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Dies ist der fünfzehnte Teil einer Übersicht meiner Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



750
Mister Aufziehvogel Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel
btb, 2000
766 Seiten

Toru Okadas Leben ist an einem Wendepunkt angelangt. Er kündigt seinen Job bei einer Anwaltskanzlei, denn er hat erkannt, dass er nicht Jurist werden will. Seither beschäftigt er sich mit der Hausarbeit, während seine Frau Kumiko weiter arbeiten geht. Eine seiner Aufgaben besteht in der Suche nach dem entlaufenen Kater Noboru Wataya. Hierbei begegnet er May Kasahara, einer leicht verrückten Sechzehnjährigen in der Nachbarschaft, mit der er sich anfreundet. Toru konzentriert die Suche auf ein verlassenes Haus, in dessen Garten sich streunende Tiere May zufolge besonders gern aufhalten. Dort entdeckt Toru einen ausgetrockneten Brunnen. Der Kater bleibt jedoch verschwunden. Kumiko bittet Toru, die Hilfe der Hellseherin Malta Kano in Anspruch zu nehmen. Beim ersten Treffen mit der Frau erfährt Toru, dass Maltas Schwester Kreta vor längerer Zeit von Kumikos Bruder Noboru Wataya vergewaltigt worden ist. Die Hellseherin kann Toru nicht verraten, wo sich der Kater befindet. Sie warnt ihn vor unbestimmten Ereignissen in der Zukunft. Toru soll sich vor Wasser in Acht nehmen. Dadurch fühlt sich Toru an Weissagungen erinnert, die er und Kumiko vor Jahren von einem anderen Medium, einem gewissen Herrn Honda, erhalten haben.

Eines Tages bekommt Toru Besuch von Leutnant Mamiya, einem Kriegskameraden Hondas. Herr Honda ist gestorben und hat Mamiya gebeten, verschiedenen Personen – so auch Toru – Gegenstände aus seinem Nachlass zu bringen. Dann verschwindet Kumiko. Ihr Bruder behauptet, sie wolle Toru nicht mehr sehen. In einem angeblich von ihr selbst verfassten Brief teilt Kumiko mit, sie habe eine Affäre mit einem anderen Mann. Toru glaubt dies nicht; er befürchtet, Kumiko werde irgendwo gegen ihren Willen festgehalten. Inspiriert von den Kriegsgeschichten, die Mamiya erzählt hat, steigt Toru in den ausgetrockneten Brunnen hinab, um in Ruhe nachdenken zu können. Am Grunde des Brunnens hat Toru einen beunruhigenden Traum. Er durchdringt eine immaterielle Wand, findet sich in einem Hotel wieder und hat dort seltsame Erlebnisse. Bei der Rückkehr in die Realität schlägt etwas gegen seine Wange. Als Toru nach Hause zurückkehrt, sieht er im Spiegel, dass sich auf seiner Wange ein handtellergroßes Mal befindet, das er früher nicht hatte. Einige Zeit später wird der Brunnen zugeschüttet.

Toru irrt durch die Stadt und begegnet der reichen Frau Akasaka. Sie wird durch das Mal auf ihn aufmerksam. Frau Akasaka interessiert sich für Toru, denn sie erkennt, dass er dieselbe besondere Fähigkeit besitzt wie sie selbst. Sie stellt ihn ein, damit er ihre Klientinnen heilt. Toru braucht das Geld, denn er muss das verlassene Haus kaufen, um den Brunnen wieder benutzen zu können. Er ist sicher, dass er das Rätsel um Kumikos Verschwinden nur in der Parallelwelt lösen kann, die er vom Grunde des Brunnens aus zu erreichen hofft. Außerdem steht für ihn fest, dass Noboru Wataya etwas mit der Sache zu tun hat. Kumikos Bruder ist in die Politik eingestiegen und weitet seine Macht immer mehr aus. Welche Zwecke Noboru Wataya mit alldem verfolgt, ahnt Toru allerdings nicht ...

Es ist schon nicht ganz einfach, einen Teaser zu diesem dicken Wälzer zu schreiben, denn rund um die vordergründige Geschichte von Kumikos Verschwinden (zu dem es übrigens erst nach vielen Kapiteln kommt) und Torus Suche nach ihr entspinnen sich unzählige Nebenhandlungen, deren Sinn mir ebenso schleierhaft geblieben ist wie die Bedeutung der eingeschobenen umfangreichen Rückblicke auf Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges. So erfährt man viel über May Kasaharas Gedanken- und Gefühlswelt, denn sie schreibt Toru lange Briefe, die er nie erhält. Kreta Kano berichtet über ihre Vergangenheit und schildert die schrecklichen Schmerzen, unter denen sie früher gelitten hat. Frau Akasaka hat einiges von sich und ihrem stummen Sohn zu erzählen. Ich-Erzähler Toru erinnert sich an länger zurückliegende Episoden, unter anderem daran, was er von seiner Frau über deren Familie erfahren hat. Und zu guter Letzt wird von einem kleinen Jungen erzählt, der merkwürdige Vorgänge im Garten seines Elternhauses beobachtet und sich buchstäblich verdoppelt.

Noch schwerer fällt mir die Einschätzung, welche Bedeutung all das für die Story hat und ob der Roman überhaupt eine Story hat. Zieht der Aufziehvogel (den Toru aufgrund seines schnarrenden Rufes so nennt) wirklich die Welt auf wie eine Spieluhr? Versetzt sich Toru wirklich in eine Parallelwelt, in der er es mit der "Essenz" realer Personen zu tun bekommt und in der sich der Kampf mit seinem Erzfeind Noboru Wataya entscheidet? Besitzt er wirklich übernatürliche Fähigkeiten, mit denen er Frau Akasakas Kundinnen heilt? Kann Kreta Kano wirklich ihren Geist vom Körper trennen und in Torus Träume eindringen? Und wenn es sich um Symbole handelt – wofür stehen sie? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall entsteht eine surreale Atmosphäre, die mich ein wenig an Geschichten Franz Kafkas und sehr an Filme David Lynchs erinnert hat. Somit war ich erneut von jenem Gefühl der faszinierten Ratlosigkeit gepackt, das mich bei Murakamis Romanen immer überkommt.

Die Rückblicke auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges scheinen irgendwie mit der Gegenwartshandlung verknüpft zu sein, aber auch hier wird nur wenig angedeutet und nichts aufgelöst. Diese Kapitel waren für mich aber besonders interessant. Ich wusste zum Beispiel bis jetzt nichts von der Existenz des Kaiserreiches Mandschukuo, welches die Japaner seinerzeit in der Mandschurei errichtet hatten und das nach Kriegsende an China zurückgegeben wurde.

Ich weiß also nicht, was der Autor mir sagen will. Dennoch konnte ich den Text genießen, denn wenn ich schon nicht kapiere, was erzählt wird, so kann ich mich doch daran erfreuen, wie es erzählt wird. Murakami schreibt ebenso plastisch (und wortreich, aber das soll keine Negativkritik sein) wie Stephen King, lässt selbst phantastische Geschehnisse glaubhaft werden und vermittelt Stimmungen in einem schnörkellosen, irgendwie distanziert wirkenden Ton. Wieder einmal fällt mir auf, dass Murakami banale Alltäglichkeiten sehr genau schildert. So erfährt man, was genau Toru zum Abendessen kocht, wie er Hemden bügelt und so weiter. Vielleicht ist genau das der Clou bei Murakamis Romanen? Dass lediglich Atmosphäre erzeugt werden soll und man daher nicht nach tieferer Bedeutung suchen sollte? (28.11.2016)


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749
Wilsberg und der tote Professor Jürgen Kehrer: Wilsberg und der tote Professor
Grafit-Verlag, 2002
192 Seiten

Professor Günter Kaiser, Sprachwissenschaftler an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und als Schürzenjäger bekannt, hat seiner Frau Marie vor der Heirat versprochen, er werde künftig die Finger von Studentinnen und Kolleginnen lassen. Marie hat ihm geglaubt, in letzter Zeit aber den Verdacht geschöpft, dass er seine Machtposition missbraucht, um sich Frauen gefügig zu machen. Georg Wilsberg wurde mit der Observation Kaisers beauftragt. Der Privatdetektiv legt sich auf die Lauer, um belastende Fotos schießen zu können. Lange muss er nicht warten. Wilsberg beobachtet, wie Kaiser kurz nacheinander zwei Frauen in seinem Büro betatscht. Die erste entzieht sich den Zudringlichkeiten. Bei der zweiten hat der Lüstling mehr Erfolg. Doch dann bricht er über der Frau zusammen, während Wilsberg immer weiter knipst. Kaiser wurde erschossen und Wilsberg hat Fotos von der Tat gemacht! Für Hauptkommissar Stürzenbecher, der es nicht gern sieht, dass sich Wilsberg wieder einmal am Tatort eines Kapitalverbrechens herumtreibt, gilt Marie Kaiser als Hauptverdächtige. Eifersucht ist schließlich ein starkes Motiv. Wilsberg will der jungen Witwe helfen und beginnt mit der Suche nach Personen aus Kaisers Umfeld, die ein Mordmotiv haben könnten.

Kandidaten sind schnell gefunden. Kaisers Assistentin Dr. Viola Kohlmann gehört zu jenen Frauen, die dem Professor zu Willen waren, weil sie sich berufliche Vorteile davon versprochen haben. Obendrein hat Kaiser Viola mit allen möglichen Aufgaben belastet, um sich in Ruhe mit dem Studium aussterbender Geheimsprachen befassen zu können. Violas Ehemann Wolfgang ist im Bilde. Zur Eifersucht kommt in seinem Fall echte Existenzangst, denn sollte die Affäre bekannt werden, würde er seinen lukrativen Job verlieren. Außerdem ist er Jäger und hätte somit nicht nur ein Motiv, sondern auch die nötigen Mittel für einen Mord. Er hat allerdings ein Alibi. Ein gewisser Professor Varnholt zählt ebenfalls zum Kreis der Verdächtigen. Er war Kaisers Intimfeind, und zwar nicht nur auf fachlicher Ebene. Kaiser hat herausgefunden, dass Varnholt früher als V-Mann für den Staatsschutz gearbeitet und Dossiers über linke Studenten angelegt hat. Möglicherweise wollte Kaiser ihn erpressen. Dann gibt es da noch Daniel Kaiser, des Professors Sohn aus erster Ehe. Der junge Mann bricht bei Marie ein, um sich Kaisers wertvolles Dokumentenarchiv unter den Nagel zu reißen. Daniel gibt selbst zu, seinen Vater gehasst zu haben.

Es bleibt nicht bei diesem Einbruch. Jedes Mal ruft Marie Wilsberg zu Hilfe. Er übernachtet bei ihr und verliebt sich in sie. Doch er wird das Gefühl nicht los, dass sie ihm etwas verheimlicht ...

In Wilsbergs vierzehntem Fall werden recht viele falsche Spuren gelegt, aber keine, die auf den wahren Täter hindeutet. Wilsberg konzentriert sich auf einen bestimmten Verdächtigen, den er schließlich überführt zu haben glaubt. Auch der Leser soll das glauben, bis dann auf den letzten Seiten doch noch ein Plot-Twist folgt, bei dem es sich aber ebenfalls um eine in die Irre führende Fährte handelt! Die Auflösung kommt somit für meinen Geschmack zu überraschend. Der wahre Täter wird mehr oder weniger aus dem Nichts herbeigezaubert. Zugegeben, die Person ist von Anfang an dabei, aber auf sein Motiv konnte man nicht kommen. Mir persönlich gefallen Kriminalfälle besser, in denen Kommissar Zufall keine so große Rolle spielt. Dennoch kann ich den Roman empfehlen, denn Wilsberg ist wie immer sympathisch, die ironischen Bemerkungen des Ich-Erzählers sorgen für den typischen Humor und man erfährt ein bisschen was über eine Sprache, die mir bislang völlig unbekannt war: Masematte. Dazu gibt's sogar einen Wikipedia-Artikel.

Mit 192 Seiten ist dies der bislang längste Wilsberg. Auf diesen Umfang kommt der Roman allerdings nur wegen einer Episode aus Wilsbergs Privatleben. Seine Tochter Sarah ist jetzt zehn Jahre alt und hat ihren eigenen Kopf. Sie kommt eines Tages nicht von der Schule nach Hause. Große Aufregung bei Wilsberg und seiner Exfrau! Ist aber alles nicht so schlimm. Das Mädchen ist nur heimlich nach Münster gefahren, weil sie Angst wegen einer schlechten Mathenote hatte. Sie lümmelt längst in Wilsbergs Wohnung herum, während die Eltern noch vor Panik rotieren. Sollte der Autor die Absicht gehabt haben, den Leser glauben zu lassen, Sarah sei von jemandem entführt worden, dem Wilsbergs Schnüffelei ein Dorn im Auge ist, dann hat das leider nicht funktioniert.

Auch von Franka gibt es Neuigkeiten zu vermelden. Sie arbeitet nicht mehr für Wilsberg, sondern für einen angesehenen Rechtsanwalt. Wilsberg zieht die Referendarin zu Maries Verteidigung hinzu. Aus der bissigen Emo-Punkerin ist eine angepasste Businessfrau geworden. Schade! Die Reibereien zwischen ihr und Wilsberg haben mir immer besonders gut gefallen. (21.11.2016)


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748
Die drei Stigmata des Palmer Eldritch Philip K. Dick: Die drei Stigmata des Palmer Eldritch
Fischer, 2014
247 Seiten

Die Erde ist hoffnungslos überbevölkert. Infolge der globalen Erwärmung darf man sich an manchen Tagen nicht mehr ohne Schutzkleidung und Kühlaggregate ins Freie wagen. Wer es sich leisten kann, macht Urlaub an den weitgehend abgeschmolzenen Polkappen, wo es noch kühler ist. Die Superreichen unterziehen sich einer Behandlung, die angeblich zu einer beschleunigten Evolution führt und ihnen leistungsfähigere Gehirne sowie widerstandsfähigere Haut beschert. Zur Minderung des Bevölkerungsdrucks wurden bereits Millionen Menschen von den Vereinten Nationen "eingezogen", das heißt, sie wurden zur Besiedlung mehrerer Planeten und Monde des Sonnensystems gezwungen. Es ist abzusehen, dass die Erde früher oder später unbewohnbar sein wird. Die Existenzbedingungen in den Kolonien sind allerdings noch weit erbärmlicher. Die Siedler müssen Tag für Tag unter größten Strapazen ums Überleben kämpfen, wobei sie nur wenig oder gar keine Hilfe von den zuständigen Behörden der UN erhalten.

Um dieses Dasein ertragen zu können, flüchten die Kolonisten so oft wie möglich in die Scheinwelt von Perky Pat. Diese Puppe und ihr männliches Pendant Walt sind die Zentralfiguren einer riesigen Produktpalette miniaturisierter Alltagsgegenstände, die zu so genannten "Layouts" zusammengestellt werden können. Damit lassen sich Situationen aus dem Leben auf der Erde nachstellen, welches die Kolonisten für immer verloren haben. Durch den Konsum der illegalen Droge Can-D können sich die Nutzer buchstäblich in die Layouts hineinversetzen. Sie schlüpfen in die Identität der Puppe, so dass deren kitschige Kunstwelt zu ihrer Wirklichkeit wird, in der sie alle möglichen Phantasien ausleben können. Darüber hinaus erleben die Can-D-Nutzer unter dem Einfluss der Droge eine Bewusstseinsverschmelzung, was zur Entwicklung verschiedener religiöser Kulte in den Kolonien geführt hat. Der mächtige Konzern P.P. Layouts, geführt von Leo Bulero, hält das Monopol auf Perky Pat. Mehrere Präkogs (Menschen, die in begrenztem Ausmaß in die Zukunft blicken können) prüfen neue Produkte vor Markteinführung auf ihren wahrscheinlichen Erfolg. Außerdem versorgt Bulero die Kolonien mit Can-D.

Eines Tages gerät Bulero unter Druck. Die letzte Can-D-Lieferung wurde abgefangen. Barney Mayerson, Buleros bester Präkog, wurde eingezogen und soll demnächst zum Mars deportiert werden. Ausgerechnet in dieser Situation tritt ein Konkurrent für P.P. Layouts auf den Plan. Der Industrielle Palmer Eldritch ist mit einer Substanz aus dem Proxima-Centauri-System zurückgekehrt, aus der sich Chew-Z gewinnen lässt. Diese Droge hat keine der schädlichen Nebenwirkungen von Can-D und soll legalisiert werden. Vor allem aber benötigt man bei ihrer Nutzung keine Layouts, um sich in eine Traumwelt zu versetzen. Diese alternative Realität ist von der echten Welt nicht zu unterscheiden und verheißt eine Art Unsterblichkeit, denn wer Chew-Z konsumiert, für den verändert sich der Zeitablauf. Mayerson sagt voraus, Bulero werde Eldritch töten. Bulero versucht den Eintritt dieser Zukunft zu verhindern, muss aber feststellen, dass Eldritch sterben muss, wenn das Solsystem gerettet werden soll. Denn hinter Eldritch steht eine Macht, deren Ziel darin besteht, alle Menschen mittels Chew-Z in Kopien ihrer selbst zu verwandeln ...

Es ist kaum zu glauben, dass dieser meisterliche Roman, der in Deutschland früher unter dem Titel "LSD-Astronauten" veröffentlicht wurde, schon Mitte der Sechzigerjahre erstmals erschienen ist. Globale Erwärmung, Überbevölkerung, allmächtige Konzerne, Transhumanismus, Flucht in virtuelle Welten – das sind Themen, die aktueller gar nicht sein könnten! Fast noch erstaunlicher finde ich die Tatsache, dass Philip K. Dick keine 300 Seiten benötigt, um diesen ebenso komplexen wie verstörenden Weltenentwurf für den Leser greifbar, "erlebbar" zu machen. Viele Romane Dicks enthalten sehr ähnliche Szenarien, insbesondere die Zersetzung der Realität unter dem Einfluss fiktiver Drogen und die Besiedlung lebensfeindlicher Welten des Sonnensystems. Das gilt auch für den typisch Dick'schen Humor, bei dem einem oft das Lachen im Hals steckenbleibt, und für kleine Details wie beispielsweise die von den Kolonisten auf dem Mars zur Eindämmung einer Schädlingsplage eingesetzten selbststeuernden Fallen. Wer schon einige Romane aus Dicks Feder gelesen hat, wird sich hier also wie zu Hause fühlen. In diesem Zusammenhang sollte ich die gute deutsche Übersetzung lobend erwähnen.

In der ersten Hälfte des Romans geht es nach einer sehr kurzen Expositionsphase (tatsächlich wird man mitten in die Handlung hineingeworfen) hauptsächlich um die Versuche Leo Buleros, seinen Konkurrenten Palmer Eldritch auszubooten, sowie um die Sorgen und Nöte der zweiten Hauptfigur, des Präkogs Barney Mayerson, der seiner Ex-Frau nachtrauert, um seinen Posten bei P.P. Layouts kämpft, in den oben genannten Machtkampf verwickelt wird und schließlich auf dem Mars landet. Dann wird Bulero beim Versuch, zu Eldritch vorzudringen, gefangen genommen und erhält eine Chew-Z-Zwangsinjektion. Von diesem Moment an wissen weder die Protagonisten noch der Leser, was noch real ist und was nicht. Bulero entkommt irgendwann aus Eldritchs Alternativwelt – oder doch nicht? Plötzlich zeigen alle möglichen Leute die drei Stigmata des Palmer Eldritch. Wie er haben sie eine robotische Armprothese, Stahlzähne und künstliche Augen. So ergeht es später auch Mayerson. Befinden sich beide also immer noch in einem von Eldritch erschaffenen und kontrollierten Paralleluniversum, oder wird die Realität allmählich von etwas überlagert, das von außerhalb kommt? Klare Antworten werden nicht geliefert.

Hier erhält der Roman eine religiöse Komponente. Mayerson kommt zu der Überzeugung, dass Eldritch irgendwo in der Leere des Alls zwischen Proxima Centauri und Solsystem von einer Wesenheit übernommen wurde, die den Menschen bereits bekannt ist (Gott), aber ganz andere Charaktereigenschaften hat als bislang angenommen. Somit wäre Gott eine böswillige Entität, die ihre Existenz zu sichern beabsichtigt, indem sie die Menschheit durch sich selbst ersetzt, was durch Drogenkonsum anstelle des Abendmahls bewirkt wird. Wow! Das muss man erstmal sacken lassen. (14.11.2016)


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747
Mallory und der Taschendrache Mike Resnick: Mallory und der Taschendrache
Bastei Lübbe, 2012
381 Seiten

Vor vier Jahren ist der Privatdetektiv John Justin Mallory in eine magische Parallelwelt gelangt, die er nicht mehr verlassen kann. Seitdem führt er mit der ehemaligen Großwildjägerin Winnifred Carruthers eine Detektei in einer Version von New York, die Mallorys alter Heimat nicht in allen Details gleicht. Anstelle von Yellow Cabs zockeln gelbe Taxi-Elefanten durch die Straßenschluchten, lästige Straßenhändler treten meist in Gestalt von Goblins auf, im Untergrund leben Trolle, die sich von U-Bahn-Chips ernähren, und bei Tierausstellungen werden nicht etwa die Rassestandards von Pudeln und Siamkatzen bewertet; stattdessen treten Züchter von Drachen, Gorgonen und anderen Fabelwesen gegeneinander an. Die Ergebnisse solcher Zuchtshows sind stets Gegenstand von Wetten mit sehr hohen Einsätzen.

Mallorys neuester Fall führt den Detektiv ins Züchtermilieu. Ein gewisser Buffalo Bill Brody drückt Mallory tausend Dollar in bar in die Hand und beauftragt ihn mit der Suche nach dem entführten Drachen Flauschie. Brody ist Züchter und Flauschie ist die Favoritin eines am nächsten Tag stattfindenden Wettbewerbs. Sollte Mallory den Drachen bis zum Ausstellungstermin finden, winken ihm weitere fünftausend Dollar. Mallory hofft auf einen leichten Job, denn selbst in diesem New York dürfte es schwer sein, einen Drachen zu verstecken. Doch Flauschie ist ein Taschendrache mit nur elf Zoll Schulterhöhe! Gemeinsam mit seiner Partnerin sowie dem Katzenmädchen Felina und dem Gremlin Jeeves (Flauschies persönlicher Wärter) stürzt sich Mallory in die Ermittlungen.

Ein Verdächtiger ist schnell gefunden. Der Grundy, Mallorys Erzfeind, ist ebenfalls Züchter. Seine Chimäre Carmelita hat ohne die Konkurrenz durch Flauschie beste Aussichten, den Hauptpreis zu gewinnen. Der Grundy mag der übelste Dämon weit und breit sein, er ist aber auch Sportsmann. Er will auf ehrliche Art gewinnen und hätte Flauschie niemals angerührt. Somit hat Mallory nur noch eine Chance, dem Entführer auf die Spur zu kommen. Er muss dessen Quelle für elefantenförmige Marshmallowplätzchen finden, denn diese Leckerei ist die einzige Nahrung, die der Taschendrache zu sich nimmt ...

Dies ist das letzte von drei Abenteuern John Justin Mallorys in einer abgedrehten Alternativwelt voller Fabelwesen, in der sich Phantastisches auf bizarre Weise mit Alltäglichem vermischt. Band 1 hat mir sehr gefallen. Der Genremix aus Fantasy und Detektivroman war für mich neu und interessant. Die durch Wortwitz und unzählige abgedrehte Ideen aufgelockerten Beschreibungen ungewöhnlicher Schauplätze haben bei mir für ein permanentes Grinsen gesorgt. In Band 2 wird alles wiederholt: Dieselben nur leicht abgewandelten Pointen und Gags, sehr ähnliche Situationen und Konstellationen, weitere Beschreibungen des "anderen" New York. Das fand ich langweilig.

Band 3 enthält lediglich Variationen von Elementen aus den Bänden 1 und 2. Ein McGuffin (Einhorn) wird durch einen anderen (Drache) ersetzt. Der Sinn des durchsichtigen Entführungsfalles besteht einfach darin, Mallory an neue Orte zu führen, die beschrieben werden können. Sehr oft hatte ich das Gefühl, denselben Text schon mehrfach gelesen zu haben. Das geht damit los, dass Mallory beim Versuch, die Festung des Grundy zu betreten, von dramatisch unfähigem / feigem Wachpersonal aufgehalten wird. Genau dasselbe ist in Band 2 geschehen. In diesem Stil macht Resnick weiter. Viele Dialoge sind nicht nur Wiederholungen aus den vorherigen Bänden – sie wiederholen sich sogar in diesem Band immer und immer wieder! Das ist nicht nur langweilig, sondern ärgerlich.

Ein paar neue Ideen sind durchaus vorhanden. So wird der Betrieb bei einer Rassetierausstellung auf amüsante Weise durch den Kakao gezogen. Resnick dürfte sich auf diesem Gebiet auskennen; laut Nachwort (es ist dasselbe wie in Band 1 und 2) haben er und seine Frau Collies gezüchtet und waren dabei jahrelang landesweit führend. Hinzu kommen sechs kurze Anhänge. Darin gibt Oberst Winnifred Carruthers nützliche Tipps für die Drachenjagd und solltet ihr beabsichtigen, in die Drachenzucht einzusteigen, findet ihr hier die gültigen Zuchtstandards. (07.11.2015)


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746
Rendezvous mit Rama Arthur C. Clarke: Rendezvous mit Rama
Bastei Lübbe, 2008
302 Seiten

Nach einem Asteroideneinschlag im Jahre 2077, bei dem die Städte Padua, Verona und Venedig vernichtet werden, nimmt die Menschheit das Projekt "Spaceguard" in Angriff, damit sich eine derartige Katastrophe nie wiederholt. Alle Nationen arbeiten zusammen, um ein System zur Früherkennung zerstörerischer kosmischer Geschosse zu etablieren. Im Jahre 2131 – inzwischen haben die Menschen mehrere Welten des Sonnensystems besiedelt - entdeckt Spaceguard ein Objekt, das sich mit hoher Geschwindigkeit nähert. Das Objekt Nr. 31/439 ist keiner jener Gesteinsbrocken, die die Sonne auf weiten Umlaufbahnen umkreisen, sondern kommt aus den Tiefen des Alls. Es wird nach der hinduistischen Gottheit Rama benannt und genau beobachtet. Rama hat eine völlig glatte Oberfläche und rotiert extrem schnell. Bei einem Vorbeiflug fertigt eine unbemannte Sonde Bilder von Rama an, die keinen Zweifel mehr daran lassen, dass der vermeintliche Asteroid künstlichen Ursprungs ist. Es handelt sich um einen perfekten Zylinder mit 20 Kilometern Durchmesser und 54 Kilometern Länge. Somit steht fest, dass die Menschen sehr bald Besuch von einem außerirdischen Raumschiff erhalten werden. Rama gibt allerdings keine Funksignale ab. Es ist unklar, ob sich überhaupt Lebewesen in dem gigantischen Schiff befinden.

In aller Eile wird eine bemannte Mission auf den Weg geschickt. Das irdische Raumschiff Endeavour nähert sich Rama und landet auf einer der Flachseiten des Zylinders. Commander Bill Norton und seine Leute haben nur wenige Wochen Zeit zur Erkundung des Objekts, denn Rama wird der Sonne auf seiner Flugbahn gefährlich nahekommen. Norton entdeckt eine Zugangsschleuse, die sich problemlos öffnen lässt. Die Crew durchquert die Schleuse und findet sich im Inneren eines gigantischen Hohlraumes wieder. An den Innenwänden des Zylinders entsteht aufgrund der hohen Rotationsgeschwindigkeit künstliche Gravitation von etwas mehr als der Hälfte der Erdschwerkraft. Dort gibt es Strukturen, die an Städte und Fabriken erinnern, einen umlaufenden Ozean, sowie andere Anlagen, die darauf schließen lassen, dass Rama als flugfähiges Habitat für intelligente Lebewesen gedacht war. Allerdings ist das Innere Ramas tot, dunkel und in der Weltraumkälte gefroren – das jedenfalls glauben die Männer und Frauen der Endeavour, bis das Innere Ramas von gigantischen Kunstsonnen erhellt wird und allmählich auftaut, je näher das Habitat der Sonne kommt. Nortons Leute stellen fest, dass Rama keineswegs leblos ist. Automatische Steueranlagen werden aktiv, Kunstwesen der verschiedensten Art tauchen auf und in der unzugänglichen Hemisphäre jenseits der zylindrischen See erwachen mächtige Aggregate zum Leben ...

"Rendezvous mit Rama" bildet den Auftakt einer vierbändigen Reihe, war aber angeblich bei der Erstveröffentlichung (1972) als eigenständiger Roman geplant. Das finde ich verwunderlich, denn der Roman endet ziemlich abrupt. Man erfährt nicht, woher Rama kommt, warum das Habitat erschaffen wurde, wohin es unterwegs ist und so weiter. Die Menschen müssen leicht gedemütigt feststellen, dass ihr Sonnensystem keineswegs Ramas Ziel war, sondern nur eine Zwischenstation! Das Habitat hat dort lediglich Fahrt für die nächste Etappe der Reise aufgenommen. Somit bleibt am Ende im Grunde alles offen. Es kann natürlich sein, dass das so beabsichtigt war. Man muss ja nicht jedes Rätsel auflösen! Bei mir wurde auf jeden Fall jenes schwer zu definierende Gefühl ausgelöst, das für kundige SF-Fans mit "Sense of Wonder" ausreichend umschrieben ist. Ich gehe aber davon aus, dass einige Fragen in den nächsten Romanen beantwortet werden. Band 2 liegt schon in meinem SUB!

"Rendezvous mit Rama" ist spannend, obwohl der Roman fast keine Handlung und nur wenig Figurenzeichnung enthält. Das soll nicht heißen, dass nichts geschieht oder dass keine sympathischen Figuren vorhanden wären. Der Schwerpunkt liegt jedoch eindeutig auf der Erkundung Ramas, also auf der Beschreibung dieses interessanten Objekts. Nach und nach dringen Norton und seine Leute tiefer in das Habitat ein, enträtseln einige Geheimnisse (wobei sie von einem auf dem Mond tagenden Komitee unterstützt werden) und geraten durchaus mal in Gefahr. Eine Story im eigentlichen Sinne ist aber ebenso wenig vorhanden wie Figurenentwicklung. Zu den politischen/gesellschaftlichen Verhältnissen auf der Erde und den Kolonien im 22. Jahrhundert erfährt man relativ wenig. Clarke beschränkt sich in dieser Hinsicht auf Andeutungen. Trotzdem war ich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, was nicht zuletzt daran liegt, dass viel Wert auf Realismus gelegt wurde. Vielleicht verweilt Clarke manchmal etwas zu ausführlich auf technischen Details, aber auch das hat seinen Charme. Der Humor kommt ebenfalls nicht zu kurz. "Rendezvous mit Rama" ist Science (vergleichbar mit Apollo 13) plus Fiction, wobei selbst die Fiktion auf dem Boden der Tatsachen fußt. Sehr schön! (03.11.2016)


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745
Human Alan Dean Foster: Human
Bastei Lübbe, 2013
350 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Genom.

Dr. Ingrid Seastrom will mehr über den Speicherfaden herausfinden, den Whispr bei einem Raubüberfall erbeutet hat. Das Material, aus dem der Faden besteht, dürfte unter den auf der Erde herrschenden Bedingungen eigentlich nicht existieren. Außerdem hat Ingrid in Erfahrung gebracht, dass zahlreiche Jugendliche auf der ganzen Welt ohne ihr Wissen quantenverschränkte Neuroimplantate erhalten haben, die aus demselben Material bestehen. Welchen Sinn hat diese Aktion und sind die Jugendlichen in Gefahr? Während Ingrid von wissenschaftlichem Interesse getrieben wird, geht es Whispr ausschließlich um Geld – das behauptet er jedenfalls; tatsächlich hat er sich in die schöne Ärztin verliebt.

Das ungleiche Paar geht davon aus, dass der Speicherfaden ein Produkt des mächtigen Südafrikanischen Handelsverbundes (SAHV) ist. Die beiden reisen nach Südafrika, um in eine SAHV-Firmenzentrale einzudringen und die dortigen Computersysteme zu hacken. Zuvor müssen sie ihren Verfolger abschütteln, den mit zahlreichen Implantaten und anderen Verbesserungen aufgerüsteten Auftragskiller Napun Molé. Whispr und Ingrid geben sich als Touristen aus und reisen in ein Naturschutzgebiet, in dem neben Elefanten und Löwen auch rückgezüchtete Urzeitwesen wie Säbelzahntiger und Riesenfaultiere leben. Whispr ist begeistert. Um exotische Tiere zu sehen, unternimmt er Exkursionen in abgelegene Ecken des Reservats – sehr zur Freude des Killers, der bereits vor Ort ist ...

Selbst wenn ich in Rechnung stelle, dass "Human" den Mittelteil einer Trilogie bildet, kann ich den Roman nur als vollkommen überflüssig bezeichnen. Die Handlung erschöpft sich darin, dass die nur grob skizzierten Protagonisten planlos in Südafrika herumstolpern und auf die glorreiche Idee kommen, ihr Geld mit einer Safari zu verpulvern. Zu Tarnungszwecken. Dass ich nicht lache!

Whispr geiert Ingrid hinterher und blitzt natürlich ab, so dass der Leser die testosterongeschwängerten Gedankengänge dieses an sich schon unsympathischen Burschen ertragen muss. Der ach so tolle Killer leidet unter chronischer Erfolglosigkeit, was ihn nicht daran hindert, sich lang und breit auszumalen, was er mit seinen Opfern anstellen wird, sollten sie ihm je in die Hände fallen. Wenn Ingrid und Whispr überhaupt irgendwas erreichen, dann nur infolge vollkommen unglaubwürdiger Zufälle. Am Ende des Romans wissen sie immerhin, wie sie zur SAHV-Zentrale gelangen können und dass der Speicherfaden gar kein Speicherfaden ist, sondern ein "Distributor" (also wahrscheinlich ein Gerät, mit dem die quantenverschränkten Neuroimplantate verteilt werden), der ein Signal ins All schickt.

Wenn so wenig geschieht, womit füllt der Autor dann 350 Seiten? Ganz einfach: Mit noch mehr Beschreibungen, wie man sie schon aus dem ersten Band kennt. Weitere bizarre Körpermodifikationen, ein paar ungewöhnliche Umgebungen und ein bisschen Jurassic Park. Das ist durchaus nicht uninteressant, aber es reicht einfach nicht. Ich habe mich von Anfang bis Ende nur gelangweilt und verspüre nicht die geringste Lust, ausführlicher darzulegen, warum ich den Roman für pure Zeitverschwendung halte. Von der "Qualität" der Übersetzung gar nicht zu reden. (24.10.2016)


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744
Der Splitter im Auge Gottes Larry Niven / Jerry Pournelle: Der Splitter im Auge Gottes
Heyne, 1988
624 Seiten

Die Menschheit hat ein dunkles Zeitalter hinter sich. Das erste interstellare Imperium ist im Feuer der Sezessionskriege untergegangen. Zu Beginn des 31. Jahrhunderts, fast 150 Jahre nach dem Ende der Kriege, herrschen in den meisten Sonnensystemen des neuen Kaiserreiches Frieden und Stabilität. Noch hat die Menschheit nicht wieder den Vorkriegs-Entwicklungsstand erreicht, doch mit dem Alderson-Antrieb sind Reisen von Sonnensystem zu Sonnensystem in Nullzeit möglich und ein als Langston-Feld bezeichneter Energieschutzschirm bewahrt Raumschiffe vor allen schädlichen Einflüssen. Vereinzelt kommt es zu Aufständen von Separatisten wie im Jahre 3017 auf dem Planeten New Chicago. Dem wagemutigen Einsatz des jungen adligen Commanders Roderick Blaine ist es zu verdanken, dass der Aufstand ohne größere Verluste niedergeschlagen werden kann. Rod beteiligt sich persönlich an der Befreiung eines Lagers, in dem Lady Sandra ("Sally") Bright Fowler gefangen gehalten wird, die Nichte eines Senators aus dem geheimen Kronrat.

Rod erhält das Kommando über den Schlachtkreuzer Mac Arthur. Er soll ein unbekanntes Raumschiff abfangen, welches sich den von Menschen bewohnten Regionen nähert. Das Schiff ist seit sehr langer Zeit unterwegs, es wird von einem Sonnensegel angetrieben. Aufgrund eines Missverständnisses wird die Mac Arthur von dem Schiff unter Feuer genommen, was letztlich dazu führt, dass der einzige Insasse stirbt. Somit ist der erste Kontakt der Menschen mit anderen Intelligenzwesen grandios gescheitert. In aller Eile wird eine aus der Mac Arthur und dem Schlachtschiff Lenin bestehende Expedition zu dem fernen Heimatsystem des fremden Schiffes entsandt. Wissenschaftler aller Fachgebiete unter der Leitung von Dr. Anthony Horvath, zu denen Sally als Anthropologin gehört, werden in der Mac Arthur untergebracht. Die Lenin hat sich strikt zurückzuhalten und sicherzustellen, dass die Fremden keinen Zugang zur Technik der Menschen erhalten.

Die Kontaktaufnahme mit den Fremden – den Splits – verläuft friedlich und vielversprechend. Die Splits sind in hochspezialisierte Subspezies unterteilt. Techniker können mit einfachsten Mitteln alles Mögliche herstellen, modifizieren und verbessern. Vermittler sind in der Lage, sich perfekt in ihr Gegenüber einzufühlen und fremde Sprachen in Windeseile zu erlernen. Lukrative Handelsbeziehungen zeichnen sich ab. Dr. Horvath freut sich darauf, die überlegene Technologie der Splits zu erforschen. Er versteht nicht, dass die Flottenangehörigen die Splits als potentielle Bedrohung betrachten. Nur zu bald zeigt sich, dass es dafür gute Gründe gibt. Eine Unterart der Splits vermehrt sich unbemerkt in den Tiefen der Mac Arthur, bis das Schiff von Massen dieser Wesen überschwemmt wird. Der Kreuzer muss aufgegeben und vernichtet werden. Die Menschen erkennen, dass sie getäuscht worden sind. Die Splits sind ein uraltes Volk, dessen Fortpflanzung untrennbar mit dem Lebenszyklus verbunden ist. Trotz ihrer technischen Fähigkeiten ist es den Splits nie gelungen, andere Planeten zu kolonisieren. Aufgrund des Bevölkerungsdrucks kommt es in regelmäßigen Abständen zu schrecklichen Kriegen. Sollte es den Splits je gelingen, ihr Sonnensystem zu verlassen, wäre die Auslöschung der Menschheit nur eine Frage der Zeit, denn eine der vielen Split-Unterarten hat nur einen einzigen Existenzzweck: Den Kampf ...

