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Dies ist der sechste Teil einer Übersicht meiner neueren Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie seit August 2002 gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.

1. Teil - Nr. 1 bis 50
2. Teil - Nr. 51 bis 100
3. Teil - Nr. 101 bis 150
4. Teil - Nr. 151 bis 200
5. Teil - Nr. 201 bis 250



300
Atlan Illochim 3 Rüdiger Schäfer: Der Traum des Navigators
Fanpro, 2008
318 Seiten

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299
Der Untergang Joachim Fest: Der Untergang
rororo, 2004
208 Seiten

In Form einer Erzählung skizziert Joachim Fest die letzten Wochen des Dritten Reiches, wobei Adolf Hitler und sein Leben im Führerbunker im Zentrum stehen. Diverse Bilder runden das Ganze ab. Natürlich ist die Erzählform eine eher unwissenschaftliche Herangehensweise, aber warum sollten Informationen nicht auch einmal auf diese Weise (d.h. unterhaltsam, teilweise sogar spannend) vermittelt werden? Man muss aber zugeben, dass das Buch keine neuen Erkenntnisse bringt. Fest rekapituliert einfach noch einmal die allseits bekannten Fakten und Vermutungen. Was jedoch auffällt: Fest ist offenbar der Überzeugung, Hitler habe den Untergang praktisch von Anfang an gewollt, sein ganzes Handeln sei darauf ausgerichtet gewesen, grandios – sozusagen opernhaft – zu scheitern. Ich kann nicht beurteilen, ob er damit richtig oder falsch liegt, aber sonst sind mir, natürlich schon aus mangelnder Geschichtskenntnis, keine gravierenden Fehler aufgefallen.

Immerhin gelingt es Fest recht gut, die merkwürdige Stimmung lebendig werden zu lassen, die im Bunker und in der zerbombten Stadt in den letzten Kriegstagen geherrscht haben muss. Der zunehmende Realitätsverlust des am Ende angelangten "Führers", der von einem seiner Offiziere als "kuchenverschlingendes Wrack" bezeichnet wurde, und die Unfähigkeit seiner Paladine, sich aus seinem Einfluss zu lösen – all das wird ebenfalls gut dargestellt. (28.04.2008)

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298
Dark Water Kôji Suzuki: Dark Water
Heyne, 2004
303 Seiten

Dieser Band enthält sieben Kurzgeschichten des japanischen Autors, die durch einen Prolog und einen Epilog eingerahmt werden. Sie stehen weder mit dem Prolog noch untereinander in einer thematischen Verbindung, können also völlig unabhängig voneinander gelesen werden. Erst im Epilog wird auf eine der Storys Bezug genommen. Verbindendes Element ist das Wasser – die Handlung der meisten Geschichten spielt in der Bucht von Tokio oder hat auf irgend eine andere Weise mit Wasser zu tun. Die Titelstory ist verfilmt worden, es gibt auch bereits ein amerikanisches Remake dieses Films. Die Geschichte handelt von einer jungen, allein erziehenden Mutter, die in eine neue Wohnung zieht. Eine mysteriöse Kindertasche, die sie auf dem Dach der Mietskaserne findet, führt sie auf die Spur eines vor Jahren verschwundenen kleinen Mädchens. Seltsame Dinge spielen sich in dem Haus ab, und als die Mutter glaubt, dem Geheimnis auf die Spur gekommen zu sein, hat sie allen Grund, sich vor dem Wasser zu ekeln, das aus dem Dachreservoir kommt...

Weitere Storys:
Die einsame Insel – Eine Frau wird nackt auf einer unbewohnten Insel ausgesetzt, die niemand betreten darf...
Strafe – Ein Fischer ermordet seine Frau, doch die Leiche ist vielleicht nicht ganz tot...
Traumschiff – Eine Yacht läuft in der Bucht von Tokio auf Grund. Oder vielleicht hält etwas unter Wasser sie fest...
Die Flaschenpost – Ein verlassen im Meer treibendes Schiff wird entdeckt. Haben die Besatzungsmitglieder sich gegenseitig umgebracht?
Wassertheater – Wasser verbindet mehrere Bühnen eines Theaters miteinander
Der unterirdische See – Zwei Höhlenforscher werden in einer neu entdeckten Höhle eingeschlossen
Prolog / Epilog – Eine alte Frau findet die letzte Nachricht eines der beiden Höhlenforscher

Die Geschichten enthalten – wenn überhaupt – "psychologischen" Horror, aber nur sehr wenige Elemente, die man eindeutig als übernatürlich bezeichnen könnte, und selbst die könnten die Protagonisten sich auch nur einbilden. Es handelt sich also nicht um Spukgeschichten der Art, die man nach der Lektüre von Suzukis überschätzten The Ring - Romanen möglicherweise erwartet. Auch mit Blut und Gewalt hält Suzuki sich sehr zurück. Wie bereits in den Ring-Romanen ist es zwar nett, einen Blick in die japanische Kultur zu werfen. Entsprechende Szenen gibt es in jeder Geschichte. Das reicht aber nicht, um das Interesse des Lesers zu wecken. Irgendwie kommt man nicht in die Geschichten "hinein" - die Erzählweise wirkt trotz der Versuche des Autors, in die Psyche der Protagonisten vorzudringen, eigenartig distanziert. Man langweilt sich zwar nicht, eine Grusel- oder gar Horror-Atmosphäre kommt aber nur andeutungsweise und nur in wenigen Geschichten auf. Manche Rezensenten sprechen im Zusammenhang mit Suzuki immer von "subtilem Horror". Man könnte es auch als "gepflegte Langeweile" bezeichnen, denn echte Spannung entsteht eigentlich nie. (21.04.2008)

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297
Schwarzenegger Cookie Lommel: Schwarzenegger
Heyne, 2005
383 Seiten

Ich mag Filme mit Arnold Schwarzenegger, aber über sein reales Leben wusste ich bisher nur, dass er früher Bodybuilder war, irgendwann Maria Shriver geheiratet hat, sich vehement für die Fitness seiner Mitbürger einsetzt und jetzt bereits in der zweiten Amtszeit Gouverneur von Kalifornien ist. Das Buch der Journalistin und Autorin Cookie Lommel enthält zwar im Grunde kaum mehr sachliche Informationen zu Schwarzenegger als der englischsprachige Wikipedia-Eintrag, aber es ist etwas unterhaltsamer geschrieben. Allerdings habe ich in der ersten Hälfte mehr über Bodybuilding erfahren, als ich je wissen wollte. Natürlich ist Bodybuilding ein ganz wesentlicher Bestandteil von Schwarzeneggers Leben, deshalb war es wohl auch richtig, so ausführlich darauf einzugehen. Über seine Kindheit ist nicht sehr viel zu lesen, aber man kann erahnen, warum er zu dem geradezu zwanghaften Karrieristen geworden ist, als den Lommel ihn charakterisiert. Es folgen Kapitel, die hauptsächlich aus Inhaltsangaben zu seinen Filmen bestehen, verknüpft mit leidlich aufschlussreichen Abschnitten über seine politischen Ambitionen und Aktivitäten. Schwarzenegger soll immer gesagt haben, sein Ziel sei es, reich und berühmt zu werden. Das hat er zweifellos geschafft. Wie er es geschafft hat, wird wenigstens angedeutet.

Glaubt man der Autorin, so hat Schwarzenegger praktisch sein ganzes Leben durchgeplant (immer in Fünfjahresschritten), ist nie auch nur einen Fußbreit von seinen Zielen abgewichen und hat ab einem bestimmten Zeitpunkt damit begonnen, die totale Kontrolle über jeden Aspekt seiner Karriere als Filmstar und Politiker zu übernehmen. War er schon als Bodybuilder dafür bekannt, seine Konkurrenten mit "psychologischer Kriegsführung" (man könnte auch "schmutzige Tricks" dazu sagen) aus dem Feld zu schlagen, so gingen seine Public Relations – Mitarbeiter jetzt dazu über, alles zu unterdrücken, was ihm in irgend einer Weise schaden könnte. Wenn das stimmt, muss man der Autorin Mut zuerkennen, denn sie hält nicht mit Kritik hinter dem Berg, wenn manches auch nur verklausuliert ausgedrückt wird. Sie scheint aber eher Pro-Schwarzenegger eingestellt zu sein – soweit man das überhaupt erkennen kann, denn viel Eigenes enthält das Buch nicht, d.h. es besteht zu großen Teilen aus Interviews und Texten anderer Quellen. Insgesamt bleibt das Buch zwar zu knapp und zu oberflächlich, manches wiederholt sich auch, dennoch kann man Schwarzenegger nach der Lektüre ein wenig besser einschätzen. (14.04.2008)

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296
Simmons Terror Dan Simmons: Terror
Heyne, 2007
990 Seiten, gebunden

Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Regionen jenseits des nördlichen Polarkreises noch weitgehend unbekanntes Gebiet. Polarforscher und Abenteurer suchen seit langer Zeit nach der so genannten Nordwestpassage, einem Seeweg, der den atlantischen mit dem pazifischen Ozean verbinden soll. Sir John Franklin, Kapitän der Royal Navy, bricht im Mai 1845 mit zwei Schiffen und ca. 130 Mann Besatzung auf, um die Nordwestpassage zu finden. Die HMS Erebus und die HMS Terror wurden eigens für diese Expedition umgebaut und sind die modernsten Schiffe ihrer Zeit. Sie sind bestens ausgerüstet und haben neben dem üblichen Proviant große Mengen an Lebensmittelkonserven an Bord, die für mehrere Jahre ausreichen würden. Die Schiffe verfügen sogar über Dampfmaschinen, die Schiffsschrauben antreiben, so dass die Schiffe auch ohne Wind manövrieren können. Nachdem die Schiffe sich monatelang durch das Chaos aus Inseln, Halbinseln, Eisbergen und Gletschern nördlich von Kanada gekämpft haben und dort auch bereits überwintern mussten, ohne eine Route ins hypothetische offene Polarmeer zu finden, muss über den weiteren Weg entschieden werden. Franklin hört nicht auf den Rat seiner Offiziere und bringt die Schiffe auf einen Kurs, der sie direkt ins Packeis führt. Beide Schiffe werden vom Eis eingeschlossen, so dass die Männer erneut überwintern müssen – bei Temperaturen von bis zu minus siebzig Grad im Freien und knapp unter Null in den Schiffen ist das kein Vergnügen.

Auch im "Sommer" 1847 gibt das Eis die Erebus und die Terror nicht frei, im Gegenteil: Allmählich drohen die Schiffsrümpfe durch den gewaltigen Eisdruck zermalmt zu werden. Die Antriebswelle der Erebus ist bereits irreparabel beschädigt. Es gibt noch eine andere, viel schrecklichere Gefahr: Immer wieder erscheint wie aus dem Nichts eine gewaltige Kreatur, weit größer und gefährlicher als der riesigste Eisbär, um Besatzungsmitglieder zu töten oder ins Eis zu schleppen. Selbst im Inneren ihrer Schiffe sind die Männer nicht vor dem Ungeheuer sicher, das in irgendeiner Beziehung zu einer jungen Eskimofrau zu stehen scheint, die an Bord der Terror genommen wurde. Das Wesen scheint unverwundbar zu sein und besitzt unglaubliche Kräfte. Als die Männer ihm auflauern, kommt es zur Katastrophe: Franklin wird getötet. Somit geht die Kommandogewalt an Francis Crozier über, den Kapitän der Terror. Als sich herausstellt, dass der größte Teil der Konserven verdorben ist, so dass immer mehr Seeleute an Skorbut erkranken, muss Crozier erkennen, dass die Männer keinen weiteren Winter mehr überstehen würden. Außerdem gehen die Kohlevorräte zur Neige. Die Schiffe müssen daher aufgegeben werden, Crozier führt die Männer übers Eis Richtung Süden. Ein verzweifelter Wettlauf gegen die mörderischen Temperaturen, den schlimmer werdenden Skorbut und das nicht abzuschüttelnde Ungeheuer beginnt, den die Männer nicht gewinnen können.

Das Schicksal der Franklin-Expedition hat schon Generationen von Forschern beschäftigt. Fest steht nur, dass beide Schiffe und alle Besatzungsmitglieder spurlos verschwunden sind, aber man weiß nicht, was genau geschehen ist. Es wurden zahlreiche Rettungsexpeditionen ausgesandt, aber alles, was gefunden wurde, waren die Gräber der drei Männer, die schon im ersten Expeditionsjahr gestorben waren, sowie kurze Notizen, denen Franklins Todesdatum und die beabsichtigte Aufgabe der Schiffe entnommen werden konnte. Über die Gründe für das katastrophale Scheitern der Expedition wurde viel spekuliert. Simmons hat diese Spekulationen sowie die bekannten Fakten offenbar recht genau studiert. Er verarbeitet beides auf eigene Weise zu einem Szenario, das teilweise sehr plausibel klingt, teilweise aber eher dem Genre der Phantastik zuzurechnen ist. Nebenbei bemerkt hat er seinem Nachwort zufolge einige Quellen herangezogen, die ich kenne. Die Franklin-Expedition fasziniert mich schon seit langem, und so habe ich schon einiges darüber gelesen. Das hatte den interessanten Effekt, dass mir bestimmte Bezugnahmen im Roman sofort aufgefallen sind. Lustig, wenn man die gleichen Bücher kennt wie ein Autor...

Bei der Lektüre dieses Buches habe ich mich mehrmals gefragt, was Simmons denn eigentlich schreiben wollte – einen Tatsachenbericht? Einen historischen Roman? Science Fiction / Fantasy? Einerseits hält Simmons sich sehr genau an die historischen Quellen und arbeitet die bekannten Fakten so auf, dass man sagen kann: Ja, genau das könnte damals geschehen sein. Man weiß, dass die Expedition mit mangelhaften Konserven ausgestattet war, dass einige der letzten Überlebenden vermutlich dem Kannibalismus verfallen sind und dass es möglicherweise Kontakte mit den Inuit gegeben hat. Manchmal schießt Simmons aber auch ein wenig übers Ziel hinaus, etwa dann, wenn er Crozier mehrmals über einige Seiten hinweg die Verluste an Menschenleben rekapitulieren lässt, wenn genau aufgezählt wird, wer alles zu welcher Gruppe gehört oder wenn der Autor sich in nebensächlichen Details verliert. Simmons zeichnet außerdem ein ziemlich akkurates Bild der damaligen Zeit. Er baut die Verhältnisse in der Royal Navy und die Geisteshaltung der damaligen Polarforscher (eine seltsame Mischung aus Naivität, Pioniergeist, wissenschaftlichem Eifer und Standesdünkel) sehr gut in seine Geschichte ein, verwendet viele nautische Fachbegriffe und so weiter. Anscheinend hat er auch ziemlich genau über die Lebensweise der Inuit recherchiert, die er anschaulich darstellt.

Andererseits fügt er mit dem Ungeheuer aus dem Eis, Croziers "zweitem Gesicht" und den Inuit-Legenden Elemente der Phantastik ein, die der Roman eigentlich gar nicht nötig hätte. Will sagen: Es wäre nicht nötig gewesen, das Ungeheuer als weitere Bedrohung oder als Ursache für die Aufgabe der Schiffe einzubauen. Der zunehmende geistige und körperliche Verfall der Menschen infolge von Unterernährung, Krankheit, Einsamkeit, extremer Kälte usw. – von Simmons sehr eindrucksvoll geschildert – wäre völlig ausreichend gewesen. Genau genommen stören die Phantastik-Elemente den ansonsten ganz guten Eindruck, den das Buch bei mir hinterlassen hat. Es kommt mir so vor, als habe der Autor das Ungeheuer nur deshalb hinzugedichtet, um all jene Leser zufrieden zu stellen, die Simmons als SF- und Horror-Schriftsteller kennen. Und so fallen die Kapitel, in denen das Monster mal wieder das eine oder andere Besatzungsmitglied zerlegt, ziemlich blutig aus. Das Ungeheuer ist quasi eine Verkörperung der menschenfeindlichen Natur, aber leider setzt Simmons es nicht dem entsprechend ein, d.h. er lässt keinen Zweifel daran, dass es ebenso real ist wie Croziers übersinnliche Fähigkeiten und die Inuit-Mystik.

Eigentlich wird in diesem Roman nicht die (fiktive) Geschichte der Fanklin-Expedition erzählt, sondern die Geschichte eines fiktiven Francis Crozier. Er ist die Hauptperson, Franklin ist nur eine Nebenfigur. Deshalb darf man sich auch nicht darüber wundern, dass das Schicksal der gesamten restlichen Besatzung am Ende des Romans völlig aus dem Blickwinkel gerückt wird. Auch Crozier findet am Schluss nicht heraus, was denn nun eigentlich mit seinen Leuten geschehen ist. Wer also einen akkuraten Tatsachenbericht oder wenigstens einen historischen Roman erwartet, in dem die gesicherten Tatsachen zu einer Geschichte mit hohem Wahrscheinlichkeitsgehalt extrapoliert werden, der sollte tunlichst die Finger von diesem Buch lassen. Wer sich an den Phantastik-Elementen nicht stört und damit leben kann, dass der Roman insgesamt ein wenig uneinheitlich wirkt, der darf sich auf spannende Unterhaltung freuen – spannend selbst dann, wenn man das Schicksal der Franklin-Expedition schon kennt. (04.04.2008)


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295
Der letzte Wunsch Andrzej Sapkowski: Der letzte Wunsch
dtv, 2007
381 Seiten

Geralt von Riva, der "weiße Wolf" ist ein so genannter Hexer. Er gehört zu einer Gilde professioneller Ungeheuertöter, deren Aufgabe darin besteht, sich der wachsenden Anzahl grausiger Kreaturen entgegenstellen, welche die nördlichen Königreiche seit einiger Zeit heimsuchen. Die Hexer tun dies nicht aus purer Menschenfreundlichkeit – auf diese Weise verdienen sie lediglich ihren Lebensunterhalt. Die Hexer werden von manchen Menschen bewundert, von den meisten aber gefürchtet und verachtet. Man betrachtet sie als notwendiges Übel; als Ungeheuer, die zur Vernichtung anderer Ungeheuer benötigt werden. In der Festung Kaer Morhen werden Anwärter auf diesen Berufsstand von frühester Jugend an für den Kampf ausgebildet. Außerdem müssen sie sich einer körperlichen Veränderung unterziehen. Durch die Einnahme bestimmter alchemistischer Substanzen mutieren ihre Körper, so dass sie (wenn sie diese Prozedur überleben) zwar unfruchtbar werden, dafür aber besondere Kräfte erlangen, unempfindlich für Gift oder Magie sind und spezielle Elixiere zur Steigerung ihrer Fähigkeiten verwenden können.

