Zur Homepage jokreis.de
Zur Startseite des Kreis-Archivs
Zur Bücher-Gesamtübersicht


Dies ist der 17. Teil einer Übersicht meiner Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



847
Wachen! Wachen! Terry Pratchett: Wachen! Wachen!
Piper, 2013
424 Seiten

Lord Vetinari, regierender Patrizier der Stadt Ankh-Morpork, hat das Verbrechen vor geraumer Zeit legalisiert. Diebe, Meuchelmörder und so weiter sind in Gilden organisiert, deren Oberhäupter regelmäßig Rechenschaft über die Aktivitäten ihrer Zunft ablegen müssen. Jede Gilde darf nur eine festgelegte Anzahl genau definierter und lizenzierter Verbrechen verüben. Wer sich nicht an die Vorgaben hält, wird von seinesgleichen streng bestraft, denn sollten die Lizenzverstöße ein bestimmtes Maß überschreiten, würde das auf die Gildenchefs zurückfallen. Diese Selbstregulierung ermöglicht es den Bürgern Ankh-Morporks, ihre Verluste (für die sie stets eine Quittung erhalten) im Voraus zu kalkulieren. Sie hat allerdings auch dazu geführt, dass sich niemand mehr für die Stadtwache interessiert. Ordnungshüter werden schlicht nicht mehr gebraucht, und so schrumpft die Mannschaftsstärke der Wache immer weiter, bis nur noch Hauptmann Samuel Mumm, Feldwebel Colon und Korporal Nobbs übrig sind. Sie haben kaum mehr zu tun, als nach Einbruch der Dunkelheit durch die Straßen zu ziehen und die Uhrzeit zu verkünden. Hauptmann Mumm ertränkt die Gedanken an die Sinnlosigkeit seiner Existenz in Alkohol. Seine Männer sind nur einen Schritt vom Halunkentum entfernt.

Eines Tages tritt ein junger Rekrut in die Nachtwache ein. Der muskelbepackte Hüne Karotte Eisengießersohn verdankt seinen Namen der Tatsache, dass seine Hüften schmal, die Schultern aber so breit sind wie seine Eltern hoch. Er wurde als Findelkind von Zwergen großgezogen und hat erst kürzlich erfahren, dass er ein Mensch ist. Jetzt soll er bei der Nachtwache zu einem echten Mann heranreifen. Der zwei Meter große Adoptivzwerg ist der naiven Überzeugung, dass es die Aufgabe der Wache ist, dem Gesetz, das er während der Reise von den Spitzhornbergen nach Ankh-Morpork auswendig gelernt hat, Geltung zu verschaffen. Mit dieser Einstellung wirbelt Karotte das zwar deprimierende, aber ruhige Leben der Wachen gehörig durcheinander. Doch damit nicht genug. In Ankh-Morpork treibt ein Drache sein Unwesen! Diverse Bürger und Gebäude Ankh-Morporks wurden bereits in Aschehäufchen verwandelt.

Mumm und seine Leute sollen sich der Sache annehmen, stehen der Kreatur jedoch hilflos gegenüber, denn es handelt sich nicht etwa um einen jener nur 30 Zentimeter langen Sumpfdrachen, die von der adligen Züchterin Lady Sybil Käsedick liebevoll und sehr, sehr vorsichtig (aufgrund des besonderen Stoffwechsels der Drachen besteht bei jedem Schluckauf Explosionsgefahr) aufgepäppelt werden. Dieses Exemplar gehört zur für ausgestorben gehaltenen Spezies der Erhabenen Drachen, ist zwanzig Tonnen schwer und spuckt Feuer, das sogar Stahl verdampfen lässt. Niemand ahnt, dass der Drache von einer Geheimbruderschaft beschworen wurde und eine entscheidende Rolle bei der Entmachtung Vetinaris spielen soll. Doch mit Beschwörungen ist es so eine Sache – manchmal wenden sie sich gegen den Beschwörer ...

Terry Pratchett mag sich ab und zu ein wenig wiederholen, was beim achten Scheibenwelt-Roman auch nicht verwunderlich ist, aber er bringt doch immer wieder das Kunststück fertig, seinem an sich schon faszinierenden Universum zusätzliche Facetten hinzuzufügen und neue Hauptfiguren einzuführen, die auf ihre ganz eigene Weise ebenso schrullig wie liebenswert sind. Diesmal sind das die Mannen von der Stadtwache Ankh-Morporks, die übrigens in vielen weiteren Romanen auftreten. Am besten gefallen mir Hauptmann Mumm, der allmählich seine Trunksucht überwindet, längst vergessen geglaubte kriminalistische Instinkte wiederentdeckt und von den Avancen der wehrhaften Lady Käsedick womöglich noch mehr ins Schwitzen gebracht wird als durch den Kampf gegen den Drachen – und natürlich der Adoptivzwerg Karotte, den man sich als äußerst korrekte, höfliche, naive und vollkommen phantasielose Version von Conan, dem Barbaren, vorstellen kann. Es ist typisch für Pratchett, dass er die Jungs von der Wache trotz aller Skurrilität nicht zu Witzfiguren macht, zumindest nicht allzu sehr. Pratchett widmet den Protagonisten viel Aufmerksamkeit, so dass mir Mumm und seine Mannen ans Herz gewachsen sind.

Lady Käsedick ist ein Kaliber für sich. Normalerweise stapft die stattliche Dame aufgrund ihres Hobbys mit schwerer feuerfester Schutzkleidung durch die Gegend. Für Hauptmann Mumm wirft sie sich schon mal in mehrere Hektar Seide und wirkt dann wie eine voll getakelte und parfümierte Vollmastbark. Dass ausgerechnet diese mehr als nur resolute Jungfrau dem Drachen geopfert werden soll, ist eines der vielen i-Tüpfelchen des Romans. Dazu gehören: Lord Vetinari, die Nüchternheit in Person, der die Geschicke Ankh-Morporks mit einer wohldosierten Mischung aus Gewalt und Kalkül lenkt ... die ebenso größenwahnsinnigen wie beschränkten "Aufgeklärten Brüder der Völlig Schwarzen Nacht", die den Drachen beschwören ... verschiedene Drachenjäger, die wegen des eklatanten Mangels an Königstöchtern, die ihnen üblicherweise als Lohn zustehen, die Arbeit verweigern ... ein kleiner Sumpfdrache namens Errol, der vorübergehend zumMaskottchen der Wache wird ... Sie alle und viele weitere Figuren sorgen für köstliche Situationen, humorvolle Dialoge und das unverwechselbare Scheibenwelt-Flair. Witzige Anspielungen auf andere (Fantasy-)Universen und Seitenhiebe auf die reale Welt fehlen nicht, aber die gut ausgearbeitete Story ist mehr als nur der Stichwortgeber für Gags. Sehr schön! (05.11.2018)


Zurück zu den Büchern

846
Wider die Unendlichkeit Gregory Benford: Wider die Unendlichkeit
Knaur, 1985
249 Seiten

Der Jupitermond Ganymed wird durch Terraforming bewohnbar gemacht. Die Oberfläche des Mondes, der einen größeren Durchmesser als der Planet Merkur hat und auf dem eine Durchschnittstemperatur von –160 Grad Celsius herrscht, besteht praktisch aus einem einzigen Gletscher. Langsam über die Oberfläche wandernde Maschinen schmelzen die kilometerdicke Eiskruste. Speziell für die Verhältnisse auf dem lebensfeindlichen Himmelskörper zugeschnittene Kunstwesen ernähren sich von giftigen Substanzen und scheiden Sauerstoff oder Dünger aus. Auf diese Weise konnten die Verhältnisse auf Ganymed innerhalb einiger Jahrzehnte so verändert werden, dass die Errichtung menschlicher Kolonien möglich wurde. Das Leben in den Kuppelstädten Hiruko und Sidon ist hart und entbehrungsreich. Die Gewinnung von Rohstoffen und die Herstellung von Nahrungsmitteln sind mit großen Risiken verbunden. Nur im Schutze der Kuppeln kann man sich ohne beheizte Schutzanzüge bewegen. Trotzdem kommt es immer wieder zu Unfällen, auch aufgrund tektonischer Verschiebungen infolge der Eisschmelze. Obendrein mutieren die Kunstwesen schnell, so dass sich Lebensformen mit unerwarteten, teils gefährlichen Eigenschaften entwickeln. Die Population dieser Muties muss durch regelmäßige Jagden außerhalb der Kuppeln niedrig gehalten werden.

Es gibt noch einen Faktor, der die Besiedlung Ganymeds gefährdet: Das Aleph. Dieses riesige, möglicherweise Jahrmillionen alte Artefakt unbekannten Ursprungs gräbt sich auf unvorhersehbaren Bahnen durch den Eispanzer des Mondes, erscheint manchmal auch an der Oberfläche und macht die Bemühungen der Menschen zunichte. Es greift die Siedlungen nicht gezielt an, aber was auch immer dem Aleph im Wege steht, wird zermalmt. Auf viele Siedler übt das Aleph eine eigenartige Faszination aus, so auch auf den dreizehnjährigen Manuel Lopez aus Sidon. Zusammen mit seinem Vater und einigen Siedlern, zu denen der erfahrene alte Veteran Old Matt Bohles gehört, geht Manuel eines Tages auf seine erste Mutie-Jagd. Unterstützt von intelligenzoptimierten, in Maschinenhüllen steckenden Tieren dezimieren die Männer den Bestand mutierter Biotech-Wesen, aber in Wahrheit geht es ihnen um das Aleph. Sie alle wünschen sich nichts sehnlicher, als dieses geheimnisvolle, unaufhaltsame Artefakt mit eigenen Augen zu sehen – und zu versuchen, ob sie mehr Glück als unzählige Jäger vor ihnen haben, die dem Aleph bis jetzt vergeblich mit allen möglichen Waffen zu Leibe gerückt sind und ihren Wagemut oft mit dem Leben bezahlt haben ...

"Wider die Unendlichkeit" ist einer jener Romane, bei denen der Weltenbau im Vordergrund steht. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Leser nicht aus der Feldherrnhügel-Perspektive von Machthabern oder sonstigen privilegierten Personen heraus erfährt, wie es sich anfühlt, auf Ganymed zu leben. Die Verhältnisse werden "von unten" geschildert, aus dem Blickwinkel einfacher Arbeiter und Jäger. Das funktioniert erstaunlich gut! Ich konnte mich stets in die Situationen hineinversetzen und hatte ein deutliches Bild vom harten Leben der Pioniere in der Eishölle Ganymeds vor Augen. Die Fremdartigkeit des Aleph, dessen Geheimnis gewahrt bleibt, ist ebenfalls gut rübergekommen.

Die Geschichte Manuels und seine Entwicklung treten dem gegenüber deutlich in den Hintergrund. Die Story verläuft mit mehreren Zeitsprüngen und lässt sich auf die Binsenweisheit reduzieren, dass der Mensch zu vernichten trachtet, was er nicht versteht. Das Aleph ist für die Protagonisten ein Schicksalstier wie der Weiße Wal für Kapitän Ahab; zu spät erkennen sie, dass ihre Welt ohne das Aleph weit ärmer und möglicherweise nicht einmal weniger gefährlich ist als zuvor. Insgesamt hatte ich irgendwie den Eindruck, dass Benford den Roman nicht wirklich vollendet hat. "Wider die Unendlichkeit" wirkt auf mich eher wie das Exposé für einen Roman, der viel länger und komplexer hätte sein können ... (29.10.2018)


Zurück zu den Büchern

845
Die Macht der Ursachen Bernd Kreimeier: Seterra 2 – Die Macht der Ursachen
Goldmann, 1986
313 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Seterra 1 – Die Trägheit der Masse.

Die Seterra ist in den Orbit des gleichnamigen Planeten eingeschwenkt. Das schwer angeschlagene Raumschiff wird die Umlaufbahn nie wieder verlassen, zumindest nicht aus eigener Kraft. Kommandant Bran McLelan und der Schiffsarzt Harl Calins sind zwei Monate nach der Zündung des Bremstriebwerks einem Unfall zum Opfer gefallen. McLelans Stellvertreterin Lana Seran musste das Kommando an Wade Vendelt abgeben, ein Mitglied des aus der Hibernation erweckten militärischen Exekutivrates. Den anderen Überlebenden der Kernbesatzung ist es ähnlich ergangen, sie wurden auf unbedeutende Posten abgeschoben. An die 300 Personen wurden inzwischen erweckt, darunter zahlreiche Soldaten, die die Machtposition des Militärrates sichern. Die Situation ist angespannt, denn nicht alle Besatzungsmitglieder sind mit Vendelts Entscheidungen einverstanden. Zudem leiden immer mehr Erweckte unter den Nachwirkungen der langen Hibernationsphase. Schlafstörungen und andere Probleme sind die Folge. Manche Erweckungen schlagen fehl. Die Betroffenen fallen ins Koma. Plötzlich erscheint ein als NACHTMAHR bezeichnetes Computerprogramm in den Verzeichnissen, dessen Verwendungszweck selbst dem Militärrat nicht bekannt ist. Der auf die Entschlüsselung angesetzte Chefprogrammierer Algert Stenvar und die Technikerin Chris Morand finden heraus, dass NACHTMAHR von McLelan und Calins geschrieben worden ist. Ihren Informationen zufolge verlieren die Medikamente, welche zur Blockierung der Erinnerung an die mit der Hibernation verbundenen Alpträume eingesetzt werden, unter psychischem Druck ihre Wirkung. Sollte einer der bis an die Zähne bewaffneten Soldaten von diesem Phänomen betroffen sein, wären die Folgen katastrophal.

Währenddessen wird die Besiedlung Seterras vorbereitet. Der Planet, dessen Atmosphäre von großen Staubmassen durchsetzt ist und auf dessen Oberfläche es zwanzig große Hitzezonen gibt, wurde bisher nur von automatischen Sonden erkundet. Jetzt landen zwei Teams an entgegengesetzten Seiten einer Hitzezone, die den Namen "Hades" erhält. Über die Entstehung dieses mit radioaktivem Magma gefüllten Kraters kann nur spekuliert werden. Die Landung des von Alaen Manarque kommandierten Alphateams gerät zum Beinahe-Absturz; die Raumkapsel kann nicht wieder starten. Die Atmosphäre von Seterra ist atembar und es gibt Leben auf der so unwirtlich wirkenden Welt. Die verschiedenen teils gefährlichen Kreaturen bereiten den Forschern Kopfzerbrechen, denn einige ähneln der irdischen Fauna. Manche Menschen glauben ohnehin, dass die Reise der Seterra nicht zu einem fremden Planeten geführt hat, sondern zurück zur verstrahlten und verseuchten Erde. Gleichwohl wird mit dem Aufbau einer Siedlung begonnen. Absetzcontainer bringen Menschen und Material auf die Planetenoberfläche. Doch nach einiger Zeit greifen die psychischen Störungen immer weiter um sich. Eine Militärpatrouille verschwindet. Später wird festgestellt, dass sich die Soldaten gegenseitig umgebracht haben.

Das Landeunternehmen muss abgebrochen werden. Man spricht von einer Epidemie, die angeblich auf Seterra ausgebrochen ist. Die Betroffenen werden in Quarantäne genommen. Der Militärrat greift zu drakonischen Maßnahmen, weil Aufruhr und Sabotage befürchtet werden. Trotz allem gehen die Erweckungen weiter. Die Zahl der Alptraumkranken steigt und die einzige bekannte Behandlungsmöglichkeit – ein operativer Eingriff am Gehirn – würde möglicherweise dazu führen, dass die Therapierten ihre Menschlichkeit verlieren ...

Zum Mittelteil der "Seterra"-Trilogie fällt mir kaum was Neues ein, daher verweise ich auf meinen Kommentar zum ersten Band. Das alles gilt auch für diesen Roman. Möglicherweise ist die technisch-kalte Schilderung des Lebens im Raumschiff beabsichtigt, aber ich finde es doch seltsam, dass die Protagonisten nie in privaten Momenten gezeigt werden. Sie scheinen permanent zu arbeiten, zumindest erfahren wir nichts über ihre Freizeittätigkeiten und das sonstige Bordleben. Zwischenmenschliche Beziehungen existieren offenbar überhaupt nicht. Zudem treten einfach zu viele Figuren auf. Es ist schon bezeichnend, dass ich manchmal gar nicht wusste, wer die Person ist, aus deren Perspektive ein Kapitel erzählt wird.

Seltsam finde ich auch, dass keinerlei Aufbruchsstimmung spürbar ist bzw. dass sich das Führungspersonal nicht bemüht, so etwas herzustellen, ein gemeinsames Ziel zu beschwören und so weiter. Schließlich hat das Raumschiff ja sein Ziel erreicht und jetzt müsste man darangehen, sich auf dem fremden Planeten ein neues Leben aufzubauen. Stattdessen versuchen die Räte, die Menschen unmerklich zu manipulieren, wobei sie ganz schön verschwenderisch mit den allerletzten Überresten der Menschheit umgehen. So werden die in Quarantäne befindlichen Zivilisten geopfert, damit sich die Soldaten zum Abbau des psychischen Drucks austoben können. Ein unliebsamer Offizier wird nur deshalb in eine wichtige Position manövriert, damit er als Kristallisationspunkt für den Hass der Besatzungsmitglieder herhalten kann, der sich sonst gegen den Rat richten könnte. Ich würde sagen, dass der Autor beim Versuch, die Hoffnungslosigkeit der Situation zu schildern, deutlich übers Ziel hinausgeschossen ist.

Auch dieser Band enthält wieder einige Illustrationen von Gerd Striepecke und technische Zeichnungen von Christoph Anczykowski. (22.10.2018)


Zurück zu den Büchern

844
Das Gleismeer China Miévielle: Das Gleismeer
Heyne, 2015
399 Seiten

Shamus Yes ap Soorap aus Streggeye hat als Famulus des Bordarztes auf der Medes angeheuert, einem Maulwurfsfänger, der im Gleismeer Jagd auf den Großen Südlichen Moldywarp macht. Damit ist er dem Rat seiner Pflegeväter nachgekommen, die Shams Träume als Hirngespinste abgetan haben. Tatsächlich interessiert sich der junge Mann nicht sonderlich für die Jagd auf die riesigen Bestien, welche die freien Bereiche zwischen den ineinander verwobenen Schienensträngen des Gleismeeres unsicher machen und jeden in ihr unterirdisches Reich zerren, der es wagt, die blanke Ebenerde zu betreten. Viel lieber würde Sham als Artefakter arbeiten und jene Überbleibsel einer versunkenen Zivilisation erforschen, die – zum Teil immer noch funktionsfähig – überall neben und unter den Gleisen zu finden sind. Deshalb geht er ein großes Risiko ein, als die Medes eines Tages auf das Wrack eines anderen Zuges stößt. Bei der Erkundung eines halb im Erdreich versunkenen Waggons findet Sham Überreste eines menschlichen Skeletts. Kurz vor seinem Tod hat der oder die Unbekannte offensichtlich versucht, etwas in einem Loch im Erdboden zu verstecken. Sham holt eine Speicherkarte aus dem Loch und wird prompt von Säbelzahnmullen attackiert, die unter dem Waggon lauern. Sham rettet sich mit knapper Not, muss seinen hart erworbenen Fund allerdings sogleich an Kapitänin Abacat Naphi abgeben.

Sham darf zusehen, während Naphi den Inhalt der Speicherkarte beim nächsten Landgang lesbar macht. Die Kapitänin hofft, Hinweise auf "Mocker-Jack" zu finden, den gigantischsten aller Moldywarps. Vor Jahren hat Naphi einen Arm an dieses Ungeheuer verloren. Seitdem setzt sie alles daran, Mocker-Jack zur Strecke zu bringen. Angezeigt werden Fotos, die von den toten Bahnern aufgenommen worden sind. Auf häusliche Szenen, die unter anderem Sohn und Tochter der Toten zeigen, folgen Aufnahmen von verschiedenen Abschnitten des Gleismeeres. Von Mocker-Jack ist nichts zu sehen, dennoch sind Naphi und Sham fasziniert, denn der wracke Zug muss auf seinen ausgedehnten Reisen in die entlegensten Regionen des Gleismeeres einem "Engel" begegnet sein, einem der legendären automatisierten Züge, zu deren Aufgaben die Instandhaltung der Schienenstrecken gehört. Angesichts des letzten Bildes verschlägt es Sham und Naphi den Atem. Die Aufnahme zeigt eine unmögliche Ungeheuerlichkeit: Ein einzelnes, sich schnurgerade in die Unendlichkeit erstreckendes Gleis, das aus dem Gleismeer hinausführt!

Naphi löscht alle Aufnahmen, doch es gelingt Sham, das letzte Bild heimlich mit seiner eigenen Kamera abzulichten. Mit List und Tücke bringt er die Kapitänin dazu, die große Bahnhofsstadt Manihiki anzusteuern, denn dort müssen die Hinterbliebenen der toten Bahner leben. Sham, selbst Waise, ist fest entschlossen, ihnen die Nachricht vom Ende ihrer Eltern zu überbringen. So macht er die Bekanntschaft von Caldera und Caldero Shroake, die ziemlich genau wissen, wonach ihre Eltern gesucht haben und aus diesem Grund unter ständiger Beobachtung stehen. Als sie sich auf den Weg machen, um den Spuren ihrer Eltern zu folgen, heften sich verschiedene Glücksritter auf ihre Fersen. Da Sham mehr oder weniger eingeweiht ist, wird er von Piraten entführt ...

Die Story dieses Romans dürfte dem kundigen Leser sehr bekannt vorkommen. Es handelt sich um einen Mix aus "Moby Dick" von Herman Melville und Die Schatzinsel von R.L. Stevenson mit einer Prise Strugatzki. Schon gleich in den ersten Kapiteln, in denen kein Wal gefangen wird, sondern ein mindestens ebenso großer Maulwurf (bis hin zur in allen blutigen Details beschriebenen Verwertung des Kadavers), woraufhin der jugendlichen Hauptfigur keine Schatzkarte in die Hände fällt, sondern eine Speicherkarte, deren Inhalt den gleichen Zweck erfüllt, werden diese Bezüge unmissverständlich hergestellt. Und zwar stets mit deutlichem Augenzwinkern. So ist Abacat Naphi keineswegs die einzige Kapitänin, für die die Jagd auf ein besonderes Exemplar der mörderischen Gleismeerfauna zur an Wahnsinn grenzenden Besessenheit geworden ist, oder genauer gesagt zu einer "Philosophie". Jeder Kapitän-Ahab-Verschnitt assoziiert eine bestimmte Eigenschaft mit seinem jeweiligen Schicksalstier, die es zu deuten gilt und die er selbst besitzt. Im Falle von Naphi und Mocker-Jack sind dies Täuschung und Irreführung. So kommt es nicht überraschend (Achtung, Mini-Spoiler), dass Naphi in Wahrheit gar kein Körperteil an ihre "Philosophie" verloren hat, wie es sich für einen ordentlichen Kapitän gehört. Sie hat diese Geschichte nur erfunden und trägt den mechanisierten Kunstarm wie einen Handschuh über dem gesunden Arm.

Die Story von "Das Gleismeer" ist trotz derartiger Kniffe zu vorhersehbar, um spannend zu sein. Faszinierend wird der Roman nur durch den Weltenbau, den ich als Bahn-Vielfahrer übrigens als vollkommen unrealistisch bezeichnen muss, denn nach meinen Erfahrungen nimmt die Zuverlässigkeit eines solchen Verkehrsmittels mit zunehmender Ausdehnung und Komplexität dramatisch ab. Scherz beiseite! In der Steampunkwelt dieses Romans muss man die Ozeane gedanklich ebenso durch endlose ineinander verwobene, in mehreren Schichten und verschiedenen Spurweiten verlaufende Schienenstränge ersetzen, wie man sich anstelle von Segel- und Dampfschiffen verschiedene Züge vorstellen muss: Maulwurfsjäger, Güterzüge, schwer bewaffnete Militäreinheiten und so weiter, auch Piraten, die ganz ähnlich auf Kaperfahrt gehen wie Captain Jack Sparrow. Ganz so wie unter der Wasseroberfläche unserer Ozeane leben diverse bizarre Kreaturen unter der Erdoberfläche. Die vergifteten oberen Atmosphäreschichten werden von fliegenden Bestien aus anderen Welten unsicher gemacht. Legenden zufolge wurden sie dort in ferner Vergangenheit von Fremden ausgeladen, die obendrein diversen Müll auf den Planeten gekippt haben, welcher in der Handlungsgegenwart zum Ziel von Schatzsuchern geworden ist – das meinte ich oben mit "eine Prise Strugatzki", siehe Picknick am Wegesrand. Dieser Weltenbau ermöglicht einen köstlichen finalen Clou (Achtung, weitere Spoiler). Das Gleismeer ist das Ergebnis komplett aus dem Ruder gelaufener Spekulationsgeschäfte und jenseits des Gleismeers leben die degenerierten Nachkommen der Betreibergesellschaft. Sie warten darauf, den Benutzern der Verkehrswege eine Rechnung in astronomischer Höhe vorlegen zu können ...

Ideen dieser Art sind es, die den Roman lesenswert machen, auch wenn er ab und zu hart an der Grenze zur Selbstparodie entlangschrammt oder diese sogar überschreitet. Die Lektüre wird nicht unerheblich dadurch erschwert, dass im gesamten Text kein einziges Mal das Wort "und" vorkommt. Stattdessen wird ausschließlich das Zeichen "&" verwendet. Damit soll die Komplexität der endlosen Windungen des Gleismeers symbolisiert werden. (15.10.2018)


Zurück zu den Büchern

843
Wilsberg und die dritte Generation Jürgen Kehrer: Wilsberg und die dritte Generation
Grafit-Verlag, 2006
205 Seiten

Die 25-jährige Journalistin Felizia Sanddorn, genannt Feli, ist verschwunden. Ihr in Amsterdam lebender Vater Peter Fahle weiß nur, dass sie über die Rote Armee Fraktion recherchiert hat, eine Terrororganisation, von der Deutschland insbesondere in den Siebzigerjahren in Angst und Schrecken versetzt worden ist. Fahle wendet sich an Georg Wilsberg, weil dieser während seiner Referendarzeit für eine Anwaltskanzlei gearbeitet hat, die mit der Verteidigung eines RAF-Mannes befasst war. Mit dieser Phase seines Lebens hat Wilsberg längst abgeschlossen, doch 5000 Euro Anzahlung sind ein überzeugendes Argument für den unter chronischer Geldnot leidenden Münsteraner Privatdetektiv. Es gibt nur eine Spur: Feli wollte eine zur dritten Generation der RAF gehörende Frau namens Regina Fuchs interviewen, die nach der Auflösung der RAF untergetaucht ist und jetzt in New York lebt. Bevor Wilsberg in die USA reist, hört er sich in Felis Bekanntenkreis um. Ihm wird schnell klar, dass Fahle nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Wilsbergs Auftraggeber muss etwas mit der RAF zu tun haben; er selbst hat seiner Tochter den Hinweis zu Regina Fuchs gegeben. Wilsberg stöbert die Frau in New York auf, erfährt aber nur, dass Feli tatsächlich bei ihr war. Vor vier Tagen ist sie abgereist. Seither fehlt jede Spur von der jungen Frau.Wilsberg fliegt nach Amsterdam, um Fahle auf den Zahn zu fühlen. Fahle gibt zu, dass er zur Kommandoebene der RAF gehört hat. Eine echte Familie hatte er nicht, Frau und Tochter waren damals lediglich Bestandteil seiner Legende von einem normalen Leben.

Da sich Fahle wirklich Sorgen um Feli macht, bleibt Wilsberg an der Sache dran. Er befragt Felis Mutter Henrike, die auf Fahle alles andere als gut zu sprechen ist (die Ehe existiert nur noch auf dem Papier). Sie behauptet, Feli habe am Vortag angerufen und es gehe ihr gut. Noch am selben Abend erhält Wilsberg Besuch vom Staatsschutz. Er wird aufs Polizeirevier "gebeten" und unter Druck gesetzt, muss aber laufen gelassen werden, weil er sich nichts hat zu Schulden kommen lassen. Spätestens jetzt steht fest, dass Wilsberg in eine größere Sache als gedacht hineingeraten ist. Überraschenderweise erhält er einen Anruf von Feli, die das bestätigt und den Detektiv auffordert, sie in Ruhe zu lassen. Für Wilsberg ist die Sache nun fast schon erledigt. Dann wird er von Fahle zu einem persönlichen Treffen gebeten. Als Wilsberg eintrifft, findet er Fahle tot vor – mit einem Loch im Schädel und einer Pistole in der Hand. Wilsberg wird von Unbekannten betäubt. Als er mit blutbeschmierten Händen zu Hause wieder zu sich kommt, steht schon ein Sondereinsatzkommando vor der Tür. Die Waffe, mit der Fahle erschossen wurde, und 150.000 Euro werden in Wilsbergs Wohnung gefunden. Außerdem gibt es einen Zeugen, der gesehen haben will, wie Wilsberg vom Tatort weggefahren ist. Es sieht schlecht aus für Wilsberg ...

... und das ist erst der Auftakt für ein Verwirrspiel, in dem es Wilsberg gleich mehrfach an den Kragen geht! Wilsbergs 17. Fall ist actionreicher, bleihaltiger und düsterer als üblich, außerdem ist die Story derart verzwickt, dass für den in dieser Romanserie ansonsten so typischen Münsteraner Lokalkolorit kein Platz mehr bleibt. Wilsbergs Privatleben wird ebenfalls weitgehend ausgeklammert. Tochter Sarah kommt nur mal übers Wochenende zu Besuch und mit Pia Petry (siehe Band 16) läuft es zurzeit nicht gut; Wilsbergs Kollegin aus Hamburg wird nur kurz erwähnt. Das ist einerseits schade, weil diese Elemente einen guten Teil des Charmes der Wilsberg-Romane ausmachen. Andererseits finde ich die Konzentration auf den Fall gar nicht schlecht. Wilsberg tastet sich durch das Gestrüpp falscher Informationen, so dass der Leser zusammen mit ihm ganz allmählich den wahren Zusammenhängen auf die Spur kommt. Dabei ist sich Wilsberg der Tatsache, dass jeder seiner Schritte genau beobachtet wird, zunächst gar nicht bewusst. Er hat recht viel solide Ermittlungsarbeit zu leisten, das heißt, Kehrer verzichtet darauf, ihm den Zufall zu Hilfe kommen zu lassen. Sehr schön!

Wilsberg wird tief in die Nachwirkungen eines finsteren Kapitels der jüngeren Geschichte hineingezogen. In meiner Kindheit, also in den Siebzigerjahren, waren sie überall zu sehen, die Fahndungsplakate mit den Fotos der RAF-Mitglieder, und die von ihnen im so genannten "Deutschen Herbst" des Jahres 1977 verübten schrecklichen Anschläge waren medienbeherrschend. In dieser Zeit war die zweite Generation der RAF aktiv, deren Anführer dann in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim Selbstmord begangen haben (sollen). Über die dritte Generation ist weit weniger bekannt. Um den Tod von Wolfgang Grams in Bad Kleinen (1993) ranken sich Legenden und es wurde behauptet, nicht die RAF hätte die ihr zugeschriebenen Attentate begangen, zumindest nicht allein, sondern mit Hilfe der Geheimdienste, die daran interessiert waren, das Bedrohungsszenario am Leben zu erhalten. Inzwischen scheint die RAF aus unserem kollektiven Bewusstsein verschwunden zu sein. Genau hier setzt Kehrers Roman an. Aus Spoilergründen nur soviel: Im Wilsberg-Universum sind die Verschwörungstheorien durchaus begründet. Wenn ich berücksichtige, was sich die Geheimdienste und/oder deren V-Männer in der Realität schon alles geleistet haben, dann muss ich sagen, dass die Story vielleicht nicht so weit hergeholt ist! (08.10.2018)


Zurück zu den Büchern

842
Der Pfuhldrache Jens Lossau / Jens Schumacher: Der Pfuhldrache
Feder und Schwert, 2017
375 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Die Wüstengötter.

Meister Hippolit, Agent des Instituts für angewandte investigative Thaumaturgie (IAIT), hat seine magischen Fähigkeiten noch längst nicht wieder im vollen Umfang zurückerlangt. Nach wie vor muss ihm ein versierter Assistent zur Hand gehen. Selbst mit vereinten Kräften gelingt es den beiden IAIT-Agenten nicht, eine Mordserie zu stoppen, der schon zahlreiche Personen aus allen Bevölkerungsgruppen der großen Stadt Nophelet zum Opfer gefallen sind. Menschen, Elben, Zwerge und sogar ein Troll wurden auf grausige Weise in ihren Wohnungen ermordet. Ein Muster in der Auswahl der Mordopfer ist nicht erkennbar. Sämtliche Leichen sehen aus, als wären sie von innen heraus explodiert. Spuren der Anwendung von Thaumaturgie wurden an allen Tatorten gefunden, aber nicht in der Stärke, die erforderlich wäre, derart schreckliche Verletzungen zu verursachen. M.H. gerät unter Druck, denn die Zahl der Toten steigt schnell und er hat keinerlei Erfolge vorzuweisen. Sein Vorgesetzter, Geheimrat Karliban, befürchtet das Schlimmste, sollte der Fall nicht bald aufgeklärt werden. Es kommt zur Lynchjustiz, als in der Presse angedeutet wird, der Täter sei womöglich ein Ork. Obendrein scheint es keine Hindernisse für den Mörder zu geben. Er könnte also auch im königlichen Palast zuschlagen.

Hippolits langjähriger Partner, der Troll Jorge, ist in dieser Angelegenheit keine große Hilfe. Bei der Befragung der Nachbarn des ermordeten Trolls ist er einer Verflossenen namens Juudit begegnet. Jorge kann sich kaum an die gemeinsam verbrachten Nächte erinnern, aber es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der übergewichtige, bebrillte und ziemlich un-trollisch gekleidete Junge, den Juudit ihm präsentiert, die Frucht seiner Lenden ist. Der Gedanke, Verantwortung für den dreizehnjährigen Jungen namens Jopert übernehmen zu müssen, lässt Jorge nicht los. Er verteidigt Jopert gegen drei Schulhofschläger, verbringt Zeit mit seinem Sohn und beginnt das zu genießen. Trotz dieser Ablenkung erkennt Jorge endlich doch, worin das verbindende Element der Morde besteht. Die Anschläge wurden stets auf dem stillen Örtchen verübt – und alle Toten haben sich den Luxus eines Wasserklosetts geleistet! Offensichtlich hat sich der Täter seinen Opfern über die Kanalisation genähert.

Hippolit und seine Kollegen steigen in die Unterwelt hinab, wo sie prompt thaumaturgische Spuren finden. Bevor sie diesen nachgehen können, werden sie von den "Zerbrochenen" attackiert, Bewohnern der versunkenen Stadt Kantarh. Deren Anführer Kologarn versichert, dass die Morde nicht auf das Konto seiner Leute gehen. Tatsächlich haben sie ähnliche Probleme; in jüngster Zeit sind zahlreiche Unterweltbewohner spurlos verschwunden. Steckt etwa der legendäre Pfuhldrache, eine ganz aus Exkrementen bestehende Kreatur, hinter den Klosettmorden und dem Verschwinden der Zerbrochenen?

"Der Pfuhldrache" ist der sechste Band einer Reihe lose miteinander verknüpfter Romane, die im Lande Sdoom spielen. Magie wird hier als Thaumaturgie bezeichnet, und wenn derartige Kräfte eine Rolle bei Verbrechen spielen, kommen die Spezialisten des IAIT zum Einsatz. Meister Hippolit und Jorge bilden das ungewöhnlichste Ermittlerduo, das mir in der Fantasy je untergekommen ist. M.H. ist weit über 100 Jahre alt, steckt aufgrund eines fehlgeschlagenen Verjüngungsrituals jedoch im Körper eines schmächtigen Jungen und wird deshalb natürlich von niemandem ernst genommen. Troll Jorge ist der leicht unterbelichtete Mann fürs Grobe und bildet einen denkbar krassen Gegensatz zu seinem stets sachlichen, ziemlich überheblich daherkommenden Chef. Sdooms Hauptstadt Nophelet erinnert in mancherlei Hinsicht an die Metropole Ankh-Morpork in den Scheibenwelt-Romanen Terry Pratchetts, allerdings mit einer guten Prise Andrzej Sapkowski. Nophelet wurde schon in früheren Romanen als ziemlich zwielichtiger Ort voller Korruption, sozialer Ungerechtigkeit und Dreck beschrieben, aber die stinkenden Eingeweide der Stadt, in denen sich diesmal Teile der Handlung abspielen, sind denn doch eine Sache für sich. Überhaupt ist der Roman nichts für zart Besaitete; der Zustand der Mordopfer wird zum Beispiel in allen blutig-kotigen Details beschrieben ...

