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Dies ist der dritte Teil einer Übersicht meiner neueren Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie seit August 2002 gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.

1. Teil - Nr. 1 bis 50
2. Teil - Nr. 51 bis 100
4. Teil - Nr. 151 bis 200
5. Teil - Nr. 201 bis 250
6. Teil - Nr. 251 bis 300



150
Lord Gamma Michael Marrak: Lord Gamma
Bastei Lübbe 2002
558 Seiten

Stan Ternasky war mit seiner zukünftigen Ehefrau Priscilla (genannt Prill) per Flugzeug unterwegs nach Las Vegas – das ist das letzte, woran er sich erinnert, als er auf der Rückbank eines alten Straßenkreuzers wieder zu sich kommt, der auf einer schnurgerade durch eine öde Landschaft führenden einsamen Straße steht. Seitdem sind mehrere Monate vergangen. Eine Stimme aus dem Autoradio, die er Gamma nennt, hat Stan darüber aufgeklärt, dass er in dieser unwirklichen Welt nach Prill suchen muss. Die, so behauptet Gamma, befindet sich in einer der unzähligen Bunkerstationen entlang der Strecke, in der immer die gleichen Menschen in den unterschiedlichsten Gesellschaftsformen leben. Stan fährt also immer weiter. Den Motor des uralten Pontiac hat er längst ausgebaut, denn die Straße verläuft wie mit dem Lineal gezogen und stets bergab, Gegenverkehr oder sonstige Hindernisse gibt es nicht. Stan begreift schnell, dass er sich in einer Umgebung befindet, die sich alle 180 Kilometer wiederholt. Die Straße ist immer dieselbe, die Berge, von denen sie eingerahmt wird, sind immer dieselben, der Himmel verändert sich nicht – und auch die Menschen in den Bunkern sind immer gleich. Oder vielmehr: Sie sind identische Klone, zu denen auch jeweils eine Prill und ein Stan gehört! Stans muss natürlich die echte Prill finden.

Dabei gibt es allerdings mehrere Probleme, von denen die Aufgabe, sich möglichst unauffällig in den Bunkern nach Prill umzusehen, zu den leichtesten gehört. Sobald Stan nämlich einen Prill-Klon gefunden und überredet hat, den Bunker zu verlassen (was nicht so einfach ist, da die Menschen glauben, außerhalb der Bunker sei die Welt nach einem Atomkrieg radioaktiv verseucht), muss er sie mit einem speziellen Gerät einem Test unterziehen. Dieser Test ist bisher immer negativ verlaufen – und das bedeutet, dass Stan den Prill-Klon nicht laufen lassen darf. Denn die Welt wird von den geheimnisvollen Lords beobachtet, und die dürfen nicht erfahren, was Stan und Gamma vorhaben. Nimmt Stan den Prill-Klon jedoch mit, dann muss er dieses denkende, fühlende Wesen, das seiner geliebten Frau in allen Punkten gleicht, früher oder später töten. Würde er mit ihr nämlich jene unsichtbare Grenze überqueren, die die einzelnen Abschnitte der sich ewig wiederholenden Welt voneinander trennt, dann würde der Klon qualvoll verglühen.

Viel zu oft hat Stan diese Aktion nun schon durchgezogen, immer verfolgt von den Läufern, angriffslustigen Spinnenrobotern, die sich in der Wüste und in den Bunkern verstecken. Nie hat er Gammas Behauptungen in Frage gestellt, obwohl die Stimme aus dem Radio äußerst knauserig mit Informationen umgeht. Einmal mehr macht Stan sich auf, in die bizarre Welt der Bunkerbewohner einzudringen. Er ahnt nicht, dass er mitten in einem gigantischen Experiment steckt, dessen Ziele weit phantastischer sind, als er es sich je zu träumen wagte…

Dies ist eines jener Bücher, die unheimlich stark anfangen, so dass man sie nicht wieder aus der Hand legen kann – die dann aber irgendwann ebenso stark nachlassen und am Ende einen etwas schalen Nachgeschmack hinterlassen. Die Geschichte zieht den Leser gleich zu Anfang in ihren Bann. Man möchte mehr über diese seltsame Welt erfahren und hofft, Stan möge endlich die echte Prill finden. Dann jedoch wechselt zunächst einmal die Erzählebene, denn "Lord Gamma" ist in drei Handlungsstränge unterteilt, die erst am Ende zusammenlaufen. Während man der Kerngeschichte um Stan noch leicht folgen kann, versteht man bei den beiden anderen Ebenen zunächst einmal nur Bahnhof. Wenn Stan wieder einmal in einen Bunker einsteigt und sich dort auf der Suche nach Prill in Gefahr begibt, dann kann man mitfiebern. Nach und nach findet man immer mehr Hinweise darauf, was die drei Ebenen miteinander verbindet, man wird immer gespannter auf die Auflösung. Die ist dann aber vielleicht einen Tick zu verzwickt und wird vor allem innerhalb eines einzigen erklärenden Kapitels abgehandelt.

Das ist eine der Schwächen dieses Romans. Zuviel wird in direkter Rede erklärt – besser wäre es, wenn die Erkenntnisse, die der Leser für das Verständnis der Geschichte braucht, sich aus dieser Geschichte selbst ergeben würden. "Aha, so ist das also gemeint, na toll", denkt man dann, "und dafür habe ich jetzt 500 Seiten gelesen?" – von einem Höhepunkt in der Handlung kann dann nicht mehr die Rede sein, eher hat man das Gefühl, der Autor habe gerade eine Vollbremsung hingelegt. Die Auflösung wird, so phantastisch sie sein mag, einfach zu unspektakulär, zu langweilig präsentiert – und ist darüber hinaus auch noch ziemlich schwer zu verstehen. Es ist ja schön und gut, dass man als Leser auch mal selbst ein bisschen nachdenken muss, aber wenn ein doch recht deutlich auf Spannung und Action ausgelegter Roman plötzlich in eine endlose wissenschaftliche Abhandlung ausartet, dann ist der Autor meiner Meinung nach deutlich übers Ziel hinausgeschossen. Vor allem fragt man sich, was die ganze Vorgeschichte eigentlich für einen Sinn hatte. Die Motivationen der Beteiligten – Stan ausgenommen – bleiben bis zuletzt verschwommen oder sogar unverständlich. Michael Marrak hatte eine extrem gute Idee, aber er hat sie suboptimal vermittelt, könnte man sagen.

Eine zweite Schwäche besteht darin, dass der Autor zu oft vom Kern seiner Geschichte abschweift. Da wird seitenlang eine völlig unwichtige Figur eingeführt oder Erlebnisse aus Stans Vergangenheit werden lang und breit erzählt, ohne dass sie für die weitere Handlung oder für das Verständnis der Figur von Bedeutung wären. Auch hier wieder: Viel zu lange Absätze mit weitschweifigen Erklärungen in direkter Rede. Als dritte Schwäche würde ich den Stil bezeichnen, oder wenigstens die Tatsache, dass viel zu viele umgangssprachliche Ausdrücke, Amerikanismen und Lautmalereien verwendet werden. Sollte der Autor damit das Ziel verfolgt haben, Stan als etwas einfach strukturierte Person zu charakterisieren, dann ist ihm das nur zum Teil gelungen – vor allem hätte er es sich sparen müssen, auch Gamma diese Sprechweise in den Mund zu legen. Denn Gamma ist ja… upps, jetzt hätte ich fast zuviel verraten!

Jetzt behaupte ich nur noch, dass der Roman sich über weite Strecken wie eine Mischung aus Otherland, Mad Max und dem alten Film "Millenium" liest, dann höre ich aber auch schon auf zu meckern. Denn insgesamt ist "Lord Gamma" ein fast bis zum Schluß spannender, ideenreich geschriebener Roman mit einigen wundervollen Szenen und Wendungen, die man so nicht erwarten konnte. Gutes Lesefutter also – wenn auch mit leichten Abzügen in der "B-Note"…


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149
J. R. R. Tolkien: The Hobbit
HarperCollins 1995
273 Seiten, gebunden

Als Mr. Bilbo Beutlin, ein sehr ehrenwerter und angesehener Hobbit aus dem Auenland, eines Tages Besuch vom Zauberer Gandalf erhält, ahnt er noch nicht, dass dies der Auftakt für ein Abenteuer ist, wie es noch kein Hobbit zuvor erlebt hat. Was an und für sich nichts besonderes wäre, da Hobbits ohnehin nicht dazu neigen, irgendwelche Abenteuer zu erleben, wenn sie es vermeiden können. Aber dieses Abenteuer ist wirklich außergewöhnlich, denn es führt Mr. Beutlin heraus aus seiner gemütlichen Hobbithöhle und aus dem Land seiner Vorfahren, über das Nebelgebirge, unter dem Gebirge hindurch, durch den Düsterwald und durch die Wildnis bis zum Einsamen Berg, wo ein Drache haust und einen geraubten Schatz hütet. Auf dem Weg dorthin begegnet Bilbo den Elben in Bruchtal, fällt in die Hände von Trollen, wird von Orks durch die Tiefen finsterer Gebirgshöhlen gejagt, von riesigen Adlern gerettet, von einem bärenartigen Gestaltwandler beherbergt und vieles mehr. Vor allem aber findet er einen goldenen Ring, der magische Kräfte besitzt und der seinen Träger unsichtbar macht.

Der Auftakt zu diesem ungeahnten Abenteuer, durch das Bilbo in einen weit weniger respektablen Hobbit verwandelt wird, als er es zuvor war (was ihn aber überhaupt nicht stört), besteht in einer von Gandalf arrangierten Versammlung von Zwergen in Bilbos unterirdischem Heim. Zwölf Zwerge sind es, angeführt von Thorin Eichenschild, die sich bei Bilbo einquartieren und ihre Pläne mit ihm besprechen. Sie sind die Nachkommen eines Zwergenkönigs, der einst ein mächtiges Reich unter dem Einsamen Berg beherrscht und märchenhaften Reichtum angehäuft hatte. Diese Schätze hatten den Feuerdrachen Smaug angelockt. Smaug hatte die meisten Zwerge getötet, das Königreich unter dem Berg verwüstet, Angst und Schrecken über die Menschen in der Nähe des Bergs gebracht und den ganzen Landstrich verwüstet. Thorin und seine Anhänger sind jetzt bereit, zum Einsamen Berg zurückzukehren und ihr Königreich zurückzufordern. Dazu brauchen sie einen Meisterdieb – und diese Rolle soll nach Gandalfs Rat ausgerechnet Mr. Beutlin übernehmen!

Mehr oder weniger unfreiwillig wird Bilbo in die Gemeinschaft der Zwerge aufgenommen. Hätte er geahnt, dass er es im darauf folgenden Jahr mit Trollen, Orks, Wargen, Riesenspinnen und ähnlichen Ungeheuern zu tun bekommen würde – ganz zu schweigen von einem gewaltigen, unbesiegbaren Drachen und dem bedauerlichen Mangel an regelmäßigen Mahlzeiten – dann hätte er sich vermutlich in einer seiner Speisekammern eingeschlossen. Dann aber hätte sich das Schicksal von ganz Mittelerde anders entwickelt… doch das ist eine andere Geschichte.

Genau wie Der Herr der Ringe habe ich auch "Der Hobbit" (die Vorgeschichte zum Herrn der Ringe) schon unzählige Male gelesen – aber immer in der deutschen Übersetzung. Tolkiens Hauptwerk habe ich 2004 erstmals im englischen Original gelesen, und da mir das nicht nur recht leicht gefallen ist, sondern auch einen ganz neuen Blick auf den Roman eröffnet hat, musste ich mir natürlich endlich einmal den Hobbit im englischen Original vornehmen. Auch diesmal weiß ich nicht, ob mir die Lektüre deshalb so leicht gefallen ist, weil ich die deutsche Übersetzung schon so oft gelesen habe, oder weil Tolkien eine vergleichsweise einfach verständliche Sprache verwendet. Jedenfalls musste ich mein kleines elektronisches Wörterbuch (den C-Pen) nur ganz selten einsetzen. Trotzdem hat sich erneut der bekannte Effekt eingestellt: Liest man ein Buch in einer Fremdsprache, dann liest man automatisch langsamer und sorgfältiger. Schon deshalb entdeckt man die altbekannte Geschichte noch einmal ganz neu. Der Humor des Buchs wirkt im englischen Original viel weniger "kindlich" als in der Übersetzung und man versteht Bilbos Charakterzüge besser.

Eigentlich ist "The Hobbit" ein Buch für Kinder, wie man am Stil und an der Tatsache, dass der Erzähler den Leser oft direkt anspricht, leicht erkennen kann. Aber auch Erwachsene können sich, erst recht wenn sie "The Lord of the Rings" noch nicht kennen, davon verzaubern lassen. Das Buch ist allerdings bei weitem nicht so ausgefeilt und so komplex wie "The Lord of the Rings", Bezüge zur Altvorderenzeit werden nur sporadisch eingestreut und die Geschichte konzentriert sich ganz auf die geradlinige Erzählung der Abenteuer Bilbos auf dem Weg von der Hobbithöhle zum Einsamen Berg – und zurück. Manche Begriffe und Beschreibungen weichen noch von "The Lord of the Rings" ab. Die Orks werden zum Beispiel fast durchgängig als "Goblins" bezeichnet und die Zwerge werden ganz anders dargestellt als die tapferen, grimmigen Kämpfer, die man sich am Beispiel von Gimli vorstellt. Dennoch steht "The Hobbit" als eigenständiger, fantasievoller Fantasy-Roman ganz weit oben in der Rangliste meiner Lieblingsbücher.

Meine Ausgabe hat einen Schutzumschlag, auf dem das Coverbild der Erstveröffentlichungsausgabe von 1937 abgebildet ist. Fünf Farbbilder und einige Schwarzweiß-Zeichnungen aus Tolkiens Feder sind ebenso enthalten wie zwei schöne Karten.


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148
Osten Ard 3 Tad Williams: Die Nornenkönigin
Fischer 2003
877 Seiten

Während Prinz Josua Ohnehand sich auf dem Abschiedsstein auf seinen ersten Kampf mit den Armeen seines Bruders Elias vorbereitet, fliehen Miriamel und der zwielichtige Mönch Cadrach mit Hilfe der Niskiefrau Gan Itai vom Schiff des nabbanischen Adligen Aspitis Preves. Aspitis hatte die Absicht, Miriamel zu heiraten, um eines Tages vielleicht den Platz von König Elias einnehmen zu können. In Kwanitpul begegnen Miriamel und Cadrach Herzog Isgrimnur und Tiamak – und dem tot geglaubten Ritter Camaris, dem ehemals besten Kämpfer Osten Ards. Camaris scheint jedoch nicht mehr bei Verstand zu sein. Er redet nicht und erkennt niemanden. Gemeinsam reisen die fünf Gefährten durch das gefährliche Wran-Sumpfland. Miriamel erfährt einiges über Cadrachs Vergangenheit: Der angebliche Mönch war einst ein Mitglied des Bunds der Schriftrolle, genau wie Pryrates, der teuflische "Berater" von König Elias. Cadrach gibt sich die Schuld daran, dass Pryrates die magischen Mächte erlangen konnte, über die er heute gebietet. Nach einem Kampf gegen die insektenartigen Ghants und einer Auseinandersetzung mit Aspitis, der Miriamel die ganze Zeit verfolgt hat, verschwindet Cadrach spurlos. Zu guter Letzt erreichen Miriamel und ihre Beschützer den Abschiedsstein.

Dort halten Josua und seine Gefolgsleute, die den ersten Angriff ihrer Feinde mit mehr Glück als Verstand und unter hohen Verlusten zurückschlagen konnten (Josua trauert besonders um den gefallenen Ritter Deornoth), einen Kriegsrat. Auch Simon, der wegen seiner tapferen Taten zum Ritter geschlagen wurde, nimmt daran teil. Es scheint klar zu sein, dass die drei Großen Schwerter im Verlauf der weiteren Ereignisse eine wichtige Rolle zu spielen haben – und dass sich das dritte Schwert ausgerechnet im Grab von König Johan Presbyter befindet, also mitten im Machtzentrum des Feindes. Aditu, eine junge Sithi, trifft ebenfalls auf dem Abschiedsstein ein. Josua überreicht dem immer noch nicht ansprechbaren Ritter Camaris zwei Dinge, die ihm einst gehört haben: Das Schwert "Dorn" und ein Sithi-Horn. Der Geist des alten Ritters klärt sich und er ist bereit, für Josua zu kämpfen. Josua beschließt, nicht sofort zum Hochhorst zu reiten, sondern ins Reich Nabban, wo Camaris der rechtmäßige Herrscher wäre.

Im Land der Hernystiri erleiden die Schergen des Königs Elias eine weitere Niederlage. Die Sithi, aufgerüttelt durch den Angriff der Nornenkönigin auf ihr verborgenes Reich, reiten aus, um ihren alten Bundesgenossen beizustehen. Sie verjagen die Besatzer und befreien Maegwins Volk – doch Maegwin scheint nicht mehr bei Verstand zu sein. Sie hält die Sithi für Götter und denkt, sie sei bereits im Jenseits…

Elias, Pryrates, der untote Sturmkönig und die Nornenkönigin bereiten derweil alles für die Vollendung ihrer finsteren Pläne vor. Der Hochhorst verwandelt sich in einen unheimlichen, von geisterhaften Gestalten heimgesuchten Ort. Elias gleitet immer tiefer in den Wahnsinn ab und ahnt nicht, dass die Nornenkönigin sich nichts weniger als die völlige Vernichtung der Menschen wünscht…

Möglicherweise liegt es am Gewöhnungseffekt, jedenfalls hatte ich beim dritten Band des Osten Ard – Zyklus nicht mehr ständig den Eindruck, ähnliche Begebenheiten, ähnliche Personen und ähnliche Dialoge schon in anderen Fantasy-Werken oder anderswo gelesen zu haben. Natürlich sind die Parallelen nach wie vor unverkennbar, aber Tad Williams schafft es doch immer wieder, den altbekannten Fantasy-Versatzstücken neue Aspekte abzugewinnen. Als Beispiel seien die Sithi genannt, die natürlich nichts anderes als eine Kopie von Tolkiens Elben sind. Genau wie die Elben kommen die Sithi aus einem jetzt unerreichbaren, jenseitigen Land, leiden unter ihrer Unsterblichkeit oder vielmehr unter dem Wandel der Welt, den sie über die Jahrhunderte hinweg beobachten, und sehnen sich nach ihrer verlorenen Heimat. Noch besser als Tolkien verleiht Williams diesem Volk aber derart individuelle Züge, dass man sie als etwas wirklich fremdartiges, für Menschen unverständliches akzeptieren kann. Die Szenen mit Aditu, die Simon durch ihr ungewöhnliches Benehmen in Verlegenheit bringt, sind sogar richtig witzig. Man könnte also sagen: Williams bedient sich zwar schamlos bei diversen Ideenlieferanten (vor allem Tolkien), baut die geklauten Vorbilder aber sehr viel detailreicher aus.

Außerdem muss ich zugeben, dass mir die Hauptfiguren inzwischen offenbar doch ans Herz gewachsen sind. Sie sind nicht nur irgendwelche Helden aus dem Baukasten, die diverse Abenteuer erleben, sondern mit eigenem Leben, eigenen Gedanken, Wünschen und Sorgen erfüllte, vielschichtige Charaktere, an deren Schicksal der Leser gern Anteil nimmt. Simon ist nicht mehr die Mondkalb-Nervensäge der ersten Romane und er steht diesmal nicht so sehr im Mittelpunkt. Allmählich beginnt man auch zu begreifen, warum König Elias sich mit dem untoten Sturmkönig eingelassen hat: Vermutlich hat dieser ihm versprochen, ihm seine Frau zurückzugeben, die vor einigen Jahren gestorben ist. So wird selbst aus einem der großen "Bösewichte" ein Mensch mit nachvollziehbaren Zielen.

Und nach wie vor sind die Osten Ard – Romane schon aufgrund der farbenprächtigen Welt, in der sie spielen, sehr lesenswert. Tad Williams "verbraucht" für seine Schilderungen zwar immer doppelt so viele Worte, wie eigentlich nötig wären, andererseits passt aber gerade dieser epische Stil sehr gut zum Thema. Man lässt sich gern in diese Welt entführen und wird von der Geschichte gebannt. Was will man mehr?


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147
Die Menschenscheuche Jens Lossau / Jens Schumacher: Die Menschenscheuche
Societäts-Verlag 2004
360 Seiten, gebunden

Frank Passfeller und Tillmann Grosch, die beiden BKA-Sonderkommissare des SK 66, sind jetzt auch international tätig. Im Rahmen einer von Europol beschlossenen Regelung werden im BKA-Supercomputer OTTI nun auch Meldungen aus dem europäischen Ausland gesammelt, deren Inhalt auf Straftaten mit okkultem, übernatürlichem oder sonst wie unerklärlichem Hintergrund schließen lässt. Als im kleinen österreichischen Ferienort Hohlstein, mitten in den Tiroler Alpen, zwei Menschen auf ungewöhnliche Weise vom Leben zum Tod befördert werden, während gleichzeitig eine unheimliche Schreckgestalt in den Hohlsteiner Wäldern herumschleicht, die halb Tier und halb Mensch zu sein scheint, klingeln bei der SK 66 die Alarmglocken. So werden Passfeller und Grosch nach Österreich entsandt, wo sie sich zunächst einmal mit den haarsträubenden Einzelheiten der Morde vertraut machen müssen. Die Opfer wurden nämlich in unzählige exakt gleich große Würfel zerhackt, und zwar mit einer derart unglaublichen Präzision, dass das Gewebe ansonsten völlig unversehrt geblieben ist.

Passfeller und Grosch, die von der örtlichen Polizei in Person des Inspektors Rhombus mehr als nur argwöhnisch beobachtet werden, decken im Verlauf ihrer Ermittlungen so manche Ungereimtheit auf. So könnte es sich bei der seltsamen haarigen Gestalt, die angeblich im Gebirge umgeht, um einen lokalen Mythos – die "Menschenscheuche" handeln, es könnte aber auch sein, dass man es mit einem verwilderten Menschen zu tun hat, einer Art Wolfskind, dessen Vater vor vielen Jahren ein Opfer der Experimente eines wahnsinnigen Wissenschaftlers gewesen ist. Oder hat man es mit einer Abart des Yetis zu tun? Dass sich ausgerechnet in Hohlstein ein Mann niedergelassen hat, der vor wenigen Jahren an einer Expedition in Bhutan teilgenommen hat, legt diese Vermutung jedenfalls nahe. Auch sonst gibt es in Hohlstein noch so manchen Zeitgenossen, der mehr weiß, als er zugibt. Da wäre zum Beispiel ein Großwildjäger, der ausgeklügelte Fallen besitzt, und eine uralte Frau, die in einer Hütte im Wald lebt und schon vor vielen Jahren versucht zu haben scheint, Untersuchungen zu behindern, die ein Naturforscher zum Thema Menschenscheuche angestellt hatte. Aber – wäre ein Yeti in der Lage, einen Menschen so fachgerecht zu zerwürfeln, wie es mit den Mordopfern geschehen ist? Nach wenigen Tagen, in denen Passfeller und Grosch auf mehr Fragen als auf Antworten stoßen, ereignen sich zwei weitere Morde. Eines der Opfer ist ausgerechnet Inspektor Rhombus…

Nach Der Schädeltypograph und Der Luzifer-Plan ist dies der dritte Thriller mit den skurrilen Ermittlern Passfeller und Grosch. Und es ist der erste Roman dieser Reihe, der nicht in der rheinhessischen Heimat der Autoren spielt, was gleichzeitig bedeutet, dass ein wesentliches Element wegfällt, das die beiden ersten Romane für mich besonders interessant gemacht hat: Das besondere, für mich nachvollziehbare Lokalkolorit. Und so musste ich auch gleich feststellen, dass dieser Roman mich nicht mehr so gut unterhalten hat wie die beiden ersten, obwohl er so viele ungewöhnliche Ideen enthält, wie man es von den Autoren inzwischen erwartet, und obwohl die Geschichte diesmal wesentlich zielstrebiger und ernsthafter erzählt wird als in den früheren Romanen.

