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Dies ist der fünfte Teil einer Übersicht meiner neueren Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie seit August 2002 gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.

1. Teil - Nr. 1 bis 50
2. Teil - Nr. 51 bis 100
3. Teil - Nr. 101 bis 150
4. Teil - Nr. 151 bis 200
6. Teil - Nr. 251 bis 300



250
Ritual Douglas Preston / Lincoln Child: Ritual
Knaur 2006
522 Seiten

Medicine Creek liegt inmitten endloser Maisfelder in Kansas und ist eine sterbende Stadt. Abgesehen vom Maisanbau und einer Truthahnschlachterei gibt es praktisch keine Wirtschaft oder Industrie, und der Maisanbau geht immer mehr in den Besitz großer Konzerne über, die die Kleinbauern des Ortes verdrängen. Kein Wunder also, dass jeder, der es sich leisten kann, die Stadt auf Nimmerwiedersehen verlässt. Alle Hoffnungen auf Besserung gründen sich nun auf das Projekt einer Universität, die nach einem geeigneten Testgelände für den Anbau von gentechnisch verändertem Mais sucht. Medicine Creek und eine Nachbarstadt wetteifern um dieses Angebot, und ein Sachverständiger ist vor Ort, um die endgültige Entscheidung zu fällen. Bedenken wegen der Gefahren der Gentechnologie werden ignoriert, denn das Projekt könnte die Existenz der Stadt retten.

Als zur gleichen Zeit eine grausam verstümmelte Leiche in den Maisfeldern gefunden wird, entwickelt der für Medicine Creek zuständige Sheriff Hazen eine plausible Theorie: Er nimmt an, jemand aus dem Nachbarort wolle auf diese Weise die Entscheidung des Sachverständigen beeinflussen. Allerdings weist der Tatort Merkmale eines bizarren Rituals auf, außerdem wird wenig später ein Hund auf ähnlich seltsame Weise getötet. FBI-Agent Pendergast, der eigentlich nur in der Gegend ist, um Urlaub zu machen, stellt deshalb eigene Ermittlungen an, wobei er von Corrie Swanson unterstützt wird, einer etwas ausgeflippten Jugendlichen, die davon träumt, der Stadt bald den Rücken kehren zu können. Auch die Presse stürzt sich natürlich auf die Ereignisse.

Schon bald wird ein weiterer Mensch ermordet. Die übernatürlich erscheinenden Umstände der Bluttaten, das spurlose Verschwinden des Täters und uralte indianische Relikte, die an den Tatorten gefunden werden, lassen die Ortsansässigen bald an einen Fluch glauben, der angeblich seit einem vor über 140 Jahren von Indianern an einer besonders grausamen Bande von Outlaws verübten Massaker über der Gegend liegt.

Dies war meine erste Urlaubslektüre auf Rhodos im Sommer 2007.

Special Agent Pendergast hat schon in den Romanen Relic, Attic und "Formula" (letzteren habe ich noch nicht gelesen) eine Rolle gespielt, allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass er schon immer so seltsame und teilweise übertrieben wirkende Charaktereigenschaften gehabt hat, wie sie ihm in diesem Roman angedichtet werden. Es scheint so, als wollten Preston und Child ihn zur Hauptfigur einer thematisch verknüpften Romanreihe machen, denn diesmal gibt es Verweise auf den Roman "Formula", die man nicht verstehen kann, wenn man diesen Roman nicht gelesen hat. Es handelt sich nur um einzelne kurze Textstellen, die eigentlich keine besonders große Rolle für diesen Roman spielen. Warum also wurden sie eingebaut? Sie stören eigentlich nur, da sie rätselhaft bleiben.

Der Roman bezieht seine Spannung aus den Fragen, wer der Mörder ist, warum er auf diese Weise mordet und wen es als nächsten erwischen wird. Die Charakterentwicklung konzentriert sich auf Pendergast und Corrie, die ein ziemlich seltsames, aber doch recht sympathisches Gespann abgeben. Alle anderen Personen bleiben etwas blass, aber insgesamt entwickelt sich doch ein ganz interessantes Bild von Medicine Creek.

Die Auflösung wirkt aber leider enttäuschend. Ich will nicht zuviel verraten, aber ich hätte es fast besser gefunden, wenn Sheriff Hazens Theorie richtig gewesen wäre. Die Autoren legen eine ganze Reihe falscher Fährten, aber schon recht bald kommt man auf die Idee, was die Erklärung für das Massaker und für das Verschwinden des Mörders sein muss. Enttäuschend wirkt die Auflösung auch deshalb, weil – auch hier will ich nicht zuviel verraten – auf etwas Bezug genommen wird, was man vermutlich nur als US-Amerikaner kennen kann. Wer genaueres darüber weiß, möge es mir bitte schreiben! (05.07.2007)


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249
Tao Te King Laotse: Tao Te King
Heinrich Hugendubel Verlag 2004
231 Seiten, gebunden

Dieses Buch enthält alle 81 Abschnitte des Tao Te King, sowie eine Einleitung und Kommentare von Richard Wilhelm zu jedem Abschnitt, und einiges an ergänzenden Erläuterungen zum Taoismus. Mehr kann ich zu dem Buch nicht sagen, denn ich habe es nicht verstanden – was keine Schande ist, wenn man berücksichtigt, dass Laotse sich mit seinen Texten etwas annähert, das per se unbegreiflich und unnennbar ist. Er schreibt selbst: "Der Sinn, der sich aussprechen lässt, ist nicht der ewige Sinn. Der Name, der sich nennen lässt, ist nicht der ewige Name" Das verstehe ich so: Wenn einer das Tao (den "Sinn") beschreibt, dann beschreibt er nicht das eigentliche Tao, sondern irgend etwas anderes.

Hinzu kommt, dass man sich schon sehr genau mit der chinesischen Kultur auskennen müsste, und dass man den Text eigentlich im Original (sofern es überhaupt einen Originaltext gibt) lesen müsste – eine Übersetzung kann nur eine Interpretation sein - um alle Bedeutungen zu verstehen. Nach allem, was ich gelesen habe, wird die in diesem Buch abgedruckte Übersetzung von Richard Wilhelm immerhin als maßgeblich angesehen. Seine Erläuterungen sind zwar hilfreich, aber so ganz durchschaue ich trotzdem nicht, um was es im Tao Te King eigentlich geht.

Der Text ist gemeinfrei und darf überall veröffentlicht werden. Wenn ihr also wissen wollt, warum ich mit dem Tao Te King so meine Probleme habe, könnt ihr es selbst nachlesen. Alle 81 Abschnitte sind auf der Homepage des Projekts Gutenberg zu finden. Sie sind die Grundlage des Taoismus, einer Religion (oder besser: einer Philosophie), deren Bedeutung für die chinesische Kultur ich nicht einschätzen kann – sie dürfte umfassend sein. (15.06.2007)

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248
Dreamcatcher Stephen King: Dreamcatcher
Ullstein 2003
767 Seiten

Als die vier Freunde Henry Devlin, Gary "Jonesy" Jones, Pete Moore und Joe "Biber" Clarendon dem geistig zurückgebliebenen Douglas Cavell (genannt "Duddits") begegnen, ahnen sie noch nicht, dass diese Begegnung ihr ganzes Leben verändern wird. Die vier Jungen bewahren Duddits davor, von älteren Raufbolden gedemütigt und misshandelt zu werden, und freunden sich mit ihm an. Duddits ist in mehr als nur einer Hinsicht außergewöhnlich. Er hat unter anderem starke telepathische Kräfte – und verleiht seinen neuen Freunden ähnliche, wenn auch schwächere Fähigkeiten. Er ist wie ein "Traumfänger", der seine Freunde geistig miteinander verbindet. Auf diese Weise retten die Jungs ein Mädchen, das in einen Abwasserkanal gefallen ist. Als die Raufbolde, gegen die sie Duddits einst verteidigt haben, bei einem Autounfall ums Leben kommen, geben die vier Freunde sich die Schuld an diesem Ereignis. Sie glauben, sie hätten es "herbeigeträumt". Danach gehen sie getrennte Wege und auch der Kontakt zu Duddits bricht ab, aber ihre besonderen Fähigkeiten verlieren sie nie.

In den folgenden Jahren treffen die vier Freunde sich wenigstens einmal im Jahr zu einem gemeinsamen Jagdausflug, den sie in Bibers Hütte in den einsamen Wäldern von Maine verbringen – so auch im Winter 2001. Bis auf Biber machen alle schwere Zeiten durch: Pete ist alkoholabhängig, Jonesy ist gerade erst einigermaßen von einem schweren Unfall genesen, bei dem er fast gestorben wäre, und Henry steckt mitten in einer Depression, die ihn an den Rand des Selbstmords geführt hat. All diese Probleme werden bedeutungslos, als Jonesy beinahe einen verirrten Jäger erschießt, der aus dem verschneiten Wald taumelt. Mit dem Mann scheint etwas nicht zu stimmen, dennoch nimmt Jonesy ihn mit in die Hütte. Was dann geschieht, ist der Auftakt zu einem Alptraum: Ein bizarres, monströses Wesen frisst sich aus dem Körper des Mannes und tötet Biber. Jonesy wird von einer unheimlichen Macht überwältigt, die die Kontrolle über seinen Körper übernimmt. Pete und Henry, die von einer Einkaufsfahrt zurückkommen, müssen einer Frau ausweichen, die mitten auf der Straße sitzt, und überschlagen sich mit ihrem Auto. Seltsame Lichter erscheinen am Himmel und versetzen die bis dahin teilnahmslose Fremde in Panik.

Tatsächlich ist ein außerirdisches Raumschiff in den Wäldern abgestürzt. Es hat eine seltsame Lebensform zur Erde transportiert, die verschiedene Gestalten annehmen kann und wie eine Art Krebs alles vereinnahmt. Das Militär ist bereits vor Ort, tatsächlich wissen die Regierungen schon seit geraumer Zeit, dass es intelligentes außerirdisches Leben gibt. Unter dem Kommando des wahnsinnigen Veteranen Kurtz macht eine Gruppe von "Cleanern" sich daran, die Bedrohung zu beseitigen. Und dazu gehört nicht nur das Raumschiff, das tatsächlich zerstört werden kann: Alle Menschen, die sich im betroffenen Gebiet aufhalten, werden interniert und sollen umgebracht werden, ob sie nun infiziert sind oder nicht. Aber Jonesy, der durch den Kontakt mit Duddits und seine Nahtod-Erfahrung verändert worden ist und deshalb als perfekter Träger des außerirdischen Organismus dient, kann entkommen. Nur Henry weiß, dass Jonesy – oder das, was ihn steuert – aufgehalten werden muss, und dass das nur mit Hilfe von Duddits möglich ist. Doch Henry sitzt in einem Gefangenencamp, und Duddits ist todkrank…

Diesen Roman hat Stephen King während der langwierigen Rehabilitation nach seinem schweren Unfall vom Juni 1999 verfasst, und so ist es kein Wunder, dass die Szenen, in denen körperliche Qualen beschrieben werden, besonders eindringlich geschrieben sind. Das trifft besonders für Jonesy zu, ihn könnte man als Alter Ego Stephen Kings bezeichnen. Die Story kommt mir ein wenig wie eine Mischung aus "Tommyknockers" und "Es" vor, aber die Ähnlichkeiten sind doch nur oberflächlich. Vor allem in Bezug auf "Tommyknockers" könnte man sagen, dass King seine damalige Idee diesmal erheblich besser und detailreicher ausarbeitet. Auf die Ereignisse aus "Es" wird übrigens ausdrücklich Bezug genommen, die Geschichte spielt also im gleichen fiktiven Universum.

Typisch für King ist die ausführliche, glaubwürdige Charakterzeichnung. Auch diesmal wieder gelingt es ihm hervorragend, deutlich identifizierbare Figuren zu beschreiben, die man problemlos für echt halten könnte. Man kann sich in sie hineinversetzen und Anteil an ihrem Schicksal nehmen. Immer wieder werden Rückblicke zwischen die Gegenwartshandlung geschoben, in denen die Beziehung der vier Freunde untereinander und zu Duddits genauer ausgearbeitet wird. Erst dadurch wird verständlich, was die Freunde verbindet, was sie in ihren Visionen erleben und wie sie gegen die Außerirdischen ankämpfen. Stück für Stück fügt sich auf diese Weise ein Puzzleteil zum anderen, und am Ende passt alles zusammen. Es gelingt King auch ziemlich gut, die absolute Fremdartigkeit der Außerirdischen herauszustellen, die erst im Kontakt mit ihren Opfern beginnen, sich zu "vermenschlichen".

Obwohl es sich im Grunde nicht um einen Horror- oder Gruselroman handelt, sondern um Science Fiction, wird mit Splatter- und Ekelszenen nicht gegeizt. Besonders die so genannten "Arschwiesel" sorgen für einige unschöne Todesfälle. Aber nicht nur von ihnen geht die Gewalt aus. Während der außerirdische Pilz (das "Byrus") sich schnell als vergleichsweise harmlos erweist, weil er im Klima der Erde irgendwann abstirbt, nimmt die Bedrohung durch die Menschen selbst zu. Die Skrupellosigkeit, mit der das Militär gegen alles vorgeht, was irgendwie in Kontakt mit dem Byrus gekommen ist, wird nicht dadurch abgemildert, dass die Feindseligkeit der Außerirdischen schon lange bekannt ist. Deshalb muss ein durchgeknallter Befehlshaber her, quasi als Sündenbock, wodurch die Tatsache beschönigt oder verschleiert wird, dass er ja im Grunde nur die Befehle höherer Stellen ausführt. Hier übertreibt King ein wenig. Kurtz wirkt zu überzeichnet und hat kaum etwas von dem Tiefgang, den King anderen berühmten Psychopathen (z.B. Jack Torrance) verliehen hat.

Insgesamt wieder ein richtig guter, wegen seiner zahlreichen Handlungsebenen ungemein spannender "typischer" King-Roman, der zwar nicht ohne phantastische, aber doch ohne "übernatürliche" Elemente auskommt. Anzumerken ist noch, dass die Verfilmung, die sich ansonsten recht genau an die Romanvorlage hält, ein ganz anderes und meiner Meinung nach missglücktes Ende hat. Ein paar Szenenfotos aus dem Film sind in dieser Ausgabe des Romans vorhanden. (10.06.2007)


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247
Der törichte Engel Christopher Moore: Der törichte Engel
Goldmann 2005
256 Seiten

Weihnachten naht. Der Engel Raziel hat den Auftrag, ein Kind zu finden, dessen Weihnachtswunsch nur durch göttliche Hilfe erfüllt werden kann. Einen geeigneten Kandidaten findet er im kalifornischen Küstenstädtchen Pine Cove, denn dort beobachtet der siebenjährige Josh Baker, wie eine Frau den Weihnachtsmann tötet. Damit das Weihnachtsfest und die ersehnten Geschenke nicht ausfallen, wünscht Josh sich, der Weihnachtsmann möge von den Toten auferstehen - ein Wunsch, den Raziel ihm gern erfüllen will. Natürlich handelt es sich bei dem Toten nicht um den Weihnachtsmann, sondern um den Immobilienmakler Dale Pearson, der - im Weihnachtsmannkostüm steckend - einen Dieb auf frischer Tat ertappen wollte. Dieser Dieb war aber ausgerechnet seine Exfrau Lena, mit der er erst vor wenigen Stunden heftig aneinander geraten war. Lena war gerade dabei, einige von Dales Kiefern zu stehlen, um sie den Armen als Weihnachtsbäume zu schenken. Im entstehenden Handgemenge war Dale in Lenas Spaten gefallen und hatte sich selbst aufgespießt.

Um den Weihnachtsmann von den Toten zu erwecken, muss Raziel ihn erst einmal finden. Das erweist sich als schwierig, denn Lena erhält Hilfe von Tucker Case, einem Piloten und Frauenhelden, der sie dazu bringt, die Leiche zu verscharren und die Tat zu verschweigen. Theophilus Crowe, der Stadtpolizist, kommt ihnen beinahe auf die Schliche, aber er hat genug eigene Sorgen mit seiner Frau Molly, einer Ex-Schauspielerin, die manchmal ihre ehemalige Rolle als weiblicher Conan mit der Realität verwechselt - zumal sie ihre Medikamente abgesetzt hat, um ihrem Mann von dem gesparten Geld ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk zu kaufen. Da Raziel den genauen Ort nicht kennt, an dem der so genannte Weihnachtsmann begraben liegt, erweckt er kurzerhand die Bewohner des gesamten Friedhofs von Pine Cove zu neuem Leben. Und so schickt sich alsbald eine Horde hungriger Untoter an, das Weihnachtsfest empfindlich zu stören.

Zombies zu Weihnachten - das ist doch mal was Neues. Eigentlich könnte ich hier das wiederholen, was ich schon zum Roman Der kleine Dämonenberater geschrieben habe, der ebenfalls in Pine Cove spielt: Die Story ist, wie ich es von den Romanen Christopher Moores inzwischen gewöhnt bin, völlig abgedreht und gewinnt ihren manchmal etwas platten Humor aus dem Reigen eigenwilliger Figuren mit teilweise sehr seltsamen Charaktereigenschaften und aus einigen unerwarteten Details wie Untoten, die sich nach einem aus menschlichem Hirn bestehenden Snack gern neue Särge von einem bekannten skandinavischen Möbelhaus besorgen möchten und die ihre Opfer nicht so sehr durch ihr nicht mehr ganz frisches Aussehen erschrecken, sondern dadurch, dass sie all ihre Geheimnisse kennen, denn so mancher Bewohner von Pine Cove hat seine Sünden einem Grabstein gebeichtet oder den Friedhof zu unanständigeren Zwecken aufgesucht, und die Toten waren noch nie so richtig tot.

