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Dies ist der 17. Teil einer Übersicht meiner Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



819
Blutmond – Wilsberg trifft Pia Petry Petra Würth / Jürgen Kehrer: Blutmond – Wilsberg trifft Pia Petry
Grafit-Verlag, 2005
319 Seiten

Der Privatdetektiv Georg Wilsberg ist ganz zufrieden mit seiner Existenz, denn die Auftragslage ist gut und er hat keine Geldsorgen. Nur eins fehlt ihm zum Glück: Die richtige Partnerin. Wilsberg hatte seit der Scheidung einige Affären, die Frau fürs Leben war jedoch nicht dabei. Im Club Marquis, da ist sich Wilsberg sicher, wird er erst recht nicht fündig werden. In dem Etablissement außerhalb von Münster leben gut betuchte Kunden ihre sadomasochistischen Triebe aus. So auch das Ehepaar Renate und Jochen Averbeck. Renates Mann ist Geschäftsführer der Baumarktkette ihres Vaters. Die beiden sind oft zu Gast im Club Marquis und vergnügen sich dort nicht nur miteinander, sondern auch mit wechselnden Gespielen. Als Masochistin lässt Renate alle erdenklichen Demütigungen und Misshandlungen mit Freuden über sich ergehen. Doch bei der letzten großen Party ist sie in einem Separee des Clubs von einem Unbekannten angegriffen und schwer verletzt worden. Da Renates Familie zum alten Geldadel der Stadt Münster gehört, wird die Polizei nicht eingeschaltet. Ein gewaltiger Skandal wäre sonst unausweichlich. Im Auftrag der Clubbesitzer Clara und Manfred Heusken soll Wilsberg den Täter finden, bevor dieser noch einmal zuschlägt, denn das wäre das Aus für den Club.

Wilsberg lässt sich eine Gästeliste geben und sieht sich im Club um. Dort fällt ihm eine Frau seines Alters auf, die trotz Stilettos und Push-up-BH ebenso wenig ins Ambiente passt wie er selbst. Er begegnet ihr zum zweiten Mal, als er Renate im Krankenhaus besucht. Wilsberg heftet sich an die Fersen der Frau und findet heraus, dass sie sich mit Jochen Averbeck trifft. Ist sie womöglich seine Geliebte und hat mit ihm gemeinsame Sache gemacht, um die eifersüchtige Ehefrau zu beseitigen? Noch ahnt Wilsberg nicht, dass er es mit einer Kollegin zu tun hat. Ihr Name ist Pia Petry und sie betreibt mit ihrem Kompagnon Martin Cornfeld die Detektei "P-Quadrat" in Hamburg. Pia kennt Renate aus der Internatszeit. Jochen hat Pia zur Aufklärung des Falles engagiert. Auch er will die Sache nicht an die große Glocke hängen, denn sollte herauskommen, dass er die Firmenerbin zum SM-Sex "verführt" hat, würde er achtkantig aus der Firma fliegen. Als Pia entsprechende Kleidung besorgt, um im Club Marquis recherchieren zu können, begegnet sie einem faszinierenden Mann, der sich Dracu nennt und den sie schon beim ersten Clubbesuch in Aktion erlebt hat. Pia lässt Dracu näher an sich heran, als gut für sie ist.

Wilsbergs und Pias Wege kreuzen sich in der folgenden Zeit mehrmals. Es funkt gewaltig, aber zunächst verheimlichen sie sich gegenseitig, warum sie in der SM-Szene unterwegs sind. Beide werden auf Volker Wegener aufmerksam, einen wegen Körperverletzung vorbestraften Clubgast, der sich zurzeit außer Landes aufhält. In Wegeners Penthouse treffen die beiden Privatdetektive einmal mehr aufeinander. Über dem Bett hängt eine grässlich zugerichtete Leiche. Es ist die Verkäuferin aus Dracus Sexshop. Im Bad findet Pia Jochens Siegelring ...

Wilsbergs sechzehnter Fall ist Jürgen Kehrers erster in Zusammenarbeit mit Petra Würth entstandener Roman. Petra Würth hatte zu diesem Zeitpunkt schon zwei Romane mit der Hauptfigur Pia Petry veröffentlicht. Das Aufeinandertreffen dieser beiden grundverschiedenen Charaktere, die sich nicht kennen und sich gegenseitig verdächtigen, etwas mit dem Verbrechen zu tun zu haben, verleiht dem Buch einen ganz besonderen Reiz. In ständigem Wechsel folgt ein Kapitel mit Wilsberg als Ich-Erzähler auf eines, in dem Pia Petrys Blickwinkel eingenommen wird und so weiter. Wilsberg erzählt in der Vergangenheitsform, Pia Petry im Präsens. Beide haben unterschiedliche Sicht-/Herangehensweisen und erleben dieselbe Situation jeweils ganz anders. Der Leser wird somit quasi aus zwei völlig verschiedenen Richtungen allmählich an den Fall herangeführt. Wilsberg ermittelt wie immer "von außen", das heißt er versucht sich einen Überblick zu verschaffen und zu begreifen, mit wem er es überhaupt zu tun hat. Das weiß Pia bereits, denn sie kennt die Averbecks seit vielen Jahren. Tatsächlich hatte sie etwas mit Jochen, bevor er ihr von Renate ausgespannt wurde. Sie kann den Fall also "von innen" aufrollen. Aber auch Pia lernt noch neue Seiten an den Averbecks (und sich selbst) kennen, nämlich die Vorliebe für sadomasochistische Praktiken. Diese Thematik sorgt natürlich für zusätzliche Würze, denn das bunte Treiben im Club Marquis wird ziemlich detailreich beschrieben.

Zur Kultfigur Georg Wilsberg muss ich an dieser Stelle wohl kein Wort mehr verlieren. Er tritt gegenüber der Co-Hauptfigur zwar nicht in den Hintergrund, ist für mich aber ein alter Bekannter, von dem ich keine Überraschungen erwarte und dem Kehrer tatsächlich kaum noch neue Facetten verleiht. Wenn man mal davon absieht, dass der knurrige Westfale bis über beide Ohren verliebt ist. Der Autor kann sich also zurücklehnen und sich in Sachen Figurenzeichnung auf seine Kollegin verlassen. Ganz klar: Pia Petry, "die Neue", ist jetzt erstmal die interessantere Figur. Abgesehen davon, dass sie für eine Mittvierzigerin manchmal etwas naiv rüberkommt, finde ich sie sympathisch – auf eine ganz andere Art als Wilsberg. Sie mag die schönen Dinge des Lebens, ist ziemlich vorlaut und etwas chaotisch. Entsprechend unprofessionell geht sie an den Fall heran. Keine toughe Superfrau also, sondern als Mensch wie du und ich erkennbar. Sie bringt definitiv frischen Wind und Schwung ins Wilsberg-Universum. Hat Spaß gemacht! (11.04.2018)


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818
Die seltsame Welt des Mr. Jones Philip K. Dick: Die seltsame Welt des Mr. Jones
Bastei Lübbe, 1985
196 Seiten

Nach langen Jahren eines mit atomaren, biologischen und chemischen Waffen geführten globalen Krieges liegen viele Städte in Trümmern. Die Nationalstaaten existieren nicht mehr; die Welt wird von der Bundesregierung (Bureg) beherrscht. Nahrungsmittel sind weltweit rationiert. Drogenkonsum ist legal. Mutanten werden auf Jahrmärkten zur Schau gestellt. Der Fanatismus wurde als Ursache für den verheerenden Weltkrieg identifiziert. Damit sich eine solche Katastrophe nicht wieder ereignet, wurde eine neue Philosophie eingeführt, die von der Geheimpolizei der Bureg rigide durchgesetzt wird: Der Relativismus. Jeder Mensch darf glauben, was immer er will. Religionen, Weltanschauungen und persönliche Meinungen werden also keineswegs unterdrückt. Aber niemand darf behaupten, im Besitz der allgemeingültigen Wahrheit zu sein und es ist strengstens verboten, anderen die eigene Ideologie aufzunötigen. Wer diesem Gebot zuwiderhandelt, wird zunächst aufgefordert, seine Behauptungen zu beweisen. Wer das nicht kann, landet in einem Arbeitslager. Allmählich erhebt sich die Menschheit aus den Trümmern. Technische Fortschritte werden gemacht und die Besiedlung der Venus wird vorbereitet.

Da stößt der junge Bureg-Agent Doug Cussick auf Mann namens Floyd Jones, der sich als Wahrsager betätigt. Jones behauptet, genau zu wissen, was sich im kommenden Jahr ereignen wird. So sagt er voraus, dass Nachrichten über die "Drifter" bald alle Medien beherrschen werden, außerirdische Wesen, die man in den kommenden Monaten überall auf der Erde sehen wird. Cussick macht Meldung bei seinen Vorgesetzten und stößt auf größeres Interesse als erwartet, denn die Existenz der Drifter ist bereits bekannt, wird aber streng geheim gehalten. Jones dürfte also nichts davon wissen, dass eines dieser gigantischen einzelligen Wesen entdeckt wurde. Jones wird festgenommen und befragt. All seine Vorhersagen treffen ein, so dass er den Geboten des Relativismus zufolge laufen gelassen werden muss. Aus demselben Grund – Jones kann beweisen, dass seine Behauptungen wahr sind - muss die Bureg dulden, dass Jones in den folgenden Jahren immer mehr Anhänger um sich schart. Er wird zur Führerfigur einer Massenbewegung. Ein Bürgerkrieg droht, in dem die Bureg stürzen würde, sollte Jones Erfolg haben. Attentatsversuche sind sinnlos, denn Jones kennt die Zukunft ja bereits ...

Dieser Roman ist zusammen mit "Und die Erde steht still", "Die rebellischen Roboter" (auch bekannt als Die Lincoln-Maschine) und "Die Invasoren von Ganymed" im Sammelband "Die Welten des Philip K. Dick" erschienen, welcher außerdem ein Vorwort und ein kurzes Essay über Dicks Leben und Werk von Uwe Anton enthält. Ich habe den Band in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden, er ist ansonsten nur noch antiquarisch erhältlich. Das ist schade! Die Romane mögen alt sein, sie wirken aber keineswegs veraltet, denn Dick war seinen Schriftstellerkollegen weit voraus.

"Die seltsame Welt des Mr. Jones" gehört zu Dicks Frühwerk (das Buch wurde 1956 erstveröffentlicht), aber alle bekannten Elemente, die in späteren Romanen immer wieder variiert werden, sind schon vorhanden: Eine globale Katastrophe, aus deren Trümmern sich eine veränderte Menschheit erhebt, menschenähnliche Roboter, Mutanten mit Parafähigkeiten, Besiedlung der erdnahen Planeten – und das Infragestellen der Realität, hier repräsentiert durch Floyd Jones. Er besitzt die Gabe (oder den Fluch), sein ganzes Leben zweimal zu leben. Er kann sich heute bereits daran erinnern, was er in einem Jahr erleben wird ... erlebt hat ... erlebt haben wird. Alles trifft genau so ein wie von ihm vorhergesagt. Niemand kann etwas daran ändern. Ist der freie Wille also eine Illusion? Ist alles vorherbestimmt? Der Relativismus ist eine der verblüffenden Ideen, für die ich Dicks Werke so liebe: Auf die Spitze getriebene Toleranz? Nur auf den ersten Blick, in Wahrheit ist das darauf basierende System genauso rigide wie jede beliebige Diktatur.

Die Story wird aus verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen erzählt, wodurch der Roman einen etwas zerfahrenen, irgendwie "hastigen" Charakter erhält. Er beginnt mit einer Gruppe kleinwüchsiger Menschen, die zur Besiedlung der Venus gezüchtet wurden, schwenkt aber schon nach wenigen Absätzen zu Cussick um. Ein langer Rückblick folgt, in dem Cussick allmählich aus dem Fokus gerät, nur um gegen Ende wieder zur Hauptfigur zu werden. Zwischendurch stehen Jones und dann wieder die Venus-Kolonisten im Mittelpunkt. Das Geheimnis der Drifter wird aufgeklärt und es zeigt sich, dass Jones eigentlich gute Absichten hatte. Vielleicht hat Dick versucht, zu viel in die knapp 200 Seiten hineinzuquetschen. Egal, lesenswert ist der Roman auf jeden Fall. (02.04.2018)


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817
Die drei Sonnen Cixin Liu: Die drei Sonnen
Heyne, 2017
591 Seiten

Professor Wang Miao, ein in Peking lebender Spezialist für Nanotechnologie, wird – für ihn völlig überraschend – zu einer Geheimbesprechung geladen, an der hochrangige Militärs und Geheimdienstmitarbeiter (auch aus den USA) sowie der Antiterrorspezialist Shih Quiang von der örtlichen Polizei und der Physiker Ding Yi teilnehmen. Die Rede ist von Krieg, aber nicht etwa zwischen Ost und West, sondern zwischen der gesamten Menschheit und einem unbekannten Feind. In den letzten Monaten sind zahlreiche namhafte Wissenschaftler, die bahnbrechende Forschungen betrieben haben, unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Alle waren in irgendeiner Weise mit "Frontiers of Science" assoziiert, einer Organisation, die sich mit den Grenzen der Wissenschaft beschäftigt. Auch Ding Yis Freundin Yang Dong, die ein neues Modell der Stringtheorie entwickelt hat, gehört zu den Opfern. Sie hat sich das Leben genommen. In ihrem Abschiedsbrief spricht sie davon, die Physik habe niemals existiert und werde auch in Zukunft nicht existieren. Wang soll mit Shih Quiang zusammenarbeiten und sich als Maulwurf bei "Frontiers of Science" einschleusen, um mehr über die Todesfälle herauszufinden.

