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Dies ist der siebte Teil einer Übersicht meiner neueren Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie seit August 2002 gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



350
M. John Harrison: Nova
Heyne, 2007
349 Seiten

Die Stadt Saudade liegt am "Strand" des Kefahuchi-Trakts, eines Gebiets, in dem die Gesetze der Physik und der Kausalität aufgehoben sind. In der "Zone", wo sich das bekannte Universum und der fremdartige Raum begegnen, ist ein Überwechseln möglich. Menschen wie Vic Serotonin betätigen sich als Fremdenführer und Artefaktjäger: Immer wieder nehmen Neugierige (vor allem Frauen) seine Dienste in Anspruch, um sich in die Randbereiche der "Zone" führen zu lassen, gleichzeitig bringt er rätselhafte Objekte aus der "Zone" mit, die er auf dem Schwarzmarkt verkauft. Beide Tätigkeiten sind gefährlich, denn man kann sich im albtraumhaften Labyrinth der "Zone" leicht verirren und dort Jahre verbringen, während "draußen" nur wenige Tage oder Wochen vergehen - und die Artefakte sind niemals das, was sie zu sein scheinen. Außerdem muss man jeden Aufenthalt in der "Zone" mit unerklärlichen geistigen und körperlichen Veränderungen bezahlen. Seine Kunden trifft Vic in der Bar "Black Cat White Cat" am Rand der "Zone". Die Kneipe wird Liv Hula geführt und bietet gescheiterten Existenzen wie Vics Freund Fat Antoyne Zuflucht.

Eines Tages verliert Vic eine Touristin in der "Zone" und verkauft seinem Hehler Paulie DeRaad ein Artefakt, das diesen auf bizarre Weise verändert. Lens Aschemann, ein Ermittler, der aussieht wie der alte Albert Einstein, setzt sich auf Vics Fährte. Dabei stellt er fest, dass die "Zone" sich verändert, und dass es eine neue Art von Artefakten gibt, die keinen Träger mehr brauchen, um die "Zone" verlassen zu können...

Leider habe ich zu spät gelesen, dass "Nova" so etwas wie eine Fortsetzung des Romans "Licht" ist, den ich nicht kenne. Und so verwundert es nicht, dass ich zunächst einmal nur Bahnhof verstanden habe: Die Ausgangssituation wird offenbar als bekannt vorausgesetzt, gleiches gilt für manche Begriffe und Personen. Allerdings scheint mir das Spiel mit Andeutungen und dem allmählichen Zusammensetzen vager Informationsbruchstücke beabsichtigt zu sein. Harrison hält sich nicht mit langen Beschreibungen oder Erklärungen auf. Er wirft dem Leser meist nur kleine Häppchen vor, die sich erst allmählich zu einem halbwegs verständlichen Bild zusammensetzen. Der Verzicht auf schlüssige Erklärungen sorgt für eine überzeugende Atmosphäre der Fremdartigkeit, die sich auf die Protagonisten überträgt. Das führt aber auch dazu, dass man praktisch keinen Anteil am Schicksal der Hauptfiguren nimmt. Man versteht nicht, was sie antreibt oder was sie eigentlich in der "Zone" suchen. Dass die Geschichte irgendwo beginnt, ohne erkennbares Ziel vor sich hin plätschert und dann im Nichts endet, macht die Lektüre nicht leichter.

Das Szenario ist keineswegs neu. Die "Zone" könnte sogar direkt bei "Picknick am Wegesrand" von den Strugatzkis abgekupfert sein. Futuristische High-Tech-Ideen, zu denen auch bizarre Verfremdungen des menschlichen Körpers gehören, konnte man in diversen Cyberpunk-Romanen schon oft genug finden. So etwas wurde bereits von Ian McDonald (Necroville) und Richard Morgan (Das Unsterblichkeitsprogramm) in vergleichbarer Weise ausgearbeitet. Auch die Verwendung eines Erzählstils, der an einen "Film Noir" erinnert, ist nicht neu - das habe ich bei Richard Morgan schon besser gelesen. Mir scheint, hier wurden einfach irgendwelche Elemente aus anderen Romanen übernommen und neu gemischt.

Damit wir uns richtig verstehen: Der Roman ist durchaus empfehlenswert, wenn man mal etwas anderes lesen möchte als die x-te Space-Opera, denn er bewegt sich auf sprachlich recht anspruchsvollem Niveau und bietet mehr als platte Action. Leichte Kost für zwischendurch ist "Nova" definitiv nicht. (04.05.2009)


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349
I.N.R.I. Michael Moorcock: I.N.R.I. oder Die Reise mit der Zeitmaschine
Piper, 2007
191 Seiten

Karl Glogauer, ein von Selbstzweifeln und Migräneanfällen gequälter Psychologiestudent, erklärt sich nach seiner letzten gescheiterten Liebesbeziehung und wiederholten Selbstmordversuchen bereit, an einem wissenschaftlichen Experiment teilzunehmen. Er soll zum ersten Zeitreisenden in der Geschichte der Menschheit werden. Dabei stellt er nur eine Bedingung: Ziel der Reise soll Israel kurz vor der Kreuzigung Jesu Christi sein. Glogauer will unbedingt erfahren, ob Jesus wirklich gelebt hat und ob der christliche Glaube mehr ist als nur ein Mythos. Die Zeitreise gelingt; Glogauer findet sich im Jahr 28 nach Christi Geburt wieder. Allerdings wird die Zeitmaschine dabei zerstört, er selbst verliert das Bewusstsein. Er wird von Essenern gerettet, die in der Einöde leben. Dass er die richtige Zielzeit erreicht hat, erfährt er, als er bei den Essenern Johannes dem Täufer begegnet, einem Widerstandskämpfer, der einen Aufstand gegen die römischen Besatzer plant. Allerdings hat der Täufer noch nie etwas von einem Jesus von Nazareth gehört.

Glogauer lebt einige Zeit unter den Essenern und wird allmählich zu einem von ihnen. Die Umstände seiner Ankunft lassen in Johannes die Überzeugung wachsen, dass er ein mächtiger Zauberer sein müsse, der sich gut einsetzen ließe, um das schwindende Interesse der jüdischen Bevölkerung am Widerstandskampf neu anzufachen. Glogauer fühlt sich von diesem Ansinnen überfordert, und als er Johannes taufen soll, erleidet er einen Migräneanfall. Er flieht in die Wüste und irrt längere Zeit durchs Land, immer auf der Suche nach dem Ort Nazareth. Als er dort endlich mehr tot als lebendig eintrifft und tatsächlich Maria und Josef findet, erwartet ihn der nächste Schock. Maria ist eine lüsterne Hure und ihr Sohn Jesus ist ein missgestalteter Schwachsinniger. Jetzt begreift Glogauer, dass es nur einen einzigen Menschen gibt, der die biblischen Prophezeiungen erfüllen und den Grundstein für das Christentum legen kann...

Dieser auf einer 1966 erschienenen Novelle basierende Kurzroman gilt als Klassiker der Science Fiction und wird zu den Werken der so genannten "New Wave" gezählt, einer Stilrichtung innerhalb der SF, die von Moorcock und einigen anderen (vor allem britischen) Autoren geprägt wurde. Wie so manche Romane dieser Richtung ist auch "I.N.R.I." bewusst provokativ und geizt nicht mit existenzialistischen Problemen, experimenteller Textgestaltung und dergleichen. Erstaunlich dabei ist, wie viel mit wenigen Sätzen, kurzen Einschüben usw. ausgedrückt werden kann. Dass ziemlich oft zwischen den verschiedenen Zeitebenen hin- und her gesprungen wird, macht die Lektüre nicht einfacher, ermöglicht aber die Gegenüberstellung "historischer" Begebenheiten mit dem früheren Leben Glogauers. Die Idee, den "echten" Jesus zu einem Schwachsinnigen zu machen, dessen Platz von jemandem eingenommen wird, der keineswegs Gottes Sohn ist, sondern ein möglicherweise nicht ganz zurechnungsfähiger Neurotiker mit Messias-Komplex, muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen...

"I.N.R.I." ist kein klassischer Zeitreise-Roman, denn es wird nie ganz klar, ob Glogauer nun wirklich in die Vergangenheit gereist ist, oder ob sich alles nur in seinem Kopf abspielt. Auch geht es dem Autor nicht um die abenteuerliche Schilderung des Lebens biblischer Personen. Ein Großteil des Romans beschäftigt sich nicht mit Glogauers Erlebnissen im Jahre 28, sondern mit der "Vorgeschichte", also mit den Gründen für die Zeitreise. Glogauer kann sich nicht mit der streng auf die Wissenschaft fixierten Sichtweise seiner letzten Freundin zufrieden geben, er sucht nach der Bestätigung seines Glaubens. Die Zeitreise ist nichts anderes als das auf-die-Spitze-treiben der Idee von der Nachfolge Christi, bei der es sich im speziellen Falle Glogauers um den bizarrsten aller denkbaren Versuche handelt, Aufmerksamkeit zu erregen. Die in der Vergangenheit spielenden Kapitel sind für mich trotzdem die interessantesten Teile des Buches. Es ist ebenso interessant wie lustig zu lesen, wie Glogauer in diverse Ereignisse des neuen Testaments verstrickt wird, ohne es zunächst selbst zu merken. (27.04.2009)


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348
Die Schlafwandler Jens Lossau: Die Schlafwandler
Societäts-Verlag, 2007
365 Seiten, gebunden

Lina Kessler und ihr Freund Ferdinand veröffentlichen gemeinsam den Comic "Rabenwelt" - eine surreale Geschichte, in der die in einem Konzentrationslager der Nazis verübten Verbrechen thematisiert werden. Ferdinand arbeitet damit seine Vergangenheit auf, oder vielmehr die Vergangenheit seiner Mutter, einer Überlebenden des KZ Osthofen, die sich in Ferdinands Kindheit das Leben genommen hat. "Rabenwelt" wird ein Riesenerfolg, die beiden jungen Leute werden über Nacht berühmt. Ferdinand will sich damit aber nicht zufriedengeben. Er stellt Nachforschungen über die NS-Zeit an, wobei er einigen Staub aufwirbelt. Ferdinand ist davon überzeugt, dass man die Verbrechen der damaligen Zeit in seiner beschaulichen Heimatstadt Alzey allzu schnell unter den Teppich gekehrt hat, und dass die einstigen Täter noch immer leben - versteckt hinter der unauffälligen Fassade einer gutbürgerlichen Existenz. Er sammelt Beweise für eines der schrecklichsten Verbrechen in der jüngeren deutschen Geschichte, wobei die Grenze zwischen Tätern und Opfern verschwimmt.

Lina ahnt zunächst nicht, welche Bedeutung "Rabenwelt" wirklich für Ferdinand hat, denn er hält seine Recherchen vor ihr geheim. Sie glaubt sogar, er betrüge sie, denn bei seinen Nachforschungen arbeitet er mit einer Schicksalsgenossin zusammen. Eines Tages bricht Ferdinand unter dem Druck der Situation zusammen. Selbst als er sich wieder einigermaßen erholt, schlafwandelt er noch längere Zeit. Lina begreift, dass er ein böses Geheimnis vor ihr versteckt, doch sie hat niemanden, mit dem sie darüber reden kann. Durch sein hartnäckiges Schweigen bringt Ferdinand sich und Lina in Gefahr, denn sein Verdacht, dass die Verbrecher von einst heute in einflussreichen Positionen sitzen, ist nur zu wahr - und diese Menschen sind zu allem bereit, um ihr neues Leben zu schützen...

Dieser Roman hat einen realen geschichtlichen Hintergrund. Jedenfalls hat es in Osthofen tatsächlich ein KZ gegeben, gleiches gilt für die KZ-Bordelle. Lossau zitiert mehrfach aus den Biografien realer Häftlinge des Osthofener Lagers und bleibt, soweit ich das beurteilen kann, den relativ spärlichen Quellen treu. Wie die Verhältnisse in Alzey während der NS-Zeit und unmittelbar nach dem Krieg wirklich waren, weiß ich allerdings nicht. Ich kann nicht beurteilen, ob es den von Lossau so genannten "Alzeyer Filz" wirklich gibt, oder ob die Romanfiguren echte Vorbilder haben. Ich habe also keine Ahnung, ob man von einem "Aufdeckungsroman" sprechen kann, d.h. ob hier reale Gegebenheiten angeprangert werden sollen. Es scheint mir so zu sein, aber die "aufklärerische Absicht" tritt nicht in den Vordergrund. Lossau schafft es ganz gut, seinen Roman um die historischen Fakten herum zu stricken. Da mir manches davon noch nicht bekannt war, habe ich das Buch mit Interesse gelesen - ein Interesse, das natürlich noch durch die Tatsache verstärkt wurde, dass der Roman an Schauplätzen in meiner Heimat spielt, die mir sehr vertraut sind.

Mein Lesevergnügen wurde durch einige Schwächen getrübt. Das fängt schon mit den üblichen Rechtschreibfehlern (sehr oft werden "dass" und "das" verwechselt etc.) an und geht mit so mancher fragwürdigen Formulierung und einer Überdosis Pathos weiter. Die furchtbaren Dinge, die sich hier ereignen (sowohl die fiktiven, als auch die realen) haben mich relativ kalt gelassen. Irgendwie konnte ich mich auch nicht so recht mit den Hauptfiguren identifizieren. Im Fall von Ferdinand scheint das beabsichtigt zu sein; man soll ja bis zuletzt nicht wissen, welches Geheimnis diese schrecklich überzeichnete Figur hegt. Lina ist kaum besser, jedenfalls kann ich weder ihre absolute Blindheit noch ihre psychotische Fixierung auf Plüschraben nachvollziehen. Gerade letzteres sorgt öfters für unfreiwillige Komik. Auch ihre inneren Dialoge kommen mir ziemlich weit hergeholt vor. Sollte Lossau mit alldem Linas innere Zerrissenheit zeigen wollen, dann geht das eher in die Hose.

Ich glaube, Lossau wollte zu viel auf einmal erreichen, und so knirscht es ab und zu bei dieser etwas unausgewogenen Mixtur aus Vergangenheitsbewältigung, Thriller, Psychodrama und verquerer Liebesgeschichte. Für meinen Geschmack dauert es zu lange, bis Lina wenigstens einmal den Versuch macht, hinter Ferdinands Geheimnis zu kommen. Selbst dann bleibt sie eher passiv und es muss plötzlich eine ganz neue Hauptfigur aus dem Hut gezaubert werden, die die Fäden in die Hand nimmt. Der "Showdown" verläuft dann viel zu schnell. Wenigstens bleiben uns Klischees wie sinistre Altnazis weitgehend erspart - aber auch nicht ganz. Trotzdem ist der Roman lesenswert, nicht nur für Leute aus Rheinhessen. (20.04.2009)


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347
Wächter der Ewigkeit Sergej Lukianenko: Wächter der Ewigkeit
Heyne, 2007
446 Seiten

Im Edinburgh Dungeon, einem modernen Gruselkabinett, wird ein junger Mann ermordet. Die Leiche ist völlig blutleer und weist zwei Wunden am Hals auf, die an Vampirbisse erinnern. Die Wächter der Nacht nehmen sich der Sache an. Da der Tote nicht nur Russe war, sondern außerdem der Sohn eines nicht initiierten Anderen, dem Geser sich verpflichtet fühlt, wird Anton Gorodezki nach Schottland entsandt. Anton arbeitet mit Foma Lermont zusammen, dem Chef der Edinburgher Nachtwache. Er glaubt zunächst nicht daran, dass ein echter Vampir im Dungeon sein Unwesen treibt, denn das ganze Blut befindet sich in einem künstlichen Wasserkanal. Dennoch muss dieser Ort etwas Besonderes sein, denn er scheint die gesamte magische Kraft der Umgebung geradezu aufzusaugen. Außerdem kommt es noch während der Untersuchungen zu einem zweiten Mord an derselben Stelle.

Anton wird von Menschen angegriffen, die mit magischen Amuletten ausgestattet sind und magisch veränderte Waffen benutzen, die auch einem Anderen gefährlich werden können. Allmählich bringt er zumindest einen Teil der Wahrheit aus seinem schottischen Kollegen heraus, den Rest erkennt er später selbst: Offenbar haben sich je ein Lichter und ein Dunkler Anderer sowie ein Mitglied der Inquisition zusammengetan, um den legendären Kranz der Schöpfung aus der siebten Schicht des Zwielichts herauszuholen. Dieses ungleiche Trio, über dessen Absichten selbst Geser und Sebulon nichts wissen, nennt sich "Ewige Wache". Der Kranz der Schöpfung ist ein mächtiges magisches Artefakt, das vor vielen Jahrhunderten von Merlin erschaffen worden sein soll. Der einzige Zugang zum von einem Golem bewachten Versteck des Artefakts ist das Dungeon, und zur Überwindung einer Barriere in der dritten Schicht des Zwielichts ist jedes Mal ein Menschenopfer nötig.

Allmählich wird Anton klar, dass ein Hoher Vampir, den er nur zu gut kennt, zur "Ewigen Wache" gehören muss. Doch das ist unmöglich, denn er hat diesen Vampir (Kostja Sauschkin) selbst getötet. Anton erfährt, dass Merlin einer der seltenen Null-Magier war. Nur einem solchen Anderen ist es möglich, in die siebte Schicht des Zwielichts vorzustoßen, und der einzige derzeit lebende Andere dieser Art ist Antons kleine Tochter Nadja...

Auch der vierte und letzte im "Wächter"-Universum spielende Roman setzt die Kenntnis der vorherigen Bücher voraus. Er enthält sogar ein paar Anspielungen auf den ersten Film. Wie alle Romane besteht der Band aus drei einzelnen Geschichten ("Die gemeinsame Sache", "Der gemeinsame Feind", "Das gemeinsame Schicksal"). Diesmal kann man nicht mehr davon sprechen, dass sie irgendwie in sich abgeschlossen sind. Sie bauen aufeinander auf und sind inhaltlich so eng miteinander verknüpft, dass sie nicht getrennt gelesen werden können. Anton tritt wiederum als Ich-Erzähler auf, so dass es dem Leser möglich ist, sich mit einer gleich bleibenden Hauptfigur zu identifizieren. Insgesamt entsteht damit ein Eindruck noch stärkerer inhaltlicher Geschlossenheit als in den bisherigen Büchern. Allerdings treten Antons Selbstzweifel diesmal mehr oder weniger in den Hintergrund. Er wird lediglich noch immer von den Erinnerungen an Kostjas Ende geplagt. Wie immer gibt es auch im letzten Roman keine eindeutige Abgrenzung zwischen "Gut" und "Böse"; jedenfalls werden die bösen Taten nicht ohne nachvollziehbares Motiv begangen. Der für Lukianenko typische ironische Humor kommt auch nicht zu kurz.

Anton ist nun praktisch der zweite Mann nach Geser in der Moskauer Nachtwache. Er besitzt große Macht und hätte dadurch leicht zu einem allzu starken Helden werden können. Da er es jedoch sowohl mit drei nur geringfügig schwächeren Widersachern als auch mit Menschen zu tun hat, kann er sich zum Glück nicht mittels Magie aus jeder gefährlichen Situation befreien. Tatsächlich sorgen die von den Menschen eingesetzten Technologien für einige gelungene Effekte - die Welten der Anderen und der Menschen waren bisher stärker voneinander getrennt, und gegen eine Selbstschussanlage ist so mancher Zauberspruch machtlos. Auch enthält die Geschichte einige überraschende Wendungen, und das Konzept des "Zwielichts" wird weiter ausgearbeitet. Nur eins fand ich ziemlich vorhersehbar: Die Identität des Dunklen Hohen Vampirs in der "Ewigen Wache" kann man sich leicht zusammenreimen.

"Wächter des Zwielichts" beginnt wie ein Detektivroman, und der Leser wird eine Zeitlang genauso in die Irre geführt wie Anton. Es gibt einige Anspielungen auf bekannte Mythen und Legenden, Merlin tritt sogar persönlich in Erscheinung. Letztlich fügen sich alle Puzzleteilchen zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Es gibt zwar am Schluss ein paar Handlungsstränge, die nicht hundertprozentig überzeugend aufgelöst werden (zum Beispiel der eher sinnlose Auftritt Jegors), außerdem hätte ich ein anderes Ende als das Happy-End favorisiert. Dennoch kann man sagen: "Wächter der Ewigkeit" ist ein lesenswerter, akzeptabler Abschluss der Reihe. (14.04.2009)


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346
Douglas Preston / Lincoln Child: Maniac
Knaur, 2008
576 Seiten

FBI-Agent Pendergast sitzt im Hochsicherheitsgefängnis Herkmoor und wartet auf seinen Prozess. Laura Hayward, die mit der Untersuchung seiner angeblichen Verbrechen betraut ist, hat inzwischen Zweifel an Pendergasts Schuld. Sein Rivale, Agent Coffey, setzt alles daran, ein Geständnis aus ihm herauszupressen, und schreckt auch nicht vor dem Einsatz äußerst fragwürdiger Methoden zurück, um dieses Ziel zu erreichen. So gerät der unter Mordverdacht stehende Agent in höchste Gefahr. Doch Vincent D'Agosta (der bereits selbst bis zum Hals in der Tinte sitzt und ein Disziplinarverfahren zu gewärtigen hat) und Eli Glinn tüfteln bereits einen Plan aus, um ihn zu befreien. Sie vermuten zu Recht, dass Pendergasts Bruder Diogenes mit der Vorbereitung eines neuen, groß angelegten Coups begonnen hat. Dass der Diebstahl der Diamantensammlung des naturhistorischen Museums von New York nur der Ablenkung gedient hat, wird spätestens dann klar, als Diogenes sämtliche Diamanten zertrümmert und den Staub an das Museum zurückschickt.

Erneut soll das Museum zum Schauplatz eines teuflischen Verbrechens werden - nicht zuletzt deshalb, weil Diogenes hier seit vielen Jahren in einer Tarnidentität unerkannt sein Unwesen treibt. Die Bühne für diese Tat ist das Grabmal des Senef, eine altägyptische Anlage, die Stein für Stein in den Kellerräumen des Museums wieder aufgebaut wurde. Man hatte das Grabmal vor vielen Jahren versiegelt, jetzt wird es für eine spektakuläre Kampagne wieder geöffnet, die das in Geldnot geratene Museum retten soll. Nora Kelly wird mit dem Aufbau der Ausstellung betraut. Das Vorhaben wird jedoch durch einige grausige und mysteriöse Todesfälle überschattet. Wie es scheint, ist der Fluch des Senef immer noch lebendig, denn verschiedene Menschen, die mit den Arbeiten im Grabmal beschäftigt waren, fallen dem Wahnsinn anheim. Dennoch wird die Eröffnungsgala nicht verschoben. Während Diogenes sein "perfektes Verbrechen" vorbereitet, versucht er immer noch, jeden Menschen zu vernichten, der seinem Bruder etwas bedeutet. So beginnt er damit, Pendergasts Mündel Constance Greene zu verführen.

Dies ist nach Burn Case und Dark Secret der dritte Roman der so genannten "Pendergast-Trilogie". Diese beiden Romane muss man gelesen haben, wenn man die Ausgangssituation und die Beziehungen der verschiedenen Hauptfiguren untereinander verstehen will. Es gibt auch Verknüpfungen mit anderen Romanen, vor allem mit Formula. Darin geht es um Enoch Leng, den Mann, dem Constance Greene ihr besonderes Schicksal zu "verdanken" hat.

Da die Autoren auch diesmal wieder ihr altbekanntes Strickmuster wiederholen, müsste ich das mit meinem Kommentar genauso machen. Ich kann zu diesem Roman sowieso kaum etwas anderes schreiben als zum vorherigen Buch, dessen Handlungsverlauf fast identisch ist. Preston & Child zitieren sich praktisch nur noch selbst bzw. setzen Elemente aus älteren Romanen anders zusammen. Dieselben Personen wie immer erleben an den ewig gleichen Schauplätzen die immer gleichen Dinge. Allenfalls leicht abgewandelt oder in geringfügig anderem Zusammenhang. Diogenes wird immer mehr zum Superbösewicht nach dem Vorbild Prof. Moriartys aufgebaut, dem Widersacher von Sherlock Holmes, der bei der Entstehung der Figur Pendergasts Pate gestanden haben dürfte. Wenigstens wird diesmal endlich der Grund für den Hass geklärt, den Diogenes für seinen Bruder empfindet. Die Charaktere bleiben trotzdem eindimensional und unglaubwürdig, die Handlung strotzt vor lauter Klischees und wird durch verzichtbare Nebenhandlungen aufgebläht - aber das habe ich ja letztes Mal alles schon geschrieben.

Erstaunlicherweise kann man auch dieses Buch nur schwer wieder aus der Hand legen, und erneut kann ich mich nur wiederholen: Immer wieder gibt es überraschende Wendungen, ständig wechselt die Handlungsebene, die Spannungskurve steigt stetig an. Da nimmt man diverse sehr unglaubwürdige Elemente in Kauf. Dazu gehören Pendergasts Gefängnisausbruch, die ach so genialen Vorbereitungen seines Bruders, das Erlebnis, das zu seinem Wahnsinn geführt hat und verschiedenes mehr - vor allem auch der "Showdown". Wieder mal wird also nichts anderes als reichlich ungesundes literarisches Fast Food geboten. Aber wenigstens schmeckt's ganz gut. (06.04.2009)


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345
Philip K. Dick: Do Androids dream of Electric Sheep?
Gollancz Science Fiction, 2007
215 Seiten

Seit einem mit Atomwaffen geführten Weltkrieg ist die Erde teilweise unbewohnbar. Durch radioaktiven Staub wurden viele Tierarten ausgerottet, die Bestände der überlebenden Arten wurden drastisch dezimiert. Der Besitz eines lebenden Tieres ist somit zu einem Statussymbol geworden. Auch die Menschen haben unter der radioaktiven Verseuchung zu leiden; man kann sich kaum noch ungeschützt ins Freie wagen. Viele geistig behinderte oder körperlich missgebildete Kinder werden geboren. Nur noch relativ wenige Menschen leben deshalb auf der Erde, viele sind zu Kolonien auf anderen Planeten ausgewandert. Man lenkt sich mit endlosen Fernsehshows ab und sucht Zuflucht im Mercerismus, einer empathischen Verbindung aller Menschen. Die Regierung fördert die Auswanderung, indem sie den Kolonisten Androiden als Diener zur Verfügung stellt. Diese Androiden sind körperlich kaum noch von Menschen zu unterscheiden, und Firmen wie die Rosen Corporation geben sich alle Mühe, auch ihren Intellekt zu perfektionieren. Dennoch betrachtet man die künstlichen Menschen nicht als Lebewesen, sondern als rechtlose Gegenstände.

