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Dies ist der vierte Teil einer Übersicht meiner neueren Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie seit August 2002 gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.

1. Teil - Nr. 1 bis 50
2. Teil - Nr. 51 bis 100
3. Teil - Nr. 101 bis 150
5. Teil - Nr. 201 bis 250
6. Teil - Nr. 251 bis 300



200
Schiffbruch mit Tiger Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger
Fischer 2004
382 Seiten

Pi Patel, Sohn eines Zoodirektors, ist 16 Jahre alt und lebt in Indien. Als die Zeiten schlechter werden, plant die Familie eine Umsiedlung nach Kanada. Soweit möglich, werden die Zootiere verkauft. Der Rest wird auf einen altersschwachen chinesischen Frachter verladen, mit dem auch die Familie die Fahrt über den Pazifik antritt. Eines Nachts kommt es zu einer Explosion im Maschinenraum. Das Schiff sinkt innerhalb kurzer Zeit. Pi, der sich zufällig an Deck aufhält, ist der einzige Überlebende – jedenfalls der einzige menschliche Überlebende.

Pi teilt sich das glücklicherweise mit einigen Vorräten ausgestattete große Rettungsboot mit einigen Zootieren: Einem schwer verletzten Zebra, einem Orang-Utan, einer Hyäne und einem ausgewachsenen bengalischen Tiger, der den eigenartigen Namen Richard Parker trägt. Schon nach kurzer Zeit sind nur noch Pi und der Tiger am Leben. Solange Richard Parker noch damit beschäftigt ist, die anderen Tiere zu verspeisen, kann Pi einige Vorbereitungen treffen. Er konstruiert ein behelfsmäßiges Floß, das er ans Boot hängt, um sich dort vor dem Tiger in Sicherheit bringen zu können. Destillen zur Gewinnung von Trinkwasser und Angelausrüstung sind ebenfalls vorhanden.

Auf diese Weise überleben Mensch und Tiger die ersten Tage. Als die Vorräte allmählich zur Neige gehen, wird Pi klar, dass auch das Floß keinen ausreichenden Schutz gegen den Tiger bieten kann. Doch wie soll er das gewaltige Tier loswerden? Er kommt zu dem Schluss, dass das unmöglich wäre – und dass er Richard Parker auch gar nicht töten will. Pi setzt alles daran, den Tiger am Leben zu erhalten, und ihn darüber hinaus zu zähmen. Unglaublicherweise gelingt ihm dies sogar mit der Zeit. Doch die Qualen werden immer schlimmer: Hunger, Durst, Hitze und die Gewalt der Elemente zermürben Pis Geist. Und Rettung ist weit und breit nicht in Sicht. Allmählich verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Halluzination für den Schiffbrüchigen…

Dieser ungewöhnliche Roman besteht aus zwei oder vielleicht sogar drei Teilen, die ein wenig berührungslos nebeneinander stehen. Zunächst erklärt der Autor, wie er dazu gekommen ist, dieses Buch zu schreiben. Angeblich hat er auf einer Indienreise jemanden kennen gelernt, der ihn mit der Hauptfigur zusammen gebracht hat. Pi Patel hat dem Autor angeblich seine Lebensgeschichte erzählt. Diese beginnt dann mit Pis Jugend in Indien. Man erfährt so einiges über das Leben von Zootieren, Pi schildert seine religiöse Selbstfindung (er ist gleichzeitig gläubiger Hindu, Christ und Moslem) und sein alltägliches Leben.

Mit dem Untergang des Frachters kommt der große Bruch. Pi verliert alles und muss unter den schlimmsten vorstellbaren Bedingungen überleben. Allmählich driftet die Geschichte hierbei ins Unglaubliche, ja Phantastische ab. Dass es Pi irgendwie gelingt, quasi als Hochsee-Dompteur mit dem Tiger umzugehen, ist schon unwahrscheinlich genug. Dann kommt es jedoch zu zwei Begegnungen (über die ich hier nichts weiter verraten will), die ernsthafte Zweifel am Wahrheitsgehalt der Geschichte wecken. Am Ende wird alles noch einmal auf den Kopf gestellt. Auf wenigen Seiten wird eine alternative Version der Geschichte konstruiert, die Pis Erlebnisse in einem noch weit grausameren Licht erscheinen lassen.

Welche der beiden Versionen stimmt, muss der Leser selbst entscheiden. Das Buch gibt keine Antwort darauf. Aber vielleicht will man ja auch gar nicht wissen, was da auf hoher See wirklich geschehen ist. Die Leiden des Schiffbrüchigen werden sehr eindringlich und teilweise ziemlich drastisch geschildert. Der Stil bleibt trotzdem leicht und amüsant. Ich war am Ende zwar ein wenig ratlos, hatte aber immerhin genug Stoff zum Nachdenken. (27.08.2006)


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199
Mittelerde-Lexikon Robert Foster: Das große Mittelerde-Lexikon
Bastei Lübbe 2002
809 Seiten

Dieses Buch enthält neben einer alphabetischen Aufstellung aller wichtigen Begriffe aus dem Hobbit, dem Herrn der Ringe und dem Silmarillion auch eine "Chronologie der Frühzeit von Arda" von Gernot Katzer, also eine nach Zeitaltern und Jahren gegliederte Zusammenfassung der Geschehnisse von der Erschaffung der Welt bis zum Dritten Zeitalter – gemäß Tolkiens Mythologie natürlich. Die unvermeidlichen Stammbäume und eine Seite mit Tengwar-Runen runden das Ganze ab. Die Einträge berücksichtigen sowohl die deutsche Übersetzung von Margret Carroux als auch die neue Version von Wolfgang Krege. Herausgeber Helmut W. Pesch hat das Lexikon ergänzt und auf den neuesten Stand der Erkenntnisse gebracht, denn seit der Erstveröffentlichung sind doch recht viele weitere Materialien Tolkiens veröffentlicht worden.

Natürlich kann man den lexikalischen Teil nicht wie einen Roman lesen, ich habe das Buch im Grunde nur durchgeblättert. Aber manche Einträge sind doch sehr ausführlich geschrieben, so dass ich immer wieder mal "hängengeblieben" bin und weiter gelesen habe. Sehr nett sind auch die umfangreichen Quellenangaben. Für langjährige Tolkien-Fans, die ihren Herrn der Ringe schon x-mal auf der Suche nach einem bestimmten Begriff durchgeblättert haben, ist dies also ein extrem nützliches Nachschlagewerk. Für alle anderen dürfte das Buch eher uninteressant sein. (22.08.2006)

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198
Walden Henry David Thoreau: Walden
Könemann 1999
342 Seiten, gebunden

Der US-amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau, geboren im Jahre 1817, verbrachte ab 1845 mehr als zwei Jahre in einer selbstgebauten Hütte in der Nähe des Walden-Sees in Concord. Seine Absicht war es, wenn ich das Buch richtig verstanden habe, zu einem möglichst einfachen Lebensstil zu finden, sich von unnötigen Zwängen und der überflüssigen Gier nach materiellen Gütern zu befreien, um Werte wieder zu entdecken, die wirklich wichtig sind. Seine in einem Tagebuch festgehaltenen Gedanken und Erlebnisse aus dieser Zeit sind in "Walden" zusammengefasst. Thoreau hielt das Leben in der Gesellschaft des beginnenden Industriezeitalters für nicht erstrebenswert und wollte vermutlich zeigen, dass es auch anders geht. Er ist in den zwei Jahren keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen und war dennoch in der Lage, sich selbst zu versorgen. Er vergisst allerdings zu erwähnen, dass ihm das Grundstück, auf dem er die Hütte errichtet hat, kostenlos zur Verfügung gestellt worden ist.

Das Buch quillt über vor Kritik an der hektischen Lebensweise seiner Zeitgenossen und ist insoweit recht einseitig. So richtig konsequent ist Thoreau ohnehin nicht, denn er hat zwar allein, aber nicht in völliger Abgeschiedenheit und auch nicht in totaler Selbständigkeit gelebt. Offensichtlich war er darauf angewiesen, seine Produkte (er hat ein wenig Ackerbau betrieben) irgendwo zu verkaufen, um sich einige Dinge des täglichen Bedarfs leisten zu können. Er müsste also eigentlich auch zugestehen, dass es eine Gesellschaft geben muss, in der es einerseits Abnehmer für seine Produkte gibt und die andererseits in der Lage ist, die von ihm benötigten Gegenstände herzustellen und zu vertreiben.

Der Stil des Textes ist nicht unseren modernen Lesegewohnheiten angepasst worden (was natürlich völlig in Ordnung ist), er ist deshalb stellenweise nicht leicht verständlich. Man darf auch keinen lebendigen Erfahrungsbericht erwarten, vielmehr handelt es sich um langatmige (aber schön formulierte) philosophische Betrachtungen zu verschiedenen Themengebieten und um Naturdarstellungen. Letztere sind durchweg sehr eindrucksvoll. Insgesamt ein nicht ganz leicht verdauliches und für mich nicht in allen Punkten nachvollziehbares, aber doch sehr interessantes Werk. (20.08.2006)

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197
Die mechanische Frau Ingvar Ambjörnsen: Die mechanische Frau
Rororo 1993
220 Seiten

Victor von Falk arbeitet als Privatdetektiv im Hamburger Stadtteil St. Georg. Er lebt allein, seit seine bisherige Freundin zu einem russischen Dichter gezogen ist, er trinkt zuviel, grübelt zuviel und trifft sich zu oft mit Kriminellen, die als Informanten für ihn arbeiten. Die meisten seiner Aufträge erhält er von besorgten Eltern, die nach ihren in der Drogenszene abgestürzten Kindern suchen. Diese Jobs sind ebenso eintönig wie deprimierend, bringen aber wenigstens ein wenig Geld ein. Mit der Routine ist es jedoch vorbei, als die Prostituierte Maria Dammert den Detektiv mit der Suche nach ihrem verschwundenen Verlobten beauftragt. Maria Dammert selbst ist schon interessant genug, denn sie hat bei einem in der Kindheit erlittenen Unfall beide Beine verloren und geht seither auf zwei Prothesen – ein Umstand, der ihr bei ihrer Arbeit erstaunlicherweise nicht hinderlich ist, denn scheinbar gibt es genügend Freier mit entsprechenden Vorlieben. Eine zwielichtige Gestalt, die sich immer in Maria Dammerts Nähe herumtreibt und die man "den Schmierer" nennt, scheint ihr Zuhälter zu sein.

Doch auch der Fall ist ungewöhnlich. Victor stößt mit seinen Recherchen in ein Wespennest. Offenbar haben auch die mächtigen Syndikate, die das Drogenmilieu Hamburgs kontrollieren, ein Interesse daran, dass von Falk die Sache schnellstmöglich klärt. Als er tatsächlich die übel zugerichtete und in einem alten Schuppen vergrabene Leiche des Verschwundenen entdeckt, glaubt von Falk sich der Lösung des Falles nahe. Aber das ist ein Irrtum, denn es stellt sich heraus, dass niemand ihm bis jetzt die Wahrheit gesagt hat. Auch seine Auftraggeberin hat ein Geheimnis…

Ingvar Ambjörnsen war mir bis jetzt nur als Autor der "Elling" - Romane bekannt. Deshalb war ich etwas überrascht, eine klassische Detektivgeschichte aus seiner Feder zu lesen, die einem Roman von Raymond Chandler aus der Schwarzen Serie alle Ehre gemacht hätte. Victor von Falk ist ein Einzelgängertyp wie Philip Marlowe: Desillusioniert, zynisch, meist pleite, und doch irgendwie moralisch und integer. Er lebt in einer Welt der Korruption und des Verbrechens, in der er sich knallhart geben muss (obwohl er es eigentlich nicht ist), um zu überleben. Er hat viele Schwächen, zum Beispiel scheint er immer den falschen Ton bei Frauen zu treffen. Wie es sich für eine Geschichte dieser Art gehört, spielt sie in einer Großstadt, und dort natürlich nur in finsteren, heruntergekommenen Gegenden. Da Ambjörnsen selbst in Hamburg lebt, dürften die entsprechenden Schilderungen authentisch sein. Man könnte sie fast als Milieustudien bezeichnen.

Auch die obligatorische Femme fatale fehlt nicht, aber diese Figur (Maria Dammert) ist bei Ambjörnsen, wie man obigem Text entnehmen kann, nicht nur schön und geheimnisvoll. Ihre Behinderung gibt dem Ganzen eine recht eigenartige Note. Allerdings spielt diese Behinderung für den Roman die meiste Zeit eher keine Rolle – erst bei der Auflösung des Falles… aber ich will nicht zu viel verraten. Allein schon der typische Detektivgeschichten-Stil macht den Roman zu einem großen Lesevergnügen, aber auch die Story bleibt bis zum Schluss spannend. Dies ist also ein ganz anderes Buch als die Elling-Romane, aber es ist auf keinen Fall weniger interessant. (13.08.2006)


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196
Dieter Nuhr Dieter Nuhr: Gibt es intelligentes Leben?
Rororo 2006
191 Seiten

Auf der Suche nach intelligentem Leben beschränkt Dieter Nuhr sich aus praktischen Erwägungen zunächst einmal auf den Planeten Erde. Den bereist er allerdings von Ost nach West, von Asien nach Amerika. Nicht einmal Österreich bleibt ausgespart. Dass Nuhr mit der Suche nach Intelligenz nicht bei sich selbst angefangen hat, könnte ein Zeichen für Bescheidenheit sein – es könnte aber auch ein schlechtes Licht auf die Qualität des Suchergebnisses werfen…

Nuhrs Buch gibt die Antwort auf die selbst gestellte Frage gleich zu Anfang. Sie lautet: "Jein". Um die Frage beantworten zu können, muss Nuhr natürlich erst einmal definieren, was Leben und Intelligenz überhaupt sind, wo die Intelligenz eigentlich sitzt und wofür man sie denn bitteschön braucht. Natürlich hat er seine diversen Reiseziele nicht wirklich nach Anzeichen für intelligentes Leben abgesucht, vielmehr dienen ihm die dortigen Erlebnisse als Aufhänger für seine typisch sarkastischen Bemerkungen über unsere und andere Kulturen. In diesem Buch gibt Nuhr wieder jene unnachahmliche Mischung aus alltäglichsten Banalitäten und hochphilosophischen Überlegungen zum Besten, die man aus seinen früheren Kabarett-Programmen kennt. So muss es sein!

Nuhr hat auf seiner Weltreise auch viel fotografiert. Die Bilder und die launigen Kommentare dazu lockern das Buch zwar auf, haben mit der Titelfrage aber eigentlich nichts zu tun. Da das auch für das ganze Buch zutrifft (was den Lesegenuss natürlich nicht im Geringsten schmälert), macht das aber fast nichts – es wäre allerdings nett gewesen, wenn die Bilder wenigstens zum Text gepasst hätten… (13.08.2006)

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195
Willy Brandt Gregor Schöllgen: Willy Brandt
Ullstein 2003
320 Seiten

Dies ist eine Biografie des 1992 verstorbenen SPD-Politikers Herbert Ernst Karl Frahm. Das ist die erste verblüffende Information, die ich in diesem Buch gefunden habe: "Willy Brandt" war eigentlich zunächst eine Art Deckname des genannten Politikers während seiner Zeit im Exil, den er sich aufgrund der Verfolgung durch die Nazis zugelegt hat. Erst Jahre später hat er seinen Geburtsnamen in einem offiziellen Verfahren in diesen "Kampfnamen" geändert. Gregor Schöllgen hat Brandt nie persönlich getroffen, ist aber an der Erschließung seines umfangreichen schriftlichen Nachlasses beteiligt und hat somit Zugang zu Quellen aus erster Hand. Schließlich hat Brandt zeitlebens eine Unmenge an Material zu seiner eigenen Person herausgegeben.

Auf die politischen Leistungen Brandts wird natürlich eingegangen, aber im Mittelpunkt steht nicht der Politiker, sondern der Mensch. Das Buch ist deshalb gut lesbar, allerdings hat man aus dem gleichen Grund auch immer den Eindruck, dass da etwas Entscheidendes fehlt. Die Biografie scheint für Leute geschrieben worden zu sein, die Brandt noch als aktiven Politiker erlebt haben (zu denen gehöre ich nicht) und die selbst wissen, was in der damaligen Zeit so alles in Deutschland und auf der politischen Weltbühne geschehen ist: Diese Ereignisse werden nur angedeutet. Aber auch in der Beschreibung von Brandts Persönlichkeit bleibt das Buch teilweise eher oberflächlich – was möglicherweise daran liegt, dass diese Persönlichkeit sich einer einfachen Beschreibung entzieht. Immerhin bekommt man einen guten ersten Eindruck – man kann ihn ja anhand der am Ende des Buches zusammengefassten weiterführenden Literatur vertiefen. (30.07.2006)

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194
All-Mächtiger! Eckhard Schwettmann: All-Mächtiger! Faszination Perry Rhodan
Hannibal 2006
352 Seiten, gebunden

Eine ausführliche Zusammenfassung zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke dieses Archivs - einfach hier klicken!

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193
Quinto-Center Susan Schwartz: Quinto-Center (Perry Rhodan Autorenbibliothek 5)
Pabel-Moewig Verlag 2003
224 Seiten, gebunden

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192
Resident Evil 8: Rose Blank Tadashi Aizawa: Resident Evil 8 – Rose Blank
Dino Verlag 2006
276 Seiten

In einem einsam gelegenen Forschungsinstitut der Umbrella Corporation wird ein Impfstoff gegen das T-Virus entwickelt. Die Wissenschaftler testen das Gegenmittel allerdings nicht an realen Lebewesen, sondern in einer virtuellen Realität. Die Forscher können sich selbst in diese Kunstwelt begeben, um das Virus zu studieren. Manche nutzen diese Umgebung aber auch zu ihrem Vergnügen. Dabei kommt es zu einem Zwischenfall: Reena Mittford begegnet der virtuellen jungen Frau Alma Hartline und fällt danach in eine Art Koma. Wenig später ereignet sich ein weiterer, folgenschwerer Störfall: Ein Saboteur wirft eine gehäutete Kuh in den Tank, der das gesamte Institut mit Wasser versorgt – und der Kadaver ist mit dem T-Virus verseucht. Rasend schnell verbreitet das Virus sich in der Forschungseinrichtung und verwandelt die Menschen in Zombies.

Projektleiterin Emily Ran gehört zu den wenigen Überlebenden. Ebenfalls überlebt hat Richard Fuchs, angeblich Journalist, tatsächlich aber Beauftragter einer Organisation, die mit Umbrellas Machenschaften nicht einverstanden ist. Fuchs hatte zwar den Auftrag, eine Probe des Impfstoffes sicherzustellen, aber mit dem verhängnisvollen Anschlag hat er nichts zu tun. Doch wer ist dafür verantwortlich? Steckt möglicherweise Alma Hartline – oder Rose – hinter der Sache? Alma ist eine Überlebende aus Raccoon City, aber das, was sich in einem abgesicherten Tank innerhalb des Instituts befindet und als Grundstock sowohl für das T-Virus-Gegenmittel als auch für die virtuelle Realität dient, kann nicht mehr als menschliches Wesen betrachtet werden.

Während Emily sich verzweifelt gegen die grausigen Mutationen zur Wehr setzt, die das Institut unsicher machen, findet sie nach und nach heraus, dass Rose sich zwar zu einer perfekten Waffe gegen das T-Virus entwickelt hat – aber keineswegs als Heilmittel verwendet werden kann, da sie auch die Erkrankten vernichtet und vereinnahmt…

Dies ist der erste Roman aus der "Resident Evil" - Serie, der nicht von S.D. Perry geschrieben worden ist. Anders als die meisten ihrer Romane ist er keine Nacherzählung eines Resident Evil – Videospiels. Es handelt sich vielmehr um eine völlig eigenständige Geschichte, in der lediglich einige bekannte Elemente verwendet werden. Beides ließ mich hoffen, dieses Buch sei endlich mal wieder was Neues. Dass keine bekannten Figuren auftreten, empfand ich ebenfalls nicht als Mangel. Die verarbeiteten Ideen sind denn auch tatsächlich nicht schlecht. Bekanntlich werden alle vom T-Virus befallenen Organismen radikal verändert – warum sollte es also nicht möglich sein, dass auf diese Weise aus den Körperzellen einer Erkrankten eine Art Substrat entsteht, das zwar völlig amorph, aber trotzdem mit Bewusstsein und Intelligenz ausgestattet ist? Es ist auch keine schlechte Idee, das Bewusstsein dieses Wesens in eine virtuelle Realität einzuspeisen, in der es die schrecklichen Erinnerungen an Raccoon City immer wieder nacherlebt.

Dummerweise kommt dabei keine gute Geschichte heraus, oder besser gesagt: Die Geschichte könnte gut sein, sie wird aber viel zu verworren erzählt. Und das kann nicht nur auf die vermutlich grottenschlechte Übersetzung zurückzuführen sein. Aizawa macht den Fehler, zu viel zu wollen. Es gibt zu viele schlecht ausgearbeitete Figuren mit zu vielen teils völlig unverständlichen Absichten und Motiven. Die Hauptfiguren stellen in den dramatischsten Situationen plötzlich hochphilosophische Überlegungen an, und diese Exkurse vernichten dann jegliche Spannung. Die Figuren selbst werden wie gesagt allenfalls skizzenhaft charakterisiert und verhalten sich schon im nächsten Moment wieder völlig untypisch, so dass man sich fragt, ob es sich eigentlich noch um die selbe Person handelt. In den Kapiteln, die innerhalb der virtuellen Realität spielen, wird eine kaleidoskopartige Erzählweise verwendet, die vermutlich das Surreale der Situation unterstreichen soll – das geht nur leider allzu oft total in die Hose.

Es reicht nicht, auf ein Buch einfach "Resident Evil" draufzuschreiben und ein paar Zombies oder andere glibberige Monster einzubauen (das Wesen "Rose" erinnert stark an den Blob aus gleichnamigem Film), wenn dabei keine Spannung und nicht mal die Spur von Dramatik im Spiel ist. Die bereits erwähnten Übersetzungsmängel geben dem Buch dann den Rest. Der Text liest sich über weite Strecken so holprig, als sei er lediglich durch ein Übersetzungsprogramm gejagt worden…

Das war also leider nichts. Immerhin enthält das Buch einige nette Bilder. (16.07.2006)


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191
Der brennende Mann Tad Williams: Der brennende Mann
DTV / Klett-Cotta 2006
104 Seiten

Lord Sulis, ein Edelmann aus Nabban, kommt als Renegat ins Erkynland, heiratet dort die verwitwete Frau des ehemaligen Königs und übernimmt selbst die Herrschaft über das Land. Zu seinem Herrschersitz wählt er die verlassene Festung Hochhorst, eine uralte Burg, die einst den Sithi gehört hat, jedoch von den Rimmersmännern erobert und teilweise zerstört worden ist. Breda, die junge Stieftochter des neuen Königs, verliebt sich in einen Soldaten aus dessen Gefolge. Diese Liebe tröstet sie über die Sorgen hinweg, die der verschlossene und immer seltsamer werdende Sulis ihr bereitet. Der König zieht sich immer mehr zurück, er scheint nur noch für seine geheimen Bücher zu leben.