Zunächst einmal kommt das Wochenende. Wang gibt sich seinem Hobby hin und radelt durch die Stadt, um zu fotografieren. Auf jedem einzelnen Bild ist später eine Zahlenkombination zu sehen. Wang erkennt, dass es sich um einen Countdown handelt, der nur auf Fotos angezeigt wird, die er selbst gemacht hat – egal mit welcher Kamera. Wang glaubt den Verstand zu verlieren. Er wendet sich hilfesuchend an eine Bekannte namens Dr. Shen Yufei. Sie behauptet, der Countdown sei für ihn allein bestimmt und er müsse sein aktuelles Projekt (die Herstellung eines neuartigen Nanomaterials) einstellen, sonst werde es bald noch größere Probleme geben. Wang geht darauf ein. Prompt erlischt der Countdown. In Shen Yufeis Haus hat Wang gesehen, dass seine Bekannte mit dem Online-Spiel Three Body beschäftigt war, das man nur mittels eines VR-Anzugs spielen kann. Er legt sich einen solchen Anzug zu, loggt sich ein und findet sich in einer perfekten virtuellen Welt wieder, auf einem Planeten namens Trisolaris. Dort wechseln sich stabile und chaotische Klimaverhältnisse auf unvorhersehbare Weise ab. Nur wenn ein stabiles Zeitalter lang genug anhält, kann sich die virtuelle Zivilisation weiterentwickeln. Das Ziel des Spiels besteht in der Enträtselung der Hintergründe für den Wechsel.

Wang ist fasziniert, kehrt nach jedem Fehlschlag ins Spiel zurück und findet schließlich heraus, dass sich der Planet in einem aus drei Sonnen bestehenden System befindet und oft entweder zu weit von diesen entfernt ist, so dass er vereist, oder ihnen zu nahe kommt, so dass alles verbrennt. Damit hat Wang das nächste Level im Spiel erreicht und wird aufgefordert, zu einem Treffen von "Frontiers of Science" zu erscheinen. Three Body ist nichts anderes als ein Rekrutierungssystem für diese Organisation. Beim Treffen lernt er Ye Wenjie kennen, eine Gründerin von "Frontiers of Science". Die Astrophysikerin wurde in den Sechzigerjahren unschuldig als Verräterin denunziert und hat jahrzehntelang in der geheimen Militärbasis "Rotes Ufer" gearbeitet, um sich zu rehabilitieren. Hauptaufgabe von "Rotes Ufer" war die Kontaktaufnahme mit außerirdischen Zivilisationen ...

Science Fiction aus China? Ich wusste nicht, dass es das gibt. Das allein war Grund genug, mir diesen Roman zuzulegen. Es handelt sich um den ersten Band einer Trilogie. Wie erhofft macht die Story Einblicke in die Kultur Chinas möglich, die mir neu waren. Anders als es obiger Teaser vermuten lässt, beginnt die Geschichte nicht in der Gegenwart, sondern im Jahre 1967. Die so genannte Kulturrevolution tobt. Hauptfigur ist Ye Wenjie, deren Vater von Mitgliedern der Roten Garden vor ihren Augen zu Tode geprügelt wird. Äußerst eindrucksvoll wird Ye Wenjies Leidensweg beschrieben, bis sie schließlich in die Militärbasis gelangt und dort letzten Endes tatsächlich zur Verräterin wird. Ich wusste natürlich schon vorher so ungefähr, was während der Kulturrevolution in China vorgegangen ist, aber es ist eine Sache, dies in einem Geschichtsbuch zu lesen und eine ganz andere, es von einem "Insider" im Rahmen einer ergreifenden Geschichte erzählt zu bekommen. Was das angeht, fallen die in der Gegenwart spielenden Kapitel mit der Hauptfigur Wang ein wenig ab. Auch ist Wang keine annähernd so starke Figur wie Ye Wenjie. Mehrere Kapitel sind in der phantastischen virtuellen Welt Trisolaris angesiedelt. Wang begegnet hier verschiedenen Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Es sind hauptsächlich Wissenschaftler, die sich in der VR bemühen, die Dauer von stabilen und chaotischen Zeitaltern vorherzusagen. Einer konstruiert einen aus Millionen Soldaten bestehenden Computerchip (!), der vermutlich wirklich funktionieren könnte. Der Roman ist nicht zuletzt aufgrund derartiger Ideen faszinierend, zumal immer wieder aktuelle Themen wie Umweltzerstörung und dergleichen angerissen werden. Aber es gibt einen Haken.

Achtung, hier folgen Spoiler!
Ye Wenjie ist die einzige Person, die darauf aufmerksam wird, dass "Rotes Ufer" eine Botschaft von einer außerirdischen Zivilisation aufgefangen hat. In dieser Botschaft wird die Menschheit dringend davor gewarnt, eine Antwort zu senden, weil dies unweigerlich zu einer Invasion führen würde. Um sich an der Menschheit zu rächen, schickt Ye Wenjie eine Antwort ab. Nun, ich hätte nicht erwartet, dass es sich bei diesem preisgekrönten Roman "nur" um eine Invasionsgeschichte handeln würde! Das ist der erwähnte Haken. Immerhin ist die Art und Weise, wie diese Invasion durchgeführt oder vielmehr vorbereitet wird, durchaus ungewöhnlich. Die virtuelle Welt von Trisolaris bildet die Verhältnisse auf dem Heimatplaneten der Invasoren ab. Für die Trisolarier ist die Erde ein Paradies. Ihre Flotte wird 450 Jahre brauchen, um zur Erde zu gelangen. Es ist zu erwarten, dass sich die Menschheit in dieser Zeit weiterentwickeln und das Technologielevel der Invasoren überflügeln wird. Das muss verhindert werden. Deshalb greifen die Trisolarier zu Maßnahmen, die mir einen Tick zu phantastisch sind, um die führenden Wissenschaftler der Menschheit zu verwirren und somit den technischen Fortschritt zu hemmen ...

Wie dem auch sei: Meine Neugier wurde geweckt und Band 2 der Trilogie liegt bereits in meinem SUB. (28.03.2018)


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816
Die Abendröte im Westen Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen
rororo, 2016
443 Seiten

Mitte des 19. Jahrhunderts flieht ein Vierzehnjähriger mit einem Hang zu sinnloser Gewalt, dessen Mutter bei der Geburt gestorben und dessen Vater ein Trinker ist, aus seinem ärmlichen Elternhaus in Tennessee. Er irrt bis zur völligen Verwahrlosung durch Texas und wird von Freischärlern rekrutiert, die unter dem Befehl eines gewissen Captain White Ländereien in Mexiko für die USA erobern wollen. Der Feldzug der schlecht bewaffneten Truppe endet, bevor er richtig beginnt. Die Männer werden von Komantschen angegriffen und massakriert. Der Junge überlebt, wandert weiter und landet schließlich in einem Gefängnis in Chihuahua. Er schließt sich einer Gruppe von Kopfgeldjägern an, die von John Joel Glanton angeführt werden. Diese Männer schließen Verträge mit den Behörden über die Tötung von Indianern im Grenzgebiet ab. Ihre Belohnung erhalten sie nach Vorlage der Skalps. Niemand interessiert sich dafür, ob die grausigen Trophäen von Kriegern stammen oder von Frauen und Kindern.

In manchen Städten werden Glantons Männer wie Helden gefeiert, doch das ändert sich schnell, wenn sie erst einmal damit anfangen, ihren Lohn zu vertrinken und zu randalieren. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Zwischenfällen – und manchmal verkaufen die Kopfjäger Skalps, die gar nicht von Indianern stammen, sondern von jenen Bürgern, zu deren Schutz die Verträge eigentlich abgeschlossen wurden. Glantons Gruppe schmilzt infolge der unzähligen blutigen Kämpfe sowie der strapaziösen Ritte durch Wüste und Gebirge immer weiter zusammen, findet jedoch stets neue Mitglieder. Von Anfang an dabei ist ein rätselhafter Mann namens Holden, der von den Männern "Richter" genannt wird und ein ganz besonderes Interesse an dem Jungen zu haben scheint ...

Man könnte diesen Roman dem Westerngenre zurechnen, aber das wäre zumindest irreführend – genauso irreführend wäre es zum Beispiel, Aguirre, der Zorn Gottes als Historienfilm zu bezeichnen. Beides ist nicht falsch, trifft den Kern der Sache aber nicht im Geringsten. Mit den vergleichsweise harmlosen Abenteuern ehrenhafter Westläufer und edler Indianerhäuptlinge, wie man sie von Karl May kennt, hat "Die Abendröte im Westen" jedenfalls rein gar nichts zu tun. Wenn sich Quentin Tarantino und David Lynch zusammentun würden, um Winnetou zu verfilmen, dann könnte etwas annähernd Vergleichbares dabei herauskommen!

Obiger Teaser hätte trotz des nicht gerade geringen Romanumfangs noch kürzer ausfallen können, denn eine Handlung ist eigentlich nicht vorhanden. Es handelt sich um eine Aneinanderreihung von Episoden, bei denen der Junge, dem die Story zunächst folgt, irgendwann komplett in den Hintergrund tritt. Ab und zu werden Erzählungen eingeflochten, die als Rückblicke fungieren. Der Junge spielt erst wieder eine Rolle, als Glantons Gang praktisch nicht mehr existiert. Seine Erlebnisse als Erwachsener bis hin zu seinem Tod werden dann noch geschildert. Das heißt: Es ist nicht sicher, ob er stirbt. Es wird nur angedeutet.

Prägend für den Roman ist vor allem die extreme Blutrünstigkeit. Glantons Leute (allerdings keineswegs sie allein) verüben Akte der Grausamkeit, bei denen ich, der ich mich in dieser Beziehung für ziemlich abgebrüht halte, doch manchmal schlucken musste. Ich will hier gar nicht weiter ins Detail gehen. Sagen wir es so: Was die entsprechenden Beschreibungen angeht, so müssten die oben genannten Regisseure wohl noch Leute wie George A. Romero oder Olaf Ittenbach für den Splatterfaktor ins Boot holen! Ich nehme an, der Autor will auf diese Weise klarstellen, dass es sich nicht um einen Abenteuerroman handelt. Und ich befürchte, dass er nicht einmal übertreibt; er soll umfangreiche Recherchen angestellt haben. Somit wird ein ganz anderes Bild des "Wilden Westens" gezeichnet als etwa in Edelwestern mit John Wayne – vermutlich ein weit realistischeres. Auch ohne die Gewaltdarstellung ist das Buch äußerst düster. Elend, Dreck und Verwahrlosung überall. Dann aber wieder grandiose Naturbeschreibungen in der für McCarthy typischen präzisen und prägnanten, gleichzeitig poetischen Sprache.

Es gibt keine einzige positive Figur. Im Reigen der Absonderlichkeiten ist "Richter" Holden die merkwürdigste Erscheinung. Ist er überhaupt ein Mensch? Oder eine Inkarnation Satans? Sein Äußeres ist schon ungewöhnlich. Er ist ein Riese von Gestalt, übermenschlich stark, massig und völlig haarlos. Er zeigt sich oft mit entblößtem Oberkörper und tanzt gern völlig nackt. Holden ist hochintelligent und besitzt eine umfassende Bildung, spricht mehrere Sprachen und hat feine Manieren, doch er ist das womöglich grausamste und hinterlistigste Mitglied der Gruppe. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass er überall dort, wo die Glanton-Gang Logis bezieht, junge Frauen oder gar Mädchen entführt, vermutlich vergewaltigt und tötet. Die Opfer werden nie wieder gesehen. Holden stellt Naturforschungen an, deren Ergebnisse er in einem Buch festhält. Er ist der Ansicht, ohne sein Wissen – oder vielmehr seine Einwilligung – dürfe nichts existieren ...

"Die Abendröte im Westen" ist gleichzeitig verstörend und faszinierend, allerdings dürften die schonungslosen Schilderungen extremer Gräueltaten nicht jedermanns Sache sein! (21.03.2018)


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815
Fluchtversuch Arkadi und Boris Strugatzki: Fluchtversuch
Heyne, 2014
147 Seiten

Wadim, von Beruf struktureller Linguist, und sein Freund, der Raumschiffspilot Anton, freuen sich auf einen Jagdausflug zum Planeten Pandora. Tatsächlich hat Wadim die noch zu erbeutenden Tachorge-Trophäen bereits verschenkt. Doch kurz vor dem Abflug taucht ein leicht verwirrt wirkender Mann namens Saul Repnin auf, angeblich Historiker und Spezialist für das 20. Jahrhundert. Er hat eine dringende Bitte, die die beiden jungen Männer, gutherzig wie sie sind, gern erfüllen. Repnin möchte zu einem beliebigen Planeten gebracht werden, der gute Lebensbedingungen bietet, aber noch nicht besiedelt wurde. Man entscheidet sich für eine Welt mit der Registriernummer EN 7031 und tauft diese auf den Namen "Saula". Das Klima ist unwirtlich; die Umgebung der Landestelle ist tief verschneit. Trotzdem ist Repnin zufrieden. Doch dann entdeckt das Trio mehrere Leichen. Die menschenähnlichen Toten sind nur mit Jutesäcken bekleidet und offensichtlich erfroren. Jute existiert auf der Erde nicht mehr, also muss es sich um Eingeborene handeln.