Es kommt immer wieder vor, dass Androiden aus ihrem Sklavendasein ausbrechen und zur Erde fliehen. Ihr Aufenthalt dort ist illegal und darf nicht öffentlich bekannt werden. Deshalb setzen die Polizeibehörden Kopfgeldjäger ein, die flüchtige Androiden gegen eine festgesetzte Gebühr zur Strecke bringen. Einer dieser Jäger ist Rick Deckard. Er träumt davon, seinen sozialen Status durch den Erwerb eines lebenden Tieres zu verbessern - er besitzt nur ein elektrisches Schaf. Als sein Kollege Phil Holden bei der Jagd auf eine Androidengruppe beinahe das Leben verliert, rückt Deckard nach. Seine Zielobjekte sind sechs Androiden der neuesten Baureihe "Nexus-6". Androiden dieser Generation sind nur durch ein aufwändiges und dennoch nicht fehlerfreies Verfahren zu identifizieren. Dabei werden ihre emotionalen Reaktionen getestet, denn im Gegensatz zu Menschen sind Androiden nicht zu echten Gefühlen fähig. Während der Jagd auf die Androiden wachsen in Deckard Zweifel an der Rechtmäßigkeit seines Handelns, denn die neuen Nexus-6-Androiden scheinen fast genauso zu empfinden wie echte Menschen. Und dann ist da noch Rachael Rosen, eine Androidin im Besitz der Rosen-Association, in die Deckard sich verliebt...

Vor einigen Jahren habe ich damit begonnen, meine englischsprachigen Lieblings-Romane noch einmal zu lesen, und zwar im englischen Original. Das war jedesmal eine ganz neue Erfahrung, aber bei keinem der bisherigen Romane hatte ich den Eindruck, ein völlig anderes Buch zu lesen. So ist es mir erst jetzt bei "Do Androids dream of Electric Sheep?" ergangen. Das liegt an den vielen Jahren, die seit der ersten Lektüre vergangen sind, und auch daran, dass meine Erwartungshaltung seinerzeit anders war. Damals kannte ich nur den Film Blade Runner, der nach diesem Roman gedreht worden ist, und war noch nicht so vertraut mit dem Werk des Autors. Deshalb war ich damals fast etwas enttäuscht, denn irgendwie schien dem Roman die düstere, melancholische Stimmung des Films zu fehlen. Nach der Lektüre des englischen Originals kann ich das jetzt nicht mehr nachvollziehen. Vielleicht liegt es ja daran, dass man sich stärker konzentrieren muss, wenn man ein Buch nicht in der Muttersprache liest.

Der Begriff "Blade Runner" kommt in diesem Roman übrigens nicht vor. Deckard ist dort ein "Bounty Hunter". Auch sonst gibt es gravierende Unterschiede. So fehlen im Film die (wichtigen!) Elemente des Mercerismus, der Stimmungsorgeln, der Tiere als Statussymbole usw. vollständig. Umgekehrt geht der Film (zumindest im Director's Cut und im Final Cut) weiter als der Roman, denn im Film wird angenommen, dass auch Deckard ein Replikant mit künstlichen Erinnerungen ist. Im Roman ist davon eigentlich nicht die Rede, obwohl eine Androidin feststellt, Deckard müsse ein Android sein, wenn seine Behauptung zutreffe, dass einem Androiden das Schicksal eines anderen Androiden im Gegensatz zu einem Menschen völlig egal sei.

Obwohl der Roman also weit vielschichtiger ist als der Film, bleibt das Grundthema gleich: Was macht einen Menschen menschlich? Seine Intelligenz? Hochintelligent sind die Androiden auch. Also seine Gefühlswelt? Die scheint bei manchen Menschen nicht besonders intensiv ausgeprägt zu sein, wenn sie nicht sogar eingebildet ist und somit auch künstlich erzeugt werden könnte. Worin genau unterscheidet sich ein Mensch wirklich von einem Androiden? Sind nur graduelle Unterschiede bei Gefühlsäußerungen entscheidend, die man mit dem Voigt-Kampff-Test auch nur sehr unsicher beurteilen kann? Was ist das eigene Bewusstsein wert, wenn es nur aus künstlich implantierten Erinnerungen oder Lügen besteht und wie soll man selbst den Unterschied erkennen, wenn man nicht weiß, welcher Gruppe man denn nun angehört? Typisch für P.K. Dick ist, dass er solche Fragen nicht eindeutig beantwortet. Bis zuletzt wird mit der Realität gespielt: Deckard findet in der Wildnis eine Kröte, aber zu Hause stellt seine Frau fest, dass das Tier künstlich ist. In solchen Momenten kommt auch Dicks Sarkasmus zum Ausdruck; ein Element, das im Film fast völlig fehlt.

Es mag bessere Romane von P.K. Dick geben, aber mit Abstand besser als (selbst zeitgenössische) Mainstream-SF ist er auf jeden Fall. Man bedenke: Der Roman ist 1968 erstmals erschienen. Außerdem fand ich es toll, ihn nach so langer Zeit noch einmal zu lesen und dabei einen ganz anderen Eindruck zu erhalten als beim ersten Mal. (31.03.2009)


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344
Das Rote Imperium 3 Wim Vandemaan: Die Zukunftsbastion (Perry Rhodan "Das Rote Imperium" 3)
Heyne, 2009
462 Seiten

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343
Odyssee Homer: Odyssee
Goldmann, 2004
328 Seiten

Die Irrfahrten des Odysseus dürften jedermann bekannt sein, deshalb kann ich mir eine Handlungszusammenfassung sparen. Allgemein bekannt ist aber vermutlich nur die Heldensage. So war es in meinem Fall, und deshalb war ich etwas irritiert, in Homers Heldenepos in den ersten vier Gesängen gar nichts über Odysseus zu lesen, sondern erst einmal über den Ärger, den Sohnemann Telemachos mit den prassenden Freiern hat. Der Junge begibt sich dann auf die Suche nach seinem Vater und besucht dabei den von Troja zurückgekehrten Menalaos. Erst im fünften Gesang geht's mit Odysseus los. Da wiederum liest man nicht den Beginn seiner Odyssee, vielmehr ist er schon bei Kalypso und bricht zu den Phäaken auf. Erst dort erzählt er dann von seinen früheren Reisen. Also haben schon antike Dichter die Stilmittel ständig wechselnder Handlungsebenen, Rückblicke und Einschübe zum Erzeugen von Spannung benutzt...

Dieses Buch enthält die deutsche Übersetzung von Johann Heinrich Voß, außerdem ein Nachwort, hilfreiche Anmerkungen, eine Zeittafel und bibliographische Hinweise von Marion Giebel. Die Odyssee ist eine epische Heldendichtung in Versform (also kein Prosatext), deren Kunstsprache viele stehende Beiwörter ("der verständige Jüngling Telemachos", "das weindunkle Meer", "der listenreiche Odysseus" usw.) und formelhafte Wiederholungen enthält. Man kann das Werk deshalb nicht wie einen Roman lesen. Die von Voß verwendete altertümliche Sprache macht die Lektüre zwar nicht leichter, aber irgendwie könnte ich mir das Werk nicht in modernem Deutsch vorstellen. Immerhin ist die Odyssee unterhaltsamer als die Ilias, da es nicht um die endlosen Beschreibungen kämpferischer Heldentaten (Aristien) geht, sondern um die abenteuerlich-märchenhaften, immer wieder neuen Erlebnisse des Odysseus in verschiedenen Ländern und mit teils sehr phantastischen Wesen. Auch sind einige recht amüsante Episoden vorhanden. Insgesamt ist der Stoff "leichter" als die Ilias.

Wer sich für die Odyssee interessiert, muss übrigens kein Geld für ein Buch ausgeben. Der Test ist gemeinfrei und kann in voller Länge im Internet gefunden werden, zum Beispiel im Projekt Gutenberg. (16.03.2009)

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342
Der letzte Kampf C.S. Lewis: Die Chroniken von Narnia - Der letzte Kampf
Ueberreuter, 2008
175 Seiten, gebunden

Durch Zufall gelangt der sprechende Affe Trix in den Besitz eines Löwenfells samt Kopf. Der durchtriebene Bursche erkennt sofort die Möglichkeiten, die sich ihm dadurch bieten, denn Aslan ist schon seit langer Zeit nicht mehr in Narnia gesehen worden. Trix schneidert aus dem Fell ein Löwenkostüm für seinen "Freund", den sprechenden Esel Dussel. Der etwas minderbemittelte Dussel wird von Trix schon seit langer Zeit schamlos ausgenutzt und lässt sich auch jetzt für die finsteren Machenschaften des Affen missbrauchen. Trix behauptet nun, Aslan habe ihn zu seinem Sprachrohr erkoren, und sammelt eine rasch wachsende Anhängerschar. Ab und zu (meist in der Dämmerung und stets nur für wenige Minuten) präsentiert er den kostümierten Esel, und da praktisch kein noch lebender Narniane jemals den echten Aslan gesehen hat, wird der Schwindel nicht durchschaut.

Eines Tages wird jedoch König Tirian, ein Nachfahre Kaspians, auf die Sache aufmerksam und begreift schnell, was wirklich vorgeht. Zu seinem Entsetzen muss er feststellen, dass der falsche Aslan - oder vielmehr Trix - sich mit den Kalormenen verbündet hat. Viele Bewohner Narnias, vor allem Zwerge und sprechende Tiere, wurden bereits nach Kalormen in die Sklaverei geführt, andere werden zur Vernichtung eines von Dryaden bewohnten Waldes gezwungen. Blind vor Zorn tötet Tirian einen Kalormenen, stellt sich dann aber seinen Feinden und wird gefangen genommen. Als er erkennt, dass Trix und die Kalormenen sich nicht nur anschicken, ganz Narnia zu erobern, sondern außerdem den Glauben an Aslan mit dem Kult des bösen kalormenischen Gottes Tash zu vermischen, ruft er in seiner Verzweiflung um Hilfe. Der Ruf dringt bis nach England, und wenig später erscheinen Eustace Scrubb und Jill Pole in Narnia. Aber was können zwei Kinder und ein entmachteter König gegen ein ganzes feindliches Reich ausrichten - oder gegen eine Irrlehre, durch die der wahre Glaube von innen ausgehöhlt wird?

Dies ist der siebte und letzte Band der Chroniken von Narnia. Eins vorab: Diese Ausgabe enthält eine Neuübersetzung des Romans. So sind die abweichenden Schreibweisen zu erklären. Eustace Scrubb ist zum Beispiel natürlich Eustachius Knilch. Wer nur die alten Übersetzungen kennt, wird wegen der anderen Schreibweise vieler Namen irritiert sein.

Wie man der kurzen Handlungszusammenfassung vielleicht schon entnehmen kann, enthält dieser Roman viele christliche Elemente - vielleicht mehr als in allen sechs vorherigen Büchern zusammen. Diesmal sind es auch schon keine Anspielungen mehr. Es kann nun kein Zweifel mehr daran bestehen, dass mit Aslan Jesus Christus gemeint ist oder dass Tash Satan sein soll. Es wird davor gewarnt, was geschehen kann, wenn böse Taten im Namen Gottes begangen werden und so weiter. Das Ganze gipfelt dann in einer auf wenige Seiten eingedampften "narnianischen" Version der biblischen Endzeit - komplett mit jüngstem Gericht, Auferstehung der Toten und Erschaffung einer neuen Erde bzw. eines neuen Narnia, in dem alle wahren Gläubigen in ewiger Glückseligkeit leben dürfen. Au Backe.

Abgesehen davon, dass das Ende viel zu überhastet kommt und kaum als befriedigender Abschluss der siebenbändigen Reihe betrachtet werden kann, ist diese ganze christliche Symbolik so unerträglich dick aufgetragen, dass von Lesegenuss keine Rede mehr sein kann. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass es ein (sehr kurzes) Wiedersehen mit den Hauptfiguren aller bisherigen Romane außer Susan gibt, und der eine oder andere zünftige Kampf reißt es auch nicht raus. Für mich sind die Zwerge das einzige Highlight. Sie verkörpern vermutlich die Gruppe der Agnostiker, denn sie befürchten bei Aslans Rückkehr, wieder mal nur getäuscht zu werden, und können deshalb Gottes... ähm... Aslans Reich selbst dann nicht sehen, als der Löwe es ihnen persönlich direkt unter die Nasen hält. Ihr Wahlspruch lautet: "Die Zwerge sind für die Zwerge". Recht haben sie. (02.03.2009)


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341
Das Erbe der Elfen Andrzej Sapkowski: Das Erbe der Elfen
dtv, 2008
380 Seiten

Zwei Jahre nach dem Fall von Cintra und dem Sieg der vereinigten nördlichen Königreiche über die Invasoren aus Nilfgaard bei der Schlacht von Sodden herrscht trügerische Ruhe. Die Nilfgaarder stehen südlich des Flusses Jaruga und scheinen ihre Niederlage noch nicht verdaut zu haben. In den Königreichen kommt es jedoch zu Unruhen: Rebellen aus den nichtmenschlichen Völkern, vor allem Elfen und Zwerge, zetteln einen Guerillakrieg an. Die Rebellen nennen sich Scoia'tael und machen bei ihren Angriffen keinen Unterschied zwischen Militär und Zivilbevölkerung. Dass zwischen ihren blutigen Aktionen und den Expansionsgelüsten des Königs Emhyr var Emreis von Nilfgaard ein Zusammenhang besteht, ahnt zunächst niemand.

Derweil ist Ciri, Enkelin der im Kampf um Cintra gefallenen Königin Calanthe, von Geralt nach Kaer Morhen gebracht worden. Ciri ist eine der wenigen Überlebenden der damaligen Schlacht. Sie hat Schreckliches durchgemacht und wird noch immer von Alpträumen geplagt. Geralt hatte das ungeborene Kind Pavettas (Calanthes Tochter) einst als Preis für seine Hexer-Dienste verlangt. Er ist nun verpflichtet, sich um dieses "Kind der Vorsehung" zu kümmern. Da die Hexer nicht so recht wissen, was sie mit dem eigenwilligen Mädchen anfangen sollen, bilden sie es im Schwertkampf aus. Bald stellen sie jedoch fest, dass mehr in Ciri steckt, als Geralt wissen konnte: Das Kind ist eine so genannte "Quelle", ein Mensch also, der jenseitigen Mächten als Medium dient. Möglicherweise gibt es irgendeinen Zusammenhang zwischen Ciri und Ithlinnes Prophezeiung, der zufolge jemand mit dem Blut der Älteren (der Elfen) das Ende der Welt herbeiführen wird. Geralt ruft deshalb die Magierin Triss Merigold zu Hilfe.

Auch Rittersporn muss auf schmerzliche Weise erfahren, dass Ciri etwas Besonderes ist, denn der zwielichtige Magier und Assassine Rience ergreift und foltert den Barden, um Geralts Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. Rience weiß genau, dass der Hexer und der Barde befreundet sind, und dass Geralt das Mädchen in Sicherheit gebracht hat. Nur dem Eingreifen Yennefers ist es zu verdanken, dass Rittersporn diese Befragung überlebt...

Der erste von fünf Romanen um den Hexer Geralt von Riva schließt sich praktisch nahtlos an die zuvor erschienenen Kurzgeschichten an. Der Roman beginnt mit zwei kurzen Kapiteln, in denen man ein wenig über die Hintergründe erfährt. Man muss die Kurzgeschichten also nicht unbedingt lesen, aber ich kann euch die Lektüre nur ans Herz legen - es lohnt sich. Außerdem machen die Storys klarer, wer Geralt und die Hexer überhaupt sind, in welcher Welt sie leben, was Geralt und Yennefer miteinander zu tun haben und was es mit Ciri auf sich hat. Zum "erwachsenen" Fantasy-Universum der Hexer-Saga, zur charaktervollen Hauptfigur usw. habe ich ja schon ein bisschen was geschrieben, siehe meinen Kommentar zum Kurzgeschichtenband Der letzte Wunsch. All diese Stärken finden sich auch im Roman wieder. Erneut gibt es keine klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse, wenn man mal von Rience absieht. Bei Emhyr, den Magiern, den Herrschern der nördlichen Königreiche usw. liegen die Dinge nicht so einfach, da herrschen einfach nur wirtschaftliche Interessen und die Staatsräson. Der Roman bietet nicht nur handfeste Action, Intrigenspiele und dergleichen, sondern auch eine sehr gute, "realistische" Weiterentwicklung der fiktiven Welt.

Wieder sind die humorvollen, teils zynischen und oft recht derben Dialoge, die facettenreichen Charakterzeichnungen und die verzwickten Zusammenhänge ein echter Lesegenuss Mit Ciri und ihrer Ausbildung zur "Hexerin" wird das Ganze vielleicht ein bisschen zu klamaukig, aber wenn die Hexer ihretwegen von Triss Merigold den Kopf gewaschen bekommen, dann kann man sich eines Grinsens nicht erwehren. Der Ton wird im Verlauf des Romans aber rasch sehr viel ernster - wie es dem Ernst der Lage ja auch angemessen ist. Es gibt ein Wiedersehen mit alten Bekannten, und mit der Scoia'tael tritt eine neue Partei auf den Plan, von der man sicher noch mehr lesen wird. Was im Gegensatz zu den Storys völlig weggelassen wurde, sind Bezugnahmen auf bekannte Märchen. Das vermisst man aber auch nicht, in diesem Roman hätte es vielleicht eher gestört. Sapkowski bedient sich zwar fröhlich aus der Begriffs- und Ideenwelt anderer Fantasy-Autoren, aber seine Schöpfung ist dennoch eigenständig und alles andere als ein Tolkien-Plagiat.

Der Roman ist nicht in sich abgeschlossen. Eigentlich könnte man sogar sagen, dass er endet, als es so richtig spannend wird. Aber immerhin wurde Band 2 bereits für Juni 2009 angekündigt - ich kann es kaum erwarten!

Das Buch wurde übrigens in einer Sonderausgabe veröffentlicht und befindet sich in einer stabilen Pappbox ohne Schriftzug. Außerdem enthalten sind zwei Postkarten mit Hexer-Motiven. Ich frage mich, was das soll - es treibt nur den Preis in die Höhe und hat ansonsten keinen Nutzen, die Box sieht nicht mal besonders schön aus. (24.02.2009)


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340
Das leere Haus Algernon Blackwood: Das leere Haus
Suhrkamp, 1974
241 Seiten

Dieser Band enthält vier Kurzgeschichten Algernon Blackwoods, die in der Zeit zwischen 1906 und 1910 erstmals veröffentlicht wurden:

Das leere Haus
Jim Shorthouse wird von seiner Tante zu einer Übernachtung in einem Spukhaus überredet. Dort soll sich vor vielen Jahren ein Mord ereignet haben. Als die beiden Abenteurer sich eines Nachts Zutritt zu dem verlassenen Haus verschaffen, stellen sie bald fest, dass es nicht ganz leer ist...

Der Wendigo
Eine Jagdgesellschaft geht in den Wäldern Kanadas auf die Pirsch. Allein in der Weite und Einsamkeit der größtenteils noch völlig unerforschten Wälder werden die Männer nicht nur mit dem Grauen konfrontiert, das den Unerfahrenen angesichts der völligen Gleichgültigkeit der gewaltigen Natur gegenüber dem menschlichen Schicksal beschleicht, sondern auch mit einem mythischen Wesen aus uralten indianischen Legenden.

...a cause du sommeil et a cause des chats
Als er die Gegenwart einer lästigen Gruppe von Landsleuten nicht mehr erträgt, steigt der durch Frankreich reisende Brite Arthur Vezin spontan aus dem Zug, sobald dieser in einem kleinen Städtchen hält. Der Ort scheint von einem seltsamen Zauber erfüllt zu sein, und seine Bewohner benehmen sich (selbst für Franzosen) sehr merkwürdig. Nach einigen Tagen stellt Vezin fest, dass er sich nicht dazu aufraffen kann, die Stadt zu verlassen. Er will es auch gar nicht mehr, als er die Bekanntschaft einer jungen Frau macht, die ihn genau zu kennen scheint...

Die Weiden
Zwei Freunde sind mit dem Kanu unterwegs auf der Donau, wo sie vom Hochwasser überrascht werden. Sie müssen auf einer ständig schrumpfenden Insel mitten im Strom übernachten. Ihr Lagerplatz ist von Weiden eingeschlossen. Allmählich bemerken die beiden, dass sie sich an einem Ort befinden, an dem die Trennschicht zwischen der Realität und einer anderen, Furcht erregenden Dimension dünn geworden ist. So dünn, dass bösartige Entitäten sich der immer näher ans Lager heranrückenden Weiden bemächtigen konnten...

"Der Wendigo" und "Die Weiden" sind die bekanntesten Storys des britischen Autoren Algernon Blackwood, und sie sind typisch für seinen Stil. Blackwood ergeht sich nicht in der Schilderung blutiger Gewalttaten und dergleichen, er verzichtet in der Regel auf platte Schockeffekte und Grusel-Versatzstücke. Stattdessen erzeugt er eine Atmosphäre der allmählich wachsenden Bedrohung, wobei die Gefahr meist nicht von greifbaren Dingen wie z.B. Ungeheuern oder wahnsinnigen Mördern ausgeht, sondern eher von einem unbestimmten Gefühl - die Gemütszustände der Protagonisten werden denn auch minutiös genau beschrieben. Nach und nach bemerken sie, dass irgend etwas nicht stimmt, dass da etwas undefinierbares ist, ein unbekanntes Etwas, eine übelwollende Macht, die immer näher kommt und die um so schreckenerregender ist, als man nicht weiß, womit man es überhaupt zu tun hat. Man kann sich zwar recht gut in dieses unheimliche Gefühl "hineinlesen", aber manchmal ermüden die geradezu akribischen Schilderungen von Stimmungszuständen auch ein wenig. Unterbricht man die Lektüre übrigens, dann verfliegt der Zauber sehr schnell. Also: Besser in einem Zug durchlesen!

Die beiden anderen Storys sind eher "klassische" Geister- bzw. Hexengeschichten. "Das leere Haus" ist die belangloseste der vier Storys; hier geht es wirklich nur um ein bisschen Gegrusel in einem Spukhaus. "...a cause du sommeil et a cause des chats" vermittelt dann aber wiederum eine ganz gute Stimmung des Unerklärlichen, zumindest in der ersten Hälfte. (16.02.2009)


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339
Wächter des Zwielichts Sergej Lukianenko: Wächter des Zwielichts
Heyne, 2007
480 Seiten

Zur Vorgeschichte und zum "Wächter"-Universum vgl. Wächter der Nacht.

Beide Wachen sowie die Inquisition erhalten anonyme Briefe, denen zufolge ein Verräter beabsichtige, einen Menschen zu einem Anderen zu machen - ein Vorhaben, das bisher für unmöglich gehalten wurde, jedenfalls von den Anderen niederen Grades wie Anton Gorodezki, der auf den Fall angesetzt wird. Die Großen Anderen wie Geser und Sebulon sowie die Inquisitoren scheinen andere Informationen zu haben, denn die anonymen Briefe versetzen alle Parteien in Aufruhr. Die Existenz der Anderen muss vor der Menschenwelt geheim gehalten werden, außerdem wäre ein neuer Krieg zwischen Licht und Dunkel unausweichlich, wenn jede Seite nach Belieben gewöhnliche Menschen in Andere umwandeln könnte. Antons Ermittlungen scheinen im Sande zu verlaufen, denn der vermeintliche Mensch, der initiiert werden sollte, entpuppt sich als potentieller Anderer. War die ganze Aufregung also umsonst? Anton bezweifelt es, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil der betreffende Mensch Gesers Sohn Timur ist.

Als Anton während eines Urlaubs mit Svetlana und seiner dreijährigen Tochter zufällig von der Existenz einer mächtigen Hexe erfährt, die sich im Wald in der Nähe seiner Datscha versteckt, nimmt sein Verdacht konkrete Formen an. Die Hexe Arina muss vor fast hundert Jahren in Machenschaften verwickelt gewesen sein, bei denen auch Geser seine Hände im Spiel hatte. Außerdem ist sie möglicherweise im Besitz des uralten Buches Fuaran - und Thema dieses legendären Werks ist die Verwandlung gewöhnlicher Menschen in Andere...

Auch der dritte von vier Romanen aus dem "Wächter"-Universum setzt die Kenntnis der vorherigen Bücher voraus. Wie die beiden vorherigen Romane besteht er aus drei einzelnen Geschichten ("Niemandszeit", "Niemandsraum" und "Niemandskraft"). Alle drei sind zwar mehr oder weniger in sich abgeschlossen, bauen aber aufeinander auf und sind inhaltlich so eng miteinander verknüpft, dass der Eindruck des Episodenhaften, den ich bei der Lektüre des zweiten Romans hatte, nicht wieder entsteht. Im Gegenteil! Das Erzähltempo ist hoch und man kann das Buch nicht wieder aus der Hand legen. Außerdem ist Anton als Ich-Erzähler zurück, was nicht nur für weitere inhaltliche Geschlossenheit sorgt, sondern es dem Leser wieder besser ermöglicht, sich mit der gleich bleibenden Hauptfigur zu identifizieren. Wie im ersten Roman sind es Antons Zweifel, seine Gedanken und Gefühle sowie sein (selbst-)ironischer Humor, die die Geschichten zu etwas Besonderem machen.