Das größte Manko liegt in den Hauptpersonen selbst und in der Art und Weise, wie sie eingesetzt werden. Bis jetzt ist es den Autoren nicht gelungen, plausibel zu machen, welche besonderen Befähigungen die beiden überhaupt haben, d.h. aus welchem Grund sie eigentlich immer wieder auf besonders verzwickte Fälle angesetzt werden. Auch diesmal wieder stolpern sie mehr oder weniger planlos von einer Situation in die nächste, stellen diversen Verdächtigen und Zeugen mehr oder weniger sinnlose Fragen, und tragen so gut wie nichts zur Aufklärung der Verbrechen bei. Das war wohl auch der Grund dafür, warum die Autoren den österreichischen Kollegen der beiden Ermittler, dem der Fall ja quasi entzogen wird, als besonders inkompetenten Idioten charakterisieren mussten: Jeder halbwegs vernünftige Dorfpolizist hätte nämlich genau die gleiche Ermittlungsarbeit leisten können wie Passfeller und Grosch. Auch diesmal stoßen die beiden wieder eher zufällig auf die Lösung des Rätsels – oder auf das, was sie für die Auflösung halten, denn ausnahmsweise gibt es diesmal ganz am Schluss doch noch einen Haken…

Für meinen Geschmack wird auch in diesem Roman noch immer zuviel herumgeblödelt. Tillmann Grosch, dessen klischeehafter Familie man diesmal begegnet, scheint nur aus zwei Gründen mit von der Partie zu sein: 1. um massenweise Nahrungsmittel zu vertilgen und 2. um die Geschichte durch dumme Sprüche und psychotische Verhaltensweisen aufzulockern. Unter all dem Klamauk und den allzu geschraubt klingenden Dialogen leidet die Glaubwürdigkeit. Das gilt auch für die (ACHTUNG! SPOILER) Falle aus Stahlnetzen, mit der die Opfer gewürfelt werden. Die kann eigentlich gar nicht funktionieren, noch weniger hätte man sie vom Tatort entfernen können, ohne Spuren zu hinterlassen. Trotz alldem hat der Roman noch Spaß gemacht – und manche Formulierungen waren einfach nur genial.


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146
Wiener Blei Leo Lukas: Wiener Blei
Phoenix 2000
360 Seiten

Der junge Ork Pepi ist Wiener und darüber hinaus eine Besonderheit in jener Welt des Jahres 2058, in der sich viele Menschen in Meta-Menschen wie Orks, Trolle, Ghoule und so weiter verwandelt haben, in der Drachen und Elementargeister aus jahrtausendelangem Schlaf erwacht sind und in der Magie wieder "funktioniert". Eine Besonderheit ist der etwas naive, nicht besonders gescheite Ork deshalb, weil Magie bei ihm eben nicht funktioniert. Er ist Magie-resistent, d.h. würde ein Magier einen Feuerball auf ihn schleudern, dann würde dieser erlöschen. Niemand kann Pepis Gedanken lesen, magische Barrieren können ihn nicht aufhalten und so weiter. Allerdings ahnt Pepi von alldem nichts. Er lebt bei einem alten Zauberer namens Donner, der den Ork bei sich aufgenommen hat, weil dessen Anwesenheit die Träume unterdrückt, die Donner seit langer Zeit quälen und in die Alkoholsucht getrieben haben. Donner sieht nämlich in seinen Träumen die Zukunft – eine Zukunft, die unausweichlich feststeht, die er also trotz seines Wissens nicht verändern kann. Allerdings werden durch Pepis Anwesenheit auch alle anderen magischen Kräfte Donners gelähmt – so verwundert es nicht, dass der Zauberer auf den absteigenden Ast gerät und sich nicht gegen die ständige Drangsalierung durch den Cyborg-Ninja Superfritz wehren kann.

Doch eines Tages, als Superfritz den alten Zauberer in die völlig verdreckte Donau wirft, hat Donner genug von den Demütigungen. Er folgt dem durch technische Implantate zu einer Killermaschine aufgerüsteten Superfritz in die Alpen, wo Freischärler-Rebellen und Konzernsöldner sich einen blutigen Kampf um die Quellen liefern, aus denen Wien das Trinkwasser bezieht. Dort soll der Ninja seinen neuesten Auftrag erfüllen und dort will Donner sich an ihm rächen. Begleitet wird Donner natürlich von Pepi. Die Kämpferin Escher, eine alte Liebe Donners, schließt sich ihnen an.

Die drei ahnen nicht, dass sie dabei sind, mitten in eine Verschwörung hineinzugeraten, in der es um eine neu entdeckte, magische Substanz geht, die man "Wiener Blei" nennt. Eine uralte Macht, mit der Donner besser bekannt ist, als er ahnt, will mit dieser Substanz ganz Wien – und später vielleicht die ganze Welt – beherrschen. Doch bis Donner, Pepi und Escher dieser Macht gegenübertreten, müssen sie eine ganze Reihe haarsträubender Abenteuer bestehen, bei denen sie vielen Feinden begegnen, aber auch neuen Freunden. Und nicht alle werden das Ende der Geschichte erleben…

"Wiener Blei" ist eine Geschichte, die im "Shadowrun"-Universum spielt. "Shadowrun" ist ein Rollenspiel, das eine bizarre Zukunftswelt hervorgebracht hat, in der Elemente der Science Fiction und der Fantasy miteinander verschmelzen. Es gibt bereits einige Romane und Kurzgeschichten, deren Handlung in dieser Welt angesiedelt ist. Leo Lukas, Kabarettist und Satiriker aus Österreich, der sich seit 2002 auch in Deutschland einen Namen gemacht hat (allerdings als Autor von Perry Rhodan – Romanen), hat mit "Wiener Blei" einen sehr ungewöhnlichen Beitrag zum Shadowrun-Universum geleistet.

Ich bin kein Shadowrun-Spieler und kannte das gleichnamige Universum nur vom Hörensagen, konnte also ohne jegliche "Vorbelastung" an diesen Roman herangehen. Das mag auch der Grund dafür sein, warum er mir so gut gefallen hat. Oder anders ausgedrückt: Man muss kein "Shadowrunner" sein, um sich mit diesem Roman bestens amüsieren zu können. Das Ideen-Feuerwerk, das in diesem Roman abgebrannt wird, hat es in sich. Dies ist nicht einfach nur einer jener Massenwaren-Romane, mit denen ein bekanntes Thema so lange ausgebeutet wird, bis es rein gar nichts mehr hergibt (siehe die Resident Evil - Romane von S.D. Perry) – nein, hier prasselt ein ununterbrochener Hagel genialer Einfälle auf den Leser ein. Mit schwärzestem Humor werden Themen durch den Kakao gezogen, deren Brisanz man bei all der Komik zuerst gar nicht so recht wahrnimmt. Als Beispiel sei nur die katholische Republik genannt, die doch sehr deutliche Parallelen zum Talibanstaat Afghanistans aufweist... Durch den ständigen Wechsel zwischen verschiedenen Handlungsebenen, die am Ende in einem bombastischen Showdown zusammengeführt werden, bleibt die Geschichte auch bis zum Schluss spannend, d.h. der Roman ist nicht nur durch sein bizarres Szenario und die verrückten Ideen interessant, er ist vielmehr richtig gute Unterhaltung mit einer konsequent durchgezogenen Geschichte.

Zum unverwechselbaren Charme des Romans gehört auch der Umstand, dass Leo Lukas so schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Als Nicht-Österreicher stolpert man deshalb ununterbrochen über Austriazismen, manche Dialoge sind sogar vollständig in österreichischer Mundart gehalten. Das verleiht der ganzen Sache eine noch viel bizarrere Note, als es durch die Vermischung von realen Schauplätzen (Die Stadt Wien, die Alpen usw.) in einer Cyberpunk-Fantasy-Geschichte ohnehin schon der Fall ist. Dass die meisten Figuren, allen voran der Ork Pepi, etwas blass bleiben und dass manche offenen Fragen nicht beantwortet werden, fällt bei all dem bunten Chaos kaum auf. Immerhin tummeln sich auf den ca. 300 Seiten des Romans (Glossar und geschichtlicher Abriss müssen ja von der Seitenzahl abgezogen werden) mindestens 8 Hauptpersonen – da kann man sich schon mal ein wenig verzetteln.

Ein SF-/Fantasy-Roman mit Wiener Lokalkolorit. Unglaublich: Das funktioniert!


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145
Immer dieser Michel Astrid Lindgren: Immer dieser Michel
Oetinger 1988
360 Seiten, gebunden

Dieser Sammelband enthält die Bücher Michel in der Suppenschüssel, Michel muss mehr Männchen machen und Michel bringt die Welt in Ordnung.

Michel ist ein pfiffiger fünfjähriger Junge, stark wie ein Ochse und nicht auf den Mund gefallen – vor allem aber hat er nur Unsinn im Kopf. Das meinen jedenfalls sein Vater und die Magd Lina, und manchmal treibt Michel tatsächlich so schrecklichen Unfug, dass das ganze Dorf darüber spricht. Dass er seine kleine Schwester Ida am Fahnenmast hochzieht, seinen Vater in der Trissebude einsperrt oder den Kopf in die Suppenschüssel steckt, ist noch das Mindeste. Seine Mutter schreibt alle Untaten in blauen Schulheften nieder, die mit der Zeit eine ganze Schublade füllen. Und jedes Mal, wenn er es wieder besonders toll getrieben hat, wird Michel in den Tischlerschuppen gesperrt, wo er mit der Zeit eine ansehnliche Sammlung kleiner Holzmännchen schnitzt. Aber Michel meint es nicht böse mit seinen Streichen, denn er hat ein gutes Herz. So lädt er die alten Leute vom Armenhaus zum Weihnachtsschmaus ein und befreit sie obendrein von der herrischen Maduskan. Außerdem ist er geschäftstüchtig (im Lauf der Zeit erwirbt er ein Pferd, eine Kuh, ein Knirpsschweinchen und ein Huhn) und begeht sogar eine wahre Heldentat, als er den Knecht Alfred, der an einer schweren Blutvergiftung leidet, mitten durch einen Schneesturm ins Nachbardorf zum Arzt bringt. Und, soviel sei verraten, eines Tages wird Michel es sogar bis zum Gemeinderatspräsidenten bringen…

Die Abenteuer des kleinen Michel Svensson vom Katthult-Hof im Dorf Lönneberga in Smaland/Schweden gehören zu den amüsantesten Geschichten, die ich kenne. Die Geschichten sind zwar in einer sehr simplen Sprache gehalten und die Autorin spricht den Leser mehrmals direkt als Kind an (das Buch eignet sich also ideal zum Vorlesen), aber hinter den einfachen Geschichten blitzt immer wieder ein Humor hervor, der auch Erwachsene mindestens zum Schmunzeln bringen kann. Übrigens kann man das Buch allmählich schon als historisches Dokument bezeichnen, denn die Welt, die darin beschrieben wird (auch wenn sie nostalgisch verbrämt ist), d.h. das bäuerliche Schweden des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts, gibt es so ja nun nicht mehr.

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144
Osten Ard 2 Tad Williams: Der Abschiedsstein
Fischer 2003
880 Seiten

Ganz Osten Ard stöhnt unter der grausamen Herrschaft des neuen Hochkönigs Elias, der sich mit dem untoten Sithi-Elbenprinzen Ineluki verbündet hat, um mit Hilfe der unheimlichen Nornen seinen Bruder und Rivalen, Prinz Josua Ohnehand, zu besiegen. Selbst die Natur scheint sich gegen die Völker Osten Ards gewendet zu haben, denn ein von Ineluki heraufbeschworener, nicht enden wollender Winter hält das ganze Land fest im Griff. Elias, dessen eigene Getreue ihn und seinen undurchsichtigen Ratgeber, den Magier Pryrates fürchten, ist im Besitz des mächtigen Schwerts "Leid" – und es scheint die einzige Hoffnung der letzten freien Menschen zu sein, die beiden Bruderschwerter Leids in ihren Besitz zu bringen, bevor Elias sie erringen kann, um ein besonderes Ritual damit durchzuführen.

Prinz Josuas Burg Naglimund wurde von den Nornen zerstört, er selbst musste mit einigen Getreuen in die Wildnis fliehen. Die Nornen und andere grausige Kreaturen sind ihnen auf den Fersen, doch sie erhalten Hilfe von der Zauberfrau Geloe, die sie zum Abschiedsstein führen will. Dieser Ort ist sowohl Nornen als auch Sithi heilig und wäre ein sicherer Zufluchtsort für die verzweifelten Menschen. Auf dem Weg dorthin müssen sie aber das Land der halbwilden Thrithinge durchqueren, und dort fallen sie dem Mark-Than Fikolmij in die Hände, der noch eine Rechnung mit Josua offen hat. Fikolmij glaubt, der Prinz habe ihm die Tochter entführt und ihn damit entehrt. Josua muss sich einem Zweikampf stellen, um sich und seine Gefährten zu retten, aber er ist durch die lange Flucht erschöpft und wurde verwundet…

Miriamel, Tochter des Königs Elias, ist währenddessen mit dem undurchsichtigen Mönch Cadrach zum Kirchenoberhaupt in Nabban unterwegs, doch auch dort geraten sie prompt in Gefahr, da Pryrates seine Hände auch nach der Macht über die Kirche ausstreckt. Herzog Isgrimnur hat sich auf den Weg gemacht, sie zu suchen, und begegnet dabei dem Wranna-Menschen Tiamak, der ein Freund des von Pryrates getöteten Gelehrten Morgenes war. Im Land der Hernystiri, das ebenfalls von Elias erobert wurde, muss Prinzessin Maegwin sich mit ihrem Volk in Höhlen vor den Feinden verstecken – und dort entdeckt sie eine uralte Stadt der Sithi.

Der junge Simon, ehemaliger Küchenjunge in der Burg Hochhorst, jetzt aber Elbenfreund und Drachenbezwinger, hat bereits das zweite Große Schwert, dessen Name "Dorn" lautet, errungen. Nun aber sitzt er in einer Gebirgssiedlung der Trolle fest, denn sein Trollfreund Binabik wurde angeklagt, sein Volk verraten zu haben. Das hat Binabik tatsächlich getan, aber nur, um Simon beizustehen – dafür soll er jetzt mit dem Leben bezahlen. Das kann Simon natürlich nicht zulassen. Unerwarteterweise stellt sich das Troll-Mädchen Sisqinanamook auf seine und Binabiks Seite, obwohl Binabik auch ihr untreu geworden ist: Die beiden waren einander versprochen, doch Binabik hat den Hochzeitstermin nicht eingehalten. Simon erhält eine Traumbotschaft Geloes und macht sich, als Binabiks Ehre endlich wiederhergestellt ist, ebenfalls auf den Weg zum Abschiedsstein. Doch auch er und seine Freunde werden verfolgt, denn die Nornenkönigin Utuk’ku ist auf Simon aufmerksam geworden und hat den Jäger Ingen Jegger auf seine Spur gesetzt…

Auch der zweite Band des Osten-Ard-Zyklus ist durchaus unterhaltsam, teilweise sogar spannend. Als Fantasy-Fan wird man gut bedient, da praktisch jedes gängige Klischee vorkommt – von den abgeklärten, weltentrückten Elben über den superfiesen Magier Pryrates und die Zweikämpfe beim halbwilden Thrithings-Clan bis hin zu weisen Frauen, verrückten Hexen, blutrünstigen Riesen, ghoulartigen Bukken und so weiter. Damit wären wir auch schon wieder beim Hauptkritikpunkt, den ich bereits zum ersten Band angeführt habe: Tad Williams bedient sich hemmungslos bei anderen Fantasy-Werken, vor allem beim Herrn der Ringe. Viele Charaktere, Orte und Situationen entsprechen fast genau ihren offensichtlichen Vorbildern aus Tolkiens unerreichtem Roman. Williams gibt ihnen andere Namen, wandelt sie leicht ab oder lässt sie in anderen Konstellationen aufeinander treffen – aber im Grunde erkennt man alles viel zu deutlich wieder. Manche Dialogzeilen kommen mir so vor, als seien sie ganz einfach abgeschrieben worden. Diese allzu deutlichen Ähnlichkeiten (auch zu diversen Mythologien und Religionen) entwerten die eigentlich sehr schön ausgearbeitete Beschreibung der Welt Osten Ard und die zweifellos vielen eigenen Ideen des Autors leider sehr. Man hat einfach zu oft das Gefühl, dass Osten Ard nicht der eigenen Phantasie von Tad Williams entstammt, sondern quasi aus fremden Baukästen zusammengesetzt wurde.

Trotzdem ist der Roman wie gesagt nicht im Mindesten langweilig – mich stören noch nicht einmal die teilweise sehr weitschweifigen Schilderungen von Land und Leuten (gerade das macht epische Fantasy in meinen Augen erst interessant). Man muss aber sagen, dass die Spannung nur deshalb aufrechterhalten wird, weil die Handlung in viele verschiedene parallel verlaufende Stränge aufgesplittet wurde. Es passiert nämlich nicht wirklich viel auf diesen mehr als 800 Seiten. Alle "Guten" sind mehr oder weniger nur unterwegs zum Abschiedsstein, während die "Bösen" ihre nicht ganz nachvollziehbaren Pläne schmieden. Man begreift immer noch nicht, warum Elias es für nötig gehalten hat, einen schrecklichen Pakt mit den Nornen einzugehen, der ihn mehr gekostet zu haben scheint, als er gewinnen konnte. Schließlich war er doch sowieso schon der Hochkönig – was wollte er mehr? Trotzdem sind die wenigen Episoden, die sich um Elias, Pryrates und Konsorten drehen, die interessantesten und eindringlichsten des ganzen Romans. Vielleicht hofft Elias ja, Ineluki könne ihm die verlorene Frau aus dem Totenreich zurückbringen?

Simon hat viel von seinem Nerv-Potential verloren, allmählich scheint er erwachsen zu werden. Dennoch stolpert er von einem Missgeschick ins nächste und reagiert nur, statt zu agieren. Man kann sich nicht so recht mit ihm identifizieren, denn er verhält sich mehr als einmal immer noch wie ein verstocktes Kind, das man mal ordentlich übers Knie legen möchte. Aber allein die Tatsache, dass man derartige Gefühle für eine fiktive Figur entwickelt, zeigt ja eigentlich schon, dass Tad Williams es geschafft hat, ihr "echtes" Leben einzuhauchen. Das gilt auch für alle anderen Haupt- und Nebenpersonen des Romans. Lustigerweise wachsen mir manche Nebenpersonen mehr ans Herz als der "Held" Simon. Manche Figuren wirken zwar ein bisschen austauschbar, aber alle haben ihre eigenen Charakterzüge, Gefühle, Gedanken und Ziele. Jedenfalls kann man auch im zweiten Band des Zyklus wieder gut in die Geschichte "eintauchen" und wird von ihr so in den Bann gezogen, dass man gar nicht aufhören möchte: "Nur noch das eine Kapitel… okay, das nächste auch noch… hm, jetzt kann ich auch gleich die ganze Nacht durch lesen…"


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143
New York 1999 Harry Harrison: New York 1999
Heyne 1992
206 Seiten

Im Jahre 1999 leben in der City von New York 35 Millionen Menschen unter erbärmlichsten Bedingungen. Weltweit sind fast alle Rohstoffe aufgebraucht. Für die auf engstem Raum zusammengepferchten Menschen gibt es keine natürlichen Nahrungsmittel mehr, sie ernähren sich von synthetischen Produkten und Ersatzstoffen – und selbst diese werden immer knapper, ebenso wie sauberes Wasser, Kleidung und einfache Gebrauchsgegenstände. Wer ein eigenes Zimmer hat, und sei es noch so klein, kann sich glücklich schätzen, denn unzählige Menschen leben in Autowracks, zusammengeschweißten Schiffen oder einfach auf der Straße. Echte Nahrung und vergleichsweise luxuriöse Güter sowie komfortable, extrem gesicherte Wohnungen können sich nur noch die Superreichen leisten.

Im August des Jahres 1999, als ein beispiellos heißer Sommer auf der hoffnungslos überbevölkerten Stadt lastet und als Unruhen zu schwelen beginnen, wird einer dieser Reichen ermordet. Eigentlich war es nicht viel mehr als ein Unfall, denn der junge Billy Chung wurde von ihm bei einem Einbruch überrascht und hat ihn in einer Kurzschlusshandlung erschlagen. Die Beherrscher der Stadt deuten die Tat jedoch anders, denn der Tote war ein stadtbekannter Gangster. Man befürchtet jetzt, der Boss eines fremden Syndikats strecke die Hände nach New York aus. Deshalb wird der Kriminalbeamte Andy Rusch damit beauftragt, den Fall mit mehr als der üblichen Sorgfalt zu lösen. Rusch verliebt sich bei seinen Ermittlungen in die schöne Shirl, die mit dem Ermordeten zusammengelebt hat – sie war nicht mehr als seine Mätresse und muss die Wohnung bald verlassen. Als Shirl zu Andy zieht, der sich ein Zimmer mit dem alten Sol teilt, wird ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt, denn die Verhältnisse in der Stadt verschlechtern sich dramatisch und Andy reibt sich selbst bei der Suche nach Billy Chung auf.

Dies war meine dritte Urlaubslektüre in Griechenland 2005.

Dieser Roman, dessen Thema mit dem Originaltitel "Make Room! Make Room!" sehr treffend beschrieben ist und der mit Charlton Heston verfilmt wurde ("Soylent Green"), gehört zu den Klassikern der SF, die man kennen sollte. Damit das Problem der Überbevölkerung richtig funktioniert, geht Harrison von der Prämisse aus, dass es in den USA keinerlei Möglichkeiten der Verhütung und Familienplanung und keine Geburtenkontrolle gibt. Nun, wir leben NACH der Handlungszeit des Romans und können sagen: Ähnliche Probleme (wenn auch – noch – nicht so krass) hat die Menschheit auch MIT diesen Möglichkeiten! Das Leben in der total aus den Nähten platzenden Riesenstadt wird sehr eindringlich geschildert. Auf die Verhältnisse außerhalb der Stadt geht Harrison nur andeutungsweise ein – schade, mich hätte interessiert, wie es in einem Land aussieht, das nur noch dazu da ist, den Moloch New York zu ernähren.

Die Verfilmung weicht übrigens in entscheidenden Punkten von diesem Roman ab. Zweites zentrales Thema des Films ist nämlich die Verarbeitung der Toten zu Soylent Green – dem neuen Grundnahrungsmittel der Menschen in der Stadt, das angeblich aus Algen oder Plankton (so genau erinnere ich mich nicht mehr an den Film) hergestellt wird, in Wirklichkeit jedoch aus jüngst verstorbenen Menschen. Im Roman kommen zwar auch Algenkekse und ähnliches vor, aber dass es sich dabei um Menschenfleisch handeln könnte, wird allenfalls ganz vorsichtig angedeutet – wenn überhaupt. Es kommen im Roman auch keine Anstalten vor, in denen die Senioren eingeschläfert werden, damit man sie schnell zu Keksen verhackstücken kann.


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142
Gefallene Engel Richard Morgan: Gefallene Engel
Heyne 2005
592 Seiten

Irgendwann in der Zukunft: Seit ca. 500 Jahren hat der Tod seinen Schrecken verloren, denn es wurde eine Möglichkeit gefunden, wie das menschliche Bewusstsein digitalisiert werden kann. Alles, was einen Menschen ausmacht – all seine Erinnerungen, Erfahrungen, Gefühle – wird permanent in einem Gerät gespeichert, das ihm in die Wirbelsäule gepflanzt wird. Wird der Körper getötet, dann kann dieser Kortikale Stack entfernt und einem anderen Körper eingesetzt werden. Von diesem Moment an übernimmt das im Stack gespeicherte Bewusstsein diesen neuen Körper, Sleeve genannt, als wäre es der eigene. Das digitalisierte Bewusstsein kann auch in virtuellen Welten leben, in denen die Zeit extrem verlangsamt werden kann. Weite Reisen unternimmt man nicht mehr körperlich, sondern man verschickt nur noch das Bewusstsein per Needlecast – am Zielort wird es dann einfach in einen neuen Sleeve "heruntergeladen". Nur wenn der Stack zerstört wird, bedeutet dies den Realen Tod einer Person – es sei denn, diese hat irgendwo eine Sicherheitskopie ihres Ichs hinterlegt… Durch diese Technologie hat sich auch die Kriegsführung radikal verändert. Kriegswichtige Soldaten, die auf dem Schlachtfeld einen "letalen organischen Defekt" erleiden, deren Stack jedoch geborgen werden kann, erhalten einfach einen neuen Sleeve – und das sind keine normalen menschlichen Körper, sondern eigens für den Krieg hergestellte Kampfklone, die biotechnisch und mit diversen Chemikalien aufgerüstet werden.

Ein Planet, auf dem in dieser Weise Krieg geführt wird, ist die Kolonie Sanction IV. Dieser Planet ist einer von vielen, die von der Erde aus besiedelt worden sind. Dies war nur möglich, weil man auf dem Mars die Hinterlassenschaften eines verschwundenen außerirdischen Volkes entdeckt hat, dessen Technologie jener der Menschheit weit überlegen ist. Neben diversen Artefakten, deren Funktion auch nach 500 Jahren für die Menschen noch ein Rätsel ist, haben die Marsianer auch Sternenkarten zurückgelassen, denen man die genauen Koordinaten bewohnbarer Planeten entnehmen konnte. Takeshi Kovacs, Ex-Elitesoldat und Ex-Privatdetektiv, hat sich im Revolutionskrieg auf Sanction IV als Söldner verdingt. Nach einer fehlgeschlagenen Offensive, bei der er den größten Teil seiner Einheit verloren hat und schwer verwundet worden ist, begegnet Kovacs im Lazarett dem undurchsichtigen Jan Schneider, der ihm ein verlockendes Angebot macht. Angeblich kennt Schneider das Versteck eines gigantischen funktionsfähigen Raumschiffs der Marsianer, was tatsächlich eine Sensation wäre und ihm märchenhaften Reichtum bescheren würde, denn ein Raumschiff der Außerirdischen ist noch nie zuvor entdeckt worden. Dummerweise befindet sich der Zugang zu diesem Schiff – eine Art Dimensionstor – genau in einer zurzeit heiß umkämpften Zone und zu allem Übel wurde die Archäologin Tanya Wardani, die als einzige Person besagtes Tor öffnen könnte, in ein Internierungslager gesteckt. Kovacs soll Schneider nun dabei helfen, Wardani zu befreien und das Tor zu sichern.

