werden, und legt noch einen Zahn zu, als die Probleme auf der Insel so richtig anfangen. Die Spannung wird bis zum finalen Showdown ständig erhöht, und keine Hauptfigur hat eine Überlebensgarantie. Bei alldem kommt auch die Charakterzeichnung nicht zu kurz, so dass man mit den Protagonisten mitfiebern und ihre inneren Konflikte nachvollziehen kann. Außerdem ist es vielleicht ganz gut so, dass der Meteorit seine Geheimnisse bis zum Schluss bewahren darf, wenn mich auch interessieren würde, wie die Geschichte weitergeht. Achtung, hier folgen massive Spoiler: Im Grunde ist der Brocken nichts anderes als eine gigantische "Nuss", die jetzt auf der Erde auskeimt. Was aus dieser Nuss wohl entsteht? Übrigens: Man hätte es nach diesem Roman nicht erwartet, aber Eli Glinn überlebt den Untergang der Rolvaag, wenn auch nicht unversehrt. Er ist in Dark Secret und Maniac wieder mit von der Partie, und seine Firma gibt es ebenfalls noch. (16.09.2009)


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366
Charles Sheffield: Der wundersame Dr. Darwin
Bastei Lübbe, 2004
461 Seiten

Dr. Erasmus Darwin, Großvater des Naturforschers Charles Darwin, ist einer der besten Mediziner, mit Sicherheit aber der unkonventionellste Wissenschaftler seiner Zeit. Er ist nicht nur einer der führenden Intellektuellen des zu Ende gehenden 18. Jahrhunderts, sondern auch Vorsitzender der von ihm gegründeten Lunar Society, Dichter und Menschenfreund. Dabei ist er den weltlichen Genüssen nicht abgeneigt, wovon sein lückenhaftes Gebiss, vor allem aber sein enormer Bauchumfang zeugen. Immer dann, wenn seine Kollegen versagen oder wenn es um Fälle geht, die die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft zu sprengen scheinen, ruft man Dr. Darwin zu Hilfe. Mit seinem scharfen, analytischen Verstand, der sich von nichts und niemandem in die Irre führen lässt, und unterstützt von seinem alten Freund, dem ehemaligen Colonel und unverbesserlichen Schatzjäger Jacob Pole, löst er die ungewöhnlichsten Fälle:

Nachdem er zu einem angeblich im Sterben liegenden Mann gerufen worden ist, der jedoch spurlos verschwindet, reist Darwin mit Colonel Pole nach Schottland, wo angeblich ein versunkener Schatz von einem Dämon bewacht wird. Dort findet Darwin einen anderen, unerwarteten Patienten und einen geheimnisvollen Konkurrenten vor, der vorgibt, ein gewisser Dr. Philip Theophrastus von Hohenheim zu sein (Der Dämon von Malkirk). Später hat Darwin es mit einem riesigen Edelstein zu tun, der von einem Etwas bewacht wird, das jeden lähmt, der das Kleinod berühren will, was zum Tod eines Diebes führt (Das Herz Ahura Masdahs). Sodann geht er geheimnisvollen Diebstählen auf den Grund, deren Umstände nur den Schluss zulassen, dass sie von einem Geist begangen worden sein müssen (Das Phantom von Dunwell Cove). Darwin beendet einen jahrhundertealten tödlichen Spuk und klärt einen vermeintlichen Fall von Vampirismus auf, wobei er gleichzeitig den Konstrukteur einer phantastischen Rechenmaschine als Betrüger entlarvt (Das Todlose von Lambeth und Der Solborne-Vampir), und zu guter Letzt enträtselt er das Geheimnis eines stets im Nebel verborgenen Moores, in dem nicht nur ein Schatz verborgen sein soll, sondern auch eine uralte Waffe, mit der einst sogar die Römer vertrieben werden konnten (Der Schatz des Odirex).

Dies war meine erste Urlaubslektüre im Herbst 2009 in Kopenhagen.

Das Buch ist kein Roman im eigentlichen Sinne, sondern eine Anthologie mit sechs Kurzgeschichten, die inhaltlich nicht zusammenhängen und in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können. Die Storys waren zuvor in längerem zeitlichem Abstand in Magazinen veröffentlicht worden, und so wiederholen sich einzelne Beschreibungen praktisch jedes Mal, denn Darwin und Pole müssen ja immer wieder neu vorgestellt werden. Die entsprechenden Passagen sind aber nur kurz und stören nicht. Sheffield vermischt geschickt Realität mit Fiktion. Erasmus Darwin hat wirklich gelebt, und bei der Schilderung des Aussehens, der Fähigkeiten und Charaktereigenschaften dieser sympathischen Figur übertreibt der Autor nach dem, was man z.B. im Nachwort Sheffields, aber auch in der Wikipedia über Darwin lesen kann, durchaus nicht. Auch die Lunar Society hat es wirklich gegeben, ihr haben solch illustre Persönlichkeiten wie James Watt, Joseph Priestley (einer der Begründer der modernen Chemie) und William Murdock (Erfinder der Gasbeleuchtung) angehört. Nur einen Colonel Jacob Pole gab es nicht. Die Geschichten scheinen sorgfältig recherchiert zu sein und Sheffield trifft den Stil der Handlungszeit sehr gut. Leider wimmelt die deutsche Übersetzung nur so vor Fehlern, vor allem werden "dass" und "das" unzählige Male verwechselt.

Die Storys sind im Grunde alle gleich aufgebaut. Jemand tritt mit der Bitte an Darwin heran, einen ungewöhnlichen Krankheits- oder Todesfall aufzuklären. Die Umstände dieser Fälle sind für die Beteiligten (aber natürlich nicht für Darwin) so phantastisch, dass man an das Wirken übernatürlicher Kräfte und dergleichen glaubt. Darwin sammelt und analysiert Fakten, stellt seine Diagnosen und präsentiert am Ende eine schlüssige, logische und trotzdem verblüffende Erklärung, die nichts mit Magie usw. zu tun hat. Pole fungiert stets als Widerpart, der Darwins wissenschaftliche Vorgehensweise in Frage stellt und somit den damaligen Zeitgeist verkörpert: Man hing lieber irgendwelchen abergläubischen Vorstellungen an, als sich von der Wissenschaft (die vielerorts auch noch für Hexerei gehalten wurde) überzeugen zu lassen. Das Ganze erinnert sehr an Sherlock Holmes und Dr. Watson, der Clou bei Darwins Abenteuern besteht aber darin, dass immer wieder Dinge eingeflochten werden, die im 18. Jahrhundert noch weitgehend unbekannt waren: Elektrizität, Dampfkraft, die Ursachen für Epilepsie… nur in zwei Geschichten tauchen wirklich Wesen auf, deren Existenz (zumindest in der Handlungszeit) hypothetisch ist. Insgesamt bieten diese sechs Kabinettstückchen äußerst angenehme Unterhaltung, und lernen kann man auch noch was dabei; ich hatte z.B. keine Ahnung, dass Erasmus Darwin überhaupt existiert und sogar einige Erkenntnisse seines weit berühmteren Enkels schon vorweggenommen hat. (16.09.2009)


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365
Tad Williams: Shadowmarch 1 – Die Grenze
Klett-Cotta, 2005
812 Seiten, gebunden

Nach dem Krieg gegen das geheimnisvolle, uralte Zwielichtvolk der Qar haben sich die aus dem Süden kommenden Menschen über ganz Eion ausgebreitet. Die meisten Qar haben sich weiter in den Norden zurückgezogen und leben nun hinter der Zwielichtgrenze, einer Art Nebelzone, die von den Menschen nicht durchquert werden kann – wer es dennoch wagt, verschwindet entweder spurlos oder kehrt mit dauerhaft verwirrtem Geist zurück. Nicht weit von der Schattengrenze entfernt erhebt sich die Südmarksfeste, einst ein Palast der Qar, jetzt Sitz des Königs der Südmarken aus dem Hause Eddon. Der Krieg liegt lange zurück und das Zwielichtvolk spielt in den Geschicken der Welt keine Rolle mehr – das glauben jedenfalls die Menschen. In Wahrheit bereitet die Elbin Yasammez, eine mächtige Kriegsherrin, einen neuen Feldzug vor. Auch aus dem fernen Süden droht Gefahr: Der Autarch von Xand erobert einen Landstrich nach dem anderen und streckt seine Hände auch nach den Markenlanden aus.

Die Bewohner der Südmarksfeste ahnen davon nichts, zumal sie mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt sind. König Olin wird im benachbarten Königreich Hierosol gefangen gehalten und die Lösegeldforderungen sind kaum zu erfüllen. Olins ältester Sohn Kendrick hat die Regierungsgeschäfte übernommen, doch im Reigen der Hofschranzen, Intriganten und Konkurrenten scheint er nicht immer auf die richtigen Berater zu hören. Einige Monate nach Olins Entführung finden Chert Blauquarz und seine Frau Opalia, Funderlinge aus der Südmarksfeste, einen namenlosen Knaben, der von Unbekannten über die Schattengrenze gebracht wurde. Sie nehmen den Jungen an Kindes statt auf. Chert stellt außerdem fest, dass sich die Schattengrenze, die seit Menschengedenken immer an derselben Stelle verlaufen ist, merklich in Richtung Südmarksfeste verlagert hat.

In der gleichen Nacht wird Kendrick ermordet. Ein Verdächtiger wird schnell gefunden, aber die Wahrheit ist weit komplizierter. Notgedrungen übernehmen die Zwillinge Briony und Barrick, Kendricks fünfzehnjährige Geschwister, das Regentenamt. Während Barrick unter den Folgen eines alten Familienfluchs leidet, findet Briony sich schnell in ihrer neuen Rolle zurecht. Doch dann mehren sich die Anzeichen für einen Angriff der Qar – einen Angriff, dem die durch Intrigen geschwächten Markenlande möglicherweise nicht gewachsen sind...

Dies ist der erste Band einer Fantasy-Trilogie, die nach der ursprünglichen Planung erst als Fernsehserie und nach dem Tod dieses Projekts ausschließlich im Internet hätte erscheinen sollen. Das Interesse der Leserschaft war gering, und so wurde dieser Plan umgeworfen. Herausgekommen ist aber leider kein besonders gutes Ergebnis. Noch stärker als bei den Osten Ard-Romanen desselben Autors hatte ich das Gefühl, dass Tad Williams kaum irgendwelche eigenständigen Ideen verwendet, sondern sich bei diversen anderen Autoren und auch bei sich selbst bedient, wobei er die geklauten Ideen wenigstens mit einzelnen neuen Aspekten ausschmückt oder zumindest versucht, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu zeigen. Es kann aber kein Zweifel daran bestehen, dass bei den Qar die Elbenvölker des "Osten Ard"-Universums Pate gestanden haben (immerhin: Genau wie dort sind sie sehr fremdartig, außerdem gibt es diesmal viele verschiedene Unterarten dieses Volkes), und die Funderlinge sind natürlich nichts anderes als eine Mischung aus Zwergen und Hobbits. Selbst die Schauplätze kommen einem bekannt vor: Die Südmarksfeste ist so etwas wie die Burg Gormenghast (Mervyn Peake) oder das Schloss Hochhorst bzw. die Festung Naglimund aus dem "Osten Ard"-Zyklus. Die kleinwüchsigen Dachlinge sind dagegen mal etwas erfrischend anderes.