Eines Tages lässt Sulis die Hexe Valada gefangen nehmen. Von ihr verspricht er sich die Antworten auf seine brennenden Fragen. Fragen, die er nicht einmal seiner Frau oder Breda anvertraut, die ihm aber den Schlaf rauben und fast um den Verstand bringen. Valada kennt die Antworten, nach denen Sulis sucht, selbst nicht, aber sie weiß, wie man über die "Straße der Träume" Kontakt mit den Sithi aufnehmen kann. Zu diesem Zweck muss Sulis in die Tiefen des Hochhorsts vordringen – unbemerkt folgt Breda ihm und seinen Begleitern, zu denen auch ihr Geliebter gehört. Tatsächlich gelingt es Sulis, einen Sithi herbeizurufen, indem er das Holz eines geheimnisvollen, in den Tiefen der Katakomben wachsenden Baumes verbrennt.

Breda beobachtet das Erscheinen des Unsterblichen, der sie in den folgenden Jahren als "der brennende Mann" in ihren Träumen verfolgen wird. Doch die Antworten, die der Sithi Sulis geben kann, sind nicht nach dessen Geschmack – und einer aus dem Gefolge des Königs ist ein Verräter, der auf Mord aus ist…

Eigentlich handelt es sich bei diesem Buch nur um eine Kurzgeschichte (bei etwas kleinerer Schrift und weniger großzügigem Satz wären nicht einmal 100 Seiten voll geworden), aber sie ist meisterhaft erzählt und sehr kurzweilig – wenn es für meinen Geschmack auch eine Kleinigkeit zu lang dauert, bis Tad Williams endlich auf den Punkt kommt (typisch für ihn). So kurz die Geschichte auch ist, so gut sind die verschiedenen Charaktere ausgearbeitet – schon erstaunlich, wie man das mit so wenigen Worten schaffen kann.

Die Geschichte spielt im Osten Ard – Universum, wie man an den oben erwähnten Namen unschwer erkennen kann. Zeitlich ist sie lange vor Johan Presbyters Sieg über den Drachen angesiedelt, der zur Handlungszeit dieser Story tatsächlich unter dem Hochhorst versteckt sein muss – aber scheinbar liegt er in tiefem Schlaf, jedenfalls spielt er in der Geschichte keine Rolle. Als Sulis den Hochhorst zu seinem Wohnsitz wählt, gibt es die Stadt Erchester noch nicht. Die einzige aus dem Osten Ard-Zyklus bekannte Gestalt in dieser Geschichte ist Valada, die dort allerdings den Namen Geloe trägt. Auch Ineluki, der Sturmkönig, wird einmal erwähnt, aber auch er hat keine Bedeutung für die Geschichte.

Ebenso wenig gibt es irgendeinen Zusammenhang in der Handlung der Story und des Zyklus – man muss also weder den ganzen Zyklus gelesen haben, um die Story zu verstehen, noch ist es für Kenner des Zyklus tragisch, wenn sie die Story nicht lesen. Sie würden aber trotzdem etwas verpassen, denn der Stil der Geschichte ist doch wieder deutlich anders als der des Zyklus – düsterer und trauriger. (12.07.2006)


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190
Der Gallische Krieg Gaius Julius Caesar: Der Gallische Krieg
Reclam 2000
363 Seiten

Wer von euch in der Schule im Lateinunterricht mit dem Gallischen Krieg gequält worden ist, wird möglicherweise nicht verstehen, wie jemand dieses Buch freiwillig lesen kann. Nun: Ich hatte kein Latein, habe das Werk natürlich in deutscher Übersetzung gelesen - und auch das nur Kapitel für Kapitel über einen längeren Zeitraum hinweg.

Grund: Ich habe mich schon immer fürs Altertum interessiert, insbesondere für die Kelten. Und Caesars Commentarien über die Feldzüge nach 59 v. Chr. gehören zu den wenigen zeitgenössischen Quellen über dieses Volk. Man erfährt so einiges über ihre Stämme, ihre Kultur und Lebensweise - und natürlich über ihr Schicksal unter römischer Herrschaft.

Caesar schildert hauptsächlich den Verlauf der diversen Schlachten, die zu schlagen waren, bis auch Vercingetorix besiegt und ganz Gallien damit niedergerungen war. Er beschreibt dies alles aber so anschaulich und gut verständlich, dass der Text sich fast wie ein Roman liest. Außerdem gibt es immer wieder Exkurse, in denen Land und Leute beschrieben werden. Der Wahrheitsgehalt dieser Schilderungen wird zwar teilweise bezweifelt, hoch interessant sind sie trotzdem.

Das Buch enthält außerdem ein Nachwort der Herausgeberin und Übersetzerin (und natürlich sehr viele erläuternde Anmerkungen), das den historischen Kontext klarer macht und auf Caesars weiteres Schicksal eingeht. (08.07.2006)

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189
Timeline Michael Crichton: Timeline
Goldmann 2003
635 Seiten

Professor Edward Johnston untersucht zusammen mit einer Gruppe junger Archäologen ein Gebiet an der Dordogne, wo die Ruinen zweier mittelalterlicher Burgen, eines Klosters und einer Mühle gefunden wurden. Sponsor der Forschungsarbeiten ist die Firma ITC, die sich mit neuen Anwendungsmöglichkeiten der Quantentechnologie beschäftigt. Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle erfährt Johnston, dass ITC über mehr Informationen zu den Ausgrabungsstätten verfügen muss als die Forscher selbst – zum Beispiel existiert ein Grundriss des Klosters, der mehr Details enthält, als den Archäologen bis jetzt bekannt ist. Johnston fährt zum Firmensitz – und verschwindet, nachdem er seinen Doktoranden eine merkwürdige Botschaft zugespielt hat. Kurz danach entdecken Katherine Erickson, André Marek und Chris Hughes zwei noch seltsamere, geradezu unmögliche Artefakte in den Katakomben des Klosters: Die offensichtlich mehrere Jahrhunderte alte Linse einer Bifokalbrille, die dem Professor gehört, und ein ebenso altes Manuskript, das die Worte "Helft mir" in der Handschrift des Professors trägt!

Die Erklärung für das Verschwinden des Professors und die eigenartigen Funde liefert Robert Doninger, Chef von ITC, wenig später persönlich. Er bittet die drei Doktoranden um Hilfe und eröffnet ihnen, dass ITC eine Technologie entwickelt hat, mit deren Hilfe man die Vergangenheit erreichen kann. Professor Johnston hat diese "Zeitmaschine" benutzt und ist im 14. Jahrhundert verschollen. Katherine, Chris und André sollen dem Professor folgen und ihn zurückholen. Sie werden von zwei Sicherheitsleuten begleitet, geraten aber sofort nach ihrer Ankunft in der Vergangenheit in arge Schwierigkeiten, denn das Zielgebiet (ihre in dieser Zeit völlig intakte Ausgrabungsstätte) ist eine heiß umkämpfte Region im Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich. Die Sicherheitsleute werden getötet, eine Explosion verwüstet das ITC-Labor. Eine Rückkehr in die Gegenwart ist vorerst ausgeschlossen…

Dies war meine dritte Urlaubslektüre auf Lesbos 2006.

Dieser Roman, der recht vielversprechend anfängt, enthält einige gravierende Schwächen. Zunächst einmal bleibt die Erklärung für die Zeitreisen (die eigentlich keine echten Zeitreisen sind, sondern Reisen in Paralleluniversen) trotz recht viel Quantenphysik-Blabla unplausibel. Außerdem besteht die Geschichte von dem Moment an, als die drei Doktoranden in der Vergangenheit ankommen, nur noch aus einer Aneinanderreihung von Verfolgungsjagden. Dabei werden die Helden immer wieder getrennt und von diesem und jenem mittelalterlichen Finsterling gefangen genommen. Sie können sich auf mehr oder weniger glaubwürdige Art und Weise meist sofort wieder befreien – und fallen sogleich irgendwem anders in die Hände. Diese endlose Abfolge von Cliffhangern soll das Ganze wohl spannend machen, führt aber nur zu Ermüdung.

Gegensätze zwischen Moderne und Mittelalter werden allenfalls angedeutet – diese vergebene Chance ist eine weitere Schwäche des Romans. Man erfährt kaum etwas über die damalige Zeit und man fragt sich, warum der Autor sich solche Mühe gibt, das Vorurteil vom "finsteren Mittelalter" auszuräumen, wenn die Bösewichter dann doch allen Klischees entsprechen, die es über diese Zeit gibt. (02.07.06)


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188
Todesmarsch Richard Bachman: Todesmarsch
Heyne 1987
316 Seiten

Seit einem Krieg gegen Deutschland, der auch auf amerikanischem Boden stattgefunden hat, sind die USA eine Militärdiktatur. Der seltsam gesichtslose "Major" und seine Soldaten haben alles fest im Griff, Abweichler und Systemkritiker werden ausgemerzt. Zu einer der größten Attraktionen in dieser Gesellschaft gehört ein jährlich stattfindender, menschenverachtender Wettstreit, den nur junge Männer in einem bestimmten Alter austragen dürfen. 100 so genannte "Geher" nehmen an einem langen Marsch quer durch das Land teil, bei dem sie durch ein ständig am Straßenrand mitfahrendes Panzerfahrzeug überwacht werden. Wasser und Nahrung werden bei Bedarf jederzeit gestellt, aber sonst erhalten die Geher keine Hilfe.

Die Regeln dieses Marsches sind mörderisch: Es gibt keine Pause. Wer eine bestimmte Mindestgeschwindigkeit unterschreitet, wird nach dreimaliger Verwarnung erschossen. Wer die vorgegebene Straße verlässt, wird sofort erschossen. Ein Ziel, das innerhalb eines Zeitlimits erreicht werden muss, gibt es nicht – Gewinner ist, wer am längsten durchhält. Ihm werden bis ans Lebensende alle Wünsche erfüllt. Der Marsch ist ein gigantisches Medienspektakel. Wenn die Geher eine Stadt durchqueren, säumen Menschenmassen die Straßenränder, Konfettiparaden werden veranstaltet, gleichzeitig sorgen die Soldaten auf brutale Weise dafür, dass die Geher nicht behindert werden.

Ray Garraty nimmt an diesem Marsch teil. Wie jedem Teilnehmer ist auch ihm klar, dass es nur einen Überlebenden geben kann. Er weiß auch, dass es besser wäre, unterwegs keine Freundschaften zu schließen, aber es bleibt natürlich nicht aus, dass die Geher sich während des tagelangen Marsches näher kommen. Da der Preis des Wettstreits zunächst einmal das eigene Überleben ist, geben alle Geher ihr Äußerstes – und allmählich begreift Garraty, dass das mehr sein könnte, als ein Mensch ertragen kann, ohne seine körperliche und geistige Gesundheit zu verlieren.

Dies war meine zweite Urlaubslektüre auf Lesbos 2006.

Als Richard Bachman hat Stephen King einige seiner mit Abstand besten Romane geschrieben. "Todesmarsch" gehört sicherlich dazu. Es gibt kein Monster, das besiegt werden muss, keine übernatürlichen Geschehnisse, die für Gänsehaut sorgen, keinen psychopathischen Killer, der sein Unwesen treibt. Man liest "nur", was sich in den Köpfen der immer kleiner werdenden Gemeinschaft der Geher abspielt und wie sie einer nach dem anderen gnadenlos eliminiert werden. Und trotzdem geht diese Geschichte wirklich unter die Haut. Fast könnte man den Eindruck erhalten, der Roman spiele in der gleichen Parallelwelt wie Menschenjagd, denn die bis zur letzten Konsequenz weitergedachte Entwicklung zukünftiger Gameshows und die damit verbundene Medienkritik ähnelt sich in diesen beiden Romanen stark.

Man erfährt nie wirklich, welchen Sinn dieser Marsch eigentlich hat oder aus welchen Gründen die meisten Geher teilnehmen. Das ist aber auch nicht wichtig. Mitzuerleben, wie die Geher nach und nach ihre Menschlichkeit verlieren, während der ausweg- und erbarmungslose Überlebenskampf immer unerträglicher wird, ist der Kern der Geschichte. (02.07.06)


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187
Thunderhead Douglas Preston / Lincoln Child: Thunderhead
Knaur 2002
560 Seiten

Die junge Archäologin Nora Kelly erhält einen Brief ihres Vaters – 16 Jahre nach dessen Verschwinden. Außerdem wird sie von seltsamen Kreaturen angegriffen, die wie eine Mischung aus Mensch und Wolf aussehen und sich offensichtlich für den Brief interessieren. Das Schriftstück liefert nicht nur einen Hinweis auf die Gründe für das Verschwinden von Noras Vater, sondern auch auf die geheimnisvolle Goldstadt Quivira. Nora ist natürlich Feuer und Flamme, denn die Entdeckung dieser legendären Stadt des untergegangenen Indianervolks der Anasazi wäre die größte archäologische Sensation aller Zeiten. Außerdem könnte sie nach all den Jahren vielleicht das Schicksal ihres Vaters enträtseln.

Nach einigen Schwierigkeiten gelingt es Nora, den Direktor des archäologischen Instituts, an dem sie arbeitet, zur Finanzierung einer Expedition in das entlegene Gebiet des Staates Utah zu bewegen, in dem Quivira liegen soll. Ihr Team besteht nicht nur aus hochkarätigen Wissenschaftlern verschiedener Fachgebiete – auch der Journalist und Autor Bill Smithback nimmt daran teil. Außerdem muss Nora die ehrgeizige Tochter des Institutsleiters mitnehmen. Die Expedition verläuft von Anfang an nicht reibungslos, denn das Zielgebiet ist so unwegsam, dass man es nur mit Pferden und unter nicht unerheblichen Entbehrungen erreichen kann.

Am Ziel angekommen, glaubt Nora den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht zu haben. Sie ahnt nicht, dass die seltsamen Kreaturen, die sie seinerzeit angegriffen haben, sie bis nach Quivira verfolgt haben, aber nicht etwa, um dort Grabräuberei zu betreiben, sondern um die Stadt vor den Archäologen zu schützen – und dass auch so manches Mitglied ihrer Expedition eigene Ziele verfolgt…

Dies war meine erste Urlaubslektüre auf Lesbos 2006.

Dieser Wissenschafts-Thriller (im Mittelpunkt stehen diesmal Archäologie und alte indianische Mythen) kommt ganz ohne Monster und übernatürliche Erscheinungen aus, auch wenn man zu Anfang einen anderen Eindruck erhält. Man kann sich zwar schon recht früh so einiges zusammenreimen, aber die Geschichte bleibt doch bis zum Schluss spannend. Bill Smithback ist übrigens eine Figur, die schon in Relic vorkommt. (02.07.2006)


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186
Solarstation Andreas Eschbach: Solarstation / Kelwitts Stern
Bastei Lübbe 2001
683 Seiten

Dieses Buch enthält zwei Romane Andreas Eschbachs in einem Band.

Solarstation (302 Seiten)
Auf der japanischen Raumstation Nippon gibt es Probleme. Ihre Aufgabe besteht darin, Energie mit einem gewaltigen Segel aus Solarzellen zu sammeln und diese über einen Mikrowellenstrahl zu einem Empfangsgitter auf der Erde zu transferieren. Doch seit einigen Wochen lässt der Strahl sich nicht mehr präzise genug steuern, so dass die Energieübertragung immer wieder abgebrochen werden muss. Dann ereignet sich ein Mord: Einer der auf Nippon arbeitenden Wissenschaftler wird erschossen aufgefunden. Leonard Carr, der einzige Amerikaner auf der Station, war bisher nur mit Wartungsarbeiten beschäftigt. Jetzt wird er mit der Untersuchung des Mordes beauftragt, denn er ist gleichzeitig für die Sicherheit an Bord zuständig. Er kommt jedoch gar nicht dazu, weitreichende Ermittlungen anzustellen, denn ein Verdächtiger ist schnell gefunden. Außerdem nähert sich eine angeblich außer Kontrolle geratene europäische Trägerrakete der Station und droht mit ihr zu kollidieren, gleichzeitig fallen alle Funkgeräte der Station aus. Carr begreift, dass die Nippon das Ziel eines Kaperversuchs geworden ist. Aber welche Pläne verfolgen die Angreifer?

"Solarstation" ist ein einfacher, geradliniger Weltraum-Thriller mit einer ordentlichen Portion teilweise recht drastischer Action und vielleicht etwas zu viel Technobabble – wobei diese technischen Erläuterungen durchaus eine reale Grundlage haben, was sie schon wieder interessant macht. Aktuelle Probleme unserer Zeit werden weitergesponnen und bilden den Unterbau für eine spannende Geschichte mit gesellschaftskritischen Untertönen. Man sollte übrigens nicht vergessen, dass dieser Roman lange vor den Anschlägen des 11. September 2001 geschrieben worden ist. Das verleiht den Beschreibungen der politischen Entwicklungen in diesem Roman eine geradezu prophetische Note…

Kelwitts Stern (381 Seiten)
Bei den Bewohnern des Planeten Jombuur ist es seit jeher Sitte, dass jedem Neugeborenen ein Stern geschenkt wird. Das hat dazu geführt, dass die Jombuuraner die besten Astronomen des Universums geworden sind, denn der Brauch wird seit Urzeiten gepflegt und es müssen immer wieder neue Sterne gefunden werden. Junge Jombuuraner besuchen "ihren" Stern im Rahmen der so genannten "Orakelfahrt", um aus Anzahl und Stellung der Planeten und vielen anderen Anzeichen herauszulesen, welchen Lebensweg sie einschlagen sollen und was das Schicksal für sie bereithält. Auch der junge Kelwitt bricht eines Tages zu seiner Orakelfahrt auf. Mit einem kleinen Raumboot fliegt er in das System einer gelben Sonne ein, und als er herausfindet, dass der dritte Planet bewohnt ist, möchte er dort natürlich landen. Aber das ist streng verboten, außerdem ist Kelwitt kein Raumfahrer. Er wird zwar von Tik unterstützt, einem Computer, den er wie eine Spange auf der Schulter trägt, doch sein Schiff stürzt ab – und zwar mitten hinein in einen Heuschober auf der Schwäbischen Alb. Alsbald sind Geheimdienste, UFO-Forscher und Profitjäger hinter Kelwitt her. Doch davon ahnt er zunächst ebenso wenig wie die Stuttgarter Familie Mattek, die den niedlichen kleinen Kerl bei sich aufnimmt…

"Kelwitts Stern" zielt zwar sehr oft lediglich auf Pointen ab, enthält mit dem trotteligen BND-Agenten Hase ein etwas zu albernes Klischee und erinnert teilweise doch recht stark an den Film "E.T.", aber amüsant ist er allemal. Natürlich entsteht die Komik hauptsächlich durch die Gegensätze zwischen jombuuranischer und irdischer Kultur. Kelwitt, der wie ein aufrecht gehender Delphin aussieht, bezieht seinen Wortschatz aus dem Jargon diverser TV-Serien und Werbespots, versteht weder die Ernährungs- noch die Fortpflanzungsmethoden der Menschen und weckt möglicherweise gerade deshalb das erotische Interesse der leicht nymphoman veranlagten Tochter der Familie Mattek. Die Geschichte nimmt dann aber noch einmal Fahrt auf, als es Kelwitt immer schlechter geht und als der Geheimdienst ihm allmählich auf die Spur kommt. Der "Showdown" gerät ungewöhnlich, denn im entscheidenden Moment öffnen sich überall auf der Erde die Blüten der "Augenöffnerblume", deren Samen Kelwitt eingeschleppt hat. Der Duft dieser Blume führt dazu, dass alle Menschen sich plötzlich wirklich dessen bewusst werden, was sie gerade tun… (11.06.2006)

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185
Der Ritt nach Narnia C.S. Lewis: Die Chroniken von Narnia – Der Ritt nach Narnia
Ueberreuter 2003
176 Seiten, gebunden

Im Land Kalormen, einem mächtigen Reich südlich von Narnia, lebt der junge Shasta bei einem armen Fischer, den er für seinen Vater hält. Shasta weiß nichts über das Leben außerhalb der ärmlichen Fischerhütte, in der er wie ein Sklave für seinen vermeintlichen Vater schuften muss. Eines Tages kommt ein mächtiger, reicher Herr (ein Tarkaan) zum Fischer und will Shasta kaufen, denn der Junge hat ungewöhnlich helle Haut und helles Haar. Shasta belauscht die Feilscherei der beiden Männer und erfährt auf diese Weise, dass er ein Findelkind ist – der Fischer ist gar nicht sein Vater. Noch größer als sein Erstaunen über diese unerwartete Nachricht ist Shastas Überraschung, als er plötzlich vom Pferd des Fremden angesprochen wird. Es stellt sich heraus, dass das Tier als Fohlen aus Narnia entführt worden ist, und dort sind sprechende Pferde keine Seltenheit. Gemeinsam mit dem Pferd, dessen unaussprechlichen Namen er zu "Bree" abkürzt, flieht Shasta nach Norden. Bree und Shasta wollen Narnia erreichen, das im Gegensatz zu Kalormen ein freies Land ist.

Unterwegs begegnen sie Aravis, einem Mädchen aus reichem Hause. Sie hat ein sprechendes Pferd namens Hwin und auch diese beiden wollen nach Narnia fliehen, denn Aravis soll mit einem widerlichen alten Wesir verheiratet werden. In der Stadt Tashbaan werden die Gefährten getrennt, denn Shasta sieht Corin, dem Sohn des Königs von Anvard (einem Land, das zwischen Narnia und Kalormen liegt) zum Verwechseln ähnlich, und Corin ist gerade mit einer Delegation aus Narnia in Tashbaan zu Gast. Er reißt jedoch aus und so geschieht es durch Zufall, dass Shasta seinen Platz an der Seite von König Edmund und Königin Susan einnimmt. Während Shasta erfährt, dass Prinz Rabadash von Kalormen Königin Susan um jeden Preis für sich gewinnen will, belauscht Aravis heimlich ein Gespräch zwischen eben diesem Prinzen und dessen Vater, dem Tyrannen von Kalormen. Die beiden planen einen perfiden Angriff auf Anvard und Narnia…

Der dritte Teil der Chroniken von Narnia wartet mit mehr Abenteuern und Kämpfen auf als die beiden vorherigen Bücher zusammen. Solange die Geschichte in Kalormen spielt, enthält sie (bis auf die sprechenden Pferde) kaum "magische" Elemente, sondern liest sich wie ein klassisches Jugendabenteuer. Auch der Stil unterscheidet sich sehr von den ersten beiden Büchern. Im Vordergrund steht zunächst die "orientalische" Atmosphäre – Kalormen ist ein Wüstenland, vergleichbar etwa mit dem Arabien der "Märchen aus Tausend und einer Nacht". Möglicherweise sollen so die Unterschiede zwischen Islam und Christentum gezeigt werden. Sollte das die Absicht des Autors gewesen sein, dann ist der Versuch gründlich in die Hose gegangen, denn das Ergebnis ist allzu klischeehaft und viel zu einseitig ausgefallen. Spannend ist die Geschichte natürlich trotzdem, wenn am Ende auch wieder einmal Aslan als Problemlöser eingreifen muss.