Allerdings lässt Moore sich diesmal mehr Zeit, bevor er quasi "in medias res" geht. Zunächst werden die Bewohner Pine Coves, die man teilweise aus seinen anderen Romanen kennt, ausführlich vorgestellt und die Rahmenbedingungen festgelegt. Raziel, der schon einen Auftritt in Die Bibel nach Biff hatte, kommt erst später ins Spiel, und auf das Weihnachtswunder muss man eine ganze Weile warten. Auch ist die Story noch eindimensionaler als die des schon erwähnten "Dämonenberaters" (das gilt besonders für den Schluss, mit dem Moore es sich allzu leicht macht), sie bildet nur den Aufhänger für diverse Gags, witzige Dialoge und Situationskomik. Moores locker-flockiger Stil, seine bei aller Verrücktheit sympathischen Figuren und seine schrägen Ideen machen aber auch dieses Buch wieder zu einem kurzweiligen Vergnügen - wenn man sich von Anfang an klar macht, dass es nicht mehr als eine belanglose Horrorkomödie ist. (03.06.2007)


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246
Projekt: Sporen-Nebel Theodor Rhys: Projekt: Sporen-Nebel
De Holtes Verlag 2007
570 Seiten

Im September 2006 verschwinden insgesamt ca. 20.000 Kinder überall auf der Welt, als hätte der Erdboden sie verschluckt. Wenig später tauchen sie ebenso plötzlich wieder auf – anscheinend unversehrt. Die Regierungen wissen, was es damit auf sich hat: Sie sind einen Handel mit den Liaren eingegangen, den humanoiden Bewohnern des Saturnmonds Titan. Die Liaren sind ein Volk aus Klonen, die angeblich unter einer Verarmung ihres Genpools leiden. Sie brauchen quasi "frisches Blut", das sie den Kindern entnehmen wollen. Im Gegenzug wollen sie der Menschheit ihr gesamtes hoch entwickeltes Wissen zur Verfügung stellen.

14 Jahre später verschwinden die einstigen Entführungsopfer erneut – bis auf wenige Ausnahmen. Es stellt sich heraus, dass die Außerirdischen eine Invasion der Erde vorbereiten, wobei die entführten Kinder eine entscheidende Rolle spielen sollen. Allerdings sind nicht die Liaren die Invasoren. Sie sind nur die Wirte für eine Lebensform, die aus einem völlig anderen Bereich des Kosmos stammt. Es handelt sich um mikroskopisch kleine Wesen, die auf humanoide Wirte angewiesen sind. Diese Nanonen können ihre Opfer mental kontrollieren, verändern aber auch deren Körper, was die Wirte zu unbesiegbaren Kämpfern macht. Bei einigen Menschen ist diese Übernahme nicht planmäßig verlaufen. Sie behalten ihren freien Willen, können aber die enormen geistigen und körperlichen Kräfte der Nanonen nutzen.

Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern baut mit Hilfe dieser Jugendlichen eine Widerstandsorganisation auf. Die Widerständler müssen aber bald feststellen, dass sie es nicht nur mit den außerirdischen Invasoren zu tun haben, sondern auch mit Organisationen wie der NSA, die eigene Interessen verfolgen…

Die Story erinnert zwar an eine Mischung aus dem Roman "Blutmusik" von Greg Bear und den Filmen "Invasion of the Body Snatchers" sowie X-Men, trotzdem könnte sie wegen der zugrunde liegenden Idee ganz interessant sein. Dem stehen jedoch Stil, Dramaturgie und Erzählstruktur entgegen – oder, besser gesagt, die Abwesenheit derselben. Es entsteht kein Spannungsbogen. Die wichtigsten Elemente werden in wenigen einleitenden Kapiteln abgehandelt. Man weiß im Grunde schon gleich alles, was es über die Invasoren und deren Pläne zu wissen gibt. Dann folgen 300 bis 400 Seiten voller endloser, alles zerredender Dialoge (d.h. eigentlich handelt es sich meist um gegenseitiges Monologisieren) ohne großen Handlungsfortschritt. Immer unwahrscheinlicher anmutende technische Errungenschaften der Menschen (am Ende haben sie sogar eine ganze Raumflotte) und recht bemüht erscheinende Zufälle müssen herangezogen werden, damit der Bedrohung durch die Außerirdischen entgegengetreten werden kann.

Erhebliche Schwächen in Grammatik, Orthografie und Syntax haben den Roman darüber hinaus für mich fast zu einer Qual gemacht. Schon allein der Umstand, dass man meist einen unstrukturierten Textblock vor sich hat, erschwert den Lesefluss: Erzählende Abschnitte, Dialoge und innere Rede folgen ohne Absätze aufeinander, teilweise gehen auch längere Szenen nahtlos ineinander über, die man besser in verschiedene Kapitel unterteilt hätte. (28.05.2007)


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245
Perry Rhodan: SOS aus dem Weltall Clark Darlton: Perry Rhodan – SOS aus dem Weltall
Moewig-Verlag, 1967
157 Seiten

Eine ausführliche Zusammenfassung zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke dieses Archivs - einfach hier klicken!

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244


Douglas Adams: The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy / The Restaurant at the End of the Universe
Picador, 2002
180 / 200 Seiten

Als Arthur Dents Haus abgerissen wird, weil es dem Bau einer Umgehungsstraße im Weg steht, denkt der ahnungslose Erdling, dies sei der schwärzeste Moment seines Lebens. Doch dann kommt sein alter Freund Ford Prefect vorbei und erzählt ihm, die Erde solle in wenigen Minuten vernichtet werden. Ford behauptet, er selbst komme von einem kleinen Planeten aus dem Gebiet der Beteigeuze. Ford rettet seinen Freund, als tatsächlich die Vogonen auftauchen, indem er seinen "elektronischen Daumen" hebt und sich per Anhalter mitnehmen lässt. Kurz darauf sprengen die Vogonen die Erde, da der Planet dem Bau einer Hyperraum-Expressroute im Weg steht.

Leider sind die Vogonen gar nicht begeistert von den blinden Passagieren. Der Kommandant foltert Arthur und Ford erst mit seinen grauenhaften poetischen Eigenkreationen, dann lässt er sie kurzerhand aus dem Schiff werfen. Der unglaublich unwahrscheinliche Zufall, dass in genau diesem Moment das von Zaphod Beeblebrox entwendete Raumschiff "Herz aus Gold" vorbeikommt und die beiden rettet, ist dem Unendlichen Unwahrscheinlichkeitsantrieb des Schiffes zu verdanken. Mit an Bord ist Tricia McMillian, genannt Trillian, eine junge Frau, die Arthur vor einiger Zeit auf einer Kostümparty kennen gelernt und gleich wieder an einen seltsamen Typen verloren hatte - das war natürlich Zaphod Beeblebrox, Präsident der Galaxis, Fords Halbcousin und Erfinder des Pangalaktischen Donnergurglers.

Gemeinsam machen die vier Menschen und der manisch depressive Roboter Marvin sich auf die Suche nach dem Planeten Magrathea, wo bereits eine zweite Erde im Bau ist. Im Auftrag hyperintelligenter Wesen, die auf der Original-Erde in der Gestalt von weißen Mäusen aufgetreten waren, hatte der Supercomputer Deep Thought nämlich nach Millionen von Jahren des Grübelns über die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest lediglich die Zahl "42" ausgeworfen. Die Erde, tatsächlich nichts anderes als ein noch leistungsfähigerer Computer als Deep Thought, hatte nur eine einzige Aufgabe: die passende Frage nach dieser Antwort zu suchen. Dummerweise war er jedoch fünf Minuten vor Vollendung des Programms von den Vogonen vernichtet worden. Ihre Irrfahrt führt die unfreiwilligen Gefährten bis zum Ende des Universums (das man vom Restaurant Milliways aus betrachten kann) und wieder zurück. Dabei werden sie von jemandem gelenkt, der Zaphods Gehirne manipuliert hat. Zaphod ist nicht erfreut, als er herausfindet, dass er selbst dieser Jemand gewesen sein muss…

Diese beiden Bücher bilden für mich persönlich eine Einheit – man kann sie nicht getrennt voneinander lesen. Es gibt zwar noch drei Fortsetzungen, aber die sind längst nicht mehr so witzig wie die ersten beiden Romane. Bücher wie diese sind beim ersten Lesen weit witziger als beim "Re-read". Sie gehören auch zu den Romanen, die sich teilweise nur schwer übersetzen lassen, weil viel mit Wortspielungen und Andeutungen gearbeitet wird, die man einfach nicht wörtlich oder sinngemäß übersetzen kann und die ihre Komik verlieren würden, wollte man sie erklären. Aus diesen Gründen habe ich mir die englische Ausgabe schenken lassen, und siehe da: Das Leseerlebnis ist aus den bereits genannten Gründen noch mal eine Ecke besser.

Dabei ist die Story eigentlich zweitrangig, sie ist nur der Aufhänger für eine Aneinanderreihung witziger Szenen. Wenigstens geht sie nicht ganz verloren, wenn auch Zaphods Suche nach dem mächtigsten Wesen des Universums am Ende zwar erfolgreich, aber auch völlig bedeutungslos ist. Viele Einschübe, bei denen es sich zumeist um erklärende Passagen aus dem "Anhalter" handelt, zerreißen die Handlung in viele kleine Episoden. Aber wen stört das angesichts der geballten Ladung an Wortwitz und absurd übertriebenen Parodien der "realen Welt"? All die verrückten und doch irgendwie logischen Ideen machen diese beiden Bücher ungemein unterhaltsam, und Figuren wie Zaphod und Marvin sind so ungewöhnlich, dass sie zu Recht Kultstatus erreicht haben.

Und überhaupt: Diese beiden Bücher gehören meiner Meinung nach ganz einfach zur Allgemeinbildung. Ein SF-Fan kommt jedenfalls nicht an ihnen vorbei. (06.05.2007)


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243
Für dich immer noch Sie Arschloch Lynne Truss: Für dich immer noch Sie Arschloch!
Goldmann, 2007
221 Seiten, gebunden

Eigentlich spricht Lynne Truss mir ja aus dem Herzen, wenn sie in diesem Buch über Unhöflichkeit, Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit, Respektlosigkeit, mangelnde Kritikfähigkeit und Ignoranz herzieht oder die Rücksichtslosigkeit der Leute gegenüber ihren Mitmenschen, fremdem Eigentum und so weiter beklagt. Was sie übrigens in durchweg sehr amüsanter und teilweise auch selbstironischer Weise macht, indem sie sechs gute Gründe dafür aufführt, zu Hause zu bleiben und die Tür zu verrammeln. Sie erklärt an (echten oder fiktiven) Beispielen, was sie damit meint, und versucht zu erklären, warum sich die Menschen so gehen lassen. Der "universelle Verpiss-dich-Reflex" hat mir am besten gefallen. Es geht in diesem Buch nicht etwa um die so genannten Manieren oder um sinnlose Etikette, sondern um Dinge des täglichen Miteinanders, die eigentlich selbstverständlich sein sollten.

Auch ich könnte aus dem Stand eine ganze Liste dessen herunterbeten, was mich am (aus meiner Sicht) schlechten Benehmen meiner Zeitgenossen stört. Allerdings kommt man bei so etwas immer schnell in den Verdacht, man sei ein pedantischer Nörgler – und genau so lesen sich denn auch manche Passagen des Buches. Außerdem ist vieles doch sehr auf eine britische Leserschaft zugeschnitten. Und nicht zuletzt bin ich nicht wie Lynne Truss der Meinung, dass die oben aufgezählten Unsitten in den letzten Jahren zugenommen haben. Soweit ich es beurteilen kann (und ich quäle mich immerhin schon seit 40 Jahren mit allerlei Gesindel herum), waren die Menschen, von denen da die Rede ist, schon immer so. Der Unterschied besteht wohl eher darin, dass Dummheit und Unverschämtheit inzwischen nicht nur als völlig normal akzeptiert werden, sondern sogar zum "guten Ton" zu gehören scheinen. Sehr ihr? Jetzt klinge ich auch wie ein elitärer Spießer! (01.05.2007)

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242
Der Fürst der Finsternis Anne Rice: Der Fürst der Finsternis
Goldmann, 2006
607 Seiten

Lestat de Lioncourt, geboren gegen Ende des 18. Jahrhunderts, ist zwar adeliger Herkunft, aber seine Familie ist verarmt und ihr Besitz befindet sich in der ländlichen Provinz. Seine Mutter Gabrielle ist die einzige Person, die ihm etwas bedeutet, aber sie ist todkrank. So ist es kein Wunder, dass der rebellische junge Mann sich in seiner Heimat fehl am Platz fühlt. Eines Tages begegnet Lestat dem jungen Nicolas de Lenfent, der ebenfalls aus der Enge seines bisherigen Lebens ausbrechen will - sein Traum ist es, Musiker zu werden. Die beiden jungen Männer verbringen viel Zeit miteinander, entdecken ihre Gemeinsamkeiten und brennen eines Tages nach Paris durch, um sich dort einer Theatergesellschaft anzuschließen. Lestat und Nicolas leben in Paris zwar arm, aber glücklich. Doch dann wird Lestat von dem uralten Vampir Magnus entführt, der seiner untoten Existenz in den Flammen ein Ende setzen will, aber nicht, ohne zuvor einen "Nachkommen" erschaffen zu haben: Er macht Lestat zum Vampir und hinterlässt ihm nicht nur erhebliche Macht durch die Übertragung seines Blutes, sondern auch große Reichtümer und eine sichere Zuflucht in einem Turm.

Lestat lernt, wie es ist, als Untoter zu existieren, und wie er seine Kräfte nutzen kann. Er tritt als Mäzen seines alten Theaters auf und macht seine sterbende Mutter ebenfalls zum Vampir, ebenso verfährt er mit Nicolas. Seine Taten erregen den Zorn einer Vampirgemeinschaft, die in Katakomben unterhalb der Stadt haust, und vom Vampir Armand angeführt wird. Nach Ansicht dieser Gemeinschaft müssen strenge Regeln der vampirischen Existenz beachtet werden - aber Lestat kümmert sich nicht um diese Regeln. Er begegnet Marius, einem Vampir, der schon seit fast 2000 Jahren existiert, und erfährt dessen Geschichte, die auch die Geschichte der ersten Vampire enthält. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zieht Lestat sich unter die Erde zurück und versinkt in einen totenähnlichen Schlaf. Im Jahre 1984 erwacht er wieder, und sofort beginnt er erneut damit, alle Regeln auf den Kopf zu stellen, indem er eine extrem erfolgreiche Rockband gründet und das Geheimnis der Vampire in aller Öffentlichkeit herausposaunt. Das erregt natürlich den Zorn der anderen Vampire, aber durch Lestats unvergleichlichen Gesang wird auch Akascha, die erste Vampirin, zu neuem Leben erweckt.

Dieser Roman enthält Geschichten innerhalb von Geschichten, die weitere Geschichten enthalten - und diese Rückblicke, die den Leser unter anderem in die römische Zeit und ins alte Ägypten entführen, sind die interessantesten Teile des Romans. Auch die Ereignisse aus dem Roman Gespräch mit einem Vampir werden rekapituliert, allerdings aus Lestats Sicht - deshalb sind auch diese Kapitel lesenswert, denn Lestat stellt die Dinge etwas anders als Louis dar, und man erfährt ein wenig mehr über Lestats Erlebnisse nach dem missglückten Mordversuch. Ansonsten gilt auch für den zweiten Roman aus der "Chronik der Vampire", dass nicht so sehr die Geschehnisse im Vordergrund stehen, sondern die Beschreibung der Gefühls- und Gedankenwelt der Hauptpersonen.

Allerdings muss ich sagen, dass ich Lestats Charakter und seine Motivation nicht richtig verstehe. Es wird immer wieder gesagt, er sei ein "Rebell" - aber warum ist er das? Oder was bedeutet es? Das wird meiner Meinung nach nicht genau genug ausgearbeitet. Gut verständlich ist allerdings seine Entfremdung von der Welt der Menschen, die ihm auch als Vampir immer noch viel bedeutet. Die Darstellung der absoluten Fremdartigkeit der Vampire (vor allem der sehr alten), die nichts mehr mit den Sterblichen gemein haben, gefällt mir sehr gut. Und erneut baut Anne Rice ihren eigenen Vampirmythos weiter aus: Die Ursprungsgeschichte der Vampire hat man so zuvor noch nicht gekannt.

Eine gewisse Langatmigkeit und Schnulzigkeit machen aber auch diesen Roman wieder über weite Strecken hinweg etwas zäh. 200 geschwätzige Seiten weniger, und ich hätte nichts mehr daran auszusetzen. Doch halt! Da ist ja noch die deutsche Übersetzung. Ihr laste ich die immer wieder vorkommenden umgangssprachlichen Begriffe und Redewendungen an, die mich ziemlich irritiert haben. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass die Autorin diese unpassenden Worte selbst gewählt haben könnte. (24.04.2007)


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241
Prinz Kaspian von Narnia C.S. Lewis: Die Chroniken von Narnia - Prinz Kaspian von Narnia
Ueberreuter, 2003
186 Seiten, gebunden

Narnia ist von den Telmarern erobert worden, Menschen aus dem Land Telmar weit hinter den westlichen Bergen. Die Telmarer haben dafür gesorgt, dass viel von der Magie Narnias verschwunden ist: Die meisten Tiere haben ihre Sprache verloren, Wesen wie die Nymphen, die lebenden Bäume, die Zwerge, die Faune und andere wurden entweder in einen ewigen Schlaf versetzt oder vertrieben. Nur wenige dieser Wesen leben noch in Narnia, doch sie müssen sich verstecken, denn die Könige der Telmarer jagen sie und wollen jegliche Erinnerung an sie auslöschen. Kaum noch etwas erinnert an das einstige goldene Zeitalter. Prinz Kaspian, der eigentlich rechtmäßiger König von Narnia sein sollte - soweit ein Telmarer überhaupt das Recht haben kann, Narnia zu beherrschen - lebt bei seinem Onkel Miraz, einem Usurpator, der Kaspians Vater und alle Getreuen des früheren Königs ermordet hat. Als die Frau des Usurpators einen Sohn zur Welt bringt, ist Kaspians Leben in Gefahr, denn er würde Miraz’ Sohn das Erbe streitig machen.

All das erfährt Kaspian von seinem Hauslehrer Dr. Cornelius, einem Zwerg mit menschlichem Blut. Cornelius verhilft Kaspian zur Flucht. Der Prinz begegnet in der Wildnis den Zwergen Trumpkin und Nikabrik sowie dem Dachs Trüffeljäger. Dies ist der Beginn einer von Kaspian angeführten Rebellion des "alten" Narnia gegen die Telmarer. Schon bald kommt es zum Kampf, doch die Rebellen sind in der Unterzahl. In größter Not verwendet Kaspian Susans magisches Horn, denn es heißt, wer immer es erschallen lasse, dem werde Hilfe zuteil. Tatsächlich werden Peter, Edmund, Suse und Lucy, die gerade nach dem Ende der Ferien auf dem Weg in die Schule sind, nach Narnia versetzt, und zwar mitten in die Ruinen ihres einstigen Schlosses Feeneden. Während für die Kinder nur ein Jahr vergangen ist, seit sie Narnia verlassen haben, sind dort 1000 Jahre vorübergezogen. Die Kinder befreien Trumpkin, der auf der Suche nach ihnen von telmarischen Soldaten gefangen genommen worden ist. Natürlich sind sie sofort bereit, Kaspian beizustehen, aber was können schon vier Kinder gegen eine ganze Armee ausrichten?

