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Dies ist der vierzehnte Teil einer Übersicht meiner Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



700
Kandide Francois Marie Arouet de Voltaire: Kandide oder Die beste aller Welten
Kindle Edition

Wenn Gott allmächtig, allwissend und allgütig ist, dann leben wir in der besten aller möglichen Welten. Ein allgütiger Gott muss das Böse und das Leid mittels seiner Allmacht aus der Welt heraushalten, denn aufgrund seiner Allwissenheit muss ihm klar sein, was genau das Böse ist und wie man es verhindern kann. Der im Jahre 1716 gestorbene Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz war der Meinung, Gott müsse einen logischen, zureichenden Grund für die Erschaffung der Welt gehabt haben. Und einen anderen Grund als den, die beste aller möglichen Welten zu erschaffen, konnte sich Leibniz nicht vorstellen. Außerdem, so Leibniz, könne manch Gutes nur durch sein Gegenteil existieren und der Mensch sei gar nicht in der Lage, Gottes Wege zu erkennen. Nicht alles, was der Mensch für ein großes Übel halte, sei wirklich schlecht.

Voltaire war da offenbar skeptischer, was man ihm angesichts der puren Schlechtigkeit, Ignoranz, Faulheit, Gier und Dummheit der Menschheit nicht verübeln kann. Mitte des 18. Jahrhunderts, Jahrzehnte nach Leibniz' Tod, veröffentlichte er "Kandide" als Satire der Leibniz'schen Weltanschauung. Mit beißendem Spott und grotesken Übertreibungen zieht er darin nicht nur über besagte Theorie her, sondern auch über den Adel, die Kirche und so weiter. Um seine eigene, möglicherweise pessimistische, vielleicht aber einfach nur realistische Weltsicht zu veranschaulichen, jagt Voltaire seinen Titelhelden in diesem Kurzroman von einem Unglück ins nächste. Der zu Anfang recht naive junge Mann wächst am Hofe des Barons von Donnerstrunkshausen in Westfalen auf. Er wird von Magister Panglos unterrichtet, der die Metaphysiko-theologo-kosmolo-nigologie lehrt und die Überzeugung vertritt, dass alles gut ist, so wie es ist. Kandide verliebt sich in die schöne siebzehnjährige Baroness Kunegunde. Als die Liaison ruchbar wird, fliegt Kandide achtkantig aus dem Schloss, denn er ist allenfalls gerüchteweise ein illegitimer Sohn der Schwester des Barons und kommt nicht als Gatte des adligen Fräuleins in Betracht.

Kandide wird von der bulgarischen Armee zwangsrekrutiert und während der Ausbildung wegen Entfernung von der Truppe vor die Wahl gestellt, sich erschießen zu lassen oder einen grausamen Spießrutenlauf zu erdulden. Im Krieg sieht er schreckliche Gräueltaten mit an und gelangt schließlich völlig verarmt nach Holland, wo er vom barmherzigen Wiedertäufer Jakob Schwezinger aufgenommen wird. Dort begegnet er einem syphilitischen Bettler - es ist Panglos, der ihm erzählt, Schloss Donnerstrunkshausen sei von den Bulgaren vernichtet worden. Die gesamte Familie des Barons seit tot - auch Kunegunde. Man reist per Schiff nach Lissabon, wo Kandides Gönner in einem Sturm ums Leben kommt. Als drei Viertel der Stadt durch ein Erdbeben vernichtet werden, veranstaltet der Rat ein Autodafe, um den Pöbel zu beruhigen. Kandide und Panglos geraten in die Fänge der Inquisition. Ersterer wird gestäupt, letzterer endet am Galgen. Gerade als sich doch noch alles zum Guten zu wenden scheint - Kunegunde hat überlebt und befindet sich in Portugal - wird es noch schlimmer. Kandide begeht zwei Morde und muss aus dem Land fliehen ... (17.12.2015)

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699
Das wahre Wesen der Dinge Ted Chiang: Das wahre Wesen der Dinge
Golkonda, 2014
284 Seiten

Diese Sammlung enthält acht Kurzgeschichten Ted Chiangs. Ich gehe hier nicht auf alle ein, zumal drei wirklich sehr kurz sind. "Die Evolution menschlicher Wissenschaft" ist zum Beispiel ein zweieinhalbseitiger Artikel aus einem fiktiven Wissenschaftsmagazin, das an einem Mangel an neuen Beiträgen leidet, weil die einzigen nennenswerten Entdeckungen in dieser Zeit von Metamenschen gemacht werden. Diese neue Menschenart kommuniziert durch digitalen Neuraltransfer und hat kein Interesse an irgendwelchen anderen Medien.

Kommunikations- und Erkenntnismöglichkeiten sowie Bewusstseinsveränderungen stehen auch bei den meisten anderen Storys im Vordergrund - anders als bei Ted Chiangs erster Storysammlung (Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes). Deren Geschichten behandeln hauptsächlich Fragen des Glaubens, der Vorherbestimmung und des freien Willens. Diese Themen fließen allerdings auch diesmal ab und zu ein, zum Beispiel in "Was von uns erwartet wird". Darin geht es um ein Gerät, das nur eine einzige Funktion hat: Durch ein Lämpchen wird mit unfehlbarer Sicherheit vorhergesagt, ob der Benutzer den Druckknopf des Gerätes betätigen wird oder nicht. Das klingt harmlos, aber es bedeutet, dass dieser Prognostiker die Zukunft kennt und dass es keine freien Willensentscheidungen gibt. An dieser Erkenntnis droht die Menschheit zu zerbrechen. In "Geteilt durch Null" zerstört eine Mathematikerin ihr eigenes Weltbild, als sie erkennt, dass ein grundlegendes mathematisches Axiom, von dem unzählige andere Lehrsätze abgeleitet werden, falsch ist. Mathematik ist für sie dasselbe wie der Glaube an Gott für einen religiösen Menschen. Da sie bewiesen hat, dass ihr Gott nicht existiert, begeht sie einen Selbstmordversuch. Mir ergeht es eher wie ihrem Mann, der nicht begreifen kann, warum es so schlimm sein soll, dass der Grundsatz "1 ist ungleich 2" in der Theorie nicht bewiesen werden kann!

Insgesamt gefallen mir die Storys nicht ganz so gut wie jene aus dem bereits erwähnten Band, aber das bedeutet nur, dass ich den meisten nicht das Prädikat genial geben würde, sondern "nur" sehr gut, und dass der Abwechslungsreichtum nicht so groß ist. Ich fand nicht alle Ideen so faszinierend, nicht alle Wendungen so verblüffend wie bei den Geschichten des anderen Bandes. Die recht lange Novelle "Der Lebenszyklus von Software-Objekten" liest sich für Chiangs Verhältnisse fast schon wie eine konventionelle SF-Story, und zwar wie eine, mit der vor allem Nerds angesprochen werden. Wer mit digitalen Welten und Computerspielen nichts am Hut hat, wird womöglich nicht alle Fachbegriffe verstehen. Im Zentrum steht eine Tierpflegerin, die vom Softwarehersteller Blue Gamma eingestellt wird und an der Entwicklung virtueller Haustiere mitarbeitet. Diese Digis haben den Nachteil, dass sie sich weiterentwickeln und irgendwann nicht mehr niedlich sind. Viele Nutzer legen die Digis deshalb still, obwohl diese echte Intelligenz entwickeln und im Grunde als vollwertige Persönlichkeiten betrachtet werden müssen. Das klingt wie ein Plädoyer für den realen Tierschutz, hat aber noch eine andere Ebene. Wie soll sich der Mensch verhalten, wenn sich echte und künstliche Intelligenz nicht mehr voneinander unterscheiden lassen? Hier habe ich mich an Philip K. Dick erinnert gefühlt. Die Story "Verstehen" wiederum erinnert an Blumen für Algernon von Daniel Keyes, mit dem Unterschied, dass der durch Medikamenteneinwirkung zum Übermenschen gewordene Proband nicht wieder degeneriert, sondern es mit einem zweiten Supergenie zu tun bekommt.