Dies ist ein Buch, das für Kinder geschrieben wurde. Es gibt aber einige Aspekte, die den Roman auch für Erwachsene zu einem Lesevergnügen machen. Als Beispiele seien die launigen Wortgefechte zwischen den Machthabern Kalormens, die unglaublich naive Freundin der vor einer Zwangsheirat fliehenden Aravis und die originelle Lösung, die für die aggressive Haltung Kalormens gefunden wird, genannt. (05.06.2006)


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184
Das Mahnkopff-Prinzip Jens Lossau / Jens Schumacher: Das Mahnkopff-Prinzip
BLITZ-Verlag 2004
246 Seiten

Eine Serie mysteriöser Entführungen und Morde sorgt in der sonst so beschaulichen Stadt Mainz für Angst und Schrecken. Immer wieder verschwinden Menschen, deren Leichen einige Zeit später im Zustand völliger Blutleere aufgefunden werden. Die Presse sorgt natürlich sofort für die passenden Schlagzeilen und spricht nur noch von den "Vampiren von Mainz". Was die meisten Menschen aber nicht wissen: Das Blut der Opfer ist keineswegs spurlos verschwunden, sondern es befindet sich in den Mägen der Leichen.

Das betagte Ehepaar Hajo und Ruth Feldblum ahnt nichts von diesen Vorfällen. Ruth ist an Leukämie erkrankt und will in Mainz einen Spezialisten zu Rate ziehen. Von einer Untersuchung in der Universitätsklinik kehrt sie jedoch nicht zurück. Voller Sorge wendet Hajo sich auf der Suche nach Hilfe an eine alte Freundin, die Pathologien Ines Lettweiler. Da die Polizei ganz offensichtlich im Dunkeln tappt, stellen Hajo und Ruth auf eigene Faust Recherchen an. Dabei stoßen sie nicht nur auf die Story von den Mainzer Vampiren, sondern entdecken eine Gemeinsamkeit, die den Behörden offenbar entgangen ist: Genau wie Ruth waren alle Opfer an Leukämie erkrankt…

Alle Spuren führen zunächst in die Vergangenheit, zu einem Nazi-Wissenschaftler namens Mahnkopff. Dieser offensichtlich wahnsinnige Arzt hatte die Theorie entwickelt, Leukämie sei heilbar, wenn man den Patienten ihr eigenes, vorher in einem speziellen Verfahren "gereinigtes" Blut zu trinken gebe. Allerdings ist Mahnkopff schon seit Jahrzehnten tot – oder möglicherweise doch nicht?

Eigentlich klingt diese Geschichte ganz nach einem Fall für die BKA-Sonderermittler Passfeller und Grosch, aber diese beiden von Lossau und Schumacher erdachten absonderlichen Figuren treten in diesem Roman nicht auf. Somit fällt schon ein großer Teil des seltsamen Humors weg, der die bisherigen Romane der beiden Autoren geprägt hat. Auf der anderen Seite fällt damit aber auch einer der Hauptkritikpunkte weg, die ich an diesen Romanen immer auszusetzen hatte: Während die Existenzberechtigung Passfellers und Groschs nämlich hauptsächlich in ihrer Skurrilität liegt, handelt es sich bei Hajo und Ines um recht gut charakterisierte Hauptfiguren, die durch nachvollziehbare Gründe motiviert werden und die auch wirklich etwas zur Lösung des Falles beitragen.

Hinzu kommt der Bonus des Lokalkolorits, denn dieser Roman spielt in Mainz und in Alzey, also in meiner Heimat. Allerdings ist dieser Bonus nicht mehr so stark ausgeprägt wie in den beiden ersten Romanen um Passfeller und Grosch, denn genau genommen könnte die Handlung auch irgendwo sonst stattfinden, d.h. es kommen nicht mehr so viele typische Schauplätze vor.

Wie so oft übertreiben Lossau und Schumacher es auch diesmal wieder mit der Schilderung verquerer Personen und abgedrehter Situationen. Hajos Schwerhörigkeit wird ein paar Mal zu oft thematisiert, der Auftritt eines schrillen weiblichen Fans des Fußballvereins Mainz 05 scheint nur auf ein paar Lacher abzuzielen. Die Polizei wird als so abgrundtief dämlich dargestellt, dass es wirklich weh tut – aber das musste wohl sein, sonst wäre es kaum nachzuvollziehen, dass zwei ältere Leutchen sich selbst auf die Spur der Entführer setzen. (26.05.2006)


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183
Der Turm Stephen King: Der Turm
Heyne 2006
1009 Seiten

Während Jake und Father Callahan den Vampiren und den Niederen Männern gegenübertreten, die im Dixie Pig tafeln, bringen Mia/Susannah Mordred zur Welt. Dieses Wesen, das gleichzeitig der Sohn des Scharlachroten Königs und Rolands ist, verwandelt sich sofort nach der Geburt in eine abscheuliche, spinnenähnliche Kreatur und saugt Mia aus, bis von ihr nur noch eine vertrocknete Hülle übrig ist. In der entstehenden Verwirrung gelingt es Susannah, sich selbst zu befreien. Auch Jake entkommt den Wächtern, aber Callahan bleibt zurück. Roland und Eddie sorgen derweil dafür, dass einige vertrauenswürdige Personen die "Tet-Corporation" gründen, deren einziger Zweck darin besteht, die Rose zu beschützen und zwei anderen Firmen, die dem Scharlachroten König dienen, Paroli zu bieten. Nachdem das erledigt ist, treffen alle Mitglieder des Ka-Tet wieder zusammen und können sich gemeinsam auf den letzten Abschnitt des Weges zum Dunklen Turm machen. Mordred überlebt das Gemetzel im Dixie Pig. Er ist von Einsamkeit und Hass zerfressen und setzt sich auf Rolands Fährte, um ihn und seine Freunde bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zu töten.

Die vordringlichste Aufgabe der Revolvermänner besteht nun darin, die Vernichtung der zwei letzten Balken und damit den Sturz des Dunklen Turms zu verhindern. Bei dieser Mission erhalten sie unerwartete Hilfe von drei "Brechern" (einer davon ist Ted Brautigan), die Roland mit ihren paranormalen Kräften zum Lager der Brecher im Land Donnerschlag bringen. Dort werden Dutzende von Telepathen und anderen Psi-Begabten unter durchaus luxuriösen Bedingungen gefangen gehalten. Sie ziehen es vor, nicht über ihr Dasein und ihre Tätigkeit nachzudenken. Ihren zerstörerischen Einfluss auf die Balken üben sie eher unbewusst aus. Da sie gut bewacht werden und möglicherweise nicht aus freiem Willen bereit wären, ihre zwar eingeschränkte, aber bequeme Existenz aufzugeben, entschließt Roland sich zu einem Überfall. Der Coup gelingt, aber das Oberhaupt der Wachmannschaft erschießt Eddie, bevor Roland ihn ausschalten kann.

Während Susannah um ihren Mann trauert, und während die beiden verbliebenen Balken sich allmählich regenerieren, reisen Roland und Jake ins Jahr 1999, denn sie haben erfahren, dass der Schriftsteller Stephen King am 19. Juni diesen Jahres bei einem Verkehrsunfall getötet werden soll. Das kann Roland nicht zulassen, denn Kings Aufgabe, die Geschichte des Dunklen Turms zu schreiben, ist noch nicht beendet. Kings Tod wäre vermutlich gleichbedeutend mit dem Ende allen Seins. Auch diese Aufgabe gelingt, King wird bei dem Unfall nicht getötet, sondern nur schwer verletzt. Doch der Preis für die Rettung des Schriftstellers ist hoch: Jake muss sich opfern. Nun ist Rolands Ka-Tet endgültig zerbrochen. Nur er selbst, Susannah und der Billy-Bumbler Oy sind übrig, und ihnen steht ein mörderischer Marsch durch die Einöde bevor, die sich zwischen Schloss Discordia und dem Dunklen Turm erstreckt – und Mordred verfolgt sie immer noch…

Wie schließt man ein Epos ab, das aus mehreren tausend Seiten besteht? Wie verknüpft man die unzähligen Handlungsfäden, löst all die über die Jahre hinweg aufgebauten Rätsel und führt die vielen Hauptpersonen ihrer Bestimmung zu? King scheint es selbst nicht so recht zu wissen, und so wird das große Finale dieses Romanzyklus, den ich nun schon seit über 20 Jahren verfolge, zu einer recht unbefriedigenden Angelegenheit, die viele Fragen offen lässt. Das eigentliche Ende ist allerdings akzeptabel, d.h. hätte Roland irgend etwas anderes im Obergeschoß des Dunklen Turms vorgefunden (mehr kann ich jetzt nicht sagen, ohne zu spoilern), dann wäre das Ende noch zweifelhafter ausgefallen. Für die anderen Mitglieder des Ka-Tet findet King eine andere, endgültige Lösung. Andererseits – so endgültig ist sie auch wieder nicht...

Ich muss ehrlich sagen, dass ich keine große Lust habe, zu diesem zwar gut lesbaren, insgesamt aber enttäuschenden Roman noch viel mehr zu schreiben. Denn er entwertet in meinen Augen den gesamten Zyklus. Auf der Habenseite stehen wie immer bei King die einprägsamen Charakterbeschreibungen und die (isoliert betrachtet) fesselnden Ereignisse. Aber ich mag weder die Art und Weise, wie King nachträglich versucht, alle möglichen anderen Romane aus seiner Feder mit dem Turm-Zyklus zu verknüpfen, noch seine Idee, sich selbst als zentralen Dreh- und Angelpunkt in die letzten Romane hineinzuschreiben. Vielleicht wurde er durch den hier beschriebenen Unfall, den er ja tatsächlich erlitten hat, doch stärker traumatisiert, als er selbst denkt?

Als ich das Buch beendet hatte, fragte ich mich, ob das alles gewesen sein könne. Ich will gar nicht anfangen, all die vielen Andeutungen und Rätsel aufzuzählen, die NICHT erklärt und aufgelöst werden. Die Auflösungen, die angeboten werden, sind schwach. Insbesondere ist die ziemlich sang- und klanglose Beseitigung alter Widersacher, die über Jahre hinweg als ultimative Bösewichte aufgebaut worden sind, doch sehr dürftig. Ich nehme an, King wusste von Anfang an nicht, was aus dem Turm-Zyklus eigentlich werden sollte. Oder dass es überhaupt ein Zyklus werden sollte. Das merkt man den Romanen ab Band 4 überdeutlich an. So wurde nachträglich ein extrem wackeliger Überbau konstruiert, der all das endlose Geschwafel einfach nicht trägt.

Für den Turm-Zyklus gilt also wieder einmal der alte Spruch: "Getretener Quark wird breit, nicht stark". Schade – vielleicht wäre es besser gewesen, wenn King es beim allerersten Roman belassen und nie eine Fortsetzung geschrieben hätte... (21.05.2006)


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182
Olympos Dan Simmons: Olympos
Heyne 2006
957 Seiten

Vorgeschichte: Siehe Ilium.

Einige Monate sind vergangen, seit Achilles und Hektor sich verbündet und die vereinigten Heere der Griechen und Trojaner gegen die so genannten Götter geführt haben, die auf dem Olymp leben – und zwar nicht auf irgendeinem Olymp, sondern auf dem Olympus Mons, dem gigantischen Schildvulkan auf dem terrageformten Mars, der über ein Dimensionsloch (ein Bran-Loch) über Raum und Zeit mit der Erde verbunden ist. Durch ein solches Bran-Loch sind auch die Moravecs nach Ilium gelangt. Sie unterstützen seitdem die Menschen, die auf sich gestellt keine Chance gegen die Hochtechnologie der "Götter" hätten. Achilles hat schon zahlreiche Götter getötet, doch diese können sich selbst beliebig oft re-inkarnieren und wieder aufs Schlachtfeld zurückkehren. Das Bündnis zwischen Trojanern und Griechen steht auf tönernen Füßen. Menelaos versucht Helena zu töten, einige aufgestachelte Trojanerinnen greifen die Griechen an und werden niedergemetzelt. Bald ist die Schlacht um Ilium wieder in vollem Gange. Die Götter intrigieren jedoch auch fröhlich untereinander und sind mit sich selbst beschäftigt. Hera schafft es sogar, den mächtigen Zeus in Schlaf zu versetzen.

Als die Götter beginnen, sich gegenseitig zu bekämpfen, bricht das Bran-Loch zusammen. Gerade noch rechtzeitig können die Moravecs sich zurückziehen. Nur Achilles bleibt auf dem Mars zurück, denn er hat Penthesilea getötet und sich nach ihrem Tod in die schöne Amazone verliebt, denn sie war mit einem speziellen göttlichen Pheromon-Parfüm präpariert, gegen das es kein Heilmittel gibt. Achilles versucht jetzt, auf den Olymp vorzudringen, um Penthesilea in den Wiederbelebungstanks der Götter ins Leben zurückzurufen. Dabei begegnet er dem Gott Hephaistos, den er zwingt, ihm zu helfen. Zusammen mit dem Handwerkergott dringt Achilles bis zu Zeus vor, wird von ihm jedoch in den Tartaros geschleudert, wo die Titanen hausen.

Die Moravecs haben in den vergangenen Jahren ein Raumschiff gebaut, mit dem sie zur Erde zurückkehren wollen. Die gefährlichen Quantenaktivitäten sind nämlich inzwischen so stark geworden, dass sie das Gefüge des Universums zu zerreißen drohen. Die Quelle dieser Aktivitäten scheint sich nun doch nicht auf dem Mars, sondern auf der Erde zu befinden. Auf ihrem Flug nehmen die Moravecs sowohl Dr. Hockenberry als auch Odysseus mit. Hockenberry quantenteleportiert aber immer wieder nach Ilium zurück, weil er seine Griechen und Trojaner nicht im Stich lassen will. Er hat nicht mit Helenas Opportunismus gerechnet: Damit er sie nicht verraten kann, sticht sie Hockenberry nieder…

Auf der Erde fechten derweil die letzten "Altmenschen" einen verzweifelten Kampf gegen die aggressiv gewordenen Voynixe aus. In Ardis Hall und anderen Gemeinschaften haben die Überlebenden sich versammelt, aber gegen die Übermacht der biomechanischen Ungeheuer stehen sie auf verlorenem Posten. Daeman, der seit seinem Kampf gegen das Monstrum Caliban ein anderer Mensch geworden ist, beobachtet in Paris-Krater die Ankunft eines gigantischen Wesens, das die ganze Stadt mit Eis überzieht. Es ist Setebos, der alte Feind Prosperos, der jahrtausendelang auf dem Mars gefangen war. Setebos nährt sich von allem Bösen, das sich im Verlauf der menschlichen Geschichte in der Erde angesammelt hat, und würde den Planeten auf diese Weise unbewohnbar machen, wenn man ihn gewähren ließe. Währenddessen unternimmt Harman mit einigen Begleitern eine Expedition, von der er zunächst nicht zurückkehrt. Prospero und Moira, bei der es sich um eine jüngere Ausgabe Savis zu handeln scheint, haben eigene Pläne mit ihm…

Es ist unmöglich, die weit verzweigte Handlung dieses Romans einigermaßen verständlich zusammenzufassen. Es ist auch kaum möglich, nicht in Technobabble zu verfallen, denn auch dieser Roman strotzt – genau wie "Ilium" – vor Begriffen und Informationshäppchen, die entweder gar nicht oder nur andeutungsweise erläutert werden. Nicht alles davon ist fiktiv, die Idee der Bran-Löcher ist zum Beispiel der String-Theorie entnommen. Natürlich wird manches im Verlauf der Geschichte verständlicher – andere Informationen muss man aber wohl einfach als gegeben hinnehmen, auch wenn man nicht so genau weiß, welche Bedeutung sie eigentlich haben. Vielleicht weiß es ja nicht einmal der Autor. Es kommt mir nämlich so vor, als würde Simmons sich einfach nur hier und da bei diversen wissenschaftlichen Theorien bedienen, um seinen Ideen einen halbwegs plausiblen Anstrich zu verleihen, ohne sie richtig und verständlich erklären zu können.

Wer "Ilium" gelesen hat, will natürlich vor allem wissen, ob alle offen gebliebenen Fragen in "Olympos" beantwortet werden. Leider trifft das nicht in allen Fällen zu – und die Antworten, die gegeben werden, fallen für meinen Geschmack teilweise zu metaphysisch und zu undeutlich aus. So liest man denn gespannt ein Kapitel nach dem anderen (spannend bleibt das Buch durchaus bis zum Schluss), stellt am Ende dann aber leicht enttäuscht fest, dass irgend etwas zu fehlen scheint. Manches aus der fiktiven Geschichte der Menschheit bleibt verschwommen, auch werden die Motivationen und Ziele mancher Hauptpersonen nicht klar. Ärgerliche Kunstgriffe wie die durch nichts zu begründende Geheimniskrämerei all jener, von denen zum Beispiel Harman Antworten auf praktisch alle Fragen erhalten könnte, trüben den Gesamteindruck weiterhin.

Simmons spielt wie im ersten Teil ausgiebig mit Homers Ilias. Am interessantesten sind einerseits die Abweichungen von der überlieferten Mythologie und die Gegensätze zwischen Antike und Moderne, die ihren Ausdruck finden, wenn die griechischen Helden z.B. einen Satz so anfangen, wie ihn Homer geschrieben haben könnte, dann aber gleich wieder in moderne Umgangssprache abgleiten oder technische Begriffe verwenden, die so gar nicht zu ihrer Kultur passen wollen. Zitate aus und Anspielungen auf andere Werke der Weltliteratur sind über den ganzen Roman verstreut. Zentrale Rollen nehmen dabei Shakespeares Stücke ein, wie einige der Namen (Prospero, Caliban) schon vermuten lassen. Die Moravecs, empfindungsfähige, intelligente Roboter mit Bio-Komponenten, die sich für diese Literatur besonders interessieren, verhalten sich übrigens oft menschlicher als die verschiedenen Menschen-Typen selbst.

Insgesamt ist "Olympos" ein zwar anstrengendes, aber durchaus lohnendes Lesevergnügen, das allerdings so manchen Durchhänger aufweist. Außerdem hätte ich mir wie gesagt eine etwas handfestere Lösung gewünscht – ich mag es nicht, wenn miteinander verwobene Paralleluniversen und noch irrealere Theorien zur Erklärung herhalten müssen. Auch scheint mir, dass Simmons am Ende selbst ein wenig den Überblick über die verschiedenen Handlungsebenen und –zeiten verloren hat. Deshalb ist der Doppelroman leider nicht das Meisterwerk geworden, das ich mir erhofft hatte. (07.05.2006)


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181
Heiliger Zorn Richard Morgan: Heiliger Zorn
Heyne 2006
687 Seiten

In nicht allzu ferner Zukunft ist es gelungen, das menschliche Bewusstsein zu digitalisieren. Jeder Mensch trägt einen kleinen Datenspeicher – einen Kortikalen Stack – in der Wirbelsäule, auf dem sein gesamtes Ich permanent gespeichert wird. Stirbt der Körper, kann der Stack einem anderen Körper eingesetzt werden. Das im Stack gespeicherte Bewusstsein übernimmt diesen Körper – Sleeve genannt – als wäre es der eigene. Diese Technologie hat zu den unglaublichsten Entwicklungen geführt. Besonders reiche Menschen sind in der Lage, Sleeve-Banken mit Klonen ihres ursprünglichen Körpers anzulegen, um sich jederzeit verjüngen zu können. Verbrechern wird das Resleeving verwehrt: Ihre Stacks werden einfach eingelagert. Menschliche Bewusstseine können auch in digitalen Umgebungen "leben", in denen der Zeitablauf extrem verlangsamt werden kann. Auf diese Weise können sie entweder eine besondere Art der Unsterblichkeit gewinnen oder aber in künstlichen Höllen gefoltert werden. Besonders präparierte künstliche Sleeves oder mit Waffensystemen aufgerüstete Cyborgs werden für Kamfpeinsätze verwendet. Besonders effizient in solchen Einsätzen sind die Elitesoldaten des Envoy-Corps, die überall dorthin geschickt werden, wo normale Militärkräfte versagen.

Takeshi Kovacs, Ex-Envoy, Ex-Privatdetektiv und Ex-Söldner, kehrt auf den Planeten Harlans Welt zurück, wo er vor mehreren Jahrhunderten (und Dutzenden von Sleeves) geboren wurde. Dort arbeitet er mit einem lokalen Verbrechersyndikat zusammen, um seinen Rachefeldzug an einer immer schneller wachsenden Gruppe religiöser Fanatiker verwirklichen zu können. Die Fundamentalisten haben die einzige Frau, die Kovacs je wirklich geliebt hat, auf grausame Weise hingerichtet und ihren Stack irgendwo ins Meer geworfen, wo er unrettbar verloren ist. Kovacs jagt diese Fanatiker nun und verkauft ihre Stacks an den Syndikatschef, der sie wiederum Tieren einsetzt, die sich in Arenakämpfen gegenseitig zerfleischen müssen. Durch Zufall wird Kovacs in eine Jagd ganz anderer Art hineingezogen. Er beschützt Sylvie Oshima, eine junge Frau, die von den Fundamentalisten angegriffen wird, und wird auf diese Weise Teil ihrer Einsatzgruppe. Diese Gruppe ist eine von vielen, die in einem der unzähligen ehemaligen Kriegsgebiete von Harlans Welt gegen die Überreste außer Kontrolle geratener intelligenter Waffensysteme kämpfen. Sylvies Gehirn ist mit einer speziellen Gerätschaft ausgestattet, die es ihr erlaubt, direkten Kontakt mit jeglicher Art von Computer aufzunehmen.