Kovacs stimmt zu, aber um zum Tor zu gelangen, benötigt er die Hilfe eines Großkonzerns sowie eine schlagkräftige Einsatztruppe. Als er beides beisammen hat, als die psychisch schwer angeschlagene Archäologin befreit ist und als diese das Dimensionstor öffnet, findet Kovacs zwar genau das, was Schneider versprochen hat, aber auch noch etwas ganz anderes – etwas, mit dem niemand gerechnet hat und das das Weltbild der gesamten Menschheit auf den Kopf stellen könnte. Dummerweise ist Kovacs, ohne es zu ahnen, schon längst nicht mehr der Einzige, der sich für das marsianische Sternenschiff interessiert…

Dies war meine zweite Urlaubslektüre in Griechenland 2005.

Es ist der zweite Roman einer Trilogie mit der Hauptperson Takeshi Kovacs. War der erste Roman, Das Unsterblichkeitsprogramm noch etwas äußerst interessantes Neues wegen der Verschmelzung einer Detektivgeschichte im Stil eines Film Noir mit harter SF, recht derber Gewalt und noch derberen, geradezu pronografischen Szenen, so fehlt in diesem Nachfolger das erste Element – also der ungewöhnliche Stil – völlig. Was bleibt, sind ausführliche Beschreibungen zukünftiger (Kriegs-)Technologie, viel Gewalt und zwei schlüpfrige Bettszenen. Im ersten Roman waren diese Szenen gut in die Handlung eingebunden, d.h. sie hatten einen Sinn. Diesmal kommt es mir so vor, als wolle der Autor lediglich die Erwartungen seiner Leser erfüllen und sei der Meinung gewesen, er könne deshalb nicht auf derartige Szenen verzichten. Also werden wieder anatomisch genaue Beschreibungen geboten (soweit das bei der ersten Szene, die in einer Virtuellen Realität spielt, möglich ist), aber einen echten Nutzen für die Handlung haben diese nicht. Am interessantesten wird die Geschichte dann, wenn sie von der verschwundenen Zivilisation der Marsianer und vom mehr oder weniger hilf- und ahnungslosen Umgang der Menschen mit deren Hinterlassenschaften handelt. Sehr viel mehr Wert wird aber auf die Darstellung des Kriegs in den Zeiten der Bewusstseins-Digitalisierung gelegt. Gut, das ist ein Aspekt des von Morgan erfundenen Universums, den man erwähnen kann. Die Konsequenz, mit der Morgan die Grausamkeiten ausarbeitet, die im Krieg durch die vom Körper getrennte "Aufbewahrung" von Bewusstseinen ermöglicht werden, ist schon beeindruckend. Beispiel: Die Stacks "guter" Soldaten werden nach deren Tod rasch geborgen, damit die Kämpfer resleevt werden können, der Rest bleibt liegen und kann von "Seelenhändlern" eingesammelt werden, die die Stacks auf dem schwarzen Markt an jedermann verkaufen. Die Kälte und Gleichgültigkeit, mit der die Personen des Romans auf all das reagieren, ist für mich ein weiterer Hinweis darauf, dass die "digitalisierte Menschheit" ihre Menschlichkeit verloren haben muss.

Ein Problem dieses Romans besteht darin, dass man sich nicht mehr so recht mit Takeshi Kovacs, der Hauptperson und dem Ich-Erzähler, identifizieren kann. Seine Motive werden nie ganz klar, man versteht nicht so recht, was ihn bewegt und warum er so und nicht anders handelt. Hinzu kommt das ständige Envoy-Supermann-Gehabe. Praktischerweise hat Kovacs als Soldat einen ordentlich aufgemotzten Kampfsleeve erhalten. Mich würde mal interessieren, wie er sich ohne die ganze High-Tech usw., mit der seine Körper immer ausgestattet sind, schlagen würde. Ich hätte mir auch gewünscht, dass ein bisschen mehr auf seine Vergangenheit, insbesondere auf die Geschehnisse seit "Das Unsterblichkeitsprogramm" eingegangen worden wäre. "Gefallene Engel" spielt mindestens 30 Jahre nach diesem ersten Roman, aber was seitdem geschehen ist, erfährt man nicht. Auch nicht, wie Kovacs ausgerechnet nach Sanction IV und dort in die Dienste der lokalen Kriegsherren geraten ist. Außer ein paar ganz kurzen Andeutungen finden sich keine Bezüge auf den Vorgänger-Roman.

Und zu guter (oder schlechter) Letzt muss man sagen, dass die Story einfach nicht reicht, um über 500 Seiten Spannung zu erzeugen. Irgendwann wird es langweilig und die Dinge kommen erst richtig in Gang, als das Tor zum Sternenschiff tatsächlich erreicht wird. Die ausufernde Beschreibung der langwierigen Vorbereitungen, die zur Erreichung dieses Ziels erforderlich sind, nimmt im Roman viel zu breiten Raum ein. Gleiches gilt für das endlose Machismo-Gefasel aller Protagonisten sowie die Anspielungen auf den Voodoo-Kult, die anscheinend keinen anderen Sinn haben, als den Roman vermeintlich interessanter zu machen, als er wirklich ist. Insgesamt war ich enttäuscht von diesem Roman und muss sagen, dass ich mehrmals kurz davor war, ihn gelangweilt ins Mittelmeer zu schmeißen…


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141
Mount Dragon Douglas Preston / Lincoln Child: Mount Dragon
Knaur 2002
599 Seiten

Für Guy Carson, einen Wissenschaftler, der beim mächtigen Pharmakonzern GeneDyne arbeitet, geht ein Traum in Erfüllung, als er ins firmeneigene Mount Dragon–Labor in der Wüste von New Mexiko versetzt wird, wo er die Stelle eines wegen Krankheit ausgefallenen Kollegen übernehmen soll. Brent Scopes, der exzentrische Chef und Eigentümer von GeneDyne, erteilt Carson diesen Auftrag höchstpersönlich, denn im Mount Dragon-Labor werden gefährliche gentechnische Forschungen betrieben, deren Ergebnisse nicht nur Erträge in Milliardenhöhe versprechen, sondern auch zu einem Durchbruch in der Behandlung schwerer Krankheiten führen sollen. So hat Carsons Vorgänger bereits einen künstlichen Ersatz für menschliches Blut entwickelt und das zweite Projekt, das nun von Carson fortgeführt werden soll, hat die vererbbare Immunisierung der Menschheit gegen Grippeviren zum Ziel. Schon bald nach seiner Ankunft in dem Hochsicherheitslabor, das unweit des atomaren Testgeländes "Trinity Site" gelegen ist, wird Carson allerdings auf seltsame Vorgänge aufmerksam. Die schon länger hier arbeitenden Wissenschaftler verhalten sich eigenartig, so mancher Kollege scheint irgendwelche Geheimnisse zu hüten. Auch hinter der plötzlichen Erkrankung von Carsons Vorgänger scheint mehr zu stecken, als Scopes verraten hat.

Während Carson seine Arbeit aufnimmt, allerdings immer wieder Rückschläge erleidet, schickt ein erbitterter Gegner des unkontrollierten Umgangs mit der Gentechnik sich an, die Öffentlichkeit über die Experimente im Mount Dragon–Labor aufzuklären. Dr. Charles Levine, ein ehemaliger Kommilitone und Freund von Scopes, jetzt aber dessen Intimfeind, nimmt die Dienste des Hackers "Der Clown" in Anspruch, um in die supergeheimen Netzwerke von GeneDyne einzudringen und mit Carson, den er von früher kennt, Kontakt aufzunehmen. Carson allerdings hat mehr als genug eigene Probleme: Ein Tierversuch gerät außer Kontrolle und eine Kollegin wird mit einem tödlichen Virus infiziert, der die gesamte Menschheit ausrotten könnte. Außerdem spitzt sich die Gesamtsituation im Labor zu, denn ein Wissenschaftler nach dem anderen scheint aus heiterem Himmel den Verstand zu verlieren – und jeder einzelne von ihnen arbeitet mit tödlichen Krankheitserregern, die niemals freigesetzt werden dürfen. Als Carson und seine Assistentin Susana Cabeza de Vaca herausfinden, was wirklich hinter all den seltsamen Geschehnissen steckt, bleibt ihnen nur wenig Zeit, um die Welt zu warnen. Und die inzwischen unzurechnungsfähigen Sicherheitskräfte des Labors sind schon hinter ihnen her…

Dies war meine erste Urlaubslektüre in Griechenland 2005.

Ein interessanter Wissenschafts-Krimi, der ganz ohne Monster (siehe Relic und Attic) auskommt und wegen des ständigen Wechsels zwischen verschiedenen Handlungsebenen und Hauptpersonen bis zum Schluss spannend bleibt. Ich habe zwar keine Ahnung, wie viel von dem, was die Autoren über Gentechnik schreiben, der Realität entspricht, aber es ist immerhin so überzeugend geschrieben, dass man es nicht anzweifelt. Unglaubwürdig fand ich lediglich die Blauäugigkeit Carsons in Sachen Gentechnik und sein Unwissen in manchen Dingen – letzteres ist natürlich nur ein Kunstgriff: Indem ihm diese Dinge erläutert werden, werden sie auch gleichzeitig dem Leser erklärt. Die Eigenarten von Brent Scopes fand ich etwas zu übertrieben. Man kann sich kaum vorstellen, wie es jemandem mit solchen Marotten gelungen sein sollte, ein derart riesiges Firmenimperium aufzubauen.

Im letzten Drittel des Romans läuft die Geschichte ein wenig aus dem Ruder und mutiert zu einer Wüsten-Verfolgungsjagd komplett mit Schatzsuche im Stil von Indiana Jones. Gleichzeitig wird der Schauplatz der Levine-Handlungsebene in eine virtuelle Realität verlagert, die etwas zu perfekt ist. Okay, das Genie Scopes hat sie entwickelt…

Trotz dieser leichten Schwächen ist "Mount Dragon" ein sehr unterhaltsamer Roman, von dem man über weite Strecken durchaus gefesselt werden kann.


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140
Hitlers Visionäre Eduard Gugenberger: Hitlers Visionäre
Ueberreuter 2001
208 Seiten, gebunden

Wieder so ein Buch vom Remittendentisch, bei dem ich nicht recht weiß, was ich davon halten soll. Das Buch enthält zehn Kurzbiografien von Personen, die zur Zeit des Dritten Reichs gelebt haben und mit den von ihnen vertretenen Ansichten und Lehren die "okkulte Seite des Nationalsozialismus" repräsentiert oder gar die mythisch-esoterisch verbrämten Grundgedanken für das Dritte Reich geliefert haben sollen, wenn man dem Autor dieses Buchs glauben will. Das sind solche Gestalten wie Dietrich Eckart, der ein politischer Förderer von Adolf Hitler war, Rudolf von Sebottendorf (Mitbegründer der berüchtigten Thule-Gesellschaft), oder der auch heute noch allseits bekannte "Hellseher" Erik Jan Hanussen. Feststehen dürfte, dass die meisten der in diesem Buch vorgestellten Personen diverse verdrehte Vorstellungen von der angeblichen arisch-germanischen Vergangenheit Deutschlands hatten, antisemitisch eingestellt waren oder irgendwie in NS-Machenschaften verwickelt gewesen sind. Man muss sich aber fragen, ob diese Leute tatsächlich einen so starken Einfluss hatten, wie das Buch es suggerieren will. Die sehr knapp gehaltenen Biografien sind zwar durchaus nicht uninteressant, weil man eine Ahnung davon erhält, wie stark die Vorstellungswelt vieler Menschen (vor allem wohl der Nazis) damals von der Neigung zum Okkultismus und zur germanischen Mythenwelt, vom Wunderglauben und ähnlichen Verirrungen durchdrungen war und welche bizarren Theorien von den hier vorgestellten Leutchen entwickelt worden sind. Man kann sich auch gut vorstellen, dass die Nazis manche dieser Ideen übernommen oder für ihre eigene Ideologie modifiziert haben. Ich frage mich allerdings, ob da nicht ein paar Zusammenhänge zuviel hergestellt werden, denn welchen Einfluss sollte z.B. ein Paradiesvogel wie Hanussen auf das Dritte Reich gehabt haben?

Ich kenne weder den Autor dieses Buchs noch seine Quellen, auch seine politischen Ansichten sind mir unbekannt. Außerdem reichen meine Geschichtskenntnisse nicht aus, um beurteilen zu können, ob der Inhalt der Biografien korrekt recherchiert ist. Was mir aber aufgefallen ist, ist der doch stark vereinfachende Ton des Buchs und die auf griffige Formulierungen abgestellte, etwas zu reißerische Formulierung mancher Passagen. Ich halte es auch für falsch, das Phänomen des Erfolgs der Nazis zu sehr auf geheimnisvolle, irrationale Ursachen zurückführen zu wollen. Dass gerade in der heutigen Zeit wieder ein großes Geschäft mit der Esoterik gemacht werden kann, wie der Autor des Öfteren betont, ist keine neue Erkenntnis – die Menschen wollen, wie schon Hanussen erkannt hat, ganz einfach betrogen werden…

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139
Osten Ard 1 Tad Williams: Osten Ard 1 – Der Drachenbeinthron
Fischer 1996
955 Seiten

Erst wenige Generationen ist es her, seit die Menschen ins Land Osten Ard kamen und die ersten Beherrscher dieses Landes, die Sithi, mit der Macht des Eisens vertrieben haben. Heute leben die letzten Sithi-Elben versteckt in unzugänglichen Gegenden, aber einige von ihnen schmieden Pläne, um Osten Ard zurückzuerobern. Hinter diesen finsteren Ränken steht der Sturmkönig Ineluki, ein schreckliches, untotes Wesen, das die letzte Schlacht zwischen Menschen und Sithi nur mit Hilfe eines bösen Zaubers überstanden hat und jetzt wieder in die Welt zurückkehren will. Die Chancen dafür stehen gut, denn im Reich der Menschen steht seit dem Tod des Hochkönigs Johan Presbyter nicht alles zum Besten. Johans ältester Sohn Elias besteigt als neuer Hochkönig den Drachenbeinthron im Hochhorst, einer uralten Burg, die auf den Ruinen einer noch viel älteren Sithi-Festung errichtet worden ist. Zwischen Elias und seinem Bruder Josua schwelt seit dem Tod von Elias’ Gemahlin ein bitterer Zwist, denn Elias gibt Josua die Schuld am Tod seiner Frau. Doch erst durch den verderblichen Einfluss des gewissenlosen Magiers Pryrates gerät Elias auf den falschen Weg. Pryrates knüpft Kontakte mit den Nornen, einem dunklen Sithi-Volk, um Elias das geheimnisvolle Schwert "Leid" zu verschaffen. Ineluki selbst hat diese Klinge seinerzeit geschmiedet und mit ihrer Hilfe will Elias seine Macht sichern. Doch der Preis, den er für den Erwerb der Klinge zahlen soll, ist schrecklich: Er soll seinen Bruder Josua opfern. Mehr und mehr verliert Elias seine Menschlichkeit, alle Völker Osten Ards stöhnen unter seiner unbarmherzigen Herrschaft.

Von all diesen Vorgängen ahnt der Küchenjunge Simon Mondkalb, der seine Eltern nicht kennt und unter den Fittichen der obersten Dienstmagd des Hochhorsts aufgewachsen ist, natürlich nichts. Verärgert über seine eigene Fähigkeit, sich immer wieder in Schwierigkeiten zu bringen, wünscht Simon sich weit weg. Er träumt von einer glanzvollen Karriere als Krieger – oder als Magier. Letzteres Ziel rückt in scheinbar greifbare Nähe, als der weise alte Doktor Morgenes ihn als Lehrling aufnimmt. Eines Tages entdeckt Simon zufällig einen versteckten Kerker und einen Gefangenen, der darin schmachtet. Und das ist niemand geringerer als Prinz Josua! Zusammen mit Doktor Morgenes verhilft Simon dem Prinzen zur Flucht, doch die von Pryrates angeführten Häscher sind ihnen schon auf den Fersen. Auch Simon muss den Hochhorst verlassen, während Morgenes sich opfert, um Simons Flucht zu decken. Einsam und unglücklich irrt Simon durch die Wildnis, bis er dem Troll Binabik und der Wölfin Qantaqa begegnet. Dieses Zusammentreffen ist kein Zufall: Binabik wurde ausgesandt, Simon zu helfen – Morgenes war Angehöriger eines Geheimbunds und hatte Binabiks Meister, der ebenfalls zu dem Geheimbund gehörte, verständigt. Auf ihrer gefahrvollen Reise zur Burg Naglimund, wohin Prinz Josua sich mit einigen Getreuen zurückgezogen hat, begegnet Simon noch weiteren Personen, die später noch eine wichtige Rolle spielen werden: Dem Sithi-Prinzen Jiriki und einer jungen Frau, die mehr ist, als sie zu sein scheint…

Während Josua sich in Naglimund auf den Angriff seines Bruders vorbereitet, werden Binabik und einige Krieger auf eine wichtige Mission geschickt. Um die Wiederkehr Inelukis zu verhindern, müssen drei magische Schwerter zusammengebracht werden. Das Schwert "Leid", das sich bereits im Besitz des wahnsinnigen Elias befindet, ist eines davon. Deshalb müssen die Schwerter "Dorn" und "Minneyar" beschafft werden, bevor sie Elias oder Pryrates in die Hände fallen. Simon begleitet den Trupp auf der beschwerlichen Reise in den Norden. Doch die Häscher der Nornenkönigin sind schon auf ihrer Spur…

Tad Williams kann zweifellos gut Geschichten erzählen und er hat es auch mit diesem Buch (dem ersten von vieren des Osten Ard - Zyklus) wieder geschafft, mich in seinen Bann zu ziehen. Wer epische Fantasy mag, dürfte mit dem Osten Ard – Zyklus bestens bedient sein. Dabei sind die ersten ca. 100 Seiten für Leser mit kurzem Geduldsfaden vielleicht so etwas wie ein Stolperstein. Williams nimmt sich nämlich fast zu viel Zeit, um die Hauptfiguren (vor allem Simon Mondkalb) einzuführen, ihre Beziehungen untereinander festzulegen und die grundlegenden Strukturen der Fantasywelt, in der die Geschichte spielt, auszuarbeiten. Diese Ausführlichkeit hat zwar einerseits den Effekt, dass man sich wirklich alles hervorragend vorstellen kann, denn Williams hat das Talent, Personen, Orte und Situationen ungemein plastisch und lebendig darzustellen. Auf der anderen Seite ist aber gerade die Charakterzeichnung Simons für meinen Geschmack zu plakativ ausgefallen. So dumm, wie der Knabe sich anstellt, kann kein Mensch sein! Wahrscheinlich sollte so der Effekt erzielt werden, dass der Leser sich besser mit der Hauptperson identifizieren kann. Der Leser soll die Welt Osten Ard zunächst durch die Augen des geringsten ihrer Bewohner sehen, bevor die großen und wichtigen Ereignisse mit Wucht herangerollt kommen. Das funktioniert durchaus, d.h. man kommt gut in die Geschichte "hinein", aber wenn Simon zum x-ten Mal tolpatschig eine Rüstung umwirft oder vor lauter Träumerei sonst irgendeinen Unfug treibt, dann nervt das irgendwann. Ungeduldige Leser werden sich also erst einmal durch einige Kapitel quälen müssen, bevor überhaupt irgendetwas passiert. Sobald Simon aber erst einmal den Hochhorst verlassen hat, nimmt die Geschichte enorm Fahrt auf und reißt den Leser mit. Soweit also: Gutes Lesefutter, spannend und phantasievoll geschrieben, mit vielen parallel ablaufenden Handlungssträngen und interessanten Schauplätzen. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Ich hatte aber praktisch die ganze Zeit das Gefühl, dass nichts an diesem Roman wirklich neu ist. Oder, anders ausgedrückt: Dass Williams praktisch jedes einzelne Element irgendwo geklaut hat. Ständig hatte ich das Gefühl, einem ähnlichen Charakter schon mal irgendwo begegnet zu sein, ähnliche Handlungsmuster und gar manche Dialoge schon mal irgendwo gelesen zu haben. Besonders großzügig bedient Williams sich offensichtlich beim großen Vorbild Der Herr der Ringe, aber auch keltische, nordische und sonstige Mythen dienen als Ideen- und Namenlieferanten. Teilweise werden die Begriffe nur leicht abgewandelt, teilweise werden sie auch eins zu eins übernommen. Viele Charaktere, Orte und Situationen bestehen quasi aus neu zusammengewürfelten Versatzstücken diverser Vorbilder aus anderen Fantasy-Werken. Helden aus dem Baukasten nach Schema F, könnte man auch sagen. Wenn eine kleine Gemeinschaft, die aus Angehörigen verschiedener Völker besteht, sich auf die Suche nach etwas enorm wichtigem macht, das benötigt wird, um das ultimativ Böse zu bannen, dann erinnert das doch schon sehr an Frodos Reise zum Schicksalsberg. Übrigens fehlt auch ein geheimnisvoller goldener Ring mit unverständlicher Runenschrift bei Tad Williams nicht…

Das gleiche gilt für die Verwendung der Religion. Wenn ich diesen Roman so lese, kann ich nicht umhin zu sagen, dass Tolkien gut daran getan hat, keinerlei religiöse Aspekte in sein großes Werk einzubinden. Denn wenn man bei Tad Williams dauernd etwas von Gottes Sohn "Usires Ädon" liest, dann wird das recht bald peinlich. Man muss nur den Namen mit "Jesus Christus" überschreiben und sich anstelle des Baums, an dem Usires aufgehängt wurde, ein Kreuz vorstellen – schon ist aus der ädonitischen Religion das Christentum geworden. Das ist einfach zu offensichtlich.

Ich will Tad Williams wirklich nicht als Plagiator bezeichnen – und wenn, dann hätte er immerhin gut geklaut, denn der Roman bietet beste Fantasy-Kost und fesselnde Unterhaltung. Den Osten Ard - Zyklus jedoch als "Meilenstein des Fantasy-Genres" zu bezeichnen oder mit Tolkien zu vergleichen, halte ich für absolut unangebracht.


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138
Star Wars Episode III Enzyklopaedie James Luceno: Star Wars – Die Rache der Sith. Die illustrierte Enzyklopädie
vgs 2005
64 Seiten, gebundener Bildband

Eigentlich ist dieser schmale Band viel zu teuer, aber angesichts der vielen, vielen Abbildungen, die in diesem Buch enthalten sind, konnte ich nicht widerstehen. Alle wichtigen Figuren, Droiden, Fahrzeuge, Kreaturen und Objekte des letzten Star Wars – Prequels sind hier abgebildet und beschrieben. Wobei mir nicht klar ist, wie viel von den teils etwas abstrusen und vor allem ziemlich schlampig übersetzten Beschreibungen (an einer Stelle fehlt sogar ein ganzer Absatz) verbürgt ist, d.h. wie viel aus dem Drehbuch stammt und was der Autor dieses Buchs sich einfach ausgedacht hat.

Immerhin kann man die vielen Details, die man beim Kinobesuch gar nicht alle wahrnehmen konnte, in Ruhe studieren. Die Abbildungen sind teilweise seitenfüllend, es gibt sogar das eine oder andere Bild, das sich über eine Doppelseite erstreckt. Selbst kleine Requisiten werden gezeigt und beschrieben. Bei manchen Aufnahmen hat man den Eindruck, dass sie speziell für dieses Buch angefertigt worden sind, d.h. es kann sich nicht um Filmszenen handeln. Wie gesagt: Zu teuer, aber schön anzuschauen.

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137
Ubik Philip K. Dick: Ubik
Heyne 2003
428 Seiten (incl. "Ubik - Das Drehbuch")

In Philip K. Dicks Version des Jahres 1992 wird die Welt vom Kommerz regiert, es gibt menschliche Kolonien auf anderen Planeten und der Tod hat einen Teil seines Schreckens verloren: Wird ein Verstorbener rechtzeitig in eine "Kaltpackung" gesteckt, kann man Kontakt zu seinen Hirnströmen aufnehmen und sich mit ihm unterhalten. Dieses "Halbleben" kann sich noch über Jahre hinziehen. Außerdem sind Menschen mit "übernatürlichen" Fähigkeiten keine Seltenheit mehr. Telepathen können die Gedanken ihrer Mitmenschen ausspionieren, Präkogs können die Zukunft vorhersagen und so weiter. Es gibt Agenturen, die Personen mit derartigen Fähigkeiten vermitteln und sie werden hauptsächlich für Industriespionage und ähnliches eingesetzt. Diese Psi-Fähigkeiten können durch sogenannte "Inerte" (also Anti-Mutanten) neutralisiert werden – natürlich gibt es inzwischen auch sogenannte Schutzgesellschaften, bei denen man Inerte mieten kann.