Geralt gilt als bester aller Hexer. Durch die Mutation ist sein Haar weiß wie Schnee geworden, er hat auf die Veränderungen aber besser angesprochen als alle Anwärter vor ihm. Wie alle Hexer zieht Geralt durch die Lande und verweilt nur dort, wo es Aufträge für ihn gibt. Dabei befolgt er Regeln, die ihm das Leben nicht leichter machen. Er tötet nicht blind, sondern macht sich zuvor ein Bild von den Umständen – er würde nie ein Wesen töten, das durch einen Fluch zum Monster geworden ist, wenn es ebenso gut möglich wäre, diesen Fluch aufzuheben. Dummerweise vergessen manche Auftraggeber (besonders jene in hohen Machtpositionen) regelmäßig, dass die Hexer keine gedungenen Meuchelmörder sind. Oft genug muss Geralt sich fragen, wer denn nun monströser ist: Das zu beseitigende Opfer oder der Auftraggeber? So kommt es, dass er sich manchmal nicht nur blutgierigen Ungeheuern gegenübersieht, sondern auch rachsüchtigen Fürsten

Dieses Buch enthält sechs Fantasy-Kurzgeschichten, die sich alle um den Hexer Geralt drehen und durch eine Rahmenhandlung miteinander verknüpft sind. Sie gehören zu einem Zyklus weiterer Kurzgeschichten und Romane, der in Polen sehr erfolgreich war – so erfolgreich, dass es dort sogar einen Kinofilm, eine Fernsehserie und ein Rollenspiel dazu gibt. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Bücher in Deutschland erscheinen werden (Band 2 der Kurzgeschichten ist für Juni 2008 angekündigt), denn die Geralt-Saga könnte nach dem ersten Eindruck, den "Der letzte Wunsch" hinterlässt, ein echtes Highlight sein. Wer schon jetzt mehr über Geralt und das fiktive Universum erfahren möchte, in dem er lebt, dem sei das PC-Spiel The Witcher ans Herz gelegt. Dieses Spiel ist eine kongeniale Umsetzung dieser Geschichten. Ich würde fast sagen, es ist die beste Umsetzung von Literatur ins Spiele-Genre, die es bis jetzt jemals gegeben hat.

Was die Geschichten und auch das Spiel zu etwas Besonderem macht, ist einerseits natürlich der geheimnisvolle, wortkarge (aber schlagfertige), verbitterte und zynische Antiheld, der gar nicht so gefühlskalt ist, wie er sich gibt. Irgendwie erinnert er ein wenig an die desillusionierten, hartgesottenen Privatdetektive Raymond Chandlers und Dashiell Hammetts. Genau wie Philip Marlowe und Sam Spade ist er ein Einzelgänger, der nur seinen eigenen Regeln folgt und in seiner Rolle gefangen ist, obwohl er sie verabscheut. Er ist ein Zyniker, schreckt vor extremer Gewalt nicht zurück und bindet sich nie, obwohl er viele amouröse Abenteuer erlebt. Man erfährt wenig über Geralts Vergangenheit, er bewahrt also sein Geheimnis und wird zu einer außergewöhnlichen, düsteren und bei aller Fremdartigkeit doch menschlichen Hauptfigur.

Das zweite besondere Element ist die Welt, in der Geralt lebt. Anders als in den meisten Fantasy-Universen existiert hier keine klare Trennung zwischen Gut und Böse. Es gibt keine heile Welt, die durch dunkle Feinde bedroht wird, stattdessen ist das Böse überall gegenwärtig: Anderlinge (Elfen und Zwerge) werden unterdrückt, Rassenhass, Korruption, Prostitution, religiöser Fanatismus und die Ausbeutung der einfachen Menschen durch ihre Herrscher sind zentrale Themen der Geschichten. Das derbe Vokabular der Protagonisten passt zu diesem Szenario – Geralt und Konsorten nehmen wirklich kein Blatt vor den Mund! Hinzu kommt ein immer wieder durchschimmernder ironischer, manchmal auch zynischer Humor. Durch all diese Elemente wird eine komplexe, glaubwürdige, "erwachsene" Welt fernab ausgetretener Fantasy-Pfade erschaffen, die von überzeugenden Charakteren bevölkert ist. Es werden übrigens ab und zu Bestandteile Grimm'scher Märchen und Anspielungen auf andere Werke eingebunden, das aber auf eine äußerst ungewöhnliche, parodistische Weise, über die ich hier nicht zuviel verraten will.

Der episodenhafte Erzählstil erinnert zwar ein wenig an die Quest-Struktur eines Computerspiels, was durch deftige Kampfszenen noch unterstrichen wird. Es geht aber nicht einfach nur darum, dass Geralt diverse Ungeheuer zur Strecke bringt – im Gegenteil! Immer wieder muss er wegen seiner moralischen Grundsätze nach anderen Auswegen suchen oder wird in Intrigenspiele verwickelt, bei denen ihm seine Schwerter nicht mehr helfen. Aber Geralt ist ja nicht nur der beste Kämpfer seiner Zunft, sondern auch ein gewitzter Bursche, der sich stets zu helfen weiß. Ein wenig Tragik umweht ihn außerdem: Schon aufgrund seines Berufs kann man davon ausgehen, dass er nicht im Bett sterben wird...

So sehr ich Tolkien mag: Manchmal möchte ich auch eine andere Art der Fantasy lesen. Dann sind Geralts Abenteuer die denkbar beste Wahl. (17.03.2008)


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294
Ara-Toxin 6 Michael Marcus Thurner: Der Unlichtplanet (Perry Rhodan Ara-Toxin 6)
Heyne, 2008
413 Seiten

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293
Atlan Illochim 2 Achim Mehnert: Im Bann der Gatusain (Atlan Illochim 2)
Fanpro, 2007
297 Seiten

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292
Poul Anderson Genesis Poul Anderson: Genesis
Bastei Lübbe, 2001
317 Seiten

Die Computertechnologie entwickelt sich rasant weiter, so dass eines Tages die ersten Rechner mit Künstlicher Intelligenz und eigenem Bewusstsein entstehen. Auch diese Rechner erleben eine Art Evolution und erreichen bald eine Kapazität, die es erlaubt, die komplette Bewusstseinsmatrix eines Menschen "hochzuladen". Christian Brannock ist der erste Mensch, der auf diese Weise Unsterblichkeit gewinnt: Brannocks Erinnerungen, Gedanken und Gefühle – also sein "Geist" und seine "Seele" – werden von einer KI aufgenommen, die zu den Sternen reist. In den folgenden Jahrhunderttausenden nutzen Millionen von Menschen diese Möglichkeit ebenfalls und verändern damit auch die KIs. Mensch-Maschine-Mischwesen entstehen, die in der Lage sind, komplette Welten in sich selbst zu erschaffen und diese mit Avataren zu bevölkern, welche von den Geistern der in ihnen existierenden Menschen beseelt sind. Nach und nach breiten diese Hybridwesen sich über die ganze Galaxis aus und bilden gewaltige Netzwerke.

Die noch auf der Erde lebenden Menschen stehen ganz unter dem Einfluss der KIs. Diese haben die Lenkung der Erde übernommen, denn nur sie sind in der Lage, über Äonen hinweg zu planen und die Erde vor der nächsten Eiszeit zu bewahren. Viele Jahrmillionen nach Brannocks Aufbruch kehrt eine KI namens Wanderer, die Kopien seiner Bewusstseinsmatrix trägt, zur Erde zurück. Der Planet droht von der Sonne verschlungen zu werden und die KIs würden ihn aus nostalgischen Gründen gern vor diesem Schicksal bewahren, obwohl dort längst keine Menschen mehr leben. Doch Gäa, die für die Erde "zuständige" KI, hat sich seit langer Zeit selbst isoliert und Forschungen betrieben, über die ihresgleichen nicht informiert wurden. Außerdem scheint sie gegen die Rettung der Erde zu sein. Wanderer soll herausfinden, welche Absichten Gäa wirklich verfolgt.

Dieser Roman widmet sich ganz dem Thema "Künstliche Intelligenz" und der Frage, was aus den Menschen werden würde, wenn sie sich mit KIs verbinden könnten oder von diesen beherrscht würden. Zwar gibt es mit Brannock (oder Kopien des ehemaligen Menschen, die in Robotkörper eingespeist werden) eine wiederkehrende Hauptfigur, aber man kann sich kaum mit ihr identifizieren. Auch wirkt der Roman ziemlich zerfahren – es kommt mir so vor, als sei das Buch eher ein Entwurf oder ein Exposé für einen sehr viel längeren Roman. Immerhin wird hier eine Entwicklung, die sich über Jahrmillionen erstreckt, in geraffter Form bzw. in kaum miteinander verknüpften Einzelepisoden erzählt. Durch diese Verknappung wird aus dem Roman mehr so etwas wie eine Gedankenspielerei, ein zwar interessantes, aber irgendwie doch seelenloses Kabinettstückchen.

Anderson spielt nur mit den durchaus faszinierenden Ideen, aber er arbeitet sie nicht gut genug aus, vor allem aber verarbeitet er sie nicht zu einem stimmigen Roman. Dass er immer wieder betont, das im Grunde unbegreifbare Geschehen sei stark vereinfacht worden, damit der Leser es verstehen könne, oder dass er behauptet, etwas, das gerade geschieht, könne nicht in Worte gefasst werden, macht die Sache auch nicht besser. Erst im letzten Drittel, als die beiden Brannock-Kopien zur Erde der "nachmenschlichen Ära" zurückkehren, verlässt der Autor den bisherigen episodenhaften Erzählstil und erst dann entsteht so etwas wie eine spannende Geschichte, die dann aber sehr kurz ausfällt und ein überhastet wirkendes Ende hat, das auch noch Fragen offen lässt. (28.02.2008)


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291
Die Macht mit uns Constantin Gillies: Die Macht mit uns
rororo, 2005
139 Seiten

"Star Wars und die Folgen" heißt der Untertitel dieses Buches, und damit ist eigentlich schon ausreichend beschrieben, um was es darin geht. Der Autor gehört wie ich zur ersten Generation der Krieg der Sterne - Fans, also zu jenen Leuten, die damals nicht nur die Premiere der Filme miterlebt, sondern auch die ersten Actionfiguren gekauft und sehnsüchtig auf die nächste Trilogie gewartet haben. Dementsprechend gut kann ich die nostalgischen Gefühle nachvollziehen, die vor allem in der Einleitung, aber auch im weiteren Text immer wieder beschworen werden. Sehr viel mehr "Nährwert" hat das Buch für mich zwar nicht, aber das liegt nur daran, dass die (ohnehin in denkbar knapper Form vermittelten) Informationen für mich nicht neu sind. Wer dagegen bis jetzt noch nichts über das wahre Ausmaß des Fankults wusste, der vor allem in den USA um die Star Wars – Filme betrieben wird, dem werden möglicherweise die Augen übergehen. Man erfährt, welche Massen an Merchandising-Produkten den Markt seit "Krieg der Sterne" überschwemmt haben, dass der Fankult bei manchen Leuten praktisch jeden Bereich des täglichen Lebens durchdringt, was aus Nebendarstellern wie Jeremy Bulloch (Boba Fett) und Peter Mayhew (Chewbacca) geworden ist und vieles mehr. Zahlreiche Farbfotos runden das zwar sehr oberflächliche, aber recht amüsante Buch ab. (25.02.2008)

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290
Mein Leben auf Rose Red Ridley Pearson: Ellen Rimbauer - Mein Leben auf Rose Red
Piper, 2004
345 Seiten

Im Jahre 1907 heiratet die junge Ellen den deutlich älteren John Rimbauer, einen märchenhaft reichen Ölmagnaten, der zwar einen eher zweifelhaften Ruf hat, möglicherweise aber gerade deshalb eine enorme Faszination auf die junge Frau ausübt. Während das Paar sich auf eine einjährige Hochzeitsreise rund um die Welt begibt, entsteht bei Seattle ihr neues Heim: Die riesige Residenz Rose Red. Schon während der Bauarbeiten ereignen sich rätselhafte Todesfälle, und als die Rimbauers schließlich einziehen, verschwinden in den labyrinthischen Korridoren Rose Reds innerhalb weniger Jahre mehrere Menschen. Möglicherweise hat der Umstand, dass Rose Red auf einem alten Indianerfriedhof errichtet wurde, etwas mit diesen Vorkommnissen zu tun. Ellen glaubt, an den Ereignissen nicht ganz unschuldig zu sein. Um ihrem zügellosen Ehemann nicht völlig hilflos ausgeliefert zu sein, hat sie sich mit Gebeten an die "andere Seite" gewandt, und wie es scheint, wurden ihre Gebete erhört.

Ellens einzige Vertraute ist ihre Dienerin Sukeena, eine zauberkundige Afrikanerin. Sukeena rettet Ellen bei einer Fehlgeburt das Leben, später steht sie ihr bei der Geburt ihres Sohnes und ihrer Tochter zur Seite. Zwischen Ellen und Sukeena entsteht eine Liebesbeziehung, aber auch das Haus – oder die Entität, die in diesem Haus existiert – scheint eine besondere Beziehung zu Ellen zu haben. Während einer Seance erhält Ellen Kontakt zu dieser Wesenheit. Rose Red verspricht Ellen ewiges Leben unter der Voraussetzung, dass das Haus permanent weiter ausgebaut wird. Ellen begreift, dass Rose Red immer weiter wachsen will, und menschliche Seelen als Nahrung braucht. Ellen nimmt Rose Reds Angebot an, muss aber bald feststellen, dass der zu entrichtende Preis höher ist als erwartet...

Dieser in Form von Tagebucheintragungen geschriebene und mit einigen Zeichnungen sowie Fotos und Grundrissen ergänzte Roman erzählt die Vorgeschichte zur TV-Miniserie Stephen Kings Haus der Verdammnis, in der eine Parapsychologin namens Joyce Reardon eine Gruppe von paranormal begabten Menschen nach Rose Red führt, um dem Spuk auf den Grund zu gehen. Sie stützt sich dabei auf eben jenes Tagebuch. Der Leser soll jetzt einerseits glauben, Joyce Reardon existiere wirklich und habe dieses Buch herausgegeben. Gleichzeitig wird suggeriert, dass Stephen King der wahre Autor dieses Buches sei. Beides ist natürlich Unsinn. Joyce Reardon ist eine fiktive Person und "Mein Leben in Rose Red" wurde von Ridley Pearson verfasst. Der Roman wurde selbst ebenfalls verfilmt, allerdings leider ziemlich schlecht.

Es dauert recht lange, bis der Roman, der zunächst alle zweifelhaften Qualitäten eines so genannten "Nackenbeißers" aufweist, sich zu der Gruselgeschichte entwickelt, die man eigentlich erwartet. Man liest von der anfänglichen Verliebtheit Ellens in den zupackenden Erotomanen, den sie geheiratet hat, dann von ihrer Ernüchterung, die zur Verbitterung wird, komplett mit allen Elementen schmalziger Schicksalsromane (Eifersucht, Fehlgeburt, glückliche Mutterschaft, gesellschaftliche Ereignisse usw.). Diese Abschnitte weisen erhebliche Längen auf, was vermutlich auch dem Autor aufgefallen ist, denn er versucht sie durch fast schon explizit geschilderte Bettszenen aufzupeppen.

Durch diese Einführung entsteht aber auch eine gute Charakterisierung der Hauptperson und der Zeit, in der sie lebt. Ihr allmähliches Abgleiten in den Wahnsinn wirkt deshalb ebenfalls durchaus glaubwürdig. Es wird nie hundertprozentig klar, ob es in Rose Red wirklich spukt, oder ob sich alles nur im Kopf einer von Krankheit und Schicksalsschlägen gequälten, einsamen und gleichzeitig rachsüchtigen Frau abspielt. Auch die zugrunde liegende Idee von einem "beseelten" Haus, das immer weiter wachsen will, das seinen Bewohnern ewiges Leben verspricht, wenn sie es ausbauen und das deshalb allmählich zu einer unübersichtlichen Monstrosität wird, hat was für sich. (18.02.2008)


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289
Ara-Toxin 5 Hubert Haensel: Die Trümmerbrücke (Perry Rhodan Ara-Toxin 5)
Heyne, 2008
414 Seiten

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288
Die Brautprinzessin William Goldman: Die Brautprinzessin
dtv, 2007
425 Seiten

Im Königreich Florin leben Butterblume, die schönste Frau der Welt, und der Stallbursche Westley. Butterblume macht sich nichts aus ihrer Schönheit und verbringt ihre Zeit damit, den Stallburschen zu schikanieren. Sie ahnt nicht, dass er all das erträgt, weil er sie mehr liebt als sein Leben. Alles ändert sich, als Graf Rugen und dessen Frau auf dem Bauernhof erscheinen, denn die Gräfin zeigt ein unübersehbares Interesse an Westley, so dass Butterblumes Eifersucht erwacht – und damit auch ihre wahre Liebe zu Westley. Da Westley nicht genug Geld für die Hochzeit hat, will er nach Amerika reisen, um dort sein Glück zu machen. Doch von der Schiffsreise kehrt er nicht zurück. Angeblich, so erfährt Butterblume wenig später, wurde Westleys Schiff vom grausamen Piraten Roberts gekapert, der dafür bekannt ist, dass er keine Gefangenen am Leben lässt. Butterblume verzweifelt und nimmt sich vor, nie wieder Liebe zu empfinden.

Jahre später erwählt Prinz Humperdinck ausgerechnet Butterblume zu seiner Braut. Allerdings macht er das nicht aus Liebe, sondern nur in der Annahme, dass etwas von der Zuneigung, die das Volk für sie empfindet, auch auf ihn abfärben wird. Tatsächlich will er sie ermorden lassen und beauftragt den Banditen Vizzini mit ihrer Entführung. Auf diese Weise soll gleichzeitig ein Krieg mit dem Nachbarland angezettelt werden. Vizzini wird jedoch nach vollbrachter Tat von einem maskierten, schwarz gekleideten Unbekannten verfolgt. Der "Schwarze" besiegt zwei Gehilfen Vizzinis: Den Schwertkämpfer Inigo Montoya und den Riesen Fezzik. Er verschont das Leben der beiden, tötet Vizzini jedoch im Kampf der Intelligenzquotienten.

Natürlich ist der Unbekannte niemand anderer als Westley, und so kommt es zu einer freudigen Wiedervereinigung, die allerdings empfindlich gestört wird, als Humperdinck auftaucht. Der Prinz ist ein unübertrefflicher Jäger, dem die Liebenden noch nicht einmal entkommen können, als sie die tödlichen Feuersümpfe durchqueren. Butterblume willigt ein, Humperdincks Frau zu werden, damit dieser Westley verschont. Der hinterhältige Prinz gibt Westley jedoch in die Hände des Grafen Rugen, welcher ihm (aus rein wissenschaftlichem Interesse) mit einer teuflischen Maschine allmählich das Leben aus dem Leib saugt. Doch da sind noch Inigo und Fezzik, die Westley suchen. Inigo hat nämlich eine alte Rechnung mit Rugen offen...

Dies ist einerseits ein wundervoller Fantasy- bzw. Märchenroman, gleichzeitig aber auch eine Parodie dieses Genres. Das sollte man sich immer bewusst machen, wenn man dieses 1973 erstmals erschienene Buch liest, denn den Leser erwarten einige Besonderheiten. William Goldman behauptet, er habe den Roman nicht selbst geschrieben, sondern nur aus dem Florinesischen übersetzt und dabei bis auf die spannenden Stellen gekürzt. Der eigentliche Autor sei der aus Florin stammende S. Morgenstern, Goldman selbst habe die Geschichte einst von seinem Vater vorgelesen bekommen.