Es mag etwas zu lange dauern, bis M.H. und Jorge die doch sehr naheliegenden Zusammenhänge der Klosettmorde erkennen. Die weitere Ermittlungsarbeit gestaltet sich jedoch recht interessant. Erst gegen Ende zeichnen sich die wahren Zusammenhänge ab. Aufgelockert wird das Ganze durch Jorges Bemühen, dem so unversehens in sein Leben getretenen Sohn ein guter Vater zu sein (dass man sich darunter in Trollkreisen etwas anderes vorstellt als bei Menschen, dürfte klar sein), und mittels anderer Nebenhandlungen. So erfahren wir erstmals etwas mehr über Geheimrat Karliban, M.H.s und Jorges Chef, den man auch "das Maul" nennt, weil man argwöhnt, der Gestaltwandler habe seinen Amtsvorgänger seinerzeit einfach verschluckt. Hippolits neuer Assistent bleibt eher blass; es wäre mir lieber gewesen, wenn M.H. sich weiterhin mit Magistra Iloven, die im vorherigen Roman eingeführt wurde, hätte auseinandersetzen müssen. Wie üblich werden viele Trollsprichwörter zum Besten gegeben, inzwischen stören sie mich gar nicht mehr. Auch sonst ist positiv zu vermerken, dass auf Slapstick und Blödeleien weitgehend verzichtet wurde. Ironie, Situationskomik, skurrile Ideen und schräge Vögel sorgen für amüsante Momente in einem an sich recht düsteren Roman. In diesem Stil kann es gern weitergehen! (01.10.2018)


Zurück zu den Büchern

841
Agent 6 Tom Rob Smith: Agent 6
Goldmann, 2013
541 Seiten

Normalerweise schreibe ich bei meinen kurzen Roman-Reviews immer erst einen Teaser, in dem ich nur so viel wie nötig verrate, um die zentralen Punkte der Handlung wiedergeben zu können, ohne jemandem den Spaß an der Story zu nehmen. Im Falle von "Agent 6" ist das nicht möglich und auch den Kommentar kann ich nicht spoilerfrei halten. Deshalb stelle ich ausnahmsweise mein Fazit an den Anfang. "Agent 6" ist meiner Meinung nach der beste Teil der Leo Demidow-Trilogie, ein wahrhaft krönender, wenn auch sehr bedrückender Abschluss der Lebensgeschichte des Hauptprotagonisten, ein trotz einzelner nicht unbedingt erforderlicher Handlungsbestandteile sehr spannender, in den besten Momenten geradezu mitreißender Pageturner, der dem Leser ein Wechselbad der Gefühle beschert. Wem das nicht als Kaufanreiz genügt, kann im nächsten Absatz weiterlesen – bitte beachten, dass ein ganz wesentlicher Plot-Twist in der Kurzzusammenfassung nicht ausgespart bleibt! Solltet ihr euch die Taschenbuchausgabe des Romans zulegen, dann lest unter keinen Umständen den reißerischen Text auf der Cover-Innenseite, denn in diesem Text wird besagter Plot-Twist verraten. Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte das vor Beginn der Lektüre nicht schon gewusst. Immer noch da? OK, dann folgt hier der Teaser. Zur Vorgeschichte siehe Kind 44 und Kolyma.

Leo Demidow hat den Dienst beim KGB quittiert. Er hat sich vollständig von seinem früheren Leben distanziert und will nichts mehr mit dem menschenverachtenden System der UdSSR zu tun haben. Leos innerer Wandel wurde nicht zuletzt durch die Beziehung zu seiner Frau Raisa ausgelöst, deren moralische Stärke nicht ohne Wirkung auf den ehemaligen Agenten geblieben ist. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft ist im Verlauf der Jahre innige Liebe entstanden, und je tiefer diese Gefühle geworden sind, desto mehr ist Leos Pflichtgefühl gegenüber dem Staat geschwunden. Durch diesen Wandel hat Leo sich selbst schwer geschadet; er hat sämtliche Privilegien verloren. Er arbeitet jetzt als Werksleiter einer kleinen Fabrik und bewohnt mit seiner Familie eine bescheidene Mietwohnung. Raisa dagegen hat Karriere gemacht. Sie wurde zur Schuldirektorin befördert und hat sich aufgrund ihrer Erfolge zu einer bekannten Größe im Schulsystem entwickelt. Im Juli 1965 wird ihr die Ehre zuteil, die Reise einer Delegation russischer Schüler in die USA zu organisieren. Im Rahmen des Programms "Schüler für den Frieden", das zur Entspannung des Verhältnisses der verfeindeten Nationen führen soll, dürfen Kinder aus allen Regionen des Landes (darunter Raisas Adoptivtöchter Elena und Soja) Konzerte in New York und Washington geben. Raisa und ihre Töchter sind begeistert, denn Auslandsreisen waren für sie bisher undenkbar.

Leo, der aufgrund seiner Unzuverlässigkeit in Ungnade gefallen ist, darf nicht an der Reise teilnehmen. Schweren Herzens lässt er seine Familie ziehen. Ihm ist klar, dass die sowjetische Delegation unter der ständigen Beobachtung der Geheimdienste beider Seiten steht und dass man versuchen wird, politisches Kapital aus der Sache zu schlagen. Etwas anderes zu glauben wäre naiv, schließlich befinden sich die USA und die UdSSR mitten im Kalten Krieg, und in diesem Krieg wird mit harten Bandagen gekämpft. Leos Befürchtungen sind nur zu berechtigt. Ausgerechnet seine Tochter Elena soll zum Werkzeug in einer perfiden Intrige werden. Der zur Delegation gehörende junge Propagandaoffizier Mikael Iwanow spielt der Siebzehnjährigen die große Liebe vor und nutzt ihre Gefühle aus, um sie für seine Zwecke einzuspannen. Heimlich verlässt Elena auf sein Betreiben das Hotel, in dem die Delegation untergebracht ist, und sucht den schwarzen Sänger Jesse Austin auf, um ihn dazu zu bewegen, nach dem Konzert am Veranstaltungsort – dem Haus der Vereinten Nationen – eine Rede vor Demonstranten zu halten. Austin ist überzeugter Kommunist und war früher ein wichtiges Sprachrohr der UdSSR in Amerika, wurde jedoch vom FBI-Agenten Jim Yates, der ihn auch jetzt noch permanent überwacht, gezielt zugrunde gerichtet. Austin lässt sich von der idealistischen jungen Frau überzeugen. Während seiner Rede wird er von einem Unbekannten erschossen. Die Tatwaffe wird Elena zugesteckt, doch im Durcheinander fällt sie Raisa in die Hände. Beide werden verhaftet. Als Raisa im Polizeirevier der Frau Jesse Austins begegnet, fallen erneut Schüsse. Raisa wird tödlich getroffen.

Leos Welt bricht zusammen. Er wird nur durch die Suche nach der Wahrheit am Leben gehalten. Es wurde so dargestellt, als sei Raisa Austins Geliebte gewesen. Der Sänger habe ihr ein Leben in den USA versprochen, sie dann aber im Stich gelassen. Daraufhin habe Raisa ihn getötet und sei von seiner Ehefrau aus Rache umgebracht worden, die danach die Waffe gegen sich selbst gerichtet habe. Leo glaubt keine Sekunde lang, dass von diesem Eifersuchtsdrama auch nur ein einziges Wort wahr ist. Nachdem er Jahre damit verbracht hat, die dürftigen Informationen zusammenzutragen, an die er in Moskau herankommen konnte, versucht er das Land zu verlassen. Iwanow ist seinerzeit untergetaucht und Leos Recherchen zufolge bereits gestorben. Nur in New York, so glaubt Leo, kann er Raisas Mörder finden. Er wird an der Grenze abgefangen und hat es nur der Protektion durch seinen alten Kameraden Frol Panin zu verdanken, dass er nicht hingerichtet wird. Leo hängt nicht an seinem Leben und verpflichtet sich für die gefährlichste Tätigkeit, die es zurzeit für einen Russen gibt – er geht als Berater der beim Volk verhassten sowjetfreundlichen Regierung nach Afghanistan ...

Und damit tritt der Roman nach einem weiteren Zeitsprung (bereits zwischen Raisas Tod und Leos gescheitertem Fluchtversuch vergehen einige Jahre) in jene Phase ein, die ich oben mit "nicht unbedingt erforderlich" meinte. Leo schult Nachwuchsagenten der afghanischen Sicherheitspolizei und kommt dabei einer jungen Frau namens Nara Mir näher, die für den weiteren Handlungsverlauf zwar in gewisser Weise wichtig ist, eigentlich aber nicht gebraucht wird. Dasselbe gilt für ein kleines Mädchen namens Zabi, die einzige Überlebende eines russischen Luftangriffes auf ein afghanisches Dorf. Durch die beiden erhält Leo lediglich den Anstoß, doch noch einen Versuch zu machen, nach New York zu gelangen. Auch die Vorgeschichte (der Roman beginnt nicht 1965, sondern 1950 mit einem Besuch Jesse Austins in Moskau) hätte vielleicht nicht in dieser Ausführlichkeit erzählt werden müssen. Wie dem auch sei: Es gelingt Leo am Ende, den Fall aufzuklären. Die Tatsache, dass er dadurch keine Erlösung findet, ist natürlich tragisch, aber konsequent und lobenswert. Ein "Happy End", bei dem Leo in sein früheres Leben zurückkehrt, wäre ebenso unglaubwürdig wie billig gewesen.

Im Abschluss der Leo Demidow-Trilogie zeichnet der Autor erneut nicht nur ein plastisches Bild der Hauptfigur, sondern auch eines der Verhältnisse, mit denen Leo es zu tun hat. Diesmal sind es die Machenschaften der Geheimdienste beider Seiten im Kalten Krieg, später dann die Situation im russisch besetzten Afghanistan. Menschen wie Jesse Austin sind für KGB und FBI nur kleine Schachfiguren, die man je nach Bedarf in wichtige Positionen schiebt oder opfert. Dass sich die Amerikaner bei der Verfolgung von Kommunisten in der McCarthy-Ära die Hände schmutzig gemacht haben, ist ja allgemein bekannt. Ich habe allerdings nicht gewusst, dass es für Jesse Austin ein reales Vorbild namens Paul Robeson gibt. Ich rechne es dem Autor hoch an, dass er weder die an der Intrige beteiligten russischen noch die amerikanischen Agenten als klischeehafte Bösewichte darstellt. Außerdem verzichtet er dankenswerterweise auf übertriebene Action, zumindest im Vergleich mit "Kolyma", das heißt, die Protagonisten werden nicht so sehr ins Zentrum bekannter geschichtlicher Ereignisse gerückt. Anders als bei den vorhergehenden Bänden würde ich diesmal übrigens nicht sagen, dass man den Roman unabhängig von den anderen lesen kann. Rückschauend betrachtet bildet die Leo-Demidow-Trilogie eine Einheit. (24.09.2018)


Zurück zu den Büchern

840
Das Wörterbuch des Viktor Vau Gerd Ruebenstrunk: Das Wörterbuch des Viktor Vau
Piper, 2012
414 Seiten

Professor Viktor Vau gilt als einzelgängerischer Sonderling. Von seinen Kollegen wird der Forscher mit Fachgebiet kognitive Neurolinguistik, der vor Jahren seinen Abschied vom akademischen Leben genommen und seitdem nicht mehr publiziert hat, sogar für einen Spinner gehalten. Sein Lebenswerk ist die Erschaffung einer perfekten Sprache, die die Welt exakt beschreibt, weil jeder Begriff nur eine einzige unmissverständliche Bedeutung hat. Vaus Arbeit, deren Ergebnisse er ausschließlich in einem Notizbuch aufzeichnet, welches er stets bei sich trägt, ist viel mehr als nur das Steckenpferd eines verschrobenen Sprachwissenschaftlers. Der Professor führt Experimente mit unheilbar an Schizophrenie Erkrankten durch, bei denen die Kommunikation zwischen rechter und linker Gehirnhälfte gestört ist. Die Patienten erhalten ein von Professor Vau entwickeltes Medikament und müssen einen bestimmten Text seiner Sprache auswendig lernen. Mit dieser Methode hat er schon einige Erfolge erzielt. Die entsprechenden Probanden gelten als geheilt; bei ihnen ist lediglich eine milde Form von Autismus zurückgeblieben. Einer seiner Schützlinge namens Christian Sonntag kann somit ein ganz normales Leben führen. Er betreibt ein Lokal, das Vau seit vielen Jahren aufsucht. Eines Tages wird ihm dort eine neue Servicekraft vorgestellt. Der junge Mann heißt Enrique da Soza und ist als Einwanderer aus dem Kaukasus ins Land gekommen.

Vau arbeitet bevorzugt allein. Er beschäftigt lediglich eine Assistentin. Als die Frau wegen eines Unfalls ausfällt, gibt er die freie Stelle der jungen Studentin Astarte Apostolidis. Sie muss ihren Chef schon kurz nach der Einstellung in der Klinik vertreten, denn Vau wird auf Befehl der Regierung nach Agua Caliente expediert. In der Hauptstadt des Landes Dagombé, einer früheren Provinz der Republik Niger, die vor einigen Jahren unter der Führung des jetzigen Präsidenten Gordon Banda die Unabhängigkeit erlangt hat, wird ein seltsames Artefakt untersucht, das vor kurzem wie aus dem Nichts im Erdorbit erschienen und in der Nähe von Dagombé in den Ozean gestürzt ist. Es handelt sich um eine unbemannte Raumkapsel, die offensichtlich nie dafür ausgelegt war, eine Besatzung zu beherbergen. Obendrein steht fest, dass sie von keinem bekannten Weltraumbahnhof aus ins All gebracht worden ist. Im Inneren der Kapsel befindet sich eine in einer unbekannten Sprache verfasste Botschaft. Da Vau trotz seines zweifelhaften Rufs als Koryphäe auf seinem Fachgebiet gilt, wird er zur Verstärkung des internationalen Forscherteams hinzugezogen. Bandas Sicherheitschef Joel Winter überwacht das Ganze.

In Vaus Heimat zeichnen sich bedrohliche Entwicklungen ab. Untergrundkämpfer verüben Bombenanschläge, mit denen sie die bevorstehende Weltausstellung torpedieren wollen. Außerdem wird die Öffentlichkeit durch die Taten eines Serienmörders in Angst und Schrecken versetzt, der es auf Frauen abgesehen hat, denen er stets ein Stück Haut in Form einer Blüte entnimmt. Die Polizei hat keine Ahnung, wer "der Florist" ist. Der zuständige Kommissar Marc Fellner gerät zunehmend unter Druck. Der Florist erhält Anweisungen von inneren Stimmen. Diese befehlen ihm, Astarte zu töten. Währenddessen fällt es Vau nicht schwer, den in der Raumkapsel gefundenen Text zu entschlüsseln, denn dieser wurde in der von ihm entwickelten Sprache verfasst. Das ist merkwürdig genug, denn niemand außer Vau beherrscht diese Sprache. Es handelt sich um eine Bedienungsanleitung für einen in der Kapsel versteckten Videoprojektor, den Vau heimlich in Betrieb nimmt. Er versteht nicht alles, aber schon der erste Satz genügt, um ihn die Flucht ergreifen zu lassen, woraufhin er von den Geheimdiensten gejagt wird. Er lautet "Tötet Viktor Vau"!

Der Klappentext behauptet, dies sei das gefährlichste Buch, das man je in den Händen halten werde, denn seine exakte Sprache sei eine tödliche Waffe. Das klingt allzu reißerisch, bezieht sich allerdings gar nicht auf den Roman, sondern auf Professor Vaus Wörterbuch, nach dessen Vorbild das Cover dieses Romans gestaltet ist: Lederoptik, Nieten an den Kanten, Gummibändchen. Was der Klappentext nicht verrät: Das Buch ist Science Fiction. Vorsicht, hier folgen Spoiler bis zum Ende des Absatzes: Viktor Vaus Wörterbuch ist deshalb so gefährlich, weil sein Inhalt in einigen hundert Jahren zur einheitlichen Weltsprache wird. Diese Sprache lässt keinen Raum mehr für Unklarheiten, allerdings auch nicht für Kreativität oder Humor. Da Vaus Kunstsprache streng logisch aufgebaut ist, wird die Gedankenwelt der zukünftigen Menschheit von der linken Hirnhälfte dominiert, das heißt, strenge Ordnung und sebstbezogene Logik ohne jegliche Empathie herrschen vor, was zur totalen Mechanisierung des Lebens führt. Nahezu alle Menschen hören "Stimmen", die ihnen sagen, was richtig und was falsch ist, somit also vorgeben, wie man sich verhalten soll. In dieser Epoche gibt es fast nichts mehr, was an unsere Zeit erinnert. Schuld ist die "Große Destruktion". Ein aus einem Forschungslabor entwichener Pilz hat innerhalb weniger Jahre alle Bücher usw. vernichtet. Die Datenspeicher aller Computer weltweit sind einer Schadsoftware zum Opfer gefallen. Rebellen, die möglicherweise aufgrund eines Gendefekts nicht unter den Auswirkungen von Vaus Sprache leiden, sind der Meinung, die Große Destruktion sei das Werk der neuen Regierung. Die Rebellen haben Aufzeichnungen entdeckt, die auf Viktor Vau als Quelle allen Übels hindeuten. Sie schicken einen Agenten in die Vergangenheit, der ihn töten soll. Die Regierung schickt einen Protektor hinterher, um den Mord zu verhindern. Wir haben es also mit Zeitreisen zu tun. Leider wird die Handlung vorhersehbar, sobald das klar ist. Die Fallstricke dieser Thematik werden zudem nur kurz angerissen.

Der Autor lässt den Leser in Sachen Weltenbau ein wenig im Regen stehen, oder vielmehr im Nebel. Es wird nicht richtig klar, was "die Union" ist, in der Professor Vau lebt. Möglicherweise ist eine zukünftige EU gemeint. Hier hat "die Dynastie" das Sagen, eine Elite der Bevorzugten, in der sich der Nachwuchs an der Spitze von Wirtschaft und Politik stets aus den eigenen Reihen rekrutiert. Demokratie ist nur noch eine Illusion, mit der die Bürger ruhig gehalten werden. Bei der Ausgestaltung dieser Welt bleibt der Autor seltsam vage, was es dem Leser nicht erleichtert, in die Geschichte hineinzufinden. Ein Konflikt zwischen Dagombé und der Union wird immer wieder angesprochen und ist durchaus nicht unwichtig für einige Geschehnisse des Romans – die Hauptfiguren geraten in den Dunstkreis der Untergrundkämpfer, die von Gordon Bandas Handlangern finanziert werden - aber für die eigentliche Story wird das alles nicht gebraucht. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn der Autor auf die eine oder andere Nebenfigur verzichtet und unwesentliche Abschweifungen wie Vaus lang und breit geschilderte Flucht weggelassen hätte. Das gilt auch für die Sache mit dem Serienmörder. Ich nehme an, dass an seinem Beispiel gezeigt werden soll, welche schrecklichen Folgen Vaus Experimente haben, aber ich fand das etwas zu plakativ.

Immerhin werden alle Handlungsfäden am Ende zu einem sinnvollen Gewebe verflochten. Ich hatte zuerst an unglaubwürdige Zufälle geglaubt, aber irgendwie kriegt der Autor dann doch noch die Kurve. Außerdem bin ich ihm dankbar für die durch den Roman vermittelten Denkanstöße. Stimmt es, dass unser Denken maßgeblich durch unsere Sprache geformt wird (siehe "Sapir-Whorf-Hypothese")? Gibt es am Amazonas wirklich Eingeborene, deren Sprache keine Zahlwörter und Nebensätze kennt? Es lohnt sich, ein wenig in dieser Richtung zu recherchieren. (14.09.2018)


Zurück zu den Büchern

839
Das Gefecht Will Hill: Department 19 – Das Gefecht
Lübbe, 2014
685 Seiten, gebunden

Zur Vorgeschichte siehe Die Wiederkehr.

Department 19, die weltweit älteste Institution zur Bekämpfung von Vampiren, steckt in einer schweren Krise. Ein Großangriff Valeri Rusmanovs auf das Schwarzlicht-Hauptquartier in England konnte nur unter schweren Verlusten zurückgeschlagen werden. Viele Agenten sind gefallen und Admiral Henry Seward, der Leiter von Department 19, wurde entführt. Der Angriff war nur durch Verrat möglich. Jamie Carpenter hat einen Kontaktmann der Vampire identifiziert und unschädlich gemacht, doch es muss weitere Maulwürfe geben. Eine Prüfungskommission wird eingerichtet, die alle Beschäftigten von Department 19 unter die Lupe nehmen soll. Kate Randall schließt sich der Kommission an, womit sie sich unbeliebt macht – so unbeliebt, dass ein Mordanschlag auf sie verübt wird, dem sie nur mit viel Glück entgeht. Larissa Kinley wurde mit dem Auftrag in die USA entsandt, einige Agenten der ebenfalls mit dem Kampf gegen die Vampire befassten Organisation NS9 als Ersatz für ihre gefallenen Kameraden zu rekrutieren. In Area 51, der NS9-Basis, wird Larissas Neugier durch Gerüchte über einen Mann geweckt, der wie ein Gefangener behandelt wird, obwohl es sich nicht um einen Vampir handelt. Jamie wiederum ist mit der Ausbildung von Rekruten befasst und muss feststellen, dass selbst jahrelange Erfahrung in militärischen Spezialeinheiten kein Garant dafür ist, dass jemand die erste Begegnung mit einem Blutsauger übersteht.

Henry Seward wird Nacht für Nacht in einem Schloss irgendwo in Frankreich von Valeri Rusmanov gefoltert, weigert sich aber beharrlich, die Geheimnisse von Department 19 auszuplaudern. Sein "Gastgeber" ist Dracula, der erst vor kurzer Zeit von den Toten erweckt wurde und Unmengen menschlichen Blutes konsumieren muss, um wieder zu Kräften zu kommen. Dracula braucht Zeit und kann es sich nicht leisten, dass seine Feinde ihm auf die Spur kommen. Um Department 19 sowie die verwandten Organisationen (die infolge des Angriffs auf Schwarzlicht enger zusammengerückt und somit potentiell gefährlicher für Dracula geworden sind) beschäftigt zu halten, nutzt Dracula sein eigenes Blut, um eine neue Generation von Vampiren zu erschaffen. Tausende Insassen von Hochsicherheitsgefängnissen in aller Welt werden mit Draculas Blut zu Bestien gemacht, die weit stärker und schneller sind, als Frischverwandelte es sein dürften. Durch die Jagd auf diese neuen Vampire werden die Ressourcen von Department 19 gebunden.

In dieser Situation entsteht im Verborgenen eine neue Bedrohung für Department 19. Deren oberste Maxime, die strengste Geheimhaltung, droht durchbrochen zu werden. Die Öffentlichkeit darf nichts von der Existenz der Vampire erfahren und schon gar nicht darf bekannt werden, dass diese Kreaturen von einer über dem Gesetz stehenden Behörde bekämpft werden, die niemandem Rechenschaft schuldig ist. Kevin McKenna, ein für das Boulevardblatt "The Globe" arbeitender Journalist, erhält die Aufzeichnung eines Interviews, das ein Kollege vor zehn Jahren mit Albert Harker geführt hat. Harker ist ein Insider und hätte von seinem Vater, einem Nachkommen der Gründer von Department 19, in die Organisation aufgenommen werden müssen, wurde jedoch verstoßen und nach dem Interview ins Broadmoor-Hospital für geisteskranke Schwerverbrecher abgeschoben. In dem Interview legt Harker alles offen, was er über Schwarzlicht weiß. McKenna hält das Ganze für Unsinn, doch dann steht ein Vampir vor seiner Tür – es ist Albert Harker ...

Dies ist der letzte in deutscher Sprache erschienene Band aus der Serie "Department 19". Damit ist die Serie allerdings nicht abgeschlossen. In englischer Sprache wurden bereits zwei Folgeromane veröffentlicht, außerdem gibt es einige weitere englischsprachige Bücher mit Geschichten aus demselben Universum, bei denen es sich um Spin-offs oder so zu handeln scheint.

Normalerweise lese ich eine Serie immer zu Ende, wenn ich denn mal damit angefangen habe, auch wenn sie mir nicht besonders gefällt und wenn ich auf die fremdsprachigen Originale zurückgreifen muss. Im Falle von "Department 19" muss ich mir das noch überlegen, denn ich bin von Anfang an nicht warm damit geworden. Die zugrunde liegende Idee, dass die Romanfiguren Bram Stokers reale historische Vorbilder haben, deren Nachkommen immer noch gegen Draculas Brut kämpfen, macht den ersten Band zusammen mit zahlreichen Rückblick-Kapiteln, in denen besagte Romanfiguren im Zentrum stehen, zu etwas besonderem. Dieser Aspekt wurde in Band 2 schon deutlich zurückgefahren, jetzt spielt er leider überhaupt keine Rolle mehr. Stattdessen zeichnet sich ab, dass Department 19 bald ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden wird. Die Väter von Kate und Matt Browning spielen hierbei eine nicht unwesentliche Rolle, zusätzliches Konfliktpotential entsteht dadurch, dass man Jamie verheimlicht, was in Wahrheit aus seinem Vater geworden ist. Er ist der geheimnisvolle Gefangene in Area 51.

Außerdem macht sich der eine oder andere Protagonist endlich mal Gedanken über die Rechtmäßigkeit seines Handelns. Das finde ich grundsätzlich nicht schlecht. Ich habe mich immer gefragt, ob es bei Schwarzlicht irgendein Regelwerk gibt, in dem definiert ist, wann ein Vampir auf die Abschussliste kommt und wann nicht. Schließlich werden viele Vampire in Ruhe gelassen, während in anderen Fällen menschliche "Kollateralschäden" billigend in Kauf genommen werden, wenn ein Vampir vernichtet werden kann. Ich fürchte jedoch, dass diese Thematik in den folgenden Bänden ebenso stiefmütterlich behandelt wird wie im dritten. Schwerpunkt ist nach wie vor die sehr detailreich (um nicht zu sagen ausufernd) und äußerst drastisch geschilderte Gewalt. Gefühlt besteht die Hälfte des Texts aus Verfolgungsjagden und sehr, sehr blutigen Kämpfen. In der x-ten Wiederholung fand ich das nur noch langweilig.

Vor allem habe ich ein Problem damit, dass Minderjährige (Jamie, Kate und Matt sind jetzt 17) als Superagenten dargestellt werden, die Dutzende von Vampiren pfählen, während ihre Kameraden – bei denen es sich durchweg um Leute handelt, die schon einige Jahre mehr auf dem Buckel und militärische Ausbildungen abgeschlossen haben - im Einsatz kläglich versagen. Beziehungsprobleme sind für diese Romanreihe offenbar obligatorisch, diesmal fallen sie in Larissas Zuständigkeitsbereich. Die junge Vampirin vergnügt sich mit ihren neuen Freunden in Las Vegas und lässt zu, dass sich eine Liebelei zu einem dienstlichen Problem auswächst. Das alles ist so lächerlich, dass mir die Steigerungsformen allmählich ausgehen, obendrein sind mir die meisten Hauptfiguren einfach unsympathisch. (10.09.2018)


Zurück zu den Büchern

838
Seterra 1: Die Trägheit der Masse Bernd Kreimeier: Seterra 1 – Die Trägheit der Masse
Goldmann, 1986
333 Seiten

Nach einem verheerenden globalen Krieg ist die Erde weitgehend unbewohnbar geworden. Die Atmosphäre wird durch Asche und Staub verdunkelt, so dass sich neue Gletscher ausbreiten. Die Kontinente wurden durch riesige Meteoriten verwüstet, die von den rebellierenden Bewohnern des Asteroidengürtels als Waffen eingesetzt worden sind. In der Endphase, als der totale Zusammenbruch absehbar war, hat der Militärrat das schon vor Beginn des Krieges initiierte und auf Eis gelegte REFUGEE-Projekt weitergeführt, dessen Ziel in der Konstruktion gewaltiger Fernraumschiffe bestanden hat. Nur ein einziges Schiff dieser Art – die Seterra – konnte fertiggestellt werden. Es ist nun unterwegs zu einem weit entfernten Sonnensystem, in dem ein bewohnbarer Planet vermutet wird. Dort sollen 117.000 Menschen, die in einen todesähnlichen Tiefschlaf versetzt wurden und in den Hibernationskammern des 14 Kilometer langen Schiffes ruhen, eine neue Heimat finden.

Für die bei 2 Grad Kelvin schockgefrosteten Schläfer vergeht praktisch keine Zeit. Nur die aus 50 Männern und Frauen bestehende Kernbesatzung muss die Cryogenphase in regelmäßigen Abständen verlassen, um die notwendigen Wartungsarbeiten auszuführen. Der wiederholte Prozess des Aufwachens und der Rückkehr in den Kälteschlaf, verbunden mit der an Bord herrschenden minimalen Rotationsschwerkraft, ist mit schwerwiegenden Nebenwirkungen verbunden. Er zehrt nicht nur an den körperlichen, sondern auch an den geistigen Reserven der Menschen, denn während der Hibernation haben sie schreckliche Alpträume. In den Wachphasen müssen sie Psychopharmaka einnehmen, mit denen die Erinnerungen an die Träume blockiert werden. Manche Besatzungsmitglieder überstehen die Prozedur nach einigen Durchläufen nicht mehr; sie fallen ins Koma. Andere sterben bei Unfällen. Irgendwann sind nur noch 23 Besatzungsmitglieder am Leben.

Nach 600 Flugjahren hat die Seterra ihr Ziel erreicht. Sonden werden zur Erkundung des Zielsystems vorausgeschickt und die Bremsphase wird eingeleitet. Doch das Raumschiff hat in all den Jahren ebenso sehr gelitten wie die Besatzung. Materialermüdung, Einschläge von Mikrometeoriten sowie durch menschliches Versagen verursachte Schäden haben sich summiert und die Zündung des Hauptantriebs schlägt fehl. Die Crew hat nur zehn Tage Zeit, um die beschädigten Aggregate zu reparieren – eine fast unmögliche Aufgabe für die teils nur unter dem Einfluss von Aufputschmitteln arbeitsfähigen Menschen, zumal die Computersysteme nicht mehr zuverlässig arbeiten. Man weiß schlicht nicht, wie es in der Antriebssektion der Seterra aussieht. Kommandant Bran McLelan schickt ein Reparaturteam dorthin, obwohl er weiß, dass seine Kameraden nach einer erfolgreichen Zündung nicht rechtzeitig aus dem betroffenen Bereich entkommen können, bevor die Strahlung ein tödliches Level erreicht ...

Dies ist der erste Band einer Trilogie, die ich vor genau 30 Jahren gelesen habe. Die drei Romane gehören zu den wenigen Büchern, die ich beim Umzug in meine erste eigene Wohnung nicht verkauft oder verschenkt habe, weil ich sie irgendwann noch einmal lesen wollte. Wie ich neulich schrieb, habe ich beschlossen, dass jetzt "irgendwann" ist! Der Grund dafür, dass ich die "Seterra"-Romane nicht hergeben wollte, ist der Aufwand, den ich beim Zusammensuchen der drei Bücher betreiben musste. Sie waren 1988 schon vergriffen, konnten also im Buchladen nicht nachbestellt werden, und Online-Antiquariate gab's damals allenfalls in Science-Fiction-Geschichten! Ich weiß noch genau, wo ich die fehlenden Bände nach längerer Suche dann doch gefunden habe, aber ich kann mich kaum noch an den Inhalt der Trilogie erinnern und schon gar nicht daran, ob sie mir gefallen hat ...

"Seterra" wurde von einem 22-jährigen Physikstudenten geschrieben, und das merkt man doch recht deutlich. Figurenzeichnung war nicht Kreimeiers Stärke, zumindest hatte ich den Eindruck einer gewissen Distanziertheit des Autors zu seinen Protagonisten. Der Roman beginnt mit der Fehlzündung des Hauptantriebs und lässt schon auf den ersten Seiten erkennen, was dem Autor wichtiger war als das Figurenensemble: Die detailreiche Beschreibung des Raumschiffs und der technischen Abläufe. Jeder einzelne Schritt, vom Aufflammen der Kontrollanzeigen und dem Rotieren schwerer Datenspeicher-Magnettrommeln (!) bis hin zum Schließen der Irisblende der Brennkammer und dem Erlöschen der Deuteriumflamme, wird akribisch aufgezählt. In genau diesem Stil geht es weiter. Die nicht sonderlich komplexe Handlung wird durch lange, fast wissenschaftlich genaue deskriptive Passagen in kleine Häppchen zerteilt. Das ist in gewisser Weise durchaus nicht schlecht, denn so erhält man ein sehr genaues Bild vom halbwracken Raumschiff Seterra, das sich mit allerletzter Kraft zum Zielplaneten schleppt - aber keines von Kommandant Bran McLelan, seiner Stellvertreterin Lana Seran, dem Arzt Harl Calins oder der Technikerin Elena Dabrin. Von dem guten Dutzend weiterer Personen ganz zu schweigen. Kreimeier nennt ihre Namen, skizziert bestenfalls noch kurz ihr Äußeres. Damit muss sich der Leser zufriedengeben! Wer sind diese Leute? Wie gestalten sich ihre Beziehungen zueinander? Bis auf McLelan, dem der Autor etwas mehr Aufmerksamkeit widmet als dem Rest, sind mir so ziemlich alle fremd geblieben. Viele Namen, keine Gesichter!

Die Situation allerdings, in der sich diese Personen befinden, wird sehr gut vermittelt. Durch die vielen Beschreibungen fällt es wie gesagt leicht, sich den Ort des Geschehens vorzustellen. Das Raumschiff mag viele Kilometer lang sein, dennoch ist es ein Gefängnis, zumal manche Sektoren verstrahlt sind oder aus anderen Gründen nicht betreten werden können. Zur körperlichen Dauerbelastung kommen einerseits die Angst vor den durch Drogen blockierten Alpträumen (in einem eindrucksvollen Kapitel wird gezeigt, welches Grauen jenen bevorsteht, bei denen die Psychoblocker versagen) und andererseits die Unsicherheit der Besatzungsmitglieder infolge mangelhafter Datenlage. Viele Speicherbereiche des Computers sind gesperrt, er folgt festverdrahteten, unveränderbaren Grundprogrammen, die teils auch noch geheim sind. Die Besatzung weiß nicht genau, wie lange man schon unterwegs ist, wo sich das Ziel befindet und was der Computer im nächsten Moment tun wird. Die Menschen beginnen sich zu fragen, ob die Drogen womöglich mehr blockieren als nur die Erinnerungen an die Alpträume. Unter dem ständigen Druck und der zunehmenden Erschöpfung werden sie immer gereizter, bis sie schließlich aufeinander losgehen. Die klaustrophobische, bedrohliche Atmosphäre wird gut eingefangen.

Das Buch enthält übrigens einige Illustrationen von Gerd Striepecke und technische Zeichnungen von Christoph Anczykowski. (28.08.2018)


Zurück zu den Büchern

837
Pyramiden Terry Pratchett: Pyramiden
Heyne, 2001
319 Seiten

Teppic ist ein perfekter Assassine. Durch jahrelanges Training hat er die Fähigkeit erworben, sich seinen Opfern unbemerkt zu nähern und jedes Hindernis zu überwinden. Senkrechte Mauern können ihn ebenso wenig aufhalten wie verschlossene Türen. Teppic beherrscht das Instrumentarium des Todes im Traum, allerdings steht ein entscheidendes Handicap einer Karriere als Auftragsmörder im Wege: Teppic kann niemanden töten. Dass er seine Ausbildung in der allseits gefürchteten Assassinengilde von Ankh-Morpork dennoch erfolgreich abschließt, ist nur einem Missgeschick zu verdanken. Bevor Teppic ernstlich in Gewissenskonflikte geraten kann, ist es mit dem Assassinendasein schon wieder vorbei, denn sein Vater Teppicymon XXVII, Pharao des uralten Wüstenstaates Djelibeby, stirbt beim Versuch, wie eine Möwe vom Palastdach zu fliegen. Ein Nachfolger wird dringend gebraucht, denn zu den Aufgaben des Pharaos gehört es unter anderem, jeden Tag die Sonne aufgehen zu lassen.

Teppic kehrt in seine Heimat zurück und besteigt den Thron als Teppicymon XXVIII, muss aber sehr schnell feststellen, dass es mit der angeblich gottgleichen Macht des Pharaos nicht weit her ist. In Wahrheit ist der streng auf die Einhaltung des höfischen Protokolls und die alltägliche Durchführung althergebrachter Rituale bedachte Hohepriester Dios derjenige, der in Djelibeby das Sagen hat. Teppics Reformversuche (er vermisst sanitäre Anlagen und Federbetten, wie er sie in Ankh-Morpork kennengelernt hat) werden von Dios im Keim erstickt. Außerdem ist Djelibeby praktisch pleite, denn für jeden toten Pharao muss eine Pyramide errichtet werden, die die letzte Ruhestätte seines Vorgängers an Größe und Pracht übertrifft. Weite Teile des Landes sind bereits mit Pyramiden vollgestellt. Jetzt wird der Bau der größten je dagewesenen Pyramide in Angriff genommen, obwohl sich Teppics Vater eine Seebestattung gewünscht hat.

Traditionsgemäß muss das gesamte Gesinde dem verstorbenen Pharao in den Tod folgen. Das Dienstmädchen Ptraci verweigert Teppicymon XXVII diesen letzten Treuebeweis und wird von Dios zum Tode verurteilt. Teppic wollte das schöne Mädchen eigentlich begnadigen. Er nutzt seine Assassinenfähigkeiten, um Ptraci zu befreien und gemeinsam mit ihr auf dem Rücken des Kamels "Du Mistvieh" außer Landes zu fliehen. Kaum haben die beiden jungen Leute Djelibeby hinter sich gelassen, da verschwindet das ganze Land, als hätte es nie existiert. Von den Philosophen des Nachbarlandes Ephebe erfährt Teppic, dass die Pyramiden mehr sind als nur protzige Aufbewahrungsstätten für Mumien. In ihrem Inneren wird die Zeit zum Stillstand gebracht, allerdings muss sich die aufgestaute Zeit allnächtlich entladen. Bei der neuen Pyramide hat das nicht funktioniert, und so wurde Djelibeby in eine andere Dimension gerissen ...

Ein Teil des siebten Scheibenwelt-Romans mag in Ankh-Morpork spielen, dennoch lässt er sich sehr gut völlig losgelöst vom restlichen Zyklus goutieren. Die Hauptfiguren kommen ausschließlich in diesem Roman vor; dasselbe gilt für Djelibeby, ein Land, in dem die sonst übliche Scheibenwelt-Magie keine Rolle spielt. Zumindest leben hier weder Hexen noch Zauberer. Leider bedeutet das auch, dass der Leser auf unvergessliche, lieb gewonnene Charaktere wie Oma Wetterwachs, Rincewind und dergleichen verzichten muss. Tod hat nur einen ganz kurzen Auftritt. Teppic und sein gar nicht so toter Vater (er ist zunächst als Geist vertreten und wird im weiteren Verlauf der Story als Mumie reinkarniert), Ptraci, Dios und verschiedene Nebenfiguren erreichen diese Qualität nicht ganz. Das soll aber nicht heißen, dass "Pyramiden" schlechter wäre als die älteren Scheibenwelt-Romane. Er ist nur etwas anders.