Man erkundet die Gegend per Gleiter und entdeckt eine bizarre Szenerie. Auf einer kilometerlangen mehrspurigen Straße bewegt sich ein lückenloser Strom verschiedener robotgesteuerter Fahrzeuge von einem Krater zu einem anderen, in dem sie spurlos verschwinden. Es handelt sich vermutlich um Hinterlassenschaften einer hochentwickelten Zivilisation, die unter dem Namen "Wanderer" bekannt ist und nichts mit den Ureinwohnern des Planeten zu tun hat. Letztere haben ein dem irdischen Mittelalter ähnelndes Entwicklungsniveau erreicht. Es ist eine Sklavenhaltergesellschaft, in der alle Kriminellen, Abweichler und Andersdenkenden unter erbärmlichsten Bedingungen gehalten werden. Anton, Wadim und Repnin beobachten, mit welcher Rücksichtslosigkeit die Sklavenhalter die Gefangenen behandeln. Diese werden zu Hunderten zur Erforschung der Robotfahrzeuge geopfert. Wadim glaubt, dass man lediglich ein wenig Entwicklungshilfe leisten müsste, um die Lebensbedingungen aller Bewohner Saulas zu verbessern. Repnin sieht das anders. Aus eigener Erfahrung weiß er nur zu gut, dass sich derartige Zustände nicht so leicht ändern lassen ...

Dieser zum Zyklus "Welt des Mittags" gehörende Kurzroman aus dem Jahre 1962 ist Bestandteil von Band 4 der Strugatzki-Werkausgabe, die außerdem Anmerkungen und Kommentare von Boris Strugatzki enthält. Im Kommentar zu "Fluchtversuch" schreibt er, hierbei handele es sich um einen Umbruch, denn einerseits sei die Idee der Progressoren aufgekommen (Progressoren spielen wichtigen Rollen in vielen späteren Romanen der Strugatzkis), vor allem aber hätten er und sein Bruder erstmals erkannt, welche Effekte man durch den Verzicht auf Erklärungen erzielen kann. Man erfährt nicht, was es mit den Robotfahrzeugen wirklich auf sich hat. Es könnte sich um eine Art Umschlagplatz handeln, eine Zwischenstation beim automatisierten interstellaren Warentransport. Außerdem wird nicht ganz deutlich, woher Saul Repnin kommt. Er muss ein Zeitreisender sein, das ist klar, aber wie hat er diese Zeitreise unternommen? So entsteht eine ganz spezielle fremdartige Atmosphäre. Dieses Stilmittel haben die Strugatzkis spätestens mit Picknick am Wegesrand perfektioniert.

Hinzu kommen äußerst eindrucksvolle Schilderungen der grauenhaften Verhältnisse auf Saula. Es ist schon erstaunlich, wie die Strugatzkis auf ganz wenigen Seiten eine komplette Kultur (wenn man denn von einer "Kultur" sprechen kann) skizzieren und diese der geradezu idyllischen Welt gegenüberstellen, in der Wadim und Anton leben. Ihre fröhliche Sorglosigkeit und das Elend auf dem fremden Planeten könnten gegensätzlicher nicht sein. Der humorvolle Auftakt mündet in eine sehr bedrückende zweite Hälfte. Anton und Wadim meinen es gut und wollen helfen, machen durch ihr Eingreifen aber alles nur noch schlimmer. Auch diesbezüglich ist Boris Strugatzkis Kommentar erhellend. Es handelt sich um eine Anspielung auf die Mongolei, die durch die "uneigennützige Hilfe" der UdSSR aus dem Feudalismus direkt in den Sozialismus geführt worden ist – so die offizielle Version. Was die Strugatzkis davon halten, kann man deutlich erkennen. Erwähnenswert finde ich noch, dass man dem Roman sein hohes Alter nicht anmerkt. Er ist heute so aktuell wie vor 56 Jahren. (12.03.2018)


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814
Axis Robert Charles Wilson: Axis
Heyne, 2016
305 Seiten

Jahrzehntelang war die Erde in den Spin gehüllt, eine Membran, die unter anderem zu einem stark verlangsamten Zeitablauf geführt hat. Während eines Jahres Erdzeit sind außerhalb der Spin-Membran ungefähr 100 Millionen Jahre vergangen. Die Menschen haben diesen Umstand genutzt, um den Mars zu terraformen und zu besiedeln, in der Hoffnung, ihre Nachkommen könnten Antworten auf die Fragen finden, von wem und zu welchem Zweck der Spin erschaffen worden ist. Diese Hoffnung hat sich nur teilweise erfüllt. Man geht inzwischen davon aus, dass die gesamte Galaxie von einem Netzwerk durchzogen ist, das aus unfassbar weit entwickelten selbstreplizierenden Nanomaschinen oder vergleichbaren biomechanischen Konstrukten besteht und gottgleiche Fähigkeiten besitzt. Unklar bleibt, ob diese "Hypothetischen" sich ihrer eigenen Existenz bewusst sind, denken können und selbstgesetzte Ziele verfolgen – oder ob es sich vielmehr um einen unbewussten Prozess handelt, den automatischen Ablauf eines Programms, das von einer unbekannten Macht im Hintergrund vorgegeben wird. Die Marsianer sind zu Meistern der Genetik geworden und haben ein Verfahren entwickelt, mit dem sich das Leben um Jahrzehnte verlängern lässt. Man erhält sozusagen ein viertes Lebensalter. Dieses Verfahren haben die Marsianer mit ihren Ahnen von der Erde geteilt, doch es wurde als verwerflich gebrandmarkt. Genetisch veränderte Menschen, so genannte "Vierte", müssen in den Untergrund gehen, wenn sie nicht den Häschern des Ministeriums für Genomische Sicherheit in die Hände fallen wollen. Das MfGS wacht mit brutalen Mitteln über die "Reinerhaltung" des menschlichen Erbguts.

Die Spinmembran hat sich inzwischen weitgehend aufgelöst, der Zeitablauf auf der Erde hat sich dem restlichen Universum angeglichen. Die Hypothetischen haben der Menschheit ein unermesslich wertvolles Geschenk hinterlassen. Im Indischen Ozean erhebt sich ein bis in die höchsten Schichten der Atmosphäre reichender Torbogen. Wenn man ihn mit einem Seeschiff durchquert, gelangt man auf einen weit entfernten Planeten, der höchstwahrscheinlich von den Hypothetischen erschaffen und so gestaltet wurde, dass Menschen dort leben können. In den Jahrzehnten seit der Auflösung der Spinmembran wurde der Kontinent Äquatoria auf dieser Welt besiedelt. Ein reger Handelsverkehr ist entstanden, denn der Planet bietet schier unerschöpfliche Vorräte an Ressourcen, die auf der Erde rar geworden sind. Eines Tages gerät die Ölförderung in einer Wüste im Westen Äquatorias nach heftigen Erdbeben ins Stocken. Die Wüste wird zum Sperrgebiet erklärt.

Eine junge Frau namens Lise Adams reist in die Hafenstadt Port Magellan auf Äquatoria, um nach Hinweisen auf ihren spurlos verschwundenen Vater zu suchen. Er muss etwas mit einer Kolonie von Vierten rund um den Wissenschaftler Dr. Avram Dvali zu tun gehabt haben. Lise bittet den Piloten Turk Findley, mit dem sie einst eine Affäre hatte, sie zu Dvalis Kolonie zu bringen. Auch die Marsianerin Sulean Moi ist dorthin unterwegs. Sie interessiert sich für einen kleinen Jungen namens Isaac. Das Kind wurde im Mutterleib mit einer Technologie behandelt, die bei Erwachsenen tödliche Folgen hätte und es ihm ermöglichen soll, in Kontakt mit den Hypothetischen zu treten. In diesen Tagen kommt es zu einem unerklärlichen Phänomen auf Äquatoria. Gewaltige Staubmengen, möglicherweise Überreste von Hypothetischen aus dem All, fallen auf die Planetenoberfläche, wo daraufhin merkwürdige Objekte entstehen ...

Der zweite Teil der "Spin"-Trilogie reicht nicht ansatzweise an den genialen ersten heran, weder was den Umfang angeht, noch in Bezug auf die Story. Im ersten Roman wird ja nicht nur eine absolut faszinierende Grundidee vorgestellt, deren Rätselhaftigkeit nach und nach verständlicher wird, was dann zu weiteren überraschenden Erkenntnissen führt. Und es werden nicht nur die vielschichtigen gesellschaftlichen, politischen und weltanschaulichen Auswirkungen dieser Entwicklung ergründet, was allein schon für einen sehr komplexen Roman ausgereicht hätte. Der Clou an "Spin" ist meines Erachtens die menschliche Ebene. Die Gigantomanie wird auf drei persönliche Einzelschicksale heruntergebrochen. Der Leser erlebt die Umwälzungen nach Entstehung der Spinmembran hauptsächlich aus dem Blickwinkel Tyler Duprees, dessen Lebensweg jahrzehntelang gefolgt wird. Durch die Beziehung mit den Zwillingen Jason und Diane Lawton ist er immer am Puls des Geschehens. Nur Diane kommt übrigens im zweiten Roman wieder vor. Jason hat ja den ersten Roman nicht überlebt. Tyler, so erfahren wir jetzt, ist im hohen Alter friedlich gestorben.

Das alles fällt in "Axis" fast vollständig weg. Die Ausgangssituation ist etabliert, Wilson hat seinem Universum kaum etwas Neues hinzuzufügen. Die Handlung erstreckt sich höchstens über ein paar Wochen und eine so interessante Figurenkonstellation wie in "Spin" gibt es diesmal nicht. Die Erschließung des neuen Planeten ist Nebensache. Themen wie Umweltverschmutzung, rücksichtslose Ressourcenausbeutung und die geradezu faschistoide Reaktion der Menschen auf die "Vierten"-Behandlung klingen nur am Rande mit. Lise, ihr fürs MfGS arbeitender Exmann Brian Gately und ihr neuer/alter Lover Turk sind durchaus keine platten Abziehbilder, sie sind mir aber weitgehend egal geblieben. Und was geschieht in "Axis" eigentlich, was lernen wir? Die Hypothetischen existieren und sie sammeln Informationen, wobei sie sich herzlich wenig um das Schicksal der Lebewesen scheren, die zufällig auf dem Planeten leben, welcher von den Hypothetischen genutzt wird – wofür eigentlich? Das ist mir nicht klargeworden.

Ich möchte "Axis" als Musterbeispiel für verschwendete Chancen bezeichnen. Was hätte man aus der Erkundung des neuen Planeten nicht alles herausholen können! Im Gegensatz zum ersten Roman fehlt mir hier jegliches Gefühl des Phantastischen. Sense of Wonder? Fehlanzeige. Hinterher ist man genauso schlau wie am Anfang. Vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch. Auf jeden Fall war ich sehr enttäuscht. (06.03.2018)


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813
Grimmbart Volker Klüpfel / Michael Kobr: Grimmbart
Knaur, 2015
479 Seiten

Wenn Kluftinger eins nicht leiden kann, dann ist das eine Störung des wohlverdienten Feierabends. Erst recht, wenn es sich um einen Anruf seines Intimfeindes, des neunmalklugen Dr. Langhammer handelt! Der hat allerdings einen triftigen Grund, den grantigen Kriminalhauptkommissar am späten Abend zu behelligen. Langhammers Freund, Wieland Freiherr von Rothenstein Grimmbart, Baron zu Schloss Bad Grönenbach, ist in großer Sorge. Seine Gattin Rita ist verschwunden, möglicherweise entführt, denn offensichtlich ist jemand in das Schloss eingebrochen. Ein wertvolles Gemälde wurde entwendet und an seiner Stelle hängt ein Polaroidfoto, auf dem die Baronin zu sehen ist. Widerwillig stattet Kluftinger dem unheimlichen Schloss einen nächtlichen Besuch ab und lässt sich das Foto zeigen. Bei genauer Inaugenscheinnahme zeigt sich, dass die Aufnahme in einem bestimmen Raum des Schlosses aufgenommen wurde. Tatsächlich befindet sich die Baronin immer noch dort. Sie ist tot (vergiftet, wie sich später herausstellt), ihre mit einem historischen Gewand bekleidete Leiche wurde exakt nach dem Vorbild des gestohlenen Gemäldes arrangiert.

Die finanzielle Situation des Barons ist katastrophal, so dass er zulassen muss, dass ein proletenhaftes Verwalterehepaar nach Belieben im Schloss schaltet und waltet, aber ein Zusammenhang mit dem Mord scheint nicht zu bestehen. Zur Tatzeit haben Gäste mit zwielichtigem Hintergrund im Schloss gewohnt, doch auch die haben kein Mordmotiv. Der Baron mag sich verdächtig verhalten, weil er immer wieder im zum Schoss gehörenden Märchenwald verschwindet, einen Mord traut Kluftinger dem verstörten Mann allerdings nicht zu. Kluftinger und seine Kollegen stehen mit leeren Händen da und können nicht mit Ermittlungserfolgen vor ihrer neuen Chefin Birte Dombrowski glänzen. Die Hannoveranerin hat die Nachfolge des ins Innenministerium gewechselten Polizeipräsidenten Lodenbacher angetreten und sofort frischen Wind in den allzu gemütlichen Büroalltag der Kemptener Polizei gebracht. Kluftingers Truppe muss an Fortbildungen und dem jahrelang vernachlässigten Schießtraining teilnehmen, außerdem soll Kluftinger Beurteilungen zwecks Vergabe von Leistungsprämien schreiben.

Kluftinger hat also schon mehr als genug Sorgen. Zu Hause kann er sich zurzeit nicht davon erholen, denn das häusliche Refugium verwandelt sich in ein Tollhaus. Die Heirat von Kluftingers Sohn Markus und Yumiko steht unmittelbar bevor! Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren und treiben Kluftinger nicht nur wegen der exorbitanten Kosten den Schweiß auf die Stirn. Er muss ja auch noch eine Rede austüfteln. Obendrein reisen Yumikos Eltern aus Japan an und werden bis zur Hochzeit im Hause Kluftinger wohnen ...