Mit dieser Vorgeschichte, die noch dazu so manche Abschweifung enthält, beginnt das Buch. In meiner Ausgabe ist das Vorwort in roter Farbe gedruckt, und rote Textpassagen erscheinen auch im weiteren Verlauf immer dann, wenn Goldman die Geschichte unterbricht, um darauf hinzuweisen, dass eine bestimmte Stelle von ihm gekürzt wurde. Diese bissigen, oft aber etwas zu weitschweifigen Kommentare sind zwar meist mindestens ebenso amüsant wie der Roman selbst, aber wenn ich ehrlich bin, hat es mich irgendwann nur noch genervt, wenn ich mitten aus einem spannenden Kapitel herausgerissen wurde, weil Goldman sich mit seinem "Hallo, ich bin’s wieder" zu Wort meldete.

Trotzdem ist "Die Brautprinzessin" ein herrlicher Lesegenuss, und zwar eher für Erwachsene als für Kinder, die den hintergründigen Humor vermutlich nicht verstehen würden. Der Roman enthält alle genretypischen Elemente, aber die werden wiederum so übertrieben und augenzwinkernd dargestellt, dass man sie nicht ernst nehmen kann. Das Buch wurde übrigens kongenial verfilmt – kein Wunder, denn Goldman hat das Drehbuch geschrieben.

Diese Ausgabe enthält außerdem das erste Kapitel des angeblich ebenfalls aus der Feder S. Morgensterns stammenden Romans "Butterblumes Baby", in dem die Handlung fortgesetzt wird. Auch hierzu gibt es wieder eine längere Erklärung Goldmans, der man hoffnungsvoll entnehmen kann, dass es vielleicht irgendwann einmal ein vollständiges zweites Buch geben wird. (04.02.2008)


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287
Willy Brandt Willy Brandt: Erinnerungen
Spiegel-Verlag, 2007
573 Seiten, gebunden

Diese Autobiografie eines der populärsten Politiker Deutschlands, erstmals erschienen im Jahre 1989, ist das genaue Gegenteil der Biografie von Gregor Schöllgen, die ich im Sommer 2006 gelesen habe. Wurde dort der Mensch in den Mittelpunkt gestellt, der Politiker aber etwas stiefmütterlich behandelt, so ist es hier umgekehrt. Brandt gibt sehr wenig – praktisch nichts – von sich selbst und seinem Privatleben preis, d.h. er lässt den Leser nur insoweit an seinen persönlichen Gedanken und Gefühlen teilhaben, als diese seine politische Karriere mit all ihren Höhen und Tiefen betreffen. Das Buch wurde vor dem Mauerfall geschrieben (eine Nachschrift vom November 1989 geht aber noch darauf ein), es konzentriert sich auf Brandts Zeit als Bundeskanzler und Motor der Ostpolitik. Natürlich geht Brandt auch auf seinen Sturz infolge der Affäre um Günter Guillaume ein. Als Anhang enthält das Buch außerdem Brandts "Notizen zum Fall G.", welche die entsprechenden Kapitel verständlicher machen. Brandt war wohl der Meinung, einer Verschwörung Herbert Wehners und anderer Beteiligter zum Opfer gefallen zu sein, und hat offenbar geglaubt, er sei verfrüht zurückgetreten und hätte womöglich noch eine Wende herbeiführen können.

Ob Brandt da richtig liegt, oder ob er sich die Sache selbst schönredet, kann ich nicht beurteilen. Brandts Erinnerungen ermöglichen jedenfalls einen guten Blick auf ein Stück deutscher Geschichte, das zwar nicht vor meiner Zeit liegt, mich damals aber nicht interessiert hat. 1974, bei seinem Rücktritt, war ich schließlich gerade mal sieben Jahre alt. Brandt liefert im Grunde keine Memoiren ab, sondern eher einen politischen Tätigkeitsbericht. Er spart eigene Fehler und Schwächen nicht aus, streut ab und zu auch einmal eine Anekdote ein. Man versteht, welche Ziele er erreichen wollte und warum er manche nicht erreicht hat. Dass das Buch streckenweise ziemlich trocken und manchmal sogar etwas unstrukturiert wirkt (jedenfalls hat mich der teils abrupte Wechsel in den Jahrzehnten und Themengebieten irritiert), muss man in Kauf nehmen. Wer sich allerdings weniger für Willy Brandts politischen Lebensweg und mehr für den Menschen interessiert, dem würde ich von diesem Buch abraten. Da ist man bei Gregor Schöllgen besser bedient. Am besten liest man beide Werke. (04.02.2008)

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286
Horror James Marriott / Kim Newman: Horror – Meisterwerke des Grauens von Alien bis Zombie
Tosa-Verlag, 2006
256 Seiten, gebunden

Ich nehme an, dass dieser Führer durch die Welt des Horrorfilms im englischen Original ein sehr informatives, gut geschriebenes und amüsantes Buch ist. Es enthält eine sehr umfangreiche, nach Jahrzehnten gegliederte Aufstellung jener Filme, die die Autoren für repräsentativ halten, beginnend mit den ersten Stummfilmen in den Anfangstagen des Kinos bis hin zu aktuellen Produktionen des Jahres 2005. Jedes Kapitel wird durch einen Text eingeleitet, in dem die Autoren auf die typischen Strömungen und Tendenzen der Horrorfilme jener Zeit eingehen. Dann folgen die eigentlichen Filmvorstellungen, jeweils mit einem sehr knappen Handlungsabriss sowie einem Kommentar. Aufgepeppt wird das Buch durch zahlreiche teils ganze Seiten füllende Farb- und Schwarzweißbilder. Hinzu kommen ergänzende Informationen zu bestimmten Themen, Motiven und Figuren, die in Horrorfilmen immer wieder verwendet werden, komplett mit Auflistungen der entsprechenden Filme.

Die Auswahl der Filme ist durchaus gerechtfertigt, besonders lobenswert finde ich, dass nicht nur Filme aus dem englischsprachigen Raum berücksichtigt werden. Allerdings hätte ich wohl doch im einen oder anderen Fall eine andere Auswahl getroffen. Durch die Kapitel-Einleitungen werden die Filme in den jeweiligen historischen Kontext gestellt und man kann ganz gut nachempfinden, wie das Horror-Genre sich über all die Jahre hinweg entwickelt hat. Die einzelnen Kommentare sind, soweit man es in der deutschen Übersetzung erkennen kann, kenntnisreich und oft genug mit einem Augenzwinkern geschrieben, so dass die Lektüre nicht zu trocken bleibt. Die Reviews machen den Leser neugierig auf die Filme – dummerweise hat man hierzulande aber das Problem, dass man viele der vorgestellten Werke nie zu sehen bekommen wird, weil sie entweder einfach nie in Deutschland veröffentlicht wurden, oder weil sie durch das Raster des Jugendschutzes gefallen sind.

Die deutsche Übersetzung zerstört den guten Eindruck fast vollständig. Ich habe noch niemals zuvor so viele Rechtschreibfehler auf einem Haufen gesehen, von den Übersetzungsfehlern ganz zu schweigen. Viele von letzteren sind immerhin so offensichtlich, dass jeder, der der englischen Sprache nur halbwegs mächtig ist, wenigstens mit hoher Trefferquote vermuten kann, was da im Original wirklich gestanden haben mag... (27.01.2008)

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285
Ich bin Legende Richard Matheson: Ich bin Legende
Heyne, 2008
398 Seiten

Im Jahre 1976 ist Robert Neville der letzte Mensch auf Erden. Eine rätselhafte Seuche hat fast die gesamte Weltbevölkerung in Wesen verwandelt, welche alle Eigenschaften haben, die in Mythen und Legenden den Vampiren zugeschrieben werden: Sie dürsten nach Blut, fürchten Kreuze und Spiegel, reagieren allergisch auf Knoblauch, werden durch Sonnenlicht verbrannt und können nur endgültig getötet werden, wenn man sie pfählt. Sogar Tote erheben sich während der Seuche als Vampire wieder aus ihren Gräbern, wenn man sie nicht verbrennt. Wer überlebt hatte, war bald den Vampiren zum Opfer gefallen. Unter den Opfern sind auch Nevilles Frau und Tochter. Nur Neville ist immun gegen den Krankheitserreger. Er hat sein Haus in eine für Vampire uneinnehmbare Festung verwandelt und durchstreift tagsüber die Stadt – nicht nur, um Vorräte zu sammeln und Knoblauch anzubauen, sondern auch, um "schlafende" Vampire aufzuspüren und zu pfählen.

Nachts, wenn sein Haus von den Vampiren belagert wird, erträgt Neville die Einsamkeit und das Grauen nur, wenn er sich mit Alkohol betäubt. Doch eines Tages beginnt er damit, Nachforschungen anzustellen, um der Ursache für den Vampirismus auf die Spur zu kommen und eventuell ein Heilmittel entwickeln zu können. Er liest alles an Fachliteratur, was er in die Hände bekommt, und richtet sich ein kleines Labor ein. Er scheut auch nicht davor zurück, Versuche an Vampiren durchzuführen, deren er habhaft werden kann. Schließlich entdeckt er einen durch radioaktive Strahlung mutierten Bazillus, den er als Erreger des Vampirismus identifiziert, und erkennt, dass es für alle Eigenschaften der Vampire logische Erklärungen gibt. Diese Erkenntnisse sind allerdings von geringem Nutzen, als er versucht, einen streunenden Hund zu retten. Erst als er 1979 einer jungen Frau begegnet, die ebenfalls überlebt hat, kommt es zu einer entscheidenden Wendung – aber auf andere Weise, als Neville es erwartet hätte…

Dieser Roman war lange nur antiquarisch zu haben. Anlässlich der Neuverfilmung mit Will Smith in der Rolle des Robert Neville wurde er neu aufgelegt, und es ist dem Verlag hoch anzurechnen, dass das nicht in Form einer reißerischen "Roman zum Film" - Version geschehen ist. Das Buch enthält nicht nur den Roman (der ist nur ca. 200 Seiten lang), sondern auch 10 recht düstere Kurzgeschichten des Autors.

Ohne zu sehr auf die mir bekannten Verfilmungen einzugehen (ich meine Der Omega Mann mit Charlton Heston und "I am Legend" mit Will Smith - es gibt noch eine dritte Version mit Vincent Price, die ich nur halb gesehen habe), kann ich sagen, dass beide in wesentlichen Aspekten stark von der Romanvorlage abweichen. Beide konzentrieren sich auf den Überlebenskampf des Helden, gehen aber nicht auf das ein, was ich als besonderen Clou des Romans betrachte: Die teilweise verblüffenden, aber immer nachvollziehbaren, streng wissenschaftlichen Erklärungen für praktisch alle nur scheinbar übernatürlichen Aspekte des Vampirismus. Keine der beiden Verfilmungen ist so mutig, das dystopische Ende des Romans umzusetzen. Wer den Roman noch nicht kennt, sollte jetzt nicht weiterlesen, denn ich verrate den Schluss, der den Titel des Romans verständlich macht: Neville erkennt, dass er wirklich der letzte Mensch auf Erden ist. Nicht alle Vampire sind jedoch blutgierige Ungeheuer, vielmehr sind viele von ihnen durchaus vernunftbegabt und haben bereits eine neue Gesellschaft aufgebaut. Und für diese Gesellschaft ist der Pfähler Neville das, was die Vampire vor Ausbruch der Seuche für die Menschen waren: Ein Monster, das ausgemerzt werden muss – und gleichzeitig eine Legende.

Die Verknüpfung von Elementen der Science Fiction mit denen des Horror-Genres machen die Geschichte noch interessanter, als sie ohnehin schon ist. Genauer gesagt hat mich schon lange kein SF-Roman mehr so gefesselt wie dieses 1954 erstmals erschienene Buch. Nevilles Verzweiflung, seine Einsamkeit, seine Abgründe und seine enttäuschten Hoffnungen werden so eindringlich und mitreißend geschildert, dass man das Buch einfach nicht aus der Hand legen kann. Man kann sich sehr gut in ihn hineinversetzen und ist deshalb umso betroffener, wenn man ihn quasi durch die Augen einer anderen Person wahrnimmt und erkennt, dass er auf dem besten Wege ist, seine Menschlichkeit zu verlieren. Keinesfalls darf man aber einen "klassischen Vampirroman" - etwa im Stil von Anne Rice – erwarten. Dies ist eine Endzeitgeschichte ohne jedes übernatürliche Element. Der Roman ist meiner Meinung nach ein Klassiker der SF-Literatur, den man gelesen haben muss und der zweifellos zahlreiche Epigonen in Literatur und Film hervorgebracht hat. (21.01.2008)


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284
Ara-Toxin 4 Wim Vandemaan: Die eiserne Karawane (Perry Rhodan Ara-Toxin 4)
Heyne, 2008
415 Seiten

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283
Atlan Illochim 1 Hans Kneifel: Das Relikt der Macht (Atlan Illochim 1)
Fanpro, 2007
285 Seiten

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282
In einem anderen Buch Jasper Fforde: In einem anderen Buch
dtv, 2007
417 Seiten

Thursday Next lebt in einem Parallel-Universum, in dem England und Russland auch im Jahre 1985 noch um die Halbinsel Krim kämpfen, diverse prähistorische Tiere (Dodos, Mammuts) sowie Neandertaler durch Gentechnik "zurückgeholt" wurden und Wales seine Unabhängigkeit von Großbritannien erklärt hat. Was die Gemüter der Menschen in Thursdays Welt aber wirklich erhitzt, sind Kunst und Literatur. Bücher haben fast den Stellenwert von Heiligtümern, und so ist es kein Wunder, dass die meisten Kriminalfälle und das organisierte Verbrechen sich auf diesen Bereich konzentrieren. Um dem entgegentreten zu können, hat die Polizei das Special Operations Network aufgebaut. Die insgesamt 30 SpecOps-Teilbereiche beschäftigen sich allerdings nicht nur mit Fällen von Manuskriptfälschungen, Kunstraub und ähnlichen Delikten. Es gibt auch geheime Einheiten wie ChronoGarde, die Zeitparadoxa verhindern (oder selbst erzeugen) sollen, andere SpecOps-Abteilungen beschäftigen sich mit der Bekämpfung von Vampiren und Werwölfen.

Thursday Next ist eine junge LiteraturAgentin von SpecOps-27, zu deren Aufgabengebiet es gehört, Literaturfälschungen zu entlarven. Ihr Vater ist ein desertierter ChronoGarde-Colonel, der durch die Zeiten reist, um sich der Verhaftung zu entziehen. Thursday ist clever, mutig und in ihrem Job sehr erfolgreich. So ist es ihr gelungen, den Superverbrecher Acheron Hades unschädlich zu machen und Jane Eyre zu retten. Auch privat geht es ihr bestens, denn sie hat ihre alte Liebe Landen Parke-Laine geheiratet und ist schwanger. Allerdings hat ihr Erfolg auch Schattenseiten: SpecOps will ihre Popularität ausnutzen, und so muss sie immer wieder lästige Interviews geben, bei denen sie aus Geheimhaltungsgründen aber nichts von ihrem letzten Fall verraten darf. Außerdem hat sie sich mit der Goliath Corporation, deren Oberhaupt Jack Schitt sie in ein Gedicht von E.A. Poe verbannt hat, mächtige Feinde gemacht. Zu allem Überfluss erhält sie eines Tages Besuch von ihrem Vater, der ihr verrät, dass alles Leben auf der Erde sich demnächst in rosa Soße verwandeln wird.

In ihrem neuesten Fall muss Thursday die Echtheit eines neuen Shakespeare-Manuskripts prüfen. Doch dann häufen sich seltsame Ereignisse, die darauf hinauszulaufen scheinen, dass Thursday infolge extrem unwahrscheinlicher Zufälle getötet werden soll. Dann wird Landen durch ein von Goliath in Auftrag gegebenes Zeitparadoxon "genichtet". Er lebt nur noch in Thursdays Erinnerung, und wenn sie ihn zurückhaben will, muss sie Jack Schitt befreien. Dummerweise wurde das ProsaPortal vernichtet. Thursday hat jedoch die Fähigkeit, die Handlung von Büchern aus eigener Kraft zu "betreten". Um dort überhaupt etwas ausrichten zu können, braucht sie die Hilfe von Jurisfiction, einer Art Literatur-interner Polizeitruppe aus Romanfiguren...

Dies ist der zweite Roman mit Abenteuern der LiteraturAgentin Thursday Next. Der Vorgänger (Der Fall Jane Eyre) gehört zu meinen Lese-Highlights des Jahres 2007, und Band 2 erfüllt die naturgemäß sehr hohen Erwartungen, die ich hatte, fast vollständig. Natürlich ist der Reiz des Neuen nicht mehr vorhanden, d.h. man kennt die Grundzüge von Jasper Ffordes ungewöhnlichem Parallel-Universum ja schon. Dieses Universum wird aber durch einige verblüffende neue Ideen bereichert. Dazu gehören weitere typische Science-Fiction-Elemente (wenn ich mir auch noch mehr dieser verrückten Erfindungen von Onkel Mycroft gewünscht hätte) wie die Gravitube oder die Nanomaschinen, die die Welt zu vernichten drohen und stattdessen die Entstehung des Lebens überhaupt erst ermöglichen. Wieder werden viele dieser phantastischen Details nur so nebenbei erwähnt, was effektvoller ist, als wenn sie seitenlang beschrieben werden würden. Mit der Welt in den Büchern gewinnt Thursdays Parallelwelt weiter an Tiefe. Man stelle sich vor: Es gibt sogar ein Austauschprogramm für Romanfiguren, damit die auch mal ein anderes Buch besuchen können, wenn die alte Handlung ihnen langweilig wird. Auf diese Weise kann Fforde noch mehr literarische Figuren in seinen Roman einbauen, um sie auf ungewohnte Weise agieren zu lassen.