Bei einem solchen Einsatz in einer so genannten "Ungeräumten Zone" wird Sylvies Bewusstsein scheinbar von einer Art Computervirus infiziert. Dieser Virus ist, wie Kovacs glaubt, eine virtuelle Nachbildung Quellcrist Falconers (genannt Quell), einer vor langer Zeit gestorbenen Revolutionsführerin, die sich seinerzeit kurzfristig erfolgreich gegen die herrschenden Familien von Harlans Welt aufgelehnt hatte. Es gibt immer noch genug Menschen, die nur zu gerne glauben wollen, dass Quell tatsächlich zurückgekehrt ist. So findet Kovacs sich schnell mitten in einer neu entstehenden Revolte wieder. Die Herrscher von Harlans Welt haben jedoch eine Waffe, die speziell gegen Kovacs gerichtet ist: Eine jüngere Kopie seiner selbst, die jetzt in einen neuen Sleeve geladen und auf ihn angesetzt wird. Doppeltes Sleeving ist strengstens verboten – eine der beiden Kovacs-Versionen muss also sterben…

Teil 3 der Romane um Takeshi Kovacs enthält wieder alles, was man aus den letzten beiden Büchern kennt: Eine zynisch-kalte Cyberpunk-Welt, in der ein Leben – jedenfalls das eines Körpers – praktisch keinen Wert mehr hat. In allen Details geschilderte, teilweise ultrabrutale Kampfszenen. Ebenso drastische Sexszenen, die einem Hardcore-Porno alle Ehre machen würden. Und wiederum einige neue Anwendungsmöglichkeiten der Bewusstseins-Digitalisierung.

Morgan schafft es diesmal besser als in den beiden ersten Romanen, Takeshis Motivation zu verdeutlichen. Früher wusste man nie so recht, was er eigentlich will – diesmal gibt es für seinen Rachefeldzug einen nachvollziehbaren Grund. In die folgenden Ereignisse, die mit diesem Feldzug zunächst einmal nichts zu tun haben, gerät er eher zufällig hinein, kann sich ihnen dann aber nicht mehr entziehen. Diese Entwicklung kann man akzeptieren, und gegen Ende hin kriegt die Story dann sogar noch besser die Kurve, als mit der Einbeziehung der "marsianischen" Artefakte ein Aspekt hinzukommt, der im zweiten Roman schon eine zentrale Rolle gespielt hat. Das Geheimnis der "Marsianer" wird aber, soviel darf ich verraten, immer noch nicht geklärt. Man kann also annehmen, dass irgendwann doch noch ein vierter Band erscheinen wird, auch wenn es sich angeblich nur um eine Trilogie handeln soll.

Die "Film-Noir-Atmosphäre" des ersten Romans findet man diesmal zwar ebenso wenig wieder wie im zweiten Roman, aber wenigstens kann man sich mehr mit der Hauptfigur identifizieren, soweit das bei einem Ex-Envoy überhaupt möglich ist. Was ich schon beim letzten Mal zu bemängeln hatte, gilt auch diesmal: Es kommt mir so vor, als wären die Bettszenen und teilweise auch die expliziten Gewaltdarstellungen nur eingebaut worden, weil der Leser beides inzwischen von Richard Morgan erwartet. Vor allem erstere Szenen tragen nichts zur eigentlichen Handlung oder zur Atmosphäre bei. Die explizite Gewaltdarstellung kann man gerade noch hinnehmen, da mit ihr verdeutlicht wird, wie unmenschlich diese zukünftige Menschheit eigentlich geworden ist. Nichtsdestotrotz ist "Heiliger Zorn" ein sehr unterhaltsames Lesevergnügen für alle Freunde "harter" (d.h. technischer) Military-SF.

Mit den religiösen Fanatikern, gegen die Kovacs zu Felde zieht, hat Richard Morgan übrigens eine nicht zu übersehende Anspielung auf bestimmte Entwicklungen unserer Zeit eingebaut. Es gibt da ein Kapitel, in dem Kovacs mit drastischen Worten klarmacht, was er von der frauenfeindlichen Einstellung dieser Fanatiker hält. Da hätte ich am liebsten laut applaudiert... (23.04.2006)


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180
E.T. Laurent Bouzereau: E.T. – Der Außerirdische. Vom Konzept zum Klassiker
Schwarzkopf & Schwarzkopf 2002
192 Seiten, gebunden

Dieses großformatige Buch wurde zum 20. Jahrestag des Films herausgegeben. Eigentlich müsste ich als Autorin noch Melissa Mathison hinzuschreiben, denn das Buch enthält nicht nur 200 Fotos aus dem Film und von den Dreharbeiten sowie Interviews mit dem Regisseur, den Schauspielern und dem Produktionsteam, sondern auch das komplette von Mathison verfasste Drehbuch. Natürlich besteht der größte Teil der anderen Texte aus Selbstbeweihräucherung, aber man erhält doch einen recht guten Eindruck von der Entstehung des Films. Es wird auch kurz auf die Neuveröffentlichung des restaurierten und um einige Szenen erweiterten Films eingegangen, die ebenfalls zum 20. Jahrestag erschienen ist. Insgesamt ist das Buch durchaus nicht uninteressant, vor allem wenn man bedenkt, dass es inzwischen für wenig Geld verramscht wird. Den vollen Preis (25 Talerchen) hätte ich aber keinesfalls dafür bezahlt. (18.04.2006)

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179
Dune Frank Herbert: Dune
New English Library, Jahr unbekannt
605 Seiten

Mehr als 10.000 Jahre sind seit dem Kreuzzug der Menschen gegen die "Denkmaschinen" vergangen. Seit diesem heiligen Krieg sind künstliche Intelligenzen geächtet – nirgendwo werden mehr komplexe Computer verwendet. Besonders begabte Menschen, so genannte Mentaten, haben ihre Stelle eingenommen. Die Menschheit hat sich über zahlreiche Planeten ausgebreitet. Sie lebt in einem feudalen Herrschaftssystem mit einem Imperator an der Spitze, der ganze Planeten als Lehen vergibt. Ihm gegenüber stehen die adeligen Hohen Häuser, die sich aufgrund alter Fehden untereinander bekriegen. Es kommt allerdings nur sehr selten zum offenen Kampf, denn durch die überall im Imperium verwendete Schutzschild-Technologie verbietet sich der Einsatz schwerer Waffen von selbst. Stattdessen sind Intrigen, Mordanschläge und Duelle von Mann zu Mann an der Tagesordnung.

Im Hintergrund zieht die Schwesternschaft der Bene Gesserit die Fäden. Ordensschwestern befinden sich ganz in der Nähe der Schaltstellen der Macht, ohne jedoch selbst öffentlich Macht auszuüben. Die Schwesternschaft bemüht sich seit Jahrtausenden, einen Übermenschen zu erschaffen: Den Kwisatz Haderach. Zu diesem Zweck kontrolliert sie die Blutlinien der Hohen Häuser und versorgt die Adligen mit eigens ausgebildeten Konkubinen. Die Raumgilde hält das Monopol für den interstellaren Raumflug und ist damit die vierte Macht im Imperium, denn ohne Raumfahrt würde das Reich in unzählige kleine, isolierte Enklaven zerbrechen. Die wertvollste Substanz des Universums ist das Spice. Das Spice, auch Melange genannt, hat eine lebensverlängernde Wirkung, vor allem aber ermöglicht es eine Erweiterung des Bewusstseins. Ohne das Spice wäre die interstellare Raumfahrt nicht möglich. Man findet das Spice nur auf einem einzigen Planeten, einer lebensfeindlichen Wüstenwelt namens Dune.

Im Jahre 10.191 nach Gründung der Raumgilde erhält Herzog Leto Atreides den Wüstenplaneten zum Lehen. Er verlegt seinen Hof von Caladan dorthin, obwohl er weiß, dass Dune eine Falle ist, in der sein alter Feind, Baron Vladimir Harkonnen, ihn fangen will. Leto ahnt nicht, wie tief der Imperator Shaddam IV. in diese Intrige verstrickt ist. Leto ist so mächtig im Landsraad (der Vereinigung der Hohen Häuser) geworden, dass der Imperator ihn für eine Bedrohung seiner Position hält. Deshalb schickt er dem intriganten Baron Harkonnen Legionen seiner unbesiegbaren Sardaukar, die kurzen Prozess mit dem Herzog machen. Lady Jessica, Letos Konkubine, und sein Sohn Paul müssen in die Wüste fliehen. Doch Paul ist alles andere als hilflos. Durch das Spice entwickelt er besondere Kräfte und in den Fremen, die die Wüsten Dunes bewohnen, findet er mächtige Verbündete. Für die Fremen ist er der Lisan-al-Gaib, der Messias, der sie in die Freiheit führen wird…

Zu diesem Klassiker der Science Fiction – Literatur muss ich eigentlich nichts mehr sagen. Obwohl er ein ganz anderes Thema hat als Tolkiens Meisterwerk, wird der Roman oft mit Der Herr der Ringe verglichen. Der Vergleich hinkt zwar, ist aber zumindest insoweit berechtigt, als auch in "Dune" ein unglaublich komplexes, genau ausgearbeitetes fiktives Universum vor dem Leser ausgebreitet wird. Das ist auch schon der Hauptgrund dafür, warum der Roman mich immer wieder fasziniert. Die vordergründige Handlung ist relativ einfach gestrickt – aber sie ist ja auch nur sozusagen der Stichwortgeber für ein kompliziertes Geflecht unterschiedlichster Interessen und abgefeimter Intrigen. Jeder hat Pläne innerhalb von Plänen innerhalb von Plänen…

Genau wie "Der Her der Ringe" habe ich auch dieses Buch schon mehrmals in deutscher Übersetzung gelesen, was mir das Verständnis des englischen Originals ungemein erleichtert hat. Dennoch war ich gezwungen, dem Text wesentlich aufmerksamer zu folgen, was den interessanten Nebeneffekt hatte, dass ich Nuancen und Details entdeckt habe, die mir früher entgangen sind oder an die ich mich zumindest nicht erinnere. (09.04.2006)


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178
Donovans Gehirn Curt Siodmak: Donovans Gehirn
Heyne 1984
204 Seiten

Dr. Patrick Cory ist Arzt, sein Spezialgebiet ist die Hirnforschung. Er führt schon seit geraumer Zeit Experimente mit Affenhirnen durch, die er vom Körper trennt und künstlich am Leben erhält. Er hat sich seinen Forschungen voll und ganz verschrieben – moralische Bedenken gibt es für ihn nicht und nichts außer seinen Experimenten ist ihm wichtig. Eines Tages bietet sich ihm eine einmalige Gelegenheit. Er wird zum Absturzort eines kleinen Flugzeugs im Gebirge gerufen. Es gibt nur zwei Überlebende, und einer ist so schwer verletzt, dass er wenig später stirbt. Cory zögert nicht: Er entnimmt dem Sterbenden das Gehirn und konserviert es auf die gleiche Weise, wie er es schon mit den Affenhirnen getan hat. Der Versuch gelingt: Das Gehirn überlebt und ist sogar bei Bewusstsein. Corys Versuchsobjekt ist der Millionär Warren Horace Donovan, ein skrupelloser Mann ohne jegliches Mitgefühl, der seine eigene Frau in den Tod getrieben und sich in seinem Leben nur Feinde gemacht hat. Cory hält das Experiment geheim, so dass Donovan offiziell als tot gilt.

In den nächsten Tagen unternimmt Cory jede erdenkliche Anstrengung, Kontakt mit dem isolierten Gehirn aufzunehmen. Dieser Kontakt kommt schließlich auf telepathischem Wege tatsächlich zustande, doch er ist einseitig. Cory kann die Gedanken des Gehirns nicht lesen, dieses ist aber in der Lage, Corys Körper zu übernehmen und ihn zu steuern. Diese Kontrolle wird immer stärker. Cory muss feststellen, dass er sich Donovans Einfluss nicht mehr entziehen kann. So wird er zum hilflosen Gefangenen in seinem eigenen Körper und muss miterleben, wie das Gehirn darangeht, seine Pläne zu verwirklichen. Donovan (oder das, was von ihm übrig ist) ist von der fixen Idee besessen, den Tod seiner Frau wieder gutzumachen – und zur Verwirklichung dieses Ziels geht er über Leichen. Auch Corys Frau gerät in Gefahr, als sie versucht, Donovan aufzuhalten…

Dies ist einer der Klassiker der SF-Literatur, ein Roman aus dem Jahre 1942. Auf den ersten Blick ist es lediglich eine weitere jener Geschichten über einen realitätsfernen "Mad Scientist", der von seiner eigenen Schöpfung bedroht wird. Auf dieser Ebene funktioniert der Roman recht gut, allerdings kommt Corys Sinneswandel dann doch etwas zu schnell. Erst ist seine Frau ihm völlig egal – sie ist gerade noch nützlich, weil sie ihm das Essen bringt, ansonsten vergisst er sie auch schon mal in der Stadt und fährt allein nach Hause – aber als sie in Gefahr gerät, bringt ihn das schier zur Verzweiflung. Und am Ende ist Cory geläutert, es herrscht wieder eitel Sonnenschein. Das geht alles etwas zu schnell und zu glatt.

Anderswo habe ich gelesen, Siodmak habe sich über diesen Roman mit der Bedrohung durch die Nazis auseinandergesetzt. Das ist zwar eine durchaus plausible Interpretation, allerdings wäre ich allein durch die Lektüre des Romans nicht darauf gekommen. (02.04.2006)


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177
Elling 4 Ingvar Ambjörnsen: Lieb mich morgen
Piper 2005
287 Seiten

Elling hat ein Problem. Eigentlich hat er zwei Probleme, denn er ist verliebt. Doch wirklich schlimm ist nur, dass Kjell Bjarne zu Reidun Nordsletten gezogen ist. Seitdem lebt Elling nämlich allein – und so bleibt es nicht aus, dass er verwahrlost, ohne es zu bemerken. Erst als es zwischen Kjell Bjarne und Reidun schon allmählich zu kriseln beginnt, werden die beiden auf Ellings Tief aufmerksam. Sie unterziehen seine Wohnung einer Grundreinigung. Auch Elling begreift, dass er so nicht weitermachen kann (schon gar nicht, da er sich einredet, dass er dabei ist, eine feste Beziehung zu seiner Angebeteten einzugehen), und nimmt sich vor, sich künftig zusammenzureißen.

Elling glaubt, er habe sich in eine junge Frau verliebt, die in einer Würstchenbude arbeitet. Natürlich ist er um nichts in der Welt bereit, sie einfach so anzusprechen. Aber er hat Glück: Lone, wie sein Schwarm heißt, hat eines Abends ein Buch über Menschen dabei, die von Außerirdischen entführt wurden. Um sich für Lone interessanter zu machen, erfindet Elling eine Geschichte, der zufolge auch er regelmäßig auf UFOs gebracht und dort als Untersuchungsobjekt für alle möglichen unappetitlichen Experimente missbraucht wird. Elling wäre nicht Elling, wenn das nur Lügen wären. Nein: Er beginnt selbst nach und nach, an die Wahrheit dieser Geschichten zu glauben.

Tatsächlich schafft er es, das Interesse der jungen Frau zu wecken. Sie geht mit ihm in ein Café (das Elling natürlich schon Tage vorher genauestens untersucht) und stellt ihn sogar ihrer Tante Elise vor, die ebenfalls an die Existenz von UFOs und so weiter glaubt. Leider steht Ellings Fabulierwahn niemals still. Und so dichtet er Lone sogleich eine ganze Armee von verflossenen Liebhabern an, auf die er rasend eifersüchtig ist…

Dies ist der vierte Roman über Elling, den Sonderling aus Norwegen. Bei der Lektüre des dritten Buchs konnte man den Eindruck gewinnen, Elling sei inzwischen so allmählich in der wirklichen Welt angekommen und er finde sich inzwischen besser in der Realität zurecht. Das wird jetzt aber alles wieder in Frage gestellt. Elling hat einen Rückfall in seine schlimmsten Zeiten. Genauer gesagt: Elling entwickelt Verhaltensweisen, die den Leser vermuten lassen, dass er jetzt wirklich den Verstand verliert und zu einem sogar gefährlichen Psychopathen wird. Seine Vorliebe für Damenunterwäsche, die er sich entweder über den Kopf stülpt oder die er auf herkömmlichere Art und Weise trägt, ist da noch eher als harmlos zu bezeichnen – so wie sein immer deutlicher zum Ausdruck kommender Hang zum Exhibitionismus.

Was wirklich beunruhigend ist, ist die Persönlichkeitsspaltung, der er offensichtlich unterliegt. Immer wieder phantasiert er von einem Mann Namens Oliver Grotte. Dieser heimatlose Killer ist natürlich nur ein Teil von Ellings offenbar multipler Persönlichkeit, und er tritt immer dann auf, wenn jemand getötet werden muss, der Elling irgendwie im Weg steht. Elling versteckt sich dann meistens im Keller. Natürlich finden diese Morde nur in Ellings Phantasie statt, aber sie verleihen dieser Figur, die man bisher zwar für leicht verrückt, aber insgesamt für harmlos und irgendwie sympathisch gehalten hat, einige ganz und gar unschöne Züge.

Wie immer phantasiert Elling sich die unmöglichsten Dinge über alles und jeden zurecht. So bleibt es bis zuletzt offen, in welcher Beziehung er wirklich zu Lone steht. Da man alles aus Ellings Blickwinkel miterlebt, der immer um einige Winkelgrade neben der Realität liegt, erfährt man bis zuletzt nicht, was Lone in ihm gesehen hat und ob er tatsächlich eine Chance bei ihr gehabt hätte.

Sollte es jemals einen fünften Band der Elling-Serie geben, dann kann man nur hoffen, dass Oliver Grotte sich nicht vollends in den Vordergrund drängt... (15.03.2006)


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176
Ein Getüm kommt selten allein Dietlind Neven-du-Mont: Ein Getüm kommt selten allein
rororo 1974
93 Seiten

Inhalt und Kommentar: Siehe "Das Getüm"

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175
Das Getüm Dietlind Neven-du-Mont: Das Getüm
rororo 1972
90 Seiten

Eigentlich sind die Ungetüme ja ausgestorben. Die wenigen, die noch übrig sind, sind nach China ausgewandert, wo sie als Drachen verehrt werden. Oder sie verstecken sich, zum Beispiel im Loch Ness. Allerdings gibt es da noch die Getüme. So wie es Menschen und Unmenschen gibt, gibt es natürlich auch Ungetüme und Getüme. Die Getüme sind meistens ziemlich klein, grün und ungezogen. Sie richten sich gern in Bücherregalen ein, schleppen immer allen möglichen Krimskrams in Kindergartentäschchen mit sich herum und werden leicht mit Fröschen verwechselt. In der Via Scalabrini in Rom gibt es ein Haus, in dem Getüme und Ungetüme friedlich miteinander leben – und Daisy, bei der man nicht so genau weiß, ob sie ein Ungetüm ist, obwohl sie wie eins kocht.

Doch eines Tages gibt es Ärger in der Via Scalabrini, denn Dinoys Pfandl, ein Freund der Getüme und Ungetüme, ist dummerweise in die Politik gegangen, nachdem er dem jungen Ungetüm Anatol für dessen Heldentat (Anatol hat zwei Bankräuber mit einem überdimensionierten Marmeladenbrot gefangen) einige ausrangierte Omnibusse als Belohnung verschafft hat. Da Dinoys Pfandl so unvorsichtig war, Anatol darum zu bitten, für ihn einige Straßenstücke zu klauen – eines von Pfandls Lieblingsprojekten ist eine Umgehungsstraße – bleibt die Existenz der Getüme und Ungetüme in der Via Scalabrini kein Geheimnis mehr. Und so lungern alsbald Horden von Reportern und Touristen vor, in und um das Haus herum auf die Gelegenheit, eines dieser Geschöpfe abzulichten oder wenigstens zu Gesicht zu kriegen...

Zugegeben: Die beiden dünnen Getüm-Bücher sind eigentlich für Kinder gedacht. Und man hat sie in maximal einer Stunde durchgelesen. Aber der lässige Stil, in dem sie verfasst sind und die vielen witzigen Ideen machen sie zu einem auch für Erwachsene amüsanten Lesevergnügen. Hauptsächlich bestehen beide Bücher aus den haarsträubenden Geschichten, die das Getüm zum Besten gibt und die selbstverständlich überhaupt nicht gelogen sind. Erst in Band 2 wird so etwas wie eine Story erkennbar, aber die ist so schnell wieder zu Ende, dass sie sich gar nicht erst richtig entwickeln kann. Aber irgendwie ist das egal, witzig sind beide Bücher allemal. Sie eignen sich übrigens bestens zum Vorlesen. Die von der Autorin selbst gezeichneten Illustrationen sind dann sozusagen das i-Tüpfelchen. (15.03.2006)

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174
PAN-THAU-RA 3 Marc Hillefeld: Perry Rhodan PAN-THAU-RA 3 – Die Quantenfestung
Heyne 2006
494 Seiten

Eine ausführliche Zusammenfassung zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke dieses Archivs - einfach hier klicken!

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173
Gespräch mit einem Vampir Anne Rice: Gespräch mit einem Vampir
Goldmann 2004
288 Seiten

Ein junger Journalist erhält die Chance seines Lebens: Der Vampir Louis du Pointe du Lac, ein ehemaliger Plantagenbesitzer aus Louisiana, der im 18. Jahrhundert von dem Vampir Lestat in einen Untoten verwandelt wurde, gibt ihm ein Interview. Louis erzählt die Geschichte seines »Lebens« nach dem Tod, seiner Feindschaft zu Lestat und seiner Liebe zu dem kleinen Mädchen Claudia, welches er selbst zusammen mit Lestat in eine Vampirin verwandelt hat.

Louis leidet von Anfang an unter seiner neuen Existenz, denn er betrachtet das Töten von Menschen, an deren Blut er sich laben muss, um selbst weiterleben zu können, als unverzeihliche Sünde. Louis hat Mitleid mit den Menschen und empfindet Hass für Lestat, der sogar noch mit seinen Opfern spielt, bevor er sie ohne jegliche Emotion oder sogar mit Vergnügen tötet. Lestat hat Louis nur deshalb zu einem Vampir gemacht, um die Möglichkeit zu haben, mit dessen Geld seine Verschwendungssucht zu befriedigen. Diese Tatsache trägt nicht unerheblich zu der Abneigung bei, die Louis seinem Schöpfer entgegenbringt.

In der Waise Claudia glaubt Louis eine echte Gefährtin für sein unsterbliches Dasein gefunden zu haben. Zusammen mit Lestat macht er Claudia zu seinesgleichen, um in den nächsten Jahren wie ein Vater für sie zu sorgen. Doch das Kind verändert sich auf erschreckende Weise: Der Körper der Vampirin altert zwar nicht mehr, aber ihr Geist entwickelt sich weiter, bis Claudia zu einer Erwachsenen mit der Erfahrung vieler Jahrzehnte im Körper eines kleinen Mädchens wird. Claudia hasst Lestat womöglich noch mehr als Louis und versucht ihn zu vernichten. Dies gelingt beinahe, doch dann müssen Louis und Claudia fliehen.