"Die Wahrheit vor Augen" ist im Grunde gar keine Geschichte, sondern eine Zusammenstellung von Interviews, Berichten und Reden, in denen das Für und Wider der Calliagnosie diskutiert wird. So wird ein Verfahren bezeichnet, mit dem sich die Fähigkeit der Menschen abschalten lässt, Schönheit (oder Hässlichkeit) zu erkennen. Für jemanden, bei dem Calli eingesetzt wird, sehen zwar nicht alle Gesichter identisch aus - er kann sie ebenso leicht voneinander unterscheiden wie zuvor - aber alle Attribute, die er zuvor bewusst oder unterbewusst als schön oder hässlich empfunden hätte, sind für ihn vollkommen bedeutungslos. Befürworter der Calliagnosie feiern die Befreiung der Menschheit vom durch die Medien propagierten Schönheitswahn. Niemand kann mehr allein durch sein Aussehen Vorteile erlangen oder diskriminiert werden, weil er nicht dem Idealbild entspricht. Gegner des Verfahrens führen an, dass dieses nur funktionieren kann, wenn sich alle Menschen dem Eingriff unterziehen, und dass man nicht einfach eine künstlich hervorgerufene kognitive Störung einsetzen sollte, um Symptome zu kurieren, statt das Übel an der Wurzel zu packen und die innere Einstellung der Menschen zu ändern. Die Werbeindustrie reagiert, indem sie digitale Bildbearbeitung einsetzt, um die Körpersprache der Gezeigten so zu verändern, dass selbst mittelmäßige Redner ein unwiderstehliches Charisma versprühen ...

Alle Storys sind fesselnd oder regen zumindest zum Nachdenken an. Chiang besitzt die Gabe, komplizierte Sachverhalte verständlich zu vermitteln und nicht nur Gedankenspiele mit interessanten Prämissen anzustellen, sondern spannende Handlungen zu entwerfen und zwischenmenschliche Konflikte einzubinden. Ich habe irgendwo gelesen, Chiang schreibe Science Fiction für Fortgeschrittene. Das ist wohl übertrieben, aber es stimmt schon: Mit Space Operas und anderen trivialen SF-Versatzstücken haben Chiangs Geschichten nichts zu tun. (09.12.2015)

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698
Der elektronische Mönch Jeff Somers: Der elektronische Mönch
Bastei Lübbe, 2010
463 Seiten

Wer im System der Konföderierten Nationen nicht zu der kleinen Schicht der Reichen und Privilegierten gehört, lebt in bitterster Armut, muss in den Ruinen der in den Vereinigungs-Ausschreitungen zerstörten Städte dahinvegetieren und gilt mit 30 Jahren schon als ungewöhnlich alt, weil es für die unterernährten Massen praktisch keine medizinische Versorgung gibt. Mit ehrlicher Arbeit kann niemand sein Dasein fristen, zumal es kaum noch Jobs gibt; Roboter erledigen jede Tätigkeit viel zuverlässiger und effizienter als menschliche Arbeitskräfte. Der System-Sicherheitsdienst (SSD), eine allmächtige Polizeitruppe, schützt ausschließlich die Reichen und geht mit unmenschlicher Härte gegen die Bewohner der abgeschotteten Slums vor. Während sich die einfachen Streifenpolizisten gern bestechen lassen, nutzen die Officers ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit, um die Menschen mit brutaler Gewalt, Folter und willkürlichen Tötungen heimzusuchen. Doch es gibt eine Organisation, die noch gefährlicher ist als die System-Cops. Das ist die Cyber-Kirche (CK), deren Mönche überall auf der Welt unermüdlich im Einsatz sind, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Wer zur CK konvertiert, muss sterben. Sein Gehirn wird in einen waffenstarrenden, unglaublich reaktionsschnellen Robotkörper verpflanzt und erlangt Unsterblichkeit, was nach Ansicht des CK-Oberhaupts Dennis Squalor die einzige Möglichkeit ist, eines Tages die Erlösung zu erringen. Da nur wenige Menschen freiwillig konvertieren, entführen die Mönche immer wieder Slumbewohner, deren Verschwinden niemandem auffällt. Diese Unglücklichen tauchen wenige Tage später wieder auf - als Cyborgs ...

Für jemanden wie Avery Cates ist es schwer, in dieser Welt so etwas wie Prinzipien zu bewahren. Cates lebt in Old New York und betrachtet sich selbst als Revolverheld - er ist ein Auftragskiller, der nur Aufträge annimmt, die er mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Er gilt nicht umsonst als lebende Legende, denn trotz seines äußerst riskanten Lebenswandels hat er es geschafft, 26 Jahre alt zu werden. Doch eines Tages macht er einen Fehler und tötet eine Undercover-Polizistin. Somit wird er vom gesamten SSD als Copkiller gejagt. Kurz danach gerät er in eine SSD-Razzia und beobachtet auf der Flucht, wie ein Mönch jemanden tötet, um ihn zu konvertieren. Damit gerät er auch noch ins Visier der CK. In dieser ausweglosen Situation erhält er einen neuen Auftrag von unerwarteter Seite. Richard Marin, Leiter der Abteilung für Innere Angelegenheiten des SSD und mächtigster Mann der Welt nach den 25 Mitgliedern des Einheitsrates, hat erkannt, dass sich die CK immer schneller ausbreitet und offensichtlich das Ziel verfolgt, alle Menschen in gleichgeschaltete Cyborg-Drohnen zu verwandeln. Deshalb muss Dennis Squalor sterben. Marin braucht jemanden, der die Drecksarbeit für ihn erledigt, und bietet Cates ein exorbitantes Kopfgeld an. Cates beginnt sofort mit der Zusammenstellung eines Teams. Doch außer seinen Intimfeinden vom SSD hat sich noch jemand an seine Fersen geheftet: Barnaby Dawson, ein ehemaliger Officer, der durch Cates‘ Schuld für die CK zwangsrekrutiert wurde, im Gegensatz zu allen anderen Mönchen aber noch einen freien Willen und nur ein Ziel hat: Cates zu töten!

"Der elektronische Mönch" bildet den Auftakt einer Reihe von Romanen mit der Hauptfigur Avery Cates, ist aber nicht allzu sehr auf eine Fortsetzung angelegt. Das Ende ist insoweit offen, als Cates den Kampf gegen das System aufnimmt, die eigentliche Geschichte ist aber in sich abgeschlossen. Der Autor geht gleich auf den ersten Seiten in die Vollen. Das düstere Zukunftsszenario wird schnell skizziert, während Cates versucht, einer SSD-Razzia zu entkommen. Nach und nach kommen weitere Hintergrundinformationen hinzu, die wichtigsten Gruppierungen werden vorgestellt und es entwickelt sich eine actionreiche Cyberpunkstory, in der die Cyber-Kirche und deren Mönche die interessantesten Elemente darstellen. Ansonsten sind mir die üblichen Genre-Versatzstücke nur allzu bekannt vorgekommen: Die totalitäre Weltregierung, die krasse Trennung in Superreiche (von denen man im Verlauf des Romans nur sehr wenig zu "sehen" bekommt) und Bitterarme, die Aufrechterhaltung des nur für erstere akzeptablen Status Quo durch eine allmächtige Polizeitruppe, die erbärmlichen Existenzbedingungen in den Slums. Somers hat jedoch die Idee mit den auf einen bestimmten Glauben programmierten Mönchen (wie er im Nachwort zugibt) nicht selbst erfunden, sondern aus dem Roman "Der elektrische Mönch – Dirk Gentlys holistische Detektei" von Douglas Adams übernommen. Und letztlich holt er nicht genug aus dem ganzen Konzept heraus. Die Mönche sind Gegner, die es niederzumetzeln gilt - mehr nicht.