Der vierte Teil der Chroniken von Narnia ist zwar nicht so episch, wie ich es mir gewünscht hätte – ein Autor der heutigen Zeit hätte wahrscheinlich eine 1000-Seiten-Trilogie daraus gemacht – aber auch ein so kurzer Roman kann durchaus fesselnd sein, auch für Erwachsene. Dass das Buch für Kinder oder Jugendliche geschrieben wurde, ist aber unübersehbar. Ich würde den Roman sogar als das bis jetzt beste Buch der Chroniken bezeichnen. Kein Wunder, dass es als zweites Buch der Serie verfilmt werden soll. Erneut ist Narnia in Gefahr, erneut gibt es so einige Kämpfe, Magie ist auch wieder mehr mit dabei als in Der Ritt nach Narnia. Besonders gut gefallen haben mir zum einen die sympathischen Charaktere (meine Lieblinge: Der stolze Mäusegeneral, der bodenständige Zwerg Trumpkin und der Riese Wetterfest), zum anderen der immer wieder durchschimmernde selbstironische Humor.

Was diesmal wieder mehr auffällt (und zwar nicht unbedingt in angenehmer Weise) sind die Bezugnahmen auf die christliche Religion. Eine Szene finde ich besonders dick aufgetragen: Zunächst kann nur Lucy Aslan sehen und sie soll ihm folgen, obwohl sie deswegen von ihren Geschwistern nicht für voll genommen oder sogar verspottet wird. Als sie sich von ihnen davon abbringen lässt, Aslan nötigenfalls auch allein zu folgen, missbilligt der Löwe das. Eindeutiger geht’s wohl nicht mehr – das hätte nicht unbedingt sein müssen, zumal es für die eigentliche Geschichte nicht relevant ist. Aber das schmälert nicht das Lesevergnügen, das man mit dieser vielleicht etwas zu abrupt endenden Geschichte haben kann. (15.04.2007)


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240
Copy David Brin: Copy
Heyne, 2005
688 Seiten

Albert Morris ist Privatdetektiv. Dass er mehrere zeitaufwändige Fälle gleichzeitig verfolgen kann, liegt nur zum Teil an seinen guten kombinatorischen Fähigkeiten – entscheidend für seinen Erfolg ist eine revolutionäre Technologie, die seit ca. zwei Generationen genutzt wird und die die menschliche Gesellschaft grundlegend verändert hat: Es ist möglich, die "Stehende Welle" eines menschlichen Bewusstseins (also die Gesamtheit aller Erinnerungen und Gefühle, die Persönlichkeit – kurz: Die Seele eines Menschen) zu kopieren und in künstliche Körper zu übertragen – und zwar beliebig oft zur gleichen Zeit. Die dazu benötigten Geräte sind billig, es gibt sie inzwischen in praktisch jedem Haushalt. Die aus nanotechnologisch aufgerüstetem Ton bestehenden künstlichen Körper sind instabil und haben eine Lebensdauer von nur einem Tag. Schafft eine solche Kopie (die man als "Dito" oder "Golem" bezeichnet) es jedoch, zu ihrem "Original" zurückzukehren, dann kann der Mensch alle Erinnerungen der Kopie in sich aufnehmen ("inloaden"), so dass auch die Kopie in gewisser Weise weiterlebt.

Die Ditos sind zwar keine stupiden Roboter, sondern vollwertige Versionen des Realmenschen, haben aber keinerlei Rechte. Sie werden in unterschiedlichen Qualitäten hergestellt und können, da sie ja alle Fähigkeiten und Charaktereigenschaften des Realmenschen besitzen, an dessen Stelle zur Arbeit geschickt werden. Natürlich wird die Dito-Technologie auch für andere Dinge verwendet. Da Ditos nicht als echte Menschen gelten und auf jede erdenkliche Weise modifiziert werden können, kann man mit ihnen machen, was man will. Perverse Jagden, bizarre Sexualpraktiken, exzessiver Drogenkonsum und alle erdenklichen Ausschweifungen haben keine Folgen für den Realmenschen, der anschließend die Erinnerungen des Ditos inloadet. Mit alldem hat Morris nur aus beruflichen Gründen etwas zu tun. Er beschäftigt sich vorwiegend mit Fällen von speziellen Copyright-Verbrechen, bei denen ein schwunghafter Handel mit gestohlenen Seelen-Schablonen betrieben wird. Eines Tages jedoch wird er von Universal Kilns engagiert, dem größten Hersteller von Dito-Rohlingen.

Yosil Maharal, einer der Erfinder der Dito-Technologie, wurde ermordet. Es existieren nur noch Kopien des Realmenschen. Morris soll dieses Verbrechen aufklären. Im Verlauf seiner Ermittlungen, die natürlich nicht nur von ihm selbst, sondern zur gleichen Zeit von mehreren Ditos geführt werden, stößt Morris auf einige Ungereimtheiten. Universal Kilns hat die Dito-Technologie offenbar weiterentwickelt, hält dies jedoch vor der Öffentlichkeit geheim. Anscheinend wird unter anderem an einem Verfahren gearbeitet, das die Lebensdauer der Ditos verlängern soll – das würde möglicherweise dazu führen, dass man die Ditos nicht mehr als Sachen, sondern als Personen betrachten müsste. Die Wahrheit ist jedoch noch viel phantastischer und Morris (oder seine Ditos) haben eine Rolle dabei zu spielen, an die RealAlbert niemals hätte denken können…

Dieser Roman erinnert stark an Das Unsterblichkeitsprogramm von Richard Morgan, und zwar nicht nur wegen der Ausarbeitung einer ähnlichen Idee, sondern auch, weil hier wie dort eine klassische Detektivgeschichte erzählt wird, und zwar im Stil eines "Film Noir". Genau wie bei Morgan wird in aller Ausführlichkeit untersucht, wie die menschliche Gesellschaft auf eine revolutionäre neue Technologie reagieren würde. Während es bei Morgan darum geht, welche Auswirkungen die Trennung des menschlichen Geistes vom Körper haben könnte – oder die gezielt gesteuerte Reinkarnation des Geistes in beliebigen Körpern – liegt der Schwerpunkt bei David Brin eher auf der Frage, was eigentlich entscheidend für das Menschsein ist. Dabei kommt mir der Umgang der Menschen mit ihren tönernen Kopien nicht ganz logisch vor. Zumindest jene, die ihre Kopien wieder "inloaden", müssten eigentlich wissen, dass die Kopie sich eigentlich nicht vom Original unterscheidet, d.h. dass im Dito-Körper wirklich ein menschlicher Geist lebt. Es fällt auch nicht ganz leicht, zu akzeptieren, dass die Ditos gar nicht auf die Idee kommen, gegen ihre Herren zu rebellieren (und sei es nur für einen Tag). So stark kann ihre Identifizierung mit dem Original gar nicht sein, oder?

Eine Besonderheit stellen die ständig wechselnden Erzählperspektiven dar. Es gibt immer einen Ich-Erzähler, aber der ist nicht identisch – okay, im Grunde ist es natürlich immer Albert Morris, aber mal haben wir es mit RealAlbert zu tun, dann wieder mit diversen Ditos. Jeder beurteilt seine Erlebnisse anders, und so gewinnt der Leser immer wieder andere Einblicke, wenn eine Szene mehrmals aus der Sicht einer anderen Variante von Albert Morris geschildert wird. Dabei geht die eigentliche Geschichte nie verloren, Brin spinnt den Handlungsfaden zwar ein wenig verworren, aber doch logisch und nachvollziehbar weiter und verschafft dem Leser einen Vorteil: Im Gegensatz zu RealAlbert und dessen Ditos sieht man immer das Gesamtbild. Die Auflösung des Kriminalfalls (um den es am Ende eigentlich gar nicht mehr geht) ist sehr originell, und sie ist in dieser Form auch nur im fiktiven Universum dieses Romans möglich.

Brin stellt seine Geschichte in den Kontext einer Welt, deren Werte sich grundlegend gewandelt haben. Dabei wertet er selten, sondern vermittelt die Informationen durch die Augen des typischen "einsamen Schnüfflers", des in all seinen Versionen sympathischen Albert Morris, für den die Verhältnisse selbstverständlich sind und der sie allenfalls lakonisch kommentiert. Diese fiktive Welt wird detailreich und konsequent ausgestaltet, allerdings wird es im letzten Drittel für meinen Geschmack etwas zu "metaphysisch", die Aufarbeitung der allzu offensichtlichen moralischen Fragen dagegen bleibt auf der Strecke. Trotzdem ist der Roman bis zum Schluss sehr unterhaltsam. (10.04.2007)


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239
Resident Evil 9 Suiren Kimura: Resident Evil 9 - Tödliche Freiheit
Panini Books, 2007
283 Seiten

Die Liberty ist ein ehemaliges Luxus-Kreuzfahrtschiff, das in den Besitz der Umbrella-Coporation übergegangen ist. Das Schiff ist auf dem Weg von England nach New York. Mit an Bord ist US-Marshal José Lopez, der den mutmaßlichen Serienmörder Jack Trump in die USA überführen soll. Die Söldnerin Louise Kah, ein eigenartiger Reporter und ein todkrankes Mädchen sind weitere Passagiere. Die eigentliche Bestimmung des Schiffes besteht jedoch darin, Proben eines neu entwickelten Virus zu transportieren. Es ist das von Robert Chan für Umbrella entwickelte C-Virus, das aus den Varianten Red Light und Green Light besteht. Wie das T-Virus, das für den Untergang Raccoon Citys verantwortlich war, verändert auch das C-Virus jeden Körper, der damit infiziert wird. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass das Opfer seine Persönlichkeit nicht verliert und - wenn es über einen ausreichend starken Willen verfügt - seine Mutation sogar bewusst kontrollieren kann.

Robert Chan, der eigene Machtpläne verfolgt, fällt bei Umbrella in Ungnade. Man will ihn beseitigen. Ein Atom-U-Boot soll die Liberty aufbringen und das Virus sicherstellen. Doch Chan hat mit Louise Kah eine treue Untergebene auf der Liberty. Beim Kampf um die Virusproben kommt es zu einem Zwischenfall - der angebliche Reporter infiziert sich absichtlich selbst damit. Der mutmaßliche Serienmörder Jack Trump wird befreit. Ein unaufhaltsames Ungeheuer metzelt die Besatzung des U-Boots nieder. Für José Lopez beginnt ein aussichtsloser Kampf ums Überleben.

Dies ist ein weiterer Roman, dessen Handlung zwar im Resident Evil - Universum stattfindet, aber nicht Bestandteil der gleichnamigen Videospielserie ist. Leider ist der Roman von A bis Z misslungen. Das geht schon mit den Hauptfiguren los: Jack Trump ist ein billiger Hannibal-Lecter-Verschnitt (jedenfalls soll man ihn dafür halten), José Lopez ist wegen seiner Trotteligkeit als US-Marshal völlig unglaubwürdig, Robert Chan ist ein zweidimensionaler Bösewicht ohne nachvollziehbare Motivation. Dauernd tauchen irgendwelche Nebenfiguren auf, die für die Story überhaupt keine Bedeutung haben, und die "Auflösung" des Rätsels um Trump wirkt völlig an den Haaren herbeigezogen.

Es dauert eine ganze Weile, bis wirklich etwas geschieht, dann aber folgt eine blutige Metzelszene der anderen und am Ende muss auch noch eine aus dem Nichts herbeigezauberte Superwaffe bemüht werden, damit der Showdown einen glücklichen Verlauf nimmt. Hinzu kommt, dass der Roman in einem Stil geschrieben ist, für den die Bezeichnung "trivial" noch eine Schmeichelei wäre. Das kann aber auch an der deutschen Übersetzung liegen, die unglücklicherweise auch noch sehr viele Schreibfehler enthält. Dieser Roman ist also noch nicht einmal für "Resident Evil" - Fans lesenswert. (01.04.2007)


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238
Golem100 Alfred Bester: Golem100
Bastei Lübbe, 1980
383 Seiten

Im 22. Jahrhundert sind die großen Städte Nordamerikas zu einem gigantischen überbevölkerten Slum verschmolzen, der als "Guff" bezeichnet wird. Die meisten Menschen leben in Armut. Frisches Wasser und Wärme gehören zu den wertvollsten Gütern. Das Recht ist auf der Seite derjenigen, die es sich leisten können. Als eine Serie bestialischer Morde für Unruhe im Guff sorgt, wird Subadar Ind'dni mit der Untersuchung der Vorfälle beauftragt. Seine Ermittlungen führen ihn zu dem Chemiker Blaise Shima, einem genialen Schöpfer neuer Parfüme (die wegen des Wassermangels reißenden Absatz finden), der regelmäßig spurlos verschwindet und dessen Wege sich stets mit denen der Opfer der Mordserie kreuzen. Die Privatermittlerin Gretchen Nunn findet heraus, dass Shima unter Persönlichkeitsspaltung leidet. Wenn er verschwindet, schlüpft er in die Rolle eines gewissen "Mr. Wish", der todessehnsüchtige Menschen am Geruch erkennen kann und ihnen folgt, um ihnen diesen Wunsch zu erfüllen. Aber er ist nicht das Monster, das die Morde begeht.

Tatsächlich hat eine Gruppe gelangweilter reicher Frauen ein seltsames Ritual vollzogen und damit unwissentlich eine polymorphe Entität erschaffen – den Golem100. Dieses Wesen ist das personifizierte Böse, oder vielmehr die Summe aller unterdrückten negativen Eigenschaften des "Hexenzirkels". Der Golem wurde aus einer jenseitigen Welt befreit und versucht nun, sich dauerhaft in der materiellen Welt zu manifestieren.

Eigentlich wollte ich als Kommentar zu diesem Roman lediglich schreiben, dass ich ihn vor ca. 20 Jahren schon einmal gelesen und damals wie heute teilweise nur Bahnhof verstanden habe. Die Geschichte von einer dystopischen Welt der nicht allzu fernen Zukunft, die Beschreibung der dortigen Verhältnisse und die seltsamen Phänomene, die zur Entstehung des Golem führen – all das ist ja durchaus noch verständlich und sogar faszinierend. Schrieb ich "Beschreibungen"? Eigentlich wird gar nicht so viel beschrieben, der Text besteht zum größten Teil aus Dialogen. Hinzu kommen bei meiner Ausgabe von Bastei Lübbe einige Abbildungen, die die chaotische Welt des Unbewussten illustrieren sollen. Anklänge an den Film "Alarm im Weltall" und den "Stream-of-Consciousness" - Stil nach dem Beispiel von "Ulysses" sind genauso erkennbar wie Parallelen zu späteren Romanen des so genannten Cyberpunk. Interessant ist das ja schon, aber... na ja...

Ich glaube, der Übersetzer hatte große Probleme, die unterschiedlichen von Bester verwendeten Sprachstile (vor allem die spezielle Guff-Sprache) sowie die vielen Anspielungen und Wortspiele einigermaßen adäquat ins Deutsche zu übertragen. Und vermutlich ist mir selbst da, wo es ihm gelungen ist, einiges entgangen. Auffällig ist übrigens der… hm… sorglose Umgang mit expliziten Sex- und Gewaltszenen. Aber all das meinte ich nicht mit "Bahnhof", soweit bin ich noch mitgekommen. Das Ende jedoch? Tja. Da verwandeln die Frauen sich im übertragenen Sinne tatsächlich in eine Art Bienenvolk, Gretchen rastet aus und wird zur neuen Königin des Bienenstocks. Dann verkörpert der Golem sich buchstäblich. Das letzte Kapitel ist mir völlig unverständlich geblieben. Scheinbar habe ich in all den Jahren nichts dazugelernt… (19.03.2007)


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237
Die Schöpfungsmaschine Uwe Anton: Die Schöpfungsmaschine (Perry Rhodan - Der Posbi-Krieg 6)
Heyne, 2007
382 Seiten

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236
Die Macht des Elfenfeuers Monika Felten: Die Macht des Elfenfeuers (Die Saga von Thale 2)
Piper, 2005
478 Seiten

Mehr als 200 Jahre sind seit dem Sieg Sunnivahs über An-Rukhbar vergangen. Es gibt wieder Riesenalpe in Thale, eine kleine Siedlung der Nebelelfen wurde gegründet und in der Festungsstadt Nimrod kann sich niemand auch nur vorstellen, dass die Gefahr noch immer nicht vorbei sein könnte. Tatsächlich braut sich jedoch im Norden neues Unheil zusammen, denn der Meistermagier Asco-Bahrran ist nicht tot. Er hat sein Leben mittels schwarzer Magie verlängert und bereitet nun in der Finstermark einen Angriff auf Thale vor. Er hat einige abtrünnige Druiden sowie eine große Cha-Gurrlinen-Armee um sich geschart. Außerdem ist es ihm gelungen, zahlreiche Quarline zu züchten. Diese mörderischen Raubtiere transportiert er auf magischem Wege mitten in eine Feier der Nebelelfen hinein – fast das gesamt Volk wird niedergemetzelt. Die Elfenkriegerin Naemy und ihr Sohn Tabor gehören zu den wenigen Überlebenden, denn sie waren gerade in Nimrod. Auch dort schlägt Asco-Bahrran zu: Einer seiner Untermagier stiehlt Sunnivahs Amulett, das in der Festungsstadt aufbewahrt wurde.