Seit dem Ende von Wächter des Tages sind einige Jahre vergangen. Anton genießt seit Svetlanas Austritt aus der Nachtwache das Familienleben. Svetlana hat auf die Weiterentwicklung ihrer magischen Fähigkeiten verzichtet. Allerdings hat Antons kleine Tochter das Potential, zur mächtigsten Anderen aller Zeiten zu werden. Das ist aber nicht das zentrale Thema des Romans. Vielmehr werden weitere Details des "Wächter"-Universums enthüllt. Wir erfahren, worin die Anderen sich wirklich von den Menschen unterscheiden, welche Rolle die Inquisition in Wahrheit spielt und dass es noch tiefere Schichten des Zwielichts gibt als bisher angenommen. Es ist praktisch nicht möglich, mehr zur Story zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Glaubt mir einfach, dass die Mischung aus undurchsichtigen Intrigen, magischen Spielereien, Details aus dem russischen Alltagsleben und glaubwürdigen Charakteren (auf beiden Seiten!) auch diesmal wieder prächtig funktioniert, vielleicht sogar noch besser als in den beiden ersten Romanen. (02.02.2009)


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338
Der Silberne Sessel C.S. Lewis: Die Chroniken von Narnia - Der Silberne Sessel
Ueberreuter, 2003
209 Seiten, gebunden

Eustachius Knilch, der Cousin der Pevensie-Geschwister, besucht eine Experimentalschule, die so fortschrittlich ist, dass sich die Kinder alles erlauben dürfen - auch wenn ihre Lieblingsbeschäftigung darin besteht, ihre Mitschüler zu quälen. So ergeht es auch Jill, der Eustachius gern beistehen möchte, so dass er ihr von Narnia erzählt. Als die beiden wieder einmal attackiert werden, rufen sie nach Aslan und fliehen dann durch ein Tor in der Mauer, die den Schulhof umgibt. Unversehens finden sie sich über den Wolken wieder; sie stehen auf dem Gipfel eines gewaltigen Berges. Eustachius stürzt von der Klippe, wird aber von Aslan gerettet, der ihn buchstäblich nach Narnia bläst. Bevor er auf gleiche Weise mit Jill verfährt, erteilt der Löwe ihr einen wichtigen Auftrag. Sie soll nach Prinz Rilian suchen, dem vor Jahren verschwundenen Sohn König Kaspians. Aslan gibt Jill vier Hinweise, die ihr bei der Suche helfen sollen, doch schon kurz nach ihrer Ankunft in Narnia verpassen sie und Eustachius das erste Zeichen: Sie hätten den ersten Bekannten ansprechen sollen, den Eustachius in Narnia sieht. Eustachius hat diesen Bekannten (Kaspian) jedoch nicht wiedererkannt, denn in Narnia sind seit seinem letzten Besuch viele Jahre vergangen.

Nachdem sie von einer Versammlung sprechender Eulen die Hintergründe für Rilians Verschwinden erfahren haben, machen die Kinder sich auf den Weg. Sie werden von Trauerpfützler begleitet, einem Moorwackler, dessen Pessimismus nach Ansicht seines Volkes noch nicht ausgeprägt genug ist. Er soll den Ernst des Lebens kennenlernen. Dazu hat er nun mehr als nur eine Gelegenheit, denn auf dem Weg nach Norden haben die drei Gefährten es nicht nur mit widrigen Wetterverhältnissen und menschenfressenden Riesen zu tun, sondern auch mit der sinnverwirrenden Magie der Grünen Hexe...

Im sechsten Band der Chroniken von Narnia gibt es, wie nach den beiden vorherigen Büchern schon zu vermuten war, leider kein Wiedersehen mit den Pevensies, stattdessen wird mit Jill eine neue Hauptfigur eingeführt, die zu Beginn recht uninteressant oder sogar fast unsympathisch wirkt. Kaspian spielt auch fast keine Rolle mehr, dafür gibt es ein amüsantes Wiedersehen mit dem inzwischen ziemlich schwerhörigen Zwerg Trumpkin. Eustachius Knilch, den wir in Die Reise auf der Morgenröte kennengelernt haben, ist neben Jill die zweite Hauptfigur, aber er hat jetzt zum Glück fast gar nichts mehr von dem unerträglichen Typen, der er seinerzeit zuerst war. Den Vogel schießt aber Trauerpfützler ab. Es ist erstaunlich, wie der Autor es mit wenigen Worten schafft, dem Leser dieses merkwürdige Wesen plastisch vor Augen treten zu lassen. Man muss ihn einfach gern haben! Sein "optimistischer Pessimismus" ist schlichtweg genial. Beispiele: Einmal muntert er die Kinder mit der Bemerkung auf, sie müssten wenigstens nicht ertrinken, weil sie sich zuvor bei einem Sturz den Hals brechen würden, ein anderes Mal freut er sich darüber, in einem unterirdischen Stollen eingeschlossen zu sein, weil er auf diese Weise die Beerdigungskosten sparen kann...

Insgesamt habe ich nur wenig an diesem Roman auszusetzen, abgesehen von den bekannten Kritikpunkten jedenfalls: Man hätte die Suche nach Rilian ruhig etwas "epischer" gestalten und dafür auf die eine oder andere christliche Symbolik verzichten können. Aslans ganzes Gehabe nervt inzwischen einfach nur noch. Immerhin darf man sich erneut auf eine abenteuerliche Geschichte und selbstironischen Humor freuen. (27.01.2009)


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337
Das Rote Imperium 2 Christian Montillon: Requiem für Druufon (Perry Rhodan "Das Rote Imperium" 2)
Heyne, 2009
411 Seiten

Infos zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke meines Archivs. Einfach hier klicken!

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336
Ilias Homer: Ilias
Goldmann, 1995
428 Seiten

Ausnahmsweise kann ich es mir wohl sparen, näher auf dieses Buch einzugehen. Thema und Bedeutung der Ilias dürften bekannt sein, und wer das Werk in Schule/Studium nicht lesen musste, der wird wahrscheinlich wenigstens die Heldensagen kennen, in denen es um das gleiche Thema geht. So war es in meinem Fall, und deshalb war ich doch etwas überrascht, dass in der Ilias keineswegs die ganze Geschichte des trojanischen Krieges vom Urteil des Paris bis zur Einnahme der Stadt mit Hilfe des hölzernen Pferdes erzählt wird. Tatsächlich wird nur ein recht kurzer Zeitraum des viele Jahre umfassenden Krieges behandelt, beginnend mit dem Zorn des Achilleus, der sich wegen eines Streits mit Agamemnon vom Kampf zurückzieht, bis hin zu Tod und Bestattung Hektors.

Dieses Buch enthält die deutsche Übersetzung von Johann Heinrich Voß, außerdem ein Nachwort, hilfreiche Anmerkungen, eine Zeittafel und bibliographische Hinweise von Marion Giebel. Die Ilias ist eine epische Heldendichtung in Versform, deren Kunstsprache viele stehende Beiwörter ("der gerenische Reisige Nestor", "das weindunkle Meer", "der listenreiche Odysseus" usw.) und formelhafte Wiederholungen enthält. Man kann das Werk deshalb nicht wie einen Roman lesen. Die von Voß verwendete altertümliche Sprache macht die Lektüre zwar nicht leichter, aber irgendwie könnte ich mir das Werk nicht in modernem Deutsch vorstellen. Aufgefallen ist mir auch, wie viel Wert auf eine detailgenaue Beschreibung der Schlachtszenen gelegt wird. Da kann man lesen, wie den Kämpfern die Eingeweide aus dem Bauch purzeln, wie Schädel bis zum Kiefer gespalten werden und so weiter...

Wer sich für die Ilias interessiert, muss übrigens kein Geld für ein Buch ausgeben. Der Text ist gemeinfrei und kann in voller Länge im Internet gefunden werden, zum Beispiel im Projekt Gutenberg. (13.01.2009)

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335
Dark Secret Douglas Preston / Lincoln Child: Dark Secret
Knaur, 2007
595 Seiten

FBI-Agent Pendergast gilt seit seinem letzten Abenteuer als verschollen, sein Freund Vincent D'Agosta von der New Yorker Polizei hält ihn für tot. Doch Pendergast lebt – er wurde von seinem Bruder Diogenes (der seinerseits seit 20 Jahren als tot gilt) aus Graf Foscos Schloss gerettet. Als D'Agosta dies erfährt, währt seine Erleichterung nicht lange, denn Pendergast hat beunruhigende Neuigkeiten. Diogenes hat seinen verhassten Bruder allem Anschein nach nur gerettet, um ihn auf besonders perfide Weise zugrunde richten zu können. Diogenes ermordet mehrere alte Freunde Pendergasts und fädelt alles so ein, dass der Verdacht auf den FBI-Agenten fällt. In wenigen Tagen will Diogenes das "perfekte Verbrechen" begehen, Zentrum des Ganzen soll Pendergast sein. Um seinen Bruder stoppen zu können, agiert Pendergast zunächst aus dem Verborgenen heraus. D'Agosta erklärt sich bereit, ihm zu helfen. Dadurch bringt er sich nicht nur selbst in Gefahr (Diogenes nimmt weitere Freunde Pendergasts ins Visier), sondern setzt auch seine Beziehung zu Laura Hayward aufs Spiel, denn sie ist mit den Ermittlungen in den Mordfällen beschäftigt, darf aber nichts von Pendergasts "Auferstehung" erfahren.

Für Pendergast ist Diogenes das personifizierte Böse, das unbedingt aufgehalten werden muss. In seinem Bemühen, alle Personen zu schützen, die ihm nahe stehen und gleichzeitig seines Bruders habhaft zu werden, gerät der FBI-Agent an den Rand der Verzweiflung. Diogenes, dessen Genialität die seines Bruders noch übertrifft, ist Pendergast immer um mehrere Schritte voraus. Er hat den großen Coup seit Jahren akribisch vorbereitet und verwirklicht seine Pläne mit absoluter Skrupellosigkeit. Welche Ziele er aber wirklich verfolgt, ahnt nicht einmal sein Bruder. Allmählich zeigt sich, dass das Naturhistorische Museum von New York – bzw. etwas, das dort ausgestellt wird – eine wichtige Rolle bei dem geplanten "perfekten Verbrechen" spielt. Während einer Gala-Veranstaltung im Museum, die mit einer Aktualisierung des Sicherheitssystems zusammenfällt, holt Diogenes zum entscheidenden Schlag aus...

Man muss zwar zugestehen, dass diese Geschichte – ebenso wie Burn Case, der vorherige Pendergast-Roman – in gewisser Weise in sich abgeschlossen ist, dennoch muss man beide Bücher sowie den Folgeroman "Maniac" lesen, wenn man wissen möchte, wie es mit Diogenes weitergeht. Nicht genug damit: Diese Trilogie stellt durch die vielen verschiedenen Haupt- und Nebenfiguren sowie durch altbekannte Schauplätze Verknüpfungen zu praktisch allen anderen Romanen des Autorenduos Preston/Child her. Allerdings ist es nicht unbedingt nötig, all diese anderen Romane gelesen zu haben – möchte man jedoch zum Beispiel wissen, wie Eli Glinn zu seinen Verletzungen gekommen ist, dann muss man sich "Ice Ship" zu Gemüte führen… Ich bin noch unschlüssig, ob ich diese "Verknüpferitis" positiv oder negativ bewerten soll. Dass die Autoren die Titel ihrer eigenen Bücher in diesen Roman einfließen lassen, also Eigenwerbung machen, finde ich jedenfalls nicht so prickelnd.

Ansonsten könnte ich hier wiederholen, was ich schon zu "Burn Case" geschrieben habe: Pendergast wird immer mehr zum modernen Sherlock Holmes, dem jetzt mit der Figur des Superbösewichts Diogenes ein mehr als ebenbürtiger Kontrahent nach dem Strickmuster von Prof. Moriarty entgegentritt. Hinzu kommen immer wieder dunkle Andeutungen zu Pendergasts Familiengeschichte, die aber nicht weiter ausgearbeitet werden. Zumindest erfährt man nichts über den Grund für den Hass, den Diogenes nicht nur für seinen Bruder, sondern praktisch für die ganze Welt empfindet. Die Charaktere sind eindimensional und unglaubwürdig, die Handlung ist klischeehaft und wird durch verzichtbare Nebenhandlungen aufgebläht – und trotzdem kann man das Buch nicht aus der Hand legen. Immer wieder gibt es überraschende Wendungen, ständig wechselt die Handlungsebene, die Spannungskurve steigt stetig an, man zittert mit (wenn man mit den einzelnen Personen aus früheren Romanen vertraut ist, dann funktioniert das noch besser) und am Ende fügt sich alles zu einem zwar ziemlich abgedrehten, in sich aber schlüssigen Gesamtbild zusammen, bei dem zum Glück ganz auf "übernatürliche" Elemente verzichtet wird. Dadurch wird auch dieses Actionthriller-Fastfood zu einem durchaus unterhaltsamen Lesevergnügen. (05.01.2009)


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334
Necroville Ian McDonald: Necroville
Heyne, 2008
495 Seiten

Nach der Perfektionierung der Nanotechnologie und der Entwicklung halbintelligenter, selbständig agierender Nanopolymer-Partikel, der so genannten Tektoren, hat sich die menschliche Gesellschaft radikal gewandelt. Die Nanotechnologie prägt nicht nur jeden Aspekt der Technik und des täglichen Lebens, wozu auch die Erschaffung synthetischer Tiere und die Modifikation des menschlichen Körpers gehören, sondern ermöglicht auch die Wiederauferstehung der Toten. Der allmächtige Tesler-Thanos-Konzern kontrolliert diese Technologie, die alte Religionen gestürzt und neue Kulte hervorgebracht hat. Wieder belebte Tote sind zwar aufgrund ihrer synthetischen Körper praktisch unsterblich und ewig jung, gelten vor dem Gesetz aber nicht als Menschen und haben keine Rechte. Dennoch können sie schon aufgrund ihrer schnell größer werdenden Zahl nicht ignoriert werden. Es entwickelt sich eine Schattenwirtschaft, in der die lebenden Toten zwar nur den Status von Sklaven haben, aber allmählich unentbehrlich für den Wohlstand der Lebenden werden. Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen wird ihnen der Weltraum als Lebensraum zugestanden, dort können sie sich frei entfalten. Auf der Erde müssen sie in den abgeschotteten Necrovilles bleiben.

Am 1. November, dem Allertotentag, öffnen sich die Tore der Necrovilles, so dass Tote und Lebende gemeinsam eine Art Karneval feiern können. Fünf Lebende wollen sich an diesem Tag im Cafe Terminal in der Necroville Saint John treffen: Der Drogendesigner Santiago Columbar, die Anwältin YoYo Mok, der Riff-Architekt Camaguey Quintana, die Dinosaurierjägerin Trinidad, und Toussaint, der in Wahrheit der Sohn des Konzernchefs Adam Tesler ist. Zu dem Treffen kommt es allerdings nicht, denn ein neuer Aufstand bricht los. Die Freitoten aus dem All schicken sich an, eine gewaltige Angriffsflotte zur Erde zu führen und dort gleichzeitig einen Anschlag auf Adam Tesler zu verüben. So trennen sich die Wege der fünf Freunde – für jeden einzelnen von ihnen hält diese Nacht Erlebnisse bereit, durch die sich ihre Schicksale grundlegend verändern werden.

Der Autor macht es dem Leser nicht leicht, den Roman zu mögen. Wenn man schon auf den ersten fünf Seiten mit nicht erläuterten technischen Begriffen, eigenen Wortkreationen und Fremdwörtern aus verschiedenen Sprachen erschlagen wird, ganz abgesehen davon, dass man kaum begreift, was da eigentlich vorgeht, dann hat man eventuell keine Lust mehr, den Rest zu lesen, aus dem dann natürlich irgendwann hervorgeht, was all das Brimborium zu bedeuten hat oder warum immer wieder spanisch (oder portugiesisch?) gesprochen wird. Man ist gezwungen, langsam zu lesen, denn die stilistisch meist oft merkwürdigen Formulierungen bewegen sich auf einem ganz anderen Niveau als die in einem Unterhaltungsroman sonst übliche Sprache, und man bekommt nicht alles auf dem Silbertablett präsentiert, sondern muss sich eigene Gedanken machen. Das meine ich zwar als Lob, aber man hat es dadurch nicht leichter, "in den Roman hineinzukommen". Zur Qualität der Übersetzung durch Horst Pukallus kann ich wenig sagen, da ich das englische Original nicht kenne. Jedenfalls vermittelt auch der deutsche Text eine recht gute, futuristische "Cyberpunk-Stimmung". Leider enthält er viele Rechtschreibfehler. Manchmal fehlen sogar ganze Worte. Vielleicht war dem Übersetzer der anspruchsvolle Text ebenfalls zu schwer?

Eigentlich erzählt McDonald nicht eine, sondern mindestens fünf Geschichten; jede der in der Zusammenfassung genannten Personen erlebt etwas völlig anderes und ermöglicht dem Leser somit den Einblick in immer neue Aspekte dieses übrigens gut durchdachten fiktiven Universums. Allerdings ist ihre Denkweise dem Leser meist so fremd (auch das ist im Grunde lobenswert), dass man sich kaum mit ihnen identifizieren kann. Die Fremdartigkeit dieser teilweise sehr bizarren Welt wird gut vermittelt, McDonalds Ideenreichtum tut ein Übriges. Allerdings steht der Autor sich damit manchmal selbst im Weg und er schafft es nicht immer, das Problem der ausufernden Beschreibungen mit Hilfe der Schicksale der Protagonisten zu durchbrechen. Immerhin werden alle Fäden am Ende zu einem stimmigen Ganzen verknüpft. Dabei ist die zugrunde liegende Geschichte so neu nun auch wieder nicht (Sklaven und deren Rebellion) – man denke nur an den Film Metropolis. Interessant ist dieser übrigens schon 1996 erstmals erschienene und jetzt neu aufgelegte Roman auf jeden Fall, manchmal auch spannend. Einfaches Lesefutter für zwischendurch ist er aber definitiv nicht. Ob das gut oder schlecht ist, müsst ihr selbst entscheiden – ich finde jedenfalls im Nachhinein, dass die Mühe und das Durchhalten sich gelohnt haben. (29.12.2008)


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333
Wächter des Tages Sergej Lukianenko: Wächter des Tages
Heyne, 2007
550 Seiten

Zur Vorgeschichte und zum "Wächter"-Universum vgl. Wächter der Nacht.

Durch das Erscheinen der Großen Anderen Svetlana Nasarowa ist das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit empfindlich gestört worden. Deshalb greift das Zwielicht ein und entsendet einen so genannten "Spiegel", also einen gewöhnlichen Menschen, der vom Zwielicht mit den Gaben eines Anderen ausgestattet wurde und die Ausgewogenheit der Kräfte wieder herstellen soll. Dieser Pseudo-Andere ist so mächtig, dass selbst Sebulon und Geser, die Anführer der Moskauer Tag- bzw. Nachtwache, ihn nicht aufhalten könnten. Dieses Schicksal trifft Witali Rohosa. Er kommt irgendwo in einem Vorort Moskaus zu sich und kann sich zunächst an nichts erinnern, nicht einmal an seinen Namen. Nach und nach kehren bestimmte Erinnerungen zurück, außerdem wachsen Rohosas Kräfte immer weiter an, wozu diverse (teilweise in Kämpfen endende) Begegnungen mit Dunklen und Lichten Anderen beitragen. Gleichzeitig raubt eine Sekte der Anderen, die sich weder der Dunkelheit noch dem Licht zugehörig fühlt, die "Kralle Fafnirs", ein extrem starkes magisches Artefakt, aus einem Büro der Inquisition.

Sebulon und Geser spinnen aber bereits neue Intrigen. So entsendet Sebulon die junge Hexe Alissa Donnikowa (seine ehemalige Geliebte), die sich bei einem Einsatz völlig verausgabt und all ihre magische Macht verloren hat, zu einem Erholungsaufenthalt in ein Jugendlager, wo sie sich an der Energie der Kinder laben soll. Sie verliebt sich in den Betreuer Igor, der sich allerdings – wie sie zu spät bemerkt – aus genau dem gleichen Grund hier aufhält. Und leider ist er ein Lichter Anderer, also eigentlich Alissas Todfeind. Da er ebenfalls all seine Macht verloren hat, erkennt er in ihr nicht die Dunkle Andere, und verliebt sich ebenfalls in sie. Eine von beiden nicht gewollte Konfrontation ist unausweichlich, doch all das dient nur der Vorbereitung ganz anderer Ereignisse, an denen sich – passend zum Jahrtausendwechsel – im schlimmsten Fall eine endzeitliche Schlacht zwischen Licht und Dunkel entzünden könnte.

Dies ist der zweite von vier Episodenromanen aus dem "Wächter"-Universum. Wie der erste Band enthält er drei Geschichten ("Zutritt für Unbefugte erlaubt", "Fremd unter Anderen", "Eine Andere Kraft"), die nur auf den ersten Blick wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben. Erst in der dritten Geschichte werden alle Fäden zu einem logischen Ganzen zusammengeführt, wobei das Ende offen bleibt. Diente der erste Band dazu, das zugrunde liegende Szenario und die Hauptfiguren einzuführen, wobei der Schwerpunkt auf den Wächtern der Nacht lag, so wird diesmal (man verzeihe mir das Wortspiel) die Dunkle Seite genauer beleuchtet. Gleich in der ersten Geschichte tritt eine Dunkle Andere als Hauptfigur und Ich-Erzählerin auf. Anton Gorodezki, die Hauptperson des ersten Buchs, spielt erst in den anderen beiden Geschichten wieder eine Rolle und wird dort nicht zum Ich-Erzähler. So fällt dem Leser die Identifikation etwas schwerer, obwohl alle Figuren gut charakterisiert werden, vielschichtig sind und nachvollziehbar agieren. Mit diesem Roman soll klar gemacht werden, dass die Dunklen Anderen nicht unbedingt als "böse" bezeichnet werden können. Böse sind sie vor allem aus der Sicht der Lichten Anderen, deren Zielen sie im Wege stehen. Allerdings lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass die Handlungsweise der Dunklen durchaus negativ zu bewerten ist. Was natürlich auch für Gesers Machenschaften gilt.

Die erste Geschichte liest sich größtenteils wie ein etwas belangloser Liebesroman, erst in den beiden folgenden Geschichten wird klar, was diese Episode überhaupt für einen Sinn hat. Dennoch hat auch sie ihre Existenzberechtigung, denn durch sie wird die Denkweise der Dunklen verständlicher und schon allein aufgrund der Tatsache, dass sich der Leser gut in die gar nicht so unsympathische Alissa hineinversetzen kann, bemerkt man schnell, dass es im "Wächter"-Universum keine platte Abgrenzung zwischen Gut und Böse gibt. In der dritten Geschichte, die übrigens in Prag spielt, tritt die Inquisition mehr in den Vordergrund und die unverzichtbaren Intrigen kulminieren schließlich in einem für alle Seiten unerwarteten Höhepunkt. Lobenswerterweise passt auch diesmal wieder alles sehr gut zusammen, aber insgesamt erscheint das Buch mir doch episodenhafter zu sein als Band 1, außerdem kommt die Auflösung vielleicht etwas zu überhastet. Immerhin kann man gut nachvollziehen, warum die Protagonisten sich wie Schachfiguren in einem Spiel vorkommen, das sie nicht verstehen und in dem sie oft nur als Bauernopfer dienen.

Obwohl der Reiz des Neuen schon ein wenig verflogen ist, so ist doch auch Band 2 wieder ein uneingeschränkt empfehlenswertes Lesevergnügen! (22.12.2008)


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332
Die Frau des Zeitreisenden Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden
Fischer, 2005
544 Seiten

Henry DeTamble ist ein Zeitreisender – aber er kann diese Fähigkeit nicht kontrollieren. Immer wieder wird er aus "seiner" Gegenwart herausgerissen und findet sich übergangslos an irgendeinem Zeitpunkt seiner Vergangenheit wieder. Da er bei seinen Sprüngen durch die Zeit nichts mitnehmen kann, materialisiert er stets nackt. Das führt zu vielen peinlichen Situationen, außerdem gerät Henry auf diese Weise nicht selten in Lebensgefahr und ist gezwungen, zum Dieb zu werden, um sich mit dem Lebensnotwendigsten zu versorgen. Er kann auch die Dauer seines Aufenthalts in der Vergangenheit nicht beeinflussen und weiß nie, wie viel Zeit vergangen sein wird, wenn er in seine Gegenwart zurückkehrt. Henry vermutet, dass Stress ein auslösender Faktor für die unfreiwilligen Zeitreisen ist, und dass diese ihn meist zu Ereignissen führen, die besonders wichtig für ihn waren. So kehrt er zum Beispiel überdurchschnittlich oft zu jenem grausigen Autounfall zurück, bei dem seine Mutter gestorben ist und den er als kleiner Junge selbst miterlebt hat.