Dass dem Autor die Ideen nicht ausgehen, ist an sich schon lobenswert. Er verknüpft sie außerdem zu einem amüsanten, unterhaltsamen Roman mit trockenem Humor und einer immer sympathischer werdenden Hauptfigur. Natürlich zündet nicht jede Pointe, aber bei einer derart hohen "Taktfrequenz" stört das kaum. Es gibt nur zwei Probleme: 1.: Viele Anspielungen beziehen sich auf Figuren aus der klassischen englischen Literatur oder auf typische Eigenheiten der britischen Gesellschaft – wenn man auf beiden Gebieten nicht so bewandert ist, entgeht einem so einiges. 2.: Das Buch hat kein richtiges Ende. Zwar entkommt Thursday sowohl ihren Widersachern von Goliath als auch der Schwester von Acheron Hades (deren Auftritt ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirkt), und natürlich wird auch die Welt gerettet. Aber was aus Landen wird und wie es Thursday nach ihrer kleinen "Auszeit" ergeht – das wird man in einem anderen Buch erfahren. (02.01.2008)


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281
Atlan Rudyn 3 Michael H. Buchholz: Acht Tage Ewigkeit (Atlan Rudyn 3)
Fanpro, 2007
316 Seiten

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280
Himmelsstürmer John Barnes: Himmelsstürmer
Bastei Lübbe, 2002
366 Seiten

Ende des 21. Jahrhunderts leben nach diversen Umweltkatastrophen, Seuchen und Kriegen nur noch wenige Millionen Menschen auf der Erde. Ihre Lebensbedingungen sind geradezu primitiv, es gibt praktisch keine Industrie und infolge der weitgehend zerstörten Ozonschicht sterben die meisten Menschen früh an Krebs. Die eigentlichen Machthaber leben in den so genannten Orbitalrepubliken: Kolonien, die in riesigen Raumstationen errichtet worden sind. Nur sie verfügen über hoch entwickelte Technologie, und sie wären in der Lage, jeden Punkt der Erde vom All aus anzugreifen. Sie behandeln die Erdbewohner, die "Dirtsider", kaum besser als Sklaven, und unterhalten Garnisonen auf der Erde. Einige der äußeren Kolonien, die "Konföderierten", haben sich von den Orbitalrepubliken losgesagt, um ihre eigene Kultur aufzubauen. Sie sind allerdings von Rohstoffen abhängig, deren Lieferung von den Orbitalen blockiert werden kann, und es hat bereits in der Vergangenheit Kriege mit den Republiken gegeben.

Als es wieder einmal Versorgungsengpässe gibt, befürchten die Konföderierten, dass ein weiterer Krieg bevorsteht und dass sie ihre Unabhängigkeit verlieren könnten. Um sich in eine bessere Position zu bringen und die Orbitale abzulenken, wollen sie eine zweite Front eröffnen, bevor sie selbst mit Kampfhandlungen beginnen. Deshalb werden Agitatoren auf die Erde geschickt, die dort Aufstände anzetteln sollen. Einer davon ist Saul Pareto. Er schließt sich einer kleinen Gemeinde von Bauern an und schafft es recht schnell, eine Untergrundorganisation ins Leben zu rufen, denn die Menschen leiden unter der Unterdrückung durch die "Skyboys". Dummerweise fühlt er sich heimisch unter den einfachen Menschen, schließt Freundschaften und verliebt sich sogar. Das ist ein echtes Problem, denn ihm muss klar sein, dass er viele seine Freunde nicht in die Freiheit führen wird, sondern in den Tod...

Im Vordergrund dieses Romans stehen zwar die abenteuerlichen Erlebnisse Saul Paretos, die übrigens mit dem Aufstand der Erdbewohner noch lange nicht zu Ende sind, aber er hat auch noch eine andere Ebene. Da werden komplexe wirtschaftswissenschaftliche und soziologische Probleme behandelt, und zwar recht ausführlich – die entsprechenden Kapitel sind für jemanden, der diese Fachgebiete nicht gerade studiert hat, etwas schwer zu lesen, sie sind nicht auf Anhieb verständlich. Sie verleihen dem Roman aber eine Tiefe, eine Art "realistisches Fundament", was man in SF-Romanen sonst eher selten findet. Das fiktive Universum mit den drei sehr unterschiedlichen Kulturen (bäuerliche Erdlinge, hochtechnisierte Orbitale, sozialistische Konföderierte) wird so detailreich ausgearbeitet, dass es eigentlich Stoff für einen längeren Roman oder weitere Bücher einer ganzen Serie bieten würde. Mir ist aber nicht bekannt, ob es weitere Romane gibt, die ebenfalls in diesem Universum spielen.

Das Ganze ist nicht ohne Parallelen zu aktuellen weltpolitischen Problemen, wobei man berücksichtigen muss, dass der Roman im Jahre 1986 erstveröffentlicht wurde. Kriege, die um Rohstoffe geführt werden, Großmächte, die sich in die Angelegenheiten kleiner Staaten einmischen, um sie gegen ihre mächtigen Feinde zu missbrauchen – das dürfte uns nicht unbekannt vorkommen. Abgesehen davon ist die Geschichte aber auch unterhaltsam. Es wird schließlich nicht mit Herzschmerz, Selbstzweifeln des "Helden" (die einen kritischen Kontrapunkt zur ansonsten allzu positiv dargestellten Vorgehensweise der Konföderierten setzen) sowie recht derben und blutigen Kampfszenen gegeizt. Insgesamt wirkt der Roman dann aber doch zu uneinheitlich: Gute Charakterbeschreibungen, ein überzeugendes Szenario und handfeste Action auf der einen Seite, langatmige politische Überlegungen auf der anderen. (27.12.07)


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279
Ara-Toxin 3 Hans-Joachim Alpers: Nekrogenesis (Perry Rhodan Ara-Toxin 3)
Heyne, 2008
367 Seiten

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278
Königin der Verdammten Anne Rice: Die Königin der Verdammten
Goldmann, 2002
541 Seiten

Der Vampir Lestat hat nach seinem Erwachen im Jahre 1984 damit begonnen, alle Gesetze, die für seinesgleichen gelten, auf den Kopf zu stellen. Er hat eine erfolgreiche Rockband gegründet und das Geheimnis der Vampire in aller Öffentlichkeit verraten. Auch wenn ihm die Menschen kein Wort glauben, sondern alles für das exaltierte Gehabe eines Rockstars halten, wird der Zorn der anderen Vampire erregt. Sie machen sich auf den Weg, um ihn bei einem Live-Konzert zu vernichten. Auch Lestats alte Weggefährten machen sich auf dem Weg zu ihm: Louis, Danielle und Marius sind bereit, ihm zur Seite zu stehen. Durch Lestats unvergleichlichen Gesang wird jedoch auch Akascha, die erste Vampirin, zu neuem Leben erweckt. Sie beginnt sofort damit, alle Vampire zu vernichten und tötet ihren Gemahl Enkil. Sie verschont nur jene, die wichtig für Lestat sind, rettet ihn bei dem Konzert vor seinen Verfolgern, und trägt ihn mit sich fort.

Die überlebenden Vampire versammeln sich, um zu beraten, wie Akascha aufgehalten werden könnte, denn ihr Tod wäre gleichbedeutend mit dem Ende all ihrer Abkömmlinge. Sie erhalten unerwartete Hilfe von den "Zwillingen": Die Seherinnen Maharet und Mekare gehören zur "Ersten Brut", also zu den ältesten Vorfahren aller Vampire. Sie waren vor Jahrtausenden von Akascha und Enkil gefoltert worden, denn einer der Dämonen, über die sie seinerzeit gebieten konnten, hatte sich mit diesem altägyptischen Herrscherpaar verbunden und es somit zu den ersten Bluttrinkern gemacht. Den Zwillingen, die wenig später ebenfalls in Vampire verwandelt wurden, hatte man die Schuld an diesem Vorgang gegeben. Während Mekare verschwunden war, hatte Maharet in den folgenden Jahrtausenden über ihre Familie gewacht und ihren Stammbaum aufgezeichnet. Aus dieser Familie war auch die Organisation "Talamasca" hervorgegangen, eine Gruppe von Menschen, die sich mit der Erforschung des Übersinnlichen beschäftigt.

Akascha glaubt Lestat zu lieben und lässt ihn ihr Blut trinken. So überträgt sie ihre eigenen überlegenen Fähigkeiten auf ihn. An ihrer Seite soll er für eine neue, von ihr diktierte Weltordnung kämpfen. Lestat ist fasziniert von der Schönheit Akaschas, aber ihre grausamen Pläne stoßen ihn ab. Allein kann er sie jedoch nicht aufhalten und vielleicht will er es auch gar nicht...

Dieser Roman aus der Chronik der Vampire (geschrieben von Lestat persönlich) ist eine direkte Fortsetzung von Der Fürst der Finsternis, und es hat wenig Sinn, ihn zu lesen, wenn man den Vorgänger nicht kennt. Auch Gespräch mit einem Vampir sollte man gelesen haben, um ihn zu verstehen. Allerdings beginnt die Handlung nicht gleich mit den Geschehnissen bei Lestats Konzert. Stattdessen werden – wie schon im Vorgängerroman – die "Lebensgeschichten" anderer Vampire erzählt oder weitergeführt. Erneut sind diese Geschichten, die in verschiedenen historischen Epochen spielen, die interessantesten Teile des Romans. All diese Geschichten kulminieren schließlich in Lestats Konzert. Danach flaut der Roman deutlich ab bzw. wird streckenweise sogar unerträglich, wenn es um Akaschas Welteroberungspläne geht, die auf ein unglaublich naives Weltbild der Autorin schließen lassen – wenn man nicht annehmen möchte, dass es sich vielmehr um Akaschas Weltbild handelt, das aufgrund ihres jahrtausendelangen Schlafs natürlich nicht so recht auf der Höhe der Zeit sein kann.

Die Entstehung der Vampire wird weiter ausgearbeitet und bleibt in sich schlüssig. Die Frage nach dem Ursprung der Geister (oder Dämonen), mit denen die Zwillinge vor ihrer Vampir-Werdung kommunizieren konnten, bleibt aber offen. Anne Rice nimmt sich viel, vielleicht etwas zu viel Zeit, die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer untoten Helden zu schildern. Interessant dabei sind die Unterschiede zwischen den Vampir-Hauptpersonen, wenn ich auch sagen muss, dass es zu viele davon gibt, als dass man sich mit einer von ihnen identifizieren könnte. Lestat ist nach wie vor nicht dafür geeignet, denn ich verstehe diesen Charakter einfach nicht. Übrigens kommt es mir ein wenig irritierend vor, wie leidenschaftlich die Vampire sich für ihre Opfer einsetzen und wie leicht Akascha am Ende zu besiegen ist – das Ende kommt etwas abrupt. (10.12.2007)


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277
Wers glaubt wird selig Dieter Nuhr: Wer's glaubt, wird selig
Rororo, 2007
191 Seiten

Nachdem Dieter Nuhr in seinem letzten Buch seine mehr oder weniger vergebliche Suche nach intelligentem Leben beschrieben hat, wendet er diesmal den Blick quasi in die genau entgegengesetzte Richtung. Er beschäftigt sich mit den Fragen, was der Glaube eigentlich ist und warum die Menschen lieber an irgend einen völlig hirnrissigen Humbug glauben, den irgendwer sich vor zweitausend oder mehr Jahren ausgedacht hat, als an einfache Tatsachen. Natürlich hat Nuhr für beide Fragen keine schlüssigen Antworten anzubieten (außer dem Fazit, dass Glaube was Komisches ist), kommt aber zu Erkenntnissen, die nicht von der Hand zu weisen sind – zum Beispiel, dass Glaube eher was für Doofe ist, da Wissen und Glauben sich per Definition gegenseitig ausschließen, dass Doofe aber glücklicher durchs Leben gehen, weil sie sich nicht über jeden Mist Gedanken machen müssen. Diese Schlussfolgerungen sind zwar nicht neu, aber Nuhr trägt sie in seiner unnachahmlichen Art vor, indem er alltäglichste Banalitäten mit hochphilosophischen Überlegungen verknüpft. So kenne ich ihn aus seinen früheren Kabarett-Programmen, und genau so mag ich ihn.

Diesmal wird Nuhr viel konkreter als im vorherigen Buch (auch wenn er sehr oft abschweift, wie er selbst zugibt), und er spart auch nicht mit – natürlich humoristisch verpackter – Kritik, die sich vor allem auf die allseits bekannten aktuellen Probleme bezieht. Nicht nur Islamistische Fundamentalisten kriegen ihr Fett weg, sondern Fanatiker aller Couleur. Man kann ihm also nicht vorwerfen, die Dinge einseitig zu betrachten. Das Buch passt zwar besser in die Rubrik "Satire" als der Vorgänger, der mehr zur Comedy hin tendierte, dafür ist es aber auch nicht mehr ganz so amüsant.

Auf der Suche nach den verschiedenen Weltreligionen und anderen Dingen, an die Menschen so glauben (auch Aberglaube, Esoterik und diverse andere abstruse Sachen wie Fußball werden behandelt), hat Nuhr die ganze Welt bereist. Dabei hat er viel fotografiert. Die Bilder und die launigen Kommentare dazu lockern das Buch zwar auf, haben mit dem Titelthema aber eigentlich nichts zu tun. (05.12.2007)

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276
Atlan Rudyn 2 Rüdiger Schäfer: Das Sphärenrad (Atlan Rudyn 2)
Fanpro, 2007
320 Seiten

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275
Auf zwei Planeten Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten
Verlag Das Neue Berlin, 1984
642 Seiten, gebunden

Die Polarforscher Grunthe, Saltner und Torm unternehmen eine Nordpol-Expedition mit einem Fesselballon. Am Pol angekommen, entdecken sie eine Insel, auf der Fremde eine Basis eingerichtet haben. Der Ballon gerät in ein künstlich erzeugtes Antischwerkraftfeld und wird in die Höhe gerissen, dann stürzt er ab. Grunthe und Saltner werden von der Besatzung der Polstation geborgen, Torm ist zunächst verschollen. Als die beiden Forscher wieder zu sich kommen, stellen sie fest, dass sie sich in der Obhut von Marsianern befinden (die Marsbewohner bezeichnen sich selbst als Nume), die die Erde seit geraumer Zeit beobachten und einen regen Raumschiffsverkehr zwischen den beiden Planeten unterhalten. Bisher haben die Nume ihre Aktivitäten auf die Pole konzentriert, denn wegen der höheren Schwerkraft können sie sich nicht frei auf der Erde bewegen. Die nicht nur technisch, sondern auch ethisch weit entwickelten Nume sind menschenähnlich, und der Kontakt zwischen ihnen und den Menschen verläuft zunächst sehr gut. Grunthe und Saltner lernen die Sprache ihrer Gastgeber, Saltner verliebt sich in die schöne La.

Dann kommt es zu einem verhängnisvollen Zwischenfall. Ein marsianisches Luftschiff gerät durch ein tragisches Missverständnis in Konflikt mit einem englischen Kanonenboot. Die Engländer nehmen zwei Marsianer gefangen, weil sie diese für den Tod zweier Kameraden verantwortlich machen (tatsächlich sind sie einem Unfall zum Opfer gefallen). Für die Nume, denen die Freiheit alles bedeutet, ist dies ein ungeheuerlicher Vorgang. Sie greifen das Kanonenboot an und befreien ihre Artgenossen. Doch dabei bleibt es nicht. Die Menschen gelten bei vielen Marsianern nach diesem Ereignis als unzivilisierte Wilde, denen die Segnungen der Numenheit notfalls mit Gewalt nahe gebracht werden müssen. Sie entsenden deshalb zahlreiche Schiffe zur Erde, die zunächst England niederwerfen. Als zwischen den anderen Nationen daraufhin Kämpfe um die ehemaligen Kolonien Großbritanniens ausbrechen, rufen die Nume das Protektorat über die ganze Erde aus. Die Armeen der Menschen haben den überlegenen Waffen der Marsianer nichts entgegenzusetzen. Die Nume glauben dennoch, nicht als Eroberer zu kommen, sondern als Lehrer. Allerdings zeigt sich schon bald, dass der Aufenthalt unter den Menschen einen verrohenden Einfluss auf die Marsianer hat, und dass ihr Verhalten den Widerstandswillen der Menschen weckt…

Dieser im Jahre 1897 erstmals erschienene Roman gilt als Klassiker der Science Fiction. Der Text ist gemeinfrei und kann in voller Länge im Internet gelesen werden (siehe z.B. das Projekt Gutenberg). Nach dem Autor wurde ein Preis für deutschsprachige Science Fiction benannt, der 1981 erstmals verliehen wurde und auch heute noch existiert.

Den Roman sollte man nicht lesen, wenn man spannende Kurzweil erwartet. Einige Kapitel sind zwar durchaus fesselnd, die Geschichte nimmt aber erst im zweiten Buch etwas Fahrt auf, als die Marsianer die Erde erobern. Laßwitz nimmt sich aber seeehr viel Zeit, um Kultur und Technik der Marsianer zu schildern. Diese Kapitel ziehen sich wie Kaugummi, noch schlimmer aber sind die "Beziehungskisten", vor allem zwischen Isma Torm und dem Halb-Marsianer Ell, die in praktisch jeder Zeile den Geist des 19. Jahrhunderts atmen und heutzutage nach grausigem Kitsch klingen. Durch all das ist die Lektüre über weite Strecken eher ermüdend. Man kann diese Kapitel aber zumindest unter literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten lesen, denn der Text wurde ja nie "modernisiert" und zeigt sehr deutlich, welchen Stil Romane der damaligen Epoche hatten.

Trotz allem ist der Roman lesenswert, und sei es nur wegen der Naivität und erkennbaren Begeisterung, mit der hier Dinge phantasievoll beschrieben werden, die zur Zeit des Autors noch Zukunftsmusik waren, heute jedoch selbstverständlich sind, oder andere, die man damals noch für möglich halten konnte, weil bestimmte Entdeckungen noch gar nicht gemacht waren – die Relativitätstheorie wurde zum Beispiel erst einige Jahre später veröffentlicht. Interessant ist auch, dass die Marsianer bei Laßwitz, im Gegensatz z.B. zu "Krieg der Welten" von H.G. Wells, keine blutrünstigen Eroberer sind, sondern im Grunde freundliche und ethisch hochstehende Wesen, die erst durch den Kontakt mit den Menschen korrumpiert werden... (18.11.2007)


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274
Ara-Toxin 2 Uwe Anton: Die Medo-Nomaden (Perry Rhodan Ara-Toxin 2)
Heyne, 2007
400 Seiten

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273
The Police Martin Scholz: The Police
Eichborn, 2007
215 Seiten

Mehr als 20 Jahre ist es her, seit die Musiker von The Police, einer meiner Lieblingsbands, sich getrennt haben, um eigene Wege zu gehen. 2006 / 2007 haben Sting, Andy Summers und Stewart Copeland sich für eine Welttournee wieder zusammengefunden – The Police ist wieder auferstanden. Auch in Deutschland haben sie gespielt, im Oktober wollten sie nach Düsseldorf kommen. Natürlich habe ich Karten für dieses Konzert. Wegen einer Kehlkopfentzündung Stings wurde es aber auf Juni 2008 verschoben.

Als kleines Trostpflaster gibt es dieses vermutlich aus Anlass der Reunion herausgegebene Buch, das hauptsächlich Interviews mit Sting enthält, welche Martin Scholz zwischen 1988 und 2007 geführt hat. Es sind nur einzelne und kürzere Interviews mit Summers und Copeland vorhanden. So liest man hauptsächlich, welche politische Einstellung Sting hat, welche Aktionen zum Schutz des Regenwalds er ins Leben gerufen hat, welche Ziele er als Solomusiker verfolgt und so weiter. Natürlich wurde immer wieder auch die Frage nach einer möglichen Wiedervereinigung von The Police gestellt – Sting hat das bis zuletzt immer weit von sich gewiesen. Sehr interessant ist auch ein Interview mit Sting und Campino von den Toten Hosen, der auch eine überraschend kenntnisreiche und wohlwollende Einleitung zu diesem Buch beigesteuert hat. Abgerundet werden die einzelnen Interviews durch Rückblicke auf wichtige Ereignisse der jeweiligen Jahre und die damaligen Albumcharts.