Es fällt nicht leicht, Avery Cates zu mögen. Gerechtigkeitssinn hin oder her - er ist ein Auftragsmörder. Und "Kollateralschäden" nimmt er durchaus in Kauf. Zwar werden immer wieder Gedankengänge eingeflochten, die verdeutlichen sollen, dass er nur den Zwängen seiner Existenz folgt und nicht auf Dauer so weiterleben möchte, dennoch ist seine Entwicklung hin zum Widerstandskämpfer nicht so recht glaubwürdig. Das Sammelsurium relativ eindimensionaler Gestalten in Cates' Team und auf Seiten der Widersacher ist immerhin bizarr genug, um für etwas Auflockerung im vorhersehbaren Geschehen zu sorgen. Als fast schon ermüdend habe ich die Beschreibung diverser Kämpfe und Verfolgungsjagden empfunden. In einem Film würden sich solche Szenen sicher gut machen, aber in einem Roman? Zudem werden aussichtslose Situationen mehr als einmal durch das unerwartete Eingreifen Dritter gerettet. Auffällig, wenn auch nicht störend, ist übrigens die Sprache. Damit man begreift, was für schwere Jungs Cates und seine Spießgesellen sind, wird ausgiebig geflucht und gedroht. Da schleicht sich manchmal unfreiwillige Komik ein. (30.11.2015)


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697
Himmelsgöttin Christopher Moore: Himmelsgöttin
Goldmann Manhattan, 1998
413 Seiten

Im zweiten Weltkrieg, während des Pazifikfeldzuges gegen Japan, malt ein junger Flieger ein Pin-up auf die Nase eines B-26-Bombers. Die nackte Blonde, die Himmelsgöttin, ist ein wahres Meisterwerk, und sie hält ihre schützende Hand über der Crew des Piloten Vincent Benedetti. Doch nach zwölf erfolgreichen Kampfeinsätzen wird die Himmelsgöttin getroffen und muss auf Alualu notlanden, einer winzigen Insel, die noch vor wenigen Tagen von den Japanern besetzt war. Die wurden durch amerikanisches Bombardement dezimiert und schließlich vertrieben - zur großen Freude der Eingeborenen vom Stamme des Haifischvolkes, die unter den Grausamkeiten der Besatzer sehr zu leiden hatten und ihre Befreiung nun mit Vincents Ankunft in Verbindung bringen. Als Vincent auch noch großzügig Proviant an die Hunger leidenden Eingeborenen verteilt und obendrein ein ganzes Versorgungsflugzeug mit noch mehr guten Dingen für sie organisiert, wird er endgültig zu ihrem Erlöser und (neben der Himmelsgöttin) zur Zentralfigur ihrer Religion.

Jahrzehnte später: Tucker Case ist ein notorischer Trinker und Verlierer, der nur eines wirklich gut kann: Fliegen. Er arbeitet als Pilot für Mary Jean Dobbins, Multimillionärin und Besitzerin eines Kosmetikimperiums. Frauen sind Tucks Schwachstelle, und so gewährt er seiner neuesten Eroberung einen Herzenswunsch. Die junge Frau möchte Mitglied im Mile-High-Club werden, mit anderen Worten, sie möchte Sex über den Wolken haben. Bei all der Aufregung und mit alkoholvernebeltem Verstand vergisst Tuck, den Treibstoffvorrat des zu Liebesdingen zweckentfremdeten Firmenjets zu checken. Die Tanks sind fast leer! So kommt es zu einer Bruchlandung, bei der sich das Flugzeug in Schrott und Tucks bestes Stück in Hackfleisch verwandelt. Natürlich verliert Tuck Job und Pilotenlizenz, außerdem hat er eine exorbitante Schmerzensgeldforderung seiner Gespielin am Hals. Da kommt ihm das Angebot eines gewissen Dr. Sebastian Curtis gerade recht. Der Mann gibt sich als Missionar aus, der einen Piloten für Transportflüge braucht. Nach äußerst beschwerlicher Anreise erreicht Tuck die Insel Alualu, wo er seine neue Stelle antritt. Doch warum wird das Anwesen, zu dem eine bestens eingerichtete Operationsstation gehört, von bewaffneten Japanern bewacht? Was befindet sich in den Kühlboxen, die die einzige zu befördernde Fracht darstellen? Und warum läuft Curtis‘ Ehefrau Beth, eine blonde Sexbombe, mit Vorliebe unbekleidet herum? Als Tuck endlich begreift, wie all das mit dem Kult der Eingeborenen zusammenhängt, ist es fast zu spät - sowohl für das Haifischvolk als auch für ihn selbst ...

Christopher Moores Geschichten zeichnen sich vor allem durch einen sehr speziellen Humor aus. Oder sollte ich lieber von Albernheit bis hin zum puren Slapstick sprechen? Das ist in seinem vierten Roman nicht anders. Wie beinahe immer agieren mehr oder minder skurrile oder völlig verrückte Figuren hart an der Grenze der Glaubwürdigkeit. Dabei habe ich die abgedrehtesten Figuren in obiger Kurzzusammenfassung, die eher ein Teaser ist, weil sie den Ideenreichtum des Romans nicht annähernd rüberbringt, noch nicht mal erwähnt. Da gibt es unter anderem einen sprechenden Flughund, einen alten Kannibalen, der zu gern mal wieder Langschwein genießen möchte (schmeckt wie Spam, so steht es jedenfalls in diesem Buch - ich möchte nicht wissen, ob der Autor es jemals ausprobiert hat), einen geisterhaften Piloten, der stets aus dem Nichts erscheint, um gute Ratschläge zu erteilen, wenn er nicht gerade im Himmel mit Jesus Karten spielt, und natürlich die Inkarnation der heißkalten Himmelsgöttin, die sich ihre Traumfigur durch den Konsum von Wodka und Knabbersachen erhält. Und das sind nur einzelne Beispiele aus einem großen Ensemble der Kuriositäten!

Ein wenig schießt Moore mit seiner Erzählfreude übers Ziel hinaus. Zumindest dauert es sehr lang, bis Tuck endlich auf Alualu ankommt. Seine Erlebnisse auf dem Weg dorthin sind weder nötig, um die Story weiterzuführen, noch werden sie zu diesem Zeitpunkt noch zur Figurenzeichnung gebraucht. Die Nebenhandlung rund um den Herausgeber eines Lokalblättchens, der Tuck heimlich nach Alualu folgt und mehr herausfindet, als gut für ihn ist, würde ich ebenfalls als eher überflüssig bezeichnen. Dennoch schafft Moore es immer wieder, den Leser bei der Stange zu halten, sowie Gefühl und sogar ein wenig Tiefgang einfließen zu lassen. Obwohl sich Tuck mit seiner betonten Trotteligkeit und Begriffsstutzigkeit alle Mühe gibt, an den Nerven des Lesers zu sägen, wächst er einem schließlich doch ans Herz und zum Schluss sogar über sich hinaus, um eine echte Heldentat zu vollbringen, die wiederum so durchgeknallt daherkommt, dass es eine wahre Freude ist. Wer Tuck ins Herz geschlossen hat, kann ihm in Der törichte Engel wieder begegnen, einem von mehreren Romanen Moores, die im Städtchen Pine Cove spielen. (25.11.2015)


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696
Das Leben und die Musik von Peter Gabriel Daryl Easlea: Das Leben und die Musik von Peter Gabriel
Hannibal, 2014
496 Seiten, gebunden

Mit Peter Gabriels Musik bin ich sozusagen aufgewachsen. Gabriel war bis Mitte der Siebziger Frontmann der Gruppe Genesis, aber das wusste ich zunächst nicht. So richtig auf ihn aufmerksam geworden bin ich erst durch "Games Without Frontiers", seinen zweiten Solo-Hit aus dem Jahre 1980, denn bei diesem Stück ist auch Kate Bush zu hören, und die fand ich damals extrem interessant. Erst nach seinem größten Erfolg mit dem Album "So" Mitte der Achtziger habe ich angefangen, alles zu sammeln, was von Peter Gabriel erhältlich war. Auf diese Weise bin ich dann auf die ersten sechs Genesis-Alben gestoßen, bei denen Gabriel maßgeblich mitgewirkt hat. Nur einmal habe ich ihn live gesehen, das war im Jahre 2007 auf der Zitadelle in Mainz. Natürlich habe ich auch mitgekriegt, dass Gabriel nicht nur auf dem Musiksektor aktiv ist, sondern sich auch für Menschenrechte engagiert. Ich glaubte also ziemlich gut über Leben und Werk dieses Ausnahmekünstlers Bescheid zu wissen, der sich nie verbogen oder dem Massengeschmack angebiedert hat, sich schon immer für neue technische Möglichkeiten begeistern konnte, die Weltmusik gefördert und zahlreiche andere Musiker beeinflusst hat.