Die junge Priesterschülerin Kiany, eine Nachfahrin Sunnivahs, hat all diese Ereignisse vorhergesehen, doch zunächst hat niemand ihre Visionen ernst genommen. Jetzt rückt Kiany plötzlich in den Mittelpunkt des Interesses. Auch Asco-Bahrran streckt seine Klauen nach ihr aus, denn er hat erkannt, dass das Mädchen ihm gute Dienste als Medium leisten könnte. Nach der Vernichtung der Nebelelfen-Siedlung marschiert Asco-Bahrrans Armee in Thale ein. Die schwach besetzten Grenzgarnisonen können sie nicht aufhalten. Während die Bewohner Nimrods sich fieberhaft auf den letzten Kampf vorbereiten, sucht Tabor jenseits des Gebirges nach Hilfe. Naemy macht sich auf den Weg, um Kiany zu befreien. Niemand ahnt etwas von den wahren Plänen Asco-Bahrrans, denn ihm geht es nicht nur um die Eroberung Nimrods, sondern er will Portale öffnen, die vor vielen Jahrhunderten von den Elfen versiegelt worden sind, weil etwas unfassbar Böses auf der anderen Seite lauert…

Band 2 der Saga von Thale enthält zwar weniger unfreiwillige Komik (Gewänder und Haare wallen nicht ganz so oft), aber mindestens ebenso viele Klischees wie der erste Roman. Erneut hat man den Eindruck, ein Konglomerat willkürlich zusammengewürfelter Elemente zu lesen, die von diversen Fantasy-Standardwerken (vor allem aus dem Herrn der Ringe) inspiriert wurden – um es mal vorsichtig auszudrücken. Den Plagiatsvorwurf verkneife ich mir, zumal der Roman ja durchaus seine eigene Note hat. Auch wenn diese fast nur darin besteht, dass praktisch alle Hauptfiguren – bis auf die Bösewichte, die müssen natürlich Männer sein – weiblich sind. Bei Frau Felten sind alle Frauen gut, weise, sanft, wunderschön, stark und so weiter. Es gibt keine negative Frauenfigur. Immerhin begegnet man in diesem Roman auch einigen positiven Männerfiguren, das war in Band 1 noch etwas anders.

Leider ist auch dieser Roman wieder absolut vorhersehbar, auch sucht man interessante neue Ideen vergebens. Alles irgendwo anders schon x-mal gelesen. Die Hauptfiguren sind viel zu klischeebehaftet, als dass man sich mit ihnen identifizieren könnte. Einzige Ausnahmen sind aus meiner Sicht Naemy und Tabor. Die beiden haben Potential, aber so richtig ausgearbeitet wird das nicht. Immerhin tragen sie erheblich mehr zur Handlung bei als die fast völlig überflüssige Sunnivah aus dem 1. Roman. Diese Rolle übernimmt diesmal die "Gütige Göttin", bei der man sich fragt, was eigentlich ihren Status als "Göttin" rechtfertigt, wenn sie nichts anderes tun kann, als hilflos zu beobachten.

Das Magiekonzept, das im Thale-Universum gilt, scheint mir etwas unausgegoren zu sein. Immer wieder wird davon geredet, dass ein Strahl aus reiner Magie oder so geschleudert wird. Was bitte soll denn "reine Magie" sein? Ist es eine nicht näher bezeichnete Energieform, die man auf andere Leute schleudern kann wie Licht aus einer Taschenlampe?

Positiv ist wenigstens zu vermerken, dass es weit weniger Rechtschreibfehler gibt als im letzten Roman. (08.03.2007)


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235
Wir vom Jahrgang 1967 Ralf Keß: Wir vom Jahrgang 1967 – Kindheit und Jugend
Wartberg Verlag 2007
63 Seiten, gebunden

Im Wartberg-Verlag ist eine ganze Reihe so genannter "Jahrgangsbände" erschienen. Autoren, die jeweils im entsprechenden Jahr geboren sind, fassen zusammen, was aus ihrer Sicht für diesen Jahrgang prägend war. Behandelt werden immer die ersten 18 Lebensjahre, das Ganze wird eingebettet in die weltpolitischen Ereignisse und gesellschaftlichen Entwicklungen dieser Zeit. Wie wurden wir erzogen? Was waren unsere ersten Spielsachen? Welche Hobbys hatte "man" in dieser Generation, welche Musik war aktuell, inwieweit wurden wir vom Zeitgeist beeinflusst?

Ein hoher Wiedererkennungs-Faktor und das "Wir-Gefühl" machen den Reiz dieser Bücher aus. Immerhin sind die ersten 18 Lebensjahre Gegenstand nostalgischer Verklärung und lieb gewonnener Erinnerungen, wenn man erst einmal ein gewisses Alter erreicht hat. Vieles von dem, was Ralf Keß da beschreibt (und was er vermutlich größtenteils selbst erlebt hat), könnte auch in meinem Tagebuch stehen – die Übereinstimmungen sind geradezu verblüffend. Das Buch enthält zahlreiche Fotos, die offensichtlich aus dem Familienalbum des Autors stammen. Und auch die kommen mir irgendwie "bekannt" vor…

Wer (wie ich) zum Jahrgang 1967 gehört, wird sich in diesem Buch definitiv wiederfinden. Ich musste jedenfalls immer wieder denken: "Ja, ganz genau so war’s". Da macht es auch nichts, dass der Stil doch etwas arg holprig geraten ist, von den unzähligen Fehlern in Satzbau und Rechtschreibung mal ganz zu schweigen. (01.03.2007)

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234
Befreiung in Camouflage Michael Marcus Thurner: Befreiung in Camouflage (Atlan Lepso 3)
Fanpro, 2007
334 Seiten

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233
Der Hitler-Mythos Ian Kershaw: Der Hitler-Mythos
DVA, 1999
396 Seiten, gebunden

Von Sir Ian Kershaw stammt eine hochinteressante Hitler-Biografie, die ich vor einigen Jahren gelesen habe. Darin kommt allerdings eine Sache etwas kurz, nämlich der Führer-Mythos, also Hitlers aus heutiger Sicht unglaubliche Popularität – oder, besser gesagt, das unfassbare Ausmaß der Verehrung, das diesem Mann damals entgegengebracht worden ist. So wirkt die Tatsache, dass viele Deutsche selbst in der Zeit des Niedergangs des Dritten Reichs noch geglaubt haben, Hitler treffe nicht die Schuld am Krieg, am Elend des Volkes und den Verbrechen der Nazis, kaum mehr verständlich. Man hatte geglaubt, Hitler wisse gar nichts von den diversen Vorgängen an der Front und im Reich, habe sie nicht gewollt und würde gegen sie vorgehen, sobald er davon erführe.

Zunächst wird herausgearbeitet, was die Charakteristika "charismatischer" oder "heroischer" Herrschaft eigentlich sind und wie stark ein solcher Führer vom persönlichen Erfolg abhängig ist. Es wird gezeigt, dass der Hitler-Mythos nicht zufällig entstanden ist, sondern gezielt aufgebaut und sorgfältig gepflegt wurde. Anhand von sehr unterschiedlichen zeitgenössischen Quellen (NS-Sicherheitsdienst, Sopade-Berichte, Briefe aus dem einfachen Volk an Hitler oder die Partei, Zeitungsartikel usw.) versucht Kershaw herauszuarbeiten, welche Bedeutung Hitler für die Menschen hatte, wie sich das Führerbild dann im Verlauf der Jahre gewandelt hat und warum Hitler schließlich scheitern musste.

Wenn man wissen will, wie gewöhnliche Deutsche Hitler damals gesehen haben, dann ist dieses Buch sehr hilfreich. Mir war zum Beispiel bis dahin nicht so klar, wie deutlich man seinerzeit doch zwischen Hitler und der NSDAP unterschieden hat. Geschichtliche Kenntnisse werden allerdings vorausgesetzt – und da empfiehlt sich dann wiederum die Lektüre der eingangs erwähnten Biographie… (25.02.2007)

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232
Die Psi-Fabrik Frank Böhmert: Die Psi-Fabrik (Perry Rhodan - Der Posbi-Krieg 5)
Heyne, 2007
413 Seiten

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231
Der kleine Dämonenberater Christopher Moore: Der kleine Dämonenberater
Goldmann, 2005
317 Seiten

Vor 70 Jahren hat Travis O’Hearn zufällig und unwissentlich den Dämon Catch beschworen. Seitdem ist er nicht mehr gealtert, außerdem ist er unverwundbar und kann dem Dämon Befehle erteilen (manchmal jedenfalls). Das klingt zwar recht angenehm, aber der Preis dafür ist hoch. Catch hat nämlich einen unstillbaren Hunger auf Menschenfleisch. Normalerweise ist Catch nur so groß wie ein Kind, vor allem aber ist er in dieser Gestalt unsichtbar. Wenn er frisst, wächst er zu einem riesigen Monster heran und wird auch für andere Menschen sichtbar. Travis wird den Dämon nicht los, denn das Biest ist praktisch unverwüstlich, und Travis ist nicht mehr im Besitz der Formeln, mit denen man den Dämon zurück in die Hölle schicken könnte. Also bleibt Travis nichts anderes übrig, als dem Dämon nach Möglichkeit Opfer zuzuführen, die den Tod seiner Ansicht nach verdient haben, und nach der Frau zu suchen, der er die Beschwörungsformeln seinerzeit gegeben hat.

Seine Suche führt ihn eines Tages in das verschlafene Touristenstädtchen Pine Cove. Dort lebt auch der Gemischtwarenhändler Augustus Brine. Brine wird von Gian Hen Gian, dem König der Dschinn, für dessen Kampf gegen Catch auserwählt. Der Dschinn war zugegen, als König Salomon den Dämon als Hilfskraft für den Bau des Tempels von Jerusalem beschworen hat, und Brine soll dafür sorgen, dass Catch außer Gefecht gesetzt wird. Doch Catch verfolgt eigene Pläne. Als Travis sich in die frisch geschiedene schöne Jennifer verliebt, lässt seine Willenskraft nach, mit der er den Dämon bisher mehr oder weniger im Zaum gehalten hat. Catch nutzt seine neu gewonnene Handlungsfreiheit sofort aus, um sich im Oberhaupt eines lokalen Hexenzirkels eine neue Meisterin zu suchen, von deren Machtstreben er sich mehr Gelegenheit zum Verbreiten von Tod und Zerstörung erhofft…

Obwohl die Story dieses Romans mindestens genauso aberwitzig ist wie die anderen Geschichten Christopher Moores, die ich kenne (Flossen weg und Die Bibel nach Biff), so passt diesmal doch alles besser zusammen. Im Gegensatz zu "Flossen weg" besteht von Anfang an kein Zweifel daran, dass man es mit einer völlig abgedrehten Fantasy-Geschichte (bzw. Horrorkomödie) zu tun hat, und der Humor entsteht anders als in "Die Bibel nach Biff" nicht durch zotigen Slapstick, sondern durch die bizarren Figuren, die Situation an sich und durch besser funktionierende, außerdem ziemlich schwarzhumorige Situationskomik. Außerdem gibt es in diesem Roman keine Längen. Vieles von dem, was vom Leben und von den skurrilen Eigenheiten der Bewohner Pine Coves erzählt wird, macht zwar zunächst einen recht episodenhaften Eindruck. Man fragt sich manchmal, was das alles miteinander zu tun haben soll. Aber am Ende werden alle Erzählstränge stimmig zusammengeführt und jede Figur spielt eine wichtige Rolle.

Dies ist der erste Roman von Christopher Moore. Catch, der Dämon, taucht auch in "Die Bibel nach Biff" auf, hat dort aber nur quasi einen Cameo-Auftritt. In "Der kleine Dämonenberater" sorgt er mit seinem einerseits sehr menschlichen Charakter (er mag Comics und alte Filme, er scheint Travis gern zu veräppeln) und seiner teilweise recht drastisch geschilderten Brutalität auf der anderen Seite für einige der besten Szenen. Aber auch die anderen Charaktere haben ihre Momente, auch wenn sie zumeist völlig überzeichnet sind. Da man aber wie gesagt von Anfang an weiß, dass hier nichts auch nur ansatzweise ernst gemeint ist, stört das nicht. (06.02.2007)


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230
Digit Michael Weisser: Digit
Suhrkamp, 1983
280 Seiten

Jahrhunderte nach einem globalen Atomkrieg gibt es nur noch ein einziges nicht zerstörtes oder verseuchtes Land auf der Erde. Mit Hilfe der Computertechnologie wurde dort eine Staatsform entwickelt, in der alle Menschen gleich sind. Jeder hat die gleichen Chancen, alle Güter sind gleich verteilt. Es gibt aber auch keine echte Kreativität mehr, alles verläuft in starren, vorgegebenen Bahnen. Diese Gleichschaltung wird unter anderem durch totale Kontrolle erreicht. Jede Handlung wird aufgezeichnet und ausgewertet, jede Abweichung von der Norm wird geahndet. Die meisten Menschen sind zufrieden mit dieser Existenz. Wer jedoch gegen das allumfassende System aufbegehrt, wird gnadenlos eliminiert. Dennoch nimmt der Protest allmählich zu. Parolen werden auf Wände geschrieben, öffentliche Computerterminals werden demoliert oder durch sinnlose Eingaben lahm gelegt.

In dieser Situation werden fünf Spezialisten unterschiedlicher Fachgebiete zu einer abgelegenen Forschungsstation gebracht, wo sie am Projekt D.I.G.I.T. arbeiten sollen. Sie leben abgeschottet von der Umwelt auf einer Insel, von wo aus sie uneingeschränkten Zugriff auf alle Wissensspeicher und Rechnerkapazitäten haben. Sie erfahren jedoch nur, wofür das Kürzel des Projektnamens steht: "Digital Injection of General Security by Intelligence Transmutation". Was das zu bedeuten hat oder welche Ziele ihre Forschungen haben sollen, erfahren sie jedoch nicht.

D.I.G.I.T. ist einer jener SF-Romane der frühen Achtziger, die so sehr "Kinder ihrer Zeit" sind, dass man sie heute eigentlich nur noch aus nostalgischen Gründen lesen kann, oder wenn man wissen will, was seinerzeit als anspruchsvolle SF bezeichnet worden ist. Wahrscheinlich war es Weissers Absicht, die Gefühlskälte der von ihm beschriebenen Welt durch eine besonders emotionslose, "technische" Sprache zu verdeutlichen. Das ist ihm durchaus gelungen; manche Passagen könnten ebenso gut von einem Computer geschrieben worden sein. Sie bestehen nur aus Listen oder Diagrammen. In der ersten Hälfte des Romans geht es hauptsächlich um die Einführung der Protagonisten und der Welt, in der sie leben. Es geschieht nicht viel, bis die fünf Personen auf die Insel gebracht werden, wo sie an etwas arbeiten sollen, dessen Sinn sie nicht verstehen – falls es überhaupt einen gibt (kommt mir irgendwie bekannt vor).

Dann allerdings kommt es zu einem ziemlich krassen Bruch und zu Schilderungen extremer Gewalt. Auch dabei herrscht aber eine solch "klinische" Kälte vor, dass man nicht emotional beteiligt sein kann. Vieles ist mir bis zum Schluss rätselhaft geblieben. Wer ist der fehlende 6. Forscher? Was ist das Ziel des Ganzen? Wie gesagt: Aus "historischer" Sicht ein interessantes Buch. Ansonsten gibt es eigentlich keinen Grund, es zu lesen. (04.02.2007)


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229
Im Netz der Nonggo Arndt Ellmer: Im Netz der Nonggo (Perry Rhodan Autorenbibliothek 1)
Moewig-Verlag 2000
224 Seiten, gebunden

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228
Der Fall Jane Eyre Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre
dtv, 2004
376 Seiten

England im Jahre 1985: Das gesamte Volk ist derart begeistert von Kunst und Literatur, dass die meisten Kriminalfälle, wie auch das organisierte Verbrechen, sich auf diesen Bereich konzentrieren. Kein Wunder also, dass die Polizei eine ganze Reihe von Spezialeinheiten aufgestellt hat. Die insgesamt 30 SpecOps-Teilbereiche beschäftigen sich allerdings nicht nur mit Fällen von Manuskriptfälschungen, Kunstraub und ähnlichen Delikten. So gibt es Einheiten wie die ChronoGarde, die in Vergangenheit und Zukunft reist, um Zeitparadoxa zu verhindern (oder selbst zu erzeugen). Andere SpecOps-Abteilungen beschäftigen sich auch mit der Bekämpfung von Vampiren und Werwölfen. England hat aber noch ganz andere Probleme. Seit über hundert Jahren befindet das Land sich im Kriegszustand mit Russland. Auslöser des Krieges ist die Besetzung der Halbinsel Krim durch England. Außerdem hat die Volksrepublik Wales sich von England losgesagt und entlang der Grenze kommt es immer wieder zu Zwischenfällen. Kein Wunder also, dass der Goliath-Konzern, der sich mit Waffenhandel und –forschung beschäftigt, immer mehr an Macht im Land gewinnt.

Thursday Next ist eine junge LiteraturAgentin der Abteilung SpecOps-27. Sie ist eine Krimkrieg-Veteranin und schleppt immer noch böse Erinnerungen an diese Zeit mit sich herum, denn sie hat ihren Bruder im Krieg verloren. Thursdays Vater ist ein desertierter ChronoGarde-Colonel, der die Zeit anhalten kann. Thursday ist clever, mutig und in ihrem Job sehr erfolgreich. Sie wird von SpecOps-5 hinzugezogen, als das Originalmanuskript des Romans "Martin Chuzzlewit" unter geradezu unglaublichen Umständen gestohlen wird. Hinter dem Raub steckt kein Geringerer als Acheron Hades, ein Superverbrecher, der das Böse um seiner selbst willen liebt, von keiner Kamera aufgenommen werden kann, in der Lage ist, anderen Menschen seinen Willen aufzuzwingen und noch so manch andere ungewöhnliche Eigenschaft besitzt. Thursdays Qualifikation besteht allerdings hauptsächlich darin, dass sie die einzige Person ist, die Acherons Gesicht kennt. Schnell kommt es zur ersten Konfrontation, bei der Thursday einige Kollegen verliert und selbst verletzt wird.

Doch Thursday lässt nicht locker. Allerdings belässt auch Hades es nicht beim Diebstahl des einen Manuskripts. Er entführt Thursdays Onkel Mycroft, einen Erfinder, der das so genannte ProsaPortal entwickelt hat. Mit dieser Apparatur kann man buchstäblich in die Handlung eines Romans "einsteigen" - und man kann bei der Rückkehr etwas mit in die Realität hinüberholen. So kommt es zu den ungewöhnlichsten Entführungen, die es je gegeben hat…

Ich fasse mich kurz: Dies ist eines der genialsten Bücher, die ich je gelesen habe. Die Art, wie Fforde ein ziemlich ungewöhnliches Parallel-Universum aus dem Ärmel schüttelt, das trotz der vielen phantastischen Details in sich schlüssig zu sein scheint, sucht schon ihresgleichen. Wo andere Autoren ganze Kapitel mit entsprechenden Beschreibungen füllen, streut Fforde mal eben eine winzige Andeutung ein, an der die Phantasie des Lesers sich entzünden kann. So irrwitzig all diese Ideen sein mögen – sie fügen sich zu einem stimmigen Bild zusammen. Ich will gar nicht erst versuchen, näher darauf einzugehen, warum mir das Buch so sehr gefällt, sonst könnte ich hier eine Seite nach der anderen schreiben. Lest den Roman einfach selbst! Ihr werdet es nicht bereuen.