Ähnliches gilt auch für die Menschen. Das Reich Xand ist praktisch mit dem alten Ägypten oder anderen vergleichbaren Hochkulturen identisch, die Markenlande haben Parallelen mit den "abendländischen" Zivilisationen, abgesehen vielleicht vom Polytheismus. Trotz allem schafft Williams es doch noch, eine Vielzahl glaubwürdiger Charaktere zu erschaffen. Und wenn der Hintergrund auch ein Sammelsurium aus Versatzstücken anderer Fantasygeschichten sein mag, so ist er doch in sich stimmig und detailreich ausgearbeitet. Dennoch: An die Qualität seiner früheren Werke kommt Williams einfach nicht heran. Irgendwie fehlt das "gewisse Etwas", ich hatte sogar den Eindruck, als habe Williams sich zum Schreiben zwingen müssen oder schnell etwas aufs Papier geworfen, um den Kontostand aufzubessern.

Genau wie in den "Osten Ard"-Romanen lässt sich Williams sehr, sehr viel Zeit mit der Einführung der Hauptpersonen, der Schauplätze und der politischen Ausgangslage. Verschiedene Subplots, die zunächst noch keine erkennbaren Zusammenhänge aufweisen, habe ich gar nicht erwähnt. Dabei ist vor allem die Geschichte der jungen Novizin Qinnitan, die unversehens zur x-ten Gemahlin des Autarchen von Xand erwählt wird und sich am dekadenten Hof zurechtfinden muss, weit interessanter als das Hickhack in der Südmarksfeste oder das Hin und Her mit Cherts Findelkind. Merkwürdig, dass der Gesamteindruck trotz der ausführlichen Exposition insgesamt eher blass bleibt. Das Buch endet natürlich mit einem veritablen Cliffhanger, aber zumindest wird der "Kriminalfall" aufgedeckt: Man erfährt, wer der wahre Mörder Kendricks ist und welche Ziele er verfolgt.

Man findet den Einstieg in die Geschichte nur schwer, im Mittelteil hängt sie längere Zeit durch und zieht sich wie Kaugummi, am Ende nimmt sie aber Fahrt auf und weckt zumindest die Neugier auf die Fortsetzung. Ich kann nur hoffen, dass die verschiedenen Handlungsstränge bald zu einem stimmigen Ganzen verknüpft werden, denn im Moment verstehe ich z.B. nicht, was die Qar wirklich wollen. Vielleicht liegt mein nicht ganz so positiver Eindruck auch an der Übersetzung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Williams wirklich einen solch… wie soll ich sagen... "infantilen" Stil verwendet haben soll. Die Übersetzerin verwendet immer wieder kindliche Begriffe wie "Gucken", "Heulen" und dergleichen. Dabei ist dies beileibe kein Kinderbuch... (15.09.2009)


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364
Jürgen Kehrer: In alter Freundschaft
Grafit-Verlag, 1991
141 Seiten

Georg Wilsbergs Laden für Briefmarken- und Münzsammler ist umgezogen und wurde zum Missvergnügen der Stammkunden zu einem Second-Hand-Supermarkt ausgebaut. Da Wilsberg sich lieber mit den Aufträgen beschäftigt, die er als Privatdetektiv erhält, hat er seinen Gehilfen, den Dauer-Studenten Willi, als Geschäftsführer engagiert. Mit seinen drei aktuellen Fällen ist Wilsberg ohnehin komplett ausgelastet. Kaum ist er aus Holland zurück, wo er eine von zu Hause weggelaufene minderjährige Punkerin hätte einfangen sollen (er hat sie entkommen lassen, weil er das Elternhaus kennt und das Mädchen daher gut verstehen kann), erhält er einen Auftrag von Carlo Ponti, einem Alt-Rocker und Discothekenbesitzer, dem Wilsberg - seinerzeit noch als Anwalt - einmal geholfen hatte. Jetzt soll Wilsberg herausfinden, wer immer wieder Instrumente und Material mitgehen lässt, wenn Ponti ein Konzert veranstaltet. Zu diesem Zweck arbeitet Wilsberg quasi "undercover" als Bierglaseinsammler in der Disco. Wenig später ruft Armin Hinz an, ein ehemaliger Studienkollege Wilsbergs, dessen Freundin Ines Block nach einem heftigen Streit verschwunden ist. Wilsberg nimmt auch diesen Auftrag an - nicht zuletzt deshalb, weil Ines einst seine große Liebe war.

Hinz nimmt an, Ines sei zu ihrer Freundin Claudia Kummer gezogen. Als Wilsberg deren Haus observiert, stolpert er wieder einmal mitten in einen Tatort hinein: Ines wurde ermordet. Dass Hauptkommissar Stürzenbecher ihn nicht dauerhaft verdächtigt, ist nur ein schwacher Trost für Wilsberg. Als Hinz sich absetzt, ermittelt Wilsberg quasi in eigener Sache weiter. Auch der zweite Fall entwickelt sich anders als erwartet: Wilsberg deckt schmutzige Machenschaften Pontis auf, in die Claudia Kummer verwickelt war. Wurde Ines etwa ermordet, weil sie zuviel darüber wusste?

Wilsbergs zweiter Fall wurde wie der erste vom ZDF verfilmt, diesmal mit Leonard Lansink in der Hauptrolle. Er ist meiner Meinung nach die ideale Besetzung für den etwas knurrigen, aber sehr sympathischen Privatdetektiv. Abgesehen von den bereits erwähnten Abweichungen zwischen Roman und Film (siehe Kommentar zu Und die Toten läßt man ruhen weiter unten auf dieser Seite) werden die Romane noch sehr viel mehr von Wilsbergs köstlichem Zynismus geprägt. Schon gleich auf den ersten Seiten dieses Buches sinniert er über das Verhältnis der Punkerin zu ihren Eltern: Letztere können gar nicht verstehen, dass ihre Tochter sich lieber am Strand aalen möchte, als der migränegeplagten Mutter in der miefigen Reihenhauswohnung bei der Hausarbeit zur Hand zu gehen. Später kommt Wilsberg zu dem Schluss, dass Jugendliche in den spießigen Dörfern des Münsterlandes zwangsläufig zu Satanisten werden müssen! Hinzu kommen einige sehr derbe Seitenhiebe auf die Stadt Münster und bekannte Münsteraner.

Abgesehen davon hat Wilsberg erneut verzwickte Fälle zu knacken, bei denen er sich wie üblich selbst in Gefahr bringt und zunächst einmal im Dunkeln tappt. Man erfährt auch wieder etwas mehr über seine Vergangenheit. Insgesamt: Beste Krimi-Unterhaltung, wegen des geringen Umfangs gut für zwischendurch geeignet. (31.08.2009)


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363
Ivanhoe Walter Scott: Ivanhoe
Verlagsgesellschaft Naumann & Göbel, 2006
496 Seiten

Seit dem Ende des dritten Kreuzzuges befindet sich der englische König Richard Löwenherz in Gefangenschaft. In seiner Abwesenheit greift sein Bruder, Prinz Johann, nach der Macht. In England herrschen seit der Schlacht von Hastings die Adelsgeschlechter der Normannen - die Angelsachsen wurden besiegt und müssen demütigende Repressalien ertragen. Cedric von Rotherwood, einer der letzten sächsischen Fürsten, träumt von einer Wiederherstellung der alten Verhältnisse. Zu diesem Zweck soll sein Mündel, die schöne Lady Rowena, Lord Aethelstane heiraten, den rechtmäßigen Erben der sächsischen Könige. Im Jahre 1194 kehrt Cedrics Sohn Wilfried von Ivanhoe aus dem Heiligen Land zurück. Er war von seinem Vater enterbt worden, weil er sich in Rowena verliebt und damit die von ihr nicht gewünschte politische Heirat gefährdet hatte. Ivanhoe hatte am Kreuzzug teilgenommen und war zu einem Günstling König Richards geworden. Ivanhoe nimmt inkognito an einem Turnier teil und besiegt all seine Widersacher mit der Hilfe eines geheimnisvollen Schwarzen Ritters. Dabei zieht er sich die Todfeindschaft des Tempelritters Brian de Bois-Guilbert zu, der zu Prinz Johanns Mitverschwörern gehört, und wird schwer verwundet.

Die schöne Jüdin Rebekka, Tochter des Geldverleihers Isaak, nimmt sich des verwundeten Ritters an und verliebt sich in ihn, doch diese Gefühle werden nicht erwidert. Als Rebecca und ihr Vater gemeinsam mit Cedric und dessen Gefolge vom Turnier zurück nach York reisen, werden sie von Wegelagerern überfallen und entführt. Maurice de Bracy, ein weiterer Gefolgsmann Prinz Johanns, steckt hinter dieser Tat. Er ist in Liebe zu Rowena entbrannt und wollte sie auf diese Weise gewinnen. Die Gefangenen werden in die Burg des grausamen Grafen Reginald Front de Boeuf gebracht. Zwei Gefolgsleute Cedrics (der Narr Wamba und der Schweinehirt Gurth) können entkommen. Sie finden Hilfe bei einer großen Bande von edlen Geächteten, die von dem unübertrefflichen Bogenschützen Robert of Locksley angeführt werden. Der Schwarze Ritter schließt sich ihnen an. Die Burg wird im Handstreich genommen, doch Bois-Guilbert entführt Rebekka. Der Großmeister seines Ordens klagt sie der Hexerei an, so dass ihr der Scheiterhaufen droht. In größter Not fordert Rebekka ein Gottesurteil. Ivanhoe soll für sie in die Schranken treten...

Bei der Lektüre dieses Romans sollte man sich bewusst machen, dass er im Jahre 1820 erstmals veröffentlich wurde. Man darf deshalb nicht mit der gleichen Erwartungshaltung an ihn herangehen, wie man es bei einem aktuellen historischen Roman tun würde. Scott nimmt sich ausgerechnet gleich zu Beginn sehr viel Zeit, um die politischen Konstellationen vorzustellen und das mittelalterliche Szenario auszuarbeiten - das geht so weit, dass er die Kleidung der ersten auftretenden Figuren wortreich bis ins kleinste Detail beschreibt. Das wirkt erst einmal ermüdend oder sogar abschreckend, aber es geht zum Glück nicht in dieser Form weiter. Vielmehr entwickelt sich ein richtig schöner, teils sogar abenteuerlicher Ritterroman mit allem Drum und Dran: Turniere, Burgbelagerungen, Intrigen und andere finstere Machenschaften, Verwirrspiele mit inkognito auftretenden Personen (der Schwarze Ritter ist natürlich niemand anderer als Richard Löwenherz), in Türmen schmachtende Jungfrauen und düstere Tempelritter, die ihnen an die Wäsche wollen, edles Ritter- und Banditentum... Inwieweit das alles historisch korrekt ist, vermag ich nicht zu beurteilen, unterhaltsam ist die Geschichte aber allemal.