Nachdem sie in Osteuropa nur Vampire finden, die nicht mehr als geistlose Monstren sind, begegnen Louis und Claudia in Paris anderen Wesen ihrer Art. Deren Anführer Armand fühlt sich sehr zu Louis hingezogen. Er glaubt, dessen innere Zerrissenheit, die typisch für das neue Zeitalter sei, dem Armand sich entfremdet hat, würde es ihm ermöglichen, neuen Lebensmut zu finden. Doch dieser Beziehung steht Claudia im Weg – und Lestat, der immer noch lebt, ist bereits auf dem Weg nach Paris…

Ich kannte von Anne Rice bisher nur das Buch Engel der Verdammten und hatte nach diesem Flop einen weiten Bogen um ihre anderen Romane gemacht. Das wäre, wie ich jetzt weiß, eigentlich nicht nötig gewesen, denn »Engel der Verdammten« muss ein Tiefpunkt im Werk von Anne Rice sein. Wenn man den Roman mit dem so viel besseren »Gespräch mit einem Vampir« vergleicht, erkennt man deutliche Parallelen, aber auch gravierende Unterschiede – und zwar lustigerweise gerade bei den Parallelen!

Der wichtigste Bestandteil beider Romane ist nämlich die Beschreibung der Gefühls- und Gedankenwelt der Hauptpersonen. Wo das bei »Engel der Verdammten« nur in langweiligem, belanglosem Geschwätz versandet, da wird man bei »Gespräch mit einem Vampir« geradezu hypnotisiert von den Seelenqualen, die Louis ertragen muss, da er sich zwar körperlich in einen Vampir verwandelt hat, geistig aber immer noch der Menschenwelt verhaftet ist. Seine Suche nach einem tieferen Sinn der vampirischen Existenz wird so nachvollziehbar geschildert, wie das bei einem so phantastischen Thema überhaupt möglich ist. Die eindrucksvolle Darstellung der absoluten Fremdartigkeit der anderen Vampire, die nichts mehr mit den Sterblichen gemein haben, ist eine weitere Stärke des Romans.

Im Gegensatz zu dem anderen Roman kommt aber auch die Handlung nicht zu kurz, wenn man auch sagen muss, dass sie ein wenig langatmig und mit – für meinen Geschmack – etwas zu viel »Schnulzigkeit« vorgetragen wird. Sie bleibt aber bis zuletzt spannend. Und nicht zuletzt lebt der Roman von seiner überzeugenden Atmosphäre, die dem Vampirmythos einige neue Aspekte verleiht (man darf nicht vergessen, dass der Roman aus dem Jahr 1976 stammt). (05.03.2006)


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172
Eine Trillion Euro Andreas Eschbach (Hrsg.): Eine Trillion Euro
Bastei Lübbe 2004
464 Seiten

Ich weiß nicht, ob der Titel dieser Anthologie suggerieren soll, es handele sich um eine Fortsetzung von Andreas Eschbachs Roman »Eine Billion Euro«. Solltet ihr das erwarten, dann lasst euch warnen: Mit besagtem Roman hat diese Kurzgeschichtensammlung nichts zu tun. Aus Andreas Eschbachs Feder stammen nur die erste, titelgebende Geschichte des Bands, sowie Kurzvorstellungen der anderen darin versammelten Autoren. Das sollte euch aber nicht vom Kauf abhalten, denn Andreas Eschbach hat hier einige wirklich hervorragende und ganz unterschiedliche Geschichten zusammengestellt, die eigentlich nur eines gemeinsam haben: Sie stammen alle von europäischen Autoren. Aus dem deutschsprachigen Raum sind neben Eschbach die von mir sehr geschätzten Leo Lukas, Michael Marrak und Wolfgang Jeschke vertreten, außerdem Marcus Hammerschmitt, den ich bisher aber noch nicht kannte, und dessen Beitrag zu dieser Anthologie ein wenig aus dem Rahmen fällt, da sie kaum bzw. keine Elemente der Phantastik enthält. Zu meiner großen Überraschung enthält das Buch sogar eine sehr nette (allerdings recht drastische) Cyberpunk-Kurzgeschichte von einem griechischen Autor. Ich hatte bis dato keine Ahnung, dass es auch in Griechenland eine SF-Szene gibt…

Ob die 17 Kurzgeschichten einen repräsentativen Querschnitt durch die europäische SF darstellen, weiß ich nicht, aber nach Eschbachs Erläuterungen kann man wohl davon ausgehen. Sie bieten jedenfalls einen sehr guten Überblick über diverse Subgenres der Phantastik und enthalten ganz unterschiedliche Zukunftsentwürfe. Einige wurden offenbar sogar eigens für diese Anthologie geschrieben. Sehr unterhaltsam sind sie alle – also greift ruhig zu. Für mich war die Anthologie jedenfalls ein Anreiz, mehr von dem einen oder anderen Autor zu lesen. (19.02.2006)

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171
Die häßlichen Schwäne Arkadi und Boris Strugazki: Die häßlichen Schwäne
Heyne 1982
224 Seiten

Der Schriftsteller Viktor Banev lebt in einer Stadt, in der es seit Jahren ununterbrochen regnet. Einst war die Stadt ein berühmter Kurort, doch jetzt leben dort nur noch korrupte Politiker, vergnügungssüchtige, dekadente Bohemiens (zu denen auch Banev gehört), die brutalen Schläger einer Miliz – und die so genannten Naßmänner. Diese Menschen scheinen unter einer Erbkrankheit zu leiden, die dazu führt, dass sie ihre Haut stets feucht halten müssen, um zu überleben. Anstelle von normaler Nahrung scheinen sie nur Bücher zu benötigen. Die Nassmänner werden in einer Art Konzentrationslager eingesperrt, das als Leprosorium bezeichnet wird, offenbar werden auch diverse Experimente mit ihnen durchgeführt. Sie scheinen sich aber nicht besonders für die Machenschaften der Regierung zu interessieren. Stattdessen scharen sie die Kinder der Stadt um sich. Die Jugendlichen sind fasziniert von den Naßmännern und entwickeln sich – möglicherweise unter ihrem Einfluss – zu wahren Wunderkindern.

Auch Banevs Tochter ist eines dieser jugendlichen Genies. Bei einem Gespräch mit einer Gruppe dieser Kinder stellt Banev mit Entsetzen fest, dass diese sich von der Welt ihrer Eltern abkehren. Sie wollen eine neue Welt erschaffen und empfinden weder für die alte Welt noch für die Erwachsenen irgendwelche Gefühle. Als die Machthaber der Stadt versuchen, Banev für ihre Zwecke einzuspannen (er soll einen diskreditierenden Artikel über die Naßmänner schreiben), mischt er sich in die Konflikte ein. Doch die Entwicklung verläuft auch ohne ihn, denn die Kinder und die Naßmänner haben eine höhere Evolutionsstufe erreicht und besitzen Kräfte, von denen die Menschen keine Ahnung haben…

Ich habe gelesen, dieser Roman enthalte so viel Kritik an den damaligen Verhältnissen in der ehemaligen Sowjetunion, dass er dort nicht erscheinen durfte. Nun kenne ich diese Verhältnisse nicht gut genug und verstehe deshalb die meisten Anspielungen nicht – wahrscheinlich entgeht mir deshalb der größte Teil dessen, was den Roman ausmacht. Genauer gesagt: Das meiste, was da so geschieht, bleibt für mich leider rätselhaft. Im Grunde ist das Werk gar kein Roman, d.h. die Geschichte lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen und ist eigentlich auch nebensächlich. Die längsten Passagen bestehen aus Banevs philosophischen und moralischen Betrachtungen. Die allerdings sind, wie man es von den Strugatzkis nicht anders kennt, eloquent und ironisch formuliert. (12.02.2006)

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170
Gute Drachen sind rar J. R. R. Tolkien: Gute Drachen sind rar
Klett-Cotta 2000
214 Seiten, gebunden

Dieser Band enthält folgende drei Aufsätze von Tolkien:

Ein heimliches Laster
Hier gibt Tolkien einiges über sich selbst preis, indem er über das Vergnügen schreibt, das ihm das Erfinden von Sprachen bereitet. Man erfährt so einiges über die von ihm in jungen Jahren selbst entwickelten Sprachen »Animalic« und »Nevbosh« und versteht (wenn man es nicht schon wusste), dass Tolkien weit mehr leistet, als sich nur ein paar fremd klingende Begriffe auszudenken, eine Grammatik zu ersinnen und eine Sprachgeschichte hinzuzudichten: Ihm geht es vor allem auch um die Ästhetik der fiktiven Sprachen.

Über Märchen
Eigentlich dreht dieser Artikel sich weniger um das, was man nach den Gebrüdern Grimm als Märchen betrachtet, sondern um die so genannten »Fairy-Stories«, also Geschichten über das (oder aus dem) Reich der Feen (oder Elben). Tolkien erörtert, was der Ursprung dieser Geschichten ist und warum man sie nicht als Kinderkram abtun sollte. Mehrmals bringt er sein Missfallen über die gängige Praxis zum Ausdruck, dass Märchen immer wieder »kindgerecht bearbeitet« (also verstümmelt) werden, wodurch sie ihren eigentlichen Wert oder ihre ursprüngliche Aussage verlieren und zu belanglosem Kitsch verkommen.

Beowulf: Die Ungeheuer und ihre Kritiker
Dieser Aufsatz ist eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung Tolkiens mit der Kritik, die an dem von Tolkien übersetzten altenglischen Heldengedicht Beowulf geübt worden ist. Der Text ist nur schwer zugänglich, wenn man den Beowulf nicht gelesen hat, und selbst wenn man ihn gelesen hat (wie ich), wird man immer noch Probleme mit dem Verständnis haben, da sehr viel auf Sekundärliteratur angespielt wird, die hierzulande völlig unbekannt ist – schließlich hat der Beowulf in Deutschland bei weitem nicht die Bedeutung wie im englischsprachigen Raum. Hinzu kommen sehr viele Zitate in angelsächsischer (?) Sprache, die nicht übersetzt wurden.

Diese Aufsätze sind zwar hochinteressant, wenn man Tolkiens Intentionen verstehen will. Wer sie aber in der Erwartung einer Fantasy-Geschichte o.ä. liest, der dürfte enttäuscht haben. Mit dem Herrn der Ringe und Mittelerde haben die Texte nämlich nichts zu tun. (05.02.2006)

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169
Start zu den Sternen Wilhelm Peter Herzog: Start zu den Sternen
Franz Schneider Verlag 1959
160 Seiten, gebunden

Michael, dessen Eltern bei einem Flugzeugabsturz um Leben gekommen sind, wohnt bei seinem Onkel auf einer Südseeinsel und arbeitet auf dessen Farm zusammen mit seinem Freund Taluga, einem Polynesier. Eines Tages unternehmen Michael und Taluga einen Ausflug mit einer Segeljacht. Sie wollen eine Insel besuchen, auf der es angeblich spukt. Dort kommen sie auch an, aber anders, als sie es sich gedacht haben: Ein Taifun zerschlägt die Jacht und wirft die beiden jungen Männer an den Strand der Insel. Sie staunen nicht schlecht, als ihnen dort zunächst ein riesiges, intelligentes und recht zutrauliches Spinnenwesen begegnet und als sie wenig später ein raketenförmiges Raumschiff sehen, das mitten in einem Dorf der Inselbewohner steht.

Das Raumschiff gehört humanoiden Außerirdischen vom Tatan, dem siebzehnten Planeten des Sirius. Um eine Hungersnot von ihrer Welt abzuwenden, auf der ein Virus die meisten Nutzpflanzen vernichtet hat, wollen die Tatanen geeignete Pflanzen von der Erde holen, um diese auf dem Tatan anzubauen. Dazu brauchen sie die Hilfe menschlicher Berater – und da kommen Michael und Taluga gerade recht. Häuptling Papahu, Chef der Inselbewohner und skrupelloser Geschäftsmann, nimmt die beiden jungen Männer gefangen und betäubt sie mit einem Schlafmittel. Den Tatanen erzählt er, es sei Michaels und Talugas sehnlichster Wunsch, mit zum Tatan zu fliegen. Er selbst verschwindet kurz nach dem Start des Raumschiffs mit all dem Gold, das er den Tatanen für minderwertige Waren abgeknöpft hat.

Als Michael und Taluga wieder zu sich kommen, befinden sie sich bereits auf dem Raumschiff der Tatanen hoch über der Erde. Tatsächlich ist besonders Michael von der Aussicht, einen fremden Planeten zu besuchen, hellauf begeistert, und bietet den freundlichen Außerirdischen freiwillig seine Hilfe an. Die beiden Menschen finden schnell heraus, dass Häuptling Papahu den Tatanen, deren ganzer Planet ein einziges friedliches Paradies ist, finstere Schauergeschichten über die Grausamkeit der Menschen erzählt hat. Es dauert eine Weile, bis sie die Tatanen davon überzeugt haben, dass nicht alle Menschen blutrünstige Wilde sind. Als sie darangehen, den Tatanen beim Anbau irdischer Pflanzen zu helfen, müssen sie feststellen, dass Papahu die Tatanen auch hierbei betrogen hat: Der Reis, den er ihnen verkauft hat, ist nicht keimfähig…

Die Story ist recht einfach gestrickt und leider viel zu schnell zu Ende. Sie sprüht aber noch vor jenem viel zitierten »Sense of Wonder« früher SF-Romane, der auch heute noch funktioniert, aber kaum nachgeahmt werden kann. Positiv zu vermerken ist auch, dass die Außerirdischen in dieser Geschichte keine finsteren Bösewichte oder blutrünstigen Eroberer sind, sondern friedliebende Leute, die zum Beispiel entsetzt sind, als Taluga gesteht, dass er gern ein gebratenes Huhn essen würde. Die Gewalttätigkeit der Menschen untereinander übersteigt ihr Begriffsvermögen. Das ist für SF-Romane der Fünfzigerjahre nicht unbedingt typisch.

Die aus heutiger Sicht etwas naiv wirkenden Beschreibungen der technischen Errungenschaften der Tatanen haben einen ganz eigenen Charme. Sie verwenden beispielsweise Lochkarten, um ihre Maschinen zu programmieren…

Es ist mir leider nicht möglich, dieses Buch objektiv zu bewerten. Es gehört nämlich zu meinen frühesten Leseerfahrungen auf dem Gebiet der Science Fiction und es jetzt, nach Jahrzehnten, erneut zu lesen, ist für mich Nostalgie pur. Warum das so ist und wie ich überhaupt zu diesem Jugendbuch gekommen bin, ist eine längere Geschichte, mit der ich euch nicht langweilen will. Das Buch dürfte übrigens nur noch antiquarisch erhältlich sein. (04.02.2006)


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168
Jonathan Strange Susanna Clarke: Jonathan Strange & Mr. Norrell
Berliner Taschenbuch Verlag 2005
1021 Seiten

Anfang des 19. Jahrhunderts ist die Zauberei weitgehend aus England verschwunden. Die so genannten Zauberer sind nicht mehr als ein Herrenclub, in dem zwar viel debattiert, aber nichts bewirkt wird, denn über magische Kräfte verfügt keiner von ihnen – sie sind nur theoretische Zauberer. Da taucht ein gewisser Mr. Norrell auf, der für sich in Anspruch nimmt, der einzige praktizierende Zauberer Englands zu sein. Seine Kunst stellt er sogleich unter Beweis, indem er die steinernen Statuen einer Kirche zum Sprechen bringt. Die theoretischen Zauberer waren so leichtsinnig, ihn für ihresgleichen zu halten und haben sich deshalb im Vertrauen auf Norrells Scheitern darauf eingelassen, einen Handel mit ihm abzuschließen. Da jedoch niemand seinen Erfolg anzweifeln kann, sind sie verpflichtet, ihren Zaubererclub aufzulösen. Fortan dürfen sie sich nicht mehr als Zauberer bezeichnen. Norrells Ziel ist es nämlich, die wahre Zauberei – oder das, was er dafür hält – nach England zurückzubringen. Um dieses Ziel zu erreichen, verdrängt er alle eventuellen Konkurrenten und bringt alle erreichbaren Zauberbücher in seinen Besitz. Seiner Meinung nach muss die Magie wie ein Wissenschaftszweig studiert und ebenso angewendet werden.

Nachdem er seine Position auf diese Weise gefestigt hat, stellt Norrell seine Fähigkeiten in den Dienst der Regierung. Doch zunächst muss er die Aufmerksamkeit des Adels gewinnen. Zu diesem Zweck ruft er die jüngst verstorbene Ehefrau eines Ministers ins Leben zurück, was ihm nur durch die Anrufung eines zweifelhaften Wesens aus der Elfenwelt gelingt. Dieser Elf, den man nur als den Herrn mit dem Haar wie Distelwolle kennt, hegt eine tiefe Abneigung gegen alle menschlichen Zauberer und entwickelt sich insgeheim zu Norrells schlimmstem Widersacher. Norrells Ruhm wächst schnell, als er seinen Landsleuten durch Magie einige Erfolge im Krieg gegen Frankreich verschafft. Als die Anforderungen immer größer werden, nimmt er einen Schüler auf, was ihn nicht wenig Überwindung kostet, denn nichts widerstrebt ihm mehr, als sein Wissen mit anderen zu teilen. Norrells Schüler, Jonathan Strange, erweist sich als ungemein gelehrig und als begabter, als es Norrell lieb sein kann. Ein Konflikt der beiden Zauberer bahnt sich schon früh an, doch zunächst ist Strange im Ausland beschäftigt, wo er Wellington gegen die Franzosen unterstützt.

Nach Stranges Rückkehr spitzt die Lage sich zu. Es kommt zum Bruch zwischen den Zauberern, denn beide haben unterschiedliche Auffassungen darüber, was die wahre Magie sei und wie sie nach England zurückgebracht werden könne. Der Herr mit dem Haar wie Distelwolle hat bereits die von Norrel ins Leben zurückgerufene Frau des Ministers mit einem Zauberbann belegt. Jetzt belegt er Strange mit einem Fluch und raubt ihm das, was ihm am wertvollsten ist (was Strange erst jetzt richtig begreift): Seine Ehefrau. Strange muss feststellen, dass er seine Frau nicht allein retten kann. Um dem Herrn mit dem Haar wie Distelwolle gegenübertreten zu können, braucht er die Hilfe des mächtigsten Zauberers, der je gelebt hat: Des Rabenkönigs. Und diesen kann er nicht allein beschwören – dies kann ihm nur mit der Unterstützung seines alten Widersachers Norrell gelingen…

Dieses Buch hat einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlassen. Zunächst einmal haben mir die Vermischung von Elementen der Fantasy und des Historischen Romans, das Zusammentreffen realer und fiktiver Personen sowie die Verquickung historischer und phantastischer Ereignisse sehr gut gefallen. Der ironische Stil des Romans, sein Wortwitz und die elegante Sprache tragen nicht unerheblich dazu bei, dass ich ihn wegen der Schwächen, die ich gleich noch erwähnen werde, nicht für misslungen halte. Der Stil wird oft mit Jane Austen verglichen. Da ich von dieser Autorin nichts kenne, kann ich das weder bestätigen noch bestreiten, aber wenn ich diesen Roman lese, denke ich unwillkürlich an eine uralte Fernsehserie: »Das Haus am Eaton Place«. Wer die kennt, wird wissen, was ich meine.

Leider wird in diesem Roman nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern gleich mehrere. Und das nicht nur im normalen Text, sondern auch in unzähligen Fußnoten, die sich teilweise über zwei Seiten erstrecken! Man muss diese Fußnoten zwar nicht lesen, d.h. man versteht die Geschichte auch ohne sie. Aber natürlich liest man sie aus Neugier doch und wird deshalb immer wieder aus der Geschichte herausgerissen. Diese Geschwätzigkeit, d.h. das Abschweifen in Details und das seitenlange Ausarbeiten von Wendungen, die für die Story a) nicht wichtig sind und die b) den Lesefluss nicht unerheblich stören, findet man leider besonders in den ersten zwei Dritteln des Romans in jedem einzelnen Kapitel. Über weite Strecken hinweg hat man den Eindruck, dass die Autorin nicht so recht wusste, wie die Geschichte sich überhaupt entwickeln soll, oder dass sie sich in allzu ausführlichen Beschreibungen verzettelte, um all ihre Ideen zwischen zwei Buchdeckel quetschen zu können. Man erhält eine Unmenge an Hintergrund-Informationen. Es prasseln Unmengen an phantasievollen und witzigen Details auf den Leser herein. Dadurch wird eine glaubwürdige Welt mit einer wunderbaren Atmosphäre erschaffen – aber es ist teilweise einfach viel zu viel des Guten. Zeitweise musste ich mich regelrecht durch all die Längen und Abweichungen kämpfen. Mehr als einmal habe ich mir gewünscht, die Autorin möge endlich auf den Punkt kommen!

Das geschieht dann endlich im letzten Drittel, als Jonathan Stranges Frau... aber das will ich nicht verraten. Jetzt endlich nimmt die Geschichte Fahrt auf und konzentriert sich mehr oder weniger auf diese Sache sowie auf die Auseinandersetzung zwischen Strange und Norrell. Jetzt kann man richtig mitfiebern und es zeigt sich, dass die ausführliche Charakterzeichnung die richtige Wirkung erzielt hat: Man wünscht sich, dass für Strange alles gut ausgeht, während man dem Herrn mit dem Haar wie Distelwolle die Pest an den Hals wünscht.

Der Roman ist nichts für zwischendurch, man kann nicht einfach mal ein paar Seiten lesen und sich dann etwas anderem zuwenden. Man muss dranbleiben und am besten einige Stunden am Stück dafür investieren. Wer sich auf diesen Schreibstil einlässt und viel Geduld mitbringt, der wird dieses Buch sicher lieben. Für ungeduldige Naturen, die es nicht ertragen, nach 300 Seiten noch nicht zu wissen, was das Ganze eigentlich soll, ist es allerdings absolut nicht zu empfehlen. (30.01.2006)


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167
Susannah Stephen King: Susannah
Heyne 2005
494 Seiten

Die Schlacht gegen die Wölfe ist gewonnen – in der Calla Bryn Sturgis wird gefeiert. Die hochschwangere Susannah flieht vor ihren Freunden durch eine magische Tür ins New York des Jahres 1999. Genau genommen ist es nicht Susannah, die Roland, Eddie und Jake auf diese Weise im Stich lässt, sondern der Dämon Mia, von dem Susannah besessen ist. Dieser Dämon kann Susannahs Körper kontrollieren. Nur wenn Mia einverstanden ist, kann Susannah selbst irgend etwas tun – und das gestattet Mia ihr nur, wenn sie sich in der ihr völlig fremden Umgebung einer modernen Großstadt nicht zurechtfindet. Mias einziges Ziel ist es, den »Kleinen Kerl« auszutragen und ihn den Schergen des Scharlachroten Königs auszuliefern. Susannah begreift, dass der Dämon ein sehr naives Wesen sein muss, denn Mia glaubt, man würde es ihr erlauben, das Kind großzuziehen. Doch davon kann, da ist Susannah sicher, keine Rede sein. Von Mia erfährt Susannah, dass Roland der Vater des Kindes sein muss – auf eine recht bizarre Art und Weise hat der Dämon sich damals, zu Beginn von Rolands Suche nach dem Dunklen Turm, in den Besitz des Spermas des Revolvermanns gebracht. Das Kind, dem Mia den Namen Mordred geben will, soll Rolands Untergang sein. Mordred, so glaubt Mia, wird eines Tages der stärkste Brecher sein, den es je gegeben hat, und er wird den Dunklen Turm endgültig zum Einsturz bringen.