Joe Chip arbeitet bei einer solchen Schutzgesellschaft, er ist Psi-Feld-Tester bei der Firma seines Chefs und Freunds Glen Runciter. Sowohl Joe als auch Runciter haben Geldsorgen, und so stürzen sie sich unvorsichtigerweise auf einen Großauftrag, für den alle Inerten zusammengezogen werden, auf die Runciter zurückgreifen kann. Doch der Auftrag ist eine Falle: Als Runciter und seine Leute auf dem Mond ankommen, wo sie angeblich gegen die Telepathen einer Konkurrenzfirma einschreiten sollen, wird ein Bombenanschlag auf sie ausgeübt, bei dem allerdings nur Runciter ums Leben kommt. Doch schon bei der Rückkehr zur Erde häufen sich unerklärliche Ereignisse. Chip stellt fest, dass alle möglichen Gegenstände sich zu früheren Formen zurückzuentwickeln oder auf andere Weise zu degenerieren scheinen. Außerdem erhält er immer wieder auf unglaubliche Weise Botschaften von Runciter, dessen Konterfei plötzlich sogar auf Geldscheinen erscheint. Als einer von Chips Kollegen nach dem anderen einer rätselhaften Krankheit zum Opfer fällt, die zu einem extrem beschleunigten Alterungsprozess zu führen scheint, ist klar: Bei der Explosion auf dem Mond muss irgend etwas geschehen sein, was sich jedem rationalen Erklärungsversuch entzieht.

Chip begreift, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er selbst der namenlosen Macht zum Opfer fallen wird, die dafür verantwortlich ist, dass sich die Realität um ihn herum aufzulösen scheint. Aber irgendjemand oder irgendetwas ist auf Chips Seite. Runciters Botschaften weisen darauf hin, dass Chip UBIK braucht, um den Auflösungsprozess zu stoppen. Nur: Was ist UBIK?

Dass sich auf meinen Homepages kaum Einträge zu Büchern von P.K. Dick finden, liegt nur daran, dass ich die meisten seiner Romane und Kurzgeschichten schon vor vielen Jahren gelesen habe, also lange bevor ich damit angefangen habe, überall meinen Senf dazuzugeben. Ich halte P.K. Dick für einen der genialsten SF-Schriftsteller – und UBIK für eines seiner besten Werke. Es ist gar nicht so einfach, etwas über dieses Buch zu schreiben, ohne zuviel von der vielschichtigen Handlung zu verraten. Typisch für die meisten Geschichten des leider viel zu früh verstorbenen Autors und zentrales Thema von UBIK ist die Frage: Was ist Realität? Welche Auswirkungen hätte eine virtuelle Realität, die von den darin Gefangenen nicht von der Wirklichkeit unterschieden werden kann, auf den menschlichen Geist? Genau wie die Hauptpersonen in diesem Roman wird auch der Leser lange darüber im Unklaren gelassen, was denn überhaupt los ist. Immer wieder werden falsche Fährten gelegt, deren Entlarvung zu einigen überraschenden Wendungen führt. Dabei geht aber nie die Logik verloren, und am Ende "stimmt" wieder alles, wenn sich auch im allerletzten Absatz doch wieder ein Haken verbirgt. Mit UBIK ist P.K. Dick ein faszinierender, enorm spannender Roman gelungen, dessen Geschichte zielstrebiger als in manch anderen seiner Werke entwickelt wird. Darüber hinaus sprüht der Roman nur so vor außergewöhnlichen Ideen, witzigen Details und bissigen Seitenhieben. Am besten gefallen mir Joe Chips eigenwillige Einrichtungsgegenstände, z.B. die Tür, die sich nur nach Einwurf von zehn Cent öffnet und Chip mit einer Anzeige droht, als er das Schloss abschrauben will, weil er keine zehn Cent mehr hat und somit in seiner eigenen Wohnung gefangen wäre…

Viele Geschichten von P.K. Dick wurden verfilmt – UBIK leider nicht, obwohl Dick selbst ein Drehbuch dafür geschrieben hat. Dieses Drehbuch ist in meiner Ausgabe des Romans (der eigentlich nur einen Umfang von 266 Seiten incl. Vorwort hat) abgedruckt. Das Drehbuch ist keine hundertprozentig genaue Umsetzung des Romans, insbesondere das Ende fällt etwas anders aus. Es ist aber schon deshalb interessant, weil darin einige Details genauer beschrieben sind als im Roman – und zwar so, wie Dick selbst es sich vorgestellt hat – und weil man erkennen kann, welche Aspekte der Geschichte dem Autor besonders wichtig waren.

Auch wenn man nicht "wirklich" erfährt, was UBIK eigentlich ist, kann ich dieses Buch jedem empfehlen. Und zwar wirklich jedem, denn man muss kein SF-Fan sein, um es faszinierend zu finden!


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136
Der Luziferplan Jens Lossau / Jens Schumacher: Der Luzifer - Plan
Societäts-Verlag 2003
288 Seiten, gebunden

Nach einer Reihe bizarrer Kirchenschändungen, bei der u.a. die berühmten Chagall-Fenster der Mainzer Stephanskirche zerstört werden, wird der Täter – ein gewisser Leszek Bukow – in die geschlossene Abteilung einer neurologisch-psychiatrischen Fachklinik im rheinhessischen Alzey gebracht. Grund: Der gute Mann, ein bisher unbescholtener Immobilienhändler, ist der Teufel. Jedenfalls behauptet Bukow das, und tatsächlich ereignen sich in der Klinik mehrere unerklärliche, möglicherweise übernatürliche Vorfälle, für die Bukow verantwortlich gemacht wird. Als Bukow sich vor laufender Überwachungskamera in seiner Einzelzelle tatsächlich vorübergehend in den Leibhaftigen zu verwandeln scheint, schlägt die Stunde des BKA-Ermittlerduos Frank Passfeller und Tillmann Grosch. Die beiden Sonderkommissare der SK 66, die immer dann zum Einsatz kommen, wenn irgendwo in Deutschland Delikte mit okkultem, übernatürlichem Hintergrund bekannt werden, machen sich auf den Weg nach Alzey. Sie merken schnell, dass in der Rheinhessen-Fachklinik tatsächlich nicht alles mit rechten Dingen zugeht, allerdings auf andere Weise, als es die sensationsgierige lokale Presse behauptet.

Wenig später häufen sich in der Umgebung von Alzey seltsame Ereignisse. Ein nackter, völlig verwirrter Mann wird auf einem Kartoffelfeld bei Dannenfels aufgegriffen. Auf dem Alzeyer Wartbergturm wird die Leiche eines Mannes entdeckt, der sich offenbar mit mehreren Dutzend Messerstichen (die zusammen die Form eines umgedrehten Kreuzes ergeben) selbst umgebracht hat. Während Passfeller und Grosch sich noch mit aufdringlichen Reporterinnen, schwulen Kleinstadtpolizisten und wenig kooperativem Klinikpersonal herumschlagen müssen, überschlagen sich die Ereignisse: Leszek Bukow bricht aus und sorgt für Chaos in der sonst so beschaulichen Volkerstadt…

Auch der zweite Roman, in dem Passfeller und Grosch die Hauptrolle spielen, macht viel Spaß. Er ist gespickt mit ungewöhnlichen Ideen, er ist flott und amüsant geschrieben, stellenweise sogar spannend, und da er in der Stadt spielt, in der ich das Licht der Welt erblickt habe, weiß ich den immer wieder durchblitzenden Lokalkolorit durchaus zu würdigen. Diese positiven Aspekte muss ich vorausschicken, weil das, was jetzt folgt, sonst allzu negativ klingen würde! Zunächst einmal hat die Story zwei entscheidende Schwächen.

Erstens: Passfeller und Grosch tappen die ganze Zeit eigentlich nur im Dunkeln, ihre ermittlerische Tätigkeit beschränkt sich darauf, Informationen über den Teufel einzuholen und ein bisschen in der Klinik herumzuschnüffeln. Nichts davon trägt auch nur ansatzweise dazu bei, dass der Fall aufgeklärt wird, und so ist denn am Ende auch ein Monolog des Mannes, der hinter allem steckt, zur Klärung der Zusammenhänge erforderlich. In der typischen Manier eines Oberbösewichts aus einem James Bond – Film wird den beiden Polizisten der finstere Luzifer-Plan enthüllt, der nebenbei bemerkt auch noch sehr an den Haaren herbeigezogen ist. Wie schon in Der Schädeltypograph stellt sich durch dieses überhastete Ende eine Art Deus-Ex-Machina-Effekt ein. Eine allmähliche Enträtselung der teuflischen Vorgänge in Alzey wäre schöner gewesen. Vermutlich ist das auch den Autoren aufgefallen und deshalb wird der Roman von einer Szene eingeleitet, durch die der Leser eigentlich schon von Anfang an ahnen kann, wo der Hund begraben liegt. Mich hat das übrigens ein wenig an Relic von Preston/Child erinnert.

Zweitens: Durch welche besonderen Fähigkeiten qualifizieren Passfeller und Grosch sich eigentlich für die SK 66? Wie gesagt: Die beiden tragen eigentlich nichts zur Klärung des Falls bei, insbesondere Grosch wirkt alles andere kompetent. Seine Fähigkeiten scheinen ausschließlich auf dem Gebiet der Vertilgung von Nahrungsmitteln zu liegen. Er scheint nur dazu da zu sein, um dumme Sprüche von sich zu geben, eigenartige Klamotten zu tragen und sich seltsam zu benehmen. Uns wird noch nicht einmal die vorhersehbare Szene erspart, in der man ihn für einen Insassen der "Irrenanstalt" hält. Passfeller bleibt sowieso ein Mann ohne Eigenschaften, wenigstens recherchiert er ein wenig mit Hilfe des SK 66 – Supercomputers "Otti". Warum also werden die beiden Nieten überhaupt hinzugezogen? Die anderen Personen des Romans sind zumeist klischeehaft überzeichnet, allen voran die unerträglich lästige Journalistin, über deren weiteres Schicksal man leider nichts erfährt.

Der Stil des Romans ist darüber hinaus sehr uneinheitlich. Es gibt zwar Szenen, deren Humor ich nur als genial bezeichnen kann, aber stellenweise hat man das Gefühl, dass auf Teufel komm raus (upps, jetzt ist mir das Wortspiel doch noch rausgerutscht!) noch ein Gag mehr eingebaut werden musste. Manchmal kommen Groschs klamaukhafte Eigenarten allzu unmotiviert rüber, manche Situationen wirken zu konstruiert, um noch witzig zu sein. Leider kommt es auch immer wieder vor, dass Sätze keinen Sinn ergeben oder einfach falsch formuliert sind. Das gilt auch für die Dialoge: Kein Mensch spricht so gedrechselt! Insgesamt bietet also auch "Der Luzifer-Plan" ein ungewöhnliches, aber nicht ganz ungetrübtes Vergnügen.


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135
Radetzkymarsch Joseph Roth: Radetzkymarsch
Kiepenheuer & Witsch, 1989
319 Seiten

In der Schlacht von Solferino, am 24.06.1859, rettet ein einfacher Leutnant namens Joseph Trotta dem Kaiser Franz Josef I. das Leben. Der Nachkomme slowenischer Bauern erhält zur Belohnung für diese Tat den Adelstitel. Als er im Schulbuch seines Sohnes eine zur heroischen Legende aufgebauschte Version dieses eher unspektakulären Ereignisses liest, spricht er beim Kaiser vor und verlangt, dass die Episode aus den Schulbüchern entfernt werden soll. Seinem Sohn verbietet er die militärische Laufbahn, er soll Staatsbeamter werden. Carl Joseph von Trotta, der Enkel des "Helden von Solferino", wird allerdings wiederum Offizier. Der junge Mann kommt mit dem sinnlosen Dasein eines Soldaten in Friedenszeiten aber nicht zurecht. Affären mit verheirateten Frauen, Alkohol- und Glücksspielsucht sind die Folge. Wegen seiner Spielschulden muss wieder einmal ein Trotta – sein Vater, inzwischen Bezirkshauptmann – um eine Audienz beim Kaiser nachsuchen. Als dann der erste Weltkrieg ausbricht, wird auch Carl Joseph an die Front geschickt. Carl Joseph fällt – aber nicht etwa bei einer heroischen Tat wie sein Großvater, in dessen Schatten er zeitlebens gestanden hat, sondern bei dem Versuch, Wasser für seine Männer aus einem Brunnen zu holen…

Dies ist der bekannteste Roman von Joseph Roth. Am Beispiel der drei Generationen der Familie Trotta wird der Niedergang der K.u.K. – Monarchie Österreich-Ungarn geschildert. Die Denkweise der Menschen kurz vor dem ersten Weltkrieg wird in dieser ruhig und gemächlich (vielleicht etwas langatmig) geschriebenen Geschichte gut verständlich. An die Stelle einfacher soldatischer Tugenden tritt zunächst die fleißige Pflichterfüllung eines Beamten und dann der ziellose Müßiggang eines jungen Menschen, der sich nicht mit der Vergangenheit des Kaiserreichs identifizieren kann und für den es keine Zukunft zu geben scheint. Die erstarrten Werte und Normen seiner Vorfahren scheinen sich zu seiner Zeit aufzulösen, die beiden tragenden Säulen der Donaumonarchie (Militär und Beamtentum) bieten auch Carl Joseph keine Perspektive mehr.

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134
Das Unsterblichkeitsprogramm Richard Morgan: Das Unsterblichkeitsprogramm
Heyne 2004
606 Seiten

Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft: Die Menschen haben zahlreiche Planeten der Galaxis besiedelt, aber interstellare Raumfahrt gibt es so gut wie nicht. Kaum jemand reist körperlich von Planet zu Planet, in der Regel wird nur das, was man als "Geist" oder "Bewusstsein" bezeichnen könnte, auf die Reise geschickt. Man hat nämlich einen Weg gefunden, den menschlichen Geist vom Körper zu trennen. Die Gesamtheit aller Erinnerungen, Erfahrungen und Gefühle – kurz: die gesamte Identität eines Menschen, kann in Mikrochips gespeichert, in virtuelle Realitäten eingespeist und eben auch mit einer Art überlichtschneller Funkverbindung verschickt werden. Am Zielort wird das Bewusstsein dann einfach in einen anderen Körper eingespeist. Die gleiche Technik hat dafür gesorgt, dass der Tod seinen Schrecken verloren hat. Denn jeder Mensch trägt einen implantierten Chip (den "Stack") mit sich herum, in dem sein "Ich" permanent abgespeichert wird. Besonders Vorsichtige, die es sich leisten können, lassen sogar regelmäßig Sicherheitskopien ihrer Stacks an besonders geschützten Orten lagern, denn in dieser zukünftigen Welt kann man nur noch "endgültig" sterben, wenn der Stack zerstört wird – oder wenn man Katholik ist und das Resleeving aus religiösen Gründen ablehnt. Ansonsten wird das im Stack gespeicherte Bewusstsein einfach in einen anderen Körper – oder, wie man sich euphemistisch ausdrückt, einen "Sleeve" – geladen. Das kann ein Klon des eigenen, ursprünglichen Körpers sein, aber auch ein künstlicher Androide oder der gemietete Körper eines anderen Menschen, dessen Bewusstsein z.B. zur Strafe für ein Verbrechen für längere Zeit in einer Datenbank eingelagert wurde…

Dieses Schicksal erleidet auch Takeshi Kovacs. Kovacs ist kein Mensch von der Erde, sondern ein Kolonist von Harlans Welt. Früher war er im Envoy-Korps, einer Spezialeinheit, deren Mitglieder sich durch besondere körperliche und geistige Fähigkeiten auszeichnen. Jetzt ist er Privatdetektiv, wurde aber während eines heiklen Auftrags erschossen. Kurze Zeit nach dem letalen organischen Defekt seines alten Körpers (vom Tod spricht man in diesem Zusammenhang nicht mehr), wird Kovacs im Auftrag des superreichen und uralten Laurens Bancroft resleevt. Er soll Bancrofts angeblichen Selbstmord untersuchen – Bancroft hat sich, wie die Polizei annimmt, selbst den Kopf weggeblastert, und zwar mitsamt dem darin befindlichen Stack. Dass Bancroft noch am Leben ist, hat er nur dem regelmäßigen Update seines Bewusstseins zu verdanken. Leider liegen zwischen dem letzten Update und dem angeblichen Selbstmord mehrere Stunden, so dass Bancroft keine Ahnung hat, was in der Zwischenzeit vorgefallen ist. Jedoch behauptet er steif und fest, es müsse sich um einen Mordanschlag gehandelt haben. Kovacs beginnt zu ermitteln – gezwungenermaßen, denn würde er sich weigern, würde er sofort wieder für längere Zeit "eingelagert" werden. Die Zusammenarbeit mit der Polizei gestaltet sich schwierig, was nicht zuletzt daran liegt, dass Kovacs neuer Sleeve der Körper eines Polizisten ist, der mit der leitenden Beamtin im Fall Bancroft liiert war.

Schon gleich bei seiner Ankunft im Hotel wird ein Mordanschlag auf Kovacs verübt, den er nur überlebt, weil die KI des Hotels den Attentätern noch nicht den Gast-Status zugebilligt hat und sie mit einer Zimmerflak zerlegt. Gleich die erste Spur, die Kovacs verfolgt, führt ihn in ein mehr als zwielichtiges Milieu und es stellt sich schnell heraus, dass Bancroft mehr zu verbergen hat als gelegentliche Bordellbesuche. Doch das ist nur die Spitze eines Eisbergs aus Intrigen, Täuschungen, Machtkämpfen und Korruption. Sehr bald stellt Kovacs fest, dass er sich in Angelegenheiten eingemischt hat, die für einen normalen Privatdetektiv mehrere Nummern zu groß wären. Aber Kovacs ist kein normaler Schnüffler, und das wissen auch seine Gegenspieler. Kovacs muss all sein Können als ehemaliger Envoy-Soldat aufbieten, um am Leben zu bleiben…

Über weite Strecken liest sich dieser Roman trotz (oder vielleicht gerade wegen) des harten Cyberpunk-Ambientes wie ein alter Philip-Marlowe-Krimi, man fühlt sich in einen Film Noir versetzt. Dazu trägt natürlich auch die lakonische, zynische Ich-Erzählweise bei. Gerade dieser Kontrast zwischen Stil und Szenerie ist äußerst interessant und macht das Buch zu einem echten Vergnügen – jedenfalls in der ersten Hälfte. Der Erzählfluss wird ab der zweiten Hälfte aber immer öfter durch sehr drastische Szenen aufgebrochen, in denen Kovacs entweder windelweich gefoltert wird oder selbst brutalste Gewalttaten ausübt – derartige Taten, die "organische Defekte" zur Folge haben, wiegen in einer Welt der virtuellen Unsterblichkeit eben nicht mehr sonderlich schwer. Zwei bis drei ebenfalls recht deftige, explizit geschilderte Sexszenen könnten bei zart besaiteten Lesern ebenfalls für Irritierung sorgen. Man wird übrigens nicht ganz schlau aus dem Anti-Helden Kovacs, vielleicht deshalb, weil die Rückblenden auf seine Envoy-Vergangenheit zu knapp ausfallen. Man versteht seine Motivation, einerseits Dutzenden von Unbeteiligten das Lebenslicht (endgültig) auszublasen ebenso wenig wie sein späteres Bestreben, irgendwelchen Leuten, die unter die Räder der Macht gekommen sind, wieder auf die Beine zu helfen. Auch wirkt er manchmal etwas zu sehr wie ein unbesiegbarer Superheld. Das ist aber nur solange der Fall, bis er auf ebenbürtige Gegner trifft.

Das zentrale Thema dieses Romans – die Trennung von Geist und Körper – wird aber sehr konsequent ausgearbeitet. Die Anwendungsmöglichkeiten des Resleeving und die Auswirkungen dieser Möglichkeiten auf die menschliche Gesellschaft sind teilweise schon sehr bizarr. So können Männer in weiblichen Körpern resleevt werden, Bewusstseine können in virtuellen Folterkammern solange mit Konstrukten oder Duplikaten ihrer selbst konfrontiert werden, bis sie den Verstand verlieren, man kann sich doppelt sleeven lassen oder in den künstlich aufgerüsteten Körper eines Androiden schlüpfen. Der menschliche Körper ist zu einer billigen, beliebig austauschbaren Massenware geworden. Man wechselt den Sleeve so leicht wie ein Paar Schuhe und die schlimmste Strafe außer der Zerstörung des Stack ist die "Einlagerung", durch die man ganze Jahrhunderte verlieren kann. Dabei stellt sich natürlich immer die Frage: Ist das, was im Stack gespeichert wird, wirklich die vollständige, "echte" Persönlichkeit oder nur eine kalte Ansammlung von Daten? Halten die wieder zum Leben Erweckten sich nur aufgrund ihrer Erinnerungen für echte Menschen, sind tatsächlich aber nur bessere Roboter? Die Kälte und Seelenlosigkeit, mit der Morgan die meisten Menschen in diesem Roman agieren lässt, erst recht solche, die nach mehreren "Wiedergeburten" schon Jahrhunderte durchlebt haben, wäre ein Hinweis darauf. Man könnte also sagen, dass die Gewalt als Stilmittel zur Darstellung einer Welt eingesetzt wird, die längst ihre Menschlichkeit verloren hat – ein Verlust, der von niemandem bemerkt wurde…

Dass man manchmal das Gefühl hat, Morgan habe sich ausgiebig bei anderen Romanen oder Filmen des Genres bedient, hat einen simplen Grund: Düstere High-Tech-Zukunftswelten dieser Art hat es einfach schon zu oft gegeben. Die Resleeving-Idee ist genau genommen das einzig wirklich Neue, was Morgan inhaltlich beizusteuern hat. Die Verbindung zwischen knallhartem Thriller und SF ist zwar nicht neu (an dieser Stelle sei nur an Timothy Truckle erinnert), aber doch "mal was anderes".

Dies ist kein Buch für empfindliche Gemüter. Manchmal fällt es schwer, die vielen Nebenfiguren und Subplots auseinanderzuhalten. Die Auflösung des Kriminalfalls ist zwar schlüssig, wirkt aber doch etwas unbefriedigend. Spaß macht der Roman trotzdem.


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133
Exponentialdrift Andreas Eschbach: Exponentialdrift
Bastei Lübbe 2003
268 Seiten

Als Bernhard Abel vier Jahre nach einem Hirnschlag aus dem Koma erwacht und sich nicht gleich an seine ganze Vergangenheit erinnern kann, hält er das zunächst für eine normale, aber vorübergehende Begleiterscheinung seiner langen Bewusstlosigkeit. Aber dass er von Anfang an meint, "Bernhard Abel" sei nicht sein richtiger Name, bereitet ihm doch einiges Kopfzerbrechen – zumal er eines Tages von einem Mann aufgesucht wird, der zu wissen scheint, dass Abel tatsächlich nicht der Mann ist, für den selbst seine Frau ihn hält. Dann begreift Abel die Wahrheit: Er ist in Wirklichkeit ein Außerirdischer, der lediglich den Körper des Komapatienten Bernhard Abel übernommen hat, um auf der Erde eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Doch was ist der Zweck seiner Mission? Oder ist alles nur Einbildung und leidet Abel an schizophrenen Wahnvorstellungen?

Als Abel herausfindet, dass seine Frau seit Jahren ein Verhältnis mit einem Mann hat, der zu einer Gruppe von Verschwörern gehört, in deren Machenschaften Abel vor seinem Sturz ins Koma irgendwie verstrickt gewesen sein muss (er kann sich nicht mehr daran erinnern), und als weitere Personen auftauchen, die ebenfalls glauben, sie seien Außerirdische in den Körpern ehemaliger Apalliker, wird Abels Situation immer verzweifelter. Er ahnt, dass das Schicksal der Menschheit vom Gelingen seiner Mission – deren Sinn er immer noch nicht kennt – abhängen könnte…

Dieser Fortsetzungsroman ist vom September 2001 bis zum Juli 2002 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen. Das heißt: Es wurde nicht einfach nur ein bereits fertig gestellter Roman in mehreren Folgen veröffentlicht, sondern er wurde im genannten Zeitraum "in Echtzeit" geschrieben. Zum Beweis dafür wurden immer wieder Bezüge zu aktuellen Geschehnissen eingebaut. Dieser Effekt geht in der Buch-Veröffentlichung natürlich verloren, dennoch wird hier eine spannende Geschichte erzählt, die einige überraschende Wendungen bereithält. Bis zum letzten Viertel macht der Roman wirklich Spaß und man kann kaum mit dem Lesen aufhören, wozu natürlich auch die Cliffhanger am Ende jedes Kapitels beitragen – das ist eine Begleiterscheinung der wöchentlichen Fortsetzungen. Allerdings ist das Ende des Romans eigentlich offen und kommt vor allem zu rasch. Auf wenigen Seiten wird vieles zusammengedrängt, was der Autor eigentlich viel ausführlicher hätte ausarbeiten wollen. Wie man dem Anhang zum Buch, einer Art "Making of", das Eschbach selbst geschrieben hat, entnehmen kann, waren weder der Fortsetzungsroman noch die Zeitung, in der er erschienen ist, besonders erfolgreich und so musste ziemlich überhastet ein etwas unbefriedigendes Ende konstruiert werden.