Die umfassende Biografie von Daryl Easlea enthält denn aber doch viel Wissenswertes, das mir neu war. So wusste ich praktisch nichts über Gabriels Herkunft, sein Zusammentreffen mit Tony Banks sowie den anderen Gründungsmitgliedern von Genesis an einer elitären Privatschule und sein Eheleben. Die Biografie geht auch auf diese Aspekte seines Lebens ein, konzentriert sich aber logischerweise auf seine Musikkarriere. In chronologischer Reihenfolge werden die ersten Genesis-Alben und Gabriels Solowerke bis "New Blood" vorgestellt. Dabei wird jedes einzelne Musikstück unter die Lupe genommen. Einige Schwarzweißfotos und eine ausführliche Disko-/Bibliografie runden den Band ab. Die Alben und die damit verbundenen Tourneen sind in der Biografie quasi die Kristallisationspunkte für die von Easlea zusammengetragenen Statements aus verschiedenen Quellen und eigens für dieses Buch geführten Interviews. Man erfährt viel über den Künstler Peter Gabriel (und über manche Weggefährten), über den Menschen aber eher wenig. Immerhin ist mir klar geworden, dass Gabriel als Perfektionist gilt, dessen akribische und daher sehr langsame Arbeitsweise für seine Mitstreiter manchmal nicht leicht zu ertragen ist ...

Leider kann ich die an sich sehr interessante Biografie nicht uneingeschränkt empfehlen, denn die Übersetzung ist nicht gelungen. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass der Stil im englischen Original genauso holprig ist. Manche Begriffe wurden ganz einfach falsch übersetzt. Obendrein haben sich sehr viele Rechtschreib- und Grammatikfehler eingeschlichen. Andere Fehler gehen jedoch wahrscheinlich auf das Konto Easleas. So werden einzelne Namen falsch geschrieben und die Tschernobyl-Katastrophe wird in das Jahr 1985 vorverlegt ... (15.11.2015)

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695
Nach der Bombe Philip K. Dick: Nach der Bombe
Heyne, 2004
320 Seiten

Im Jahre 1972 unterläuft einem von Dr. Bruno Bluthgeld geleiteten Forscherteam ein fataler Rechenfehler. Der von Kernwaffentests verursachte radioaktive Fallout verbreitet sich wider Erwarten über bewohnte Gebiete der USA. Gendefekte sind die Folge, und so kommen in diesem Jahr viele missgebildete Kinder zur Welt. Bluthgeld nimmt die ganze Schuld auf sich. Er wird von aller Welt gehasst. Dieses Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit. Bluthgeld glaubt, man wolle ihn ermorden und wähnt sich im Besitz übernatürlicher Kräfte, mit denen er das verhindern will. Auf Anraten seiner guten Freundin Bonny Keller nimmt er im Jahre 1981 die Hilfe des in Berkeley, Kalifornien, ansässigen Psychotherapeuten Dr. Stockstill in Anspruch. Am Tag seines ersten Besuches in Stockstills Praxis kommt es zu einem globalen Atomkrieg. Bluthgeld glaubt, er habe dies verursacht und müsse seine Kräfte nun einsetzen, um die Welt zu heilen. Tatsächlich ist der Grund für den Krieg unklar. Zu der Katastrophe könnte es ebenso gut wegen politischer Spannungen zwischen den USA und China gekommen sein wie infolge einer Fehlfunktion der automatischen Verteidigungssysteme.

Der größte Teil der Menschheit stirbt am ersten Tag oder geht in den folgenden Jahren an der Strahlung zugrunde. Verschiedene Tierarten mutieren, manche werden intelligent. Die Überlebenden verlassen die zerstörten Städte und gründen kleine Gemeinschaften, zwischen denen allmählich wieder Handelsbeziehungen entstehen. Pferdekarren werden hierfür eingesetzt, denn Autos sind nur ein Teil dessen, was für immer verloren gegangen ist. Einen wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung von Kultur und Zivilisation leistet der Astronaut Walt Dangerfield, der die Erde in seiner mit großen Vorratslagern und Tonbandarchiven ausgestatteten Raumstation umkreist. Seine Botschaften können überall auf der Erde empfangen werden. Dangerfield sendet Musik, veranstaltet Lesungen und verbreitet Nachrichten sowie nützliche Überlebenstipps, die ihm in den Orbit gefunkt werden.

Sieben Jahre nach dem Fall der Bomben leben die Bewohner von Marin County in bescheidenem Wohlstand, nicht zuletzt dank der Hilfe des Phokomelus Hoppy Harrington, der alle technischen Geräte auf geradezu magische Weise instandsetzen kann. Bluthgeld lebt inkognito als Schafzüchter unter den Menschen. Nur Bonny Keller weiß, wer er wirklich ist. Doch die Idylle trügt, denn Hoppy hat die Demütigungen, unter denen er vor dem Krieg gelitten hat, nicht vergessen - und jetzt besitzt er die Macht, es allen heimzuzahlen. Bluthgeld lebt immer noch in dem Wahn, die ganze Menschheit habe sich gegen ihn verschworen, und möglicherweise sind seine Kräfte nicht gänzlich eingebildet. Eines Tages entwickelt Dangerfield unerklärliche Krankheitssymptome, die immer dann stärker werden, wenn er das Gebiet von Marin überfliegt ...

"Nach der Bombe" ist trotz des postapokalyptischen Szenarios kein rein dystopischer Roman. Schließlich kommen die Überlebenden nach dem Atomkrieg recht schnell wieder auf die Beine und bauen eine neue Zivilisation auf. Aber so ganz optimistisch ist das Buch dann doch wieder nicht, schließlich funktioniert die neue Welt nur innerhalb kleiner Gemeinschaften. Untereinander herrscht Rivalität. So versuchen die Bewohner einer anderen Siedlung, Hoppy zu entführen. Sie neiden den Bewohnern von Marin County den Luxus, den der Besitz eines Radios darstellt, mit dem man Dangerfields Sendungen empfangen kann. Aberglaube und Vorurteile weiten sich aus, denn infolge der radioaktiven Strahlung treten bei Menschen die verschiedensten Missbildungen körperlicher und geistiger Art auf. Intelligente Tiere werden schon gar nicht geduldet - sie werden mit intelligenten Fallen (also Robotern) gejagt. Menschen mit großer Macht wie Hoppy, ein Telekinet, missbrauchen diese zur Verfolgung egoistischer Ziele.