Der sehr guten Übersetzung ist es zu verdanken, dass der Wortwitz des Textes nicht verloren geht. Allerdings sollte man sich schon ein wenig in der Literatur auskennen, sonst wird man die meisten Anspielungen gar nicht erst wahrnehmen. Wer beispielsweise ein bestimmtes Gedicht von Percy B. Shelley nicht kennt, der wird nicht verstehen, warum ich grinsen musste, als eine Person namens Oswald Mandias erwähnt wurde…

Es gibt noch mehr Romane mit Thursday Next – und die stehen jetzt auf den ersten Plätzen meiner Einkaufsliste! (28.01.2007)


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227
Elfenfeuer Monika Felten: Elfenfeuer (Die Saga von Thale 1)
Piper, 2003
476 Seiten

Das friedliche Land Thale wurde vor einigen Jahren vom grausamen Schwarzmagier An-Rukhbar erobert. Mit der Hilfe dämonischer Krieger aus dem Norden und gewissenloser Magier wurde die Gütige Göttin aus Thale vertrieben und in der Zwischenwelt eingekerkert. Fast das ganze Volk der Nebelelfen wurde ausgerottet, die Druiden wurden getötet. Die Menschen von Thale leben seitdem in Knechtschaft. Doch Anthok, der letzte Druide, hat An-Rukhbar mit einem Fluch belegt und die Ankunft eines Befreiers vorausgesagt, der den Herrscher stürzen werde. Da An-Rukhbar diesen Fluch sehr ernst nimmt, dürfen keine Kinder geboren werden. Da viele Frauen sich nicht an dieses Gebot halten, befiehlt An-Rukhbar seinem obersten Feldherrn Tarek und dem Meistermagier Asco-Bahrran, zum fraglichen Zeitpunkt alle Schwangeren und alle Kinder zu töten. Doch eine Frau entgeht dem Gemetzel. Die junge Ilahja bringt ihre Tochter Sunnivah in der Wildnis zur Welt, bevor sie stirbt. Treue Freundinnen bringen Sunnivah in Sicherheit und verstecken sie vor den Schergen An-Rukhbars.

17 Jahre später erfährt Sunnivah, die bei Priesterinnen aufgewachsen ist, von ihrer wahren Bestimmung. Zusammen mit der Nebelelfin Naemy, einer geheimnisvollen Wölfin und Tareks Sohn Vhait, der mit den Machenschaften seines Vaters nichts zu tun haben will, macht Sunnivah sich auf den Weg, um die Prophezeiung zu erfüllen. Gleichzeitig bereitet eine Armee von Rebellen, die von Sunnivahs Vater angeführt wird, den Angriff auf An-Rukhbars Festungsstadt vor. Doch mit gewöhnlichen Waffen ist der Herrscher nicht zu besiegen…

Im Grunde habe ich nichts gegen Frauenfantasy einzuwenden (wenn man einen Roman, in dem fast alle Hauptrollen mit Frauen besetzt sind, so bezeichnen kann), aber wenn andauernd nur wunderschöne Damen mit langem, wallendem Haar in noch längeren, noch wallenderen Gewändern auftreten, die tiefstes Verständnis für die Geheimnisse der Natur und füreinander aufbringen, während alle Männer rüpelhafte Grobiane sind, die nur von dem Wunsch beseelt sind, besagte Frauen zu vergewaltigen, dann entsteht doch ein paar Mal zu oft unfreiwillige Komik. Ansonsten fällt mir zu diesem Roman, der praktisch nur aus genre-üblichen Klischees besteht, wie aus Elementen diverser Fantasy-Standardwerken zusammengesetzt erscheint und deshalb von Anfang bis Ende vorhersehbar ist, nicht viel ein. Ein Roman ohne Höhen und Tiefen, nettes Lesefutter, gut geeignet für eine lange Bahnfahrt – mehr ist nicht drin. Unangenehm fällt nur der Umgang der Autorin mit Kommata auf, den ich mal als "sparsam" bezeichnen möchte.

Man fragt sich übrigens, warum die gütige Göttin all die Jahre auf Sunnivahs Ankunft gewartet hat. Das Mädel hat keine besonderen Eigenschaften und erfüllt ihre Mission nur mit Hilfe ihrer Gefährtinnen, diverser magischer Artefakte bzw. durch den direkten Eingriff der Göttin höchstpersönlich. Es scheint keinen Grund zu geben, warum ausgerechnet sie die Auserwählte sein soll. Da hätte die Göttin eigentlich auch schon Jahre vorher auf irgend eine andere Frau zurückgreifen können. Auch das Verbot der Schwangerschaften erscheint mir etwas unüberlegt zu sein. Wenn keine Kinder mehr geboren werden – über wen will An-Rukhbar dann in Zukunft herrschen?

Immerhin ist dieser Roman, der als Band 1 der "Saga von Thale" gilt, in sich abgeschlossen. Man müsste die beiden Folgebände also nicht unbedingt lesen. Leider habe ich alle Bücher auf einmal gekauft… (19.01.07)


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226
Resident Evil Archives Resident Evil Archives
Future Press, 2006
352 Seiten, gebunden

Dieses großformatige, gebundene, komplett farbig und auf hochwertigem Papier gedruckte Buch ist zwar nicht gerade billig, Fans der Resident Evil – Spieleserie werden aber feststellen, dass es jeden Cent wert ist. Der Band enthält Unmengen von Abbildungen und Daten aus allen Resident Evil – Titeln. Nur Resident Evil 4, die "Gun Survivor"-Reihe und die "Outbreak"-Spiele blieben ausgespart.

Schon der erste Teil des Buches überzeugt auf voller Linie. Darin werden nämlich die Storylines aller Spiele genau nacherzählt und mit zahlreichen (leider etwas zu klein geratenen) Screenshots aus den Spielen anschaulich gemacht. Alle Hauptfiguren, Orte, Organisationen und Kreaturen werden mit ausführlichen Texten und weiteren Abbildungen vorgestellt. Auch Informationen zu Personen, die in den Spielen nur am Rande erwähnt werden, bleiben nicht unberücksichtigt. So werden einige Zusammenhänge deutlicher als in den Spielen selbst. Weiter hinten im Buch findet man sogar eine Zeittafel, in der – beginnend mit der Gründung von "Umbrella" - alle bekannten Ereignisse des Resident Evil–Universums nebeneinander gestellt werden. So erhält man einen guten Überblick darüber, wer wann was gemacht hat und in welchem Spiel die Ereignisse relevant sind.

Bei den Abbildungen handelt es sich wie gesagt zum Großteil um Screenshots unterschiedlichen Formats, es sind aber auch sehr viele Konzeptzeichnungen vorhanden, unter anderem zu Kreaturen usw., die es nicht bis in die Spiele geschafft haben. Es gibt auch ein paar Informationen zum nie realisierten Spiel Resident Evil 1.5. Aber nicht genug damit: Alle Objekte, die man in den Spielen aufsammeln kann, werden mit kurzer Erklärung und einem kleinen Bild aufgelistet und nach Kategorien sortiert. Alle Textfiles, die man in den Spielen findet, kann man hier noch mal lesen (ich sag nur: "Juckt! Lecker!"). Hinzu kommt ein Glossar. Sehr interessant ist auch ein längerer Artikel über den heutigen Stand der Virenforschung und der Sicherheit in den entsprechenden Einrichtungen. In diesem Artikel wird auch die Biowaffenforschung kritisch beleuchtet.

Alles in allem also ein tolles Buch und ein sehr schönes Erinnerungsstück für Resi-Fans. Kritisch anzumerken bleibt, dass die Texte nicht immer fehlerfrei sind und dass einzelne wichtige Bestandteile fehlen. Zum Beispiel hätte man "Weskers Report" auch noch abdrucken können. (17.01.2007)

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225
Verloren im Ewigen Eis Chauncey Loomis: Verloren im ewigen Eis
Piper, 2002
350 Seiten

In diesem Buch rekonstruiert der Forscher und Dokumentarfilmer Chauncey Loomis das Leben des amerikanischen Geschäftsmanns, Zeitungsverlegers und Polarforschers Charles Francis Hall, soweit es bekannt ist. Schon die Schilderungen der ersten Expeditionen sind sehr interessant, besonders wegen des exzentrischen Charakters eines Möchtegern-Abenteurers, der es trotz aller anfänglichen Naivität tatsächlich schaffte, seine ehrgeizigen Ziele wenigstens teilweise zu erreichen. Später wird das Buch sogar spannend wie ein Krimi, wenn es um die Umstände von Halls Tod und das Scheitern der Polaris-Expedition geht.

Wie viele Menschen seiner Zeit war Hall vom Schicksal der Mitte des 19. Jahrhunderts verschollenen Franklin-Expedition geradezu besessen. Nachdem diverse Rettungsmissionen fehlgeschlagen waren oder nur entmutigende Ergebnisse erbracht hatten, investierte Hall sein nur geringes Vermögen und seine enorme Tatkraft, um sich selbst auf die Suche nach etwaigen Überlebenden zu machen. Mit Hilfe reicher Gönner gelang es ihm tatsächlich, zwei Expeditionen ins ewige Eis zu unternehmen. Zu einer echten Suche kam es dabei zunächst nicht. Hall war eigentlich nur Passagier und kaum mehr als ein interessierter Tourist. Immerhin fand er bei der zweiten Reise Spuren der Franklin-Expedition und sammelte einige geografische Daten. Vor allem aber begriff er, dass er sich der Lebensweise der Inuit anpassen musste, um in der Arktis überleben zu können. Die Ergebnisse seiner zweiten Reise erregten so großes Aufsehen, dass er das Kommando über eine dritte, offizielle und gut ausgerüstete Suchexpedition übernehmen konnte. Diese Expedition, die mit dem Schiff Polaris durchgeführt wurde, scheiterte auf tragische Weise und Hall kam dabei ums Leben. Die Umstände seines Todes waren so rätselhaft, dass eine Untersuchung durchgeführt wurde. Man ging jedoch von natürlichem Tod aus.

Im Jahre 1968 besuchte Chauncey Loomis Halls Grab im Rahmen der Recherchen für dieses Buch. Die Leiche wurde exhumiert und untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass Hall in den letzten Lebenswochen tödliche Arsendosen zu sich genommen haben musste. Wurde er also vergiftet? Diese Frage bleibt offen. (14.01.2007)

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224
Posbi-Krieg 4 Hubert Haensel: Der Milliardenmörder (Perry Rhodan – Der Posbi-Krieg 4)
Heyne, 2007
368 Seiten

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223
Die Bibel nach Biff Christopher Moore: Die Bibel nach Biff
Goldmann, 2002
573 Seiten

Im Neuen Testament klafft eine Lücke im Leben Jesu. Man kann in den Evangelien nachlesen, wie Jesus mit seinen Jüngern durch die Lande gezogen ist, Wunder gewirkt und gepredigt hat, und wie er schließlich gekreuzigt wurde. Aber was hat Jesus Christus in seinen Jugendjahren gemacht? Wie wurde er überhaupt zum Messias? Gott beschließt, dass diese Lücke nach ca. 2000 Jahren endlich geschlossen werden soll. Deshalb erhält der Engel Raziel den Auftrag, einen gewissen Levi bar Alphaeus von den Toten zu erwecken. Dieser Levi, genannt Biff, war der Jugendfreund Jesu und hat ihn auf all seinen Wegen begleitet. Biff wird in einem Hotelzimmer eingeschlossen und muss dort unter Raziels Aufsicht die fehlende Geschichte niederschreiben.

Während Raziel fasziniert diverse Seifenopern im Fernsehen verfolgt (die er für bare Münze nimmt), erinnert Biff sich daran, wie er Jesus – den man eigentlich Joshua nannte – und Maria (Maggie) Magdalena im Kindesalter kennen lernt, wie er sich unsterblich und unglücklich in Maggie verliebt, weil sie nur Augen für Joshua hat, wie Joshua Zweifel daran kommen, dass er wirklich der prophezeite Messias sein könnte, und wie Biff und Joshua in den fernen Osten reisen, um die drei Weisen zu finden, die bei Joshs Geburt zugegen waren. Von ihnen will Joshua lernen, was es heißt, der Messias zu sein. Da Joshua zu keiner Sünde fähig ist und zum Beispiel nicht lügen kann, muss Biff oft genug seine ganze Schläue einsetzen, um ihn zu beschützen. Nebenbei erfindet Biff den Cappuccino, die Zündhölzer und den Sarkasmus…

Dieses Buch kann man nur ertragen, wenn man von Anfang an akzeptiert, dass Biff sein "Evangelium" in moderner Sprache niederschreibt, diese Sprache auch auf die Dialoge überträgt und dabei seinem Charakter entsprechend vor allem die Umgangssprache verwendet. Selbst dann wird man sich aber möglicherweise noch daran stoßen, dass Jesus/Joshua und seine Jünger immer wieder mal "Okey-dokey", "Oh-Oh", "Ciao" usw. sagen. Der Humor des Romans entsteht hauptsächlich durch genau diese Gegensätze, weniger durch die Geschichte selbst. Szenen, die man aus der Bibel kennt, werden ein wenig umgedeutet und ironisiert. Biff, der sexbesessene Zyniker, dient jeweils als Kontrapunkt für Joshuas manchmal weltfremde Frömmigkeit. Derber Slapstick und zotige Situationskomik sind Begriffe, die im Grunde ganz gut umschreiben, was man von Biff zu erwarten hat. Sein Bericht über Joshuas bewegte Jugend verfehlt seine Wirkung nicht, auch wenn ziemlich oft weit unter die Gürtellinie gezielt wird. Leider erschöpft sich diese Wirkung aber nach der x-ten Wiederholung, so dass es irgendwann langweilig wird.

Allerdings zieht Moore (bzw. Biff) niemals die Person Jesus Christus oder die von ihm propagierten Lehren ins Lächerliche. Dass Jesus einiges an fernöstlichem Gedankengut übernimmt und dass Biff meint, die ursprünglichen christlichen Lehren seien stark verfälscht worden, ist gar nicht mal so unglaubwürdig – Parallelen verschiedener älterer Glaubensrichtungen mit dem Christentum sind ja ebenso wenig von der Hand zu weisen wie die Tatsache, dass vieles von dem, was heute als selbstverständlicher Bestandteil dieser Religion betrachtet wird, erst Jahrhunderte später von irgendwelchen Kirchenfürsten festgelegt worden ist. Moore lässt keinen Zweifel daran, dass Joshua/Jesus wirklich der Sohn Gottes ist, echte Wunder vollbringen konnte und sich tatsächlich opfern musste, um die Menschheit zu erretten.

Insgesamt zwar ein ganz amüsantes, aber mindestens 200 Seiten zu langes und meiner Meinung nach ziemlich überschätztes Buch. Mir ist diese Art von Humor für einen Roman einfach zu platt. Parallelen zum Film Das Leben des Brian, in dem ähnliche Gags erheblich besser zünden, sind übrigens unübersehbar. (01.01.2007)


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222
Gene Roddenberry David Alexander: Gene Roddenberry
Heyne, 1997
699 Seiten

Diese autorisierte Biographie des Schöpfers von Star Trek ist in weiten Teilen nur für Fans der Serie lesenswert. Die ersten Kapitel, in denen es um Roddenberrys Kindheit und Jugend sowie um seine ersten Schritte im TV-Geschäft geht, sind aber durchaus auch von allgemeinem Interesse, weil man einiges über den Alltag einfacher Leute in den USA der Vor- und Nachkriegszeit liest, und weil Roddenberrys Kriegserlebnissen breiter Raum gewährt wird. Danach allerdings, wenn es an die Produktion der klassischen Star Trek – Fernsehserie und die damit verbundenen Schwierigkeiten geht, wird das Buch etwas langatmig. Für Fans dürften die vielen Briefe, Memos und anderen Texte Roddenbarrys, die hier abgedruckt sind und die ein sehr plastisches Bild des (wie es im Klappentext heißt) "knallharten" Showbusiness zeichnen, aber höchst interessant sein. Aus diesen Texten gehen Roddenberrys Überzeugungen und die Vorstellungen, die er von Star Trek hatte, sehr gut hervor. Es werden auch immer wieder diverse Anekdoten und Erinnerungen anderer Personen eingestreut, die das Ganze etwas auflockern.

Wenn man diesem Buch glauben kann, dann war Roddenberry eine zwiespältige Persönlichkeit. Auf der einen Seite kann er mit seinem optimistischen Bild einer Zukunft, in der es keine Vorurteile, keine Rassentrennung und kein Streben nach materiellen Gütern mehr gibt, geradezu als Visionär bezeichnet werden. Dies umso mehr, als Werte wie Toleranz und Verständnis wohl auch für ihn persönlich sehr wichtig waren. Auf der anderen Seite scheint er ein notorischer und manchmal unglaublich vulgärer Schürzenjäger gewesen zu sein, der sich einen Spaß daraus gemacht hat, seine Zeitgenossen mit meist ziemlich derben Scherzen auf den Arm zu nehmen.

Leider wimmelt es im Text nur so vor Fehlern. Es fehlen oft ganze Buchstaben oder Worte. Einige Passagen sind darüber hinaus schlecht oder falsch übersetzt worden, so dass einige Sätze keinen Sinn ergeben. (28.12.2006)

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221
Das Bild Stephen King: Das Bild
Heyne, 2005
574 Seiten

Rosie Daniels wird jahrelang von ihrem sadistischen Ehemann Norman gequält, misshandelt und missbraucht. Sie wird wie eine Gefangene gehalten und erleidet aufgrund der brutalen Schläge sogar eine Fehlgeburt. Eines Tages wird ihr klar, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder wird Norman sie eines Tages umbringen, oder – was möglicherweise noch schlimmer wäre – sie muss die endlose Qual noch mehrere Jahre ertragen. Kurz entschlossen verlässt sie das Haus, ohne mehr mitzunehmen als die BankCard ihres Mannes, die sie nur ein einziges Mal benutzt und dann wegwirft. Sie findet Zuflucht in einem Frauenhaus in einer viele Meilen entfernten Stadt und nimmt ihren Mädchennamen – McClendon – wieder an. Sie wagt es nicht, sich an die Polizei zu wenden, da sie davon überzeugt ist, alle Kollegen ihres Mannes seien eine verschworene Gemeinschaft und dort könne sie keine Hilfe erwarten.