Zwei grundverschiedene Kulturen prallen aufeinander! Trotz allem und obwohl Kluftis grausige Radebrecherei in einer Sprache, die er für Englisch hält, permanent für Missverständnisse sorgt, werden der knurrige Allgäuer und der überkorrekte Brautvater Yoshifumi Sazuka Freunde, weil sie aus recht ähnlichem Holz geschnitzt sind. Ob das permanente Getaumel von einem Fettnäpfchen ins nächste witzig ist? Nun, lasst es mich so ausdrücken: Das Autorenduo Klüpfel/Kobr hat sich mit den bisherigen sieben Klufti-Romanen stets auf einem sehr schmalen Grat bewegt. Manchmal rutschen sie in Richtung Slapstick oder ins Zotige ab, kriegen dann aber doch wieder die Kurve und können in jedem Fall auf Kluftis ganz speziellen Charme bauen. Das ist im achten Band nicht anders. Doch so sehr ich Klufti inzwischen ins Herz geschlossen habe, so wenig kann ich ignorieren, dass er immer mehr als Witzfigur dargestellt wird. Klufti soll als Mensch wie Du und Ich erkennbar sein, das ist mir schon klar. Die Autoren schießen meiner Meinung nach allerdings oft über das Ziel hinaus – zu oft, so dass Klufti eher wie eine Karikatur wirkt.

Außerdem stört mich der rüde Umgangston bei der fiktiven Kemptener Kripo schon seit geraumer Zeit. Was diese Leute praktizieren (und nicht nur in Bezug auf die Nervensäge Richard Meier) ist nichts anderes als Mobbing. Es wird Zeit, dass die neue Chefin in diesem Saustall aufräumt! Das wiederum ist eine Situation, die ich nur zu gut nachempfinden kann und durchaus amüsant finde. Wer kennt das nicht? Jeder neue Vorgesetzte scheint es für geboten zu halten, seine Duftmarken zu hinterlassen und erstmal alles umzukrempeln, egal wie gut oder schlecht es unter dem Vorgänger gelaufen ist. Ständig wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben, werden etablierte Positionen in Frage gestellt, müssen Innovationen her. Die Abteilung soll besser/schöner/schneller werden, also müssen alle Mitarbeiter erst einmal an diversen Weiterbildungen teilnehmen. Wenn man Glück hat, ebbt der blinde Aktionismus nach ein paar Monaten ab. Ich drücke Kluftis Truppe die Daumen!

Beim vorherigen Roman (Herzblut) habe ich die geschickte Verknüpfung des Kriminalfalls mit Kluftis Privatleben gelobt. Das war in den ersten sechs Romanen nicht immer so – und ist es auch jetzt wieder nicht. Die Hochzeit und ihre Vorbereitungen nehmen gefühlt breiteren Raum ein als die Mordermittlungen, außerdem bestehen letztere hauptsächlich darin, dass Klufti im Dunkeln tappt. Er moniert sogar selbst, dass er diesmal viel zu lang falschen Fährten nachgegangen ist und sich die unheimliche Atmosphäre des Märchenschlosses selbst eingeredet hat. Das verwundert nicht, denn mir ist bis zuletzt nicht klargeworden, welchen Sinn die Vorgehensweise des Täters hatte und am Ende entscheidet "Kommissar Zufall". Es kommt mir nicht so vor, als wären die Autoren mit großer Sorgfalt an die Konstruktion dieser Elemente herangegangen. Tatsächlich wirkt der Kriminalfall auf mich wie ungeliebtes Beiwerk, auf das nicht verzichtet werden konnte, weil man den Roman in den Buchhandlungen sonst nicht ins entsprechende Regal hätte stellen können ... (01.03.2018)


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812
Star Wars – Die letzten Jedi. Die illustrierte Enzyklopädie Pablo Hidalgo: Star Wars – Die letzten Jedi. Die illustrierte Enzyklopädie
Dorling Kindersley, 2017
80 Seiten, gebunden

Ich muss gestehen, dass ich von den Star Wars – Filmen seit Episode I nicht wirklich begeistert bin, am wenigsten von "Die letzten Jedi". Aber egal ob mir ein Film gefällt oder nicht: Die großformatigen "Enzyklopädien" kaufe ich immer, weil sie nette Erinnerungsstücke sind und Details zeigen, die man im Kino leicht übersieht. Alle wichtigen Personen, Orte, Droiden, Raumschiffe, Fahrzeuge, Kreaturen, Waffen und sonstigen Requisiten (sowie viele unwichtige, die man beim ersten Anschauen des Films vielleicht gar nicht bemerkt) sind abgebildet. Mir scheint, dass nur wenige Film-Screenshots verwendet wurden. Möglicherweise wurden einige Bilder sogar eigens für das Buch angefertigt. Viele Abbildungen füllen eine ganze Seite, einige erstrecken sich sogar über zwei Seiten.

Die Anführungszeichen habe ich oben gesetzt, weil es sich bei den Bildbänden keineswegs um Nachschlagewerke mit einem Umfang handelt, der diese Bezeichnung rechtfertigen würde. Wer erwartet, dass alle oder wenigstens die wesentlichen Begriffe das achten Star Wars - Films ausführlich erklärt werden, dürfte angesichts des geringen Umfangs und der sehr knapp gehaltenen Textbeiträge enttäuscht sein. Leider sind im Gegensatz zum viel dickeren Bildband Star Wars Rogue One – Die illustrierte Enzyklopädie diesmal wieder keine Risszeichnungen enthalten, auch keine Konzeptzeichnungen oder Aufnahmen von den Dreharbeiten. Die üblichen unfreiwillig komischen Kurzbeschreibungen wie "entschlossene Miene", "finsterer Blick" und so weiter dagegen schon. Sie scheinen so etwas wie ein Running Gag in diesen Büchern zu sein. (25.02.2018)

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811
Das Tor der Zeit Neal Asher: Das Tor der Zeit
Bastei Lübbe, 2007
589 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Der Messingmann

Auf der Raumstation Celedon, die als stationärer Außenposten am Rand der Polissphäre fungiert, wird eine Wurmlochverbindung zu einem weit entfernten Ort hergestellt. Ein an sich alltäglicher Vorgang, doch die Gegenstation befindet sich in der 200.000 Lichtjahre von der Milchstraße entfernten Kleinen Magellanschen Wolke, und dort existiert noch kein Runcible – das mit der Installation beauftragte Team ist gerade erst in die KMW aufgebrochen. Es hatte den Zusatzauftrag, die als "Erschaffer" bezeichnete Kreatur in deren Heimat zu bringen. Tatsächlich wird durch die Runcibleverbindung nicht nur der Raum überbrückt, sondern auch die Zeit. Das aus der Zukunft zurückkehrende Team ist auf der Flucht vor einer tödlichen Bedrohung. Das Runcible in der Station Celedon wird überhastet deaktiviert. Gewaltige Energiemengen schlagen in die KMW zurück und lassen dort (800 Jahre in der Zukunft) alles Leben erlöschen. Die Rückkehrer berichten, dass die gesamte Zivilisation der Erschaffer von Dschainatech unterwandert wurde. Offenbar dient diese Technologie einem einzigen Zweck: Hochentwickelte Zivilisationen aufzuspüren und vollständig zu vernichten.

Ian Cormac hat Skellor endgültig besiegt und im Rahmen dieser Auseinandersetzung die Fähigkeit gewonnen, sich selbst durch den Subraum zu versetzen, ist aber mehr tot als lebendig aus dem Kampf hervorgegangen. Körper und Geist des ECS-Topagenten müssen buchstäblich neu zusammengesetzt werden. Dabei zeigt sich, dass Erinnerungsfragmente Skellors auf Cormac übergegangen sind. Viel Erholungszeit ist Cormac nicht vergönnt, denn neues Ungemach droht von mehreren Seiten. Die Ausbreitung der Dschainatech wurde mit Skellors Tod keineswegs eingedämmt. Eine Kreatur, die sich selbst als "Legat" bezeichnet und seinerzeit dafür gesorgt hat, dass ein schlummernder Dschainaknoten in Skellors Besitz gelangt ist, verteilt weitere gleichartige Knoten in der Polis. Einen nötigt er dem in einer Arkologie auf dem Planeten Coloron lebenden Separatisten Thellant N'Komo auf. Rasend schnell breiten sich die zerstörerischen Nanomaschinen in der Arkologie aus. Die zuständige Künstliche Intelligenz steht vor der unlösbaren Aufgabe, Milliarden Menschen zu evakuieren. Ein zweiter Knoten wird von Orlandine untersucht, einer mit einer KI verschmolzenen Frau und Leiterin eines Projekts, dessen Ziel in der Erschaffung einer Dysonsphäre rund um eine Sonne besteht. Orlandine ist vorsichtiger als Thellant und untersucht den Knoten, ohne ihn zu berühren. Als ihr Geliebter zu neugierig wird, ist sie gezwungen, einen Mord zu begehen.

Earth Central, die regierende KI der Polis, gewinnt wichtige Erkenntnisse aus den Erinnerungsfragmenten Skellors und der Katastrophe von Coloron. So gelingt es einigen mit KIs ausgestatteten Angriffsschiffen, den Legaten in eine unerforschte Region fern vom Einflussbereich der Polis zu verfolgen. Sie tappen in eine sorgfältig vorbereitete Falle, errichtet von Erebus, einer abtrünnigen KI, die die Polis schon vor langer Zeit verlassen und kleinere gleichgesinnte KIs assimiliert hat. Erebus verachtet die Polis-KIs, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihre Erschaffer zu behüten. Seiner Meinung nach sind Menschen nichts weiter als lästige Parasiten, die es zu beseitigen gilt ...

Neal Asher hat eine ganze Reihe von Romanen geschrieben, deren Handlung im Polis-Universum spielt. Fünf Bände bilden einen darin eingebetteten Minizyklus rund um den ECS-Agenten Ian Cormac. "Das Tor der Zeit" ist Band 4 dieses Zyklus, dessen drei erste Romane man kennen sollte, um der Story angemessen folgen zu können. Es wird zudem immer wieder auf den lange zurückliegenden Pradorkrieg angespielt (Erebus ist zum Beispiel ein Überbleibsel dieses Krieges), was nicht verwundert, wurde doch der Roman "Prador Mond", in dem es um eben jenen Krieg geht, im selben Jahr erstveröffentlicht wie "Das Tor der Zeit". Sollte der Autor die Absicht verfolgt haben, den Leser neugierig auf "Prador Mond" zu machen, dann ist ihm das, was mich betrifft, bestens gelungen.

Meine im Teaser zu Band 3 geäußerte Vermutung hat sich bestätigt. Mit Skellors Tod ist das Thema "Dschainatech" noch lange nicht abgeschlossen. Tatsächlich ist es das zentrale Thema des ganzen Subzyklus. Ich muss allerdings sagen, dass Asher mal so langsam auf den Punkt kommen könnte! Im vorliegenden Roman werden durchaus einige Fragen beantwortet, etwa die nach der wahren Identität Horace Bleggs. Wir erfahren auch, warum die so genannten Erschaffer das gigantische Biokonstrukt "Drache" in die Milchstraße geschickt haben. Asher braucht jedoch sehr lang dafür, das alles zu enthüllen. Im Grunde wird mit "Das Tor der Zeit" nur der Boden für die finale Schlacht bereitet, zu der es in Band 5 hoffentlich endlich kommen wird!

Wie üblich habe ich im obigen Teaser nur die tragenden Balken des vielschichtigen Handlungsgerüsts erwähnt. Asher fügt zahlreiche kleinere und größere Verstrebungen ein, also Subplots mit Nebenfiguren, aus deren Perspektive die Handlung vorangetrieben wird. Dazu gehören nicht nur Menschen wie Thorn, ein alter Kampfgefährte Cormacs, dessen Geschichte mit diesem Roman endet, oder Mensch-KI-Mischwesen (Menkis) wie Orlandine, die sicher im nächsten Band wieder mitmischen wird. Nein, auch die KIs selbst stehen im Zentrum so mancher Kapitel. Die Figurenzeichnung bleibt trotzdem oberflächlich, denn über weite Strecken hinweg werden Kämpfe beschrieben. Sei es die dem Untergang geweihte Arkologie von Coloron, ein von Cormac angeführtes Häuflein auf einem Planeten, der schon bald vor den verschiedensten bizarren Kampfrobotern wimmelt, oder der Kampf der in die Domäne von Erebus eingedrungen Polis-Angriffsschiffe, der in eine wahrhaft epische Raumschlacht mündet ... Es wird geballert, bis die Strahlenkanonen glühen!

Cormac mag sich fragen, ob er überhaupt noch er selbst ist und er mag eine Liebesbeziehung mit Asselis Mika eingehen, die wir aus den vorherigen Romanen kennen, aber sehr viel mehr Tiefe gewinnt er dadurch nicht. Besser charakterisierte Personen wie z.B. John Stanton, die mir eher ans Herz gewachsen sind, kommen nicht mehr vor. Und leider hat Asher diesmal nicht so faszinierende Schauplätze zu bieten wie Masada in Der Erbe Dschainas und Cull in "Der Messingmann". Deshalb und wegen einer gewissen Langatmigkeit oder gar Redundanz müsste ich diesen Roman als bisher schwächsten des Ian-Cormac-Minizyklus bezeichnen, wenn diese Bezeichnung nicht irreführend wäre. Spannendes Lesefutter wird nämlich auch diesmal geboten. Ich fand die vorherigen Romane lediglich noch runder und fesselnder. (19.02.2018)


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810
Die Schönheit der toten Mädchen Boris Akunin: Die Schönheit der toten Mädchen
Aufbau Taschenbuch Verlag, 2003
222 Seiten

Zu Ostern 1889 beabsichtigt Zar Alexander III. der Moskauer Residenz einen Besuch abzustatten. Lange hat Fürst Wladimir Andrejewitsch Dolgorukoi, Generalgouverneur Moskaus, auf dieses Ereignis hingearbeitet, von dem er sich eine Stärkung seiner Position gegenüber der neidisch auf seinen Posten schielenden Konkurrenz aus St. Petersburg erhofft. Er träumt gar von der Verleihung des Andreas-Ordens anlässlich seines sechzigsten Offiziersjubiläums. Ausgerechnet am Kardienstag, den 4. April, wird in Moskau die bestialisch zugerichtete Leiche einer Prostituierten gefunden. Der Täter hat sein Opfer ausgeweidet und die Organe in einem bizarren Stillleben um die Leiche herum arrangiert. Kollegienrat Erast Fandorin, Sonderbeauftragter des Gouverneurs, glaubt die Handschrift eines Serienmörders zu erkennen, dem im Vorjahr mehrere Prostituierte in London zum Opfer gefallen sind. Fandorin war seinerzeit in England und konnte sich selbst ein Bild von den Vorfällen machen. Er gibt Fürst Dolgorukoi den Rat, den Besuch des Zaren abzusagen, denn sollte wirklich Jack the Ripper in Moskau sein Unwesen treiben, ist mit weiteren Untaten zu rechnen.