Vordergründig wird das alte Ägypten auf die Schippe genommen und es wird ein Ausflug ins antike Griechenland gemacht. Nachdem Djelibeby verschwunden ist, so dass kein Puffer mehr zwischen den benachbarten verfeindeten Ländern Ephebe und Tsort mehr existiert, bereiten diese Staaten die Invasion des jeweils anderen vor. Als probates Mittel benutzen sie Trojanische Pferde (oder etwas Ähnliches), die sich dann längere Zeit an der Front gegenüberstehen, weil natürlich niemand daran denkt, die Dinger abzuholen. Das ist nur eine von unzähligen Pratchett-typischen skurrilen Ideen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Pyramidenbau und Quantenmechanik sehr viel miteinander zu tun haben?

Bei Pratchett gibt es immer auch eine Meta-Ebene. Djelibeby ist natürlich nicht nur eine Ägypten-Persiflage. Vielmehr geht es um die Gefährlichkeit von Dogmen, deren Sinn längst in Vergessenheit geraten oder sogar überholt ist. Dios ist die Personifizierung all derjenigen, die stur auf die Einhaltung von Äußerlichkeiten achten, ein längst sinnlos gewordenes Regelwerk abarbeiten, jegliche Weiterentwicklung verhindern und sich selbst damit zugrunde richten. Religion ist für solche Leute ohnehin nur ein Instrument zur Machtausübung - als die Götter Djelibebys tatsächlich erscheinen, sorgt das nur für Probleme ... (20.08.2018)


Zurück zu den Büchern

836
Bios Daniel Suarez: Bios
rororo, 2017
542 Seiten

Im Jahre 2045 hat sich die Arbeitswelt durch neue Technologien, eine umfassende Automation und den Wegfall einzelner Stufen der Wertschöpfungskette grundlegend gewandelt. Zu den größten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen ist es durch die Verbreitung der synthetischen Biologie gekommen. Durch Genom-Editing – die gezielte Veränderung des Erbguts von Tieren und Pflanzen - können alle möglichen Produkte, die früher industriell hergestellt worden sind, von maßgeschneiderten Organismen auf nachhaltige Weise produziert werden. Zellkultur-Produktion hat die Massentierhaltung abgelöst, tierleidfreies Zuchtfleisch ist vom "Original" nicht zu unterscheiden. Völlig neue Werkstoffe wurden entwickelt und aus E-Coli-Bakterien wird sauberer Biokraftstoff gewonnen. Auch Menschen können geneditiert werden. In den meisten Ländern unterliegt dies strengster Reglementierung. Nur die Eliminierung von Erbkrankheiten und anderen Gendefekten bei Ungeborenen ist erlaubt. Natürlich ist viel mehr möglich, denn das menschliche Genom ist längst entschlüsselt. In illegalen Einrichtungen können werdende Eltern aus einem ganzen Katalog von Eigenschaften für den genetisch aufgerüsteten Nachwuchs wählen. Zentrum des milliardenschweren Schwarzmarktes für Designerbabys ist Singapur, die neue Technologiehauptstadt der Welt.

Interpol leistet wertvolle Beiträge zur Bekämpfung illegaler Labors. Kenneth Durand hat einen Algorithmus zur Auswertung der bei den zuständigen Behörden eingehenden Datenflut entwickelt, mit dessen Hilfe innerhalb weniger Monate zahlreiche Embryofabriken in Singapur identifiziert werden konnten. Jetzt erhält er einen neuen Auftrag. Von Detective Inspector Aiyana Marcotte, Leiterin einer für den Menschenhandel zuständigen Interpol-Taskforce, wird er auf Markus Wyckes angesetzt, das Oberhaupt des Kartells Huli jing. Diese Organisation stellt den Embryofabriken die zur Berechnung von Erbgutmanipulationen benötigte Rechenzeit zur Verfügung und ist dabei, eine riesige Gendatenbank aufzubauen. Hierfür wird genetisches Material von Migranten genutzt. Flüchtlinge oder vielmehr deren Kinder werden zum Test der Tauglichkeit errechneter Genedits missbraucht. Wyckes ist die treibende Kraft hinter der Huli jing. Ohne ihn, so glaubt Marcotte, würde die Organisation zerfallen. Doch Wyckes ist ein Phantom. Niemand kennt seinen Aufenthaltsort. Durand soll seinen Algorithmus einsetzen, um den Syndikatsboss aufzuspüren.

Durand ist wegen seiner Erfolge bereits zur Zielscheibe der Huli jing geworden. Auf dem Nachhauseweg wird er von einem Unbekannten überfallen, der ihm eine Injektion gibt. Durand wähnt sich dem Tode nahe und verliert das Bewusstsein. Wochen später kommt er in der Intensivstation eines Krankenhauses wieder zu sich. Da der Unbekannte Durands Papiere gestohlen hat, war seine Identität bisher nicht bekannt. Jetzt können seine Kollegen verständigt werden. Durand versteht nicht, warum sie ihn verhaften, bis er sein Spiegelbild sieht. Er wurde in jenen Mann verwandelt, den er dingfest machen sollte! Durand flieht und wird nun nicht nur von der Polizei gejagt, sondern auch von den Killern des echten Wyckes. Durand muss sterben, damit die Welt Wyckes für tot hält ...

Nach Daemon / Darknet, Kill Decision und Control legt Daniel Suarez mit "Bios" wieder einen Roman vor, dessen Stärke in der konsequenten Extrapolation zeitgenössischer Entwicklungen besteht. Die von Suarez ersonnene Welt der nahen Zukunft wirkt vollkommen plausibel, denn alles, was hier geschieht, ist in der realen Welt bereits vorhanden oder möglich – zumindest in Ansätzen. Seien es Daten- bzw. VR-Brillen, autonome E-Autos und Drohnen, Ausbeutung von Flüchtlingen bis hin zu modernem Sklavenhaltertum, wissenschafts-/technikfeindliche Tendenzen z.B. in den USA, die im Roman dazu führen, dass Singapur den alten High-Tech-Zentren den Rang abläuft ... Das alles kommt uns irgendwie bekannt vor, nicht wahr? Suarez spinnt derartige Tendenzen weiter, ohne den Boden der Glaubwürdigkeit jemals zu verlassen. Gleiches gilt für das zentrale Thema des Romans: Genom-Editing. Gentechnisch veränderte Mikroorganismen und Pflanzen sind längst keine Science Fiction mehr. Künstlich erschaffene Enzyme werden schon seit Jahren zur Beeinflussung des Erbgutes eingesetzt. Die im Roman mehrfach erwähnte CRISPR-Methode zum gezielten Ausschneiden und Verändern von DNS-Bestandteilen ist keine Erfindung von Suarez, sondern Realität.

Noch ist nicht klar, ob es in der realen Welt zu der von Suarez postulierten "vierten industriellen Revolution" infolge der synthetischen Biologie kommen wird. Ich bezweifle es nicht. Alles, was machbar ist, wird irgendwann von irgendwem gemacht werden, egal welche moralischen Bedenken oder gesetzlichen Einschränkungen es geben mag. Suarez zeigt auf, wohin das Herumpfuschen am menschlichen Erbgut letzten Endes führen kann. Designerbabys, deren Eigenschaften man in der Welt von "Bios" tatsächlich im Katalog aussuchen kann – je nach Budget der Eltern ist so gut wie alles möglich – und die wie in einer Horrorversion von Kinder-Schönheitswettbewerben präsentiert werden, sind eine Sache. Suarez geht sogar noch weiter. Es wurde ein revolutionäres Verfahren entwickelt, das die Umschreibung der DNS von Erwachsenen ermöglicht. Hierbei wird nicht nur eine Keimzelle manipuliert, aus der sich dann ein Kind entwickelt, sondern jede einzelne Körperzelle eines voll ausgereiften Organismus. An Durands Beispiel wird deutlich, was das bedeutet. Wie soll Durand beweisen, dass er nicht Wyckes ist, wenn er nicht nur dessen Aussehen bis hin zu Zahnschema und Fingerabdrücken hat, sondern auch seine DNS? Identität steht zur Disposition, wodurch jegliche Strafverfolgung ad absurdum geführt wird ...

Suarez breitet also wieder einmal einen hochinteressanten, ziemlich pessimistisch geprägten und sehr schön ausgearbeiteten Weltenentwurf vor dem Leser aus. Wie üblich verpackt er den zum Nachdenken anregenden Stoff in eine spannende Thriller-Handlung. Diesbezüglich schießt er aber für meinen Geschmack etwas zu sehr übers Ziel hinaus. Ich fand den Roman klasse, solange sich Durand in seiner neuen Haut zurechtfinden und begreifen muss, was überhaupt mit ihm geschehen ist. Natürlich setzt Durand alles daran, die Verwandlung umzukehren und Wyckes doch noch unschädlich zu machen. Zur Erreichung dieser Ziele sind einige nicht ganz überzeugende Zufälle und Wendungen nötig, außerdem bleibt die Figurenzeichnung auf der Strecke. Als noch ca. 60 Seiten übrig waren, habe ich überlegt, wie der Autor wohl aus der Sache herauskommen will. Nun, es geht dann wirklich alles Schlag auf Schlag und ähnlich wie in "Control" müssen sich die Schurken gegeneinander wenden, damit das Happy End erreicht werden kann. Von der Auflösung war ich daher nicht so begeistert. (13.08.2018)


Zurück zu den Büchern

835
32 Fangs David Wellington: 32 Fangs
Piatkus Books, 2012
335 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Vergeltung der Vampire.

Die Vampire sind ausgerottet. Justinia Malvern, die letzte dieser mit gewaltigen Körperkräften und magischen Fähigkeiten ausgestatteten mörderischen Kreaturen, wurde vor zwei Jahren von Laura Caxton vernichtet. Davon jedenfalls ist US-Marshal Fetlock, Leiter einer zur Jagd auf Vampire gegründeten Spezialeinheit, der früher auch Laura angehört hat, selbst dann noch überzeugt, als die zu seinem Team gehörende Forensikerin Clara Hsu (Lauras Geliebte) am Tatort eines Mordes von einem "Halbtoten" angegriffen wird. Das Mordopfer ist ohne einen Tropfen Blut im Leib aufgefunden worden. Für Clara sind diese Anzeichen Beweis genug für die Annahme, dass mindestens ein Vampir, wahrscheinlich Malvern, immer noch aktiv ist. Schließlich handelt es sich bei Halbtoten um reanimierte Vampiropfer, deren Körper innerhalb kurzer Zeit verrotten und zerfallen. Officer Glauer, Claras Teamkollege und einziger Vertrauter, teilt diese Ansicht. Die beiden recherchieren entgegen Fetlocks Anweisungen auf eigene Faust und kommen zu der Erkenntnis, dass Malvern ihren Tod seinerzeit nur vorgetäuscht hat. Offensichtlich ist Malvern dabei, eine riesige Halbtotenarmee zu rekrutieren. Fetlock will davon nichts wissen. Er zieht Glauer von dem Fall ab. Clara wird suspendiert. Sie lässt nicht locker, denn sie nimmt an, dass Malvern einen Rachefeldzug gegen Laura vorbereitet. Clara setzt alles daran, Laura aufzuspüren und zu warnen – nicht zuletzt, weil sie Laura immer noch liebt und die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass die Vampirjägerin ihre Gefühle erwidert.

Das Problem dabei ist, dass Laura als flüchtige Kriminelle gilt. Nach dem vermeintlich finalen Kampf gegen Malvern ist sie nicht in ihre Gefängniszelle zurückgekehrt, sondern geflohen und bei ihren alten Freunden untergetaucht, den Witchbillies in den unzugänglichen Hügeln von Pennsylvania. Laura weiß sehr wohl, dass ihre alte Feindin immer noch existiert. Malvern hat die Zeit auf ihrer Seite. Sie muss nur abwarten, bis alle Menschen gestorben sind, die noch wissen, wie man Vampire bekämpft. Laura gibt ihre Kenntnisse an Urie Polder und dessen Tochter Patience weiter. Beide haben magische Kräfte und unterstützen Laura beim Aufbau einer ausgeklügelten Falle; allerdings muss Malvern zunächst einmal aus der Reserve gelockt werden. Doch die Vampirin hat nicht 300 Jahre überdauert, um sich so leicht von einer Sterblichen überlisten zu lassen. Sie setzt ihre Halbtoten als Köder ein, um Clara und Glauer in eine bestimmte Richtung zu lenken. Simon, der tief traumatisierte Sohn Jameson Arkeleys, dient ihr unwissentlich als Spion bei den Witchbillies. Als es Clara endlich gelingt, Laura aufzuspüren, spielt sie Malvern damit direkt in die Hände. Fetlock sorgt mit seiner Borniertheit und Inkompetenz für zusätzliche Schwierigkeiten. Lauras Schicksal scheint besiegelt zu sein ...

Der fünfte und letzte Band von David Wellingtons Vampir-Serie ist schon vor sechs Jahren erschienen - genauso lange ist es her, dass ich Band 4 gelesen habe - und wurde bisher nicht ins Deutsche übertragen. Da ich Romanzyklen selbst dann bis zum (bitteren) Ende lesen möchte, wenn sie mir nicht so wahnsinnig gut gefallen, habe ich mir das Buch im englischen Original zugelegt. Ich muss sagen: Ich bin froh, dass die Serie jetzt endlich zu Ende ist, zumal der Abschluss zwar durchaus überzeugen kann, der Roman aber doch eher einfach gestrickt ist. Nur ... ist die Serie wirklich abgeschlossen? Zumindest ein Hintertürchen hat sich der Autor offengelassen. Achtung, hier folgen Spoiler! Wer nicht wissen möchte, wie der Roman ausgeht, möge erst beim nächsten Absatz weiterlesen. Also: Es zeigt sich, dass Laura mehr Tricks auf Lager hat als Malvern. Die uralte Vampirin wird endgültig vernichtet. Der Vampirfluch allerdings existiert weiter! In einem der vorherigen Romane wurde er Laura eingepflanzt. Sie müsste jetzt nur noch Selbstmord begehen bzw. den Fluch willentlich akzeptieren, um sich in einen Vampir zu verwandeln. Dann würde alles wieder von vorn losgehen ...

"32 Fangs" bietet wie alle Romane dieser Serie recht viel blutige Action, die manchmal gar in makabren Slapstick ausartet, z.B. wenn sich Halbtote, die von Clara und Glauer verfolgt werden, gegenseitig zerlegen, um ihre Körperteile als Wurfgeschosse zu verwenden. Wie immer erweisen sich selbst bestens ausgerüstete SWAT-Spezialeinheiten als vollkommen hilflos. Malvern muss nicht mal persönlich auf der Bildfläche erscheinen, ihre Halbtoten richten ein Blutbad an. Das wirkt ziemlich lächerlich, erst recht, weil Clara und Glauer in derselben Situation viel besser dastehen. Zu "guter" Letzt muss Urie Polder nur ein bisschen magisches Pulver in die Luft blasen, schon kippen alle Halbtoten um. Laura ist endgültig zur emotionslosen Kampfmaschine mutiert. Den Part des trotteligen Neulings, der mit diversen unglaublich dämlichen Aktionen für Kopfschütteln sorgt, übernimmt diesmal Clara. Ich hätte dieser Nervensäge ein möglichst schreckliches Ende gewünscht, aber leider (Achtung, weitere Spoiler) erweist sie sich beim Showdown sogar als Zünglein an der Waage. Mir ist schon klar, dass sie jene menschliche Seite repräsentiert, die Laura in sich selbst abtöten musste, um für den kompromisslosen Kampf gegen Malvern gerüstet zu sein. Aber ganz so dumm hätte sie sich denn doch nicht anstellen müssen.

Der Roman enthält zahlreiche Kapitel, in denen Malverns Werdegang geschildert wird. Die Geschichte beginnt im Jahre 1702 und zeigt, dass Malvern schon als Mensch keine angenehme Zeitgenossin war. Im weiteren Verlauf werden die Geschehnisse der ersten vier Romane aus Malverns Sicht rekapituliert. Das ist ein nettes Gimmick, aber Malverns Backstory wäre in einem früheren Band besser aufgehoben gewesen. (06.08.2018)


Zurück zu den Büchern

834
Gateway Frederik Pohl: Gateway
Heyne, 2004
254 Seiten

Vor einiger Zeit haben die Menschen durch Zufall einen sonnennahen Asteroiden entdeckt, der vor Äonen von einem längst verschwundenen raumfahrenden Volk zu einer Raumstation ausgebaut worden ist. Über dieses Volk – die Hitschi – ist kaum etwas bekannt, denn sie haben so gut wie nichts zurückgelassen, was Rückschlüsse auf ihr Erscheinungsbild, ihre Kultur oder ihre Sprache zuließe. Zumindest versteht niemand die Bedeutung der Artefakte, die in der Station und auf der Venus gefunden wurden. Trotzdem können manche Hitschi-Hinterlassenschaften nutzbar gemacht werden. Zum Beispiel wurde erkannt, dass die so genannten "Blutdiamanten" Strom erzeugen, wenn man sie zusammendrückt. Die Suche nach derartigen Artefakten ist zu einem lukrativen Wirtschaftszweig geworden. Manche halten die Hitschi-Supertechnik sogar für die letzte Hoffnung der überbevölkerten und weitgehend ausgebeuteten Erde.

Der Asteroid erhält den Namen Gateway, denn für die Menschen ist er buchstäblich das Tor zu den Sternen. Die Hitschi mögen gut hinter sich aufgeräumt haben, doch in den Andockbuchten Gateways befinden sich voll funktionsfähige Raumfahrzeuge! Hunderte teils schwer gepanzerte und mit je einer Landefähre ausgestattete Schiffe warten nur darauf, bis zu fünf Personen zu Zielen überall in der Milchstraße und wieder zurück zu bringen. Die Bedienung ist im Prinzip kinderleicht. Man muss nur eines der vorprogrammierten Ziele auswählen und den Startknopf drücken. Das Problem: Niemand weiß, wie die Schiffe eigentlich funktionieren, wohin die Reise geht und wie lange sie dauert. Der Zielpunkt kann sich im Inneren einer Supernova befinden, die vor Äonen, als die Hitschi den Kurs programmiert haben, noch nicht existiert hat. Da die Schiffe nur begrenzten Platz bieten, können die Nahrungsmittelvorräte lange vor Ende der Reise erschöpft sein. Zudem lassen sich die Kurseinstellungen zwar nachträglich ändern, aber kein Schiff, bei dem das versucht wurde, ist je nach Gateway zurückgekehrt.

Die Nutzung der Raumschiffe ist somit nur nach dem extrem gefährlichen Prinzip "Versuch und Irrtum" möglich. Das führt zu unzähligen schrecklichen Schicksalen. Die von den irdischen Großmächten zur Erforschung Gateways und Verwertung der Artefakte gegründete Gateway Corporation zahlt Prämien bis zu mehreren Millionen Dollar an Prospektoren, die bereit sind, die Risiken auf sich zu nehmen und herauszufinden, was sich an den Raumschiffs-Reisezielen befindet. Solche Erkundungen lohnen sich selbst dann, wenn dort nur unbekannte Bereiche der Galaxie kartographiert werden können. Manchmal werden spektakuläre Entdeckungen gemacht, etwa weitere Hitschi-Raumstationen in fremden Sonnensystemen oder planetare Anlagen, in denen sich wertvolle Artefakte einsammeln lassen. Sollte ein Prospektor jemals das Glück haben, einen toten oder gar lebenden Hitschi zu finden, dann könnte er die Prämie nach Belieben festlegen. Der Ansturm auf Gateway hält sich allerdings in Grenzen, zumal die Reise dorthin extrem kostspielig ist.

Robinette Broadhead schuftet unter menschenunwürdigen Verhältnissen in den Nahrungsmittelgruben von Wyoming und entkommt dieser Existenz nur durch einen Lotteriegewinn. Er investiert das gesamte Geld in einen Flug nach Gateway. Dort lernt er die als Ausbilderin arbeitende Prospektorin Klara Moynhin kennen und lieben. Broadheads Traum von Prämien, die ihm medizinischen Vollschutz und ein Leben im Wohlstand ermöglichen sollen, zerplatzt sehr bald, denn er kann seine Furcht vor den unberechenbaren Gefahren der Prospektorenflüge nicht überwinden. Er ist gezwungen, sich mit Hilfsarbeiten über Wasser zu halten, um in der Station bleiben zu können. Als sich die Sache nicht länger hinausschieben lässt, nimmt Broadhead doch an Flügen teil. Die ersten beiden sind Fehlschläge. Durch den dritten wird er zum Multimillionär, aber der Preis dafür ist hoch ...

Dieser 1976 erstveröffentlichte Roman hat mehrere Fortsetzungen erfahren. Nur zwei sowie ein Vorwort von Terry Bisson sind in diesem Sammelband enthalten. Band vier und fünf sind bis heute nicht in deutscher Übersetzung erschienen, ebenso wenig eine Kurzgeschichtensammlung, die ebenfalls zur Serie gehört. Was den ersten Band betrifft, so ist das nicht weiter schlimm, denn die Handlung ist in sich abgeschlossen. Tatsächlich ist die Story nicht sehr komplex – sie wird nur auf ungewöhnliche Weise erzählt. So erfährt der Leser schon gleich zu Beginn, welchen Preis Broadhead für seinen Erfolg zahlen musste. Eine der beiden Handlungsebenen spielt geraume Zeit nach diesen Ereignissen. Broadhead leidet so sehr unter dem traumatischen Erlebnis, dass er die Hilfe eines computerisierten Psychoanalytikers (!) in Anspruch nehmen muss. Nach und nach werden innere Konflikte herausgearbeitet. Verdrängtes kommt ans Licht, bis Broadhead endlich Klartext spricht. Die zweite Handlungsebene enthält die chronologisch erzählten Erlebnisse Broadheads ab der Ankunft auf Gateway. In den Text eingewoben sind Interviews, Kleinanzeigen und Nachrichten im Gateway-Kommunikationssystem, Flugberichte und so weiter. Dadurch werden einige Hintergründe genauer beleuchtet, Details wie z.B. die Funktionsweise der Blutdiamanten werden erläutert.

Allein schon die nichtlineare Erzählstruktur hat den Roman seinerzeit zu etwas Einzigartigem gemacht. Nicht umsonst hat Pohl alle wichtigen Preise des Science-Fiction-Genres dafür abgeräumt. Zwar weiß der Leser, dass bei Broadheads letzter Reise etwas katastrophal schiefgeht und welchen Verlust der Protagonist erleidet, das führt aber keineswegs dazu, dass die Spannung auf der Strecke bleibt. Im Gegenteil – sie wird bis zum tragischen Ende immer weiter gesteigert. Zudem tappt Pohl nicht in dieselbe Falle wie Arthur C. Clarke mit dem gar nicht so unähnlichen Rendezvous mit Rama, will sagen, er findet einen goldenen Mittelweg zwischen Weltenbau und Figurenzeichnung. Durch die Augen des Ich-Erzählers Broadhead erfahren wir, wie die Prospektoren in Gateway leben. Gemeinsam mit ihm erleben wir die Gefahren des Flugs mit Hitschi-Raumschiffen. Die Erkundung des Unbekannten ist aufregend, aber beschwerlich. Selbst wenn es nicht zu Katastrophen oder einer zu langen Flugdauer kommt, ist so eine Reise äußerst unangenehm. Man liefert sich dem Autopiloten auf Gedeih und Verderb aus und hockt monatelang auf engstem Raum zusammen, ohne (bis zum Wendepunkt) zu wissen, ob die Vorräte reichen werden. Ein faszinierendes Konzept mit Sense-of-Wonder-Garantie! Broadhead ist ein ambivalenter Charakter, dessen dunkle Seiten dem Leser nur nach und nach bewusst werden, da Broadhead sie ja zu verdrängen versucht. "Gateway" ist ein SF-Meisterwerk, das obendrein gut gealtert ist und in keiner Sammlung fehlen sollte. (31.07.2018)


Zurück zu den Büchern

833
Der Junge aus der Hölle Arkadi und Boris Strugatzki: Der Junge aus der Hölle
Heyne, 2014
128 Seiten

Auf dem Planeten Giganda tobt seit langer Zeit ein Krieg zwischen dem Herzogtum Alay und dem Kaiserreich um das Mündungsgebiet der Tara. Während eines heftigen Gefechts in einem verlassenen Dorf wird der junge herzogliche Elitesoldat Gagh durch einen Flammenwerfer in Brand gesetzt. Er verliert vor Schmerzen das Bewusstsein. Als er einige Zeit später in einer Art Lazarett zu sich kommt, glaubt er an einen Trick der Kaiserlichen oder einen psychologischen Test, dem er unterzogen werden soll, denn die Wahrheit ist zu phantastisch. Giganda ist eine jener rückständigen Welten, die von den viel weiter fortgeschrittenen Erdenmenschen beobachtet werden. Im Falle von Giganda wird darüber hinaus Entwicklungshilfe geleistet. Speziell ausgebildete Agenten mischen sich unter die Bevölkerung, um Innovationen aller Art einzuführen. Insbesondere geht es ihnen um die Beendigung des Krieges, in dem Gagh gekämpft hat. Einer dieser Agenten namens Kornej war zufällig in der Nähe des verlassenen Dorfes. Er hat den lebensgefährlich verwundeten Gagh gerettet und mit seinem Raumschiff zur Erde gebracht, wo sein verbrannter Körper wiederhergestellt wurde.

Sobald Gagh sich erholt hat, wird er in Kornejs Anwesen untergebracht. Er soll in die irdische Gesellschaft integriert werden. Allmählich akzeptiert er die technischen Wunder dieser Welt, doch er fühlt sich wie ein Gefangener. Er kann sich nicht an den für ihn völlig fremdartigen Lebensstil der Erdenmenschen gewöhnen und sehnt sich nach seiner Heimat. Als Gagh feststellt, dass er nicht der einzige Bewohner Gigandas auf der Erde ist, glaubt er, man wolle ihn und seinesgleichen für eine Invasion missbrauchen. Gagh widersetzt sich allen gut gemeinten Umerziehungsversuchen und schmiedet Fluchtpläne…

Dieser zum Zyklus "Welt des Mittags" gehörende Kurzroman aus dem Jahre 1974 ist Bestandteil von Band 4 der Strugatzki-Werkausgabe, die außerdem Anmerkungen und Kommentare von Boris Strugatzki enthält. Man könnte die "Mittagswelt" als Abbild der vom Kommunismus angestrebten perfekten Gesellschaft halten. Durch den technischen Fortschritt wurden die Menschen der Erde aller materiellen Sorgen enthoben. Man arbeitet nur noch zum Vergnügen, um sich selbst zu verwirklichen oder kreativ tätig zu werden. Alle Erdenbürger sind so vernünftig und friedliebend, dass Regierungen nicht mehr nötig sind. Die Menschen wollen diese Segnungen bei Planetenbevölkerungen einführen, die für rückständig gehalten werden. So genannte Progressoren arbeiten auf dieses Ziel hin. Das wird in einigen anderen Romanen der Strugatzkis aus Sicht eben jener Progressoren geschildert.

Diesmal ist es umgekehrt. Am Beispiel der Hauptfigur Gagh wird gezeigt, dass man die Menschen eben nicht zu ihrem Glück zwingen kann. Veränderungen müssen sich von innen heraus entwickeln, man kann sie weder Einzelpersonen noch Völkern aufoktroyieren. Die Erde mag ein Garten Eden sein, aber Gagh fühlt sich dort wie ein Fremder in einer fremden Welt. Er versteht Kornejs Ziele nicht, denn er entstammt einer völlig anderen Kultur. Gagh fühlt sich erst wieder zu Hause, als er zurück auf jener Welt ist, die Kornej für die Hölle hält. Das ist ein bisschen arg plakativ. Lesenswert ist der Kurzroman dennoch, schließlich sind Einblicke in die Verhältnisse auf der Erde im "Mittagswelt"-Zyklus eher selten. Zudem fungiert Gagh in vielen Kapiteln als Ich-Erzähler, und seine drastische Soldatensprache ist ein besonderes Schmankerl. Im Kommentar bezeichnet Boris Strugatzki den "Sturmkater" Gagh übrigens als eine seiner Lieblingsfiguren. (23.07.2018)


Zurück zu den Büchern

832
Doctor Sleep Stephen King: Doctor Sleep
Heyne, 2018
704 Seiten

Daniel Torrance hat seit seiner Kindheit das Zweite Gesicht, das so genannte Shining. Er kann zukünftige und vergangene Ereignisse "sehen", insbesondere wenn er Personen oder Gegenstände berührt. Die Gedanken und Gefühle anderer Menschen sind kein Geheimnis für ihn. Außerdem blickt Dan manchmal ins Jenseits, dann erscheinen ihm die Geister der Verstorbenen. Die entsprechenden Visionen sind für Dan oft verstörend. Es kann sogar vorkommen, dass zornige Geister körperlich werden und Dan bedrohen. Mit der Zeit lernt Dan, seine Gabe – die er eher als Fluch betrachtet – zumindest teilweise zu kontrollieren und sie vor seinen Mitmenschen zu verbergen. Doch seinen inneren Dämonen kann Dan nicht entkommen. Er versucht sich mit Alkohol zu betäuben, wird schließlich abhängig davon und lässt sich treiben. Ziellos durchreist er die USA, nimmt Gelegenheitsjobs an und bleibt nie lange an einem Ort, denn wenn er betrunken ist, lässt er sich durch sein jähzorniges Naturell zu Gewalttaten hinreißen. Der absolute Tiefpunkt ist erreicht, als er nach einem Alkohol- und Drogenexzess neben einer jungen Frau erwacht, mit deren Geld er sich heimlich aus dem Staub macht. Das wäre schon übel genug, aber die Frau hat einen kleinen Sohn, der offensichtlich misshandelt wird. Später erfährt Dan durch eine Vision, dass das Kind erschlagen wurde, woraufhin seine Mutter Selbstmord begangen hat.

Dan begreift, dass es so nicht weitergehen kann. Er hat inzwischen eine Aushilfsstelle in der Kleinstadt Frazier angetreten. Sein Arbeitgeber, dem er sich anvertraut, kennt das Problem nur allzu gut; er hat ähnliches durchgemacht. So kommt Dan in Kontakt mit den Anonymen Alkoholikern. In den folgenden Jahren bekommt Dan die Alkoholsucht in den Griff. Er wird in Frazier sesshaft und kann schließlich sogar eine Festanstellung in einem Hospiz antreten. Dort verdient er sich großen Respekt, denn aufgrund seiner besonderen Gaben kann er Sterbenden den Übergang ins Jenseits erleichtern. Dieser Fähigkeit hat er einen neuen Spitznamen zu verdanken. Man nennt ihn jetzt "Doctor Sleep". Da er keinen Tropfen Alkohol mehr trinkt, wird Dans unterdrücktes Shining wieder stärker. Gelegentlich erhält er mentalen Kontakt mit einem kleinen Mädchen namens Abra Stone. Auch Abra hat das Shining, allerdings übersteigen ihre Kräfte Dans Fähigkeiten um das Vielfache. Ebenso wie Dan leidet sie darunter, dass sie mit niemandem über diese Dinge sprechen kann. Obwohl sich die beiden nie persönlich sehen, entsteht ein enges Band zwischen ihnen. Dan wird im Verlauf der Jahre zum Vertrauten Abras.

Eines Tages vernimmt Abra die mentalen Schmerzensschreie eines Jungen, der von Unbekannten bei einem Ritual zu Tode gefoltert wird. Jahre später wird Abra an dieses traumatische Erlebnis erinnert, als sie eine ganzseitige Zeitungsanzeige mit den Fotos verschwundener Kinder sieht. In einem der Vermissten erkennt sie den Jungen aus ihrer Vision – und plötzlich findet sie sich im Kopf einer Frau wieder, die das Ritual durchgeführt hat. Abra erfährt einiges über diese Kreaturen und erkennt, dass sie verantwortlich für den Tod zahlreicher Kinder im ganzen Land sind. Sie werden weiter morden und müssen aufgehalten werden. Da Abra allein nichts ausrichten kann, bittet sie Dan um Hilfe. Dummerweise weiß die Gegenseite jetzt, dass Abra existiert. Es handelt sich um eine Gruppe, die sich selbst als der "Wahre Knoten" bezeichnet und seit Jahrhunderten durch die Lande zieht, immer auf der Suche nach Menschen, die das Shining haben. Die geistige Essenz solcher Menschen ("Steam") ist ein Lebenselixier für die Mitglieder des Wahren Knotens. Wenn sie Steam konsumieren, bleiben sie ewig jung. Ohne Steam altern und sterben sie. Steam ist besonders rein, wenn er von Opfern stammt, die unter Qualen sterben. In Abra erkennt hat Rose the Hat, die Anführerin des Wahren Knotens, eine besonders ergiebige Steam-Quelle ...

Das Wort "Shining" kommt im obigen Teaser vor, und wer den im Jahre 1977 erschienenen gleichnamigen Roman von Stephen King oder dessen Verfilmung von Stanley Kubrick aus dem Jahre 1980 kennt, wird wissen, wer Daniel Torrance ist. Tatsächlich wird "Doctor Sleep" als Fortsetzung des Romans vermarktet. Zugegeben, Hauptfiguren aus "Shining" sind vertreten, die Geister aus dem Overlook-Hotel spielen eine Rolle und man erfährt, wie es Daniel nach dem Tod seines Vaters ergangen ist. Die Handlung beginnt drei Jahre nach dem Ende von "Shining". Danny wird wieder von Mrs. Massey (der Frau aus Zimmer 217) und Horace Derwent heimgesucht. Dick Hallorann bringt dem Jungen bei, wie man die körperlich gewordenen Geister mit der Kraft des Shinings in mentale Schließfächer sperren kann. Diesem Detail kommt im Showdown ausschlaggebende Bedeutung zu, außerdem hat Jack Torrance, obwohl seit Jahrzehnten tot, noch ein Wörtchen mitzureden. Verbindungen zwischen den beiden Romanen bestehen also durchaus. Sie werden nur eigentlich nicht gebraucht, oder anders gesagt: "Doctor Sleep" hätte als eigenständige Geschichte ohne die meiner Meinung nach etwas bemüht wirkenden Bezugnahmen vielleicht besser funktioniert. Schrieb ich gerade "etwas"? Nun, gegen Ende des Romans gleitet das Ganze unnötigerweise auf Soap-Opera-Niveau ab. Es folgen Spoiler, bitte ggf. erst beim nächsten Absatz weiterlesen! Dan und Abras Mutter sind Halbgeschwister, Abra ist Dans Nichte. Jack Torrance hatte, als er schon mit Dans Mutter verheiratet war, eine flüchtige Affäre mit Abras Großmutter. Das ist mir denn doch eine Spur zu banal.

Die Figurenexposition geht noch weiter. Sehr großes Augenmerk wird auf Dans Abgleiten in die Alkoholsucht und den schwierigen Rückweg zur Normalität gelegt, parallel wird Abras Lebensgeschichte erzählt. Erst ganz allmählich kristallisiert sich der Konflikt mit dem Wahren Knoten heraus und es wird eine Bedrohungssituation etabliert. King ist ein viel zu guter Erzähler, als dass dieser Teil des Romans langweilig sein könnte. Ganz im Gegenteil! Ich habe Abra sofort ins Herz geschlossen und auch Dan ist mir nicht gleichgültig geblieben. Rose the Hat und ihre Spießgesellen scheinen zunächst würdige Gegenspieler zu sein, mächtig und absolut skrupellos auf der einen Seite, gleichzeitig aber nicht ausschließlich hassenswert. Zumindest ist ihre Motivation verständlich. Soweit ist für mich alles gut; genau so mag ich meinen King. Manche Rezensenten kritisieren, dass die Expositionsphase zu breiten Raum einnimmt und dass King zu oft abschweift. Ich finde, dass genau hier Kings Stärken liegen. Die Vorbereitung, die liebevolle Ausarbeitung von Charakteren, die eindringliche Schilderung von Situationen und Lebensverhältnissen – das ist es, worauf es bei seinen Romanen ankommt.

Der Abschluss, die Auflösung, der finale Kampf usw. ist dagegen oft schwach. "Doctor Sleep" bildet da keine Ausnahme. Viel zu früh zeichnet sich ab, dass der Wahre Knoten ein Haufen von Versagern ist. Zu keinem Zeitpunkt gerät irgendeine Hauptfigur wirklich in Gefahr, viel zu leicht lässt sich Rose the Hat austricksen. Ich will nicht zuviel verraten, lasst es mich daher so sagen: Mrs. Massey hat in den verwesenden Überresten ihres kleinen Fingers mehr Gruselpotential als der ganze Wahre Knoten zusammengenommen!

Leider hat der Text eine große Schwäche, durch die ich immer wieder aus dem Lesefluss herausgerissen wurde. Schuld ist der Übersetzer. Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod! (17.07.2018)


Zurück zu den Büchern

831
Kolyma Tom Rob Smith: Kolyma
Goldmann, 2010
477 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Kind 44.

Bis vor drei Jahren, in der Stalin-Ära, war Leo Demidow überzeugter, absolut linientreuer Kommunist und hat als hochrangiger Geheimdienstoffizier zahlreiche Menschen verhaftet, egal ob er von ihrer Schuld überzeugt war oder nicht. Viele Unschuldige sind somit in die Mühlen des Ministeriums für Staatssicherheit (MGB) geraten, wurden durch Folter zur Unterzeichnung vorgefertigter Geständnisse gezwungen und anschließend entweder hingerichtet oder in Arbeitslager deportiert, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen bis zum Tod schuften mussten. Leo hat sich grundlegend gewandelt. Er bereut seine früheren Taten zutiefst und versucht sie auf seine Weise wiedergutzumachen. Gemeinsam mit seinem Freund und Mitarbeiter Timur Nesterow hat Leo das erste Morddezernat der Sowjetunion gegründet. Da es in der vom Kommunismus angestrebten perfekten Gesellschaft keine Kriminalität geben kann, werden Leo und Timur mehr oder weniger inoffiziell tätig und müssen sich Behinderungen ihrer Arbeit gefallen lassen. Doch Leo lässt sich nicht beirren und verhaftet nur Personen, denen er ein Verbrechen nachweisen kann. Zudem haben Leo und seine Frau Raisa die Geschwister Soja und Elena adoptiert, um sie aus dem Elend des Waisenhauses herauszuholen. Ein Kollege Leos hatte die Eltern der Mädchen ermordet. Leo hofft, aus dieser Konstellation könne eine normale Familie werden, doch die vierzehnjährige Soja hasst ihn und will ihn tot sehen.