Natürlich ist das Buch hauptsächlich für Fans von Sting und The Police interessant. Für die ist es aber doch mal was Neues, da es keineswegs nur um The Police und ihre Musik oder irgendwelche Anekdoten aus alten Zeiten geht. (01.11.2007)

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272
Blicke windwärts Iain Banks: Blicke Windwärts
Heyne, 2003
524 Seiten

Die KULTUR ist ein Zusammenschluss verschiedener technisch hoch entwickelter, nach humanistischen Prinzipien lebender Völker, die sich blind auf ihre Technologie sowie ihre mit echter Intelligenz und Bewusstsein ausgestatteten Supercomputer verlassen und nach dem Grundsatz leben, dass jeder jederzeit und überall alles tun können soll, wonach ihm der Sinn steht. Teile der KULTUR sind bestrebt, diese Lebensweise zu verbreiten und auch andere Völker in den Genuss ihrer Errungenschaften kommen zu lassen. So mischen sie sich auch in die internen Belange von Völkern ein, deren Lebensweise den moralischen Prinzipien der KULTUR widerspricht. Eines dieser Völker sind die Chelgrianer, die zwar ebenfalls über eine vergleichsweise hoch entwickelte Technologie verfügen, aber immer noch in einem relativ starren Kastensystem leben. Als es zu gesellschaftlichen Umwälzungen kommt, die schließlich in einen verheerenden Kastenkrieg münden, machen die Chelgrianer die KULTUR dafür verantwortlich. Tatsächlich gibt die KULTUR zu, ihre Hände im Spiel gehabt zu haben.

Nach den Ehrbegriffen der Chelgrianer bleibt den im Krieg Gefallenen der Einzug ins Paradies (dessen Existenz übrigens bewiesen ist) verwehrt, solange ihr Tod nicht gerächt ist – und da im Kastenkrieg nur Chelgrianer gegeneinander gekämpft haben, aber nicht gegen die wahren Feinde aus der KULTUR, warten Milliarden von Seelen auf die Erlösung. Major Quilan, ein Kriegsveteran, der seine geliebte Frau verloren hat und nur noch den Tod sucht, wird deshalb mit einer besonderen Mission betraut. Vordergründig soll er lediglich den berühmten Komponisten Mahrai Ziller, der auf dem Masaq'-Orbital im Exil lebt, zur Rückkehr nach Chel bewegen. Tatsächlich transportiert er eine unsichtbare Waffe, mit der das Orbital zumindest schwer beschädigt, wenn nicht gar vernichtet werden soll. Dabei würden Milliarden von Bürgern der KULTUR sterben, so dass die chelgrianischen Gefallenen gerächt wären…

Dieser Roman gehört zum KULTUR-Zyklus, dessen ersten Band (Bedenke Phlebas) ich schon im Jahre 2003 gelesen habe. In der Reihenfolge der Romane ist "Blicke windwärts" viel später einzusortieren, d.h. der im ersten Roman beschriebene Krieg gegen die Idiraner ist schon seit Jahrhunderten vorbei. Trotzdem muss man die dazwischen liegenden Romane nicht unbedingt gelesen haben, d.h. die Geschichte ist in sich abgeschlossen. Auch werden die Eigenheiten der KULTUR so beschrieben, dass man ohne Vorkenntnisse begreift, was für eine Gesellschaft das ist – und dass sie eigentlich eine extrem übersteigerte Version der USA darstellt. Mit dem Unterschied vielleicht, dass die KULTUR sich durchaus wohlmeinend in die Belange anderer Völker einmischt, und nicht ausschließlich aus eigennützigen Motiven. Das Ergebnis bleibt gleich: Die Großmächte erschaffen sich ihre Feinde selbst. Übrigens: Der Roman ist vor dem 11. September 2001 geschrieben worden.

Natürlich ist obige kurze Zusammenfassung nur ein Abriss der Ausgangssituation, die zu Beginn des Romans noch gar nicht bekannt ist. Der Roman ist weit vielschichtiger, als dieser Abriss es vermuten lässt. Es dauert eine Weile, bis sich die zahlreichen Handlungsfäden, die Banks parallel bzw. in unterschiedlichen Zeitebenen und Rückblicken laufen lässt, zu einem sinnvollen Gesamtbild vereinigen. Das tun sie aber durchaus, und zwar genau so, wie man es von einem spannenden Roman erwartet: Nämlich in einem relativ kurzen Höhepunkt nach einer ausführlichen, aber wegen der vielen Schauplätze, skurrilen Hauptfiguren und nur nach und nach gegebenen Antworten stets fesselnden Einleitung. Allerdings werden nicht alle Fragen beantwortet. Es wird nicht ganz klar, wer die eigentlichen "Hintermänner" des chelgrianischen Terroranschlags sind.

Die Mischung aus gigantomanischer High-Tech-Space-Opera auf der einen und philosophischen Einschüben sowie melancholischen Rückblicken auf der anderen Seite gefällt mir sehr gut. Das Ganze wird immer wieder auf humoristische Weise aufgelockert, wobei Ziller, ein etwas exzentrisches, zynisches Raubein, und der sanftmütige, aber hintergründige Botschafter Kabo wichtige Rollen spielen. Überhaupt gelingt es Banks, die Anteilnahme des Lesers am Schicksal der Hauptfiguren zu wecken, wenn man auch sagen muss, dass sie in allen Details so menschlich sind, dass man ihr teilweise exotisches Äußeres schnell vergisst. Am Ende zeigt die KULTUR in der brutalen und auch sehr drastisch geschilderten Bestrafung der Bösewichte ihre düstere Seite. Ein von Anfang bis Ende fesselnder Roman mit sozialkritischen Tönen. Daumen hoch! (28.10.2007)


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271
Die Kinder Hurins J.R.R. Tolkien: Die Kinder Húrins
Klett-Cotta, 2007
334 Seiten, gebunden

Im Ersten Zeitalter lebten in Beleriand, einer großen Landmasse im Nordwesten Mittelerdes, die später im Meer versank, mächtige Völker der Elben und Menschen. Sie lebten im Schatten Morgoths, des mächtigsten aller Valar, der immer wieder Krieg gegen die Reiche der freien Völker führte, welche Morgoths Festung Angband belagerten.

Einer der Heerführer der Menschen ist Húrin, Herr über das hoch im Norden gelegene Land Dor-lómin. Nach der vernichtenden Niederlage der Elben und Menschen gegen Morgoths durch Ostlinge verstärkte Orkheere in der "Schlacht der ungezählten Tränen" wird Húrin gefangen genommen. Da er standhaft bleibt und nichts von seinem Wissen über die verborgene Elbenstadt Gondolin preisgibt, belegt Morgoth Húrins Familie mit einem Fluch und kettet ihn auf einem Berggipfel der Thangorodrim an, von wo aus er das Schicksal seiner Kinder und seines Landes, das von den Ostlingen besetzt wird, hilflos mit ansehen muss.

Morwen, Húrins Ehefrau, schickt ihren Sohn Túrin nach Doriath, wo Elbenkönig Thingol das Kind als Pflegesohn annimmt. Sie selbst bleibt noch zurück und bringt Túrins Schwester Nienor zur Welt. Túrin lebt zwar in Ehren unter den Elben, gerät jedoch wegen seines Stolzes und seines unbeherrschten Temperaments immer wieder in Schwierigkeiten. Als er den Tod eines Elben verursacht, der ihn verspottet hat, flieht Túrin aus Doriath und schließt sich einer Gruppe von Geächteten an. Schließlich gelangt Túrin in die Elbenstadt Nargothrond und bringt König Orodreth dazu, offen gegen Morgoth zu kämpfen – dies führt zur Vernichtung Nargothronds durch den Drachen Glaurung. Wieder einmal muss Túrin fliehen, diesmal zurück in seine Heimat Dor-lómin. Er wird zum Anführer der Menschen von Brethil, die er mit der Zeit zu einer starken Macht aufbaut, welche den Vormarsch der Truppen Morgoths aufhält. Eines Tages findet er eine nackte junge Frau in der Wildnis, die ihr Gedächtnis verloren hat. Er verliebt sich in sie, denn er ahnt nicht, dass sie seine Schwester Niniel ist, die von Glaurung mit einem Zauber belegt worden ist…

Der Roman "Die Kinder Húrins" ist keineswegs "Der neue Tolkien", wie uns die Werbung weismachen will. Der größte Teil der Geschichte war schon in verschiedenen anderen Werken zu lesen, zum Beispiel im "Silmarillion". Die jetzt vorliegende Ausgabe enthält lediglich eine neue Zusammenstellung der vorliegenden eher fragmentarischen Texte, die von Christopher Tolkien erstmals in eine besser verständliche, geschlossene Form gebracht worden sind. So ist ein sehr gut lesbarer, wenn auch nicht besonders langer Roman entstanden, der alles enthält, was man an Tolkiens Werk kennt und liebt. Als Geldmacherei würde ich die Neuveröffentlichung auch nicht bezeichnen, schließlich hat es den Text in dieser Form noch nie gegeben, außerdem ist das Buch mit Bildern und Zeichnungen von Alan Lee sowie einer Karte wirklich schön ausgestattet.

Natürlich wirkt die Geschichte immer noch wie ein Fragment, denn sie ist an manchen Stellen nicht richtig ausgearbeitet. Sie endet mit der Freilassung Húrins und dem Tod Morwens. Man erfährt hier nicht, was mit Húrin weiter geschieht: Er gelangt nach Nargothrond, wo er den Kleinzwerg Mîm tötet – schließlich hat er von den Thangorodrim aus zugesehen, wie Túrin von Mîm verraten wurde. Dann wandert er weiter nach Menegroth und übergibt Thingol das Nauglamir, das er Mîm abgenommen hat. Húrins weiteres Schicksal ist nicht genau bekannt, vermutlich hat er sich ins Meer gestürzt. Aber im Zentrum der Geschichte steht ja auch Túrin Turambar, der eine geradezu Shakespeare'sche Tragödie der Irrungen und Wirrungen erleidet, woran er eigentlich wegen seines Stolzes und Starrsinns weitgehend selbst Schuld ist – Morgoths Fluch wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen.

Diese Geschichte ist auch für Leute gut geeignet, die sich in Tolkiens Werk nicht so gut auskennen. Möglicherweise werden sie von der Vielzahl der Personen, Beziehungen, Orte und Geschehnisse überfordert sein, die in diesem Buch zwar genannt, aber nicht näher erklärt werden. Als "Unkundiger" muss man sich einfach auf diese Erzählweise einlassen, wird dann aber sicher durch die tragischen Geschehnisse gefesselt sein – und vielleicht wird ja das Interesse geweckt, mehr über die Zeitalter vor den Geschehnissen des Herrn der Ringe zu erfahren? Wer nur dessen Verfilmung kennt und vom zugrunde liegenden Roman enttäuscht war, der dürfte dieses Buch erst recht furchtbar finden.

Ärgerlich finde ich nur die vielen Schreibfehler. Manchmal fehlen ganze Wörter. Etwas mehr Sorgfalt hätte man schon erwarten dürfen. (22.10.2007)


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270
Atlan Rudyn 1 Achim Mehnert: Die Psi-Kämpferin (Atlan Rudyn 1)
Fanpro, 2007
303 Seiten

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269
Die Lincoln-Maschine Philip K. Dick: Die Lincoln-Maschine
Heyne, 2007
288 Seiten

Louis Rosen und Maury Rock haben eine kleine Firma, die Klaviere und Elektrische Orgeln herstellt. Das Geschäft läuft nicht gut, seit Konkurrenzfirmen dazu übergegangen sind, Musikinstrumente herzustellen, mit denen Gefühle direkt manipuliert werden können. Rock kommt deshalb auf die Idee, die Produktion auf Simulacra – künstliche Menschen, die praktisch nicht von ihren Vorbildern unterschieden werden können – umzustellen. Derartige Roboter gibt es bereits, es sind aber primitive Modelle, die für Arbeiten in Umgebungen geschaffen wurden, in denen Menschen nicht leben können. Rock dagegen will historische Persönlichkeiten nachbilden. Als erster Prototyp wird ein Roboter hergestellt, der die Gestalt Edwin M. Stantons (Abraham Lincolns Kriegsminister) hat. Ihm werden darüber hinaus alle Fakten einprogrammiert, die über diesen Mann bekannt sind. Die Programmierung ist so perfekt, dass das Simulacrum quasi der wiedergeborene Stanton ist. Prototyp Nr. 2 ist dann Abraham Lincoln selbst, und diese Maschine ist noch perfekter. Sie hat alle Erinnerungen und Gefühle des einstigen Präsidenten.

Während Rock versucht, mit dem Großunternehmer Sam Barrows ins Geschäft zu kommen, der die Simulacra für sein Projekt zur Besiedlung des Mondes gebrauchen könnte, verliebt Louis Rosen sich in die unnahbare und angeblich schizophrene Pris Frauenzimmer, die die Simulacra entworfen hat. Während Stanton und Lincoln faktisch die Leitung der kleinen Firma Rocks und Rosens übernehmen, gerät Rosens Leben aus den Fugen. Er wird geradezu besessen von Pris, die gar nichts von ihm wissen will und sich schließlich sogar Barrows an den Hals wirft, um groß herauszukommen. Diese Besessenheit treibt Rosen allmählich in den Wahnsinn.

Maschinen, die menschlicher sind als die Menschen, von denen sie erschaffen wurden, und die Streitgespräche darüber führen, was eigentlich "menschlich" ist, staatlich verordnete Tests, deren lächerliche Ergebnisse darüber entscheiden, ob ein Mensch für schizophren erklärt wird oder nicht (als Folge davon: Überquellende psychiatrische Kliniken), ein Besiedlungsprogramm für den Mond, bei dem den menschlichen Siedlern mit robotischen Nachbarn eine heile Welt vorgegaukelt werden soll, undurchsichtige Frauenfiguren, die die Männer in den Wahnsinn treiben, Vermischung von Realität und Halluzinationen… all diese Elemente sind typisch für P.K. Dick. Dieser Roman gehört wohl nicht zu seinen besten Werken, aber er liest sich doch recht gut, was einerseits an den erwähnten Elementen, andererseits und vor allem aber an den überzeugenden Dialogen und dem ironischen Stil liegt – die Dialoglastigkeit des Romans stört keineswegs. Lobend erwähnen muss man in diesem Zusammenhang die deutsche Übersetzung von Frank Böhmert (einen Vergleich mit der alten Übersetzung kann ich nicht anstellen, weil ich sie nicht kenne), die diesen doch schon sehr alten Text (der Roman ist 1972 erschienen und wurde sogar noch 10 Jahre früher geschrieben) absolut zeitgemäß erscheinen lässt.

Nicht so toll finde ich den Bruch in der Handlung: Ab einem bestimmten Zeitpunkt spielen die Simulacra überhaupt keine Rolle mehr, dann geht es nur noch um Rosens gestörte Beziehung zu Pris. Man muss sich halt damit abfinden, dass die SF-Elemente irgendwann einfach wegfallen. Aber wer bei Dick einen SF-Roman mit Robotern, Raumschiffen und fiesen Aliens erwartet, ist sowieso an der falschen Adresse. Interessant sind übrigens auch die vielen Parallelen zu Dicks Roman Simulacra.

Der Roman enthält ein kurzes Nachwort von Tim Powers, dem zufolge der Roman beim erstmaligen Erscheinen ein zusätzliches Kapitel hatte, das gar nicht von Dick stammt, sondern von seinem Herausgeber, und das in späteren Ausgaben nicht mehr verwendet worden ist. Offenbar war man damals der Meinung, den Lesern eine "verständlichere" Auflösung der beiden fast unabhängig nebeneinander stehenden Handlungsebenen bieten zu müssen. In diesem zusätzlichen Kapitel erfährt Rosen, dass er selbst ein Simulacrum ist. (10.10.2007)


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268
Ara-Toxin 1 Leo Lukas: Die galaktischen Mediziner (Perry Rhodan Ara-Toxin 1)
Heyne, 2007
384 Seiten

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267
Star Wars - Die illustrierte Chronik Ryder Windham: Star Wars – Die illustrierte Chronik der kompletten Saga
Heel, 2005
144 Seiten, gebunden

Dieser großformatige Bildband enthält die chronologische Nacherzählung der Geschehnisse aller Star Wars – Filme, ergänzt durch Ereignisse, die darin nicht vorkommen, sondern Thema von Comics, Romanen und Computerspielen waren. Das Ganze wird durch Filmfotos, Comic-Auszüge, Konzeptzeichnungen usw. illustriert. In einem Anhang findet man noch Informationen über diverse Merchandising-Produkte und eine kleine Zeittafel über die Entstehung der Filme.