Susannahs Gefährten folgen ihr durch die magische Tür, doch sie materialisieren nicht am gewünschten Ort oder zur gewünschten Zeit. Während Jake, der von Father Callahan begleitet wird, tatsächlich das Jahr 1999 und die Stadt New York erreicht (allerdings einige Stunden nach Susannah/Mia), verschlägt es Roland und Eddie nach Neuengland und ins Jahr 1977. Dort werden sie schon von Gangstern erwartet – Mia hat sie an den Scharlachroten König verraten. Roland und Eddie trotzen der Übermacht und können entkommen. Sie nehmen Kontakt mit Calvin Tower auf, dem sie endlich das Grundstück abkaufen, auf dem die geheimnisvolle Rose steht. Dann machen sie sich auf den Weg, jenen Schriftsteller aufzusuchen, von dem das Buch stammt, in dem ihr Freund Father Callahan vorkommt: Stephen King…

Jake und Callahan bringen derweil die gefährliche magische Kugel, die Schwarze Dreizehn, in Sicherheit. Jedenfalls glauben sie das, denn sie nehmen an, die Schließfächer in der U-Bahn-Station unter dem World Trade Center seien der sicherste Ort der Welt. Dann machen sie sich auf den Weg zu einer Spelunke namens Dixie Pig, einem von Niederen Männern und Vampiren heimgesuchten Ort, wo in diesen Augenblicken Rolands Sohn zur Welt kommt.

Es kommt mir so vor, als seien die letzten drei Romane des Zyklus um den Dunklen Turm ein einziges, zusammenhängendes Buch, denn anders als in den vorigen Romanen gibt es praktisch keine Brüche und keine zeitlichen Lücken zwischen den einzelnen Bänden. Der vorletzte Roman beginnt wenige Stunden nach dem blutigen Kampf gegen die so genannten Wölfe (bei denen es sich um Roboter handelt) und er endet mit einem waschechten Cliffhanger. Der Roman teilt also das Schicksal des mittleren Teils aller Trilogien: Die Geschichte muss zwar weitergeführt werden, die ganzen über die Jahre hinweg aufgebauten Rätsel und Geheimnisse dürfen aber nicht aufgelöst werden. Man erfährt denn auch weiterhin kaum etwas über Sinn und Zweck des Turms und der Rose, ebenso wenig wird von den Zielen des Scharlachroten Königs und seiner Anhänger verraten. Man muss sich mit kleinen Andeutungen und Hinweisen zufrieden geben, aber immerhin kommt die Handlung, die in Band IV und V ja ziemlich ins Stocken geraten ist, wenigstens ein klein wenig weiter.

Im Gegensatz zu den beiden letzten Büchern entsteht diesmal so gut wie keine »Western-Atmosphäre«, schließlich spielt die Handlung in verschiedenen Versionen unserer gegenwärtigen Welt. Und das gefällt mir sehr gut. Weniger gut gefällt mir inzwischen, wie lange King braucht, um die Geschichte voranzutreiben. Irgendwann hat man die Nase voll davon, zu lesen, was für ein Früchtchen Mia ist und welche Probleme Susannah mit ihr hat. Man möchte dem Autor gern zurufen, dass man es inzwischen begriffen hat und dass er nicht noch zehn Kapitel damit füllen muss! Diese Langatmigkeit beginnt allmählich wirklich zu nerven, zumal der Zyklus sich ja nun dem Ende nähert, ohne dass man etwas wirklich Entscheidendes erfahren hätte. Dem gegenüber steht natürlich wieder die ausführliche Charakterzeichnung, die schon immer Kings Stärke war. Der Schwerpunkt liegt diesmal, wie der Titel des Romans bereits vermuten lässt, auf Susannah. King schafft es sehr gut, dieser fiktiven Person Leben einzuhauchen. Nur – die gute Frau interessiert mich nicht besonders. Roland interessiert mich – seine Geschichte, seine Motivationen – und darüber hat man bisher noch immer viel zu wenig erfahren.

Zu guter Letzt schreibt King sich auch noch selbst in diesen Roman hinein. Nicht nur das: Er arbeitet an seinem eigenen Mythos und versucht, all seine früheren Romane quasi als Bestandteil des Zyklus um den Dunklen Turm zu deuten. Das kann man nun glauben, man kann es auch lassen. Die Frage ist: Tritt King nur wegen des Effekts persönlich in seinem eigenen Roman auf oder hatte dieser Auftritt einen tieferen Sinn? In welcher Beziehung steht der Roman-King zum Dunklen Turm? Auch diese Fragen können wohl erst durch den letzten Band beantwortet werden, aber bei mir hat dieser Kunstgriff einen recht zwiespältigen Eindruck hinterlassen.


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166
Frank McCourt Frank McCourt: Ein rundherum tolles Land
Luchterhand 1999
488 Seiten, gebunden

Das Buch fängt da an, wo »Die Asche meiner Mutter« endet. Frank McCourt wandert mit 19 Jahren in die USA aus, lässt das Elend in seiner Heimat, der irischen Stadt Limerick, hinter sich, und fängt in New York ein neues Leben an. Seine Lebensverhältnisse dort sind allerdings zunächst auch nicht viel besser und er leidet unter seinen entzündeten Augen, seinem starken irischen Akzent und dem Bewusstsein tiefer Sünde – denn er geht nicht mehr zur Beichte. Er hält sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs über Wasser, tritt in die Army ein, wird dort Schreibstubensoldat und schafft es nach vielen Jahren tatsächlich, Lehrer an einer High School zu werden und zu heiraten. Seine Mutter kommt für einige Zeit nach New York, aber dadurch entstehen nur zusätzliche Spannungen. Er besucht seinen Vater in Belfast, doch der erkennt ihn noch nicht einmal…. Seine Ehe geht in die Brüche. 1984 stirbt seine Mutter, 1985 sein Vater. Das Buch endet mit einer Szene, in der McCourt die Asche seiner Mutter auf einem Friedhof in Limerick verstreut.

Ich muss sagen, dass Frank McCourt mir durch dieses Buch trotz des Wortwitzes, der amüsanten Anekdoten und der eindringlichen Schilderung der USA in der frühen Nachkriegszeit ziemlich unsympathisch geworden ist. Ständig bemitleidet er sich selbst wegen der harten Lebensumstände, die er sich selbst zuzuschreiben hat, da er sein Geld lieber in Kneipen versäuft, als etwas aus sich zu machen. Er will nicht auf seine so genannte Freiheit verzichten, ohne jemals etwas mit dieser Freiheit anzufangen oder überhaupt zu wissen, wohin sie ihn führen soll – zu mehr als nie verwirklichten Träumereien und Luftschlössern reicht es nicht, und im Grunde besteht diese Freiheit nur darin, sich nicht um die Menschen zu kümmern, die ihm etwas bedeuten (sollten), sondern stundenlang am Tresen zu sitzen und sich sinnlos zu betrinken. Gleichzeitig beneidet er »die anderen«, also alle Leute, die genau den Lebenswandel führen, den er glaubt verachten zu müssen. Und bei alldem schimmert immer wieder ein kindischer Stolz auf seinen eigenen unsteten Lebenswandel durch, den er auch noch für typisch irisch zu halten scheint. Gegen Ende des Buchs versandet all das ein wenig, scheinbar hat McCourt durch Ehe und Tochter doch zu etwas mehr Stabilität in seinem Leben gefunden. Man hätte meinen können, durch seine harte Jugend hätte er etwas gelernt. Wenn das so ist, dann hat es verdammt lang gedauert, bis er aufgehört hat, sich wie sein eigener Vater zu benehmen, dem er das ganze Elend überhaupt zu verdanken hat…

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165
Malevil Robert Merle: Malevil
Aufbau Taschenbuch Verlag 2004
551 Seiten

Am »Tag X«, als der größte Teil der menschlichen Zivilisation durch einen Atomkrieg ausgelöscht wird, halten sich der Bauer Emmanuel Comte, seine Haushälterin und einige seiner Freunde gerade im Weinkeller der Burg Malevil in Südfrankreich auf. Im Schutz der meterdicken Burgmauern und einer Felswand, in deren Schatten die Anlage liegt, überleben sie den Atomschlag. Sie haben Glück: Die Burg ist fast völlig unversehrt geblieben, sogar einige Stalltiere haben überlebt. Das Land ringsum ist jedoch in eine Wüste verwandelt worden: Das Nachbardorf existiert nicht mehr, vom Wald stehen nur noch verkohlte Stümpfe und die Felder sind von einer Ascheschicht bedeckt. Es gibt allerdings keinen Fallout, denn es scheinen nur »saubere« Bomben eingesetzt worden zu sein. Emmanuel und seine Leute haben also gute Chancen, die nächsten Jahre zu überleben. Doch wofür sollten sie weiterleben, da sie doch womöglich die letzten Menschen sind?

Die Bewohner Malevils schöpfen neue Hoffnung, als weitere Überlebende auftauchen. So entsteht aber auch gleich der erste Konflikt, denn das Oberhaupt der anderen Familie plant, die Burgbewohner einen nach dem anderen zu ermorden und sich selbst in Malevil einzunisten. Emmanuel ist gezwungen, den Mann zu töten. Dessen Hinterbliebene, die nur allzu froh sind, den Tyrannen los zu sein, werden in die Gemeinschaft Malevils integriert. Es gibt auch noch Menschen im benachbarten Städtchen La Roque, doch dort hat sich ebenfalls ein Despot breit gemacht. Ein falscher Priester hat mit Hilfe einiger ihm ergebener Schergen ein System der Angst und der gegenseitigen Bespitzelung eingerichtet. Er hat es geschafft, alle Vorräte an sich zu raffen, und beherrscht nun die zwanzig Überlebenden des Städtchens, indem er nur denjenigen Personen Lebensmittel zuteilt, die sich ihm beugen. Auch ihm ist die freizügige Gemeinschaft Malevils, in der alles allen gehört, ein Dorn im Auge, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es auch zwischen Malevil und La Roque zum offenen Kampf kommen wird. Emmanuel richtet sich auf die Verteidigung ein, und er tut gut daran, denn es gibt noch weitaus gefährlichere Gegner: Gesetzlose Plündererbanden durchstreifen das verwüstete Land…

Dieser Roman stammt eigentlich aus dem Jahre 1972, als die Angst vor einem Atomkrieg noch akut war, obwohl man – wie offensichtlich auch der Autor – relativ wenig über die Folgen eines globalen Einsatzes nuklearer Waffen wusste. So halte ich es für eher unwahrscheinlich, dass die Natur sich so rasch regenerieren kann, wie es in diesem Roman beschrieben wird, oder dass es lediglich zu einer vorübergehenden Verfinsterung des Himmels kommt. Die Folgen wären sicherlich weitaus schwerer und ein Leben in der Form, wie es die Leute in Malevil und La Roque genießen können, wäre sicher unmöglich. Über den Zustand des Landes außerhalb der ziemlich in sich abgeschlossenen ländlichen Gegend, in der Malevil liegt, erfährt man praktisch nichts. Es muss zwar auch anderenorts Überlebende geben – schließlich haben die Burgbewohner es mehrmals mit Plünderern zu tun – aber warum der Atomkrieg denn nun überhaupt ausgebrochen ist, ob alle Länder so schwer betroffen sind wie Frankreich und so weiter, bleibt unklar.

Das ist aber schon alles, was ich an Kritikpunkten vorbringen kann. Denn der Roman ist ansonsten einfach nur hervorragend. Es wird eine fesselnde Endzeit-Geschichte erzählt, in der immer wieder »typisch französische« Eigenheiten der Leute und der Gegend durchschimmern, in der alles stattfindet. Dabei verfällt der Autor nicht in billige Effekthascherei. Die Folgen des Atomkriegs und die Kämpfe mit den Plünderern usw. stehen gar nicht so sehr im Mittelpunkt und es dauert auch eine Weile, bis es überhaupt zum »Tag X« kommt. Zunächst werden die Hauptpersonen durch Rückblenden (Erinnerungen des Ich-Erzählers Emmanuel an seine Kindheit) vorgestellt, und hier zeigt sich schon eine Stärke des Autors: Mit wenigen Zeilen schafft er es, allen Haupt- und Nebenfiguren so viel Leben einzuhauchen, dass man sie fast bildlich vor sich sieht und dass man sie ins Herz schließt. Das gleiche gilt auch für das Umfeld, in dem sich alles abspielt. Man versteht sofort: Die Leute haben noch Glück im Unglück, denn sie sind Bauern, die ohnehin recht naturverbunden gelebt haben und sich auch ohne die Hilfe von Maschinen versorgen können. Andere Autoren brauchen hunderte von Seiten, bis sie dem Leser so etwas verständlich gemacht haben. Nach dem Fall der Bombe konzentriert der Roman sich zunächst auf die Beziehungen der Burgbewohner untereinander und auf ihre Versuche, zu einer annähernd normalen Lebensweise zurückzufinden, die auch auf Dauer Bestand haben kann. Es ist spannend zu lesen, wie die Menschen mit all den Schwierigkeiten zurechtkommen und wie sie sich gegen die Plünderer wehren. Robert Merle beschreibt all dies sehr eindringlich und mit feinem Witz, ohne jemals in die Trivialität abzugleiten.

Emmanuel steht als Ich–Erzähler im Mittelpunkt und man erlebt alles aus seinem Blickwinkel. Nur selten wird ein Kommentar einer anderen Hauptperson eingeschoben, der andere Aspekte hervorhebt. Emmanuel hat begriffen, dass die »alte Welt« untergegangen ist und dass andere Gesetze gelten müssen, wenn die Menschheit überleben und nicht in Barbarei zurückfallen soll. Diese Erkenntnis setzt er mit aller Konsequenz um. Emmanuel tritt zwar nicht für den Anarchismus ein – schließlich betrachtet er sich selbst als Autoritätsperson, dessen Befehlen im Notfall widerspruchslos Folge geleistet werden muss, später wird er sogar Gegenstand religiöser Verehrung – aber er will auch kein Alleinherrscher sein. In Malevil herrschen fast sozialistische Verhältnisse, aber da die Gruppe klein ist, gehört tatsächlich alles der Gemeinschaft, und die Gemeinschaft entscheidet über alles. Gegenüber Außenseitern, die diese Gemeinschaft bedrohen, geht Emmanuel mit rücksichtsloser Brutalität vor – allerdings bleibt ihm auch keine andere Wahl…


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164
Der König von Narnia C.S. Lewis: Der König von Narnia (Die Chroniken von Narnia Band 2)
Ueberreuter 2005
163 Seiten, gebunden

Im zweiten Weltkrieg werden viele Kinder wegen der deutschen Luftangriffe auf London zu Verwandten aufs Land geschickt. So ergeht es auch den Geschwistern Peter, Susan, Edmund und Lucy. Sie werden im riesigen alten Haus ihres Onkels einquartiert. Dort entdeckt Lucy, das jüngste Kind, in einem alten Kleiderschrank eine Tür in eine andere Welt – Narnia. Dort sind seit Pollys und Digorys Abenteuern Jahrtausende vergangen. Seit Aslan die Welt verlassen hat, liegt Narnia unter dem Bann der ehemaligen Königin Jadis, die jetzt nur noch als die Weiße Hexe bekannt ist. Sie hat viele böse Wesen um sich geschart, für einen nie endenden Winter gesorgt und eine Schreckensherrschaft errichtet. Wer es wagt, sich ihr entgegenzustellen, den verwandelt sie in Stein oder lässt ihn von ihren Schergen töten. Edmund gerät unter den Bann der Hexe und verrät seine Geschwister an sie. Es liegt der Hexe viel daran, der Kinder habhaft zu werden, denn eine alte Legende besagt, dass der Tag ihres Todes gekommen sei, wenn wieder vier Menschen auf den Thronen Narnias sitzen. Doch die Hexe hat nicht mit der Wiederkehr Aslans gerechnet. Der gewaltige Löwe bringt den Frühling zurück und kann auch Edmund retten – aber er muss den höchsten Preis dafür zahlen.

Kommentar siehe "Das Wunder von Narnia"

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163
Das Wunder von Narnia C.S. Lewis: Das Wunder von Narnia (Die Chroniken von Narnia Band 1)
Ueberreuter 2002
168 Seiten, gebunden

Digory, dessen Mutter todkrank ist, lebt Ende des neunzehnten Jahrhunderts bei Onkel und Tante in London. Er freundet sich mit Polly an, die im Nachbarhaus wohnt. Gemeinsam erkunden die Kinder die miteinander verbundenen Dachböden und geraten so unversehens ins Arbeitszimmer von Digorys Onkel Andrew. Der verschrobene Kauz hat einige magische Ringe hergestellt, mit der er andere Welten zu erreichen hofft. Da er ebenso feige wie skrupellos ist, missbraucht er die Kinder für ein Experiment und zwingt sie, die Ringe überzustreifen. So gelangen die Kinder in die sterbende Welt Charn, wo Digory unabsichtlich die grausame Königin Jadis befreit, die ihr gesamtes Volk in einem Krieg um die Macht geopfert hat. Zusammen mit den Kindern gelangt Jadis nach London, wo sie zwar ihre Zauberkräfte verliert, nicht aber ihre Arroganz. Beim Versuch, die Macht an sich zu reißen, erregt sie zunächst einmal nur öffentliches Ärgernis. Polly und Digory versuchen, Jadis wieder aus dieser Welt zu entfernen, und gelangen auf diese Weise in eine Welt, die gerade erst entsteht. Sie werden Zeuge, wie Aslan, der mächtige Löwe, die Welt Narnia und alle Fabelwesen, die sei bewohnen, mit seinem Lied in die Existenz singt. Doch die Menschen sind verantwortlich dafür, dass das Böse in diese erst wenige Stunden alte Welt gelangt.

Chronologisch gesehen ist "Das Wunder von Narnia" die erste von sieben Geschichten, die in dieser Fantasywelt spielen, denn in diesem Buch wird diese Welt ja erst erschaffen. "Der König von Narnia" ist allerdings das älteste Buch der Reihe, d.h. es ist das erste Buch, das C.S. Lewis geschrieben hat. Die sieben Narnia-Bücher sind fester Bestandteil der Jugendliteratur in England. Hierzulande wird dieses Werk vermutlich erst nach der Verfilmung, die seit Dezember 2005 in den Kinos ist, so richtig bekannt werden. Ich kenne die Geschichte zwar schon seit vielen Jahren, habe aber bisher noch nie ein Buch aus dieser Reihe gelesen. Diesem Mangel habe ich jetzt schleunigst abgeholfen, denn ich lese lieber erst das Buch, bevor ich mir eine Verfilmung ansehe.

Genau wie der Film, so sind auch die Bücher eigentlich für Kinder gedacht. Der Autor verwendet eine sehr einfache Sprache und spricht seine jungen Leser öfters so an, wie man mit Kindern redet. Das Staunen der Menschen, die Narnia zum ersten Mal betreten, steht im Zentrum der Geschichte. Dem gegenüber treten die eigentlichen Abenteuer, die die Kinder dort erleben, eher in den Hintergrund. Die große Schlacht zwischen den Heeren Aslans und der Hexe wird zum Beispiel in einem einzigen Absatz abgehandelt. Die Geschichte ist bei weitem nicht so episch wie "Der Herr der Ringe" oder selbst der "Hobbit", und man sollte diese Werke am besten nicht miteinander vergleichen (was übrigens auch für die Verfilmungen gilt). Auf den wenigen Seiten der beiden Bücher, die ich nun endlich gelesen habe, entfaltet sich dennoch ein phantastisches Bild – C.S. Lewis braucht nur wenige Absätze, um das märchenhafte Narnia vor dem inneren Auge des Lesers entstehen zu lassen. Es sind vor allem einzelne Bilder, die sich einprägen, zum Beispiel die verlassene Stadt unter der sterbenden Sonne in der Welt Charn, Aslans Opfer auf dem Steintisch oder das Bild einer Straßenlaterne mitten im tief verschneiten Wald.

Ich lese immer wieder, christliche Grundgedanken seien ein wichtiges Thema dieser Bücher. Das mag stimmen, denn man hat es schließlich in Band 1 mit einer Schöpfungsgeschichte samt Sündenfall zu tun und in Band 2 sind Themen wie Opfer und Auferstehung nicht zu übersehen.


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162
Die Trümmersphäre Andreas Brandhorst: Perry Rhodan PAN-THAU-RA 2 - Die Trümmersphäre
Heyne 2006
495 Seiten

Eine ausführliche Zusammenfassung zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke dieses Archivs - einfach hier klicken!

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161
Die Schlacht von Corrin Brian Herbert / Kevin J. Anderson: Die Schlacht von Corrin
Heyne 2005
862 Seiten

Der Kreuzzug gegen die Denkmaschinen tobt auch über 50 Jahre nach Serena Butlers Tod mit unverminderter Härte, ohne dass eine der beiden Seiten einen entscheidenden Sieg erringen konnte. Die Liga der Edlen verfügt mit den Holtzman-Schilden über einen effektiven Schutz und kann Raumschiffe mit dem neuartigen Faltraum-Antrieb erheblich schneller an jeden Ort des Universums bringen, als es den Robotern des Computer-Allgeists Omnius möglich ist. Omnius kann zum Ausgleich die schiere zahlenmäßige Überlegenheit seiner Flotten in die Waagschale werfen. Norma Cenva experimentiert mit einer lebensverlängernden Droge, die auf dem Wüstenplaneten Arrakis gefunden wurde, und entdeckt dabei völlig neue Möglichkeiten der Navigation im Weltraum. Allerdings zahlt sie einen hohen Preis dafür, denn unter den hohen Dosen der Droge beginnt ihr Körper sich zu verändern. Auf Arrakis spaltet der Stamm der Freien Menschen sich auf, denn die traditionsbewussten Anhänger des verstorbenen Helden Selim Wurmreiter lehnen es ab, sich bei den Außenweltlern anzubiedern, die auf Arrakis nach dem "Gewürz" suchen.