Tatsächlich haben sich bereits mehrere Morde ereignet, die auf das Konto desselben Täters gehen und es dauert nicht lang, bis der Ripper wieder zuschlägt. Dieser Skandal muss unbedingt vertuscht werden. Einem Rat Leonti Ishizyns folgend, dem Untersuchungsführer beim Bezirksstaatsanwalt, schiebt der Gouverneur die Absage des Zarenbesuchs aufs Frühjahrshochwasser. Doch schon bald machen Gerüchte in der Bevölkerung die Runde und die Ermittler tappen im Dunkeln. Während sich Fandorin als Zuhälter verkleidet, um unerkannt im Milieu der Opfer zu ermitteln, versucht sein Assistent Anissi Tulpow drei Verdächtige auszuhorchen. Ishizyn fährt schwerere Geschütze auf. Er lässt die Verdächtigen verhaften und konfrontiert sie mit den verstümmelten Leichen. Wenig später wird Ishizyn tot aufgefunden – inmitten eines aus seinen inneren Organen bestehenden Tableaus. Jetzt ist es vorbei mit der Geheimhaltung. Der Innenminister erscheint persönlich in Moskau, um Köpfe rollen zu lassen. Auch Fürst Dolgorukois Posten steht zur Disposition, sollte es Fandorin bis Ostersonntag nicht gelingen, den Ripper zu fassen.

"Die Schönheit der toten Mädchen" ist im Original zusammen mit Russisches Poker in einem Band erschienen. Die Erzählweise ist in beiden Romanen gleich (die Perspektive wechselt ständig zwischen Fandorin, Tulpow und den jeweiligen Widersachern), sie könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. In beiden Fällen hat Fandorin ein persönliches Interesse daran, den Verbrecher dingfest zu machen, aber während er in "Russisches Poker" mit einem im Grunde sympathischen Hochstapler aneinandergerät, der lediglich den Schmuck der Geliebten Fandorins geklaut hat, jagt er diesmal eine Bestie in Menschengestalt, der nicht nur mehrere Prostituierte zum Opfer fallen, sondern auch zwei Personen aus Fandorins unmittelbarem Umfeld.

Hat man es bei "Russisches Poker" mit einem humorvollen Schelmenroman zu tun, so ist "Die Schönheit der toten Mädchen" ein sehr düsterer Thriller mit tragischem Ende, in dem nicht mit äußerst blutrünstigen Details gegeizt wird. Das Spannungslevel steigt kontinuierlich an, da der Autor geschickt falsche Fährten auslegt und eine wichtige Figur nach der anderen in Gefahr bringt. Der Autor fügt dem Mythos von Jack the Ripper eine originelle neue Facette hinzu. Wer hätte gedacht, dass der Ripper kein Brite ist? Ich kann unmöglich mehr dazu schreiben, ohne zu spoilern. Nur so viel sei verraten: Fandorin deckt die Identität des legendären Killers auf und beendet das Treiben des Rippers ein für alle Mal! Er zahlt allerdings einen hohen Preis für diesen Erfolg ... (12.02.2018)


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809
Der Jesus-Deal Andreas Eschbach: Der Jesus-Deal
Bastei Lübbe, 2016
724 Seiten

Im Jahre 1959 begegnet Samuel Barron einer Frau aus Schweden, die durch ein unbekanntes Ereignis aus dem Jahr 1994 in Barrons Zeit versetzt wurde. Sie ist schwer krank und stirbt wenig später, weil es das für sie lebenswichtige Medikament noch nicht gibt. Niemand außer Barron weiß, woher die Frau kommt. Er wird zum reichsten Mann der USA, denn die Unbekannte hatte eine Zeitschrift mit Börseninformationen bei sich, die in Barrons Besitz verbleibt. Einem Artikel der Zeitschrift kann Barron entnehmen, welche Aktien er wann kaufen und verkaufen muss, um riesige Gewinne zu erzielen. Ende der Neunzigerjahre erfährt auch die Weltöffentlichkeit, dass Zeitreisen möglich sind, als bei Ausgrabungen in Israel neben einem 2000 Jahre alten Skelett die Bedienungsanleitung einer Videokamera gefunden wird, welche derzeit nur auf dem Reißbrett existiert. Der Medientycoon John Kaun, Finanzier der Ausgrabungen, initiiert eine Suche nach der Kamera. Er geht zu Recht davon aus, dass der Tote ein Zeitreisender war, der ein Video von Jesus Christus angefertigt hat. Die Filmaufnahmen werden tatsächlich gefunden. Die katholische Kirche versucht dies zu vertuschen, doch Kopien des Jesus-Videos gehen in den folgenden Jahren von Hand zu Hand. Wer das Video sieht, wird entweder überhaupt nicht davon berührt oder ändert sein Leben grundlegend. Zu letzteren gehört John Kaun.

Für Barron, einen strenggläubigen Christen, sind diese Ereignisse ein göttliches Zeichen. Inzwischen ist er nicht nur der reichste, sondern auch der mächtigste Mann des Landes. Barron gehört zur Führungsspitze der weltweiten evangelikalen Bewegung. Sein Einfluss reicht bis in die höchsten politischen Ämter. Er besitzt somit alle erforderlichen Mittel, um ein Projekt aufzusetzen, durch das die biblische Prophezeiung der Wiederkunft Christi verwirklicht werden soll. Barron verpflichtet einen russischen Wissenschaftler, dem es gelingt, eine funktionierende Zeitmaschine zu konstruieren. Eine kleine Gruppe handverlesener Getreuer, zu denen auch Barrons Sohn Michael gehört, soll in die Zeit kurz vor der Kreuzigung geschickt werden. Die Zeitreisenden sollen Jesus mit der Zeitmaschine in die Gegenwart bringen – eine Gegenwart, die von Samuel Barron persönlich vorbereitet wird. Der Bibel zufolge wird Jesus das Böse vernichten und die ganze Welt erlösen, doch vor seiner Wiederkunft müssen sich die Prophezeiungen der Offenbarung erfüllen. Bevor Gottes Reich vollendet werden kann, muss es zum Armageddon kommen. Mit anderen Worten: Barron beabsichtigt den Dritten Weltkrieg auszulösen.

Nach den Erlebnissen in Israel hat John Kaun fast seinen gesamten Konzern veräußert und nur das einzig wirklich profitable Objekt (eine Kartoffelchipsfabrik) behalten. Er hat eine Frau gefunden, die er liebt; sie hat ihm geholfen, ein anderer Mensch zu werden. Kaun und seine Frau Bethany führen ein glückliches, einfaches Leben, das abrupt endet, als ihre fünfjährige Tochter Kathleen an Leukämie erkrankt. Nur durch eine Knochenmarksspende könnte das Kind noch gerettet werden, aber es existiert kein geeigneter Spender. Durch Zufall wird Kaun auf das streng geheime Zeitreiseprojekt aufmerksam. Ihm wird klar, dass es nur eine Hoffnung für Kathy gibt. Seine Tochter muss die Zeitreise mitmachen, damit sie von Jesus geheilt werden kann ...

Neulich habe ich Andreas Eschbachs gut 17 Jahre alten Roman Das Jesus-Video noch einmal gelesen. In meinem Kurzkommentar habe ich geschrieben, dass Eschbach die damalige Klasse nicht wieder erreicht hat. Leider gilt das auch für die Fortsetzung. Die Story von "Das Jesus-Video" braucht im Grunde keine Fortsetzung – erst recht nicht diese! Nach einer relativ kurzen Auftaktphase, in der zugrundeliegende Idee und Ausgangssituation skizziert werden, herrscht in "Das Jesus-Video" packende Spannung. Kaum ein Kapitel endet ohne unerwartete Wendungen, neue Erkenntnisse, scheinbar aussichtslose Situationen oder einen sonstigen Kniff. Alles führt sinnvoll zu einem fulminanten Finale hin, dem sogar noch zwei überraschende Epiloge folgen. Dagegen besteht "Der Jesus-Deal" fast nur aus Vorbereitung und Exposition! Zumindest musste ich mich durch viele, viele Kapitel quälen, deren Sinnhaftigkeit sich mir schon während der Lektüre nicht so recht erschlossen hat und die sich im Nachhinein betrachtet als überflüssig herausgestellt haben. So beginnt der Roman keineswegs so, wie es obiger Spoiler vermuten lässt. Nein, bis es soweit ist, geht es erst einmal um Michael Barron und seinen Bruder Isaak. Letzterer schaut sich das Jesus-Video an, woraufhin er sich mit seinem Vater überwirft, sich zu seiner Homosexualität bekennt, an AIDS erkrankt und stirbt. Klar, Michael muss einen bestimmten Background erhalten, denn er wird zum Dreh- und Angelpunkt des ganzen zusammengezwungenen Handlungskonstrukts, aber diesen Umfang hätte das Ganze wirklich nicht haben müssen.

Ähnlich ist es mit der Kaun-Handlungsebene. So anrührend sie auch ist und so glaubwürdig Kauns innere Wandlung rüberkommt – alles ist schlicht unnötig, denn es ist nicht Kaun, der sich Samuel Barron entgegenstellt, sondern Stephen Foxx, die Hauptfigur von "Das Jesus-Video". Letzten Endes hat der gesamte Kaun-Subplot nur den Zweck, Foxx zurück in die Handlung zu bringen. Kaum ist das geschehen, nimmt der Roman deutlich Fahrt auf. Dann wird es sogar durchaus nochmal spannend. Das hätte Eschbach aber auch anders erreichen können. Schwupps! Schon hätte er Kaun ersatzlos streichen müssen und das Buch wäre mindestens 200 Seiten kürzer ausgefallen. Zugegeben, im Kontext des Romans sind die verschiedenen Handlungsfäden nicht vollkommen sinnlos und sie werden auf zufriedenstellende Weise miteinander verknüpft, aber am Ende musste ich mich doch fragen, welche Geschichte Eschbach eigentlich erzählen wollte. Gute Ansätze, insgesamt aber langatmig, überkonstruiert und verzichtbar – das ist mein Kurzfazit.

Hier folgen Spoiler. Weiterlesen auf eigene Gefahr! Nach langer Vorbereitung und Ausbildung (wird natürlich ebenfalls alles ausführlichst geschildert) reisen Michael und sein Team in die Vergangenheit und begegnen Jesus. Wenigstens dieser Leserwunsch, den sicher nicht nur ich hatte, wird also erfüllt. Die Geschehnisse werden in Interviewform wiedergegeben. Ein schlauer Kunstgriff, die entsprechenden Kapitel sind sehr interessant. Allerdings sind sie viel zu kurz. Man erfährt außerdem, wie der Zeitreisende aus "Das Jesus-Video" sowie die Schwedin in die Vergangenheit gelangt sind: Sie sind quasi in den Sog von Barrons Zeitmaschine geraten und mitgerissen worden. Denkt man genauer über solche sich selbst bedingenden gegenseitigen Voraussetzungen nach, droht akute Hirnverknotung! (05.02.2018)


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808
Mythopoeikon Patrick Woodroffe: Mythopoeikon
Moewig, 1980
156 Seiten

Patrick Woodroffe, gestorben 2014, hat in den Siebzigerjahren zahlreiche LP-Hüllen und Buchcover gestaltet, letztere insbesondere im Genre Science Fiction und Fantasy. Der großformatige Bildband "Mythopoeikon" enthält vermutlich alle Werke aus dieser Zeit; die englischsprachige Originalausgabe ist 1976 erschienen. Abgebildet sind nicht nur Gemälde, Radierungen und Stiche, sondern auch Skulpturen und dreidimensionale Bilder. Woodroffes Stil ist mit dem Untertitel "Phantasiebilder, Ungeheuer, Nachtmahre, Tagträume" ganz gut umrissen. Verschiedenartige reale Lebewesen werden zu bizarren Kreaturen verschmolzen. Ganz typisch sind Schneckenhäuser, in denen elefantenähnliche Wesen leben wie Einsiedlerkrebse. Die meisten Werke zeigen eine Flut collagenartig zusammengestellter Elemente mit winzigen Details, nicht unähnlich den Gemälden von Hieronymus Bosch. Besonders gut gefällt mir, dass die Bilder in diesem Band nicht einfach kommentarlos zusammengestellt wurden. Es sind recht ausführliche Anmerkungen des Künstlers vorhanden, in denen er seine Arbeitsweise erläutert, auf die Entstehungsgeschichte eingeht und erklärt, welche Bedeutung die einzelnen Elemente der Bilder haben. (31.01.2018)

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807
Das Jesus-Video Andreas Eschbach: Das Jesus-Video
Bastei Lübbe, 2001
651 Seiten

Stephen Foxx hat mit einem kleinen IT-Unternehmen viel Geld verdient und könnte sich auf die faule Haut legen, möchte jedoch etwas erleben und Bedeutsames leisten. Er verdingt sich als Helfer bei archäologischen Ausgrabungen in aller Welt, wobei er seinen Reichtum stets unerwähnt lässt. Bei Grabungen in den Ruinen von Bet Hamesh in Israel entdeckt Foxx das gut erhaltene Skelett eines Mannes, neben dem ein Leinenbeutel liegt. Foxx glaubt an einen Streich seiner Kollegen, als er den Beutel öffnet und dabei die in Plastikfolie eingeschweißte Bedienungsanleitung einer Sony-Videokamera vom Typ MR-01 findet. Aber keiner der anderen Helfer macht sich über Foxx lustig, niemand ahnt etwas von dem Fund. Grabungsleiter Professor Charles Wilford-Smith will, dass das so bleibt. Er verdonnert Foxx zu strengstem Stillschweigen. Die Tatsache, dass einige Zähne des Toten überkront sind, lässt vermuten, dass es sich um ein Mordopfer handelt, das erst in jüngerer Zeit verscharrt worden ist. Doch das Skelett und das Papier der Bedienungsanleitung können eindeutig datiert werden. Sie sind gut 2000 Jahre alt! Als sich dann noch herausstellt, dass der Sony-Camcorder MR-01 zurzeit nur auf dem Reißbrett der Entwickler existiert und erst in einigen Jahren auf den Markt kommen soll, steht fest, dass der Tote ein Zeitreisender war. Und was – oder vielmehr wen - würde ein Zeitreisender im ersten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung wohl filmen wollen?