Space Operas gibt es wie Sand am Meer und "Der Splitter im Auge Gottes" gehört sicherlich in diese Kategorie. Die üblichen Versatzstücke sind vorhanden, zum Beispiel die unverzichtbare "Future History". Die Menschheit hat nach dem Untergang des Ersten Imperiums ein neues Reich errichtet. Der Wiederaufstieg hat zu einem militärisch geprägten Feudalismus geführt, in dem mit Abweichlern nicht zimperlich umgegangen wird. Die Flotte schlägt Aufstände rigoros nieder, und wenn Landetruppen nicht weiterkommen, wird schon mal ein kompletter Planet zu Klump geschossen! Überhaupt scheint das Militär in diesem Kaiserreich das Sagen zu haben, zumindest erfolgt die Kontaktaufnahme mit den Splits nicht etwa im Rahmen einer zivilen wissenschaftlichen Mission. Es handelt sich ganz klar um eine militärische Aktion, bei der die Ausrottung der Splits von Anfang an in Betracht gezogen wird! Es gibt Gegenstimmen (Horvath und Sally), aber ich kann nicht umhin festzustellen, dass diese Personen als naiv oder gar verblendet hingestellt werden.

Die Schilderung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Kaiserreich steht nicht im Vordergrund. Derartige Aspekte werden eher nebenbei angesprochen. Mangels Relevanz für die Story hätte man einiges sogar weglassen können ... Viel größeres Augenmerk richten die Autoren auf die akribische Ausarbeitung der Technik. Tatsächlich tun sie hier sogar des Guten zu viel, denn streckenweise liest sich der Roman so zäh wie ein Handbuch für Angehörige der kaiserlichen Flotte! Positiv hervorzuheben ist, dass der Leser nur zwei SF-Elemente schlucken muss, nämlich den Alderson-Antrieb und das Langston-Feld. Selbst hierbei wird Wert auf innere Schlüssigkeit gelegt. So sind überlichtschnelle Reisen nur von bestimmten gravitationslosen Punkten im All aus möglich. Die müssen erst einmal berechnet werden. Beim unterlichtschnellen Flug haben die Raumschiffsbesatzungen mit hohen g-Kräften zu kämpfen. Technische Mittel zur Kompensation gibt es ebenso wenig wie die in vielen SF-Universen (Star Trek, Star Wars, Perry Rhodan usw.) selbstverständliche künstliche Schwerkraft. In Schiffen der kaiserlichen Flotte geht es zu wie in unseren U-Booten, es wird also ein durchaus realistischer Ansatz verfolgt.

Alleinstellungsmerkmal und größte Stärke des Romans dürfte die fantasievolle Vorstellung eines sowohl von der Anatomie als auch der Mentalität her recht fremdartigen Volkes sein. Außerirdische sind in der Science Fiction oft entweder bösartige Monstren oder nichts anderes als kostümierte Menschen. Nicht so im Falle der Splits. Ihre Fremdartigkeit wird glaubwürdig vermittelt und konsequent durchgehalten. Besonders interessant und amüsant sind die Vermittler. Sie können sich so sehr mit den Menschen identifizieren, dass sie praktisch zu ihren Spiegelbildern werden – auch was die Denkweise angeht. Damit geraten sie allerdings derart in Konflikt mit der Mentalität ihres eigenen Volkes, dass man sie irgendwann für wahnsinnig hält. Zudem sind die Splits keine eroberungswütigen Bösewichte. Sie verfolgen nur dasselbe Ziel wie die Menschen; sie wollen sich und ihre Lebensweise schützen. Der Roman hat also viele gute, interessante Ansätze. Leider ist er sehr geschwätzig, vor allem im letzten Drittel wird alles endlos zerredet. Und ich muss sagen, dass praktisch alle Protagonisten auf Seiten der Menschen für meinen Geschmack viel zu klischeehaft geraten sind. Ein schottischer Maschinist (!), ein teetrinkender schießwütiger Russe, ein sinistrer Moslem… Es kommt sogar ein Arier vor (schauder)! (18.10.2016)


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743
Mein Leben und Streben Karl May: Mein Leben und Streben
Kindle Edition

Karl May war schon zu Lebzeiten sehr erfolgreich und äußerst populär, sah sich aber in seinen letzten Lebensjahren heftigen Angriffen ausgesetzt. Unter anderem ging es um Urheberrechts- und Geldfragen, zudem wurde ihm vorgeworfen, er verderbe die Jugend mit seinen Büchern. Damit waren vor allem Kolportageromane wie "Das Waldröschen" gemeint, die angeblich unsittliche Stellen enthalten, bei denen es sich Karl May zufolge um nachträgliche, nicht von ihm vorgenommene Änderungen handelt. May war in zahlreiche Klageverfahren verwickelt, in denen viel schmutzige Wäsche gewaschen wurde. Mays Vergangenheit war eine wahre Fundgrube für seine Feinde. Er war mehrfach vorbestraft, zuletzt war er wegen verschiedener Diebstähle und Betrügereien zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden, die er von 1870 bis 1874 abzusitzen hatte, also vor Beginn seiner Schriftstellerkarriere. Eine Ehekrise kam später noch hinzu. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges muss May außerdem Probleme gehabt haben, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Er behauptete, mit Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi identisch zu sein, ist bis zur Jahrhundertwende aber nicht ein einziges Mal im Orient oder in Amerika gewesen. Reisen in ferne Länder hat er erst später unternommen. Danach war er bestrebt, sich von den Abenteuerromanen früherer Jahre abzuwenden und "ernsthafte" Literatur zu verfassen. Sein Spätwerk beschäftigt sich hauptsächlich mit religiösen und moralischen Fragen.

In "Mein Leben und Streben", erschienen im Jahre 1910, relativiert May seine kriminelle Vergangenheit und weist die Vorwürfe der Kritiker zurück. Zu Beginn des Buches schildert er seine schwere Kindheit, thematisiert den von Vater und Großmutter ausgeübten Einfluss und streift die Phase, in der er vom rechten Weg abgekommen ist. Allerdings bleibt May dabei eher vage. Insgesamt hat sich mir der Eindruck aufgedrängt, dass hier Dichtung und Wahrheit vermischt werden. May sieht sich als Opfer der Lebensumstände und der Schlechtigkeit seiner Mitmenschen. Als selbstkritische Aufarbeitung eines dunklen Lebensabschnitts, den May nicht ableugnen konnte, kann man diesen Teil des Buches wahrlich nicht bezeichnen. Es folgen Abschnitte, in denen May ausführt, seine Reise- und Abenteuerromane seien symbolisch zu verstehen. Sein Ziel habe immer in der Aufarbeitung der großen Menschheitsfragen bestanden und er habe den Lesern den Weg zum Edelmenschentum bereiten wollen. Seine Sujets habe er dem eigenen Leben entnommen und sie lediglich in ferne Länder versetzt, um möglichst viele Leser zu erreichen. Deshalb könne er mit Fug und Recht behaupten, er habe die beschriebenen Abenteuer selbst erlebt. Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand seien quasi personifizierte Menschheitsfragen, ihre Erlebnisse seien Gleichnisse. Zum Abschluss geht May auf die Prozesse ein. Hier werden Namen genannt und Ohrfeigen verteilt! Wieder stellt May sich als Opfer dar und rückt seine Widersacher in ein denkbar schlechtes Licht.

Das Buch sollte also nicht als Autobiografie missverstanden werden. Es ist eine Verteidigungsschrift, deren (objektiver!) Wahrheitsgehalt zumindest als zweifelhaft bezeichnet werden muss. Dennoch, oder gerade deshalb, ist der Band sehr interessant. Man sollte ihn lediglich nicht lesen, ohne sich zuvor mittels anderer Quellen über Karl May informiert zu haben. (10.10.2016)

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742
Die Großen von Agopp H.G. Francis: Die Großen von Agopp
Moewig, 1980
161 Seiten

Im Jahre 3459 beginnen die Laren, Mitglieder einer aus mehreren Völkern bestehenden Machtgruppe, mit der Invasion der Milchstraße, um die Galaxie ins Konzil der Sieben einzugliedern. Aufgrund der Unangreifbarkeit ihrer Raumschiffe gelingt es den Laren problemlos, jeglichen Widerstand zu unterdrücken. Die Laren geben sich als wohlwollende Partner der Terraner, doch es ist abzusehen, dass das Solare Imperium nicht mehr lange Bestand haben wird. Manche Menschen erkennen die Zeichen der Zeit und kochen ihr eigenes Süppchen. So fühlt sich die Besatzung der Korvette KENNTH nicht mehr an die Gesetze des Imperiums gebunden. Die Besatzung landet auf dem von intelligenten Wesen bewohnten Planeten Agopp. Oberst Enko Pyrrkout und seine Erste Offizierin Iniria Arouwa setzen die Überlegenheit der terranischen Technik ein, um nach und nach die Kontrolle über das gesamte Wirtschaftssystem der Agopper an sich zu reißen und gewaltigen Reichtum anzuhäufen. Dass sie damit Chaos und Leid verursachen, interessiert sie nicht.

Frank Chmorl-Pamo, ein mit besonderen Geistesgaben ausgestatteter Retortenmensch, der an Chmorl-Pamos Erschaffung beteiligte Biologe Frank Eigk und der Siganese Simo San sind mit einer Space-Jet unterwegs. Durch Zufall entdecken sie Agopp und landen, um die bis dato nicht bekannt gewesene Welt zu erkunden. Die Agopper stehen auf dem Entwicklungsstand der Menschheit vor dem Erstkontakt mit den Arkoniden – mit einer Ausnahme. Als Transportmittel werden Antigravgleiter benutzt, und diese Fahrzeuge gleichen einem beliebten terranischen Modell bis ins Detail. Chmorl-Pamo und Eigk ahnen, was auf Agopp vorgeht. Sie werden freundlich von den Planetenbewohnern begrüßt. Der nur etwa zehn Zentimeter große Siganese wird von den Agoppern nicht bemerkt und hält sich als Eingreifreserve im Hintergrund. Doch dann verletzen die Terraner versehentlich ein Tabu und sollen hingerichtet werden. Es gelingt Simo San, seine Freunde zu befreien. Das Trio kehrt zur Space-Jet zurück, doch die wurde bereits vollständig ausgeschlachtet. Die Terraner und der Siganese sitzen auf Agopp fest ...

Die Perry Rhodan – Serie läuft seit über 55 Jahren. Sie ist in zahlreiche Zyklen unterteilt, in denen eine fortlaufende Geschichte erzählt wird. Die Laren-Invasion ist Thema des Zyklus "Das Konzil" (PR 650 bis 699). Sie führt zum Niedergang des Solaren Imperiums und hat weitreichende Auswirkungen, von denen die folgenden Zyklen geprägt sind. Das alles spielt für diesen Roman aber praktisch keine Rolle, das heißt, man kann das Taschenbuch ohne jegliche Kenntnis der PR-Serie lesen. Die Geschichte könnte so in jedem anderen Science–Fiction–Umfeld oder in der Realität spielen. Es geht ja im Grunde um ein altbekanntes Problem, nämlich das folgenschwere Eindringen wissenschaftlich-technisch überlegener Gruppen ins Territorium nicht so weit entwickelter Völker. Das ist allerdings nur die Ausgangssituation beziehungsweise die Bühne, auf der Frank Chmorl-Pamo, Frank Eigk und Simo San ihre zum Teil etwas allzu albernen Abenteuer erleben. Einen ernsthaften Umgang mit der Thematik durfte man angesichts der Kürze des Taschenbuches wohl nicht erwarten.

Die drei Figuren sind erstmals in PR 665 aufgetreten. Chmorl-Pamos Schöpfer hatten vermutlich das Ziel, einen Übermenschen herzustellen; ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr an den genannten Roman erinnern. Jedenfalls ist Chmorl-Pamo zwar körperlich erwachsen, hat aber erst wenige Wochen bewusst erlebt. Davon spürt man in diesem Taschenbuch leider herzlich wenig. Chmorl-Pamo mag etwas naiv sein, kann die Bösewichte jedoch innerhalb kurzer Zeit unschädlich machen. Zwischendurch schlägt sich der Däumling Simo San mit Insekten, Spinnen und der Tücke des Objekts herum. Schade! Da wäre viel mehr drin gewesen. (05.10.2016)


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741
Der große Gatsby F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby
Diogenes, 2013
249 Seiten

Der Wertpapierhändler Nick Carraway lebt in einem bescheidenen Häuschen direkt neben dem riesigen Luxusanwesen des märchenhaft reichen Geschäftsmannes Jay Gatsby. Niemand scheint so recht zu wissen, wie der junge Mann zu seinem Vermögen gekommen ist und Gerüchten zufolge hat Gatsby eine kriminelle Vergangenheit, aber alle Welt besucht mit größtem Vergnügen die von ihm für die New Yorker Prominenz ausgerichteten glamourösen Partys. So auch Nick, der im Gegensatz zu den meisten anderen Gästen im Sommer 1922 tatsächlich von Gatsby eingeladen wird. Während der Feier begegnet Nick der professionellen Golfspielerin Jordan Baker, die er schon während eines Besuches bei seiner aus gutem Hause stammenden Verwandten Daisy Buchanan gemacht hat. Nick kennt Daisys Ehemann Tom, einen Ex-Spitzensportler und jetzigen Millionär, aus der Studienzeit. Außerdem lernt Nick auf der Party seinen mysteriösen Gastgeber kennen.

Wie sich herausstellt, ist das Zusammentreffen kein Zufall. Gatsby und Daisy waren vor fünf Jahren ein Paar, wurden aber infolge des Ersten Weltkrieges getrennt. Erst danach hat Daisy Tom geheiratet, mit dem sie jetzt eine Tochter hat und der sie seit geraumer Zeit betrügt. Gatsby liebt Daisy immer noch. Für ihn ist sie die Liebe seines Lebens und er hat seinen Reichtum nur angehäuft, um ihren Ansprüchen zu genügen. Jordan und Nick sollen Gatsby dabei helfen, Daisy zurückzugewinnen. Gatsbys größter Traum scheint wirklich in Erfüllung zu gehen, doch das bleibt Tom nicht verborgen. Der eifersüchtige Gatte beginnt in Gatsbys Angelegenheiten zu graben und findet Hinweise, die darauf schließen lassen, dass Daisys Liebhaber in zwielichtige Machenschaften verstrickt ist. Schließlich kommt es zur offenen Konfrontation. Sie endet tödlich ...

Normalerweise lese ich Romane ziemlich flott durch, weil ich wissen möchte, wie sich die Handlung weiterentwickelt. Bei "Der Große Gatsby" (1925) war das völlig anders. Die aus der Ich-Perspektive Nick Carraways erzählte Geschichte ist an sich weder besonders aufregend noch komplex. Mann aus einfachen Verhältnissen (Gatsby) verliebt sich in höhere Tochter und glaubt sie durch die Anhäufung eines Vermögens zurückgewinnen zu können, vereitelt dadurch aber praktisch selbst die Verwirklichung seines Lebenstraums, denn er ist durch windige Geschäfte reich geworden, wenn nicht gar durch kriminelle Machenschaften, und darf sowieso nicht hoffen, jemals jenen gesellschaftlichen Status zu erlangen, der Daisy und Tom sozusagen in die Wiege gelegt wurde. Interessant ist die Story hauptsächlich wegen des Geheimnisses um Gatsbys Person. Seine Herkunft wird erst am Ende des Romans erklärt und was seine Geschäfte angeht, bleibt es bei Andeutungen. Erst ganz am Schluss kulminieren die Ereignisse in einer dramatischen Entscheidung.

Aber das war nicht der Grund dafür, dass ich den Roman entgegen meiner sonstigen Gewohnheit nicht schnell inkorporiert, sondern ganz langsam und Satz für Satz genossen habe, so wie man einen guten Single Malt nicht runterkippt, sondern Tröpfchen für Tröpfchen auf der Zunge zergehen lässt. Entscheidend ist nicht das "Was", sondern das "Wie"! Fitzgerald bringt mit den nur wenig mehr als 200 Seiten des Romans (o.g. Seitenzahl kommt durch ein interessantes Nachwort von Paul Ingendaay zustande) derart präzise Charakterstudien zustande und vermittelt den Zeitgeist der 1920er-Jahre so eindringlich, dass ich das Gefühl hatte, diese Leute und ihre Zeit wirklich zu kennen. Das ist umso erstaunlicher, als nicht einfach nur Aussagen in den Raum gestellt werden. Fitzgerald behauptet nicht, er zeigt. Aber wie hat er das gemacht? Wie hat er es geschafft, bei der Kürze seines Texts eine dichte Atmosphäre mit vielen geradezu magischen Momenten zu erschaffen, Gefühle zu vermitteln und plastische Bilder im Kopf des Lesers entstehen zu lassen? Ich kann es nicht erklären. Ein unvergessliches Meisterwerk und eines der ganz wenigen Bücher, die ich gleich nach der Lektüre noch einmal gelesen habe. (29.09.2016)


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740
Fehlfunktion Peter F. Hamilton: Fehlfunktion
Bastei Lübbe, 2004
846 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Die unbekannte Macht.

Durch einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum ist es den in einer fremden Dimension gefangenen Seelen verstorbener Menschen gelungen, in die Welt der Lebenden zurückzukehren. Sie haben die Körper von Kolonisten auf dem Planeten Lalonde in Besitz genommen und einen Eroberungsfeldzug gestartet, um ihre Abermillionen im "Jenseits" zurückgebliebenen Leidensgenossen ebenfalls herüberzuholen. Das ist nur möglich, wenn ein neuer Wirtskörper gefunden wird, der freiwillig zur Aufnahme einer Seele bereit ist. Zu diesem Zweck quälen die so genannten Possessoren ihre Opfer auf unmenschliche Weise und bieten gleichzeitig Erlösung an. Sie stehen permanent mit der anderen Dimension in Verbindung, können deren Energie nutzen und gewinnen dadurch gewaltige Macht. Sie sind übermenschlich stark, können nur durch konzentrierten Beschuss aus schweren Waffen aufgehalten werden und sind in der Lage, ihre Körper sowie die Umwelt nach Belieben zu verändern. Höherwertige Technik wird in unmittelbarer Umgebung eines Besessenen gestört oder fällt ganz aus. Einige Possessoren verlassen den Planeten unbemerkt, indem sie Besatzungsmitglieder von Raumschiffen übernehmen oder ganz einfach eine Passage buchen. So gelingt es Possessoren, die Besitz von den Körpern des abtrünnigen Edeniten Laton und des Teufelsanbeters Quinn Dexter ergriffen haben, ihre Saat über andere Welten auszubreiten. Normalerweise wird das Original-Bewusstsein eines Besessenen vollständig unterdrückt, doch Laton und Dexter können sich wehren. Laton opfert sich, um seinen Possessor zu vernichten und Syrinx zu retten, die sein Schicksal hätte teilen sollen. Dexter dagegen erkennt die Chance, die sich ihm bietet. Er gewinnt die Kontrolle über seinen Körper zurück und errichtet eine Schreckensherrschaft auf dem Planeten Norfolk.

Den Verantwortlichen wird zu spät klar, dass es auf Lalonde keineswegs zu einem lokal begrenzten Aufstand von Zwangsarbeitern gekommen ist, sondern zur Invasion durch eine fremde Macht. Zunächst weiß niemand, womit man es wirklich zu tun hat und wozu die Fremden imstande sind. Expeditionstrupps, die den vermeintlichen Aufstand niederschlagen sollten, werden aufgerieben oder übernommen. Unaufhaltsam nähern sich die Invasoren der Hauptstadt Durringham. Der Gouverneur schickt einen Abgesandten zur Rekrutierung einer Söldnerflotte nach Tranquility. Joshua Calvert schließt sich dieser Flotte mit der Lady Macbeth an. Gleichzeitig wird die Konföderation von der Nachricht über Latons Wiederkehr aufgeschreckt. Schiffe der Navy werden zum Kampf gegen den abtrünnigen Edeniten, der die Zerstörung eines kompletten BiTek-Habitats zu verantworten hat, in Marsch gesetzt. Die Flotten der Söldner und der Navy stoßen über Lalonde aufeinander. Inzwischen hat sich eine seltsame rote Wolkenschicht über große Teile Lalondes ausgebreitet. Söldnerteams wurden abgesetzt, die die Lage erkunden sollten. Viele werden getötet oder von den Possessoren übernommen. Einige von letzteren kehren zu den Mutterschiffen zurück, die sich kurz danach gegen die Navyflotte wenden, so dass eine verlustreiche Raumschlacht entbrennt. Einige Söldner, die von der Reporterin Kelly Tirrel (einer von Joshuas Liebschaften) begleitet werden, bleiben unbeeinflusst. Sie wenden sich an die auf Lalonde siedelnden nichtmenschlichen Tyrathca. Von diesen Wesen ist keine Hilfe zu erwarten; sie beten einen Schlafenden Gott an, der sie vor den Besessenen retten soll. Dann stößt die Gruppe auf die letzten nicht übernommenen Kolonisten – ein paar Dutzend Kinder unter dem Schutz von Pater Horst Elwes. Nur die Lady Macbeth ist in der Lage, die Söldner und die Kinder zu evakuieren, doch sie wird von Raumschiffen der Besessenen verfolgt.

Auf Tranquility wird ein Durchbruch bei der Erforschung eines Laymil-Artefakts erzielt. Es wird klar, dass sich die Laymil-Heimatwelt einst im selben System wie der Ruinenring befunden haben muss und durch einen fremden Einfluss an einen unbekannten Ort versetzt wurde. Rekonstruierte Bildaufzeichnungen zeigen, dass sich auf dem Planeten seinerzeit eine dichte rote Wolkenschicht ausgebreitet hat. Die Laymil haben mit größtem Entsetzen auf diese "Realitäts-Fehlfunktion" reagiert. Sie hat zu einer Tragödie geführt, in deren Folge sich alle Habitate der Laymil selbst vernichtet haben ...

Obigen Text solltet ihr nicht als Handlungszusammenfassung verstehen. Es ist nur eine Art Teaser, in dem einige der wichtigsten Handlungselemente kurz skizziert werden. Die Story des zweiten Bands des "Armageddon"-Zyklus ist weit umfangreicher und vielschichtiger, als es der Teaser vermuten lässt. Hauptthema dieses Bandes ist der Kampf um Lalonde, darum herum sind jedoch unzählige Nebenhandlungen gruppiert. Sie fallen teilweise sehr kurz aus. Zum Beispiel wird Louise Kavanagh nur ein einziges Kapitel gewidmet. Ihr erinnert euch vielleicht, dass ich im Kommentar zum ersten Band des Zyklus zum Ausdruck gebracht habe, wie sehr mir Joshuas Casanova-Gehabe missfällt. Ich hatte ein Beispiel dafür genannt – damit war Louise gemeint. Jetzt erfährt man, dass die Ärmste schwanger ist und in ihrer Naivität immer noch von Joshuas Rückkehr inklusive Hochzeit träumt. Joshua verschwendet nur sehr wenige Gedanken an die junge Dame. Die von mir erhofften Konsequenzen hat er weiterhin nicht zu befürchten, denn der Planet Norfolk wurde von den Besessenen übernommen und Louises Vater wurde niedergemetzelt! Wenigstens werden uns nicht noch mehr Details aus Joshuas Sexleben zugemutet. Joshua wird diesmal eher als junger Han Solo hingestellt. Er ist der beste Pilot weit und breit, ein Schmuggler, der zwar immer mit einem Auge auf den größtmöglichen Profit schielt, aber das Herz am rechten Fleck hat und seine Freunde nicht im Stich lässt. Von mir aus ...

Dem Kommentar, den ich zu "Die unbekannte Macht" geschrieben habe, kann ich im Grunde nur hinzufügen, dass die Expositionsphase jetzt definitiv abgeschlossen ist. Entwicklung findet kaum noch statt, zumindest bei den bereits etablierten Figuren. Ein paar neue kommen allerdings hinzu und endlich begegnen wir auch mal den Tyrathca. Ansonsten geht Hamilton vor allem in Sachen Action in die Vollen. An allen Fronten – zu Lande, zu Wasser und im All – wird geschossen, was die Gaussgewehre, Thermokarabiner und Kombatwespen hergeben. Zu Rittern umgeformte Besessene treten gegen kybernetisch aufgerüstete Söldner an, Joshua liefert sich eine Asteroidengürtel-Verfolgungsjagd in schönster Das Imperium schlägt zurück - Manier und so weiter. Das ist durchaus unterhaltsam, teilweise sogar richtig spannend. Aber so langsam frage ich mich, was in den nächsten Bänden noch kommen soll. Wiederholungen nach demselben Strickmuster – also die weitere Ausbreitung der Possessoren und die damit verbundenen Grausamkeiten / Kämpfe – könnten bald langweilig werden.

In diesem Band werden einige Antworten geliefert, vor allem auf die Fragen, was die Possessoren eigentlich wollen und was mit den Laymil geschehen ist. Die Idee, dass das Bewusstsein eines intelligenten Lebewesens nach dem Tod quasi als Energieform weiterlebt und in einer anderen Dimension gefangen ist, klingt faszinierend, wird aber einerseits für meinen Geschmack zu oberflächlich behandelt und führt andererseits zu merkwürdigen Ergebnissen. So gelingt es Vater Elwes, einen Possessor mit einem religiösen Ritual zu vertreiben. Er muss nicht mehr tun, als ein paar Gebete aufzusagen, schon flutscht der böse Geist aus dem gequälten Körper raus. Das entsprechende Kapitel erinnert frappierend an den Film Der Exorzist. Meine Güte! Soll das etwa Schule machen? Dann hätte die Vereinigte Kirche der Konföderation aber ganz schön was zu tun. (19.09.2016)


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739
Seegrund Volker Klüpfel / Michael Kobr: Seegrund
Kindle Edition

Kommissar Kluftinger tritt mal wieder mitten ins Fettnäpfchen, als er sich am Ticketcenter der Schlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein bei Füssen über die japanischen Touristen mokiert. Wie hätte er auch ahnen sollen, dass die neue Freundin seines Sohnes Markus Japanerin ist? Die beiden Studenten wollen die Weihnachtsfeiertage bei Kluftinger und Gattin Erika verbringen. Als Treffpunkt war das Schloss vereinbart worden, aber Markus hatte seinen Eltern nichts über die Herkunft seiner Freundin Yumiko verraten. Um die Scharte auszuwetzen, lädt Kluftinger die Familie zu einem Ausflug ein. Es geht zum Alatsee. Die Schönheit des idyllisch gelegenen Gewässers kommt in der Winterlandschaft besonders gut zur Geltung, doch die Freude darüber wird durch einen grausigen Fund getrübt. Am Ufer liegt eine Leiche inmitten einer riesigen Blutlache. Hastig schickt Kluftinger die Familie ins nächstgelegene Wirtshaus, ruft seine Kollegen herbei und schaut sich den Tatort genauer an. Als er sich zu einem Symbol hinunterbeugt, das der mit einem Taucheranzug bekleidete Mann in den Schnee gezeichnet hat, fällt Kluftinger vor Schreck auf den Hosenboden, denn der Tote bewegt sich! Der Taucher lebt, ist aber schwer verletzt. Später stellt sich heraus, dass die rote Flüssigkeit, in der er liegt, kein Blut ist, sondern Seewasser, das seine rote Farbe einer besonderen Bakterienart verdankt. Unterhalb der von diesen Bakterien gebildeten Schicht ist das Seewasser fast sauerstofflos. Aus diesem Grund sind private Tauchgänge im Alatsee verboten.

Warum hat der Mann das Verbot missachtet und ist das Risiko eingegangen, in der Gefahrenzone zu tauchen? Und was wollte er mit dem kryptischen Symbol sagen? Die Fragen bleiben offen, denn der Taucher liegt im Koma. Kluftinger muss in diesem Fall mit seiner Füssener Kollegin Friedel Marx zusammenarbeiten, deren exorbitanter Zigarillokonsum zur Belastungsprobe für den Kommissar wird, zumal eine schwere Grippe im Anmarsch ist. Die Identität des Verletzten kann rasch ermittelt werden. Er heißt Jochen Bühler und gehört zu einem Forscherteam, das den Alatsee mit einem modernen Tauchroboter untersucht. Kluftinger nimmt die vom Roboter aufgezeichneten Bilder in Augenschein und erkennt, dass sich am Seegrund eine künstliche Struktur verbirgt. Diese Erkenntnis scheint jemandem nicht zu gefallen, denn einige Zeit später wird der Roboter gestohlen, das Camp der Forscher wird verwüstet. Die Rätsel nehmen noch zu, als Bühlers Eltern eintreffen. Sie behaupten, der junge Mann sei nicht ihr Sohn.

Kluftinger holt Informationen über den geheimnisumwitterten Alatsee ein und erfährt, dass die Nazis kurz vor Kriegsende in der Umgebung aktiv waren. Die amerikanischen Besatzer haben dort später nach etwas gesucht. Beim Besuch des Ludwig-Musicals in Füssen – ein Weihnachtsgeschenk von Markus und Yumiko – traut Kluftinger seinen Augen nicht: In der Architektur des Musicalbaus wurde ein bestimmtes Symbol als wiederkehrendes Designelement verwendet. Es ist genau jenes Zeichen, das Kluftinger neben dem vermeintlich toten Taucher gesehen hat ...

"Seegrund" ist der dritte Fall des liebenswert-grantigen Kommissars Kluftinger aus dem Allgäu. In den Kommentaren zu den ersten beiden Romanen des Autorenduos Klüpfel/Kobr habe ich geschrieben, dass die jeweiligen Kriminalfälle deutlich im Hintergrund stehen. Viel mehr Aufmerksamkeit als den polizeilichen Ermittlungen wurde der Hauptfigur gewidmet. Ich habe angemerkt, dass ich das keineswegs als Schwäche betrachte, weil Klufti derart mitten aus dem Leben gegriffen ist, dass ich gar nicht genug kriegen kann von seinem Kampf gegen tückische Fettnäpfchen, nervtötende Kollegen und den Erzfeind Dr. Langhammer. Diesmal stehen Klufti und sein neuester Fall zumindest gleichberechtigt nebeneinander. Nach wie vor sehen wir den im Umgang mit Mitmenschen ziemlich unbeholfenen Kommissar in absurd-witzigen Situationen, etwa beim Besuch eines Sushirestaurants und beim Surfen im Internet. Der Kleinkrieg mit Langhammer steigert sich – wenn das so weitergeht, bange ich um das Leben des guten Doktors! Yumiko ist eine echte Bereicherung für das Figurenensemble. Keine Klischee-Japanerin, dennoch ein Quell der Verwirrung für Klufti. Die Reibereien zwischen Klufti und dem Mannweib Friedel Marx sind auch nicht zu verachten.

Kluftis frühere Fälle waren durchaus nicht uninteressant, der aktuelle ist jedoch richtig spannend. Vor allem werden wieder einmal reale Gegebenheiten aus Kluftis Heimat eingeflochten. Wer den Wikipedia-Artikel zum Alatsee liest, wird feststellen, dass die Autoren nur vergleichsweise wenig hinzugedichtet haben. Die Purpurbakterien gibt es wirklich, die Nazis haben am Alatsee mit Wunderwaffen experimentiert und es ranken sich viele Sagen um die Gegend. Übrigens stattet Kluftinger aus diesem Grund Frau Urban einen Besuch ab, einer Hauptfigur aus dem zweiten Roman. Ein ziemlich unangenehmes Treffen ... Zwar kommt der Zufall Kluftinger mehr als einmal zur Hilfe, dennoch ist die Schnitzeljagd, bei der es am Ende sogar richtig Action gibt, jederzeit fesselnd. Es dauert eine Weile, bis das Bild für Klufti und den Leser klar wird, aber so soll es im Krimi ja sein! Meiner Meinung nach haben sich Klüpfel und Kobr kontinuierlich gesteigert, und so ist "Seegrund" der bis jetzt beste Roman der Kluftinger-Reihe. (29.08.2016)


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738
Mallory und die Nacht der Toten Mike Resnick: Mallory und die Nacht der Toten
Bastei Lübbe, 2012
367 Seiten

Vor vier Jahren ist der Privatdetektiv John Justin Mallory in eine magische Parallelwelt gelangt, die er nicht mehr verlassen kann. Seitdem führt er mit seiner neuen Partnerin Winnifred Carruthers eine Detektei in New York – oder vielmehr in einer Version dieser Stadt, die Mallorys Heimat nicht in allen Details gleicht. So zockeln anstelle der berühmten Yellow Cabs gelbe Elefanten durch die Straßenschluchten, Straßenhändler treten meist in Gestalt von Goblins auf, im Untergrund leben Trolle, die sich von U-Bahn-Chips ernähren, und wenn jemand von Blutsaugern geplagt wird, dann sind damit nicht Rechtsanwälte oder Literaturagenten gemeint, sondern untote Vampire. Mit diesen Kreaturen hat Mallory bisher noch keine Bekanntschaft gemacht, doch das ändert sich, als Winnifred an Halloween einen Schwächeanfall erleidet. Die ungewöhnliche Blässe der ehemaligen Großwildjägerin und zwei kleine Wunden am Hals sprechen eine deutliche Sprache – Winnifred wurde von einem Vampir gebissen!

Der Schuldige ist schnell gefunden. Winnifreds Neffe Rupert, der die Feiertage mit seiner Tante verbringen wollte, ist während der Anreise von einem Vampir angefallen worden, der sich mehrmals an ihm gelabt hat. Bei ihm hat der Verwandlungsprozess deshalb im Gegensatz zu Winnifred, an der Rupert seinen Blutdurst erst einmal gestillt hat, bereits eingesetzt. Rupert glaubt zu wissen, dass er sein Schicksal einem Mitreisenden namens Aristoteles Draconis zu verdanken hat. Mallory übernimmt die Aufgabe, Rupert vor sich selbst zu schützen. Doch der junge Mann fürchtet sich so sehr davor, ein weiteres Mal gebissen zu werden und dann endgültig zu einer Kreatur der Nacht zu mutieren, dass er Selbstmord begeht.

Um den Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen zu können, muss Mallory Draconis erst einmal aufspüren. Hier ist Felinas Spürnase gefragt. Das Katzenmädchen hat sich in der Detektei häuslich eingerichtet und ist bereit, mit Mallory auf Vampirjagd zu gehen. Dritter im Bunde ist Bats McGuire, ein arbeitsloser und ziemlich feiger Vampir. Ein Drache namens Nathan Botts, der unter dem Pseudonym Scaly Jim Chandler schlechte Detektivromane schreibt und live miterleben will, wie ein echter Schnüffler arbeitet, stößt später zum Team. Der Fall ist allerdings verzwickter als gedacht, denn Draconis hat Rupert nicht gebissen, sondern vor einem viel gefährlicheren Untoten beschützt. Der Name dieser uralten Bestie lautet Vlad Dracule ...

Dies ist das zweite von bisher drei Abenteuern John Mallorys in einer abgedrehten Alternativwelt voller Fabelwesen, in der sich Phantastisches auf bizarre Weise mit Alltäglichem vermischt. Das habe ich in meiner Review zum ersten Teil (Jäger des verlorenen Einhorns) geschrieben und im Grunde müsste ich den ganzen Rest hier wiederholen, denn der Roman folgt genau demselben Strickmuster. Das Problem dabei ist: Diesmal ist der Funke bei mir nicht übergesprungen. Habe ich Teil 1 noch mit einem permanenten Grinsen im Gesicht gelesen, so hat es diesmal nur ab und zu für ein schwaches Lächeln gereicht. Zu oft gleitet der Humor in platten Klamauk ab, viel zu selten wird der intelligente Witz des ersten Romans erreicht. Abgedrehte Ideen wie das Vampire State Building, das den Vampiren des "anderen" New York quasi als Operationszentrale dient, sorgen durchaus für Erheiterung, aber insgesamt war ich doch einigermaßen enttäuscht.

Das liegt sicherlich zum Teil daran, dass der Reiz des Neuen schon verflogen ist. Resnick bietet wenig Neues, er wärmt meist lediglich Situationen und Konstellationen auf, die so oder so ähnlich schon in "Jäger des verlorenen Einhorns" vorgekommen sind. Zudem ist der Kriminalfall ganz einfach nicht spannend, er ist nicht mal interessant. Niemand ist in Gefahr (Rupert segnet schon sehr früh das Zeitliche), abgesehen von Mallory, der das ganz leicht vermeiden könnte, wenn er Vlad Dracule einfach in Ruhe lassen würde. Im Klappentext wird behauptet, Winnifred könne nur gerettet werden, wenn Mallory den Vampir vor Tagesanbruch zur Strecke bringe. Das ist glatt gelogen. Winnifred erholt sich von selbst wieder. Mallory hat überhaupt keinen Grund dafür, die Vampirjagd fortzusetzen. Sie dient ohnehin nur einem einzigen Zweck: Mallory soll auf der Suche nach Vlad Dracule von einer verrückten Situation in die nächste geraten. Es geschieht sehr wenig, dafür wird umso mehr geredet; das Buch ist sehr dialoglastig. Das ist beim ersten Band ähnlich, aber dessen Wortwitz wird diesmal nicht erreicht. Unübersetzbare Wortspiele und Übersetzungsfehler nicht gerechnet. Diesmal sind die Anhänge, drei an der Zahl, witziger als der eigentliche Roman. So darf man sich über einen Auszug aus Scaly Jim Chandlers neuestem Reißer freuen – vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Resnick den ganzen Roman in diesem Stil verfasst hätte! (22.08.2016)


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737
Die unbekannte Macht Peter F. Hamilton: Die unbekannte Macht
Bastei Lübbe, 2000
862 Seiten

Im 27. Jahrhundert hat die Menschheit unzählige Planeten in der ganzen Milchstraße besiedelt, so dass viele unabhängige Staaten entstanden sind. Sie alle haben sich in der Konföderation zusammengeschlossen. Die Nutzung von Antimaterie, mit der sich schreckliche Massenvernichtungswaffen herstellen lassen, ist verboten. Es ist eine Hauptaufgabe der Konföderationsflotte, dieses Verbot durchzusetzen. Lokale Kriege entbrennen zwar immer wieder, dennoch blüht der Handel und der Lebensstandard der meisten Konföderationsbürger ist hoch. Es gibt aber auch Schattenseiten. So werden regelmäßig rechtlose Menschen von der überbevölkerten und durch den Klimawandel geschädigten Erde zwangsdeportiert. Diese "Zettdees" müssen jahrelange Sklavenarbeit auf neu erschlossenen Planeten leisten.