Während Rosie ihre ersten Schritte hinein in ein normales Leben macht, einen gut bezahlten Job als Sprecherin für Hörbücher findet und sogar einem Mann begegnet, in den sie sich verliebt, setzt Norman sich auf ihre Spur. Mit seiner Fähigkeit, sich ganz in die Denkweise anderer Menschen hineinzuversetzen, folgt er Rosie bis in die Stadt, in der sie jetzt lebt. Norman war noch nie als "normal" zu bezeichnen, doch die für ihn unfassbare Flucht seiner Frau versetzt ihm den entscheidenden Stoß, der ihn endgültig wahnsinnig werden lässt. Auf der Suche nach Rosie bringt er mehrere Menschen, die sie kennen gelernt hat und die Norman Hinweise geben können, auf bestialische Weise um.

Rosie findet kauft ein Bild, durch das sie sich auf seltsame Weise angesprochen fühlt. Es stellt eine Frau in einem Chiton dar, die dem Betrachter den Rücken zuwendet und auf eine Tempelruine hinabblickt. Rosie stellt fest, dass dieses Bild zu "wachsen" scheint: An den Rändern werden immer mehr Details sichtbar. Doch das ist nicht alles. Anscheinend ist dieses Bild die Tür zu einer anderen Welt. Dort begegnet Rosie – möglicherweise in einem Traum, möglicherweise auch in der Realität – der Frau im Chiton und erhält von ihr eine gefährliche Aufgabe, die sie tatsächlich meistert. Die Frau im Chiton verspricht, sie werde diese Tat vergelten – und möglicherweise ist das die einzige Möglichkeit, wie Rosie sich von Norman befreien kann.

Der englische Originaltitel dieses Romans lautet "Rose Madder". Typisch für King: Er konzentriert sich ganz auf eine Hauptperson, in diesem Fall Rosie. Ihre Innenwelt, all ihre Ängste und Nöte, aber auch ihre Hoffnungen und Träume werden so glaubwürdig dargestellt, dass man sie für eine reale Person halten könnte. Noch besser, wenn auch nicht ganz so ausführlich, sind womöglich die Kapitel, in denen Norman im Mittelpunkt steht. Ich kenne kaum einen anderen Autoren, der es so gut schafft, die verdrehte Psyche eines wahnsinnigen Triebtäters derart überzeugend zu vermitteln. Wenn Norman sich Stück für Stück näher an Rosie heranarbeitet, wird es richtig spannend. King geizt auch nicht mit drastischen Schilderungen, wenn Norman sich wieder mal im wahrsten Sinn des Wortes in eines seiner Opfer verbeißt. Allerdings ufern diese Szenen nicht zu sehr aus, vieles wird auch nur angedeutet.

Eigentlich hätte der Roman das übernatürliche Element – das Bild – also gar nicht nötig gehabt. Man kann eine Zeitlang sogar annehmen, dass es sich in Wahrheit um ein ganz gewöhnliches Bild handelt, und dass die Begegnung mit der Frau im Chiton nur in Rosies Phantasie stattfindet. Die Unbekannte, die eine Art Rachegöttin zu sein scheint, wäre dann nichts anderes als ein verborgener Bestandteil von Rosies Persönlichkeit, d.h. sie würde die für den Kampf gegen Norman benötigte Kraft nur aus sich selbst schöpfen. Allerdings belässt King es nicht dabei. Der "Showdown" findet tatsächlich in der Welt jenseits der Leinwand statt – mehr will ich nicht verraten.

Der Roman enthält übrigens ganz kleine Anspielungen auf den "Dunkler Turm" - Zyklus: Es wird mehrmals vom "Ka" gesprochen. (28.12.2006)


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220
Atlan Lepso 2 Christian Montillon: Die acht Namenlosen (Atlan Lepso 2)
Fanpro, 2006
316 Seiten

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219
Posbi-Krieg 3 Cathrin Hartmann: Friedhof der Raumschiffe (Perry Rhodan – Der Posbi-Krieg 3)
Heyne, 2007
382 Seiten

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218
Fleisch der Erinnerung Frank Borsch: Fleisch der Erinnerung (Perry Rhodan Autorenbibliothek 3)
Pabel-Moewig Verlag 2002
224 Seiten, gebunden

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217
Simulacra Philip K. Dick: Simulacra
Heyne, 2005
268 Seiten

Irgendwann in naher Zukunft: Überall im alltäglichen Leben werden künstliche Menschen eingesetzt, so genannte Simulacra. Unter anderem simulieren sie eine intakte Nachbarschaft auf dem von Menschen besiedelten Mars. Allerdings wissen die meisten Menschen (die "Bes") nicht, dass auch der Präsident der Vereinigten Staaten von Europa und Amerika (USEA) ein solches Simulacrum ist. Die wahre Macht liegt, wie einige wenige Eingeweihte (die "Ges") zu wissen glauben, in den Händen der First Lady Nicole Thibodeaux. Sie ist eine durch die Medien zu einer Art Halbgöttin hochstilisierte Ikonenfigur geworden, die von den tumben Massen der Bes verehrt wird. Doch auch Nicole ist nicht "echt". Sie wird seit Jahrzehnten von verschiedenen Schauspielerinnen verkörpert und ist nur die Marionette eines Rates, der von niemandem gewählt worden ist und nie selbst in Erscheinung tritt. Der Rat ist in der Lage, mit einer Zeitmaschine sowohl in die Zukunft zu blicken als auch in die Vergangenheit zu reisen.

Hinter den Kulissen finden Machtkämpfe statt, die zunehmend auch das öffentliche Leben beeinflussen. Der Konzern, der von Beginn an die Präsidenten-Simulacra geliefert hat, ist zu einflussreich geworden und soll ausgebootet werden. Eine kleinere Firma soll den nächsten "Alten" bauen. Nicole will die mächtigen Konzerne jedoch komplett zerschlagen und gleichzeitig gegen die immer größer werdende Anhängerschaft des Faschisten Bertold Goltz vorgehen – ironischerweise soll ihr dabei Hermann Göring helfen, den sie mit der Zeitmaschine aus der Ära des Dritten Reichs in die Gegenwart holen lässt…

Diese Zusammenfassung gibt nur das grobe Gerüst für die Story wieder. Die Handlung findet außerdem auf vielen verschiedenen Ebenen statt. Da gibt es zunächst einmal den psychokinetisch begabten Musiker Richard Kongrosian, der unter den verrücktesten Wahnvorstellungen leidet und letzten Endes für die Entscheidung im Machtkampf sorgt. Dann haben wir Dr. Superb, den letzten Psychiater der USEA (allen anderen wurde Berufsverbot erteilt, da diverse Medikamente entwickelt wurden, die ihre Arbeit überflüssig machen), zu dessen Patienten Kongrosian gehört. Nat Flieger, der Kongrosians Musik aufnehmen soll, stößt an dessen Heimatort auf eine Gruppe mutierter Menschen, die offensichtlich eine Rückentwicklung ins Stadium des Neandertalers darstellen. Die Brüder Vince und Chic Strikerock, die beide im selben streng bewachten Wohnblock wohnen, arbeiten für die Firmen, die die "Alten" herstellen. Nicole Thibodeaux – oder die Frau, die ihre Rolle spielt – verwandelt das Weiße Haus in eine Showbühne. Al Miller (ein Raumschiffsverkäufer, der Kunden fängt, indem er sie mit einem Simulacrum hypnotisiert) und Ian Duncan streben danach, dort auftreten zu dürfen.

Meiner Meinung nach gehört "Simulacra" zwar nicht zu Philip K. Dicks besten Romanen, aber allein die Ideenvielfalt macht ihn schon lesenswert. Manche dieser Ideen, zum Beispiel die der Simulacra sowie der Frage, ob und inwieweit sie sich eigentlich von echten Menschen unterscheiden, hat Dick in anderen Romanen genauer ausgearbeitet. Hier wird vieles nur angedeutet. Was aber nicht heißen soll, dass der Roman flach wäre. Wie Norman Spinrad in seinem Nachwort zu diesem Roman sagt, hat Philip K. Dick schon lange vor Ronald Reagans Präsidentschaft (ganz zu schweigen von Schwarzeneggers Weg ins Gouverneursamt Kaliforniens – der Roman ist 1964 erstmals erschienen) das ironische Bild eines Staates gezeichnet, in dem die "offizielle" Politik nichts anderes ist als eine große Show, mit der die von den Medien geblendeten Massen ruhig gehalten werden und in dem die Macht von ganz anderen Kreisen ausgeübt wird. Dummerweise kann man sich diesem Regime nur durch Emigration auf den Mars entziehen. Und leider steht uns diese Möglichkeit in der Realität nicht offen… (22.11.2006)


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216
Einsteins Erben Herbert W. Franke: Einsteins Erben
Suhrkamp, 1996
581 Seiten

Dieser Sammelband enthält die Romane Ypsilon Minus aus dem Jahre 1976 und Zone Null aus dem Jahre 1972 sowie die Anthologie Einsteins Erben aus dem Jahre 1972.

Ypsilon Minus

Ben arbeitet als Rechercheur und Programmierer in einer Behörde, die alle Bürger permanent überwacht. Jede einzelne Handlung wird registriert, aufgezeichnet und ausgewertet. Ständig werden subtile oder offensichtliche Tests durchgeführt, deren Ergebnisse ebenfalls in die Personen-Datenbanken einfließen. So ergibt sich mit der Zeit ein komplettes Profil jeder Person – und dieses Profil entscheidet darüber, in welche Kategorie die Person eingruppiert wird. Nur wer sich systemkonform verhält, alle Regeln beachtet, an allen vorgeschriebenen Aktivitäten teilnimmt und so weiter, hat die Chance, in die nächst höhere Kategorie aufzusteigen, was gleichbedeutend mit beruflicher Weiterentwicklung und Zugang zu Privilegien ist. Die meisten Menschen gehören zur gleichgeschalteten Masse der mittleren oder unteren Kategorien, sie leben in Stumpfsinn und Armut. Wer sich allerdings in irgendeiner Weise auffällig benimmt – sei es durch kritische Äußerungen oder durch Handlungen, die der Staat für negativ hält – der wird heruntergestuft. Und ab der Stufe Ypsilon Minus bedeutet das: "Nihilation" - Auslöschung der Existenz.

Eines Tages traut Ben seinen Augen nicht, als er die Daten seines neuesten Falles abruft. Er hat den Auftrag erhalten, sich selbst zu überprüfen. Ben weiß nicht, ob es sich um einen Systemfehler oder um einen besonders perfiden Test handelt und beginnt mit der Auswertung. So stößt er auf eine Lücke in seiner eigenen Geschichte. Drei Jahre seines Lebens, an die er sich selbst nicht erinnern kann, wurden mit nichtssagenden, gefälschten Daten gefüllt. Ben sucht nach Hinweisen darauf, was in diesen drei Jahren geschehen sein könnte. Seine Ermittlungen führen ihn zu verschiedenen Personen, die er seinerzeit offenbar gekannt hat. Allmählich begreift Ben, dass er damals Mitglied einer Widerstandsorganisation gewesen sein muss…

Zone Null

Nach einem lange zurückliegenden Atomkrieg gibt es auf der Erde einige Bereiche, die noch nicht in den alles beherrschenden Staat integriert sind. Eine Armee wird ausgeschickt, um "Zone Null", eines der letzten derartigen Gebiete, zu erobern. Zone Null ist viele Jahre lang aufgrund ihrer übermächtigen automatischen Verteidigungssysteme uneinnehmbar gewesen, aber diese Systeme scheinen jetzt nicht mehr zu funktionieren. Die Zone ist vom Rest der Welt nur noch durch eine gewaltige, halbtransparente Schutzsphäre abgeriegelt, die aufgesprengt werden kann. Im Inneren befindet sich eine scheinbar menschenleere Stadt, jedenfalls ist in den Straßen kein Mensch zu sehen. Die Bewohner sind jedoch noch da, sie verlassen lediglich ihre Wohnungen nicht mehr, denn dort werden sie mit allem Lebensnotwendigen versorgt und haben Zugang zu einem komplexen System interaktiver Spiele und allumfassender Kommunikation.

Dan, Kybernetiker einer Spezialeinheit der Angreifer, begibt sich in eine leer stehende Wohnung, um sich selbst an dieses System anzuschließen. So will er herausfinden, was in Zone Null eigentlich seit dem Krieg geschehen ist. Er wird in die unterirdischen Bereiche der Stadt transportiert, wo die Menschen sich auf noch viel unglaublichere Weise weiterentwickelt haben als die Stadtbewohner. Während sich draußen allmählich Auflösungserscheinungen in der Armee zeigen, verliert Dan die Erinnerung an sein früheres Leben…

Diese beiden Romane und die Kurzgeschichten enthalten alle Elemente, die für Werke Herbert W. Frankes typisch sind: Totalitäre Überwachungsstaaten, in denen die Menschen ihre Individualität verlieren und nur noch dazu da sind, bestimmte Funktionen zu erfüllen, die an die Tätigkeit von Computersystemen erinnern, sowie die zum Scheitern verurteilten Versuche einzelner Bewohner dieser Staaten, aus dem System auszubrechen. Die Menschen leben in einer hoch technisierten Umwelt und unterwerfen sich der kalten Logik von Computern, denen sie die Organisation und Lenkung ihres Lebens überlassen haben. Sie sind schon gar nicht mehr in der Lage, für sich selbst zu sorgen oder zu begreifen, dass sie dabei sind, ihre Menschlichkeit zu verlieren, und zu integrierten Bestandteilen der Maschinen zu werden. Konflikte, Krankheiten und so weiter gibt es zwar kaum noch, aber trotzdem sind diese Gesellschaften weit davon entfernt, Utopien zu sein. In "Zone Null" wird diese Entwicklung auf die Spitze getrieben. Hier geben die Menschen sogar ihre Körper auf und transferieren ihr Bewusstsein in die Computer…

"Ypsilon Minus" ist leichter zu lesen als "Zone Null". In "Zone Null" verschwimmen die Grenzen zwischen Realität, Virtualität und Illusion, und das wird nicht nur durch unterschiedliche Handlungsebenen mit einer verwirrenden, kaleidoskopartigen Vielfalt scheinbar nicht zusammen gehörender Szenen erreicht, sondern auch durch schwer verständliche Passagen, in denen nur Schlagworte und kurze, Gedichten gleichende Sätze zusammengefügt werden. Faszinierend sind natürlich beide Romane, erst recht, wenn man ihr Entstehungsdatum berücksichtigt. (15.11.2006)


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215
Posbi-Krieg 2 Leo Lukas: Stern der Laren (Perry Rhodan – Der Posbi-Krieg 2)
Heyne, 2006
367 Seiten

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214
Das SF-Jahr 2004 Wolfgang Jeschke / Sascha Mamczak (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2004
Heyne 2004
1047 Seiten

Üblicherweise mache ich um diese alljährlich erscheinenden voluminösen Bände einen weiten Bogen (zu teuer, zu dick). Schande über mich! Denn eigentlich gehört das SF-Jahr zum Pflichtprogramm jedes SF-Fans. Dass ich das SF-Jahr 2004 jetzt erst als gelesen erwähne, liegt daran, dass man diese Bücher nicht wie einen Roman durchlesen kann, jedenfalls geht es mir so. Ich kann die Artikel immer nur quasi häppchenweise zu mir nehmen, deshalb dauert’s dann halt etwas länger, bis ich damit durch bin.

Zentrales Thema dieses Bandes ist die so genannte Space Opera. Gleich mehrere Artikel beschäftigen sich mit der Frage, was eine Space Opera eigentlich ist, wie dieses Sub-Genre sich entwickelt hat und welche Space-Operas es derzeit gibt. Die Palette moderner Werke ist erstaunlich weit gefächert und reicht von den "Hyperion"-Romanen (Dan Simmons) über den KULTUR-Zyklus des Iain Banks und die Honor-Harrington-Reihe von David Weber bis hin zu Perry Rhodan. Zu diesem Themenkomplex gehört auch ein Beitrag von Uwe Neuhold, der sich mit der Frage beschäftigt, wie wahrscheinlich die Realisierung typischer Technik-Elemente aus Space Operas ist. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf "Star Trek" und es überrascht nicht, dass manche der damals (Sechzigerjahre) fiktiven Geräte längst in unseren Alltag eingezogen sind.

Weitere Artikel beschäftigen sich eingehend mit Leben und Werk bekannter Autoren wie J. G. Ballard, China Miéville und anderen. Hinzu kommen Interviews mit Andreas Eschbach und Robert Feldhoff, populärwissenschaftliche Beiträge, die sich u.a. mit der Frage beschäftigen, ob Leben auf der Erde in einigen Milliarden Jahren noch möglich sein wird usw., außerdem findet man einen recht interessanten Artikel über Freeman Dyson. Die unverzichtbaren Buch-, Film-, Hörspiel und Games-Rezensionen sowie die Marktanalysen, SF-/Fantasy-Preise und Neuerscheinungen des Jahres 2003 runden das Ganze ab. (08.11.06)

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213
Sperling Mary Doria Russell: Sperling
Heyne, 2004
664 Seiten

Im Jahre 2019 werden auf der Erde Funksignale empfangen, die unbestreitbar außerirdischen Ursprungs sind. Bei den Übertragungen handelt es sich um wunderschöne Gesänge, die christlichen Chorälen gleichen. Als Quelle wird ein Sonnensystem identifiziert, das nur wenige Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Man könnte es also durchaus innerhalb einer vertretbaren Zeit erreichen. Der Jesuitenpater Emilio Sandoz, der mit Jimmy Quinn (dem Entdecker der Funksignale) eng befreundet ist und zu den ersten Personen gehört, die von Jimmy informiert werden, erkennt darin einen Beweis für das Wirken Gottes. Seiner Meinung nach ist es Gottes Wille, dass die Jesuiten eine Expedition zu der unbekannten Welt ausrüsten. Es gelingt ihm tatsächlich, die Gesellschaft Jesu von diesem Plan zu überzeugen. Die Tatsache, dass die Vorbereitungen völlig problemlos ablaufen, scheint Emilios Meinung zu bestätigen. Ein Asteroid, der für den Erzabbau ausgerüstet worden war, wird für den Raumflug umgebaut. Sandoz, eine kleine Gruppe anderer Ordensmitglieder und einige Freunde (darunter Jimmy Quinn) machen sich auf die Reise.