Eines Tages jedoch begegnet Henry bei einer Zeitreise der Frau, die zur großen Liebe seines Lebens werden wird. Clare Abshire ist zu diesem Zeitpunkt allerdings noch ein Kind, auf "normalem" Weg wird er sie erst in vielen Jahren treffen – und bei diesem Zusammentreffen wird sein "jüngeres Ich" zugegen sein, das diese schicksalhafte Zeitreise noch gar nicht gemacht hat, so dass Clare ihn zwar seit Jahren kennt, er sie aber nicht... Trotz all dieser Schwierigkeiten und des Umstands, dass Henry Clare immer wieder "verlässt" oder aus verschiedenen Zukünften und mit unterschiedlichem Alter per Zeitreise zu ihr kommt, werden die beiden ein Paar und heiraten schließlich. Doch das Zeitreise-Gen, das bei Henry eines Tages festgestellt wird, ist erblich – und ein zeitreisendes Ungeborenes ist ein Ding der Unmöglichkeit. Außerdem besucht Henry eines Tages den Moment seines eigenen Todes und weiß nun, wie viel (oder wenig) Zeit ihm für das Zusammensein mit Clare noch bleibt...

Dieser wunderschöne, aber leider auch ziemlich traurige Roman enthält eine so noch nicht da gewesene Verbindung aus "klassischen" Versatzstücken der Science Fiction und einer romantischen Liebesgeschichte. Und dabei stehen diese Elemente nicht berührungslos nebeneinander, sondern bedingen sich gegenseitig und fügen beiden Genres ganz neue Aspekte hinzu. Ähnlich wie in einer Fernbeziehung müssen Henry und Clare jede Minute auskosten, die sie gemeinsam verbringen können. Gleichzeitig reduzieren sie ihr Leben mehr oder weniger auf sich selbst; erst nach und nach werden Freunde und Verwandte ins Vertrauen gezogen. Liebesromane mit viel Herzschmerz oder Zeitreise-Geschichten gibt es ja wie Sand am Meer, und würde man den Roman jeweils auf einen dieser Bestandteile reduzieren, dann hätte er den Genres nicht viel hinzuzufügen – abgesehen von der sehr einfühlsamen, oft humorvollen, in erotischen Dingen manchmal vielleicht etwas zu detailreichen Erzählweise. Die Mischung aus beidem (SF und Lovestory) macht den Roman zu einem ganz besonderen Lesevergnügen.

Wie Henry mit seinen unfreiwilligen Zeitreisen und allen damit verbundenen Schwierigkeiten umgeht, ist eine Sache für sich. So ist er vor seiner Begegnung mit Clare wegen seines Leidens ein fast unsympathischer Alkoholiker. Erst durch die Liebe zu ihr kann er sich quasi in der Realität verankern, denn an dieser Liebe ändert sich nichts, egal "wann" er Clare begegnet. Henrys Überlebenstricks und die Situationen, in die er immer wieder gerät, werden ebenso köstlich geschildert wie seine Begegnungen mit sich selbst – man kann sich ausmalen, auf welche Gedanken zwei Pubertierende zum Beispiel kommen, die ein und dieselbe Person sind. Henry reist außerdem nicht "chronologisch" durch die einzelnen Stationen von Clares Kindheit und Jugend, sondern wild durcheinander. Man muss schon aufpassen, damit man mit den verschiedenen Zeitebenen nicht durcheinanderkommt. Ich habe zwar nicht gezielt nach Logikfehlern gesucht, aber beim normalen Lesen habe ich keine gefunden – mit etwas Nachdenken werden auch scheinbar unlogische Situationen klar. Jedenfalls bleibt die Geschichte von Anfang bis Ende stets schlüssig. Angaben am Kapitelbeginn zum jeweiligen Alter Henrys und Clares vereinfachen das Verständnis.

Die Frage nach Zeitparadoxa wird in diesem Roman übrigens eindeutig beantwortet: Es gibt keine. Henry kann die Vergangenheit nicht verändern. Er könnte also in der Vergangenheit z.B. nicht seine eigene Geburt verhindern. Trotz des Zeitreise-Motivs ist und bleibt dies ein Liebesroman – da sollten SF-Fans sich nichts vormachen. Trotzdem sollten vielleicht gerade sie sich mal auf den Roman einlassen (keine Angst, er ist nicht kitschig). Für Leser, die mit dem Konzept der Zeitreise noch nicht vertraut sind, ist manches vielleicht sogar zu verwirrend. (17.12.2008)


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331
Rico Arndt Ellmer: Rico
Fanpro, 2008
345 Seiten

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330
Schule für Übermenschen Herbert W. Franke: Schule für Übermenschen
Suhrkamp, 1980
144 Seiten

Das Institute for Advanced Education wirbt Probanden für eine spezielle Ausbildung an. Nur wer ohnehin schon zur Elite der Astronauten, Taucher usw. gehört, wird hier aufgenommen, um übermenschliche Fähigkeiten zu erlangen. Auf diese Weise soll die Erschließung völlig neuer Lebensräume ermöglicht werden. Ein Mann namens Rod, der sich nicht genau an seine eigene Vergangenheit erinnern kann, sucht das mitten in der Wüste gelegene Institut auf. Nach einigen Tagen unmenschlich harten Drills begreift er allmählich, dass er hier eine besondere Mission zu erfüllen hat. Er soll herausfinden, welche Ziele der Institutsleiter Dr. Braggs wirklich verfolgt. Damit er sich nicht selbst verraten kann, wurde sein Gedächtnis mit einer Blockade belegt. Als er zu recherchieren beginnt, findet Rod heraus, dass man im wahrsten Sinne des Wortes seine Menschlichkeit aufgeben muss, wenn man zu dem werden soll, was Dr. Braggs erreichen will: Er will Menschen in Kyborgs verwandeln, die dort erfolgreich sein können, wo normale Menschen keine Überlebenschance hätten.

Diese Novelle ist ein Musterbeispiel für Frankes sehr nüchternen, manchmal geradezu kargen Stil. Obwohl durchaus spannende Momente vorkommen, liest der Text sich eher wie ein knapper Tatsachenbericht oder wie ein Gedankenspiel, bei dem Handlung, Charakterentwicklung usw. weitestgehend außen vor bleiben. Emotional mitgerissen wird man davon nicht. Rods Geschichte macht für sich genommen ohnehin nur etwa die Hälfte des Büchleins aus, der Rest besteht aus den Erlebnissen des Institutsleiters, der sich in virtuellen Welten in den unterschiedlichsten lebensfeindlichen Umgebungen behaupten und gegen diverse Feinde bestehen muss. Dass der Mensch nicht mehr als solcher bezeichnet werden kann, wenn er zu einem "Übermenschen" werden will oder wenn er sich in etwas transformiert, das in völlig fremden Welten überleben kann, ist in der SF schon immer ein beliebtes Thema gewesen. Neue Aspekte hat Franke dieser Thematik wohl auch 1980, als das Buch erstmals erschienen ist, nicht hinzugefügt. (20.11.2008)

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329
Wächter der Nacht Sergej Lukianenko: Wächter der Nacht
Heyne, 2007
524 Seiten

Neben dem, was die Menschen für die Realität halten, gibt es noch eine zweite, verborgene Welt. Die Legenden über Vampire, Magier, Hexen, Werwölfe und dergleichen haben einen wahren Kern, denn es kommt immer wieder vor, dass magisch begabte Menschen geboren werden, oder dass sie im Verlauf ihres Lebens magische Kräfte gewinnen. Diese Anderen gibt es schon seit prähistorischer Zeit, und sie leben weitgehend unerkannt unter den gewöhnlichen Menschen. Die Anderen altern nicht, sind körperlich weit stärker sowie widerstandsfähiger als normale Menschen und haben verschieden stark ausgeprägte übernatürliche Fähigkeiten. Sie ziehen ihre Macht vor allem aus dem Zwielicht, einer Art Zwischenwelt, die von den normalen Menschen nicht wahrgenommen werden kann und in die die Anderen Kraft ihres Willens überwechseln können. Je nachdem, in welcher Gemütsverfassung ein Mensch sich befindet, wenn er zum ersten Mal ins Zwielicht überwechselt, oder wie er charakterlich veranlagt ist, wird er entweder zu einem Lichten oder zu einem Dunklen Anderen. Die Lichten stehen für das Gute und haben es sich zum Ziel gesetzt, den Menschen zu helfen. Die Dunklen folgen nur ihren eigenen, egoistischen Interessen und nehmen dabei keine Rücksicht auf ihre Opfer. Die Mächte des Lichts und der Dunkelheit führen seit Ewigkeiten Krieg gegeneinander, aber sie sind gleich stark und es kommt nie zu einer Entscheidung.

Um die Verhältnisse einigermaßen zu stabilisieren und zu verhindern, dass die Welt im Chaos versinkt, haben die Mächte des Lichts und der Dunkelheit vor Jahrtausenden einen Pakt geschlossen. Seitdem soll jeder Andere frei bestimmen dürfen, welcher Seite er sich anschließen will, vor allem aber ist es keinem Lichten oder Dunklen Anderen mehr erlaubt, seine magischen Kräfte eigenmächtig einzusetzen – zu welchem Zweck auch immer. Jede magische Intervention muss beantragt und genehmigt werden, Vergehen gegen diese Reglementierung werden im schlimmsten Fall durch Auslöschung des Delinquenten bestraft. Die Wächter der Nacht und die Wächter des Tages wurden als Hüter des Großen Vertrags eingesetzt. Die Nachtwache kontrolliert die Dunklen Anderen und weist ihnen die Opfer zu, ohne die sie nicht existieren können, die Tagwache dagegen sorgt dafür, dass die Lichten Anderen bei ihren Weltverbesserungsbestrebungen nicht über die Stränge schlagen. Beide Organisationen werden von der so genannten Inquisition überwacht. Die Lichten und die Dunklen versuchen immer wieder, ihre jeweiligen Gegner zu überlisten, die Menschen für ihre eigenen Zwecke einzuspannen und neue Andere zu initiieren. Dennoch bemühen beide Seiten sich stets um die Bewahrung des Gleichgewichts.

Dies ist die Geschichte des Lichten Anderen Anton Gorodezki. Er ist ein Magier der Nachtwache und war bisher nur als Systemadministrator in der Verwaltung tätig. Er wird nun aber als Fahnder eingesetzt und soll einen Vampir aufspüren, der ohne Lizenz in Moskau "wildert". Diesen Auftrag erledigt er zwar, stolpert dabei aber – zufällig, wie er glaubt – über Jegor, einen zwölfjährigen Jungen mit starkem magischem Potential. Außerdem wird er auf Svetlana Nasarowa aufmerksam, über der sich ein Unheil ganz besonderer Art zusammenbraut. Unversehens findet er sich mitten in einem Konflikt wieder, dessen Hintergründe er nicht sofort durchschaut. Olga, Antons neue Partnerin, ist keine große Hilfe, denn wegen eines lange zurückliegenden Vergehens wurde sie dazu verurteilt, in Gestalt einer Eule zu leben. Als Anton versucht, Svetlana und zugleich die ganze Stadt zu retten, verliebt er sich in die junge Frau. Diese Liebe hat jedoch keine Zukunft, denn Svetlana ist eine nicht initiierte Andere, der es bestimmt ist, zu einer Großen Magierin zu werden. Da Anton nur über begrenzte magische Fähigkeiten verfügt, würde sie sich so weit von ihm entfernen, dass sie keine gemeinsame Basis mehr hätten. Davon ahnt Anton zunächst noch nichts, außerdem hat er genug damit zu tun, den Kampf zwischen Sebulon, dem Oberhaupt der Moskauer Tagwache, und Boris Ignatjewitsch, Antons Chef und Mentor, zu überleben.

Obige Geschichte, die auch dem gleichnamigen Film zugrunde liegt, ist nur eine von drei Episoden dieses Romans, der wiederum den in sich abgeschlossenen Auftakt zu einer vierteiligen Romanreihe bildet. Die Titel der Geschichten lauten "Das eigene Schicksal", "Der eigene Kreis" und "Im eigenen Saft", und sie dienen natürlich vor allem der Einführung des Wächter-Szenarios sowie der Hauptfiguren, die auch in den Folgeromanen immer wieder eine Rolle spielen werden. Die drei Geschichten stellen eine Einheit dar, d.h. sie bauen praktisch nahtlos aufeinander auf und können nicht getrennt voneinander gelesen werden.

Lukianenkos Wächter-Universum fällt aus dem Rahmen anderer Fantasy-Romane (wenn man es überhaupt in dieses Genre einordnen will) natürlich schon deshalb heraus, weil die Handlung in unserer aktuellen Gegenwart spielt. Verblüffend daran ist die Vermischung echter Fantasy-Elemente mit dem alltäglichen Leben bzw. der "Institutionalisierung des Phantastischen": Ein Vampir kann nicht einfach auf Beutefang gehen, sondern muss sich vorher eine Lizenz besorgen. Hat er keine Lust dazu, muss er damit rechnen, dass die "Polizei" ihm auf die Finger – pardon – Fangzähne klopft. Jeder unerlaubte Einsatz magischer Fähigkeiten wird genau kategorisiert, protokolliert und hinterher abgerechnet, das Ganze wird von Organisationen überwacht, die alle Charakteristika von typischen Behörden aufweisen, zugleich aber mit ganz anderen, übernatürlichen Mitteln arbeiten. Mit Romantik hat das magische Geschehen nicht viel zu tun, stattdessen gelten starre Dienstvorschriften, die peinlich genau eingehalten werden müssen. Kommt es dennoch zum offenen Schlagabtausch, dann wird jedoch ein echtes Feuerwerk magischer Effekte abgebrannt, meist unbemerkt von den normalen Menschen, da das meiste sich entweder im Zwielicht abspielt oder durch Schutzzauber vor den Augen der Normalsterblichen verborgen wird. Diese so (meines Wissens) noch nicht da gewesene Mixtur mutet bizarr an, funktioniert aber prächtig. Lukianenko arbeitet sein komplexes Universum sehr genau aus und macht es zu einer Bühne, auf der selbst die unglaublichsten Geschehnisse stets in sich schlüssig bleiben.

Aber auch sonst bewegt sich "Wächter der Nacht" auf einem völlig anderen Niveau als die Machwerke jener Harry Potter- und Tolkien-Epigonen, die den Markt seit Jahren mit den ewig gleichen Trivialromanen voller Klischees und Genre-Versatzstücken überschwemmen. Hier geht es schon mal nicht um den Kampf zwischen Gut und Böse, sondern um den Konflikt einer Macht, die sich für gut hält (ein feiner, aber entscheidender Unterschied) mit einer anderen Macht, die im Grunde nur ihrer Natur folgt. Der Leser nimmt den Blickwinkel Antons ein, der langsam begreift, dass es weder Gut noch Böse wirklich gibt, sondern nur eine endlose Abfolge von Graustufen – er lebt in einer Welt der Kompromisse, in der er selbst nicht "unbefleckt" bleiben kann. So verwundert es nicht, dass (Achtung: Es folgt ein Spoiler!) all seine Sorgen, Nöte und Probleme nicht primär auf das Konto der Gegner aus dem Lager der Dunklen gehen, sondern auf Intrigen zurückzuführen sind, die sein eigener Chef spinnt, um (noch ein Spoiler!) seine verlorene Geliebte Olga zurückzugewinnen. Dass sowohl der Kommunismus als auch der Nationalsozialismus ausgerechnet Experimente der Lichten Anderen waren, mit denen die Welt hätte verbessert werden sollen, ist ein ziemlich sarkastischer Seitenhieb...

Wie Anton taucht auch der Leser immer tiefer in die Geheimnisse dieser ziemlich düsteren (oder sollte ich sagen: zwielichtigen?) Welt ein und tappt bis zuletzt im Dunkeln. Anton glaubt zwar, die Pläne seines Chefs zu durchkreuzen, ist aber doch nur eine Schachfigur in einem Spiel, das er nicht durchschaut und das eine überraschende Schlusspointe hat. Ich muss zwar zugeben, dass Antons Zweifeln an sich selbst und an seiner Organisation für meinen Geschmack etwas zu breiter Raum eingeräumt wird, dennoch ist der Roman ungemein spannend und macht definitiv Lust auf mehr. Nicht zuletzt auch wegen des besonderen Stils, den ich in Ermangelung eines anderen Begriffs mal "russisch" nennen will. Die drei Folgebände kommen in Bälde dran! (18.11.2008)


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328
John Sinclair Jason Dark: John Sinclair – Die Rückkehr des Schwarzen Tods
Bastei Lübbe, 2007
317 Seiten

John Sinclair wird vor der Rückkehr seines vernichtet geglaubten Erzfeinds gewarnt: Angeblich schickt der Schwarze Tod sich an, aus einer Art Parallelwelt in die Welt der Menschen zurückzukehren und die Macht an sich zu reißen. Tatsächlich ist bereits ein Helfer des Schwarzen Tods, ein Dämon namens Namtar, mit den Vorbereitungen beschäftigt. Stellvertretend für die vier Evangelisten müssen vier Menschen sterben, um das Tor zur anderen Dimension zu öffnen. Die Rückkehr des Schwarzen Tods ist nicht im Interesse anderer Schwarzblüter. Insbesondere Will Mallmann alias Dracula II sieht seine Machtposition bedroht und bietet John Sinclair ein Bündnis an. Zunächst sind Sinclair und dessen Partner Suko nicht bereit, einen Pakt mit dem Bösen zu schließen, doch schon bald müssen sie feststellen, dass sie allein nichts gegen Namtar ausrichten können.

Es gibt nur ein Wort, das diesem Roman gerecht wird: Schund. Ich gelobe, dass ich nie wieder behaupten werde, Perry Rhodan sei Schund. Ich wusste ja nicht, was Schund wirklich ist. Jetzt weiß ich es! Eine derart belanglose, schlecht erzählte, langweilige, wirre und trotzdem vorhersehbare Story ist mir schon lange nicht mehr untergekommen, und ein derartiger Minimal-Wortschatz, ein solches Sammelsurium übelster Klischees, stilistischer Grausamkeiten und lächerlicher Rechtschreibfehler erst recht nicht. Ich frage mich, wer diesen Mist eigentlich geschrieben hat. Ein 15-jähriger Sinclair-Fan? 100 Affen, die zehn Minuten lang auf Schreibmaschinen einhacken durften? Ein Zufallsgenerator, der 100 Wörter immer wieder neu durcheinander gewürfelt hat? Seid mir nicht böse, wenn ich dieses Machwerk nicht ausführlicher in der Luft zerreiße, denn diese Mühe verdient es einfach nicht. (11.11.2008)

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327
Monument für ein Genie Lloyd Biggle jr.: Monument für ein Genie
Moewig Verlag, 1980
306 Seiten, gebunden

Der Raumfahrer Cerne Obrien muss auf einem unbekannten, abgelegenen Planeten notlanden. Er findet dort Menschen vor, die ein einfaches, friedliches und naturverbundenes Leben führen. Auch sie müssen Nachkommen gestrandeter Raumfahrer sein, denn bis auf wenige Ausnahmen ist die komplette Flora und Fauna des Planeten für sie giftig. Sie ernähren sich deshalb fast ausschließlich vom köstlichen Fleisch des Koluf, eines monströsen und schwer zu fangenden Meerestiers. Ansonsten ist der Planet ein wahres Paradies mit ewigem Sommer, wunderschönen Stränden und prächtigen Blumen, in dem es sich sorgenfrei leben lässt, denn die Menschen sind ihrerseits für alle einheimischen Raubtiere ungenießbar und somit ungefährdet. Obrien kann den Planeten nicht mehr verlassen. Er lebt jahrzehntelang unter den Eingeborenen und wird aufgrund seiner Tatkraft und seines Wissens, mit dem er seinem Volk in vielen Situationen helfen kann, zu einem legendären Helden. Eine Sorge quält ihn jedoch bis an sein Lebensende. Sollten jemals andere Raumfahrer zu diesem Planeten kommen, so wäre das Schicksal der Eingeborenen besiegelt, denn dann würde die idyllische Welt zwangsläufig in ein Urlaubsparadies für Superreiche verwandelt werden. Die damit verbundenen Störungen des ökologischen Gleichgewichts würden dann dazu führen, dass die Menschen wegen des Verlusts ihrer einzigen Nahrungsquelle verhungern müssten.

Deshalb beginnt Obrien damit, einen detaillierten Aktionsplan auszuarbeiten, zu dem auch die Ausbildung der Eingeborenen in allen möglichen Wissensgebieten gehört. Dummerweise erweisen die Leutchen sich als ziemlich bildungsresistent. Sie verstehen einfach nicht, was Obrien von ihnen will. Er bläut ihnen jahrelang immer und immer wieder jeden einzelnen Schritt des Plans genauestens ein, und aufgrund seines hohen Ansehens bemühen die Eingeborenen sich, nichts davon zu vergessen. Als nach Obriens Tod tatsächlich einige der von ihm vorhergesagten Ereignisse eintreten, führen die Eingeborenen jeden Schritt des großen Plans wortgetreu durch, obwohl sie keine Ahnung haben, was sie eigentlich tun und warum diese Handlungen erforderlich sind. Ein gewisser Wembling, ein ebenso gerissener wie skrupelloser Geschäftemacher, entdeckt den Planeten und erkennt die Möglichkeiten, die sich hier bieten. Er ist allerdings sehr erstaunt, als die Eingeborenen ihn bekämpfen – und zwar nicht mit Fäusten und Speeren, sondern mit juristischen Winkelzügen und politischer Einflussnahme...

Dieser SF-Roman aus dem Jahre 1974 behandelt mit der Ausbeutung "primitiver" Menschen und der Vernichtung der Natur zu Gunsten eines künstlichen Ferienparadieses zwar allzu reale ernste Themen, aber das geschieht ohne erhobenen moralischen Zeigefinger, sondern mit ironischem Humor. Dass die "armen Wilden" sich auf gänzlich andere Art und Weise wehren können, als man das üblicherweise erwarten würde, ist die zwar verblüffende, aber leider recht unglaubwürdige Pointe des Romans. Man kann sich kaum vorstellen, dass ein einziger Mensch (der zudem als einfacher, sogar ungebildeter Mechaniker beschrieben wird) alle denkbaren Eventualitäten vorhersehen und wirkungsvolle Gegenmaßnahmen entwickeln kann. Ebenso wenig ist glaubhaft, dass die Eingeborenen sich a) überhaupt für Obriens Plan interessieren und ihn b) zum Erfolg führen können, ohne ihn auch nur ansatzweise zu verstehen.

Außerdem basiert die Geschichte auf Annahmen, die zwar in sich schlüssig sind, aber keineswegs zwangsläufig auf genau die hier dargestellte Weise hätten eintreten müssen. Zugegeben: Der Planet hat keine Ressourcen zu bieten, nur Naturschönheiten, die die Errichtung ausgedehnter Hotelanlagen natürlich nahe legen. Die Wiederentdeckung des Planeten hätte aber auch anders ablaufen können. Der Plan hätte jedenfalls kläglich versagen müssen, wenn jemand dort gelandet wäre, der nur ein Interesse daran gehabt hätte, die Eingeborenen zu versklaven. Oder wenn der Planet zwischen die Fronten eines Krieges geraten wäre, wenn Schmuggler o.ä. ihn zu ihrer Basis hätten machen wollen und so weiter. Man könnte sich also auch ganz andere Szenarien vorstellen. Egal – als amüsantes SF-Lesefutter abseits ausgetretener Space-Opera-Pfade taugt die Geschichte allemal. (29.10.2008)


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326
Morphogenesis Michael Marrak: Morphogenesis
Bastei Lübbe, 2005
685 Seiten

Das private Ausgrabungsteam des Archäologen Hippolyt Krispin entdeckt in der libyschen Wüste eine Pyramide, die weit älter als alle bekannten Bauwerke dieser Art ist und darüber hinaus eine sechseckige Grundfläche hat. Als das Team eine versiegelte Kammer im Inneren der Pyramide öffnet, bedeutet das den sofortigen Tod für einen der Forscher sowie den Auftakt einer äußerst merkwürdigen Reise für Krispin. Der Boden der riesigen Kammer ist von einer seltsamen Staubschicht bedeckt, und in einem der dort aufgestellten Sarkophage findet Krispin einen Goldreif in Form einer Schlange. Als er das Schmuckstück berührt, erscheint ihm ein sprechendes Schlangenwesen in einer Vision. Schon am nächsten Tag müssen die Wissenschaftler die Ausgrabungsstätte verlassen, denn die Regierung schaltet sich ein. Krispin verbringt den Abend vor der Abreise in der Stadt und begegnet dort einer jungen Frau, die niemand außer ihm sehen kann. Nachdem sie ihn verführt hat, lässt sie den Goldreif mit seiner Brust verschmelzen und verschwindet. Danach kann Krispin sich nicht mehr an diese Begegnung erinnern.

Ein Taxi holt ihn ab und bringt ihn zum Flughafen, aber die Reise verläuft anders als erwartet. Als sein Flugzeug den Erdball mit unglaublicher Geschwindigkeit umrundet und Krispin dann nicht am vorgesehenen Ziel absetzt, sondern an einem Ort mitten in den Wolken, wo merkwürdige Fabelwesen sich tummeln, glaubt Krispin zunächst, in ein bizarres Forschungsprojekt geraten oder von Außerirdischen entführt worden zu sein. Nach einem wahren Höllenritt erreicht er das Domizil einer schönen Frau, die ihn als ihren Gast willkommen heißt. Noch ahnt Krispin nicht, dass er das Tor zum Totenreich durchschritten und einen Ort betreten hat, der sämtliche Höllen aller Weltreligionen in sich vereinigt. Doch diese Erkenntnis lässt nicht lange auf sich warten, als er dem goldenen Käfig seiner Gastgeberin entflieht. Während er durch das Totenreich irrt und dabei selbst allen denkbaren Qualen ausgesetzt wird, begreift er, dass die Hölle keineswegs nur ein mystischer, irrealer Ort ist, sondern in einem unglaublichen Zusammenhang mit der Entstehung der Menschheit steht...