Im Jahre 1956 wird die Abschrift einer Rede Nikita Chruschtschows an alle Behörden des Landes verteilt. Darin spricht der Chef der KPdSU von schweren Fehlern, die unter Stalins Herrschaft gemacht worden seien. Er kritisiert den Kult um Stalins Person mit scharfen Worten und prangert Verbrechen an, die in seinem Namen begangen worden sind, so auch vom MGB, das inzwischen in den KGB übergegangen ist. Die Rede schlägt wie eine Bombe ein. Bislang für undenkbar gehaltene politische und gesellschaftliche Umwälzungen zeichnen sich ab. Viele unschuldig Inhaftierte werden auf freien Fuß gesetzt, zu Unrecht Denunzierte werden rehabilitiert – und die alten privilegierten Kader finden sich plötzlich in einer nicht mehr so angenehmen Lage wieder. Tatsächlich werden die einstigen Jäger zu Gejagten. Allerdings werden sie nicht vom Staat für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen, sondern von einer im Untergrund Moskaus agierenden Bande, der es gelingt, zwei ehemalige Geheimpolizisten in den Selbstmord zu treiben. Außerdem wird der Patriarch der Orthodoxen Kirche ermordet, ein Kollaborateur, der seinerzeit zahlreiche systemkritische Priester ans Messer geliefert hat. Leo ermittelt in diesen Fällen und ihm wird schnell klar, dass er selbst zum Kreis der gefährdeten Personen gehört.

Tatsächlich steht Leo im Zentrum des Racheplans einer Frau namens Anisja, die er im Jahre 1949 denunziert hat. Dies war Leos erster Auftrag. Zielperson war eigentlich der Priester Lasar. Beide sind nach Sibirien deportiert worden. Anisja, die sich jetzt Frajera nennt und sich erbarmungslos an die Spitze einer Verbrecherbande gekämpft hat, wurde nach einiger Zeit freigelassen. Lasar befindet sich noch immer in einem der schlimmsten Gulags in der Region Kolyma. Frajera entführt Soja, um Leo zu zwingen, Lasar aus dem Gulag zu befreien. Leo schleust sich mit Hilfe seines Vorgesetzten Frol Panin inkognito in das Lager ein, doch er fliegt schon bei der Ankunft auf und wird nun von seinen Mithäftlingen genauso gefoltert, wie sie es einst erdulden mussten. Währenddessen versucht Frajera, Soja auf ihre Seite zu ziehen. Das Mädchen ist nicht abgeneigt ...

"Kolyma" ist ebenso wie der Vorgängerroman "Kind 44" in sich abgeschlossen, es schadet aber nicht, den ersten Roman der Demidow-Trilogie gelesen zu haben. Thema von "Kolyma" ist schließlich die Frage, was mit einem Menschen geschieht, wenn sein Weltbild durcheinandergerät, wenn aus Gut plötzlich Böse wird und wenn man erkennen muss, dass alle Rechtfertigungen, die man für das eigene Tun anführen konnte, nicht mehr gelten. So ergeht es der Hauptfigur Leo Demidow. Im Gegensatz zu einigen Ex-Kollegen akzeptiert er seine Schuld. Aber kann er Wiedergutmachung leisten und gar Vergebung finden? Oder ist Verdrängung der einzig mögliche Weg? Damit der Leser weiß, was für ein Mensch Leo früher war, beginnt der Roman mit einem Rückblick ins Jahr 1949. Was das angeht, ist damit eigentlich alles gesagt. Leos Wandlung wird aber nur richtig verständlich, wenn man seine Erlebnisse in "Kind 44" kennt.

Erneut ist Leo Kristallisationspunkt realer geschichtlicher Geschehnisse. Diesmal erlebt er am eigenen Leib, was seine Opfer durchmachen mussten. Tom Rob Smith beschreibt die damaligen Gräuel sowie die Folgen für die Betroffenen äußerst eindrucksvoll und, wie man in der Wikipedia nachlesen kann, ohne Übertreibungen. Abermillionen Menschen haben in den verschiedenen Straf- und Arbeitslagern auf unvorstellbare Weise gelitten, Millionen sind dort gestorben. Diesmal geht der Autor allerdings noch einen Schritt weiter, und prompt gerät das Ganze aus den Fugen. Bekanntlich ist es infolge des Entstalinisierungsprozesses unter anderem in Ungarn zu einem Volksaufstand gekommen, der schließlich niedergeschlagen wurde. Soweit die wahre Geschichte. Smiths Erfindung (Vorsicht Spoiler): Sowohl Frajera als auch Frol Panin spielen dabei wichtige Rollen. Panin schickt Frajera nach Ungarn. Sie soll dafür sorgen, dass aus den friedlichen Demonstrationen blutige Kämpfe werden, die er mit massivem Militäreinsatz beenden kann. Auf diese Weise will er der von Chruschtschow angestrebten Abrüstung der konventionellen Streitkräfte entgegenwirken. Frajera wiederum lässt sich absichtlich benutzen, um der ganzen Welt vor Augen zu führen, wie brutal die Sowjetunion ist. Leo, seine Frau Raisa und Soja geraten mitten in diesen Aufstand hinein. Auf diesen effekthascherischen Teil des Romans hätte ich gut verzichten können.

Abgesehen davon bietet "Kolyma" gute Thrillerkost zum Mitfiebern, die außerdem zum Nachdenken und zur Beschäftigung mit einem sehr dunklen Kapitel der Menschheitsgeschichte anregt. Nicht so gut wie "Kind 44", aber das war auch nicht zu erwarten. (11.07.2018)


Zurück zu den Büchern

830
Labyrinth Douglas Preston / Lincoln Child: Labyrinth – Elixier des Todes
Knaur, 2017
521 Seiten

Vor noch nicht einmal zwei Jahren hat FBI-Agent Aloysius Pendergast erfahren, dass er zwei erwachsene Söhne hat. Der ältere, Alban, ist aufgrund einer Kombination aus beinahe übermenschlichen Kräften und absoluter Gefühllosigkeit zu einer perfekten Tötungsmaschine mit einer Vorliebe für sadistische Spielchen geworden. Als Pendergast ihn zuletzt gesehen hat, ist Alban im Dschungel Brasiliens verschwunden. 18 Monate später taucht Alban wieder auf – als Leiche, die von Unbekannten auf der Türschwelle von Pendergasts Stadthaus in New York abgelegt wurde. Das ist eine eindeutig an Pendergast gerichtete Botschaft, aber was hat sie zu bedeuten und wer ist der Absender? Wer auch immer dahintersteckt, muss über große Ressourcen und höchst ungewöhnliche Fähigkeiten verfügen, denn es ist seinerzeit selbst Pendergast nicht gelungen, seinen Sohn dingfest zu machen. Es wurden keinerlei Spuren hinterlassen und Pendergast hat keinen Ansatzpunkt. Das gilt auch für Lieutenant Peter Angler vom New York Police Department, der den Fall untersucht und sich Pendergasts ständige Einmischung gefallen lassen muss. Für Angler ist Pendergast der Hauptverdächtige in dieser Angelegenheit. Bei der Autopsie wird ein Türkis in Albans Magen gefunden. Pendergast lässt nicht locker, bis Angler ihm den ungewöhnlich gefärbten Stein für eine Herkunftsanalyse überlässt.

Um sich abzulenken und den Kopf frei zu bekommen, unterstützt Pendergast in der Zwischenzeit seinen alten Freund Vincent D'Agosta bei den Ermittlungen in einem anderen Mordfall. Der gerade erst aus den Flitterwochen mit seiner Angetrauten Laura Hayward zurückgekehrte Lieutenant soll klären, wer Victor Marsala erschlagen hat, einen Techniker des New York Museum of Natural History. Zunächst geht D'Agosta von einem Raubmord aus, doch schon bald zeigt sich, dass als Täter nur ein Gastforscher in Betracht kommt, der sich für das im Jahre 1889 in die Museumssammlung aufgenommene Skelett eines männlichen Hottentotten interessiert hat. D'Agosta freut sich über die Hilfe seines alten Freundes, nur um gleich wieder allein dazustehen, denn Pendergast erhält die Information, dass der Türkis nur aus einer ganz bestimmten aufgegebenen Mine am Rande des Saltonsees in Kalifornien stammen kann. Also zieht D'Agosta eine andere alte Bekannte zu Rate: Die Anthropologin Dr. Margo Green. Sie stellt fest, dass dem bewussten Skelett ein Oberschenkelknochen fehlt, obwohl es in den dazu gehörenden Unterlagen als vollständig bezeichnet wird, und dass es sich um die Überreste einer ungefähr sechzigjährigen Amerikanerin handelt.

Währenddessen erkundet Pendergast die Umgebung der Türkismine. Da er annimmt, dass er in eine Falle gelockt werden soll, sucht er nach einem Hintereingang. Es gibt tatsächlich einen, er befindet sich in einem verlassenen Luxushotel. Dort wird Pendergast von einem Killer angegriffen. Es gelingt ihm, den Mann zu überwältigen, doch ganz offensichtlich ist dieser nur ein Handlanger oder vielmehr ein Köder. Trotz Pendergasts Vorsicht schnappt die Falle zu. Beide Männer werden mit Gas betäubt. Nachdem Pendergast wieder zu sich gekommen ist, sorgt er dafür, dass der Killer ins Gefängnis wandert. Der Mann schweigt hartnäckig, beginnt aber nach einiger Zeit, vom Gestank vermoderter Blumen zu faseln und zu toben. Schließlich begeht er auf äußerst bizarre Weise Selbstmord. Pendergast, dem allmählich klar wird, dass sowohl Alban als auch er selbst für die schrecklichen Taten eines ihrer Vorfahren büßen sollen, nimmt eines Tages den nur für ihn vorhandenen unangenehmen Geruch welkender Lilien wahr ...

Im 14. Pendergast-Roman ist der Titelheld nach den traumatischen Erlebnissen, die zu Helens Tod und Albans Entdeckung geführt haben (siehe Fear: Grab des Schreckens), zunächst wieder obenauf und im Vollbesitz seiner Kräfte, nur um nach der Hälfte des Romans tiefer zu stürzen als je zuvor. Berücksichtigt man die Tatsache, dass seitdem schon zwei weitere Pendergast-Romane erschienen sind, spoilere ich jetzt wohl nicht zu sehr, wenn ich verrate, dass er sogar stirbt. Es bedarf des selbstlosen Einsatzes zweier wichtiger Nebenfiguren der Pendergast-Reihe (Margo Green und Constance Greene), damit es nicht dabei bleibt. Tatsächlich haben Margo und Constance sehr wichtige Rollen in diesem Roman, genauer gesagt sind sie die Heldinnen eines Dutzende Seiten umfassenden, heillos übertriebenen Showdowns, der an zwei Schauplätzen stattfindet (New York Museum of Natural History / Botanischer Garten Brooklyn) und den Kampf gegen Nazis in einem ausbrechenden Vulkan – wieder "Fear" – zwar nicht toppt, aber nahe daran ist. Da werden tumbe Söldner mit einer Supersäure in blutigen Brei verwandelt, Walfischaugäpfel werden als Waffen eingesetzt und ein toter Tyrannosaurus Rex beißt ein letztes Mal herzhaft zu! Mir war das eindeutig "too much", wie Guido Maria Kretschmer sagen würde.

Bis dahin ist der Roman aber durchaus gelungen. So gut gelungen, dass ich während der Lektüre dachte, ich könnte in ihn in dieser Review als einen der besten der Reihe bezeichnen. Geschickt wird Spannung aufgebaut, werden falsche Spuren gelegt und faszinierende Schauplätze wie der Saltonsee beschrieben, von dessen Existenz ich bis dato keine Ahnung hatte. Es verschlägt Pendergast sogar in eine Favela in Rio de Janeiro, wo er erfährt, was aus Alban nach dem Verschwinden im Dschungel geworden ist. Pendergasts Sohn hatte einen erstaunlichen, aber nicht unglaubwürdigen Sinneswandel. Es macht Spaß, gemeinsam mit Pendergast und D'Agosta nach der Wahrheit zu suchen (natürlich hängen Albans Tod und der Mord im Museum zusammen). Der Ausflug in die schaurige Vergangenheit von Pendergasts Familie ist interessant, zumal er dazu führt, dass Pendergast am Ende einige Altlasten abschüttelt. Bis es soweit ist, macht Pendergast eine Wandlung durch, die für all jene, die diese Figur seit Jahren kennen und ins Herz geschlossen haben, geradezu schockierend sein dürfte. Mir und meiner besseren Hälfte ist es jedenfalls so ergangen.

Leider hat besagter Showdown mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, wobei ich noch lobend erwähnen sollte, dass auf übernatürliche Phänomene vollständig verzichtet wurde. Ich habe nur eine Frage: Wie kam der Türkis in Albans Magen? (08.07.2018)


Zurück zu den Büchern

829
Vortex Robert Charles Wilson: Vortex
Heyne, 2016
289 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Spin und Axis.

In den Wirren der Spin-Jahre ist die Kriminalitätsrate so stark angestiegen, dass die Gefängnisse entlastet werden mussten. In Texas wurde deshalb die State Care als Auffangbecken für minder schwere Fälle gegründet. Seit sich die Verhältnisse wieder beruhigt haben, ist die State Care zu einer Fürsorgeeinrichtung für Menschen geworden, die nicht vom sozialen Netz aufgefangen werden. Sachverständige wie Dr. Sandra Cole haben über die Aufnahme neuer Kandidaten zu entscheiden. Eines Tages wird Sandra ein junger Herumtreiber namens Orrin Mather vorgestellt. Er wurde von Jefferson Bose eingeliefert, einem Officer der Houston Police. Orrin ist scheint verwirrt zu sein, ist aber nicht aggressiv und hat kein Verbrechen begangen. Es spricht also nichts dagegen, ihn in die Obhut seiner Schwester zu übergeben, die bereits von Bose benachrichtigt wurde. Doch dann wird Sandra von ihrem Vorgesetzten von dem Fall abgezogen. Orrin hat angeblich einen Pfleger angegriffen und soll für unzurechnungsfähig erklärt werden. Von Bose, der sich sehr für Orrin interessiert, erfährt Sandra, welchen Hintergrund die Geschichte hat. Orrin war Nachtwächter in einem Lagerhaus, das Boses Erkenntnissen zufolge als Umschlagplatz für verschiedene Chemikalien genutzt wird. Die Chemikalien werden zur Herstellung einer illegalen Variante der marsianischen Lebensverlängerungstherapie benötigt. Wahrscheinlich hat Orrin zu viel gesehen und soll mundtot gemacht werden. Sandra und Bose (die sich ineinander verlieben) machen gemeinsame Sache, um Orrin die Flucht zu ermöglichen und die Schmuggler zu überführen. Dabei begeben sie sich selbst in größte Gefahr.

Orrin hat einige Hefte mit Text gefüllt, der so gar nicht zu dem etwas zurückgebliebenen jungen Mann passen will. Außerdem werden Namen und Fakten erwähnt, die Orrin nicht bekannt sein dürften. Es handelt sich um die in Ich-Form verfassten Berichte eines Mannes namens Turk Findley und einer Frau namens Allison Pearl. Am Ende übernimmt ein gewisser Isaac Dvali die Berichterstattung. Die drei Personen erzählen eine phantastische Geschichte aus einer weit entfernten Zukunft: Auf der durch massive globale Erwärmung unbewohnbar gewordenen Erde existiert kein Leben mehr. Die Menschheit hat sich über die anderen Planeten des Weltenrings ausgebreitet. Neue Formen des Zusammenlebens wurden entwickelt. Die Bewohner der künstlichen Insel Vox sind durch limbische Implantate miteinander sowie mit den Prozessoren ihres gigantischen Habitats vernetzt und haben eine Art gemeinsames Über-Ich entwickelt, welches sie als Coryphaeus bezeichnen. Sie sind besessen von der Idee, sich mit ihren Göttern - den "Hypothetischen" - zu vereinigen. Zu diesem Zweck wollen sie von Äquatoria zur Erde reisen. Doch der Torbogen, der Erde und Äquatoria miteinander verbindet, hat seine Funktion schon vor Jahrhunderten eingestellt. Eine Durchquerung, so wird angenommen, ist nur möglich, wenn sich jemand auf Vox aufhält, den etwas mit den "Hypothetischen" verbindet. Es ist bekannt, dass Personen, die von den "Hypothetischen" absorbiert wurden, alle 9875 Jahre neu erschaffen werden. Und so warten die Bewohner von Vox mit geradezu religiöser Inbrunst auf die Wiederkehr der ersten Menschen, die ins Gedächtnis der "Hypothetischen" aufgenommen worden sind – darunter Turk Findley und Isaac Dvali ...

Nachdem ich nun alle Romane der "Spin"-Trilogie gelesen habe, kann ich nur feststellen, dass eine Trilogie nicht nötig gewesen wäre. Wilson hätte es beim titelgebenden Band belassen sollen! Nach dem sehr enttäuschenden mittleren Band gefällt mir der letzte wieder besser, aber auch "Vortex" kann sich nicht mit dem ersten Roman messen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Wilson nicht versucht hätte, die in "Spin" offen gebliebenen Fragen zu beantworten, sofern denn überhaupt Fragen offengeblieben sind. Auf den allerletzten Seiten von "Vortex" erlebt Isaac Dvali eine Apotheose (erinnert sehr an den Film 2001 – Odyssee im Weltraum) und erschafft praktisch das gesamte Universum neu, indem er eine alternative (bessere?) Zeitlinie eröffnet. Hier wird deutlich gesagt, was man sich bei der Lektüre von "Spin" schon zusammenreimen konnte. Die "Hypothetischen" sind keineswegs mächtige Außerirdische oder Götter. Man könnte sie eher als automatisch ablaufenden Prozess verstehen. Im Grunde handelt es sich um Maschinen, die einfach nur einer Programmierung folgen, dabei aber unfassbare Macht erlangt haben. Was sie mit den Menschen tun, ist nicht Ausdruck einer wohlwollenden göttlichen Absicht. Die Menschen sind lediglich für eine gewisse Zeit Nutznießer der Programmierung. Dieses letzte Kapitel wird weder für den vorliegenden Roman noch für das Verständnis von "Spin" wirklich gebraucht. Es gefällt mir sowieso nicht, wenn wichtige Informationen in derart gedrängter Form in einen Roman hineingequetscht werden.

Handlungsgegenwart, Vergangenheit und weit entfernte Zukunft beeinflussen sich gegenseitig. Turk Findley, den wir aus "Axis" kennen, wird 10.000 Jahre nach seinem Tod neu erschaffen. Er schreibt seine Erlebnisse auf. Die Aufzeichnungen werden von Isaac Dvali ins Bewusstsein des nur wenige Jahre nach der Auflösung der Spinmembran lebenden Orrin Mather transferiert. Dadurch verändert sich Orrins Schicksal grundlegend – und somit auch der Lebensweg Turk Findleys zu einem Zeitpunkt vor den Geschehnissen von "Axis"! Der Zirkelschluss ist ein netter Kunstgriff, außerdem werden dadurch zwei Handlungsebenen eröffnet, die auf ihre Weise durchaus interessant und manchmal sogar spannend sind. Vor allem funktioniert die menschliche Ebene viel besser als in "Axis", die Figuren und ihre Beziehungen zueinander sind interessanter.

Im Kommentar zu "Axis" habe ich moniert, dass Wilson seinem Universum kaum etwas Neues hinzuzufügen hat. Zumindest was den Zukunfts-Handlungsstrang angeht, gilt dieser Kritikpunkt diesmal nicht. So finde ich die vernetzte Gesellschaft von Vox faszinierend. Das Verhalten aller Bewohner der Insel wird durch ein kollektives Gewissen normiert. Was auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aussieht, erweist sich schon bald als Tyrannei der anderen Art. Damit sich Turk, ein Relikt aus einer völlig anderen Zeit, in dieser Welt zurechtfindet, wird ihm eine Frau namens Treya als "Dolmetscherin" zur Seite gestellt. Ihr Kopf wird mit Tagebuchaufzeichnungen einer Zeitgenossin Turks (Allison Pearl) vollgestopft. Als Treyas Implantat zerstört wird, so dass sie nicht mehr der Kontrolle durch Coryphaeus unterliegt, erwacht Allison sozusagen zum Leben und verdrängt die Treya-Persönlichkeit ...

"Vortex" ist sicher kein schlechter Roman. Ich kann nur nicht umhin, ihn mit dem genialen ersten Band zu vergleichen – und das Ergebnis fällt nicht günstig aus für den Abschluss der Trilogie. Wer "Spin" nicht kennt, hat wirklich etwas verpasst. Für "Axis" und "Vortex" gilt das leider nicht. (20.06.2018)


Zurück zu den Büchern

828
Die Wiederkehr Will Hill: Department 19 – Die Wiederkehr
Lübbe, 2013
668 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Die Mission.

Jamie Carpenter hat Alexandru Rusmanov vernichtet, einen der ältesten und mächtigsten Vampire der Welt. Außerdem ist es Jamie gelungen, einen Verräter in den Reihen von Department 19 zu überführen und somit seinen toten Vater zu rehabilitieren. Der Preis für diesen beispiellosen Erfolg ist hoch. Frankenstein ist beim Kampf gegen einen von Alexandrus Werwölfen über eine hohe Klippe ins Meer gestürzt und wird für tot gehalten. Jamies Mutter wurde in eine Vampirin verwandelt und darf die Operationszentrale von Department 19 nicht mehr verlassen. Jamie gibt sich die Schuld für den Tod seines besten Freundes, doch Frankenstein lebt. Er wurde von deutschen Fischern aus der Nordsee gezogen, hat aber sein Gedächtnis verloren und weiß nicht, wer er ist. Es zieht ihn nach Paris, denn der Name dieser Stadt bringt etwas in seinen Erinnerungen zum Klingen. Er läuft Jean-Luc Latour in die Arme, einem Vampir, mit dem er vor seiner Begegnung mit Jamies Großvater befreundet war. Latour bringt Frankenstein zu Lord Dante, dem selbsternannten Vampirkönig von Paris. Dante hat eine alte Rechnung mit Frankenstein offen, wovon dieser nichts ahnt.

Jamie hat eine neue Mitstreiterin für Schwarzlicht gewonnen, die zu einer guten Freundin für ihn und seine Geliebte Larissa Kinley (die Vampirin wurde ebenfalls als Schwarzlicht-Agentin rekrutiert) geworden ist: Kate Randall, eine der Überlebenden eines Vampirangriffs auf die Insel Lindisfarne. Jamie, Larissa und Kate bilden ein eingespieltes Team. Immer öfter sehen sie an ihren Einsatzorten den Schriftzug "Er kehrt zurück". Damit ist Graf Dracula gemeint, dessen Asche Alexandru Rusmanovs älterem Bruder Valeri in die Hände gefallen ist. Dracula hat Alexandru, Valeri und ihren jüngeren Bruder Valentin, seine drei treuesten Gefolgsmänner, vor über fünfhundert Jahren zu Vampiren gemacht, kurz nachdem er selbst durch eine übernatürliche Macht in den ersten je dagewesenen Vampir verwandelt worden ist. Valeri lässt sich menschliche Opfer in großer Zahl zuführen, um seinen Meister mit ihrem Blut ins Leben zurückzuholen. Sollte es den Agenten von Department 19 nicht gelingen, Dracula zu vernichten, bevor er seine volle Stärke zurückerlangt, dann wird nichts ihn stoppen können.

Matt Browning, ein Teenager, der nach einem Vampirangriff in der Schwarzlicht-Zentrale behandelt worden ist und nach Hause entlassen wurde, wird zum Vierten in Jamies Bund, als es ihm gelingt, zu Schwarzlicht zurückzukehren. Man weiht ihn in die Hintergründe eines Projekts ein, das unter dem Codenamen "Lazarus" läuft und so geheim ist, dass selbst hochrangige Agenten wie Jamie nicht über alle Details informiert sind. Die Umstände von Matts Rückkehr zur Zentrale von Department 19 lassen darauf schließen, dass bei Schwarzlicht mindestens ein weiterer Maulwurf tätig ist, der Valeri Rusmanov mit Informationen versorgt. Allerdings gibt es Verrat auf beiden Seiten: Valentin Rusmanov ist mit den Plänen seines Bruders nicht einverstanden. Er läuft zu Schwarzlicht über.

"Die Rückkehr" ist der zweite Teil einer fünfbändigen Reihe rund um Department 19. Hätte ich mich mal nicht auf die positiven Internetreviews verlassen! Mir gefallen die ersten beiden Bände nicht wirklich. Den ersten Band fand ich lediglich aufgrund der ungewöhnlichen Idee OK, dass es reale Vorbilder für die Figuren aus den Romanen Bram Stokers und Mary Shelleys gibt, dass Department 19 von Graf Draculas Gegnern gegründet wurde und dass deren Nachkommen immer noch Krieg gegen Vampire führen, sofern diese über die Stränge schlagen – was viele tunlichst vermeiden, um ein ganz normales Leben führen zu können. Dieses Szenario wurde in "Die Mission" ausreichend etabliert, es wird in "Die Wiederkehr" nicht weiter ausgearbeitet. Somit fällt der größte Pluspunkt schon mal weg.

Wie schon in Band 1 wird viel gekämpft. Eher sogar noch mehr. Die Gewaltdarstellung hat es derart in sich, dass ich die Vermarktung dieser Romane als Jugendbücher nicht verstehen kann. Jede einzelne Kampfsituation wird, um es positiv auszudrücken, mit viel Liebe zum Detail beschrieben. Vampire werden mit UV-Licht gegrillt oder sie zerplatzen blutig, sobald ihr Herz zerstört wird. Es werden Kehlen aufgerissen, Gliedmaßen abgetrennt, Köpfe zermatscht, es wird in Eingeweiden herumgewühlt und so weiter und so fort. Damit die Beschreibungen in der x-ten Wiederholung nicht langweilig werden, wird der Gewaltgrad einfach immer weiter gesteigert. So kommt es mir jedenfalls vor und ich fand's ermüdend. Überhaupt frage ich mich, warum der Roman mehr als 600 Seiten umfassen muss. Abgesehen von den redundanten Kampfszenen wird viel auf den Beziehungsproblemen der offenbar heftig pubertierenden Teenager herumgeritten. Gefühle werden verletzt, denn mal fühlt sich jemand zurückgesetzt und ist eingeschnappt, mal wird jemand eifersüchtig, Tränen fließen ... sorry, für sowas bin ich definitiv zu alt. Zumindest wenn es so aufgesetzt rüberkommt wie hier.

Das schlimmste Ärgernis ist erneut Jamie, die Hauptfigur der Serie. Man muss natürlich berücksichtigen, dass der Typ nicht mal volljährig ist, dann werden seine hormongesteuerten Eskapaden verständlich. Unverständlich bleibt, dass er in die größten Geheimnisse von Department 19 eingeweiht wird (man beachte: Er ist gerade mal seit drei Monaten dabei) und ein Team in die gefährlichsten Einsätze führen darf. Wodurch qualifiziert er sich für all das? Durch die Tatsache, dass er Alexandru mit mehr Glück als Verstand vernichten konnte? Ansonsten hat er nur schlechte Eigenschaften. Er schrammt ständig am Rand der Befehlsverweigerung entlang, sein Urteilsvermögen wird durch Gefühle beeinträchtigt, er lässt sich zu Überreaktionen hinreißen und bringt das Team in Gefahr. Was für eine Nervensäge. Dabei hat der Roman durchaus einzelne positive Aspekte zu bieten, etwa die Rückblicke in Draculas und Frankensteins Vergangenheit, Valentins freundlich-überlegene Konversation mit den Leuten von Schwarzlicht und Kapitel, in denen eine tot geglaubte Person (damit meine ich nicht Frankenstein!) eine Reise der besonderen Art unternimmt. Die besten Kapitel sind also jene, in denen Jamie nicht vorkommt ... (12.06.2018)


Zurück zu den Büchern

827
Die Invasoren von Ganymed Philip K. Dick und Ray Nelson: Die Invasoren von Ganymed
Bastei Lübbe, 1985
166 Seiten

Im Jahre 2047 kontrollieren Invasoren vom Ganymed die ganze Welt. Die Zentralregierung der Menschheit wurde zerschlagen. Alle Länder der Erde wurden in Lehen für hochrangige Ganymedaner und menschliche Günstlinge aufgeteilt. Nur die so genannten Neeg-Parts (Schwarze und amerikanische Ureinwohner) in Tennessee sind noch frei. Unter der Führung eines charismatischen Fanatikers namens Percy X haben sie sich in den Bergen verschanzt und leisten hartnäckig Widerstand. Trotz aller Anstrengungen ist es Marschall Koli, dem ganymedanischen Militäradministrator von Tennessee, noch nicht gelungen, die Widerständler auszuschalten. Koli träumt vergeblich davon, den Partisanenführer gefangen zu nehmen, ihm die Haut abzuziehen und diese zu einem schönen Wandbehang zu verarbeiten. Er schickt Percys Ex-Freundin Joan Hiashi nach Tennessee, damit sie unter dem Vorwand einer Recherche für ihre Musikfernsehsendung Kontakt mit den Neeg-Parts aufnimmt. Ein in ihren BH implantierter Peilsender soll es den Ganymedanern ermöglichen, die lästigen Rebellen aufzuspüren.

Mekkis, ein Mitglied des Großen Rates der Ganymedaner, hat andere Pläne mit Percy. Mekkis gehört der konservativen Fraktion an und hat gegen die Eroberung der Erde gestimmt. Zur Strafe wurde ihm Tennessee als Lehen zugeteilt. Um diese Demütigung in einen Erfolg umzuwandeln, beabsichtigt Mekkis, Percy die Herrschaft über einen Teil des Landes anzubieten und ihn somit zu korrumpieren. Das kann der Weltverband der Psychiater und Psychoanalytiker nicht zulassen. Diese Organisation arbeitet insgeheim hinter den Kulissen gegen die Ganymedaner. Man hat erkannt, dass Percy als Symbol für den Widerstand die letzte Hoffnung der Menschheit verkörpert. Sollte er unterliegen, würde es zu einer massiven Zunahme der Schizophrenieerkrankungen kommen – ein nicht mehr zu kontrollierender globaler Massenwahnsinn wäre die Folge. Dr. Paul Rivers erhält den Auftrag, Percy entweder vor den Nachstellungen der Ganymedaner zu schützen oder ihn zu töten, um ihn zum Märtyrer zu machen.

Währenddessen sucht Gus Swenesgard, einer der lokalen Feudalbarone, nach einem Geheimbunker, in dem angeblich Frauen für den Fall in Sicherheit gebracht wurden, dass die Menschheit in Abbilder der wurmartigen Invasoren umgezüchtet werden sollte. Der Bunker existiert wirklich, aber darin warten keine schönen Jungfrauen auf ihre Befreiung. Stattdessen werden dort Superwaffen gelagert, die vor Beginn der Invasion von Rudolph Balkani, dem genialen Leiter des Büros für psychedelische Forschungen, erschaffen worden sind. Diese Waffen fallen den Neeg-Parts in die Hände. Sollten sie eingesetzt werden, dann wären nicht nur die Ganymedaner von der Wirkung betroffen, sondern alle Bewohner der Erde ...

Dieser Roman ist zusammen mit Und die Erde steht still, Die seltsame Welt des Mr. Jones, und "Die rebellischen Roboter" (auch bekannt als Die Lincoln-Maschine) im Sammelband "Die Welten des Philip K. Dick" erschienen, welcher außerdem ein Vorwort sowie ein kurzes Essay über Dicks Leben und Werk von Uwe Anton enthält.

"Die Invasoren von Ganymed", erstmals erschienen im Jahre 1967, war der englischsprachigen Wikipedia zufolge ursprünglich als Fortsetzung von "Das Orakel vom Berge" (1962) gedacht, in der die Ganymedaner gar nicht vorgekommen wären. Zum Glück wurde das Buch nicht in dieser Form veröffentlicht, denn es wird dem genannten Meisterwerk in keiner Weise gerecht. "Die Invasoren von Ganymed" enthält zweifellos einige für den Autor typische Elemente bis hin zu surrealen Kapiteln, in denen sich die Realitätswahrnehmung der Protagonisten infolge des Einsatzes der Balkani-Superwaffe grotesk verändert. Ein Präkog, der eine schreckliche Zukunft vorhersagt, ist ebenso vorhanden wie Telepathen und Roboter, die nicht von echten Menschen zu unterscheiden sind, sowie die unvermeidliche zierliche dunkelhaarige Frau, der nicht zu trauen ist. Gibt es überhaupt einen Roman von P.K. Dick, in dem keine solche Figur vorkommt?

Und natürlich hat Dick keine handelsübliche Invasionsgeschichte abgeliefert. Das geht schon mit den Invasoren los. Die Ganymedaner waren vermutlich vor langer Zeit humanoide Wesen, haben jetzt aber eine derart hohe Entwicklungsstufe erreicht, dass sie keine Gliedmaßen mehr brauchen. Zuchtsklaven aus verschiedenen Völkern, die Creechs, ersetzen ihnen Arme und Beine. Wenn doch mal ein Schalter betätigt werden muss, dann erledigt man das als Ganymedaner mit der Zunge. Die Invasoren werden letztendlich nicht von tapferen Widerstandskämpfern vertrieben, sondern vom Weltverband der Psychiater und Psychoanalytiker! Und dann gibt es da noch Rudolph Balkani, der das Bewusstsein der o.g. Frau durch sensorische Deprivation manipuliert und sich an ihr vergehen will, dann aber auf ein von ihm selbst konstruiertes Roboter-Simulacrum hereinfällt. Abgedrehte Ideen sind also durchaus vorhanden, aber irgendwie haben sich all diese Einzelteile für mich nicht zu einem überzeugenden Ganzen zusammengesetzt – und das, obwohl die Story für Dicks Verhältnisse völlig geradlinig verläuft. (05.06.2018)


Zurück zu den Büchern

826
MacBest Terry Pratchett: MacBest
Heyne, 2001
286 Seiten

Eine der wichtigsten Regeln für die Hexen der Scheibenwelt lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Nichteinmischung! Würden die Hexen einmal Magie einsetzen, um die Geschicke der Scheibenwelt zum Besseren hin zu beeinflussen – bei den Machenschaften der diversen machtgierigen und/oder nicht ganz zurechnungsfähigen Herrscher hätten sie allen Grund dazu – dann müssten sie dies immer tun, was nur zu noch mehr Verwirrung führen würde. Die Menschen, so haben Esmeralda ("Oma") Wetterwachs und ihre Kolleginnen beschlossen, sollen ihre Probleme selbst lösen und die Hexen gefälligst in Ruhe lassen.

Doch es kann die netteste Hexe nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Verence I., Herrscher des inmitten der Spitzhornberge gelegenen Königreichs Lancre, in dem Oma Wetterwachs zu Hause ist, wird von seinem Cousin, Herzog Leonal Felmet, ermordet. Ein treuer Diener des Königs flieht mit dessen neugeborenem Sohn aus dem Schloss, wobei er die Königskrone mitnimmt. Schergen des Herzogs verfolgen ihn. Da die Hexen allseits ebenso geschätzt wie gefürchtet sind, hält der Diener es für eine gute Idee, den Thronfolger zu Oma Wetterwachs zu bringen, die gerade zusammen mit Gytha ("Nanny") Ogg und Magrat Knoblauch Hexensabbat bei Tee und Plätzchen feiert. Von einem Armbrustbolzen getroffen drückt der Sterbende der Hexe das Kleinkind und die Krone in die Hände. Nachdem Oma Wetterwachs die Schergen in die Flucht geschlagen hat, beratschlagen die Hexen, was mit dem Neugeborenen geschehen soll. Um sich nicht noch mehr in die Angelegenheiten der Mächtigen einzumischen, als es schon geschehen ist, übergeben sie den Kleinen (der von ihnen den Namen Tomjon erhält) einer durch die Lande ziehenden Schauspielertruppe. Die Krone wird in einer Requisitenkiste versteckt.

Schon bald stellt sich heraus, dass es damit nicht getan ist. Lord Felmet sitzt auf dem Thron, doch er ist ein sehr schlechter Herrscher, der obendrein von Gewissensbissen geplagt immer tiefer in den Wahnsinn abgleitet. Er quält das Volk mit Steuererhöhungen und willkürlicher Gewalt. Schwerer wiegt jedoch, dass Lord Felmet Lancre zutiefst verabscheut. Diesen Hass erträgt das Land nach einigen Monaten nicht mehr. Die drei Hexen spüren, dass eine gewaltige Macht erwacht. Eine Katastrophe kann nur abgewendet werden, wenn der rechtmäßige König den Usurpator unschädlich macht. Oma Wetterwachs ringt sich dazu durch, das Gebot der Nichteinmischung zu missachten, was ihr leichtfällt, weil der Herzog einen eklatanten Mangel an Respekt vor den Hexen an den Tag legt. Währenddessen setzen Lord Felmet und seine ehrgeizige Gattin alles daran, die Hexen in Misskredit zu bringen. In ihnen haben sie ihre Hauptwidersacherinnen erkannt und sie schrecken nicht einmal davor zurück, Nanny Ogg einzukerkern – ein unerhörter Vorgang, der allerdings anders ausgeht, als Lord und Lady Felmet es sich vorgestellt haben ...

"MacBest", der sechste Scheibenweltroman, ist keine Fortsetzung der ersten fünf Bände. Vorkenntnisse werden nicht benötigt. Auf die bisherigen Geschehnisse wird nicht Bezug genommen und bekannte Figuren wie zum Beispiel der Zauberer Rincewind kommen nicht vor. Oma Wetterwachs hat ihren ersten Auftritt zwar in Band 3, aber den muss man nicht kennen, um Band 6 genießen zu können, denn die Figurenzeichnung ist hier mindestens ebenso gut gelungen wie dort. Die gar nicht so böse, nichtsdestotrotz äußerst ehrfurchtgebietende Hexe gehört meiner bescheidenen Meinung nach neben der Personifizierung des Todes zu den besten von Terry Pratchett erschaffenen Figuren. Sie braucht feindliche Schergen nur intensiv anzustarren, um in ihnen Kindheitserinnerungen an dominante Frauenfiguren wachzurufen, bis sie zu stottern beginnen. Reine "Pschikologie"! Da muss Oma Wetterwachs ihre durchaus vorhandenen magischen Fähigkeiten gar nicht bemühen.