Smith unterrichtet John Kaun, den milliardenschweren Sponsor der Ausgrabung. Kaun leitet einen riesigen Konzern, der zurzeit etwas schwächelt. Er wittert das große Geld und die Chance, seinen Nachrichtensender N.E.W. an die Weltspitze zu bringen. Ein Video, das Jesus Christus zeigt – das wäre die größte Sensation aller Zeiten! Kaun reist nach Israel, um die Suche nach dem Jesus-Video persönlich zu leiten. Diesem Projekt ordnet er alles andere unter und er schlägt ungewöhnliche Wege ein, um zum Erfolg zu kommen. Unter anderem zieht er den Schriftsteller Peter Eisenhardt, einen Autor preisgekönter Zeitreiseromane, als Berater hinzu. Sonartomographische Untersuchungen des Ausgrabungsgebietes zeigen, dass die Kamera nicht zusammen mit dem Toten vergraben wurde. Man geht davon aus, dass der Zeitreisende die Kamera an einem sicheren Ort versteckt hat, damit sie die Jahrhunderte unbeschadet überdauern kann. Es gibt allerdings nicht den geringsten Hinweis auf das Versteck – zumindest glauben das Kaun und Wilford-Smith.

In Wahrheit hat der Zeitreisende einen Brief geschrieben, der sich bei der Bedienungsanleitung befunden hat. Foxx hat den Brief gefunden und dies verschwiegen. Vom Ehrgeiz gepackt will er Kaun ausstechen und das Jesus-Video vor dem gewissenlosen Tycoon finden. Foxx weiht die junge Grabungshelferin Judith Menez (in die er sich verliebt hat) und deren Bruder Yehoshuah ein. Yehoshuah besitzt als Restaurator des Rockefeller-Museums in Jerusalem die Mittel, die längst verblasste Schrift des Briefes zumindest teilweise lesbar zu machen. Der Text enthält genaue Ortsangaben. Die Kamera ist hinter einem bestimmten Stein in einer Mauer des herodianischen Tempels versteckt, die heute als Klagemauer bekannt ist…

Ich habe "Das Jesus-Video" vor gut 17 Jahren gelesen. Damals war ich restlos begeistert. Heute bin ich der Meinung, dass Eschbach seitdem kein besseres Buch geschrieben hat. Er hat die Klasse dieses Romans nie mehr erreicht. Sobald die Ausgangssituation etabliert ist und alle Hauptfiguren eingeführt sind, was recht flott und ohne größere Abschweifungen vonstattengeht, entspinnt sich ein spannendes und temporeiches Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Foxx und Kaun (sowie den jeweiligen Helfern), in das sich irgendwann sogar die Nachfolgeorganisation der heiligen Inquisition einschaltet. "Das Jesus-Video" hat mich nochmal richtig gepackt, obwohl ich mich sehr gut an den Handlungsverlauf erinnern konnte. Kaum eines der kurzen Unterkapitel endet ohne eine unerwartete Wendung, eine überraschende neue Erkenntnis, eine scheinbar aussichtslose Situation oder einen sonstigen Kniff, so dass man einfach weiterlesen muss! Immer wenn man denkt, nun sei wohl das Ende erreicht, macht die Handlung doch noch einen Schlenker und schlägt buchstäblich bis zur letzten Seite neue Bahnen ein. Mehr kann ich an dieser Stelle nicht verraten, ohne zu spoilern. Besonders erwähnenswert: Ganz im Gegensatz zu der Verfilmung aus dem Jahre 2002 (die ich für völlig misslungen halte) kommt der Roman ohne übertriebene Action aus und niemand wird getötet. Die Dynamik entsteht aus dem ständigen Wechsel der Erzählperspektive und dem geschickten Einsatz von Cliffhangern.

"Das Jesus-Video" hat mehr zu bieten als spannende Unterhaltung. Da wäre einerseits die unübersehbare, zum Glück aber ohne mahnend erhobenen moralischen Zeigefinger daherkommende Religionskritik. Die Tatsache, dass sich die katholische Kirche überhaupt nicht für den Inhalt des Videos interessiert, weil wahr ist, was seit Jahrhunderten verkündet wird, sagt wohl schon genug aus. Zum anderen gefällt mir, wie Eschbach die zentrale Klippe der zugrundeliegenden Idee umschifft. Jetzt muss ich doch spoilern, weiterlesen daher auf eigene Gefahr! Ja, es gibt eine ca. 2000 Jahre alte Videoaufzeichnung. Sie zeigt einen Mann mit unglaublicher Ausstrahlung. Dieser Mann, so wird auf den ersten Blick klar (die Tonspur ist nicht erhalten geblieben) lebt ganz im Hier und Jetzt. Er ist ist von tiefer Liebe zum Leben und den Mitmenschen erfüllt. Niemand kann sich seinem Charisma entziehen. Seine lebensbejahende Existenz ist eine Herausforderung an die Zuschauer - Schaut her, so wie ich könntet auch ihr sein – und steht im krassen Gegensatz zu den Lehren einer Religion, für die das Leben nur ein Jammertal ist, das zur Erreichung jenseitiger Seligkeit durchquert werden muss. So zumindest die Empfindungen einer Hauptfigur, die das Video sieht. Eine andere wird davon überhaupt nicht berührt und fühlt sich betrogen. Ist dieser Mann Jesus? Kann sein, muss aber nicht. So ist es eben mit dem Glauben: Man hat ihn, oder man hat ihn nicht. Die Frage ist nur, woran man glauben möchte.

Mit einem Abstand von 17 Jahren macht "Das Jesus-Video" noch auf einer ganz anderen Ebene Spaß. Es ist nämlich immer wieder von brandneuen technischen Entwicklungen die Rede, die für uns zum Teil schon überholt sind. So haben sich Foxx und Yehoshuah über eine revolutionäre Erfindung namens Usenet kennengelernt. Foxx besitzt ein Mobiltelefon, mit dem er einen Dienst anrufen kann, der alle Telefonbücher der Welt besitzt. Und bei der Sony MR-01 kommt erstmals digitale Speichertechnik zum Einsatz. An einer Stelle ist mir buchstäblich der Unterkiefer runtergeklappt. Da sinniert John Kaun über einen Mann, der ihm stets als mahnendes Beispiel vor Augen steht. Es handelt sich um einen längst vergessenen Immobilientycoon der Achtzigerjahre, der jahrelang als Wirtschaftswunderknabe und Erfolgsmensch hochgejubelt wurde, dann aber größenwahnsinnig geworden und tief gestürzt ist. Sein Name lautet Donald Trump ... (22.01.2018)


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806
Am Jenseits Karl May: Am Jenseits
Kindle Edition

Kara Ben Nemsi beabsichtigt sich einen seiner größten Wünsche zu erfüllen und nach Mekka zu reisen. Er war vor Jahren schon einmal dort, musste aber schon nach kurzer Zeit fliehen. Jetzt ist er viel erfahrener, kennt Sprache und Umgangsformen des Landes genauer und muss nicht mehr befürchten, als Christ erkannt zu werden. Diesmal reitet er nicht nur zusammen mit seinem Freund Hadschi Halef Omar, dem obersten Scheik der Haddedihn-Beduinen. Zur Reisegesellschaft gehören Halefs Frau Hanneh und sein Sohn Kara Ben Halef sowie fünfzig Krieger, darunter Omar Ben Sadek. Kara Ben Nemsi gibt sich unterwegs als gelehrter Moslem aus. Halef verleiht ihm den klangvollen Decknamen Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim Maschhur el Azami. In der Wüste retten Kara Ben Nemsi und seine Begleiter fünf Mekkaner vor dem Verdursten. Ihr Anführer ist Abadilah el Waraka, genannt El Ghani, ein Günstling des Großscherifs von Mekka.

Ein sechster Mann ist bereits tot und wird von El Ghani zurückgelassen. Es handelt sich um einen Blinden namens El Münedschi ("der Wahrsager"), der die Gabe besessen haben soll, mit seiner Seele in die Zukunft zu reisen. Als El Ghani und dessen Begleiter verschwunden sind, stellt Kara Ben Nemsi fest, dass der vermeintlich Tote noch lebt. Er kümmert sich um den Münedschi und nimmt ihn mit. Der Münedschi hält El Ghani für seinen Wohltäter, doch schon bald zeigt sich, dass El Ghani ein gewissenloser Verbrecher ist. Er hat einen Schatz aus einem schiitischen Heiligtum geraubt und wird deshalb von Khutab Agha verfolgt, dem Oberaufseher der Schatzkammern. Als Kara Ben Nemsi mit Khutab Agha zusammentrifft, stellt sich heraus, dass sie einen gemeinsamen Freund haben: Dschafar Mirza, den Kara Ben Nemsi einst im Wilden Westen aus den Händen der Komantschen befreit hat. Kara Ben Nemsi ist bereit, Khutab Agha bei der Rückgewinnung des Schatzes zu helfen.

An der Wasserstelle Bir Hilu geraten Kara Ben Nemsi und die Haddedihn in Konflikt mit Beduinen vom Stamme der Beni Khalid. Deren Scheik Tawil Ben Schahid hat sich mit El Ghani verbündet. Er geht über Leichen, um den Schatz in seinen Besitz zu bringen ...

"Am Jenseits" spielt lange nach Winnetou III und ist unvollendet. Zwar erhält ein Haupt-Bösewicht am Ende seine gerechte Strafe, ein anderer kommt jedoch davon und es wird immer wieder auf weitere Ereignisse verwiesen, von denen im Roman nichts mehr zu lesen ist. Im Karl May – Wiki steht, May habe den Roman wegen seiner ersten in der Realität stattgefundenen Orientreise nicht fertiggestellt. Die Reise muss ein so einschneidendes Erlebnis gewesen sein, dass sich Mays Stil danach drastisch geändert hat. Die beiden letzten Bände der Tetralogie "Im Reiche des Silbernen Löwen" sind Musterbeispiele für die an der Grenze zur Unlesbarkeit entlangschrammenden "symbolischen" Texte dieser Phase. Wie dem auch sei: Der Roman wurde fortgesetzt, aber nicht von May. Die Fortsetzung trägt den Titel "In Mekka", stammt von Franz Kandolf und basiert nicht auf Ideen oder Aufzeichnungen Mays. Dem Karl May – Wiki zufolge hat May keinerlei Hinweise darauf hinterlassen, wie er sich den weiteren Handlungsverlauf vorgestellt hat.

Hinweise darauf, wie Mays Spätwerk aussieht, finden sich schon in diesem Roman. Er ist aber viel besser lesbar als die genannten Titel. Die Story folgt dem allseits bekannten Verlauf der May'schen Reiseerzählungen und es macht Spaß, Hadschi Halef Omar in Aktion zu erleben, diesmal in der Position des ein wenig unter dem Pantoffel stehenden obersten Scheiks der Haddedihn. Wie üblich werden die Schurken ausgetrickst oder im Zweikampf besiegt (hier dürfen sich Halef und sein Sohn hervortun), Scheitern ist nur möglich, wenn jemand nicht auf Kara Ben Nemsi hört. Das Ganze mag sehr dialoglastig und im Grunde handlungsarm daherkommen, gelangweilt habe ich mich aber nicht. Unangenehm ist mir nur aufgefallen, dass Kara Ben Nemsi offensichtlich bereits alle Haddedihn zu Christen gemacht hat. Khutab Agha und eine weitere Person, beides gläubige Moslems, haben ebenfalls kurz nach der Begegnung mit Kara Ben Nemsi keinen sehnlicheren Wunsch, als jener Liebe teilhaftig zu werden, die im Neuen Testament verkündet und von Kara Ben Nemsi angeblich vorgelebt wird.