Eine völlig neue Situation tritt ein, als menschliche Verräter für Omnius eine tödliche Seuche entwickeln, die innerhalb kürzester Zeit Milliarden von Menschen in der Liga der Edlen tötet, und als erkannt wird, dass das "Gewürz" ein probates Gegenmittel ist. Arrakis wird von Gewürzsuchern geradezu überrannt. Gleichzeitig übernehmen die "Zauberinnen" von Rossak die Aufgabe, eine genetische Datenbank einzurichten, um die wichtigsten Blutlinien der von der Seuche geschwächten Menschheit zu erhalten. Omnius will die Schwäche der Menschen nutzen, um die Hauptwelt der Liga der Edlen mit geballter Kraft anzugreifen und zu vernichten. Unter der Führung des unsterblichen Kriegshelden Vorian Atreides setzt die Liga jedoch zum Gegenschlag an und entfesselt auf allen Synchronisierten Welten, auf denen die Roboter sich festgesetzt haben, einen nuklearen Holocaust. Der Tod von Millionen menschlicher Sklaven wird dabei in Kauf genommen. Corrin, die Hauptwelt des Allgeists Omnius, wird mit einem Netz aus Störfeldsatelliten abgeriegelt, eine starke Wachflotte wird zusätzlich dort positioniert. Doch es gibt noch andere Probleme, mit denen die Menschen fertig werden müssen. Auf einer von der Seuche gegeißelten Welt hebt Rayna Butler den Djihad auf eine neue Stufe. Jetzt richtet sich die Zerstörungswut der Menschen nicht mehr nur gegen Omnius und seine Denkmaschinen, sondern gegen jegliche höher entwickelte Technik.

Auch die "Titanen" (menschliche Gehirne in gewaltigen robotischen Kampfkörpern) und ihre Armee aus Neo-Cymeks haben noch ein Wörtchen mitzureden, denn durch die Isolation Corrins sind sie vor Nachstellungen durch Omnius sicher und können darangehen, ein neues Imperium aufzubauen. Diese Bedrohung muss zunächst neutralisiert werden, bevor die Menschen ihre Kräfte zum letzten Kampf sammeln können, durch den die Denkmaschinen für alle Zeit vernichtet werden sollen.

Den dritten und hoffentlich letzten Teil der Romane, in denen die früheste Vorgeschichte von Frank Herberts Meisterwerk "Der Wüstenplanet" erzählt wird, habe ich eigentlich nur deshalb gelesen, weil ich wissen wollte, wie diese Geschichte ausgeht. Frank Herberts Sohn Brian und Kevin J. Anderson unternehmen den vergeblichen Versuch, die Anfänge all dessen, was in "Der Wüstenplanet" zur Grundstruktur des fiktiven Universums gehört und worauf dort immer wieder Bezug genommen wird, zumindest anzudeuten. Man muss aber sagen: Es wäre besser gewesen, wenn dieser geschichtliche Hintergrund unangetastet geblieben wäre. Denn im Grunde ist das, was dem Leser hier geboten wird, ziemlich banal – es ist einfach eine beliebige Geschichte, die sich um die von Frank Herbert gemachten Vorgaben rankt und in der diese Vorgaben ein bisschen ausgebaut oder sogar umgedeutet werden. Die Hintergründe, die hier entwickelt werden, sind einfach zu dünn, sie kommen zu schnell oder sind wenig überzeugend ausgearbeitet. Man erhält fast den Eindruck, als wäre den Autoren nichts Gescheites mehr eingefallen und als hätten sie sich ziemlich lustlos etwas aus den Fingern gesogen, um die Prequel-Trilogie zu irgend einem Abschluss zu bringen. So wird alles, was in den vorherigen zwei Bänden wenigstens noch allmählich aufgebaut wurde, ganz knapp in wenigen Kapiteln abgefrühstückt. Dadurch wird all das, was in "Der Wüstenplanet" nur angedeutet worden ist und was den Status geheimnisvoller Legenden hatte, gnadenlos entmystifiziert – und dadurch wird es automatisch weniger interessant oder geradezu trivial.

In einem Internet-Diskussionsforum habe ich gelesen, dass jemand die Prequels als "Fan-Fiction" bezeichnete. Das trifft tatsächlich den Kern der Sache. Die Prequels lesen sich so, als wären sie von mäßig begabten Fans geschrieben worden. Es sind einfach gestrickte, belanglose und ziemlich stark aufgeblähte Geschichten, die in einem Umfeld spielen, das von Frank Herberts Werk inspiriert wurde – mehr nicht. Platte Action, zweidimensionale Charaktere und zahlreiche Ungereimtheiten machen die Lektüre zu einem zweifelhaften Vergnügen.

Ein weiterer Genickschlag wird dem Leser durch die deutsche Übersetzung verpasst. Besonders in der ersten Hälfte ist die Übersetzung so erbärmlich schlecht, dass man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann. Einen solch holprigen, unbeholfenen und oft genug schlicht falschen Satzbau muss man erstmal zustande bringen. Hinzu kommen unglaublich viele Schreibfehler. Bei den heutigen Buchpreisen ist das geradezu eine Frechheit.


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160
Jahrhundertwende Helmut Schmidt: Jahrhundertwende
Siedler 2000
250 Seiten

Helmut Schmidt wird zwar als Autor dieses Buchs bezeichnet, tatsächlich handelt es sich aber nicht um ein von ihm verfasstes Werk. Es enthält vielmehr die Gespräche, die Helmut Schmidt im Jahre 1997 mit Lee Kuan Yew, Jimmy Carter, Shimon Peres, Valéry Giscard d’Estaing, Ralf Dahrendorf, Michail Gorbatschow, Rainer Barzel, Henry Kissinger, Helmut Kohl und Henning Voscherau für die Fernsehserie "Am Ende des Jahrhunderts – Helmut Schmidt im Gespräch mit…" geführt hat. Die Sendungen wurden 1998 auf NDR und ARTE ausgestrahlt, die von Christoph Bertram moderierten Gespräche mussten dafür aber stark gekürzt werden. Einige der Sendungen habe ich damals gesehen und fand sie hoch interessant. In diesem Buch liegen die Gespräche ungekürzt vor und sind durchweg gut zu lesen, jedenfalls solange, wie sie nicht Parteiinterna oder andere Detailfragen deutscher Politik zum Thema haben, denn Parteipolitik habe ich schon immer als ziemlich langweilig empfunden. Schmidt und seine Gesprächspartner berichten über ihre politische Vergangenheit, sprechen aktuelle Missstände an, verschweigen aber auch nicht Fehler, die sie in ihrer aktiven Zeit selbst gemacht haben. Besonders interessant wird es dann, wenn Schmidt mit Leuten spricht, die einmal seine politischen Gegner waren, zum Beispiel Helmut Kohl, oder wenn seine Gesprächspartner erzählen, was sie über Helmut Schmidt denken.

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159
Der Engelsturm Tad Williams: Osten Ard 4 - Der Engelsturm
Fischer 2003
894 Seiten

Simon und Prinzessin Miriamel haben Josuas Lager heimlich verlassen, um das Schwert Hellnagel zu gewinnen. Denn Hellnagel ist mit Minneyar identisch, dem dritten Großen Schwert, das in König Johans Grab versteckt sein soll und mit dessen Hilfe die freien Völker Osten Ards den Sturmkönig besiegen wollen. Miriamel allerdings will versuchen, mit ihrem Vater, dem wahnsinnigen König Elias, zu sprechen. Sie glaubt erkannt zu haben, dass er sich nur deshalb von Pryrates und dem Sturmkönig hat umgarnen lassen, um mit ihrer Hilfe seine tote Frau wiederzugewinnen. Der Troll Binabik ist den beiden mit seiner Wölfin gefolgt und tatsächlich erreichen sie die Begräbnisstätte in der Nähe des Hochhorsts völlig unbehelligt. Unterwegs kommen Simon und Miriamel sich zwar näher, aber ihre Beziehung ist und bleibt zunächst einmal hoch kompliziert. Als sie in Johans Grabhügel hinabsteigen, müssen sie mit Entsetzen feststellen, dass das Schwert verschwunden ist. Bevor sie sich noch Gedanken darüber machen können, ob es vielleicht schon längst in die Hände ihrer Feinde gefallen ist, rutscht Simon nach einem Angriff der unheimlichen Bukken in die Tiefe und muss sich allein in den lichtlosen Katakomben unter dem Hochhorst zurechtfinden. Während Binabik und Miriamel den Unterirdischen begegnen – einem Zweigvolk der Sithi – hat Simon eine weit weniger angenehme Begegnung mit einem alten Bekannten…

Nach der Befreiung von Hernystir machen die Sithi und ein kleiner, von Graf Eolair angeführter Trupp menschlicher Krieger sich auf den Weg zur von Nornen besetzten Burg Naglimund. Nach heftigem Kampf fällt die Burg zwar, doch etwas verbirgt sich in ihrem Inneren, das den Angreifern beharrlich widersteht. Mit Maegwin, die den Trupp begleitet hat, geht nach der Schlacht eine beunruhigende Veränderung vor. Sie scheint sich rettungslos auf der so genannten Straße der Träume verirrt zu haben, die auch Simon immer wieder in ihren Bann zieht. Die Sithi müssen weiterziehen. Sie schließen sich Josuas Kämpfern an, die bereits dabei sind, das Reich Nabban für sich zu gewinnen. Ein Mordanschlag der Nornen auf Camaris ist fehlgeschlagen und nun kehrt der alte Ritter zum Land seiner Ahnen zurück, um dort als rechtmäßiger Herrscher den Usurpator, Herzog Benigaris, zu vertreiben. Die Krieger folgen ihm begeistert – nichts scheint dem gewaltigen Ritter und dessen Schwert Dorn widerstehen zu können. Doch Benigaris, der seinen eigenen Vater ermordet hat, um die Macht über das Land zu gewinnen, stellt sich Camaris entgegen.

Die vereinigten Heere der freien Menschen planen den Weitermarsch zum Hochhorst. Dort arbeitet Pryrates an seinen geheimnisvollen Ränken, während Elias unter dem unheilvollen Einfluss des Schwerts Leid immer mehr in geistige Umnachtung fällt und sich in etwas verwandelt, das nicht mehr ganz menschlich ist. Keiner der großen Heerführer der Menschen ahnt, welche Absichten die Nornenkönigin Utuk’ku und der Sturmkönig Ineluki wirklich verfolgen und welche Rollen die Großen Schwerter – und nicht zuletzt Simon – in diesen Plänen zu spielen haben…

Der vierte und letzte Band des Osten Ard – Zyklus führt alle Handlungsstränge zu einem furiosen Finale zusammen und beantwortet (was ich nicht geglaubt hätte) alle wichtigen offenen Fragen. Das ist schon mal ein sehr großer Pluspunkt, der den ganzen Zyklus rückschauend betrachtet nochmals aufwertet. Die Tatsache, dass ich es schade fand, das Buch nach der letzten Seite zuklappen zu müssen, ist der zweite große Pluspunkt. Es beweist nämlich, dass die Lektüre keine "Pflichterfüllung" war, sondern ein Genuss. Wenn ein Autor es schafft, die fiktiven Figuren eines Romans so zum Leben zu erwecken, dass man sich entweder über ihr Hinscheiden im Roman grämt oder traurig ist, nach dem Ende der Geschichte quasi Abschied von ihnen nehmen zu müssen, dann hat er alles richtig gemacht. Und das ist beim Osten Ard – Zyklus trotz aller Kritikpunkte (die ich schon früher zur Genüge ausgeführt habe und die im Verlauf des Zyklus immer mehr in den Hintergrund getreten sind) definitiv der Fall.

Dabei fängt Band 4 ein klein bisschen zäh an und schlägt beim großen Showdown etwas zu sehr über die Stränge. Das Beziehungsgerangel zwischen Simon und Miriamel zieht sich etwas zu sehr in die Länge – irgendwann hätte ich dem Autor am liebsten zugerufen, dass ich durchaus verstanden habe, was er mir sagen will… Diese Stellen hatten fast den Charakter einer TV-Soap (heutzutage nennt man diese Machwerke, glaube ich, "Telenovela") und wären nicht nötig gewesen. Dann das große Finale. Einige tausend Seiten lang ist man dem Autor in eine Welt gefolgt, in der Magie zwar sozusagen funktioniert, aber fast nie angewendet wird. Zauberei und dergleichen spielen jedenfalls im gesamten Zyklus nur untergeordnete Rollen. Dann wird plötzlich auf 150 Seiten ein Feuerwerk an magischen Kinkerlitzchen abgebrannt, das bei einer potentiellen Verfilmung wahrscheinlich zu einer Orgie computergenerierter Spezialeffekte mutieren würde. Das wirkt dann doch etwas zu dick aufgetragen. Immerhin muss man zugestehen, dass Williams nicht nach dem altbewährten Klischee eines heldenhaften Retters greift, der am Ende alles ins Lot bringt – soviel kann ich wohl verraten, ohne euch den Spaß an der Auflösung zu verderben. Und dass man diese 150 Seiten geradezu gierig verschlingt, ohne das Buch auch nur für eine halbe Minute beiseite legen zu können, dürfte klar sein! Nach dem Finale ist aber noch nicht alles zu Ende. In ziemlich gedrängter Form werden Leute wie ich, die Happy Endings mögen, zufrieden gestellt (auch hier verrate ich hoffentlich nicht zuviel). Selbst eine Nebenfigur wie Rachel der Drache kommt dabei zu ihrem Recht…

Insgesamt kann ich den Osten Ard – Zyklus jedem Fantasyfreund wärmstens ans Herz legen. Seht über die allzu offensichtlichen Parallelen zu anderen Werken der Fantasy und über die vielen Anleihen an historische Ereignisse der realen Welt großzügig hinweg. Verzeiht der einen oder anderen Hauptperson ihre manchmal allzu plakativen Charakterzüge (Simon Mondkalb vor allem). Und macht euch darauf gefasst, dass Tad Williams eine sehr weitschweifige, epische Erzählweise verwendet, die euch stellenweise, wenn ihr ungeduldige Naturen seid, möglicherweise langweilen wird. Ihr werdet hinterher aber bestimmt feststellen, dass ihr euch wünscht, der Zyklus möge noch endlos weitergehen…


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158
Tod und Teufel Frank Schätzing: Tod und Teufel
Goldmann 2003
509 Seiten

Köln Anno Domini 1260. Jacop, seiner roten Haare wegen "der Fuchs" genannt, ist ein Vagabund, ein Dieb und Flötenspieler. Als er eines Abends in einen Apfelbaum in der Nähe der Dombaustelle klettert, um sich sein Abendessen zusammenzustehlen, wird er Zeuge eines Mordes. Gerhard Morart, der Dombaumeister, wird von einem Unbekannten vom Baugerüst gestoßen und stürzt zu Tode. Jacop, dem der Schreck in die Knochen fährt, fällt vom Baum und findet sich unvermittelt am Boden neben dem Sterbenden nieder. Der flüstert ihm etwas ins Ohr, bevor er sein Leben aushaucht. Das wiederum wird vom Mörder beobachtet und von dieser Minute an ist Jacops Leben in Gefahr, denn Gerhard Morart wurde wegen einer Verschwörung ermordet, an der Kölner Bürger aus den höchsten Kreisen beteiligt sind.

Der dämonische Unbekannte, der Gerhard Morart ermordet hat, heftet sich auf Jacops Spuren und tötet jeden, mit dem der Vagabund Kontakt hatte, denn es könnte ja sein, dass dieser die letzten Worte des Dombaumeisters weitererzählt hat – und möglicherweise hat jener die Namen der Verschwörer verraten. Als Jacop merkt, dass er verfolgt wird, sucht er Zuflucht bei der Färberstochter Richmodis. Der Dechant Jaspar Rodenkirchen, ein Saufbruder von Richmodis’ Vater, ansonsten aber ein heller Kopf, hilft Jacop bei der Enträtselung des Falles. Doch Urquhart, der Mörder, und seine Auftraggeber bemerken schnell, dass und von wem Jacop Hilfe erhalten hat. Wieder bringt der Vagabund seine Freunde in tödliche Gefahr. Wer mögen die Verschwörer sein? Der Mord am Dombaumeister diente nur dem Zweck, einen lästigen Mitwisser zu beseitigen. Was also haben die Verschwörer überhaupt vor und was sind ihre Motive?

Es mag sein, dass die in diesem Roman beschriebenen Verhältnisse in Köln Mitte des 13. Jahrhunderts gut recherchiert sind, dass die Geschichte auf realen Ereignissen basiert oder an sie anknüpft und dass das Buch deshalb für einen Kölner wegen des Lokalkolorits einen gewissen Unterhaltungswert hat. Wer allerdings einen guten historischen Roman erwartet oder wenigstens einen spannenden Krimi lesen möchte, der sollte lieber zu irgend einem anderen Buch greifen, aber nicht zu diesem Machwerk, das ich so unerträglich fand, dass ich mich immer nur kapitelweise in langen Abständen hindurchkämpfen konnte (ich lese grundsätzlich jedes Buch zu Ende, mit dem ich erstmal angefangen habe)!

Als historischer Roman taugt dieses Buch meiner Ansicht nach nichts. Das fängt schon mit der Sprechweise aller Personen an: Die Menschen des 13. Jahrhunderts haben wohl kaum so cool-flapsig dahergeplappert wie Jacop, Richmodis und Jaspar. Und sie haben mit Sicherheit keine Amerikanismen wie zum Beispiel die Redewendung "nicht wirklich" und ähnliche andere, die im Text immer wieder vorkommen, verwendet. Durch die Sprechweise aller Figuren wird jegliche mittelalterliche Atmosphäre von Anfang an zerstört. Überhaupt sind die Charaktere viel zu "modern" angelegt. Man kommt nicht umhin zu denken, die Handlung könne ebenso gut auch heute stattfinden. Hinzu kommen einige Recherchefehler und Klischees. Es wird beispielsweise immer wieder von Hexenverbrennungen und so weiter gefaselt. Die hat es in der Handlungszeit, soweit ich weiß, zwar durchaus schon gegeben, aber das waren ganz vereinzelte Fälle und noch keineswegs ein solch fanatisch blindes Wüten, wie es im Roman behauptet wird.

Diese ganzen Schwächen versucht der Autor durch lange Passagen auszugleichen, in denen jemand (meist Jaspar) irgendwelche historischen Ereignisse herunterbetet. Nur leider tragen die sehr wenig (wenn überhaupt) zur Handlung bei und sind eigentlich nur langweilig. Endlose schulmeisterliche Belehrungen dieser Art haben in einem Roman nichts verloren – wenigstens sollte man sich dabei kurz fassen und sie aufs Notwendigste beschränken, denn sie bremsen die Handlung einfach nur aus.

Ebenso langweilig, unglaubwürdig und unbefriedigend ist die Kriminalgeschichte an sich. Die Bedrohung durch Urquhart verpufft wirkungslos, weil er es einfach nicht schafft, Jacop und seine Freunde um die Ecke zu bringen. Die Art und Weise, wie er stattdessen immer wieder ausgetrickst oder sogar verletzt wird, ist am Ende nur noch lächerlich. Ebenso lächerlich ist der ganze "Showdown" und die Leichtigkeit, mit der sich nach dem Ende des Bösewichts alles in Wohlgefallen auflöst. Sorry, aber dieses Buch ist für mich ein einziges Ärgernis.


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157
Das Buch der Deutschen Johannes Thiele (Hrsg.): Das Buch der Deutschen
Lübbe 2004
832 Seiten, gebunden

"Alles, was man kennen muss", lautet der Untertitel dieses dicken Wälzers. Alles, was man nach Meinung des Herausgebers kennen sollte, wenn man sich für Geschichte und Kultur Deutschlands interessiert, hätte man vielleicht eher sagen sollen. Denn die Auswahl der Texte, die in diesem Buch zusammengestellt sind, kann – wie der Herausgeber selbst in seinem ausführlichen Vorwort betont – niemals vollständig sein und sie ist stark subjektiv geprägt. Dem Buch liegt denn auch eine Karte bei, die man an den Verlag zurückschicken kann. Darin kann man selbst eintragen, welche anderen Texte man in der nächsten Auflage des Buchs sehen möchte und auf welche bereits vorhandenen verzichtet werden sollte. Das Projekt soll also nicht abgeschlossen sein, es soll sich weiter entwickeln.

Das Buch enthält eine Vielzahl unterschiedlichster Dokumente aus allen Epochen. Sie sind zeitlich gegliedert, den Anfang macht allerdings kein Deutscher, sondern ein Römer: Es ist ein Auszug aus der "Germania" des Tacitus. Am Schluss steht der Text von Herbert Grönemeyers Lied "Mensch" (und gerade dabei habe ich mich gefragt, warum man diesen Text kennen muss). Dazwischen finden sich beispielsweise ein kleiner Teil des Nibelungenlieds, Luthers Thesen, die Flugblätter der Weißen Rose, Auszüge aus dem Grundgesetz, aus dem Kommunistischen Manifest, aus diversen Romanen und so weiter, aber auch Sprichworte, Reden (z.B. die "Ruck-Rede" von Roman Herzog), weitere Liedtexte (auch von Volksliedern), Gedichte…

Die Texte sollen nicht nur die geschichtliche Entwicklung in Deutschland verdeutlichen, sie sollen auch zeigen, was eigentlich "deutsch" ist oder was verschiedene Autoren für das Wesen der Deutschen halten. Ich muss zugeben, dass ich die allermeisten Dokumente bisher nur dem Hörensagen nach kannte. Mal ehrlich: Wer von euch hat Luthers Thesen jemals gelesen, um nur ein Beispiel zu nennen? Jetzt kann man diese Bildungslücken schließen. Das Problem dabei: Viele Texte sind wirklich nur ganz kurze Auszüge längerer Werke und es gibt nur wenige erläuternde Kommentare dazu. Etwas mehr Erklärung wäre nützlich gewesen, man erfährt einfach zu wenig zum Hintergrund oder zur Vorgeschichte der Texte und Autoren. Das "Buch der Deutschen" ist eben kein Geschichtsbuch, sondern ein Geschichtenbuch, könnte man sagen. Ich vermisse auch ein Inhaltsverzeichnis: Das Buch ist zwar nach Epochen gegliedert, aber die einzelnen Artikel werden nirgends aufgelistet. Immerhin gibt es ein Register.

Jedenfalls ist das Buch hervorragend geeignet, um den Appetit des Lesers zu wecken – ich werde mir bestimmt einige Werke, aus denen zitiert wurde, demnächst zulegen.

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156
Dawn of the Dead George A. Romero / Susanna Sparrow: Dawn of the Dead
Dino 2004
236 Seiten

Eine schreckliche Seuche sucht die Menschheit heim: Die Toten bleiben nicht tot, sondern erheben sich wieder und fallen als hirnlose Zombies über die Lebenden her, um sie zu zerreißen und ihr Fleisch zu fressen. Wer von einem Zombie nur verletzt wird, stirbt innerhalb weniger Stunden und verwandelt sich dann ebenfalls in einen lebenden Toten, der nur noch von seiner Gier nach Fleisch vorangetrieben wird. Die Seuche breitet sich immer schneller aus und die Menge der Zombies vergrößert sich erschreckend schnell, denn die Menschen sind nicht in der Lage, angemessen zu reagieren. Wer wäre auch bereit, einem Verwandten, der sich nach dem Tod in einen Zombie verwandelt, eine Kugel durch den Kopf zu jagen oder den Schädel abzuschlagen – denn dies ist der einzige Weg, einen lebenden Toten aufzuhalten?