Selbst Robin Hood und Bruder Tuck spielen in diesem Roman wichtige Rollen, das war mir bisher gar nicht bekannt. Obwohl ihre Namen erst am Ende enthüllt werden, ist dem kundigen Leser doch sehr schnell klar, wer gemeint ist. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, amüsante Situationen (z.B. das Gelage des Schwarzen Ritters mit Bruder Tuck) und geschliffene Dialoge sorgen für Aufheiterung. Allerdings geht das Ganze manchmal zu Lasten der Juden, deren angebliche Geldgier allzu oft thematisiert wird. Auch dabei muss man das Alter des Romans berücksichtigen. Immerhin zeichnet Scott kein klischeehaftes Idyll, d.h. er verherrlicht das Mittelalter nicht. Hier ist der Klerus genauso verdorben wie der Adel, das einfache Volk leidet unter den Launen der verschwendungs- und geltungssüchtigen Großgrundbesitzer und auch die "Guten" haben ihre dunklen Seiten.

Der Text ist übrigens gemeinfrei und kann im Internet gelesen werden, z.B. im Projekt Gutenberg. (24.08.2009)


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362
Wilsberg 1 Jürgen Kehrer: Und die Toten läßt man ruhen
Grafit-Verlag, 1990
166 Seiten

Seit Georg Wilsberg seine Zulassung als Rechtsanwalt verloren hat, betreibt er in Münster einen kleinen Laden für Briefmarken- und Münzsammler. Da sich das Geschäft kaum lohnt, hat er sich ein zweites Standbein geschaffen und betätigt sich als Privatdetektiv. Da auch dieser Job nicht sehr einträglich ist, kann Wilsberg es sich nicht leisten, bei seinen Kunden wählerisch zu sein. Und so nimmt er eines Tages auch einen Auftrag an, bei dem alle Spuren schon längst kalt sind: Ein gewisser Hermann Pobradt ist davon überzeugt, dass die polizeilichen Ermittlungen zum Selbstmord seines Bruders vor 20 Jahren voreilig eingestellt wurden, und dass es sich um Mord gehandelt hat. Pobradt verdächtigt die Ehefrau des Toten, die dessen Bauunternehmen weiterführt. Dass Hermann Pobradt die letzten Jahre in einer psychiatrischen Anstalt verbracht hat, trägt nicht zu Wilsbergs Beruhigung bei.

Als Wilsberg mit seinen Nachforschungen beginnt, stellt er fest, dass mehr an der Sache dran sein muss als die Einbildung eines möglicherweise Verrückten: Er stößt auf Lücken in den Ermittlungen und Hinweise auf dunkle Geschäfte mit Beamten der Stadt. Schließlich wird ihm auf sehr handfeste Weise klar gemacht, dass auch nach all den Jahren noch jemand ein Interesse an der Vertuschung der Angelegenheit hat: Wilsberg wird krankenhausreif geschlagen. Natürlich wird sein Spürsinn dadurch erst richtig angefacht...

Georg Wilsberg ist die Hauptfigur einer meiner Lieblings-TV-Krimiserien. Die Filme gucke ich nun schon seit Jahren, jetzt habe ich endlich auch mal einen der zugrunde liegenden Romane gelesen. Und ich muss sagen: Leonard Lansink, der den Wilsberg in den TV-Krimis verkörpert, ist die ideale Besetzung für den zynischen, trotzdem auf brummige Art sympathischen, vom Leben gezeichneten, unter chronischen Geldsorgen leidenden Einzelgänger. Dabei wurde Wilsberg in der Verfilmung dieses Romans gar nicht von Lansink gespielt, sondern von Joachim Krol. Lansink hat die Rolle erst danach übernommen. Es gibt natürlich einige Abweichungen zwischen Roman und Film: In den Verfilmungen betreibt Wilsberg ein Antiquariat und kein Briefmarken-/Münzgeschäft, in den Romanen gibt es weder Wilsbergs Pflegetochter Alex, noch Hauptkommissarin Anna Springer, noch Wilsbergs Freunde Ekki Talkötter und Manni Höch. Stattdessen hat Wilsberg einen Gehilfen namens Willi und einen männlichen Kontakt (Hauptkommissar Stürzenbecher) bei der Polizei.

Was aber praktisch unverändert umgesetzt wurde, ist neben dem Charakter der Hauptfigur der ironische Grundton der Romane. Obwohl "Und die Toten läßt man ruhen" (Wilsbergs erster Fall) nur 166 Seiten umfasst, so dass man das Buch bequem an einem Abend durchlesen kann, enthält es erstklassige Charakterisierungen, einen verzwickten Fall, der bis ganz zum Schluss noch mit überraschenden Wendungen aufwartet, einen guten Schuss trockenen Humor und auch etwas Lokalkolorit. Da ich schon mehrmals in Münster war (einmal habe ich sogar eine Wilsberg-Stadtführung mitgemacht), kann ich mich in dem Roman gut "zurechtfinden". Wer die Stadt nicht kennt, sollte diesem Mangel bald mal abhelfen, hat aber auch keine Verständnisprobleme bei der Lektüre. Besonders sympathisch ist, dass Wilsberg keinen übermenschlichen Spürsinn hat, sondern hauptsächlich Klinken putzen und Hinweise sammeln muss wie jeder normale Mensch. Er bricht zwar schon mal in Wohnungen ein, verlässt sich aber ansonsten auf seine kleinen grauen Zellen und seinen Wortwitz - andere Waffen besitzt er nicht. Action darf man daher nicht erwarten, dafür umso mehr solide Detektivarbeit. (18.08.2009)


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361
Die Zeit der Verachtung Andrzej Sapkowski: Die Zeit der Verachtung
dtv, 2009
397 Seiten

Eine Zeit der Verachtung steht bevor, in der jeder nur den eigenen Vorteil sucht, Begriffe wie Moral und Ehre bedeutungslos sind und all jene, die derart antiquierten Wertvorstellungen anhängen, untergehen werden. So jedenfalls denkt der "Advokat" Codringher, den Geralt unter Aufbietung all seiner mühsam zusammengekratzten finanziellen Mittel konsultiert, um endlich mehr über Rience und dessen Hintermänner zu erfahren. Geralt will Ciri schützen, sein "Kind der Vorsehung", die als einzige Überlebende des Königshauses von Cintra in den Mittelpunkt aller möglichen machtpolitischen Interessen gerückt ist. Emhyr var Emreis, Kaiser von Nilfgaard, bereitet eine Invasion der nördlichen Königreiche vor und würde seinen Herrschaftsanspruch durch eine Heirat mit der Prinzessin von Cintra nur zu gern legitimieren. Andere Gruppen wollen Ciri aus genau diesem Grund tot sehen. Codringher und sein Partner Fenn kommen auf die Idee, ihre speziellen Fähigkeiten der Urkundenfälschung zu nutzen, um aus Ciri den letzten Spross einer zweifelhaften Dynastie zu machen, die für die Nilfgaarder wertlos wäre. Bei ihrer Suche nach entsprechenden Informationen stoßen sie auf beunruhigende Zusammenhänge zwischen Ciri und einer alten Prophezeiung der Elfen.

Derweil versucht Yennefer, die sich von Geralt getrennt hat, Ciri in einer Schule für junge Zauberinnen in Sicherheit zu bringen. Sie reist mit dem Mädchen, das lieber eine Hexerin geworden wäre, nach Gors Velen und von dort zur Insel Thanedd, wo eine Zusammenkunft der Zauberer stattfinden soll. Angesichts der Bedrohung durch Nilfgaard und der zunehmenden Unruhen im Land, die nicht zuletzt durch die Übergriffe der Scoia'tael geschürt werden, will der Rat der Magier über die weitere Vorgehensweise entscheiden. Ciri hat jedoch keine Lust, in einer Schule eingesperrt zu werden, und setzt sich heimlich ab. So bringt sie Geralt und Yennefer, die ihr beide folgen, wieder zusammen. Geralt wird zu einem Bankett eingeladen, das am Vorabend der Ratssitzung stattfindet, und ist anwesend, als die Lage am nächsten Morgen eskaliert. Eine Gruppe ehrgeiziger Zauberer um Vilgefortz von Roggeveen hat einen Putschversuch vorbereitet und der Scoia'tael Zugang zur Insel verschafft. Königstreue Zauberer waren jedoch vorgewarnt und schicken sich an, den Putschversuch brutal niederzuschlagen, wobei auch neutrale Gäste wie Ciri und Geralt in Gefahr geraten. Ciri sieht keinen anderen Ausweg, als das unsichere magische Portal im Turm Tor Lara zu benutzen. Sie wird in eine Wüste versetzt, in der ihr der Tod durch Verdursten droht. Geralt tritt Vilgefortz gegenüber, um ihr Zeit zu verschaffen. Doch er muss feststellen, dass der Zauberer ein mehr als würdiger Gegner ist...

Dies ist der zweite Roman der Hexer-Reihe, zu der auch zwei bereits erschienene Kurzgeschichtenbände gehören. Zur Welt des Hexers Geralt von Riva und zur Vorgeschichte: Siehe Der letzte Wunsch und Das Erbe der Elfen. Alles, was ich dort geschrieben habe, müsste ich hier wiederholen. Man sollte aber wissen, dass alle Romane der Hexer-Reihe aufeinander aufbauen. Sie können nicht isoliert voneinander gelesen werden.

Sapkowski nimmt sich viel Zeit, um alle Figuren in die Ausgangspositionen zu bringen, und so gewinnen die Hauptpersonen weiter an Profil. Vor allem aber werden die Intrigen weitergesponnen, die schließlich ziemlich abrupt zu einem Bruch in der Handlung führen und in einen klassischen Cliffhanger münden. War der Grundton des Romans bis zu diesem Bruch eher humorvoll, so wird es danach für alle lieb gewonnenen Hauptfiguren ziemlich ungemütlich. Ohne zu viel zu verraten, kann ich andeuten, dass es mit Geralts phantastischen Kampfkünsten erst einmal vorbei sein dürfte, und dass Ciri die Zeit ihrer Kindheit wohl hinter sich gelassen hat. Bei der Vielfalt der agierenden Personen und der Schauplätze ihrer Taten kann man leicht durcheinander kommen, aber zum Glück gibt es ja im Internet inzwischen ein Hexer-Wiki. Da kann man vieles nachschlagen.