Existenzielle Fragen nach dem Wesen der Menschlichkeit und der Wahrnehmung von Realität werden dagegen nur am Rande angesprochen. Der Roman ist zudem fast völlig frei vom Mystizismus des Dick'schen Spätwerks. Er lässt sich somit viel leichter lesen und hat eine echte Spannungskurve zu bieten. Schräge Typen mit merkwürdigem Seelenleben sind gleichwohl vorhanden, und zwar in so großer Zahl, dass es schwer ist, eine Identifikationsfigur zu finden. Wer ist eigentlich Hauptprotagonist des Romans? In seinen Nachbemerkungen schreibt Dick, das sei der Verkäufer Stuart McConchie, die erste Person, der wir in "Nach der Bombe" begegnen. In seinem Nachwort widerspricht der Schriftsteller Jonathan Lethem dieser Auffassung, Er meint, Bonny Keller sei die Hauptfigur. Das mag sein, aber Nebenfiguren wie Bonnys Tochter Edie, die ihren Zwillingsbruder im Körperinneren mit sich herumträgt, oder der kosmische Discjockey Dangerfield, oder Dr. Bluthgeld, der davon überzeugt ist, dass alles auf der Welt nur seinetwegen geschieht, sind für den Roman ebenfalls unverzichtbar. (09.11.2015)


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694
Das Buch ohne Staben Anonymus: Das Buch ohne Staben
Luebbe, 2010
442 Seiten

Im ersten Jahrhundert n. Chr. verliert der Pharao Rameses Gaius bei einem Kampf ein Auge. Er ersetzt es durch einen blauen Stein, der einst Noah gehört hat und "Auge des Mondes" genannt wird. Mit den Kräften des Steines gewinnt der Pharao große Macht und ewiges Leben. Außerdem erschafft er das Buch des Todes. Wessen Name dort verzeichnet und mit einem Todesdatum versehen wird, dessen Ende kommt unausweichlich am angegebenen Tag. Zwei Jüngern des Pharaos namens Armand Xavier und Ishmael Taos trinken vom Blut Christi und erlangen dadurch Unsterblichkeit. Rameses Gaius versucht deshalb, sie zu beseitigen. Bevor er die Namen der beiden im Buch des Todes vermerken kann, wird er von ihnen überwältigt. Sie rauben das Auge des Mondes und sperren den Pharao in einer mit einem Fluch versehenen Grabkammer ein. Dieser Fluch wird aufgehoben, als der als "Bourbon Kid" bekannte Massenmörder den inzwischen zum Vampir gewordenen Armand Xavier und Ishmael Taos sowie alle anderen Mönche von Hubal tötet. Die in Santa Mondega im Museum of Art and History ausgestellte Mumie des Pharao erwacht zu neuem Leben und setzt nun alles daran, das Auge des Mondes zurückzugewinnen.

Dante Vittori und seine Freundin Kacy Fellangi, zwei der wenigen Überlebenden des letzten vom Bourbon Kid in Santa Mondega angerichteten Massakers, werden einige Monate später verhaftet. Mit der Drohung, ihn wegen seiner Verwicklung in die vom Bourbon Kid verübten Grausamkeiten auf den Elektrischen Stuhl zu bringen, wird Dante gezwungen, einen lebensgefährlichen Undercovereinsatz zu übernehmen. Man verabreicht ihm ein Serum, durch das seine Körpertemperatur abgesenkt wird. Er soll sich nun unter die Vampirclans von Santa Mondega mischen und nach Peto suchen, dem letzten Mönch von Hubal, in dessen Besitz sich das Auge des Mondes befindet. Peto befindet sich bereits in Santa Mondega, um den Bourbon Kid mit Hilfe des Auges zu heilen und zu läutern. Doch dabei haben drei untote Polizeioffiziere ein Wörtchen mitzureden. Sie kennen den Inhalt des Buches ohne Namen und sind im Besitz des Heiligen Grals. Ihnen ist bekannt, dass sie das Blut eines Sterblichen, eines Unsterblichen vom Stamm Taos sowie eines Vampirs aus dem Gralsbecher trinken müssen, um unermessliche Macht zu erlangen. An Bourbon Kid kommen sie natürlich nicht heran, aber er ist nicht der letzte Nachkomme von Ishmael Taos - er hat einen zurückgebliebenen Bruder ...

Der zweite Teil der "Bourbon Kid" - Reihe folgt der Regel, die fast immer für Fortsetzungen gilt: Wiederhole das Erfolgsrezept des ersten Teils, lege aber überall einige Schippen drauf, beantworte keine Fragen, ohne gleich neue zu stellen - und beende die Story mit einem Cliffhanger. Somit ist der Roman noch kruder, grotesker, verrückter und noch weit brutaler als Das Buch ohne Namen. Die Gewaltbeschreibungen gehen bis ins letzte Detail; sie enthalten mehr Blut und Eingeweide als je zuvor. Beim ersten Roman fand ich das (sowie die Vulgär-/Fäkalsprache - teils auch noch in Versalien) ja noch ganz lustig, inzwischen finde ich das Durcheinander aus Klischeefiguren mit zum Teil äußerst fragwürdigen Motivationen, aus dem Hut hervorgezauberten Wendungen und expliziter Gewaltdarstellung nicht mehr so toll.

Dante und der Bourbon Kid stehen im Mittelpunkt. Nach der Auferstehung der Mumie wird zunächst einmal in die Vergangenheit umgeschaltet und wir erfahren, welche Ereignisse dazu geführt haben, dass Bourbon Kid einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen alle Unsterblichen (egal ob Vampir oder nicht) führt und dabei keine Rücksicht auf Unschuldige nimmt. Man soll es nicht glauben, aber der Bourbon Kid ändert sich offenbar wirklich von Grund auf. Eine Liebesgeschichte, die vor 18 Jahren begann, wird glücklich zu Ende geführt. Das ist für meinen Geschmack zu dick aufgetragen und zu plump, um noch glaubwürdig zu sein.

Dante taumelt mal wieder von einer bizarren Situation in die nächste. Wenigstens eignet er sich im Gegensatz zum Bourbon Kid einigermaßen als Sympathieträger, jedenfalls ist seine Sorge um Kacy, die sich in den Händen eines mit höchster Legitimation agierenden Serienvergewaltigers befindet, durchaus nachvollziehbar. Er kämpft sogar Seite an Seite mit dem Bourbon Kid, um Kacy zu retten, bringt sich aber immer wieder durch seine Schusseligkeit oder vielmehr Großmäuligkeit in Schwierigkeiten und entwickelt ein nicht unerhebliches Nervpotential.

Das Buch kommt nur langsam in die Gänge. Die verschiedenen Handlungsstränge kreisen zunächst wild umeinander, der Leser tappt im Dunkeln. Sanchez, der hoffnungslos in die unsterbliche Jessica verliebte Wirt der Tapioca Bar, mischt wieder mit, gerät aber irgendwann ein bisschen in Vergessenheit. Dasselbe gilt für Peto, dem wir höchstwahrscheinlich in keinem weiteren Roman begegnen werden. Der extrem blutige Showdown wird sehr lange vorbereitet und erst gegen Ende wird erkennbar, wie alles zusammenhängt. Zumindest bleibt der Roman stets in sich schlüssig. (03.11.2015)


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693
Die Go-Go-Girls der Apokalypse Victor Gischler: Die Go-Go-Girls der Apokalypse
Piper, 2010
393 Seiten

Neun Jahre nach dem Weltuntergang verlässt der ehemalige Versicherungsvertreter Mortimer Tate erstmals sein Versteck, eine abgelegene Hütte mit angrenzender Höhle in einem Naturschutzgebiet hoch in den Bergen. Dort hat er sich seinerzeit weniger wegen des infolge schrecklicher Naturkatastrophen und globaler Kriege drohenden Zusammenbruchs der menschlichen Zivilisation versteckt, sondern um nicht in die von seiner Ehefrau Anne verlangte Scheidung einwilligen zu müssen. Mort hat den Niedergang der USA gut überstanden, denn er hat riesige Lager mit allen möglichen Konsumgütern angelegt. Er verfügt über ein umfangreiches Waffenarsenal und Bücher mit allen Informationen, die man zum Überleben in der Wildnis braucht. Das Radio, Morts einzige Verbindung zur Außenwelt, hat schon vor langer Zeit den Geist aufgegeben. Deshalb weiß er nicht, wie schlecht es wirklich um die Welt bestellt ist. Sein Äußeres wirkt nach dem jahrelangen Einsiedlerleben nicht besonders vertrauenerweckend. So ist es kein Wunder, dass die drei ersten Menschen, die sich nach all der Zeit zufällig der Hütte nähern, vor Schreck über Morts plötzliches Auftauchen sofort die Waffen zücken. Mort ist gezwungen, die Männer zu erschießen.