Natürlich ist das Buch für Leute wie mich, die weder die Comics noch die Romane kennen, durchaus interessant. Schließlich erfährt man auf diese Weise unter anderem, dass Han Solo und Prinzessin Leia schließlich doch noch heiraten und Kinder kriegen, dass Luke Skywalker einen neuen Jedi-Orden gründet, und wie Chewbacca den Tod findet. Auch die Informationen über weit in der Vergangenheit liegende Ereignisse sind lesenswert, außerdem wurden Nebenfiguren aus den Filmen offenbar in Romanen und Comics genauer ausgearbeitet – auch diese Infos sind ganz nett. Insgesamt ist aber alles zu knapp, ich hätte mir ausführlichere Erläuterungen gewünscht. Hinzu kommt, dass die Texte eine ganze Reihe von Fehlern enthalten. Und dabei handelt es sich nicht nur um Rechtschreibfehler, sondern auch um sachlich falsche Darstellungen. An der Qualität der Bilder gibt es zwar kaum etwas auszusetzen, aber sehr viel Neues wird nicht geboten. (04.10.2007)

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266
Der ferne Regenbogen Arkadi und Boris Strugazki: Der ferne Regenbogen
Verlag Das neue Berlin, 1981
156 Seiten

Der Planet "Regenbogen" ist ein Experimentierfeld für Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete. Die Nullphysiker beschäftigen sich mit dem zeitverlustfreien Transport von Materie über weite Strecken hinweg, d.h. sie wollen Objekte vom Regenbogenplaneten zur Erde teleportieren. Diese Experimente gelingen, allerdings sind sie mit seltsamen Phänomenen verbunden: Nach jedem "Nulltransport" gehen von den Polen des Planeten Energiewellen aus, die sich zum Äquator hin ausbreiten und alles vernichten, was auf ihrem Weg liegt. Bisher waren die Wissenschaftler in der Lage, den Wellen durch gigantische Aggregate die Energie abzusaugen und sie somit unschädlich zu machen. Doch eines Tages folgt der normalen Welle eine zweite Energiefront, die nicht aufgehalten werden kann. Der Planet muss evakuiert werden, aber das einzige momentan zur Verfügung stehende Raumschiff hat nur eine geringe Ladekapazität. Somit könnten entweder die Kinder der auf Regenbogen lebenden Wissenschaftler gerettet werden – oder die Ergebnisse ihrer jahrelangen Forschungsarbeit…

Thema dieses relativ kurzen Romans ist natürlich die Frage, wie weit die Forschung gehen darf und wie man im Katastrophenfall mit den Folgen umgeht. Als Kritik blinder Technikgläubigkeit funktioniert das ganz gut, denn den Wissenschaftlern wird unmissverständlich klar gemacht, dass die globale Vernichtung ein zu hoher Preis für das Erreichte ist – schließlich ist es ihnen ja nur gelungen, ein kleines Stückchen unbelebter Materie zu transportieren, vom Transport eines Menschen sind sie noch weit entfernt. Die ethische Frage wird dagegen mit einer Naivität beantwortet, die ich bei den Strugazkis nicht erwartet hätte. Die Wissenschaftler entscheiden sich für die Rettung der Kinder, d.h. die Entscheidung wird ihnen vom Kapitän des Raumschiffes abgenommen, aber sie stellen sie nicht in Frage. Keine Spur von Tumulten oder wenigstens Protesten – man akzeptiert die Entscheidung ganz einfach. Bis dahin bleibt der Roman aber wegen des lebendigen und humorvollen Stils der Strugazkis sehr unterhaltsam. (04.10.2007)

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265
Awakenings Oliver Sacks: Awakenings – Zeit des Erwachens
rororo, 1995
463 Seiten

Der Neuropsychologe Oliver Sacks hat ab dem Jahre 1966 eine Gruppe von Patienten betreut, die in den Zwanzigerjahren an der Europäischen Schlafkrankheit (Encephalitis lethargica) erkrankt waren. Die Erkrankten waren in unterschiedlich stark ausgeprägte Apathie und Katatonie verfallen, in den schwersten Fällen hatten die Postenzephalitiker weder sprechen noch sich bewegen können – sie waren wie erstarrt, eingefroren, gefangen in ihren eigenen Körpern, obwohl sie in gewisser Weise bei Bewusstsein waren. Sacks hatte diese Patienten mit dem damals neuen Medikament L-Dopa behandelt und sensationelle Ergebnisse erzielt. Die Postenzephalitiker waren buchstäblich aus einem 40 Jahre langen "Dornröschenschlaf" erwacht und konnten mehr oder weniger normal am täglichen Leben teilnehmen. Allerdings hatte nicht jeder in gleicher Weise günstig auf L-Dopa reagiert. Manche Patienten waren anscheinend nicht in der Lage, den "Verlust" mehrerer Jahrzehnte ihres Lebens zu verkraften, praktisch alle litten an schlimmer werdenden "Nebenwirkungen", die es erforderlich machten, das Medikament abzusetzen, so dass die Patienten wieder in ihre Erstarrung zurückfielen.

20 hoch interessante Fallgeschichten von Postenzephalitikern sind in diesem Buch zusammengefasst. Es wurde nach der Verfilmung mit Robert de Niro neu aufgelegt und enthält umfangreiche (zum Teil allerdings etwas trockene und vor allem durch seitenlange Fußnoten unterbrochene) allgemeine Ausführungen zur Schlafkrankheit, zum Parkinsonismus und zu den Forschungen im Zusammenhang mit L-Dopa. Einige ebenfalls sehr interessante Kapitel beschäftigen sich auch mit der Verfilmung, an der Sacks als Berater beteiligt war.

Sacks schafft es immer wieder, komplexe medizinische Themen verständlich zu machen, indem er die Fallgeschichten nicht klinisch-kalt vermittelt, sondern eher wie ein emotional beteiligter Biograph seiner Patienten. Man wird zwar manchmal den Eindruck nicht los, dass die Patienten in gewisser Weise Versuchskaninchen waren, aber Sacks stellt heraus, dass die Menschen ihm wichtig waren. Es geht ihm darum, zu verdeutlichen, dass man Krankheitsbilder nicht verallgemeinern oder als medikamentös beherrschbar betrachten darf, sondern das Individuum in jedem Patienten erkennen muss. (01.10.2007)

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264
Tonio Kröger - Mario und der Zauberer Thomas Mann: Tonio Kröger / Mario und der Zauberer
Fischer, 2005
127 Seiten

Thomas Manns Romane habe ich vor vielen Jahren schon (fast) alle gelesen, deshalb findet ihr in meinem Archiv keine Einträge dazu. Jetzt habe ich mich mal an diese beiden Erzählungen aus den Jahren 1902 und 1930 herangewagt. Sie sind aufgrund ihres ironischen Stils sehr gut lesbar, das gilt vor allem für Mario und der Zauberer – diese Geschichte enthält einige köstliche Schilderungen von Urlaubserlebnissen.

In Tonio Kröger geht es vordergründig um einen Schriftsteller, der sich schon in der Jugend von dem entfremdet, was er für das "normale Leben" hält: Er ist ein begabter Außenseiter und sehnt sich nach der unkomplizierten, aber auch mittelmäßigen Existenz seines Mitschülers Hans Hansen. Als Erwachsener hat er großen schriftstellerischen Erfolg, nimmt aber – wie er meint – nicht am "richtigen" Leben teil und fühlt sich immer noch wie ein Fremder. Die Interpretation fällt nicht so leicht, möglicherweise thematisiert Mann in dieser Erzählung seine eigene Einstellung zur Kunst und zum Leben.

Die Interpretation von Mario und der Zauberer fällt da schon erheblich leichter. Es geht um eine Familie, die in einem italienischen Badeort die Vorstellung eines "Zauberkünstlers" besucht. Im Verlauf der ziemlich beunruhigenden Veranstaltung stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um einen Hypnotiseur handelt. Mit diesem Hypnotiseur, dessen Begabung so enorm ist, dass er sogar Menschen "verhexen" kann, mit denen er sich eigentlich noch gar nicht beschäftigt hat, der behauptet, er sei im Grunde nur ein Gefäß für den Willen seines Publikums (welches er doch gerade erst willenlos gemacht hat und das er zu verachten oder gar zu hassen scheint), und der immer wieder darauf hinweist, dass in Wahrheit er es sei (und nicht seine "Opfer"), der zu leiden habe, ist natürlich niemand anderer gemeint als Adolf Hitler. Dazu passt auch das Gehabe dieser eigenartigen Gestalt, die sich als Edelmann herausputzt – diese Kostümierung passt ihm nicht so ganz. Typisch auch die Reaktion des Publikums: Allen scheint klar zu sein, was da geschieht, aber niemand nennt es beim Namen. Und niemand ist in der Lage, sich dem "Zauberer" zu entziehen. Die Scharade kann nur beendet werden, wenn jemand den "Zauberer" tötet. Ein geradezu prophetisches Ende… (24.09.2007)

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263
Der Schrecksenmeister Walter Moers: Der Schrecksenmeister
Piper, 2007
373 Seiten, gebunden

Das Krätzchen Echo lebt in Sledwaya, einer Stadt in Zamonien, in der die Krankheit im wahrsten Sinn des Wortes zu Hause ist. Denn in einem uralten, unheimlichen Schloss hoch über der Stadt residiert Succubius Eißpin, der Schrecksenmeister. Eißpin hat nicht nur den Schrecksimismus durch übertriebene bürokratische Reglementierung praktisch unmöglich gemacht, er verseucht darüber hinaus die ganze Stadt mit seinen alchimistischen Experimenten. Als Kratze unterscheidet Echo sich nur in einem Punkt von einer gewöhnlichen Katze: Er kann alle Sprachen verstehen und sprechen. Diese Fähigkeit nützt ihm aber nicht viel, als sein Frauchen stirbt, bei dem er bisher ein bequemes Leben hatte. Nun streunt Echo durch die Straßen der Stadt und droht zu verhungern. Doch da wird Eißpin auf ihn aufmerksam. Der alte Alchimist macht Echo ein ebenso makabres wie verlockendes Angebot: Er wird die Kratze einen Monat lang mästen. Nach Ablauf dieser Frist ist Echo jedoch des Todes, denn Eißpin will das wertvolle Kratzenfett auskochen, das er für die Vollendung seines Lebenswerks benötigt. Echo, ohnehin dem Tode nahe, willigt ein und unterzeichnet den Kontrakt.

Eißpin nimmt Echo mit ins Schloss und verwöhnt ihn nach allen Regeln der Kochkunst, die er ebenso perfekt beherrscht wie die Alchimie. Gleichzeitig weiht er Echo in die Geheimnisse des Alchimistenhandwerks ein. Die Kratze erkundet das Schloss und entdeckt mit der Zeit immer mehr Hinweise auf den Wahnsinn des Schrecksenmeisters. Außerdem muss er feststellen, dass er ihm nicht entkommen kann. Als die Frist allmählich abläuft, sucht Echo deshalb Hilfe und schließt Freundschaft mit einem gekochten Gespenst, einem einäugigen Schuhu und Izanuela Anazazi, der letzten Schreckse Sledwayas. Aber reicht das, um dem durchtriebenen Schrecksenmeister das Handwerk zu legen?

Fans der Zamonien-Romane von Walter Moers scheinen vor allem eine Vorliebe für die so genannten "Mythenmetz’schen Abschweifungen" zu haben, also all jene episodenhaften Einschübe, anekdotischen Anmerkungen und ellenlangen Ergänzungen, Erläuterungen und Kommentare, die in den früheren Romanen zuhauf vorgekommen sind, mit der eigentlichen Romanhandlung wenig oder nichts zu tun haben und den Lesefluss nach meiner persönlichen Meinung eher stören. Nach eigener Aussage des Übersetzers (Walter Moers) musste dieses neueste Werk zamonischer Dichtkunst um ca. 700 Seiten gekürzt werden, weil Hildegunst von Mythenmetz, der das von Gofid Letterkerl stammende kulinarische Märchen neu erzählt hat, allzu viele Abschweifungen eingebaut hatte. Aber wenn man sich die Kritiken zu "Der Schrecksenmeister" so anschaut, dann scheinen es genau diese Abschweifungen zu sein, die den meisten Lesern fehlen. Deshalb wird dieser Roman oft als das bisher schwächste Zamonien-Buch bezeichnet.

Nun, jemand wie ich, der weder seitenlange Fußnoten noch andere Störungen mag, wird zu einem anderen Ergebnis kommen. Zugegeben: Der Fabulierwahn früherer Bücher findet sich hier nur noch in gedämpfter Form wieder, aber auch in einer etwas stringenter erzählten Geschichte wie dieser ist noch Platz genug für unzählige verrückte Ideen. Diesmal ufern sie halt nicht so sehr aus wie z.B. in Die Stadt der träumenden Bücher, außerdem konzentriert Moers sich diesmal mehr auf einzelne Charaktere, die dafür besser beschrieben werden als all die vielen Nebenpersonen früherer Romane, die oft nur beiläufig gestreift wurden. Man hat nicht mehr so sehr das Gefühl, eine Aneinanderreihung thematisch nur lose miteinander verknüpfter Einzelepisoden zu lesen. Deshalb nimmt »Der Schrecksenmeister« für mich persönlich Platz 2 in der Hitliste der Zamonien-Romane ein, wobei Rumo und "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" sich immer noch Platz 1 teilen. "Der Schrecksenmeister" hat darüber hinaus eine sehr düstere Atmosphäre, die mir gut gefällt. Auch für diesen Roman gilt wieder: Es ist KEIN Kinderbuch!

Das Buch ist übrigens eine Hommage an die Novelle "Spiegel, das Kätzchen" von Gottfried Keller. Die Erkenntnis, dass "Gofid Letterkerl" ein Anagramm dieses Namens ist, habe ich dem genialen Hirn meiner Freundin zu verdanken – ich wäre nie drauf gekommen. Die Grundzüge der Handlung sind gleich, das gilt auch für die Orte und Personen: Ort des Geschehens ist bei Keller die Stadt Seldwyla, es gibt einen Hexenmeister namens Pineiß, das Kätzchen Spiegel hat eine Eule zum Freund und eine Hexe kommt auch in der Novelle vor. Der Test ist gemeinfrei und kann im Internet (Projekt Gutenberg) gelesen werden. (10.09.2007)


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262
Formula Douglas Preston / Lincoln Child: Formula
Knaur, 2005
575 Seiten

Bei Ausschachtungsarbeiten für ein neues Hochhaus in New York wird ein Tunnelgewölbe aus dem 19. Jahrhundert freigelegt. Die Bauarbeiter machen dort eine grausige Entdeckung: Die Knochen von über 30 Kindern und Jugendlichen, die hier offenbar gefangen gehalten und als Versuchsobjekte für grausame medizinische Experimente missbraucht worden sind. Special Agent Pendergast nimmt sich des Falles an, muss aber auf eigene Faust ermitteln, denn er wurde nicht offiziell hinzugezogen. Pendergast bittet Dr. Nora Kelly vom Museum of Natural History um Hilfe bei den Untersuchungen. Schnell zeigt sich, dass den Opfern Teile des Rückenmarks entnommen worden sind, und dass der Täter Mitglied eines Privatzirkels gewesen sein muss, der in New York ein Kuriositätenkabinett betrieben hat. Reste der Sammlung wurden vom Museum übernommen, wo sie sich noch immer befinden. So stoßen Nora und Pendergast auf Beweismaterial, das nicht nur die ganze Grausamkeit der Morde verdeutlicht (der Täter hat seine Opfer bei lebendigem Leib "operiert"), sondern auch die Identität des Mörders offenbart: Sein Name war Enoch Leng.

Noras Freund, der Reporter Bill Smithback, macht aus dem fast 150 Jahre zurück liegenden Kriminalfall eine spannende Zeitungsgeschichte. Als sich wenig später jedoch mehrere Morde ereignen, die eindeutig Lengs Handschrift tragen, wird Smithback vorgeworfen, er habe mit seinem Artikel einen Nachahmungstäter inspiriert. Pendergast hat eine andere Vermutung. Er weiß, dass Leng seine schrecklichen Menschenversuche durchgeführt hat, um ein Serum zur Verlängerung seines Lebens zu entwickeln. Er nimmt darüber hinaus an, dass Leng dabei erfolgreich gewesen sein könnte, und dass er neue Opfer für sein lebenserhaltendes Serum braucht.

Während Pendergast, Nora Kelly, Smithback und der Polizist O’Shaugnessy versuchen, Leng oder dem Nachahmungstäter auf die Spur zu kommen, geraten sie selbst in Gefahr. Und für Pendergast wird immer klarer, dass dieser Fall ihn ganz persönlich betrifft…

Diesen Roman habe ich eigentlich nur gekauft, weil ich wissen wollte, was es mit den Andeutungen im Folgeroman Ritual auf sich hat. Dort wird nämlich auf die Geschehnisse in "Formula" angespielt. Man kann lesen, dass Lengs Kuriositätenkabinett weiter untersucht wird, und dass sich dort noch etwas (oder jemand) befindet, von dessen Existenz Pendergast nichts ahnt. Offenbar sind Preston und Child gerade fröhlich dabei, sich ein eigenes fiktives Universum zu erschaffen, in dem immer wieder mal die gleichen Hauptpersonen auftreten. Pendergast ist ja schon des Öfteren mit von der Partie gewesen. Bill Smithback kennen wir aus Relic, außerdem sind er und Nora Kelly in Thunderhead vorgekommen. Eine weitere "Hauptfigur" früherer Romane, nämlich das Naturhistorische Museum, wird auch wieder einmal bemüht. Da muss man sich nicht die Mühe machen, neue Figuren und Orte zu entwickeln, sondern kann die alten ein bisschen (aber auch wirklich nur ein ganz kleines bisschen, mit Ausnahme von Pendergast vielleicht) weiter entwickeln.

"Formula" schöpft aus dem Vollen und bedient so ziemlich jedes Klischee, das man sich für einen Mystery-Thriller nur wünschen kann. Da gibt es modrige Kellerverliese mit fiesen Folterwerkzeugen, dunkle Gassen, in die die Helden natürlich immer ganz allein hineingehen, verlassene Spukhäuser, schummrige Laboratorien mit bizarren Gerätschaften, verstümmelte Leichen, irre Mörder und verrückte Wissenschaftler in Personalunion, finstere Weltvernichtungspläne, Geheimnisse aus der Vergangenheit und so weiter. Der Bogen wird zwar recht oft mehr als überspannt, insbesondere dann, wenn Pendergasts merkwürdige Familiengeschichte ins Spiel kommt, aber irgendwie funktioniert diese wilde Mixtur doch ganz gut. Jedenfalls kann man wieder einmal mitfiebern und um das Leben der lieb gewonnenen Hauptfiguren bangen. Da nimmt man es auch in Kauf, dass im letzten Viertel eine völlig überflüssige und noch dazu mit lächerlichen Klischeetypen (Captain Custer usw.) besetzte Nebenhandlung hinzukommt, die nur dazu dient, den Showdown noch ein wenig hinauszuzögern und auf dem Höhepunkt der Ereignisse plötzlich den Schauplatz zu wechseln.

Was neben der diesmal wieder etwas zu phantastischen Geschichte (ja, es gibt wirklich ein lebensverlängerndes Serum) störend wirkt, ist Pendergasts Meditationsmethode. Gut, solange man erkennen kann, dass er auf diese Weise nur Fakten miteinander verknüpft, die ihm bereits bekannt sind, kann man das akzeptieren. Allerdings scheint er mehrmals Dinge zu "sehen", die ihm völlig neu sein müssen. Das ist dann doch zuviel des Guten. (03.09.2007)


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261
Cyberskin Paul Collins: Cyberskin
Heyne, 2000
301 Seiten

Im Jahre 2048 haben multinationale Konzerne längst nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die politische Macht übernommen. Die Erde wird von Umweltkatastrophen, die die Menschen selbst verschuldet haben, an den Rand des Untergangs gebracht. Gewalt ist zum selbstverständlichen Bestandteil des täglichen Lebens geworden. Die Unterhaltungsindustrie hat auch die letzten moralischen Bedenken über Bord geworfen und sich dem Zeitgeist angepasst. Marktführer ist die Filmgesellschaft "Rhinestone Pictures", deren beliebteste Produktionen Splatterfilme der besonderen Art sind: Hier wird zwar mit Spezialeffekten gearbeitet, aber die Opfer sterben wirklich. Rhinestone Pictures bietet Freiwilligen (bzw. deren Angehörigen) hohe Summen, wenn sie sich für diese Filme verpflichten, und es gibt genug Verzweifelte, unheilbar Kranke oder Verrückte, die das Angebot annehmen. Schließlich erhält jeder eine reelle Chance im Kampf gegen Calloway, den Star aller Splatterfilme, dessen Aufgabe es ist, die Todeskandidaten möglichst effektvoll umzubringen.