Die entsprechenden Szenen sind schon köstlich genug, aber im Zusammenspiel mit den beiden anderen Hexen sorgt Oma Wetterwachs für derart zwerchfellerschütternde Momente, dass ich bei der Lektüre oft lachen musste – das will was heißen, denn ich lese hauptsächlich in Zügen der Deutschen Bahn und vermeide Gelächter lieber, um nicht schief angeschaut zu werden. Die sinnenfrohe (um es vorsichtig auszudrücken) Nanny Ogg und Oma Wetterwachs, die niemand als verdrießliche alte Jungfer bezeichnen sollte, der nicht den Rest seines Lebens als Frosch verbringen möchte, könnten kaum gegensätzlicher sein. Dementsprechend heftig krachen sie immer wieder aneinander. Die Nachwuchshexe Magrat Knoblauch wiederum ist romantisch veranlagt, mag kleine Pelztiere und hat recht naive Vorstellungen vom Hexendasein, was ihren erfahrenen Kolleginnen immer wieder Gelegenheit gibt, sich vielsagende Blicke zuzuwerfen oder sich über die junge Hexe lustig zu machen. Eine Witzfigur ist Magrat aber keineswegs! Sie trägt sogar entscheidend zur Auflösung des ganzen Wirrwarrs bei. Und es gibt noch eine ganze Reihe anderer wunderbarer Figuren in mehreren parallel verlaufenden Handlungssträngen, so dass für abwechslungsreiche und kurzweilige Unterhaltung bestens gesorgt ist.

Tod hat lediglich ein kurzes Gastspiel (im wahrsten Sinn des Wortes). Er will herausfinden, was es mit dem Theater auf sich hat. Seiner Meinung nach gelingt den Menschen damit etwas, das eigentlich den Göttern vorbehalten sein sollte. Die Theaterschaffenden manipulieren die Realität beziehungsweise die Geschichte - oder zumindest die Art und Weise, wie die Zuschauer beides wahrnehmen, was auf dasselbe hinausläuft. Tod mischt daher bei einer Theatervorstellung mit. Prompt bekommt er Lampenfieber und vergisst seinen Text! Überhaupt kann man das Thema "Theater" als Kern der Story bezeichnen. Einerseits handelt es sich natürlich um eine humorvolle Variation von William Shakespeares Drama "Macbeth", andererseits werden unzählige Anspielungen eingeflochten; weitere Werke Shakespeares (vor allem "Hamlet") sind ebenso vertreten wie Dick und Doof, Charlie Chaplin und so weiter. Ganz nebenbei mogelt Pratchett auf diese Weise den einen oder anderen Seitenhieb auf die reale Welt mit hinein, etwa auf unsere Neigung, dem schönen Schein mehr zu vertrauen als der schnöden Realität. Der Roman ist sogar richtig aktuell, denn Lord Felmet versucht das Theater zur Verdrehung der Tatsachen zu missbrauchen. Fake News in der Scheibenwelt! (31.05.2018)


Zurück zu den Büchern

825
Cormacs Krieg Neal Asher: Cormacs Krieg
Bastei Lübbe, 2009
620 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Das Tor der Zeit.

Die Menschheit hat sich durch Nutzung der Subraumtechnologie über zahlreiche Planeten der Milchstraße ausgebreitet, deren Gesamtheit als Polis bezeichnet wird – ein Gemeinwesen, das allen Bürgern Sicherheit und einen sehr hohen Lebensstandard bietet. Die Polis wird nicht von Menschen regiert, sondern von Künstlichen Intelligenzen, die diese Aufgabe weit besser erledigen als ihre menschlichen Vorgänger. Nur KIs sind in der Lage, die Subraumtechnologie zu verstehen und die entsprechenden Systeme von Raumschiffen beziehungsweise der Runcibles (Portale zur zeitverlustfreien Versetzung von Menschen und Material über beliebige Entfernungen hinweg) zu bedienen. An der Spitze der Polis steht Earth Central, eine auf der Erde ansässige KI von derart überlegener Leistungsfähigkeit, dass ihr beinahe göttliche Eigenschaften zugesprochen werden. Streitkräfte, Geheimdienste, Exekutivorgane wie Polizeibehörden sowie verschiedene Hilfsorganisationen wurden in der Earth Central Security (ECS) zusammengefasst. Die Grenzen von Mensch und Maschine verschwimmen allmählich. Menschen rüsten sich mit diversen Implantaten auf, viele streben sogar eine Verbindung mit KIs an. Die KIs wiederum sind bestrebt, menschliche Emotionen zu verstehen und zu emulieren.

Vor geraumer Zeit wurde die Menschheit von den Prador angegriffen, einem nichthumanoiden raumfahrenden Volk, das tief in den Machtbereich der Polis eingedrungen ist und der ECS einen langjährigen, für beide Seiten verlustreichen Krieg aufgezwungen hat. In diesem schrecklichen Konflikt wurden Kampfraumschiffe und Kriegsdrohnen am Fließband produziert – ebenso die zu ihrer Steuerung benötigten KIs mit den für erbarmungslose Vernichtungsfeldzüge wünschenswerten Charaktereigenschaften. Nach dem Ende des Pradorkrieges haben sich viele dieser KIs (sowie einige Menschen) von Earth Central losgesagt und das Gebiet der Polis verlassen. Unter der Führung des Schlachtschiffes Trafalgar sind diese KIs zu einer neuen Entität verschmolzen, die sich Erebus nennt. Erebus steckt hinter der Ausbreitung der von ihm selbst genutzten Dschainatechnik in der Polis. Dies ist Teil eines Plans, der es ihm letztlich ermöglichen soll, sich alle freien KIs einzuverleiben und somit über die gesamte Milchstraße zu herrschen. Die lästigen Menschen sollen anschließend restlos beseitigt werden. Ian Cormac hat einen Agenten der abtrünnigen KI bis in deren Versteck verfolgt, doch die von ihm kommandierte Flotte wäre beinahe in einer von Erebus vorbereiteten Falle untergegangen. Nur durch das Eingreifen Orlandines konnte ein Teil des Kontingents fliehen.

Jetzt geht Erebus zum Generalangriff über. Seine vermeintlich wahllosen Attacken auf unbedeutende Randwelten sorgen bei der ECS für Kopfzerbrechen. Einer dieser Planeten ist die Randwelt Klurhammon. Dort wurde eine Stadt mit Dschainatechnik infiziert, außerdem hat sich Erebus die Mühe gemacht, zwei Personen zu Tode zu foltern. Cormac untersucht die Vorfälle vor Ort und steht vor einem Rätsel. Orlandine dagegen weiß genau, warum die beiden Menschen sterben mussten. Sie waren Orlandines Brüder. Erebus hat sie zur Strafe dafür ermordet, dass Orlandine nicht wie von ihm beabsichtigt zur weiteren Ausbreitung der Dschainatech beigetragen, sondern sich gegen Erebus gewandt hat. Das jedenfalls behauptet Fiddler Randal, eine Art intelligenter Computervirus in Erebus' System. Randal hat ein ganz persönliches Interesse daran, dass Erebus scheitert. Orlandine soll ihm bei der Erreichung dieses Zieles helfen. Währenddessen ist Cormacs Geliebte, die Wissenschaftlerin Asselis Mika, mit Drache unterwegs zu jenem Ort, an dem alles begonnen hat. Im vollkommen von Dschainatech absorbierten Wrack der Trafalgar macht Mika eine Entdeckung, durch die ihr Weltbild auf den Kopf gestellt wird ...

Dies ist der abschließende Roman eines aus fünf Bänden bestehenden Minizyklus im Polis-Universum. Es wäre sinnlos, mit "Cormacs Krieg" in die Serie einsteigen zu wollen. Wer die ersten vier Ian-Cormac-Romane nicht gelesen hat, würde nur Bahnhof verstehen. Der Minizyklus bildet eine Einheit, dessen Einzelbände man aufgrund der Vielzahl von Protagonisten und Handlungsebenen am besten in nicht allzu großen Zeitabständen lesen sollte.

Obiger Teaser gibt zu zwei Dritteln die gar nicht in diesem Roman enthaltene Vorgeschichte wieder, das letzte Drittel ist eine ganz kurze Skizze der Ausgangssituation. Oder zumindest eines Teils davon, denn auch Mr. Crane, der unbesiegbare Messingmann, wird wie alle anderen Schachfiguren in den ersten Kapiteln in Stellung gebracht. Diese Aufteilung habe ich gewählt, weil Exposition den Löwenanteil des Romans ausmacht Der Rest besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Schilderung eines Krieges, der eigentlich nicht Cormacs Namen tragen dürfte (tatsächlich lautet der englischsprachige Titel des Romans "Line War"), denn Ian Cormac trägt im Gegensatz zu Orlandine nur wenig zum Ausgang des Konflikts zwischen der Polis und Erebus bei. Der Leser erlebt lediglich zahlreiche Kampfhandlungen aus der Perspektive dieser Figur mit. Am Ende wird Cormac durch seine neu entdeckte Fähigkeit – er kann sich mittels Willenskraft durch den Subraum bewegen - doch noch zum Zünglein an der Waage. Die Frage, woher er diese Fähigkeit hat, wird ebenso schlüssig beantwortet wie so ziemlich alle seit Band 1 offen gebliebenen Punkte. Dabei liegt der Schwerpunkt eindeutig auf der Action sowie auf der bildgewaltigen Ausarbeitung exotischer Schauplätze. Kämpfe auf den von Erebus angegriffenen Planeten und großmaßstäbliche Raumschlachten machen prima Kopfkino möglich.

Figurenzeichnung findet dagegen kaum noch statt, und wenn, dann sind die interessantesten Figuren keine Menschen, sondern KIs. Es verwundert nicht, dass Earth Central und Erebus sowie Drache (der ja ebenfalls sowas wie eine KI sein dürfte) diejenigen sind, die im Hintergrund die Strippen ziehen, Ränke schmieden und so weiter. Die Menschen haben nichts zu melden und werden dumm gehalten. Cormac tut gut daran, Earth Central zu misstrauen; es stellt sich heraus, dass diese Super-KI keineswegs jener wohlwollende Herrscher ist, für den zumindest ich ihn gehalten habe. In Wahrheit geht er mit derselben kalten Maschinenlogik vor wie Erebus, nur mit einer anderen Zielsetzung. Die Kriegsdrohnen, insbesondere Cormacs Sidekick Arach, sind viel "menschlicher". Ich habe sie besonders ins Herz geschlossen, denn sie haben einen merkwürdigen Sinn für Humor und stürzen sich mit Begeisterung in brenzlige Situationen, in denen sie ihre Waffenarsenale zum Einsatz bringen können ...

Man könnte Asher vorwerfen, dass er erneut nur Geschehnisse variiert, die schon in den vorherigen Romanen in voller epischer Breite beschrieben worden sind. Es gelingt ihm aber immer wieder, diesen Elementen neue Aspekte abzugewinnen. Zehn weitere im Polis-Universum angesiedelte Bücher sind bereits erschienen, und trotz unübersehbarer Schwächen insbesondere bei diesem letzten Teil haben mir die Ian-Cormac-Romane so gut gefallen, dass ich wohl noch den einen oder anderen Band lesen werde! (22.05.2018)


Zurück zu den Büchern

824
Die Spiegelstadt Justin Cronin: Die Spiegelstadt
Goldmann, 2018
990 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Die Zwölf.

Alle Ur-Virals bis auf Carter wurden vernichtet und somit auch alle Virals, die von ihnen abstammen. Carters infizierte Nachkommenschaft ist nicht aggressiv. Die so genannten "Dopeys" greifen keine Menschen an und leben im Verborgenen. Die Bewohner Kerrvilles und die dorthin übergesiedelten Überlebenden der Stadt Homeland bekommen somit jahrelang keinen einzigen Viral zu Gesicht. Widerstrebend übernimmt Peter Jaxon, der in Kerrville ein friedliches Leben mit seinem Neffen Caleb führt und den Status eines legendären Helden erlangt hat, ein Amt im Stab der Präsidentin der Republik Texas. Nach einiger Zeit tritt er ihre Nachfolge an. Allmählich wächst in den Menschen die Überzeugung, dass sie nun darangehen können, ihre in Trümmern liegende und weitgehend entvölkerte Welt neu aufzubauen. Da der Bevölkerungsdruck in der ummauerten Stadt stetig zunimmt und keine Gefahr durch Virals mehr zu bestehen scheint, werden die Tore schließlich geöffnet. Der größte Teil der Bevölkerung verlässt die Stadt und gründet Siedlungen in der umliegenden Gegend.

Seit Amys Verschwinden hat Peter Träume, die für ihn eher eine Art zweites Leben sind. Nacht für Nacht findet er sich in einem idyllisch gelegenen Landhaus wieder, in dem er mit seiner geliebten Amy zusammenlebt. In Wahrheit weiß niemand außer Peters altem Kampfgefährten Lucius Greer, was wirklich aus Amy geworden ist. Als Peter ihr zuletzt begegnet ist, war sie ein vollständig verwandelter Viral. An diesem Zustand hat sich nichts geändert. Amy und Carter haben zugelassen, dass Greer sie in einem gestrandeten Schiff einschließt. Dort überdauern sie die Jahre schlafend. Greer sucht sie regelmäßig auf, um sie mit Tierblut zu füttern. Dabei riskiert er sein Leben, denn Amy hat sich nicht unter Kontrolle, wenn sie erwacht, und attackiert ihn jedes Mal. Amy und Carter wissen, dass die Welt keineswegs frei von Virals ist, denn "Zero", der erste Infizierte, aus dessen Blut das Virus zur Erschaffung der Zwölf gewonnen wurde, lebt noch immer. Greer hat eine Vision, in der er sich selbst auf dem Deck eines Schiffes stehen sieht, welches sich einer Insel nähert, über der eine auffällige Sternenkonstellation zu sehen ist.

Peters Freund Michael Fisher führt in all den Jahren ein einsames Leben auf dem Ozean. Mit einer instandgesetzten Jacht erkundet er die Küstenregionen der ehemaligen USA, wobei er feststellt, dass der Minengürtel, der angeblich zur Abriegelung des Landes installiert wurde, nicht existiert. Eines Tages stößt er auf die Bergensfjord, ein aus Oslo stammendes Schiff, mit dem Überlebende aus Europa zu einer Insel fliehen wollten, die sie für sicher hielten. Sie haben kollektiven Selbstmord begangen, als ihnen der Treibstoff ausgegangen ist. In der Bergensfjord findet Michael Informationen, denen zufolge sich die Virals nur in den USA entwickelt haben. Der Rest der Welt wurde von einer mutierten Version des Virus heimgesucht, der so schnell zum Tod geführt hat, dass sich die Menschen nicht verwandeln konnten. Somit liegt der Schluss nahe, dass die gut 200.000 Menschen in Kerrville alles sind, was von der Menschheit noch übrig ist. Nachdem Michael von Greer erfahren hat, dass die Virals irgendwann zurückkommen werden, beginnt er mit der Instandsetzung der Bergensfjord, um die letzten Menschen zu der Insel aus Greers Vision zu bringen. Auf dem Schiff würde allerdings nur ein Bruchteil der Bevölkerung Platz finden.

Nach dem Kampf gegen Horace Guilders Rotaugen und die Ur-Virals wurde Alicia Donadio, die ebenfalls das Virus in sich trägt, von Zero nach New York gerufen. Sie folgt dem Ruf und ist fest entschlossen, Zero zu töten, scheitert jedoch, weil sie von seinem Blute stammt. Alicia soll Amy zu Zero bringen. Um Alicias Vertrauen zu gewinnen, erzählt er ihr die Geschichte seines Lebens. So erfährt Alicia, welche Absichten Zero wirklich verfolgt ...

... und die sind fast schon erschreckend belanglos. Achtung, Megaspoiler: Aus Trauer um den Verlust seiner Geliebten will Zero die gesamte Menschheit ausrotten. Amy, in der er anscheinend so etwas wie eine Seelenverwandte und gleichzeitig ein Ärgernis sieht, soll denselben Verlust erleiden wie er, damit sie seine Depressionen verstehen kann. Oder so ähnlich. Fannings Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichte wird in einem fast 200 Seiten umfassenden Rückblick ausgebreitet. Zero war einst Prof. Tim Fanning, Harvard-Absolvent und hochangesehener Wissenschaftler, hat sich in die Frau von Jonas Lear (dem späteren Initiator des Projekts Noah) verliebt und ein Verhältnis mit ihr angefangen. Die beiden wollten sich nach Griechenland absetzen, doch die Frau ist auf dem Weg zu Fanning, der bei der großen Uhr im Grand Central Terminal auf sie gewartet hat, an Krebs gestorben. Dieses Ereignis beherrscht auch hundert Jahre später noch Fannings gesamte Gedankenwelt.

Die Motivation des Erzschurken ist so gut oder schlecht wie jede andere, die man sich hätte ausdenken können, aber im Grunde wird das alles überhaupt nicht gebraucht. Durch den Rückblick werden keine entscheidenden neuen Informationen über die Herkunft des Virus vermittelt und vielleicht wäre es sogar besser gewesen, hätte der Autor es bei den bisherigen Andeutungen über Zeros wahre Identität belassen. Die Banalität des Ganzen zerstört das Geheimnisvolle dieser Figur total. Obendrein mutiert Fanning am Ende zu einer klischeehaften Riesenfledermaus, gegen die im Showdown (der allerdings – typisch Cronin – keineswegs das Ende des Romans darstellt) gekämpft werden muss. Abgesehen von dem meines Erachtens zu langen Rückblick enthält der Roman viele Subplots mit unzähligen Nebenfiguren, die alle wirklich schön geschrieben und durchaus nicht langweilig sind, sich letzten Endes aber als überflüssiges Beiwerk oder bestenfalls als sehr weitschweifige "atmosphärische Elemente" herausstellen. Im obigen Teaser habe ich diese Elemente gar nicht erst erwähnt, auch geht daraus nicht hervor, dass der Roman einige teils sehr große Zeitsprünge enthält, was dem Spannungsbogen abträglich ist.

Figurenzeichnung und Weltenbau sind Cronins Stärken, das will ich gar nicht bestreiten. Ich wage jedoch zu behaupten, dass er es mit der Verhältnismäßigkeit nicht so hat. Cronin wird in Werbetexten immer mit Stephen King verglichen. Diese Vergleiche sind nicht falsch, denn wenn King 100 Seiten füllt, wo 10 ausreichend wären, da bringt Cronin es auf 1000! Na ja, das ist jetzt übertrieben. Dennoch muss ich feststellen, dass die aus Der Übergang, Die Zwölf und "Die Spiegelstadt" bestehende Passage-Trilogie eine Straffung bitter nötig hätte, wobei die meisten Kürzungen im dritten Band vorzunehmen wären, weil er der Trilogie nur wenig Neues hinzuzufügen hat. Was hinzugefügt wird, gefällt mit nebenbei bemerkt nicht in jedem Fall. Zum Beispiel gleitet die Geschichte für meinen Geschmack zu weit ins Esoterisch-Kitschige ab, wenn Figuren, die gerade erst oder vor längerer Zeit gestorben sind, im Jenseits ein glückliches Leben miteinander führen. Manchmal hapert es an der Glaubwürdigkeit, etwa wenn in den neu gegründeten Siedlungen Menschen auf eine Art und Weise verschwinden, die bei jedem, der in einer Welt voller Vampire aufgewachsen ist, die Alarmglocken zum Klingeln bringen müsste – was aber nicht geschieht.

Wie dem auch sei: Insgesamt habe ich die Lektüre nicht bereut. Das ist nicht der übergreifenden Story der Trilogie geschuldet, sondern Cronins Erzählkunst, bei der trotz vieler Redundanzen und Abweichungen keine Langeweile aufkommt. (17.05.2018)


Zurück zu den Büchern

823
Spock und ich William Shatner / David Fisher: Spock und ich
Heyne, 2016
301 Seiten, gebunden mit Bildteil

Jedermann kennt William Shatner und Leonard Nimoy oder vielmehr die von ihnen in der Fernsehserie "Raumschiff Enterprise" ("Star Trek") sowie mehreren Kinofilmen verkörperten Figuren James T. Kirk und Spock. Mit Kirk und Spock sind die beiden Schauspieler weltberühmt geworden. Die Lebenswege des Kommandanten der NCC-1701 sowie seines vom Planeten Vulkan stammenden ersten Offiziers dürften jedoch allgemein bekannter sein als die der beiden Schauspieler. Beide haben einige autobiografisch geprägte Bücher veröffentlicht und es existieren zahlreiche weitere Quellen, zum Beispiel die (Auto-)Biografien anderer Schauspieler, die an der Erschaffung von "Star Trek" beteiligt waren. Ich habe vieles davon gelesen und glaube mir ein ungefähres Bild der beiden Männer machen zu können.

Nun hat Shatner also ein Buch geschrieben, in dem es nicht nur um ihn selbst gehen soll, sondern auch um seinen im Jahre 2015 verstorbenen Kollegen und Freund Leonard Nimoy. Dieses Versprechen wird eingelöst. Shatner geht ausführlich auf Nimoys familiären Hintergrund und seine ersten Gehversuche als Schauspieler ein, behandelt die Probleme während der Dreharbeiten zu "Star Trek" sowie die Entwicklungen in der Fernsehlandschaft und im Filmbusiness allgemein, skizziert Nimoys beruflichen Werdegang nach dem Ende der Serie inklusive der Unmöglichkeit, sich von Spock zu lösen, und blendet seine Alkoholsucht nicht aus. Es ist interessant zu lesen, was Nimoy sonst noch so gemacht hat, zum Beispiel hat er sich erfolgreich als Dichter und Fotograf betätigt. Shatner bezieht sich allerdings stets mit ein. Soweit es um die gemeinsame Arbeit oder die Stationen einer wechselvollen Freundschaft geht, ist das völlig in Ordnung. Böse Zungen könnten jedoch behaupten, Shatner habe Nimoys Lebensweg lediglich als Aufhänger für eine weitere Autobiografie benutzt. Etwas weniger Selbstdarstellung hätte dem Buch jedenfalls bestimmt nicht geschadet.

Ein großes Problem war und ist Shatners Humor. Natürlich kann ich nicht beurteilen, ob hier romantisch verklärte Erinnerungen wiedergegeben werden und ich weiß nicht, inwieweit Shatners Selbstwahrnehmung der Realität entspricht. So bekommt man einmal mehr die allseits bekannten Anekdoten aus der "Star Trek"-Zeit zu lesen und Shatner macht einige Bemerkungen, die ich für verletzend halten würde, wären sie auf mich gemünzt. Shatner scheint zu glauben, dass seine Kollegen die Streiche, die er seinerzeit nicht lassen konnte, genauso lustig fanden wie er selbst. Vielleicht sind sie einfach zu höflich, ihm zu sagen, wie so etwas wirklich ankommt? Und so gibt Shatner letzten Endes fast mehr über Shatner preis als über Nimoy.

Im Nachhinein habe ich erfahren, dass das in Ich-Form verfasste Buch eigentlich Co-Autor David Fisher zuzurechnen ist. Er soll es anhand von Interviews mit Shatner geschrieben haben. So wird der Eindruck von Unstrukturiertheit erklärlich, den ich bei der Lektüre hatte. Klar, die Kapitel orientieren sich im Wesentlichen chronologisch am Lebensweg Nimoys und Shatners, insgesamt wird aber ziemlich viel hin und her gesprungen, vorgegriffen, zurückgeblickt und abgewichen.

"Ich und Spock" ist angenehm zu lesen, teils sogar berührend. Ich möchte es als durchaus angemessene Würdigung Leonard Nimoys bezeichnen. Das Buch enthält viele Einblicke in die komplexe Persönlichkeit eines außergewöhnlichen Menschen – aus der subjektiven Sicht William Shatners. (07.05.2018)

Zurück zu den Büchern

822
Und die Erde steht still Philip K. Dick: Und die Erde steht still
Bastei Lübbe, 1985
195 Seiten

Acht Personen, darunter Jack Hamilton und seine Frau Marsha, befinden sich auf der Besucherplattform des Belmont-Bevatrons in San Francisco, als der dortige Protonenstrahldeflektor außer Kontrolle gerät. Ein sechs Billionen Volt starker Strahl künstlich erzeugter kosmischer Energie äschert Teile des Gebäudes ein. Die Besucher sowie der Besichtigungsleiter Bill Laws stürzen durch das Energiefeld in die sechzig Fuß tiefer liegende Kammer des Bevatron-Supermagneten hinab, wobei alle bis auf den Kriegsveteranen Arthur Silvester das Bewusstsein verlieren. Alle überleben, wenn auch teils so schwer verletzt, dass sie einige Zeit im Krankenhaus verbringen müssen. Jack und Marsha dürfen noch am selben Tag nach Hause zurückkehren, doch beide spüren, dass etwas nicht stimmt. Jack wird von einer Biene gestochen, nachdem er geflucht hat. Ein Heuschreckenschwarm fällt über ihn her, als er eine böse Lügengeschichte erzählt, um eine ebenfalls zu den Opfern des Bevatron-Zwischenfalls gehörende Frau namens Joan Reiss zu erschrecken.

Jack hat seinen Job als Leiter des Forschungslabors von California Maintenance verloren (ein Konzern, der Lenkraketen für die Regierung herstellt), weil bei einer Sicherheitsüberprüfung festgestellt wurde, dass sich Marsha für linksgerichtete Gruppierungen interessiert. Jack stellt sich beim Konkurrenzunternehmen Electronics Development Agency vor und wird auf Anhieb engagiert. Allerdings scheint man sich bei EDA weniger für Fachkompetenz zu interessieren als für moralische Integrität und den Glauben an die "Heilige Schrift des Zweiten Bab". Nach verschiedenen bizarren Erlebnissen begreift Jack, dass er und die anderen Besucher des Bevatrons in Wahrheit immer noch in der Magnetkammer liegen. Die Zeit steht praktisch still, denn sie befinden sich in einer Parallelwelt, die von Arthur Silvesters Geist erzeugt wird. Der erzkonservative Exsoldat ist Anhänger einer kruden Religion, und in seiner Welt geschehen buchstäblich Zeichen und Wunder. Gebete werden erhört und Sünden durch göttliche Intervention bestraft ...

Dieser Roman ist zusammen mit Die seltsame Welt des Mr. Jones, Die rebellischen Roboter (auch bekannt als "Die Lincoln-Maschine") und "Die Invasoren von Ganymed" im Sammelband "Die Welten des Philip K. Dick" erschienen, welcher außerdem ein Vorwort sowie ein kurzes Essay über Dicks Leben und Werk von Uwe Anton enthält. "Und die Erde steht still", 1957 erschienen und Dicks Frühwerk zuzurechnen, wartet nicht mit den üblichen Science-Fiction-Versatzstücken auf. Dick lässt die Handlung im Jahre 1959 spielen und benutzt nur ein einziges futuristisches Gadget (das Bevatron), um Geschehnisse in Gang zu setzen, die sich in imaginierten Welten ereignen. Die Bewusstseine der acht Unfallopfer sind anscheinend infolge der Bestrahlung miteinander verschmolzen. Jeweils ein Bewusstsein ist dominant und diktiert die Verhältnisse für die anderen. Silvesters verdrehte Religiosität ist ein gutes Beispiel für die Aktualität dieses Autors. Der Exsoldat nimmt die Bibel wörtlich, und so wirkt die von ihm erschaffene Welt wie der Traum eines evangelikalen Fundamentalisten! Dick treibt den Irrsinn auf die Spitze und macht diesen Teil des Romans zu einer köstlichen Religionssatire.

Nachdem es Jack gelungen ist, Silvester in dessen Welt mattzusetzen, findet er sich nicht wie erhofft in der Realität wieder. Stattdessen wird der Geist der prüden Hausfrau Mrs. Pritchet dominant. Nach und nach lässt sie alles verschwinden, was sie für anstößig, schädlich oder auch nur unästhetisch hält, bis sie sich am Ende selbst eliminiert. In der nächsten Parallelwelt bekommen es die Protagonisten mit den beunruhigenden Wahnvorstellungen einer verklemmten Paranoikerin zu tun. Mit der letzten Episode vollendet Dick den Zirkelschluss der Rahmenhandlung, in der er die Auswüchse der McCarthy-Ära aufs Korn nimmt. Folgendes Zitat bringt es auf den Punkt: "Und eine Frau, die Friedenspetitionen unterschreibt, kann dieses Land dennoch von ganzem Herzen lieben." (01.05.2018)


Zurück zu den Büchern

821
Existenz David Brin: Existenz
Heyne, 2012
893 Seiten

Mitte des 21. Jahrhunderts führen Naturkatastrophen, Kriege und andere globale Krisen zu tiefgreifenden Umwälzungen. Infolge des Klimawandels haben sich die Küstenlinien verändert. Einige Städte sind bereits untergegangen, andere werden durch gigantische Dämme vor den Fluten geschützt. Nach dem "Furchtbartag", an dem mehrere Großstädte der USA nuklear verseucht wurden, ist es zu einem gesellschaftlichen Wandel gekommen, der als Big Deal bezeichnet wird. Eine aus zehn Ständen bestehende Kastengesellschaft wurde etabliert, an deren Spitze eine Erbaristokratie der Superreichen steht. Der alte Geldadel bildet eine Klade konservativer Clans mit neofeudalistischen Tendenzen, für die allerdings (wie für alle Aspekte des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebens) das Prinzip der totalen Transparenz gilt. Permanenter Onlinezugang zu den globalen Informationsnetzwerken ist für jedermann garantiert. VR-Brillen sind der letzte Schrei. Künstliche Intelligenzen sind entstanden, deren Gefahrenpotential niemand einschätzen kann. Durch Genmanipulationen wurden Schimären erschaffen (so wurde der Neandertaler zu neuem Leben erweckt) und zum Teil gleich wieder ausgerottet. Viele Menschen sind nicht mit der immer schneller voranschreitenden technischen Weiterentwicklung einverstanden. Die Abkehrbewegung des so genannten Propheten Tenskwatawa agitiert gegen den unkontrollierten Fortschritt, findet immer mehr Anhänger und gewinnt politische Macht.

Der Astronaut Gerald Livingstone sucht im Erdorbit nach Weltraumschrott, der sich ausschlachten lässt oder aus der Umlaufbahn entfernt werden muss, weil er eine Gefahr für die Raumfahrt darstellt. Dabei entdeckt Livingstone ein Artefakt, das eindeutig nicht von der Erde stammt. Es handelt sich um einen großen eiförmigen Kristall, der bei Berührung Bilder von nichthumanoiden Lebewesen sowie Schriftzeichen zeigt. Diese Entdeckung sorgt weltweit für großes Aufsehen, beweist sie doch, dass es außerirdisches intelligentes Leben gibt. Das Artefakt wird der Öffentlichkeit während einer internationalen Konferenz präsentiert. Die Ermittlungsreporterin Tor Powlow reist per Luftschiff zur Konferenz, verhindert einen Terroranschlag und wird künftig als Heldin gefeiert, zahlt jedoch einen hohen Preis für ihren Mut. Sie erleidet schwerste Verbrennungen, so dass das, was von ihrem Körper noch übrig ist, in einem Überlebenstank bleiben muss. Die Artefakt-Konferenz wird zu einer Sensation beispiellosen Ausmaßes, als sich herausstellt, dass in dem Kristall nicht etwa nur Bilder gespeichert sind, sondern die Bewusstseinsinhalte von Lebewesen, und als die Schriftzeichen lesbar gemacht werden können. Der Kristall ist nichts anderes als eine Sonde, eine Art Botschafter, der Kontakt mit anderen Völkern herstellen soll. Seine erste Botschaft lautet "Schließt euch uns an!"

Der Müllsammler Peng Xiang Bin lebt mit seiner Frau Mei Ling und seinem kleinen Sohn an der Mündung des Flusses Huangpu vor der großen Mauer, die Alt-Shanghai vor dem steigenden Meeresspiegel schützt. Peng Xiang Bins Heim ist eine ehemalige Strandvilla, die in früheren Zeiten mehrere Millionen New-Hong-Kong-Dollar teuer war, jetzt aber teilweise überflutet ist und praktisch keinen Wert mehr hat. Arme Familien können Anspruch auf derartige Gebäude erheben, wenn es ihnen innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens gelingt, sie zu sichern und wiederaufzubauen. Um das benötigte Geld zusammenzukratzen, muss Peng Xiang Bin auf riskante Tauchgänge in der Bucht gehen, denn Bergungsgut wird immer rarer. Eines Tages entdeckt Peng Xiang Bing die im Meer versunkene Residenz eines vor vielen Jahren gestorbenen Multimillionärs. Ein Lagerraum ist noch intakt. Dort hat der ehemalige Besitzer unzählige Edelsteine aufbewahrt. Ein besonders großer, Jahrtausende alter Kristall spricht zu Peng Xiang Bin, sobald er ans Licht geholt wurde. Auch dieses Artefakt ist ein außerirdischer Botschafter. Er bezeichnet den anderen als Lügner ...

Ausgangspunkt dieses Mammutwerks sind zwei Überlegungen. 1.: Wie kann die Menschheit die unzähligen Fallen umgehen, die zu ihrem Untergang führen könnten? Abgesehen von kosmischen Katastrophen (z.B. Einschläge großer Meteoriten), die sowieso nicht beeinflusst werden können, scheint unsere Spezies ja mit allen Mitteln an der Selbstvernichtung zu arbeiten. Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, Ressourcenverschwendung, Vernichtung ganzer Ökosysteme - das sind nur ein paar Beispiele für das, was wir unserer Welt und somit uns selbst antun. 2.: Wenn wir davon ausgehen, dass es allein in unserer Galaxie über 100 Milliarden Sonnen gibt, und dass unzählige Galaxien existieren, die viele Millionen Jahre älter sind als unsere – warum haben wir dann noch keine Hinweise auf jene intelligenten Völker entdeckt, die sich irgendwo im Universum in all dieser Zeit entwickelt haben müssen? Diese Frage ist unter der Bezeichnung "Fermi-Paradoxon" bekannt (siehe Wikipedia) und hat unmittelbar mit der ersten zu tun. Eine Erklärung für das Fehlen außerirdischer Zivilisationen könnte nämlich darin bestehen, dass selbige untergehen, bevor sie in der Lage sind, interstellare Raumfahrt zu betreiben oder zumindest mit Zivilisationen in anderen Sonnensystemen zu kommunizieren. Kern des Romans ist also nichts weniger als die Frage nach der Bestimmung der Menschheit.

Brin findet in "Existenz" durchaus überzeugende Antworten auf diese großen Fragen. Wie sich herausstellt, gibt es nicht nur die beiden im Teaser genannten Kristallsonden, sondern abertausende auf der Erde und im All. Die meisten behaupten, der Untergang sei unausweichlich und der einzige Ausweg bestehe in der millionenfachen Reproduktion eben solcher Sonden, in denen die hochgeladenen Bewusstseinsinhalte ausgewählter Personen für immer weiterexistieren können, während sie zu fernen Welten reisen, um die Warnung weiterzutragen. "Es ist ein verdammter Kettenbrief" - so bringt es ein Teilnehmer der Artefakt-Konferenz auf den Punkt. Es zeigt sich jedoch, dass die Behauptung des Botschafters eine selbsterfüllende Prophezeiung ist und dass der Menschheit durchaus andere Wege offenstehen. Pluralismus, Offenheit und Gelassenheit, verbunden mit vorurteilsfreier, kritikoffener Forschung, so verstehe ich Brins Roman, ist der Königsweg.

Diese Themen kommen erst in der zweiten Romanhälfte aufs Tapet. Das Hauptaugenmerk des Romans liegt zuvor auf dem Weltenbau. Wir lernen den facettenreichen Kosmos aus der Perspektive zahlreicher Protagonisten kennen. Im obigen Teaser habe ich bei weitem nicht alle genannt! Weitere wichtige Personen sind z.B. Hamish Brookeman, ein berühmter Regisseur und Autor, der zur Abkehrbewegung gehört, sich später aber von dieser löst, sowie Hacker Sander, Sohn einer Multimilliardärin, der sich die Zeit mit ebenso kostspieligen wie gefährlichen Hobbys vertreibt, durch Zufall auf intelligenzoptimierte Delphine stößt und dadurch eine neue Lebensaufgabe findet. "Wichtig" bedeutet, dass es viele Kapitel mit dem Blickwinkel dieser Personen gibt. Ob dieser Umfang wirklich gebraucht wird? Nun, eine gewisse Weitschweifigkeit lässt sich nicht abstreiten. Man könnte teilweise sogar von "Zähflüssigkeit" sprechen. Es ist Brin hoch anzurechnen, dass er doch immer wieder die Kurve kriegt und die meisten Handlungsebenen zu einem akzeptablen gemeinsamen Ende führt.

Allerdings schlägt er bis dahin einige Umwege ein und führt (Zeit-)sprünge durch. Nach über 650 Seiten beginnt plötzlich ein neuer Abschnitt, die bisherigen Geschehnisse liegen dann 30 Jahre zurück – und das ist nicht der letzte derartige Bruch. Ich hatte den Eindruck, dass Brin ursprünglich einen ganzen Romanzyklus schreiben wollte, die dafür vorgesehenen Ideen dann aber doch in einem einzigen Buch unterbringen musste. "Existenz" ist somit keine ganz leichte, aber durchaus lohnende Lektüre, die zum Nachdenken anregt. (23.04.2018)


Zurück zu den Büchern

820
Unruhe Arkadi und Boris Strugatzki: Unruhe
Heyne, 2014
123 Seiten

Der Planet Pandora ist fast vollständig von unerforschten Wäldern bedeckt. Auf einem mehrere Kilometer hohen Felsplateau, dem einzigen Punkt, der über den meist in einer nebelartigen Substanz verschwindenden Wald hinausragt, haben die Menschen eine Forschungsstation errichtet. Sie dient gleichzeitig als Ausgangspunkt für Ausflüge von Touristen, die unter der Anleitung erfahrener Führer auf Tachorgenjagd gehen. Alle Expeditionen müssen mit größter Vorsicht durchgeführt werden, denn Flora und Fauna Pandoras sind sehr gefährlich, außerdem verändert sich die Umgebung ständig. Karten sind somit schon nach einigen Monaten nutzlos. Man erzählt sich Geschichten von merkwürdigen Erlebnissen in den Tiefen der Wälder. Manche Forscher wollen springende Bäume gesehen haben, von Nixen bevölkerte dreieckige Teiche und sogar Menschen. Im Verlauf der Jahre sind mehrere Jäger und Forscher in den Wäldern gestorben oder spurlos verschwunden, darunter der Biologe Sidorow, von seinen Freunden "Athos" genannt. Er gilt seit einem Hubschrauberabsturz als tot.