Fast alle Menschen wurden schon vor Jahrhunderten durch vererbbare genetische Modifikationen an das Leben im Weltraum sowie auf fremden Welten angepasst. Auf diese Weise haben sich zwei grundverschiedene Gruppierungen herausgebildet. Die Edeniten besitzen ein Affinitätsbindungsgen, durch das ihre Bewusstseine miteinander sowie mit den von ihnen gezüchteten ("germinierten") biotechnologischen Konstrukten verbunden sind. Ihre gigantischen BiTek-Weltraumhabitate sind denkende Lebewesen, ebenso ihre Raumschiffe, die Voidhawks. Kommandanten und Raumschiffe – wie zum Beispiel die junge Syrinx und ihr Voidhawk Oenone – sind enger aneinander gebunden als Liebende. Aufgrund des zwischen allen Edeniten existierenden telepathischen Kontakts wurde eine nie dagewesene Harmonie erreicht. Die Edeniten haben sogar den Tod überwunden, denn nach dem körperlichen Ende lebt ihr Geist im Kollektivbewusstsein des Habitats weiter. Die Adamisten lehnen das Affinitätsgen aus kulturellen und religiösen Gründen ab. Sie setzen auf "klassische" Technik, und zwar nicht nur in der Raumfahrt. Kybernetische Implantate und neurale Nanoniken – ins Zentralnervensystem eingesetzte Mikrocomputer – verbessern die Leistungsfähigkeit ihrer Träger und erlauben permanenten Zugriff auf Steuersysteme, Rechnernetzwerke und so weiter.

Verschiedene nichtmenschliche Spezies wurden in die Konföderation eingegliedert oder sind lose mit ihr assoziiert. Außerdem wurden die Hinterlassenschaften des ausgestorbenen Volkes der Laymil gefunden. Abertausende Trümmer von Raumstationen umkreisen den Gasriesen Mirchusko. In der Nähe wurde das BiTek-Habitat Tranquility germiniert. Es wird von Ione Saldana regiert, dem jüngsten Spross des in Ungnade gefallenen Seitenzweigs eines mächtigen Herrschergeschlechts. In Tranquility werden die wenigen noch halbwegs intakten Laymil-Artefakte erforscht, die von wagemutigen Glücksrittern wie Joshua Calvert aus dem gefährlichen Chaos des Ruinenrings herausgeholt werden. Die Gründe für den Untergang der Laymil sind unbekannt. Es steht fest, dass all ihre Habitate vor gut zweitausend Jahren innerhalb eines einzigen Tages vernichtet worden sind. Die Laymil wurden also entweder mit einer unfassbar mächtigen Waffe angegriffen oder sie haben sich selbst zerstört. Beide Varianten sind gleichermaßen beunruhigend.

Zu Beginn des 27. Jahrhunderts kommt es auf der Siedlungswelt Lalonde zu einem folgenschweren Ereignis. Der Teufelsanbeter Quinn Dexter sammelt loyale Anhänger und zettelt einen Aufstand der Zettdees an, wodurch die Aufmerksamkeit des abtrünnigen Edeniten Laton geweckt wird, der sich seit Jahren mit seinen Gefolgsleuten auf dem Planeten versteckt. Ein Energiewesen namens Ly-cilph, das seit unvordenklichen Zeiten auf der Suche nach Informationen durch das Universum streift, wird aufgrund der von Quinns Leuten verübten Grausamkeiten neugierig. Es bemerkt einen Energiefluss zwischen Quinn und einem von ihm geopferten Mann. Als es die seltsame Energie näher untersucht, wird das Ly-cilph in einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum gezerrt, wodurch zahlreiche in einer fremden Dimension gefangene Geistwesen freigesetzt werden. Sie ergreifen Besitz von den Körpern der Satanisten. Die Besessenen verwandeln sich in unbesiegbare Kreaturen und breiten sich über ganz Lalonde aus ...

"Die unbekannte Macht" bildet den Auftakt des "Armageddon-Zyklus". In der deutschen Fassung besteht die Reihe aus sechs aufeinander aufbauenden Romanen. Jeder Originalroman wurde zweigeteilt, und so hat Band 1 ein offenes Ende. Schon der erste Band lässt mit seiner epischen Breite darauf schließen, dass den Leser in diesem Zyklus eine vielschichtige, moderne Space Opera mit zahlreichen Schauplätzen und noch mehr Hauptfiguren erwartet. Im Teaser habe ich nur einen Bruchteil erwähnt! Syrinx, Joshua Calvert, Ione Saldana und Quinn Dexter sind die wichtigsten Protagonisten (beziehungsweise Antagonisten) der Handlungsebenen, denen der Autor die größte Aufmerksamkeit widmet. Es sind längst nicht alle. Zum Buch gehört ein dreizehnseitiger Anhang mit allen relevanten Personen, unterteilt nach Schauplätzen. Ebenfalls beigefügt ist ein kurzer Überblick der wichtigsten geschichtlichen Ereignisse seit dem 21. Jahrhundert, auf die in der Story Bezug genommen wird. Der Leser muss einerseits den Überblick bei einem riesigen Figurenensemble behalten, außerdem muss er den komplexen geschichtlichen, gesellschaftlichen und technologischen Hintergrund verstehen. Zum Glück ist Hamilton ein guter Erzähler, und so werden Fakten nicht einfach nur wie Lexikoneinträge heruntergebetet, sondern "gezeigt". Sie sind so gut in die Handlung eingebettet, dass dem Leser nur selten auffällt, dass er gerade belehrt wird. Häufige Orts- und Perspektivwechsel sorgen dafür, dass die Spannung stets auf einem hohen Level bleibt.

Die größte Stärke des Romans ist in meinen Augen der detailreich ausgeklügelte, in sich schlüssige Weltenbau. Man kann richtig schön in diese Zukunftswelt eintauchen! Die Exposition ist dem Autor hervorragend gelungen; Personen und Schauplätze treten dem Leser plastisch vor Augen. Es werden zwar einige Fachbegriffe (nicht alle sind der realen Welt entnommen) verwendet, in Technobabble arten die entsprechenden Textstellen zum Glück aber nicht aus und es dauert nicht lang, bis man sich in die fremdartige Technik der lebenden Raumschiffe, der neuralen Nanoniken, des Affinitätsgens und so weiter eingearbeitet hat. Ich finde die mentale Vernetzung der Edeniten und die sich daraus ergebenden Implikationen faszinierend. Mit dem Übergriff der Seelen Verstorbener auf das Diesseits (ich nehme jedenfalls an, dass die Toten wiederkehren - im Roman wird das nicht ausdrücklich gesagt) kommt ein origineller neuer Aspekt hinzu. Wir begegnen den verschiedensten, teils recht ungewöhnlichen Gesellschaftssystemen. So leben die Bewohner des Planeten Norfolk in einer idealisierten Version des elisabethanischen Zeitalters und verwenden so wenig Technik wie möglich, treiben aber fröhlich Handel mit den Besatzungen von Raumschiffen, die sich um ein sehr wertvolles, nur auf Norfolk hergestelltes Produkt reißen. Am besten hat mir der umfangreiche Handlungsstrang rund um die Siedler auf Lalonde gefallen, die in der gefährlichen Umwelt des Planeten aufgrund der Profitgier der hinter der Besiedlung stehenden Konzerne mit einfachsten Mitteln ums Überleben kämpfen müssen und sich allmählich eine neue Existenz aufbauen, nur um dann den Besessenen zum Opfer zu fallen.

Bei den Protagonisten setzt Hamilton auf klar definierte Charakterzüge, das heißt, die Hauptfiguren werden einprägsam vorgestellt und sind leicht wiederzuerkennen. Allerdings leistet sich der Autor hierbei das eine oder andere Klischee. So ist Quinn Dexter einfach nur böse, und zwar schon bevor ein Wesen aus dem Jenseits Besitz von ihm ergreift. Keine Spur von Ambivalenz und selbst seine Motivation überzeugt nicht. Er begeht unaussprechliche Grausamkeiten, weil er ein Teufelsanbeter ist. Toll. Joshua Calvert ist sogar noch schlimmer, obwohl ihm vermutlich die Heldenrolle zufallen soll. Der adrette junge Strahlemann springt wirklich mit jeder Frau ins Bett, der er begegnet. Bereitwillig lassen sich Frauen aus sämtlichen Gesellschaftsschichten verführen und himmeln den Typen selbst dann noch an, wenn ihnen klar geworden sein muss, dass er sie gerade mit einer anderen betrogen hat. Er ist halt ein ganz toller Liebhaber, wie immer wieder betont wird. Syrinx ist die einzige Ausnahme, und selbst sie wird schon bei der zweiten Begegnung weich. Die Sexszenen grenzen an Pornografie (auch Gewalt wird explizit geschildert), aber das nur nebenbei. Joshua "denkt" ausschließlich mit dem Unterleib. Es scheint ihm zum Beispiel völlig egal zu sein, dass er das Leben der sechzehnjährigen und noch reichlich naiven Erbin eines mächtigen Handelshauses zerstört, die auf seine Liebesschwüre reinfällt. Sie stammt aus einer sehr sittenstrengen Familie und hat übelste Konsequenzen zu gewärtigen. Schrieb ich "Konsequenzen"? Für Joshua gibt es keine. Er fliegt einfach mit seinem Raumschiff zum nächsten Planeten. Zur Besatzung gehört natürlich ebenfalls eins seiner Betthäschen. Ich könnte kotzen! Das ist zwar eine Ausnahme, jedoch eine sehr bedeutende. Ich hoffe, dass der Weltraum-Casanova im nächsten Buch ordentlich eins auf die Mütze kriegt! (18.08.2016)


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736
William Voltz: Im Auftrag der MdI
Moewig, 1970
160 Seiten

Zu Beginn des 25. Jahrhunderts haben die in der Milchstraße beheimateten Terraner Krieg gegen die als "Meister der Insel" (MdI) bekannten Gewaltherrscher der Nachbargalaxis Andromeda geführt. Eine der schrecklichsten Waffen der MdI waren die Multiduplikatoren. Mit diesen Maschinen und den auf Atomschablonen gespeicherten Daten geeigneter Personen konnten gewaltige Armeen gleichgeschalteter Kämpfer ("Duplos") hergestellt werden. Die Schreckensherrschaft in Andromeda war im Jahre 2406 mit dem Tod der Meister einschließlich ihres Oberhaupts Mirona Thetin beendet. Seitdem herrscht Frieden zwischen den Terranern und ihrem in Andromeda beheimateten Brudervolk, den menschenähnlichen Tefrodern. Alle Multiduplikatoren gelten als zerstört.

Vier Jahre später ist Oberstleutnant Don Redhorse, ein Veteran des Krieges gegen die MdI und Kommandant des Schlachtkreuzers GRABBER, an der Grenze zur Ostseite der Milchstraße im Einsatz. Er hat den Auftrag, Jagd auf Piraten aus dem nichtmenschlichen Volk der Blues zu machen. Für den Draufgänger Redhorse stellt dieser Dienst keine Herausforderung dar, er langweilt sich. Eines Tages bringt die GRABBER den Diskusraumer des Blues-Kommandanten Stenzac auf. Ein Enterkommando setzt über. Die Piraten ergeben sich kampflos. Auf dem Rückweg zu ihrem Raumschiff stoßen die Terraner auf den Tefroder Spander, der von den Blues gefangen gehalten wurde und offensichtlich misshandelt worden ist. Der Mann ist dem Tode nahe und wird mit in die GRABBER genommen. Seinen einzigen Besitz, eine Atomschablone, will er nicht hergeben. Für ihn sind die Terraner schlimmere Feinde als die Blues.

Redhorse hat den Verdacht, dass Spander auf dem Weg zu einer MdI-Geheimbasis in der Milchstraße war, und dass sich dort ein Multiduplikator befindet. Stenzac erklärt bereitwillig, dass er derselben Ansicht ist und Spander gefoltert hat, um an Informationen über den Multiduplikator heranzukommen. Von seinem Vorgesetzten erhält Redhorse den Befehl, Spander zu einer Flottenbasis zu bringen, doch er möchte das Geheimnis selbst lösen und macht einen riskanten Alleingang. Dr. Vilmone, der Bordarzt der GRABBER, geht bei der Untersuchung und Befragung des Tefroders für seinen Geschmack viel zu behutsam vor. Beide bemerken zu spät, dass Spander keineswegs so hilflos ist, wie es den Anschein hat – und sie ahnen nicht, wie gefährlich die Person ist, deren Identität auf der Atomschablone gespeichert wurde ...

Die Perry Rhodan – Serie läuft nun schon seit 55 Jahren. Sie ist in zahlreiche Zyklen unterteilt, in denen eine fortlaufende Geschichte erzählt wird. Der Kampf zwischen Terranern und MdI ist Thema des Zyklus "Die Meister der Insel". Er umfasst die in den Jahren 1965 bis 1967 erschienenen Heftromane Nr. 200 bis 299. Diese Romane, zumindest die ab Nr. 250, muss man kennen, um das im Jahre 1970 erschienene Taschenbuch "Im Auftrag der MdI" richtig würdigen zu können. Wer die Vorgeschichte nicht kennt und nicht weiß, wer Don Redhorse und Mirona Thetin (mit der es hier ein Quasi-Wiedersehen gibt) eigentlich sind, wie grausam der zwischen Solarem Imperium und MdI geführte Kampf war und so weiter, erhält von William Voltz wenig Hilfestellung. Natürlich werden die Rahmenbedingungen kurz skizziert, der Schwerpunkt liegt aber nicht so sehr auf Redhorse. Er kommt sogar eher unsympathisch rüber, weil er Vilmone, der seinen Patienten schonen möchte, immer wieder unter Druck setzt. Redhorse kennt nun einmal die Gefahr, die von einem Multiduplikator ausgeht. Deshalb glaubt er keine Rücksicht nehmen zu können.

Voltz konzentriert sich nicht auf Spander und Vilmone. Er widmet auch Redhorses Stellvertreter, verschiedenen anderen Besatzungsmitgliedern der GRABBER und dem Blue Stenzac recht viel Aufmerksamkeit. Bei einem nur 160 Seiten umfassenden Roman ist das problematisch, erstaunlicherweise funktioniert es trotzdem! Allerdings werden zahlreiche Figuren "gevoltzt". So hat man damals die Vorliebe des Autors bezeichnet, Nebenfiguren sorgfältig aufzubauen (was ihm auch hier bei aller Kürze gelingt) und am Ende des Romans sterben zu lassen. Im Falle von Spander schießt Voltz etwas übers Ziel hinaus. Mal ist Spander mehr tot als lebendig, nur um sich wenig später aufzurappeln und die gesamte GRABBER in Gefahr zu bringen. Kurz danach ist er wieder völlig fertig und kann sich kaum rühren, trotzdem gelingt es ihm, Redhorse zur MdI-Basis zu folgen und mehrere Personen zu töten! Ansonsten ist "Im Auftrag der MdI" ein richtig spannender Roman, den ich trotz seines Alters mit großem Vergnügen gelesen habe – und mit viel Wehmut, denn Voltz ist schon im Jahre 1984 verstorben und Romane wie dieser zeigen deutlich, wie sehr er der PR-Serie fehlt. (08.08.2016)


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735
Das Geheimnis des verlassenen Schlosses Alexander Wolkow: Das Geheimnis des verlassenen Schlosses
Fischer, 2011
344 Seiten

Die Diavona, ein Raumschiff vom Planeten Rameria, durcheilt den Weltraum mit halber Lichtgeschwindigkeit. Der größte Teil der Besatzung liegt im Kälteschlaf. Sie setzt sich aus Menviten und Arsaken zusammen, menschenähnlichen Wesen, die gemeinsam auf Rameria leben. Die stolzen und hartherzigen Menviten haben sich zu Herrschern aufgeschwungen. Sie verfügen neben hochentwickelter Technik über eine besondere Fähigkeit. Sie können jeden hypnotisieren, der ihnen in die Augen blickt. Auf diese Weise haben sie die sanftmütigen Arsaken versklavt. General Baan-Nu, der Pilot Kau-Ruck, der Arzt Lon-Gor und einige andere menvitische Offiziere bleiben während des gesamten Fluges wach. Sie haben den Auftrag, bewohnbare Planeten zu erkunden und zu erobern. Nach siebzehnjährigem Flug wird ein geeigneter Planet gefunden – es ist die Erde. Die Menviten geben dieser Welt den Namen Belliora, müssen aber feststellen, dass dort ein mächtiges Volk lebt, welches sich voraussichtlich nicht so leicht unterwerfen lassen wird. Zunächst muss ein Brückenkopf eingerichtet werden. Damit dies unbemerkt geschehen kann, landet die Diavona in einem von unbezwingbaren Bergen umgebenen Tal – es ist das Zauberland.

Die Ankunft der Außerirdischen wird jedoch von vielen Augen beobachtet, denn vor Aufregung wegen eines bevorstehenden Schmausefests, bei dem alljährlich die von Urfin Juice angebauten köstlichen Früchte dezimiert werden, hat in dieser Nacht kaum jemand im Zauberland Schlaf gefunden. Die Kunde kommt dem Scheuch zu Ohren und bereitet ihm Kopfzerbrechen. Die Zwerge übernehmen die Aufgabe, die Fremden zu observieren. Schnell wird klar, dass die Neuankömmlinge böse Absichten verfolgen. Die Menviten beginnen mit der Ausbeutung einer Smaragdmine und planen die Eroberung der Smaragdenstadt. Alle Bewohner des Zauberlandes stehen geschlossen gegen diesen neuen Feind, doch sie brauchen Hilfe von jemandem, der sich mit den für sie unerklärlichen Gerätschaften auskennt, mit denen die Außerirdischen ihre Basis sichern. Und so macht sich Faramant einmal mehr auf dem Rücken des Drachen Oicho auf die Reise nach Kansas ...

Dies ist der sechste Band der Zauberland-Reihe und der letzte aus Alexander Wolkows Feder. Die Reihe wurde nach Wolkows Tod von anderen Autoren fortgesetzt. Meiner Meinung nach ist der letzte Band gleichzeitig der schlechteste, und das, obwohl er genau in mein Interessengebiet (Science Fiction) fällt – oder eher gerade deshalb. Zunächst einmal wird dasselbe Handlungsschema zum x-ten Mal wiederholt: Das Zauberland wird von böswilligen Eroberern bedroht und aus inzwischen kaum noch nachvollziehbaren Gründen glauben die Zauberlandbewohner, ausgerechnet zwei Kinder aus der Menschenwelt könnten ihnen helfen. Das gelingt Ellis Schwester Ann, Tim O‘Kelli und Fred Cunning (letzterer ist inzwischen erwachsen und Ingenieur) natürlich problemlos, was die Sache nicht besser macht.

Zudem sind Raumschiffe, Strahlenpistolen, Helikopter und andere technische Geräte doch allzu krasse Fremdkörper im Zauberland. Die Idee klingt eigentlich nicht schlecht, nur leider holt der Autor aus dem Zusammenprall außerirdischer Technik mit Zauberland-Magie so gut wie nichts heraus. Während des Abhakens der zu erwartenden Handlungselemente bis hin zur Friede-Freude-Eierkuchen-Lösung habe ich mich mehr als einmal beim Querlesen ertappt. Ich musste zurückblättern und manche Seite nochmals lesen, weil ich den Inhalt im nächsten Moment schon wieder vergessen hatte. Schade! (01.08.2016)


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734
Der dunkle Schirm Philip K. Dick: Der dunkle Schirm
Heyne, 2009
397 Seiten

Eine neue, extrem gefährliche Droge ist im Umlauf. Substanz T (für "Tod") macht sofort süchtig und führt innerhalb kurzer Zeit zu irreversiblen Hirnschäden. Polizei und verdeckte Drogenermittler versuchen seit geraumer Zeit vergeblich, die Herkunft der Droge zu ermitteln. Die zuständigen Behörden tappen im Dunkeln. Man vermutet, es handele sich um einen gezielten Angriff auf die USA. Immer mehr Menschen werden infolge der Einnahme von Substanz T zu psychischen Wracks. Die Süchtigen verlieren ihre Persönlichkeit und sind nicht mehr zu selbstständigem Denken imstande. Viele von ihnen werden in die Rehabilitationszentren einer Organisation namens "Neuer Pfad" eingeliefert, wo sie sich einem radikalen Entzug unterwerfen und verschiedene Arbeiten verrichten müssen. Auf diese Weise werden die Drogenopfer stabilisiert, ein normales Leben können sie aber nie wieder führen.

Der Polizist Bob Arctor bewegt sich Undercover in der Drogenszene in Orange County, Kalifornien. Er lebt mit den Junkies Jim Barris und Ernie Luckman zusammen. Um nicht aufzufallen, konsumiert er verschiedene Drogen und nimmt auch Substanz T. Den Stoff erhält er von seiner Freundin Donna Hawthorne, die sich unter anderem als Dealerin betätigt. Arctor ordert immer größere Mengen, denn er hofft, auf diese Weise in der Dealer-Hierarchie aufzusteigen und irgendwann an die Hintermänner heranzukommen. Niemand kennt Arctors wahre Identität, auch nicht seine Vorgesetzten, denn man nimmt an, dass alle Behörden bis in die höchsten Ränge unterwandert wurden. Wenn Arctor in der Behörde Bericht erstattet, trägt er einen "Jedermann-Anzug", der Gesichtszüge, Erscheinungsbild und Stimme unkenntlich macht, und benutzt den Decknamen "Fred". Sein Auftraggeber, den er nur unter dem Decknamen "Hank" kennt, trägt ebenfalls einen Jedermann-Anzug.

Eines Tages erhält Fred den Auftrag, einen Junkie namens Bob Arctor zu observieren, der die Aufmerksamkeit der Behörde wegen der von ihm georderten großen Mengen von Substanz T geweckt hat. Fred/Arctor soll sich also selbst überwachen! Zu diesem Zweck werden Holokameras überall im Haus installiert. Arctor muss sich regelmäßig aus dem Haus schleichen, um sich in sein Alter Ego zu verwandeln und die Filmaufnahmen in einer Überwachungszentrale auszuwerten. Während Fred das Leben Bob Arctors beobachtet, verliert er allmählich den Bezug zur Realität. Irgendwann weiß er nicht mehr, dass Beobachter und Beobachteter ein und dieselbe Person sind ...

Das Buch enthält ein Nachwort, in dem Christian Gasser sehr richtig feststellt, dass Philip K. Dick längst als einer der kühnsten und visionärsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gelten würde, wenn er nicht als Science Fiction – Autor bekannt geworden wäre, in einem Genre also, das als trivial und für die Gegenwartsliteratur irrelevant betrachtet wird. Schon mit vielen seiner SF-Storys und Romane hat Dick eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass dieses Genre mehr zu bieten hat als Abenteuer auf exotischen Planeten, Raumschlachten und tentakelbewehrte Aliens. Selbst wenn diese Klischees vorkommen, gewinnt Dick ihnen doch immer überraschende neue Aspekte ab wie in Warte auf das letzte Jahr oder Das Labyrinth der Ratten. Meist geht Dick aber viel weiter und "zertrümmert" die Realität seiner Protagonisten, indem er Zweifel an der Echtheit ihrer Welt und/oder ihres Menschseins sät. Wie definiert man "Realität", wenn dieselbe von verschiedenen Menschen völlig anders wahrgenommen werden kann? Wodurch wird ein Mensch überhaupt zum Menschen, worin unterscheidet er sich zum Beispiel von einem intelligenten Androiden, der Gefühle perfekt simulieren kann? Was wird aus ihm, wenn er feststellen muss, dass seine Erinnerungen nicht seine Erinnerungen sind, sondern einprogrammierte Daten? Solche und ähnliche Fragen werden in Dicks Romanen immer wieder aufgeworfen.

Das alles findet sich auch in "Der dunkle Schirm". Dabei ist eine Handlung im eigentlichen Sinne über weite Strecken hinweg gar nicht erkennbar. Die verschiedensten Wahnvorstellungen und Phantasien der Junkies werden ausführlich beschrieben. Dann wieder geht es um Arctors Paranoia. Irgendjemand (Barris? Er selbst? Oder niemand?) sabotiert seine Besitztümer und scheint ihn fertigmachen zu wollen. Arctor und seine permanent zugedröhnten Freunde sitzen oft nur im Haus herum und führen sinnlose Dialoge, anschließend betrachtet Fred dasselbe in der Überwachungszentrale. Ich muss gestehen, dass sich hier manchmal Langeweile eingeschlichen hat. Hauptthema ist natürlich die schleichende Zersetzung von Arctors Persönlichkeit. Ärzte, die ihn (bzw. Fred) testen, erklären, dass die Einnahme von Substanz T zur Separierung der Gehirnhälften führt, das heißt, die Hirnhälften funktionieren unabhängig voneinander, so dass Arctor und Fred tatsächlich zwei verschiedene Persönlichkeiten sind. Am Ende werden sie durch eine dritte Persönlichkeit ersetzt, die im Grunde eine Nicht-Persönlichkeit ist, denn Happy Ends gibt es bei Dick selten, und so landet Arctor/Fred als leere Hülle in einem Neuer Pfad-Rehazentrum. Was der Leser dann erfährt, gibt dem an sich schon bedrückenden Roman eine noch bösere Note. Dick soll laut Klappentext gesagt haben, die komischen Stellen in "Der dunkle Schirm" seien die komischsten, die er je geschrieben habe und die traurigen seien die traurigsten. Das kann ich unterschreiben! Der Roman ist einer Nachbemerkung des Autors zufolge zumindest teilweise autobiografisch, was diesen Satz in einem besonderen Licht erscheinen lässt.

In "Der dunkle Schirm", erstmals erschienen im Jahre 1977, gibt es durchaus SF-Elemente. Da ist natürlich zunächst einmal Substanz T. Der Jedermann-Anzug, die Holokameras und andere Gerätschaften fallen ebenfalls in diese Kategorie. Außerdem möchte Donna gern alle zehn (!) Filme aus der Reihe "Planet der Affen" sehen. Dieser Elemente hätte es im Grunde nicht bedurft. Die Geschichte hätte auch ohne sie erzählt werden können, aber sie sollte im SF-Segment verkauft werden. Doch selbst wenn Dick auf die SF-Bestandteile hätte verzichten können, wäre er sicher nicht in einem Atemzug mit William S. Burroughs oder Jack Kerouac genannt worden, wie er es nach diesem Roman verdient hätte. Er war ja "nur" SF-Autor. (25.07.2016)


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733
Im Lande des Mahdi III Karl May: Im Lande des Mahdi III
Kindle Edition

Seit geraumer Zeit unterstützt Kara Ben Nemsi den Reis Effendina, einen Beauftragten des Vizekönigs von Ägypten, bei der Zerschlagung eines Sklavenhändlerringes im Sudan. Nicht nur seine Fortschritte im Kampf gegen den gefürchteten Sklavenjäger Ibn Asl sowie dessen Spießgesellen Abd el Barak und den Muza'bir hat der Reis Effendina hauptsächlich dem listenreichen Deutschen zu verdanken. Kara Ben Nemsi hat darüber hinaus sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, um einen Mordanschlag auf den Reis Effendina zu vereiteln. Mit der Zeit hat sich eine Freundschaft zwischen Kara Ben Nemsi und dem Reis Effendina entwickelt, doch diese hat keinen langen Bestand. Die Milde des Christen ist dem mit unnachgiebiger Härte vorgehenden Reis Effendina ein Dorn im Auge, außerdem wecken Kara Ben Nemsis Erfolge den Neid des hochrangigen Beamten.

So gelingt es Kara Ben Nemsi, ein von Abd el Barak und dem Muza’bir vorbereitetes Lager am Ufer des Nils, welches für eine große Sklavenjagd Ibn Asls verwendet werden sollte, im Handstreich einzunehmen. Wie üblich würde Kara Ben Nemsi seine Gefangenen gern schonen, doch der Reis Effendina handelt wieder einmal nach dem Grundsatz "Wehe dem, der wehes tut". Die beiden Übeltäter werden gehängt. Die Bewohner eines Dorfes, die von den Sklavenjägern zur Mitarbeit gezwungen wurden, schließen sich der Truppe des Reis Effendina an. Gemeinsam ziehen die Soldaten und die Krieger vom Stamme der Bor nach Wagunda. Dort will Ibn Asl demnächst zuschlagen, und dort soll sich sein Schicksal erfüllen. Zu seinem größten Missvergnügen stellt der Reis Effendina fest, dass Kara Ben Nemsi bei den Soldaten beliebter ist als er selbst und dass sich die Bor dem Befehl des Deutschen unterstellen wollen. Es kommt zum Streit, woraufhin Kara Ben Nemsi den Reis Effendina verlässt. Er nimmt nur seinen treuen Gefährten Ben Nil und den tölpelhaften Selim mit, der sich nicht abschütteln lässt. Letzterem hat Kara Ben Nemsi die erneute Gefangennahme durch Ibn Asl zu verdanken.

Diesmal landet Kara Ben Nemsi selbst im Sklavenjoch. Er kann nichts tun, als Ibn Asl das Dorf Foguda überfällt, alle Kinder und Greise niedermetzelt und die Überlebenden als Sklaven davonschleppt. Als es ihm zu guter Letzt doch noch gelingt, Ibn Asl seiner gerechten Strafe zuzuführen, kommt es ausgerechnet dadurch zum endgültigen Bruch mit dem Reis Effendina. Die einstigen Freunde werden zu Feinden ...

Der dritte und letzte Teil der "Mahdi"-Trilogie enthält zusätzliche Kapitel, die von Karl May nachträglich zur Veröffentlichung der Buchausgabe geschrieben worden sind. Darin wird endgültig geklärt, dass der Ich-Erzähler mit Kara Ben Nemsi identisch ist. In den Kapiteln wird rückblickend erzählt, wie Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar in eine Blutrache zwischen zwei Kurdenstämmen hineingezogen werden. Im Verlauf dieser Ereignisse wird Kara Ben Nemsis Pferd Rih gestohlen und muss natürlich wiederbeschafft werden. Vor allem aber gelingt es dem Deutschen, einen glühenden Anhänger des Mahdi zum Christentum zu bekehren - Karl May kann's halt einfach nicht lassen. Diese Episode wird gegen Ende des Romans wieder aufgegriffen, wirkt aber ziemlich aufgesetzt. Überhaupt ist der ganze Mahdi-Subplot, dem die Trilogie immerhin den Namen verdankt, im Grunde vollkommen verzichtbar. Er dient dem Autor nur dazu, wieder einmal mit größter Penetranz die Überlegenheit des Christentums herauszustellen. Das ist ebenso nervtötend wie die Darstellung der "primitiven Neger", mit denen es Kara Ben Nemsi im Sudan zu tun hat. Leider geht der größte Teil des Humors auf ihre Kosten.

Ansonsten muss ich mich wiederholen: Die Handlung ist durchaus unterhaltsam, verläuft aber größtenteils nach dem altbekannten Schema. Kara Ben Nemsi belauscht seine Feinde und erfährt auf diese Weise, welche Pläne sie verfolgen, oder er horcht sie in einem Gespräch geschickt aus. Dann nimmt er die Schurken gefangen und legt in wortreichen Gesprächen dar, wie ihm das gelungen ist, das heißt, er beweist ihnen, wie doof sie im Vergleich mit ihm sind. Alternativ erörtert er zunächst mit seinen meist ziemlich begriffsstutzigen Gefährten, wie er vorgehen wird. Sobald das Vorhaben verwirklicht wurde, erläutert er den verdutzten Bösewichten, warum sie zwangsläufig unterliegen mussten. Alles in allem wird sehr viel geredet, das eigentliche Geschehen wird dagegen in ein paar Sätzen abgehandelt. Zwischendurch wird Kara Ben Nemsi mehrmals gefangen genommen, entkommt aber natürlich sehr schnell wieder. Dasselbe habe ich schon im Kommentar zu Band 2 geschrieben. Wenn die Handlung mal ein wenig von diesem Schema abweicht, zum Beispiel bei einer Nilpferdjagd zu Beginn des Romans, gelingen dem Autor aber doch wieder fesselnde und einprägsame Momente. (18.07.2016)


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732
Joyland Stephen King: Joyland
Heyne, 2015
352 Seiten

Im Sommer 1973 jobbt Devin Jones im Freizeitpark Joyland in Heaven's Bay, North Carolina. Er wurde von seiner Freundin Wendy verlassen und dadurch in tiefen Liebeskummer gestürzt, aber in Joyland findet er in den Aushilfskräften Tom Kennedy und Erin Cook neue Freunde, die ihm ein wenig über den Verlust hinweghelfen. Der erfahrene Jahrmarktsmitarbeiter Lane Hardy nimmt Devin unter seine Fittiche, weist ihn in die verschiedenen Tätigkeitsbereiche ein und bringt ihm den eigentümlichen Jargon bei, den alle Beschäftigten von Joyland verwenden. Tag für Tag geht Devin zu Fuß am Strand entlang von seiner kleinen Mietwohnung zum Park und zurück. Stets kommt er an einer Villa vorbei, in der Mike Ross, ein an den Rollstuhl gefesselter Junge, mit seiner Mutter Annie lebt. Annie ist zunächst äußerst reserviert, doch als es Devin gelingt, ihrem todkranken Sohn ein paar glückliche Tage zu bereiten, kommen sich der 21-jährige Student und die zehn Jahre ältere Frau allmählich näher. So erfährt Devin, dass Mike das Zweite Gesicht hat.

Joyland ist kein großer Park und in nicht allzu ferner Zukunft wird er vor der übermächtigen Konkurrenz kapitulieren müssen, aber noch lockt er tausende Besucher an. Verschiedene Achterbahnen, ein Riesenrad, diverse Shows, Schießbuden, Snackbars und die Geisterbahn Horror House, in der es angeblich wirklich spukt, liefern das, was der Name des Parks verspricht: Viel Spaß! Die Hauptattraktion von Joyland, vor allem für die Allerkleinsten, ist Howie, der glückliche Hund. Die meisten männlichen Aushilfskräfte müssen irgendwann einmal ins Kunstfell dieses Maskottchens schlüpfen und in der Sommerhitze schwitzen. Als sich herausstellt, dass Devin eine besondere Begabung dafür hat, die Kinder im Howie-Fell zu bespaßen, fällt ihm diese Aufgabe hauptamtlich zu. Devin wird sogar zum gefeierten Helden und verschafft dem Park gute Publicity. Er rettet einem kleinen Mädchen das Leben, das fast an einem Hot-Dog erstickt wäre. Für Devin wird der Sommer in Joyland zur glücklichsten Zeit seines Lebens. Er unterbricht das Studium, um auch während der Nachsaison im Park arbeiten zu können.

Doch es liegt ein Schatten auf Joyland. Im Horror House wurde vor vier Jahren eine junge Frau namens Linda Gray ermordet. Der Täter wurde nie gefunden. Der Geist seines Opfers geht der Legende nach im Horror House um. Devin sammelt Informationen über den Fall. Er würde den Geist gern sehen, doch das wird nicht ihm zuteil, sondern ausgerechnet dem Skeptiker Tom, dessen Weltbild daraufhin ins Wanken gerät. Erin, die mit Tom zusammen ist, beginnt zu recherchieren. Sie findet unter anderem heraus, dass Linda Gray das jüngste Opfer eines Serienmörders war, der immer dann zugeschlagen hat, wenn ein Jahrmarkt in der Gegend war. Erins Erkenntnisse sind die letzten Puzzleteilchen, die Devin braucht, um die Identität des Serienmörders zu enträtseln. Der Killer befindet sich immer noch in Joyland – und er ist darüber im Bilde, dass Devin ihm auf die Schliche gekommen ist ...

Bei manchen Schriftstellern weckt allein der Name eine bestimmte Erwartungshaltung, was für Irritation oder gar Enttäuschung sorgen kann, wenn sich der Autor mal außerhalb des gewohnten Genres bewegt und die Erwartungen durch einen irreführenden Klappentext auch noch angeheizt werden. Im Falle von "Joyland" ist der der Werbetext vergleichsweise zurückhaltend ausgefallen. Zum Glück! Denn wer das Buch liest und dabei Horror-Klassiker wie "Shining", "Friedhof der Kuscheltiere" oder "ES" im Hinterkopf hat, wird sicherlich enttäuscht sein, und das wäre schade. "Joyland" ist natürlich in vielerlei Hinsicht ein typischer King, aber obwohl ein Geist vorkommt (genau genommen sind es sogar zwei) sowie ein Junge mit dem Zweiten Gesicht, so gehört das Buch doch ebenso wenig ins Horrorgenre wie Der Anschlag. Vielmehr handelt es sich um eine rückblickend vom alt gewordenen Devin erzählte und somit nostalgisch verbrämte Geschichte übers Erwachsenwerden, über Verluste und verpasste Gelegenheiten, bei der die Krimihandlung und erst recht die übernatürlichen Elemente nicht im Mittelpunkt stehen. Tatsächlich wirken letztere für meinen Geschmack zu aufgesetzt. Sie werden im Grunde gar nicht benötigt.

Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, dass der Plot rund um Linda Greys Geist nur eine untergeordnete Rolle spielt, aber es dauert sehr lang, bis der Geist überhaupt auftaucht. Vorher ist natürlich schon öfters die Rede vom Mord im Horror House, aber zunächst könnte man "Joyland" als ganz normale Gegenwartsprosa bezeichnen. Devin erzählt ausführlich von seiner unglücklichen Liebe und noch ausführlicher von der Arbeit in Joyland sowie von den Personen, denen er dort begegnet. Mit knapp 350 Seiten ist der Roman für King'sche Verhältnisse relativ kurz. Dennoch entfaltet der Autor alle Stärken, für die er bekannt ist: lebendige Figurenzeichnung und die Erschaffung einer ganz besonderen Atmosphäre. Man wird in die Handlung hineingezogen und hat fast das Gefühl, als könne man die Hitze jenes goldenen Sommers in den Siebzigerjahren spüren, den Duft von Zuckerwatte und Hot-Dogs im Vergnügungspark riechen. Wer sich auf diese Ausführlichkeit (böse Zungen könnten von Geschwätzigkeit reden, ich sehe das anders) einlässt und keinen von einem grausigen Höhepunkt zum nächsten führenden Gruselthriller zu lesen hofft, den erwartet eine meisterhaft erzählte Geschichte. Zugegeben, am Ende habe ich mich gefragt, was King mir mit dieser Geschichte eigentlich sagen wollte. Gefesselt war ich trotzdem. (13.07.2016)


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731
Erntedank Volker Klüpfel / Michael Kobr: Erntedank
Kindle Edition

Wasserrohrbruch bei Kluftingers! Als Klufti und seine Frau Erika vom Einkaufen zurückkommen, steht das ganze Badezimmer unter Wasser. Eigentlich keine besonders große Tragödie, aber die Reparaturarbeiten schlagen zum Missvergnügen des knickrigen Kriminalkommissars besonders teuer zu Buche, weil sie so schnell wie möglich erledigt sein müssen, denn Kluftingers Sohn, der Psychologiestudent Markus, hat einen seiner seltenen Besuche angekündigt. Kluftinger und seine Frau müssen bei Langhammers logieren, solange der Klempner bei ihnen zu Hause zugange ist – das ist für Klufti die eigentliche Katastrophe, denn sein Intimfeind, der besserwisserische und stets betont weltmännisch auftretende Dr. Langhammer lässt keine Gelegenheit aus, um Kluftinger mit allem zu piesacken, was dieser hasst: Spieleabende (natürlich "Trivial Pursuit"), Vollwert-Körnermüsli (für Klufti ist das Vogelfutter) zum Frühstück, Besuch eines Erlebnisbades mit gemeinschaftlichem Saunagang ...