Dies ist kein Roman im eigentlichen Sinne, sondern eine Ansammlung apokalyptischer Szenen, die durch einen groben Handlungsrahmen zusammengehalten werden. Dass das Buch trotz der Handlungsarmut nicht langweilig wird, liegt an der phantasievollen und detailreichen Ausarbeitung der verschiedenen Höllenszenarien. Dabei muss man aber berücksichtigen, dass die zugrunde liegenden Ideen nicht auf Marraks Mist gewachsen sind – er bedient sich fröhlich bei allen möglichen Religionen, Dichtungen, Mythen und so weiter. Natürlich fügt er (ziemlich bizarre) eigene Gedanken hinzu, vor allem aber schmückt er alles mit ziemlich expliziten Folterungs- und Tötungsszenen aus. Unfreiwillig komisch wird es nur, wenn Marrak den diversen Höllendämonen aktuelle Umgangssprache in den Mund legt. Wer nach den ersten an Indiana Jones erinnernden Kapiteln denkt, es hier mit einem abenteuerlichen Entdeckungsroman zu tun zu haben, der irrt.

Zu entdecken gibt es jedoch eine ganze Menge – zu viel vielleicht, denn das Buch wirkt wegen der Menge verschiedener Schauplätze usw. eher episodenhaft, was durch den Wechsel der Erzählebenen noch verstärkt wird: Krispin (oder das, was von ihm noch übrig ist) existiert nicht nur einmal, sondern doppelt. Immerhin bleibt es nicht bei der Rundreise durch die Hölle. Marrak konstruiert zusätzlich einen ganz eigenen, sehr ungewöhnlichen Schöpfungsmythos, der mit Religion herzlich wenig (und gleichzeitig doch sehr viel) zu tun hat. Wie schon bei Lord Gamma gibt Marrak sich auch diesmal nicht mit Kleinkram ab. Am Ende entsteht eine völlig neue Kosmologie – aber ob es sich um die "Realität" handelt, oder nur um die Phantasien des komatösen Krispin, bleibt dahingestellt. (27.10.2008)


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325
Das Rote Imperium 1 Michael Marcus Thurner: Die Fossile Stadt (Perry Rhodan "Das Rote Imperium" 1)
Heyne, 2008
413 Seiten

Infos zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke meines Archivs. Einfach hier klicken!

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324
Dieter Kühn Dieter Kühn: Tristan und Isolde des Gottfried von Straßburg
Fischer, 2005
859 Seiten

Tristan und Isolde ist eine Erzählung unklaren Ursprungs, die – ebenso wie die Geschichten um König Artus und die Ritter der Tafelrunde – zu den bekanntesten Themen der mittelalterlichen Literatur gehört. Es geht darin um den jungen Ritter Tristan, der sich in die irische Königstochter Isolde verliebt. Eigentlich hätte er sie seinem väterlichen Freund, dem König Marke von Cornwall, als Gattin zuführen sollen, doch ein gemeinsam genossener Liebestrank bringt Tristan und Isolde dazu, Ehebruch zu begehen und schließlich in die Wildnis zu fliehen. Nach der Rückkehr an Markes Hof trennen sich die beiden, können aber nicht voneinander lassen und erleiden schließlich den Liebestod. Eine Besonderheit dieser Geschichte besteht darin, dass es im Gegensatz zu vergleichbaren Werken mittelalterlicher Literatur nicht um die so genannte "Minne" geht, also um die idealisierende Anbetung einer unerreichbaren Frau durch einen Ritter, sondern um die "handfeste" leidenschaftliche Liebe zweier junger Leute.

Von Gottfried von Straßburg, der die Erzählung Anfang des 13. Jahrhunderts ins Mittelhochdeutsche übertragen hat, weiß man sehr wenig. Tristan und Isolde ist sein Hauptwerk, aber er konnte den Versroman nicht vollenden. Dieter Kühn hat dieses immer noch sehr umfangreiche "Fragment" in modernes Deutsch übersetzt und mit einer Art Vor-Geschichte zu Gottfrieds Zeit versehen. Diese Einleitung ist fast so etwas wie Science Fiction oder Fantasy, denn Kühn versetzt sich selbst durch eine Zeitreise ins Straßburg des Jahres 1207, um Gottfried zu suchen. Diese Suche dient ihm als einer von mehreren Aufhängern zur Schilderung der Verhältnisse dieser Zeit, wie er sie sich vorstellt, und zur Vermittlung der wenigen bekannten Fakten über Gottfried. Eine weitere fiktionale Geschichte dieser Art ist die Reise der jungen Kräuterfrau Wanda, die im Auftrag des Fürsten von Krakow nach der Liebesgeschichte forschen soll, die gerüchteweise in Straßburg entsteht. Hinzu kommt ein "Arbeitstagebuch", in dem Kühn seine Motivation und seine Arbeitsweise erläutert. Den Abschluss bilden einige weitere Anmerkungen zum Autor und zur Übersetzung. Das mittelhochdeutsche Original des Versromans ist übrigens nicht enthalten.

Mit diesem Buch erweitert Dieter Kühn seine "Trilogie des Mittelalters" zu einem Vierteiler. Die drei anderen Bücher habe ich vor vielen Jahren gelesen und genau wie in den anderen Werken findet man im Vor-Buch interessante Informationen zum mittelalterlichen Alltagsleben usw., und diese sind ebenso angenehm zu lesen wie der Versroman selbst. Wie viel davon historisch korrekt ist? Keine Ahnung. Jedenfalls ist die Vermischung historischer Fakten mit Fiktionen (es tauchen sogar Figuren aus Computerspielen auf) etwas verwirrend. Ob die Übersetzung des Versromans gelungen ist? Kann ich nicht beurteilen. Mir fällt aber auf, dass der neuhochdeutsche Text sich nur selten und eher zufällig reimt, und dass die Sprache teilweise fast zu modern ist. Sie wirkt manchmal anachronistisch und man vermisst das Gefühl, eine Geschichte aus dem Mittelalter zu lesen. (13.10.2008)

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323
Krull Alan Dean Foster: Krull
Heyne, 1983
252 Seiten

Die Schwarze Festung, Sitz eines mit magischen Kräften ausgestatteten Ungeheuers, landet auf der mittelalterlichen Welt Krull. Die Schergen des Ungeheuers, die so genannten "Schlächter", verbreiten Angst und Schrecken auf der ganzen Welt, vernichten Dörfer und entvölkern ganze Landstriche. Auf diese Weise halten sie das Volk von Krull auf einem niedrigen Zivilisationsniveau, so dass das Ungeheuer die Welt leicht kontrollieren kann. Eirig und Turold, die Beherrscher zweier bislang rivalisierender Königreiche, wollen sich dem übermächtigen Feind gemeinsam entgegenstellen. Die Vereinigung beider Reiche soll ihren Ausdruck in der Vermählung von Prinz Colwyn und Prinzessin Lyssa finden, doch die Hochzeitszeremonie wird durch einen Angriff der Schlächter unterbrochen. Lyssa wird in die Schwarze Festung entführt, beide Könige und all ihre Gefolgsleute werden getötet. Nur Colwyn überlebt. Ynir, ein weiser Einsiedler, steigt aus dem Gebirge hinab, um Colwyn bei der Suche nach Lyssa zu helfen. Er weiß, welches Ziel das Ungeheuer wirklich verfolgt: Es will die magische Kraft vereinnahmen, die in Lyssa schlummert.

Auch Colwyn verfügt über diese Kraft, ahnt davon jedoch zunächst noch nichts. Mit Ynirs Hilfe bringt Colwyn ein mächtiges Schwert an sich und findet Gefolgsleute: Den großmäuligen Magier Ergo, den einstigen Sträfling Torquil sowie dessen Banditen, und einen Zyklopen namens Rell. Um Lyssa befreien zu können, muss zunächst die Schwarze Festung aufgespürt werden. Dieses Bauwerk wechselt jedoch täglich seinen Standort. Ynir weiß zwar Rat und sucht einen Seher auf, doch durch dessen Aktivitäten wird das Ungeheuer auf Colwyn aufmerksam. Es entsendet seine Schlächter und andere, noch gefährlichere Vasallen, um Colwyn aufzuhalten.

Dies ist der Roman zum Fantasyfilm Krull aus dem Jahre 1983. Es handelt sich tatsächlich um einen Roman zum Film, d.h. der Film war zuerst da. Der Film, eigentlich kompletter aus verschiedenen anderen Filmen zusammengeklauter Schwachsinn, gehört auch heute noch zu meinen Favoriten. Das liegt natürlich daran, dass ich ihn damals, als Teenager, im Kino gesehen habe, und dass er alle Elemente enthält, die man für zünftige Fantasy-Action braucht. Alan Dean Foster erzählt die Handlung recht genau nach, dichtet aber ein paar Details hinzu, um die manchmal nicht ganz logische Geschichte schlüssiger zu machen. So wird klarer, was das Ungeheuer eigentlich von Lyssa will. Viele Fragen bleiben aber weiterhin offen, echte Tiefe erhalten die Geschichte und die Charakterzeichnungen immer noch nicht. Da die Schauwerte des Films (ganz zu schweigen vom tollen Soundtrack) wegfallen, konzentriert man sich mehr auf diese Geschichte, und so merkt man erst richtig, wie dünn sie eigentlich ist. Zusätzliche Episoden wie das Backen eines hausgroßen Stachelbeerkuchens für Ergo (mitten in der Wildnis) reißen es auch nicht raus – im Gegenteil...

Insgesamt ist der Roman also eher dürftige, triviale Kost, die leider auch nicht besonders gut übersetzt wurde. Der Herr der Schwarzen Festung trägt im englischen Original den Namen "The Beast". Im Film wurde er mit "Das unbeschreibliche Ungeheuer" zwar ebenfalls etwas merkwürdig übersetzt, im Roman aber mit "Tier" - und das passt so gar nicht auf ein mächtiges, intelligentes Wesen. Die "Slayer" als "Schlächter" zu bezeichnen ist auch nicht so glücklich. Da gucke ich denn doch lieber nochmal den Film. (06.10.2008)


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322
Burn Case Douglas Preston / Lincoln Child: Burn Case
Knaur, 2007
620 Seiten

Zwei unheimliche Todesfälle halten die New Yorker Polizei in Atem und sorgen für abergläubische Unruhe in der Stadt, die von der Sensationspresse weiter angeheizt wird. Natürlich geht die Polizei von Mord aus, aber die Begleitumstände bereiten auch den ermittelnden Offizieren (Captain Laura Hayward und Sergeant Vincent D'Agosta) einiges Kopfzerbrechen. Beide Opfer sind von innen heraus verbrannt, und zwar so, als ob sie sich selbst entzündet hätten. Es sind aber keinerlei Hinweise auf die Verwendung von Brandbeschleunigern oder dergleichen feststellbar. An den Tatorten werden jedoch äußerst merkwürdige Spuren gefunden, die darauf schließen lassen, dass der Teufel höchstpersönlich seine schweflige Hand im Spiel gehabt haben könnte. Als diese Einzelheiten bekannt werden, woran der Journalist Bryce Harriman maßgeblich beteiligt ist, finden sich schnell religiöse Eiferer, die das Ende der Welt nahen sehen. Der selbsternannte Reverend Buck sammelt eine Anhängerschar, die im Central Park kampiert und für eine weitere Verschärfung der Situation sorgt.

FBI-Agent Pendergast schaltet sich in die Ermittlungen ein. Er glaubt zwar nicht daran, dass die bisherigen Opfer dem Leibhaftigen ihre Seele verkauft haben und deshalb von ihm geholt worden sind, aber dass er es mit mindestens einem wahrhaft satanischen Widersacher zu tun hat, wird ihm schnell klar. Hauptverdächtiger ist der brutale und in finstere Waffenschiebergeschäfte verwickelte Magnat Locke Bullard. Zwischen ihm und den beiden Mordopfern gibt es eine noch unbekannte Verbindung, die weit in die Vergangenheit reicht. Pendergast und D'Agosta, die sich von früheren Fällen her kennen, arbeiten zusammen, kommen aber nur mühsam voran, denn sie stoßen auf eine Mauer des Schweigens. Die erste heiße Spur führt sie nach Italien, doch als sie dort – also auf fremdem Terrain – tätig werden, geraten sie in größte Gefahr. Derweil muss Laura Hayward sich mit Reverend Buck herumschlagen, dessen fanatisierte Anhänger allmählich jeden Sinn für die Realität verlieren...

Dies war meine dritte Urlaubslektüre auf Zakynthos im September 2008.

Zugegeben: Die Romane des Autorenduos Preston / Child driften immer mehr ins Triviale und Abstruse ab. Mit dem Superagenten Pendergast haben sie eine Figur erschaffen, die im Zentrum aller neuen Romane steht und um den herum sich seit Formula diverse Nebenhandlungen ranken, die für Verknüpfungen zwischen den einzelnen Büchern sorgen. Pendergast wird zunehmend als eine Art moderner Sherlock Holmes charakterisiert (D'Agosta ist denn auch der typische Dr. Watson, der kaum mehr zu tun bekommt, als sich dumm anzustellen und Stichworte für Pendergast zu liefern), seine Fähigkeiten und Kenntnisse sowie die unermesslichen Abgründe seiner mit allerlei Ausrüstung gefüllten Jackett-Taschen werden immer unglaublicher. Ganz zu schweigen von seiner Familiengeschichte, die in den folgenden Romanen noch wichtiger werden wird. Auch diverse andere Haupt- und Nebenfiguren sowie das Naturhistorische Museum tauchen immer wieder auf. Allmählich entwickeln die Romane sich also zu einer Serie, d.h. man kann die einzelnen (wenn auch immer noch mehr oder weniger in sich abgeschlossenen) Bücher nicht mehr isoliert voneinander lesen, wenn man alles verstehen will. Wer "Formula" und Ritual nicht gelesen hat, wird zum Beispiel nicht wissen, was es mit Pendergasts Mündel auf sich hat. Wer die Folgeromane "Dark Secret" und "Maniac" nicht liest, für den bleibt Pendergast (Achtung! Spoileralarm!) für immer verschollen. Auch die Beziehungen der verschiedenen Figuren untereinander, die hier weiterentwickelt werden, bleiben demjenigen unklar, der außer "Burn Case" keinen der genannten Romane kennt.

Außerdem zugegeben: Dieser Roman enthält eine sehr ausführliche Nebenhandlung, die für den eigentlichen Fall völlig irrelevant ist. Gemeint ist Reverend Bucks Geschichte. Sie wurde offenbar nur eingebaut, um das Buch aufzublähen und den Leser auf eine falsche Spur zu lenken. Man soll glauben, dass der Teufel wirklich seine Hand im Spiel hat, oder dass es sich tatsächlich um Fälle der so genannten "spontanen menschlichen Selbstentzündung" handelt. Natürlich kommt am Ende alles ganz anders, aber diesmal ist die Auflösung so haarsträubend, dass man schon sehr wohlwollend eingestellt sein muss, um sie den Autoren abzukaufen. Oder ihnen nicht übel zu nehmen, dass sie das Buch mit einem weiteren Cliffhanger beenden. Immerhin: Übernatürliche Elemente bleiben dankenswerterweise – soviel sei verraten – weiterhin ausgespart. Die Autoren bemühen sich wenigstens um pseudowissenschaftliche Erklärungen.

So. Diese Kritikpunkte muss man zugestehen. Trotzdem ist der Roman sehr unterhaltsam, was natürlich an den zahlreichen Handlungsebenen liegt, zwischen denen stets dann hin- und her gesprungen wird, wenn sich wieder ein Cliffhanger anbahnt. Das ist der älteste Trick der Welt – aber er funktioniert noch immer. Man kann mit der Lektüre ebenso wenig aufhören, wie man eine angebrochene Kartoffelchipstüte einfach zur Seite legen kann. Und genau wie beim Genuss einer ganzen Chipstüte stellt sich hinterher ein etwas flaues Gefühl ein... (29.09.2008)


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321
Der Canyon Douglas Preston: Der Canyon
Knaur, 2007
552 Seiten

Tom Broadbent findet bei einem Ausritt in einem Canyon in New Mexiko einen tödlich verwundeten alten Mann, der ihm ein Notizbuch in die Hand drückt und ihn bittet, es seiner Tochter Robbie zu bringen, der Polizei aber nichts davon zu sagen. Tom verspricht dem Sterbenden, genau so zu verfahren. Da er zu seinem Wort steht, gerät Tom bald selbst in Konflikt mit dem Gesetz, außerdem bringt er sich selbst und seine Frau Sally in höchste Gefahr, denn das Notizbuch birgt – was er noch nicht ahnt – ein unglaubliches Geheimnis: Den Fundort eines nahezu vollständig erhaltenen Tyrannosaurus Rex. Hinter diesem unschätzbar wertvollen Fossil ist auch der ebenso reiche wie skrupellose Archäologe Iain Corvus her. Dessen Handlanger Jimson Maddox hat den alten Fossilienjäger erschossen und setzt sich nun auf Toms Spur, um das Notizbuch an sich zu bringen. Maddox konnte nur noch ein Bruchstück des Fossils sicherstellen. Dieses übergibt er Corvus, der es von der Laborassistentin Melodie Crookshank untersuchen lässt.

Tom sucht den ehemaligen CIA-Kryptologen Wyman Ford auf, der seit dem Tod seiner Frau in einem Kloster lebt, angesichts des ungewöhnlichen Zahlencodes, mit dem der Text des Notizbuchs verschlüsselt wurde, aber wieder vom Jagdfieber gepackt wird. Während Tom und Wyman schließlich herausfinden, was der alte Fossilienjäger wirklich gefunden hat, macht Melodie eine noch phantastischere Entdeckung. Das von ihr untersuchte Bruchstück enthält merkwürdige Mikropartikel, die eindeutig nicht von der Erde stammen – und die offenbar immer noch aktiv sind. Als sie am Telefon mit Corvus über diese Partikel spricht, fallen bestimmte Schlüsselwörter, die das kybernetische Interesse eines Supercomputers der Regierung wecken, der alle Telefonate abhört. Das Gespräch wird weitergeleitet und lässt jemanden aktiv werden, dessen Spezialeinheit seit der Apollo 17 – Mission des Jahres 1972 nur darauf wartet, dass jemand die Entdeckung macht, über die Melodie mit Corvus spricht. Sein Auftrag besteht nun darin, die Proben sicherzustellen und jeden zu töten, der damit in Berührung gekommen ist.

Die Ereignisse überschlagen sich: Maddox entführt Sally, um die Herausgabe des Notizbuchs zu erpressen, Wyman sucht auf eigene Faust nach dem T-Rex, und nicht nur Corvus gerät in das Visier der Spezialeinheit...

Dies war meine zweite Urlaubslektüre auf Zakynthos im September 2008.

So genannte Wissenschafts-Thriller gibt's ja inzwischen wie Sand am Meer. Gerade Douglas Preston, der schon zahlreiche Romane zusammen mit Lincoln Child geschrieben hat, ist einer derjenigen, die solche Romane in schöner Regelmäßigkeit auf den Markt werfen. Bei dieser Menge ist es inzwischen gar nicht mehr so einfach, einen neuen wissenschaftlichen oder wenigstens pseudo-wissenschaftlichen Hintergrund für phantastische Abenteuer zu (er-)finden. Diesmal ist Preston aber doch wieder ein Roman gelungen, der nicht nur so spannend ist, dass man ihn in einem Rutsch verschlingen könnte, sondern auch eine Pointe enthält, auf die man so nicht unbedingt kommt. Ganz am Schluss, praktisch in den letzten Zeilen, kommt noch ein Clou, der auf verblüffende Weise ein völlig neues Licht auf das Aussterben der Dinosaurier und die Entstehungsgeschichte der Menschheit wirft. Natürlich ist das alles (um was es geht, wird nicht verraten) reine Erfindung, aber es wird so gut in gängige Theorien und wissenschaftliche Erkenntnisse eingebettet, dass man es fast glauben könnte. Diese Elemente haben in Prestons erstem Solo-Roman (Der Codex) fast ganz gefehlt, und sie machen diesen zweiten Solo-Roman zu einem weit besseren Lesevergnügen.

Mit Tom Broadbent und seiner Frau Sally begegnen wir zwei Hauptfiguren aus "Der Codex" wieder, aber man muss diesen Roman nicht gelesen haben, um "Der Canyon" zu verstehen - bis auf diese Hauptfiguren gibt es keine Zusammenhänge. Anscheinend hat Tom sein gewaltiges Erbe noch nicht angetastet, das Ehepaar begnügt sich mit einem einfachen Leben auf dem Lande. Das ist ja noch nachvollziehbar. Aber Toms Beweggründe, mit geradezu manischer Verbissenheit das Versprechen einzulösen, das er einem Sterbenden gegeben hat, sind nicht schlüssig. Dass er selbst dann noch auf eigene Faust handelt, als ihm die Dinge über den Kopf zu wachsen beginnen, kann man dann gar nicht mehr verstehen. Preston gibt sich ohnehin nicht allzu viel Mühe, den Hauptfiguren des Romans charakterliche Tiefe zu verleihen. Sie bleiben eindimensional und mehr oder weniger austauschbar. Man muss auch sagen, dass der Handlungsaufbau nicht gerade neu ist – einige Elemente stimmen sogar genau mit "Der Codex" überein: Ein wichtiger Fund wird gemacht, dessen wahre Bedeutung noch nicht sofort jedem klar ist. Das Objekt muss wiederbeschafft werden und die Helden werden dabei von einem Bösewicht verfolgt, der im Auftrag eines anderen Bösewichts handelt, welcher gern eine weiße Weste behalten möchte. Das kommt einem sehr bekannt vor, wenn man "Der Codex" gelesen hat.

Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist "Der Canyon" ein Buch ganz nach meinem Geschmack, das ich gar nicht wieder aus der Hand legen wollte. (25.09.2008)


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320
Beute Michael Crichton: Beute (Prey)
Goldmann, 2004
446 Seiten

Jack Forman hat seinen hoch bezahlten Job als Programmierer verloren und kümmert sich deshalb zu Hause um den stressigen Nachwuchs: Drei Kinder sind schwerer zu hüten als ein Sack voller Flöhe. Als seine Frau Julia, die in einem Forschungslabor in der Wüste Nevadas arbeitet, immer später nach Hause kommt, im Labor nicht erreichbar ist und zunehmend gereizt wirkt, so dass sie sich immer mehr von ihrer Familie entfremdet, denkt Jack zunächst an Überarbeitung. Julias neuestes Projekt beschäftigt sich mit der Entwicklung mikrominiaturisierter Kameras, die im medizinischen Bereich eingesetzt werden und hochauflösende Bilder unzugänglicher Körperregionen liefern sollen. Die Mikrokameras können selbständig agieren, aber nur im Schwarm können sie ihre Aufgabe erfüllen. Julias Verhalten wird jedoch immer merkwürdiger, so dass Jack zu dem Schluss kommt: Julia muss ein Verhältnis mit einem anderen Mann haben. Er könnte nicht falscher liegen!

Noch ist Jack unschlüssig, was er nun unternehmen soll. Da erreicht ihn endlich ein mehr als attraktives Stellenangebot. Er soll als Berater für genau die Firma tätig werden, für die auch seine Frau arbeitet. Wie sich herausstellt, hat diese Firma ein von ihm entwickeltes Computerprogramm verwendet, um die Nanokameras steuern zu können. Allerdings hat sich ein Schwarm dieser mit einer Art kollektiver Intelligenz ausgestatteten Mikromaschinen selbständig gemacht und reagiert auf keine Befehle mehr. Jack soll den Fehler beheben, aber ihm wird schnell klar, dass man ihm etwas verheimlicht und dass seine Arbeit behindert wird. Es gibt mehr als nur einen außer Kontrolle geratenen Schwarm, und die Nanoroboter wurden in Wahrheit für das Militär entwickelt. Sie sind nicht nur weit intelligenter, als ihre Entwickler annehmen, sondern dank Jacks Programm auch aggressiver, als irgendjemand ahnt...

Dies war meine erste Urlaubslektüre auf Zakynthos im September 2008.

Was zunächst wie eine Art Soap-Opera für allein erziehende Väter beginnt, entwickelt sich irgendwann doch noch zu einem jener typischen Wissenschafts-Thriller, in denen eine mehr oder weniger durch aktuelle Forschungsergebnisse oder Theorien gestützte phantastische Idee als Grundlage für eine abenteuerliche Geschichte benutzt wird. Meist geht es in solchen Romanen um nichts weniger als die Existenz der Menschheit, und auch im Fall von "Beute" hat man es mit einer globalen Bedrohung zu tun, die sich nach dem fast als Cliffhanger gestalteten Ende als das Ende der Menschheit herausstellen könnte. Das Ganze kommt dann noch als Kritik an der Unberechenbarkeit neuer Technologien daher. Leider wirkt das alles zu gezwungen und dramaturgisch schlecht aufgebaut.