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132
Resident Evil Stunde Null S. D. Perry: Resident Evil 7 - Stunde Null
Dino 2005
267 Seiten

Als das Bravo-Team der Special Tactics and Rescue Squad, einer Sondereinheit der Polizei von Raccoon City, per Helikopter in die Wälder aufbricht, um eine Serie rätselhafter Morde zu untersuchen, ist dies der erste Einsatz für die Rekrutin Rebecca Chambers. Seit geraumer Zeit verschwinden in der Umgebung der Stadt immer wieder Wanderer, es wurden des Öfteren Leichen aufgefunden, die schrecklich entstellt waren und Bissspuren aufgewiesen haben, die zum Teil von Tieren, zum Teil offensichtlich aber auch von menschlichen Gebissen stammen… Nach einem Blitzeinschlag muss der Helikopter der Bravos im Wald notlanden. Rebecca entdeckt einen verunglückten Militärtransport, der den Unterlagen zufolge, die sich noch darin befinden, einen verurteilten Mörder zur Hinrichtung hätte bringen sollen. William Coen, so lautet der Name des zum Tode Verurteilten, muss sich noch irgendwo in der Nähe befinden – aber hat er die Männer des Gefangenentransports so grausam zugerichtet?

Die Bravos verteilen sich, um die Umgebung zu sichern. Dabei trennt Rebecca sich von ihren Kameraden und stößt auf einen verlassenen Personenzug, der mitten im Wald steht. Als sie die Waggons untersucht, macht sie eine grauenhafte Entdeckung: Die Passagiere sind noch da, aber sie sind alle tot, niedergemetzelt von unbekannten Wesen. Aber scheinbar sind sie nicht ganz tot! Die teilweise schrecklich verstümmelten Leichen erheben sich und greifen Rebecca an. Unerwartete Hilfe erhält sie ausgerechnet von Billy Coen, der natürlich alles andere als ein Mörder ist. Als der Zug sich plötzlich in Bewegung setzt und direkt auf eine alte Trainingseinrichtung der B-Waffen-Forschungsfirma Umbrella Corporation zurast, müssen Rebecca und Billy zusammenarbeiten, wenn sie überleben wollen. Sie ahnen nicht, dass die lebenden Toten, die den Zug unsicher machen, bei weitem nicht das schlimmste ist, was ihnen noch bevorsteht…

In diesem Roman beschränkt S.D. Perry sich ganz darauf, die Story des Videospiels Resident Evil Zero nachzuerzählen. Eigene Ideen oder Verweise auf die Geschichte, die sie in den Vorgängerromanen selbst entwickelt hat, finden sich bis auf eine ganz kurze Anspielung auf "Mr. Trent" nicht. Der Roman folgt also den Geschehnissen des Spiels fast schon sklavisch, dazu gehört auch das Videospiel-typische Lösen von "Rätseln" im Stil von "Hole Gegenstand A, kombiniere ihn mit Gegenstand B, öffne damit Tür X und dringe so ins nächste Level vor". Dazu noch ein paar drastische Beschreibungen explodierender Zombieschädel und bizarrer Kreaturen, die Umbrellas Biowaffenforschung entsprungen sind – schon sind über 250 Seiten voll. Gut: Es wird erheblich genauer auf die Gedanken und Gefühle der Protagonisten eingegangen, und wer das Spiel kennt, der erlebt auch diesmal wieder den nostalgischen "Wiedererkennungs-Effekt". Die kleinen aber feinen Abweichungen und Gags, die noch im ersten Roman dieser Reihe eingebaut worden sind, fehlen diesmal aber völlig. Wirklich spannend kann man das Buch daher wohl nur finden, wenn man das Game nicht gespielt hat. Auf die vielen Rechtschreibfehler und die schlechte Übersetzung muss man auch noch hinweisen. So was kann einem den ganzen Spaß vermiesen. Fazit: Das Buch ist nur für Fans der Spiele-Serie geeignet.

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131
Casino Royale Ian Fleming: Casino Royale
Heyne 2003
224 Seiten

Der britische Secret Service wittert eine Chance, seinem Gegenspieler im Osten einen empfindlichen Schlag zu versetzen, als der russische Top-Agent "Le Chiffre" in Geldnot gerät. Le Chiffre hat Gelder seiner eigenen Organisation veruntreut und läuft Gefahr, von SMERSCH beseitigt zu werden. Da er ein begnadeter Glücksspieler ist, versucht er, die zur Rückzahlung benötigten Mittel beim Bakkarat im Casino Royale zu gewinnen. Könnte man diesen Versuch vereiteln, so meint der Geheimdienst ihrer Majestät, dann wäre das nicht nur gleichbedeutend mit der Kaltstellung eines gefährlichen Spions, sondern würde auch eine Demütigung und Schwächung des russischen Geheimdienstes bedeuten. Um dieses Ziel zu erreichen, wird ein Mann mit besonderen Fähigkeiten benötigt. Und da der Gegner quasi am Spieltisch besiegt werden soll, kommt nur jemand in Frage, der ein mindestens genauso guter Spieler ist wie Le Chiffre. Natürlich ist nur einer für diesen Job geeignet: Agent 007, James Bond. Inkognito und mit üppigen Finanzmitteln ausgestattet reist Bond zum Casino Royale, um sich dort mit Le Chiffre zu messen. Doch der Gegner ist bereits über Bonds Identität im Bilde und hat Vorkehrungen getroffen, den Agenten aus dem Weg zu räumen. Irgendjemand in dem Team, das 007 unterstützten soll, muss ein Doppelagent sein – und Le Chiffre hat mehr als nur dieses As im Ärmel…

Dies ist der erste Roman mit Agent 007. Die Geschichte von James Bonds erstem Einsatz enthält bereits alles, was sich auch in den späteren Romanen der Reihe wiederfindet: Schauplätze aus der Welt der High Society, schnelle Autos, schöne Frauen, ein bisschen Agenten-Schnickschnack und Gewalt. Akribisch werden nicht nur die Szenen am Spieltisch beschrieben, auch Bonds Vorlieben bezüglich Essen, Trinken und Frauen werden geradezu penibel aufgelistet. Die eigentliche Agentengeschichte (die ja nun auch ziemlich an den Haaren herbeigezogen wurde) tritt gegenüber all diesen Details deutlich in den Hintergrund. Nur in wenigen, dafür umso drastischeren Szenen kommt die Action zum Zuge, und zwar in einer Weise, die ich für die damalige Zeit (1953) ziemlich… nun… ungewöhnlich finde. Um nicht zuviel zu verraten, sei nur erwähnt, dass Bond eine besondere Folter erdulden muss, in der seine empfindlichsten Teile, ein Stuhl ohne Sitzfläche und ein Teppichklopfer eine wesentliche Rolle spielen. Über das frauenfeindliche Geschwafel, das in vielen Bond-Romanen vorkommt und das auch hier nicht fehlt, kann man heute nur noch den Kopf schütteln. Wenn man aus dem Roman wenigstens herauslesen könnte, dass es sich dabei um Bonds Meinung handeln soll und dass der Autor diese in Frage stellt, wäre es ja noch in Ordnung. Aber dafür finden sich keine Anhaltspunkte. Immerhin: Bond ist in diesem Roman nicht der unbesiegbare Superagent, den man aus den Filmen kennt. Er hat sogar Selbstzweifel und will den Dienst quittieren. Insgesamt ist der Roman für mich eigentlich nur deshalb von Interesse, weil James Bond darin zum ersten Mal vorkommt. Wirklich spannend finde ich ihn aber nicht.

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130
Der Schädeltypograph Jens Lossau / Jens Schumacher: Der Schädeltypograph
Societäts-Verlag 2002
251 Seiten

Ausgerechnet im Gutenberg-Jahr (für alle, die sich nicht erinnern: es war das Jahr 2000) werden unersetzliche Drucktypen aus dem Mainzer Gutenberg-Museum gestohlen, die vom berühmtesten Sohn der Stadt selbst benutzt worden sein sollen. Das allein wäre ja schon schlimm genug, aber dann wird die auf den Fastnachtsbrunnen gespießte Leiche eines Mannes gefunden, dem mit genau diesen Drucktypen lateinische Sätze in den Schädel gehämmert worden sind. Wenig später stolpert eine alte Frau auf dem Mainzer Zentralfriedhof im wahrsten Sinne des Wortes über sechs Tote, die schon vor 100 Jahren beerdigt worden sind – jemand hat die Gräber geschändet, die Toten exhumiert und den Schädel einer Leiche entwendet. Bei diesem Stand der Ermittlungen wäre der leicht überforderte Mainzer Kriminalrat Ewers zwar dankbar für jegliche Hilfe, aber als die Sonderkommissare Frank Passfeller und Tillmann Grosch sich anschicken, ihm den Fall abzunehmen, ist er dennoch alles andere als begeistert.

Passfeller und Grosch gehören zur Sonderkommission 66 des BKA und werden immer dann eingesetzt, wenn irgendwo Beobachtungen gemacht oder Indizien gesammelt werden, die auf un- oder übernatürliche Vorgänge schließen lassen. Obwohl Ewers nichts unversucht lässt, den beiden unbeliebten Kollegen Steine in den Weg zu legen, finden sie bald heraus, dass der Mord etwas mit einem heidnischen Ritual zu tun haben muss. Noch vor 100 Jahren hat es eine Sekte gegeben, die auf diese Weise einen keltischen Dämon beschwören wollte, dessen Name eine verdächtige Ähnlichkeit mit dem alten römischen Namen für die Stadt Mainz aufweist – und erstaunlicherweise soll Johannes Gutenberg einer Gruppe angehört haben, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Sekte zu bekämpfen. Will jemand das Ritual in der heutigen Zeit zu Ende bringen? Es sieht ganz so aus, denn innerhalb weniger Tage werden zwei weitere Tote an ungewöhnlichen Orten entdeckt, und auch diesen beiden wurden Teile der Beschwörungsformel mit brutaler Gewalt in den Schädel gemeißelt…

Mit Passfeller und Grosch hat eines der ungewöhnlichsten Ermittlerduos aus deutschen Landen die Krimibühne betreten und obwohl man diesem Erstlingsroman von Lossau und Schumacher, die sich in Fankreisen schon viel früher einen Namen mit Horror-Kurzgeschichten gemacht haben, noch gewisse "Kinderkrankheiten" anmerkt, so ist die Geschichte um den Schädeltypographen doch bizarr genug, um mehr als nur ein flüchtiges Interesse bei mir zu wecken – und deshalb habe ich mir auch gleich die beiden Folgeromane zugelegt. Zur Wirkung des Romans trägt natürlich bei, dass er in Mainz spielt, also in der Stadt, in der ich arbeite. Genau zu wissen, wie es an den beschriebenen Tatorten aussieht oder zu lesen, wie Sonderkommissar Grosch den Mainzer Bahnhofsvorplatz des Jahres 2000 (damals wurde der Bahnhof umgebaut) spontan mit Beirut vergleicht, das hat schon was… Dabei beeindrucken die beiden Hauptpersonen zunächst einmal nur durch ihre Skurrilität. Ansonsten bleibt vor allem Passfeller seltsam blass und eindimensional, Groschs seltsame Angewohnheiten und Scherzchen werden zwar plastisch geschildert, sind aber nicht immer nachvollziehbar. Da bleibt die Glaubwürdigkeit manchmal ein bisschen auf der Strecke.

Neben einigen etwas allzu gedrechselt wirkenden Sätzen kann letzten Endes auch die Story nicht hundertprozentig überzeugen. Für meinen Geschmack muss nach dem "Showdown" noch zuviel erklärt werden und bei der Rettung in letzter Sekunde hat sich bei mir eine Art Deus-ex-Machina-Effekt eingestellt, d.h. ich hatte den Eindruck, dass da etwas aus dem Hut hervorgezaubert werden musste, weil den Autoren keine plausiblere Auflösung eingefallen ist. Die Grundidee jedoch und der Weg bis zur Aufdeckung des Geheimnisses sind überzeugend, amüsant und spannend ausgearbeitet worden, da passt einfach alles zusammen. Die Geschichte hätte auch nirgendwo anders spielen können als in Mainz! Mich würde mal interessieren, wie viel davon, was die Sonderkommissare herausfinden, historisch verbürgt und wie viel reine Erfindung ist… Es wird übrigens nicht mit recht drastischen Gewaltdarstellungen gegeizt, aber das wird immer zweckdienlich eingesetzt und artet nicht zur Splatter-Orgie aus. Der Roman strotzt übrigens nur so vor Anspielungen auf andere Bücher und Filme. Das merkt man gleich am Beispiel des ersten Mordopfers, das ausgerechnet den Namen Andreas Schnaas trägt. Wer den nicht kennt, sollte einfach mal nach dem Namen googeln.


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129
Star Trek Erinnerungen William Shatner: Star Trek Erinnerungen
Heyne 1994
400 Seiten

William Shatner, Darsteller des Captain Kirk aus der TV-Serie Star Trek (hierzulande besser bekannt als Raumschiff Enterprise), versucht in diesem Buch die Geschichte eben dieser Serie zu erzählen. Und er holt ziemlich weit aus dabei, denn die Geschichte von Star Trek ist gleichzeitig die Geschichte ihres Schöpfers Gene Roddenberry – und mit den ersten Schritten Roddenberrys auf dem Gebiet der Fernsehserien beginnt denn auch dieses Buch. Die Schwierigkeiten, mit denen Roddenberry zu kämpfen hatte, bis sein Konzept einer Science Fiction – Serie überhaupt Abnehmer fand, werden ebenso ausführlich geschildert wie die Probleme, mit denen die Produktion dann praktisch von Beginn an belastet war. Es handelt sich also nicht um eine Autobiografie Shatners, denn im Mittelpunkt steht nicht er selbst, sondern die Serie, in der er mitgespielt hat. Diese Tatsache muss man Shatner ebenso hoch anrechnen wie den Umstand, dass er immer wieder seine ehemaligen Kollegen (Schauspieler und Produktionscrew), die er für das Buch interviewt hat, zu Wort kommen lässt. Shatner lässt immer wieder seine persönlichen Erinnerungen einfließen und so bekommt man einmal mehr die bereits allseits bekannten Anekdoten über die Scherze, die vor allem Roddenberry und Shatner mit ihren Kollegen getrieben haben, zu lesen.

Mir fehlen natürlich die Kenntnisse, um beurteilen zu können, was in diesem Buch richtig dargestellt wird und was beschönigt wurde, damit Shatner in einem besseren Licht dasteht – ganz zu schweigen davon, dass ich keine Ahnung habe, was wirklich aus Shatners Feder stammt, denn anderswo habe ich gelesen, dass eigentlich alles vom Co-Autor Chris Kreski geschrieben worden sein soll. Solange es aber um die "historischen Fakten" geht, also um die Entstehungsgeschichte und den Produktionsalltag von Star Trek, bleiben Shatner/Kreski völlig sachlich und daher zweifle ich den Wahrheitsgehalt dieser Passagen nicht weiter an. Sobald Shatner aber auf das Verhältnis zwischen ihm und seinen damaligen Kollegen eingeht, sieht die Sache etwas anders aus, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass er wirklich nicht bemerkt haben sollte, wie unbeliebt er wirklich gewesen ist. Aber auch hier muss man Shatner zugute halten, dass er die entsprechenden Interviewpassagen ungeschönigt wiedergibt. Man kann also selbst nachlesen, welche Meinung z.B. Majel Barrett und Nichelle Nichols dazu haben. Etwas irritiert war ich über den mehr als lockeren Ton, in dem Shatner teilweise über die anderen Schauspieler herzieht. Er mag das lustig gefunden haben, aber ich könnte mir vorstellen, dass nicht jeder der Betroffenen diese Art von Humor teilt…

Dennoch bleibt das Buch für jeden Star Trek – Fan durchaus interessant, schon wegen der vielen (schwarzweiß)-Fotos und Konzeptzeichnungen, die darin abgebildet sind.

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128
Elbisch Helmut W. Pesch: Elbisch
Bastei Lübbe 2003
510 Seiten

Wer auch nur ein bisschen Ahnung von Tolkiens Werk hat, der weiß, dass er Der Herr der Ringe u.a. deshalb geschrieben hat, um einige der von ihm erfundenen Sprachen in eine komplexe Geschichte einbinden und mit ihnen "spielen" zu können. Die ersten sprechenden Wesen Mittelerdes waren die Elben und ihre Sprachen hat Tolkien am genauesten ausgearbeitet. Natürlich kann man Der Herr der Ringe auch dann genießen, wenn man von den Elbensprachen keine Ahnung hat und sich nicht weiter damit beschäftigt. Macht man sich aber die Mühe, einen genaueren Blick auf diese fiktiven Sprachen zu werfen, dann merkt man schnell: Tolkien hat sich nicht einfach nur einen Haufen wohlklingender Namen und Vokabeln aus den Fingern gesogen, er hat sich nicht einmal damit begnügt, grammatikalische Regeln für sie zu erfinden – er hat die Sprachen darüber hinaus in den Kontext einer historischen Entwicklung gestellt und vor allem auch darauf geachtet, dass sie "sprechbar" sind, was man z.B. sehr gut daran erkennen kann, wie wundervoll die in elbischer Sprache gehaltenen Dialoge und Lieder in der Verfilmung von Peter Jackson klingen.

Für alle, die sich genauer über Tolkiens Sprachschöpfungen informieren wollen, ist dieses Buch bestens geeignet, da es – obwohl der Buchtitel keinen Hinweis darauf bietet – auf alle Sprachen eingeht, die in Der Herr der Ringe eine Rolle spielen. Das Buch enthält eine ziemlich ausführliche Abhandlung über die Entwicklung der verschiedenen Sprachen und Schriften seit dem Erwachen der Elben. Dadurch erfährt man vieles über den geschichtlichen Hintergrund, vor dem Der Herr der Ringe spielt und der in diesem Buch nur andeutungsweise erwähnt wird (wer mehr darüber lesen will, muss sich Das Silmarillion, Nachrichten aus Mittelerde und Das Buch der verschollenen Geschichten zu Gemüte führen). Alle wichtigen Zitate werden sowohl wortgenau als auch sinngemäß in die deutsche Sprache übersetzt, dabei baut Pesch auch immer wieder Verweise auf die Verfilmung ein. Ziemlich trocken lesen sich die Kapitel über die Grammatik des Quenya und des Sindarin sowie über die Schriftzeichen. Der wichtigste Bestandteil des Buchs ist ein komplettes Wörterbuch für Quenya und Sindarin, bei dem auch Verweise auf Textstellen in Tolkiens Werken nicht fehlen. Eine kurze Erläuterung der wichtigsten linguistischen Fachbegriffe rundet das Buch ab.

Pesch gibt selbst zu, dass dieses Buch einerseits nicht vollständig ist und andererseits teilweise auf seinen eigenen Vermutungen basiert, denn die Quellenlage ist in vielen Fällen nicht eindeutig und Tolkien widerspricht sich manchmal auch selbst. Mit diesen Einschränkungen kann man das Buch durchaus empfehlen, allerdings nicht als Bettlektüre oder so, sondern nur als (sprach-)wissenschaftliches Werk für Interessierte.

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127
Lemuria 6 Hubert Haensel: Perry Rhodan Lemuria 6 - Die längste Nacht
Heyne 2005
334 Seiten

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126
Das Mädchen Stephen King: Das Mädchen
Ullstein 2004
304 Seiten

Trisha McFarland wollte sich während eines Waldspaziergangs mit ihrer Mutter und ihrem Bruder eigentlich nur kurz in die Büsche schlagen. Sehr schnell muss sie aber feststellen, dass etwas an den Warnungen dran ist, die man immer wieder zu hören bekommt: Wer den Weg verlässt, bringt sich in Gefahr. So auch Trisha. Das neunjährige Mädchen verirrt sich in den weiten, teilweise noch unkartierten Wäldern der Appalachian Mountains und macht einen fatalen Fehler, als sie nicht einfach nur stehen bleibt und auf Hilfe wartet, sondern immer weitergeht, weil sie hofft, irgendwann auf einen Pfad zu stoßen. Stattdessen gerät sie nur immer tiefer hinein in die Wildnis. Langsam gehen ihre schmalen Vorräte zur Neige, während jede schwache Hoffnung, der sie folgt, nur zu immer neuen Enttäuschungen führt. Sie wird von Stechmücken gequält, verletzt sich, wird langsam krank und muss mehrere Nächte unter freiem Himmel verbringen, während die Suchtrupps an ganz anderer Stelle nach ihr fahnden. Wenn sie nicht ihr kleines Radio dabeihätte, mit dem sie die Spiele der Red Sox verfolgen kann (das Mädchen ist Baseballfan), hätte sie vielleicht schon bald aufgegeben. Aber all die Entbehrungen und Schmerzen sind noch nicht das Schlimmste. Denn Trisha merkt bald, dass sie von irgendetwas verfolgt wird. Bildet sie sich die verstohlenen Geräusche im Wald nur ein oder hat sich tatsächlich ein unaussprechliches Grauen auf ihre Fährte gesetzt? Am Ende findet sie heraus, dass ihre Ängste durchaus einen realen Grund haben, aber was dann geschieht, hätte niemand voraussehen können…

King-Fans, die einen typischen Horror-Roman mit allerlei gruseligen Geschehnissen, wahnsinnigen Killern und Strömen von Blut erwarten, sollten sich zuallererst klarmachen, dass King diese Klischees diesmal nicht bedient. Ich habe schon so manche Kritik zu diesem Buch gelesen, in dem ihm genau das vorgeworfen wird. Im Grunde geht es ja auch "nur" um den Überlebenskampf eines kleinen Mädchens in der Wildnis. Zwar gibt es tatsächlich "etwas" in den Wäldern, vor dem Trisha sich zu Recht fürchtet, aber ohne zuviel zu verraten, kann ich euch versichern: Dieser Roman kommt, anders als die meisten King-Werke, völlig ohne übernatürliches Brimborium aus. Alles, was man dafür halten könnte, kann man auch Trishas Einbildung zuschreiben (die Ärmste scheint des Öfteren Dinge zu essen, die ihr nicht recht bekommen). Aber gerade das macht den Reiz dieses kurzen Romans aus, der mich so gefesselt hat, dass ich ihn in knapp drei Stunden durchgelesen habe. Trisha verhält sich vielleicht nicht ganz so, wie man es von einem kleinen Mädchen erwarten würde, aber sie ist dennoch eine sehr glaubwürdige Figur. Man kann genau nachempfinden wie sie sich fühlt, wie sie denkt und wovor sie sich fürchtet. Der Wald ist als Verkörperung aller Urängste des Menschen mindestens genauso wirkungsvoll wie untote Monster oder Heimsuchungen aus dem Jenseits, eben weil er real ist. Man müßte schon ziemlich abgestumpft sein um nicht mitzufiebern, wenn Trisha mehr als einmal am Rand des Todes entlangstolpert. Ich verstehe nicht, wie jemand diesen Roman nicht spannend finden kann – und ich kann nicht nachvollziehen, warum manche Kritiker meinen, dies sei gar kein King-Roman. Ist nicht die detailgenaue Schilderung der Innenwelt seiner Protagonisten typisch für Kings Schreibstil? Nichts anderes macht er hier und die Geschichte kommt durchaus auch ohne die üblichen Horror-Versatzstücke aus.

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125
Pippi Langstrumpf Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf
Oetinger 1987
390 Seiten, gebunden

Das Buch enthält die drei Einzelbände "Pippi Langstrumpf", "Pippi Langstrumpf geht an Bord" und "Pippi in Taka-Tuka-Land".

Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf (genannt Pippi), Tochter des Seeräuberkapitäns Efraim Langstrumpf, ist nicht nur das stärkste, sondern auch das mutigste Mädchen der Welt. Stärker als sie war bisher nur ihr Vater, doch der ist bei einem Sturm von seinem Schiff geweht worden und seitdem verschollen. Pippi, die fest daran glaubt, dass ihr Vater nicht tot ist, sondern irgendwo auf einer Insel als Negerkönig lebt, gibt das Seemannsleben auf und zieht in die Villa Kunterbunt. Dort lebt das kleine Mädchen ganz allein – sie kann sehr gut für sich selbst sorgen. Da ihr Vater ihr einen ganzen Koffer voller Goldmünzen geschenkt hat, muss Pippi sich auch keine Geldsorgen machen. Aber eigentlich ist sie gar nicht allein, denn Herr Nilsson (ein kleiner Affe) und ein Pferd leben mit in der Villa. Pippi, die in allem das genaue Gegenteil von dem ist, was Eltern sich unter einem artigen Kind vorstellen, wird zur besten Freundin der beiden wohlerzogenen Nachbarskinder Thomas und Annika. Die beiden können sich zuerst gar nicht vorstellen, dass Pippi zum Beispiel niemanden braucht, der ihr sagt, wann sie ins Bett gehen soll, lassen sich aber bald von ihrer Phantasie anstecken und erleben mit ihr die tollsten Abenteuer.

Ich wusste bis jetzt nicht, dass das erste Pippi Langstrumpf – Buch schon 1945 entstanden ist und wenn man die Geschichten über dieses frei von allen Erwachsenenzwängen lebende kleine Mädchen liest, kann man das fast nicht glauben. Ich dachte dabei zum Beispiel zuerst unwillkürlich an eine andere Zeit, in der Begriffe wie "antiautoritäre Erziehung" und "feministische Emanzipation" bei uns groß in Mode waren. Pippi war ihrer Zeit also weit voraus und wenn man sich ihr Äußeres einmal bildlich vor Augen führt, könnte man sie sogar für den ersten Punk der Literaturgeschichte halten…

Ob Pippi nun wirklich als eine Art weiblicher Till Eulenspiegel für Kinder gedacht ist, die der Gesellschaft mit ihrem unangepassten Verhalten ihre eigenen Schwächen vorführt oder nicht – ihre Abenteuer sind jedenfalls immer wieder amüsant und man kann sich auch als Erwachsener von ihnen bestens unterhalten fühlen, denn Astrid Lindgren erzählt zwar quasi aus der Kinderperspektive, nimmt ihre Leser aber im Gegensatz zu manch anderen Kinderbuchautoren immer ernst.


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124
Otherland 4 Tad Williams: Meer des silbernen Lichts
Klett-Cotta 2002
1070 Seiten, gebunden

Otherland, eine virtuelle Realität, die von den mächtigsten Männern der Erde zu dem einzigen Zweck geschaffen wurde, ihnen ein Leben nach dem Tod zu ermöglichen, steht vor der Vernichtung. Der Prozess, mit dem die Männer von der Gralsbruderschaft in Otherland das ewige Leben erlangen wollten, ist fehlgeschlagen. Nur wenige Gralsbrüder haben überlebt – darunter auch das Oberhaupt der Gruppe, Felix Jongleur, der als einziger weiß, was es mit dem "Anderen" wirklich auf sich hat, jenem seltsamen Wesen, das als Betriebssystem für Otherland zu dienen scheint. Doch Jongleur ist jetzt selbst in Otherland gefangen, während John Dread, Jongleurs wahnsinniger Killer, die Macht übernommen hat. Mit beispielloser Grausamkeit herrscht Dread wie ein Gott – oder vielmehr wie der leibhaftige Satan – über alle Gebiete Otherlands, quält die Bewohner des Netzwerks und verwandelt die virtuellen Welten in Orte des Schreckens. Und wenn seine Pläne aufgehen, wird Dread seine Macht auch auf die reale Welt ausdehnen!

Renie Sulaweyo, der Buschmann !Xabbu und Sam Fredericks finden sich nach dem Chaos, das dem fehlgeschlagenen Gralsprozess und Dreads Machtübernahme gefolgt ist, im Herzen des Betriebssystems wieder. Jongleur ist bei ihnen und da er der einzige ist, der wenigstens teilweise zu wissen scheint, was geschehen ist und was jetzt getan werden muss, sind sie gezwungen, sich mit ihm, der eigentlich ihr größter Feind ist, zu verbünden. Jongleur behauptet, dieser Ort sei nicht Teil des eigentlichen Otherland-Netzwerks, wahrscheinlich handele es sich um eine Umgebung, die der "Andere" für sich selbst erschaffen hat – obwohl er dazu eigentlich gar nicht imstande sein dürfte. Dann wird Renie von ihren Begleitern getrennt und muss sich allein in einer bizarren Umgebung zurechtfinden, die immer mehr zu zerfallen scheint.

Währenddessen befinden sich Paul Jonas, Martine Desroubins, Florimel und T4b immer noch im eigentlichen Otherland. Es dauert nicht lange, bis Dread ihnen auf die Spur kommt – der perverse Serientäter hat ein besonderes Interesse an der blinden Martine. Zu allem Überfluss setzen sich auch noch die "Zwillinge" auf die Spur der kleinen Gruppe. Diese beiden ehemaligen Handlanger Jongleurs tauchen in verschiedenen Gestalten überall in Otherland auf und verbreiten Angst und Schrecken, wo immer sie erscheinen. Auf der Flucht vor diesen Ungeheuern versuchen die Gefährten die Ägyptenwelt zu erreichen, um von dort aus zu ihren anderen Freunden zu gelangen. Leider führen sie auf diese Weise auch John Dread ins Herz des Betriebssystems…

In der realen Welt sind Renies Vater und die beiden anderen Männer, die Renies und !Xabbus V-Tanks bewachen, in großer Gefahr. Von Dread angeheuerte Auftragsmörder sind bereits in den alten Militärstützpunkt eingedrungen und arbeiten sich immer weiter in die Tiefe vor. Dread selbst ahnt nicht, dass auch er gejagt wird: Während sein Geist sich in Otherland befindet und sein Körper von der ihm hörigen Dulcy Anwin (die er inzwischen eher als lästig betrachtet und bald zu seinem nächsten Opfer machen will) bewacht wird, ist die Polizistin Calliope Skouros ihm endlich auf die Spur gekommen.

Herr Sellars, der Anwalt Decatur Ramsey und die Familie Sorensen verbünden sich mit Olga Pirofsky, der ehemaligen Hauptdarstellerin einer interaktiven Kindersendung, die durch geheimnisvolle Stimmen in ihrem Kopf zum Sitz der J-Corporation (Jongleurs Firma) gelockt worden ist. Mit der Hilfe von Sellars dringt sie in den monolithischen Turm ein, in dem Jongleurs Machtzentrum untergebracht ist. Sie ahnt nicht, dass sie die entscheidende Rolle in all diesen Verwicklungen zu spielen hat…

Obwohl nicht nur im zweiten und dritten Band der Otherland-Serie, sondern auch in der ersten Hälfte dieses letzten Bands deutliche Längen in der Story durchgeackert werden müssen, hat sich die Lektüre für mich dennoch gelohnt. Wie immer ist man einfach vom Ideenreichtum und von der Erzählkunst des Autors gefesselt – auch wenn er mehrere hundert Seiten mit... tja... "Nichts" füllt. Angesichts der Lebendigkeit der vielen Hauptfiguren und der allmählich durchsickernden Antworten auf all die Fragen, die im Verlauf der letzten drei Romane aufgebaut worden sind, kommt man gar nicht dazu sich zu wünschen, der Autor möge endlich auf den Punkt kommen. Zumal man, je näher das Ende rückt, immer deutlicher merkt, dass einem die Personen ziemlich ans Herz gewachsen sind und dass man nicht gern Abschied von ihnen nehmen möchte. Auf den letzten 300 – 400 Seiten legt der Roman deutlich an Tempo zu und wird so spannend, dass man ihn gar nicht mehr aus der Hand legen kann!

Hoch anzurechnen ist dem Autor auch, dass es am Ende keine offenen Handlungsfäden gibt. Alle offenen Fragen werden beantwortet und es stellt sich heraus, dass alles eine Bedeutung hat – alle Puzzleteilchen fügen sich zu einem stimmigen Bild zusammen. Man kann also zufrieden feststellen, dass Band 4 alle Versprechen einlöst. Wie gesagt: Die lange erwarteten Antworten werden geliefert und sie sind überzeugend, teilweise sogar noch mal richtig überraschend. Trotzdem bleibt noch Raum für Spekulationen und für weiterführende Überlegungen. So wirft die Idee des "Gralsprozesses" ähnliche Fragen auf wie so manche Werke des SF-Autors Philip K. Dick. Die Gralsbrüder beabsichtigen nämlich gar nicht, "persönlich" im Otherland-Netzwerk unsterblich zu werden, denn sie haben festgestellt, dass es unmöglich ist, das eigene Bewusstsein dauerhaft auf einen virtuellen Körper zu übertragen: Der Tod des realen Körpers hätte immer die Auslöschung des Bewusstseins zur Folge. Also legen sie perfekte Kopien ihrer Bewusstseine an, die unabhängig von ihren realen Körpern existieren können. Und so "leben" denn auch manche Leute (wer, wird nicht verraten) auch nach dem Tod noch weiter, oder auch in zweifacher Ausfertigung! Man kann sich also fragen: Was ist eigentlich das Bewusstsein und wie soll man die eigene Identität definieren? Wer ist realer: Das Bewusstsein im lebendigen Körper oder die Kopie im virtuellen Raum?

Insgesamt betrachtet muss ich sagen, dass es für die Story der Otherland-Serie sicher gut gewesen wäre, wenn Tad Williams sich kürzer gefasst hätte. Der (virtuellen) Welt, die in diesen Romanen erschaffen wurde und vor allem der Charakterisierung der Hauptpersonen hätte eine Kürzung aber eher geschadet. Man muss sich einfach auf den etwas weitschweifigen Stil einlassen und die vier Bücher vor allem als Einheit betrachten – am besten liest man sie auch ohne größere Unterbrechung direkt nacheinander. Also bereitet euch schon mal darauf vor, dass ihr euch fast 4000 Seiten lang von der Realität verabschieden müsst!


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123
Lemuria 5 Thomas Ziegler: Perry Rhodan Lemuria 5 - Die letzten Tage Lemurias
Heyne 2005
318 Seiten

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122
Star Wars David West Reynolds: STAR WARS Episode 1 – Die Risszeichnungen
vgs 1999
32 Seiten, Großformat-Bildband, gebunden

Dieses großformatige, aber ziemlich dünne Buch habe ich nur gekauft, weil es für wenige Euro auf einem Remittendentisch angeboten wurde. Es ist zwar durchaus kein Ramsch, der reguläre Preis ist aber deutlich zu hoch.

Der Band enthält 14 Risszeichnungen aller wichtigen Fahrzeuge und Raumschiffe von "Episode 1", eine davon, das Droiden-Kontrollschiff der Handelsföderation, ist besonders großformatig: Es füllt zwei Doppelseiten, die man aufklappen kann. Alle Risszeichnungen sind kommentiert, d.h. es gibt einige allgemeine Informationen zum jeweils dargestellten Schiff sowie zu den entsprechenden Völkern und Personen, außerdem werden einzelne Bauteile näher erläutert. Die Zeichnungen sind sehr detailreich und kunstvoll ausgearbeitet, man muß sich natürlich klarmachen, daß die Technik voll und ganz fiktiv ist, d.h. man sollte nicht erwarten, plausible Erläuterungen zur Funktion der dargestellten Bauteile zu erhalten. In sich sind die Ideen, die hier visualisiert wurden, jedoch schlüssig.

Insgesamt ein schöner Bildband mit vielen Informationen, aber wie gesagt zu teuer.

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121
Blutsbrüder Ingvar Ambjörnsen: Blutsbrüder
Piper Verlag 2004
255 Seiten

Elling und Kjell Bjarne haben sich über ein Jahr lang ein Zimmer in einem Heim geteilt, in dem Leute untergebracht sind, die mit der Realität nicht mehr zurechtkommen. Jetzt werden die beiden wieder auf die Welt losgelassen: Sie beziehen eine Wohnung mitten in Oslo, wo sie unter der Aufsicht des Sozialarbeiters Frank beweisen sollen, dass sie in der Lage sind, selbständig ein geregeltes Leben zu führen. Doch das ist gar nicht so einfach, wenn man berücksichtigt, dass allein der Versuch, das Haus zu verlassen und im Supermarkt an der Ecke einzukaufen, für Elling schon so etwas wie eine lebensgefährliche Expedition ist. Oder wenn man weiß, dass Kjell Bjarne, der verfressene Riesentyp, an kaum etwas anderes als an Frauen denken kann, was dazu führt, dass die Telefonrechnung der beiden explodiert, als sie die Sex-Hotlines entdecken.

Alles wird anders, als Elling und Kjell Bjarne eines Tages der sinnlos betrunkenen Reidun Nordsletten zu Hilfe eilen, die im gleichen Haus wohnt und auf der Treppe gestürzt ist. Kjell Bjarne verliebt sich nämlich in die schwangere Frau, die von ihrem Freund sitzengelassen worden ist, und auf Elling macht dieses Erlebnis einen solchen Eindruck, dass er spontan ein Gedicht verfasst – woraufhin er feststellt, dass er ein echter Poet ist. Nach und nach öffnet sich die Welt für die beiden Sonderlinge (oder öffnen sie sich der Welt?), sie finden neue Freunde und übernehmen sogar Verantwortung für zwei kleine Kätzchen. Doch die Beziehung, die sich zwischen Kjell Bjarne und Reidun Nordsletten entwickelt, stellt die Freundschaft mit Elling auf eine schwere Bewährungsprobe…

In diesem dritten von vier Büchern über den "Sauerkrautpoeten" Elling aus Norwegen ist erneut eine Weiterentwicklung in der Persönlichkeit des immer etwas außerhalb der normalen Erfahrungswelt stehenden ehemaligen Muttersöhnchens erkennbar. Er benimmt sich zwar immer noch unglaublich naiv, wenn er sich einen Dreitagebart zulegt und Zigarren pafft, weil er meint, das gehöre zu seiner Rolle als Poet und er kann es immer noch nicht lassen, sich alles mögliche zurechtzuphantasieren, aber diese Dinge, die sein Denken früher völlig beherrscht haben, werden immer mehr von den Ereignissen, die sich um Elling herum abspielen, in den Hintergrund gedrängt. So richtig "normal" wird Elling zwar nicht (warum sollte er auch?), aber er kommt immer besser mit sich selbst, seinen neuen Freunden und der Welt zurecht. Elling und Kjell Bjarne ergänzen sich prächtig und geben ein urkomisches Duo ab, vor dem man trotz aller (Situations-)Komik nie den Respekt verliert.

Dies ist das bisher beste Buch der Reihe und es ist kein Wunder, dass die Geschichte nicht nur den Weg auf die Theaterbühne gefunden hat, sondern auch auf die Kinoleinwand – die kongeniale Verfilmung von Peter Naess kann ich nur wärmstens empfehlen.


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120
The Police Didi Zill: The Police – Fotografien 1979 - 1981
Schwarzkopf + Schwarzkopf, 2004
191 Seiten

Dieser Bildband enthält sehr wenig Text, dafür viele großformatige Aufnahmen von Sting, Stewart Copeland und Andy Summers in ihren ersten Jahren als The Police. Zill hat Aufnahmen während verschiedener Konzerte gemacht (1979 in der Siegerlandhalle in Siegen, 1980 im Aragon Ballroom, Chicago und 1981 während eines Festivals am Liberty Bell Horse Racetrack in Philadelphia), außerdem war er bei der Verleihung von Goldenen Schallplatten 1981 im Musikladen Bremen dabei. Hinzu kommen einige Fotos, die Zill während eines Aufenthalts der Gruppe auf Montserrat gemacht hat sowie Aufnahmen der drei "Polizisten" in ihren damaligen Privatwohnungen.

Der Band ist eigentlich nur für absolute Fans von The Police geeignet, die alles haben müssen, was sie über diese Band in die Hände kriegen können. Also zum Beispiel für mich. Zu gering ist nämlich die Auswahl der Bilder und zu mittelmäßig ist ihre Qualität. In etwas kleinerem Format hätten sie sich wahrscheinlich besser gemacht.

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119
turner Henry A. Turner: Hitlers Weg zur Macht
Ullstein 1999
264 Seiten + 32 nicht nummerierte Bildseiten

In diesem Buch werden die wichtigsten politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen, persönlichen Interessen, Intrigenspiele und auch die schieren Zufälle, die im Januar 1933 dazu geführt haben, dass Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler ernannt wurde, anschaulich zusammengefasst. Der Autor lehnt die deterministische Betrachtungsweise ab, der zufolge das Dritte Reich die unausweichliche Folge des Wirkens unpersönlicher, von den beteiligten Personen unbeeinflussbarer Kräfte gewesen sei. Er stellt deshalb auch die Frage nach der persönlichen Schuld derjenigen, deren Schwäche oder eigenes Machtstreben Hitlers Aufstieg überhaupt erst möglich gemacht haben. Turner unternimmt ansatzweise auch den Versuch, die alternative Entwicklung zu skizzieren, die sich ergeben hätte, wenn Hitler nicht an die Macht gekommen wäre…

Am Ende des Buchs ist in deutscher Erstveröffentlichung der Text eines historischen Dokuments abgedruckt, das in ehemals geheimen sowjetischen Archiven in Moskau abgelegt gewesen war. Es gibt den Inhalt eines Gesprächs wieder, das der damalige Reichskanzler Schleicher am 13.01.1933, nur zwei Wochen vor seinem Sturz, bei einem Essen mit geladenen Journalisten geführt hat. Man kann ihm entnehmen, wie wenig Ahnung Schleicher von den wirklichen Verhältnissen im von ihm regierten Land gehabt hat.

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118
lemuria 4 Leo Lukas: Perry Rhodan Lemuria 4 - Der erste Unsterbliche
Heyne 2005
335 Seiten

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117
Griechische Mythologie Katerina Servi: Griechische Mythologie
Verlag Ekdotike Atheneon S.A. 1997
183 Seiten 285 Farbfotos

Was man nicht so alles kauft im Urlaub… Dieses Buch z.B. habe ich mir auf der griechischen Insel Santorini gekauft. Nicht so sehr wegen der Texte, denn die sind recht kurz und stichwortartig gehalten und eigentlich kenne ich mich in der griechischen Götter- und Sagenwelt auch schon gut genug aus, wenn auch die "Stammbäume" und Detailangaben, die in diesem Buch enthalten sind, für einen generellen Überblick immer wieder gut geeignet sind. Nein, mir ging es hauptsächlich um die vielen schönen Abbildungen. Es wurde nämlich nicht auf eigens für das Buch hergestellte Zeichnungen oder ähnliches zurückgegriffen, vielmehr werden antike Darstellungen auf Vasen, Reliefs usw. sowie Figuren und Statuen abgebildet. Das Buch ist aufgeteilt in Abschnitte, in denen man alles Wichtige über die vielen griechischen Götter und Heroen sowie deren Taten erfährt und solche Kapitel, in denen es um den trojanischen Krieg und die Odyssee geht. Die Texte beschränken sich wie gesagt auf eine knappe Zusammenstellung, eine Ausarbeitung etwa in Form einer Geschichte darf man nicht erwarten. Man muß auch über eine Vielzahl von Schreibfehlern hinwegsehen, denn das Buch wurde nicht sehr sorgfältig übersetzt.

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116
Strugatzki Arkadi und Boris Strugatzki: Die bewohnte Insel
Suhrkamp 1992
352 Seiten

Maxim Kammerer ist Mitarbeiter der "Freien Suche". Diese Behörde hat die Aufgabe, unerforschte Planeten aufzusuchen und herauszufinden, welche Verhältnisse dort herrschen und ob dort intelligente Wesen leben. Wie alle Menschen der zukünftigen Erde verfügt er über erstaunliche körperliche Fähigkeiten. So ist er unempfindlich für alle möglichen Gifte und schädlichen Strahlungen, kann selbst tödliche Verletzungen überstehen, hat geradezu unglaubliche Körperkräfte, kann extrem schnell Wissen aller Art aufnehmen und verarbeiten und ist in der Lage, quasi mentalen Kontakt zu Lebewesen aufzunehmen, wenn er diese berührt.

Diese übermenschlichen Fähigkeiten kann er gut brauchen, als er auf dem Planeten Saraksch landet. Dort explodiert nämlich sein Raumschiff (später stellt sich heraus, dass es von den Bewohnern des Planeten gesprengt worden ist) und somit sitzt Maxim, der nur mit einer kurzen Hose bekleidet ist und nicht einmal ein Funkgerät bei sich hat, auf Saraksch fest. Das wäre noch nicht so tragisch, aber bald kommen noch ganz andere Probleme auf Maxim zu. Auf dem von menschenähnlichen Wesen bewohnten Planeten Saraksch hat vor einigen Jahren ein globaler Krieg getobt, in dem auch Atomwaffen zum Einsatz gekommen sind. Ganze Landstriche sind jetzt nur noch verstrahlte Wüsten, mutierte Menschen und Tiere leben dort und Arsenale teilweise noch funktionierender automatischer Waffensysteme machen die Gegend unsicher. Außerdem wird die überlebende Bevölkerung von einem totalitären Regime unterdrückt.

Maxim wird festgenommen, man hält ihn für einen Flüchtling oder für einen Agenten eines der feindlich gesinnten Nachbarländer, über die man kaum mehr etwas weiß. Schnell lernt Maxim die Sprache des Landes, freundet sich mit einem Soldaten an und tritt selbst in die Armee ein. Er betrachtet das in seiner Naivität zunächst als eine Art Spiel. Doch dann findet Maxim heraus, was wirklich hinter dem unmenschlichen Unterdrückungssystem steckt und versucht schließlich, die Menschen zu befreien.

Dieses Buch ist das erste der Maxim-Kammerer-Trilogie, danach folgen Ein Käfer im Ameisenhaufen und "Die Wellen ersticken den Wind". In den ersten Kapiteln des Romans herrscht noch ein satirischer, humoristischer Ton vor, doch das ändert sich in dem Maß, wie Maxim Kammerer seine eigene Naivität und Unschuld verliert. Zuerst begreift Maxim überhaupt nicht, was um ihn herum vorgeht, denn er kommt aus einer perfekten humanistischen und gewaltfreien Welt und kann sich einfach nicht vorstellen, in welchem Elend die unterdrückten Menschen von Saraksch leben. So wird er denn von allen ausgenutzt, selbst dann noch, als er langsam den Durchblick gewinnt. In diesen Kapiteln geht es hauptsächlich um die ironische Schilderung der Gegensätze des "idealen Menschen" Maxim Kammerer und der rohen Kultur Sarakschs. Maxims Versuche, die für ihn unbegreiflichen Ereignisse zu interpretieren, sind amüsant und übrigens auch typisch für viele Romane der Strugatzkis. Allmählich ändert sich dann die Grundstimmung des Romans, sie wird immer düsterer und pessimistischer. Wenn sich am Ende herausstellt, dass der von irdischen Idealen so sehr überzeugte Maxim die ganze Zeit gegen ein System gekämpft hat, das durch einen so genannten Progressor von der Erde installiert worden ist, dann ist das eine Ironie der ganz anderen Art.

Man muss natürlich nicht lange grübeln, um auf die Idee zu kommen, dass in diesem Roman die Verhältnisse des Dritten Reichs und der frühen Sowjetzeit auf die Spitze getrieben und kritisiert werden. So ist z.B. die Strahlung, mit der auf Saraksch ganze Völker gefügig gemacht werden, nichts anderes als eine andere Art von Propaganda und die Mutanten werden auf Saraksch genau so als Feindbild mißbraucht, wie es mit anderen Volksgruppen in den beiden genannten Systemen der realen Welt gemacht worden ist.


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115
Otherland 3 Tad Williams: Otherland 3 - Berg aus schwarzem Glas
Klett-Cotta 2000
825 Seiten, gebunden

Renie, !Xabbu und ihre Begleiter sind immer noch in Otherland gefangen. Immerhin haben sie jetzt eine Möglichkeit gefunden, das nächste Ziel ihrer Reise durch die virtuellen Welten des Netzwerks selbst zu bestimmen. Sie verfolgen den Mörder Dread, der sich unerkannt in ihre Gruppe eingeschmuggelt und zwei ihrer Gefährten ermordet hatte. Leider ist Dread ihnen immer einen Schritt voraus. In der nächsten Simwelt (einem riesigen Haus, das kein Ende zu haben scheint) entführt er die blinde Martine, um von ihr mehr über die Funktion eines seltsamen Artefakts zu erfahren, das er Renie gestohlen hat. Für Martines Freunde beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie ahnen nicht, dass Long Joseph Sulaweyo, Renies Vater, alles noch viel schlimmer macht, indem er sich heimlich zu dem Krankenhaus begibt, in dem sein komatöser Sohn liegt – denn es dauert nicht lang, bis ihm diverse Häscher auf den Fersen sitzen.