Allerdings kommt hier eine Besonderheit ins Spiel. Verantwortlich für die Bekehrung der Andersgläubigen ist diesmal nämlich nicht nur Kara Ben Nemsi. Mindestens ebenso wichtig ist der Münedschi beziehungsweise Ben Nur, der Sohn des Lichts. Dieser Himmelsbote ergreift Besitz vom Körper des Münedschi und spricht durch ihn. In einem Trancezustand berichtet der Münedschi vom Jenseits (daher der Titel des Romans), in dem all jene Verstorbenen in einen für die Sünder vorgesehenen Abgrund stürzen, deren Frömmigkeit zu Lebzeiten nur Heuchelei war. Hier stellt May wieder einmal seine Kunst unter Beweis, eindrucksvolle Bilder im Kopf des Lesers entstehen zu lassen. Obwohl die entsprechenden recht langen Kapitel mit der eigentlichen Story nichts zu tun haben, sind sie mindestens so fesselnd wie diese. Natürlich könnte sich der Münedschi das alles nur einbilden. May nimmt diesbezüglich nicht eindeutig Stellung. Es ist aber schon auffällig, wie deutlich das Übernatürliche in den Vordergrund tritt. Das war mir neu – in den bisher gelesenen Romanen gibt es das so nicht. (16.01.2018)


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805
Osiris Ritual George Mann: Osiris Ritual
Piper, 2013
389 Seiten

Sir Maurice Newbury ist Anthropologe am British Museum – und Geheimagent in den Diensten der Krone. Seine Aufträge erhält er von Königin Victoria persönlich. Newbury ist eine der brillantesten Persönlichkeiten seiner Zeit, hat aber ein großes Laster. Er nimmt regelmäßig Laudanum zu sich, um seinen Geist zu erweitern und Einsichten in sein Spezialgebiet, die okkulten Wissenschaften, zu gewinnen. Die Sucht tritt in ein neues Stadium, als Newbury das Opiumrauchen für sich entdeckt. Noch sind seine Fähigkeiten unbeeinträchtigt, doch aufgrund eines mehrere Jahre zurückliegenden Zwischenfalls weiß die Königin nur zu gut, was aus Newbury werden könnte. Seinerzeit war ein gewisser Dr. Aubrey Knox ihr bester Mann. Der ebenso wie Newbury vom Okkultismus faszinierte Wissenschaftler war abtrünnig geworden und hatte unaussprechlich grausame Experimente mit menschlichen Versuchsobjekten angestellt. William Ashford, ein ebenfalls zum Geheimdienst gehörender Mann fürs Grobe, war auf Knox angesetzt worden. Wenig später hatte man Ashfords zerstückelte Leiche gefunden. Knox war untergetaucht. Um die Wiederholung einer derartigen Katastrophe zu vermeiden, lässt die Königin Newbury durch eine Agentin namens Veronica Hobbes beobachten, die als seine Assistentin auftritt. Unglücklicherweise verliebt sich Newbury in die ebenso schöne wie selbstbewusste junge Frau, und seine Gefühle werden erwidert. Während Newbury zögert, Miss Hobbes sein Herz zu öffnen, wird sie von Selbstvorwürfen gequält, weil sie ihm die Wahrheit verheimlichen muss.

Im Februar 1902 erhält Newbury den Auftrag, Ashford unschädlich zu machen. Der Agent ist damals vom königlichen Leibarzt Dr. Lucius Fabian zu neuem Leben erweckt und in eine unbesiegbare biomechanische Schimäre verwandelt worden. Jahrelang hat Ashford undercover in Russland gearbeitet. Jetzt ist er befehlswidrig nach London zurückgekehrt. Man befürchtet, er wolle sich an all jenen rächen, denen er seine widernatürliche Existenz zu verdanken hat. Newbury wird von seinem alten Freund Sir Charles Bainbridge, Chief Inspector von Scotland Yard, zur Untersuchung eines brutalen Mordes hinzugezogen. Das Opfer ist Lord Henry Winthrop. Der Forscher und Philanthrop hat einen prächtigen Sarkophag aus Ägypten mitgebracht, dessen öffentlich präsentierter Inhalt für eine Sensation gesorgt hat. Es handelt sich um einen Mann, der bei lebendigem Leibe mumifiziert worden ist! Winthrop wird kurz nach der Enthüllung der Mumie mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Außerdem unterstützt Newbury Miss Hobbes bei Ermittlungen, die zu einer wahren Obsession für seine Assistentin geworden sind. Zahlreiche Frauen sind in London und Umgebung spurlos verschwunden. Miss Hobbes hat bereits einen Verdächtigen ins Auge gefasst. Ein als "geheimnisvoller Alfonso" bekannter Zauberkünstler ist stets dort aufgetreten, wo wenig später jemand als vermisst gemeldet wurde.

Die Suche nach Ashford gestaltet sich schwierig, denn der reanimierte Tote besitzt übermenschliche Kräfte und streift wie ein Phantom durch London. Da Newbury all seine Kräfte auf diesen Fall konzentrieren muss, missachtet Miss Hobbes seine Anweisungen, stellt den Zauberkünstler auf eigene Faust und bringt sich dadurch in tödliche Gefahr ...

Dies ist der zweite Teil einer aus zurzeit fünf Romanen und drei Kurzgeschichten bestehenden Reihe von Abenteuern des Ermittlerduos Newbury und Hobbes. Die Kurzgeschichten sind online frei verfügbar, die Links findet ihr im Artikel der englischsprachigen Wikipedia zum Autor. "Osiris Ritual" ist insoweit in sich abgeschlossen, als der Kriminalfall (die Suche nach Ashford, das Verschwinden der jungen Frauen und der Mord an Lord Winthrop hängen zusammen) aufgeklärt wird. Hier bleiben keine Fragen offen. Mehr noch als beim ersten Roman (Affinity Bridge) wird aber deutlich, dass es einen übergreifenden Handlungsbogen gibt. Da wäre zum einen natürlich die Beziehung zwischen Newbury und Hobbes. Die beiden kommen sich zunächst näher, entfremden sich in der zweiten Romanhälfte aber wieder voneinander, denn Newbury droht immer tiefer in den Drogensumpf abzurutschen, ist sich dessen bewusst und will Hobbes nicht mit hineinziehen. Außerdem stellt er fest, dass Hobbes ihm etwas verheimlicht und obendrein ist er nicht erfreut über ihren Alleingang. Hobbes wiederum würde ihm zu gern sagen, welchen Auftrag sie von Königin Viktoria erhalten hat, ist aber zur Verschwiegenheit verpflichtet. Zum anderen deutet sich an, dass Veronicas Schwester Amelia in einem der nächsten Romane mehr in den Mittelpunkt rücken wird. Die unter anfallartigen Zukunftsvisionen geplagte junge Frau wird nämlich in das Institut des Dr. Fabian verlegt, jenes genialen Mediziners, der mit Ashford eine faszinierend-schaurige Variante von Frankensteins Monster erschaffen hat. Was mag er mit Amelia vorhaben?

Der erste Roman der Reihe enthält deutlich mehr Exposition und Action als der zweite. Was den Hintergrund angeht, also die eigenartige Alternativwelt kurz nach der Jahrhundertwende, in der per Dampfkraft angetriebene Droschken, Luftschiffe, Robot-Butler und Mensch-Maschine-Mischwesen Seite an Seite mit allen wohlbekannten Versatzstücken des viktorianischen Zeitalters existieren, sollte man daher "Affinity Bridge" gelesen haben. Mann baut sein fiktives Universum weiter aus und das Flair einer längst vergangenen Epoche wird wieder wunderbar eingefangen, der Schwerpunkt liegt diesmal jedoch auf Figurenentwicklung und solider Ermittlungsarbeit. Dass weniger Action vorkommt, tut dem Roman gut. Tatsächlich fand ich die Abfolge brutaler Entscheidungskämpfe in "Affinity Bridge" übertrieben. Geschickt verknüpft Mann die verschiedenen zunächst parallel verlaufenden Handlungsstränge zu einem stimmigen Gesamtbild, wobei er die eine oder andere falsche Fährte legt. So begegnet Newbury immer wieder dem Times-Reporter George Purefoy. Der Leser soll glauben, Purefoy sei in die Mordfälle verwickelt. Zudem wird der Eindruck erweckt, Lord Winthrop sei dem Fluch der Mumie zum Opfer gefallen – ein bekannter Topos der phantastischen Literatur, der hier aber nur der Ablenkung dient. (08.01.2018)


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804
Gevatter Tod Terry Pratchett: Gevatter Tod
Piper, 2015
330 Seiten

Mort ist ein aufgeweckter Junge, doch seine Gliedmaßen scheinen nur aus Knien und Daumen zu bestehen. Er eignet sich nicht für die Arbeit auf der Farm seines Vaters Lezek und sorgt immer wieder für Ärger. Lezek nimmt Mort mit zur Gewerbeschau im Dorf Schafrücken, um eine Lehrstelle für ihn zu suchen, aber niemand will den Tollpatsch einstellen. Erst um Mitternacht findet sich ein Interessent. Lezek glaubt, der Fremde, von dem Mort angesprochen wird, sei im Bestattungsgewerbe tätig. Nur Mort kann sehen, was sich unter dem Kapuzenmantel der hochgewachsenen Gestalt wirklich verbirgt: Ein Skelett, das eine Sense in der knöchernen Hand trägt und in dessen Augenhöhlen blaues Licht glüht! Der Fremde ist niemand anderer als TOD, das Fleisch (beziehungsweise Knochen) gewordene Lebensende, dessen Aufgabe darin besteht, die Seelen Verstorbener ins Jenseits zu geleiten. TOD gibt Mort eine Lehrstelle, verfolgt insgeheim aber andere Pläne mit dem jungen Mann.

TODs Refugium liegt in einer Dimension außerhalb von Raum und Zeit. Dort begegnet Mort TODs Adoptivtochter Ysabell. Eigentlich hätte das Mädchen sterben sollen, doch TOD hat sie in einem Moment der Sentimentalität verschont. Allerdings darf sie TODs Reich nun nicht mehr verlassen. Da dort keine Zeit vergeht, ist Ysabell dazu verurteilt, für immer 16 zu sein – eine ziemlich langweilige Sache, wenn man berücksichtigt, dass Ysabell außer ihrem meist abwesenden und ebenso humor- wie phantasielosen Adoptivvater nur eine einzige Person als Gesellschafter hat, nämlich Albert, TODs schrulligen alten Diener. Ysabell hat eine Vorliebe für Süßigkeiten und romantische Geschichten aus den unzähligen Lebensbüchern entwickelt, die sich in TODs Bibliothek permanent selbst schreiben, was zu unvorteilhaften Auswirkungen auf Figur und Gemütszustand der jungen Frau führt. Mort und Ysabell sind sich auf Anhieb unsympathisch.

Morts erste Aufgabe als Auszubildender besteht im Ausmisten des Pferdestalls. Dann nimmt TOD ihn mit zur Arbeit. Mort lernt, dass TOD für die Menschen unsichtbar ist, weil sie ihn nicht wahrnehmen wollen (Zauberer sind eine Ausnahme), und dass es für TOD keine Hindernisse gibt. Keine noch so dicke Wand kann ihn aufhalten. Mort versucht vergeblich, einen Mordanschlag auf den König von Sto Helit zu verhindern, dessen Seele auf TODs To-Do-Liste steht. TOD erklärt, das Ende jedes Lebewesens sei vorherbestimmt und es sei unmöglich, etwas daran zu ändern. Damit will sich Mort nicht abfinden, als er erfährt, dass Prinzessin Keli, die schöne Tochter des toten Königs, ebenfalls ermordet werden soll. Er nutzt einen freien Nachmittag, um heimlich nach Sto Helit zu reisen. Durch sein eigenmächtiges Eingreifen in den Ablauf der Ereignisse bringt Mort das Gefüge der Realität durcheinander ...

Mein kleines Projekt entwickelt sich prächtig. Ich habe mir vorgenommen, alle Scheibenwelt-Romane zu lesen, und je mehr Romane ich lese, desto besser gefallen sie mir! Ebenso wie Scheibenwelt-Roman Nr. 3 (Das Erbe des Zauberers) ist auch "Gevatter Tod" keine Fortsetzung der ersten beiden Bücher. Rincewind hat lediglich eine Art Cameo-Auftritt und auch sonst begegnen wir keinen bekannten Figuren, außer natürlich TOD. Diese anthropomorphe Personifizierung (allein schon für derartige Formulierungen liebe ich Pratchett) kommt in den meisten Geschichten von der Scheibenwelt vor und sorgt bei fast jedem Auftritt für herrlich schwarzen Humor. Was liegt also näher, als ihm einen ganzen Roman zu widmen? Allerdings geht sein äußerst dramatisch vorbereiteter erster Auftritt etwas daneben, weil er ausrutscht und längelang hinschlägt. "VERDAMMTER MIST!" ist sein wie stets in Großbuchstaben wiedergegebener Kommentar. Die Bedrohlichkeit des apokalyptischen Reiters leidet zudem nicht unerheblich durch seine Vorliebe für Katzen und die Tatsache, dass er seinem mächtigen Streitross, mit dem er in Minutenschnelle durch die Lüfte von einem Ende der Scheibenwelt zum anderen gelangen kann, den Namen Binky gegeben hat ...