Die Geschichte wird aus vielen verschiedenen Blickwinkeln erzählt, manchmal rückblickend, manchmal ereignen Dinge sich parallel. Der ständige Perspektivenwechsel, die Mischung aus Politik, Herzschmerz und knackiger Action, der Sprachwitz Sapkowskis, die hervorragende Charakterzeichnung und die faszinierende, "erwachsene" Fantasywelt machen auch diesen Roman wieder zu einem echten Genuss. Einziger Kritikpunkt: Geralt selbst kommt ein wenig zu kurz, jedenfalls steht er nicht allein im Mittelpunkt, sondern muss sich diese Position mit Ciri und Yennefer teilen. (03.08.2009)


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360
Agent für Terra Hubert Haensel: Agent für Terra (PR-Planetenroman Nr. 350)
VPM, 2009
161 Seiten

Infos zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke meines Archivs. Einfach hier klicken!

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359
Blut und Gold Anne Rice: Blut und Gold
Goldmann, 2006
603 Seiten

Der Vampir Thorne erwacht im ewigen Eis. Er wurde vor Jahrhunderten von Maharet in einen Bluttrinker verwandelt, und durch Maharets neuerliches Erscheinen während der Kämpfe gegen Akasha, die Königin der Verdammten, wurde Thorne erweckt. Der Vampir Marius, einst Hüter Akashas und Enkils, der Urahnen aller Vampire, ruft ihn mit der Kraft seiner Gedanken zu sich und gewährt ihm Zuflucht in seinem Haus. Während Thorne sich vom langen Schlaf erholt, erzählt Marius ihm seine Lebensgeschichte.

Als römischer Patrizier wurde Marius von keltischen Druiden zu deren "Gott" Mael gebracht und von diesem in einen Vampir verwandelt. Nach seiner Flucht versuchte er, mehr über die Gründe für seine Verwandlung zu erfahren und stieß dabei auf die Legende von "Jenen, die bewahrt werden müssen". Das führte schließlich dazu, dass Akasha und Enkil in seine Obhut übergingen. Die Wache über die beiden Ältesten war für Marius Fluch und Segen zugleich: Er konnte sich zwar immer wieder von Akashas mächtigem Blut nähren, war aber auch verschiedenen Zwängen unterworfen. Dennoch versah er seinen Dienst gewissenhaft aus Liebe zu Akasha. Eines Tages verliebte er sich in Pandora, die er in einen Vampir verwandelte. Nach ca. 200 Jahren trennte er sich nach einem Kampf gegen Vampire, die Satan anbeteten und das Geheimnis "Jener, die bewahrt werden müssen" erbeuten wollten, im Streit von seiner Geliebten. Er bereute dies bald und verbrachte die nächsten Jahrhunderte mit der vergeblichen Suche nach Pandora. Er begegnete verschiedenen Bluttrinkern, zu denen auch Mael und dessen Zögling Avicus gehörten. Er lebte einige Zeit mit den beiden zusammen. Es gab weitere Konflikte mit den Santansanbetern und anderen Vampiren.

Marius führte in Rom das Leben eines reichen Edelmannes, bis die Ewige Stadt von Barbaren überrannt wurde. Er siedelte nach Konstantinopel um, kehrte dann aber nach Europa zurück, wo er die Dunklen Jahrhunderte und die Zeit der Pest verschlief. Nach seinem Wiedererwachen bereiste er Italien, begeisterte sich für Botticellis Kunst und ließ sich in Venedig nieder, wo er eine Art Kunstschule für Jungen einrichtete. Er verliebte sich in den Waisen Amadeo und die schöne Bianca. Ersterem gab er den Dunklen Kuss, um ihn vor dem Tod durch Gift zu bewahren. Dann wurde sein Haus von Satansjüngern unter der Führung des Vampirs Santino angegriffen. Amadeo wurde entführt, Marius wurde durch Feuer fast vernichtet. Er war gezwungen, Bianca in einen Vampir zu verwandeln, damit sie ihm helfen konnte. Der Heilungsprozess nahm weitere Jahrhunderte in Anspruch, danach waren Marius' Kräfte aber stärker als je zuvor. Amadeo wurde unter dem Namen Armand zum Oberhaupt der Satansjünger. Schließlich erhielt Marius Kontakt mit der Talamasca, einer Geheimgesellschaft der Sterblichen, die sich der Erforschung der Bluttrinker verschrieben hatte. Von der Talamasca erfuhr er endlich, dass Pandora in regelmäßigen Abständen in Dresden gesehen wurde. Marius verlegte seinen Wohnsitz in diese Stadt und konnte so nach weiteren Jahrzehnten des Wartens endlich seine Geliebte in die Arme schließen - aber das Wiedersehen verlief anders als erwartet...

Zwischen diesem Roman aus der Chronik der Vampire und dem letzten von mir gelesenen Buch dieser Reihe (Die Königin der Verdammten) sind zwar mehrere andere Romane mit weiteren Abenteuern Lestats erschienen, dennoch kann man "Blut und Gold" direkt im Anschluss an "Die Königin der Verdammten" lesen. Auf Lestats weiteres Schicksal wird nur zu Beginn in Andeutungen eingegangen, es spielt im weiteren Verlauf keine Rolle mehr. Die Handlung schließt praktisch direkt an Akashas Ende an und wird dann ebenfalls kaum fortgesetzt. Die Geschichte von Thorne und seiner eifersüchtigen Liebe für Maharet ist nur eine Alibi-Rahmenhandlung für die Lebensgeschichte des Vampirs Marius. Und die enthält zunächst einmal diverse Wiederholungen längst bekannter Einzelheiten - siehe Der Fürst der Finsternis: In diesem Roman war Lestat Marius begegnet und hatte dessen Geschichte in aller Ausführlichkeit erfahren. Allerdings hatte Marius nichts bzw. nicht viel über seine Erlebnisse in Rom nach der Trennung von Pandora und die darauf folgenden Jahrhunderte erzählt. "Blut und Gold" ist also wieder einmal ein Rückblick, eine sich über Jahrhunderte erstreckende Lebensgeschichte. Anne Rice scheint dieses Stilmittel sehr zu mögen.

Das Problem bei diesem Roman: Er ist todlangweilig. Zugegeben: Marius ist eine faszinierende Figur, und mit seinem Bemühen, ein Leben unter Sterblichen zu führen und sich als Künstler zu betätigen, hebt er sich von vielen seiner Artgenossen ab. Auch hätte sein Blick auf den Verlauf der Geschichte und die Kunst Roms, Konstantinopels und Europas interessante Aspekte ergeben können. Doch leider betet Anne Rice nur Fakten herunter, die man auch in irgendeinem beliebigen Geschichtsbuch nachlesen kann. Ansonsten konzentriert sie sich wieder einmal sehr auf die Gefühls- und Gedankenwelt ihrer Protagonisten und verweilt endlos bei der Beschreibung von Gewändern, Möbeln, Räumen und dergleichen. Und so enthält der Roman wenig bis gar keine Handlung, obwohl er einen Zeitraum von ca. 2000 Jahren abdeckt. Bei all der (oft übrigens homoerotischen) "Gefühlsduselei" gelingt es Rice nicht, den Leser emotional für Marius oder dessen Gefährten einzunehmen. Mir jedenfalls ist ziemlich gleichgültig geblieben, was ihnen so alles widerfährt. Tatsächlich musste ich mich größtenteils eher durch diesen nicht enden wollenden, viel zu weitschweifigen Schwulst hindurchquälen, als dass ich die Lektüre genossen hätte. Ab und zu schreckt man mal aus dem Halbschlaf hoch, in den einen das x-fach wiederholte Gerede von enttäuschter Liebe unter den Vampiren versetzt - etwa wenn Marius fast von den Flammen verzehrt wird oder bei seinen Begegnungen mit der Talamasca - ansonsten döst man friedlich weiter, bis Thorne (Achtung, es folgen Spoiler) auf den letzten zwei Seiten einen überhasteten Schlusspunkt setzt, indem er Santino vernichtet und sich die Augen herauspult, um sie Maharet zu schenken und sich anschließend von ihr fesseln zu lassen - ein Vampir, der auf SM und Bondage steht?

Die Geschichte enthält kaum etwas, das nicht in irgendeinem anderen Roman der Chronik der Vampire schon erzählt worden wäre, und kann allenfalls als Zusammenfassung dieser Romane dienen. Dafür müsste man aber kein Geld ausgeben; Handlungszusammenfassungen kann man auch in der Wikipedia lesen. (20.07.2009)


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358
Vampire Kim Newman: Die Vampire
Heyne, 2009
1280 Seiten

Dieser Sammelband enthält die folgenden drei Romane:

Anno Dracula

London, 1888: Vlad III., einstiger Wojwode der Walachei, besser bekannt als "Graf Dracula", herrscht als Prinzgemahl der Königin Victoria von Großbritannien mit eiserner Hand über das Vereinigte Königreich. Im Jahre 1885 haben Dr. van Helsing und dessen Gefährten versucht, den Grafen zu töten, oder vielmehr: zu vernichten, denn Dracula ist ein Vampir - eine untote Kreatur, die schon seit über 400 Jahren ihr Unwesen treibt und Menschen in seinesgleichen verwandeln kann. Van Helsing war gescheitert; sein vermoderter Schädel steckt auf einem Pfahl vor dem Buckingham Palace. Auch Jonathan Harker wurde damals getötet, Mina Harker wurde von Dracula in einen Vampir verwandelt. Jack Seward konnte zwar entkommen, musste sich jedoch verstecken und leitet nun ein Asyl für Obdachlose und Huren in Whitechapel. Dracula hat den Vampirismus in England "offiziell" eingeführt. Die Existenz der Vampire ist kein Geheimnis mehr. Tatsächlich gilt es in manchen Kreisen als schick, sich verwandeln zu lassen, aber nicht jeder übersteht diesen Prozess unbeschadet. Viele Vampire sind verarmt, vor allem weibliche Untote prostituieren sich und verkaufen den "Dunklen Kuss" für ein paar Tropfen Blut. Um die wachsenden Spannungen im Lande zu unterdrücken, etabliert Dracula einen Polizeistaat, in dem andere Vampir-Älteste in hohe Ämter erhoben werden. So ist der englische Premierminister niemand anderer als der Vampir Lord Ruthven.

Eines Tages kommt es zu mehreren grausigen Morden an Vampir-Prostituierten in Whitechapel. Ein Killer, den man wegen seiner bevorzugten Mordwaffe "Silver Knife" nennt, hat bereits mehrere Vampirfrauen grausam abgeschlachtet. Alle Opfer wurden geradezu ausgeweidet. Durch diese Taten wird die ohnehin schon bedrohliche Atmosphäre in London so sehr angeheizt, dass ein Bürgerkrieg auszubrechen droht. Charles Beauregard, ein Mitglied des Diogenes-Clubs (mit anderen Worten: Ein Geheimagent) erhält den Auftrag, den Täter zu fassen. Unerwartete Unterstützung erhält er von den Häuptern der Unterwelt, die daran interessiert sind, dass die geschäftsschädigenden Unruhen beendet werden. Gleichzeitig kontaktiert Scotland Yard die Vampir-Älteste Geneviève Dieudonné mit der Bitte, sich des Falles anzunehmen. Zwangsläufig begegnen Beauregard und Dieudonné sich bei den Ermittlungen. Sie arbeiten zusammen und fühlen sich bald zueinander hingezogen. Doch sie können die nächsten Morde nicht verhindern. Gierig stürzen sich Presse, religiöse Eiferer und politische Abenteurer auf jede neue Bluttat. Sehr schnell erhält der Mörder einen neuen Namen: "Jack the Ripper"...