Orlando und Fredericks sitzen derweil in der ägyptischen Götterwelt fest, die Felix Jongleur, das Oberhaupt der Gralsbruderschaft, für sich selbst erschaffen hat. Dort begegnen sie einigen Mitgliedern des "Kreises". Diese Gemeinschaft gläubiger Menschen aller Nationen hat es sich zum Ziel gesetzt, die Gralsbrüder aufzuhalten, denn die Machenschaften dieser mächtigen Personen scheinen sich nicht auf das virtuelle Otherland zu beschränken. Orlando und Fredericks interpretieren die Theorien der Leute des Kreises möglicherweise falsch, aber vielleicht haben die Gralsbrüder tatsächlich Gott getötet…

Paul Jonas ist unfreiwillig in die Rolle des griechischen Sagenhelden Odysseus geschlüpft. Glücklicherweise befindet er sich damit aber auch schon in der richtigen Simulation, denn wie Renie, Orlando und alle anderen hat auch er von einer geheimnisvollen Erscheinung, die immer wieder Erinnerungsfragmente aus seiner verlorenen Vergangenheit in ihm wachruft, ein Ziel erhalten. Er muss zu den Mauern Iliums gelangen, wenn er herausfinden will, was es mit Otherland wirklich auf sich hat und warum er sich überhaupt dort befindet. Unterwegs erlebt er einige der aus der Odyssee bekannten Abenteuer, zeitweise wird er von dem geheimnisvollen Roma Azador begleitet, dem auch schon Renie begegnet war. Als Paul die Stadt Ilium erreicht, muss er erkennen, dass dort dummerweise ein Krieg tobt, den man als den trojanischen kennt…

Auch in der wirklichen Welt tut sich einiges. Die Gralsbruderschaft schickt sich an, Otherland seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen und dort unsterblich zu werden, auch wenn das fatale Auswirkungen auf das reale Leben hat. Olga Pirofsky, ehemalige Darstellerin einer Online-Kindersendung, erhält Kontakt mit den Stimmen der in Otherland verschollenen Kinder und wird von ihnen zur gigantischen Turmfestung des Felix Jongleur geführt. Herr Sellars hat sich Christabels Eltern offenbart und um ihre Hilfe gebeten. Calliope Skouros, eine australische Polizistin, ermittelt in einem alten Mordfall, der sie auf die Spur des jungen Johnny Wulgaru führt, den man unter dem Namen Dread kennt. Und Dread selbst vollbringt das Undenkbare: Er bringt den "Anderen" unter Kontrolle, jenes seltsame Wesen, dessen wahre Bedeutung für Otherland noch niemand ahnt.

Im dritten Band des Otherland-Vierteilers gewinnt die Story wieder einiges an Spannung, obwohl immer noch kritisch angemerkt werden muss, dass einigen Kapiteln zumindest eine Straffung gut getan hätte – auf einzelne Passagen hätte man sogar ganz verzichten können. Als Gegenargument könnte man natürlich anführen, dass bei Otherland der Weg das Ziel ist. Dass die Hauptpersonen im weiteren Verlauf zusammenfinden, tut dem Roman gut. Ebenso positiv schlägt zu Buche, dass Renie und ihre Freunde nicht mehr planlos durch verschiedene virtuelle Welten stolpern, sondern alle ein gemeinsames Ziel verfolgen: Nach Troja zu kommen. Nach und nach zeigt sich auch, welche Bedeutung die in Band 2 gestarteten Nebenhandlungen für die Geschichte haben und Stück für Stück werden einige Informationen enthüllt, die den Leser bei der Stange halten und zu weiteren Spekulationen animieren, denn natürlich wird noch lange nicht alles verraten. Im letzten Viertel des Buchs steuert die Handlung endlich erkennbar einem ersten Höhepunkt entgegen, der es wirklich in sich hat und der einige verblüffende Wendungen bringt. Nach diesem Schluss kann man es kaum erwarten, mit dem vierten Band weiterzumachen.

Die große Stärke aller Otherland-Romane liegt in der fantasievollen Beschreibung der immer wieder überraschenden virtuellen Welten, vor allem aber in der Charakterentwicklung. Obwohl man es mit einer recht großen Gruppe von Haupt- und Nebenpersonen zu tun hat, erhält man nie den Eindruck, als wären manche bloße Staffage. Jeder hat seinen eigenen sich entwickelnden Charakter, jeder trägt in der einen oder anderen Weise zur Handlung bei. Die "Helden" wachsen dem Leser ans Herz, man kann mitfiebern und möchte immer weiterlesen, wenn ein Kapitel mit einem Cliffhanger endet (was schon fast die Regel ist). Die "Bösewichte" sind mindestens ebenso stark und selbst die Nebenpersonen sorgen für emotionale Beteiligung. Wenn zum Beispiel Long Joseph mal wieder eine Dummheit macht, möchte man ihn am liebsten packen und ordentlich durchschütteln!

Für die Otherland-Romane muss man sich Zeit nehmen. Man kann nicht ein oder zwei Kapitel lesen und das Buch dann erstmal beiseite legen – man muss dranbleiben, weil man sonst den Überblick verliert und weil sich die volle Wucht der Williams’schen Fabulierkunst sonst nicht richtig entfalten kann. Wer sich aber darauf einlässt, Tad Williams nach Otherland zu folgen, dem bietet sich ein ganzes Universum faszinierender Ideen und der wird bald bemerken, dass er am liebsten gar nicht mehr mit dem lesen aufhören möchte, um die liebgewonnenen Protagonisten nicht verlassen zu müssen – ein Effekt, den ich zuletzt bei "Der Herr der Ringe" erlebt habe. Das ist aber auch schon die einzige Parallele, die meiner Meinung nach zwischen den beiden Epen gezogen werden darf, denn ansonsten gleichen sie sich in keinster Weise, egal was die Werbung euch suggerieren mag.


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114
Moers Walter Moers – Die Stadt der träumenden Bücher
Piper 2004
462 Seiten, gebunden

Hildegunst von Mythenmetz, Zamoniens größter Dichter, erzählt aus seinem bewegten Leben. Sein verstorbener Dichtpate Danzelot von Silbendrechsler hinterlässt ihm ein Manuskript, das die perfekteste Dichtung enthält, die jemals geschrieben wurde. Leider ist der Autor dieses Textes unbekannt, doch die Spur führt nach Buchhaim. So macht der junge Hildegunst sich auf in die Stadt der träumenden Bücher, um das unbekannte Genie ausfindig zu machen. Doch nach wenigen Tagen in Buchhaim, wo sich praktisch alles um Bücher dreht, fällt Hildegunst der verschlagenen Haifischmade Phistomefel Smeik in die Hände. Smeik tarnt sich als harmloser Antiquar, beherrscht aber in Wirklichkeit fast den gesamten Buchmarkt und will seine Macht noch weiter ausdehnen. Dabei ist ihm nicht nur das geheimnisvolle Manuskript im Weg, sondern auch der junge Hildegunst von Mythenmetz. Smeik lockt Hildegunst in eine Falle, betäubt ihn mit einem vergifteten Buch und verbannt ihn in die gefährlichen Labyrinthe, die sich tief unter Buchhaim erstrecken. Dort muss Hildegunst sich mit den finsteren Buchjägern, den Buchling-Zyklopen und anderen Gefahren auseinandersetzen, bis er schließlich in Schloss Schattenhall dem Schattenkönig begegnet.

Nach und nach gelingt es Hildegunst, die Ränke des bösen Phistomefel Smeik zu durchschauen, mit den Kreaturen der Unterwelt umzugehen und die Labyrinthe zu entlabyrinthisieren – er kommt darüber hinaus auch allmählich dahinter, was das Orm ist und warum er es erlangen muss, um eines Tages selbst zum größten Dichter Zamoniens zu werden. Doch bis er bereit ist, das Alphabet der Sterne zu erlernen, liegt noch ein weiter, entbehrungsreicher Weg vor dem jungen Dichter und Hilfe auf diesem Weg kommt von gänzlich unerwarteter Seite…

Eins muss man Walter Moers lassen: Sein Ideenreichtum ist unglaublich. Und keines seiner Zamonien-Bücher gleicht dem anderen, d.h. er wiederholt nicht immer wieder das gleiche Erfolgsrezept, sondern verleiht jedem seiner Bücher einen ganz eigenen Charakter. So gibt es auch in diesem Buch keine Seite, in der nicht ein Feuerwerk bizarrster Ideen abgebrannt wird und der kundige Zamonien-Veteran wird erfreut über die vielen Anspielungen auf frühere Werke sein, die so geschickt eingebaut sind, dass Neulinge dadurch nicht überfordert werden. Die frühen Abenteuer des Hildegunst von Mythenmetz, autobiografisch vom Meister selbst erzählt und von Walter Moers aus dem Zamonischen übersetzt (und illustriert), sind allerdings kein solch kohärenter Roman wie der Vorgänger Rumo. Es dauert eine ganze Weile, bis die Geschichte richtig in Gang kommt und auch dann wird der Erzählfluss noch des öfteren durch ziemlich großzügige Abschweifungen unterbrochen. All die vielen verrückten und durchaus witzigen Details verbinden sich also nicht immer gefällig zu einem größeren Ganzen, sondern ufern teilweise etwas zu sehr aus. Man muss manchmal zuerst einige Seiten z.B. mit Abhandlungen über die Werke verschiedener zamonischer Dichter oder über Hildegunsts durch Trompaunenmusik hervorgerufene Visionen durchackern, bevor es endlich mit der Geschichte weitergeht.

Wenn man sich aber erstmal mit dieser Erzählweise angefreundet hat, die nun einmal für den Dichterfürsten Hildegunst von Mythenmetz typisch ist, dann entfaltet sich neben der in der zweiten Hälfte des Buchs immer spannender werdenden Geschichte ein ganzes Universum phantasievoller Details und man stolpert immer wieder einmal über Ideen, die man nur als genial bezeichnen kann. Versucht doch mal, alle Anagramme zu entschlüsseln. Ich bin z.B. nicht gleich darauf gekommen, dass mit "Dölerich Hirnfidler" natürlich Friedrich Hölderlin gemeint ist! Nicht selten liest man auch lehrreiche Sätze wie "Dicke Bücher sind deswegen dick, weil der Autor nicht die Zeit hatte, sich kurz zu fassen" – eine Weisheit, die Moers vielleicht selbst noch nicht ganz verinnerlicht hat… Was mir diesmal unangenehm aufgefallen ist, ist die überdurchschnittlich große Anzahl von sprachlichen Ungereimtheiten und Druckfehlern, die man auch nicht der dichterischen Freiheit zuschreiben kann.

"Die Stadt der träumenden Bücher" ist also kein "flüssiger" Roman, aber ein weiteres Beispiel für die geradezu wahnwitzige Fabulierkunst des Autors. Und es ist, nebenbei bemerkt, natürlich kein Kinderbuch. Sofern man das Buch überhaupt in eine Kategorie einordnen kann (eigentlich müsste man für die Zamonien-Bücher ein eigenes Genre erfinden), könnte man es als eine Art Fantasyroman über Literatur bezeichnen – oder über das, was in Zamonien aus Literatur werden kann.


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113
Dalai Lama Dalai Lama – Ratschläge des Herzens
Diogenes 2003
208 Seiten, gebunden

Der Dalai Lama ist einer der wenigen Menschen, vor denen ich mehr als Respekt habe. Im Jahre 2000 hat er in Gesprächen mit Matthieu Richard eine Reihe von Ratschlägen formuliert, die sich an alle Menschen richten. Sie sind in Kapitel eingeteilt, die für Menschen in den verschiedensten Lebenslagen gedacht sind, egal welcher religiösen Überzeugung sie anhängen. Das Buch ist deshalb auch weitgehend frei von religiösen Lehren. Die Ratschläge klingen durchweg sehr schlicht und einfach, was aber nur daran liegt, dass der Dalai Lama keine Phrasen drischt und auch keine allzu komplizierte Ausdrucksweise verwendet – er will schließlich von jedem verstanden werden. Im Grunde lassen sich die Botschaften des Dalai Lama alle auf einige wenige zentrale Weisheiten zurückführen, nämlich dass jedes Lebewesen das Leiden fürchtet, nach Glück strebt und ein Recht darauf hat, glücklich zu sein und nicht zu leiden. Alle Menschen sind miteinander verbunden und deshalb kann man sein eigenes Glück auf lange Sicht nur verwirklichen, wenn man anderen hilft. Wie schwer es ist, nach diesen Grundsätzen zu leben, weiß auch der Dalai Lama, wie er immer wieder einmal humorvoll durchblicken lässt.

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112
lemuria3 Andreas Brandhorst: Perry Rhodan Lemuria 3 - Exodus der Generationen
Heyne 2005
366 Seiten

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111
otherland2 Tad Williams: Otherland 2 - Fluß aus blauem Feuer
Klett Cotta 1999
782 Seiten, gebunden

Renie, !Xabbu, Orlando, Fredericks und einige andere Sucher haben es tatsächlich geschafft, der von Herrn Sellars ausgelegten Spur zu folgen und in die gigantische Virtuelle Realität des Otherland-Netzwerks einzudringen. Dort werden sie praktisch sofort wieder getrennt und müssen sich durch die verschiedenen Fantasiewelten kämpfen, ohne mehr als nur vage Vorstellungen davon zu haben, was sie überhaupt als nächstes tun und wohin sie sich wenden sollen. Sie wissen nur, dass sie jemanden finden müssen, der den Namen Paul Jonas trägt. Ihr Weg führt immer über einen ganz speziellen Fluss, der alle Otherland-Welten miteinander verbindet. Unterwegs begegnen sie neuen Gefährten, und zwar sowohl solchen, hinter denen sich echte Menschen verbergen, als auch rein virtuellen Geschöpfen, die aufgrund der unglaublichen Komplexität von Otherland aber nicht weniger menschlich wirken und durchaus auch eigene Ziele verfolgen. Die Gefährten müssen mit Entsetzen feststellen, dass sie nicht imstande sind, die Virtuelle Realität wieder zu verlassen. Sie sind in Otherland gefangen – und sollten sie den dort lauernden mannigfaltigen Gefahren erliegen, so hätte das auch für ihre realen Körper tödliche Folgen. Und zu allem Übel hat sich auch noch ein Verräter in ihre Gruppe eingeschlichen: Dread, der Serienkiller mit der Fähigkeit, elektronische Systeme zu "verdrehen", begleitet sie unerkannt…

Die Schöpfer von Otherland, die das Netzwerk eingerichtet haben, um dort nicht nur wie Götter uneingeschränkt herrschen zu können, sondern vor allem um das ewige Leben zu finden, stehen vor anderen Problemen. Seltsame, unerklärliche Störungen erschüttern immer häufiger alle Virtuellen Welten und keiner der Gralsbruderschaft, womöglich nicht einmal Felix Jongleur, der an ihrer Spitze steht, weiß wirklich, was der "Andere" ist, jenes ungeheuerliche Wesen, das überall in Otherland präsent zu sein scheint. Außerdem ist immer noch der ehemalige Gefangene namens Paul Jonas in Otherland verschollen. Eine Führungskrise bahnt sich in der Gralsbruderschaft an, außerdem entgleitet Dread mehr und mehr Jongleurs Kontrolle.

Langsam kehrt einiges von Pauls verlorenem Gedächtnis zurück, außerdem nimmt jemand vom "Kreis", einer Organisation, welche die Gralsbruderschaft bekämpft, Kontakt mit ihm auf. Aber er hat immer noch keine Ahnung, warum er für die Gralsbruderschaft so wichtig ist, dass sie ihn zwar gnadenlos verfolgen lässt, aber davor zurückschreckt, ihn zu töten. Er wenigstens weiß, welches Ziel er erreichen muss: Ithaka, die Heimat des Irrfahrers.

Der zweite Otherland-Roman wirkt im Vergleich zu Teil eins etwas uneinheitlicher und ist auch nicht mehr ganz so interessant. Das liegt zum einen natürlich daran, dass die zugrunde liegende Idee im ersten Teil einfach schon sehr umfangreich ausgearbeitet worden ist. Auch zu den Hauptfiguren ist eigentlich schon alles gesagt worden. Etwas wirklich Neues kann somit nicht mehr kommen. Zum anderen liegt es an der Vielzahl der Hauptfiguren und Schauplätze, zwischen denen die Handlung immer wieder hin- und her springt, wobei der Schwerpunkt immer noch auf Renie/!Xabbu zu liegen scheint. Allerdings schafft Tad Williams es dennoch, die Spannung aufrecht zu erhalten, indem er wichtige Informationen immer nur bröckchenweise enthüllt und indem er dafür sorgt, dass durch die Antworten immer wieder neue Fragen aufgeworfen werden. Während die Hauptfiguren also etwas ziel- und planlos durch eine virtuelle Welt nach der anderen stolpern, wird der Leser hauptsächlich durch die geschickt eingestreuten Rätsel (wer mag der Verräter sein?) und einige Cliffhanger bei der Stange gehalten. Etwas wirklich Entscheidendes geschieht jedoch bis zum Schluss nicht, irgendwie kommt die Geschichte nicht so recht von der Stelle. Noch mehr als bei Band eins könnte man also sagen, dass Tad Williams seinen Text ganz erheblich hätte raffen können.

Dann allerdings wäre aber wahrscheinlich doch ein wesentlicher Teil dessen weggefallen, was auch Otherland 2 zu etwas Besonderem macht, nämlich die unglaubliche Fabulier- und Formulierkunst des Autors. Seine sich in den bizarrsten Environments ausdrückende schillernde Fantasie und seine sprachlichen Fähigkeiten, die übrigens in der Übersetzung nicht gelitten haben, machen das Buch trotz einiger Längen in der Story zu einem uneingeschränkt empfehlenswerten Lesegenuss.


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110
lemuria2 Hans Kneifel: Perry Rhodan Lemuria 2 - Der Schläfer der Zeiten
Heyne 2004
301 Seiten

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109
dune_preque2 Brian Herbert / Kevin J. Anderson: Der Kreuzzug
Heyne 2004
893 Seiten

Mehr als 25 Jahre sind vergangen, seit die Menschen sich gegen die Herrschaft der Denkmaschinen aufgelehnt und einen heiligen Krieg gegen ihre Unterdrücker begonnen haben. Durchschlagende Erfolge hat in all dieser Zeit jedoch keine der beiden Seiten für sich verbuchen können. Die Liga-Schiffe sind zwar gegen die Flotten von Omnius deutlich in der Unterzahl, sie werden jedoch durch die neuen Holtzman-Schilde geschützt und sind dadurch praktisch unangreifbar. Serena Butler ist nur noch die Galionsfigur für den Djihad. Xavier Harkonnen und Vorian Atreides, die ruhmreichen Kriegshelden, sind Aushängeschilder mit Vorbildfunktion für die Unmengen an Rekruten, die angeworben werden müssen. Die eigentliche Macht konzentriert sich bei Iblis Ginjo, einem ehemaligen Trustee der Maschinen. Ginjo hält alle Fäden in der Hand, wer sich gegen ihn (und damit gegen den Djihad) stellt, den lässt er durch seinen Geheimdienst beseitigen. Ginjo spinnt ein Netz aus Intrigen und Komplotten, um seine Macht zu erhalten und die Menschen zu immer neuen Feldzügen anzustacheln. Er scheut nicht davor zurück, ganze Kolonien zu verwüsten, um Angriffe der Denkmaschinen vorzutäuschen – die Opfer verschachert er an die mit ihm verbündeten Tlulaxa, die immer Nachschub für ihre Organbanken benötigen… Trotz allem droht die Stoßkraft des Kreuzzugs zu erlahmen. Die Menschen sind ganz einfach kriegsmüde.

Auch sonst steht nicht alles zum Besten in der Liga der Edlen. Immer noch wird ein florierender Sklavenhandel betrieben, unter dem besonders das Volk der Zensunni zu leiden hat. Für sie ist es bedeutungslos, welche Seite siegen wird – Sklaven sind sie sowieso und Revolten werden blutig niedergeschlagen, sowohl von den Denkmaschinen als auch von den Menschen. Eine kleine Gruppe von Zensunni-Sklaven flieht nach einem missglückten Aufstand, bei dem Tio Holtzman den Tod findet, mit dem ersten von Norma Cenva entwickelten Raumfaltschiff nach Arrakis. Dort vereinigen sie sich mit einem Stamm von Wüstenbewohnern, die gelernt haben, in der Wildnis zu überleben, auf den gigantischen Sandwürmern zu reiten und den Gewürz-Handel zu stören. Eine Wende im Gleichgewicht des Schreckens zeichnet sich ab, als die Titanen sich gegen Omnius wenden und als Serena Butler erkennt, dass sie von Iblis Ginjo nur ausgenutzt wurde. Als die Kogitoren, körperlose Philosophen-Gehirne, ein Friedensangebot von Omnius überbringen, entscheidet Serena sich für einen drastischen Schritt, um das Feuer des Djihad neu zu entfachen…

Wie schon in Butlers Djihad wird in diesem Buch der Versuch gemacht, die Anfänge all der Entwicklungen zu beschreiben, die schließlich zu den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen geführt haben, die man aus Frank Herberts Monumentalwerk "Dune" kennt. Und wie bereits beim ersten Band der Prequel-Trilogie darf man ganz einfach keine Vergleiche mit "Dune" anstellen, weil man sonst diese neuen Romane angewidert zur Seite legen müsste. Die Prequels enthalten zwar viele auf solidem Niveau erzählte und durchaus spannende Einzelgeschichten, ordentlich Action und Intrigenspiele – das alles aber auf einem Niveau, das deutlich unter dem des großen Vorbilds angesiedelt ist.

Wieder einmal beschränken die Autoren sich zu sehr auf das Vordergründige. Zum Beispiel werden Omnius und Erasmus, der autonome Roboter, lediglich dadurch zu Buhmännern aufgebaut, indem immer wieder drastisch geschildert wird, wie sie ihre menschlichen Sklaven zu Tode foltern. Der Roman bietet leichte Kost, aber keine wirklich neuen Ideen. Über einige Ungereimtheiten wie z.B. die Leichtigkeit, mit der etwa die Ginaz-Söldner schwer bewaffnete Kampfmaschinen mit bloßen Händen besiegen, muss man großzügig hinwegsehen. Leider enthält das Buch wieder einmal eine überdurchschnittlich große Zahl von Schreibfehlern. Übrigens: Auf der letzten Seite wird geklärt, wie die Fremen zu ihrem Namen kamen: Die entflohenen Sklaven bezeichnen sich selbst als Freie Menschen – "Free Men"…


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108
elling2 Ingvar Ambjörnsen: Ententanz
Piper Verlag 2004
253 Seiten

Elling wird nach dem Tod seiner Mutter gewaltsam aus der Wohnung, die er sich nicht mehr leisten kann, herausgezerrt und in eine Art Erholungsheim gebracht, wo er sich ein Zimmer mit dem bärenähnlichen, etwas unterbelichteten Riesenkerl Kjell Bjarne teilen muss, der nur an zwei Dinge denken kann: Sex und Essen. Elling taut nur allmählich auf, ein Prozess, an dem Kjell Bjarne maßgeblich beteiligt ist. Er bastelt für Elling zu Weihnachten eine getreue Nachbildung des Heims aus Streichhölzern – komplett mit zwei Gummibärchen, die ihn und Elling repräsentieren – und freut sich unbändig über das Geschenk, das er sich von Elling gewünscht hat: Eine billige Plastikuhr mit einer leicht bekleideten Frau auf dem Ziffernblatt. Doch der schöne Weihnachtsabend geht zu Bruch, als jemand den "Ententanz" auf einer Hammondorgel spielt. Dieses Lied weckt in Elling die Erinnerung an ein furchtbares Erlebnis, das er vor Jahren während einer Benidorm-Reise mit seiner Mutter hatte. Elling rastet völlig aus und bricht zusammen, erholt sich aber bald wieder und wird von einem Psychiater zum Schreiben animiert. So schreibt Elling sich die schlimme Erinnerung von der Seele und fängt dann an, zusammen mit Kjell Bjarne diverse "Denkschriften" über allerlei kleine Mißstände zu verfassen, die ihm im täglichen Heimleben so auffallen. Elling bleibt natürlich ein Einzelgänger. Aber in Kjell Bjarne findet er seinen ersten echten Freund, für den er sogar eine imaginäre Brieffreundin erfindet…

Dies ist das zweite von inzwischen vier Büchern über den etwas neben der Realität stehenden Elling aus Norwegen. Der Bericht über Ellings Benidorm-Urlaub nimmt in diesem Roman breiten Raum ein. Das sorgt zwar für Abwechslung, bewirkt aber auch einen Bruch im Erzählfluss – andererseits passt genau das wiederum recht gut zu Ellings sprunghafter Denkweise. Wie schon im ersten Roman (Ausblick auf das Paradies) braucht Elling nur einen winzigen Anlass, um ausufernde Spekulationen über alles und jeden anzustellen, die dann für ihn zur Wahrheit werden. Sei es die Pflegerin in der Anstalt, von deren Liebe zu ihm Elling überzeugt ist, oder ein streitendes Pärchen auf einem Nachbarbalkon in Benidorm, dem er eine komplette Lebensgeschichte andichtet – stets konstruiert Elling seine abstrusen Gedankengebäude mit einer sachlichen Eloquenz, die ungemein komisch wirkt. Allerdings ufern diese inneren Tiraden nicht mehr so sehr aus wie im ersten Buch, wodurch der Roman wesentlich flüssiger zu lesen ist. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass Elling jetzt mit zahlreichen Menschen umgehen muss, was ja im ersten Roman undenkbar gewesen ist. In dem rührend naiven, verfressenen, praktisch veranlagten und im Alter von 32 Jahren zu seinem großen Leidwesen immer noch jungfräulichen Kjell Bjarne hat Elling den perfekten Partner gefunden. Die Gegensätze dieser beiden Figuren bieten einen besonderen Reiz und sorgen für viele komische Situationen – aber ohne daß die beiden seltsamen Helden jemals lächerlich gemacht werden.