Da der Asteroid eine Geschwindigkeit im relativistischen Bereich erzielt, vergehen für die Besatzungsmitglieder nur wenige Monate, während auf der Erde Jahre verstreichen. Eines Tages bricht der Funkkontakt ab. Eine zweite Expedition, die dem Asteroiden in einigem Abstand folgt, findet auf dem fremden Planeten nur noch einen Überlebenden vor. Es ist Emilio Sandoz, und er befindet sich in einem grauenhaften Zustand. Seine Hände sind schrecklich verstümmelt und er scheint zu einer männlichen Prostituierten geworden zu sein. Die Mitglieder der zweiten Expedition werden von den humanoiden Bewohnern des fremden Planeten, der den Namen Rakhat trägt, nicht gerade freundlich empfangen. Offenbar hat die erste Expedition irgendetwas Unverzeihliches getan. Ein Kind führt die zweite Expedition zu Emilio, doch der reagiert in schockierender Weise: Er tötet das kleine Mädchen. Man verfrachtet ihn auf den Raumschiffs-Asteroiden, der sich immer noch im Orbit Rakhats befindet, und schickt ihn zur Erde zurück. Während der Jahre seiner Rückreise (die für Emilio nur Monate sind) bricht auch der Kontakt zwischen Erde und zweiter Expedition ab.

Entsprechend hoch sind die Erwartungen an Emilio Sandoz, als er schließlich mehr tot als lebendig die Erde erreicht - die Nachrichten über seine Gräueltaten sind ihm vorausgeeilt. Doch was ist auf Rakhat wirklich vorgefallen? Die Gesellschaft Jesu beginnt mit einer Befragung, doch die gestaltet sich mehr als schwierig, denn Sandoz ist kaum ansprechbar. Er leidet geistig und körperlich, auf Fragen nach seiner Vergangenheit reagiert er nur mit Ablehnung. Eines wird jedoch recht bald klar: Sandoz, einst ein tief gläubiger Mensch, hat gelernt, Gott zu hassen…

Die größte Stärke dieses Romans liegt in der Charakterzeichnung. Alle Hauptpersonen werden zunächst einmal ausführlich vorgestellt, bevor es überhaupt mit der Expedition nach Rakhat losgeht. Man könnte jetzt meinen, das sei langweilig und man würde sich wünschen, die Jesuiten & Co. würden endlich an ihrem Ziel ankommen. Das ist aber absolut nicht der Fall – im Gegenteil. Als das Ziel erreicht ist, wird die Geschichte zwar noch interessanter, sie wird aber auch tragischer. Die Tatsache, dass man beim Lesen doch noch erschrickt, wenn man vom Tod einer Hauptfigur erfährt, beweist ja, wie sehr einem diese fiktiven Figuren ans Herz gewachsen sind. Schließlich weiß man ja von Anfang an, dass offenbar nur Emilio Sandoz am Leben bleiben wird – und dass er Schreckliches erlebt haben muss. Man kann das Buch nur schwer aus der Hand legen, denn man will erfahren, wie es zu der Tragödie kommen konnte, deren Ergebnis von Beginn an feststeht.

Einzige Ausnahme ist vielleicht ausgerechnet Sandoz. Denn er tut gerade so, als sei er der einzige Mensch, der je großes Leid erleben musste. Warum ausgerechnet er, der ja eigentlich einen gefestigten Glauben haben sollte, sich hinterher von Gott abwendet wie ein kleines Kind, dessen an Gott gerichteter Wunsch nach einem Spielzeug nicht erhört worden ist (okay, der Vergleich passt nicht), ist für mich nicht recht verständlich geworden. Die Frage, die er sich stellt (warum lässt Gott all dieses Leid zu, oder – noch schlimmer – warum will er, dass die Menschen derart leiden), wäre für einen Agnostiker wie mich typisch, aber nicht für einen Jesuitenpater.

Die Personen, ihre Sorgen und Nöte sowie ihre Beziehungen zueinander stehen also im Mittelpunkt des Romans, nicht etwa die abenteuerliche Erkundung eines fremden Planeten – obwohl auch dieser Aspekt durchaus zum Tragen kommt. Der ständige Wechsel zwischen direkter Erzählung der Ereignisse ab 2019 und der Zeit nach Emilios Rückkehr (ca. 2060) trägt dazu bei, dass die Spannungskurve nicht abflacht: Es werden immer wieder Dinge angedeutet, die erst später klar werden. Bestes Beispiel: Was die Gesänge wirklich sind, erfährt man recht spät. Um nicht zu viel zu verraten, sage ich nur: Mit Kirchenliedern haben sie rein gar nichts zu tun!

Die Schilderung der Verhältnisse auf Rakhat, die so ganz anders sind, als man es zunächst erwartet, und die Probleme, die dadurch für die ziemlich naiven Expeditionsteilnehmer entstehen, sind zwar sehr überzeugend, aber nur, solange man die Leichtigkeit, mit der Rakhat erreicht wird, nicht in Frage stellt. Die Gründe für das Scheitern der Expedition sind dagegen ebenso schlüssig wie typisch: Man projiziert die eigenen Erwartungen auf die Anderen und ist nicht in der Lage, das Fremde zu erkennen oder zu verstehen. Außerdem zeigt sich wieder einmal, dass man als Beobachter immer auch Einfluss auf die Beobachteten nimmt – im Fall der Rakhat-Expedition sind die Folgen tödlich. (02.11.2006)


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212
Lesabendio Paul Scheerbart: Lesabéndio. Ein Asteroidenroman
SWAN Buch-Vertrieb, 1994
219 Seiten

Die Bewohner des Asteroiden Pallas sind ein interessantes Völkchen. Ihr Körper gleicht einem großen Molch, dessen Körper bis zu mehreren Metern Höhe gestreckt werden kann. Sie haben nur einen großen Saugfuß, dafür aber mehrere Arme und Flügel, sowie dehnbare Hautlappen, die sie nach vorne über das Gesicht oder (zum Schlafen) zeltartig über den ganzen Körper ausweiten können. Sie werden nicht geboren, sondern »geknackt«: Sie wachsen in großen Nüssen heran. Auch der Asteroid Pallas ist ungewöhnlich: Er ist am Nord- und Südpol trichterförmig ausgehöhlt, die Spitzen der beiden gewaltigen Trichter treffen sich in der Mitte im Inneren des Asteroiden. Die Bewohner von Pallas leben an den Innenwänden der Trichter und beschäftigen sich hauptsächlich mit der künstlerischen Ausgestaltung derselben. Über dem Nordtrichter schwebt eine riesige Wolke, die dem Asteroiden Licht spendet.

Eines Tages kommt Lesabéndio, ein Pallas-Bewohner, auf eine revolutionäre Idee. Damit erforscht werden kann, was sich jenseits der Wolke befindet, soll über dem Nordtrichter ein gigantischer Turm errichtet werden, oder vielmehr ein Gittergerüst aus zahlreichen Türmen. Dieses mehr als nur anspruchsvolle Projekt vereinnahmt das gesamte Volk der Pallas-Bewohner.

Ich weiß praktisch nichts über Paul Scheerbart, außer dass er ein etwas eigentümlicher Zeitgenosse gewesen sein muss (er hat sich ernsthaft mit der Erfindung eines Perpetuum mobile beschäftigt) und 1915 gestorben ist. Der Roman Lesabéndio stammt aus dem Jahre 1913. Der Roman enthält hauptsächlich Beschreibungen der Pallasianer und des Asteroiden selbst. Da die Pallasianer einige sehr exotische Eigenschaften und Gewohnheiten haben, ist der Roman trotz seiner Handlungsarmut unterhaltsam. Dazu trägt auch Scheerbarts augenzwinkernder Schreibstil bei. Was von der Transzendierung des Lesabéndio in eine Sonne (?) zu halten ist, kann ich nicht sagen. Der Sinn dieser esoterisch wirkenden letzten Kapitel hat sich mir nicht erschlossen… (24.10.2006)

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211
Totentaucher Wim Vandemaan: Totentaucher (Atlan - Lepso 1)
Fanpro, 2006
328 Seiten

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210
Msuri Götz R. Richter: Msuri
Der Kinderbuchverlag Berlin, 1977
175 Seiten, gebunden

Der kleine Msuri lebt glücklich in einem Dorf in der afrikanischen Savanne. Eines Tages wird das Dorf von fremden Kriegern überfallen. Msuris Mutter wird getötet, er selbst wird durch einen Pfeilschuss verwundet. Msuri flieht in den Busch. Durch den Schock verliert er seine Erinnerungen. Als er von einer Antilope an Kindes statt aufgenommen wird, vergisst er, dass er ein Mensch ist. Er lernt die Sprache der Tiere. Die anderen Tiere der Herde dulden ihn, da er sie durch seine Intelligenz vor Steppenbränden und Raubtieren schützen kann. Eines Tages lernt Msuri das Feuer zu beherrschen – deshalb muss er jedoch die Herde verlassen. Es zieht ihn zurück zu den Menschen. Auf seiner Suche nach ihnen findet er viele Freunde unter den Tieren: Unter anderem den Elefanten Njogu, den er aus einer Fallgrube rettet, und einen Adler, dessen Junges er vor dem Tod bewahrt. Obwohl viele Jahre vergehen, bleibt Msuri ein Kind.

Msuri wagt sich zu weit in den Norden vor und droht zu erfrieren. Vier Jäger der Menschen retten ihn. So gelangt Msuri zu seinesgleichen zurück. Gefahr droht: Die gleichen Fremden, die Msuris Dorf überfallen haben, plündern auch andere Dörfer. Sie fordern Tribut in Form von jungen Männern und Frauen. Die Fremden sind ledergepanzerte Männer mit Krallen anstelle der Hände, und sie führen schreckliche Bestien mit sich, die riesigen Hyänen gleichen. Als Msuri mit ansieht, wie ein Gefangener einer der Riesenhyänen zum Fraß vorgeworfen wird, verwandelt er sich in einen erwachsenen Mann und nimmt den Kampf gegen die Feinde auf. Doch diese haben Verbündete in den Reihen von Msuris Volk. Nur mit der Hilfe seiner Freunde, der Tiere, kann Msuri die Krallenmänner besiegen.

Dieses Buch wurde mir 1977 oder 1978, als ich zehn oder elf Jahre alt war, von Verwandten aus der ehemaligen DDR geschenkt. Ich war damals fasziniert von der phantastischen Geschichte: Sprechende Tiere, elefantengroße Monsterhyänen, die brennendes Wasser saufen, unmenschliche Krallenmänner, dazu die exotischen Schauplätze eines nicht von der Zivilisation berührten Afrika – das hatte was. Zudem wird die Geschichte gut erzählt, wie ein klassisches Märchen eben. Deshalb ist sie auch für einen Erwachsenen noch gut lesbar.

Allerdings erkennt man doch an manchen Stellen recht deutlich das sozialistische Gedankengut. Es fällt auch nicht schwer, in den gewissenlosen Krallenmännern imperialistische Ausbeuter und in den Monsterhyänen ein Symbol für die rücksichtslose Industrialisierung zu sehen (immerhin scheinen sie mit Benzin zu laufen). Zum Glück stehen diese Elemente aber nicht im Vordergrund.

Es scheint auch eine Fortsetzung zu geben, die den Titel "Msuri im Land der Antilope" trägt. Dieses Buch kenne ich leider nicht, aber ich nehme an, dass Msuri in die Heimat der Büffelledermenschen reisen, dort deren Königin begegnen und vielleicht sogar seine verlorene Schwester wieder finden wird. (22.10.2006)


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209
Snow Crash Neal Stephenson: Snow Crash
Goldmann, 2002
534 Seiten

Hiro Protagonist, bester Schwertkämpfer der Welt, ist freiberuflicher Hacker. Er lebt im Los Angeles einer nicht allzu weit entfernten Zukunft, in der sich die gesellschaftlichen Normen, die wir kennen, praktisch aufgelöst haben. Die Großstädte der USA haben sich in ein Flickwerk aus unabhängigen Enklaven verwandelt, die ihre eigene Gesetzgebung, eigene Ordnungskräfte und so weiter haben. In den Bereichen zwischen diesen "Burbklaven" herrscht das totale Chaos – Obdachlose, Verrückte und Gangsterbanden machen diese Bereiche unsicher. Die Mafia in Person des Ober-Paten Onkel Enzo unterhält überall so genannte "Franchises", die den Stellenwert ganz normaler Wirtschaftsunternehmen haben. Unter anderem kontrolliert Onkel Enzo alle Pizzabäckereien Amerikas. Hiro arbeitet als Pizzalieferant, aber das macht er mehr des Nervenkitzels wegen (er arbeitet auch als Informationsjäger für die CIC, einen Ableger der CIA), denn die Regel lautet: Wird eine Pizza nicht binnen einer halben Stunde ausgeliefert, dann darf der Kunde den Boten erschießen, das Auto behalten und – noch schlimmer – er hat Anspruch auf eine persönliche Entschuldigung durch Onkel Enzo.

Eines Tages vergeigt Hiro beinahe einen Auftrag. Y.T., eine erst 15-jährige, aber mit allen Wassern gewaschene Kurier-Fahrerin (die ein High-Tech-Skateboard und andere Spielereien nutzt), kommt ihm zu Hilfe und gewinnt so den Respekt Onkel Enzos. Hiro dagegen kommt auf die Spur einer umfassenden Verschwörung. Bei einem seiner Ausflüge in der virtuellen Welt des "Metaversums" versucht der geheimnisvolle Raven, ihm die Droge "Snow Crash" anzudrehen. Natürlich lehnt Hiro ab, wird aber wenig später Zeuge, wie einer seiner Hacker-Freunde Opfer dieser Droge wird – und zwar auch in der realen Welt. Scheinbar wurde sein Gehirn so leer gefegt wie eine neu formatierte Festplatte. Immer mehr Opfer der virtuellen Droge tauchen auf, und alle scheinen Hacker gewesen zu sein. Durch eine alte Bekannte, die den Ursprüngen von Snow Crash nachforscht, wird Hiro immer tiefer in die Ereignisse hineingezogen. Auch Y.T., die sich ein wenig in Hiro verknallt hat, steckt mitten drin.

Das ist zwar schon der x-te Cyberpunk-Roman, den ich gelesen habe, und er enthält auch wieder einmal alle bekannten Versatzstücke und den typischen Stil aller dieser Romane – aber spannend ist er trotzdem, und er sprüht darüber hinaus geradezu vor verrückten neuen Ideen. Wieder einmal hat die Welt sich in ein dystopisches Chaos verwandelt, in dem die reichen High-Tech-Länder streng von den, wie Stephenson schreibt, armen Lehmziegelbäckern abgetrennt sind. Es gibt keine öffentliche Ordnung mehr, oder jedenfalls nur eine Art Parodie darauf, denn jeder kleine lokale Machthaber kann seine eigenen Regeln aufstellen und durchsetzen. Kein Wunder, dass die Leute in eine virtuelle Gegenwelt fliehen, in der die Regeln einfacher und vor allem allgemeingültig sind.

Diverse Entwicklungen der heutigen Zeit werden bis zur letzten, absurden Konsequenz weitergeführt. So haben zum Beispiel die großen Konzerne das Sagen – den Präsidenten der Vereinigten Staaten kennt kaum noch jemand… Das Ganze ist flott geschrieben, wenn sich auch in der zweiten Hälfte einige zu lang geratene erklärende Passagen einschleichen. Trotzdem kann man das Buch wegen der interessanten Mischung aus Krimi, Archäologie und SF nicht mehr aus der Hand legen und ist hinterher durchaus zufrieden, auch wenn das Ende etwas abrupt kommt. (11.10.06)


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208
Das gestrandete Imperium Michael Markus Thurner: Das gestrandete Imperium (Perry Rhodan - Der Posbi-Krieg 1)
Heyne, 2006
381 Seiten

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207
Die Chronolithen Robert Charles Wilson: Die Chronolithen
Heyne, 2005
430 Seiten

In einer nicht allzu weit entfernten Zukunft erscheinen aus dem Nichts überall auf der Erde gewaltige unzerstörbare Standbilder. Es sind Monumente, die von den Siegen eines Feldherrn namens Kuin künden – doch die Kriege, in denen Kuin gesiegt hat, haben noch gar nicht stattgefunden. Jedes Datum, das auf den Objekten genannt wird, liegt etwa 20 Jahre in der Zukunft. Die Chronolithen, wie man die Monumente bald nennt, wurden also offensichtlich durch die Zeit geschickt. Ihr Erscheinen sorgt für schreckliche Katastrophen. Ganze Großstädte werden dem Erdboden gleich gemacht. Eine weltweite wirtschaftliche Rezession ist die Folge. Aber wer ist dieser Kuin? Obwohl niemand je zuvor von einer Person dieses Namens gehört hat und obwohl Kuin sich auch nach Jahren nicht zeigt, entsteht bald eine militante Bewegung, die in seinem Namen kämpft.

Der Programmierer Scott Warden ist bei der Ankunft des ersten Chronolithen vor Ort, was dazu führt, dass er ins Forschungsteam seiner ehemaligen Professorin Sulamith Chopra berufen wird. Ihrer Theorie zufolge sorgen erst die Chronolithen dafür, dass Kuin an die Macht kommen kann (sofern es eine Person mit diesem Namen überhaupt gibt), denn indem er diese scheinbar unantastbaren Symbole seiner Macht in die Vergangenheit schickt, setzt er den Prozess einer selbsterfüllenden Prophezeiung in Gang. Prof. Chopras Ziel besteht nun darin, einen Chronolithen zu vernichten, um Kuin den Nimbus der Unbesiegbarkeit zu rauben. Scott wird eher gegen seinen Willen in die Sache hineingezogen. Einige Jahre später ist er jedoch persönlich betroffen, denn seine Tochter schließt sich den militanten Kuinisten an…

Die zugrunde liegende Idee dieses Romans ist interessant und regt zum Nachdenken an, denn die altbekannten Zeitreise-Probleme werden einmal aus einem anderen Gesichtspunkt betrachtet. Hier ist es nicht der übliche Zeitreisende, der in die Vergangenheit gelangt und dort seinen eigenen Großvater tötet, so dass er seine eigene Existenz negiert (was wiederum zur Folge hat, dass er logischerweise nicht in die Vergangenheit reisen und seinen Großvater töten kann), sondern es erscheint einfach nur eine Anzahl von Objekten, die – abgesehen von den katastrophalen Zerstörungen, die sie anrichten – vor allem das Bewusstsein der Menschen durch ihre bloße Anwesenheit verändern. Ohne den festen Glauben der Menschen an die zukünftigen Siege Kuins hätte es die Kuinisten – und damit auch Kuin – niemals gegeben. Die Frage ist: Muss die Zukunft sich wie angekündigt entwickeln oder kann sie verändert werden? Bis zuletzt bleibt es mehr oder weniger unklar, ob es wirklich einen Kuin gegeben hat, gibt oder geben wird. Auch die Frage, ob er die durch die Chronolithen verkündeten Siege wirklich errungen hat, wird geschickt umgangen.