Athos hat den Absturz überlebt, dabei aber eine Schädelverletzung erlitten und das Gedächtnis verloren. Er wurde von Menschen gerettet, die tief in den Wäldern leben. Sie haben Athos den Namen "Schweiger" gegeben. Eine junge Frau namens Nawa, die ihn gesund gepflegt hat, ist seine Frau geworden. Die Waldbewohner leben in Symbiose mit der Pflanzen- und Tierwelt Pandoras. Sie müssen sich der Attacken seltsamer humanoider Kreaturen erwehren, die es auf ihre Frauen abgesehen haben. Manchmal werden Dörfer überflutet oder vom Wald absorbiert. Obendrein machen Banditen die Gegend unsicher. Als Athos nach und nach Erinnerungsfragmente zurückgewinnt, wächst in ihm der Wunsch, "die Stadt" zu erreichen, einen legendären Ort, an dem er Antworten zu finden hofft. Immer wieder schiebt er den Aufbruch hinaus (nicht zuletzt aufgrund einer seltsamen Trägheit, die allen Dorfbewohnern zu eigen ist), doch eines Tages macht er sich endlich mit Nawa auf den Weg. Er ahnt nicht, dass er sich zwischen den Fronten eines Krieges befindet, der seit langer Zeit auf Pandora tobt ...

Diese zum Zyklus "Welt des Mittags" gehörende Novelle aus dem Jahre 1962 ist Bestandteil von Band 4 der Strugatzki-Werkausgabe, die außerdem Anmerkungen und Kommentare von Boris Strugatzki enthält. Dem Kommentar zu "Unruhe" zufolge waren die Autoren mit der hier abgedruckten Version nicht zufrieden. Die Novelle enthält zwei verschiedene Handlungsstränge. In einigen Kapiteln ist Athos die Hauptfigur und zusammen mit ihm taucht der Leser immer tiefer in die Geheimnisse des Waldes von Pandora ein. Diese Kapitel waren anscheinend nicht das Problem. Stattdessen hat die zweite Handlungsebene den Autoren nicht gefallen. Darin geht es um verschiedene Bewohner der Forschungsstation. Eine zentrale Figur ist nicht vorhanden, höchstens ein Mann namens Gorbowski, der ahnt, dass mit dem Wald etwas nicht stimmt. Diese Kapitel wurden entfernt. Die anderen wurden zum Kern des Romans "Die Schnecke am Hang" umgearbeitet. Auch dieser Roman enthält eine zweite Ebene, darin ähnelt nur der Schauplatz den Gorbowski-Kapiteln. Die Handlung verläuft völlig anders. In den Achtzigerjahren haben die Autoren ihren Frieden mit der ursprünglichen Fassung gemacht und diese neu veröffentlicht.

Im Gegensatz zu "Die Schnecke am Hang" sind die Gorbowski-Kapitel keine satirisch überspitzte Kritik an den kafkaesken Zuständen der Verwaltung in der Sowjetunion. Es geht lediglich um die Erkundung des Waldes aus einem anderen Blickwinkel. Die Vorgänge im Wald bleiben den Forschern (sowie dem Leser) völlig unverständlich. Ähnlich ist es in den Athos-Kapiteln, wobei hier am Ende doch manche Geheimnisse aufgedeckt werden. Dennoch muss man sich einiges selbst zusammenreimen, und genau dieser für die Strugatzkis typische Kunstgriff – also Geschehnisse zwar zu "zeigen" und Zusammenhänge anzudeuten, aber nicht genauer zu erklären – macht die Novelle zu einem ganz besonderen Lesevergnügen. Wer Parallelen zwischen dem Planeten Pandora im Werk der Strugatzkis und der gleichnamigen Welt in James Camerons Film Avatar – Aufbruch nach Pandora entdeckt, liegt wahrscheinlich nicht ganz falsch. Man hat Cameron sogar vorgeworfen, sein Film sei ein Plagiat. So weit würde ich nicht gehen, zumal der Film in zweieinhalb Stunden nicht annähernd so viel Komplexität und Fremdartigkeit vermittelt wie die Novelle der Strugatzkis auf nur ca. 120 Seiten. (16.04.2018)


Zurück zu den Büchern

819
Blutmond – Wilsberg trifft Pia Petry Petra Würth / Jürgen Kehrer: Blutmond – Wilsberg trifft Pia Petry
Grafit-Verlag, 2005
319 Seiten

Der Privatdetektiv Georg Wilsberg ist ganz zufrieden mit seiner Existenz, denn die Auftragslage ist gut und er hat keine Geldsorgen. Nur eins fehlt ihm zum Glück: Die richtige Partnerin. Wilsberg hatte seit der Scheidung einige Affären, die Frau fürs Leben war jedoch nicht dabei. Im Club Marquis, da ist sich Wilsberg sicher, wird er erst recht nicht fündig werden. In dem Etablissement außerhalb von Münster leben gut betuchte Kunden ihre sadomasochistischen Triebe aus. So auch das Ehepaar Renate und Jochen Averbeck. Renates Mann ist Geschäftsführer der Baumarktkette ihres Vaters. Die beiden sind oft zu Gast im Club Marquis und vergnügen sich dort nicht nur miteinander, sondern auch mit wechselnden Gespielen. Als Masochistin lässt Renate alle erdenklichen Demütigungen und Misshandlungen mit Freuden über sich ergehen. Doch bei der letzten großen Party ist sie in einem Separee des Clubs von einem Unbekannten angegriffen und schwer verletzt worden. Da Renates Familie zum alten Geldadel der Stadt Münster gehört, wird die Polizei nicht eingeschaltet. Ein gewaltiger Skandal wäre sonst unausweichlich. Im Auftrag der Clubbesitzer Clara und Manfred Heusken soll Wilsberg den Täter finden, bevor dieser noch einmal zuschlägt, denn das wäre das Aus für den Club.

Wilsberg lässt sich eine Gästeliste geben und sieht sich im Club um. Dort fällt ihm eine Frau seines Alters auf, die trotz Stilettos und Push-up-BH ebenso wenig ins Ambiente passt wie er selbst. Er begegnet ihr zum zweiten Mal, als er Renate im Krankenhaus besucht. Wilsberg heftet sich an die Fersen der Frau und findet heraus, dass sie sich mit Jochen Averbeck trifft. Ist sie womöglich seine Geliebte und hat mit ihm gemeinsame Sache gemacht, um die eifersüchtige Ehefrau zu beseitigen? Noch ahnt Wilsberg nicht, dass er es mit einer Kollegin zu tun hat. Ihr Name ist Pia Petry und sie betreibt mit ihrem Kompagnon Martin Cornfeld die Detektei "P-Quadrat" in Hamburg. Pia kennt Renate aus der Internatszeit. Jochen hat Pia zur Aufklärung des Falles engagiert. Auch er will die Sache nicht an die große Glocke hängen, denn sollte herauskommen, dass er die Firmenerbin zum SM-Sex "verführt" hat, würde er achtkantig aus der Firma fliegen. Als Pia entsprechende Kleidung besorgt, um im Club Marquis recherchieren zu können, begegnet sie einem faszinierenden Mann, der sich Dracu nennt und den sie schon beim ersten Clubbesuch in Aktion erlebt hat. Pia lässt Dracu näher an sich heran, als gut für sie ist.

Wilsbergs und Pias Wege kreuzen sich in der folgenden Zeit mehrmals. Es funkt gewaltig, aber zunächst verheimlichen sie sich gegenseitig, warum sie in der SM-Szene unterwegs sind. Beide werden auf Volker Wegener aufmerksam, einen wegen Körperverletzung vorbestraften Clubgast, der sich zurzeit außer Landes aufhält. In Wegeners Penthouse treffen die beiden Privatdetektive einmal mehr aufeinander. Über dem Bett hängt eine grässlich zugerichtete Leiche. Es ist die Verkäuferin aus Dracus Sexshop. Im Bad findet Pia Jochens Siegelring ...

Wilsbergs sechzehnter Fall ist Jürgen Kehrers erster in Zusammenarbeit mit Petra Würth entstandener Roman. Petra Würth hatte zu diesem Zeitpunkt schon zwei Romane mit der Hauptfigur Pia Petry veröffentlicht. Das Aufeinandertreffen dieser beiden grundverschiedenen Charaktere, die sich nicht kennen und sich gegenseitig verdächtigen, etwas mit dem Verbrechen zu tun zu haben, verleiht dem Buch einen ganz besonderen Reiz. In ständigem Wechsel folgt ein Kapitel mit Wilsberg als Ich-Erzähler auf eines, in dem Pia Petrys Blickwinkel eingenommen wird und so weiter. Wilsberg erzählt in der Vergangenheitsform, Pia Petry im Präsens. Beide haben unterschiedliche Sicht-/Herangehensweisen und erleben dieselbe Situation jeweils ganz anders. Der Leser wird somit quasi aus zwei völlig verschiedenen Richtungen allmählich an den Fall herangeführt. Wilsberg ermittelt wie immer "von außen", das heißt er versucht sich einen Überblick zu verschaffen und zu begreifen, mit wem er es überhaupt zu tun hat. Das weiß Pia bereits, denn sie kennt die Averbecks seit vielen Jahren. Tatsächlich hatte sie etwas mit Jochen, bevor er ihr von Renate ausgespannt wurde. Sie kann den Fall also "von innen" aufrollen. Aber auch Pia lernt noch neue Seiten an den Averbecks (und sich selbst) kennen, nämlich die Vorliebe für sadomasochistische Praktiken. Diese Thematik sorgt natürlich für zusätzliche Würze, denn das bunte Treiben im Club Marquis wird ziemlich detailreich beschrieben.

Zur Kultfigur Georg Wilsberg muss ich an dieser Stelle wohl kein Wort mehr verlieren. Er tritt gegenüber der Co-Hauptfigur zwar nicht in den Hintergrund, ist für mich aber ein alter Bekannter, von dem ich keine Überraschungen erwarte und dem Kehrer tatsächlich kaum noch neue Facetten verleiht. Wenn man mal davon absieht, dass der knurrige Westfale bis über beide Ohren verliebt ist. Der Autor kann sich also zurücklehnen und sich in Sachen Figurenzeichnung auf seine Kollegin verlassen. Ganz klar: Pia Petry, "die Neue", ist jetzt erstmal die interessantere Figur. Abgesehen davon, dass sie für eine Mittvierzigerin manchmal etwas naiv rüberkommt, finde ich sie sympathisch – auf eine ganz andere Art als Wilsberg. Sie mag die schönen Dinge des Lebens, ist ziemlich vorlaut und etwas chaotisch. Entsprechend unprofessionell geht sie an den Fall heran. Keine toughe Superfrau also, sondern als Mensch wie du und ich erkennbar. Sie bringt definitiv frischen Wind und Schwung ins Wilsberg-Universum. Hat Spaß gemacht! (11.04.2018)


Zurück zu den Büchern

818
Die seltsame Welt des Mr. Jones Philip K. Dick: Die seltsame Welt des Mr. Jones
Bastei Lübbe, 1985
196 Seiten

Nach langen Jahren eines mit atomaren, biologischen und chemischen Waffen geführten globalen Krieges liegen viele Städte in Trümmern. Die Nationalstaaten existieren nicht mehr; die Welt wird von der Bundesregierung (Bureg) beherrscht. Nahrungsmittel sind weltweit rationiert. Drogenkonsum ist legal. Mutanten werden auf Jahrmärkten zur Schau gestellt. Der Fanatismus wurde als Ursache für den verheerenden Weltkrieg identifiziert. Damit sich eine solche Katastrophe nicht wieder ereignet, wurde eine neue Philosophie eingeführt, die von der Geheimpolizei der Bureg rigide durchgesetzt wird: Der Relativismus. Jeder Mensch darf glauben, was immer er will. Religionen, Weltanschauungen und persönliche Meinungen werden also keineswegs unterdrückt. Aber niemand darf behaupten, im Besitz der allgemeingültigen Wahrheit zu sein und es ist strengstens verboten, anderen die eigene Ideologie aufzunötigen. Wer diesem Gebot zuwiderhandelt, wird zunächst aufgefordert, seine Behauptungen zu beweisen. Wer das nicht kann, landet in einem Arbeitslager. Allmählich erhebt sich die Menschheit aus den Trümmern. Technische Fortschritte werden gemacht und die Besiedlung der Venus wird vorbereitet.

Da stößt der junge Bureg-Agent Doug Cussick auf Mann namens Floyd Jones, der sich als Wahrsager betätigt. Jones behauptet, genau zu wissen, was sich im kommenden Jahr ereignen wird. So sagt er voraus, dass Nachrichten über die "Drifter" bald alle Medien beherrschen werden, außerirdische Wesen, die man in den kommenden Monaten überall auf der Erde sehen wird. Cussick macht Meldung bei seinen Vorgesetzten und stößt auf größeres Interesse als erwartet, denn die Existenz der Drifter ist bereits bekannt, wird aber streng geheim gehalten. Jones dürfte also nichts davon wissen, dass eines dieser gigantischen einzelligen Wesen entdeckt wurde. Jones wird festgenommen und befragt. All seine Vorhersagen treffen ein, so dass er den Geboten des Relativismus zufolge laufen gelassen werden muss. Aus demselben Grund – Jones kann beweisen, dass seine Behauptungen wahr sind - muss die Bureg dulden, dass Jones in den folgenden Jahren immer mehr Anhänger um sich schart. Er wird zur Führerfigur einer Massenbewegung. Ein Bürgerkrieg droht, in dem die Bureg stürzen würde, sollte Jones Erfolg haben. Attentatsversuche sind sinnlos, denn Jones kennt die Zukunft ja bereits ...

Dieser Roman ist zusammen mit "Und die Erde steht still", "Die rebellischen Roboter" (auch bekannt als Die Lincoln-Maschine) und "Die Invasoren von Ganymed" im Sammelband "Die Welten des Philip K. Dick" erschienen, welcher außerdem ein Vorwort und ein kurzes Essay über Dicks Leben und Werk von Uwe Anton enthält. Ich habe den Band in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden, er ist ansonsten nur noch antiquarisch erhältlich. Das ist schade! Die Romane mögen alt sein, sie wirken aber keineswegs veraltet, denn Dick war seinen Schriftstellerkollegen weit voraus.

"Die seltsame Welt des Mr. Jones" gehört zu Dicks Frühwerk (das Buch wurde 1956 erstveröffentlicht), aber alle bekannten Elemente, die in späteren Romanen immer wieder variiert werden, sind schon vorhanden: Eine globale Katastrophe, aus deren Trümmern sich eine veränderte Menschheit erhebt, menschenähnliche Roboter, Mutanten mit Parafähigkeiten, Besiedlung der erdnahen Planeten – und das Infragestellen der Realität, hier repräsentiert durch Floyd Jones. Er besitzt die Gabe (oder den Fluch), sein ganzes Leben zweimal zu leben. Er kann sich heute bereits daran erinnern, was er in einem Jahr erleben wird ... erlebt hat ... erlebt haben wird. Alles trifft genau so ein wie von ihm vorhergesagt. Niemand kann etwas daran ändern. Ist der freie Wille also eine Illusion? Ist alles vorherbestimmt? Der Relativismus ist eine der verblüffenden Ideen, für die ich Dicks Werke so liebe: Auf die Spitze getriebene Toleranz? Nur auf den ersten Blick, in Wahrheit ist das darauf basierende System genauso rigide wie jede beliebige Diktatur.

Die Story wird aus verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen erzählt, wodurch der Roman einen etwas zerfahrenen, irgendwie "hastigen" Charakter erhält. Er beginnt mit einer Gruppe kleinwüchsiger Menschen, die zur Besiedlung der Venus gezüchtet wurden, schwenkt aber schon nach wenigen Absätzen zu Cussick um. Ein langer Rückblick folgt, in dem Cussick allmählich aus dem Fokus gerät, nur um gegen Ende wieder zur Hauptfigur zu werden. Zwischendurch stehen Jones und dann wieder die Venus-Kolonisten im Mittelpunkt. Das Geheimnis der Drifter wird aufgeklärt und es zeigt sich, dass Jones eigentlich gute Absichten hatte. Vielleicht hat Dick versucht, zu viel in die knapp 200 Seiten hineinzuquetschen. Egal, lesenswert ist der Roman auf jeden Fall. (02.04.2018)


Zurück zu den Büchern

817
Die drei Sonnen Cixin Liu: Die drei Sonnen
Heyne, 2017
591 Seiten

Professor Wang Miao, ein in Peking lebender Spezialist für Nanotechnologie, wird – für ihn völlig überraschend – zu einer Geheimbesprechung geladen, an der hochrangige Militärs und Geheimdienstmitarbeiter (auch aus den USA) sowie der Antiterrorspezialist Shih Quiang von der örtlichen Polizei und der Physiker Ding Yi teilnehmen. Die Rede ist von Krieg, aber nicht etwa zwischen Ost und West, sondern zwischen der gesamten Menschheit und einem unbekannten Feind. In den letzten Monaten sind zahlreiche namhafte Wissenschaftler, die bahnbrechende Forschungen betrieben haben, unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Alle waren in irgendeiner Weise mit "Frontiers of Science" assoziiert, einer Organisation, die sich mit den Grenzen der Wissenschaft beschäftigt. Auch Ding Yis Freundin Yang Dong, die ein neues Modell der Stringtheorie entwickelt hat, gehört zu den Opfern. Sie hat sich das Leben genommen. In ihrem Abschiedsbrief spricht sie davon, die Physik habe niemals existiert und werde auch in Zukunft nicht existieren. Wang soll mit Shih Quiang zusammenarbeiten und sich als Maulwurf bei "Frontiers of Science" einschleusen, um mehr über die Todesfälle herauszufinden.

Zunächst einmal kommt das Wochenende. Wang gibt sich seinem Hobby hin und radelt durch die Stadt, um zu fotografieren. Auf jedem einzelnen Bild ist später eine Zahlenkombination zu sehen. Wang erkennt, dass es sich um einen Countdown handelt, der nur auf Fotos angezeigt wird, die er selbst gemacht hat – egal mit welcher Kamera. Wang glaubt den Verstand zu verlieren. Er wendet sich hilfesuchend an eine Bekannte namens Dr. Shen Yufei. Sie behauptet, der Countdown sei für ihn allein bestimmt und er müsse sein aktuelles Projekt (die Herstellung eines neuartigen Nanomaterials) einstellen, sonst werde es bald noch größere Probleme geben. Wang geht darauf ein. Prompt erlischt der Countdown. In Shen Yufeis Haus hat Wang gesehen, dass seine Bekannte mit dem Online-Spiel Three Body beschäftigt war, das man nur mittels eines VR-Anzugs spielen kann. Er legt sich einen solchen Anzug zu, loggt sich ein und findet sich in einer perfekten virtuellen Welt wieder, auf einem Planeten namens Trisolaris. Dort wechseln sich stabile und chaotische Klimaverhältnisse auf unvorhersehbare Weise ab. Nur wenn ein stabiles Zeitalter lang genug anhält, kann sich die virtuelle Zivilisation weiterentwickeln. Das Ziel des Spiels besteht in der Enträtselung der Hintergründe für den Wechsel.

Wang ist fasziniert, kehrt nach jedem Fehlschlag ins Spiel zurück und findet schließlich heraus, dass sich der Planet in einem aus drei Sonnen bestehenden System befindet und oft entweder zu weit von diesen entfernt ist, so dass er vereist, oder ihnen zu nahe kommt, so dass alles verbrennt. Damit hat Wang das nächste Level im Spiel erreicht und wird aufgefordert, zu einem Treffen von "Frontiers of Science" zu erscheinen. Three Body ist nichts anderes als ein Rekrutierungssystem für diese Organisation. Beim Treffen lernt er Ye Wenjie kennen, eine Gründerin von "Frontiers of Science". Die Astrophysikerin wurde in den Sechzigerjahren unschuldig als Verräterin denunziert und hat jahrzehntelang in der geheimen Militärbasis "Rotes Ufer" gearbeitet, um sich zu rehabilitieren. Hauptaufgabe von "Rotes Ufer" war die Kontaktaufnahme mit außerirdischen Zivilisationen ...

Science Fiction aus China? Ich wusste nicht, dass es das gibt. Das allein war Grund genug, mir diesen Roman zuzulegen. Es handelt sich um den ersten Band einer Trilogie. Wie erhofft macht die Story Einblicke in die Kultur Chinas möglich, die mir neu waren. Anders als es obiger Teaser vermuten lässt, beginnt die Geschichte nicht in der Gegenwart, sondern im Jahre 1967. Die so genannte Kulturrevolution tobt. Hauptfigur ist Ye Wenjie, deren Vater von Mitgliedern der Roten Garden vor ihren Augen zu Tode geprügelt wird. Äußerst eindrucksvoll wird Ye Wenjies Leidensweg beschrieben, bis sie schließlich in die Militärbasis gelangt und dort letzten Endes tatsächlich zur Verräterin wird. Ich wusste natürlich schon vorher so ungefähr, was während der Kulturrevolution in China vorgegangen ist, aber es ist eine Sache, dies in einem Geschichtsbuch zu lesen und eine ganz andere, es von einem "Insider" im Rahmen einer ergreifenden Geschichte erzählt zu bekommen. Was das angeht, fallen die in der Gegenwart spielenden Kapitel mit der Hauptfigur Wang ein wenig ab. Auch ist Wang keine annähernd so starke Figur wie Ye Wenjie. Mehrere Kapitel sind in der phantastischen virtuellen Welt Trisolaris angesiedelt. Wang begegnet hier verschiedenen Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Es sind hauptsächlich Wissenschaftler, die sich in der VR bemühen, die Dauer von stabilen und chaotischen Zeitaltern vorherzusagen. Einer konstruiert einen aus Millionen Soldaten bestehenden Computerchip (!), der vermutlich wirklich funktionieren könnte. Der Roman ist nicht zuletzt aufgrund derartiger Ideen faszinierend, zumal immer wieder aktuelle Themen wie Umweltzerstörung und dergleichen angerissen werden. Aber es gibt einen Haken.

Achtung, hier folgen Spoiler!
Ye Wenjie ist die einzige Person, die darauf aufmerksam wird, dass "Rotes Ufer" eine Botschaft von einer außerirdischen Zivilisation aufgefangen hat. In dieser Botschaft wird die Menschheit dringend davor gewarnt, eine Antwort zu senden, weil dies unweigerlich zu einer Invasion führen würde. Um sich an der Menschheit zu rächen, schickt Ye Wenjie eine Antwort ab. Nun, ich hätte nicht erwartet, dass es sich bei diesem preisgekrönten Roman "nur" um eine Invasionsgeschichte handeln würde! Das ist der erwähnte Haken. Immerhin ist die Art und Weise, wie diese Invasion durchgeführt oder vielmehr vorbereitet wird, durchaus ungewöhnlich. Die virtuelle Welt von Trisolaris bildet die Verhältnisse auf dem Heimatplaneten der Invasoren ab. Für die Trisolarier ist die Erde ein Paradies. Ihre Flotte wird 450 Jahre brauchen, um zur Erde zu gelangen. Es ist zu erwarten, dass sich die Menschheit in dieser Zeit weiterentwickeln und das Technologielevel der Invasoren überflügeln wird. Das muss verhindert werden. Deshalb greifen die Trisolarier zu Maßnahmen, die mir einen Tick zu phantastisch sind, um die führenden Wissenschaftler der Menschheit zu verwirren und somit den technischen Fortschritt zu hemmen ...

Wie dem auch sei: Meine Neugier wurde geweckt und Band 2 der Trilogie liegt bereits in meinem SUB. (28.03.2018)


Zurück zu den Büchern

816
Die Abendröte im Westen Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen
rororo, 2016
443 Seiten

Mitte des 19. Jahrhunderts flieht ein Vierzehnjähriger mit einem Hang zu sinnloser Gewalt, dessen Mutter bei der Geburt gestorben und dessen Vater ein Trinker ist, aus seinem ärmlichen Elternhaus in Tennessee. Er irrt bis zur völligen Verwahrlosung durch Texas und wird von Freischärlern rekrutiert, die unter dem Befehl eines gewissen Captain White Ländereien in Mexiko für die USA erobern wollen. Der Feldzug der schlecht bewaffneten Truppe endet, bevor er richtig beginnt. Die Männer werden von Komantschen angegriffen und massakriert. Der Junge überlebt, wandert weiter und landet schließlich in einem Gefängnis in Chihuahua. Er schließt sich einer Gruppe von Kopfgeldjägern an, die von John Joel Glanton angeführt werden. Diese Männer schließen Verträge mit den Behörden über die Tötung von Indianern im Grenzgebiet ab. Ihre Belohnung erhalten sie nach Vorlage der Skalps. Niemand interessiert sich dafür, ob die grausigen Trophäen von Kriegern stammen oder von Frauen und Kindern.

In manchen Städten werden Glantons Männer wie Helden gefeiert, doch das ändert sich schnell, wenn sie erst einmal damit anfangen, ihren Lohn zu vertrinken und zu randalieren. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Zwischenfällen – und manchmal verkaufen die Kopfjäger Skalps, die gar nicht von Indianern stammen, sondern von jenen Bürgern, zu deren Schutz die Verträge eigentlich abgeschlossen wurden. Glantons Gruppe schmilzt infolge der unzähligen blutigen Kämpfe sowie der strapaziösen Ritte durch Wüste und Gebirge immer weiter zusammen, findet jedoch stets neue Mitglieder. Von Anfang an dabei ist ein rätselhafter Mann namens Holden, der von den Männern "Richter" genannt wird und ein ganz besonderes Interesse an dem Jungen zu haben scheint ...

Man könnte diesen Roman dem Westerngenre zurechnen, aber das wäre zumindest irreführend – genauso irreführend wäre es zum Beispiel, Aguirre, der Zorn Gottes als Historienfilm zu bezeichnen. Beides ist nicht falsch, trifft den Kern der Sache aber nicht im Geringsten. Mit den vergleichsweise harmlosen Abenteuern ehrenhafter Westläufer und edler Indianerhäuptlinge, wie man sie von Karl May kennt, hat "Die Abendröte im Westen" jedenfalls rein gar nichts zu tun. Wenn sich Quentin Tarantino und David Lynch zusammentun würden, um Winnetou zu verfilmen, dann könnte etwas annähernd Vergleichbares dabei herauskommen!

Obiger Teaser hätte trotz des nicht gerade geringen Romanumfangs noch kürzer ausfallen können, denn eine Handlung ist eigentlich nicht vorhanden. Es handelt sich um eine Aneinanderreihung von Episoden, bei denen der Junge, dem die Story zunächst folgt, irgendwann komplett in den Hintergrund tritt. Ab und zu werden Erzählungen eingeflochten, die als Rückblicke fungieren. Der Junge spielt erst wieder eine Rolle, als Glantons Gang praktisch nicht mehr existiert. Seine Erlebnisse als Erwachsener bis hin zu seinem Tod werden dann noch geschildert. Das heißt: Es ist nicht sicher, ob er stirbt. Es wird nur angedeutet.

Prägend für den Roman ist vor allem die extreme Blutrünstigkeit. Glantons Leute (allerdings keineswegs sie allein) verüben Akte der Grausamkeit, bei denen ich, der ich mich in dieser Beziehung für ziemlich abgebrüht halte, doch manchmal schlucken musste. Ich will hier gar nicht weiter ins Detail gehen. Sagen wir es so: Was die entsprechenden Beschreibungen angeht, so müssten die oben genannten Regisseure wohl noch Leute wie George A. Romero oder Olaf Ittenbach für den Splatterfaktor ins Boot holen! Ich nehme an, der Autor will auf diese Weise klarstellen, dass es sich nicht um einen Abenteuerroman handelt. Und ich befürchte, dass er nicht einmal übertreibt; er soll umfangreiche Recherchen angestellt haben. Somit wird ein ganz anderes Bild des "Wilden Westens" gezeichnet als etwa in Edelwestern mit John Wayne – vermutlich ein weit realistischeres. Auch ohne die Gewaltdarstellung ist das Buch äußerst düster. Elend, Dreck und Verwahrlosung überall. Dann aber wieder grandiose Naturbeschreibungen in der für McCarthy typischen präzisen und prägnanten, gleichzeitig poetischen Sprache.

Es gibt keine einzige positive Figur. Im Reigen der Absonderlichkeiten ist "Richter" Holden die merkwürdigste Erscheinung. Ist er überhaupt ein Mensch? Oder eine Inkarnation Satans? Sein Äußeres ist schon ungewöhnlich. Er ist ein Riese von Gestalt, übermenschlich stark, massig und völlig haarlos. Er zeigt sich oft mit entblößtem Oberkörper und tanzt gern völlig nackt. Holden ist hochintelligent und besitzt eine umfassende Bildung, spricht mehrere Sprachen und hat feine Manieren, doch er ist das womöglich grausamste und hinterlistigste Mitglied der Gruppe. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass er überall dort, wo die Glanton-Gang Logis bezieht, junge Frauen oder gar Mädchen entführt, vermutlich vergewaltigt und tötet. Die Opfer werden nie wieder gesehen. Holden stellt Naturforschungen an, deren Ergebnisse er in einem Buch festhält. Er ist der Ansicht, ohne sein Wissen – oder vielmehr seine Einwilligung – dürfe nichts existieren ...

"Die Abendröte im Westen" ist gleichzeitig verstörend und faszinierend, allerdings dürften die schonungslosen Schilderungen extremer Gräueltaten nicht jedermanns Sache sein! (21.03.2018)


Zurück zu den Büchern

815
Fluchtversuch Arkadi und Boris Strugatzki: Fluchtversuch
Heyne, 2014
147 Seiten

Wadim, von Beruf struktureller Linguist, und sein Freund, der Raumschiffspilot Anton, freuen sich auf einen Jagdausflug zum Planeten Pandora. Tatsächlich hat Wadim die noch zu erbeutenden Tachorge-Trophäen bereits verschenkt. Doch kurz vor dem Abflug taucht ein leicht verwirrt wirkender Mann namens Saul Repnin auf, angeblich Historiker und Spezialist für das 20. Jahrhundert. Er hat eine dringende Bitte, die die beiden jungen Männer, gutherzig wie sie sind, gern erfüllen. Repnin möchte zu einem beliebigen Planeten gebracht werden, der gute Lebensbedingungen bietet, aber noch nicht besiedelt wurde. Man entscheidet sich für eine Welt mit der Registriernummer EN 7031 und tauft diese auf den Namen "Saula". Das Klima ist unwirtlich; die Umgebung der Landestelle ist tief verschneit. Trotzdem ist Repnin zufrieden. Doch dann entdeckt das Trio mehrere Leichen. Die menschenähnlichen Toten sind nur mit Jutesäcken bekleidet und offensichtlich erfroren. Jute existiert auf der Erde nicht mehr, also muss es sich um Eingeborene handeln.

Man erkundet die Gegend per Gleiter und entdeckt eine bizarre Szenerie. Auf einer kilometerlangen mehrspurigen Straße bewegt sich ein lückenloser Strom verschiedener robotgesteuerter Fahrzeuge von einem Krater zu einem anderen, in dem sie spurlos verschwinden. Es handelt sich vermutlich um Hinterlassenschaften einer hochentwickelten Zivilisation, die unter dem Namen "Wanderer" bekannt ist und nichts mit den Ureinwohnern des Planeten zu tun hat. Letztere haben ein dem irdischen Mittelalter ähnelndes Entwicklungsniveau erreicht. Es ist eine Sklavenhaltergesellschaft, in der alle Kriminellen, Abweichler und Andersdenkenden unter erbärmlichsten Bedingungen gehalten werden. Anton, Wadim und Repnin beobachten, mit welcher Rücksichtslosigkeit die Sklavenhalter die Gefangenen behandeln. Diese werden zu Hunderten zur Erforschung der Robotfahrzeuge geopfert. Wadim glaubt, dass man lediglich ein wenig Entwicklungshilfe leisten müsste, um die Lebensbedingungen aller Bewohner Saulas zu verbessern. Repnin sieht das anders. Aus eigener Erfahrung weiß er nur zu gut, dass sich derartige Zustände nicht so leicht ändern lassen ...

Dieser zum Zyklus "Welt des Mittags" gehörende Kurzroman aus dem Jahre 1962 ist Bestandteil von Band 4 der Strugatzki-Werkausgabe, die außerdem Anmerkungen und Kommentare von Boris Strugatzki enthält. Im Kommentar zu "Fluchtversuch" schreibt er, hierbei handele es sich um einen Umbruch, denn einerseits sei die Idee der Progressoren aufgekommen (Progressoren spielen wichtigen Rollen in vielen späteren Romanen der Strugatzkis), vor allem aber hätten er und sein Bruder erstmals erkannt, welche Effekte man durch den Verzicht auf Erklärungen erzielen kann. Man erfährt nicht, was es mit den Robotfahrzeugen wirklich auf sich hat. Es könnte sich um eine Art Umschlagplatz handeln, eine Zwischenstation beim automatisierten interstellaren Warentransport. Außerdem wird nicht ganz deutlich, woher Saul Repnin kommt. Er muss ein Zeitreisender sein, das ist klar, aber wie hat er diese Zeitreise unternommen? So entsteht eine ganz spezielle fremdartige Atmosphäre. Dieses Stilmittel haben die Strugatzkis spätestens mit Picknick am Wegesrand perfektioniert.

Hinzu kommen äußerst eindrucksvolle Schilderungen der grauenhaften Verhältnisse auf Saula. Es ist schon erstaunlich, wie die Strugatzkis auf ganz wenigen Seiten eine komplette Kultur (wenn man denn von einer "Kultur" sprechen kann) skizzieren und diese der geradezu idyllischen Welt gegenüberstellen, in der Wadim und Anton leben. Ihre fröhliche Sorglosigkeit und das Elend auf dem fremden Planeten könnten gegensätzlicher nicht sein. Der humorvolle Auftakt mündet in eine sehr bedrückende zweite Hälfte. Anton und Wadim meinen es gut und wollen helfen, machen durch ihr Eingreifen aber alles nur noch schlimmer. Auch diesbezüglich ist Boris Strugatzkis Kommentar erhellend. Es handelt sich um eine Anspielung auf die Mongolei, die durch die "uneigennützige Hilfe" der UdSSR aus dem Feudalismus direkt in den Sozialismus geführt worden ist – so die offizielle Version. Was die Strugatzkis davon halten, kann man deutlich erkennen. Erwähnenswert finde ich noch, dass man dem Roman sein hohes Alter nicht anmerkt. Er ist heute so aktuell wie vor 56 Jahren. (12.03.2018)


Zurück zu den Büchern

814
Axis Robert Charles Wilson: Axis
Heyne, 2016
305 Seiten

Jahrzehntelang war die Erde in den Spin gehüllt, eine Membran, die unter anderem zu einem stark verlangsamten Zeitablauf geführt hat. Während eines Jahres Erdzeit sind außerhalb der Spin-Membran ungefähr 100 Millionen Jahre vergangen. Die Menschen haben diesen Umstand genutzt, um den Mars zu terraformen und zu besiedeln, in der Hoffnung, ihre Nachkommen könnten Antworten auf die Fragen finden, von wem und zu welchem Zweck der Spin erschaffen worden ist. Diese Hoffnung hat sich nur teilweise erfüllt. Man geht inzwischen davon aus, dass die gesamte Galaxie von einem Netzwerk durchzogen ist, das aus unfassbar weit entwickelten selbstreplizierenden Nanomaschinen oder vergleichbaren biomechanischen Konstrukten besteht und gottgleiche Fähigkeiten besitzt. Unklar bleibt, ob diese "Hypothetischen" sich ihrer eigenen Existenz bewusst sind, denken können und selbstgesetzte Ziele verfolgen – oder ob es sich vielmehr um einen unbewussten Prozess handelt, den automatischen Ablauf eines Programms, das von einer unbekannten Macht im Hintergrund vorgegeben wird. Die Marsianer sind zu Meistern der Genetik geworden und haben ein Verfahren entwickelt, mit dem sich das Leben um Jahrzehnte verlängern lässt. Man erhält sozusagen ein viertes Lebensalter. Dieses Verfahren haben die Marsianer mit ihren Ahnen von der Erde geteilt, doch es wurde als verwerflich gebrandmarkt. Genetisch veränderte Menschen, so genannte "Vierte", müssen in den Untergrund gehen, wenn sie nicht den Häschern des Ministeriums für Genomische Sicherheit in die Hände fallen wollen. Das MfGS wacht mit brutalen Mitteln über die "Reinerhaltung" des menschlichen Erbguts.

Die Spinmembran hat sich inzwischen weitgehend aufgelöst, der Zeitablauf auf der Erde hat sich dem restlichen Universum angeglichen. Die Hypothetischen haben der Menschheit ein unermesslich wertvolles Geschenk hinterlassen. Im Indischen Ozean erhebt sich ein bis in die höchsten Schichten der Atmosphäre reichender Torbogen. Wenn man ihn mit einem Seeschiff durchquert, gelangt man auf einen weit entfernten Planeten, der höchstwahrscheinlich von den Hypothetischen erschaffen und so gestaltet wurde, dass Menschen dort leben können. In den Jahrzehnten seit der Auflösung der Spinmembran wurde der Kontinent Äquatoria auf dieser Welt besiedelt. Ein reger Handelsverkehr ist entstanden, denn der Planet bietet schier unerschöpfliche Vorräte an Ressourcen, die auf der Erde rar geworden sind. Eines Tages gerät die Ölförderung in einer Wüste im Westen Äquatorias nach heftigen Erdbeben ins Stocken. Die Wüste wird zum Sperrgebiet erklärt.