Mort beschließt, dass es an der Zeit ist, den Berg zu verlassen. Nachdem er sich rasiert und einen Schlitten mit Vorräten bestückt hat, wandert er nach Evansville. Dort wird er von einem brutalen Burschen gefangen genommen, der eine Teenagerin namens Sheila als Sklavin hält. Mort soll den Kerl zur Hütte führen und fürchtet um sein Leben, wird unterwegs aber von einem jungen Mann gerettet, der zu gern ein Westernheld wie Buffalo Bill wäre. Bill erschießt den Sklavenhalter. Sheila flieht. Gemeinsam machen sich Mort und Bill auf den Weg nach Spring City. In seiner alten Heimatstadt angekommen, erkennt Mort, wie sehr sich die Gesellschaft verändert hat. Es gibt keine Regierung mehr. Die Überlebenden der Apokalypse leben in isolierten Kleingruppen. Manche sind Plünderer oder gar Kannibalen. Doch noch ist nicht alle Hoffnung verloren. In Spring City gibt es einen "Joey Armageddon's Sassy A-Go-Go-Club", und das ist nur eine von vielen Einrichtungen dieser Art im weiten Umkreis. Hier finden die Besucher Schnaps, schöne Frauen, ein Handelskontor mit Geldinstitut und vor allem Sicherheit.

Mort hat kistenweise echten Whiskey dabei und ist somit schon bald um mehrere tausend Armageddon-Dollar reicher, außerdem erhält er die Platin-Mitgliedschaft für alle Clubs des Landes. Mit seinem Freund Bill bricht Mort nach kurzer Erholungspause wieder auf, um seine Frau zu finden. Er macht sich Vorwürfe, weil er sie damals einfach sitzen gelassen hat. Schon bald stellt Mort fest, dass Joey Armageddons neue Weltordnung in Gefahr ist. Der Rote Zar und seine Horden wollen das ganze Land erobern! Unversehens wird Mort zur letzten Hoffnung für die postapokalyptische Go-Go-Zivilisation ...

Weltuntergangsgeschichten, ob mit oder (wie hier) ohne Zombies gibt es wie Sand am Meer. Da müssen Autoren schon ein bisschen in die Trickkiste greifen, um dem Genre neue Aspekte abzugewinnen. Und so kommt uns die Welt, in der sich Mort nach der Rückkehr aus der selbstgewählten Isolation wiederfindet, zunächst einmal sehr bekannt vor. Im weitaus größten Teil des Romans durchwandert Mort das Land und erlebt episodenhaft wirkende, nicht zur eigentlichen Handlung gehörende Abenteuer, die deutlich machen sollen, wie sehr die Welt vor die Hunde gegangen ist. Dabei wird nicht mit drastischen Schilderungen gegeizt. Die explizite Schilderung von Gewalt jeglicher denkbaren Spielart dient der Einführung in das postapokalyptische Szenario. Das ist grundsätzlich in Ordnung. Ich war nur bei manchen betont vulgären Formulierungen etwas irritiert. Jedenfalls fand ich den Roman zu Beginn nicht besonders originell und im weiteren Verlauf einigermaßen vorhersehbar, von der kaum vorhandenen Figurenzeichnung ganz zu schweigen. Abgesehen davon, dass sich Mort und Bill permanent besaufen, erfahren wir nicht viel über die beiden Hauptfiguren.

Der Autor legt aber immer wieder humorvolle Schlenker ein. Zum Beispiel belauscht Mort zwei Kannibalinnen, deren Stamm gerade dabei ist, einen Grillabend mit seinen Freunden zu veranstalten, sprich: Sie zu verspeisen. Die beiden Damen sind aber nicht die üblichen blutrünstigen Menschenfresserinnen. Sie plaudern ganz normal, außerdem würden sie nach all dem Grillfleisch der letzten Jahre lieber mal einen schönen gemischten Salat essen. Wenig später landet Mort in einer ehemaligen Nervenheilanstalt, deren Insassinnen das Gebäude schon seit Jahren nicht mehr verlassen haben und dringend eine Art Zuchtbullen brauchen, um den Fortbestand ihrer kleinen Gemeinschaft zu sichern. Auf der Suche nach seiner Frau irrt Mort also lange mehr oder weniger ziellos umher, bis schließlich ausgerechnet er, ein Loser ohne besondere Qualifikation, auf eine Geheimmission zur Rettung der neuen Welt geschickt wird. Dann geht alles Schlag auf Schlag. Es kommt sehr schnell zu einem Showdown, der an den Film Mad Max - Der Vollstrecker erinnert, das Ende ist offen. Der Clou des Romans besteht natürlich in der Idee, die Zivilisation auf der Basis einer Kette von Strip-Clubs neu aufzubauen. An die Stelle der Demokratie ist also das Franchise getreten! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Insgesamt wirkt der Roman etwas unausgegoren, bietet aber spaßige Unterhaltung, sofern man nicht allzu zart besaitet ist. (26.10.2015)


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692
Auf fremden Pfaden Karl May: Auf fremden Pfaden
Kindle Edition

Dieser Band enthält neun Kurzgeschichten ohne inhaltliche Zusammenhänge. Die meisten Geschichten behandeln jedoch zumindest teilweise dieselbe Thematik, nämlich die Überlegenheit des Christentums, von der Karl May anscheinend fest überzeugt war.

Saiwa tjalem, auch bekannt unter dem Titel "Der Talisman": Der Ich-Erzähler (Name wird nicht genannt) ist auf Reisen in Lappland. Er wohnt bei einer samischen Familie, deren einfache Lebensverhältnisse humorvoll-drastisch beschrieben werden. Das Familienoberhaupt Vater Pent ist gleichwohl nicht arm, er hat durch Rentierhandel viel Geld verdient, das irgendwo im Wald versteckt ist. Eines Tages wird das Geld gestohlen. Der Ich-Erzähler nutzt seine im Wilden Westen erworbenen Kenntnisse als Fährtenleser, um Vater Pent zu seinem Recht zu verhelfen. Der alte Same verlässt sich lieber auf ein zauberkräftiges Amulett, das - wie der Ich-Erzähler herausfindet - nur einen Spottvers in deutscher Sprache enthält. Der humorige Grundton macht die Geschichte amüsant, interessant ist sie vor allem, weil dies Mays einzige in Lappland spielende Erzählung ist.

Bei der Lektüre von Der Boer van het Roer bin ich mehrmals zusammengezuckt, und zwar nicht nur wegen der häufigen Verwendung von Begriffen wie "Kaffern" und "Hottentotten". Es lag vielmehr an den mit völliger Selbstverständlichkeit verübten Grausamkeiten gegen die schwarzen Völker Transvaals, also des von Buren (Boers) besiedelten Teils Südafrikas, in dem die Handlung angesiedelt ist, sowie an den unglaublichen Klischees. Letztere kulminieren in der Figur Quimbos. Der Begleiter des namenlosen Erzählers darf durchaus die eine oder andere Heldentat vollbringen, ist aber der Inbegriff des geistig minterbemittelten Schwarzen und dient meist als Witzfigur. Der Erzähler kämpft an der Seite des berühmten Burenkämpfers Jan van Helmers gegen die von Sikukuni angeführten Zulus. Er deckt eine britische Verschwörung gegen die Boers auf und trägt dazu bei, dass der entmachtete Zulu-Häuptling Somi wieder zu seinem Recht kommt, wofür sich dieser mit einem Schwarzen Diamanten bedankt. Sollte der Ich-Erzähler mit Old Shatterhand identisch sein (im Text finden sich hierfür keine Hinweise), dann hätte Karl May sich selbst eine entscheidende Rolle im Ersten Burenkrieg angedichtet ...

In Er Raml el Helahk wird der Ich-Erzähler namentlich genannt, es ist Kara Ben Nemsi. Mit seinem treuen Diener Kamil Ben Sufakah (eine feigere Variante von Halef) hat er sich einer Karawane angeschlossen, die die Sahara durchquert und von den Tuareg überfallen wird. Kara Ben Nemsi gewinnt die Freundschaft des Tuareg-Scheiks, indem er dessen Sohn aus einem Sandsee rettet. Die Story ähnelt stark der in Orangen und Datteln enthaltenen Geschichte "Christus oder Muhammed", denn genau wie dort bringt Kara Ben Nemsi strenggläubige Muslime dazu, Christus zu preisen, weil der von ihnen zuvor angerufene Mohammed nicht helfen konnte (*schauder*).