Auch die Schilderung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen, die die Ankunft der Chronolithen hat, gefällt mir durchaus. Das Problem des Romans besteht aber darin, dass alles aus der Sicht des Ich-Erzählers (Scott Warden) erzählt wird – und dass dieser Ich-Erzähler die meiste Zeit gar nichts mit diesen ganzen Entwicklungen zu tun zu haben scheint, sondern sie nur als mäßig interessierter Außenstehender beobachtet. Und das überträgt sich auch auf den Leser. Man verfolgt die Geschehnisse so, wie man vielleicht die Radio-Nachrichten verfolgen würde. Nur dann, wenn Scott dann doch einmal mittendrin ist, legt die Handlung einen Zahn zu. Und als es ihm bzw. seinem Umfeld richtig an den Kragen geht, wird sie sogar ein wenig spannend. Ansonsten dümpelt die Story vor sich hin, ohne wirklich mitzureißen. Zuviel Wert wird auf Scotts familiäre Probleme gelegt – da er selbst sich als Held zum Mitfiebern aber nicht so recht eignet, sind mir diese Einzelheiten relativ egal. (30.09.2006)


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206
Flossen weg Christopher Moore: Flossen weg!
Goldmann, 2005
414 Seiten

Nathan Quinn, genannt Nate, ist Meeresbiologe. Zusammen mit seinem Freund, dem Unterwasser-Fotografen Clay, erforscht er in den Gewässern rund um Hawaii das Verhalten der Wale. Besonders interessiert er sich für die Buckelwale, genauer gesagt für die Walgesänge, deren Bedeutung er zu entschlüsseln versucht. Eines Tages beobachten Nate und seine Assistentin Amy wieder einmal einen Buckelwal. Die Begegnung mit dem Tier soll durch ein Schwanzflossenfoto dokumentiert werden. Nate traut seinen Augen nicht, als er die Zeichnung auf der Fluke sieht, denn dort steht klar und deutlich in großen Lettern "Flossen weg" geschrieben.

Damit sind die Seltsamkeiten dieses Tages aber noch nicht zu Ende. Irgend jemand hat Nates Büro durchsucht und alle Aufzeichnungen von Walgesängen der letzten Jahre gestohlen oder vernichtet. Außerdem verschwinden die Fotos von der beschrifteten Walflosse. Kurze Zeit später wird auch noch Clays Boot versenkt. Irgend jemand scheint also verhindern zu wollen, dass Nates Team mit der Erforschung der Walgesänge weiterkommt. Dass "die komische Alte" (Nates und Clays etwas schrullige Sponsorin) steif und fest behauptet, der Wal mit der auffälligen Flossenzeichnung habe bei ihr angerufen und verlangt, Nate solle ihm ein Pastrami-Sandwich bringen, trägt nicht zur Erhellung der Situation bei.

Wer mag hinter diesen seltsamen Vorkommnissen stecken? Etwa die Navy, die das Walschutzgebiet zu einem Testgelände für Torpedos umfunktionieren möchte? Oder Nates Kollegen, die ihn dazu bewegen wollen, einen Streichelzoo für Delphine abzusegnen? Die Antwort ist viel phantastischer, wie Nate feststellt, als er von einem Wal verschluckt wird…

Eigentlich ist dies, wie ich wohl ohne zuviel zu verraten sagen darf, ein Science Fiction – Roman. Allerdings dauert es geraume Zeit, bis die Geschichte so richtig in Fahrt kommt. Die Wendung, die sie dann nimmt, wirkt deshalb zu krass und umso unglaubwürdiger. 200 Seiten lang werden die skurrilen Eigenheiten der Forscher und ihres Umfelds beschrieben, ihre Beziehungen zueinander werden ausgearbeitet und es wird viel Aufwand betrieben, um vor allem Nate und Clay als besonders coole und witzige Zeitgenossen aussehen zu lassen. Irgendwann fängt man dann an, sich zu fragen, was das Ganze eigentlich soll. Dann wandelt das Bild sich wie gesagt recht drastisch. Die Auflösung scheint zwar in sich schlüssig zu sein, aber sie ist insgesamt doch einen Tick zu phantastisch und passt auch nicht zu der zuvor so sorgfältig aufgebauten Atmosphäre realistischer Meeresforschung.

Der Humor des Romans ist nicht so ganz meine Sache. Viele der neckischen Dialoge wirken allzu aufgesetzt, manchen Szenen merkt man die Bemühungen des Autors, betont witzige Situationen zu erschaffen, überdeutlich an. Bescheuerte Charaktere wie der Möchtegern-Rastafari Kona scheinen nur dazu da zu sein, dem Leser auf die Nerven zu gehen. An den Seltsamkeiten der Charaktere entzündet sich immer wieder ein endloses Geplänkel, das bei der x-ten Wiederholung nur noch langweilt. Gut – manche Situationen sind recht lustig und durch den locker-leichten Erzählton kann man das Buch schnell weglesen. Auch die Ideen, die die Hälfte des Romans zu einer SF-Geschichte machen, haben was für sich. Insgesamt aber gehört das Buch in die Kategorie "schnell gelesen, schnell vergessen". (24.09.2006)


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205
Die Schatzinsel Robert Louis Stevenson: Die Schatzinsel
Neue Westfälische, 2005
222 Seiten, gebunden

Als der alte Seefahrer Billy Bones im Gasthaus "Zum Admiral Benbow" absteigt, ahnt Jim Hawkins – der Sohn des Wirtes – noch nicht, dass damit das größte Abenteuer seines Lebens beginnt. Der bösartige Seebär macht den Wirten das Leben schwer, wird dann aber von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht, denn er hat einst zur Mannschaft des grausamen Piratenkapitäns Flint gehört und sich nach dessen Tod mit einer Schatzkarte aus dem Staub gemacht. Natürlich wollen seine ehemaligen Kameraden die Karte zurückhaben, denn sie bezeichnet jene Stellen auf einer einsamen Insel, an denen Flint den größten Teil seiner Beute vergraben hat. Aus Angst vor den Nachstellungen seiner ehemaligen Spießgesellen erleidet Bones einen Schlaganfall und stirbt. Jim und seine Mutter wollen sich am Geld des Toten schadlos halten, denn er hat schon seit geraumer Zeit keine Zeche mehr bezahlt. Dabei fällt Jim die Schatzkarte in die Hände.

Mit knapper Not entkommen Jim und seine Mutter den Piraten. Jim vertraut sich Dr. Livesey und Baron Trelawney an. Der Baron ist sofort Feuer und Flamme, als er von der Schatzinsel erfährt, und rüstet eine Expedition aus. Innerhalb weniger Wochen wird eine Mannschaft für den Schoner Hispaniola angeheuert, dann kann die Fahrt losgehen. Auch Jim und Dr. Livesey sind an Bord. Doch Kapitän Smollett ist weder vom Ziel der Reise begeistert, noch gefällt ihm die Mannschaft. Seine Vorahnungen sind richtig: Mehr als die Hälfte der Männer sind ehemalige Piraten von Flints Schiff. Jim hört zufällig mit, wie Long John Silver, der scheinbar harmlose Schiffskoch, eine Meuterei anzettelt. Die Meuterer halten sich nur solange zurück, bis die Schatzinsel erreicht ist…

Dies ist wohl der Prototyp aller Piratengeschichten. "Die Schatzinsel" gilt zwar als Buch für Kinder oder Jugendliche, aber der Roman ist durchaus auch für Erwachsene lesenswert. Er strotzt zwar nur so vor Klischees, aber gerade die machen ja den Reiz der Geschichte aus. Grimmige Bösewichte, trockene englische Adlige, wortkarge Matrosen, abergläubische Piraten, eine einsame Insel mit einem märchenhaften Schatz, ein Ausgesetzter, ein Skelett als Wegweiser, handfeste Kämpfe…

Es mag zwar etwas unglaubwürdig sein, dass der junge Jim die Probleme seiner erwachsenen Freunde im Alleingang löst, aber das macht die Story für Kinder (und solche Kindsköpfe wie mich) gerade erst spannend. Die Atmosphäre ist jedenfalls unübertrefflich – habe schon lange keine so schöne Abenteuergeschichte mehr gelesen. (18.09.2006)


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204
Das Buch der Menschlichkeit Dalai Lama: Das Buch der Menschlichkeit
Bastei Lübbe, 2000
255 Seiten

Der Dalai Lama versucht in diesem Buch, seine Vorstellungen von einer neuen Ethik auszuarbeiten, die seiner Meinung nach bei konsequenter weltweiter Ausübung keinen geringeren Effekt als den Weltfrieden und eine allgemeine Zufriedenheit aller Menschen haben soll. All seine Überlegungen gehen von dem Gedanken aus, dass jeder Mensch glücklich sein und Leid vermeiden möchte. Würde jeder Mensch sein Handeln ständig daraufhin überprüfen, ob es im Einklang mit diesem Grundgedanken steht, d.h. wären die Menschen bereit, eine gewisse ethische Selbstdisziplin zu entwickeln und würden sie erkennen, dass das Streben nach materiellem Besitz nicht gleichbedeutend mit Glück ist, dann wären die großen Probleme der Gegenwart leichter zu bewältigen.

Ein von mir sehr geschätzter Kabarettist hat einmal gesagt, der Dalai Lama sei ein "Automat für Binsenweisheiten". Damit hat er natürlich in gewissem Sinne Recht. Ich lese Bücher wie dieses allerdings nicht, um Erkenntnisse für mein eigenes Leben daraus zu gewinnen oder weil ich irgendwelche moralischen Ratschläge brauche. Mich interessiert vielmehr, wie der Autor denkt – und das wird in diesem Buch recht deutlich. Angetan war ich davon, dass der Dalai Lama nicht einseitig aus der Sicht eines Buddhisten argumentiert, d.h. man hat nicht das Gefühl, als solle man sozusagen missioniert werden. Sehr sympathisch auch: Der Dalai Lama gibt zu, dass er sich selbst nicht immer an die eigenen Regeln hält. Er ist eben auch nur ein Mensch und gibt zu, Fehler zu haben. Man muss eben, so sagt er, täglich neu an sich arbeiten. (18.09.2006)

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203
Enders Game Orson Scott Card: Das große Spiel
Heyne, 2005
411 Seiten

Die Menschheit hat einen Krieg gegen das insektoide Volk der "Krabbler" hinter sich, den sie nur überstanden hat, weil im entscheidenden Moment ein genialer Feldherr eingegriffen hat. Dieser Krieg hat die verschiedenen Nationen der Erde geeint. Alle Völker sind jetzt fieberhaft damit beschäftigt, sich gemeinsam auf den nächsten Zusammenstoß mit den Krabblern vorzubereiten. Vor allem wird nach einem neuen Strategen gesucht, der die vereinigten Streitkräfte der Erde führen soll. Dieser Anführer muss überragende Fähigkeiten besitzen, denn zahlenmäßig sind die Menschen den Krabblern hoffnungslos unterlegen. Deshalb werden die Kinder, die sich als viel versprechend erwiesen haben, von frühester Jugend an überwacht. Wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen, werden sie in eine Raumstation gebracht, wo sie den Kampf in der Schwerelosigkeit trainieren. Für sie ist dieser Kampf ein erregendes Spiel, aber dahinter steckt ein gnadenloses Auswahlverfahren.

Andrew Wiggin, genannt Ender, ist die größte Hoffnung der Menschheit. Er ist zwar noch nicht einmal zehn Jahre alt, als er vom Militär abgeholt und auf die Raumstation gebracht wird, aber er ist allen anderen Kindern weit überlegen. Um seine Fähigkeiten auszuloten und ihn an die Grenzen der Belastbarkeit zu führen, wird er von den anderen Schülern isoliert und vor immer schwerer werdende Probleme gestellt, die jeden anderen Spieler überfordern würden. Dabei wird er ständig beobachtet. Ender ist völlig auf sich allein gestellt, eine Rückkehr zu seiner Familie ist ausgeschlossen. Um sich zu behaupten, muss er eine Brutalität und Rücksichtslosigkeit entwickeln, die seinem im Grunde friedfertigen Charakter nicht entspricht und an der er zu zerbrechen droht. Als seine Ausbildung endlich beendet ist, wird er zu einer anderen Station versetzt. Doch dort beginnen seine Leiden erst richtig…

Der Romaninhalt klingt sehr martialisch und ist es teilweise auch. Dennoch handelt es sich eigentlich nicht um Military-SF, denn die Geschichte wird ganz aus Enders Blickwinkel erzählt, seine seelischen Nöte stehen im Mittelpunkt. Die Kampfspiele der Kinder werden lang und breit geschildert. Auch das dient der Charakterisierung Enders, aber ein paar Szenen weniger hätten es auch getan. Ender und die anderen Kinder denken und sprechen wie Erwachsene. Gut – sie sind Genies, die schon aufgrund ihrer besonderen Lebensumstände quasi vor ihrer Zeit altern, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt ist das einfach nicht mehr glaubwürdig. Mir fehlt auch die Distanz zu dem, was das Militär Ender antut. Es wird immer wieder betont, Ender sei einfach zu wichtig für das Überleben der Menschheit, als dass man auf seine persönlichen Gefühle Rücksicht nehmen könnte. Aber insgesamt scheint mir die ganze Situation zu positiv bewertet zu sein.

Trotzdem ist das Buch sehr beeindruckend. Man kann nicht umhin, Mitleid mit Ender zu empfinden und sich zu wünschen, er möge es seinen Peinigern mal ordentlich zeigen. Im Grunde will er das aber gar nicht… Der kleine Plot-Twist nach dem großen Finale (über den ich hier gar nichts verraten will) lässt vieles ohnehin in einem anderen Licht erscheinen.

Wenn man das Alter des Romans bedenkt (er stammt aus dem Jahre 1985 und basiert auf einer Kurzgeschichte aus dem Jahre 1977), dann klingen die Darstellungen des Spiels fast wie eine Vorhersage heutiger Online-Rollenspiele. Allerdings frage ich mich, welchen Nutzen wohl eine Art 3D-Football bei Nullschwerkraft für die Ausbildung angehender Raumflotten-Kommandeure haben soll… (18.09.2006)


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202
Die Sterne voller Hass Hubert Haensel: Die Sterne voller Hass (Perry Rhodan Autorenbibliothek 4)
Pabel-Moewig Verlag 2003
224 Seiten, gebunden

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201
Dolores Stephen King: Dolores
Pavillon, 2003
352 Seiten

Als Dolores Claiborne sich der Polizei auf Little Tall Island stellt und den 30 Jahre zurückliegenden Mord an ihrem Ehemann gesteht, ist das nicht ganz die Geschichte, die die Beamten hören wollen. Denn Dolores wird verdächtigt, nicht ganz unschuldig am nur wenige Tage zurückliegenden Tod der reichen Vera Donovan zu sein, für die Dolores viele Jahrzehnte lang als Haushälterin gearbeitet hat. Dass Dolores von Vera als Alleinerbin ihres mehrere Millionen Dollar umfassenden Vermögens eingesetzt wurde, scheint Motiv genug zu sein.

Dolores erzählt den Beamten die Geschichte ihres Lebens, um sich den Mord, den sie wirklich begangen hat, von der Seele zu reden, und um klarzumachen, dass es sich bei Veras Tod nicht um Mord gehandelt hat, sondern um einen Unfall. Dolores verschweigt nichts. Sie erzählt, wie ihr Mann – ein Nichtsnutz und Säufer – sie jahrelang gedemütigt hat und wie sehr sie unter den unglaublichen Launen Vera Donovans leiden musste. Dolores hat ihren Mann ermordet, um ihre Kinder vor ihm zu schützen, insbesondere ihre Tochter Selena, die er beinahe vergewaltigt hätte.

Mehr als die obigen Zeilen will ich hier gar nicht schreiben, denn es könnte ja sein, dass ihr diesen Roman noch nicht kennt und ihn noch lesen möchtet. Hätte ich euch zuviel verraten, dann würde euch das den Spaß rauben – und das wäre sehr schade, denn dieser Roman gehört zum Besten, was King je geschrieben hat. Dabei kommt er im Grunde völlig ohne übernatürliche Elemente oder psychopathische Killer aus. Es gibt zwar die eine oder andere Andeutung, dass da doch unerklärliche Phänomene im Spiel sein könnten, aber diese Andeutungen ergeben, wie ich erfahren habe, nur im Zusammenhang mit dem Roman "Das Spiel" (den ich nicht kenne) einen Sinn. Für die Geschichte selbst sind sie völlig unbedeutend, d.h. sie stören nicht.

King schafft es wieder einmal hervorragend, fiktive Figuren so sehr mit Leben zu füllen, dass man sie als Leser fast vor sich sehen kann. Die resolute Dolores, die manchmal bösartige, manchmal verrückte und manchmal auch einfach nur bedauernswerte Vera, der widerliche Joe und die anderen Bewohner der Insel, auf der sich alles abspielt, scheinen reale Personen zu sein. Vielleicht trägt auch der ungewöhnliche Stil des Romans zu diesem Effekt bei. Das Buch besteht bis auf einige "Zeitungsmeldungen" am Schluss nur aus einem einzigen Textblock, der weder durch Kapitel noch sonst wie unterteilt wird. Es ist fast so, als würde man die von Dolores besprochenen Tonbänder hören. Dieser Stil hat auch den Effekt, dass man das Buch noch schlechter aus der Hand legen kann, als das bei King-Romanen ohnehin schon üblich ist. Man muss einfach weiter lesen! (03.09.2006)


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