Der Rote Baron

Nach dem von Charles Beauregard herbeigeführten Ende der Schreckensherrschaft Draculas in England sind dreißig Jahre vergangen. Der ehemalige Prinzgemahl wurde aber nur vertrieben und hat sich im Deutschen Reich eingenistet. Kaiser Wilhelm II. ist sein neuer Gönner und hat sich in einen Vampir verwandeln lassen. Als Reichskanzler und Oberbefehlshaber der Streitkräfte entfesselt Dracula den Ersten Weltkrieg, in dem "Warmblütige" und Untote auf beiden Seiten gegeneinander kämpfen. Um den verlustreichen Stellungskrieg zu beenden, bereiten die Achsenmächte die so genannte "Kaiserschlacht" vor: Einen Großangriff, bei dem zuerst Paris und dann der Rest Europas erobert werden soll. Die Luftwaffe soll die Speerspitze des Angriffs bilden. Manfred von Richthofen (der "Rote Baron") und einige andere berühmte Kampfflieger wie Hermann Göring und Erich Udet gehören zum Jagdgeschwader 1. Alle sind Vampire, und sie sind Bestandteil eines Forschungsprojekts, bei dem die gestaltwandlerischen Fähigkeiten der Untoten eine zentrale Rolle spielen. Edgar Allan Poe, ein untoter Dichter, wird zum Château du Malinbois entsandt, einer Burg in der Nähe der Front, die dem Jagdgeschwader 1 als Basis dient. Als Ghostwriter des Roten Barons soll er dessen trockene Memoiren zu einem packenden Abenteuerbericht umgestalten.

Der Diogenes-Club interessiert sich sehr für die Vorgänge im Château du Malinbois. Edwin Winthrop, quasi der Nachfolger des gealterten Charles Beauregard, wird zu einer alliierten Fliegerstaffel entsandt. Er soll klären, was in der Burg vor sich geht. Als ihm klar wird, womit er es wirklich zu tun hat, begreift er, dass er zu außergewöhnlichen Mitteln greifen muss, um eine Chance gegen den Roten Baron zu haben. Mit Hilfe von Vampirblut versucht er, sich zu einer lebenden Waffe zu machen, ohne sich verwandeln zu müssen. Doch niemand ahnt, welchen Plan Dracula wirklich verfolgt...

Dracula Cha-Cha-Cha

Im Jahre 1959 ist Charles Beauregard am Ende seines Lebens angelangt. Er hat sich bisher standhaft geweigert, sich von seiner Gefährtin Geneviève Dieudonné den "Dunklen Kuss" geben zu lassen und ist nun ein über 100 Jahre alter Greis. Er ist nach Rom übergesiedelt, um seinem alten Feind, dem Grafen Dracula, immer auf der Spur bleiben zu können. Dracula hat sich nach Italien zurückgezogen und beabsichtigt, die Vampir-Älteste Asa Vajda zu ehelichen. Vampire aus aller Herren Länder strömen in die Ewige Stadt, um an der Feier teilzunehmen, und die Öffentlichkeit ist begeistert von diesem spektakulären gesellschaftlichen Ereignis.

Auch die drei untoten Frauen, die Charles Beauregards Leben geprägt haben (Geneviève Dieudonné, Penelope Churchward und Kate Reed) versammeln sich, doch sie geraten in Gefahr, denn in Rom geht ein Mörder um, der es ausschließlich auf Vampir-Älteste abgesehen hat. Kate Reed wird Zeuge, als dieser "Scharlachrote Henker" einen Gast Draculas und dessen weibliche Begleitung tötet. Wieder einmal greift der Diogenes-Club ein, denn es wird vermutet, dass durch die Vampir-Hochzeit eine neue Dynastie begründet werden soll, mit deren Hilfe Dracula die Macht auf dem Balkan an sich reißen will. Der Club entsendet seinen besten Mann: Hamish Bond, einen Untoten, der seinen Blut-Martini-Cocktail geschüttelt (nicht gerührt) trinkt, einen Aston Martin fährt und mit einer Walther PPK bewaffnet ist. Doch der Henker ist nur die Marionette einer Macht, die weit älter und gefährlicher ist als jeder Vampir...

Dies war meine dritte Urlaubslektüre im Sommer 2009.

Ich weiß zwar nicht, wer auf die merkwürdige Idee gekommen ist, die drei Romane in einem Band zu veröffentlichen, dessen Titel und Cover-Gestaltung ihn in die Nähe der Orks-/Trolle-/Zwerge-/Elfen-Fließbandprodukte rücken (denn mit diesem Kram haben Kim Newmans Romane rein gar nichts zu tun), aber wenn das bedeutet, dass man alle drei Romane "am Stück" und zu einem akzeptablen Preis bekommt, dann habe ich ausnahmsweise nichts dagegen einzuwenden!

Die "Anno Dracula"-Romane gehören zum Unterhaltsamsten und Interessantesten, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Es handelt sich nicht einfach nur um irgendwelche Vampirgeschichten nach dem Schema "Bösartiger Blutsauger belauert blonde Schönheit und muss von deren Freunden vernichtet werden", auch mit der weitschweifigen Nacherzählung des Lebensweges einzelner Vampire nach dem von Anne Rice immer wieder verwendeten Strickmuster kann man die Romane nicht vergleichen. Sie sind weit mehr als das. Am ehesten könnte man sie als Mischung aus Fantasy, Horror und SF im weitesten Sinne bezeichnen, denn Kim Newman konstruiert auf geniale Weise eine Alternativwelt, in der reale und fiktive Personen, Schauplätze und Ereignisse zu einem völlig neuen, trotz aller Irrealität absolut überzeugenden Universum verwoben werden. Nicht genug damit: Kim Newman schafft es, eine unglaublich dichte Atmosphäre zu erzeugen und seine Hauptfiguren für den Leser zum Leben zu erwecken (OK, im Fall der Vampire ist diese Formulierung vielleicht etwas unglücklich). Ihre Gedanken und Gefühle, so fremdartig sie manchmal auch sein mögen, machen sie zu echten Charakteren, die dem Leser ans Herz wachsen.

Der ganz besondere Reiz der Romane besteht zweifellos in der detailreichen Ausarbeitung eines alternativen Geschichtsverlaufs. Was wäre, wenn Graf Dracula wirklich existiert hätte und nicht von Dr. van Helsing vernichtet worden wäre? Wie hätte die menschliche Gesellschaft auf die offenkundige Existenz der Vampire reagiert? Kim Newman beantwortet diese Fragen auf verblüffende Weise, begnügt sich aber nicht damit. Er lässt außerdem unzählige reale und fiktive Personen auftreten. Man darf sich deshalb nicht wundern, Figuren aus Filmen, Romanen und Comics wie Mycroft Holmes, den Doktoren Jekyll, Moreau, Caligari und Mabuse, den Grafen Orlok und von Krolock, Herbert West, Elliot Spencer (besser bekannt als "Pinhead" aus dem Film Hellraiser), Fantomas, James Bond ("Hamish" ist die schottische Version von "James"), Mr. und Mrs. Addams, Frankensteins Monster oder Clark Kent (komplett mit blauer Strumpfhose) zu begegnen, die Seite an Seite mit realen Personen wie Inspektor Abberline, Joseph Merrick (der "Elefantenmensch"), Edgar Allan Poe, Oscar Wilde, Mata Hari, Franz Kafka, Bela Lugosi, Winston Churchill, Orson Welles, Elvis Presley usw. agieren. In den meisten Fällen weist der Lebensweg dieser Personen natürlich diverse Abweichungen von der Realität auf. Viele Personen werden zwar nur am Rande erwähnt und es ist klar, dass der Autor das als kleine Insider-Gags für den kundigen Leser meint, viele sind aber auch essentieller Bestandteil der Geschichten. Dazu gehören auch bestimmte Orte oder Institutionen wie der Diogenes Club, eine Schöpfung von Arthur Conan Doyle. Nichts davon wirkt übrigens einfach so dahingeschludert - alles ist in sich schlüssig und logisch durchdacht.

Man sollte jetzt aber nicht denken, dass die Romane nur Ansammlungen derartiger Kabinettstückchen seien. Wie schon gesagt sind Atmosphäre und Figurenzeichnung sehr gut gelungen. Das gilt selbst für jemanden wie Dracula, der eigentlich nur selten persönlich auftritt - seine Entwicklung vom blutrünstigen Ungeheuer, das den Buckingham Palace in einen Schweinestall verwandelt und Königin Victoria an einer Kette hält, über den Kriegshetzer im Deutschen Reich bis hin zu der gebrochenen Figur, die sich in der Moderne nicht mehr zurechtfindet, ist beeindruckend. Am Beispiel der zentralen Figuren (Charles Beauregard, Geneviève Dieudonné, Kate Reed, Edwin Winthrop) arbeitet Newman außerdem seine eigene Version des Vampir-Mythos aus. Auch hat jeder Roman einen anderen Charakter. "Anno Dracula" ist eine stilsichere Nachempfindung des im viktorianischen London spielenden "Gothic Horror", in "Der Rote Baron" gibt es einige unglaublich eindringliche Schilderungen des zweiten Weltkriegs, und "Dracula Cha-Cha-Cha" könnte glatt die Nacherzählung eines Films von Frederico Fellini sein.

Wenn es überhaupt einen Kritikpunkt gibt, dann vielleicht den, dass die Faszination, die man angesichts dieser Alternativwelt empfindet, mit der Zeit ein wenig nachlässt, und dass die Story des letzten Romans ein wenig dünn ist. Durch die Fülle der Anspielungen, Zitate, Parodien usw. wird das aber mehr als ausgeglichen. Es macht immer wieder Spaß, neue Details zu entdecken. Außerdem ist der dritte Roman noch humorvoller als die beiden ersten. "Die Vampire" kann ich euch uneingeschränkt empfehlen, und zwar selbst dann, wenn ihr mit phantastischer Literatur normalerweise nichts anfangen könnt. (15.07.2009)


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357
Stephen King: Der Buick
Ullstein, 2003
496 Seiten

Im Jahre 1979 erscheint ein alter Buick Roadmaster an einer Tankstelle in der amerikanischen Provinzstadt Statler. Der Fahrer, ein äußerst merkwürdiger Bursche, verschwindet spurlos. Die Polizei nimmt sich des herrenlosen Fahrzeugs an und stellt es in einem Schuppen ihrer Basis ab. Was dann mit diesem Objekt geschieht, das keineswegs nur ein gewöhnliches Auto ist, macht die Männer und Frauen von der Troop D der Pennsylvania State Police zu einer verschworenen Gemeinschaft, denn die Ereignisse sind zu bizarr, als dass man sie der Öffentlichkeit zumuten könnte. Außerdem sind Officer Curtis Wilcox und der kommandierende Beamte der Troop D von dem Buick geradezu besessen. Viele Einzelteile des Autos sind zwar vorhanden, aber es sind nur Attrappen, also funktionsunfähige Nachbildungen realer Armaturen, Motorteile und so weiter. Das Profil der Reifen ist völlig sauber, und wenn man etwa ein Steinchen hineinsteckt, dann fällt es kurz danach wieder heraus. Kratzer, die man dem Lack beibringt, "verheilen" innerhalb kürzester Zeit.