Eine junge Frau namens Lise Adams reist in die Hafenstadt Port Magellan auf Äquatoria, um nach Hinweisen auf ihren spurlos verschwundenen Vater zu suchen. Er muss etwas mit einer Kolonie von Vierten rund um den Wissenschaftler Dr. Avram Dvali zu tun gehabt haben. Lise bittet den Piloten Turk Findley, mit dem sie einst eine Affäre hatte, sie zu Dvalis Kolonie zu bringen. Auch die Marsianerin Sulean Moi ist dorthin unterwegs. Sie interessiert sich für einen kleinen Jungen namens Isaac. Das Kind wurde im Mutterleib mit einer Technologie behandelt, die bei Erwachsenen tödliche Folgen hätte und es ihm ermöglichen soll, in Kontakt mit den Hypothetischen zu treten. In diesen Tagen kommt es zu einem unerklärlichen Phänomen auf Äquatoria. Gewaltige Staubmengen, möglicherweise Überreste von Hypothetischen aus dem All, fallen auf die Planetenoberfläche, wo daraufhin merkwürdige Objekte entstehen ...

Der zweite Teil der "Spin"-Trilogie reicht nicht ansatzweise an den genialen ersten heran, weder was den Umfang angeht, noch in Bezug auf die Story. Im ersten Roman wird ja nicht nur eine absolut faszinierende Grundidee vorgestellt, deren Rätselhaftigkeit nach und nach verständlicher wird, was dann zu weiteren überraschenden Erkenntnissen führt. Und es werden nicht nur die vielschichtigen gesellschaftlichen, politischen und weltanschaulichen Auswirkungen dieser Entwicklung ergründet, was allein schon für einen sehr komplexen Roman ausgereicht hätte. Der Clou an "Spin" ist meines Erachtens die menschliche Ebene. Die Gigantomanie wird auf drei persönliche Einzelschicksale heruntergebrochen. Der Leser erlebt die Umwälzungen nach Entstehung der Spinmembran hauptsächlich aus dem Blickwinkel Tyler Duprees, dessen Lebensweg jahrzehntelang gefolgt wird. Durch die Beziehung mit den Zwillingen Jason und Diane Lawton ist er immer am Puls des Geschehens. Nur Diane kommt übrigens im zweiten Roman wieder vor. Jason hat ja den ersten Roman nicht überlebt. Tyler, so erfahren wir jetzt, ist im hohen Alter friedlich gestorben.

Das alles fällt in "Axis" fast vollständig weg. Die Ausgangssituation ist etabliert, Wilson hat seinem Universum kaum etwas Neues hinzuzufügen. Die Handlung erstreckt sich höchstens über ein paar Wochen und eine so interessante Figurenkonstellation wie in "Spin" gibt es diesmal nicht. Die Erschließung des neuen Planeten ist Nebensache. Themen wie Umweltverschmutzung, rücksichtslose Ressourcenausbeutung und die geradezu faschistoide Reaktion der Menschen auf die "Vierten"-Behandlung klingen nur am Rande mit. Lise, ihr fürs MfGS arbeitender Exmann Brian Gately und ihr neuer/alter Lover Turk sind durchaus keine platten Abziehbilder, sie sind mir aber weitgehend egal geblieben. Und was geschieht in "Axis" eigentlich, was lernen wir? Die Hypothetischen existieren und sie sammeln Informationen, wobei sie sich herzlich wenig um das Schicksal der Lebewesen scheren, die zufällig auf dem Planeten leben, welcher von den Hypothetischen genutzt wird – wofür eigentlich? Das ist mir nicht klargeworden.

Ich möchte "Axis" als Musterbeispiel für verschwendete Chancen bezeichnen. Was hätte man aus der Erkundung des neuen Planeten nicht alles herausholen können! Im Gegensatz zum ersten Roman fehlt mir hier jegliches Gefühl des Phantastischen. Sense of Wonder? Fehlanzeige. Hinterher ist man genauso schlau wie am Anfang. Vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch. Auf jeden Fall war ich sehr enttäuscht. (06.03.2018)


Zurück zu den Büchern

813
Grimmbart Volker Klüpfel / Michael Kobr: Grimmbart
Knaur, 2015
479 Seiten

Wenn Kluftinger eins nicht leiden kann, dann ist das eine Störung des wohlverdienten Feierabends. Erst recht, wenn es sich um einen Anruf seines Intimfeindes, des neunmalklugen Dr. Langhammer handelt! Der hat allerdings einen triftigen Grund, den grantigen Kriminalhauptkommissar am späten Abend zu behelligen. Langhammers Freund, Wieland Freiherr von Rothenstein Grimmbart, Baron zu Schloss Bad Grönenbach, ist in großer Sorge. Seine Gattin Rita ist verschwunden, möglicherweise entführt, denn offensichtlich ist jemand in das Schloss eingebrochen. Ein wertvolles Gemälde wurde entwendet und an seiner Stelle hängt ein Polaroidfoto, auf dem die Baronin zu sehen ist. Widerwillig stattet Kluftinger dem unheimlichen Schloss einen nächtlichen Besuch ab und lässt sich das Foto zeigen. Bei genauer Inaugenscheinnahme zeigt sich, dass die Aufnahme in einem bestimmen Raum des Schlosses aufgenommen wurde. Tatsächlich befindet sich die Baronin immer noch dort. Sie ist tot (vergiftet, wie sich später herausstellt), ihre mit einem historischen Gewand bekleidete Leiche wurde exakt nach dem Vorbild des gestohlenen Gemäldes arrangiert.

Die finanzielle Situation des Barons ist katastrophal, so dass er zulassen muss, dass ein proletenhaftes Verwalterehepaar nach Belieben im Schloss schaltet und waltet, aber ein Zusammenhang mit dem Mord scheint nicht zu bestehen. Zur Tatzeit haben Gäste mit zwielichtigem Hintergrund im Schloss gewohnt, doch auch die haben kein Mordmotiv. Der Baron mag sich verdächtig verhalten, weil er immer wieder im zum Schoss gehörenden Märchenwald verschwindet, einen Mord traut Kluftinger dem verstörten Mann allerdings nicht zu. Kluftinger und seine Kollegen stehen mit leeren Händen da und können nicht mit Ermittlungserfolgen vor ihrer neuen Chefin Birte Dombrowski glänzen. Die Hannoveranerin hat die Nachfolge des ins Innenministerium gewechselten Polizeipräsidenten Lodenbacher angetreten und sofort frischen Wind in den allzu gemütlichen Büroalltag der Kemptener Polizei gebracht. Kluftingers Truppe muss an Fortbildungen und dem jahrelang vernachlässigten Schießtraining teilnehmen, außerdem soll Kluftinger Beurteilungen zwecks Vergabe von Leistungsprämien schreiben.

Kluftinger hat also schon mehr als genug Sorgen. Zu Hause kann er sich zurzeit nicht davon erholen, denn das häusliche Refugium verwandelt sich in ein Tollhaus. Die Heirat von Kluftingers Sohn Markus und Yumiko steht unmittelbar bevor! Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren und treiben Kluftinger nicht nur wegen der exorbitanten Kosten den Schweiß auf die Stirn. Er muss ja auch noch eine Rede austüfteln. Obendrein reisen Yumikos Eltern aus Japan an und werden bis zur Hochzeit im Hause Kluftinger wohnen ...

Zwei grundverschiedene Kulturen prallen aufeinander! Trotz allem und obwohl Kluftis grausige Radebrecherei in einer Sprache, die er für Englisch hält, permanent für Missverständnisse sorgt, werden der knurrige Allgäuer und der überkorrekte Brautvater Yoshifumi Sazuka Freunde, weil sie aus recht ähnlichem Holz geschnitzt sind. Ob das permanente Getaumel von einem Fettnäpfchen ins nächste witzig ist? Nun, lasst es mich so ausdrücken: Das Autorenduo Klüpfel/Kobr hat sich mit den bisherigen sieben Klufti-Romanen stets auf einem sehr schmalen Grat bewegt. Manchmal rutschen sie in Richtung Slapstick oder ins Zotige ab, kriegen dann aber doch wieder die Kurve und können in jedem Fall auf Kluftis ganz speziellen Charme bauen. Das ist im achten Band nicht anders. Doch so sehr ich Klufti inzwischen ins Herz geschlossen habe, so wenig kann ich ignorieren, dass er immer mehr als Witzfigur dargestellt wird. Klufti soll als Mensch wie Du und Ich erkennbar sein, das ist mir schon klar. Die Autoren schießen meiner Meinung nach allerdings oft über das Ziel hinaus – zu oft, so dass Klufti eher wie eine Karikatur wirkt.

Außerdem stört mich der rüde Umgangston bei der fiktiven Kemptener Kripo schon seit geraumer Zeit. Was diese Leute praktizieren (und nicht nur in Bezug auf die Nervensäge Richard Meier) ist nichts anderes als Mobbing. Es wird Zeit, dass die neue Chefin in diesem Saustall aufräumt! Das wiederum ist eine Situation, die ich nur zu gut nachempfinden kann und durchaus amüsant finde. Wer kennt das nicht? Jeder neue Vorgesetzte scheint es für geboten zu halten, seine Duftmarken zu hinterlassen und erstmal alles umzukrempeln, egal wie gut oder schlecht es unter dem Vorgänger gelaufen ist. Ständig wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben, werden etablierte Positionen in Frage gestellt, müssen Innovationen her. Die Abteilung soll besser/schöner/schneller werden, also müssen alle Mitarbeiter erst einmal an diversen Weiterbildungen teilnehmen. Wenn man Glück hat, ebbt der blinde Aktionismus nach ein paar Monaten ab. Ich drücke Kluftis Truppe die Daumen!

Beim vorherigen Roman (Herzblut) habe ich die geschickte Verknüpfung des Kriminalfalls mit Kluftis Privatleben gelobt. Das war in den ersten sechs Romanen nicht immer so – und ist es auch jetzt wieder nicht. Die Hochzeit und ihre Vorbereitungen nehmen gefühlt breiteren Raum ein als die Mordermittlungen, außerdem bestehen letztere hauptsächlich darin, dass Klufti im Dunkeln tappt. Er moniert sogar selbst, dass er diesmal viel zu lang falschen Fährten nachgegangen ist und sich die unheimliche Atmosphäre des Märchenschlosses selbst eingeredet hat. Das verwundert nicht, denn mir ist bis zuletzt nicht klargeworden, welchen Sinn die Vorgehensweise des Täters hatte und am Ende entscheidet "Kommissar Zufall". Es kommt mir nicht so vor, als wären die Autoren mit großer Sorgfalt an die Konstruktion dieser Elemente herangegangen. Tatsächlich wirkt der Kriminalfall auf mich wie ungeliebtes Beiwerk, auf das nicht verzichtet werden konnte, weil man den Roman in den Buchhandlungen sonst nicht ins entsprechende Regal hätte stellen können ... (01.03.2018)


Zurück zu den Büchern

812
Star Wars – Die letzten Jedi. Die illustrierte Enzyklopädie Pablo Hidalgo: Star Wars – Die letzten Jedi. Die illustrierte Enzyklopädie
Dorling Kindersley, 2017
80 Seiten, gebunden

Ich muss gestehen, dass ich von den Star Wars – Filmen seit Episode I nicht wirklich begeistert bin, am wenigsten von "Die letzten Jedi". Aber egal ob mir ein Film gefällt oder nicht: Die großformatigen "Enzyklopädien" kaufe ich immer, weil sie nette Erinnerungsstücke sind und Details zeigen, die man im Kino leicht übersieht. Alle wichtigen Personen, Orte, Droiden, Raumschiffe, Fahrzeuge, Kreaturen, Waffen und sonstigen Requisiten (sowie viele unwichtige, die man beim ersten Anschauen des Films vielleicht gar nicht bemerkt) sind abgebildet. Mir scheint, dass nur wenige Film-Screenshots verwendet wurden. Möglicherweise wurden einige Bilder sogar eigens für das Buch angefertigt. Viele Abbildungen füllen eine ganze Seite, einige erstrecken sich sogar über zwei Seiten.

Die Anführungszeichen habe ich oben gesetzt, weil es sich bei den Bildbänden keineswegs um Nachschlagewerke mit einem Umfang handelt, der diese Bezeichnung rechtfertigen würde. Wer erwartet, dass alle oder wenigstens die wesentlichen Begriffe das achten Star Wars - Films ausführlich erklärt werden, dürfte angesichts des geringen Umfangs und der sehr knapp gehaltenen Textbeiträge enttäuscht sein. Leider sind im Gegensatz zum viel dickeren Bildband Star Wars Rogue One – Die illustrierte Enzyklopädie diesmal wieder keine Risszeichnungen enthalten, auch keine Konzeptzeichnungen oder Aufnahmen von den Dreharbeiten. Die üblichen unfreiwillig komischen Kurzbeschreibungen wie "entschlossene Miene", "finsterer Blick" und so weiter dagegen schon. Sie scheinen so etwas wie ein Running Gag in diesen Büchern zu sein. (25.02.2018)

Zurück zu den Büchern

811
Das Tor der Zeit Neal Asher: Das Tor der Zeit
Bastei Lübbe, 2007
589 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Der Messingmann

Auf der Raumstation Celedon, die als stationärer Außenposten am Rand der Polissphäre fungiert, wird eine Wurmlochverbindung zu einem weit entfernten Ort hergestellt. Ein an sich alltäglicher Vorgang, doch die Gegenstation befindet sich in der 200.000 Lichtjahre von der Milchstraße entfernten Kleinen Magellanschen Wolke, und dort existiert noch kein Runcible – das mit der Installation beauftragte Team ist gerade erst in die KMW aufgebrochen. Es hatte den Zusatzauftrag, die als "Erschaffer" bezeichnete Kreatur in deren Heimat zu bringen. Tatsächlich wird durch die Runcibleverbindung nicht nur der Raum überbrückt, sondern auch die Zeit. Das aus der Zukunft zurückkehrende Team ist auf der Flucht vor einer tödlichen Bedrohung. Das Runcible in der Station Celedon wird überhastet deaktiviert. Gewaltige Energiemengen schlagen in die KMW zurück und lassen dort (800 Jahre in der Zukunft) alles Leben erlöschen. Die Rückkehrer berichten, dass die gesamte Zivilisation der Erschaffer von Dschainatech unterwandert wurde. Offenbar dient diese Technologie einem einzigen Zweck: Hochentwickelte Zivilisationen aufzuspüren und vollständig zu vernichten.

Ian Cormac hat Skellor endgültig besiegt und im Rahmen dieser Auseinandersetzung die Fähigkeit gewonnen, sich selbst durch den Subraum zu versetzen, ist aber mehr tot als lebendig aus dem Kampf hervorgegangen. Körper und Geist des ECS-Topagenten müssen buchstäblich neu zusammengesetzt werden. Dabei zeigt sich, dass Erinnerungsfragmente Skellors auf Cormac übergegangen sind. Viel Erholungszeit ist Cormac nicht vergönnt, denn neues Ungemach droht von mehreren Seiten. Die Ausbreitung der Dschainatech wurde mit Skellors Tod keineswegs eingedämmt. Eine Kreatur, die sich selbst als "Legat" bezeichnet und seinerzeit dafür gesorgt hat, dass ein schlummernder Dschainaknoten in Skellors Besitz gelangt ist, verteilt weitere gleichartige Knoten in der Polis. Einen nötigt er dem in einer Arkologie auf dem Planeten Coloron lebenden Separatisten Thellant N'Komo auf. Rasend schnell breiten sich die zerstörerischen Nanomaschinen in der Arkologie aus. Die zuständige Künstliche Intelligenz steht vor der unlösbaren Aufgabe, Milliarden Menschen zu evakuieren. Ein zweiter Knoten wird von Orlandine untersucht, einer mit einer KI verschmolzenen Frau und Leiterin eines Projekts, dessen Ziel in der Erschaffung einer Dysonsphäre rund um eine Sonne besteht. Orlandine ist vorsichtiger als Thellant und untersucht den Knoten, ohne ihn zu berühren. Als ihr Geliebter zu neugierig wird, ist sie gezwungen, einen Mord zu begehen.

Earth Central, die regierende KI der Polis, gewinnt wichtige Erkenntnisse aus den Erinnerungsfragmenten Skellors und der Katastrophe von Coloron. So gelingt es einigen mit KIs ausgestatteten Angriffsschiffen, den Legaten in eine unerforschte Region fern vom Einflussbereich der Polis zu verfolgen. Sie tappen in eine sorgfältig vorbereitete Falle, errichtet von Erebus, einer abtrünnigen KI, die die Polis schon vor langer Zeit verlassen und kleinere gleichgesinnte KIs assimiliert hat. Erebus verachtet die Polis-KIs, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihre Erschaffer zu behüten. Seiner Meinung nach sind Menschen nichts weiter als lästige Parasiten, die es zu beseitigen gilt ...

Neal Asher hat eine ganze Reihe von Romanen geschrieben, deren Handlung im Polis-Universum spielt. Fünf Bände bilden einen darin eingebetteten Minizyklus rund um den ECS-Agenten Ian Cormac. "Das Tor der Zeit" ist Band 4 dieses Zyklus, dessen drei erste Romane man kennen sollte, um der Story angemessen folgen zu können. Es wird zudem immer wieder auf den lange zurückliegenden Pradorkrieg angespielt (Erebus ist zum Beispiel ein Überbleibsel dieses Krieges), was nicht verwundert, wurde doch der Roman "Prador Mond", in dem es um eben jenen Krieg geht, im selben Jahr erstveröffentlicht wie "Das Tor der Zeit". Sollte der Autor die Absicht verfolgt haben, den Leser neugierig auf "Prador Mond" zu machen, dann ist ihm das, was mich betrifft, bestens gelungen.

Meine im Teaser zu Band 3 geäußerte Vermutung hat sich bestätigt. Mit Skellors Tod ist das Thema "Dschainatech" noch lange nicht abgeschlossen. Tatsächlich ist es das zentrale Thema des ganzen Subzyklus. Ich muss allerdings sagen, dass Asher mal so langsam auf den Punkt kommen könnte! Im vorliegenden Roman werden durchaus einige Fragen beantwortet, etwa die nach der wahren Identität Horace Bleggs. Wir erfahren auch, warum die so genannten Erschaffer das gigantische Biokonstrukt "Drache" in die Milchstraße geschickt haben. Asher braucht jedoch sehr lang dafür, das alles zu enthüllen. Im Grunde wird mit "Das Tor der Zeit" nur der Boden für die finale Schlacht bereitet, zu der es in Band 5 hoffentlich endlich kommen wird!

Wie üblich habe ich im obigen Teaser nur die tragenden Balken des vielschichtigen Handlungsgerüsts erwähnt. Asher fügt zahlreiche kleinere und größere Verstrebungen ein, also Subplots mit Nebenfiguren, aus deren Perspektive die Handlung vorangetrieben wird. Dazu gehören nicht nur Menschen wie Thorn, ein alter Kampfgefährte Cormacs, dessen Geschichte mit diesem Roman endet, oder Mensch-KI-Mischwesen (Menkis) wie Orlandine, die sicher im nächsten Band wieder mitmischen wird. Nein, auch die KIs selbst stehen im Zentrum so mancher Kapitel. Die Figurenzeichnung bleibt trotzdem oberflächlich, denn über weite Strecken hinweg werden Kämpfe beschrieben. Sei es die dem Untergang geweihte Arkologie von Coloron, ein von Cormac angeführtes Häuflein auf einem Planeten, der schon bald vor den verschiedensten bizarren Kampfrobotern wimmelt, oder der Kampf der in die Domäne von Erebus eingedrungen Polis-Angriffsschiffe, der in eine wahrhaft epische Raumschlacht mündet ... Es wird geballert, bis die Strahlenkanonen glühen!

Cormac mag sich fragen, ob er überhaupt noch er selbst ist und er mag eine Liebesbeziehung mit Asselis Mika eingehen, die wir aus den vorherigen Romanen kennen, aber sehr viel mehr Tiefe gewinnt er dadurch nicht. Besser charakterisierte Personen wie z.B. John Stanton, die mir eher ans Herz gewachsen sind, kommen nicht mehr vor. Und leider hat Asher diesmal nicht so faszinierende Schauplätze zu bieten wie Masada in Der Erbe Dschainas und Cull in "Der Messingmann". Deshalb und wegen einer gewissen Langatmigkeit oder gar Redundanz müsste ich diesen Roman als bisher schwächsten des Ian-Cormac-Minizyklus bezeichnen, wenn diese Bezeichnung nicht irreführend wäre. Spannendes Lesefutter wird nämlich auch diesmal geboten. Ich fand die vorherigen Romane lediglich noch runder und fesselnder. (19.02.2018)


Zurück zu den Büchern

810
Die Schönheit der toten Mädchen Boris Akunin: Die Schönheit der toten Mädchen
Aufbau Taschenbuch Verlag, 2003
222 Seiten

Zu Ostern 1889 beabsichtigt Zar Alexander III. der Moskauer Residenz einen Besuch abzustatten. Lange hat Fürst Wladimir Andrejewitsch Dolgorukoi, Generalgouverneur Moskaus, auf dieses Ereignis hingearbeitet, von dem er sich eine Stärkung seiner Position gegenüber der neidisch auf seinen Posten schielenden Konkurrenz aus St. Petersburg erhofft. Er träumt gar von der Verleihung des Andreas-Ordens anlässlich seines sechzigsten Offiziersjubiläums. Ausgerechnet am Kardienstag, den 4. April, wird in Moskau die bestialisch zugerichtete Leiche einer Prostituierten gefunden. Der Täter hat sein Opfer ausgeweidet und die Organe in einem bizarren Stillleben um die Leiche herum arrangiert. Kollegienrat Erast Fandorin, Sonderbeauftragter des Gouverneurs, glaubt die Handschrift eines Serienmörders zu erkennen, dem im Vorjahr mehrere Prostituierte in London zum Opfer gefallen sind. Fandorin war seinerzeit in England und konnte sich selbst ein Bild von den Vorfällen machen. Er gibt Fürst Dolgorukoi den Rat, den Besuch des Zaren abzusagen, denn sollte wirklich Jack the Ripper in Moskau sein Unwesen treiben, ist mit weiteren Untaten zu rechnen.

Tatsächlich haben sich bereits mehrere Morde ereignet, die auf das Konto desselben Täters gehen und es dauert nicht lang, bis der Ripper wieder zuschlägt. Dieser Skandal muss unbedingt vertuscht werden. Einem Rat Leonti Ishizyns folgend, dem Untersuchungsführer beim Bezirksstaatsanwalt, schiebt der Gouverneur die Absage des Zarenbesuchs aufs Frühjahrshochwasser. Doch schon bald machen Gerüchte in der Bevölkerung die Runde und die Ermittler tappen im Dunkeln. Während sich Fandorin als Zuhälter verkleidet, um unerkannt im Milieu der Opfer zu ermitteln, versucht sein Assistent Anissi Tulpow drei Verdächtige auszuhorchen. Ishizyn fährt schwerere Geschütze auf. Er lässt die Verdächtigen verhaften und konfrontiert sie mit den verstümmelten Leichen. Wenig später wird Ishizyn tot aufgefunden – inmitten eines aus seinen inneren Organen bestehenden Tableaus. Jetzt ist es vorbei mit der Geheimhaltung. Der Innenminister erscheint persönlich in Moskau, um Köpfe rollen zu lassen. Auch Fürst Dolgorukois Posten steht zur Disposition, sollte es Fandorin bis Ostersonntag nicht gelingen, den Ripper zu fassen.

"Die Schönheit der toten Mädchen" ist im Original zusammen mit Russisches Poker in einem Band erschienen. Die Erzählweise ist in beiden Romanen gleich (die Perspektive wechselt ständig zwischen Fandorin, Tulpow und den jeweiligen Widersachern), sie könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. In beiden Fällen hat Fandorin ein persönliches Interesse daran, den Verbrecher dingfest zu machen, aber während er in "Russisches Poker" mit einem im Grunde sympathischen Hochstapler aneinandergerät, der lediglich den Schmuck der Geliebten Fandorins geklaut hat, jagt er diesmal eine Bestie in Menschengestalt, der nicht nur mehrere Prostituierte zum Opfer fallen, sondern auch zwei Personen aus Fandorins unmittelbarem Umfeld.

Hat man es bei "Russisches Poker" mit einem humorvollen Schelmenroman zu tun, so ist "Die Schönheit der toten Mädchen" ein sehr düsterer Thriller mit tragischem Ende, in dem nicht mit äußerst blutrünstigen Details gegeizt wird. Das Spannungslevel steigt kontinuierlich an, da der Autor geschickt falsche Fährten auslegt und eine wichtige Figur nach der anderen in Gefahr bringt. Der Autor fügt dem Mythos von Jack the Ripper eine originelle neue Facette hinzu. Wer hätte gedacht, dass der Ripper kein Brite ist? Ich kann unmöglich mehr dazu schreiben, ohne zu spoilern. Nur so viel sei verraten: Fandorin deckt die Identität des legendären Killers auf und beendet das Treiben des Rippers ein für alle Mal! Er zahlt allerdings einen hohen Preis für diesen Erfolg ... (12.02.2018)


Zurück zu den Büchern

809
Der Jesus-Deal Andreas Eschbach: Der Jesus-Deal
Bastei Lübbe, 2016
724 Seiten

Im Jahre 1959 begegnet Samuel Barron einer Frau aus Schweden, die durch ein unbekanntes Ereignis aus dem Jahr 1994 in Barrons Zeit versetzt wurde. Sie ist schwer krank und stirbt wenig später, weil es das für sie lebenswichtige Medikament noch nicht gibt. Niemand außer Barron weiß, woher die Frau kommt. Er wird zum reichsten Mann der USA, denn die Unbekannte hatte eine Zeitschrift mit Börseninformationen bei sich, die in Barrons Besitz verbleibt. Einem Artikel der Zeitschrift kann Barron entnehmen, welche Aktien er wann kaufen und verkaufen muss, um riesige Gewinne zu erzielen. Ende der Neunzigerjahre erfährt auch die Weltöffentlichkeit, dass Zeitreisen möglich sind, als bei Ausgrabungen in Israel neben einem 2000 Jahre alten Skelett die Bedienungsanleitung einer Videokamera gefunden wird, welche derzeit nur auf dem Reißbrett existiert. Der Medientycoon John Kaun, Finanzier der Ausgrabungen, initiiert eine Suche nach der Kamera. Er geht zu Recht davon aus, dass der Tote ein Zeitreisender war, der ein Video von Jesus Christus angefertigt hat. Die Filmaufnahmen werden tatsächlich gefunden. Die katholische Kirche versucht dies zu vertuschen, doch Kopien des Jesus-Videos gehen in den folgenden Jahren von Hand zu Hand. Wer das Video sieht, wird entweder überhaupt nicht davon berührt oder ändert sein Leben grundlegend. Zu letzteren gehört John Kaun.

Für Barron, einen strenggläubigen Christen, sind diese Ereignisse ein göttliches Zeichen. Inzwischen ist er nicht nur der reichste, sondern auch der mächtigste Mann des Landes. Barron gehört zur Führungsspitze der weltweiten evangelikalen Bewegung. Sein Einfluss reicht bis in die höchsten politischen Ämter. Er besitzt somit alle erforderlichen Mittel, um ein Projekt aufzusetzen, durch das die biblische Prophezeiung der Wiederkunft Christi verwirklicht werden soll. Barron verpflichtet einen russischen Wissenschaftler, dem es gelingt, eine funktionierende Zeitmaschine zu konstruieren. Eine kleine Gruppe handverlesener Getreuer, zu denen auch Barrons Sohn Michael gehört, soll in die Zeit kurz vor der Kreuzigung geschickt werden. Die Zeitreisenden sollen Jesus mit der Zeitmaschine in die Gegenwart bringen – eine Gegenwart, die von Samuel Barron persönlich vorbereitet wird. Der Bibel zufolge wird Jesus das Böse vernichten und die ganze Welt erlösen, doch vor seiner Wiederkunft müssen sich die Prophezeiungen der Offenbarung erfüllen. Bevor Gottes Reich vollendet werden kann, muss es zum Armageddon kommen. Mit anderen Worten: Barron beabsichtigt den Dritten Weltkrieg auszulösen.

Nach den Erlebnissen in Israel hat John Kaun fast seinen gesamten Konzern veräußert und nur das einzig wirklich profitable Objekt (eine Kartoffelchipsfabrik) behalten. Er hat eine Frau gefunden, die er liebt; sie hat ihm geholfen, ein anderer Mensch zu werden. Kaun und seine Frau Bethany führen ein glückliches, einfaches Leben, das abrupt endet, als ihre fünfjährige Tochter Kathleen an Leukämie erkrankt. Nur durch eine Knochenmarksspende könnte das Kind noch gerettet werden, aber es existiert kein geeigneter Spender. Durch Zufall wird Kaun auf das streng geheime Zeitreiseprojekt aufmerksam. Ihm wird klar, dass es nur eine Hoffnung für Kathy gibt. Seine Tochter muss die Zeitreise mitmachen, damit sie von Jesus geheilt werden kann ...

Neulich habe ich Andreas Eschbachs gut 17 Jahre alten Roman Das Jesus-Video noch einmal gelesen. In meinem Kurzkommentar habe ich geschrieben, dass Eschbach die damalige Klasse nicht wieder erreicht hat. Leider gilt das auch für die Fortsetzung. Die Story von "Das Jesus-Video" braucht im Grunde keine Fortsetzung – erst recht nicht diese! Nach einer relativ kurzen Auftaktphase, in der zugrundeliegende Idee und Ausgangssituation skizziert werden, herrscht in "Das Jesus-Video" packende Spannung. Kaum ein Kapitel endet ohne unerwartete Wendungen, neue Erkenntnisse, scheinbar aussichtslose Situationen oder einen sonstigen Kniff. Alles führt sinnvoll zu einem fulminanten Finale hin, dem sogar noch zwei überraschende Epiloge folgen. Dagegen besteht "Der Jesus-Deal" fast nur aus Vorbereitung und Exposition! Zumindest musste ich mich durch viele, viele Kapitel quälen, deren Sinnhaftigkeit sich mir schon während der Lektüre nicht so recht erschlossen hat und die sich im Nachhinein betrachtet als überflüssig herausgestellt haben. So beginnt der Roman keineswegs so, wie es obiger Spoiler vermuten lässt. Nein, bis es soweit ist, geht es erst einmal um Michael Barron und seinen Bruder Isaak. Letzterer schaut sich das Jesus-Video an, woraufhin er sich mit seinem Vater überwirft, sich zu seiner Homosexualität bekennt, an AIDS erkrankt und stirbt. Klar, Michael muss einen bestimmten Background erhalten, denn er wird zum Dreh- und Angelpunkt des ganzen zusammengezwungenen Handlungskonstrukts, aber diesen Umfang hätte das Ganze wirklich nicht haben müssen.

Ähnlich ist es mit der Kaun-Handlungsebene. So anrührend sie auch ist und so glaubwürdig Kauns innere Wandlung rüberkommt – alles ist schlicht unnötig, denn es ist nicht Kaun, der sich Samuel Barron entgegenstellt, sondern Stephen Foxx, die Hauptfigur von "Das Jesus-Video". Letzten Endes hat der gesamte Kaun-Subplot nur den Zweck, Foxx zurück in die Handlung zu bringen. Kaum ist das geschehen, nimmt der Roman deutlich Fahrt auf. Dann wird es sogar durchaus nochmal spannend. Das hätte Eschbach aber auch anders erreichen können. Schwupps! Schon hätte er Kaun ersatzlos streichen müssen und das Buch wäre mindestens 200 Seiten kürzer ausgefallen. Zugegeben, im Kontext des Romans sind die verschiedenen Handlungsfäden nicht vollkommen sinnlos und sie werden auf zufriedenstellende Weise miteinander verknüpft, aber am Ende musste ich mich doch fragen, welche Geschichte Eschbach eigentlich erzählen wollte. Gute Ansätze, insgesamt aber langatmig, überkonstruiert und verzichtbar – das ist mein Kurzfazit.

Hier folgen Spoiler. Weiterlesen auf eigene Gefahr! Nach langer Vorbereitung und Ausbildung (wird natürlich ebenfalls alles ausführlichst geschildert) reisen Michael und sein Team in die Vergangenheit und begegnen Jesus. Wenigstens dieser Leserwunsch, den sicher nicht nur ich hatte, wird also erfüllt. Die Geschehnisse werden in Interviewform wiedergegeben. Ein schlauer Kunstgriff, die entsprechenden Kapitel sind sehr interessant. Allerdings sind sie viel zu kurz. Man erfährt außerdem, wie der Zeitreisende aus "Das Jesus-Video" sowie die Schwedin in die Vergangenheit gelangt sind: Sie sind quasi in den Sog von Barrons Zeitmaschine geraten und mitgerissen worden. Denkt man genauer über solche sich selbst bedingenden gegenseitigen Voraussetzungen nach, droht akute Hirnverknotung! (05.02.2018)


Zurück zu den Büchern

808
Mythopoeikon Patrick Woodroffe: Mythopoeikon
Moewig, 1980
156 Seiten

Patrick Woodroffe, gestorben 2014, hat in den Siebzigerjahren zahlreiche LP-Hüllen und Buchcover gestaltet, letztere insbesondere im Genre Science Fiction und Fantasy. Der großformatige Bildband "Mythopoeikon" enthält vermutlich alle Werke aus dieser Zeit; die englischsprachige Originalausgabe ist 1976 erschienen. Abgebildet sind nicht nur Gemälde, Radierungen und Stiche, sondern auch Skulpturen und dreidimensionale Bilder. Woodroffes Stil ist mit dem Untertitel "Phantasiebilder, Ungeheuer, Nachtmahre, Tagträume" ganz gut umrissen. Verschiedenartige reale Lebewesen werden zu bizarren Kreaturen verschmolzen. Ganz typisch sind Schneckenhäuser, in denen elefantenähnliche Wesen leben wie Einsiedlerkrebse. Die meisten Werke zeigen eine Flut collagenartig zusammengestellter Elemente mit winzigen Details, nicht unähnlich den Gemälden von Hieronymus Bosch. Besonders gut gefällt mir, dass die Bilder in diesem Band nicht einfach kommentarlos zusammengestellt wurden. Es sind recht ausführliche Anmerkungen des Künstlers vorhanden, in denen er seine Arbeitsweise erläutert, auf die Entstehungsgeschichte eingeht und erklärt, welche Bedeutung die einzelnen Elemente der Bilder haben. (31.01.2018)

Zurück zu den Büchern

807
Das Jesus-Video Andreas Eschbach: Das Jesus-Video
Bastei Lübbe, 2001
651 Seiten

Stephen Foxx hat mit einem kleinen IT-Unternehmen viel Geld verdient und könnte sich auf die faule Haut legen, möchte jedoch etwas erleben und Bedeutsames leisten. Er verdingt sich als Helfer bei archäologischen Ausgrabungen in aller Welt, wobei er seinen Reichtum stets unerwähnt lässt. Bei Grabungen in den Ruinen von Bet Hamesh in Israel entdeckt Foxx das gut erhaltene Skelett eines Mannes, neben dem ein Leinenbeutel liegt. Foxx glaubt an einen Streich seiner Kollegen, als er den Beutel öffnet und dabei die in Plastikfolie eingeschweißte Bedienungsanleitung einer Sony-Videokamera vom Typ MR-01 findet. Aber keiner der anderen Helfer macht sich über Foxx lustig, niemand ahnt etwas von dem Fund. Grabungsleiter Professor Charles Wilford-Smith will, dass das so bleibt. Er verdonnert Foxx zu strengstem Stillschweigen. Die Tatsache, dass einige Zähne des Toten überkront sind, lässt vermuten, dass es sich um ein Mordopfer handelt, das erst in jüngerer Zeit verscharrt worden ist. Doch das Skelett und das Papier der Bedienungsanleitung können eindeutig datiert werden. Sie sind gut 2000 Jahre alt! Als sich dann noch herausstellt, dass der Sony-Camcorder MR-01 zurzeit nur auf dem Reißbrett der Entwickler existiert und erst in einigen Jahren auf den Markt kommen soll, steht fest, dass der Tote ein Zeitreisender war. Und was – oder vielmehr wen - würde ein Zeitreisender im ersten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung wohl filmen wollen?

Smith unterrichtet John Kaun, den milliardenschweren Sponsor der Ausgrabung. Kaun leitet einen riesigen Konzern, der zurzeit etwas schwächelt. Er wittert das große Geld und die Chance, seinen Nachrichtensender N.E.W. an die Weltspitze zu bringen. Ein Video, das Jesus Christus zeigt – das wäre die größte Sensation aller Zeiten! Kaun reist nach Israel, um die Suche nach dem Jesus-Video persönlich zu leiten. Diesem Projekt ordnet er alles andere unter und er schlägt ungewöhnliche Wege ein, um zum Erfolg zu kommen. Unter anderem zieht er den Schriftsteller Peter Eisenhardt, einen Autor preisgekönter Zeitreiseromane, als Berater hinzu. Sonartomographische Untersuchungen des Ausgrabungsgebietes zeigen, dass die Kamera nicht zusammen mit dem Toten vergraben wurde. Man geht davon aus, dass der Zeitreisende die Kamera an einem sicheren Ort versteckt hat, damit sie die Jahrhunderte unbeschadet überdauern kann. Es gibt allerdings nicht den geringsten Hinweis auf das Versteck – zumindest glauben das Kaun und Wilford-Smith.