Man muss sich zwar nicht gerade durch das Buch hindurchquälen, aber etwas befremdlich wirkt es doch, dass Jacks Familienleben solch breiten Raum einnimmt. Das ist in einem Roman wie diesem nichts anderes als Seitenschinderei. Als der Roman dann endlich Fahrt aufnimmt, gerät die Familie denn auch fast völlig in Vergessenheit. Es geht dann nur noch um den Kampf der Helden gegen die Nanomaschinen, und dieser wird teilweise recht drastisch geschildert. Obwohl die ganze Handlung etwas schief zusammengezimmert wurde, so dass der kalte Wind der Logik hindurchpfeift, kann man es ganz gut "weglesen". Ins Regal stellen muss man es danach aber nicht – ich habe es im Hotel zurückgelassen... (25.09.2008)


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319
Es ist was faul Jasper Fforde: Es ist was faul
dtv, 2007
436 Seiten

Die Buchwelt ist zwar ein sicheres Versteck für Thursday Next, auf die Dauer aber auch ein ziemlich langweiliges. Nach gut zwei Jahren beschließt Thursday, dass es an der Zeit ist, den Job als Chefin von JurisFiction an den Nagel zu hängen und in die reale Welt zurückzukehren. Außerdem sehnt sie sich nach ihrem genichteten Ehemann Landen, und nicht zuletzt braucht ihr kleiner Sohn Friday einen Vater. Also kehrt Thursday heim nach Swindon, begleitet vom Dänenprinzen Hamlet, der vorübergehend nicht in "sein" Shakespeare-Stück zurückkehren darf, weil es dort zu Unruhen gekommen ist, die die ganze Handlung zu verändern drohen. In der realen Welt hat sich in der Zwischenzeit einiges getan. Thursdays Vater ist wieder Mitglied der ChronoGarde, die Auferstehung des Heiligen Zvlkx steht bevor, ein Stalker und eine Killerin (ausgerechnet Spike Stokers Ehefrau) haben sich auf Thursdays Spur gesetzt, die Goliath Corporation will als Glaubensgemeinschaft anerkannt werden und der aus der Buchwelt geflohene Yorrick Kaine schickt sich an, Diktator von England zu werden und einen Krieg mit der Sozialistischen Republik Wales anzuzetteln, der – wie Thursday von ihrem Vater erfährt – zum Untergang der Menschheit führen würde. Als Feindbild für seine Agitation hat Kaine sich ausgerechnet die Dänen ausgesucht.

Thursday wird zwar ohne weiteres wieder als LiteraturAgentin bei SpecOps-27 aufgenommen und kommt mit Friday bei ihrer Mutter unter (wo auch Otto von Bismarck und Lady Emma Hamilton logieren), hat nun aber gleich mehrere Probleme am Hals. Sie muss versuchen, die Ent-Nichtung Landens bei Goliath zu erwirken, den Mordanschlägen zu entgehen, Bücher dänischer Schriftsteller vor der Verbrennung zu retten, einen Shakespeare-Klon aufzutreiben, der "Hamlet" neu schreibt, und den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Da sie nicht an Kaine herankommt, um ihn in die Buchwelt zurückzubringen (jeder, der sich ihm nähert, wird plötzlich zu seinem Anhänger bekehrt), bleibt ihr nach Meinung ihres Vaters nur eine Möglichkeit. Sie muss dafür sorgen, dass die erfolglose Swindoner Krocketmannschaft den SuperHoop des Jahres 1988 gewinnt, wie es von St. Zvlkx schon im 13. Jahrhundert vorausgesagt wurde...

Der vierte Roman mit der sympathischen Heldin Thursday Next ist zwar nicht das letzte Buch ihrer Abenteuer, aber es bringt die bisherige Handlung mehr oder weniger zum Abschluss. Es ist bereits eine Fortsetzung in englischer Sprache erschienen, aber die spielt 14 Jahre nach dem SuperHoop und ist noch nicht (Stand: Oktober 2008) ins Deutsche übersetzt worden.

Im Gegensatz zum dritten Roman (Im Brunnen der Manuskripte) wird diesmal wieder eine gut durchdachte Geschichte erzählt – der seinerzeit vermisste Rote Faden wurde wieder aufgenommen. Im Grunde kann ich kaum etwas Neues schreiben und verweise auf meine früheren Reviews. Wie immer sprüht der Roman nur so vor bizarren Ideen und lustigen kleinen Nebenhandlungen. Endlich kommen auch wieder ein paar verrückte neue Erfindungen von Thursdays Onkel Mycroft zum Einsatz. Thursdays Parallel-Universum wird immer plastischer und bleibt trotz der vielen bizarren Details glaubwürdig. Es passt nach wie vor alles zusammen, und wenn nicht, erfindet Fforde einfach einen zwar haarsträubenden, aber im Kontext durchaus überzeugenden Umweg. Die Buchwelt spielt eine eher untergeordnete Rolle, bricht aber immer wieder in die Realität ein – oder in das, was Thursday für die Realität hält. Leider verzichtet der Autor nicht auf den platten Gag, Thursday in einer pikanten Szene befürchten zu lassen, dass auch sie selbst nur eine Figur in einem Roman sein könnte, der gerade gelesen wird...

Egal – wie immer ist auch dieser Roman wieder bestes Lesefutter. Lobend muss auch erwähnt werden, dass er tatsächlich ein echtes Ende hat. Eine Zeitlang dachte ich wirklich, Fforde würde seine Hauptfigur sterben lassen, und im Grunde macht er das auch. Aber es geschieht auf ganz andere Weise, als ihr jetzt vielleicht denkt, denn wie sollten sonst Fortsetzungen möglich sein? Was mir nicht so gut gefällt, sind die Bezugnahmen auf den Faschismus bzw. den Nationalsozialismus, verkörpert durch die Figur des Yorrick Kaine. Das wirkt denn oft doch allzu dick aufgetragen und wird zuweilen noch nicht einmal durch Ironie entschärft. (11.09.2008)


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318
Und die Eselin sah den Engel Nick Cave: Und die Eselin sah den Engel
Piper, 1998
326 Seiten

Euchrid Eucrow, der stumm geborene Sohn einer gewalttätigen Alkoholikerin und des letzten Sprosses einer durch generationenlange Inzucht geschädigten Familie von Bergbewohnern hat es nicht leicht. Die Familie lebt in einer heruntergekommenen Hütte auf einer Müllhalde, Euchrid wird täglich von seiner versoffenen Mutter misshandelt und sein Vater erträgt diese erbärmliche Existenz nur, wenn er sich abreagiert, indem er die verschiedensten Tiere mit selbstgebauten Fallen fängt und dann aufeinander hetzt. Euchrid ist zwar ein missgestalteter Außenseiter, der nur als Voyeur am "normalen" Leben teilnehmen kann, er ist aber auch intelligent und sensibel. Vielleicht ist genau das der Grund, warum er allmählich immer mehr in den Wahnsinn abgleitet, zu Selbstverstümmelungen neigt und manchmal unerklärliche Blackout-Anfälle hat.

Die Hütte der Familie steht am Rande einer kleinen Stadt, die von der fanatischen Sekte der Ukuliten bewohnt wird. Existenzgrundlage ist der Zuckerrohranbau. Nach einem Jahre andauernden ununterbrochenen Regen, der die Ernte vernichtet, steht der wirtschaftliche Untergang der Stadt bevor (die Menschen sind schon lange in Depressionen verfallen), doch da wird Beth gefunden, die kleine Tochter einer Hure, die von den Stadtbewohnern ermordet worden ist. Plötzlich verziehen sich die Wolken, die Situation normalisiert sich. Die Ukuliten glauben an ein Wunder, doch Euchrid sieht die Sache anders. Er ist davon überzeugt, Gott habe ihm den Auftrag erteilt, Beth zu töten.

Nick Cave dürfte den meisten von euch – wenn überhaupt – als Musiker bekannt sein. Ich zähle ihn schon seit… meine Güte… Ende der Achtziger oder so… zu meinen Lieblingsmusikern, wobei die Band "The Bad Seeds" natürlich nicht unerwähnt bleiben darf. Spätestens seit seinem Duett mit Kylie Minogue ist Nick Cave auch einem größeren Publikum bekannt geworden. Dass er auch einen Roman geschrieben hat, wissen aber die wenigsten. Es handelt sich keineswegs um irgendein plattes Machwerk, mit dem ein Musiker seine eigene Popularität ausnutzen will. Im Gegenteil: Zart besaitete Gemüter werden durch den Roman eher abgeschreckt. Wollte man Rückschlüsse vom Roman auf das Seelenleben Nick Caves ziehen, dann müsste man zu dem Ergebnis kommen, dass dort absolute Schwärze herrscht. Ob das stimmt oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen – wenn ja, dann müsste das Gleiche für mich zutreffen, denn das Buch gehört zu meinen unvergesslichen Lese-Highlights.

Euchrid erzählt seine Geschichte selbst, während er im Sumpf versinkt. Dorthin ist er nach seiner Tat geflohen. Das Buch besteht aus ineinander verschachtelten Rückblicken, bei denen Passagen mit Ich-Erzählungen, Kapitel in der Erzählperspektive einer dritten Person und sachliche Tatsachenberichte ineinander übergehen. Nach den ersten Kapiteln, in denen wir mit den Verhältnissen in Ukulore Valley und in Euchrids Familie bekannt gemacht werden, entwickelt sich ein Roman, der mich beim ersten Lesen (ist schon viele Jahre her) gleichzeitig abgestoßen, aber auch so fasziniert hat, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte – ich musste es in einem Zug durchlesen. Das war diesmal ganz ähnlich. Und nach wie vor fällt es mir schwer, es irgendwie zu kommentieren oder auch nur zu erklären, was daran so faszinierend ist. Jedenfalls kann man deutliche Parallelen zwischen Nick Caves Songtexten und dem Roman erkennen: Allgegenwärtige Düsternis, eine Atmosphäre des Verfalls und Wahnsinns gibt es hier wie dort. Alkoholmissbrauch, extreme Gewalt, totaler Irrsinn, Menschenfresserei, Fanatismus, Dreck, Verwesung, Tierquälerei, Mord, Misshandlungen und Vergewaltigungen, bizarre Visionen, Selbstverstümmelung – all das ist Euchrids Welt, und er beschreibt sie in einer sehr drastischen Sprache. Verrückt bei alldem ist, dass man in diesem Grauen auch noch Humor und Schönheit erkennen kann, oder dass einem der wahnsinnige Mörder Euchrid fast sympathisch wird.

Verstehen kann oder muss man das Ganze allerdings nicht. Ich jedenfalls bin auch nach dem zweiten Lesen noch genauso ratlos wie damals... (04.09.2008)


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317
Der letzte seiner Art Andreas Eschbach: Der letzte seiner Art
Bastei-Lübbe, 2005
350 Seiten

Duane Fitzgerald lebt in dem verschlafenen irischen Städtchen Dingle. Er geht nur selten aus – seine wöchentliche Routine besteht darin, Lesestoff in der Bücherei auszuleihen und die Poststation aufzusuchen, wo regelmäßig eine ganz besondere Lieferung für ihn eintrifft. Die Menschen in Dingle wissen praktisch nichts über ihn, und sollte jemand auf die Idee kommen, Nachforschungen anzustellen, so würde er die Auskunft erhalten, Duane befinde sich in einem Zeugenschutzprogramm. Nur Dr. O'Shea, der Arzt des Städtchens, kennt die Wahrheit. Duane ist das Produkt eines streng geheimen militärischen Forschungsprogramms der USA, dessen Ziel in der Erschaffung technisch aufgerüsteter Supersoldaten bestanden hat, das irgendwann aber eingestellt worden war. Unüberwindbare medizinische Probleme und eine veränderte politische Weltlage waren die wesentlichen Gründe dafür. Duanes Körper wurde mit diversen Implantaten, Kraftverstärkern, Panzerungen und dergleichen ausgestattet, die ihn zu einem unbesiegbaren Übermenschen machen. Allerdings musste er zu Gunsten der Implantate verschiedene Gliedmaßen und Organe opfern, darunter auch den größten Teil seines Darms – die spezielle Nahrung, die er deshalb zu sich nehmen muss, wird ihm regelmäßig mit der Post geschickt. Damit hält man ihn an einer langen Leine, denn ohne diese Lieferungen müsste er verhungern. Nach einigen Jahren im selbst gewählten irischen Exil war Duane trotz seiner Schweigepflicht gezwungen, Dr. O'Shea ins Vertrauen zu ziehen, denn manchmal versagen seine Implantate. Seinen ehemaligen Vorgesetzten verschweigt er diesen Umstand lieber, um nicht in die USA zurückgeholt zu werden.

Eines Tages bemerkt Duane, dass er beobachtet wird. Ein Unbekannter versucht Kontakt mit ihm aufzunehmen und hat damit schließlich sogar Erfolg. Es stellt sich heraus, dass der Mann Anwalt und Menschenrechtler ist. Er will Duane dazu bringen, einen Prozess gegen den Staat anzustrengen. Damit soll die Wahrheit über die Cyborgs ans Licht gebracht werden. Wenig später wird der Anwalt jedoch ermordet. Duane stellen sich nun zwei beunruhigende Fragen: Woher wusste der Anwalt über das Cyborg-Projekt Bescheid – und wer steckt hinter dem Mord?

Eschbach versteht es wirklich gut, spannende Geschichten zu erzählen und selbst das Unwahrscheinliche glaubhaft werden zu lassen. Im Fall dieses Romans gelingt ihm das unter anderem dadurch, dass er reale weltpolitische Ereignisse als maßgebliche Bestandteile in die Geschichte einflicht und sie geschickt mit fiktiven Details ausschmückt. Wenn man darüber nachdenkt, wie viel Geld die USA wohl schon in das kaum weniger illusorische Projekt "SDI" gesteckt haben, dann ist die Idee biomechanischer Kampfmaschinen gar nicht mehr so abwegig. Der Roman enthält neben ein paar netten, manchmal aber auch klischeehaften Schilderungen irischer Eigenheiten eine gute Charakterzeichnung der Hauptfigur, die übrigens als Ich-Erzähler der besonderen Art auftritt (was damit gemeint ist, müsst ihr schon selbst herausfinden). Man kann sich mit Duane identifizieren, seine Leiden wirken ebenso glaubwürdig wie seine Motivation zur Teilnahme am "Steel Man" - Projekt. Nicht schlecht auch die Bezugnahmen auf Seneca, Duanes Lieblingsautoren. Muss ein helles Köpfchen gewesen sein, dieser antike Philosoph. Vielleicht sollte ich mir sein Werk auch mal zu Gemüte führen.

Letzten Endes bleibt aber doch ein etwas schaler Nachgeschmack, denn insgesamt wird die Tragik des aufs Abstellgleis geschobenen Übermenschen, der nie zum Einsatz gekommen ist, nicht weiter ausgearbeitet. Auch Duanes innere Konflikte werden zwar angesprochen, aber nicht vertieft. Sie sind im Übrigen nicht handlungsrelevant. Die Machenschaften des Militärs sind nicht viel mehr als der Aufhänger für eine immerhin gut erzählte Story, in der Action und Gefühl nicht zu kurz kommen. Wobei der Schwerpunkt deutlich auf letzterem liegt, was aber durchaus positiv zu bewerten ist. Duane ist schließlich mehr als nur ein "Terminator", außerdem funktioniert er ja nicht mehr so ganz fehlerfrei... (20.08.2008)


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316
Die Reise auf der Morgenröte C.S. Lewis: Die Chroniken von Narnia – Die Reise auf der Morgenröte
Ueberreuter, 2003
209 Seiten, gebunden

Lucy und Edmund müssen einige Wochen bei ihrem unerträglichen Cousin Eustachius verbringen, weil ihre Eltern mit Susan nach Amerika verreist sind. Eustachius, der sich für besonders klug hält, in Wahrheit aber einfach nur phantasielos ist, hält nichts von den Geschichten über das magische Land Narnia – für ihn sind das Hirngespinste. Als die Kinder ein geheimnisvolles Bild betrachten, das ein prächtiges Schiff auf einem Ozean zeigt, wird Eustachius eines Besseren belehrt. Das Bild wird lebendig und plötzlich finden die Kinder sich auf dem Schiff wieder! Es ist die Morgenröte, König Kaspians Schiff. Während Lucy und Edmund sich freuen, endlich wieder nach Narnia gelangt zu sein (dort sind nach dem Ende des Usurpators Miraz erst drei Jahre vergangen), muss Edmund erst einmal mit seiner Seekrankheit und den für ihn inakzeptablen Verhältnissen auf dem narnianischen Schiff zurechtkommen.

Kaspians Mission besteht darin, sieben treue Lords seines Vaters zu finden, die seinerzeit von Miraz auf eine gefährliche Reise jenseits der Einsamen Inseln geschickt worden sind. Miraz wollte sich auf diese Weise seiner Widersacher entledigen, und Kaspian will nun versuchen, sie zu retten. Auch Riepischiep, der tapfere Mäusegeneral, ist mit an Bord. Er träumt davon, den äußersten Osten und den Rand der Welt zu erreichen, denn dort befindet sich der Legende nach Aslans Reich. Der Weg dorthin ist aber gespickt mit Gefahren und Versuchungen...

Der fünfte Teil der Chroniken von Narnia liest sich episodenhafter als die vorherigen Bücher, was sich aus der Reise von Insel zu Insel ergibt. Dort wird dann ein Abenteuer nach dem anderen abgehakt. Ein "roter Faden" ist deshalb kaum erkennbar. Immerhin begegnet man noch einmal bekannten und lieb gewonnenen Hauptfiguren. C.S. Lewis verbiegt die von ihm selbst erschaffenen "Naturgesetze" Narnias ein wenig, um zu erklären, warum diesmal nur so wenig Zeit vergangen ist. Auf Peter und Susan müssen wir, wie in Band 4 schon angekündigt wurde, ab sofort verzichten. Sie sind zu alt, um noch einmal nach Narnia reisen zu können – man kann sich allerdings fragen, warum dann Eustachius, der ja mindestens so phantasielos wie ein Erwachsener ist, nach Narnia gelangen kann.

Eustachius ist eines von unangenehm vielen Beispielen für den christlichen Symbolismus in diesem Buch. Er ist so etwas wie der ungläubige Thomas oder wie Saulus, der erst zu Paulus konvertiert werden muss. In seinem Fall läuft das Ganze natürlich etwas anders ab; er verwandelt sich in einen Drachen und wird von Aslan "geheilt". Der Glaube macht also einen völlig neuen Menschen aus ihm, weil er durch sein Leid zur Erkenntnis geführt wurde und danach bereit war, für seine Untaten zu büßen. So geht es munter weiter, bis Aslan sich am Ende gar in der Gestalt eines Lammes zeigt und verkündet, Lucy und Edmund könnten ihm auch in ihrer Welt jederzeit wieder begegnen, wenn sie ihn nur suchen würden. Er sei dort unter anderem Namen bekannt. Ja, klar.

Egal – die phantasie- und humorvolle, trotz der für diese Bücher üblichen Knappheit abenteuerliche Reise der Morgenröte ist wieder schönes Lesefutter. Den Rest kann man ja ignorieren. (11.08.2008)


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315
Der Werwolf von Tarker Mills Stephen King: Der Werwolf von Tarker Mills
Bastei-Lübbe, 1988
383 Seiten

Tarker's Mills ist eine ruhige Kleinstadt in Neuengland. Ab dem ersten Vollmond des Januar ereignen sich hier in jedem Monat grauenhafte Morde. Niemand ahnt, dass es sich beim Täter nicht um einen Wahnsinnigen handelt, sondern um einen Werwolf, der unerkannt mitten unter den verstörten Bürgern lebt. Im Juli fällt auch der elfjährige Marty Coslaw, der wegen einer Lähmung an den Rollstuhl gefesselt ist, beinahe der Bestie zum Opfer. Er ist der erste Mensch, der eine Attacke des Werwolfs überlebt. Als Waffe gegen das Ungeheuer setzt er Feuerwerkskörper ein, die er heimlich anzünden wollte. Der Werwolf verliert ein Auge und flieht. Wenig später findet Marty heraus, dass ein bestimmter Bürger von Tarker's Mills neuerdings mit einer Augenklappe herumläuft...

Dieses Buch enthält die Novelle "Das Jahr des Werwolfs" sowie einen Drehbuchentwurf Stephen Kings zur Verfilmung aus dem Jahre 1985. Die Novelle wurde mit sehr schönen Farb- und Schwarzweißbildern von Bernie Wrightson ausgestattet, beim Drehbuch findet man einzelne Schwarzweißfotos aus dem Film. Die Novelle besteht aus 12 Kapiteln, eines für jeden Monat. Ein echter Handlungszusammenhang entsteht erst ab dem Juli-Kapitel. Leider sind die Kapitel insgesamt sehr kurz und lassen die für King sonst typische intensive Charakterzeichnung vermissen. Sie enthalten zwar einige drastische Schilderungen, aber eine echte Horror-Atmosphäre mit ständig ansteigender Spannung entsteht nicht. Man muss dabei berücksichtigen, dass die einzelnen Kapitel ursprünglich in Kalenderform hätten erscheinen sollen, und dass King dieses Projekt aufgegeben hat – sonst hätten die Kapitel noch kürzer sein müssen! Im Drehbuch wird alles etwas besser ausgearbeitet, aber das wiederum kann man natürlich nicht wie einen Roman lesen. Somit ist die Lektüre wegen der ungewöhnlichen Form beider Bestandteile zwar nicht uninteressant, aber auch nicht so unterhaltsam, wie man es von Kings Werken sonst kennt. Schade, dass King den Stoff nie zu einem "echten" Roman ausgearbeitet hat. (04.08.2008)

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314
Die Weisheit des Herzens Dalai Lama: Die Weisheit des Herzens
Goldmann, 2004
256 Seiten

Dieses Buch enthält Texte aus verschiedenen Reden, Artikeln und Interviews des Dalai Lama aus den Jahren 1963 bis 1984. Themengebiete sind vor allem der (tibetische) Buddhismus, das Verhältnis dieser Lehre zu anderen Weltreligionen und ihre (nach Ansicht des Dalai Lama) mögliche heilsame Wirkung auf alle, die ihr Leben nach ihr ausrichten. Es sind auch einzelne Artikel zur tibetischen Frage enthalten, d.h. zur Lage Tibets seit der Besetzung durch die Chinesen. Als Einführung in die buddhistische Philosophie ist das Buch recht interessant, wenn ich auch zugeben muss, dass ich den Überblick bei all den verschiedenen Schulen und sonstigen Untergliederungen des Buddhismus, die kurz angesprochen werden, irgendwann verloren habe. Damit keine Missverständnisse entstehen, erwähne ich nochmals, dass ich Bücher wie dieses nicht etwa lese, um Erkenntnisse für mein eigenes Leben daraus zu gewinnen oder weil ich irgendwelche moralischen Ratschläge brauche. Mich interessiert vielmehr, wie der Autor denkt. Der Dalai Lama ist schließlich auch buddhistischer Mönch, und wenn man ihn besser verstehen will, sollte man wissen, welche religiösen Überzeugungen er vertritt. (04.08.2008)

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313
Im Hyperraum Jeffrey A. Carver: Im Hyperraum
Heyne, 2005
734 Seiten

Dieses Buch enthält zwei Romane aus dem "Sternenrigger"-Universum, in dem auch der mir nicht bekannte Roman "Am Rande der Ewigkeit" spielt.

Panglor

Panglor Balef ist Raumpilot. Seine fachliche Qualifikation ist zwar über jeden Zweifel erhaben, aber er steckt in Schwierigkeiten. Er wird von den skrupellosen Chefs der Firma erpresst, für die er arbeitet. Er soll einen Unfall inszenieren und ein Raumschiff der Konkurrenzfirma beim Übergang ins "Foreshortening" (eine Art überlichtschneller Flug durch Nutzung von Wurmlöchern) vernichten. Durch die lange Einsamkeit während der Raumflüge hat Balef erhebliche psychische Probleme entwickelt. LePiep, ein halbintelligentes, empathisch begabtes kleines Pelztier, ist sein einziger Gefährte. Zu allem Überfluss schleicht sich auch noch ein Blinder Passagier auf seinen halbwracken Frachter. Balef vernichtet das andere Schiff zwar nicht, dennoch kommt es zu einem unkontrollierten Überlichtflug, in dessen Folge beide Schiffe auf einem unbekannten Planeten stranden. Dort ereignen sich mehrere höchst merkwürdige Vorfälle – der ganze Planet ist eine einzige große Unmöglichkeit. Die Naturgesetze scheinen dort nicht mehr zu gelten. Während Balef nach einem Weg sucht, dieser bizarren Welt zu entkommen und den Rückweg zu bewohnten Planeten zu finden, kommt er einem Phänomen auf die Spur, das die gesamte Raumfahrt revolutionieren wird.

Drachen zwischen den Sternen

Panglor Balefs Entdeckung hat der Menschheit eine neue Art der Raumfahrt beschert. Das gefährliche und wenig effiziente "Foreshortening" wurde durch das "Sternenriggen" abgelöst. Besonders begabte Menschen, die so genannten Rigger, können den Hyperraum wie eine fremdartige, sich ständig verwandelnde Landschaft (den "Flux") wahrnehmen, sich willentlich in ihn hineinversetzen und dabei selbst gewaltige Raumschiffe mitnehmen, wobei sie ihre Bewusstseine mit den Computern dieser Schiffe vernetzen. Die Rigger gestalten die fiktive Landschaft des Hyperraums durch ihr eigenes Bewusstsein selbst und suchen nach sicheren Passagen zwischen den bewohnten Sonnensystemen. Sie müssen ihre Gefühle immer unter Kontrolle halten, denn diese nehmen direkten Einfluss auf den Zustand des Flux. Die junge Jael LeBrae ist solch eine Riggerin, aber sie findet keine Arbeit, da man sie wegen der illegalen Machenschaften ihres Vaters bei der Auftragsvergabe immer übergeht. Sie hat deshalb keine andere Wahl, als das Angebot eines zwielichtigen Skippers anzunehmen und sich für einen nicht registrierten Flug zu verpflichten. Schnell wird ihr klar, dass sie in die Gewalt eines Wahnsinnigen geraten ist, der eine suchterzeugende Apparatur nutzt, um sich Jael hörig zu machen. Die junge Frau findet unerwartete Hilfe, als sie das Schiff in eine Region des Flux lenkt, um die sich ungewöhnliche Legenden ranken. Sie findet heraus, dass diese Geschichten wahr sind: Im Flux leben gewaltige Wesen in der Gestalt von Drachen.