Das allein wäre für die Polizisten noch kein Grund, den Wagen nicht übergeordneten Behörden zu übergeben, doch kurz nach der Einlagerung im Schuppen verschwindet einer der Kollegen, der sich dem Buick allein genähert hat. Außerdem strahlt der Buick in unregelmäßigen Abständen ein wahres Gewitter unirdischen, violetten Lichts aus – und manchmal "gebärt" er etwas: Widerwärtige, irreale Wesen, wie es sie auf der Erde nicht gibt und auch nicht geben kann, denn sie sind meist tot oder sterben schnell und zersetzen sich an der für sie offensichtlich giftigen Atmosphäre. Die Troop D hütet somit jahrzehntelang ein Objekt, das für die Augen der Menschen nur so aussieht wie ein Buick, und vermutlich aus einer völlig fremdartigen Dimension stammt. Curtis Wilcox wird zu einem "Buickologen" und widmet der Erforschung dieses Rätsels all seine Zeit. Doch es gelingt ihm nie, die Herkunft des Buicks oder den Sinn seiner Existenz zu ergründen.

Im Jahre 2001 kommt Curtis Wilcox bei einem Unfall in Ausübung seiner Pflicht ums Leben. Sein Sohn Ned kann die Trauer nicht überwinden. Die Kollegen seines Vaters, insbesondere Sandy Dearborn, der schon die Ankunft des Buick miterlebt hat und inzwischen neuer kommandierender Offizier ist, versuchen ihm zu helfen. Dearborn lässt zu, dass Ned in der Basis der Troop D arbeitet und zum Bestandteil der "Familie" wird. Natürlich wird auch Ned eines Tages auf den Buick aufmerksam, und so erzählen die Polizisten ihm, was es damit auf sich hat. Zu seiner Beunruhigung muss Sandy bald feststellen, dass Ned die geradezu krankhafte Faszination seines Vaters für den Buick zu teilen scheint...

Dies war meine zweite Urlaubslektüre im Sommer 2009.

Im Nachwort zu diesem Roman schreibt King, dass seine Geschichte am ehesten die Unergründlichkeit mancher Ereignisse im Leben verdeutlichen soll – d.h. dass manche Dinge einfach keinen erkennbaren Sinn haben. So ist es auch mit dem Buick. Die Protagonisten des Romans finden nie heraus, was es mit diesem Ding auf sich hat, welchen Sinn seine merkwürdigen Aktivitäten haben und so weiter. Der kundige Leser weiß mehr als sie: Der Buick muss in irgendeinem Zusammenhang mit dem Universum stehen, das King in seinen Romanen aus der Reihe "Der Dunkle Turm" beschrieben hat, denn der "Fahrer" des Buicks ist eindeutig ein "Niederer Mann", also ein Wesen aus genau diesem fiktiven Universum. Welche Bedeutung der Buick aber für das "Dunkler Turm"-Universum hat, bleibt unergründlich.

Man könnte also fast sagen, die gesamte Geschichte sei sinnlos, aber das ist sie nur, wenn man nach dem Sinn des Buicks oder einer Handlung im eigentlichen Sinne sucht. Natürlich ist der Buick Dreh- und Angelpunkt der Story, und schon aufgrund der Tatsache, dass man nicht versteht, was genau mit ihm vorgeht, entsteht eine unheimliche Atmosphäre. Noch wichtiger ist aber die Ausarbeitung des Mikrokosmos der Troop D. Die einzelnen Charaktere werden, wie man es von King gewohnt ist, hervorragend gezeichnet, und das schafft King diesmal mit vergleichsweise wenig Text. Hier agieren keine austauschbaren Klischees, sondern "echte" Menschen. Ihre Eigenheiten und Marotten, ihre Beziehungen zueinander und ihre Arbeit – all das tritt dem Leser so plastisch vor Augen, dass man sich fast als Bestandteil dieser kleinen Familie betrachten könnte. Interessant dabei ist, dass der größte Teil des Romans aus Rückblicken besteht, die von verschiedenen Personen erzählt werden. Das kommt dann auch jeweils im Stil der einzelnen Kapitel zum Ausdruck.

Und nicht zuletzt schafft King es wieder einmal, Szenen zu erschaffen, die vor Spannung und Horror geradezu knistern. Die Art und Weise, wie er die bizarren vom Buick in die Welt gesetzten Kreaturen beschreibt, ist einfach genial – die absolute Fremdartigkeit dieser Wesen lässt die vergleichbaren Versuche von Science-Fiction-Autoren (zum Beispiel in der Perry Rhodan – Serie) noch kläglicher erscheinen, als sie es ohnehin schon sind. Einen echten Schluss hat der Roman zwar eigentlich nicht, d.h. der Buick bewahrt sein Geheimnis bis zum Ende, aber zu guter Letzt zeigt sich, dass er (Vorsicht, es folgt ein Spoiler) über die Jahre hinweg nicht nur schwächer geworden ist, sondern sich schließlich sogar auflöst. (11.07.2009)


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356
Thomas Thiemeyer: Reptilia
Knaur, 2007
385 Seiten

Der junge englische Biochemiker David Astbury erhält ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann: Lady Palmbridge, eine alte Freundin seiner Familie, lädt ihn zu sich nach Kalifornien ein und bittet ihn, an einer Afrika-Expedition teilzunehmen. Für die Genforschung ihrer Firma benötigt sie das Erbgut eines ganz besonderen Tieres – eines Dinosauriers. Und zwar eines lebenden Dinosauriers! Astbury glaubt zunächst an einen Scherz, doch Lady Palmbridge hat Filmmaterial vorzuweisen, das von ihrer Tochter Emily an einem unerforschten See mitten im Dschungel gedreht worden ist, und es enthält den Beweis für die Existenz eines quicklebendigen Urzeitwesens. Das Tier ist ein fleischgewordener Mythos; in Afrika erzählt man sich schon seit jeher Geschichten über dieses Wesen, genannt Mokéle m'Bembé. Emily ist auch schon der erste von mehreren Anreizen für Astbury, an der gefährlichen Reise teilzunehmen, denn er betet die junge Frau seit seiner Jugend an, und sie gilt als verschollen – Astbury soll helfen, nach ihr zu suchen. Als weitere Entscheidungshilfe bietet Lady Palmbridge ihm eine Professur an.

Da kann Astbury nicht Nein sagen, und so findet er sich nach einigen Schwierigkeiten alsbald im Kongo wieder. Die Expedition wird von dem exzentrischen Großwildjäger Maloney geleitet. Mit dabei sind Maloneys treuer Freund Sixpence, ein Aborigine, und die junge afrikanische Wissenschaftlerin Elieshi n'Garong, mit der Astbury gleich bei der ersten Begegnung aneinanderrasselt. Der See ist schnell gefunden, ein Lager wird errichtet. Wenig später gabeln die Expeditionsteilnehmer den Pygmäen Egomo auf, der bereits von Mokéle m'Bembé angegriffen und verletzt worden ist. Er führt sie zu den zerstörten Überresten von Emilys Lager. Schon bald gibt es den ersten Zusammenstoß mit dem Saurier, der sich als äußerst wehrhaft erweist und nicht der einzige seiner Art ist. Echte Probleme gibt es aber erst, als in Maloney das Jagdfieber erwacht...

Dies war meine erste Urlaubslektüre im Sommer 2009.

Die etwas holprige Geschichte kommt mir vor, als sei sie aus Elementen anderer Romane und Filme zusammengestückelt worden. Hier ein bisschen "Indiana Jones", dort eine Prise "Jurassic Park", ein Stückchen "Vergessene Welt" und "King Kong", fertig ist der Eintopf, aus dem ein abenteuerlicher Wissenschafts-Thriller werden soll. Das Ganze ist ja auch durchaus flott geschrieben, vielleicht sogar etwas zu flott, d.h. die Handlung schreitet für meinen Geschmack zu rasch voran. Es wäre besser gewesen, der Reise zum Dinosauriersee mehr Zeit einzuräumen, denn wenn dieser Ort aller Welt bekannt ist und per Wasserflugzeug innerhalb von drei Stunden bequem erreicht werden kann – warum ist er dann noch nie zuvor erforscht worden? Jedenfalls entsteht nie das Gefühl der Isolation, das nötig wäre, um zu akzeptieren, dass die Protagonisten dort auf sich allein gestellt sein sollen. Der "wissenschaftliche Hintergrund" dagegen vermag zu überzeugen, zumindest wird er glaubwürdig genug vermittelt, so dass man die Existenz des Dinosauriers Mokéle m'Bembé und seiner Familie hinnehmen kann. Und Spannung kommt zugegebenermaßen ab und zu auch schon mal auf.

Trotzdem überzeugt mich das Endergebnis irgendwie nicht. Dabei kann ich nicht mal den Finger drauf legen, d.h. ich könnte nicht genau sagen, woran es liegt. Vielleicht liegt es an der Charakterzeichnung, die für meinen Geschmack allzu sehr in Klischees verharrt und zu nicht nachvollziehbaren Handlungen praktisch aller Figuren führt. Oder an diversen stilistischen Schwächen, zum Beispiel bei den Dialogen – immer wieder stolpert man über Textstellen, bei denen man sich fragt, ob der Autor wirklich glaubt, dass Menschen so miteinander reden. Von der Unsitte, anstelle von Text in Dialogen nur Zeichen zu verwenden (z.B. "?" und "..."), ganz zu schweigen. Als Urlaubs-Lesefutter für den Strand war's okay: schnell durchgelesen, schnell wieder vergessen (11.07.2009)


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355
J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe
Klett-Cotta, 2008
1296 Seiten, gebunden

Ich weiß gar nicht, wie oft ich diesen Roman schon gelesen habe. Zuletzt war es die englische Ausgabe. Jetzt war die deutsche Version mal wieder fällig, denn im Jahre 2008 ist eine neue Ausgabe erschienen, und zwar in einer Form, die ich mir schon immer gewünscht habe: Alte Übersetzung (Carroux), alle Bücher in einem Band und in Leder gebunden!