Allerdings ist es noch niemandem gelungen, Calloway zu besiegen, denn er ist von Kindesbeinen an für den Kampf trainiert worden und wurde derart mit diversen biotechnologischen Implantaten, künstlichen Hormonen und anderen Spezialitäten voll gestopft, dass er – wie er selbst meint – kaum noch etwas Menschliches an sich hat. Dabei ist er menschlicher als seine Auftraggeber, denn er wird von Skrupeln geplagt und lässt immer wieder so genannte "Toddies", die als Opfer vorgesehen sind, davonkommen. Damit zieht er sich den Unmut der "Regisseure" zu, so dass er in einem letzten, spektakulären Film abserviert werden soll. Sein Schwachpunkt ist Marla Teixeira, der einzige Mensch, der Calloway wirklich etwas bedeutet. Außerdem leidet er unter einem unerklärlichen Realitätsverlust: Die Grenzen zwischen Film und Wirklichkeit verschwimmen immer mehr. Calloway und Marla versuchen, Rhinestone zu entkommen, müssen aber feststellen, dass es noch andere Interessengruppen gibt, die ihnen ans Leder wollen…

Dieser Cyberpunk-Thriller enthält alle schon x-mal verwursteten Versatzstücke des Genres: Eine dystopische Zukunft, diverse High-Tech-Spielereien, Reisen im Cyberspace und dergleichen. Das vor allem an Richard Bachmans Roman Menschenjagd erinnernde Szenario wirkt ebenfalls etwas ausgelutscht. Neu ist allenfalls die Idee, den ganzen Roman wie ein Drehbuch aufzubauen (keine Angst: Die Dialoge sind nicht wie in einem Drehbuch gestaltet). Kurze Sätze, minutiöse Schilderung der vielen Actionszenen, ein sozusagen "visueller" Stil. Allerdings wird der Lesefluss recht oft durch die Verwendung einer Terminologie gestört, die man sich nicht immer durch Nachschlagen in einem Wörterbuch erklären kann (was an sich schon lästig genug wäre), weil es sich um unerklärte eigene Wortschöpfungen und unübersetzbaren Slang handelt.

Der Roman läuft streckenweise ziemlich aus dem Ruder und verzettelt sich in zu vielen Handlungsebenen, die zwar alle irgendwie miteinander verknüpft sind, aber teilweise auch ins Leere laufen und letzten Endes dazu führen, dass man sich nicht gut in die Handlung hineinversetzen und keine Bindung zu den Hauptpersonen aufbauen kann. Die Sache mit den leistungssteigernden Symbionten, die im letzten Viertel bestimmend für die Handlung wird, wirkt so, als wäre sie nachträglich drangeklatscht worden, und löst die vorherige Thematik (menschenverachtende Gameshows), die ohnehin schon mehr oder weniger vernachlässigbar war, komplett ab.

Zur Qualität der Übersetzung kann ich nichts sagen, aber der Text enthält sehr viele Fehler. Insgesamt ein Buch für die Ramschkiste – und genau da habe ich es ja auch her… (27.08.20007)


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260
Dea Mortis Andreas Gößling: Dea Mortis
Knaur, 2005
298 Seiten, gebunden

Rick Nadar ist froh, einen neuen Job als Security-Mann gefunden zu haben, denn er kann ein regelmäßiges Einkommen gut gebrauchen: Seine Freundin Rachel, der er vor sechs Monaten begegnet ist und die ihn auf Anhieb in ihren Bann geschlagen hat, ist schwanger und wohnt in einer Wohnung, die nur unwesentlich größer ist als Ricks winzige Behausung. Doch eines Tages kommt Rachel praktisch mit gepackten Koffern zu ihm. Angeblich erträgt sie es in der Stadt nicht mehr, sie will irgendwo anders hin. Da Rick seiner Freundin keinen Wunsch abschlagen kann, nimmt er sich drei Tage frei und fährt einfach mit Rachel drauflos. Doch die Fahrt ist keineswegs eine Reise ins Blaue, denn Rachel weiß anscheinend genau, wohin sie will – nur verrät sie Rick das Ziel nicht. Nach Zwischenstationen in verschiedenen Motels und Hotels, bei denen Rachel sich bereits sehr eigenartig und verschlossen verhält und in denen Rick einige merkwürdige Begegnungen hat, erreicht das Paar schließlich die Stadt Idleton. Dort verschwindet Rachel spurlos, ohne Rick auch nur ein Wort der Erklärung zu hinterlassen.

Verzweifelt sucht Rick nach der geliebten Frau und gerät dabei immer tiefer in einen Alptraum, der nur zu real ist. Alle Schwangeren der Stadt sind verschwunden, die anderen Frauen zelebrieren grausame Rituale, bei denen sie die Männer einer gigantischen Schlange opfern. Banden streifen durch die Straßen, die ihren Opfern Hände und Füße abhacken. Die Stadt selbst verändert sich auf erschreckende Weise: Die Kirche versinkt in einem bodenlosen Sumpf, alles ist von einer gelblichen Schleimschicht oder von Schlamm und Dreck überzogen, Verfall und Verwesung herrschen überall. Anscheinend ist die ganze Stadt dabei, sich zu einem gigantischen biomechanischen Organismus zu entwickeln, bei dem Beton, Stahl, Glas, Fleisch und Knochen zu einem bizarren Ganzen verschmelzen. Wie in einem Alptraum taumelt Rick von einer unwirklichen Szene zur anderen, begegnet Personen, die ihn an Gestalten aus seiner Vergangenheit erinnern, und ihn immer tiefer ins Labyrinth der Stadt hineinlocken. Schließlich findet er Hinweise darauf, dass das, was in Idleton vor sich geht, durch U-Bahn-Bauarbeiten verursacht wurde. Offenbar hat man dabei zu tief gegraben und etwas wiedererweckt, was seit Jahrmillionen in den Tiefen der Erde geschlafen hat…

Was einem an diesem Buch neben dem relativ großen Format, dem Schutzumschlag mit Reliefprägung und dem hochwertigen Papier sofort ins Auge springt, ist die große Anzahl von Kunstdrucken des Surrealisten H.R. Giger. Selbst wenn das Buch keinen Text enthielte, wäre es allein wegen dieser Ausstattung schon den Erwerb wert. Allerdings handelt es sich durchweg nicht um neue Werke, d.h. alle Bilder sind schon in diversen Sammelbänden (z.B. in "Gigers Necronomicon") veröffentlicht worden. Ohne die Bilder wäre das Buch leider nicht halb so interessant. Der Roman wurde tatsächlich, wie der Klappentext verkündet, von diesen Bildern und von den Novellen H.P. Lovecrafts inspiriert. Wenn der Autor die monströsen biomechanischen Gegenden beschreibt, durch die Rick sich bewegt, dann beschreibt er eigentlich einige der im Buch abgedruckten Bilder. Und das gelingt ihm erstaunlich gut, d.h. er schafft es, durch seinen Text die gleiche Stimmung zu vermitteln, in die man beim Betrachten der Bilder Gigers kommen kann. Die zugrunde liegende Geschichte, nämlich die Ankunft uralter Wesen aus den Tiefen des Alls auf der Erde der fernen Vergangenheit, ist eines von Lovecrafts Lieblingsthemen im Cthulhu-Mythos. Lovecraft kommt in der Gestalt des Mythologen Loveham denn auch selbst im Roman vor.

Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist eigentlich vernachlässigbar. Sie ist weder besonders spannend, noch Furcht einflößend oder auch nur beunruhigend, auch wenn sie einige sehr derbe Szenen enthält. Es geht hauptsächlich darum, Rick sozusagen in Gigers Bilder zu schicken und diese detailreich zu beschreiben. Wenn man weiß, dass Gigers Werke vor sexuellen Anspielungen nur so strotzen, dann weiß man, was man zu erwarten hat. Warum ausgerechnet Rachel (und offensichtlich nur sie) aus einer weit entfernten Stadt nach Idleton gelockt wird, warum niemandem außerhalb der Stadt aufzufallen scheint, was dort vor sich geht, warum Rick übergangslos von hilfloser Angst in sexuelle Begierden verfällt und was die Episode im Hotel bedeuten sollte, fragt man sich besser nicht. Man hat immer das Gefühl, eine etwas wahllose Aneinanderreihung von Szenen zu lesen – was natürlich wiederum zu Gigers auch ziemlich wirren Bildern und zu der alptraumartigen Atmosphäre passt, die der Autor zu erzeugen versucht. Der Versuch ist gelungen. Ricks Traumbilder – wenn es denn welche sind – sind sehr eindrucksvoll, Realität und Wahn sind schwer zu unterscheiden. Zusammenhänge zu seiner Vergangenheit werden immer wieder angedeutet. Man könnte fast annehmen, dass sich alles nur im Kopf eines schwer Geisteskranken abspielt. (26.08.2007)


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259
Hüterin des Elfenfeuers Monika Felten: Die Hüterin des Elfenfeuers (Die Saga von Thale 3)
Piper, 2005
460 Seiten

Die Nebelelfe Naemy opfert sich, damit das Dimensionstor, durch das der Dämon An-Rukhbar nach Thale gekommen ist, für immer verschlossen werden kann. Doch die Gütige Göttin schickt Naemy mit einem besonderen Auftrag in die Welt der Lebenden zurück. Die Elfe wird 300 Jahre in die Vergangenheit gesandt, und zwar genau in die Zeit, in der An-Rukhbar erstmals über Nimrod herfällt. Naemy soll in dieser Zeit die Voraussetzungen dafür schaffen, dass das vermeintlich restlos vernichtete Elfenvolk eine Überlebenschance erhält. Sie erhält die Erlaubnis, all jene Elfen zu retten, die man zwar für tot gehalten hat, deren Leichen jedoch nie gefunden werden konnten. Diese Elfen soll sie jenseits des Gebirges in Sicherheit bringen, so dass sie in der Gegenwart nach Thale zurückkehren können. Zu ihrer großen Freude ist es ihr somit auch gestattet, ihre Schwester Shari vor dem Tod zu bewahren. Der Preis dafür ist hoch: Obwohl es ihnen vielleicht möglich wäre, den Fall Thales zu verhindern, dürfen weder Naemy noch die von ihr geretteten Personen in den vorherbestimmten Ablauf der Geschichte eingreifen. So müssen sie hilflos mit ansehen, wie ganz Thale unter An-Rukhbars finstere Herrschaft fällt.

Moment mal – habe ich all diesen Schmus nicht schon mehrmals gelesen? Zum x-ten mal darf man Zeuge werden, wie die üblichen Finsterlinge aus der Nordmark mordend durch Thale ziehen und dann die Stadt Nimrod erobern. Naemy kämpft wieder mal allein bzw. mit wenigen Getreuen, und als alles verloren scheint, naht die Rettung in Gestalt von Riesenalpen. All dieser aus diversen anderen Fantasy-Romanen zusammengeklaute Kram hat mich schon in den beiden ersten Romanen der so genannten "Saga von Thale" gelangweilt – jetzt beklaut Frau Felten sich auch noch selbst und wiederholt den ganzen Brei erneut! Wenn einem nichts neues mehr einfällt, dann bläht man einfach jene Vorgeschichte, die man zunächst immer nur angedeutet oder kurz skizziert hat (was auch durchaus gereicht hätte), zur Länge eines Romans auf. Im Grunde erfährt man dabei nichts Neues, bis auf den Umstand, dass es halt Naemy war, die dafür gesorgt hat, dass jenseits des Gebirges noch Elfen leben.

Die paar Details, die den Biografien Asco-Bahrrans und An-Rukhbars hinzugefügt werden, reichen natürlich nicht für einen ganzen Roman aus. Also wird eine uninteressante Story (Pairas Schicksal) dazugepappt, die wie üblich Unmengen ausgelutschter Klischees enthält. Frau Felten bemüht sich so sehr, das Schicksal Pairas besonders herzergreifend zu schildern, dass es schon wieder lächerlich wird. Der ganze Roman ist zu einhundert Prozent vorhersehbar, wenn man die beiden ersten Romane gelesen hat. Hat man sie nicht gelesen, versteht man vermutlich nur Bahnhof. Waren die beiden vorherigen Romane wenigstens noch ganz unterhaltsam, so ist dieses Ding hier ein einziges Ärgernis. Ein absolut verzichtbares Buch, das ich für reine Geldmacherei halte.

Übrigens: Frau Felten schreckt noch nicht mal davor zurück, die von Tolkien erfundene Sprache "Sindarin" für ihren Roman zu verwursten… (20.08.2007)


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258
Quest Andreas Eschbach: Quest
Heyne, 2005
524 Seiten

Alles Leben im Universum ist miteinander verwandt. Legenden zufolge, die es bei allen intelligenten Völkern gibt, ist das Leben auf einem Planeten entstanden, auf dem unermessliche Reichtümer, Unsterblichkeit oder sogar Gott selbst zu finden sein sollen.

Als der Sternenkaiser sich anschickt, ein benachbartes Reich mit überlegenen Mitteln zu erobern, schickt dessen Herrscher das Fernerkundungsschiff MEGATAO unter dem Kommandanten Eftalan Quests aus, um den "Planeten des Ursprungs" zu suchen. Man hofft, dort irgendeine Möglichkeit zu finden, um die Übermacht des Sternenkaisers zurückzuschlagen. Das jedenfalls behauptet Quest. Allerdings leidet der Kommandant an einer unheilbaren Krankheit, die bald zu seinem Tod führen wird – und das weiß niemand außer seiner persönlichen Heilerin Vileena. Scheinbar legitimiert durch den Auftrag des Herrschers überfällt die MEGATAO ein uraltes sakrosanktes Archiv, in dem sich Aufzeichnungen über das nichtmenschliche Volk der Yorsen befinden. Quest glaubt, mit Hilfe der Yorsen zum Planeten des Ursprungs gelangen zu können. Bailan, ein junger Novize des Priesterordens, der das Archiv bewacht, gelangt mehr oder weniger unfreiwillig auf die MEGATAO.

Auf dem Weg zur Welt der Yorsen stoßen Quest und seine Leute auf das Wrack eines Schiffes, das seit Jahrhunderten antriebslos im All treibt. Einziger Überlebender ist Smeeth, ein undurchsichtiger Mann mit ungewöhnlichen Fähigkeiten, der die Zeit in einer Kälteschlafkammer verbracht haben will. Seltsam nur, dass alle anderen Besatzungsmitglieder des wracken Schiffes in ihren Kälteschlafkammern gestorben sind…

Mehr als diesen kurzen Anriss der Ausgangssituation möchte ich hier gar nicht schreiben, denn sonst würde das bisschen Spannung, das in diesem Roman aufkommt, gänzlich verloren gehen.

Die Geschichte spielt offenbar im gleichen fiktiven Universum wie Die Haarteppichknüpfer, allerdings vermutlich zeitlich vor diesem Roman und möglicherweise in einer anderen Galaxie. Ein Haarteppich wird nämlich erwähnt, aber der Sternenkaiser ist noch am Leben. In "Die Haarteppichknüpfer" war das Reich des Kaisers nach dessen Tod ja von Rebellen übernommen worden.

Der Roman macht einen uneinheitlichen Eindruck, so als ob Eschbach mehrere Geschichten gleichzeitig erzählen wollte, dabei aber ab und zu die Fäden verloren hätte. Mal steht Bailan im Mittelpunkt, dann Quest, dann wieder Smeeth oder sonst irgendwer. Bailan scheint mir so etwas wie eine Identifikationsfigur für jugendliche Leser zu sein, und Eschbach muss ein paar Kunstgriffe anwenden, damit Bailan bei entscheidenden Ereignissen auch immer schön mit dabei sein kann. Die ganze Situation im Reich des Pantap mit Edlen, Freien und Niederen sowie all den Konflikten, die sich daraus ergeben, wird nur immer wieder mal angedeutet, aber nicht richtig ausgearbeitet. Sie bleibt deshalb nur Staffage bzw. sie dient lediglich als Aufhänger für die eine oder andere Pointe. Auch das Thema "Suche nach Gott bzw. dem Ursprung allen Lebens" tritt für sehr lange Zeit völlig in den Hintergrund. Auf der Habenseite können vergleichsweise gut charakterisierte Hauptfiguren und eine wegen ironischer Untertöne gute Lesbarkeit verbucht werden.

Insgesamt ist "Quest" eine etwas langatmige Space Opera mit interessanten Eigenheiten, die aber zu schemenhaft bleiben, und mit Abenteuern, die teilweise nicht dramatisch genug sind, um wirklich fesseln zu können. Meiner Meinung nach ist dies einer der schwächeren Romane Eschbachs. (14.08.2007)


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257
Hitler Joachim Fest: Hitler
Spiegel-Verlag, 2007
1276 Seiten, gebunden

Über dieses Buch ist schon so viel geschrieben worden – dem habe ich nur ein paar persönliche Anmerkungen hinzuzufügen. Zunächst einmal verstehe ich die in Bezug auf dieses Buch oft geäußerte Frage nicht, ob man überhaupt eine Biographie über jemanden wie Hitler schreiben "dürfe". Natürlich "darf" man, selbst wenn man dabei Gefahr läuft, bestimmte Dinge nicht deutlich genug herausstellen zu können. Man hat Fest vorgeworfen, er habe die Opferseite vernachlässigt. Das halte ich für Unsinn, schließlich ist allgemein bekannt, was damals geschehen ist – und Fest hat keine Biografie der Opfer geschrieben, sondern eine des Haupttäters. Ich kann auch nicht erkennen, dass irgendetwas verharmlost worden wäre, auch wenn manches wirklich nur extrem kurz gestreift wird. Dabei muss man aber berücksichtigen: Sind diese Dinge für das Verständnis der Person Adolf Hitler wichtig?

Fest nähert sich Hitler aus der Sicht eines Biografen. Er hat dabei weitgehend auf eigene Quellenforschung verzichtet und sich hauptsächlich auf die bereits vorhandene Literatur gestützt. Es war nicht sein Ziel, eine weitere Chronologie der Ereignisse zu erstellen oder neue historische Details zutage zu fördern. Stattdessen wollte er die schwer fassbare Person Hitlers begreifbarer machen. Der Leser soll verstehen, warum Hitler überhaupt zu dem werden konnte, was er war, und wie sein aus heutiger Sicht unglaublicher Erfolg zu erklären ist. Das ist Fest meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Allerdings verwendet er oft etwas allzu griffige Phrasen oder selbstverliebte Formulierungen, die ich eher bei Guido Knopp erwartet hätte… (06.08.2007)

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256
PR Autorenbibliothek 2 Ernst Vlcek: Die Verlorenen von Chearth (Perry Rhodan Autorenbibliothek 2)
Pabel-Moewig Verlag, 2001
224 Seiten, gebunden

Eine ausführliche Zusammenfassung zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke dieses Archivs - einfach hier klicken!

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255
Giger H.R. Giger: www HR Giger com
Taschen, 2007
240 Seiten, gebunden

Diesen großformatigen und erstaunlich preisgünstigen Bildband hat H.R. Giger, zu dessen Werk ich wohl nichts mehr sagen muss (von ihm stammt das Design des Alien aus dem gleichnamigen Film), selbst zusammengestellt und kommentiert. Er enthält zwar nur wenige seiner typischen surrealen Airbrush-Bilder, wie sie in den beiden "Necronomicon"-Bänden zusammengestellt sind, dafür umso mehr Material, das ich zuvor nicht kannte, und die das Buch für jeden, der sich für Leben und Werk Gigers interessiert, sehr interessant machen. Der ungewöhnliche Titel des Buches weist auf Gigers offizielle Homepage hin.