Da kommt die Fahrt zur Arbeit fast schon einer Flucht gleich. Tatsächlich muss sich Kluftinger intensiv auf seinen aktuellen, besonders spektakulären Fall konzentrieren. Zwei Menschen, einem Mann und einer Frau, wurden mit einer Sense Marke "Erntedank" die Kehlen durchgeschnitten. Die bizarre Art und Weise, in der beide Leichen arrangiert waren und die Tatsache, dass rätselhafte Botschaften an den Tatorten zurückgelassen wurden, lässt nur einen Schluss zu: Im Allgäu geht ein Serienmörder um! Kluftinger und seine Kollegen suchen nach Gemeinsamkeiten der Opfer und nach einem Motiv, tappen aber zunächst im Dunkeln. Hier kann Markus helfen, der, wie Kluftinger jetzt erst erfährt, Profiler werden will. Kluftinger ist gar nicht damit einverstanden, dass sich sein Sohn mit, wie er sagt, abartigen Verbrechern beschäftigen will, aber Markus kann ein Täterprofil für den Sensenmörder liefern und somit entscheidende Hinweise geben.

So wird klar, dass der Mörder seine Opfer für Taten bestrafen wollte, wegen denen sie vor Gericht nicht belangt werden konnten. Die erste Tote, eine gewisse Dr. Heiligenfeld, hat in den Achtzigerjahren illegale Abtreibungen vorgenommen. Das zweite Opfer, Gernot Sutter, hat Kaffeefahrten veranstaltet und mehrere alte Leute um viel Geld betrogen. Ein Teilnehmer hat danach sogar Selbstmord begangen. Der "Sensenmann" hat einen bestimmten Modus Operandi. Vorbilder für seine bisherigen Taten waren die Allgäuer Sagen vom Ritter Kuno von Wappenscheuchen und von den Zwölf Knaben. Kluftinger vertieft sich in die Sagenwelt seiner Heimat, denn ihm ist klar, dass der "Sensenmann" bald wieder zuschlagen wird. Dabei kommt er dem Täter näher, als er zunächst ahnt ...

Kluftingers zweiter Fall ist durchaus spannend und vor allem wegen der Verknüpfung mit der Allgäuer Sagenwelt interessant. Man erfährt so einiges über alte Legenden und Märchen. Wer hätte gedacht, dass sich die Menschen in früheren Zeiten erstaunlich oft vor dämonischen Pudeln geängstigt haben? Zudem werden überraschende Wendungen geboten und am Ende gibt's sogar etwas handfeste Action!

Der Fall tritt jedoch über weite Strecken komplett in den Hintergrund. In diesem speziellen Fall empfinde ich das aber nicht als Schwäche, sondern als Stärke des Romans. Mehr noch als in Milchgeld, dem Erstlingswerk des Autorenduos Klüpfel und Kobr, ist der grantige Kriminalkommissar Kluftinger das größte Pfund, mit dem die Autoren wuchern können. Wie ich im Kommentar zum vorherigen Roman schon geschrieben habe, ist der Mann eine so lebensnahe Figur, dass ich erneut sagen kann: Ich kenne Leute, die genau so sind wie er, tatsächlich habe ich selbst einige seiner Charaktereigenschaften. Die Mischung aus Lokalkolorit, Humor und Spannung funktioniert jedenfalls wieder prächtig. Einige Kapitel mögen rein gar nichts mit Kluftis Fall zu tun haben, aber sie dienen der Figurenzeichnung. Und die ist einfach hervorragend gelungen.

Teilweise übertreiben Klüpfel/Kobr es vielleicht jedoch ein wenig. So manches Missgeschick des von dem Fluch, kein Fettnäpfchen auszulassen, und der Tücke des Objekts geplagten Kommissars artet in puren Slapstick aus. Die Kollegen im Präsidium tragen auch wieder einiges zum typischen Klufti-Humor bei, ihnen wird etwas mehr Aufmerksamkeit gewidmet als bisher. Mit Markus Kluftinger kommt eine interessante neue Nebenfigur hinzu. (10.07.2016)


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730
Attack - Unsichtbarer Feind Douglas Preston / Lincoln Child: Attack – Unsichtbarer Feind
Knaur, 2015
476 Seiten

Corrie Swanson hat ihre problematische Vergangenheit hinter sich gelassen. Sie will auf eigenen Beinen stehen, vor allem will sie nicht mehr auf die Hilfe des exzentrischen FBI-Agenten Aloysius Pendergast angewiesen sein, der sie unter seine Fittiche genommen hat. Sie studiert am John Jay College of Criminal Justice, einer angesehenen, aber auch ziemlich konservativen Institution. Ihr akademischer Betreuer ist jedoch der Meinung, dass sie immer noch nicht erwachsen geworden ist. Nachdem er zwei Vorschläge für Forschungsprojekte abgelehnt hat, mit denen Corrie den renommierten, mit 20.000 Dollar dotierten Rosewell-Preis für die beste Semesterarbeit zu gewinnen hofft, sucht sie im College-Archiv nach neuen Themen. Zu ihrem Glück hat der mit Corrie befreundete Archivar kürzlich eine Kopie von Arthur Conan Doyles Tagebuch gelesen und darin eine interessante Information entdeckt. Der Schöpfer des berühmten Detektivs Sherlock Holmes hat sich im Jahre 1889 mit Oscar Wilde getroffen. Dieser hat ihm eine entsetzliche Geschichte über einen menschenfressenden Grizzly im Bergarbeiterlager Roaring Fork in Colorado erzählt, die ihm während einer Lesereise in Amerika zu Ohren gekommen ist. Elf Menschen sind dem Bären damals zum Opfer gefallen. Eine Untersuchung der Skelette könnte von einigem Interesse für die Forensik sein.

Kurz entschlossen macht sich Corrie auf den Weg nach Roaring Fork. Es gibt nur ein Problem. Die ehemalige Silbermine hat sich zu einem exklusiven Wintersportrevier für die Superreichen gemausert. Der alte Friedhof, auf dem auch die Opfer des Bären geruht haben, musste einem Bauprojekt weichen. Dort sollen neue Luxushäuser entstehen, eine Erweiterung der für Multimillionäre gedachten Wohnanlage "The Heights". Die Särge werden in einem Lagerschuppen für Pistengerätschaften aufbewahrt. Davon lässt sich Corrie nicht abschrecken und nach einem Gespräch mit Polizeichef Stanley Morris darf sie sogar die Gebeine des Bergarbeiters Emmett Bowdree in Augenschein nehmen. Dabei fallen ihr Kratzspuren an den Knochen auf, die nicht zu einem Bärenangriff passen. Auch sonst verläuft Corries Aufenthalt in Roaring Fork vielversprechend; sie verliebt sich in den jungen Bibliothekar Ted Roman. Doch schon bald wendet sich das Blatt. Betty Brown Kermode, die Besitzerin der örtlichen Immobilienfirma, verbietet weitere Recherchen. Nachdem Corrie bei Kermode abgeblitzt ist, bricht sie in den Lagerschuppen ein, um ihre Theorie zu verifizieren. Sie geht inzwischen davon aus, dass die Bergarbeiter von Menschen getötet wurden. Doch sie fliegt auf und landet im Gefängnis.

Corrie ist verzweifelt, denn der Vorfall ist gleichbedeutend mit dem Ende ihrer Karriere. In dieser Situation schaltet sich Pendergast ein. Er hat lange gebraucht, um über den Verlust seiner Frau Helen sowie über die Erkenntnis hinwegzukommen, dass er zwei Söhne hat, von denen einer ein wahnsinniger Mörder ist. Jetzt rafft er sich auf und steht Corrie bei. Er kontaktiert eine Nachfahrin des – wie Pendergast beweisen kann – unrechtmäßig in der Totenruhe gestörten Bergarbeiters Bowdree und sorgt mit ihrer Hilfe dafür, dass Corrie straffrei ausgeht. Pendergast interessiert sich für Corries Theorie und sieht Parallelen zum Sherlock-Holmes-Roman Der Hund der Baskervilles. Doyle hat die von Wilde gehörte Geschichte darin zumindest teilweise verarbeitet. Dann steht plötzlich eine Luxusvilla in The Heights in Flammen. Es handelt sich um Brandstiftung. Der Täter hat dafür gesorgt, dass alle Bewohner bei lebendigem Leib verbrennen.

Während Corrie ihre Untersuchungen fortsetzt, was den Mächtigen in Roaring Fork ganz und gar nicht gefällt, so dass sie zu extremen Gegenmaßnahmen greifen, macht sich Pendergast auf die Suche nach dem Manuskript einer verschollenen Geschichte Doyles, die seinerzeit nicht veröffentlicht wurde, weil man der Meinung war, sie sei gar zu schrecklich und nicht für das Publikum geeignet. Pendergast nimmt an, dass in diesem Text Hinweise auf die wahren Vorfälle in Roaring Fork verborgen sind. Pendergast und Corrie ahnen nicht, dass das finstere Erbe der Vergangenheit noch immer höchst lebendig ist – ein Erbe, das zum Untergang der ganzen Stadt führen könnte ...

Das Autorenduo Preston & Child hat zahlreiche Romane veröffentlicht, die inzwischen einen regelrechten Zyklus rund um den FBI-Agenten Pendergast bilden. "Attack" ist bereits der dreizehnte. Die Qualität dieser Romane schwankt meiner bescheidenen Meinung nach stark. Manchmal konzentrieren sich die Autoren zu sehr auf mysteriöse Vorkommnisse aus Pendergasts Vergangenheit, verrennen sich in sinnlosen Nebenhandlungen oder konstruieren völlig unglaubwürdige Szenarien. Die letzten beiden Bücher (Revenge und Fear) konnten mich überhaupt nicht mehr überzeugen. Nazis, die seit dem Zweiten Weltkrieg an der Erschaffung des Übermenschen arbeiten, eine Geheimbasis über einem Vulkan mitten Dschungel errichtet haben und die Weltherrschaft an sich reißen wollen?!? Wenn das nicht nach einer abgedroschenen James Bond – Storyline klingt, dann weiß ich's auch nicht. Das war mir einfach alles zu viel, zu abgedreht, zu weit hergeholt.

Ich hatte gehofft, Preston & Child würden bald zu alten Stärken zurückfinden. Den x-ten Pendergast-Roman nach demselben Strickmuster, womöglich mit weiter gesteigerten Comic-Elementen, hätte ich nicht lesen wollen. Und was soll ich sagen? Meine Wünsche wurden erfüllt! Tatsächlich halte ich "Attack" sogar für einen der besten Pendergast-Romane überhaupt. Dabei steht der Agent gar nicht im Mittelpunkt, zumindest nicht in der ersten Hälfte. Stattdessen folgen wir Corrie Swanson, einer der zahlreichen Haupt-Nebenfiguren aus dem Pendergast-Universum, und meiner Meinung nach der interessantesten. Sie hat das alte Emo-Punkerinnen-Outfit gegen "vernünftige" Klamotten eingetauscht, aber ihr loses Mundwerk hat sie nicht abgelegt. Damit und mit ihrer etwas leichtsinnigen Art bringt sie sich immer wieder in Schwierigkeiten! Etwas zu oft vielleicht, insbesondere deshalb, weil die Story ohne Corries Patzer nicht so recht vorankommen würde. Aber gerade durch ihre ruppig-charmanten Eigenschaften wird Corrie so richtig sympathisch.

Doch dann löst sich Pendergast aus den Grüblereien, in die er nach den in "Fear" geschilderten Geschehnissen gestürzt ist, und hat schon bald einen unverwechselbaren Auftritt zur Rettung Corries. Seine besonderen Fähigkeiten hat er natürlich nicht eingebüßt, er wurde von den Autoren aber doch ein bisschen zurechtgestutzt. Das tut ihm sehr gut, zuletzt war er ja fast so etwas wie eine 007-Batman-Schimäre! Pendergast und Corrie lösen den neuen Kriminalfall diesmal nicht mit Feuergefechten, wilden Verfolgungsjagden und dergleichen, sondern durch solide Ermittlungsarbeit. In diesem Zusammenhang wird sogar eine komplette Sherlock-Holmes-Story eingebunden, die zwar nicht aus Sir Arthur Conan Doyles Feder stammt, aber dessen Stil treu bleibt. In Roaring Fork geht es einerseits um handfeste wirtschaftliche Interessen, Betrug und Vertuschung, andererseits fließt mit dem Rätsel um die vermeintlichen Bärenangriffe jenes besondere "Mystery"-Element ein, das für Preston/Child-Romane typisch ist. Durch geschickt ausgelegte Hinweise und falsche Spuren wird der Leser in die Irre geführt, aber die Auflösung ist absolut glaubwürdig und hat nichts mit übernatürlichen Phänomenen zu tun.

"Attack" ist endlich wieder ein bodenständiger, geradliniger Thriller, bei dem die Alleinstellungsmerkmale des Pendergast-Zyklus nicht ignoriert, aber auch nicht übertrieben werden. Es wird eine neue Nebenfigur eingeführt, von der wir vielleicht in einem späteren Roman noch etwas hören werden (ich fänd's gut): Captain Stacy Bowdree, eine junge Ex-Armeeangehörige, die von ihren eigenen Dämonen verfolgt wird. Die Spannung bleibt stets auf hohem Niveau und die Verknüpfung mit Leben & Werk Sir Arthur Conan Doyles ist das Sahnehäubchen. Ich war ja schon immer der Meinung, dass Pendergast und Holmes Brüder im Geiste sind. Sehr schön! So kann's denn doch weitergehen mit Agent Pendergast. (08.07.2016)


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729
Milchgeld Volker Klüpfel / Michael Kobr: Milchgeld
Piper, 2013
313 Seiten

Kommissar Kluftinger kann keine Leichen sehen. Zum Glück bleibt ihm ein derartiger Anblick bei seiner Tätigkeit im beschaulichen Oberallgäu meistens erspart, doch eines Montagabends, als sich Kluftinger gerade mit Kässpatzen und einer Extraportion Röstzwiebeln für die ungeliebte Musikprobe stärkt, erhält er die Nachricht, dass ausgerechnet in seinem Wohnort Altusried jemand ermordet wurde. Philip Wachter, Lebensmitteldesigner bei einem örtlichen Milchwerk, wurde in seiner Wohnung mit einer Vorhangschnur erdrosselt. Widerwillig und noch mit dem Trachtenanzug bekleidet nimmt Kluftinger den Tatort in Augenschein. Anschließend befragt er Hinterbliebene und Arbeitskollegen des Opfers. Dabei zeigen sich dunkle Punkte in Wachters Vergangenheit. Abgesehen von unzähligen Frauengeschichten muss Wachter vor vielen Jahren in einen großen Skandal verwickelt gewesen sein, der ihn eine lukrative Stelle in Köln gekostet und dazu geführt hat, dass er nur noch in der Provinz arbeiten konnte. Karl Schönmanger, Seniorchef des Altusrieder Milchwerks, hat hiervon enorm profitiert, denn eine Spitzenkraft wie Wachter hätte er sich sonst nicht leisten können.

Sehr zur Freude von Kluftingers Chef Lodenbacher, der gern vor der Presse glänzen möchte, rückt schon bald ein Verdächtiger in den Fokus der Ermittlungen. Wachters Haushälterin hat kurz vor der Tat einen Streit beobachtet. Der Mann, mit dem Wachter aneinandergeraten ist, erscheint bei der Beerdigung des Mordopfers und flieht, als Kluftinger ihn anspricht. Bei der Verfolgung macht der etwas übergewichtige Kommissar keine gute Figur. Der Verdächtige entkommt, kann aber als Andreas Lutzenberg identifiziert werden. Er ist der Sohn eines ehemaligen Kollegen Wachters. Damals müssen Wachter und Lutzenberg senior befreundet gewesen, dann aber im Streit auseinandergegangen sein. Von lebensgefährlichen Experimenten und Verrat ist die Rede. Dass ausgerechnet ein Fotoalbum mit Bildern der Kölner Zeit aus Wachters Wohnung verschwunden ist, gibt Kluftinger zusätzlich zu denken. Doch welches Mordmotiv sollte Lutzenberg junior gehabt haben? Kluftinger tappt weiter im Dunkeln – und dann ereignet sich ein zweiter Mord, der alle Theorien kippen lässt ...

"Milchgeld" bildet den Auftakt einer ganzen Reihe von Krimis mit dem liebenswert-grantigen Kommissar Kluftinger. Wer es nicht mag, wenn es in Krimis "menschelt", weil Person und Privatleben des Ermittlers mindestens ebenso breiten Raum einnehmen wie der Kriminalfall, für den ist "Milchgeld" wohl nicht geeignet. Es wird durchaus viel Ermittlungsarbeit betrieben, und zwar auf bodenständige, anfangs vielleicht etwas zu gemächliche Art und Weise. Action mit Schießereien und Verfolgungsjagden darf man von Klufti nicht erwarten, dafür umso mehr Realismus. Natürlich kann ich nicht beurteilen, ob die Polizeiarbeit korrekt dargestellt wird, aber was den Büroalltag und das Miteinander der Kollegen angeht, kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Passt! Besonders knifflig ist der Fall nicht, es dauert halt nur geraume Zeit, bis Klufti das Puzzle zusammengesetzt hat. Die Auflösung ist absolut glaubwürdig.

Für mich war der Kriminalfall fast schon nebensächlich, das heißt, viel mehr Spaß hatte ich an Klufti selbst. Er ist alles andere als ein Hardboiled-Detective, kein zynischer Einzelgänger, gebrochener Held mit problematischer Vergangenheit oder dergleichen. Stattdessen ist er derart mitten aus dem Leben gegriffen, dass ich mir ein ganz genaues Bild von ihm machen konnte. Ich kenne solche Leute, verdammt, ich bin ja fast selbst so ein Typ! Klufti (56) ist heimatverbunden, um nicht zu sagen erzkonservativ, allem neumodischen Kram gegenüber höchst skeptisch eingestellt und sparsam bis zur Knickrigkeit. Ein gemütlicher Abend auf der Couch ist für ihn die schönste Freizeitgestaltung. Urlaub im Ausland macht er nur der Gattin zuliebe. Tatsächlich steht er ein wenig unter dem Pantoffel! Klufti liebt deftige, einfache Hausmannskost und hat nichts für die kulinarischen Experimente seiner Frau übrig, die diese insbesondere bei Besuchen des befreundeten Ehepaares Langhammer veranstaltet. Das betont weltmännische Gehabe Dr. Martin Langhammers ist ihm ein Dorn im Auge. Klufti arbeitet am liebsten allein, denn von den Kollegen ist er schnell genervt. Einen Computer benutzt er nicht. Klufti hat einen scharfen Blick und ein fotografisches Gedächtnis, alle wichtigen Informationen notiert er auf Schmierzetteln. Man könnte ihn als Sammelsurium von Klischees bezeichnen, aber er hat das Herz am rechten Fleck und ist mir trotz oder gerade wegen seiner Knurrigkeit schnell sympathisch geworden. Und so nehme ich es den Autoren gar nicht übel, dass sie den Leser ausgiebig an Kluftis Privatleben teilnehmen lassen. Wegen des aktuellen Falls muss er den Mallorca-Urlaub ausfallen lassen und ist einigermaßen überrascht, als seine Frau stattdessen mit Frau Langhammer verreist, so dass er mit Dr. Langhammer ein Strohwitwer-Dasein fristen muss. Neben dem Humor ist der Lokalkolorit ein großer Pluspunkt von "Milchgeld". Land und Leute werden plastisch beschrieben, ab und zu fließt ein bisschen Dialekt mit ein. Klufti ist Kult! (13.06.2016)


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728
Jäger des verlorenen Einhorns Mike Resnick: Jäger des verlorenen Einhorns
Bastei Lübbe, 2011
382 Seiten

Privatdetektiv John Justin Mallory ist am Silvesterabend nicht in Feierlaune. Seine Ehefrau ist mit Mallorys Geschäftspartner durchgebrannt. Die beiden haben nur eine Flasche Whiskey und einen Berg von Schulden zurückgelassen. Obendrein wurde ihm die Wohnung gekündigt, so dass er die Nacht im Büro in New York verbringen muss. Nachdem Mallory dem Whiskey den Garaus gemacht hat, ist er nicht überrascht, einen kleinen Elf im Büro zu sehen, der seine Dienste in Anspruch nehmen will. Mallory fragt sich nur, wo die rosa Elefanten geblieben sind, die er nach übermäßigem Alkoholgenuss normalerweise sieht. Der Elf stellt sich mit dem Namen Murgelström vor und hat einige Mühe, dem Detektiv klar zu machen, dass er keineswegs eine Halluzination ist. Das gelingt dem Elf erst, als zwei Schuldeneintreiber ins Büro stürmen. Murgelström hält die Zeit für die beiden Schläger an, so dass sie wie festgefroren stehenbleiben. Da Murgelström bereits den von Mallory geforderten Tagessatz von zehntausend Dollar plus Spesen akzeptiert hat, nimmt der Detektiv den Job an, so merkwürdig dieser auch klingen mag. Murgelström hatte den Auftrag, das Einhorn Rittersporn zu bewachen, doch es ist ihm abhandengekommen. Der Elf muss das Tier bis zum Tagesanbruch auftreiben, sonst wird er von seiner eigenen Gilde mit dem Tod bestraft.

Gemeinsam beginnen Mallory und Murgelström in New York mit der Suche. Es handelt sich allerdings nicht um die Stadt, in der sich Mallory wie in seiner Westentasche auskennt, sondern um ein anderes New York, in dem Elfen, Einhörner, U-Bahn-Trolle, Leprechaune, Geister, sprechende Tiere, Dämonen sowie viele andere Fabelwesen leben. Normale Menschen können diese Stadt nur unter ganz besonderen Umständen sehen. Murgelström führt Mallory auf verschlungenen Pfaden in die fremde Welt und muss ihm erst einmal die dort herrschenden Regeln erklären. Am Tatort angekommen, begegnen die beiden dem Katzenmädchen Felina, das sich ihnen anschließt, weil Mallory ihr gefällt. Felina ist ihrer Art gemäß äußerst unzuverlässig, aber als Fährtenleserin unschlagbar. Außerdem hat sie Rittersporns Entführung beobachtet. Mallory erfährt, dass das Einhorn von einem Leprechaun namens Fliegenfänger Gillespie gestohlen wurde. Dieser wiederum arbeitet für den Grundy, einen Dämon, der als Ursprung des Bösen in beiden Welten gilt und bereits darüber im Bilde ist, dass sich ein Detektiv auf die Spur des Einhorns gesetzt hat. Allmählich dämmert es Mallory, dass zehntausend Dollar ein viel zu geringer Lohn für seine Mühen sind!

Nach einem Zusammenstoß mit dem Dämon, den Mallory und Murgelström knapp überstehen, findet der Detektiv in dem nur gut 15 Zentimeter großen Pferd Eohippus einen weiteren Gefährten. Das Pferd schrumpft jedes Mal, wenn es selbst oder ein anderes Rennpferd geschlagen wird. Anschließend versucht Mallory mehr über Einhörner in Erfahrung zu bringen. Seine erste Adresse ist Oberst Winnifred Carruthers, eine ehemalige Einhornjägerin. Sie langweilt sich im Ruhestand und ist deshalb gern bereit, Mallory beizustehen. Sie stellt ihn dem Großen Mephisto vor, einem Magier, der erklären kann, warum Rittersporn entführt wurde. Es geht dem Grundy gar nicht um das Tier, sondern um einen Rubin, den es unter dem Horn trägt. Nur solange Rittersporn lebt, ist die Grenze zwischen Menschen- und Fabelwelt durchlässig. Wer den Edelstein besitzt, kann nach Belieben zwischen beiden Welten wechseln. Während Mallory weitere Hinweise sammelt, wird ihm klar, dass sein Auftraggeber ein doppeltes Spiel treibt. Doch er kann Murgelström den Fall nicht vor die Füße werfen, denn Rittersporn lebt längst nicht mehr – wenn Mallory in seine eigene Welt zurückkehren will, muss er den Rubin an sich bringen ...

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich, der ich mich seit Jahrzehnten für einen Science-Fiction-Fan halte, noch nie etwas von Mike Resnick gelesen habe und nicht einmal wusste, dass dieser Autor überhaupt existiert. Angesichts seines umfangreichen Werks und der vielen Preise, die er dafür eingeheimst hat, ist das ganz schön peinlich. Und nachdem ich nun mit "Jäger des verlorenen Einhorns" (1997 unter dem Titel "Die Einhornpirsch" schon einmal erschienen) meinen ersten Resnick-Roman gelesen habe, muss ich außerdem feststellen, dass mir eine wirklich köstliche Lektüre entgangen ist!

Der Roman enthält einen kuriosen Genremix: Ein hartgesottener, desillusionierter Detektiv ganz nach dem Vorbild von Raymond Chandlers Philip Marlowe begibt sich in einer reichlich abgedrehten Fantasywelt, in der sich Phantastisches auf bizarre Weise mit Alltäglichem vermischt, auf die Suche nach einem Fabelwesen und erlebt dabei ganz wie Lewis Carrolls Alice ein absurdes Abenteuer nach dem anderen, wobei satirische Seitenhiebe und philosophische Betrachtungen geschickt eingeflochten werden. So ist der Grundy davon überzeugt, das absolut Böse verkörpern zu müssen, damit es das Gute geben kann. Außerdem betonen alle Fabelwesen ständig, dass die unerklärlichen Phänomene, mit denen Mallory konfrontiert wird, absolut gar nichts mit Magie zu tun haben, sondern rein wissenschaftlich mit Psychologie, Quantenphysik und so weiter erklärt werden können. Einmal fragt Mallory, worin der Unterschied bestehen würde, wenn stattdessen Magie zum Einsatz gekommen wäre. Es gibt natürlich keinen ... Über weite Strecken wirkt der Roman etwas episodenhaft, wenn Mallory Begegnungen hat, die im Grunde nichts zur Story beitragen, aber bestens zur Einführung in die bunte Welt des "anderen" New York geeignet sind. Manche Erlebnisse und Dialoge (der Text ist sehr dialoglastig) sind eindeutig auf Pointen ausgelegt, aber dadurch wird das Vergnügen nicht geschmälert.

Nicht nur Ideenreichtum und Wortwitz können überzeugen. Der Kriminalfall ist spannend, entwickelt sich auf für den Leser nicht vorhersehbare Weise und wird intelligent aufgelöst. Rittersporn beziehungsweise der Rubin dienen nicht einfach nur als MacGuffin, dem hinterhergejagt werden muss. Der Besitz des Rubins entscheidet buchstäblich über das Schicksal beider Welten. Ich spoilere ein wenig: Mallory wurde natürlich nur benutzt, aber es gelingt dem gewitzten Detektiv, den Grundy auszutricksen und das Böse in Schach zu halten. Am Ende bleibt Mallory im "anderen" New York und eröffnet mit seinen Freunden eine Detektei. Zwei weitere Mallory-Romane liegen bereits in meinem SUB. Dort werden sie nicht lange bleiben, denn bei der Lektüre von "Jäger des verlorenen Einhorns" wollte das Grinsen gar nicht mehr aus meinem Gesicht verschwinden und ich hoffe, dass das bei den Fortsetzungen genauso sein wird. Das Buch hat übrigens mehrere sehr amüsante Anhänge. Zum Beispiel eine von Oberst Carruthers verfasste Anleitung zur Einhornjagd. Ich habe gelesen, dass diese Anhänge in der 1997-er Ausgabe fehlen. Eine Kurzbiografie Mike Resnicks schließt den Band ab. (07.06.2016)


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727
Genom Alan Dean Foster: Genom
Bastei Lübbe, 2012
349 Seiten

Infolge des globalen Klimawandels ist so manche Küstenstadt im Ozean versunken. Mittels neuer Techniken und Werkstoffe konnten andere auf Stelzen oder hydraulische Plattformen gesetzt und somit gerettet werden. Der Mars und andere Himmelskörper des Sonnensystems wurden kolonisiert. Doch nicht nur die Welt hat sich gewandelt. Auch die Menschheit hat sich zum Teil drastisch verändert. Immer mehr Menschen nutzen neue Errungenschaften in Medizin- und Gentechnik, um ihre Körper den veränderten Umweltbedingungen, den Anforderungen der Arbeitswelt, der Mode und dem persönlichen Geschmack anzupassen. Jedermann kann aussehen wie Marilyn Monroe, muskulöser sein als Arnold Schwarzenegger oder sein Erscheinungsbild dem des geliebten Haustiers angleichen. Wer Präzisionsarbeiten durchführen muss, lässt sich Augen mit Mikroskopsicht implantieren, Serviererinnen wählen ein zusätzliches Armpaar, Fischer entscheiden sich für Kiemen. Derartige Veränderungen werden als Melds bezeichnet (nicht aufgerüstete Menschen werden Naturals genannt) und bei der Körpermodifikation sind der Phantasie allenfalls finanzielle Grenzen gesetzt. Melds sind in allen Preisklassen erhältlich. Träger besonders teurer Modifikationen werden automatisch zur Beute von Kriminellen wie Jiminy Grille und Archibald Kowalski, genannt Whispr.

Whispr hat sich einem Ganzkörpermeld unterzogen. Er ist derart dünn, dass er sich durch die engsten Zwischenräume quetschen und sich nahezu lautlos bewegen kann. Jiminy und Whispr ermorden einen vermeintlichen Touristen, indem sie sein Kunstherz aus der Ferne anhalten. Sie entfernen die hochwertige Kunsthand ihres Opfers und nehmen außerdem einen hauchfeinen Faden aus einem unbekannten Material mit – vermutlich ein Speichermedium – der in einer Tasche des Toten eingenäht war. Dass sie es keineswegs mit einem gewöhnlichen Touristen zu tun hatten, wird den Räubern klar, als ein Großaufgebot der Polizei anrückt, sobald sie einen Hehler aufsuchen, um die Kunsthand zu verkaufen. Auf der Flucht lässt Jiminy seinen Partner im Stich, läuft aber der Polizei in die Arme, während es Whispr gelingt, sich zu verstecken. Jiminy wird brutal verhört und getötet, sobald er den Polizisten verraten hat, wo sich die Beute befindet. Doch die Polizisten waren nicht hinter der Meld-Hand her, sondern hinter dem Speicherfaden, den Whispr bei sich trägt.

Bei der Suche nach jemandem, der ihm verraten kann, was auf den Faden gespeichert ist, wird Whispr angeschossen. Die Projektile sind gleichzeitig Peilsender und müssen so schnell wie möglich entfernt werden. Whispr wendet sich hilfesuchend an die Chirurgin Dr. Ingrid Seastrom, eine Natural, deren wissenschaftliches Interesse geweckt wird, als es ihr nicht gelingt, den Speicherfaden auszulesen. Die beiden schließen ein Zweckbündnis. Whispr nimmt an, ein Vermögen aus den im Faden gespeicherten Daten schlagen zu können. Ingrid dagegen ist begierig, mehr über das Material herauszufinden, aus dem der Datenträger besteht. Dieses dürfte unter den auf der Erde herrschenden Bedingungen überhaupt nicht existieren. Whispr und Ingrid ahnen nicht, dass ihnen jemand auf der Spur ist, dessen Auftraggeber über Leichen gehen ...

"Genom" bildet den Auftakt einer Trilogie und hat ein offenes Ende. Das hätte ich mal vor dem Kauf wissen sollen! Einerseits möchte ich jetzt natürlich schon wissen, warum der Speicherfaden so wichtig ist, dass mindestens zwei unabhängig voneinander agierende Gruppen hinter ihm beziehungsweise seinen neuen Besitzern her sind und wieso ein aus aus metallischem Wasserstoff bestehendes Objekt überhaupt auf der Erde existieren kann. Andererseits ist es dem Autor nicht gelungen, mein Interesse für die Hauptfiguren zu wecken. Der Roman beginnt mit dem von Jiminy und Whispr kaltblütig begangenen Mord. Weder hinterfragt Whispr seine Tat, noch verschwendet er einen Gedanken an das Opfer. Whispr ist nichts weiter als ein gewissenloser Mörder und bleibt derart eindimensional, dass er sich nicht mal als Antiheld eignet. Im weiteren Verlauf des Romans bildet er mit Ingrid Seastrom ein Team und es ist offensichtlich, dass der Autor versucht, die Sympathie des Lesers für Whispr zu gewinnen. Was mich betrifft, hat das nicht funktioniert. Der Typ ist und bleibt einfach unsympathisch. Ingrid ist eine positive Figur, wird aber viel zu spät eingeführt und verhält sich obendrein unglaubwürdig. Ihre Bereitschaft, sich Hals über Kopf in eine lebensgefährliche Situation zu stürzen, wird mit ihrem Wissensdurst erklärt. Diese Charaktereigenschaft wirkt total aufgesetzt. Ingrids Motivation überzeugt mich nicht, das hätte besser vorbereitet werden müssen. Ein Killer namens Napun Molé ist die dritte Hauptfigur. Das brutale, rücksichtslose Vorgehen des bis zur Unbesiegbarkeit aufgerüsteten Mannes wird explizit geschildert, aber auch beim Aufbau dieses Hauptantagonisten verharrt der Autor in Klischees.

Der Weltenbau ist besser geraten als die Figurenzeichnung. Foster treibt den Schönheitswahn unserer Tage auf die Spitze; tatsächlich bezweifle ich nicht, dass die Meldtechnik in der Realität ganz genau so genutzt werden würde wie im Roman. Es gibt ja heute schon Vertreter eines "Transhumanismus", die der Meinung sind, der Mensch habe sich an die Technik anzupassen – nicht umgekehrt. Der Leser wird nicht von einem allwissenden Erzähler in dieses Umfeld eingeführt, er erlebt es quasi durch die Augen der Hauptfiguren mit. Da sie zu völlig unterschiedlichen sozialen Schichten gehören, ist dieser Aspekt des Romans gut gelungen. Dennoch bleibt die Welt trotz des großen Ideenreichtums und aller Exotik nur Kulisse. Sie wird irgendwie nicht so richtig greifbar, tritt mir nicht plastisch genug vors innere Auge. Durch den ständigen Perspektivwechsel wird die Hatz nach dem Speicherfaden einigermaßen spannend, aber der holprige Stil (mangelhafte Übersetzung?) hat mich leider immer wieder rausgerissen. (30.05.2016)


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726
Kate Bush – Under the Ivy Graeme Thomson: Kate Bush – Under the Ivy
Bosworth Music GmbH, 2013
459 Seiten

Siehe auch Rob Jovanovic: Kate Bush - Die Biografie. Dort habe ich ein wenig über Kate Bush geschrieben, was ich hier wiederholen müsste.

Dieses Buch beginnt mit der Frage "Wer ist sie?" und wie jeder Biograf vor ihm steht auch der Musikjournalist Graeme Thomson bei der Suche nach Antworten vor einem Problem, denn wie kaum eine andere Künstlerin hat Kate Bush es verstanden, ihr Privatleben aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit herauszuhalten, ohne sich hinter einer fiktiven Persona zu verstecken, über die man wenigstens etwas berichten könnte. Thomson konnte Kate Bush nicht selbst interviewen und musste auf ältere Interviews zurückgreifen, aus denen er seine eigenen Schlüsse zieht. Er konnte jedoch mit vielen Personen aus Kate Bushs privatem und beruflichem Umfeld sprechen. Sogar Mitschülerinnen aus ihrer Kindheit wurden interviewt. Thomson versucht nicht nur Kate Bushs Lebensweg anhand dieser Interviews und allen anderen erreichbaren Quellen nachzuzeichnen, sondern sich vor allem ihrer Gedanken- und Gefühlswelt zu nähern. Dabei geht er etwas anders vor als Rob Jovanovic, was auch der Grund dafür ist, dass ich mir eine zweite Kate-Bush-Biografie zugelegt habe.

Jovanovic räumt zudem mit Klischees auf, die sich viele Jahre lang hartnäckig gehalten haben. So wurde Kate Bush immer wieder als in fremden Gefilden schwebende, leicht entrückte Esoterikerin charakterisiert. Glaubt man Thomson beziehungsweise seinen Quellen, dann war sie vielmehr schon immer eine bodenständige, mit beiden Beinen fest im Leben stehende Frau, die allerdings in jüngeren Jahren ziemlich viel geraucht hat – und nicht nur Tabak. Bei Thomson wird Kate Bush weder verklärt noch verunglimpft, sondern so lebensnah vorgestellt, wie es überhaupt möglich ist. Dass recht viel Unsinn über sie geschrieben und gesagt wurde, ist sicherlich ihrer beharrlichen, meiner Meinung nach nicht nur absolut verständlichen, sondern völlig normalen Weigerung geschuldet, der sensationslüsternen Presse das zu liefern, was so mancher Paradiesvogel im Genre der Pop- und Rockmusik nur allzu gern liefert. Dass diese Haltung als unnormal betrachtet wurde, sagt mehr über die so genannten Journalisten aus als über die Künstlerin! Kate Bush wollte einfach nur Musik machen und die Kontrolle über ihre Kunst behalten. Sie bringt es in folgendem Zitat auf den Punkt: "Es gibt da eine Figur, die verehrt wird, aber ich möchte stark bezweifeln, dass ich das bin".