Diese Ausgabe ist angeblich auf 7777 Stück limitiert, aber eine Nummerierung sucht man vergebens. Das ist aber nur ein kleiner Wermutstropfen, denn ansonsten kann dieses Schmuckstück sich wirklich sehen lassen... oder sollte ich sagen, es kann sich fühlen und riechen lassen? Das feine rote Leder fühlt sich nämlich gut an und riecht noch besser. Buchrücken und Deckel haben Prägungen in echtem Blattgold. Das Ganze steckt in einem stabilen Pappschuber mit einer kleinen runden Öffnung für das auf den Buchdeckel geprägte Auge. Das Buch fällt "schmaler" aus als erwartet, denn es wurde hochwertiges Dünndruckpapier verwendet. Da es säure- und holzfrei ist, darf man hoffen, dass es von den üblichen Alterungserscheinungen verschont bleiben wird. Beim lesen muss man natürlich etwas Vorsicht walten lassen. Obwohl das Buch nur ca. vier Zentimeter dick ist, sind alle Anhänge und das Register vorhanden. Leider wurden dem Buch nicht alle Karten beigefügt, nur eine Faltkarte ist in einer Einstecktasche zu finden. Insgesamt bietet diese Ausgabe einen würdigen Rahmen für Tolkiens Meisterwerk.

Soviel zu den Äußerlichkeiten. Wie aber sieht es mit dem Inhalt aus? Wie gesagt handelt es sich um die Carroux-Übersetzung. Diese wurde jedoch an die neue Rechtschreibung angepasst, was ich, da man sich inzwischen mehr oder weniger an die Rechtschreibreform gewöhnt hat, ganz gut finde. Außerdem wurde der Text von Lisa Kuppler auf der Grundlage von Hinweisen überarbeitet, die Tolkien selbst zur Übersetzung gegeben hat - was Carroux seinerzeit nicht mehr berücksichtigen konnte. Deshalb wurden in der neuen Ausgabe manche Namen anders übersetzt. Auch sollen bekannte Fehler bereinigt worden sein, was ich nicht nachgeprüft habe. Ganz fehlerfrei ist der Text aber noch immer nicht! Ich bin nicht nur ab und zu (selten) über Rechtschreibfehler und falsch geschriebene Namen gestolpert, sondern auch über die berühmte Textstelle mit dem "mittleren Türflügel" des schwarzen Tors...

Abgesehen von diesen leichten Schwächen ist die Luxusausgabe aber für jeden Fan ein absolutes Muss. (15.06.2009)

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354
Algernon Blackwood: Besuch von Drüben
Suhrkamp, 1979
246 Seiten

Dieser Band enthält acht Kurzgeschichten Algernon Blackwoods, die zwischen 1906 und 1908 erstmals veröffentlicht wurden.

Der Horcher
Als ein Journalist eine überraschend günstige Wohnung in London ergattert, ahnt er nicht, dass es einen Grund für die niedrige Miete gibt: Der Geist eines Selbstmörders haust dort und belauert alle, die in dem Zimmer leben. Nach und nach bemerkt der Mieter, dass fremde Gedanken und Gefühle von ihm Besitz ergreifen.

Die Spuk-Insel
Ein Student zieht sich auf eine einsame Insel in den Wäldern nahe der kanadischen Grenze zurück, um dort in Ruhe lernen zu können. Die Ruhe wird empfindlich gestört, als zwei Indianer aus dem Geisterreich auftauchen, die auf seinen Skalp aus sind.

Besuch von Drüben
Während nächtlicher Prüfungsvorbereitungen bekommt ein Student Besuch von einem Jugendfreund, mit dem er vor Jahren eine ganz besondere Abmachung getroffen hat. Der Besucher scheint völlig erschöpft und ausgehungert zu sein; nachdem er sich den Bauch vollgeschlagen hat, fällt er in tiefen Schlaf. Der Student hört immer noch den gleichmäßigen Atem des Freundes - aber das Bett ist leer.

Gestohlenes Leben
Jim Shorthouse gelangt an die Grenzen seiner Fähigkeiten, als er mit einem Bekannten in einer Scheune übernachtet, in der sich vor langer Zeit ein Schwarzmagier erhängt hat. Der Geist des Toten zehrt vom Leben aller Menschen, die sich der Scheune nähern, und zwingt sie zu selbstmörderischen Taten.

Kein Zimmer mehr frei
Ein Alpinist wird wegen des Mangels an Unterbringungsmöglichkeiten im eigentlich belegten Zimmer einer jungen Bergsteigerin einquartiert, die vor zwei Tagen verschwunden ist. Während er von der tot im Gebirge liegenden Frau phantasiert, ist er ihr in Wahrheit näher, als er glaubt.

Ein gewisser Smith
Ein Medizinstudent wohnt über dem Zimmer eines Mannes, der sich mit Geisterbeschwörungen beschäftigt, und wird in dessen okkulte Experimente verwickelt.

Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York
Jim Shorthouse, derzeit als Privatsekretär in New York tätig, wird zum ehemaligen Partner seines Arbeitgebers entsandt, wo er geschäftliche Angelegenheiten abwickeln soll. Er wird zwar vor diesem Mann gewarnt, aber als er sich von ihm überreden lässt, die Nacht dort zu verbringen, gerät er unversehens in die Gewalt eines nach rohem Fleisch lechzenden Wahnsinnigen.

Griff nach der Seele
Dr. John Silence befasst sich mit dem Fall eines jungen Schriftstellers, der nach dem Genuss von Rauschgift eine besondere Sensibilität für die jenseitige Welt erlangt hat und von einem bösartigen Geist bedrängt wird. Silence verbringt eine Nacht in dem betreffenden Haus, nur begleitet von zwei Haustieren (der Katze Smoke und dem Collie Flame), die ihm beim Aufspüren des Geistes helfen sollen. Doch es gibt mehr als nur einen Geist, und selbst dieser eine ist so gefährlich, dass Silence in größte Gefahr gerät.

Im Gegensatz zu Das leere Haus, einer weiteren Sammlung von Kurzgeschichten Blackwoods, fehlt den in diesem Band versammelten Storys fast jegliche Originalität. Es handelt sich schlicht und ergreifend um klassische "Geisterhausgeschichten". Es geht also durchweg um Häuser, die von den Geistern ihrer ehemaligen Bewohner heimgesucht werden, weil diese entweder gewaltsam aus dem Leben geschieden sind, besonders bösartige Gesellen waren oder sich mit schwarzer Magie beschäftigt haben. Die jetzigen, lebendigen Bewohner dieser Häuser werden allerdings nicht so sehr von Spukerscheinungen erschreckt, vielmehr versuchen die Geister, Besitz von ihnen zu ergreifen und quasi in ihnen weiterzuleben.

Blackwood setzt in diesen Geschichten immer wieder auf Klischees: Gegenstände finden sich plötzlich nicht mehr an gewohnter Stelle wieder... die Protagonisten fühlen sich von einer unerklärlichen physischen Präsenz bedrängt, aber wenn das Licht entzündet wird, ist das Zimmer leer... Schritte oder sonstige Geräusche sind aus leeren Räumen zu hören... ein Toter besucht seinen Freund, um ein in der Vergangenheit gegebenes Versprechen einzulösen...

Trotz dieser Versatzstücke schafft Blackwood es jedes Mal, eine Atmosphäre der allmählich anwachsenden Bedrohung zu erzeugen. Sie entsteht vor allem durch die ausführliche Schilderung der Gemütszustände der Protagonisten. Stimmungsvoller Grusel ist also auch bei diesen Geschichten garantiert, originelle Ideen sucht man aber eher vergebens. Jim Shorthouse und Dr. Silence sind übrigens Figuren, die in zahlreichen Geschichten Blackwoods wiederkehren. (08.06.2009)


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353
Sakrileg Dan Brown: Sakrileg
Bastei Lübbe, 2006
618 Seiten

Robert Langdon, ein bekannter Symbolologe aus Harvard, macht eine Vortragsreise in Frankreich. Er weilt gerade im Hotel Ritz in Paris, als er mitten in der Nacht aus dem Bett geholt und zu Polizeichef Bezu Fache gebracht wird, der im Louvre einen Mord untersucht. Jacques Saunière, der Chefkurator des Museums, wurde erschossen. Der Mann war am gleichen Abend mit Langdon verabredet und hat vor seinem Tod noch eine Reihe bizarrer Spuren gelegt, die darauf hindeuten, dass Langdon etwas mit der Tat zu tun haben könnte. Sophie Neveu, eine Kryptologin der Polizei, wird hinzugezogen. Sie warnt Langdon vor Fache, denn der hält den Amerikaner für den Täter, verschweigt ihm diese Tatsache jedoch, um ihn in eine Falle zu locken. Langdon und Neveu setzen sich ab und beginnen damit, die Hinweise zu entschlüsseln, die Saunière hinterlassen hat.

Dass Neveu die Enkelin des Kurators ist, und dass alle von ihrem Großvater hinterlassenen Zeichen nur für sie bestimmt sind, ist nur die erste von vielen Überraschungen für Langdon. Während die beiden quer durch Paris vor der Polizei fliehen, zeichnet sich nach und nach ab, dass sie einem ungeheuerlichen Rätsel auf der Spur sind, das die gesamte Religionsgeschichte auf den Kopf stellen und die Machtposition der Kirche gefährden könnte. Tatsächlich war Saunière Großmeister einer Geheimloge, die dieses Geheimnis jahrhundertelang bewahrt hat. Sein Mörder, ein fanatischer Mönch der Organisation Opus Dei, der schon weitere Mitglieder der Loge getötet hat, ist bereits auf Langdons und Neveus Spur...

Es ist fast unmöglich, eine Handlungszusammenfassung zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Praktisch jedes Kapitel dieses Romans wartet mit neuen Überraschungen und "Enthüllungen" auf, die ich wiedergeben müsste, wenn ich mehr als nur die ganz grobe Ausgangssituation skizzieren wollte. Das gilt auch für den Kommentar, denn würde ich näher auf Einzelheiten eingehen, müsste ich schon wieder "spoilern". Da der ganze Roman keinen Spaß mehr macht, wenn man erst einmal weiß, was als nächstes geschieht, fasse ich mich kurz, um euch nicht den Spaß zu verderben. Dan Brown wirft in diesem Roman wissenschaftliche und historische Fakten, haarsträubende Verschwörungstheorien der unterschiedlichsten Art, neue Deutungen alter Symbole sowie wilde Spekulationen zusammen und schafft es unglaublicherweise, den Leser damit zu überzeugen. Wie es bei Verschwörungstheorien nun mal so ist, ergibt am Ende alles auf verzwickte Weise durchaus einen Sinn. Wenn man sich zum Beispiel Leonardo da Vincis "Abendmahl" genau anschaut, dann kann man nur bestätigen, was im Roman von diesem Bild behauptet wird. Von vielen anderen Theorien hat man auch schon mal was gehört, man weiß aber nicht so genau, wo die Wahrheit endet und wo die Dichtung beginnt. Am Ende glaubt man jedenfalls mehr oder weniger, was einem der Autor da auftischt.