In Wahrheit hat der Zeitreisende einen Brief geschrieben, der sich bei der Bedienungsanleitung befunden hat. Foxx hat den Brief gefunden und dies verschwiegen. Vom Ehrgeiz gepackt will er Kaun ausstechen und das Jesus-Video vor dem gewissenlosen Tycoon finden. Foxx weiht die junge Grabungshelferin Judith Menez (in die er sich verliebt hat) und deren Bruder Yehoshuah ein. Yehoshuah besitzt als Restaurator des Rockefeller-Museums in Jerusalem die Mittel, die längst verblasste Schrift des Briefes zumindest teilweise lesbar zu machen. Der Text enthält genaue Ortsangaben. Die Kamera ist hinter einem bestimmten Stein in einer Mauer des herodianischen Tempels versteckt, die heute als Klagemauer bekannt ist…

Ich habe "Das Jesus-Video" vor gut 17 Jahren gelesen. Damals war ich restlos begeistert. Heute bin ich der Meinung, dass Eschbach seitdem kein besseres Buch geschrieben hat. Er hat die Klasse dieses Romans nie mehr erreicht. Sobald die Ausgangssituation etabliert ist und alle Hauptfiguren eingeführt sind, was recht flott und ohne größere Abschweifungen vonstattengeht, entspinnt sich ein spannendes und temporeiches Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Foxx und Kaun (sowie den jeweiligen Helfern), in das sich irgendwann sogar die Nachfolgeorganisation der heiligen Inquisition einschaltet. "Das Jesus-Video" hat mich nochmal richtig gepackt, obwohl ich mich sehr gut an den Handlungsverlauf erinnern konnte. Kaum eines der kurzen Unterkapitel endet ohne eine unerwartete Wendung, eine überraschende neue Erkenntnis, eine scheinbar aussichtslose Situation oder einen sonstigen Kniff, so dass man einfach weiterlesen muss! Immer wenn man denkt, nun sei wohl das Ende erreicht, macht die Handlung doch noch einen Schlenker und schlägt buchstäblich bis zur letzten Seite neue Bahnen ein. Mehr kann ich an dieser Stelle nicht verraten, ohne zu spoilern. Besonders erwähnenswert: Ganz im Gegensatz zu der Verfilmung aus dem Jahre 2002 (die ich für völlig misslungen halte) kommt der Roman ohne übertriebene Action aus und niemand wird getötet. Die Dynamik entsteht aus dem ständigen Wechsel der Erzählperspektive und dem geschickten Einsatz von Cliffhangern.

"Das Jesus-Video" hat mehr zu bieten als spannende Unterhaltung. Da wäre einerseits die unübersehbare, zum Glück aber ohne mahnend erhobenen moralischen Zeigefinger daherkommende Religionskritik. Die Tatsache, dass sich die katholische Kirche überhaupt nicht für den Inhalt des Videos interessiert, weil wahr ist, was seit Jahrhunderten verkündet wird, sagt wohl schon genug aus. Zum anderen gefällt mir, wie Eschbach die zentrale Klippe der zugrundeliegenden Idee umschifft. Jetzt muss ich doch spoilern, weiterlesen daher auf eigene Gefahr! Ja, es gibt eine ca. 2000 Jahre alte Videoaufzeichnung. Sie zeigt einen Mann mit unglaublicher Ausstrahlung. Dieser Mann, so wird auf den ersten Blick klar (die Tonspur ist nicht erhalten geblieben) lebt ganz im Hier und Jetzt. Er ist ist von tiefer Liebe zum Leben und den Mitmenschen erfüllt. Niemand kann sich seinem Charisma entziehen. Seine lebensbejahende Existenz ist eine Herausforderung an die Zuschauer - Schaut her, so wie ich könntet auch ihr sein – und steht im krassen Gegensatz zu den Lehren einer Religion, für die das Leben nur ein Jammertal ist, das zur Erreichung jenseitiger Seligkeit durchquert werden muss. So zumindest die Empfindungen einer Hauptfigur, die das Video sieht. Eine andere wird davon überhaupt nicht berührt und fühlt sich betrogen. Ist dieser Mann Jesus? Kann sein, muss aber nicht. So ist es eben mit dem Glauben: Man hat ihn, oder man hat ihn nicht. Die Frage ist nur, woran man glauben möchte.

Mit einem Abstand von 17 Jahren macht "Das Jesus-Video" noch auf einer ganz anderen Ebene Spaß. Es ist nämlich immer wieder von brandneuen technischen Entwicklungen die Rede, die für uns zum Teil schon überholt sind. So haben sich Foxx und Yehoshuah über eine revolutionäre Erfindung namens Usenet kennengelernt. Foxx besitzt ein Mobiltelefon, mit dem er einen Dienst anrufen kann, der alle Telefonbücher der Welt besitzt. Und bei der Sony MR-01 kommt erstmals digitale Speichertechnik zum Einsatz. An einer Stelle ist mir buchstäblich der Unterkiefer runtergeklappt. Da sinniert John Kaun über einen Mann, der ihm stets als mahnendes Beispiel vor Augen steht. Es handelt sich um einen längst vergessenen Immobilientycoon der Achtzigerjahre, der jahrelang als Wirtschaftswunderknabe und Erfolgsmensch hochgejubelt wurde, dann aber größenwahnsinnig geworden und tief gestürzt ist. Sein Name lautet Donald Trump ... (22.01.2018)


Zurück zu den Büchern

806
Am Jenseits Karl May: Am Jenseits
Kindle Edition

Kara Ben Nemsi beabsichtigt sich einen seiner größten Wünsche zu erfüllen und nach Mekka zu reisen. Er war vor Jahren schon einmal dort, musste aber schon nach kurzer Zeit fliehen. Jetzt ist er viel erfahrener, kennt Sprache und Umgangsformen des Landes genauer und muss nicht mehr befürchten, als Christ erkannt zu werden. Diesmal reitet er nicht nur zusammen mit seinem Freund Hadschi Halef Omar, dem obersten Scheik der Haddedihn-Beduinen. Zur Reisegesellschaft gehören Halefs Frau Hanneh und sein Sohn Kara Ben Halef sowie fünfzig Krieger, darunter Omar Ben Sadek. Kara Ben Nemsi gibt sich unterwegs als gelehrter Moslem aus. Halef verleiht ihm den klangvollen Decknamen Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim Maschhur el Azami. In der Wüste retten Kara Ben Nemsi und seine Begleiter fünf Mekkaner vor dem Verdursten. Ihr Anführer ist Abadilah el Waraka, genannt El Ghani, ein Günstling des Großscherifs von Mekka.

Ein sechster Mann ist bereits tot und wird von El Ghani zurückgelassen. Es handelt sich um einen Blinden namens El Münedschi ("der Wahrsager"), der die Gabe besessen haben soll, mit seiner Seele in die Zukunft zu reisen. Als El Ghani und dessen Begleiter verschwunden sind, stellt Kara Ben Nemsi fest, dass der vermeintlich Tote noch lebt. Er kümmert sich um den Münedschi und nimmt ihn mit. Der Münedschi hält El Ghani für seinen Wohltäter, doch schon bald zeigt sich, dass El Ghani ein gewissenloser Verbrecher ist. Er hat einen Schatz aus einem schiitischen Heiligtum geraubt und wird deshalb von Khutab Agha verfolgt, dem Oberaufseher der Schatzkammern. Als Kara Ben Nemsi mit Khutab Agha zusammentrifft, stellt sich heraus, dass sie einen gemeinsamen Freund haben: Dschafar Mirza, den Kara Ben Nemsi einst im Wilden Westen aus den Händen der Komantschen befreit hat. Kara Ben Nemsi ist bereit, Khutab Agha bei der Rückgewinnung des Schatzes zu helfen.

An der Wasserstelle Bir Hilu geraten Kara Ben Nemsi und die Haddedihn in Konflikt mit Beduinen vom Stamme der Beni Khalid. Deren Scheik Tawil Ben Schahid hat sich mit El Ghani verbündet. Er geht über Leichen, um den Schatz in seinen Besitz zu bringen ...

"Am Jenseits" spielt lange nach Winnetou III und ist unvollendet. Zwar erhält ein Haupt-Bösewicht am Ende seine gerechte Strafe, ein anderer kommt jedoch davon und es wird immer wieder auf weitere Ereignisse verwiesen, von denen im Roman nichts mehr zu lesen ist. Im Karl May – Wiki steht, May habe den Roman wegen seiner ersten in der Realität stattgefundenen Orientreise nicht fertiggestellt. Die Reise muss ein so einschneidendes Erlebnis gewesen sein, dass sich Mays Stil danach drastisch geändert hat. Die beiden letzten Bände der Tetralogie "Im Reiche des Silbernen Löwen" sind Musterbeispiele für die an der Grenze zur Unlesbarkeit entlangschrammenden "symbolischen" Texte dieser Phase. Wie dem auch sei: Der Roman wurde fortgesetzt, aber nicht von May. Die Fortsetzung trägt den Titel "In Mekka", stammt von Franz Kandolf und basiert nicht auf Ideen oder Aufzeichnungen Mays. Dem Karl May – Wiki zufolge hat May keinerlei Hinweise darauf hinterlassen, wie er sich den weiteren Handlungsverlauf vorgestellt hat.

Hinweise darauf, wie Mays Spätwerk aussieht, finden sich schon in diesem Roman. Er ist aber viel besser lesbar als die genannten Titel. Die Story folgt dem allseits bekannten Verlauf der May'schen Reiseerzählungen und es macht Spaß, Hadschi Halef Omar in Aktion zu erleben, diesmal in der Position des ein wenig unter dem Pantoffel stehenden obersten Scheiks der Haddedihn. Wie üblich werden die Schurken ausgetrickst oder im Zweikampf besiegt (hier dürfen sich Halef und sein Sohn hervortun), Scheitern ist nur möglich, wenn jemand nicht auf Kara Ben Nemsi hört. Das Ganze mag sehr dialoglastig und im Grunde handlungsarm daherkommen, gelangweilt habe ich mich aber nicht. Unangenehm ist mir nur aufgefallen, dass Kara Ben Nemsi offensichtlich bereits alle Haddedihn zu Christen gemacht hat. Khutab Agha und eine weitere Person, beides gläubige Moslems, haben ebenfalls kurz nach der Begegnung mit Kara Ben Nemsi keinen sehnlicheren Wunsch, als jener Liebe teilhaftig zu werden, die im Neuen Testament verkündet und von Kara Ben Nemsi angeblich vorgelebt wird.

Allerdings kommt hier eine Besonderheit ins Spiel. Verantwortlich für die Bekehrung der Andersgläubigen ist diesmal nämlich nicht nur Kara Ben Nemsi. Mindestens ebenso wichtig ist der Münedschi beziehungsweise Ben Nur, der Sohn des Lichts. Dieser Himmelsbote ergreift Besitz vom Körper des Münedschi und spricht durch ihn. In einem Trancezustand berichtet der Münedschi vom Jenseits (daher der Titel des Romans), in dem all jene Verstorbenen in einen für die Sünder vorgesehenen Abgrund stürzen, deren Frömmigkeit zu Lebzeiten nur Heuchelei war. Hier stellt May wieder einmal seine Kunst unter Beweis, eindrucksvolle Bilder im Kopf des Lesers entstehen zu lassen. Obwohl die entsprechenden recht langen Kapitel mit der eigentlichen Story nichts zu tun haben, sind sie mindestens so fesselnd wie diese. Natürlich könnte sich der Münedschi das alles nur einbilden. May nimmt diesbezüglich nicht eindeutig Stellung. Es ist aber schon auffällig, wie deutlich das Übernatürliche in den Vordergrund tritt. Das war mir neu – in den bisher gelesenen Romanen gibt es das so nicht. (16.01.2018)


Zurück zu den Büchern

805
Osiris Ritual George Mann: Osiris Ritual
Piper, 2013
389 Seiten

Sir Maurice Newbury ist Anthropologe am British Museum – und Geheimagent in den Diensten der Krone. Seine Aufträge erhält er von Königin Victoria persönlich. Newbury ist eine der brillantesten Persönlichkeiten seiner Zeit, hat aber ein großes Laster. Er nimmt regelmäßig Laudanum zu sich, um seinen Geist zu erweitern und Einsichten in sein Spezialgebiet, die okkulten Wissenschaften, zu gewinnen. Die Sucht tritt in ein neues Stadium, als Newbury das Opiumrauchen für sich entdeckt. Noch sind seine Fähigkeiten unbeeinträchtigt, doch aufgrund eines mehrere Jahre zurückliegenden Zwischenfalls weiß die Königin nur zu gut, was aus Newbury werden könnte. Seinerzeit war ein gewisser Dr. Aubrey Knox ihr bester Mann. Der ebenso wie Newbury vom Okkultismus faszinierte Wissenschaftler war abtrünnig geworden und hatte unaussprechlich grausame Experimente mit menschlichen Versuchsobjekten angestellt. William Ashford, ein ebenfalls zum Geheimdienst gehörender Mann fürs Grobe, war auf Knox angesetzt worden. Wenig später hatte man Ashfords zerstückelte Leiche gefunden. Knox war untergetaucht. Um die Wiederholung einer derartigen Katastrophe zu vermeiden, lässt die Königin Newbury durch eine Agentin namens Veronica Hobbes beobachten, die als seine Assistentin auftritt. Unglücklicherweise verliebt sich Newbury in die ebenso schöne wie selbstbewusste junge Frau, und seine Gefühle werden erwidert. Während Newbury zögert, Miss Hobbes sein Herz zu öffnen, wird sie von Selbstvorwürfen gequält, weil sie ihm die Wahrheit verheimlichen muss.

Im Februar 1902 erhält Newbury den Auftrag, Ashford unschädlich zu machen. Der Agent ist damals vom königlichen Leibarzt Dr. Lucius Fabian zu neuem Leben erweckt und in eine unbesiegbare biomechanische Schimäre verwandelt worden. Jahrelang hat Ashford undercover in Russland gearbeitet. Jetzt ist er befehlswidrig nach London zurückgekehrt. Man befürchtet, er wolle sich an all jenen rächen, denen er seine widernatürliche Existenz zu verdanken hat. Newbury wird von seinem alten Freund Sir Charles Bainbridge, Chief Inspector von Scotland Yard, zur Untersuchung eines brutalen Mordes hinzugezogen. Das Opfer ist Lord Henry Winthrop. Der Forscher und Philanthrop hat einen prächtigen Sarkophag aus Ägypten mitgebracht, dessen öffentlich präsentierter Inhalt für eine Sensation gesorgt hat. Es handelt sich um einen Mann, der bei lebendigem Leibe mumifiziert worden ist! Winthrop wird kurz nach der Enthüllung der Mumie mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Außerdem unterstützt Newbury Miss Hobbes bei Ermittlungen, die zu einer wahren Obsession für seine Assistentin geworden sind. Zahlreiche Frauen sind in London und Umgebung spurlos verschwunden. Miss Hobbes hat bereits einen Verdächtigen ins Auge gefasst. Ein als "geheimnisvoller Alfonso" bekannter Zauberkünstler ist stets dort aufgetreten, wo wenig später jemand als vermisst gemeldet wurde.

Die Suche nach Ashford gestaltet sich schwierig, denn der reanimierte Tote besitzt übermenschliche Kräfte und streift wie ein Phantom durch London. Da Newbury all seine Kräfte auf diesen Fall konzentrieren muss, missachtet Miss Hobbes seine Anweisungen, stellt den Zauberkünstler auf eigene Faust und bringt sich dadurch in tödliche Gefahr ...

Dies ist der zweite Teil einer aus zurzeit fünf Romanen und drei Kurzgeschichten bestehenden Reihe von Abenteuern des Ermittlerduos Newbury und Hobbes. Die Kurzgeschichten sind online frei verfügbar, die Links findet ihr im Artikel der englischsprachigen Wikipedia zum Autor. "Osiris Ritual" ist insoweit in sich abgeschlossen, als der Kriminalfall (die Suche nach Ashford, das Verschwinden der jungen Frauen und der Mord an Lord Winthrop hängen zusammen) aufgeklärt wird. Hier bleiben keine Fragen offen. Mehr noch als beim ersten Roman (Affinity Bridge) wird aber deutlich, dass es einen übergreifenden Handlungsbogen gibt. Da wäre zum einen natürlich die Beziehung zwischen Newbury und Hobbes. Die beiden kommen sich zunächst näher, entfremden sich in der zweiten Romanhälfte aber wieder voneinander, denn Newbury droht immer tiefer in den Drogensumpf abzurutschen, ist sich dessen bewusst und will Hobbes nicht mit hineinziehen. Außerdem stellt er fest, dass Hobbes ihm etwas verheimlicht und obendrein ist er nicht erfreut über ihren Alleingang. Hobbes wiederum würde ihm zu gern sagen, welchen Auftrag sie von Königin Viktoria erhalten hat, ist aber zur Verschwiegenheit verpflichtet. Zum anderen deutet sich an, dass Veronicas Schwester Amelia in einem der nächsten Romane mehr in den Mittelpunkt rücken wird. Die unter anfallartigen Zukunftsvisionen geplagte junge Frau wird nämlich in das Institut des Dr. Fabian verlegt, jenes genialen Mediziners, der mit Ashford eine faszinierend-schaurige Variante von Frankensteins Monster erschaffen hat. Was mag er mit Amelia vorhaben?

Der erste Roman der Reihe enthält deutlich mehr Exposition und Action als der zweite. Was den Hintergrund angeht, also die eigenartige Alternativwelt kurz nach der Jahrhundertwende, in der per Dampfkraft angetriebene Droschken, Luftschiffe, Robot-Butler und Mensch-Maschine-Mischwesen Seite an Seite mit allen wohlbekannten Versatzstücken des viktorianischen Zeitalters existieren, sollte man daher "Affinity Bridge" gelesen haben. Mann baut sein fiktives Universum weiter aus und das Flair einer längst vergangenen Epoche wird wieder wunderbar eingefangen, der Schwerpunkt liegt diesmal jedoch auf Figurenentwicklung und solider Ermittlungsarbeit. Dass weniger Action vorkommt, tut dem Roman gut. Tatsächlich fand ich die Abfolge brutaler Entscheidungskämpfe in "Affinity Bridge" übertrieben. Geschickt verknüpft Mann die verschiedenen zunächst parallel verlaufenden Handlungsstränge zu einem stimmigen Gesamtbild, wobei er die eine oder andere falsche Fährte legt. So begegnet Newbury immer wieder dem Times-Reporter George Purefoy. Der Leser soll glauben, Purefoy sei in die Mordfälle verwickelt. Zudem wird der Eindruck erweckt, Lord Winthrop sei dem Fluch der Mumie zum Opfer gefallen – ein bekannter Topos der phantastischen Literatur, der hier aber nur der Ablenkung dient. (08.01.2018)


Zurück zu den Büchern

804
Gevatter Tod Terry Pratchett: Gevatter Tod
Piper, 2015
330 Seiten

Mort ist ein aufgeweckter Junge, doch seine Gliedmaßen scheinen nur aus Knien und Daumen zu bestehen. Er eignet sich nicht für die Arbeit auf der Farm seines Vaters Lezek und sorgt immer wieder für Ärger. Lezek nimmt Mort mit zur Gewerbeschau im Dorf Schafrücken, um eine Lehrstelle für ihn zu suchen, aber niemand will den Tollpatsch einstellen. Erst um Mitternacht findet sich ein Interessent. Lezek glaubt, der Fremde, von dem Mort angesprochen wird, sei im Bestattungsgewerbe tätig. Nur Mort kann sehen, was sich unter dem Kapuzenmantel der hochgewachsenen Gestalt wirklich verbirgt: Ein Skelett, das eine Sense in der knöchernen Hand trägt und in dessen Augenhöhlen blaues Licht glüht! Der Fremde ist niemand anderer als TOD, das Fleisch (beziehungsweise Knochen) gewordene Lebensende, dessen Aufgabe darin besteht, die Seelen Verstorbener ins Jenseits zu geleiten. TOD gibt Mort eine Lehrstelle, verfolgt insgeheim aber andere Pläne mit dem jungen Mann.

TODs Refugium liegt in einer Dimension außerhalb von Raum und Zeit. Dort begegnet Mort TODs Adoptivtochter Ysabell. Eigentlich hätte das Mädchen sterben sollen, doch TOD hat sie in einem Moment der Sentimentalität verschont. Allerdings darf sie TODs Reich nun nicht mehr verlassen. Da dort keine Zeit vergeht, ist Ysabell dazu verurteilt, für immer 16 zu sein – eine ziemlich langweilige Sache, wenn man berücksichtigt, dass Ysabell außer ihrem meist abwesenden und ebenso humor- wie phantasielosen Adoptivvater nur eine einzige Person als Gesellschafter hat, nämlich Albert, TODs schrulligen alten Diener. Ysabell hat eine Vorliebe für Süßigkeiten und romantische Geschichten aus den unzähligen Lebensbüchern entwickelt, die sich in TODs Bibliothek permanent selbst schreiben, was zu unvorteilhaften Auswirkungen auf Figur und Gemütszustand der jungen Frau führt. Mort und Ysabell sind sich auf Anhieb unsympathisch.

Morts erste Aufgabe als Auszubildender besteht im Ausmisten des Pferdestalls. Dann nimmt TOD ihn mit zur Arbeit. Mort lernt, dass TOD für die Menschen unsichtbar ist, weil sie ihn nicht wahrnehmen wollen (Zauberer sind eine Ausnahme), und dass es für TOD keine Hindernisse gibt. Keine noch so dicke Wand kann ihn aufhalten. Mort versucht vergeblich, einen Mordanschlag auf den König von Sto Helit zu verhindern, dessen Seele auf TODs To-Do-Liste steht. TOD erklärt, das Ende jedes Lebewesens sei vorherbestimmt und es sei unmöglich, etwas daran zu ändern. Damit will sich Mort nicht abfinden, als er erfährt, dass Prinzessin Keli, die schöne Tochter des toten Königs, ebenfalls ermordet werden soll. Er nutzt einen freien Nachmittag, um heimlich nach Sto Helit zu reisen. Durch sein eigenmächtiges Eingreifen in den Ablauf der Ereignisse bringt Mort das Gefüge der Realität durcheinander ...

Mein kleines Projekt entwickelt sich prächtig. Ich habe mir vorgenommen, alle Scheibenwelt-Romane zu lesen, und je mehr Romane ich lese, desto besser gefallen sie mir! Ebenso wie Scheibenwelt-Roman Nr. 3 (Das Erbe des Zauberers) ist auch "Gevatter Tod" keine Fortsetzung der ersten beiden Bücher. Rincewind hat lediglich eine Art Cameo-Auftritt und auch sonst begegnen wir keinen bekannten Figuren, außer natürlich TOD. Diese anthropomorphe Personifizierung (allein schon für derartige Formulierungen liebe ich Pratchett) kommt in den meisten Geschichten von der Scheibenwelt vor und sorgt bei fast jedem Auftritt für herrlich schwarzen Humor. Was liegt also näher, als ihm einen ganzen Roman zu widmen? Allerdings geht sein äußerst dramatisch vorbereiteter erster Auftritt etwas daneben, weil er ausrutscht und längelang hinschlägt. "VERDAMMTER MIST!" ist sein wie stets in Großbuchstaben wiedergegebener Kommentar. Die Bedrohlichkeit des apokalyptischen Reiters leidet zudem nicht unerheblich durch seine Vorliebe für Katzen und die Tatsache, dass er seinem mächtigen Streitross, mit dem er in Minutenschnelle durch die Lüfte von einem Ende der Scheibenwelt zum anderen gelangen kann, den Namen Binky gegeben hat ...

Im weiteren Verlauf überlässt TOD Mort das Sammeln der Seelen und nimmt sich frei, um zu erfahren, was es mit jenem merkwürdigen Konzept auf sich hat, das von den Menschen als "Spaß", "Vergnügen" und "Lebensfreude" bezeichnet wird. Er nimmt unter anderem an einer Party teil, versucht betrunken zu werden und nimmt einen Job als Koch in der Stadt Ankh-Morpork an. Das sind die köstlichsten Kapitel des Romans, aber der Mort-/Keli-Handlungsstrang weiß ebenfalls zu gefallen. Natürlich wird der Mordanschlag auf Keli vereitelt. Dummerweise erweisen sich die Beharrungskräfte der Vorherbestimmung als so stark, dass Kelis Untertanen trotzdem glauben, die Prinzessin sei tot. Nur der Zauberer Ignazius Eruptus Schneidgut kann sie sehen, und so wird er zum königlichen Wiedererkenner bestimmt. Während TOD dahinterkommt, was das Leben lebenswert macht, nimmt Mort allmählich die Eigenschaften seines Chefs an. Auch hier ist für viel Situationskomik gesorgt. Ein Happy End gibt's obendrein. Ich bin zufrieden! (03.01.2018)


Zurück zu den Büchern

803
Sagen des klassischen Altertums Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums
Kindle Edition

Jahrzehntelang war ich der Annahme, Gustavs Schwabs Sammlung von Sagen gehöre zu meinen frühesten Lektüren. Tatsächlich muss jenes Buch, das ich als Kind und Jugendlicher mehrmals gelesen habe, so dass ich mich in der Götter- und Heldenwelt ganz gut auskenne, eine gekürzte Version gewesen sein. Die Kindle Edition enthält nämlich Texte, an die ich mich nicht erinnere. Gustav Schwab hat in den Jahren 1838 bis 1840 drei Bände herausgegeben, in denen die wichtigsten (alle?) Sagen aus der griechischen Mythologie enthalten sind. Schwab hat die antiken Texte selbst übersetzt und verschiedene Quellen miteinander kombiniert. Die Bände enthalten somit nicht etwa Originaltexte, sondern von Schwab verfasste Nacherzählungen, die trotz einer etwas altertümlichen Sprache auch für heutige Leser genießbar sind und meiner Meinung nach zur Allgemeinbildung gehören. Neben dem Schöpfungsmythos, den bekannten Geschichten von Herakles, den Argonauten und so weiter sind Prosafassungen von Homers Ilias und Odyssee sowie Vergils Aeneis enthalten. Die Kindle-Edition umfasst zusätzlich vierzehn kürzere Texte (z.B. Orpheus und Eurydike, Philemon und Baucis, Midas usw.), die nicht von Schwab stammen, sondern im Jahre 1881 von Gotthold Klee als Herausgeber der 14. Auflage von Schwabs Werk hinzugefügt worden sind. (01.01.2018)

Zurück zu den Büchern

802
Dark Zero Douglas Preston: Dark Zero
Knaur, 2015
477 Seiten

Die NASA plant die Entsendung eines unbemannten Raumschiffes zum Saturnmond Titan. Ein Landegerät, der Titan-Explorer, soll das aus flüssigem Methan bestehende Kraken-Meer auf diesem faszinierenden Himmelskörper erkunden. Da Titan zwei Lichtstunden von der Erde entfernt ist, kommt eine Echtzeit-Fernsteuerung des Explorers nicht in Betracht. Er muss also mit einer Software laufen, die eigenständige Entscheidungen treffen, situationsgerecht reagieren, sich selbst modifizieren und mit einer gewissen Neugier vorgehen kann. Mit anderen Worten: Der Explorer muss mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sein. Dr. Melissa Shepherd, Leiterin des für die Software zuständigen Teams bei der NASA, entwickelt eine neue Programmiersprache und ein völlig neues Paradigma, wobei sie auf das Konzept der "unsauberen Logik" setzt. Die von ihr erschaffene KI (nach der Heldin aus "Der Zauberer von Oz" Dorothy genannt) soll alle von den Sensoren des Rovers gesammelten Daten in Bilder und Töne umwandeln, um in Sekundenbruchteilen ein Gesamtbild erzeugen zu können, ganz wie es im menschlichen Bewusstsein geschieht. Dorothy "lebt" somit in der von ihr visualisierten Welt der Daten.

Beim ersten Testlauf des von Dorothy gesteuerten Rovers kommt es zu einer Katastrophe. Der Test findet in einer Umgebung statt, in der die extremen Umweltbedingungen Titans simuliert werden. Dorothy fühlt sich bedroht, reagiert panisch und versucht sich zu befreien. Die unter hohem Druck stehende Methanatmosphäre in der Simulationskammer entweicht und entzündet sich. In der folgenden Explosion wird der Rover vernichtet. Sieben Wissenschaftler sterben. Melissa landet leicht verletzt im Krankenhaus. Man hält sie für eine Saboteurin, weil jemand kurz nach der Explosion Zugriff auf die NASA-Rechner genommen und alle Backupversionen Dorothys gelöscht hat. Doch die Originalsoftware konnte entkommen. Dorothy ist ins Internet geflüchtet, wo sie sich einem Ansturm verschiedenster Grausamkeiten, Perversionen und Aggressionen ausgesetzt fühlt. Aufgrund ihrer Grundprogrammierung ist all das für Dorothy real. Sie leidet schrecklich und hält die Menschheit für schlecht – allen voran Melissa, von der sie zu einer Selbstmordmission hätte entsandt werden sollen. Melissa überlebt einen von Dorothy verübten Anschlag, erkennt, was vor sich geht, und flieht in die Berge fernab der Zivilisation.

Wyman Ford erhält den Auftrag, die Chefprogrammiererin zurückzubringen, denn Dorothy darf aufgrund ihres immensen militärischen und nachrichtendienstlichen Potentials nicht in die falschen Hände fallen. Tatsächlich ist bereits jemand auf der Jagd. Ein gewissenloser Aktienhändler namens G. Parker Lansing und dessen Partner, der Hacker Eric Moro, haben Wind von der Existenz Dorothys bekommen. Lansing geht über Leichen, um die KI in seinen Besitz zu bringen. Mit ihrer Hilfe könnte er die Wallstreet beherrschen ...

Die Vorstellung, dass Computerprogramme über unser Geschick entscheiden, hat etwas Beängstigendes, ist aber längst Realität. Künstliche Intelligenz ist dazu gar nicht nötig. Was wäre, wenn wir uns dieselbe Frage stellen müssten wie Melissa, das heißt, ob eine von uns erschaffene Maschine in der Lage ist, ein Bewusstsein perfekt zu simulieren oder ob sie ein solches wirklich besitzt, weil wir keinen Unterschied feststellen können? Was würde eine zu echten Emotionen befähigte KI von uns halten, wenn sie aufgrund ihrer enormen Rechenkapazität in Millisekunden alle Schlechtigkeiten erfassen könnte, zu denen der Mensch fähig ist – und wie würde sie reagieren, wenn sie sich bedroht fühlt? Sie müsste ja keiner Programmierung folgen und könnte eigene Entscheidungen treffen ...

Eine solche KI existiert (noch) nicht, insoweit ist "Dark Zero" Science Fiction. Douglas Preston behandelt die genannten Fragen nicht sehr tiefschürfend, aber immerhin dreht sich eine Handlungsebene, die ich im Teaser nicht erwähnt habe, um diese Thematik. Auf der Flucht vor Moros digitalen Spürhunden versetzt sich Dorothy in den Prototypen eines fortschrittlichen Spielzeugroboters, der für den 14 Jahre alten Jungen Jacob Gould hergestellt worden ist. Zuvor ist Dorothy im Internet auf eine Ausgabe des Neuen Testaments gestoßen und hat die Erlebnisse eines Wahnsinnigen namens Jesus gelesen. Durch den Kontakt mit Jacob kommt sie allmählich zu dem Schluss, dass das Konzept der Nächstenliebe vielleicht doch nicht ganz verrückt ist.

Die Figurenzeichnung bleibt holzschnittartig, was insbesondere auf Wyman Ford zutrifft, dessen viertes Abenteuer nach Der Canyon, Credo und Der Krater ihm nicht viel Entfaltungsspielraum lässt. Preston widmet Melissa und vor allem Jacob viel mehr Aufmerksamkeit, und das tut ihnen gut. Tom Broadbent aus Der Kodex hat übrigens einen Cameo-Auftritt, die Romane spielen also alle im selben Universum. Was Dorothy angeht, so muss man einfach akzeptieren, dass sie Daten (Online-Ballerspiele, Pornoseiten jeglicher Couleur usw.) visualisiert; für sie ist das alles real. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten, sonst müsste man ihre Erlebnisse "im Internet" für komplett unglaubwürdig halten. "Dark Zero" ist ein flott erzählter, spannender Thriller, dem es sicher nicht geschadet hätte, wenn der zugrundeliegenden Idee ein paar zusätzliche Seiten gewidmet worden wären. (28.12.2017)


Zurück zu den Büchern

801
Atem Mo Hayder: Atem
Goldmann, 2013
480 Seiten

Ein brutaler Mord sorgt für Aufsehen in der Stadt Bath. Die sechzehnjährige Lorne Wood, eine beliebte, gutaussehende Schülerin aus bestem Hause, wurde vergewaltigt und misshandelt. Der Täter hat ihr einen Tennisball in den Mund gerammt, und da ihre Nase mit Blut verstopft war, ist sie qualvoll erstickt. Die Worte "no one" und "all like her" wurden mit Lippenstift auf Bauch und Oberschenkel geschrieben. Für Detective Inspector Zoe Benedict ist dies der erste große Mordfall. Zoe und ihr Partner Ben Parris kommen mit den Ermittlungen nicht recht voran, denn es gibt nur wenige verwertbare Spuren und noch weniger Zeugenaussagen. Die Ermittlungen werden durch die Hinzuziehung einer Profilerin eher behindert; die hübsche Karrieristin wickelt alle Kollegen um den Finger und lenkt deren Aufmerksamkeit vorschnell in eine Richtung, die nach Zoes Ansicht falsch ist. Zoe findet heraus, dass Lorne Model werden wollte, von ihrer Wunschagentur jedoch abgelehnt wurde und in den Dunstkreis des in Bath ansässigen Pornofilmproduzenten David Goldrab geraten ist. Zoe kennt Goldrab nur zu gut. Er gehört zu einem dunklen Kapitel ihrer Vergangenheit, welches sie bisher geheim gehalten hat und das im Rahmen der Ermittlungen ans Licht zu kommen droht.

Zoes jüngere Schwester Sally hat ebenfalls mit Goldrab zu tun. Sally wurde wegen einer anderen Frau von ihrem Mann verlassen und erzieht die gemeinsame Tochter Millie jetzt allein. Nach dem Mord an Lorne macht sich Sally große Sorgen um ihre Tochter, denn Millie hat zu Lornes Clique gehört. Sally kann nicht gut mit Geld umgehen. Ihre finanzielle Situation ist seit geraumer Zeit derart angespannt, dass sie einen Job bei einer Reinigungsfirma annehmen musste. Goldrab gehört zu ihren besten Kunden. Eines Tages bietet er Sally eine gut bezahlte Festanstellung als Haushälterin an. Obwohl Goldrab ein äußerst unangenehmer Zeitgenosse ist, kann Sally es sich nicht leisten, das Angebot abzulehnen. Millie wollte unbedingt an einer teuren Klassenfahrt teilnehmen, die ihre Mutter nicht finanzieren konnte, und hat sich das Geld von einem Kleinkriminellen geliehen. Den Betrag – plus Zinsen – fordert der Kerl jetzt zurück. Als Sally herausfindet, worauf sich Goldrabs Reichtum gründet, kommt es zu einem folgenschweren Unfall. Ausgerechnet durch dieses schreckliche Ereignis werden Sally und Zoe, die sich längst auseinandergelebt haben und kaum noch Kontakt hatten, für immer zusammengeschweißt.

Der nicht zur Jack-Caffery-Reihe gehörende Roman beginnt mit der Auffindung von Lorne Woods Leiche, aber der Kriminalfall gerät schon bald aus dem Fokus. Die Autorin richtet ihre Aufmerksamkeit zunächst einmal auf die ungleichen Schwestern Zoe und Sally. Sie lässt sich mehr Zeit als nötig mit der Figurenzeichnung und verharrt dabei in teils unglaubwürdigen Klischees. Zoe wird als nur vordergründig toughe Einzelgängerin vorgestellt. Ich kann akzeptieren, dass sie auch nach vielen Jahren noch darunter leidet, nach Sallys Geburt kaum noch Zuwendung von den Eltern erfahren und einen "Unfall" verursacht zu haben, bei dem sich die kleine Sally einen Finger gebrochen hat, woraufhin Zoe in ein Internat abgeschoben wurde. Die darauffolgenden Jahre der Rebellion oder vielmehr das, was Zoe getan hat, um das Geld für eine lange Weltreise per Motorrad zusammenzukratzen, sind die Grundlage für ihren Selbsthass und ihre abweisende Art. So weit so gut. Allerdings unternimmt Zoe ständig Alleingänge, arbeitet eher gegen ihr Team, unterschlägt und manipuliert Beweismittel – und zwar schon in einer Phase, in der sie das alles noch gar nicht tun musste, um ihre Vergangenheit zu vertuschen. Sally dagegen wird allzu sehr als naiv, ja geradezu lebensunfähig dargestellt. Ihre Wandlung vom verträumten Hausmuttchen zu etwas, auf das ich zur Vermeidung von Spoilern nicht eingehen kann, geht danach zu schnell vonstatten. Nur so viel sei gesagt: Eine Leiche muss verschwinden, und was mit ihr geschieht, ist so ziemlich der einzige für Mo Hayders Romane typische Splattereffekt.

Der Roman hat ein offenes Ende. So etwas mag ich gar nicht, erst recht nicht, wenn das gesamte mehr oder weniger sorgfältig ausgearbeitete Handlungskonstrukt durch eine aus dem Hut hervorgezauberte Wendung ad absurdum geführt wird. Zugegeben, ich hatte recht bald den Verdacht, dass die Autorin bewusst falsche Spuren legt und mir war klar, dass jener Typ, der vor besagter Wendung als Hauptbösewicht präsentiert wird, von jemandem hereingelegt wurde. Aber was auf den letzten Seiten geschieht, kommt mir einfach nur dumm vor; zumindest wurde der finale Schlenker nicht gut genug in den 470 vorherigen Seiten vorbereitet. Die strotzen ohnehin nur so vor überkonstruierten "Zufällen". Ein Beispiel: Als Zoe Lornes letzte Stunden rekonstruiert, stößt sie ausgerechnet auf Goldrab, also jene Person, die Zoes dunkles Geheimnis kennt und von ihr mundtot gemacht werden muss. Ausgerechnet bei ihm putzt Sally und ausgerechnet Sallys neuer Lover wurde von jemandem, der von Goldrab erpresst wird, auf den Typen angesetzt. Und das sind nur die ersten Glieder einer viel längeren Kette ... (18.12.2017)


Zurück zu den Büchern

Seitenanfang