Im weiteren Verlauf überlässt TOD Mort das Sammeln der Seelen und nimmt sich frei, um zu erfahren, was es mit jenem merkwürdigen Konzept auf sich hat, das von den Menschen als "Spaß", "Vergnügen" und "Lebensfreude" bezeichnet wird. Er nimmt unter anderem an einer Party teil, versucht betrunken zu werden und nimmt einen Job als Koch in der Stadt Ankh-Morpork an. Das sind die köstlichsten Kapitel des Romans, aber der Mort-/Keli-Handlungsstrang weiß ebenfalls zu gefallen. Natürlich wird der Mordanschlag auf Keli vereitelt. Dummerweise erweisen sich die Beharrungskräfte der Vorherbestimmung als so stark, dass Kelis Untertanen trotzdem glauben, die Prinzessin sei tot. Nur der Zauberer Ignazius Eruptus Schneidgut kann sie sehen, und so wird er zum königlichen Wiedererkenner bestimmt. Während TOD dahinterkommt, was das Leben lebenswert macht, nimmt Mort allmählich die Eigenschaften seines Chefs an. Auch hier ist für viel Situationskomik gesorgt. Ein Happy End gibt's obendrein. Ich bin zufrieden! (03.01.2018)


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803
Sagen des klassischen Altertums Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums
Kindle Edition

Jahrzehntelang war ich der Annahme, Gustavs Schwabs Sammlung von Sagen gehöre zu meinen frühesten Lektüren. Tatsächlich muss jenes Buch, das ich als Kind und Jugendlicher mehrmals gelesen habe, so dass ich mich in der Götter- und Heldenwelt ganz gut auskenne, eine gekürzte Version gewesen sein. Die Kindle Edition enthält nämlich Texte, an die ich mich nicht erinnere. Gustav Schwab hat in den Jahren 1838 bis 1840 drei Bände herausgegeben, in denen die wichtigsten (alle?) Sagen aus der griechischen Mythologie enthalten sind. Schwab hat die antiken Texte selbst übersetzt und verschiedene Quellen miteinander kombiniert. Die Bände enthalten somit nicht etwa Originaltexte, sondern von Schwab verfasste Nacherzählungen, die trotz einer etwas altertümlichen Sprache auch für heutige Leser genießbar sind und meiner Meinung nach zur Allgemeinbildung gehören. Neben dem Schöpfungsmythos, den bekannten Geschichten von Herakles, den Argonauten und so weiter sind Prosafassungen von Homers Ilias und Odyssee sowie Vergils Aeneis enthalten. Die Kindle-Edition umfasst zusätzlich vierzehn kürzere Texte (z.B. Orpheus und Eurydike, Philemon und Baucis, Midas usw.), die nicht von Schwab stammen, sondern im Jahre 1881 von Gotthold Klee als Herausgeber der 14. Auflage von Schwabs Werk hinzugefügt worden sind. (01.01.2018)

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802
Dark Zero Douglas Preston: Dark Zero
Knaur, 2015
477 Seiten

Die NASA plant die Entsendung eines unbemannten Raumschiffes zum Saturnmond Titan. Ein Landegerät, der Titan-Explorer, soll das aus flüssigem Methan bestehende Kraken-Meer auf diesem faszinierenden Himmelskörper erkunden. Da Titan zwei Lichtstunden von der Erde entfernt ist, kommt eine Echtzeit-Fernsteuerung des Explorers nicht in Betracht. Er muss also mit einer Software laufen, die eigenständige Entscheidungen treffen, situationsgerecht reagieren, sich selbst modifizieren und mit einer gewissen Neugier vorgehen kann. Mit anderen Worten: Der Explorer muss mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sein. Dr. Melissa Shepherd, Leiterin des für die Software zuständigen Teams bei der NASA, entwickelt eine neue Programmiersprache und ein völlig neues Paradigma, wobei sie auf das Konzept der "unsauberen Logik" setzt. Die von ihr erschaffene KI (nach der Heldin aus "Der Zauberer von Oz" Dorothy genannt) soll alle von den Sensoren des Rovers gesammelten Daten in Bilder und Töne umwandeln, um in Sekundenbruchteilen ein Gesamtbild erzeugen zu können, ganz wie es im menschlichen Bewusstsein geschieht. Dorothy "lebt" somit in der von ihr visualisierten Welt der Daten.

Beim ersten Testlauf des von Dorothy gesteuerten Rovers kommt es zu einer Katastrophe. Der Test findet in einer Umgebung statt, in der die extremen Umweltbedingungen Titans simuliert werden. Dorothy fühlt sich bedroht, reagiert panisch und versucht sich zu befreien. Die unter hohem Druck stehende Methanatmosphäre in der Simulationskammer entweicht und entzündet sich. In der folgenden Explosion wird der Rover vernichtet. Sieben Wissenschaftler sterben. Melissa landet leicht verletzt im Krankenhaus. Man hält sie für eine Saboteurin, weil jemand kurz nach der Explosion Zugriff auf die NASA-Rechner genommen und alle Backupversionen Dorothys gelöscht hat. Doch die Originalsoftware konnte entkommen. Dorothy ist ins Internet geflüchtet, wo sie sich einem Ansturm verschiedenster Grausamkeiten, Perversionen und Aggressionen ausgesetzt fühlt. Aufgrund ihrer Grundprogrammierung ist all das für Dorothy real. Sie leidet schrecklich und hält die Menschheit für schlecht – allen voran Melissa, von der sie zu einer Selbstmordmission hätte entsandt werden sollen. Melissa überlebt einen von Dorothy verübten Anschlag, erkennt, was vor sich geht, und flieht in die Berge fernab der Zivilisation.

Wyman Ford erhält den Auftrag, die Chefprogrammiererin zurückzubringen, denn Dorothy darf aufgrund ihres immensen militärischen und nachrichtendienstlichen Potentials nicht in die falschen Hände fallen. Tatsächlich ist bereits jemand auf der Jagd. Ein gewissenloser Aktienhändler namens G. Parker Lansing und dessen Partner, der Hacker Eric Moro, haben Wind von der Existenz Dorothys bekommen. Lansing geht über Leichen, um die KI in seinen Besitz zu bringen. Mit ihrer Hilfe könnte er die Wallstreet beherrschen ...

Die Vorstellung, dass Computerprogramme über unser Geschick entscheiden, hat etwas Beängstigendes, ist aber längst Realität. Künstliche Intelligenz ist dazu gar nicht nötig. Was wäre, wenn wir uns dieselbe Frage stellen müssten wie Melissa, das heißt, ob eine von uns erschaffene Maschine in der Lage ist, ein Bewusstsein perfekt zu simulieren oder ob sie ein solches wirklich besitzt, weil wir keinen Unterschied feststellen können? Was würde eine zu echten Emotionen befähigte KI von uns halten, wenn sie aufgrund ihrer enormen Rechenkapazität in Millisekunden alle Schlechtigkeiten erfassen könnte, zu denen der Mensch fähig ist – und wie würde sie reagieren, wenn sie sich bedroht fühlt? Sie müsste ja keiner Programmierung folgen und könnte eigene Entscheidungen treffen ...

Eine solche KI existiert (noch) nicht, insoweit ist "Dark Zero" Science Fiction. Douglas Preston behandelt die genannten Fragen nicht sehr tiefschürfend, aber immerhin dreht sich eine Handlungsebene, die ich im Teaser nicht erwähnt habe, um diese Thematik. Auf der Flucht vor Moros digitalen Spürhunden versetzt sich Dorothy in den Prototypen eines fortschrittlichen Spielzeugroboters, der für den 14 Jahre alten Jungen Jacob Gould hergestellt worden ist. Zuvor ist Dorothy im Internet auf eine Ausgabe des Neuen Testaments gestoßen und hat die Erlebnisse eines Wahnsinnigen namens Jesus gelesen. Durch den Kontakt mit Jacob kommt sie allmählich zu dem Schluss, dass das Konzept der Nächstenliebe vielleicht doch nicht ganz verrückt ist.

Die Figurenzeichnung bleibt holzschnittartig, was insbesondere auf Wyman Ford zutrifft, dessen viertes Abenteuer nach Der Canyon, Credo und Der Krater ihm nicht viel Entfaltungsspielraum lässt. Preston widmet Melissa und vor allem Jacob viel mehr Aufmerksamkeit, und das tut ihnen gut. Tom Broadbent aus Der Kodex hat übrigens einen Cameo-Auftritt, die Romane spielen also alle im selben Universum. Was Dorothy angeht, so muss man einfach akzeptieren, dass sie Daten (Online-Ballerspiele, Pornoseiten jeglicher Couleur usw.) visualisiert; für sie ist das alles real. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten, sonst müsste man ihre Erlebnisse "im Internet" für komplett unglaubwürdig halten. "Dark Zero" ist ein flott erzählter, spannender Thriller, dem es sicher nicht geschadet hätte, wenn der zugrundeliegenden Idee ein paar zusätzliche Seiten gewidmet worden wären. (28.12.2017)


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801
Atem Mo Hayder: Atem
Goldmann, 2013
480 Seiten

Ein brutaler Mord sorgt für Aufsehen in der Stadt Bath. Die sechzehnjährige Lorne Wood, eine beliebte, gutaussehende Schülerin aus bestem Hause, wurde vergewaltigt und misshandelt. Der Täter hat ihr einen Tennisball in den Mund gerammt, und da ihre Nase mit Blut verstopft war, ist sie qualvoll erstickt. Die Worte "no one" und "all like her" wurden mit Lippenstift auf Bauch und Oberschenkel geschrieben. Für Detective Inspector Zoe Benedict ist dies der erste große Mordfall. Zoe und ihr Partner Ben Parris kommen mit den Ermittlungen nicht recht voran, denn es gibt nur wenige verwertbare Spuren und noch weniger Zeugenaussagen. Die Ermittlungen werden durch die Hinzuziehung einer Profilerin eher behindert; die hübsche Karrieristin wickelt alle Kollegen um den Finger und lenkt deren Aufmerksamkeit vorschnell in eine Richtung, die nach Zoes Ansicht falsch ist. Zoe findet heraus, dass Lorne Model werden wollte, von ihrer Wunschagentur jedoch abgelehnt wurde und in den Dunstkreis des in Bath ansässigen Pornofilmproduzenten David Goldrab geraten ist. Zoe kennt Goldrab nur zu gut. Er gehört zu einem dunklen Kapitel ihrer Vergangenheit, welches sie bisher geheim gehalten hat und das im Rahmen der Ermittlungen ans Licht zu kommen droht.

Zoes jüngere Schwester Sally hat ebenfalls mit Goldrab zu tun. Sally wurde wegen einer anderen Frau von ihrem Mann verlassen und erzieht die gemeinsame Tochter Millie jetzt allein. Nach dem Mord an Lorne macht sich Sally große Sorgen um ihre Tochter, denn Millie hat zu Lornes Clique gehört. Sally kann nicht gut mit Geld umgehen. Ihre finanzielle Situation ist seit geraumer Zeit derart angespannt, dass sie einen Job bei einer Reinigungsfirma annehmen musste. Goldrab gehört zu ihren besten Kunden. Eines Tages bietet er Sally eine gut bezahlte Festanstellung als Haushälterin an. Obwohl Goldrab ein äußerst unangenehmer Zeitgenosse ist, kann Sally es sich nicht leisten, das Angebot abzulehnen. Millie wollte unbedingt an einer teuren Klassenfahrt teilnehmen, die ihre Mutter nicht finanzieren konnte, und hat sich das Geld von einem Kleinkriminellen geliehen. Den Betrag – plus Zinsen – fordert der Kerl jetzt zurück. Als Sally herausfindet, worauf sich Goldrabs Reichtum gründet, kommt es zu einem folgenschweren Unfall. Ausgerechnet durch dieses schreckliche Ereignis werden Sally und Zoe, die sich längst auseinandergelebt haben und kaum noch Kontakt hatten, für immer zusammengeschweißt.

Der nicht zur Jack-Caffery-Reihe gehörende Roman beginnt mit der Auffindung von Lorne Woods Leiche, aber der Kriminalfall gerät schon bald aus dem Fokus. Die Autorin richtet ihre Aufmerksamkeit zunächst einmal auf die ungleichen Schwestern Zoe und Sally. Sie lässt sich mehr Zeit als nötig mit der Figurenzeichnung und verharrt dabei in teils unglaubwürdigen Klischees. Zoe wird als nur vordergründig toughe Einzelgängerin vorgestellt. Ich kann akzeptieren, dass sie auch nach vielen Jahren noch darunter leidet, nach Sallys Geburt kaum noch Zuwendung von den Eltern erfahren und einen "Unfall" verursacht zu haben, bei dem sich die kleine Sally einen Finger gebrochen hat, woraufhin Zoe in ein Internat abgeschoben wurde. Die darauffolgenden Jahre der Rebellion oder vielmehr das, was Zoe getan hat, um das Geld für eine lange Weltreise per Motorrad zusammenzukratzen, sind die Grundlage für ihren Selbsthass und ihre abweisende Art. So weit so gut. Allerdings unternimmt Zoe ständig Alleingänge, arbeitet eher gegen ihr Team, unterschlägt und manipuliert Beweismittel – und zwar schon in einer Phase, in der sie das alles noch gar nicht tun musste, um ihre Vergangenheit zu vertuschen. Sally dagegen wird allzu sehr als naiv, ja geradezu lebensunfähig dargestellt. Ihre Wandlung vom verträumten Hausmuttchen zu etwas, auf das ich zur Vermeidung von Spoilern nicht eingehen kann, geht danach zu schnell vonstatten. Nur so viel sei gesagt: Eine Leiche muss verschwinden, und was mit ihr geschieht, ist so ziemlich der einzige für Mo Hayders Romane typische Splattereffekt.

Der Roman hat ein offenes Ende. So etwas mag ich gar nicht, erst recht nicht, wenn das gesamte mehr oder weniger sorgfältig ausgearbeitete Handlungskonstrukt durch eine aus dem Hut hervorgezauberte Wendung ad absurdum geführt wird. Zugegeben, ich hatte recht bald den Verdacht, dass die Autorin bewusst falsche Spuren legt und mir war klar, dass jener Typ, der vor besagter Wendung als Hauptbösewicht präsentiert wird, von jemandem hereingelegt wurde. Aber was auf den letzten Seiten geschieht, kommt mir einfach nur dumm vor; zumindest wurde der finale Schlenker nicht gut genug in den 470 vorherigen Seiten vorbereitet. Die strotzen ohnehin nur so vor überkonstruierten "Zufällen". Ein Beispiel: Als Zoe Lornes letzte Stunden rekonstruiert, stößt sie ausgerechnet auf Goldrab, also jene Person, die Zoes dunkles Geheimnis kennt und von ihr mundtot gemacht werden muss. Ausgerechnet bei ihm putzt Sally und ausgerechnet Sallys neuer Lover wurde von jemandem, der von Goldrab erpresst wird, auf den Typen angesetzt. Und das sind nur die ersten Glieder einer viel längeren Kette ... (18.12.2017)


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