Für beide Geschichten gilt: Es handelt sich um eher triviale Space-Operas mit nur geringer epischer Breite und ohne viel "Science". Carver jongliert mit diversen "Fachbegriffen" der SF, ohne sie näher zu erläutern. Auf die Funktionsweise des Foreshortening usw. wird nicht weiter eingegangen, und was das Riggen im Flux angeht, kann man eigentlich nur noch von Fantasy sprechen. Während Carvers offensichtliche Vorliebe für die endlose Schilderung emotionaler Zustände seiner Hauptpersonen im ersten Roman noch einen Sinn hat, weil man dadurch begreift, dass nur ein Verrückter sich auf einem verrückten Planeten zurechtfinden kann, so wirkt das Ganze im zweiten Roman nur noch ermüdend.

Überhaupt fand ich Panglors Geschichte weit unterhaltsamer und amüsanter als die doch sehr an den Haaren herbeigezogene Story von magischen Drachen im zweiten Roman, die zudem von der langweiligen Auseinandersetzung zwischen Jael und ihrem Skipper in den Hintergrund gedrängt wird und irgendwie so wirkt, als habe Carver eigentlich einen ganz anderen Roman schreiben wollen, dann aber sei ihm nicht genug eingefallen, um die Seiten zu füllen. Das launige Geplänkel zwischen Panglor, Alo und LePiep im ersten Roman sorgt immer mal wieder für lustige Momente und die durch mentale Einflüsse gestaltbare irrationale Umwelt des Planeten ist zumindest interessant. Man kann sich in die Hauptfiguren hineinversetzen, es gibt sogar eine kleine Krimi-Geschichte komplett mit Schurken, die es zu bekämpfen gilt. All das trifft auf den zweiten Roman nicht zu.

Leider holpert die Übersetzung an vielen Stellen, außerdem steckt das ganze Buch voller Rechtschreibfehler. Sehr lustig fand ich die Verwendung des Wortes "Limbo". Gemeint ist wohl der Limbus, also die Vorhölle aus der katholischen Theologie. Man verwendet dieses Wort auch, wenn man einen Schwebezustand oder so beschreiben will. Der Tanz ist auf jeden Fall nicht gemeint... (29.07.2008)


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312
Das Schwert der Vorsehung Andrzej Sapkowski: Das Schwert der Vorsehung
dtv, 2008
461 Seiten

Die so genannten Hexer verdienen ihren Lebensunterhalt, indem sie durch die Lande ziehen und für Geld Ungeheuer töten. Die Hexer haben nicht nur große kämpferische Fähigkeiten, sondern können auch in begrenztem Maße Magie einsetzen. Um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern, verwenden sie besondere Elixiere, die für normale Menschen tödliche Gifte wären. Die Hexer sind jedoch keine normalen Menschen. Sie werden von frühester Jugend an für den Kampf ausgebildet und müssen eine in vielen Fällen tödlich verlaufende Prozedur über sich ergehen lassen, durch die ihr Körper mutiert. Nur auf diese Weise können sie ihre besonderen Fähigkeiten erlangen, allerdings werden sie dadurch auch unfruchtbar. Nachwuchs rekrutieren sie, indem sie nach Kindern suchen, die – wie sie glauben – von der Vorsehung dafür bestimmt sind.

Geralt von Riva, der berühmte "Weiße Wolf", ist solch ein Hexer. Er gibt vor, weder unter der Ablehnung vieler Menschen zu leiden, die die Meinung vertreten, die Hexer seien kaum besser als die von ihnen getöteten Ungeheuer, noch darunter, von seiner Mutter ausgesetzt und als Findelkind in die Gilde der Hexer aufgenommen worden zu sein. In Wahrheit ist die angebliche Unfähigkeit der Hexer, menschliche Gefühle zu empfinden, nur eine Legende. Tatsächlich liebt Geralt die Zauberin Yennefer, aber das Schicksal und die selbst auferlegten Zwänge ihrer so außergewöhnlichen Lebensumstände verhindern, dass sie sich dauerhaft aneinander binden können. Sie begegnen sich zwar immer wieder, doch das scheint nur zu geschehen, damit sie sich gegenseitig verletzen können.

Dass die Macht der Vorsehung stärker ist, als er es sich hätte träumen lassen, muss Geralt feststellen, als er eines Tages die kleine Ciri rettet. Wie sich herausstellt, ist sie eine Enkelin der Königin Calanthe von Cintra – und sie ist der Lohn, der Geralt wegen eines Gelöbnisses der Königin zusteht...

Damit ich mich diesmal etwas kürzer fassen kann: Lest meinen Kommentar zum ersten Kurzgeschichtenband aus der Geralt-Saga, um mehr über den Autor, sein Werk und meine Meinung dazu zu erfahren!

Der zweite Band enthält sechs weitere Geschichten. Diesmal sind sie zwar nicht durch eine Rahmenhandlung miteinander verbunden, aber das ist auch nicht nötig, denn im Gegensatz zu den Storys aus dem ersten Buch sind die meisten inhaltlich eng miteinander verknüpft. Auch auf die Geschichten aus dem ersten Band wird mehrmals Bezug genommen, aber stets so, dass man der Handlung auch folgen kann, ohne sie zu kennen. Die neuen Geschichten haben natürlich alle von mir schon seinerzeit gelobten Stärken (ein ungewöhnlicher, zynischer Held, eine realistische und gut ausgearbeitete Welt jenseits langweiliger Fantasy-Klischees, intelligenter Humor und interessante Situationen). Darüber hinaus entsteht durch die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Storys ein weit geschlosseneres und nicht mehr so episodenhaftes Bild. Man erhält auch einige neue Informationen über Geralts Vergangenheit. Ab und zu wurde es mir allerdings fast auch mal zuviel, d.h. manchmal dachte ich: Mann, ich habe schon vor 100 Seiten begriffen, dass Geralt unter seinem Mutantendasein leidet! Sapkowski hätte vielleicht das eine oder andere Mal darauf verzichten können, immer wieder auf der Außenseiterrolle des Hexers herumzureiten.

Aber egal: Auch der zweite Band mit Geralts Abenteuern ist wieder ein echtes Lese-Highlight. Hoffentlich werden auch die in Polen bereits erschienenen Geralt-Romane den Weg nach Deutschland finden! Bei mir würden sie auf jeden Fall den Autobuy-Effekt auslösen. Kennt ihr das? Dass man Bücher bestimmter Autoren oder aus einer bestimmten Reihe automatisch kauft, ohne darüber nachzudenken? (18.07.2008)


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311
Dune 8 Brian Herbert / Kevin J. Anderson: Die Erlöser des Wüstenplaneten
Heyne, 2008
654 Seiten

Während eine Welt des Alten Imperiums nach der anderen von den gewaltigen Flotten des Maschinen-Allgeists Omnius vernichtet wird, bereitet Murbellas neue Schwesternschaft verzweifelt die letzte Verteidigungsschlacht vor, den Kralizec, der das Universum für immer verändern soll. Weil das Gewürz knapp ist, werden immer mehr Raumschiffe mit ixianischen Kompilatoren ausgestattet. Als einzige wirkungsvolle Waffe gegen die Maschinenschiffe kommen die Auslöscher der Geehrten Matres in Betracht, aber die Produktion dieser Waffensysteme kommt nur schleppend voran. Die Lage wird dadurch erschwert, dass nicht jeder von der Notwendigkeit eines Abwehrkampfes überzeugt ist: Manche Menschen halten einen Friedensschluss mit den Denkmaschinen für möglich. Murbella ist jedoch davon überzeugt, dass Omnius die Menschheit vernichten wird, sollte er den Kralizec gewinnen. Niemand ahnt, dass praktisch alle Schaltzentralen der Macht im Alten Imperium von Saboteuren der Neuen Gestaltwandler unterwandert sind. Schließlich wird der Planet Ordensburg, Sitz der neuen Schwesternschaft und einzige bekannte Quelle für das Gewürz, von den Denkmaschinen mit einer tödlichen Seuche angegriffen, während die Flotte sich langsam nähert.

Derweil flieht das Nicht-Schiff ITHAKA weiter vor einer der Besatzung noch unbekannten Gefahr, bei der es sich ebenfalls um Omnius handelt. Inzwischen sind die Gholas von Paul Atreides, Chani, Lady Jessica, Leto II, Stilgar und anderen historischen Persönlichkeiten herangewachsen. Ausgerechnet Wellington Yueh ist der erste Ghola, bei dem die genetisch verankerten Erinnerungen des "Originals" erfolgreich geweckt werden. Die Menschen an Bord der ITHAKA wissen nicht, dass Omnius und der unabhängige Roboter Erasmus nach dem finalen Quisatz Haderach suchen, einem Übermenschen, der den Ausgang des Kralizec maßgeblich beeinflussen wird. Omnius und Erasmus wissen, dass er sich an Bord des Nicht-Schiffes befindet und wollen ihn in ihre Hände bekommen. Da sie vermuten, dass Paul Atreides die gesuchte Person ist, erschaffen sie sicherheitshalber selbst einen zweiten Ghola, der sich unter dem schädlichen Einfluss eines Gholas von Wladimir Harkonnen zu einem gewissenlosen Killer entwickelt.

Die Menschen haben aber nicht nur Feinde, sondern auch Helfer. Norma Cenva – das mächtige "Orakel der Zeit" – sieht ihre Aufgabe darin, Omnius ein für allemal abzuschalten. Die Navigatoren der Raumgilde sind ein wichtiges Element in ihren Plänen, aber die ebenfalls von Gestaltwandlern infiltrierte Gilde ist bereits dabei, die Navigatoren "auszusortieren". Waff, ein Tleilaxu, betreibt geheime Forschungen, die die Erschaffung neuer, genetisch verbesserter Sandwürmer zum Ziel haben. Es gelingt Waff sogar, gigantische Würmer zu erschaffen, die selbst im Ozean überleben können und eine neue, extrem starke Variante der Melange produzieren.

Frank Herbert hat sechs Romane geschrieben, die zusammen den "Wüstenplanet" - Zyklus bilden, aber dieser Zyklus ist nicht abgeschlossen. Frank Herbert ist gestorben, bevor er ihn vollenden konnte. Nun behaupten sein Sohn Brian Herbert und Kevin J. Anderson, Aufzeichnungen mit den Handlungsentwürfen für die von Frank Herbert geplante Fortsetzung gefunden zu haben. Auf der Basis dieser Aufzeichnungen haben sie nicht nur zwei Prequel-Trilogien geschrieben, in denen die Ereignisse aus der fernen Vergangenheit sowie die Geschehnisse beschrieben werden, die unmittelbar vor dem Roman Der Wüstenplanet stattgefunden haben sollen, sondern auch den lang erwarteten Abschluss des Wüstenplanet-Zyklus. Diesen Abschluss haben sie in zwei dicke Romane aufgeteilt. Die Jäger des Wüstenplaneten ist Band 7, "Die Erlöser des Wüstenplaneten" soll das definitive Ende sein. Man kann wohl behaupten, dass die Aufteilung in zwei Romane reine Geldmacherei ist, denn man hätte den Text beider Bücher ohne jeglichen Verlust um die Hälfte kürzen können – so manche Nebenhandlung erweist sich im Nachhinein als absolut sinnlos; es ist Füllsel, das die Bücher dick machen soll, und sonst nichts.

Eins steht fest: Dies ist NICHT der Roman, "auf den Generationen von Lesern gewartet haben", wie der Klappentext behauptet. Die Leser haben auf einen vollständigen letzten Roman aus Frank Herberts Feder gewartet, und nicht auf ein triviales Nichts, das durch endloses Hin und Her, sinnloses Gelaber und absurde Übertreibungen auf mehr als 1300 Seiten aufgepumpt wurde. Ich bezweifle, dass Frank Herbert ein Finale im Kopf hatte, wie es uns hier präsentiert wird, d.h. ob die Vorgeschichte der Prequel-Trilogie, die im finalen Roman wieder entscheidende Bedeutung erlangt, wirklich von ihm stammt. Die ganze Handlung steht und fällt mit diesen Prequels, ohne sie wäre sie kompletter Quatsch. Noch mehr bezweifle ich, dass Frank Herbert längst "abservierte" Hauptfiguren durch die Ghola-Hintertür wieder hereingeholt und zu guter Letzt sogar für die Wiederauferstehung des Wüstenplaneten Arrakis gesorgt hätte.

Wie schon bei Band 7 muss man den Autoren zugute halten, dass der Roman trotz aller Längen insgesamt unterhaltsam bleibt, wenn auch auf dem Niveau eines anspruchslosen Trivialromans, und trotz der totalen Vorhersehbarkeit der kompletten Handlung. Auch muss man zugeben, dass die Autoren wenigstens versuchen, alle Handlungsfäden des Dune-Zyklus zu einem halbwegs überzeugenden Abschluss zu bringen. Also: Wieder mal nichts als seichte Space-Opera, aber wenigstens spielt das Ganze im Dune-Universum, wie wir es kennen. Leider enthält der Text aber auch wieder viele Schreibfehler. (14.07.2008)


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310
Ayla Jean M. Auel: Ayla und der Clan des Bären
Heyne, 2004
605 Seiten

Irgendwann während der letzten Eiszeit: Die zum Aussterben verdammten Neandertaler und die so genannten Cro-Magnon-Menschen (Vorläufer des Menschen der Neuzeit) leben gleichzeitig auf der Erde, aber es gibt kaum Berührungen zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Völkern. Die fünfjährige Ayla wird zur Waise und verliert alle Angehörigen, als die Höhle ihres Stammes bei einem starken Beben von der Erde verschlungen wird. Nackt und einsam irrt sie durch die Wildnis, droht zu verhungern und wird durch den Prankenhieb eines Höhlenlöwen schwer verletzt. Sie verliert das Bewusstsein und wird von kreisenden Geiern aufmerksam beäugt. Dadurch wird jedoch Iza, die Heilerin eines vorüberziehenden Neandertalerstammes, auf das Kind aufmerksam. Auch Izas Clan hat durch das Beben seinen Wohnsitz verloren. Brun, das Stammesoberhaupt, erhebt keine Einwände, als Iza das bewusstlose Mädchen aufnimmt, um es gesund zu pflegen, obwohl allen klar ist, dass das Kind zu "den anderen" (den Cro-Magnon-Menschen) gehört, denen man nur Misstrauen entgegenbringt.

Ayla verliert alle Erinnerungen an ihr früheres Leben und hält Iza für ihre Mutter. Langsam kommt die Kleine wieder zu Kräften, und als sie zufällig eine besonders gut als Wohnstätte geeignete Höhle findet, halten Bruns Leute dies für ein gutes Vorzeichen. Dennoch hat Ayla einen schweren Stand im Clan, denn ihr fremdartiges Aussehen und ihre seltsamen Verhaltensweisen sind für die in alten Bräuchen, Überlieferungen und ritualisierten Handlungen gefangenen Neandertaler nicht nur unverständlich, sondern auch beunruhigend. Iza und ihr Bruder Creb, der zaubermächtige Mog-Ur des Clans, nehmen Ayla unter ihre Fittiche. Sie bringen ihr die Zeichensprache der Neandertaler und die einer Frau gebührende demütige Haltung gegenüber den Männern bei. Als Ayla älter wird, geht sie bei Iza in die Lehre und schickt sich an, zur neuen Heilerin zu werden. Doch ihr wacher Geist und ihre Neugier bringen Ayla immer wieder in Schwierigkeiten. Auch werden ihr die Unterschiede zwischen ihr und den Clanleuten immer bewusster. Besonders Broud, Bruns Sohn und designierter Nachfolger als Stammesoberhaupt, hegt einen unstillbaren Hass auf die junge Frau, die ihm mehrmals den Rang abläuft und eine für ihn unerträgliche Aufmüpfigkeit entwickelt.

Als Ayla eines der strengsten Tabus des Clans bricht – sie fertigt sich selbst eine Waffe an und geht auf die Jagd – können auch Iza und Creb die junge Frau nicht mehr schützen. Ayla wird mit einem Fluch belegt und aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Da sie nicht auf die starre Vorstellungswelt der Neandertaler festgelegt ist, überlebt sie auch diese Prüfung und gewinnt noch höheres Ansehen. Aber damit beginnt ihr Martyrium erst richtig.

Dies war meine zweite Urlaubslektüre auf Malta im Sommer 2008.

Das Buch bildet den Auftakt für eine ganze Serie von Romanen mit Ayla als Hauptfigur. Ich kenne nur diesen ersten und würde ihn keinesfalls als "Historischen Roman" bezeichnen, sondern viel eher als Fantasy. Man muss zugeben, dass die Autorin sich bemüht, ein detailreiches, durch die Archäologie fundiertes Bild des Lebens der Neandertaler zu zeichnen, was ihr auch ganz gut gelingt. Ayla steht deshalb in manchen Kapiteln gar nicht im Vordergrund. Man merkt dann: Aha, jetzt geht’s wieder ans Belehren. Das klingt zwar negativ, ist aber so nicht gemeint – ich will damit nur sagen, dass sich der Roman an diesen Stellen etwas uneinheitlich liest. Was man über die von den Neandertalern verwendeten Werkzeuge und deren Herstellung, die Jagd, die Kräuterkunde usw. erfährt, ist möglicherweise korrekt. Jedoch dürfte viel von dem, was die Autorin zum sozialen Leben der Neandertaler, ihrem Totemglauben, ihren Sitten und Ritualen schreibt, höchst spekulativ und durch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse sogar widerlegt sein. So dumm und frauenfeindlich, wie Auel sie darstellt, waren die Neandertaler wohl doch nicht. Sie geht aber noch weiter und dichtet den Neandertalern eine kollektive Erinnerung an, die bis in vormenschliche Entwicklungsstufen zurückreicht und zu denen sie zurückgeführt werden können. Die Schamanen sind geradezu telepathisch begabt. Interessant ist diese Idee trotzdem: Die Neandertaler haben im Gegensatz zu Ayla erhebliche Schwierigkeiten damit, etwas Neues zu lernen. Sie greifen stets nur auf Bekanntes zurück, und in ihren großen Gehirnen ist praktisch alles gespeichert, was je ein Neandertaler gewusst hat. Man lernt also nicht dazu, sondern "erinnert" sich nur an das ererbte Wissen.

Unabhängig davon hat mir der Roman nicht so sehr gefallen. Ayla wird etwas zu sehr als Superfrau dargestellt, der alles gelingt und die allen überlegen ist. Zugegeben: Ihr Schicksal wird eindringlich geschildert, ihr Charakter (so überzogen er auch ist) und der ihrer Gefährten wird gut ausgearbeitet. Das gilt selbst für Broud, dessen Rolle als Bösewicht wenigstens eine Begründung hat. Aber insgesamt ist die ganze Geschichte doch sehr vorhersehbar. Man kann schon zu Beginn sagen, wie sie ausgehen wird. Vielleicht ist auch der Schreibstil der Grund für mein Missfallen. Ich kenne zwar das englische Original nicht, kann mir aber nicht vorstellen, dass es genauso holprig ist wie die deutsche Übersetzung. Da wird eine Sprache verwendet, die mit "salbungsvoll" noch unzureichend bezeichnet wäre. Die Übersetzerin scheint versucht zu haben, durch eine altertümliche Ausdrucksweise so etwas wie frühgeschichtliche Atmosphäre zu erzeugen. Das ist gründlich in die Hose gegangen, es wirkt unbeholfen und ist an vielen Stellen schlichtweg schlechtes oder falsches Deutsch. Auch fehlen oft Kapitelunterteilungen, aber das ist ein Fehler, für den die Übersetzerin nichts kann. Ich musste mich manchmal zwingen, die Lektüre nicht endgültig abzubrechen. Dann wurde ich aber doch wieder gefesselt – so bleibt ein etwas zwiespältiger Eindruck zurück. (08.07.2008)


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309
Der Codex Douglas Preston: Der Codex
Knaur, 2006
474 Seiten

Tom, Vernon und Philip, die Söhne des Milliardärs Maxwell Broadbent, sind grundverschieden und haben sich wenig zu sagen. Alle drei leiden darunter, die hohen Erwartungen ihres Vaters nicht erfüllt zu haben, und haben ihn seit längerer Zeit nicht mehr besucht. Als Maxwell Broadbent an Krebs erkrankt und erfährt, dass er nicht mehr lange zu leben hat, erlebt er einen Sinneswandel und entwickelt einen Plan, um seine Söhne wieder zusammenzubringen. Den Grundstock zu seinem phantastischen Vermögen hat er vor vielen Jahren durch Grabräuberei gelegt, und auch in den folgenden Jahren hat er sich auf nicht immer legalem Wege zahlreiche Kunstschätze und Artefakte untergegangener Kulturen angeeignet. Nun lässt er sich irgendwo in der Wildnis von Honduras in einer Gruft bestatten – und all seine Schätze, die praktisch das gesamte, 500 Millionen Dollar umfassende Erbe seiner Söhne darstellen, nimmt er als Grabbeigaben mit. In einer letzten Videobotschaft macht er Tom, Vernon und Philip klar, dass sie zusammenarbeiten müssen, um dieses Erbe zu erlangen.

Vernon und Philip brechen sofort auf, um das Grab ihres Vaters zu suchen, allerdings auf getrennten Wegen. Nur Tom, der mit seinem Leben als Tierarzt eigentlich ganz zufrieden ist, bleibt zurück. Doch dann bekommt er Besuch von Sally Colorado, einer jungen Anthropologin, die ihn bewegen will, sich an der Suche zu beteiligen. Zu den von Maxwell Broadbent geraubten Schätzen gehört auch ein so genannter Codex der Maya. Dieses Manuskript enthält vermutlich das gesamte Heilwissen dieses Volkes – und die Kenntnis der genauen Wirkung bislang unbekannter Dschungelpflanzen könnte die moderne Medizin revolutionieren. Tom ist zunächst unschlüssig, aber dann erfährt er, dass seine Brüder möglicherweise in Lebensgefahr sind. Marcus Hauser, ein skrupelloser Privatdetektiv, der mit Maxwell Broadbent noch eine alte Rechnung zu begleichen hat, ist ebenfalls schon auf der Spur des Codex, den er an einen angeschlagenen Pharmakonzern verkaufen will. Hauser ist bereit, über Leichen zu gehen, um dieses unschätzbar wertvolle Buch in seinen Besitz zu bringen. Doch auch die Brüder sind nicht hilflos, zumal sie mitten im Dschungel auf unerwartete Hilfe stoßen.

Dies war meine erste Urlaubslektüre auf Malta im Sommer 2008.

Zusammen mit Lincoln Child hat Douglas Preston eine ganze Reihe so genannter "Wissenschafts-Thriller" geschrieben, deren Besonderheit meist darin besteht, dass sie sich um mehr oder weniger phantastische, manchmal fast "übernatürliche" Geschehnisse mit (pseudo-)wissenschaftlichem Hintergrund ranken. Dieses Element fehlt in "Der Codex" völlig. In Prestons Solo-Roman wird einfach nur ein solides Dschungelabenteuer mit Anklängen an "Indiana Jones" erzählt. Das schadet dem Roman aber durchaus nicht, wenn ich auch gestehen muss, dass ich bis zuletzt auf den "besonderen Clou" gewartet habe, der die Romane von Preston und Child auszeichnet. Der Codex selbst ist jedenfalls keine überraschende Idee dieser Art, im Grunde ist er sowieso nur der Aufhänger für die Verfolgungsjagd und spielt ansonsten keine Rolle. Die Story bezieht ihre Spannung aus dem ständigen Wechsel der Handlungsebenen, und dieser Kunstgriff funktioniert recht gut. Es entwickelt sich eine meist kurzweilige Hatz, bei der die Schurken den Helden bis zuletzt immer eine Nasenlänge voraus sind. Allerdings ist die Story nicht frei von gewissen Längen, außerdem ist manches auch vorhersehbar.

Die verschiedenen Protagonisten werden so gut charakterisiert, dass ihr Schicksal dem Leser nicht gleichgültig ist. Leider bleiben sie insgesamt jedoch ziemlich klischeehaft: Der skrupellose, durchgedrehte Bösewicht (Hauser), der schlitzohrige Alte (Don Alfonso – trotzdem eine meiner Lieblingsfiguren), der edle Wilde (Borabay), die schöne und leicht zickige Wissenschaftlerin (Sally) und so weiter. Tom, die Hauptfigur des Romans, ist mir ein wenig allzu heldenhaft. Die Szenen, in denen er es mit einer Anakonda und einem Jaguar aufnimmt, würden eher in einen Actionfilm mit Arnold Schwarzenegger passen.