Auch in der ungefähr zwei Jahre nach Der Schut spielenden Geschichte Blutrache begegnen wir Kara Ben Nemsi, diesmal sind Hadschi Halef Omar und Omar Ben Sadek mit von der Partie. Letzterer wird zum Bluträcher, denn sein Schwager wird von einer Räuberbande ermordet. Die Täter vom Stamme der Handhala stehlen außerdem den Henrystutzen und den Bärentöter. An der Blutrache will sich Kara Ben Nemsi nicht beteiligen, aber seine wertvollen Bleispritzen muss er unbedingt wiederbeschaffen. Bei der Verfolgung der Räuber befreit er den Sohn des Scheiks der Handhala aus der Gewalt eines mit diesem verfeindeten Stammes. Zunächst wissen Kara Ben Nemsi und seine Begleiter nicht, wer der Knabe ist. Omar ist wie vernarrt; er würde das Kind am liebsten adoptieren ...

In Der Ktub ist Kara Ben Nemsi allein unterwegs. Nach Abenteuern am oberen Nil ist sein Äußeres nicht mehr repräsentabel. Zum Glück hat er einen Koffer mit Kleidung und Geld bei einem Freund in Kairo zurückgelassen. Doch Freund und Koffer sind verschwunden! Als es zu Unruhen in der Stadt kommt, gerät Kara Ben Nemsi in Todesgefahr, was ihn aber nicht daran hindert, einem Deserteur aus größter Bedrängnis zu helfen. Den Lohn für diese gute Tat erhält Kara Ben Nemsi einige Zeit später, als er jemandem hilft, dessen Kind entführt wurde (zum dritten Mal in Folge dasselbe Handlungselement). Dabei wagt er sich in die für Christen verbotene Stadt Kairwan, fliegt auf und soll getötet werden. Der Deserteur ist Tempeldiener in Kairwan und rettet ihn. Das wäre an und für sich in Ordnung, aber der Tempeldiener ist Kara Ben Nemsi vor allem deshalb dankbar, weil der ihm in Kairo eine arabische Ausgabe des Neuen Testaments und der Apostelgeschichte geschenkt hat. Schon wieder ein bekehrter Muslim!

Auch Der Kys-Kaptschiji handelt von einem Entführungsfall, der von Kara Ben Nemsi und Halef aufgeklärt wird. Diesmal ist der Übeltäter ein berüchtigter Mädchenhändler, der obendrein gefälschte Reliquien verkauft. Natürlich werden die entführten Damen befreit, darunter Schefaka, Tochter eines Deutschen und jetzige Schwiegertochter von Kara Ben Nemsis altem Freund Scheri Schir, des Anführers der Zibar-Kurden. Wieder geht es um Glaubensfragen. Die Geschichte liest sich so, als finde Kara Ben Nemsi weniger den Mädchenhandel empörend, als die Tatsache, dass die dafür verantwortlichen armenischen Christen ihren eigenen Glauben lästern.

Überraschung: In der siebten Geschichte geht es um eine Entführung. Leidtragende sind diesmal Christen und Schiiten, die mehr oder weniger friedlich in einem abgelegenen Tal zusammenleben und von Kurden überfallen wurden. Die Christen wenden sich hilfesuchend an Maria (bzw. an Kara Ben Nemsi und Halef), während die Schiiten Fatima um Hilfe bitten, die Tochter des Propheten Mohammed. Es dürfte klar sein, wessen Gebete erhört werden und wer sich als "stärker" erweist: Maria oder Fatima.

Die Storys 8 und 9 spielen im Wilden Westen. Winnetou und Old Shatterhand überführen diverse Bösewichte, wobei ihnen in Gott lässt sich nicht spotten noch die "verkehrten Toasts" Pitt Holbers und Dick Hammerdull zur Seite stehen. In Ein Blizzard reiten die Blutsbrüder allein durch die tief verschneiten Wälder Wyomings und Nebraskas. Die Handlung ist in beiden Fällen wieder mal eher nebensächlich, wenn auch durchaus unterhaltsam. Im Zentrum stehen vielmehr die Schurken Old Cursing-Dry, Slack und Grinder. Die fluchen permanent so furchtbar, dass sich Karl Mays Feder weigert, die Ausdrücke niederzuschreiben. Und alle werden natürlich mehr wegen der Gotteslästerung als für ihre Verbrechen bestraft. Old Cursing-Dry will geblendet und gebrochen werden, wenn er wirklich der gesuchte Mörder sein sollte. Slack und Grinder verwenden immer dieselben Redewendungen. Der eine meint, Gott solle ihn wahnsinnig machen, der andere will erblinden. Dreimal dürft ihr raten, was mit den drei unangenehmen Zeitgenossen geschieht. (19.10.2015)

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691
Der Wolkenatlas David Mitchell: Der Wolkenatlas
rororo, 2012
669 Seiten

Mitte des 19. Jahrhunderts reist der amerikanische Notar Adam Ewing nach Regelung einer Erbschaftsangelegenheit in Australien mit dem Schoner Prophetess zurück nach San Francisco und führt dabei Tagebuch. Auf den Chatham-Inseln erfährt Ewing die tragische Geschichte des fast untergegangenen Stammes der Moriori und muss die grausame Unterdrückung der Eingeborenen mit ansehen. Er bewahrt den entflohenen Sklaven Autua davor, als blinder Passagier der Prophetess getötet zu werden. Ewing glaubt an einer Tropenkrankheit zu leiden und nimmt die Hilfe des auf demselben Schiff reisenden Briten Henry Goose in Anspruch. Goose ist Arzt, diagnostiziert bei Ewing Befall durch einen tückischen Parasiten und behandelt ihn mit immer größeren Dosen einer bestimmten Medizin. Dennoch geht es Ewing immer schlechter.

Im Jahre 1931 findet der junge Musiker Robert Frobisher Ewings Tagebuch in Schloss Zedelghem, dem Alterssitz des weltberühmten Komponisten Vyvyan Ayrs. Frobisher entstammt einer noblen Familie, wurde aber aufgrund seines nicht standesgemäßen Lebenswandels enterbt. Er arbeitet als Assistent des erblindeten Komponisten und verhilft diesem zu einem letzten großen Erfolg. Gleichzeitig arbeitet Frobisher an seinem Lebenswerk, dem "Wolkenatlas-Sextett". Frobisher lässt sich auf ein Verhältnis mit Ayrs' Frau Jocasta ein. Eines Tages stellt er fest, dass Ayrs seine Kompositionen für eigene Werke benutzt. Diese Erlebnisse schildert Frobisher in Briefen, die er seinem Geliebten Rufus Sixsmith schickt.

44 Jahre später ist Sixsmith einer von vielen Atomphysikern, die am Hydra-Reaktor auf Swanneke Island in der Nähe von Buenas Yerbas arbeiten. Seinen Erkenntnissen zufolge ist der neue Reaktor unsicher, ein GAU mit nicht abzuschätzenden Auswirkungen auf Stadt und Land sind seiner Meinung nach vorprogrammiert. Sixsmith lässt eine Kopie seines brisanten Berichts der integren Journalistin Luisa Rey zukommen, außerdem erhält Luisa einige der von Frobisher geschriebenen Briefe. Kurz bevor sich Sixsmith ins Ausland absetzen kann, wird er im Auftrag derjenigen, die ein besonderes Interesse an der Inbetriebnahme des Reaktors haben, vom Auftragskiller Bill Smoke ermordet. Auch Luisa gerät ins Visier des Mörders.