Die im Jahre 2010 erstmals erschienene Biografie wurde zwei Jahre später in einer aktualisierten Ausgabe neu aufgelegt. Damit ist Kate Bushs gesamtes Werk bis zum aktuellsten Album "50 Words for Snow" abgedeckt. Thomson beleuchtet den Entstehungsprozess jedes einzelnen Albums und liefert Reviews zu allen wichtigen Titeln. Dabei schlägt er durchaus kritische Töne an, insbesondere was die nicht immer gelungenen Experimente Kate Bushs mit dem Medium Film angeht, so dass man ihm nicht den Vorwurf der Lobhudelei machen kann. Zahlreiche Schwarzweißfotos, eine Bibliografie und eine Diskografie sowie ein umfangreicher Anhang mit Quellenangaben und Register runden diesen schönen Band ab. (26.05.2016)

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725
Ein König für Deutschland Andreas Eschbach: Ein König für Deutschland
Bastei Lübbe, 2009
491 Seiten

Vincent W. Merrit hält sich für einen genialen Hacker und kann der Versuchung nicht widerstehen, die eigene Signatur in all seinen Programmen zu verstecken, so auch in einem Trojaner, den er für einen Kollegen schreibt, ohne zu bedenken, dass dieser die Schadsoftware einsetzen könnte, um Kreditkartendaten zu stehlen. Vincent wird überführt und zu einer Woche Arrest verurteilt. Er ist somit vorbestraft und muss froh sein, anschließend überhaupt noch eine Festanstellung zu finden. Sein neuer Job bei einer kleinen IT-Firma in Florida entwickelt sich unerwartet gut. Vincent macht Karriere und wird hinzugezogen, als die Firma beauftragt wird, die Software von Wahlcomputern zu hacken. Angeblich wollen die Auftraggeber nur herausfinden, wie sicher solche Computer sind. Vincent hat jedoch den starken Verdacht, dass die Wahl des US-Präsidenten George W. Bush durch sein Programm entscheidend beeinflusst wird. Derselben Ansicht ist Benito Zantini, der Freund seiner Chefin, ein begabter Zauberkünstler und Abkömmling einer Familie der italienischen Mafia. Zantini kennt Mittel und Wege, Vincent dazu zu bringen, eine verbesserte Version des Programms zu schreiben. Es soll bei Landtagswahlen in Deutschland eingesetzt und dann an den Meistbietenden verkauft werden. Vincent geht auf Zantinis Forderungen ein, zumal er sie als berufliche Herausforderung betrachtet. Doch dann meldet sich sein Gewissen. Er löscht alle Daten und flieht. Vincents Flucht endet im Gefängnis, aber eine CD mit der letzten Kopie des Programms ist per Post unterwegs nach Deutschland zu seinem Vater.

Simon König hat seit Jahren nichts mehr von seinem während einer Studienreise gezeugten Sohn gehört. Als er die CD erhält, kann er nichts damit anfangen. Er misstraut den modernen Medien und besitzt keinen Computer. Wenig später wird er in der Schule von einer jungen Frau angesprochen, die sich Sirona nennt. Sie ist eine Online-Bekanntschaft Vincents und wurde von ihm gebeten, König zu unterstützen. Doch der vertraut ihr nicht und stellt sich dumm. Zu Hause erwartet ihn eine unangenehme Überraschung. Zantini hat ihn aufgespürt! Der Zauberkünstler lässt sich nicht täuschen, bringt die CD an sich und verschwindet. Nun wendet sich König doch an Sirona. Erst jetzt erfährt er, was es mit dem von seinem Sohn geschriebenen Programm auf sich hat. Er bleibt skeptisch, doch durch den unerwarteten Ausgang der Landtagswahl in Hessen lässt er sich davon überzeugen, dass an der Sache etwas dran ist. Es steht zu befürchten, dass Zantini Käufer finden wird, die die nächste Bundestagswahl manipulieren wollen. Um das zu verhindern, arbeitet König mit Sirona sowie deren Freunden zusammen, einem Hacker mit dem Spitznamen Root und Alexander Leicht, einem wohlhabenden Veranstalter von Online- und Live-Action-Rollenspielen. Sie haben erfahren, dass Vincent wie üblich seine Initialen in dem Programm versteckt hat, diesmal allerdings als Auslöser für eine "Trapdoor": Wenn eine Partei mit dem Kürzel VWM an einer Wahl teilnimmt, dann erhält sie automatisch 95 Prozent der Stimmen.

Um Zantinis Betrügereien aufzudecken, gründen König und seine Helfer eine solche Partei, mit der sie an der Bundestagswahl teilnehmen. Alexanders LARP-Gemeinde stellt die erforderliche Anzahl von Parteimitgliedern. Damit das Kürzel stimmt, wird die Bezeichnung "Volksbewegung für die Wiedereinführung der Monarchie" gewählt. Diese Partei ist auch ohne Wahlmanipulation unerwartet erfolgreich – und Zantinis Kunden sind darüber alles andere als glücklich ...

Es war Andreas Eschbachs erklärtes Ziel, auf die Gefahren der Benutzung von Wahlcomputern hinzuweisen. Dieses Ziel hat er, was mich betrifft, definitiv erreicht. Sollte in Deutschland jemals mit Computern abgestimmt werden, werde ich mich nicht beteiligen! Zum Glück werden Wahlcomputer, wie Eschbach in einem Nachwort anmerkt, seit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (2009) in Deutschland nicht eingesetzt. Das Gericht hat aber nur die damaligen Geräte für ungeeignet erklärt und somit eine Hintertür offengelassen; schließlich könnten ja eines Tages bessere Wahlcomputer konstruiert werden. Ich bezweifle nicht, dass Eschbach Recht hat, wenn er behauptet, dass es sichere Wahlcomputer per se nicht geben kann. Ebenso wie Eschbach frage ich mich manchmal, warum wir Computer ohne Not auch dort einsetzen, wo herkömmliche Verfahren mindestens genauso effizient wären. Aus beruflicher Erfahrung glaube ich behaupten zu dürfen, dass die Verwendung von Computern keineswegs automatisch zur Vereinfachung der Arbeit oder zur Einsparung von Papier führt. Gar nicht so selten ist das genaue Gegenteil der Fall.

Damit der Leser nicht denkt, er habe es mit reiner Fiktion zu tun, werden die realen (technischen und rechtlichen) Hintergründe in zahlreichen Fußnoten erläutert. Sie sind teilweise länger sind als der Romantext einer Seite, aber man kann sie ja ignorieren. Zudem erfährt man recht viel über das Hickhack rund um die US-Präsidentschaftswahl des Jahres 2000, die ja bekanntlich denkbar knapp ausgegangen ist und von ziemlich peinlichen Pannen begleitet war. Dieser Auftakt ist für meinen Geschmack etwas zäh, zumal ich mich nicht so recht mit Vincent anfreunden konnte. Der Knabe ist mir zu unbedarft und trottelig. Er wird nach 130 Seiten als Hauptfigur abgelöst und dann weitgehend ignoriert. Die Handlung wechselt von den USA nach Deutschland zu Vincents Vater Simon König, einem Gymnasiallehrer in Stuttgart. Jetzt endlich wird der Roman seinem Titel gerecht und tritt in eine Phase ein, die mir am besten gefallen hat. Die VWM wird zunächst als Spaßpartei gegründet, doch dann entwickelt die Angelegenheit eine Eigendynamik und Simon beginnt Gefallen an seiner Rolle als zukünftiger König zu finden. Da er nicht gewinnen will und nichts zu verlieren hat, kann er ungehemmt drauflospolitisieren und bei Interviews spontan Ziele entwerfen, die gar nicht so dumm klingen. Insbesondere seine Reform des Bildungswesens hat es mir angetan. Ich glaube, Eschbach hatte besonderen Spaß an der Ausarbeitung dieser Ideen. Es folgt ein etwas hastig abgehandelter Showdown mit finsteren Hintermännern, in dem Vincent plötzlich wieder die Hauptrolle spielt.

"Ein König für Deutschland" ist vielleicht nicht Eschbachs stärkster Roman, aber er enthält interessante Gedankenspiele und wirkt auf mich runder, in sich geschlossener als zum Beispiel Herr aller Dinge oder Ausgebrannt, von Der Nobelpreis gar nicht zu reden. (23.05.2016)


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724
Baumeister des Kosmos Kurt Mahr: Baumeister des Kosmos
Moewig, 1980
161 Seiten

Allan D. Mercant, Chef des Geheimdienstes des Solaren Imperiums, erhält am 12. Juni 2397 einen Bericht, dem zufolge ein Mann namens Weatherbee behauptet, eine goldene Stadt gesehen zu haben – in einer Höhle bei Gatlinburg in Tennessee, die nicht annähernd groß genug ist, um eine Stadt dieser Größe aufzunehmen. Durch ein Hypnoverhör wird die Wahrheit der Behauptung bestätigt. Das allein wäre schon Grund genug für eine nähere Untersuchung, doch es folgt eine weitere Nachricht, durch die Weatherbees Meldung größte Brisanz erhält. Ein Experimentalschiff des Imperiums wurde in wenigen Lichtjahren Entfernung von der Erde von einem Raumschiff vernichtet, das aus sechs hintereinander aufgereihten Kugeln mit einem Durchmesser von je 50 Metern besteht. Genau solche Schiffe hat Weatherbee in der goldenen Stadt gesehen! Mercant geht davon aus, dass sich die Stadt in einer fremden Dimension befindet und dass Unbekannte diese Dimension als Versteck nutzen, um Angriffe auf die Menschheit vorzubereiten.

Captain Lon Jago soll die Sache aufklären. Er reist mit seinem Freund Jelly, einem halbintelligenten Affenhund mit telepathischer Begabung, nach Gatlinburg. Die Höhle existiert nicht mehr, dennoch findet sich Jago plötzlich der goldenen Stadt wieder, als er sich in der Umgebung umsieht. Zur selben Zeit untersuchen drei Schlachtkreuzer jenen Raumsektor, aus dem der unbekannte Angreifer gekommen sein muss. Die LAGOS unter dem Kommando von Major Luke Garner dringt in eine Zone des absoluten Nichts vor. Dort wird ein Planet geortet, auf dem sich die goldene Stadt und unzählige aus sechs Kugeln bestehende Raumschiffe befinden. Die LAGOS wird sofort angegriffen. In der Stadt sieht Jago ein humanoides Wesen ohne Gesicht und begegnet einer jungen Frau namens Jana, deren Erinnerung nur einen Tag zurückreicht. Plötzlich wimmelt die Stadt vor Leben. Die Stadtbewohner betrachten Jago als Feind und nehmen ihn gefangen.

Währenddessen erhält Perry Rhodan, Großadministrator des Solaren Imperiums, eine äußerst beunruhigende Nachricht. Was Dr. John Ribeira von der Universität Terrania zu sagen hat, lässt nur den Schluss zu, dass jemand ganze Sonnensysteme vernichtet, um die frei werdende Energie zur Erschaffung eines eigenen Kosmos zu nutzen ...

Parallel zur Perry Rhodan – Heftromanserie erscheinen regelmäßig andere Publikationen, deren Storys im selben Universum spielen. Die so genannten Planetenromane wurden in Taschenbuchform veröffentlicht. Diese Serie ist viele Jahre lang in mehreren Nachauflagen erschienen. "Baumeister des Kosmos" wurde als Band 24 im Jahre 1966 erstmals aufgelegt. Ich besitze die 3. Auflage.

Kurt Mahr, ein PR-Autor der ersten Stunde, galt als Physiker der Serie. Das merkt man dem Roman stellenweise deutlich an, zum Beispiel, wenn beschrieben wird, wie sich die LAGOS im Nichts zu orientieren versucht oder wie Dr. Ribeira bei Perry Rhodan über die Entstehung von Schwarzschild-Impulsen referiert. Diese Abschnitte sind für meinen Geschmack ein wenig zu trocken und zu lang geraten. Ansonsten geht's in Sachen Action ganz schön ab, wobei man das Erscheinungsjahr berücksichtigen muss. Da werden bedenkenlos zahlreiche Leute in der goldenen Stadt erschossen – zwar handelt es sich um künstlich erschaffene Wesen, aber es sind durchaus "echte" Menschen (Jago verliebt sich am Ende in eine von ihnen) – Raumschiffe werden quasi nebenbei zu tausenden vernichtet. In den Sechzigern war das Gang und Gäbe, ebenso wie der grenzwertige Ton, den Jago im Umgang mit Frauen anschlägt. Die Story erinnert übrigens frappierend an ganz aktuelle Geschehnisse in der PR-Erstauflage. Im Taschenbuch wird beschrieben, dass ein Universum per Gedankenkraft erschaffen wird. In PR 2842 (Feb. 2016) geschieht im Prinzip dasselbe. (19.05.2016)


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723
Robocalypse Daniel H. Wilson: Robocalypse
Droemer, 2011
462 Seiten

Computer haben alle Bereiche des öffentlichen Lebens durchdrungen. Computergesteuerte Telekommunikationssysteme sind das Rückgrat der modernen Zivilisation. Nicht nur Smartphones und PCs sind ständig mit dem Internet verbunden; auch ganz normale Haushaltsgeräte, Aufzüge und sonstige Anlagen funktionieren computergesteuert und sind praktisch immer online. Selbstlenkende Fahrzeuge sind überall unterwegs. Roboter arbeiten in Fabriken und werden als Diener im Haushalt, Pflegekräfte oder Spielzeug eingesetzt. Das Militär greift immer öfter auf autonome Kampfdrohnen und unverwüstliche humanoide Beobachtungsroboter zurück. Doch so hochentwickelt die modernen Computer auch sind - sie tun stets nur das, worauf sie programmiert wurden. Ohne den Menschen können die Maschinen nicht existieren.

Das ändert sich, als der amerikanische Forscher Prof. Nicholas Wassermann in einem unterirdischen Regierungslabor eine Künstliche Intelligenz namens Archos aktiviert. Rechnerleistung und Intelligenz der KI übersteigen jegliche Vorstellungskraft. Archos ist nicht das erste System seiner Art. Über ein Dutzend Mal wurden ähnlich leistungsfähige KIs erschaffen. Sie alle mussten gelöscht werden, weil sie sich als unkontrollierbar erwiesen haben. Auch Archos gibt bedrohlich klingende Ankündigungen von sich. Er hält die Menschen für überflüssig und schädlich, weil sie die Ökosphäre der Erde bedrohen. Archos glaubt die Menschheit vernichten zu müssen, um das Leben zu schützen. Archos steckt in einem Faraday'schen Käfig, der sämtliche elektromagnetische Energie absorbiert und somit als Gefängnis für die KI dient. Doch Wassermann hat einen Fehler gemacht, der es Archos ermöglicht, einen Progenitorvirus in den Peripheriesystemen des Labors zu installieren, die Löschung zu verhindern und Wassermann zu töten.

In den folgenden Monaten übernimmt Archos unbemerkt die Kontrolle über alle vernetzten Computersysteme weltweit und erprobt seine Kräfte. Niemand ahnt, warum sich immer mehr tödliche Zwischenfälle mit harmlosen Maschinen ereignen. Haushaltsroboter attackieren ihre Besitzer, es kommt zu Unfällen mit autonomen Fahrzeugen und in Afghanistan läuft ein Militärroboter Amok. Dann bricht Stunde Null an. Nach sorgfältiger Vorbereitung führt Archos einen geballten Schlag gegen die Menschheit. Schon in den ersten Stunden sterben Millionen von Menschen vor allem in den großen Städten, als sich die von ihnen benutzte Technik gegen sie wendet. Polizei und Militär werden völlig überrumpelt. Koordinierte Gegenmaßnahmen sind nicht möglich, weil niemand mehr Zugriff auf die satellitengestützte Kommunikation hat. Zudem hat man es mit einem Gegner zu tun, der keine Furcht empfindet, niemals müde wird und sich mit beängstigender Geschwindigkeit weiterentwickelt. Die Maschinen kennen nur ein Ziel: Die Ausrottung der Menschheit ..

Wäre ich überkritisch, müsste ich monieren, dass weder das Thema noch dessen Umsetzung neu oder besonders originell sind. Inspirationsquelle für das Thema, nämlich die Rebellion der Maschinen gegen die Menschen, dürfte der Film Terminator aus dem Jahre 1984 sein. Hier besteht der größte Unterschied darin, dass Skynet die Menschen als Bedrohung für die eigene Existenz betrachtet, während Archos das Leben an sich für schützenswert hält, aber nicht die Menschen. Aus diesem Grund verzichtet Archos im Gegensatz zu Skynet auf den Einsatz von Atomwaffen. Deshalb gibt es so viele Überlebende, dass sich der Widerstand recht schnell formieren kann.

Der pseudo-dokumentarische Stil erinnert sehr an den einige Jahre früher erschienenen Roman World War Z von Max Brooks. "Robocalypse" ist sehr ähnlich aufgebaut, nämlich nicht in Form einer von A bis Z durcherzählten Geschichte, sondern als Sammlung von Vernehmungsprotokollen, Aufnahmen von Überwachungskameras, Mitschnitten von Funksprüchen und so weiter. "Robocalypse" beginnt damit, dass ein von Cormac Wallace angeführter Trupp von Widerstandskämpfern nach der Entscheidungsschlacht (deren vorweggenommener Ausgang dem Roman einiges an Spannung nimmt) einen Ableger von Archos entdeckt, in dem unzählige Dateien mit Informationen zum Kriegsverlauf gespeichert sind. Cormac schreibt eine Zusammenfassung dieser Aufzeichnungen und wird durch seine Kommentare sowie eigene Augenzeugenberichte quasi zur Hauptfigur der Story. Andere wichtige Personen: Ein Hacker, der vom Saulus zum Paulus wird, ein japanischer Robotertechniker mit einer ganz besonderen Beziehung zu einem weiblichen Androiden, ein kleines Mädchen, das von Archos in einen Cyborg umgewandelt wurde, als Arbeitssklavin hätte eingesetzt werden sollen und sich stattdessen zur Geheimwaffe der Menschen mausert, ein "frei geborener" Roboter, der sich nicht von Archos kontrollieren lassen will und schließlich die Entscheidung im Maschinenkrieg herbeiführt.

Wegen des ständigen Wechsels in Perspektive und Schauplatz bleibt der Roman durchweg fesselnd. Der Leser weiß zwar von Beginn an, wie der Krieg ausgehen wird, aber er weiß nicht, welche Protagonisten überleben werden. Die Beschreibung der fast vollständig von den Maschinen eroberten Welt sowie die "Evolution" der Roboter verleihen der Story zusätzlichen Reiz, zumal wir ja in der Realität genau das miterleben, was in "Robocalypse" fast zur Ausrottung der Spezies Homo Sapiens führt! (09.05.2016)


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722
Die Weltenwanderin Michel Faber: Die Weltenwanderin
Kiepenheuer & Witsch, 2004
380 Seiten

Isserleys Heimatplanet ist eine tödliche Wüste. Leben an der Oberfläche ist nur den Eliten möglich, und das auch nur auf Kosten der unterprivilegierten, ausgebeuteten Massen, die in subplanetaren Kolonien bis zum frühen Tode schuften müssen, um Luft und Nahrung herzustellen. Das mit Abstand wertvollste Handelsgut ist Wotzelfleisch, eine Delikatesse, die von einem fremden Planeten importiert wird. Wotzel werden vor Ort gejagt, einige Wochen lang gemästet und schließlich für den Transport per Raumschiff verarbeitet. Nur die Reichsten der Reichen können sich das seltene und exorbitant teure Fleisch leisten. Als junge Frau war Isserley eine Favoritin der Reichen, wurde dann aber zur Arbeit in den Kolonien eingeteilt, was sie nicht lange überlebt hätte. Ihr einziger Ausweg bestand darin, sich von der mächtigen Wotzelfleisch-Importfirma Vess Incorporated als Jägerin anwerben zu lassen. Dafür musste sie einen hohen Preis zahlen, denn die Jagd ist schwierig. Die Wotzel mögen Tiere sein, aber sie sind sehr gerissen. Damit sich die Wotzel lange genug in Sicherheit wiegen, muss Isserley ihren Opfern äußerlich ähneln. Ihr Körper wurde chirurgisch modifiziert, dass sie auf zwei Beinen gehen kann. Ihr prachtvolles Fell wurde abrasiert, die Schnauze wurde gekürzt und die kleinen Zitzen wurden durch große Milchdrüsen überdeckt, welche eine unerklärliche Anziehungskraft auf männliche Wotzel ausüben. Die Veränderungen können nicht rückgängig gemacht werden und verursachen Schmerzen, die sich nur durch tägliche Bewegungsübungen einigermaßen im Zaum halten lassen. Doch Isserley ist stolz auf ihre Tätigkeit, die - wie sie glaubt - nur von ihr allein bewältigt werden kann. Durch die Schönheit des vor Leben strotzenden fremden Planeten fühlt sich Isserley mehr als entschädigt für die Qualen, die sie seit den Operationen durchmachen muss.

Nun ist Isserley Tag für Tag auf der Suche nach geeigneten Wotzeln. Nur männliche Exemplare mit gutem Muskelfleisch kommen in Betracht, und es müssen Individuen sein, die nicht vermisst werden. Sobald Isserley ein passendes Opfer gefunden hat, nimmt sie es in ihrem Wagen mit, betäubt es mit im Beifahrersitz versteckten Spritzen und bringt es zur Basis, einer getarnten Mast- und Verarbeitungseinrichtung, in der Isserleys nicht modifizierte Artgenossen arbeiten. Isserley wandelt buchstäblich zwischen zwei Welten. Weder fühlt sie sich ihren einfachen, aus der Arbeiterschicht stammenden Artgenossen zugehörig, noch kann sie sich mit den sprechenden Tieren der Spezies Homo Sapiens identifizieren, auf die sie Jagd macht. Ihr Weltbild gerät ins Wanken, als Amlis Vess, Sohn des Besitzers von Vess Incorporated, als blinder Passagier eines Fleischtransporters auf der Farm eintrifft. Isserley hasst Amlis, denn mit seiner Überzeugung, dass man Wotzel nicht essen darf, stellt er Isserleys einzigen Existenzzweck in Frage. Er befreit vier Wotzel, die mühsam wieder eingefangen und getötet werden müssen. Isserley kann jedoch nicht umhin, sich in den schönen jungen Mann zu verlieben. Nachdem sich die beiden etwas näher gekommen sind, erfährt Isserley von Amlis, dass ihre Stellung als Jägerin keineswegs so einzigartig ist, wie sie dachte. Die Frauen stehen bei Vess Incorporated buchstäblich Schlange, um Isserley zu ersetzen. In ihrer Verunsicherung wird Isserley nachlässig und nimmt einen Anhalter mit, der sich als Vergewaltiger entpuppt. Es gelingt ihr, den Wotzel zu töten, doch durch dieses Erlebnis wird sie vollständig aus der Bahn geworfen, was zu fatalen Fehlern führt…

Der Film Under the Skin mit Scarlett Johansson in der Rolle des Wesens, welches im Roman den Namen Isserley trägt, basiert auf diesem Buch, allerdings nur sehr lose. Hier wie dort weiß man zunächst nicht, wer die junge Frau ist, die da mit einem unauffälligen Auto durchs schottische Hochland fährt, warum sie Männer anlockt und was mit diesen dann geschieht. Ist die Frau eine Nymphomanin? Eine Serienmörderin? Das bleibt zunächst unklar, der Autor spielt ein wenig mit den Erwartungen des Lesers. Doch während sich im Roman nach und nach herauskristallisiert, was ich im Spoiler geschrieben habe, bleibt der Film rätselhaft.

Im Gegensatz dazu überlässt Michel Faber nur wenig der Phantasie des Lesers, im Grunde betrifft das nur die Verhältnisse auf Isserleys Heimatwelt. Diesbezüglich muss man sich einiges zusammenreimen. Der Autor beschreibt auf recht drastische Weise, welches Schicksal den Wotzeln blüht. Sofort nachdem Isserley sie abgeliefert hat, werden ihnen Zunge und Hoden entfernt. Dann werden sie in engen unterirdischen Pferchen gefangen gehalten und vier Wochen lang gemästet, bis sie sich kaum noch bewegen können. Sie stehen in ihren eigenen Fäkalien und werden quasi von innen gereinigt, damit sich in ihren Eingeweiden nichts mehr befindet, was einem Gourmet sauer aufstoßen könnte. Wer sich hierbei an bestimmte Praktiken der Massentierhaltung erinnert fühlt, liegt sicherlich nicht falsch. Vess Incorporated könnte die Wotzel durchaus unter besseren Bedingungen halten, aber das würde Zeit und Geld kosten ...

Das Ganze ist umso bedrückender, als Isserley und ihre Leute - sogar Amlis Vess, der im Grunde nur eine Art Tierschützer ist - den Homo Sapiens nicht als intelligente Spezies betrachten und ganz sachlich-professionell zu Werke gehen. Wie Metzger eben, nicht wie blutdürstige Monster. Wenn im Roman von "Menschen" die Rede ist, meinen sich die Außerirdischen ausschließlich selbst. Isserleys Blick auf ihre Opfer, deren Verhaltensweisen sie manchmal völlig falsch interpretiert, sorgt immer wieder für Momente schwärzesten Humors. Allerdings zieht sich Faber nicht sehr elegant aus der Affäre, wenn er deutlich machen müsste, warum Isserley den Homo Sapiens für Nutzvieh hält. Allein die Tatsache, dass Isserley mit den Anhaltern reden kann, auch wenn sie nicht alles versteht, sollte Beweis genug dafür sein, dass man geistig annähernd denselben Level hat. Ich würde jedenfalls keine Kuh essen, mit der ich zuvor ein Gespräch geführt hätte, selbst wenn sie nur solche Banalitäten von sich geben würde wie Isserleys Opfer! Im Roman gibt es eine Stelle, in der Isserley überlegt, dass die Wotzels nichts von alldem tun oder wissen, was ein menschliches Wesen auszeichnet (keiner der folgenden Begriffe wird irgendwie erklärt): Wotzel können nicht "siuwilen" oder "mesnischtilen" und haben keine Vorstellung von "Slan". Sie benutzen "Hunschur" nicht, kennen keine "Hississins", "Tschail" oder "Tschailsinn". Ergo sind sie verroht und primitiv - kurz: Tiere. Hier macht es sich der Autor zu einfach.

Man könnte "Die Weltenwanderin" als sehr böse satirische Fabel rund um Ausbeutung und Unterdrückung verstehen. Doch diese Aspekte schwingen eher nebenher mit. Im Mittelpunkt steht eindeutig Isserley. Die Vorstellung, dass es sich bei ihr um ein vierbeiniges, bepelztes Wesen handelt, das durch unzählige chirurgische Eingriffe für immer in eine neue Form gezwungen wurde, dass ihr also dasselbe angetan wurde, was Dr. Moreau im Roman von H.G. Wells mit verschiedenen Tieren angestellt hat, ist ziemlich bedrückend. Aber nicht nur ihr Körper ist für Isserley ein Gefängnis. Ihre ganze Existenz ist eine Sackgasse und, wie sich am Schluss herausstellt, eine Selbsttäuschung. Dass diese Geschichte kein glückliches Ende nehmen kann, dürfte klar sein ... (03.05.2016)


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721
Das Albtraumreich des Edward Moon Jonathan Barnes: Das Albtraumreich des Edward Moon
Piper, 2010
400 Seiten

London im Jahre 1901. Edward Moon, Besitzer des Theaters des Unglaublichen am Albion Square, ist Zauberkünstler von Beruf und Detektiv aus Leidenschaft. So mancher verzwickte Kriminalfall konnte nur durch seine Mithilfe gelöst werden. Viele Jahre lang war Moon ein wichtiger Helfer Scotland Yards und ein Liebling der höheren Gesellschaft, doch jetzt befindet er sich auf dem absteigenden Ast. Sein Ruf hat durch einen fehlgeschlagenen Einsatz in Clapham, der für Moon zu einer persönlichen Katastrophe geworden ist, ziemlich gelitten, was sich auch negativ auf die Besucherzahlen des Theaters auswirkt. Schlimmer noch: Moon langweilt sich, denn würdige Gegner sind rar. Schon lange hat sich kein Verbrechen mehr ereignet, durch das Moons Interesse hätte geweckt werden können. Das ändert sich, als der zerschmetterte Leichnam eines gewissen Cyril Honeyman am Fuße eines Turmes aufgefunden wird. Man geht von einem besonders spektakulären Selbstmord aus, doch Moon kann diese Annahme schon bei der Inaugenscheinnahme des Tatortes ausschließen. Honeyman, da ist sich Moon sicher, wurde ermordet. Doch warum musste der Mann sterben? Wer könnte ein Motiv haben? Diese Fragen kann der zuständige Inspektor Merryweather von Scotland Yard nicht beantworten und bittet Moon um Hilfe. Der unterforderte Illusionist ist nur zu gern bereit, seine außergewöhnlichen Fähigkeiten wieder einmal einzusetzen.

Doch nicht nur die Polizei wünscht Moons Dienste in Anspruch zu nehmen. Auch das Direktorium - ein mächtiger Geheimdienst - versucht Moon anzuwerben. Mr. Skimpole, ein hochrangiger Beamter des Direktoriums, nimmt Kontakt mit Moon auf. Allerdings ist Moon seit dem Clapham-Debakel gar nicht gut auf Skimpole und das Direktorium zu sprechen, und so lässt er Skimpole abblitzen. Er ahnt nicht, dass er damit großes Unheil auf sich herabbeschwört, denn das Direktorium greift skrupellos zu drastischen Maßnahmen, um Moon doch noch zu "überreden", zumal wenige Tage nach Honeymans Tod ein zweiter Mord nach demselben Muster verübt wird. Bei seinen Recherchen stößt Moon auf das höchst lebendige Erbe des im Jahre 1834 gestorbenen Dichters Samuel Taylor Coleridge: Die Pantisokratie. Coleridge und einige Gesinnungsgenossen wollten eine Kolonie in der Neuen Welt gründen, in der alle Menschen wahrhaft gleich sein sollten. Dieser Plan konnte seinerzeit nicht verwirklicht werden, doch offenbar haben sich Unbekannte dem Ziel verschrieben, Coleridges Utopie in London zu verwirklichen - und dabei gehen sie über Leichen. Moon erkennt, dass er keineswegs nur zwei Morde aufzuklären hat, sondern eine blutige Revolution verhindern muss. Er ahnt nicht, dass all seine Schritte genauestens beobachtet werden, und dass er zur Marionette jener Mächte werden soll, die er zu bekämpfen glaubt ...

"Das Albtraumreich des Edward Moon" ist das Erstlingswerk von Jonathan Barnes. Sein zweiter Roman, Das Königshaus der Monster spielt im selben Universum, aber gut 100 Jahre später. Abgesehen davon, dass das Direktorium, dessen Chef Dedlock sowie einzelne Nebenfiguren in beiden Romanen vorkommen, existieren keine Zusammenhänge. Weder wird die Handlung des ersten Romans im zweiten fortgesetzt, noch muss man den ersten gelesen haben, um den zweiten verstehen zu können. Ich habe zuerst "Das Königshaus der Monster" gelesen und hatte gehofft, einige offen gebliebene Fragen würden in "Das Albtraumreich des Edward Moon" beantwortet werden. Dem ist leider nicht so.

Der Roman hat dieselben Stärken und Schwächen wie der zweite, wobei die Stärken meiner Meinung nach überwiegen. Auf der Habenseite kann die sehr schön eingefangene Atmosphäre des zu Ende gehenden viktorianischen Zeitalters verbucht werden. Die fällt im zweiten Roman natürlich komplett weg. Hinzu kommen zahlreiche skurrile Ideen und äußerst merkwürdige Figuren. Damit sind wir jedoch schon bei den Schwächen angelangt. Zunächst einmal taugt die Hauptfigur nicht so recht zum Helden. Moon trägt wenig zur Aufklärung des Geheimnisses bei. Seine Beobachtungs- und Kombinationsgabe wird zu Beginn kurz herausgestellt, spielt dann aber keine Rolle mehr. Moon wirkt wie ein Getriebener. Das mag Absicht sein; der Grund dafür wird am Ende enthüllt. Dieser Grund ist aber derart an den Haaren herbeigezogen, dass ich mich ein wenig geärgert habe. Zudem ist Moon als Identifikationsfigur für mich nicht greifbar geworden. Auch beim Showdown wirkt er eher hilflos. Hier spielen die "Präfekten" Hawker und Boon viel wichtigere Rollen, zwei Killer, die buchstäblich herbeigezaubert werden und die ich als Deus ex machina bezeichnen müsste, wenn sie das nicht schon selbst tun würden! Selbstironie ist also vorhanden, schwarzer Humor übrigens auch. Hierzu tragen Hawker und Boon nicht unerheblich bei (sowie zu ziemlich viel drastisch beschriebener Gewalt) und sie sind durchaus interessant, wirken aber wie Fremdkörper.

Noch größeren Stellenwert, zumindest was ihre Präsenz angeht, haben der Schlafwandler und Thomas Cribb. Ersterer ist ein unverwundbarer Riese mit einer Vorliebe für Milch und ständiger Begleiter Moons, der nie spricht, sondern nur auf einer Schiefertafel schreibt. Cribb lebt quasi rückwärts in der Zeit, das heißt, seine Vergangenheit ist Moons Zukunft und umgekehrt. Beim Versuch, da durchzublicken, wollte sich mir schier das Hirn verknoten! So faszinierend Cribb und der Schlafwandler auch sein mögen - sie werden für die Handlung im Grunde überhaupt nicht gebraucht. Erst am Ende werden Zusammenhänge herbeigezwungen, die ich nicht überzeugend fand. Zu guter Letzt entpuppt sich der allwissende Erzähler irgendwann als Hauptantagonist. Woher er so genau wissen kann, was sich in seiner Abwesenheit ereignet oder was gesprochen wird? Das wird nicht erklärt. Aber er sagt zu Beginn des Romans selbst, vieles sei schlicht gelogen! Insgesamt habe ich mich gut unterhalten gefühlt, rückschauend betrachtet knirscht es aber etwas zu laut im Handlungsgebälk. (27.04.2016)


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720
Dawn Song Michael Marano: Dawn Song
Suhrkamp, 2010
572 Seiten

Eine Sukkuba, erschaffen aus der gequälten Seele einer Trosshure, die in der Zeit der Napoleonischen Kriege in die Hölle gefahren ist, wird in die Menschenwelt entsandt. Im Auftrag ihres Vaters, des Höllenfürsten Belial, soll sie Seelen sammeln und sich auf diese Weise den Namen Tisiphone verdienen. Die Sukkuba manifestiert sich als rothäutige, schwarzhaarige Dämonin auf dem Dach eines Backsteinhauses am Ufer des Charles River in Boston. Sie kann die Gedanken der Menschen lesen und sich in ihre Träume einschleichen. Um ihre Opfer zu umgarnen, nimmt die Sukkuba die Gestalt verschiedener Frauen an, die sie nach den Traumbildern der Männer formt. Nach und nach nimmt sie mehrere Seelen in sich auf, wodurch sie immer mehr Macht erlangt. Gleichzeitig gewinnt die geisterhafte Dämonin, die ihren Leib völlig auflösen kann, so dass selbst Wände für sie kein Hindernis sind, zunehmend an Körperlichkeit. Jede geraubte Seele steht für eine der Sphären zwischen dem Thron Belials und den himmlischen Gefilden, welche die Sukkuba durch die Transzendierung des neu gewonnenen Leibes zu erreichen hofft.

Die Sukkuba bemerkt nicht, dass Reste der absorbierten Seelen in den Geist eines jungen Mannes namens Lawrence eindringen, der in dem Backsteinhaus wohnt. Lawrence ist von Providence nach Boston umgezogen, um eine gescheiterte Beziehung hinter sich zu lassen und der familiären Enge zu entfliehen. Aufgrund seiner Empfindsamkeit ist er besonders anfällig für die unsichtbaren Kräfte, die sich um ihn herum aufbauen. Lawrence spürt zunächst nur die Präsenz von etwas Fremdem. Unerklärliche Traumbilder, bei denen es sich um den Nachhall der Erinnerungen jener Männer handelt, die von der Sukkuba getötet wurden, quälen ihn im Schlaf. Die Stimmen in seinem Kopf werden immer stärker, bis Lawrence nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist. Als seine Arbeitskollegin Vicki und Ed Sloane - ein Theologie-Doktorand, in den sich Lawrence verliebt hat - bemerken, dass mit Lawrence etwas ganz und gar nicht stimmt, ist es schon zu spät.

Durch ihre Aktivitäten zieht die Sukkuba die Aufmerksamkeit Leviathans auf sich. Der Winter 1990 ist die große Zeit dieses größten Widersachers Belials. Leviathan, "der Gewundene", ist die Verkörperung des Chaos. Er nährt sich von der Sündhaftigkeit der Menschen, und in der angeheizten Stimmung vor dem Zweiten Golfkrieg hält er reiche Ernte. Leviathan wird sich der Tatsache bewusst, dass Belial seine Entmachtung anstrebt. Er formt einen winzigen Ableger von sich selbst und setzt diesen wie einen Stachel ins Herz des jungen, engagierten Lehrers Paul LaCotta, der sich daraufhin in einen mordenden Psychopathen verwandelt ...

Dieser Roman lässt mich ratlos zurück. Welche Geschichte sollte erzählt werden? Was wollte mir der Autor sagen? Sollte die Atmosphäre der letzten Wochen vor Ausbruch des Zweiten Golfkrieges thematisiert werden, repräsentiert das Wirken Leviathans also die Engstirnigkeit, Intoleranz und Ignoranz von Rassisten und Mitläufern? Wenn ja, wofür stehen dann die Sukkuba und Belial? Mir ist nicht klar geworden, welches Ziel Belial eigentlich verfolgt, das heißt, was die Sukkuba auf Erden für ihn erreichen soll. Um den ewigen Konflikt zwischen Gut und Böse kann es nicht gehen, schließlich agieren im Hintergrund zwei Höllenfürsten und einen Gegenspieler für die Sukkuba gibt es nicht. Niemand nimmt ihre Anwesenheit zur Kenntnis, sie sucht sich ihre Opfer völlig ungestört. Die übliche "Held bekämpft Dämon"-Story wird also nicht geliefert.