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107
otherland1 Tad Williams: Otherland 1 - Stadt der goldenen Schatten
Klett-Cotta 1998
919 Seiten, gebunden

Mitte des 21. Jahrhunderts hat sich das Internet grundlegend verändert. Das globale Netzwerk hat sich zu einer virtuellen Realität (VR) entwickelt, in die die Nutzer persönlich – bzw. in beliebig gestalteten simulierten Avataren – eintreten können. Diese Art des "Surfens" ist für die meisten Menschen alltäglich und völlig selbstverständlich geworden. Viele Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, verbringen mehr Zeit in der VR als in der Realität (RL). Für manche ist die Simulation denn auch realer als das echte Leben… Erste Anzeichen dafür, dass irgend etwas in der VR nicht mit rechten Dingen zugeht, werden zunächst nur vereinzelt erkennbar. So fallen auf der ganzen Welt Kinder, die sich gerade in der VR aufhalten, in ein Dauerkoma. Als die Angehörigen mancher Opfer anfangen, selbst zu recherchieren, geraten sie unter Druck – auf einige werden sogar Anschläge verübt. Es wird klar, dass es um die Interessen mächtiger Personen oder Gruppierungen geht – aber wer sind diese Leute und welche Ziele verfolgen sie?

In diesen Tagen wird eine Gruppe ganz unterschiedlicher Personen durch das Bild einer Goldenen Stadt, die nicht real sein kann, aber echter wirkt als alles, was man jemals in der VR sehen konnte, zusammengeführt. Da ist Renie Sulaweyo, Lehrerin an einer südafrikanischen Hochschule, deren Bruder eines der Komaopfer ist. Zusammen mit einem ihrer Schüler, dem Buschmann !Xabbu, sucht sie nach einem Heilmittel oder zumindest einer Erklärung für den Zustand ihres Bruders. Orlando Gardiner, ein an Progerie leidender Teenager, der seine Krankheit mit Online-Rollenspielen kompensiert, verliert durch eine Vision der Goldenen Stadt seinen mühsam erarbeiteten Spieler-Status und versucht dem Rätsel dieser Vision zusammen mit seinem Freund Fredericks auf den Grund zu gehen. Paul Jonas, ein Mann ohne Erinnerung, ist ein Gefangener der VR und wird dort von erbarmungslosen Jägern verfolgt, die ihn von einer Welt zur nächsten hetzen. Dann ist da noch der geheimnisvolle Herr Sellars, der manchmal als Helfer auftritt, im Grunde jedoch derjenige ist, der im Hintergrund die Fäden zieht. All diese Menschen und einige mehr müssen der Gralsbruderschaft entgegentreten, einer Gruppe der mächtigsten und reichsten Personen der Welt. Die Gralsbruderschaft hat mit Otherland eine sich selbst weiterentwickelnde Virtuelle Realität erschaffen, die von der wirklichen Welt nicht mehr zu unterscheiden ist und die man nicht mehr so einfach wieder verlassen kann, wenn man – wie Renie und die anderen – uneingeladen dort eindringt…

"Otherland" ist der erste Teil eines Vierteilers, der oft mit Der Herr der Ringe verglichen wird, mit diesem Fantasywerk aber nichts gemein hat. Weder ist die Erschaffung eines Mythos bzw. die akribische Ausarbeitung einer fiktiven Welt mit eigener Geschichte und verschiedenen Sprachen zentrales Thema von "Otherland", noch handelt es sich überhaupt um Fantasy. "Otherland" gehört vielmehr ins Science-Fiction-Genre und dort am ehesten ins Subgenre des Cyberpunk. Entwicklungen unserer Zeit werden weitergeführt und auf die Spitze getrieben, es wird ein relativ düsteres Bild unserer Zukunft gezeichnet und große Teile der Handlung finden in der VR statt. Wer sich also von der Cover-Werbung in die Irre führen lässt und auf das Erscheinen von Orks, Elben und Hobbits hofft, dürfte zunächst einmal enttäuscht sein. Wer das Buch aber trotzdem liest, der gerät schnell in den Bann der faszinierenden Geschichte und der genialen Fabulier- und Formulierkunst des Autors. Da die Handlung über weite Strecken im Cyberspace spielt, sind der Phantasie natürlich keine Grenzen gesetzt, denn in der VR ist ja bekanntlich alles möglich. Tad Williams brennt denn auch ein Ideenfeuerwerk ab, das es in sich hat.

Eine große Stärke von Tad Williams, die ihn in meinen Augen eher in die Nähe von Stephen King als von Tolkien rückt, ist die Charakterbeschreibung und –entwicklung. Die Hauptpersonen des Romans (und es werden immer mehr…) sind absolut glaubwürdig, wenn manche von ihnen auch recht bizarre Gewohnheiten haben. Renie ist eindeutig die zentrale Person des Romans und man kann sich sehr gut mit ihr identifizieren, ihre Sorgen und Nöte nachvollziehen. Gute Geschichten brauchen solche Figuren, mit denen man mitfiebern kann – und in "Otherland" gibt es gleich mehrere davon. Alle haben ihren eigenen Charakter, sie sind alles andere als austauschbare Abziehbilder, die nur dazu dienen, in Gefahr gebracht zu werden oder Heldentaten zu vollbringen. Trotz der Vielzahl von Personen und Handlungsschauplätzen wird die Story deshalb nie unübersichtlich und glücklicherweise verliert Tad Williams sich auch nie, oder nur sehr selten, in Technobabble, d.h. in langatmigen Erläuterungen über (fiktive) Technik.

Allerdings ist der Lesegenuss nicht völlig ungetrübt. Gerade am Anfang gibt es ein paar etwas zähe Kapitel, vor allem solche, in denen Renie ihrem Schüler !Xabbu (und damit dem Leser) die Funktionsweise der VR erklärt. Das ist in den Zeiten der Matrix-Kinofilme und der immer realistischer werdenden Computerspiele eigentlich nicht mehr nötig – da kann man mal sehen, wie schnell die Fiktion von der Realität eingeholt werden kann. Ein zweiter Kritikpunkt: Wie Stephen King verwendet auch Tad Williams 100 Worte, wo 10 schon genügen würden. Wenn man (wie ich) diesen Stil jedoch mag, dann ist das eigentlich gar keine Negativkritik…

Die Story von "Stadt der goldenen Schatten" dient praktisch nur dem einzigen Zweck, das zentrale Thema sowie die Hauptpersonen einzuführen und die "Helden" zusammenzubringen. Am Ende bleiben deshalb naturgemäß viel mehr offene Fragen als Antworten übrig. Allerdings muss ich sagen, dass ich schon so eine Ahnung habe, wohin der Hase läuft.


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106
ring3 Kôji Suzuki: Loop - The Ring III
Heyne 2004
315 Seiten

Kaoru Futami, ein junger Medizinstudent, ist der Sohn eines Wissenschaftlers, der früher an einem japanisch-amerikanischen Geheimprojekt mit dem Namen LOOP beteiligt gewesen ist. LOOP war die Tarnbezeichnung für eine virtuelle Realität, eine perfekte Nachbildung der Erde und der menschlichen Gesellschaft. Man hatte versucht, mittels der LOOP-Welt das Geheimnis der Entstehung des Lebens zu entschlüsseln. Das VR-Programm war eingestellt worden, als jegliche DNS der künstlichen Welt sich aus unbekannten Gründen auf eine einzige reduziert hatte. Kaorus Vater erkrankt an einer neuen Art von Krebs, die sich wie ein Virus verbreitet. Dieser Krankheit sind schon zahlreiche Menschen zum Opfer gefallen, die alle am LOOP-Projekt mitgearbeitet haben. Jetzt breitet das Virus sich mit unheimlicher Rasanz weltweit aus und greift sogar Tiere und Pflanzen an. Als Kaoru sich in eine junge Frau verliebt, die er im Krankenhaus kennen gelernt hat und die ebenfalls Träger des Krebsvirus ist, beschließt er, der Sache auf den Grund zu gehen. Seine Nachforschungen führen ihn in die USA, wo es einer alten indianischen Legende zufolge einen Ort geben soll, an dem man das ewige Leben finden kann. Kaoru ahnt nicht, dass das Virus aus LOOP in die reale Welt übergewechselt ist und dass er selbst mehr damit zu tun hat, als ihm lieb sein kann…

Die Ring-Romane werden stets als "Psycho-Horror" angepriesen. Das ist völliger Quatsch, man könnte sie höchstens als esoterisch-pseudowissenschaftliche Detektivgeschichten bezeichnen. Mit "Horror" haben sie weniger zu tun als eine Steuererklärung. In den beiden ersten Ring-Romanen waren wenigstens noch "übersinnliche" Elemente zu finden und einzelnen Szenen konnte man einen gewissen Gruselfaktor nicht absprechen. In Teil 3 der Serie ist nichts davon mehr vorhanden. Der Autor zerstört in diesem Roman alle Geheimnisse, die er zuvor entwickelt hat. Keines der Ereignisse in den beiden ersten Romanen war real – alles hat sich nur in einer virtuellen Realität ereignet. Man könnte das Buch allenfalls als Science Fiction bezeichnen, Spannung oder gar "Horror" sucht man darin vergebens. Es ist so trocken und langatmig geschrieben, dass man sich durch manche Abschnitte geradezu durchquälen muss. Natürlich wird auch wieder die Handlung der beiden ersten Romane rekapituliert – das sind überflüssige, noch langweiligere Kapitel, die man auch auslassen kann. Man wartet dauernd auf irgend eine spektakuläre Enthüllung oder etwas ähnliches, aber bis zum absolut an den Haaren herbeigezogenen Finale passiert einfach nichts, was auch nur annähernd die enthusiastischen Versprechungen erfüllen würde, mit denen für das Buch geworben wurde.

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105
lemuria1 Frank Borsch: Perry Rhodan Lemuria 1 - Die Sternenarche
Heyne 2004
318 Seiten

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104
schwejk Jaroslaw Hasek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Suhrkamp 2000
802 Seiten

Josef Schwejk lebt zur Zeit der kaiserlich-königlichen Doppelmonarchie von Österreich-Ungarn in Prag, wo er seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Straßenkötern verdient, die er als Rassehunde ausgibt – gefälschte Stammbäume produziert er selbst. Eines Abends, es ist der 28. Juni 1914, sitzt er wieder einmal im Wirtshaus und wird wegen einer eigentlich völlig harmlosen Bemerkung über den just an diesem Tag ermordeten Erzherzog Franz-Ferdinand von einem Polizeispitzel verhaftet. Nach einer Odyssee durch diverse Gefängnisse und ein Irrenhaus (wo er nach eigenem Bekunden die beste Zeit seines Lebens verbringt), wird ihm notorische Blödheit amtsärztlich bescheinigt. Dennoch zieht man ihn schließlich zum Militärdienst ein – im 1. Weltkrieg kann man jeden Idioten gebrauchen, auch wenn er, wie Schwejk, an Rheuma leidet. Bei der Armee, wo er als Putzfleck bei einem versoffenen Feldkuraten dient, bis dieser ihn buchstäblich an den Oberleutnant Lukasch verspielt, treibt er alle Vorgesetzten in den Wahnsinn. Denn Schwejk ist so brav, dass er jeden Befehl gut gelaunt wortwörtlich nimmt, zu allem gehorsam lächelt und durch seine – gespielte? – Naivität den gesamten Militärbetrieb ad absurdum führt. Sowohl im Hinterland als auch auf dem Weg an die Front stolpert Schwejk (gewollt oder ungewollt) von einer "Schlamastik" in die nächste und stellt die Geduld seiner Kameraden durch die ununterbrochene Flut von Anekdoten und Histörchen, die er zu allem und jedem parat hat, auf eine arge Probe. Schließlich gerät er sogar in österreichische Kriegsgefangenschaft, weil man ihn für einen Russen hält. Zu guter Letzt kehrt er doch wieder zu seiner Marschkompanie zurück – worüber sich dort niemand so recht freuen kann…

Dieser umfangreiche, aber leider unvollendete Roman wurde von einem Mann verfasst, der genau wusste, worüber er schreibt. Der 1883 geborene Hasek war wegen seiner Trunksucht und seiner Teilnahme bei Krawallen selbst häufig zu Gast in Prager Polizeirevieren, er war auch Soldat im Ersten Weltkrieg. Diese Erfahrungen finden ihren Niederschlag in einigen mit viel Liebe zum Detail ausgearbeiteten Kapiteln, deren zentrales Thema die fröhlichen Alkoholexzesse in Polizeirevieren, Amtsstuben und Kasernen sind. Mit seinem stoisch-naiven Gehorsam und seiner eigentlich nur vorgetäuschten Einfalt dient Schwejk als Kontrapunkt für die wirklich Blöden: Die unfähigen Vorgesetzten, die verbohrten Bürokraten, die Ruhmsüchtigen und die Kriegsgeilen. Der Roman ist unterhaltsam wegen seiner Absurdität, auch wenn man viele Anspielungen heute natürlich nicht mehr so einfach verstehen kann. Stellenweise ist er sogar wirklich lustig, etwa wenn Schwejk den Zug an die Front verpasst und sich nach längeren Irrwegen bei seinem Oberleutnant Lukasch zurückmeldet, der prompt bleich wird und vom Stuhl fällt, oder wenn er immer wieder mit einem bestimmten Vorgesetzten aneinanderrasselt. Dann wären da noch die vielen bizarren Nebenpersonen – meine Lieblingsfigur ist gar nicht mal Schwejk, sondern der bärenartige, verfressene Soldat Baloun, der vor Bestürzung in Tränen ausbricht, als ein frisch geschlachtetes Schwein zu Würsten verarbeitet wird, die nicht für ihn, sondern für die Offiziere bestimmt sind. Gar nicht so amüsant fand ich Schwejks nicht enden wollende Anekdoten. Die werden irgendwann langweilig, haben dann aber immerhin noch den Effekt, dass man verstehen kann, warum Oberleutnant Lukasch immer so erschrickt, wenn der schon verloren geglaubte Schwejk stets wieder zu ihm zurückkehrt…

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103
ring2 Kôji Suzuki: Spiral - The Ring II
Heyne 2003
348 Seiten

Wenige Stunden nach dem Tod von Ryuji Takayama wird dessen Leiche obduziert. Noch ahnt niemand, daß Ryuji einem furchtbaren Fluch zum Opfer gefallen ist. Er hatte ein Videoband gesehen, das jedem innerhalb von 7 Tagen den Tod bringt, der keine Kopie davon anfertigt und diese anderen Menschen zeigt. Der Pathologe ist ein alter Freund Ryujis aus Studententagen, sein Name ist Mitsuo Ando. Damals hatten die Freunde ein besonderes Spiel. Sie hatten sich gegenseitig Rätsel aufgegeben: mathematische Codes, die geknackt werden mußten. Als Ando nach der Autopsie auf einem Fetzen der Zeitungen, mit denen die Leiche ausgestopft wurde, eine rätselhafte Zahlenkombination entdeckt, hält er dies deshalb für eine Botschaft, die sein Freund ihm aus dem Jenseits geschickt hat. Ando entschlüsselt die Kombination, sie ergibt das Wort RING.

Bei der genaueren Untersuchung der Organe wird festgestellt, daß Ryujis Tod durch ein virusbedingtes, ungewöhnliches Geschwür im Herzmuskel verursacht worden ist. Kurz nach Ryujis Obduktion begegnet Ando der jungen Mai Takano, der Geliebten seines toten Freundes. Er ist fasziniert von der schönen Frau, doch sie verschwindet eines Tages spurlos. Ando findet heraus, daß in der vergangenen Woche mehrere Menschen an der exotischen Viruserkrankung gestorben sind. Bei der Suche nach Gemeinsamkeiten der Opfer stößt er auf den sogenannten Ring-Bericht des Journalisten Asakawa, der seit einem Verkehrsunfall, bei dem er Frau und Kind verloren hat, in einer Art Wachkoma liegt. Ando ist selbst schon mit dem Virus infiziert – und das, obwohl er das fluchbeladene Videoband gar nicht gesehen hat. Das Virus ist mutiert und wird jetzt auf ganz andere Weise übertragen. Hinter alldem steckt Sadako Yamamura, der vor 25 Jahren ermordete Hermaphrodit. Und Sadako ist alles andere als tot…

Das Positive vorab: Der Roman wurde im Gegensatz zum ersten Ring-Roman direkt aus der japanischen Sprache übersetzt und liest sich deshalb erheblich angenehmer und flüssiger als der Vorgänger, wenn man mal über die notorischen Verwechselungen von "dass" und "das" sowie andere Rechtschreibfehler hinwegsieht. Weiterhin wird viel mehr Wert auf die Charakterzeichnung der Hauptfigur gelegt, so dass der Leser sich besser mit ihr identifizieren kann als mit den leeren Hüllen, die in Teil 1 agiert haben.

Das war aber auch schon alles, was man lobend erwähnen kann. Ansonsten ist "Spiral – The Ring II" ein ziemlich durchschnittlicher Roman, auf den die Bezeichnung "Horror" nicht so recht passen will. Es gibt kaum eine Stelle, die wirklich spannend oder gar furchteinflößend wäre. Das Gefühl der allmählich ansteigenden Bedrohung, das sich wenigstens in der zweiten Hälfte von The Ring einstellt, fällt hier völlig weg – im Gegensatz zu Asakawa steht Ando ja auch nicht unter Zeitdruck. In viel zu langen Passagen wird noch einmal der Inhalt von The Ring rekapituliert, so dass man den ersten Roman gar nicht gelesen haben muss, um den zweiten zu verstehen (wenn es da überhaupt was zu verstehen gibt). In noch längeren (geradezu langweiligen) Passagen dürfen wir lesen, wie Ando nach Lösungen für die Zahlencodes und nach einer rationalen Erklärung für den Videofluch sucht. Die Art und Weise, wie dabei pseudowissenschaftliche Erörterungen mit Übernatürlichem vermischt werden, ist haarsträubend lächerlich. Man höre und staune: Der tote Ryuji hat es geschafft, eine Botschaft in seinen eigenen genetischen Code einzubauen… Diese Erklärungsversuche vernichten jegliche Gruselatmosphäre. Nicht umsonst lautet eine Grundregel für guten Horror, dass man immer nur andeuten darf und stets mehr verbergen als zeigen sollte. Das Ganze gipfelt in einem Ende, das an Schwachsinn nicht mehr zu überbieten ist. So besteht denn der einzige Reiz dieses Romans wiederum darin, bestimmte Aspekte der japanischen Kultur herauszulesen.


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102
stahlwueste Herbert W. Franke: Die Stahlwüste
Goldmann 1962
186 Seiten

Nach dem dritten Weltkrieg sind von den großen Weltstädten nur noch Trümmer übrig: Wüsten aus Stahlträgern und Beton, teils radioaktiv verseucht und von Gesetzlosen bewohnt. Neue Städte sind entstanden, gigantische Gewächshäuser stellen die Versorgung mit Nahrungsmitteln sicher. Die Machtblöcke der USA, der Europäischen Union und Russlands stehen sich trotz der weltweiten Zerstörung weiterhin feindlich gegenüber. Immer wieder werden von Europa aus kleine Agententrupps hinter die gegnerischen Linien geschickt, die den nächsten, unmittelbar bevorstehenden Krieg durch Sabotageakte vorbereiten sollen. Bei einer Aktion dieser Art entdeckt einer der Saboteure namens Ralph ein altes Tonband, das ihn zum Nachdenken anregt, weil darauf dokumentiert zu sein scheint, dass die politischen Führer nur aus Macht- und Profitgier handeln und die ihnen untertanen Massen mit Betrug und Lügen manipulieren. Ralph wird auf den Mond deportiert, wo eine vergessene Kolonie von Ausgestoßenen unter erbärmlichsten Bedingungen vor sich hin vegetiert. Dort lernt Ralph erstmals den Wert menschlichen Zusammengehörigkeitsgefühls kennen und er begreift, wie sinnlos die von den Mächtigen der Welt angezettelten Kriege sind.

Wieder so eine kleine, nur noch antiquarisch erhältliche Reminiszenz an alte Zeiten. Kernstück dieses Romans ist eigentlich nicht die Handlung mit den europäischen Spionen, sondern die genaue Wiedergabe des Tonbands. Letztlich stellt sich zwar heraus, dass dieses Tonband nur die Aufzeichnung eines Theaterstücks ist, aber scheinbar sind die realen Verhältnisse in den Staaten, die Ralph kennt, kaum anders. Auf den Lesefluß wirkt die Wiedergabe des Tonbands sich leider ziemlich störend aus. Ansonsten ist das Buch ein Musterbeispiel für die pessimistischen Dystopien, die für die SF der Sechzigerjahre so typisch sind.

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101
ring1 Kôji Suzuki: The Ring
Heyne 2003
301 Seiten

Asakawa Kazuyuki, ein in Tokio arbeitender Journalist, kommt zufällig auf die Spur einer Serie von rätselhaften Todesfällen, in der er eine gute Story wittert. Vier Jugendliche sind am selben Tag und genau zur selben Uhrzeit gestorben, scheinbar an Herzversagen, aber in Wirklichkeit war wohl eher panische Angst die Todesursache. Bei seinen Recherchen stößt Asakawa auf eine seltsame Videocassette, die er sich ansieht. Sie ist mit unzusammenhängend erscheinenden, teils surrealistischen, verstörenden Szenen bespielt und enthält eine Drohung. Wer die Szenen sieht, ist dazu verdammt, exakt eine Woche später zu sterben. Wenn man dem Fluch entgehen will, muss man den Anweisungen folgen – doch an genau dieser Stelle ist das Band überspielt worden, d.h. die Anweisungen fehlen. Die Begleitumstände beim Ansehen des Videos sind so seltsam, dass Asakawa die Drohung ernst nimmt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der noch dadurch verschärft wird, dass Asakawas Frau und Tochter das Video ohne sein Wissen ebenfalls sehen. Wenn er es nicht schafft, das Rätsel zu lösen und herauszufinden, was er tun muss, um den Fluch aufzuheben, würde das seinen Tod und den seiner Familie bedeuten…

Man sollte wissen, dass dieser Roman keine Novelization des gleichnamigen Hollywood-Films ist, sondern viel älter ist und als Vorlage für einen japanischen Horrorfilm gedient hat, von dem die US-Version wiederum nur ein Remake ist. Wer sich das nicht klarmacht, wird erst einmal irritiert sein, dass der Roman in Japan spielt, japanische Protagonisten hat und in manchen entscheidenden Aspekten von der japanischen Kultur beeinflusst ist. Letzten Endes macht genau das den einzigen Reiz aus, den dieser Roman für mich noch hat. Das Buch beginnt – nach den geheimnisvollen Toden der Jugendlichen – wie eine ganz normale Detektivgeschichte. Man hat den Eindruck, als handele es sich gar nicht um einen Roman, sondern um das Exposé zu einem Roman oder um ein etwas ausführlicher formuliertes Drehbuch, denn der Autor schreibt in einem verknappten, ziemlich sachlichen Stil, durch den so etwas wie Spannung zunächst einmal gar nicht entstehen kann. Je weniger Zeit Asakawa zum Lösen des Rätsels bleibt und je mehr sein Gefühl der Bedrohung anwächst, desto besser entwickelt sich dann in der zweiten Hälfte aber auch die Story und für vielleicht hundert Seiten wird das Versprechen des Covertextes (von wegen "Japans Antwort auf Stephen King") zumindest ansatzweise eingehalten, wenn sich auch nichts von Kings detailgenauen Charakterbeschreibungen in diesem Roman findet.

Es gibt dann ein paar Wendungen in der Story, die stark vom Film (US-Version) abweichen und somit doch noch überraschen können, leider gipfelt alles in einem pseudowissenschaftlichen Erklärungsversuch, der mich nicht überzeugen kann. Leichte Kost, gut für zwischendurch, aber nichts Besonderes und vor allem nichts, was für Gänsehaut sorgen könnte. Gruselig ist allenfalls die Übersetzung – ich glaube, auf dem Weg von der japanischen in die englische Sprache und von dort zur deutschen Version ist einiges vom Charakter des Romans verloren gegangen. Leider enthält der Text auch eine überdurchschnittliche Anzahl von Fehlern. Der Roman hat übrigens ein offenes Ende – logisch, es gibt ja auch mehrere Fortsetzungen…


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