Über weite Strecken liest der Roman sich wie die Beschreibung einer Schnitzeljagd: Die Protagonisten finden verschlüsselte Hinweise, die erst einmal geknackt werden müssen und durch die sie dann zu weiteren Rätseln geführt werden. Dabei werden verschiedene Schauplätze in Paris und London untersucht, und es müssen recht viele Monologe und Rückblicke zur Erklärung diverser Einzelheiten herhalten. Dass die Spannung trotzdem nie abreißt, liegt einerseits an der intelligenten Konstruktion der Rätsel, andererseits am häufigen Wechsel zwischen mehreren Handlungsebenen und in der ständigen Bedrohung, die von Silas (dem Mönch von Opus Dei) und seinem geheimnisvollen Auftraggeber ausgeht. Die Hauptfiguren bleiben bei alldem ein bisschen blass. Es agieren nur austauschbare Schablonen. Ausgerechnet Silas ist so ziemlich die einzige Figur, die einen interessanten Hintergrund hat und sich überhaupt weiterentwickelt.

"Sakrileg" hat für einigen Aufruhr gesorgt, das Buch behandelt ja auch brisante Themen. In erster Linie ist es aber ein rasanter Thriller, den man in einem Rutsch durchlesen kann. Mich stören nur Kleinigkeiten, zum Beispiel die Beiläufigkeit, mit der Langdon manchmal die Lösungen hervorzaubert - wie einst Wickie, dem kleinen Wikinger, fallen ihm die tollsten Sachen einfach aus heiterem Himmel ein. Auch glaube ich nicht, dass jemand mit einer Bauchschusswunde (Saunière) noch zur Konstruktion komplexer Rätselspiele in der Lage wäre. Dagegen könnte ich mir gut vorstellen, dass man die Rätselbox (ich nenne das "Kryptex" mal so) bei entsprechend vorsichtiger Vorgehensweise auch ohne Codewörter hätte öffnen können. (02.06.2009)


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352
Noir Olivier Pauvert: Noir
Heyne, 2007
303 Seiten

In Frankreich ist es nach einer Protestwahl zu einem Regierungswechsel gekommen. Die faschistische Nationalpartei hat das Szepter in die Hand genommen und das Land in einen Polizeistaat verwandelt, in dem willkürliche Verhaftungen, Folterungen und "Säuberungsaktionen" an der Tagesordnung sind. Unerwünschte gesellschaftliche Schichten werden unterdrückt, die Bevölkerung wird durch Drogen, die in die Nahrung geschmuggelt werden, gefügig gemacht und durch allgegenwärtige Kameras überwacht. Ein Mann macht nach einer feuchtfröhlichen Hochzeitsfeier einen grausigen Fund: Eine junge Frau wurde an einem Baum aufgehängt und ausgeweidet. Der Mann wird verhaftet und soll beseitigt werden, aber der Gefangenentransport kommt von der Straße ab und zerschellt nach einem Sturz, den eigentlich keiner der Insassen überlebt haben dürfte. Der Mann übersteht den Absturz jedoch unbeschadet. Er findet sich in einer seltsamen Umgebung wieder, in der er einem Mongoloiden begegnet, der ihn weiterziehen lässt, nachdem er einige kryptische Bemerkungen gemacht hat.

Als der Mann nach Paris zurückkehrt, stellt er fest, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Zwölf Jahre sind seit seinem Unfall vergangen, seine Frau (inzwischen mit einem anderen Mann liiert) erkennt ihn nicht und er hat kein Spiegelbild. Außerdem wird er gejagt. Als er von Polizeihunden gestellt wird, erkennt er, dass sein Blick buchstäblich töten kann. Er macht sich auf die Suche nach den Gründen für sein Schicksal, wobei er zunächst versucht, den Mord an der jungen Frau aufzuklären. Widerstandskämpfer unterstützen ihn, obwohl auch sie ihn fürchten. Sie wollen ihn für ihre Sache vereinnahmen. Recht bald wird dem Mann klar, dass er selbst nicht so unschuldig ist, wie er zunächst dachte...

Wieder mal so ein Roman, den man schlecht in eine Schublade stecken kann. Zwar werden aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen extrapoliert und auf die Spitze getrieben, aber das bildet nur den etwas nebulösen Hintergrund für eine ganz andere Geschichte. Gesellschaftskritik ist in Ansätzen natürlich vorhanden, aber das ist nicht das eigentliche Thema des Romans, außerdem wird die fiktive Welt nur schlaglichtartig vorgestellt - eben so, wie der namenlose Protagonist sie wahrnimmt - und nicht genauer ausgearbeitet. Als Science Fiction kann man den Roman insoweit bezeichnen, als die Geschichte in der nahen Zukunft spielt, außerdem werden die eigenartigen Erlebnisse des Protagonisten zumindest teilweise durch den Einsatz einer Droge erklärt, die nicht nur die Wahrnehmung verändert, sondern möglicherweise auch die Realität selbst.

Der namenlose Protagonist ist jedoch (Vorsicht: Spoiler!) offenbar tatsächlich ein aus dem Jenseits zurückgekehrter Toter, eine Art Geist, der aber durchaus materiell ist, essen und trinken muss usw., und der die Lebenden heimsucht, um herauszufinden, was eigentlich geschehen ist. Mit SF hat das nichts zu tun, wirklich erklärt wird es auch nicht. Diese übernatürlichen Elemente, zusammen mit dem "Film noir"-artigen Sil (auch der sarkastische, hartgesottene Ich-Erzahler fehlt nicht), der expliziten und vom Erzähler ganz lakonisch-distanziert geschilderten Gewalt, der Vermischung von Traum und Realität sowie der hartnäckigen Vorliebe des Protagonisten (und wohl auch des Autors) für Motorräder erzeugen eine eigenartige, surreale Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Nach dem unnötig grausamen Ende fragt man sich aber doch, was das alles eigentlich bedeuten sollte. (18.05.2009)


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351
Lange Zähne Christopher Moore: Lange Zähne
Goldmann, 2007
378 Seiten

Nach einem langen Arbeitstag wird Jody auf dem Weg nach Hause von einem Unbekannten angegriffen. Sie verliert das Bewusstsein und erwacht einige Zeit später unter einem Müllcontainer liegend, mit einer schrecklich verbrannten Hand und mit mehreren tausend Dollar, die ihr in die Bluse gestopft wurden. Sie hat zunächst keine Ahnung, was mit ihr geschehen ist, aber die Tatsache, dass ihre Verbrennung nicht schmerzt, gibt ihr zu denken. Nach und nach stellt sie verschiedene andere Veränderungen fest: All ihre Sinne sind viel schärfer geworden, sie besitzt enorme Körperkräfte, und sie verspürt Blutdurst. Bald wird ihr klar: Sie wurde in einen Vampir verwandelt. Derjenige, der ihr das angetan hat, wollte sie offenbar vor der Sonne schützen (deshalb der Müllcontainer), und ihr gleichzeitig klar machen, warum das erforderlich ist (deshalb hatte er Jodys Hand der Sonne ausgesetzt). Jody trennt sich von ihrem selbstsüchtigen Freund, indem sie ihn mit einem Blumentopf KO schlägt und ihm anschließend eine gewisse Menge Blut abzapft. Dann mietet sie sich in einem Motel ein. Beim nächsten Sonnenaufgang verliert sie schlagartig das Bewusstsein, nur um bei Sonnenuntergang ebenso übergangslos wieder zu erwachen. Sie begreift, dass sie einen menschlichen Beschützer braucht, der tagsüber handlungsfähig ist - ganz abgesehen davon, dass sie sich schrecklich einsam fühlt.

Damit kommt C. Thomas Flood ins Spiel, ein junger Mann aus Indiana, der nach San Francisco gezogen ist, um dort seinen Traum von einer Schriftstellerkarriere zu verwirklichen. Er haust in einem winzigen Zimmer in Chinatown, das er sich obendrein mit fünf Chinesen teilen muss. Um die Miete bezahlen zu können, arbeitet er in der Nachtschicht in einem Supermarkt, wo er eine Horde durchgeknallter Regalauffüller zu beaufsichtigen hat, die ihn als Anführer akzeptieren, weil er die hohe Kunst des Truthahn-Kegelns beherrscht. Als Jody ihn eines Nachts anspricht, kann Tommy sein Glück kaum fassen: Eine geheimnisvolle, rothaarige Schönheit bittet ihn, mit ihr zusammenzuziehen. Natürlich zögert er nicht lange, obwohl das Kennenlernen unter recht merkwürdigen Umständen erfolgt. Jody weiht Tommy umgehend in ihr Geheimnis ein. Gemeinsam erkunden die beiden Jodys neue Fähigkeiten und entwickeln eine etwas bizarre Liebesbeziehung. Außerdem versuchen sie herauszufinden, was Jodys Schöpfer von ihr will - denn der andere Vampir beobachtet sie weiterhin und hinterlässt in der Nähe ihrer Wohnung immer wieder blutleere Leichen. Dadurch wird nur allzu bald auch die Polizei auf das Pärchen aufmerksam…

Die humoristischen Romane von Christopher Moore zeichnen sich meist durch puren Aberwitz aus. "Lange Zähne", Moores dritter Roman, macht da keine Ausnahme: Schwarzhumorige Situationskomik und diverse skurrile, teils aber auch heillos überzeichnete Charaktere sorgen für ein amüsantes Lesevergnügen, manchmal allerdings ist das alles derart übertrieben, dass es zu bemüht erscheint, als dass man es noch lustig finden könnte. Das gilt vor allem für die "Tiere" (Tommys Arbeitskollegen). Diese total abgedrehten Typen scheinen hauptsächlich dazu da zu sein, damit ein paar verrückte Situationen mit ihnen konstruiert werden können. Auch Tommy gehört leider in diese Kategorie, denn er wird allzu naiv-tollpatschig dargestellt. Man kann es verschmerzen, wenn man akzeptiert hat, dass der Roman nicht so ernst gemeint ist, wie er ansonsten daherkommt.

Jodys Entwicklung von der anlehnungsbedürftigen Büromaus zur emanzipierten Vampirin ist nämlich gar nicht so ohne: Ihre zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen und ihre Gefühle bei diesem Entwicklungsprozess verleihen der Geschichte eine gewisse Tragik. Zeitweise wird Jody zu einer richtig bedrohlichen Figur. Ist "Lange Zähne" eine Vampirroman-Parodie? Ich würde sagen: Nein. Obwohl es natürlich einige köstliche Szenen gibt, in denen mit Vampir-Klischees gespielt wird. Zum Beispiel probiert Tommy anhand diverser einschlägiger Romane und "Sachbücher" aus, was Jody schaden könnte. Während er ihr ein Kruzifix auflegt, hält er sicherheitshalber einen Feuerlöscher bereit... Eher könnte man den Roman als ungewöhnliche Liebesgeschichte bezeichnen, die gleichzeitig einige verblüffende Einblicke in die Innenwelt von Vampiren ermöglicht. (11.05.2009)


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