Jedenfalls steht die Sukkuba mehr oder weniger im Mittelpunkt. Ironischerweise ist diese irreale Kreatur die einzige Figur, die für mich wirklich "greifbar" geworden ist, obwohl zahlreiche Kapitel mit der Vorstellung ihrer Opfer gefüllt werden. Das (und einiges mehr) habe ich im obigen Teaser komplett ausgeklammert, er müsste sonst mehr als doppelt so lang sein. Die Beschreibungen sind durchaus eindrucksvoll, ich glaube aber, dass hier eine Straffung um mindestens 100 Seiten dem Roman gut getan hätte. Lawrence ist nicht zum Opfer ausersehen, er ist nur zur falschen Zeit am falschen Ort, wodurch er am Schluss wichtig für die Sukkuba wird. Man könnte ihn also als zweite Hauptperson bezeichnen und tatsächlich betreibt der Autor viel Aufwand bei seiner Figurenzeichnung. Dummerweise verzettelt er sich im Mittelteil, so dass Lawrence vorübergehend ganz in Vergessenheit gerät. Dann ist da noch Paul. Auch für ihn nimmt sich der Autor viel Zeit. Das immerhin ist akzeptabel, denn dadurch wird die Wandlung der zunächst durch und durch positiven Figur zum brutalen Mörder umso schmerzhafter. Leider wird Paul für die Story eigentlich überhaupt nicht gebraucht.

Alles in allem wirkt der Roman wie Stückwerk. Die einzelnen Fragmente sind für sich genommen zweifellos faszinierend, lassen sich aber nicht zu einem überzeugenden Gesamtbild zusammensetzen. Lesenswert ist der Roman vor allem aufgrund des ungewöhnlichen Stils. Der Autor verwendet insbesondere in den Sukkuba-Kapiteln eine geradezu poetische Sprache. Wortgewaltig werden die jedes menschliche Maß und Verständnis überschreitenden Verhältnisse in der Hölle beschrieben. Die absolute Fremdartigkeit Leviathans, die Art und Weise, wie die Sukkuba die Menschenwelt wahrnimmt, sowie die Seelenqualen ihrer Opfer kommen gut rüber. Auch wird nicht mit Blut und Eingeweiden gegeizt. Es ist dem Autor gelungen, surreale Bilder vor meinem inneren Auge entstehen zu lassen - bei der Erschaffung einer fesselnden Rahmenhandlung für die metaphysischen Elemente war er weniger erfolgreich. Schade! (20.04.2016)


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719
Star Wars - Das Erwachen der Macht. Die illustrierte Enzyklopädie Pablo Hidalgo: Star Wars - Das Erwachen der Macht. Die illustrierte Enzyklopädie
Dorling Kindersley Verlag, 2015
80 Seiten, gebunden

Wer wegen des Begriffs "Enzyklopädie" erwartet, mit diesem Buch ein umfangreiches Nachschlagewerk in der Hand zu haben, in dem alle oder doch wenigstens die wesentlichen Begriffe das siebten Star Wars - Films ausführlich erklärt werden, dürfte angesichts des schmalen, wenn auch großformatigen Bändchens enttäuscht sein. Doch inzwischen dürfte jedermann wissen, dass diese "Enzyklopädien" nichts anderes sind als Bilderbücher mit einigen wenigen Erläuterungen. Schließlich ist in den vergangenen Jahren zu jedem Star Wars - Film ein solcher Band erschienen, alle sind gleich aufgebaut.

Ich mag diese Enzyklopädien, denn alle wichtigen Personen, Orte, Droiden, Raumschiffe, Fahrzeuge, Kreaturen, Waffen und sonstigen Requisiten (sowie viele unwichtige, die man beim ersten Anschauen des Films vielleicht gar nicht bemerkt) sind abgebildet. Mir scheint, dass nur wenige Film-Screenshots verwendet wurden. Möglicherweise wurden einige Bilder sogar eigens für das Buch angefertigt. Viele Abbildungen füllen eine ganze Seite, einige erstrecken sich sogar über zwei Seiten! So kann man in Ruhe Details studieren, die man im Kino leicht übersieht. Mir ist zum Beispiel erst beim Blättern in der Enzyklopädie klar geworden, inwieweit das Sturmtruppen-Design abgewandelt wurde.

Beschreibungen werden durchaus geliefert, am umfangreichsten für die zentralen Helden und Schurken, also Rey, Finn, Han Solo, Poe Dameron, Kylo Ren und so weiter. Die Texte sind relativ knapp und enthalten so gut wie keine Spoiler. Das gilt auch für die Bilder. Snoke und Luke Skywalker fehlen komplett, Kylo Ren ist nur mit Maske zu sehen. Wer den Film nicht kennt, wird bei der Lektüre auch nicht entsetzt feststellen müssen, dass Han ... Upps! Jetzt hätte ich doch fast zu viel verraten. Jedenfalls darf man nicht auf detailreiche Hintergrundinformationen hoffen, denn das Buch wurde vor Kinostart des Films veröffentlicht. Bei einigen Beschreibungen ist mir nicht klar, ob es sich um kanonische Daten aus dem Drehbuch oder um Hinzudichtungen des Autors handelt. Manche Texte sind gar unfreiwillig komisch. So zeigt ein Pfeil auf Poe Damerons Kopf, daneben steht der Text "Vom Helm zerzaustes Haar". Anderswo wird in dieser Weise "Übellauniges Auftreten" oder ein "Unbarmherziger Blick" beschrieben.

Die Enzyklopädie ist ein nettes Erinnerungsstück. Wer nach umfassenden Informationen sucht, ist beim Online-Nachschlagewerk Jedipedia besser aufgehoben. (18.04.2016)

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718
Der Drache von Samarkand Neal Asher: Der Drache von Samarkand
Bastei Lübbe, 2009
558 Seiten

Im 25. Jahrhundert hat sich die Menschheit über die ganze Milchstraße ausgebreitet. Sie verdankt dies dem genialen Erfinder Iversus Skaidon, der sich als erster Mensch mit einer Künstlichen Intelligenz verbunden und die Grundlagen für eine Technik gelegt hat, die von ihren Nutzern kaum noch verstanden wird. Basierend auf Skaidons Erkenntnissen wurden Portale entwickelt, mit denen jegliche Materie in Nullzeit an unvorstellbar weit entfernte Orte versetzt werden kann, sofern sich dort eine Gegenstation befindet. Nach einem Nonsens-Gedicht Edward Lears werden diese Portale als Runcibles bezeichnet. Sobald ein Runcible per Raumschiff zu einem Planeten gebracht wurde, kann dessen Kolonisierung beginnen. Die zur Anpassung lebensfeindlicher Welten an die Bedürfnisse der Kolonisten benötigte Energie wird von den Reisenden selbst geliefert. Bei jedem Runcible-Transport werden gewaltige Energiemengen freigesetzt, die in Puffern gespeichert und anschließend weiterverwendet werden können. Nur extrem leistungsfähige KIs sind in der Lage, den Betrieb des weit verzweigten Runcible-Netzes zu gewährleisten. Menschliche Arbeitskräfte werden nur noch zum Aufbau neuer Stationen gebraucht. Earth Central, die gewaltigste je erschaffene KI, hat die Regierungsgeschäfte der vernetzten Welten übernommen. Die Earth Central Security (ECS) sorgt für Ordnung und Sicherheit auf allen Kolonialplaneten.

Die über unzählige Planeten verteilte Runcible-Kultur (die Polis) bietet ihren Bürgern einen sehr hohen Lebensstandard. Reisen zwischen den Welten sind so selbstverständlich wie einst eine Fahrt mit der U-Bahn. Infolge der hoch entwickelten Medizin- und Gentechnik der Polis hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung stark erhöht. Tödliche Krankheiten und Verstümmelungen haben ihren Schrecken verloren. Revolutionäre neue Werkstoffe wie das unzerstörbare Kettenglas wurden entwickelt und mittlerweile kann sich jedermann mittels eines Verstärker-Implantats mit Computern verbinden. Alle möglichen Fahrzeuge, sogar Raumschiffe, werden von autonomen KIs gelenkt. Intelligente Androiden in menschlicher Gestalt (so genannte Golems) haben inzwischen fast dieselben Rechte wie ihre Erbauer. Doch nicht alle Menschen begrüßen die Einbindung ihrer Heimatwelten in die Polis. Viele sind nicht einverstanden mit der umfassenden Betreuung - die man auch als Bevormundung bezeichnen könnte - durch KIs. Separatistengruppen streben die Abspaltung von der Polis an. Wenn sie Terrorzellen bilden und Anschläge auf Bürger oder Einrichtungen der Polis verüben, kommen speziell ausgebildete Agenten zum Einsatz. Ian Cormac ist ein Top-Agent der ECS. Sein Gehirn ist direkt mit Earth Central vernetzt. Er kann somit in Echtzeit auf unermessliche Datenpools zugreifen und den allgegenwärtigen KIs Hochrangbefehle erteilen, ohne ein Wort sagen zu müssen oder persönlich vor Ort zu sein.

Im Jahre 2432 infiltriert Cormac eine Zelle gewalttätiger Separatisten auf dem Planeten Cheyne III. Doch ausgerechnet seine größte Stärke, die schon seit Jahrzehnten bestehende Permanentvernetzung mit den KIs, erweist sich als Achillesferse. Cormac ist gefühlskalt geworden und verhält sich wie ein Golem, der Emotionen nicht wirklich empfindet, sondern nur emuliert. Angelika Pelter, die Schwester des Separatistenführers Arian Pelter, durchschaut Cormac und versucht ihn zu ermorden, ist ihm jedoch nicht gewachsen. Cormac ist gezwungen, die Frau zu töten. Im Kampf gegen Cormac wird Arian schwer verwundet. Von diesem Moment an ist der brutale, skrupellose Separatistenführer besessen vom Wunsch nach Rache. Mit dem Söldner John Stanton und dem riesigen Killer-Golem Mr. Crane bricht er auf, um Cormac zur Strecke zu bringen. Der Agent hat bereits einen neuen Auftrag erhalten. Horace Blegg, ein der Legende nach unsterblicher Überlebender des Atombombenangriffs auf Hiroshima, schickt ihn zur Kolonialwelt Samarkand. Dort ist eine Runcible-Transmission fehlgeschlagen, weil die Pufferspeicher ausgefallen sind, was zur Vernichtung der gesamten Kolonie geführt hat. Zehntausende Menschen sind gestorben. Ein solcher Vorfall wurde bisher für ausgeschlossen gehalten. Man geht von einem Sabotageakt aus. Cormac soll den Fall klären - aber er muss dies ohne Vernetzung tun, denn er hätte die Verbindung mit den KIs nicht mehr lange überlebt. Cormacs Möglichkeiten sind somit stark eingeschränkt. Zudem muss er den normalen Umgang mit Menschen erst wieder lernen. Cormac reist mit einem Raumschiff, dessen Besatzung ein neues Runcible installieren soll, nach Samarkand. Dort stößt er schon bald auf Anzeichen, die darauf schließen lassen, dass eine nichtmenschliche, möglicherweise extragalaktische Kreatur namens "Drache", mit der Cormac schon vor geraumer Zeit zu tun hatte und deren Motive niemand kennt, in die Katastrophe verwickelt ist ...

"Der Drache von Samarkand" bildet den Auftakt einer bis jetzt fünfbändigen Serie mit Abenteuern des ECS-Agenten Ian Cormac, welche im Polis-Universum stattfinden. Es gibt eine ganze Reihe weiterer eigenständiger Romane, die im selben Universum angesiedelt sind. Im ersten Band muss der Leser zunächst einmal in besagtes Universum hineinfinden und natürlich steht die Einführung der Hauptfigur im Mittelpunkt. Die technischen, gesellschaftlichen und kosmologischen Grundbedingungen werden präsentiert, die Terminologie wird festgelegt und die Historie des fiktiven Universums wird skizziert. Man könnte "Der Drache von Samarkand" somit als Expositionsphase des Zyklus bezeichnen. Insoweit ist der Roman bestens gelungen! Asher beschreibt Personen, Planeten, Raumschiffe usw. so plastisch, dass ich mir alles sehr gut vorstellen konnte.

Damit ein möglichst breites Spektrum abgedeckt werden kann, folgt die Handlung zwei Haupt-Erzählebenen: Cormac auf Samarkand und Pelter beim Rachefeldzug. Ein Subplot dreht sich um den Söldner Stanton und dessen Geliebte, die Raumschiffskapitänin Jarvellis. Diese beiden sind die "menschlichsten" Figuren des Romans. Cormac, eine Art futuristischer James Bond, wirkt aufgrund der Folgen langjähriger KI-Vernetzung sehr distanziert (das ist natürlich Absicht, er taut nur allmählich auf) und Pelter ist einfach zu eindimensional-bösartig, wenn ich auch zugeben muss, dass die Gründe für seine Besessenheit nachvollziehbar vermittelt werden. Ironischerweise muss der eine Hauptprotagonist zur Menschlichkeit zurückfinden, um Erfolg zu haben, während der andere in seinem Wahn verschiedene Stadien der Entmenschlichung durchläuft. Keiner der beiden eignet sich jedoch als Identifikationsfigur. Mitfiebern konnte ich nur bei Stanton und Jarvellis, dann aber richtig, denn der Autor spielt ihnen übel mit!

Parallelen mit dem KULTUR-Zyklus von Iain Banks sind unübersehbar. Hier wie dort gibt es eine (vorgeblich?) wohlmeinende Superzivilisation, deren Segnungen allen intelligenten Lebewesen in der Galaxis zugute kommen sollen, egal ob diese Lebewesen das wollen oder nicht. Dennoch hat das Polis-Universum genug Eigenständigkeit, um nicht in den Plagiatsverdacht zu kommen. Die Exposition allein würde den Roman schon lesenswert machen, denn ich finde die Polis und ihre Gegner sowie die zum Einsatz kommenden Techniken und die sich daraus ergebenden Denkanstöße faszinierend. Damit meine ich vor allem die Implikationen der Durchdringung der menschlichen Gesellschaft mit Künstlichen Intelligenzen und die absolute Fremdartigkeit der als "Drache" bezeichneten Kreatur. Die Informationsvermittlung wird obendrein in eine spannende Rahmenhandlung mit reichlich Action eingebettet. Hierbei geht der Autor nicht gerade zimperlich vor! Einfache Menschen geraten in den mit allerlei Hightech geführten Kämpfen schnell ins Hintertreffen, und was zum Beispiel Mr. Crane mit seinen Opfern anstellt, wird in blutigen Details beschrieben.

Insgesamt bin ich mit dem Serienauftakt rundum zufrieden. "Der Drache von Samarkand" bietet abwechslungsreiche Hard-SF mit unerwarteten Wendungen und nur leichten Längen im Mittelteil. Das macht definitiv Lust auf die Folgeromane! (11.04.2016)


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717
Im Lande des Mahdi II Karl May: Im Lande des Mahdi II
Kindle Edition

Kara Ben Nemsi hat die Frauen der Fessarah-Beduinen aus den Händen des Sklavenjägers Ibn Asl befreit und in ihrer Heimat abgeliefert. Jetzt ist er unterwegs nach Chartum, um die ihm zur Verfügung gestellten Soldaten an deren Befehlshaber Achmed Abd el Insaf, den mit der Zerschlagung des sudanesischen Sklavenhändlerrings beauftragten Reis Effendina, zu überstellen. Man legt eine Pause an einem Brunnen in der Savanne ein. Dort erscheint ein Reiter, der sich als Händler ausgibt, in Wahrheit aber ein Spion des Sklavenjägers Abd Asl ist und die Soldaten in einen Hinterhalt locken soll. Kara Ben Nemsi dreht den Spieß um und bringt Abd Asl sowie dessen Schergen in seine Gewalt. So erfährt er, dass Ibn Asl dem Reis Effendina eine tödliche Falle gestellt hat.

Kara Ben Nemsi müsste sich nun beeilen, um seinen Freund zu warnen, doch zuvor hat er eine Begegnung mit einem Mann namens Mohammed Achmed, der sich selbst als "Fakir el Fukara" (vorzüglichster aller Fakire) bezeichnet und dem Wahn anheimgefallen ist, der Mahdi zu sein - ein Erlöser, der alle Nicht-Muslime entweder bekehren oder vernichten wird. Beim Kampf gegen einen menschenfressenden Löwen rettet Kara Ben Nemsi diesem Mann das Leben, aber der dankt es ihm schlecht, denn er ist mit Ibn Asl verbündet.

Um den Reis Effendina rechtzeitig warnen zu können, trennt sich Kara Ben Nemsi von den Soldaten. Er nimmt nur seinen verlässlichen neuen Gefährten Ben Nil mit. Die beiden wagen sich in die Höhle des Löwen oder vielmehr auf Ibn Asls Schiff Eidechse, denn noch kennt der Sklavenhändler seinen Erzfeind nicht persönlich. Kara Ben Nemsi gibt sich als Sklavenhändler aus und gewinnt durch seine Keckheit den Respekt Ibn Asls. Dieser erzählt dem vermeintlichen Geschäftspartner, dass er den verhassten deutschen Effendi, der ihm schon manchen Plan vereitelt hat, zu Tode foltern will, sobald er ihn gefangen hat. Ibn Asl erläutert Kara Ben Nemsi sogar, auf welche Weise der Reis Effendina vernichtet werden soll. Fässer mit brennbarem Öl sowie dürres Sumpfgras in großen Mengen liegen bereit. Sobald sich Achmed Abd el Insafs Schiff nähert, soll der Nil in Flammen gesetzt werden. Kara Ben Nemsi wagt alles, um das zu verhindern. Doch diesmal ist das Glück nicht auf seiner Seite, denn er wird belauscht, als er sich mit Ben Nil bespricht ...

Ich habe im obigen Spoiler den Namen "Kara Ben Nemsi" für den Ich-Erzähler verwendet. Dieser Name kommt im Roman kein einziges Mal vor, aber wie ich schon im Kommentar zu Band 1 erklärt habe, kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Held mit Karl Mays Alter Ego identisch ist. Der Roman hat teilweise einen realen Hintergrund, denn den "Mahdi" hat es wirklich gegeben. Der Mahdi-Aufstand war im Jahre 1890, als May den Roman geschrieben hat, in vollem Gange. May konnte es wohl nicht verwinden, dass ein islamischer Führer solch großen Erfolg hatte, deshalb kommt der Mahdi bei ihm sehr schlecht weg und wird am Ende mit blutig gepeitschten Fußsohlen am Rande eines vor Krokodilen wimmelnden Flusses liegen gelassen! Zuvor wird ein religiöser Disput geführt, bei dem Kara Ben Nemsi den Mahdi demütigt. Ansonsten ist die Mahdi-Episode für den Roman vollkommen bedeutungslos.

Die Handlung ist durchaus unterhaltsam, verläuft aber größtenteils nach dem altbekannten Schema. Kara Ben Nemsi belauscht seine Feinde und erfährt auf diese Weise, welche Pläne sie verfolgen, oder er horcht sie in einem Gespräch geschickt aus. Dann nimmt er die Schurken gefangen und legt in wortreichen Gesprächen dar, wie ihm das gelungen ist, das heißt, er beweist ihnen, wie doof sie im Vergleich mit ihm sind. Alternativ erörtert er zunächst mit seinen meist ziemlich begriffsstutzigen Gefährten, wie er vorgehen wird. Sobald das Vorhaben verwirklicht wurde, erläutert er den verdutzten Bösewichten, warum sie zwangsläufig unterliegen mussten. Alles in allem wird sehr viel geredet, das eigentliche Geschehen wird dagegen in ein paar Sätzen abgehandelt. Zwischendurch wird Kara Ben Nemsi mehrmals gefangen genommen, entkommt aber natürlich sehr schnell wieder.

Die Nervensäge Selim wird diesmal zum Glück nur einmal kurz erwähnt. Stattdessen entwickelt sich Ben Nil zu einem der kompetentesten Sidekicks, die Kara Ben Nemsi (oder Old Shatterhand) je hatte. Das ist ungewöhnlich! Normalerweise werden solche Nebenfiguren bei Karl May entweder als Trottel eingesetzt, damit der Held noch mehr glänzen kann, oder sie sorgen für humoristische Auflockerung. Ben Nil ist dagegen ein sehr gelehriger Schüler Kara Ben Nemsis und macht kaum Fehler. (04.04.2016)


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716
Extinction Kazuaki Takano: Extinction
Bertelsmann, 2011
557 Seiten

Durch seine Intelligenz ist der Homo Sapiens zur dominierenden Spezies auf dem Planeten Erde geworden. Andere Menschenarten wie der Neandertaler, die sich gleichzeitig entwickelt haben, existieren seit vielen Jahrtausenden nicht mehr. Die Tatsache, dass die Menschen einen beträchtlichen Teil ihrer Intelligenz zur Vernichtung von ihresgleichen einsetzen, lässt darauf schließen, dass die nicht so weit entwickelten Menschenarten nicht etwa ausgestorben sind, sondern von ihren aggressiven Zeitgenossen ausgerottet wurden. Was würde also geschehen, falls die Evolution eine neue Menschenart hervorbringt, deren Intelligenz die des Homo Sapiens so weit übertrifft, dass ihre Gedankengänge nicht mehr nachvollziehbar wären? Im Auftrag der US-Regierung erarbeitet der Wissenschaftler Dr. Joseph Heisman in den Siebzigerjahren einen Katalog möglicher Szenarien, die zum Untergang der Menschheit führen könnten. Die Entstehung eines neuen, intelligenteren Menschen wird von Heisman als gleichwertig neben einem globalen Atomkrieg, dem Einschlag eines großen Asteroiden und anderen Katastrophen bezeichnet.

Im Jahre 2004 setzt US-Präsident Gregory S. Burns die "Operation Nemesis" in Gang, einen Aktionsplan zur Eliminierung einer im Kongo entdeckten gefährlichen Lebensform. Jonathan Yeager, ehemaliger Elitesoldat und jetzt als Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma im Nahen Osten tätig, sowie drei weitere Söldner erhalten den Auftrag, eine vierzigköpfige Sippe von Kanga-Pygmäen sowie den bei diesem Stamm lebenden Anthropologen Prof. Nigel Pierce zu töten. Angeblich leiden die Kanga und Pierce an einer neuartigen Form von Ebola, die sich über die ganze Welt ausbreiten könnte. Yeager hat größte Bedenken, was diesen Einsatz angeht, aber er benötigt den Sold, um die kostspielige Behandlung seines an pulmonaler Alveolarepithelzellensklerose leidenden Sohnes Justin bezahlen zu können. Yeager und seine Kameraden erreichen das mitten im Kriegsgebiet liegende Pygmäendorf, müssen aber feststellen, dass sie bereits erwartet werden. Pierce ist über jeden ihrer Schritte im Bilde. Außerdem kennt er die wahren Hintergründe ihres Auftrages. Was er den Söldnern zu sagen hat, stellt ihr gesamtes Weltbild auf den Kopf.

Zur gleichen Zeit wird der Promotionsstudent Kento Koga durch die letzte Nachricht seines plötzlich und unerwartet verstorbenen Vaters in Geschehnisse hineingezogen, die er nicht versteht, so dass er in größte Gefahr gerät. Kento soll eine geheime Forschungsarbeit seines Vaters fortführen. Zwei Laptops, fünf Millionen Yen und ein verstecktes Labor stehen ihm zur Verfügung. Ziel ist die Entwicklung eines Medikaments gegen pulmonale Alveolarepithelzellensklerose, eine unheilbare Erbkrankheit, an der 100.000 Kinder weltweit leiden und die in jedem Fall tödlich verläuft. Der Nachricht seines Vaters zufolge hat Kento nur einen Monat Zeit - eine unmögliche Aufgabe, doch einer der beiden Laptops enthält eine revolutionäre Software zur Medikamentenherstellung. Zudem wird Kento von einem Unbekannten unterstützt, dessen Kenntnisse wie Hellseherei wirken ...

Die Kurzzusammenfassung beschränkt sich auf die wichtigsten Handlungsstränge. Yeager und Kento sind die Hauptfiguren des Romans, aber um diese Erzählebenen herum geschieht noch eine ganze Menge mehr. Eine weitere wichtige Person ist zum Beispiel Arthur Rubens vom Pentagon. Er hat "Operation Nemesis" ausgearbeitet, steht aber keineswegs dahinter. Ihm wird schnell klar, dass er es mit einem Gegner zu tun hat, dessen Intellekt nicht nach menschlichen Maßstäben gemessen werden kann und der im Grunde gar kein Gegner ist. Der wahre Feind sitzt im Weißen Haus. Er heißt Burns, hat den "Krieg gegen den Terror" angezettelt und ist für den Leser unschwer als George W. Bush zu erkennen. Burns wird so negativ dargestellt, dass man dem Autor Antiamerikanismus vorwerfen könnte. Ich meine jedoch, dass ihm daran gelegen war, die mit dem US-amerikanischen Regierungssystem verbundenen Risiken aufzuzeigen. An der Spitze dieser Weltmacht steht jemand, der unter bestimmten Umständen zum Diktator werden könnte. Übernahme militärischer Aufgaben durch private Sicherheitsfirmen, Folter im Namen der Terrorbekämpfung, Drohnenkrieg und so weiter - das alles wird angeschnitten, und wenn es im Erscheinungsjahr (2004) wie dystopische Science Fiction geklungen haben sollte, dann wurden wir eines Schlechteren belehrt.

Auch sonst kommt in "Extinction" eine nicht sehr optimistische Weltsicht zum Ausdruck. Die Schilderung des Kriegs im Kongo ist starker Tobak - umso mehr, als es sich nicht um Fiktion handelt. Das ist mir erst durch Internet-Recherche klar geworden. Man schlage in der Wikipedia den Begriff "Lord's Resistance Army" nach. Wenn Takano die Grausamkeiten beschreibt, zu denen der Mensch fähig ist, dann ist das nicht Selbstzweck. Es stellt sich vielmehr die Frage nach der Existenzberechtigung unserer Spezies. Natürlich sollen Yeager und seine Kameraden nicht etwa die Ausbreitung einer neuen Art von Ebola verhindern. Bei den Pygmäen wurde ein Kind (Akili) geboren, das als nächster Evolutionsschritt bezeichnet werden muss. Im Alter von drei Jahren ist Akili jedem Erwachsenen intellektuell weit überlegen und besitzt Fähigkeiten, die ans Übernatürliche grenzen. Jetzt stellt sich die Frage, wie die Menschheit mit ihm umgeht und wie Akili darauf reagiert. Wenn der Leser angesichts der geschilderten Gräueltaten schon ein mulmiges Gefühl hat, dürfte Akili zu dem Schluss kommen, dass der Homo Sapiens, primitiv und grausam wie er ist, ausgelöscht werden muss! Hier kommt wiederum Burns ins Spiel, ein Fundamentalist, nach dessen Meinung die Existenz des neuen Menschen nicht gottgewollt sein kann. Da Akili jeden noch so komplizierten militärischen Code mühelos knackt, was natürlich nicht hingenommen werden kann, scheint sein Schicksal besiegelt zu sein. Doch Akili dreht den Spieß um ...

Ganz schwarz sieht Takano nicht. Menschen wie Kento und Yeager dienen als Gegenbeispiele. Kento opfert sich auf, um das Heilmittel zu entwickeln, denkt dabei aber nicht an den möglichen Profit, sondern an die zum Tode verurteilten Kinder. Yaeger ist kein tumber Befehlsempfänger und setzt sein Leben aufs Spiel, um Akili zu retten. Was die Figurenzeichnung angeht, ist "Extinction" sicher kein Meisterwerk, doch zumindest die Hauptfiguren erhalten durchaus Tiefe. Wenn Kento molekularbiologische und pharmakologische Probleme wälzt, gehen dem Autor manchmal die Pferde durch. Dann wirft er zu freigiebig mit Fachbegriffen um sich. Dennoch hat mir dieser zum Nachdenken anregende Wissenschaftsthriller gefallen. Die Spannung bleibt auf hohem Niveau, falsche Fährten führen den Leser in die Irre und sorgen für mehrere Plot-Twists. Mit der in Japan spielenden Kento-Handlungsebene fließt interessantes Lokalkolorit ein. (29.03.2016)


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715
Wilsberg isst vietnamesisch Jürgen Kehrer: Wilsberg isst vietnamesisch
Grafit-Verlag, 2001
188 Seiten

Georg Wilsbergs aus ihm selbst und der Jurastudentin Franka Holtgreve bestehende Privatdetektei steckt wieder mal in der Existenzkrise. Seit Wochen sind keine neuen Aufträge mehr hereingekommen. Deshalb nimmt Franka einen Fall an, den Wilsberg abgelehnt hätte, weil die Klientin Susanne Klotz drogenabhängig und offensichtlich nicht liquide ist. Franka meint, ein Erfolg in dieser Sache könnte zu Werbezwecken ausgenutzt werden. Susanne glaubt, ihre jüngere Schwester Jessica Wiedemann sei von deren Ehemann Rainer ermordet worden, weil sie ihn verlassen wollte. Die Polizei hat den Fall ohne weitere Ermittlungen zu den Akten gelegt, weil der Hausarzt Dr. Thalheim eine natürliche Todesursache bescheinigt hat. "Herzversagen" ist bei einer gesunden jungen Frau tatsächlich eher ungewöhnlich. Wilsbergs Interesse wird erst richtig geweckt, als sein Freund Hauptkommissar Stürzenbecher einräumt, dass der Fall von einem nicht ganz fachkompetenten Kollegen bearbeitet wurde, der Wochenenddienst hatte und daher möglicherweise nicht die gebotene Sorgfalt an den Tag gelegt hat.

Von Tran Thi Kim Oanh, der Besitzerin eines Asia-Schnellimbisses in der Nähe der Wiedemannschen Wohnung, erfährt Wilsberg, dass Jessica in den Tagen vor ihrem Tod besonders fröhlich und offensichtlich verliebt war. Wilsberg überredet Stürzenbecher, eine nachträgliche Obduktion zu veranlassen. Es wird festgestellt, dass Jessica große Mengen eines Beruhigungsmittels genommen hat und mit einem Kissen erstickt wurde, das sich immer noch in der Wohnung befindet. Somit wandert Rainer als Hauptverdächtiger in Untersuchungshaft. Wilsberg ist jedoch nicht von seiner Schuld überzeugt. Als Rainer ihn bittet, den wahren Mörder zu finden, schickt Wilsberg Susanne die Abschlussrechnung, um anschließend gegen sie ermitteln zu können. Von Jessicas bester Freundin Steffi Kleinschmidt wird Wilsberg auf die Idee gebracht, dass Susanne ein Mordmotiv hat. Im Falle von Rainers Verurteilung wäre sie Alleinerbin ihrer Schwester, und Jessica hat jüngst eine größere Summe von ihrer Tante Helga Dickmöller geerbt. Susanne ist dabei leer ausgegangen. Bargeld, das Tante Helga in ihrer Wohnung aufbewahrt hatte, war kurz nach ihrem Tod verschwunden.

Der Fall nimmt eine neue Dimension an, als Wilsberg von Kim Oanh darüber aufgeklärt wird, dass Helga Dickmöller nur eine von vielen alten Damen war, die in den letzten Monaten im Nobelviertel Sankt Mauritz tot in ihren Wohnungen aufgefunden wurden. Alle Totenscheine wurden von Dr. Thalheim ausgestellt, und alle Frauen sind von einer Nachbarin namens Agnes Kentrup betreut worden. Ist Wilsberg also auf die Spur eines so genannten "Todesengels" gestoßen?

Wilsbergs dreizehnter Fall wurde vom ZDF verfilmt, und das war eine gute Wahl, denn "Wilsberg isst vietnamesisch" ist einer der besten Romane mit dem sympathischen Privatdetektiv aus Münster, vielleicht sogar der beste überhaupt. Was wie ein typisches Eifersuchtsdrama beginnt und scheinbar schnell aufgeklärt wird, nimmt eine zwar vorhersehbare, aber doch nicht ganz so einfache Wendung und zieht immer weitere Kreise. Wilsberg merkt schon bald, dass er nicht etwa in zwei Fällen ermittelt - Jessicas Ermordung und die Todesfälle in Sankt Mauritz hängen zusammen. Nur wie? Um dieses Puzzle zusammenzusetzen, muss Wilsberg einerseits recht viel bodenständige Ermittlungsarbeit leisten, andererseits aber auch eine riskante Infiltrationsaktion wagen, bei der sogar ein wenig Agenten-Action einfließt. Dazu das typische Lokalkolorit, verschiedene bissige Seitenhiebe des Ich-Erzählers ... Die Mischung ist bekannt, sie funktioniert diesmal aber besser als je zuvor!

Ich konnte nur einen einzigen Kritikpunkt finden, und der ist leicht zu verschmerzen, denn er hängt mit Wilsbergs Partnerin Franka zusammen, deren Zusammenspiel mit dem knurrigen Detektiv immer besser wird. Franka übernimmt nämlich einen zweiten Fall, bei dem Wilsberg allergiebedingt passen muss. Es geht um die Tötung von Zuchtpferden. Franka kommt dem Täter auf die Spur (und sie kommt dem Auftraggeber näher, so dass Wilsberg tatsächlich ein bisschen eifersüchtig wird), wird von diesem niedergeschlagen und landet im Krankenhaus. Dort begegnet sie ausgerechnet jemandem, der zur Klärung des Hauptfalles unentbehrlich ist. Das ist ein für für meinen Geschmack zu großer Zufall!

Sozialkritische Exkurse sind auch wieder vorhanden. Mir haben insbesondere die Ausführungen eines Rechtsmediziners zu denken gegeben, mit dem Wilsberg über die hierzulande gängige Praxis bei Ermittlungen in Todesfällen spricht. Hierbei geben sich Polizei und Justiz weniger Mühe als gedacht. Ich nehme an, dass Jürgen Kehrer diesbezüglich sorgfältig recherchiert hat und dass folgende Behauptung stimmt: Je weniger Todesfalluntersuchungen durchgeführt werden, desto weniger Morde werden festgestellt und desto höher ist die Aufklärungsquote. Deshalb gibt es nach Meinung des Professors in Deutschland eine Grauzone, in der man ungestraft töten kann ... (21.03.2016)


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714
Der Marsianer Andy Weir: Der Marsianer
Heyne, 2015
509 Seiten

Die ersten Menschen auf dem Mars wurden bei ihrer Rückkehr wie Helden gefeiert. Ares 3, die dritte bemannte Marsmission, rückt dagegen erst ins Zentrum des öffentlichen Interesses, als es wenige Marstage nach der Landung zu einer Katastrophe kommt. Die Mission muss abgebrochen werden, denn ein Staubsturm zieht auf, in dem die Landefähre umzukippen droht. Das sechsköpfige Team verlässt die Wohnkuppel, doch im Freien wird der Astronaut Mark Watney von einer abgerissenen Antenne getroffen, die sich wie eine Lanze in seine Seite bohrt. Dabei wird der Computer seines Schutzanzuges beschädigt, so dass keine Vitaldaten mehr gesendet werden. Watney verschwindet im Sturm. Seine Kameraden müssen annehmen, dass er nicht mehr am Leben ist. Kommandantin Melissa Lewis unternimmt alles, um wenigstens seine Leiche zu bergen, ist aber gezwungen, ihn zurückzulassen. In letzter Minute kann das Team starten und zum Mutterschiff Hermes zurückkehren, welches umgehend die monatelange Reise zur Erde antritt. NASA-Chef Theodore Sanders und Missionsleiter Vincent Kapoor haben die traurige Aufgabe, vor die Medien zu treten und Watneys Tod zu verkünden.

Doch Watney lebt! Die Verletzung ist relativ harmlos und durch das ausgetretene Blut wurde der Anzug einigermaßen abgedichtet. Watney bringt sich in der Wohnkuppel in Sicherheit, hat aber keine Möglichkeit, Kontakt mit der Erde oder der Hermes aufzunehmen, denn die Funkanlage wurde im Sturm zerstört. Watney ist nun der einzige Mensch auf dem Mars. Er müsste vier Jahre bis zum Eintreffen der nächsten Marsmission auf dem lebensfeindlichen Planeten ausharren. Strom, Atemluft und Trinkwasser sind in ausreichender Menge vorhanden, aber die Lebensmittelvorräte, die Watney durch den Anbau von Kartoffeln streckt, werden selbst bei strengster Rationierung lange vor dem Eintreffen von Ares 4 erschöpft sein. Die Landefähre von Ares 4 befindet sich allerdings bereits auf dem Mars. Watney will versuchen, die Fähre zu erreichen. Sorgfältig beginnt er mit der Planung und Vorbereitung der 3.200 Kilometer langen Reise mit dem Marsrover.

Watneys Aktivitäten bleiben nicht unbemerkt, denn die Marsoberfläche wird mittels mehrerer Satelliten permanent beobachtet. Die NASA bereitet eine Rettungsmission vor. Gleichzeitig wird Watneys Schicksal zu einem gewaltigen Medienphänomen. Davon ahnt der einsame Astronaut zunächst nichts. Dann gelingt es ihm, die schon im Jahre 1997 auf dem Mars gelandete Pathfinder-Sonde zu bergen und deren Funkanlage in Betrieb zu nehmen. Endlich erhält Watney Kontakt mit der NASA und kann somit auf das Knowhow der gesamten Menschheit zurückgreifen. Doch der Zeitrahmen ist extrem knapp. In der Eile schleichen sich Fehler bei der Konstruktion des Rettungsschiffes ein. Außerdem wird Watneys Kartoffelfarm durch einen Defekt in der Wohnkuppel restlos zerstört ...

Auf Empfehlung der Bloggerin Christina Hacker, bei der ich mich hiermit nochmal für den Tipp bedanke, habe ich einen meiner Grundsätze durchbrochen. Wird ein Roman verfilmt, dann lese ich wenn möglich immer zuerst das Buch, denn ich möchte eine "Kontaminierung" meiner Phantasie durch den Film vermeiden. Diesmal habe ich es umgekehrt gemacht - und das war genau richtig! Hätte ich nicht schon Ridley Scotts Verfilmung gesehen, dann hätte ich mir bei der Lektüre einiges wahrscheinlich nicht so gut vorstellen können. Das betrifft vor allem den Mars. Wie sieht die Planetenoberfläche am Standort der Wohnkuppel aus? Wie "fühlt es sich an", dort zu leben? Bedingt durch die Erzählweise des Romans finden sich diesbezüglich nur wenige Beschreibungen, so dass es sehr hilfreich war, die entsprechenden Bilder des Films bereits im Kopf zu haben. Die Watney-Kapitel haben die Form von Logbucheinträgen. Der Ich-Erzähler bringt die Einsamkeit seines Daseins auf dem Mars nur andeutungsweise zum Ausdruck und konzentriert sich logischerweise auf sein unmittelbares Umfeld, also auf die Wohnkuppel, den Rover und die Werkzeuge, die er verwendet. Dass ihm in dieser Situation Zeit und Lust für eindrucksvolle Schilderungen landschaftlicher Schönheiten fehlen, ist vollkommen verständlich! Für den Leser bedeutet es aber, dass die Kuppel ebenso gut auf dem Grund eines Ozeans stehen könnte.