In einer Einleitung beschreibt Giger seine Jugend, seinen Werdegang und so weiter. Es sind auch einige Fotos aus seiner Jugend dabei. Dann folgen frühe Zeichnungen, von Giger designte Möbel sowie eine Vorstellung der Giger-Bar und des Giger-Museums, sein Entwurf zum natürlich nie realisierten Projekt eines unterirdischen Schienenetzes in Form eines Pentagramms, Kunstwerke aus verfremdeten Swatch-Uhren, 3D-Bilder, Gigers Entwürfe für den Film "Das Kondom des Grauens" und vieles mehr. Es sind auch einige Werke anderer Künstler abgebildet, die Giger bewundert oder die ihn beeinflusst haben. Die breite Palette dieser sehr unterschiedlichen Bilder und die ziemlich persönlichen Texte eröffnen einen Blickwinkel auf Giger, der für mich neu war. (28.07.2007)

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254
Ein Gott zu sein ist schwer Arkadi und Boris Strugazki: Ein Gott zu sein ist schwer
Verlag Volk und Welt, 1975
216 Seiten

Anton ist Wissenschaftler vom Historischen Institut der Erde. Er gehört zu einer Gruppe von Personen, die sich unter die Bevölkerung unterentwickelter Planeten mischen, um die dortigen Verhältnisse zu beobachten. Über Kameras, die an Stirnreifen angebracht sind und alles aufzeichnen, was ihre Träger sehen, stehen sie in ständiger Verbindung mit einer Basis. Es ist ihnen zwar erlaubt, sich bis zu einem gewissen Grad einzumischen, generell aber sind sie zur Zurückhaltung verpflichtet, damit die Entwicklung der Planeten nicht zu sehr beeinflusst wird. Deshalb dürfen sie ihre überlegenen technischen Möglichkeiten auch nur sehr sparsam einsetzen. Diese Haltung wird unter anderem mit dem moralischen Selbstverständnis der Menschen von der Erde begründet: Sie glauben, sie hätten alle negativen Gefühle, Gewalt usw. überwunden, und verstehen sich als Theoretiker.

In der Rolle des märchenhaft reichen Don Rumata, eines galanten Frauenhelden und unbesiegbaren Kämpfers, lebt Anton schon seit Jahren in der mittelalterlichen Gesellschaft des von ihm beobachteten Planeten. Die Maxime der Nichteinmischung wird zum Fluch, als der Emporkömmling Don Reba sich anschickt, die Macht an sich zu reißen. Don Reba lässt jeden beseitigen, der seinen Plänen im Wege steht. Das sind insbesondere Dichter und Wissenschaftler, oder auch nur Menschen, die lesen und schreiben können. Rumata bemüht sich, einige dieser Personen in Sicherheit zu bringen, und gerät damit selbst in Konflikt mit dem immer grausamer werdenden Regime. Auch sein Gewissen lässt ihm keine Ruhe, denn er verfügt über Mittel, die ihn in den Augen der primitiven Menschen zum Gott machen würden und mit denen er Don Reba leicht besiegen könnte, aber er darf sie nicht einsetzen – und würde womöglich nur eine Schreckensherrschaft durch eine andere ersetzen…

Dieser relativ kurze Roman, den man thematisch dem Maxim-Kammerer-Zyklus zuordnen könnte (siehe Ein Käfer im Ameisenhaufen und Die bewohnte Insel), wurde im Jahre 1989 unter dem Titel "Es ist nicht leicht ein Gott zu sein" verfilmt. Es fällt nicht schwer, im von Don Reba angezettelten Umsturz Parallelen zum Dritten Reich zu erkennen. Tatsächlich werden diese sogar explizit genannt. Allerdings könnte man auch Parallelen zu ganz anderen politischen Systemen erkennen, aber die durften beim Erscheinen dieses Romans aus nahe liegenden Gründen nicht so deutlich herausgestellt werden. Ein Ablenkungsmanöver also?

Wie dem auch sei: Das ist nicht der eigentliche Kern des Romans. Es geht wohl eher um die Frage, inwieweit die äußeren Verhältnisse geeignet sind, Werte und Überzeugungen von Menschen zu verändern. So muss auch der scheinbar moralisch gefestigte Anton feststellen, dass er sich an seine Umwelt angepasst hat: Grobheiten gegenüber sozial schwächer gestellten Menschen sind für ihn schon selbstverständlich geworden, und als er persönlich von dem betroffen ist, was er eigentlich nur beobachten sollte, ist es vorbei mit seiner Zurückhaltung. Interessant finde ich auch den Zwiespalt, in dem er sich befindet. Teilnahmslosigkeit und Mitläufertum der Menschen machen ihn zornig, denn sie sind seiner Meinung nach die Gründe, warum Don Reba überhaupt Erfolg haben kann – aber genau so verhält er sich eigentlich auch selbst. Vielleicht soll damit ja ausgesagt werden, dass jeder Einzelne eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft hat, und dass es keine Gründe geben kann, sich dagegen abzugrenzen.

Trotz dieses ernsten Themas hat der Roman einen satirischen, humorvollen Ton und ist natürlich auch wegen der abenteuerlichen Geschichte sehr unterhaltsam. (22.07.2007)


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253
Herz der Finsternis Joseph Conrad: Herz der Finsternis
Diogenes, 2004
139 Seiten, gebunden

Der Matrose Marlow erzählt einigen Schiffskameraden von einer Reise tief ins noch weitgehend unerforschte Innere Afrikas:

Um seine Abenteuerlust zu befriedigen, sorgt Marlow dafür, dass er den Auftrag erhält, den Kongo hinaufzufahren. Sein Auftraggeber, eine Handelsgesellschaft, erzielt mit der Ausbeutung der Ureinwohner und dem von ihnen beschafften Elfenbein märchenhafte Gewinne, da nur wertlose Dinge wie Glasperlen oder bunte Taschentücher für den Tausch benötigt werden. Die am weitesten entlegene Handelsstation, die gleichzeitig die größten Erträge abwirft, wird von einem geheimnisumwitterten Agenten namens Kurtz betrieben. Dessen Methoden scheinen selbst der skrupellosen Handelsgesellschaft ein Dorn im Auge zu sein. Marlow soll zu Kurtz' Station reisen und mit dem Mann reden. Als Marlow diese Station erreicht, stellt er fest, dass Kurtz alle Brücken zur Zivilisation hinter sich abgebrochen hat – und zwar nicht nur die realen, sondern auch die in seinem Geist…

Dieser im Jahre 1899 geschriebene Roman ist bis auf wenige Ausnahmen autobiografisch. Joseph Conrad hat damit die Erlebnisse einer eigenen Kongo-Reise aufgearbeitet, während der er fast sein Leben verloren hätte. Die Person des Kurtz – oder jedenfalls der Charakter, den Kurtz im Roman erhält – ist eine dieser Ausnahmen. Conrad hatte zwar tatsächlich einen Agenten ähnlichen Namens mit seinem Flussdampfer abgeholt, aber es ist nicht überliefert, dass dieser in seiner Handelsstation ein mit Kurtz vergleichbares Regime geführt hätte. Der gesamte Text ist die Wiedergabe von Marlows Erzählung. Man liest die Geschichte so, wie seine Schiffskameraden sie hören, d.h. sie wird nicht linear erzählt, sondern mit einigen Abweichungen und zeitlichen Sprüngen.

Hinter der durchaus spannenden und sozialkritischen Geschichte von der Flussfahrt und den unmenschlichen Verhältnissen, denen Marlow nicht erst in Kurtz' Station begegnet (dessen Grausamkeit unterscheidet sich auf den ersten Blick nur graduell von der seiner Auftraggeber), verbirgt sich ein Abstieg in die finsteren Tiefen der menschlichen Seele. Marlow erkennt, dass "die Wildnis", also eine für ihn unbegreifliche archaische Welt, auch ihn, den scheinbar zivilisierten Menschen, für sich vereinnahmen würde, wenn er es zuließe. Er schreckt aber davor zurück, den letzten Schritt zu tun. Im Gegensatz zu Kurtz gibt er sich dem "Herzen der Finsternis" nicht hin und flieht vor der "Wildnis", die ein Symbol für sein eigenes Unterbewusstsein ist. Kurtz dagegen war wegen seiner Ambitionen ein leichtes Opfer für die ihm entgegengebrachte Götzenverehrung und andere Verlockungen. Ein faszinierender Roman – ich konnte ihn bis zur letzten Seite nicht weglegen.

Im Nachwort von Urs Widmer werden die historischen Zusammenhänge und die Parallelen zu Joseph Conrads Leben erläutert. Die im Roman dargestellten Verhältnisse hat es so offenbar wirklich gegeben, den autobiographischen Charakter des Romans erwähnte ich ja schon. Übrigens wurde der Film Apocalypse Now von diesem Buch inspiriert. (16.07.2007)


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252
Traumdieb Stephen Lawhead: Der Traumdieb
Bastei Lübbe, 1998
623 Seiten

Spencer Reston ist ein junger Wissenschaftler, der sich hauptsächlich mit Schlaf- und Traumforschung beschäftigt. Sein Arbeitsplatz ist die riesige Raumstation GM (genannt "Gotham") im Erdorbit. Hier studiert Spence die Auswirkungen langer Aufenthalte im All auf die Psyche der Menschen, indem er Selbstversuche anstellt. Dabei kommt es zu einer beunruhigenden Entwicklung. Spence hat seltsame Träume, die seine Erholungsphasen stören und an die er sich nach dem Erwachen nicht mehr erinnern kann. Spence leidet zwar sehr unter diesen Schlafstörungen, aber dies erklärt nicht seine seltsamen "Blackouts", die er immer häufiger hat. Danach findet er sich an den unmöglichsten Orten wieder, ohne zu wissen, wie er dort hingekommen ist. Einmal wird er noch rechtzeitig gefunden, bevor es ihm in seinem traumwandlerischen Zustand gelingt, die Station durch eine Luftschleuse zu verlassen – ohne Raumanzug.

Allmählich begreift Spence, dass ein von außen kommender Einfluss für seine Blackouts verantwortlich ist. Er will dem entfliehen, indem er an einer Marsexpedition teilnimmt. Während eines Sandsturms verirrt er sich außerhalb der Mars-Station. Er gibt zwar nicht auf, aber ihm ist klar, dass er keine Überlebenschance hat. Doch durch Zufall stößt er auf die Hinterlassenschaften eines längst verschwundenen Volkes – und auf den letzten Marsianer, der als Wächter zurückgelassen wurde. Zusammen mit seinem Freund, dem Multiwissenschaftler Adjani Rajwandhi, versucht Spence nach seiner Rückkehr, der Sache auf den Grund zu gehen. Er stößt auf Hinweise, die ihn nach Indien führen, wo es die Legende vom Traumdieb gibt, der die gestohlenen Träume der Menschen in einen riesigen Rubin einschließt. Er ahnt nicht, dass er einem umfangreichen Komplott auf der Spur ist, das die Unterjochung der gesamten Menschheit zum Ziel hat…

Dies war meine dritte Urlaubslektüre auf Rhodos im Sommer 2007.

Eigentlich gäbe es zu diesem Roman nicht viel zu sagen. Es wird eine zwar kurzweilige, insgesamt aber doch recht anspruchslose und keineswegs neue Geschichte erzählt, sie enthält interessante Schauplätze (die Raumstation und Indien), exotische und geheimnisvolle Außerirdische und betont fiese Bösewichter, denen das Handwerk gelegt werden muss. Das Ganze liest sich teilweise etwas "altbacken", insbesondere wirken die Beziehung zwischen Spence und seiner Freundin Ari und Aris ganzer Charakter ziemlich antiquiert. Abgesehen von bekannten SF-Versatzstücken (verbrecherische Nutzung außerirdischer Relikte usw.) werden auch weniger schöne Klischees bemüht, etwa das des angeblich so rückständigen Landes Indien.

Nein, all das wäre noch nicht ungewöhnlich. Lawhead bringt aber spätestens ab dem Zusammentreffen zwischen Spence und dem Marsianer das Thema Religion ins Spiel, und das auf eine Weise, die mir nicht gefällt. Wenn es nur um den atheistisch eingestellten Realisten Spence gehen würde, der irgendwann doch zum Glauben findet, weil er erkennt, dass auch die Marsianer an Gott glauben, dann wäre ja noch alles in Ordnung. Dummerweise wird Gott jedoch gerade dadurch als identifizierbares Wesen dargestellt, und wenn ich die entsprechenden Textstellen nicht ganz falsch verstanden habe, dann greift Gott auch mehrmals direkt in die Geschehnisse ein. Und das ist dann doch deutlich zuviel des Guten. (05.07.2007)


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251
Die Jäger des Wüstenplaneten Brian Herbert / Kevin J. Anderson: Die Jäger des Wüstenplaneten
Heyne, 2007
686 Seiten

Die Welten des Alten Imperiums sind von den "Geehrten Matres" angegriffen worden, welche, aus der Diaspora kommend, vor einem mächtigen äußeren Feind geflohen sind. Den Bene Gesserit ist es mit Hilfe des Bashars Miles Teg gelungen, die Angriffe zurückzuschlagen. Die Ehrwürdige Mutter Murbella steht jetzt an der Spitze einer neuen Schwesternschaft, in der beide Orden aufgehen sollen. Allerdings sind nicht alle unabhängigen Zellen der Geehrten Matres bereit, sich der neuen Schwesternschaft anzuschließen, und so ist Murbella gezwungen, einen langen, blutigen Krieg zu führen, der die Menschheit nur weiter schwächt, obwohl sie sich doch geeint gegen den äußeren Feind stellen sollte. Murbellas Druckmittel bei Verhandlungen mit der Raumgilde, deren Unterstützung sie im kommenden Kralizec, dem letzten Krieg gegen den äußeren Feind braucht, ist das "Gewürz". Die einzige bekannte Quelle für diese bewusstseinserweiternde und lebensverlängernde Droge, ohne die es keine interstellare Raumfahrt geben würde, ist der von Murbella kontrollierte Planet Ordensburg. Hier leben nach der Vernichtung des Wüstenplaneten Rakis (der einst den Namen Arrakis getragen hat) die letzten Sandwürmer.

Jedenfalls nimmt Murbella dies an, aber sie irrt sich. Die Gholas von Duncan Idaho und Miles Teg sowie eine Gruppe der von Sheeana angeführten Bene Gesserit und der letzte Tleilaxu-Meister Scytale sind mit einem Nicht-Schiff geflohen, in dessen riesigen Frachträumen sich ebenfalls Sandwürmer befinden. Die Gruppe flieht vor einer unbekannten Gefahr, einer Entität, die ihre unsichtbaren Tachyonen-Netze nach dem Nicht-Schiff auswirft, da sich etwas (oder jemand) an Bord befindet, das für ihre Pläne wichtig ist. Auf der Suche nach einer neuen Heimat machen Duncan und seine Begleiter Entdeckungen, die das wahre Ausmaß der Bedrohung für die Menschheit erkennbar werden lassen. Deshalb erschaffen sie aus konservierten Zellen, die Scytale in einer Nullentropie-Kapsel bei sich trägt, Gholas von historischen Persönlichkeiten. Auf diese Weise werden Paul Atreides, Chani, Stilgar, Leto II und einige andere große Anführer wiederbelebt.

Aber auch die Geehrten Matres – oder vielmehr die Gestaltwandler, mit denen sie zusammenzuarbeiten glauben – besitzen vergleichbare Zellen. Sie erschaffen einen neuen Wladimir Harkonnen – und einen zweiten Paul Atreides. Allerdings verfolgen die Gestaltwandler eigene Pläne. Pläne, die zur endgültigen Vernichtung der Menschheit führen sollen…

Dies war meine zweite Urlaubslektüre auf Rhodos im Sommer 2007.

Frank Herbert hat sechs Romane geschrieben, die zusammen den "Wüstenplanet" - Zyklus bilden, aber dieser Zyklus ist nicht abgeschlossen. Frank Herbert ist gestorben, bevor er ihn vollenden konnte. Nun behaupten sein Sohn Brian Herbert und Kevin J. Anderson, Aufzeichnungen mit den Handlungsentwürfen für die von Frank Herbert geplante Fortsetzung gefunden zu haben. Auf der Basis dieser Aufzeichnungen haben sie nicht nur zwei Prequel-Trilogien geschrieben, in denen die Ereignisse aus der fernen Vergangenheit (Butlers Djihad) und die Geschehnisse beschrieben werden, die unmittelbar vor dem Roman Der Wüstenplanet stattgefunden haben sollen, sondern auch den lang erwarteten siebten Band des Wüstenplanet-Zyklus. Wer weder Frank Herberts Romane gelesen hat, noch die Prequels, die sich mit Butlers Djihad beschäftigen, der wird mit dieser direkten Fortsetzung absolut nichts anfangen können. Das ist aber kein Vorwurf, es liegt in der Natur der Sache und soll nur deshalb nicht unerwähnt bleiben, damit der unkundige Leser keine in sich abgeschlossenen Romane erwartet. Auch Band 7 ist nicht abgeschlossen – um noch etwas mehr Geld herauszuschlagen, wird die Fortsetzung in zwei Bänden veröffentlicht.

Ob das mit Frank Herberts Aufzeichnungen nun wahr ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Wir werden sowieso nie erfahren, ob Brian Herbert und K.J. Anderson einen Roman zustande gebracht haben, der dem entspricht, was Frank Herbert sich für sein Dune-Universum vorgestellt hat. Man muss immerhin zugeben, dass die Ereignisse in sich schlüssig weitergesponnen werden, wenn auch in den ziemlich kurzen Kapiteln für meinen Geschmack viel zu viel Wert auf Gewaltdarstellungen gelegt wird. Wenn man das so liest, dann fragt man sich, wozu überhaupt noch ein "äußerer Feind" gebraucht wird (wer das ist, dürfte jedem, der die Djihad-Prequels gelesen hat, völlig klar sein). Die Menschen geben sich schließlich alle Mühe, sich gegenseitig auszurotten. Die Kapitel sind wie gesagt sehr kurz und es wird ständig der Schauplatz gewechselt. So bleibt die Lektüre ganz unterhaltsam, wenn auch anspruchslos und teilweise vorhersehbar. Die Autoren sagen selbst, dass sie Frank Herberts Stil nicht imitieren wollten. Damit soll wohl entschuldigt werden, dass man hier nichts anderes als eine Space-Opera mit den üblichen Schwarz-Weiß-Schemata, den unvermeidlichen Bösewichtern und diversen Actionszenen vor sich hat, die völlig frei von Frank Herberts eher philosophischen Ansätzen ist.

Wenn man sich einmal dazu durchgerungen hat, dieses Buch als das zu sehen, was es ist, nämlich als Fast-Food-Trivialroman, dann kann man auch über die zahlreichen Rechtschreibfehler hinwegsehen, die die deutsche Übersetzung enthält. Wäre dies "wirklich" der 7. Band des Wüstenplanet-Zyklus, dann hätte ich mir gewünscht, dass er etwas sorgfältiger übersetzt und korrigiert worden wäre. (05.07.2007)


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