Nach und nach bricht die öffentliche Ordnung zusammen. Polizei und Nationalgarde sind nicht mehr in der Lage, gleichzeitig die Zombies und die Plünderer aufzuhalten, die das Land unsicher machen. Vier Menschen beschließen, die völlig von Zombies überrannte Stadt Philadelphia zu verlassen. Die Reporterin Francine Parker, ihr Freund, der Hubschrauberpilot Steven sowie die beiden Polizisten Peter und Roger lassen das Grauen hinter sich – sie versuchen es zumindest, kommen aber nicht sehr weit. Sie lassen sich in einem riesigen, von Zombies belagerten Einkaufszentrum nieder, das ihnen wie ein Schlaraffenland vorkommt. Hier richten sie sich häuslich ein und verbringen einige Monate. Doch die Zombies sind nicht die einzige Bedrohung, die draußen noch immer auf sie wartet…

Dieser Roman gibt die Handlung des gleichnamigen Films, der hierzulande unter dem Titel "Zombie" besser bekannt sein dürfte, ziemlich genau wieder. Wenn man möchte, kann man Roman und Film als sozialkritische Parabel auf den Konsumwahn verstehen. Die in Zombies verwandelten Menschen repräsentieren die hirnlose, nur auf hemmungslosen Konsum fixierte Masse, die sich selbst verschlingt. Wie im Film werden in diesem Buch die Reaktionen der Überlebenden auf die "Seuche" nur mehr oder weniger angedeutet. Im Roman wird allerdings etwas mehr Wert auf die Ausarbeitung der zwischenmenschlichen Beziehungen gelegt.

Ich weiß nicht, wie viel von diesem Roman aus der Feder des Regisseurs George A. Romero stammt und wie viel Text Susanna Sparrow beigesteuert hat, aber der Stil des Romans wirkt oft skizzenartig und so amateurhaft, dass man meint, man habe das Werk eines engagierten, aber nicht besonders begabten Fans vor sich. Das kann aber auch an der Übersetzung liegen. Nur wenn man den Film noch nicht kennt, kann man den Roman spannend oder interessant finden. Die Wucht der Bilder des Films mit den verunstalteten Untoten und den Ekel erregenden Freßszenen fällt im Roman ebenso weg wie die Atmosphäre der totalen Ausweglosigkeit, die im Film vorherrscht. Außerdem scheint mir, dass die Zombies im Roman etwas zu sehr "vermenschlicht" werden, da sie zu viele menschliche Verhaltensweisen zeigen.


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155
Haarteppichknüpfer Andreas Eschbach: Die Haarteppichknüpfer
Bastei Lübbe 2005
319 Seiten

Die Lebensaufgabe eines Haarteppichknüpfers besteht darin, einen Teppich aus den Haaren seiner Frauen und Töchter zu knüpfen. Einen Teppich, der so fein und so kunstvoll gearbeitet ist, wie es seinem Verwendungszweck gebührt: Die Haarteppiche sind für den Palast des Imperators gedacht. Ein Haarteppichknüpfer verbringt sein gesamtes Leben mit der Arbeit an nur einem einzigen dieser wertvollen, einzigartigen Teppiche und das Geld, das er dafür erhält, muss ausreichen, um die nächste Generation seiner Familie zu ernähren. Seit Jahrtausenden prägt diese Tradition das Leben eines ganzen Planeten. Die Herstellung der Haarteppiche ist fast so etwas wie eine religiöse Pflicht und der auf einer fernen Welt residierende Kaiser ist Gegenstand abergläubischer Verehrung. Doch eines Tages breiten ketzerische Gerüchte sich aus. Es heißt, der Kaiser sei gestorben, und das mehrere Galaxien umfassende Imperium sei jetzt in der Hand von Rebellen. Doch die Gerüchte werden unterdrückt, wer sie weiterverbreitet, wird hingerichtet. Am Leben der Haarteppichknüpfer ändern die Gerüchte ohnehin nichts, denn immer noch sind die Haarteppichhändler unterwegs, immer noch landen Raumschiffe auf der Welt der Haarteppichknüpfer und transportieren Tausende der wertvollen Werke zu einem unbekannten Ort.

Eines Tages wird der Planet der Haarteppichknüpfer von einem Schiff der einstigen Rebellen, die jetzt die Macht in Händen halten, wieder entdeckt. Der Planet ist nur einer von unzähligen bewohnten Welten in einer Galaxie, die einst zum Imperium gehört hat, dann aber in Vergessenheit geraten ist. Auf fast all diesen Welten werden Haarteppiche hergestellt – doch wohin sie gebracht werden, scheint niemand zu wissen. Nur eines ist klar: Im gesamten Palast des gestürzten Kaisers gibt es keinen einzigen Haarteppich…

Der erste Teil dieses Erstlingsromans von Andreas Eschbach ist eigentlich kein richtiger Roman, sondern eine Ansammlung von Kurzgeschichten, die thematisch miteinander verknüpft sind. Das Leben der Haarteppichknüpfer und die gesellschaftlichen Verhältnisse auf ihrem Planeten werden vorgestellt. In der zweiten Hälfte ändert sich der Blickwinkel, d.h. der Schwerpunkt der Ereignisse wird weg von der Welt der Haarteppichknüpfer und hin zu den Rebellen verlegt. Dann entsteht auch erst eine zusammenhängende Geschichte. Das Schicksal einer bestimmten Familie von Haarteppichknüpfern bildet im ersten und letzten Kapitel des Buchs einen Rahmen, in den die restlichen Geschehnisse eingebettet sind.

Durch diesen gestückelten Aufbau entsteht zwar ein etwas uneinheitlicher Eindruck. Es wird nicht etwa die durchgehende Geschichte einer Hauptperson erzählt, vielmehr entsteht eine Art Mosaik aus vielen kleinen Episoden. Dem Leser wird schnell klar, dass es mit den Haarteppichen irgendetwas Besonderes auf sich haben muss, und die Auflösung ist denn auch ziemlich phantastisch. Bis es soweit ist, entfaltet sich zunächst einmal das interessante Bild einer ganz auf die Herstellung eines einzigen Produkts ausgerichteten Gesellschaft. Leider werden viele Einzelschicksale nicht weiterverfolgt, man erfährt höchstens am Rande in einem späteren Kapitel, was aus bestimmten Personen geworden ist. Lustiges Detail am Rande: Die Haarteppiche werden nicht etwa aus der Kasse des Kaisers bezahlt. Die Haarteppichknüpfer finanzieren sie selbst – durch die Steuern, die sie entrichten müssen!

Das ziemlich bescheuerte Titelbild hat übrigens nichts, aber auch gar nichts mit diesem Roman zu tun…


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154
Die Lebenskrieger Frank Borsch: Perry Rhodan PAN-THAU-RA 1 - Die Lebenskrieger
Heyne 2005
528 Seiten

Eine ausführliche Zusammenfassung zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke dieses Archivs - einfach hier klicken!

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153
Wolfsmond Stephen King: Wolfsmond
Heyne 2004
939 Seiten

Die Gemeinschaft des Revolvermanns Roland von Gilead – sein Ka-Tet – ist weiter unterwegs auf der Suche nach dem Dunklen Turm. Es gelingt ihnen, halb in die Welt hinüberzuwechseln, aus der Eddie Dean, Susannah und Jake stammen. Dort, im New York des Jahres 1977, steht Die Rose – ein Symbol für das Gute und für den Dunklen Turm. Um sie zu beschützen, müssen Rolands Leute das Grundstück kaufen, auf dem sie steht. Allerdings sind die Schergen des Scharlachroten Königs auch hier schon am Werk und es ist nur noch eine Frage von Tagen, bis sie das Grundstück (und damit auch die Rose) in ihre Gewalt gebracht haben werden. Zu allem Überfluss scheint Susannah schwanger zu sein – aber Eddie ist nicht der Vater. Susannah trägt das Kind eines Dämonen, und durch die Schwangerschaft erwacht ein weiterer Aspekt ihrer Persönlichkeit, eine Frau namens Mia, die alles tun wird, um ihr Kind zu schützen.

Doch auch in Mitt-Welt warten neue Gefahren auf Roland und seine Begleiter, denn sie verpflichten sich, den Bauern der Calla Bryn Sturgis in ihrem Kampf gegen die geheimnisvollen Wölfe beizustehen. In der Calla, die das Grenzland von Mitt-Welt bildet, werden seit Generationen fast nur Zwillingskinder geboren. Alle 20 Jahre kommen die Wölfe aus einem unbekannten, weit im Osten liegenden Land, und entführen je ein Kind eines jeden Zwillingspaares. Die entführten Kinder kommen zwar nach einiger Zeit wieder zurück, sind von da an aber nur noch hirnlose Idioten, die in der Pubertät unter schrecklichen Schmerzen zu Riesen heranwachsen und nach wenigen Jahren sterben. Andy, ein geheimnisvoller, Jahrtausende alter Roboter, hat einen weiteren Raubzug der Wölfe angekündigt – doch diesmal wollen die Bauern der Calla sich mit Hilfe der Revolvermänner gegen sie wehren.

Einen nicht unmaßgeblichen Einfluss auf Rolands Entscheidung, gegen die Wölfe zu kämpfen, hat Father Callahan, der seit einigen Jahren in der Calla lebt. Callahan kommt nämlich ebenfalls aus der Welt, der auch Rolands Begleiter entstammen, und er ist im Besitz einer jener geheimnisvollen Kristallkugeln, die den körperlichen Wechsel von einer Welt zur anderen ermöglichen. Callahan war einst Priester in einer kleinen Stadt, die unter dem Namen Salem's Lot bekannt geworden ist. Dort hatte Callahan sich einem mächtigen Vampir entgegengestellt – und war gescheitert. Nach einer langen Odyssee ist Callahan nach Mitt-Welt gelangt und schließt sich jetzt Rolands Ka-Tet an. Bei den Vorbereitungen für den Kampf gegen die Wölfe macht Roland einige beunruhigende Entdeckungen: Er selbst leidet an einer schweren Arthritis, die sich in seinem Körper ausbreitet, die Entführung der Zwillinge hat unmittelbar mit dem Dunklen Turm zu tun und in der Calla Bryn Sturgis muss es einen Verräter geben…

Dies ist der fünfte von sieben Romanen aus dem Zyklus um den Dunklen Turm. Obwohl viele Jahre vergangen sind, seit ich den vierten Roman gelesen habe, hatte ich keine Probleme, schnell in die Geschichte hineinzufinden, denn es gibt zwar immer wieder Anspielungen und Bezugnahmen auf frühere Geschehnisse, aber auch diesmal (wie schon in "Glas") kommt man dem Geheimnis um den Dunklen Turm nicht entscheidend näher. Stattdessen wird erneut eine Geschichte erzählt, die auf den ersten Blick nur sehr wenig mit dem Zyklus zu tun hat. Immerhin: Die Zwillinge werden entführt, weil die Schergen des Scharlachroten Königs ihnen eine Substanz entnehmen müssen, die sie für die "Zerbrecher" brauchen, jene Wesen, die die "Balken", die den Dunklen Turm stützen, zerstören sollen. Hier haben wir eine Parallele zu dem Roman Atlantis, der eigentlich gar nicht zum Zyklus um den Dunklen Turm gehört.

Eine weitere Parallele zu einem anderen Roman von Stephen King ist natürlich Father Callahan. Dieser ehemalige Geistliche stammt aus dem Roman "Brennen muss Salem" - in "Wolfsmond" wird sein weiteres Schicksal, über das man in "Brennen muss Salem" nichts Näheres erfahren hat, in epischer Breite erzählt. Das ist zwar durchaus nicht uninteressant, aber das ist noch nicht der Endpunkt. King baut sogar noch Elemente aus ganz anderen Werken ein: Die "Schnaatze" aus den Harry Potter – Romanen und die Lichtschwerter aus "Star Wars" sind nur zwei Beispiele von vielen. Allmählich muss man sich fragen, was King mit all diesen Anspielungen und Querverweisen eigentlich erreichen will. Und man ist ein wenig irritiert, diesen Dingen in einer Fantasywelt zu begegnen, die für meinen Geschmack übrigens viel zu viele Elemente eines Italo-Westerns enthält. Besonders die Erwähnung der Schnaatze klingt eigentlich sogar lächerlich.

Der Roman ist ein typischer King-Schmöker. Hunderte von Seiten werden mit Schilderungen zwischenmenschlicher Beziehungen und der Psyche der einzelnen Hauptpersonen gefüllt. In aller Ausführlichkeit (man könnte auch sagen: Langatmigkeit) wird das Szenario ausgearbeitet, man liest ein Kapitel nach dem anderen weg und wartet auf den großen Showdown, der dann innerhalb weniger Seiten relativ unspektakulär abgehandelt wird. Man langweilt sich zwar nicht, wünscht sich aber immer öfter, King möge endlich auf den Punkt und zur Sache kommen! Aber da müssen wir wohl auf den letzten Band warten. Und immer mehr entwickelt die Geschichte sich hin zu einem Western, diesmal nach dem Schema des Films "Die Glorreichen Sieben". Das ist eine Entwicklung, die mir nicht gefällt.


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152
Sanfte Ungeheuer Unterwegs in die Welt von morgen Band 30
Ira Levin: Die sanften Ungeheuer (1970)
Frederik Pohl: Donovans Traum (1947)

Verlag Das Beste 1992
384 Seiten, gebunden, farbige Innenillustrationen

Li RM35M4419 ist ein außergewöhnlicher Junge: Eines seiner Augen ist blau, das andere braun, und er lässt sich lieber bei dem Namen nennen, den sein Großvater ihm gegeben hat: Chip. Diese Abweichungen von der Norm sind eigentlich unerhört, denn die Menschheit hat sich in den letzten Jahrhunderten unter der Leitung des Computers UniComp weiterentwickelt und eine Gesellschaftsform hervorgebracht, in der jede Einzelheit des Lebens streng reglementiert wird und in der heftige Gefühlsregungen nicht vorkommen. Es gibt nur vier Namen für Jungen und vier Namen für Mädchen, man ergreift den Beruf, den UniComp (genannt Uni) vorgibt, heiratet den von Uni bestimmten Partner und bekommt nur dann eigene Kinder, wenn Uni es erlaubt. Und niemand wird älter als 62 Jahre. Überall sind so genannte Raster aufgestellt, bei denen man sich registrieren muss, wenn man irgendwo hin reisen oder etwas erwerben möchte. Eigener Wille ist nicht gefragt, Uni trifft alle Entscheidungen für die Menschen. Damit all das funktioniert, müssen alle Menschen eine wöchentliche Behandlung über sich ergehen lassen. Was es damit auf sich hat, erfährt Chip, als er von einer Gruppe kontaktiert wird, die sich dieser Behandlung entzieht. Dabei wird den Menschen nämlich ein Drogencocktail verabreicht, der den Willen lähmt, Gefühle unterdrückt und jeden noch so rebellischen Charakter in ein freundliches, fügsames Mitglied der menschlichen Familie macht.

Auch Chip gelingt es, sich von dieser Droge zu befreien. So entdeckt er ein ganzes Universum ungeahnter Gefühle und wird sich erstmals der Unterdrückung bewusst, die Uni seit Generationen aufrechterhält. Außerdem findet er heraus, dass es überall auf der Welt noch kleine Enklaven freier Menschen geben muss, über die Uni keine Gewalt hat. Chip beschließt, zu einer der freien Inseln zu fliehen, doch bevor er seinen Plan in die Tat umsetzen kann, wird sein Täuschungsmanöver aufgedeckt und er wird wieder in die Familie eingegliedert. Durch Zufall schafft er es ein zweites Mal, aus der drogeninduzierten Fügsamkeit auszubrechen. Es gelingt ihm sogar, mit der Frau, die er liebt, zu einer freien Insel zu fliehen. Dort muss er aber die bittere Erfahrung machen, dass es auch dort Menschen gibt, die weniger frei sind als andere…

Ira Levins Roman, der in vielen Aspekten an Orwells "1984" und Huxleys "Schöne neue Welt" erinnert, ist in diesem Band zusammen mit einer Kurzgeschichte von Frederik Pohl abgedruckt. Die Gegensätze könnten kaum größer sein: Hier eine sozialkritische Geschichte über Fremdbestimmung, Unterdrückung und den Versuch, eine eigene Identität zu entwickeln (Levin), dort eine typische belanglose Zukunftsstory über Siedler im Weltraum (Pohl), bei deren Lektüre sich mir unwillkürlich Bilder aus diversen B-Pictures aus den Fünfzigerjahren aufgedrängt haben, in denen kreischende Frauen von fiesen Robotern bedrängt werden. Levin schildert die gleichmacherische Gesellschaft sehr eindringlich, und diese Gesellschaft ist bei genauer Betrachtung gar nicht so weit von unserer Realität entfernt…

Die "Familie", in der Chip lebt, hat natürlich ein Maximum an persönlicher Sicherheit erreicht. Es gibt keine materiellen Sorgen, da jeder das gleiche erhält. Es gibt aber auch keine Möglichkeit, mehr zu erreichen. Es gibt keine Verbrechen, aber auch keine Kunst. Die Geschlechter sind gleichberechtigt, aber sie empfinden nicht mehr füreinander als ein beiläufiges Vergnügen, das immer am gleichen Tag zur gleichen Zeit zu erfolgen hat. Es gibt keine Ausbeutung, aber auch keine Individualität. Die Botschaft des Romans scheint recht klar zu sein: Es ist besser, die Menschen selbst entscheiden zu lassen, als sie künstlich ruhig zu stellen und ihr Leben von einem Computer verwalten zu lassen. Mit der Schilderung der Verhältnisse auf der freien Insel (ausgerechnet Mallorca!) baut Levin aber doch noch einen kleinen Haken ein, denn hier sind die Menschen zwar frei, aber es geht ihnen definitiv schlechter als unter dem "Schutz" des Computers.

Neben den beiden genannten Texten enthält der Band noch den Artikel "Hexentanzboden oder UFO-Landeplatz? Die rätselhaften Kreise im Korn" von Christof Schmid-Flemming. Das ist ein ziemlich fragwürdiger Beitrag, in dem weitgehend kritiklos davon ausgegangen wird, dass tatsächlich Außerirdische für die Kornkreise verantwortlich sind. Diese Annahme wird dann mit den üblichen fadenscheinigen "Beweisen" untermauert.

Das Buch ist übrigens nur noch antiquarisch erhältlich!


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151
Der Fluch Richard Bachman: Der Fluch
Heyne 1987
347 Seiten

William Halleck ist Rechtsanwalt und hat einflussreiche Freunde. Deshalb ist es für ihn kein Problem, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, als er einen Unfall verursacht, bei dem eine alte Zigeunerin getötet wird: Seine Freunde sorgen dafür, dass er straffrei bleibt. Allerdings hat er die Rechnung ohne den Vater der alten Frau gemacht. Das uralte Stammesoberhaupt Taduz Lemke sorgt auf seine eigene Weise für Gerechtigkeit – er belegt Halleck mit einem Fluch. Von Stund an nimmt Halleck ab, egal wie viel Essen er in sich hineinstopft. Zuerst ist er gar nicht so unglücklich deswegen, denn bisher hatte er Übergewicht, oder, genauer gesagt: Er war viel zu fett. Aber nach einigen Tagen nimmt der unaufhörliche Gewichtsverlust beunruhigende Formen an, zumal Hallecks Ärzte keinen Grund dafür finden können. Allmählich fängt Hallecks Frau an, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Sie möchte, dass er eine Spezialklinik aufsucht, doch Halleck glaubt, den wahren Grund für seine mysteriöse Krankheit erkannt zu haben: Den Fluch des alten Zigeuners.

Natürlich stößt Halleck mit dieser Geschichte nur auf Unglauben. Als er sich hartnäckig weigert, sich weiter behandeln zu lassen, will seine Frau ihn sogar entmündigen lassen. Dann findet Halleck heraus, dass zwei weitere Personen, die an dem Fall beteiligt waren, ebenfalls unter äußerst seltsamen, bizarren und unheilbaren Krankheiten leiden. Halleck macht sich allein auf den Weg, um die längst weitergezogenen Zigeuner zu verfolgen. Doch als er sie endlich findet (inzwischen ist er so stark abgemagert, dass er wie ein Schreckgespenst aussieht) und dem alten Lemke gegenübertritt, denkt dieser gar nicht daran, den Fluch von Halleck zu nehmen. Da versucht Halleck, den Spieß umzudrehen. Er verflucht seinerseits die Zigeuner und reaktiviert einen alten Kontakt, um diesen Fluch wahr zu machen: Richard Ginelli, ein alter Freund Hallecks, den er vor einigen Jahren erfolgreich verteidigt hat, und der eine Unterwelt-Größe ist, soll ihm dabei helfen, den Zigeunern Angst einzujagen. Ginelli schafft es tatsächlich, die Zigeuner an einen Fluch glauben zu lassen, der auf ihnen lastet. Halleck muss aber bald feststellen, dass ein Fluch nicht so einfach wieder zurückgenommen werden kann…

Richard Bachman ist ein Pseudonym von Stephen King und ich finde, King hat einige seiner besten Romane unter diesem Pseudonym geschrieben. "Der Fluch" kommt zwar nicht ohne übernatürliche Elemente aus – andererseits könnte man auch meinen, dass alles nur auf Hallecks Einbildung beruht. Anfangs hat mir die ziemlich holprige, fast schon als missraten zu bezeichnende Übersetzung etwas den Spaß verdorben, aber die anfänglichen Fehler legen sich zum Glück nach einigen Seiten – und von da an störte nichts mehr das Lesevergnügen. Man kann nicht anders: Man muss immer weiterlesen, weil man erfahren will, ob es Halleck gelingen wird, wieder zu einem normalen Leben zurückzufinden. Seine Leiden werden so eindringlich geschildert, dass man unwillkürlich Hunger bekommt…

Im letzten Drittel, als Ginelli das Ruder übernimmt, entwickelt sich die Geschichte leider etwas unglaubwürdig. Man soll wohl glauben, Ginelli helfe Halleck hauptsächlich deshalb, weil er selbst nicht ganz zurechnungsfähig sei. Anders kann man sich den Aufwand, den der Mafiaboss betreibt, um einem Typen zu helfen, den er gar nicht richtig kennt, jedenfalls nicht erklären. Andererseits hat man Halleck bereits so ins Herz geschlossen bzw. solchen Anteil an seinem Schicksal genommen, dass man sich wünscht, Ginelli möge den Zigeunern ordentlich einheizen – was er dann ja auch macht. Das Ende der Geschichte ist ein bisschen vorhersehbar. Ohne zu spoilern, kann ich verraten, dass der Fluch tatsächlich aufgehoben wird, aber auf andere Weise, als Halleck es sich gewünscht hat!


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