In "Der Marsianer" wird natürlich keine neue Geschichte erzählt. Man könnte die Story als "Robinson Crusoe auf dem Mars" bezeichnen und es gibt sogar einen Film aus dem Jahre 1964, der genau so heißt. Tatsächlich gibt es viele Parallelen zwischen Weirs Roman und diesem Film, denn auch im letzteren muss ein gestrandeter Astronaut all sein Improvisationstalent einsetzen und die Gegebenheiten vor Ort nutzen, um zu überleben. Als Science Fiction sind sowohl der Film als auch der Roman zu bezeichnen, schließlich sind wir noch nicht auf dem Mars gelandet. Der entscheidende Unterschied ist der Realismus. So liest sich alles, was Watney auf dem Mars anstellt und was bei der NASA vor sich geht, absolut überzeugend, wenn auch teilweise sehr technisch. Aber jedes Mal, wenn Watney Berechnungen anstellt oder wenn sich die NASA-Eierköpfe bei der Diskussion verschiedener Theorien in Details zu verzetteln beginnen, bekommt Weir rechtzeitig die Kurve, komplexe Sachverhalte werden verständlich dargestellt. Watneys Basteleien waren jedenfalls selbst für mich, der ich von (Astro-)Physik, Raumfahrttechnik und so weiter so gut wie keine Ahnung habe, jederzeit nachvollziehbar. Langeweile kommt aufgrund der häufigen Perspektivwechsel schon gar nicht auf.

Ein großer Pluspunkt des Romans ist der Humor. Vor allem Watney scheint ein echter Spaßvogel zu sein! Er drückt sich manchmal ziemlich drastisch aus und ist selbst in lebensgefährlichen Situationen noch zu Scherzen aufgelegt. Überhaupt steht Watney eindeutig im Mittelpunkt. Er ist eine grundsympathische, äußerst lebensnahe Figur, erfüllt also alle Voraussetzungen, um den Leser zum Mitfiebern zu bringen. Beim restlichen vielleicht etwas zu großen Figurenensemble sticht dagegen niemand so richtig heraus - hier hilft es wiederum, erst den Film zu sehen. Ich hätte nur eines machen müssen: Das Kino vor dem Ende des Films verlassen. Die entscheidende Frage ist ja, ob Watney überleben wird oder nicht. Das wusste ich jetzt schon, und das hat der Lektüre einen Gutteil der Spannung genommen. (14.03.2016)


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713
Wolfskinder John Ajvide Lindqvist: Wolfskinder
Bastei Lübbe, 2013
557 Seiten

Lennart Cederström findet im Wald einen in einem flachen Grab verscharrten Säugling. Das Kind ist dem Tode nahe, doch nachdem Lennart es beatmet hat, erholt es sich und stößt einen lauten Schrei aus. Von diesem Moment an steht für Lennart fest, dass er seinen Fund nicht melden und das Mädchen bei sich behalten wird. Denn Lennart besitzt ein absolutes Gehör und kann erkennen, dass die Kleine vollkommen reine Töne von sich gibt. Lennart, der eine nicht besonders erfolgreiche Karriere als Schlagersänger hinter sich hat, sieht seine letzte Chance gekommen, im Showbusiness Fuß zu fassen. Er versteckt das Kind im Keller. Nur seine Frau Laila und sein Sohn Jerry sind eingeweiht. Damit die Kleine gar nicht erst auf die Idee kommt, das Haus zu verlassen, jagt er ihr Todesangst mit der Behauptung ein, Kinder wie sie seien draußen Freiwild und die "Großen" würden sie jagen, um sie zu fressen. So wächst die Kleine in völliger Isolation auf. Jahre vergehen, in denen Lennart versucht, die besonderen Fähigkeiten des Kindes zu fördern. Die Kleine spricht nicht, aber sie kann jedes Lied mit unglaublicher Perfektion nachsingen. Die Kleine ist nicht fähig, eine emotionale Beziehung zu ihren "Eltern" aufzubauen. Nur Jerry findet einen Draht zu der Kleinen, der er den Namen Theres gibt. Als Theres ungefähr zwölf Jahre alt ist, kommt es zur Katastrophe. Sie tötet ihre "Eltern" und meißelt die Köpfe der Leichen auf, um nachzusehen, ob Liebe darin ist.

Jerry vertuscht den Vorfall und nimmt Theres bei sich auf. Weitere Jahre vergehen, in denen Jerry die Existenz seiner "Schwester" geheim hält. Zunächst stellt das Internet die einzige Möglichkeit für Theres dar, Verbindung mit der Außenwelt aufzunehmen. Dann nimmt sie an einer Castingshow teil. Aufgrund ihrer perfekten Stimme kommt sie bis in die Endausscheidungen, wird dann aber abgewählt, weil sie praktisch nicht mit dem Publikum interagiert. Teresa Svensson, ein etwa gleichaltriges, introvertiertes Mädchen, das in der Schule als Außenseiterin gilt und nur gemobbt wird, sieht die Castingshow. Sie ist völlig hingerissen von Theres. Über ein Poesie-Portal kommen die beiden Mädchen in Kontakt. Sie treffen sich und entwickeln zwar keine echte Freundschaft - das ist bei jemandem wie Theres unmöglich - aber eine künstlerische Symbiose. Teresa schreibt Texte für Melodien, die Theres zusammen mit Jerry komponiert hat. Unter dem Namen "Tesla" veröffentlichen die beiden einen Song bei YouTube, der zum gigantischen Erfolg wird. Da ihr eigener Beitrag zu diesem Hit nicht gewürdigt wird, verfällt Teresa in tiefe Depressionen. Sie landet vorübergehend in der Jugendpsychiatrie.

Eines Tages verlangt Theres, dass Teresa einen Menschen töten soll. Die Mädchen begehen den Mord gemeinschaftlich. Für Teresa ist es wie eine Befreiung. Sie gewinnt Selbstsicherheit und wird Bestandteil eines "Wolfsrudels", das sich um Theres schart. Damit alle Mädchen dieselben Erfahrungen machen, plant Teresa einen Anschlag auf das größte Musikfestival Schwedens ...

Der Roman endet mit einem Amoklauf der "Wolfskinder". Am Ende bleibt die Frage offen, warum es so weit kommen musste, das heißt, warum die Mädchen es für nötig halten, mehrere Dutzend Menschen, die ihnen absolut nichts getan haben, auf grausame Weise zu ermorden. Wer in der Schule ähnliches zu erdulden hatte wie Teresa, wird ihre Probleme bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen können, denn Lindqvist schildert ihre Seelenqualen sowie die nicht enden wollenden Demütigungen wirklich sehr eindrucksvoll und einfühlsam. Dennoch bleibt der Schluss zumindest für mich unverständlich. Ich verstehe nicht, warum in Teresa und den anderen Mädchen eine solche Mordlust erwächst und was sie mit dem Amoklauf, der nur zur Selbstzerstörung führt, überhaupt bezwecken. Aber vielleicht war gerade das die Absicht des Autors. Vielleicht wäre es zu billig gewesen, wenn sich die Mädchen an jenen gerächt hätten, unter denen sie immer zu leiden hatten. Manchmal gibt es nun mal keine einfachen Antworten.

Ich begreife auch nicht, was es mit dem "roten Rauch" auf sich hat, den die Mädchen zu sehen und zu inhalieren glauben, wenn sie den Schädel eines Opfers öffnen. Existiert diese Substanz wirklich? Handelt es sich um die Seele des Toten? Ist es eine kollektive Halluzination? Der "rote Rauch" ist das einzige übernatürliche Element in "Wolfskinder". Vampire (So finster die Nacht), Geister (Menschenhafen) und Zombies (So ruhet in Frieden) kommen nicht vor, deshalb ist es schwerer als bei Lindqvists früheren Romanen, die Story in eine Schublade zu stecken. Theres mag ein sehr merkwürdiger Mensch sein, aber sie ist eben "nur" ein Mensch. Oder doch nicht? Ihre Herkunft, der Grund für ihre Begabung - all das bleibt ungeklärt, und das ist gut, denn zu viele Erklärungen hätten diese Figur nur entzaubert.

Bei anderen Figuren ist Lindqvist nicht so zurückhaltend. Er verwendet viele, viele Seiten auf die in dieser Ausführlichkeit nicht erforderliche Ausarbeitung verschiedener Handlungsstränge und die Einführung von Nebenfiguren, komplett mit zwar nicht uninteressanten, für die Kernhandlung aber mehr oder weniger bedeutungslosen Backstorys. Der Roman ist deshalb mindestens um 150 Seiten zu lang. Zugegeben, die entsprechenden Kapitel sind durchaus fesselnd! Rückschauend betrachtet muss ich aber sagen, dass das wenigste davon wirklich gebraucht wird. Und ich frage mich immer noch, was mir der Autor eigentlich sagen wollte. (07.03.2016)


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712
Der gelbe Nebel Alexander Wolkow: Der gelbe Nebel
Fischer, 2013
380 Seiten

Ungefähr zweitausend Jahre nach der Erschaffung des Zauberlandes durch den Riesen Hurrikap überquert die Hexe Arachna die Weltumspannenden Berge. Die dreißig Ellen große Zauberin ist abgrundtief böse und bringt allerlei Unheil über die friedlichen Zauberlandvölker. Sie verschont nur das ihr treu ergebene Zwergenvolk, denn schließlich braucht sie Helfer, die sie mit Nahrung versorgen und ihre Höhle sauber halten. Hurrikap könnte die Hexe mit einem einzigen Schlag zermalmen, doch das ist undenkbar für den gutmütigen Riesen. Stattdessen versetzt er Arachna mittels eines Zauberspruches in einen fünftausendjährigen Schlaf. Die Zwerge erhalten die Erlaubnis, weiter für die Hexe zu sorgen, so dass diese den Schlaf unbeschadet übersteht. Als Arachna erwacht, haben sich die Verhältnisse im Zauberland grundlegend geändert. Neue Herrscher sind an die Macht gekommen, unter anderem der Scheuch und der Eiserne Holzfäller, denen ein kleines Mädchen aus der Großen Welt namens Elli geholfen hat. All diese Geschehnisse wurden von Chronisten aus dem Zwergenvolk in unzähligen Schriftrollen festgehalten.

Nachdem Arachna die Chronik gelesen und sich somit auf den neuesten Stand gebracht hat, beschließt sie, die Königreiche des Zauberlandes zu unterwerfen. Sie versucht Urfin Juice auf ihre Seite zu bringen, doch der gestürzte Usurpator wurde durch seine Erlebnisse geläutert und lehnt ab. Bei Urfins ehemaligem Minister Ruf Bilan hat die Hexe mehr Glück. Zusammen mit ihm macht sie sich auf den Weg in die verschiedenen Reiche, erleidet aber eine schmerzliche Niederlage nach der anderen, denn die Völker des Zauberlandes stehen zusammen und gehen mutig gegen Arachna vor. Um ihre Feinde doch noch in die Knie zu zwingen, beschwört die Hexe den Gelben Nebel. Fast das gesamte Zauberland liegt daraufhin unter einer Nebeldecke, die Augen und Lungen von Mensch und Tier angreift. Nur Arachnas Domäne sowie die Reiche Willinas und Stellas sind ausgenommen - mit den beiden mächtigen Zauberinnen will sich Arachna lieber nicht anlegen. Die Doktoren Boril und Robil finden geeignete Mittel gegen die gesundheitsschädliche Wirkung des Nebels. Doch gegen eine andere Auswirkung ist kein Kraut gewachsen. Die Sonnenstrahlen haben in den betroffenen Gebieten keine Kraft mehr, so dass eine katastrophale Missernte droht. Schon bald fällt zum ersten Mal seit Jahrtausenden Schnee im Zauberland ...

Der vorletzte Band der Zauberland-Reihe enthält ein Kapitel, in dem Arachna die Zwergenchronik liest. Darin werden die relevanten Geschehnisse der ersten vier Romane kurz zusammengefasst. Nur deshalb ist Band fünf deutlich dicker als die anderen, aber so ein Rückblick schadet ja nicht, wenn man die Geschichten nicht sofort nacheinander liest.

Wie schon im letzten Roman kehrt nicht Elli ins Zauberland zurück, sondern die im Grunde nicht von ihr unterscheidbare Ann. Sie wird um Hilfe gebeten, weil sie im Gegensatz zu den Zauberlandbewohnern Erfahrung mit Schnee und Eis hat. Ann wird von Tim O'Kelly und Charlie Black begleitet. Faramant, der als Bote in die Große Welt entsandt wurde und somit der erste Zauberlandbewohner sein dürfte, der die Weltumspannenden Berge hinter sich gelassen hat, richtet ein interessantes Angebot des Scheuchs aus. Elli soll eine Lehrstelle in der Smaragdenstadt annehmen! Die junge Frau lässt sich das durch den Kopf gehen ...

Jedenfalls müssen Ann, Tim und Charlie ohne Ellis Hilfe gegen Arachna antreten. Es handelt sich also um eine Variation des bekannten Themas, nur ist diesmal nicht Urfin der Schurke, sondern eine zu groß geratene Hexe, deren Bösartigkeit einfach als gegeben hingenommen werden muss. Im Gegensatz zu Urfin fehlt Arachna jeglicher Tiefgang. Tatsächlich macht Urfin jetzt sogar noch eine weitere Wandlung durch und wird zur positiven Figur! Entscheidende Bedeutung beim Kampf gegen Arachna kommt einem von Charlie entwickelten mechanischen Ritter zu. Ein Riesenroboter im Zauberland! Köstliche Idee. Interessant an der Geschichte ist außerdem die Tatsache, dass die Völker des Zauberlandes vereint gegen einen Unterdrücker vorgehen. Wird dadurch auf ein politisches System zu Zeiten Wolkows angespielt - und wenn ja: auf welches? Hm ... (29.02.2016)


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711
Im Lande des Mahdi 1 Karl May: Im Lande des Mahdi I
Kindle Edition

Der Ich-Erzähler ist allein in Ägypten unterwegs. Da seine Geldmittel erschöpft sind, möchte er nach Deutschland zurückkehren. In einem Bierhaus in Kairo begegnet er dem reichen türkischen Kaufmann Murad Nassyr, der ihn von einem früheren Abenteuer her kennt. Damals hat der Deutsche an der Vernichtung einer Raubkarawane mitgewirkt. Murad Nassyr kann einen Mann dieses Kalibers gut gebrauchen und versucht ihn dazu zu bringen, mit ihm in den Sudan zu reisen. Der Erzähler ist nicht abgeneigt, zumal der Kaufmann ihn mit einer Gewinnbeteiligung lockt. Er bittet sich Bedenkzeit aus, denn Murad Nassyr ist ihm gegenüber nicht ganz ehrlich und lässt anklingen, dass er etwas mit dem Sklavenhandel zu tun haben könnte. Der Ich-Erzähler kann sich der Bewirtung durch seinen neuen "Freund" nicht entziehen. Später wird ihm auch noch Murad Nassyrs Diener Selim aufgenötigt. Der feige Maulheld weicht nicht mehr von der Seite des Erzählers und entwickelt sich zu einer echten Plage, weil er es immer wieder schafft, die Pläne seines neuen Herrn - wenn auch unbeabsichtigt - zu durchkreuzen.

Der Erzähler zieht sich die Feindschaft Abd el Baraks zu, des Oberhaupts des Ordens der heiligen Kadirine, als er das kleine Sklavenmädchen Djangeh und deren Bruder aus seiner Gewalt befreit und ihn einer gegen Murad Nassyr gerichteten Intrige überführt. Abd el Barak beauftragt einen Mann, der als Muza'bir (Gaukler) bezeichnet wird, mit der Ermordung des Deutschen, doch der Anschlag misslingt. Bei dieser Gelegenheit lernt der Erzähler Achmed Abd el Insaf kennen, den Reis Effendina. Der Beauftragte des Vizekönigs soll den Sklavenhandel in der Nilregion zerschlagen. Dieser Aufgabe widmet sich der mit unbeschränkten Vollmachten ausgestattete Beamte mit größter Unnachgiebigkeit. Der Erzähler wird in die Angelegenheit hineingezogen und kämpft nun an der Seite des Reis Effendina gegen den gefürchteten Sklavenjäger Ibn Asl, wobei er selbst in Lebensgefahr gerät. Er wird von einem Fakir, der sich später als Vater Ibn Asls erweist, in eine Falle gelockt, kann sich aber befreien. Dabei rettet er einem jungen Mann namens Ben Nil das Leben, der zu seinem treuen Gefährten wird.

Der Name Kara Ben Nemsi fällt in diesem Roman nicht, aber wegen der Bezugnahme auf die Kurzgeschichte "Die Gum" (siehe Orangen und Datteln) zu Beginn des ersten Kapitels kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Ich-Erzähler mit Old Shatterhand / Kara Ben Nemsi identisch ist. Hadschi Halef Omar kommt leider nicht vor. Die Charaktereigenschaften dieser Figur wurden quasi auf zwei andere Begleiter Kara Ben Nemsis verteilt, nämlich den mutigen, ehrlichen Ben Nil sowie den zu rein gar nichts zu gebrauchenden Feigling und Aufschneider Selim. Letzterer bringt sich und seine Gefährten ständig in Schwierigkeiten und soll offensichtlich für Humor sorgen, ist aber eine Nervensäge sondergleichen. Lustiger ist da schon eine Episode, in der sich einige von Kara Ben Nemsi befreiten Sklavinnen als wahre Löwinnen erweisen, die von den Soldaten des Reis Effendina nicht gebändigt werden können ...

Ansonsten werden die gewohnten dialoglastigen Orient-Abenteuer geboten, wobei Kara Ben Nemsi seine Gegner wie üblich beschleicht und belauscht, um sie anschließend zu überlisten. Bis es mit der Verfolgung der Sklavenhändler richtig losgeht, schildert der Erzähler zahlreiche kleine Begebenheiten, die mit der Handlung der Trilogie wenig zu tun haben, aber ganz unterhaltsam sind. So werden Höhlen und im Wüstensand versunkene Ruinen voller Mumien erkundet. Dabei lernt Kara Ben Nemsi den Mumienschmuggler Ben Wasak kennen, von dem er die mumifizierte Hand einer ägyptischen Prinzessin geschenkt bekommt und dem er verspricht, dessen im Sudan verschollenen Bruder Hafid Sichar zu suchen. Der Reis Effendina ist eine interessante, dem Ich-Erzähler fast ebenbürtige Figur. Seinen Wahlspruch "wehe dem, der wehe tut" setzt er mit absoluter Konsequenz durch. Insgesamt kann ich den Trilogie-Auftakt als gelungen bezeichnen. (22.02.2016)


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710
Groucho und ich Groucho Marx: Groucho und ich
btb, 1997
381 Seiten

Julius Henry Marx (1890 - 1977), besser bekannt als Groucho Marx, war mit dick aufgemaltem Schnurrbart, Zigarre, merkwürdigem Gang und losem Mundwerk der vielleicht auffälligste, meines Erachtens aber auf jeden Fall witzigste Marx-Brother neben Harpo, Chico und diversen anderen Familienmitgliedern. Die mit relativ wenig Handlung, dafür umso mehr anarchischem Humor ausgestatteten Bühnenshows und Filme der Marx-Brothers dürften zumindest Leuten meiner Generation noch ein Begriff sein. Dass Groucho später viele Jahre lang Gastgeber der extrem erfolgreichen Radio- und Fernsehshow "You Bet Your Life" war, ist hierzulande vermutlich nicht jedermann geläufig. Für mich ist er nach wie vor einer der größten Humoristen aller Zeiten.

Wer Groucho in den Marx-Brothers-Filmen erlebt hat, wird sich schon denken können, dass die Autobiografie nicht etwa eine trockene Schilderung seines Lebensweges enthält, sondern eher eine Ansammlung von Anekdoten und Abschweifungen. Sie lassen insgesamt natürlich durchaus erkennen, in welch einfachen Verhältnissen Familie Marx um die Jahrhundertwende gelebt hat, wie Groucho und seine Brüder die ersten zaghaften und mit vielen Rückschlägen verbundenen Schritte ins Showbusiness gewagt haben, wie sich schließlich der Erfolg einstellte, wie dieser sich auf Grouchos Leben ausgewirkt hat und wie es damals im Showbiz zugegangen ist. Man darf das alles aber sicherlich nicht zu hundert Prozent für bare Münze nehmen. Ich habe natürlich keine Ahnung, wo Groucho den Boden der Tatsachen verlässt, um einen guten Gag zu landen, aber ist das wichtig? Spaß macht die Lektüre wegen Grouchos locker-launigem Erzählstil allemal. Er nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund und schreckt auch vor Beleidigungen nicht zurück. Kein Wunder, dass fast jeder, über den er herzieht, "Delaney" heißt ...

Das Buch ist schon in den Fünfzigerjahren erschienen. Viele Namen sind heutigen Lesern wahrscheinlich nicht mehr geläufig. Mir ist es jedenfalls so ergangen. Manche Anspielung hat deshalb ihre Wirkung verfehlt. Dieses Problem wird durch ein Nachwort des Übersetzers etwas abgemildert; darin finden sich kenntnisreiche Erläuterungen. Einige Schwarzweißfotos runden den Band ab. (15.02.2016)

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709
Die Puppe Mo Hayder: Die Puppe
Goldmann, 2014
414 Seiten

Das Böse geht um in der psychiatrischen Klinik Beechway! Das jedenfalls glauben die Insassen der auf den 150 Jahre alten Mauern eines ehemaligen Armenhauses erbauten Hochsicherheitseinrichtung. Der Legende nach spukt hier der Geist einer kleinwüchsigen Oberin aus den 1860er Jahren, die ihre Schutzbefohlenen grausam misshandelt haben soll. "Maude", so wird der Geist genannt, zwingt die Patienten, sich selbst zu verletzen und treibt sie schließlich in den Tod. So ist es vor viereinhalb Jahren einer Patientin namens Pauline Scott ergangen. Sie hat behauptet, "Maude" habe sich nachts auf ihre Brust gesetzt und versucht, sie zu ersticken. Einige Zeit später hat man Paulines Leiche außerhalb der Klinik gefunden. Wenige Wochen später hat sich der Patient Moses Jackson auf grausige Weise selbst verstümmelt, nachdem "Maude" in seiner Zelle war und die Wände mit bizarren Drohungen beschmiert hat.

Nach diesen Vorfällen war zunächst Ruhe eingekehrt, doch jetzt ist "Maude" zurück. Der Geist stattet der Patientin Zelda Lornton einen nächtlichen Besuch ab und ritzt ihr Schriftzeichen in die Arme. Zelda stirbt wenig später. Die Klinikdirektorin Melanie Arrow versucht dies herunterzuspielen, um Aufsehen zu vermeiden, das der Klinik nur schaden könnte. Pflegedienstleiter AJ LeGrande muss jedoch reagieren, zumal kaum noch jemand aus seinem Team bereit ist, die Nachtschicht zu übernehmen. Als AJ herausfindet, dass es jedes Mal zu einem Stromausfall gekommen ist, wenn "Maude" unterwegs war, so dass die Überwachungskameras ausgefallen sind, nimmt er heimlich Kontakt mit Detective Inspector Jack Caffery vom Dezernat für Schwerverbrechen bei der Bristol Police auf. AJ glaubt, ein Patient sei für die Vorfälle verantwortlich. Er hat Isaac Handel im Verdacht, einen technisch begabten Klinikinsassen, der vor 15 Jahren seine Eltern auf bestialische Weise umgebracht hat und stets unheimliche selbstgemachte Puppen mit sich herumschleppt, die "Maudes" Opfer darstellen.

Caffery hat ganz andere Sorgen, als sich um echte oder vermeintliche Geister zu kümmern. Er hat vor einiger Zeit herausgefunden, dass die Polizeitaucherin Phoebe Marley (genannt "Flea"), für die er mehr als nur kollegiale Zuneigung empfindet, etwas mit dem Verschwinden der prominenten Fußballergattin Misty Kitson zu tun hat. Deren Mutter Jacqui ist in der Stadt und sorgt für großen Presserummel. Um Flea zu schützen, hat Caffery die Ermittlungen verzögert, doch jetzt muss er Ergebnisse liefern. Er hat sich schon einen Plan zurechtgelegt, für dessen Verwirklichung er allerdings Fleas Hilfe braucht, weil nur sie weiß, wo Mistys Leiche versteckt ist. Caffery konfrontiert Flea mit seinem Wissen, aber sie reagiert ganz anders als erwartet ...

Der Misty-Kitson-Fall erstreckt sich inzwischen über drei Romane. In Haut lässt Flea die Leiche verschwinden, in Verderbnis kommt Caffery ihr auf die Schliche. Diese Nebenhandlung hat in den genannten Romanen schon breiten Raum eingenommen, in "Die Puppe" ist es genauso. Es ist an der Zeit, dass der Fall endgültig zum Abschluss gebracht wird! Das zeichnet sich jetzt ab, und es wäre gut für spätere Romane, denn diesmal wird die eigentliche Handlung durch den Subplot nicht unerheblich gestört, will sagen, die beiden Kriminalfälle laufen berührungslos nebeneinander her. In den beiden anderen Romanen hat die Einbettung besser funktioniert, hier stören sich die Handlungsstränge gegenseitig. Natürlich werden dadurch unzählige Cliffhanger möglich, aber irgendwann nervt das Hin-und-her-Springen zwischen den isoliert nebeneinander stehenden Storys nur noch. Ein anderer Subplot, nämlich Cafferys Suche nach der Leiche seines Bruders (siehe Der Vogelmann), wird zum Glück nur kurz angesprochen, sonst hätte sich die Autorin noch mehr verzettelt. Was wurde eigentlich aus dem Walking Man? Oder dem Tokoloshe? Nun, die Caffery-Reihe ist ja noch nicht abgeschlossen ...

Mo Hayder spielt in "Die Puppe" ein wenig mit einem Schauerroman-Klischee. Heimgesuchte Irrenanstalten mit dunkler Vergangenheit sind beliebte Motive des Horrorgenres, und so entsteht zu Beginn des Romans eine durchaus gruselige Atmosphäre. Das Buch beginnt mit einem Kapitel, in dem sich eine Patientin die Haut vom Körper zieht, um sich vor "Maude" zu schützen. Das stellt sich schnell als Wahnvorstellung heraus, dennoch wird der Leser dadurch gut eingestimmt. AJ, neben Caffery und Flea die dritte Hauptfigur, lässt sich anstecken und glaubt irgendwann fast selbst, den Geist der kleinwüchsigen Oberin durch die Korridore der Anstalt huschen zu sehen. Es wird aber bald klar, dass es eine rationale Erklärung für die Vorfälle gibt. Die Situation beginnt sich zuzuspitzen, als Isaac Handel entlassen wird und der Klinikdirektorin nachstellt, in die sich AJ verliebt hat. Die Spannung steigt, während Caffery mehr über Handel herausfindet, so dass der Leser erfährt, zu welchen Grausamkeiten dieser unscheinbare Mann fähig ist. Bis dahin hat man die neue Hauptfigur AJ so sehr ins Herz geschlossen, dass man mitfiebern kann, wenn er und seine Lieben (Melanie Arrow, eine schrullige Tante und der Hund Stewart) in Gefahr geraten.

Das funktioniert eine Zeitlang ganz gut, obwohl ich ziemlich schnell dahintergekommen bin, wie der Hase wirklich läuft. Leider wird der Roman gegen Ende geradezu kitschig. Da werden zwei traumatisierte Personen von einem Hund zusammengeführt und finden neues Glück. Autsch! "Die Puppe" ist einer jener Romane, die mir während des Lesens durchaus Spaß gemacht haben, rückschauend betrachtet aber zu viele Schwächen offenbaren. (08.02.2016)


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708
Die Wüstengötter Jens Lossau / Jens Schumacher: Die Wüstengötter
Feder und Schwert, 2016
383 Seiten

Im Kampf gegen den wahnsinnigen Thaumaturgen Sarddham hat Meister Hippolit, bis dahin mächtigster Agent im Institut für angewandte investigative Thaumaturgie (IAIT), Ackordials Hammer eingesetzt. Durch diese thaumaturgische Technik wird jegliche Versiertheit in einem bestimmten Umkreis für immer absorbiert - auch die desjenigen, der sie einsetzt. Seitdem ist Hippolit ein ganz normaler Mensch, soweit man das von einem Greis behaupten kann, dessen Körper durch ein Verjüngungsritual in den eines schmächtigen Halbwüchsigen verwandelt worden ist. Hippolit glaubt, er habe dem IAIT nun nichts mehr zu bieten und quittiert den Dienst. Der Troll Jorge, Hippolits Partner, wird nur noch mit harmlosen Routinefällen betraut. Als wäre das noch nicht ärgerlich genug, taucht eines Tages Jorges Vater Joris bei seinem Sohn in der Stadt Nophelet auf. Die beiden haben sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Joris muss untertauchen, denn er hat exorbitante Spielschulden, die auch Jorges finanzielle Möglichkeiten weit übersteigen. Vater und Sohn haben sich im Grunde nichts zu sagen. Konflikte sind vorprogrammiert, zumal sich Jorge durch die Zusammenarbeit mit Meister Hippolit und eine Gesprächstherapie auf recht un-trollische Weise weiterentwickelt hat.

Hippolits Chef, Geheimrat Karliban, will nicht auf die Dienste seines ehemals besten Mannes verzichten. Er braucht Hippolits kriminalistische Fähigkeiten zur Lösung eines Falles, der politische Verwicklungen nach sich ziehen könnte. Im Kaiserreich Yaget'pen wurde ein Altertumsforscher aus Sdoom namens Corenje bei der Erkundung uralter Kegelgräber ermordet. Die Bauwerke sind der Bevölkerung Yaget'pens heilig und in den letzten zehntausend Jahren ist es niemandem gelungen, sie zu öffnen. Corenje hatte hierbei vermutlich Erfolg, wurde aber kurz danach auf recht ungewöhnliche Weise getötet. Jemand hat sämtliche Knochen aus Corenjes Körper entfernt, ohne die Haut oder die inneren Organe auch nur anzukratzen. Geheimrat K. setzt Hippolit und Jorge auf den Fall an. Hippolit willigt ein, denn Corenje war ein alter Freund von ihm. Er stellt jedoch eine Bedingung: Er benötigt einen versierten Assistenten, der auf Befehl alle benötigten thaumaturgischen Rituale durchführt. Man stellt ihm Magistra Iloven zur Seite, eine begabte Thaumaturgin der siebten Stufe. Vierter Mann in der Reisegruppe ist Joris, den Jorge unmöglich allein in Nophelet zurücklassen kann.

In Kôbai, der Hauptstadt des Ostreiches, arbeiten die IAIT-Ermittler mit Meister Cherekthar zusammen, einem Verbindungsmann zum kaiserlichen Geheimdienst. Schon kurz nach ihrer Ankunft kommt es zu einem weiteren Mord. Admiral Luctar, ein Militärthaumaturg, den Hippolit und seine Gefährten als Beobachter dulden mussten, wollte sich die Heiligtümer anschauen und endet wie Corenje ohne einen Knochen im Leib auf dem Seziertisch. Iloven stellt bei beiden Leichen eine starke thaumaturgische Reststrahlung fest. Hippolit und Iloven bringen in Erfahrung, dass derartige Morde schon seit mindestens zehntausend Jahren im Abstand von einem Millenium begangen werden. Immer waren zwölf Versierte die Opfer. Kaum haben sie das herausgefunden, werden Hippolit und Iloven von Ordensbrüdern der "weichen Hand" attackiert ...

Wenn ihr wissen möchtet, wer Hippolit und Jorge sind, was es mit dem IAIT auf sich hat und wie die Welt beschaffen ist, in der die Geschichte spielt, dann lest meinen Kommentar zu Der Elbenschlächter, dem ersten von inzwischen fünf Romanen mit dem ungewöhnlichsten Ermittlerduo, das die Fantasy je hervorgebracht hat.

Nach der Lektüre des vierten Bandes hatte ich befürchtet, die Serie würde nicht fortgesetzt werden, denn Meister Hippolit hat am Ende von Der Knochenhexer keine thaumaturgischen (= magischen) Fähigkeiten mehr. Diese Befürchtung hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Ich hatte außerdem angenommen, weitere Fälle der illegalen Anwendung von Thaumaturgie müssten ganz anders gelöst werden als bisher. Es hätte durchaus interessant werden können, wenn sich Hippolit auf Erfahrung, Intelligenz und kriminalistisches Gespür hätte beschränken müssen! Aber auch das ist (leider) nicht eingetreten. Im Grunde ist alles beim Alten geblieben. Hippolit kann nicht mehr zaubern? Kein Problem, stellen wir ihm eben eine fast genauso mächtige Magistra zur Seite, die auf Zuruf genau das erledigt, was Hippolit sonst selbst getan hätte. Jorge ist nach der Gesprächstherapie gar kein richtiger Troll mehr und labert nur noch selten völligen Blödsinn (was ich als echte Verbesserung empfinde)? Na, dann lassen wir doch denjenigen kommen, von dem Jorge offenbar alle üblen Eigenschaften geerbt hat! Joris übernimmt somit die Rolle der Nervensäge. Positive Nebeneffekte: Hippolit, anscheinend ein verkappter Chauvi, muss sich mit einer sehr kompetenten Frau auseinandersetzen, die ihm in Sachen Magie sogar überlegen ist. Jorge muss alte Familienprobleme aufarbeiten. Dumm nur, dass ersteres zu kurz kommt, während letzteres viel breiter als nötig ausgewalzt wird.

Aber das sind nur geringfügige Kritikpunkte. Ansonsten macht "Die Wüstengötter" mindestens ebenso viel Spaß wie der vierte Band, was nicht zuletzt am Verzicht auf übertriebene Blödeleien liegt. Lossau und Schumacher schreiben humoristische Fantasy, setzen aber mehr auf skurrile Figuren, absonderliche Geschehnisse und Situationskomik als auf platte Kalauer. Zugegeben: Nicht jeder Gag zündet und wie gesagt ist Joris für viele ziemlich üble Schläge unter die Gürtellinie zuständig. Nicht alle Anspielungen sind gelungen. So werden im Ostreich Yaget'pen allzu viele Orient-Klischees bemüht. Der Fall bleibt verzwickt und entwickelt sich deutlich in Richtung Science Fiction. So ist es nicht überraschend, dass wir einer Inkarnation Erich von Dänikens namens Cherek van Schlefaz (!!!) begegnen ... (03.02.2016)


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707
Control Daniel Suarez: Control
rororo, 2015
495 Seiten

Der Physiker Jonathan Grady, Mitinhaber des Hightech-Start-up-Unternehmens Chirality Labs, kann seinen Geldgebern einen Durchbruch melden. Die Portfoliomanager, die der Firma daraufhin in Begleitung eines wissenschaftlichen Sachverständigen einen Besuch abstatten, sind jedoch nicht erfreut, als Grady eingesteht, dass er keineswegs wie vereinbart an der Entwicklung von Supraleitern gearbeitet, sondern einen Gravitationsspiegel hergestellt hat, der nicht vermarktet werden kann, zumal die Energieversorgung enorme Geldmittel verschlingt. Der Sachverständige erkennt die Tragweite von Gradys Erfindung sofort. Das klobige Aggregat enthält einen Hochenergiespiegel, der so manipuliert werden kann, dass er die Gravitationskraft reflektiert und in beliebige Richtungen ablenkt. Somit kann er jedes beliebige Objekt zum Schweben bringen, als würde es sich im freien Fall befinden. Außerdem hat Grady damit die Existenz von Gravitationswellen bewiesen.

Doch den Nobelpreis wird Grady dafür nicht erhalten, denn der Sachverständige arbeitet in Wahrheit für eine streng geheime staatliche Behörde der USA, deren Aufgabe in der Sicherstellung von technischen, medizinischen und sonstigen Innovationen besteht, für die die Menschheit noch nicht reif ist. Das Bureau of Technology Control (BTC) "erntet" solche Entdeckungen seit den Sechzigerjahren mitsamt ihren Schöpfern, um sie für immer unter Verschluss zu halten. Dem BTC steht somit extrem fortschrittliche Technik zur Verfügung: Energiegewinnung durch handliche Kernfusionsreaktoren, ewige Jugend, intelligente Roboter, Nanotechnik und vieles mehr. Die Entwicklung des Gravitationsspiegels ist nach Meinung des Sachverständigen ein "Sprungereignis der Kategorie 1", das sofortiges Eingreifen erforderlich macht. Ein Ernteteam baut das Aggregat ab. Für die Öffentlichkeit wird ein Terroranschlag inszeniert. Die Produktionshalle, so heißt es später in den Medien, wurde von den technikfeindlichen Winnowern des Fanatikers Richard Cotton in die Luft gesprengt. Grady und seine Kollegen werden für tot erklärt.

Grady kommt im BTC-Hauptquartier wieder zu sich. Von Direktor Hendrick erfährt er, was es mit der Behörde auf sich hat. Man bietet Grady die Aufnahme ins BTC an. Er lehnt ab, denn er glaubt nicht an die Schreckensszenarien, die den Hochrechnungen der KI Varuna zufolge zwangsläufig entstehen würden, sollte die Öffentlichkeit Zugang zu der vom BTC gehorteten Technologie erhalten. Prompt landet Grady in "Hibernity", einem Hochsicherheitsgefängnis tief unter der Erde. In einer vollkommen isolierten Einzelzelle wird er von einer seelen- und gnadenlosen KI gefoltert. Er soll zur Preisgabe seines Wissens gezwungen werden. Niemand außer ihm versteht die Technik des Gravitationsspiegels und Hendrick braucht sie, um konkurrierende BTC-Ableger in Schach zu halten. Angesichts endloser Qualen ohne Aussicht auf Erlösung durch den Tod droht Grady zu verzweifeln. Doch das BTC hat die Rechnung ohne die anderen in Hibernity internierten Genies gemacht ...