Trotz unübersehbarer Schwächen ist "Der Codex" eine bestens für den Urlaub geeignete, unterhaltsame Lektüre mit nett dargestellter Dschungelatmosphäre. Auch der Humor kommt nicht zu kurz. (08.07.2008)


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308
Hars Wolfgang Hars: Männer wollen nur das Eine und Frauen reden sowieso zu viel
Fischer, 2002
255 Seiten

Der Titel dieses Buches klingt wohl nicht zufällig so ähnlich wie der eines Bestsellers von Allan und Barbara Pease. Hars stellt einige alte und neue Vorurteile, Mythen und Klischees in Bezug auf Männer, Frauen und ihren Umgang miteinander zusammen. Diese werden unter Bezugnahme auf die Ergebnisse diverser Studien als wahr oder falsch bezeichnet. Für den Leser ist das nicht nachprüfbar, er müsste es dem Autor also einfach glauben. Wir lernen, dass Frauen schlechter einparken können als Männer, dass Männer wirklich immer das Eine wollen, dass Frauen das bessere Sprachverständnis haben und auch nachweislich doppelt so viel reden als Männer, dass Schokolade bei Liebeskummer hilft, Lakritz aber tödlich für Spermien ist – und so weiter und so fort. Das alles wird kurz und knapp präsentiert, zum Glück auch mit einem gewissen Augenzwinkern, denn als fundierte wissenschaftliche Abhandlung darf man dieses Buch keinesfalls verstehen. Viel zu viel wird verallgemeinert, allzu sehr vereinfacht oder als selbstverständlich vorausgesetzt, nichts wird genauer hinterfragt. Teilweise widersprechen die zitierten Forschungsergebnisse sich übrigens auch selbst. Ganz abgesehen davon, dass einige der hier zusammengefassten "Erkenntnisse" schon einen ellenlangen Bart haben. Wer meinen Geschmack kennt, wird sich wahrscheinlich fragen, warum ich dieses Buch überhaupt gelesen habe. Nun – es wurde mir von jemandem geschenkt, der meinen Geschmack nicht kennt... (16.06.2008)

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307
Stanislaw Lem: Sterntagebücher
Suhrkamp, 2001
525 Seiten

Dieser Band enthält neben den eigentlichen Sterntagebüchern, also den Reiseberichten des Raumfahrers Ijon Tichy, noch einen zweiten Abschnitt mit Erzählungen der gleichen fiktiven Person. Ijon Tichy ist eine Art "Münchhausen des Weltalls", und seine Reiseerlebnisse sind mindestens ebenso phantastisch wie die des historischen Lügenbarons. Mal gerät er in diverse Gravitationsfelder, die die Zeit verzerren, so dass er mehreren zukünftigen Ausgaben von sich selbst begegnet, die er dann wieder "einholt". Dann nimmt er an einer Konferenz teil, bei der entschieden werden soll, ob die Menschheit würdig ist, in die Gemeinschaft aller Milchstraßenvölker aufgenommen zu werden – dummerweise haben die Menschen außer weit entwickelten Waffen keine großen Errungenschaften vorzuweisen. Später reist er zu einem Planeten, der angeblich von einer menschenfeindlichen Roboterzivilisation bevölkert ist, aber es stellt sich heraus, dass es sich um Menschen in Roboterverkleidung handelt. Schließlich geht er auf Kulupenjagd (diese gigantischen Wesen kann man nur von innen jagen), zwischendurch erschafft er das gesamte Universum und betätigt sich ergebnislos als Zeitkorrektor.

Die meisten Reiseberichte haben zwar durchaus einen humoristischen Ton, nicht zuletzt werden die Verhältnisse im sozialistischen Polen auf die Schippe genommen. Tichy (bzw. Lem) kommt aber immer wieder ins Philosophieren, so dass manche Reiseberichte zu langen und sehr trockenen Essays über soziale Fragen, Theologie und dergleichen werden. Ähnlich ist es im zweiten Teil des Buchs, allerdings fallen die darin versammelten Geschichten deutlich düsterer aus. Lem benutzt mehrmals das Klischee des "verrückten Erfinders": Tichy besucht verschiedene Wissenschaftler, die auf die eine oder andere Weise versuchen, das menschliche Bewusstsein zu kopieren oder Roboter zu bauen, die nicht von Lebewesen zu unterscheiden sind. Auch hier werden allgemeine gesellschaftliche Probleme karikiert, in Die Waschmaschinen-Tragödie und Vom Nutzen des Drachen wird z.B. der Konsumwahn auf die Spitze getrieben. Gleichzeitig parodiert Lem beliebte Versatzstücke der Science Fiction (der er selbst bis auf wenige Ausnahmen eher ablehnend gegenüberstand), wozu natürlich die Figur des naiven und gar nicht zum Klischee des Weltraumhelden passende Figur des Ijon Tichy enorm beiträgt.

Zweifellos haben die Sterntagebücher eine literarische Qualität, die der weit verbreiteten SF-Massenware durchweg fehlt. Für einen unbedarften Leser wie mich wirkt vieles daran aber einfach nur ermüdend. Man hat manchmal den Eindruck, selbstverliebte Kabinettstückchen zu lesen, die besser um die Hälfte gekürzt worden wären... (16.06.2008)

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306
Paycheck Philip K. Dick: Paycheck – Die Abrechnung
Heyne, 2003
381 Seiten

Es ist ja schön, wenn anlässlich der Verfilmung einer Kurzgeschichte Philip K. Dicks mal wieder ein Buch mit dieser und insgesamt 11 weiteren Storys herausgebracht wird. Diesen Band dann aber als "Buch zum Film" zu bezeichnen, ist eine Frechheit. Wenn schon, dann gibt es einen Film zum Buch! Auch den möglicherweise vorhandenen Fans des Films gegenüber (ich gehöre nicht dazu, den Film fand ich eher öde) ist diese Bezeichnung unfair, zumindest dann, wenn sie Philip K. Dick und sein Werk nicht kennen. Die Geschichte, auf welcher der Film basiert, ist nun einmal sehr kurz und der Film ist recht frei mit ihr umgegangen. Wer also eine "Novelization" erwartet, d.h. die Romanfassung dieses Films, der dürfte enttäuscht sein. Man muss auch bedenken, dass alle in diesem Buch versammelten Storys schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Die Titelstory stammt aus dem Jahre 1953!

In der Kurzgeschichte Paycheck geht es um den Techniker Michael Jennings, der zwei Jahre lang unter extremen Geheimhaltungsbedingungen für die Firma Rethrick Construction gearbeitet hat. Er kann sich nicht an diese zwei Jahre erinnern – vor Beginn seiner Tätigkeit hat er einer Gedächtnislöschung zugestimmt. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass die Sicherheitspolizei (die Rethrick nur zu gern stürzen würde) herausfinden kann, woran Jennings überhaupt gearbeitet hat und wo die Fabrikationsstätten versteckt sind. Den Lohn für seine Arbeit und den Verlust zweier Jahre stellt Jennings sich fürstlich vor, aber zu seiner Überraschung wird ihm beim Verlassen der Firma lediglich ein Beutel überreicht, der sieben alltägliche Gegenstände enthält: Einen Codeschlüssel, eine abgerissene Eintrittskarte, eine Paketannahmebescheinigung, etwas Draht, einen halben Pokerchip, einen grünen Stoffstreifen und eine Busmünze. Er selbst hatte der Umwandlung seines Lohns zugestimmt und diese Objekte ausgewählt. Dass sie nur scheinbar wertlos sind, stellt Jennings fest, als er von der SP verhaftet wird und nur mit Hilfe des Drahts fliehen kann. Als er später auch einige der anderen Gegenstände in bestimmten Momenten dringend braucht, wird ihm klar, dass sein "früheres Ich" genau gewusst haben muss, was ihm nach dem Verlassen der Firma zustoßen würde. Und so macht er sich auf eine Schnitzeljagd der ganz besonderen Art, durch die er einem phantastischen Geheimnis auf die Spur kommt.

Diese Kurzgeschichte eignet sich natürlich hervorragend als Basis für einen Film; man fragt sich immer, welche Bedeutung wohl der nächste Gegenstand haben mag. Ein Thema, das P.K. Dick immer wieder in seine Geschichten einbaut – die Suche nach der eigenen Identität bzw. das Infragestellen dessen, was man für die Realität hält – findet sich natürlich auch hier. Die meisten anderen Storys zielen auf eine Schlusspointe ab, enthalten aber ebenso viele tragische wie komische Elemente sowie böse Seitenhiebe auf die US-amerikanische Kultur. Am heftigsten vielleicht in Die Präpersonen: Per Gesetz wurde festgelegt, dass ein Kind erst im Alter von 12 Jahren, wenn es höhere Mathematik versteht, eine Seele haben kann und somit bis zu diesem Zeitpunkt getötet werden darf – man hat also einfach die Altersgrenze für eine "Abtreibung" heraufgesetzt. Die Argumente, die zur Legalisierung herangezogen werden, sind die gleichen wie heute...

Das Buch enthält außerdem ein Vorwort von Sascha Mamczak, in dem das Genre der Science Fiction-Filme gegeißelt wird. Mamczak mag Recht haben – viele SF-Filme verdienen diese Bezeichnung aufgrund wissenschaftlicher Ungereimtheiten usw. nicht – aber er übersieht, dass Film und Literatur zwei grundverschiedene Ausdrucksformen sind. Deshalb kann ich seine Kritik an Weltraummärchen wie Krieg der Sterne auch nicht ganz nachvollziehen. Er schreibt übrigens rein gar nichts zu der Frage, ob Paycheck denn nun seiner Meinung nach gut oder schlecht verfilmt worden ist. (09.06.20088)

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305
Eragon Christopher Paolini: Eragon
Blanvalet, 2006
734 Seiten

Der 15-jährige Eragon lebt in Carvahall, einem kleinen Dorf im Land Alagaesia. Er kennt seine wahre Herkunft nicht und wächst bei seinem Onkel Garrow auf. Eines Tages entdeckt er bei der Jagd einen großen blauen Stein, der makellos glatt und unzerstörbar ist. Dieser Fund verändert Eragons Leben völlig, denn der Stein ist tatsächlich ein Drachenei. Noch ahnt Eragon nicht, dass er ein Drachenreiter ist, und zwar der erste dieser Gilde seit Generationen. Einst waren die mit magischen Kräften begabten Drachenreiter die Garanten für Recht und Ordnung im Land, doch sie wurden verraten und fast völlig vernichtet. Galbatorix, damaliger Anführer der Verräter, hat sich zum König aufgeschwungen. Er hortet die letzten Dracheneier, doch es gelingt ihm nicht, die Drachen zum Ausschlüpfen zu bewegen, denn das tun sie nur, wenn ein würdiger Reiter in der Nähe ist. Das Ei, welches sich nun in Eragons Besitz befindet, war Galbatorix gestohlen worden. Seine Schergen suchen bereits danach, denn mit einem Drachenreiter in seinen Diensten könnte Galbatorix seine Macht über ganz Alagaesia ausweiten.

Der im Ei schlummernde Drache befindet Eragon offenbar für würdig und schlüpft aus. Der Junge hält dies geheim. Er gibt dem schnell heranwachsenden Drachen den Namen Saphira – diesen Namen erfährt er von dem alten Geschichtenerzähler Brom, der ebenfalls in Carvahall lebt. Während Saphira zu einer stattlichen Drachendame wird, entsteht ein mentales Band zwischen ihr und dem Jungen. Die beiden werden Freunde. Dann wird Garrows Hof von unheimlichen Wesen vernichtet, die als Ra'zac bezeichnet werden, als Eragon gerade nicht da ist. Nach Garrows Tod nimmt Brom den Jungen unter seine Fittiche und bildet ihn zu einem Drachenreiter aus – er selbst war einst ebenfalls einer dieser legendären Krieger und Eragon könnte die letzte Hoffnung im Kampf gegen Galbatorix sein. Eragon hat nur ein Ziel: Sich an den Ra'zac zu rächen. Allerdings muss er schnell begreifen, dass er selbst der Gejagte ist, und dass er sich schnellstens alle Kampf- und Magiekünste aneignen muss, die Brom ihm vermitteln kann, um überhaupt eine Überlebenschance zu haben.

Ich hatte mir die "Eragon"-Verfilmung des Jahres 2006 angeschaut, ohne den zugrunde liegenden Roman zu kennen. Da ich mir nicht vorstellen konnte, dass das Buch genauso konfus und langweilig sein könnte wie dieser ziemlich missratene Film (schließlich hat es ja große Erfolge gefeiert), habe ich es mir jetzt mal zu Gemüte geführt. Das Buch hat zwar auch seine Schwächen, ist aber immer noch erheblich besser als der Film. Der übrigens in vielen Details vom Roman abweicht, auf die ich hier nicht näher eingehe.

Man kann zwar zunächst kaum glauben, dass Christopher Paolini dieses trotz des großen Umfangs gut durchkonstruierte Buch im zarten Alter von 15 Jahren geschrieben haben soll, aber bei der Lektüre merkt man dem Werk dann doch eine gewisse Naivität an. Dass Paolini eine einfache Sprache ohne stilistische Schnörkel verwendet, und dass die abenteuerliche Geschichte kaum Tiefgang hat, ist zwar unübersehbar, aber es macht das Buch zu einer leicht lesbaren, insgesamt ganz angenehmen Lektüre. Etwas störender macht sich – bei aller nicht zu leugnender Ideenvielfalt – bemerkbar, dass Paolini sich immer wieder bemüht, dem großen Vorbild Der Herr der Ringe nachzueifern. Anleihen bei Krieg der Sterne sind ebenso deutlich. Ein Versatzstück reiht sich an das andere, und so hat man sehr oft das Gefühl, all das so ähnlich schon mal gelesen zu haben.

Dennoch: Die Figuren- und Landschaftsbeschreibungen sind gut ausgearbeitet und phantasievoll, es gibt ordentlich Action (ein Kinderbuch ist das jedenfalls nicht) und Humor. Es gelingt Paolini durchaus, die Hauptfiguren, so klischeebeladen sie auch sein mögen, für den Leser zum Leben zu erwecken. Soweit geht das Buch also in Ordnung. Echte Spannung kommt aber auch nicht auf. Man hat nie das Gefühl, dass Eragon in Gefahr ist, außerdem ist der gesamte Handlungsverlauf von A bis Z vorhersehbar. Dennoch habe ich mich nicht gelangweilt und werde sicher irgendwann auch mal den zweiten Teil lesen. Muss ich wohl auch, wenn ich wissen will, was aus dem Kampf gegen Galbatorix wird, wo Eragon eigentlich herkommt und so weiter – zahlreiche Fragen bleiben nämlich am Ende des Romans offen. (02.06.2008)


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304
The Ring 0 Kôji Suzuki: Birthday – The Ring 0
Heyne, 2006
206 Seiten

Dieses Büchlein enthält drei Kurzgeschichten, die im "Ring-Universum" angesiedelt sind und als Ergänzung oder Erweiterung der ersten drei "Ring"-Romane angesehen werden können. Sie sind durch kleine Bezugnahmen auch miteinander verknüpft.

Der im Himmel treibende Sarg ist eine Episode, die man als verlorenes Kapitel des Romans Spiral – The Ring II bezeichnen könnte. Darin wird beschrieben, wie Mai Takano ihr Ende bei der "Wiedergeburt" Sadakos in einem schmalen Lüftungsschacht findet. Suzuki geizt hier nicht mit der Beschreibung unschöner Szenen. Es reicht eigentlich schon, sich Mais Situation zu vergegenwärtigen, das unartige Benehmen des bösartigen Neugeborenen sorgt darüber hinaus noch für einen gewissen Ekel-Effekt.

Lemonheart ist ein Rückblick auf Sadakos Vergangenheit, in dem schon klar wird, dass sie nicht nur extrem nachtragend ist, sondern auch nicht zwischen Freund und Feind unterscheidet. Sadako ist in dieser Geschichte noch Mitglied einer Theatertruppe und erlebt dort womöglich ihre einzige glückliche Zeit – allerdings nicht lange. Diejenigen, die ihr Glück zerstören, müssen das selbst noch nach Sadakos Tod bereuen. Diesmal nutzt sie keine Videocassette, sondern ein Tonband als Instrument ihrer Rache. Diese Geschichte enthält zwar ein wenig von der "geisterhaften" Atmosphäre des ersten "Ring"-Romans, ist aber im Grunde eine tragische Liebesgeschichte.

Happy Birthday ist eine direkte Fortsetzung von Loop – The Ring III. Man erfährt, dass Kaoru es tatsächlich schafft, Sadako in der Virtuellen Realität zu besiegen und vermutlich in Gestalt seines eigenen Kindes in der Realität wiedergeboren zu werden. Jedenfalls interpretiere ich die letzten Zeilen der Geschichte so. Für die Geschichte gilt das, was ich schon zum Roman geschrieben habe: Die pseudowissenschaftliche Erklärung für Sadakos "Fluch" ist völlig missraten.

Hinzu kommen ein Nachwort von einem gewissen Akira Mitsuhashi (kenne ich nicht), sowie eine Art Stammbaum, der verdeutlicht, wie die einzelnen Romane, Geschichten und Filme des "Ring-Universums" zusammenhängen.

Die drei "nicht verwendeten Szenen" dieses schmalen Bandes sind zwar für das Verständnis der Romane nicht erforderlich, aber sie ergänzen diese sinnvoll und bieten meiner Meinung nach sogar mehr Spannung und Charakterzeichnung als die Romane. Sie hätten daher sicher auch den einzelnen Romanen gut getan. Dennoch gilt auch für die Storys wieder: Suzuki schreibt kurz und knapp, er geht nicht in die Tiefe und deutet vieles nur an. Von dem "Horror", den Werbung und Covertext uns reißerisch anpreisen, findet man auch in diesem Buch keine Spur. (26.05.2008)

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303
Im Brunnen der Manuskripte Jasper Fforde: Im Brunnen der Manuskripte
dtv, 2008
415 Seiten

Thursday Next hat sich vor ihren Feinden (der mächtigen Goliath-Corporation und Aornis, der Schwester des Superverbrechers Acheron Hades) in die Buch-Welt geflüchtet. Landen Parke-Laine, ihr Ehemann, wurde durch ein von Goliath herbeigeführtes Zeitparadoxon "genichtet", so dass er nur noch in Thursdays Erinnerungen lebt. Dem Zugriff ihrer Widersacher konnte Thursday sich nur durch ihre Fähigkeit entziehen, die Handlung von Büchern quasi zu "betreten". Dummerweise hat sich Aornis in Thursdays Bewusstsein festgesetzt und versucht nun, alle Erinnerungen an Landen auszulöschen. Damit will sie sich dafür rächen, dass Thursday Acheron getötet hat. Thursday versteckt sich nun in der Handlung des Schundkrimis "Caversham Heights", wo sie sich im zu einem Hausboot umgebauten Wasserflugzeug einer Nebenfigur häuslich einrichtet. Der Roman liegt tief im Brunnen der Manuskripte, wo alle noch nicht veröffentlichten Bücher ihrer Erstausgabe harren. Während sie zunächst nur halbherzig der Handlung folgt, muss Thursday einige Aufträge für JurisFiction ausführen, denn in dieser literaturinternen Polizeitruppe wurde sie als Auszubildende angestellt. Gleichzeitig muss sie sich mit Ibb und Obb herumschlagen, zwei Figuren-Rohlingen, die noch keinen eigenen Charakter haben. Außerdem trifft auch Thursdays Großmutter in "Caversham Heights" ein, um ihr im Kampf gegen den Gedächtnisverlust beizustehen.

Doch auch ihre Arbeit bei JurisFiction trägt dazu bei, dass Thursday nicht mehr ständig an Landen denkt. Zunächst einmal muss sie unter der Anleitung von Miss Havisham (einer Figur aus dem Roman "Große Erwartungen") ihre Prüfungsarbeiten bestehen, außerdem kommt es zu mehreren unerklärlichen Mordfällen in den Reihen von JurisFiction, in deren Zusammenhang auch ein gefährlicher Minotaurus aus seinem Gefängnis entkommt. Im Rahmen ihrer Ermittlungen gerät Thursday selbst in Lebensgefahr, und zu guter Letzt steht immer noch die Gerichtsverhandlung wegen ihres Eingriffs in die Handlung des Romans "Jane Eyre" auf der Tagesordnung. In dieser Zeit stehen in der Buch-Welt ohnehin große Umwälzungen an. UltraWord, ein neues Betriebssystem, das die bisher übliche Projektion belletristischer Texte in das Bewusstsein des Lesers revolutionieren soll, steht kurz vor der Veröffentlichung. Dieses mit allerlei bunten Gimmicks ausgestattete System würde vielen Interessenten – nicht nur in der Buch-Welt, sondern auch im realen Universum – einen enormen Zuwachs an Macht und Geld sichern. Könnte das ein Motiv für die Morde sein?

Thursday Nexts drittes Abenteuer führt die in den ersten beiden Romanen begonnene Handlung nur geringfügig weiter. Es geschieht nicht viel, was in der "realen Welt" - also in Thursdays fiktivem Universum – relevant wäre. Im Grunde besiegt sie nur das in ihrem Bewusstsein verankerte Aornis-Fragment und bewahrt sich die Erinnerungen an Landen. Am Ende des Romans ist von ihrem selbstgewählten einjährigen Exil nur ein Teil vergangen. Im Zentrum der Geschichte steht stattdessen die Ausarbeitung der Buch-Welt, und das gelingt dem Autor auch recht gut. Genauer gesagt: Der Roman sprüht wieder nur so vor verrückten Ideen! Kein Wunder, schließlich ist in der Buch-Welt nichts unmöglich, und so kann Fforde seine Phantasie noch wilder spielen lassen als je zuvor. Leider sorgt genau das aber dafür, dass der Roman insgesamt etwas uneinheitlich, fast episodenhaft wirkt. Thursday wird meist nur von einem Schauplatz zum nächsten gejagt, damit dieser sowie die absonderlichen (Literatur-)Gestalten, die dort hausen, ausführlich vorgestellt werden können.

Bei aller Ideenvielfalt vermisst man den roten Faden – man fragt sich, wann es denn nun endlich mit der eigentlichen Geschichte weitergehen mag. Durch die vielen Nebenhandlungen geht die Spannung etwas verloren. Verloren geht (durch die Übersetzung) auch viel vom Wortwitz, den das englische Original vermutlich enthält. Besonders auffällig wird das z.B. dann, wenn Thursday es mit einem Virus zu tun hat, der für Rechtschreibfehler sorgt, welche die Bedeutung verschiedener Begriffe verdrehen. Diese Wortspiele waren wohl einfach nicht übersetzbar, und so sind diese Passagen etwas unbeholfen geraten. Außerdem gilt für diesen Roman womöglich noch mehr als für die beiden vorhergehenden, dass man sich schon sehr genau mit der englischsprachigen Literatur auskennen müsste, um alle Gags zu verstehen.

Insgesamt muss ich sagen, dass der dritte Thursday-Next-Roman zwar immer noch ein Füllhorn origineller Ideen, aber doch nicht mehr so unterhaltsam ist wie die ersten beiden Bücher. Und ein richtiges Ende hat natürlich auch dieser Roman nicht – Teil 4 liegt schon in meinem SUB! (20.05.2008)


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302
Silmarillion J.R.R. Tolkien – The Silmarillion
HarperCollins, 2006
337 Seiten, gebunden

Das Silmarillion ist eine Sammlung der von Tolkien ersonnenen Mythen und Legenden, die den kosmologischen und historischen "Unterbau" seines fiktiven Universums bilden – es handelt sich also um jene Ereignisse aus der "Altvorderenzeit", auf die sich die Protagonisten in Der Herr der Ringe immer wieder beziehen. Eines der zentralen Handlungselemente ist der Krieg der Elben gegen Morgoth, bei dem es um den Besitz der Silmaril geht. Feanor, der berühmteste Elbe aus dem Stamm der Noldor, hatte in diesen Edelsteinen das Licht der unsterblichen Lande von Valinor eingefangen, Morgoth hatte sie geraubt. Von den Silmaril ist auch der Titel des Buches abgeleitet, obwohl dieser Krieg wie gesagt nur ein Handlungselement darstellt. Das Buch enthält weit mehr, es beginnt mit Tolkiens Schöpfungsmythos und behandelt auch Ereignisse, die nicht allzu lange vor den Geschehnissen des "Herrn der Ringe" stattgefunden haben: Der Untergang Numenors und die Ankunft Elendils sowie seiner Söhne Isildur und Anarion in Mittelerde, die Niederwerfung Saurons und der Verlust des Einen Ringes. Auch auf die Vernichtung des Ringes und das Ende des Dritten Zeitalters mit dem endgültigen Verschwinden der Elben aus Mittelerde wird kurz eingegangen.

Das Buch wurde posthum von Tolkiens Sohn Christopher veröffentlicht und ist kein Roman im eigentlichen Sinne. Das muss man berücksichtigen, wenn man das Buch lesen möchte, und man darf keinesfalls erwarten, eine spannende, epische Fantasy-Geschichte zu lesen. Das Silmarillion ist eher eine Art Geschichtswerk oder ein Sagenbuch. Auch der Vergleich mit der Bibel ist sicher nicht ganz falsch, denn Tolkien breitet eine phantastische Schöpfungsgeschichte aus und lässt Wesen agieren, die man nicht anders als Götter, Engel und Dämonen bezeichnen kann. Entsprechend episodenartig und nur skizzenhaft ausgearbeitet – wie es für eine Chronik, die viele Jahrtausende umspannt, ja normal ist – sind die einzelnen Geschichten, auch wenn sie von Ereignissen großer Tragweite und Tragik berichten. Der geradezu pastorale Stil des Buches passt sehr gut dazu (und ich finde, er kommt erst im englischen Original, das ich jetzt erstmals gelesen habe, richtig zur Geltung), dürfte auf viele Leser aber vermutlich abschreckend oder gar einschläfernd wirken. Ganz abgesehen von der Vielzahl der Namen, die dem Unkundigen kaum etwas sagen. Die Stammbäume, Begriffserklärungen usw. am Ende des Bands helfen da wahrscheinlich auch nicht viel.

Die Erschaffung eigener Mythen war Tolkiens erklärtes Ziel, und das hat er definitiv erreicht. Ich kenne kein anderes fiktives Universum mit einer derartigen Komplexität und Tiefe, das so gut durchdacht und so perfekt ausgearbeitet ist. Diese Leistung werden selbst jene anerkennen müssen, die mit dem Werk sonst nichts anfangen können. Wie gesagt: Bitte erwartet vom Silmarillion keine spannende Unterhaltung. Die ist nicht beabsichtigt und wird bestenfalls andeutungsweise geboten; leichte Kost ist das Buch jedenfalls beileibe nicht. Vor allem sollte man Der Hobbit und "Der Herr der Ringe" vor diesem Buch lesen. Mehr als bei einem normalen Roman ist hier die Phantasie des Lesers gefragt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass eine Verfilmung einzelner Episoden aus dem Silmarillion bei einem guten Drehbuch noch weit beeindruckender sein könnte als Peter Jacksons Herr der Ringe – Filmtrilogie. (13.05.2008)

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301
Zone des Schreckens William Voltz: Die Zone des Schreckens (PR-Planetenroman Nr. 19)
Moewig-Verlag, 1980
160 Seiten

Infos zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke meines Archivs. Einfach hier klicken!

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