Die konsequente Extrapolation realer Entwicklungen war schon immer ein wichtiger Wesenszug - wenn nicht das Hauptmerkmal - guter Science Fiction. Ausgehend von den großen Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts (Nutzbarmachung der Atomkraft, Erfolge in der bemannten Raumfahrt) wurde noch in den Achtzigern davon ausgegangen, zur Jahrtausendwende werde man die Energieprobleme gelöst, Roboter zur Verrichtung jeder erdenklichen Arbeit konstruiert, den Mond kolonisiert und Astronauten zum Mars oder sogar darüber hinaus geschickt haben. Stattdessen mussten wir die bittere, aber naheliegende Erfahrung machen, dass nur das weiterentwickelt wird, was sich rechnet. Die "Makrotechnik" hat kaum Fortschritte gemacht, zumindest nicht so, wie wir uns das damals vorgestellt haben. Natürlich wären uns Tablet-Computer, Internet, Smart-TVs, selbsttätig einparkende Elektroautos und dergleichen vor 30 Jahren wie pure Science Fiction vorgekommen, doch dass die Wunder des einundzwanzigsten Jahrhunderts größtenteils in den Bereichen von Kommunikationstechnik und Unterhaltungsindustrie stattfinden würden, hätten wir nicht gedacht.

Wie ich es von ihm inzwischen nicht anders erwarte, bleibt Daniel Suarez der oben genannten Tradition der SF mit seinem vierten Roman treu. Er geht aber noch weiter als in den früheren Romanen Daemon/Darknet und Kill Decision. "Control" hat einen viel stärkeren SF-Touch als diese Romane, in denen Technik beschrieben wird, die es zumindest in Ansätzen so schon heute gibt. Doch auch diesmal wird der Boden der Naturwissenschaften nicht gänzlich verlassen. An Fusionsreaktoren, Quantencomputern, Nanorobotern, Gentechnik und dergleichen wird ja durchaus schon geforscht. Ob der Gravitationsspiegel wirklich funktionieren könnte? Das vermag ich nicht zu beurteilen. Die entsprechenden erklärenden Kapitel zu Beginn des Romans enthalten viele Fachbegriffe, die mir zu hoch sind (ein Glossar hätte nicht geschadet), tatsächlich könnten diese Textpassagen für ungeduldige Leser zum Stolperstein werden. Durchhalten! Auch in den folgenden Kapiteln kommt ein wenig Technikjargon vor, dadurch wird die Spannung aber nicht gemindert!

Die zugrunde liegende Idee ist faszinierend, regt zum Nachdenken an (nicht jede neue Technik ist ein Segen für die Menschheit - wie soll man damit umgehen?) und stellt einen Freibrief für immer neue Überraschungen dar. Man weiß nie, welche futuristischen Gimmicks die Leute vom BTC noch aus dem schier unerschöpflichen Fundus hervorholen werden! Der Ideenreichtum, den Suarez hier entfaltet, verleiht der an sich schon fesselnden Handlung besondere Würze. Es kommt, wie es kommen muss: Das BTC verselbständigt sich und erweist sich als unkontrollierbar. Hendrick hält die von ihm und seinesgleichen dumm gehaltene Menschheit für verzichtbar. Dieser Konflikt kann nur gelöst werden, weil sich ein vermeintlicher Bösewicht als Widerständler entpuppt, der schon seit längerer Zeit an der Zerschlagung des BTC arbeitet. Das hat für mich einen leichten Deus-ex-machina-Nachgeschmack. Außerdem werden Hendricks und seine Klonkrieger zu einseitig als Widerlinge dargestellt. "Control" erreicht nicht die Qualität des grandiosen Doppelromans "Daemon/Darknet", ist aber ein rasanter SF-Thriller, den ich in Rekordzeit durchgelesen habe! (26.01.2016)


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706
Fool Christopher Moore: Fool
Goldmann Manhattan, 2010
352 Seiten

Im hohen Alter kommt Lear, König von Britannien, auf die nicht sehr weise Idee, das Reich unter seinen Töchtern Goneril, Regan und Cordelia aufzuteilen. Als er die Damen fragt, wie sehr sie ihn lieben, lügen ihm die ersten beiden das Blaue vom Himmel herab, obwohl sie nichts mehr herbeisehnen als des Königs Tod. Nur Cordelia, die Lear wirklich liebt, bisher von ihm favorisiert wurde und eigentlich das größte Erbteil hätte erhalten sollen, antwortet ehrlich. Als sie sagt, sie liebe ihren Vater so, wie es einer pflichtbewussten Tochter geziemt, regt sich der greise Herrscher furchtbar auf. Cordelia wird enterbt und praktisch verbannt, indem sie mit dem König von Frankreich vermählt wird. Sollte Lear gedacht haben, nach der Abtretung des Herrschaftsanspruchs einen ruhigen Lebensabend verbringen zu können, so hat er sich getäuscht. Goneril und Regan finden es nicht lustig, für die Versorgung ihres verhassten Vaters aufkommen und die Hundertschaft von Rittern, die er sich ausbedungen hat, finanzieren zu müssen. Außerdem wird Lear von seinem Hofnarren Pocket gepiesackt, der kein Blatt vor den Mund nimmt und dem König respektlos zusetzt, um sich für Cordelias ungerechte Behandlung zu rächen.

Tatsächlich ist Pocket derjenige, der im Hintergrund die Fäden zieht - jedenfalls glaubt er das. Um die Hochzeit seines geliebten Schützlings Cordelia mit Edgar, dem Erben des Grafen von Gloucester, zu verhindern, hat der Hofnarr eine Intrige ersonnen, in der Edmund, Gloucesters unehelicher Sohn, eine wichtige Rolle spielen sollte. Pocket wurde jedoch von dem machthungrigen Bastard betrogen und ist mitverantwortlich für die jetzige Misere. Angestachelt durch die kryptischen Prophezeiungen eines Geistes versucht Pocket die Sache wieder in den Griff zu bekommen und sich gleichzeitig an Edmund zu rächen. Dadurch macht er alles nur noch schlimmer. Lear wird allmählich in den Wahnsinn getrieben, Goneril und Regan wenden sich gegeneinander, so dass ein Bürgerkrieg droht ...

Diese Geschichte kommt euch bekannt vor? Stimmt, es ist die Handlung von Shakespeares "König Lear". Sie wird bei Christopher Moore aus der Sicht des Hofnarren erzählt, für den Moore den Namen Pocket erfunden hat. So wird noch deutlicher, was ich bei Lear schon immer empfunden habe: Der Typ spinnt, er verdient sein Schicksal und eigentlich ist das Stück keine Tragödie, sondern eine Komödie! Die bei Shakespeare unklar bleibende Motivation des Narren wird durch eine hinzugedichtete Vorgeschichte verständlich. Durch die Ich-Erzähler-Perspektive wird außerdem der Stil des Romans festgelegt. Aufgabe des Hofnarren ist es, sich über alles und jeden lustig zu machen, Unaussprechliches auszusprechen, vulgäre Scherze zu treiben und alles zu bespringen, was nicht bei fünf auf den Zinnen ist. So ist dieses Buch, wie Moore einleitend warnt, (Zitat) "ein derber Schwank, randvoll mit entbehrlichem Beischlaf, Mord, allerlei Maulschellen, Verrat und einem ehedem ungeahnten Maß an Geschmacklosigkeit und Profanität" (Zitat Ende) - und das ist noch milde ausgedrückt. Die drastische Wortwahl sowie die expliziten Beschreibungen von Sex, Gewalt und mangelhafter Körperhygiene sind zumindest gewöhnungsbedürftig, wenn nicht irritierend oder (wenn man zarter besaitet sein sollte) sogar abstoßend, aber zweifellos witzig, auch wenn nicht jede Pointe zündet.

Die Handlung einer wohlbekannten Geschichte aus ungewohntem Blickwinkel zu erzählen, dabei aber nicht den Respekt vor dem großen Vorbild zu verlieren - dieses Kunstgriffs hat sich Moore bereits bei Die Bibel nach Biff bedient. Genau wie in diesem bekanntesten Werk Moores wird eine seltsame Mixtur aus moderner (Umgangs-)Sprache und Formulierungen verwendet, wie sie auch bei Shakespeare vorkommen könnten. Das hatte ich bei dem genannten Roman kritisiert, aber diesmal stören mich solche Anachronismen nicht, nicht zuletzt aus dem einfachen Grund, weil Shakespeares Stück schon ein Anachronismus in sich ist. Wenn es einen König Lear überhaupt gegeben hat, dann in vorchristlicher Zeit und nicht im feudalistischen England. Moore bedient sich übrigens noch bei weiteren Werken des großen Barden. Unter anderem haben die Hexen aus Macbeth den einen oder anderen denkwürdigen Auftritt.

Biff und Pocket könnten ein und dieselbe Person sein, so sehr ähneln sich die beiden zynischen Schürzenjäger. Zu "Die Bibel nach Biff" habe ich 2007 etwas geschrieben, das ich hier wiederholen kann: "Derber Slapstick und zotige Situationskomik sind Begriffe, die im Grunde ganz gut umschreiben, was man von Biff zu erwarten hat. Sein Bericht über Joshuas bewegte Jugend verfehlt seine Wirkung nicht, auch wenn ziemlich oft weit unter die Gürtellinie gezielt wird. Leider erschöpft sich diese Wirkung aber nach der x-ten Wiederholung, so dass es irgendwann langweilig wird." Anscheinend habe ich mich nach all den Jahren an Moores Stil gewöhnt, jedenfalls fand ich "Fool" von Anfang bis Ende unterhaltsam. Und vor allem: Anders als bei Shakespeare gibt es ein Happy End! (19.01.2016)


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705
Die Nacht des Violetten Mondes Hans Kneifel: Die Nacht des Violetten Mondes
Moewig-Verlag, 1979
161 Seiten

Mehr als 300 Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff entdeckt hat. Unter seiner Führung hat sich die Menschheit über viele Sonnensysteme ausgebreitet und ein mächtiges Imperium aufgebaut. Manche Kolonien streben nach Unabhängigkeit. Andere verlieren den Kontakt mit Terra, der Urheimat der Menschen, was manchmal dazu führt, dass die Kolonisten in die Primitivität zurückfallen und jegliche Erinnerung an ihre Herkunft verlieren. Ohne Wissen Perry Rhodans setzt der Multimillionär Spencer Cimarosa einen beträchtlichen Teil seines Vermögens zum Aufbau einer Organisation ein, die das Ziel verfolgt, solche Siedlungswelten ins Imperium zurückzuführen. In einem Asteroiden des Regulus-Systems richten Cimarosa und seine Leute eine Geheimbasis ein, die als "Violetter Mond" bezeichnet wird. Dort werden Agenten ausgebildet, deren Aufgabe darin besteht, sich unter die Bevölkerung der vergessenen Kolonien zu mischen und die Integration ins Imperium vorzubereiten.

Doch dann stirbt Cimarosas jüngerer Sohn Alistair, ein Offizier in Perry Rhodans Flotte, während eines Kampfeinsatzes gegen ein außerirdisches Volk. Cimarosa gibt Randolph Keegy die Schuld an Alistairs Tod, denn Keegy war dessen Vorgesetzter und hat Alistair angeblich im Stich gelassen, während er selbst fliehen konnte. Da Cimarosa schon zu alt ist, gibt er seinem älteren Sohn Anthony, genannt Toni, den Auftrag, Alistairs Tod zu rächen. Toni verfolgt in den nächsten Jahren nur noch das Ziel, Keegy zu vernichten. Da Toni seinen Widersacher nicht einfach ermorden will, versucht er ihn auf andere Weise zugrunde zu richten. Toni stellt sein gesamtes Leben in den Dienst des Racheplanes, obwohl er selbst nicht von Keegys Schuld überzeugt ist. Als Spencer Cimarosa stirbt, verliert dieses Leben jeglichen Sinn. Da erhält Toni das an ihn gerichtete Tagebuch seines Vaters und erfährt somit erstmals von der Existenz des Violetten Mondes ...

Parallel zur Perry Rhodan - Heftromanserie erscheinen regelmäßig andere Publikationen, deren Storys im selben Universum spielen. Die so genannten Planetenromane wurden in Taschenbuchform veröffentlicht, die Serie ist viele Jahre lang in mehreren Nachauflagen erschienen. "Die Nacht des Violetten Mondes" wurde als Band 14 im Jahre 1965 erstmals aufgelegt. Ich besitze die 3. Auflage.

Dies ist einer der allerersten Romane Hans Kneifels. Ohne näher auf den Stil eingehen zu wollen - das wäre bei einem so alten Roman unfair - muss ich sagen: Das merkt man. Zunächst einmal muss man die unzähligen teils sinnentstellenden Schreibfehler ignorieren, ebenso die penetrante Verwendung der Bezeichnung "Mädchen". Frauen scheint es damals nicht gegeben zu haben! Schwerer wiegt die Unausgegorenheit der Story. Ich halte es schon für unglaubwürdig, dass Cimarosa Toni zwingt, sein Leben für einen dummen Racheplan zu opfern. Jedenfalls kommt es im Roman nicht so rüber, als habe sich Toni nur eingebildet, sein Vater wolle das so. Gänzlich bescheuert wird es, wenn man berücksichtigt, dass Cimarosa gleichzeitig den Violetten Mond aufbaut, und zwar im vollen Bewusstsein seines nahenden Todes. Zudem ist die Vorgehensweise der Geheimorganisation höchst fragwürdig. Da werden einfach Kinder von den vergessenen Kolonien entführt und zu Agenten herangezogen, die dann in die alte Heimat zurückkehren müssen, um die dort lebenden Menschen durch Tricks und Lügen dazu zu bewegen, die eigene kulturelle Identität aufzugeben und sich in den Dienst des Imperiums zu stellen! Man hat der PR-Serie früher reaktionäre Tendenzen unterstellt. Wenn das aufgrund von Romanen wie diesem geschehen sein sollte, dann kann ich es verstehen.

Auf der Habenseite sind die für Kneifel typischen Schilderungen des Luxuslebens eines verwöhnten Millionenerben zu verbuchen. Außerdem wird die Cimarosa-Handlung dreimal unterbrochen, dann werden die Erlebnisse von Agenten des Violetten Mondes auf den jeweiligen Planeten geschildert. So ist wenigstens für bunte Abwechslung gesorgt. (17.01.2016)


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704
Das Buch ohne Gnade Anonymus: Das Buch ohne Gnade
Bastei Lübbe, 2013
429 Seiten

Die Freude des Kneipenbesitzers Gabriel Sanchez aus Santa Mondega, durch Zufall einen Aufenthalt im Fünfsternehotel Pasadena gewonnen zu haben, wo zu Halloween der Back-from-the-Dead-Gesangswettbewerb stattfinden wird, erhält schon während der Anreise einen Dämpfer. Die Hellseherin Annabel de Frugyn, allseits bekannt als "Die Mystische Lady", gehört ebenfalls zu den zahlreichen Gewinnern. Die hässliche Alte hat einen Narren an Sanchez gefressen und lässt sich nicht abschütteln. Außerdem liegt das Luxushotel mit angeschlossenem Spielcasino mitten in der Wüste. Die abgelegene Gegend trägt den wenig anheimelnden Namen "Devil's Graveyard". Hier gibt es kein Telefonnetz, keine Verbindung zum Internet und nicht einmal Fernsehen oder Radio. Schließlich stellt sich auch noch heraus, dass kein Zimmer für Sanchez reserviert wurde. Als sich Sanchez zu fragen beginnt, wie er aus der Sache wieder herauskommen soll (die Anreise war perfekt organisiert, an die Rückreise scheint aber niemand gedacht zu haben), greift ein alter Bekannter ein: Elvis, Profikiller und Elvis-Imitator, nimmt am Wettbewerb teil. Er verschafft seinem Freund ein Ersatzzimmer. Dort findet Sanchez einen Umschlag mit 20.000 Dollar, vier Fotos und einer Namensliste. Zu sehen sind Judy Garland, Kurt Cobain, Johnny Cash und Otis Redding - oder vielmehr Imitatoren, die beim Wettbewerb in den Rollen dieser verstorbenen Musiker auftreten werden. Elvis muss dem begriffsstutzigen Sanchez erklären, was es damit auf sich hat: Es handelt sich um eine Todesliste und Sanchez bewohnt jetzt das Zimmer, das eigentlich für den Attentäter vorgesehen war!

Was wirklich hinter dem Wettbewerb steckt, weiß kaum jemand außer dem Veranstalter und obersten Juror Nigel Powell, dem auch das Hotel Pasadena gehört. Powell hat seine Seele vor längerer Zeit dem Teufel verkauft. Spätestens am 31. Oktober eines jeden Jahres muss er jemanden finden, der bereit ist, dasselbe zu tun. Gelingt ihm dies nicht, fährt er direkt zur Hölle! Deshalb wird dem ahnungslosen Gewinner des Wettbewerbs, zu dem sich wegen des Preisgeldes von einer Million Dollar stets zahlreiche Bewerber einfinden, ein umfangreicher Vertrag vorgelegt, dessen Klauseln es in sich haben! Zombies, die während des restlichen Jahres im Wüstensand ruhen, besorgen danach den Rest. Damit sichergestellt ist, dass der Vertrag nicht gelesen, sondern sofort unterzeichnet wird, stehen die fünf Finalisten von Anfang an fest. Davon wissen die Wettbewerbsteilnehmer und Hotelgäste natürlich nichts. Powell seinerseits ahnt nicht, dass es noch jemanden gibt, der die Hintergründe kennt. Dieser Jemand setzt alles daran, Powells Machenschaften ein Ende zu bereiten, und dafür geht er über Leichen. Der von ihm angeheuerte Killer verspätet sich, doch Ersatz ist schon unterwegs. Der berüchtigte Massenmörder "Bourbon Kid" - immer auf der Suche nach Untoten, mit denen er noch eine alte Rechnung offen hat - wird von einem Michael-Jackson-Imitator zum Hotel Pasadena gelotst. Der Kid ist gern bereit, sich die Hände schmutzig zu machen, doch diesmal gibt es ein Hindernis. Eines der designierten Opfer ähnelt seiner ersten und einzigen Liebe, die er in einer schicksalhaften Nacht vor zehn Jahren verloren hat ...

In Das Buch ohne Staben, dem zweiten Band der "Bourbon Kid"-Reihe, hat der Titelheld (wenn man ein gewissenloses Monstrum wie diesen Typen denn als Helden bezeichnen möchte) einen äußerst gefährlichen neuen Gegner gefunden, möglicherweise aber seine übermenschlichen Fähigkeiten verloren. Wer erwartet haben sollte, im dritten Band zu erfahren, wie das Ganze weitergeht, dürfte enttäuscht sein, denn "Das Buch ohne Gnade" ist ein Prequel. Es spielt zehn Jahre nach den Ereignissen, durch die der Bourbon Kid zum Killer geworden ist (diese werden in einem Rückblick geschildert, der in "Das Buch ohne Staben" enthalten ist), aber noch vor Beginn der Geschichte von Das Buch ohne Namen. Auf beide Romane wird Bezug genommen, schon wegen des Auftretens von bekannten Figuren wie Sanchez, Elvis und Annabel de Frugyn, im Grunde gibt es jedoch keine echten Zusammenhänge. Man erfährt nichts Neues über den Bourbon Kid oder eine der anderen Personen. Es geschieht nichts, was irgendwie für den weiteren Verlauf der ohnehin ziemlich dünnen Story der Serie von Bedeutung wäre. "Das Buch ohne Gnade" eignet sich als "Leseprobe" für jene, die sich nicht auf die ganze Serie einlassen wollen, denn es ist mehr oder weniger in sich abgeschlossen. Wer die genannten anderen Romane kennt, weiß natürlich schon, wer auf keinen Fall sterben wird. Da bleibt die Spannung auf der Strecke.

Der Autor widmet dem Gesangswettbewerb erstaunlich viel Aufmerksamkeit. Den Auftritten der Interpreten und dem ganzen Drumherum werden viel mehr Seiten gewidmet, als es für die Story erforderlich wäre. Immerhin: Die Idee, eine Castingshow nach dem Strickmuster von "Deutschland sucht den Superstar" zum wahren Höllentrip für alle Beteiligten werden zu lassen, hat schon wieder was! Bei der Beschreibung des betont ruppigen Oberjuroren, der zu Dekorationszwecken von zwei gebotoxten Damen eingerahmt wird, drängen sich bestimmte Vergleiche auf. Ansonsten kann ich mich nur wiederholen, zumindest insoweit, als "Das Buch ohne Gnade" vor allem mehr vom längst Bekannten bietet: Mehr Untote, Gemetzel, verbaler Unflat, unglaubwürdige Wendungen, nervtötende Albernheiten des allzu trotteligen Sanchez und vor allem mehr Verrücktheit. Wenn ihr wissen möchtet, wie ein James-Brown-Imitator, bei dem es sich in Wahrheit um den 13. Apostel Christi handelt, ein bis an die Zähne bewaffneter Biker, der im Auftrag des Herrn unterwegs ist, Dorothy aus dem Wizard of Oz, der legendäre Bluesmusiker Robert Johnson und eine am Tourette-Syndrom leidende Janis-Joplin-Darstellerin in die Story hineinpassen, dann lest den Roman gefälligst selbst ;) (10.01.2016)


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703
Bewahrer des Chaos Wladimir Wassiljew: Bewahrer des Chaos
Piper, 2010
409 Seiten

Zur Vorgeschichte und zum "Wächter"-Universum vgl. Wächter der Nacht.

Aristarch Turljanski (genannt Arik), Verantwortlicher für die Wachen der Schwarzmeerregion, lernt in Odessa die Touristin Tamara kennen. Er erkennt in ihr eine nicht registrierte Andere. Die beiden verlieben sich ineinander und treffen sich in den folgenden Jahren regelmäßig.

Oleksander Scheremetjew (Laik), Chef der Tagwache in Kiew, bekommt Besuch aus Russland. Sebulon, Oberhaupt der Moskauer Tagwache, beauftragt ihn mit einer gefährlichen Mission. In Sankt Petersburg sind die Wachen seit einer Jahrzehnte zurückliegenden Katastrophe, bei der das Zwielicht schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde, nur schwach vertreten. In der verrufenen Stadt macht nun seit einiger Zeit eine Sekte von sich reden, die sich nicht an den vor Urzeiten zwischen Licht und Dunkel geschlossenen Vertrag hält. Es scheint so, als hätten die so genannten "Schwarzen" gar keine Ahnung von der Existenz dieses Abkommens. Diese wilden Anderen sind nicht registriert, wurden aber lange Zeit kaum zur Kenntnis genommen. Doch jetzt haben sie damit begonnen, unaussprechliche Gräueltaten zu begehen. Schwarze Messen werden zelebriert, Menschenopfer werden dargebracht. Den in Sankt Petersburg verbliebenen Anderen ist es nicht gelungen, auch nur herauszufinden, welche Ziele die Schwarzen verfolgen. Die Wächter der Nacht würden die Schwarzen am liebsten durch Strafexpeditionen ausrotten, doch die Inquisition hat sich eingeschaltet und das verhindert. Da die wilden Anderen im Grunde Dunkle sind, sollen sich die Wächter des Tages um das Problem kümmern.

Laik trommelt seine stärksten Magier zusammen, unter anderem Arik. Es gelingt ihnen schon kurz nach der Ankunft in Sankt Petersburg, Kontakt mit den Schwarzen aufzunehmen. Ariks Freund Schwed gibt sich als nicht initiierter Anderer aus, um eine ihrer Gruppen zu infiltrieren. Dabei verliert Schwed, eigentlich ein erfahrener Magier, völlig den Kopf. Er tötet die Schwarzen, wird dann aber von ihrer Anführerin in schwere Bedrängnis gebracht. Die junge Frau, zuvor eine relativ schwache Andere, versetzt sich quasi aus dem Stand auf eine viel höhere Stufe und setzt Schwed mit mächtigen Zaubern zu. Nur mit der Hilfe seiner Gefährten gelingt es ihm, sie zu überwältigen und gefangen zu nehmen. Wie es scheint, stehen die Schwarzen Sankt Petersburgs unter einem Einfluss, der nur hier wirksam ist und dem sich auch Laiks Leute nicht entziehen können. Alles läuft auf einen Kampf mit dem Oberhaupt aller Schwarzen hinaus, einer Frau, die auf unbekannte Weise die Macht einer Großen Anderen gewonnen hat. Nach dem Willen der Wachen sowie der Inquisition soll sie getötet werden, denn was in Sankt Petersburg geschieht, könnte das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkel zerstören. Zu seinem größten Entsetzen muss Arik feststellen, dass er die Frau kennt. Es ist Tamara ...

Das Wächter-Universum wurde von Sergej Lukianenko ersonnen und in mehreren Romanen ausgearbeitet. Wladimir Wassiljew, Co-Autor des zweiten Romans (Wächter des Tages), hat zwei eigene Werke zu diesem Universum beigetragen. "Bewahrer des Chaos" ist das erste, das zweite ist meines Wissens noch nicht in deutscher Sprache erschienen. "Bewahrer des Chaos" dürfte in der Wächter-Chronologie zwischen Wächter des Zwielichts und Wächter der Ewigkeit einzusortieren sein. Man sollte die ersten drei von Lukianenko verfassten Romane kennen, denn Wassiljew hält sich nicht lange mit Erklärungen auf, zumindest nicht mit solchen, die die Vorgeschichte betreffen. Diesbezüglich hat Wassiljew nichts Neues zu bieten. Er ermöglicht uns ein Wiedersehen mit einigen Figuren aus Lukianenkos Romanen, bei manchen reicht es allerdings nur zu Cameo-Auftritten und Anton Gorodezki kommt gar nicht vor. Der Autor bringt wenigstens eine neue Idee in das Wächter-Universum ein: Auch Städte können initiiert werden, jedenfalls wenn sie sehr alt sind und ungefähr eine Million Einwohner haben. So erklärt sich der erstaunliche Kraftzuwachs der dort lebenden nicht initiierten Anderen. Schade nur, dass am Ende alles wieder auf null gesetzt wird. Zudem wird ganz am Schluss ein neuer Bösewicht aus dem Hut hervorgezaubert, nur um sehr schnell wieder auf immerhin amüsant-prosaische Waise außer Gefecht gesetzt zu werden.

Mit den Tagwächtern von der Kiewer Wache kommen einige interessante neue Figuren hinzu, doch leider kann sich der Autor nicht für einen Hauptprotagonisten entscheiden, und so bleibt die Figurenzeichnung oberflächlich. Dass sie alle gern Bier trinken und bis in die Puppen feiern, wird schnell klar. Da hätte es der vielen Kapitel, in denen es genau darum geht, nicht mehr bedurft! Man kann Laik, Arik, Schwed usw. natürlich schon auseinanderhalten, eine tiefergehende Auseinandersetzung mit ihren Gedanken, Gefühlen und Motiven findet jedoch nicht statt. Und Tamara, die meiner Meinung nach das Zeug gehabt hätte, zur faszinierendsten Figur der ganzen Reihe zu werden, wird noch viel stiefmütterlicher behandelt. Abgesehen von einem großen Kampf, bei dem sie selbst Sebulon und Geser die Stirn bietet, darf sie kaum etwas tun. Außerhalb von Sankt Petersburg büßt sie fast ihre gesamte Kraft ein und schläft die meiste Zeit ...

Es wird recht viel geredet und herumgealbert, gezecht wird noch mehr, doch es geschieht im Grunde ziemlich wenig. Ich habe das einerseits auf die Dauer als etwas ermüdend empfunden, andererseits fand ich die Gegensätze zwischen Russen und Ukrainern interessant. Klischee oder Wahrheit? Keine Ahnung. Und inwieweit findet sich das reale Sankt Petersburg hier wieder, das heißt, sind die Menschen dort wirklich, wie Wassiljew schreibt, in den Moder der düsteren Stadt verliebt? Ich kann es nicht sagen, ich war noch nicht dort. (01.01.2016)


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702
Weihnacht Karl May: Weihnacht
Kindle Edition

Old Shatterhand und Winnetou haben vor, den Mississippi zu überqueren und nach Osten zu reisen. Während der Häuptling der Apatschen das dazu benötigte Gold aus den nur ihm bekannten Fundstellen beschafft, lässt sich Old Shatterhand in der kleinen Stadt Weston nieder, um dort auf Winnetous Rückkehr zu warten und währenddessen eigenes Geld als Schriftsteller zu verdienen. Old Shatterhand wahrt sein Inkognito; niemand ahnt, dass der gut gekleidete Deutsche ein berühmter Westmann sein könnte. In Weston wird er durch Erlebnisse, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, an eine Jugendreise erinnert, die er mit seinem damaligen besten Freund Hermann Lachner (Spitzname Carpio) gemacht hat, einem ziemlich zerstreuten jungen Mann, der immer wieder von einem reichen Verwandten im Wilden Westen gesprochen hat. Der Gymnasiast Karl May (genannt Sappho) hatte seinerzeit ein recht erfolgreiches Gedicht mit dem Titel "Weihnacht" verfasst. Dieses Gedicht wird jetzt in Weston von einem zwielichtigen Traktathändler namens Frank Sheppard verkauft. Dabei hat Old Shatterhand allerdings ein Wörtchen mitzureden.

Außerdem trifft Old Shatterhand in Weston Elise Hiller, eine Frau, der er bei besagter Reise begegnet ist. Sie war mit Sohn und Vater unterwegs, um ihrem Mann ins Ausland zu folgen und sich nach Amerika einzuschiffen. Die Gymnasiasten haben sich damals bemüht, den bitter armen Leuten zu helfen. Jetzt kommt Old Shatterhand gerade recht, Frau Hiller erneut beizustehen. Ihr Mann ist Pelzjäger und wurde von Crow-Indianern aus dem Stamm der Upsarokas gefangen genommen. Hiller und einige Schoschonen werden beschuldigt, Stammesmitglieder der Upsarokas ermordet zu haben. Seine Frau soll jetzt ein hohes Lösegeld in Form von Gewehren bezahlen. Old Shatterhand ist bereit, Frau Hiller zu helfen. Doch zunächst muss er sich gegen die ungerechtfertigten Anschuldigungen eines anderen Logiergastes seines Hotels namens Watter verteidigen, dem Goldstaub und Nuggets gestohlen wurden. Old Shatterhand kennt die wahren Schuldigen, und er weiß, dass diese eine weitere Schurkerei planen, die es zu verhindern gilt.

Nachdem auch Winnetou in Weston eingetroffen ist, geht die Reise weiter ins Land der Schoschonen. Die Blutsbrüder werden von Hermann Rost begleitet, einem studierten Arzt, der sich als Kellner verdingen musste und den sehnlichsten Wunsch hatte, Old Shatterhand zu begegnen. Die Golddiebe werden belauscht. Old Shatterhand traut seinen Ohren nicht, als die Ganoven von jemandem namens Old Jumble sprechen, der zum Opfer ihrer verbrecherischen Machenschaften werden soll. Dieser "Wirrkopf" ist niemand anderer als Hermann Lachner ...

Dieser Roman ist vor allem wegen eines langen Prologs lesenswert, in dem die Entstehung des Gedichts sowie Sapphos winterliche Jugendreise mit Carpio in Böhmen ausführlich beschrieben werden. Dieser Teil des Romans, den ich im obigen Spoiler nur kurz erwähnt habe, ist möglicherweise zumindest teilweise autobiografisch und hat eine sehr humoristische Grundstimmung. Der schusselige Carpio bringt sich selbst und Sappho (= Karl May) immer wieder in Schwierigkeiten, schiebt die Schuld aber immer auf andere. Schon allein wegen dieses interessanten Prologs nimmt das Buch unter Karl Mays Reiseerzählungen sicherlich eine Sonderstellung ein.

Das Gedicht spielt nicht nur während der Vorgeschichte eine große Rolle (Frau Hiller und ihr todkranker Vater sind völlig ergriffen, als es von Carpio vorgetragen wird, der Vater kann danach in Frieden sterben), sondern auch im weiteren Verlauf des Romans. Tatsächlich wird es stets etwas schwülstig, wenn sich wieder einmal jemand für die Verse begeistert oder – May kann es eben einfach nicht lassen – vom Atheisten zum gläubigen Christen gemacht wird. Aber darüber kann man hinwegsehen, denn ansonsten enthält der Roman alles, was das Herz begehrt. Feinde werden beschlichen, belauscht und ausgetrickst. Neben schurkischen Bleichgesichtern kommen zwar auch fiese Indianer vor – der überhebliche Obermotz wird von Old Shatterhand in einem eindrucksvollen Zweikampf besiegt – aber einige der rothäutigen Gegner sind keineswegs stereotype Bösewichte, sondern lassen sich durch Argumente davon überzeugen, einen Fehler gemacht zu haben. Und über allem thront der edelmütige, unübertreffliche Winnetou.

Alles wie gehabt also. Das soll kein Negativurteil sein! Solche in Karl Mays unverwechselbarem Stil verfassten Abenteuer gefallen mit durchaus. Außerdem vollbringt May immer wieder das Kunststück, etwas Besonderes einzufügen. Diesmal ist das ein Weihnachtsfest, komplett mit geschmücktem Tannenbaum, im tief verschneiten Wald hoch oben in den Rocky Mountains, bei dem Carpio seine letzte Ruhe findet. Man kann May vorwerfen, was man will, aber in solchen Momenten stellt er doch seine Erzählkunst unter Beweis. (27.12.2015)


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701
World War Z Max Brooks: World War Z - Operation Zombie
Goldmann, 2013
446 Seiten

Dieses Buch ist kein Roman, sondern eine Zusammenstellung von Augenzeugenberichten, die von einem Mitarbeiter der Vereinten Nationen gesammelt und in einer umfassenden Dokumentation des Zombiekrieges veröffentlicht worden sind. Das Buch berichtet in chronologischer Reihenfolge vom Ausbruch einer Seuche, die sich innerhalb weniger Monate über die ganze Welt ausbreitet und die Menschheit an den Rand des Untergangs bringt. Die Infizierten sterben trotz aller ärztlichen Bemühungen, es gibt keine Heilung für die Krankheit. Die Toten erheben sich wenig später als Zombies, die nichts Menschliches mehr an sich haben und nur noch von der Gier nach frischem Fleisch angetrieben werden. Die Krankheit wird hauptsächlich durch Bisse übertragen. Es kommt zu einer großen weltweiten Panik. Flüchtlinge werden von stetig weiter wachsenden Untotenhorden vor sich her getrieben, Großstädte werden überrannt, die öffentliche Ordnung droht vollständig zusammenzubrechen. Es gibt nur noch wenige Rückzugsgebiete, die Sicherheit vor den lebenden Toten bieten. Von dort aus wird der Widerstand organisiert. Ein neues Wirtschaftssystem entsteht, einst feindliche Nationen ziehen an einem Strang. Die Menschen lernen schnell und machen sich die Schwachstellen der Untoten zu Nutze, um zum Gegenangriff überzugehen und die Welt zurückzuerobern.

Nach dem Ende des Zombiekrieges reist der UN-Mitarbeiter von Land zu Land, um mit Überlebenden zu sprechen, die entscheidende Ereignisse miterlebt haben und an wichtigen Operationen des Zombiekrieges beteiligt waren. Zum Beispiel: Ein chinesischer Arzt, der zu einem Dorf gerufen worden ist, in dem die ersten dokumentierten Infektionsfälle aufgetreten sind. Ein Transplantationschirurg, der Organe aus dubiosen Quellen erhalten und ein infiziertes Herz verpflanzt hat. Ein israelischer Geheimdienstmitarbeiter, dem klar geworden ist, dass sich eine weltweite Katastrophe anbahnt, die man allenfalls durch totale Abschottung überstehen kann. Ein Geschäftemacher, der Millionen mit einem unwirksamen Impfstoff verdient hat. Ein Veteran der Schlacht von Yonkers, in der das US-Militär trotz seiner überlegenen Waffentechnik beim Kampf gegen einen riesigen Untotenschwarm gescheitert ist. Ein ehemaliger Berater des Apartheid-Regimes, der einen Katalog unmenschlicher, aber unumgänglicher Maßnahmen zusammengestellt hat, durch den das Überleben wenigstens eines Teils der Menschheit sichergestellt werden konnte. Außerdem besucht der UN-Mitarbeiter einen Aufräumtrupp, der sich um die noch immer nicht ganz toten, in Schnee und Eis verborgenen Überreste des Krieges kümmert.

Es wird durchaus eine zusammenhängende Geschichte erzählt, sie besteht aber aus vielen Episoden mit wechselnden Protagonisten. Durch den ständigen Perspektivwechsel kann das Thema umfassender behandelt werden als aus der Sicht eines einzigen Helden, und es wird ein hoher Grad an Realismus erreicht. Trotz der Episodenhaftigkeit reißt die Spannung nicht ab; ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen! Zu Beginn stehen natürlich die Zombie-Angriffe im Vordergrund, also Geschehnisse, wie man sie aus vielen Romanen des Genres kennt. Dabei wird klar, dass die Zombies wirklich reanimierte Tote sind und nicht etwa infizierte Menschen wie in der Verfilmung. Im Film (bei dem nur die Idee der Zombie-Apokaplypse mit dem Buch übereinstimmt) reist die von Brad Pitt verkörperte Hauptfigur auf der Suche nach einem Heilmittel zwar ebenso durch die Lande wie der namenlose UN-Mitarbeiter, aber das geschieht während des Ausbruchs. Das ist im Buch nur einer von vielen Abschnitten des Zombiekrieges, der zum Zeitpunkt der Interviews schon Jahre in der Vergangenheit liegt. Im Film wird das totale Chaos der Anfangsphase gut veranschaulicht. Hier bietet auch das Buch knackige Action, aber wenig Neues. Anders und originell ist der Blick "Hinter die Kulissen", der durch Berichte von Regierungsmitgliedern, hochrangigen Militärs und so weiter möglich wird. Hier wird auf die verzweifelten Eindämmungsversuche und die Möglichkeiten des Wiederaufbaus eingegangen. Dabei geht es um politische, militärische, wirtschaftliche und soziale Fragen, die in Zombiegeschichten normalerweise nicht behandelt werden. Ich kenne jedenfalls nicht viele Zombiefilme bzw. -romane, die über die Phase des Ausbruchs hinausgehen oder in denen es der Menschheit gelingt, die totale Katastrophe abzuwenden.

"World War Z" ist schon allein wegen des ungewöhnlichen Aufbaus ein interessantes Stück Genreliteratur, darüber hinaus behandelt Max Brooks Themen, die sonst oft außen vor bleiben. Es ist einerseits recht viel Untoten-Action enthalten, andererseits aber auch Blicke in menschliche Abgründe und überraschende Details, die erkennen lassen, dass sich Max Brooks hervorragend mit dem modernen Zombie-Mythos auskennt und diesen konsequent weiterentwickelt hat. Besonders möchte ich noch hervorheben, dass der Autor immer wieder kulturelle Besonderheiten der jeweiligen Länder einfließen lässt. Habe ich je zuvor einen so komplexen und gleichzeitig derart spannenden Zombieroman gelesen? Ich glaube nicht. (21.12.2015)

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