Luisas Fall soll viele Jahre später in Romanform veröffentlicht werden. Das Manuskript landet beim Verleger Timothy Cavendish. Der hat momentan einen viel fetteren Fisch an der Angel, nämlich die teils fiktive Biografie eines Gangsters. Das Buch verkauft sich wie verrückt, als der Autor seinen größten Kritiker bei einer Party vom Dach eines Hochhauses wirft. Fast die gesamten Einnahmen werden jedoch von Cavendishs Schulden aufgefressen. Auf der Flucht vor den Brüdern des Gangsters bittet Cavendish seinen eigenen Bruder um Hilfe, doch dieser spielt ihm einen bösen Streich, der dazu führt, dass sich Cavendish praktisch selbst entmündigt und in einem Altersheim landet, dem er nicht mehr entfliehen kann.

Cavendishs Martyrium wird verfilmt. Solche Filme werden im 22. Jahrhundert verboten. Die Vergangenheit zählt nicht mehr, man blickt nur noch in die Zukunft. Die allerdings sieht düster aus. Die Welt wird von Großkonzernen beherrscht. Die Ausbeutung der planetaren Ressourcen und die Umweltverschmutzung haben katastrophale Dimensionen erreicht. Genmanipulierte Klone werden als Arbeitssklaven missbraucht. Die "Duplikanten" haben keinerlei Rechte und alle Welt glaubt, dass sie nur eingeschränkte kognitive Fähigkeiten besitzen. Die Duplikantin Sonmi-451 wird zum Gegenstand eines Experiments, durch das bewiesen werden soll, dass es keinen Unterschied zwischen Duplikanten und reinblütigen Menschen gibt. Sonmi wird verhaftet und verhört, anschließend soll sie hingerichtet werden. Doch sie hat bereits ein bewegendes Manifest der Menschlichkeit veröffentlicht, das ihren Tod überdauern wird.

In einer fernen Zukunft wird Sonmi von einigen der letzten Menschen, die noch auf dem größtenteils unbewohnbaren Planeten Erde leben, als Erlöserin verehrt. Nur die Prescients sind noch in der Lage, die Technik der "Alten" zu nutzen. Der Ziegenhirte Zachry gehört zu jenen Menschen, die in die Primitivität zurückgefallen sind. Sein Stamm lebt auf Hawaii in ständiger Angst vor den kriegerischen Kona, die die ganze Insel erobern und alle anderen Stämme versklaven wollen. Die Prescient-Frau Meronym möchte für längere Zeit bei Zachrys Familie leben, um mehr über dieses Volk zu lernen. Zachry lehnt das zunächst ab, da er Meronym misstraut, doch bei der gefahrvollen Erkundung von Hinterlassenschaften der Alten auf dem Mauna Kea entsteht zwischen den beiden eine tiefe Freundschaft.

Die Neuauflage dieses Buches wird als "Roman zum Film" bezeichnet. Umgekehrt wird ein Schuh daraus! Auf die Verfilmung will ich gar nicht näher eingehen. Nur so viel: "Der Wolkenatlas" enthält nicht nur eine Geschichte, sondern sechs. Bei der Verfilmung habe ich bemängelt, dass sich die Einzelgeschichten nicht zu einem stimmigen Gesamtbild vereinen. Das ist beim Roman meiner bescheidenen Meinung nach besser gelungen. Und ich verstehe jetzt, warum die Verfilmung als misslungen bezeichnet wurde. Zentrales Thema ist die Wiedergeburt, zu der alle verurteilt sind, die immer wieder dieselben Fehler machen. Alles Übel, so lernen wir, entspringt dem Willen zur Macht. Nietzsche lässt grüßen! Und so geht es mit der Menschheit stetig bergab, bis am Ende sozusagen Wilde gegen noch schlimmere Wilde kämpfen, obwohl fast nichts mehr übrig ist, um das es sich zu kämpfen lohnt. Adam Ewing, Robert Frobisher, Luisa Rey, Timothy Cavendish, Sonmi-451 und Zachry haben dasselbe Muttermal und scheinen zu ahnen, dass sie schon einmal gelebt haben - sie erinnern sich manchmal dunkel an ihre früheren Inkarnationen aus den anderen Geschichten. Ein Teufelskreis, so scheint es. Dennoch begreift Ewing, dass die Taten eines Einzelnen sehr wohl wichtig sein können. Und da der Roman mit dieser Erkenntnis endet, bleibt ein wenig Hoffnung, obwohl nicht alle sechs Geschichten gut ausgehen.

Ich muss zugeben, dass mir der große Handlungsbogen etwas zu erzwungen, zu gewollt vorkommt, aber das zu bemängeln, wäre wirklich Gejammer auf hohem Niveau. Jede einzelne Geschichte ist auf ihre Weise höchst spannend, und das liegt nicht nur an der packenden Handlung, sondern mehr noch am Aufbau und an der Erzählweise. Die Zachry-Geschichte ist quasi die Achse, um die sich die anderen Handlungsebenen drehen. Das Buch beginnt mit Ewings Tagebuch, dann folgen Frobishers Briefe an Sixsmith, danach Luisas Fall, Cavendishs Memoiren und Sonmis Verhör. Alle fünf Ebenen brechen plötzlich ab und werden nach dem Zachry-Kapitel in umgekehrter Reihenfolge fortgeführt (genauso ist Frobishers "Wolkenatlas-Sextett" aufgebaut), und zwar so, dass sie trotz des langen zeitlichen Abstands sinnvoll ineinander übergehen. Jeder Erzählstrang hat seinen eigenen, unverwechselbaren und zur Handlungszeit passenden Stil: Tagebucheinträge in der Sprache des 19. Jahrhunderts, ironische Briefe eines Dandys aus den frühen Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts, ein typischer Politthriller der Siebzigerjahre, humoristisch übertriebene Memoiren, ein aus Fragen und Antworten bestehendes Verhörprotokoll, eine in merkwürdigem Slang erzählte Lagerfeuergeschichte. Das Ergebnis ist ein Roman, in dem Genre und Stil mehrmals wechseln, und genau das hat mich an "Der Wolkenatlas" am meisten fasziniert. (12.10.2015)


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690
Die zerschnittene Welt Rüdiger Schäfer: Die zerschnittene Welt
Fanpro, 2010
312 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Im Schutz des Paladin und Tschirque der Kreuzwächter.

Atlan, Trilith Okt, der Paladin und Tschirque wurden gefangen genommen. Sie haben ein Gerichtsverfahren mit bereits feststehendem Urteil und lebenslange Haft zu gewärtigen. Im Gefängnis begegnet Atlan der Kalfaterin Shapda-Shapda Maon. Die Kommandantin eines Riesenfloßes wurde inhaftiert, als sie Medikamente für ihren schwer kranken Enkel Maudi-Haup Maon beschaffen wollte. Von ihr erfährt Atlan die Geschichte der Illochim und ihres Anführers Parjasthina. Mit den Mitteln des Paladin-Kampfroboters und durch den heldenhaften Einsatz seines nur gut 16 Zentimeter großen Kommandanten Harl Dephin, der die Sicherheitssysteme des Gefängnisses unbemerkt sabotieren kann, gelingt die Flucht. Atlan versichert sich der Unterstützung der Kalfaterin, indem er die Medoeinheit seines Kampfanzuges einsetzt, um Maudi zu retten. Der Arkonide und seine Begleiter werden als Gäste auf dem Floß begrüßt und dürfen mitreisen. Mit Shapda-Shapda Maons Hilfe nehmen sie Kontakt mit Eliphol Mix auf, dem Besitzer eines Medienimperiums, welches sich bestens zur Verbreitung von Atlans Warnung vor der bevorstehenden Invasion durch die Illochim eignen würde. Doch Atlans Gegner sind über all seine Aktionen im Bilde. Er tappt erneut in eine Falle und soll öffentlichkeitswirksam verurteilt werden. Niemand will auf Atlans Warnung hören.

Tatsächlich stehen die Illochim kurz vor der Vollendung ihres jahrtausendelang vorbereiteten Planes. Sie wurden einst aus ihrer Heimat Marasin vertrieben und sind in der Milchstraße gestrandet. Jetzt steht ihre Rückkehr unmittelbar bevor. Sie wollen Marasin erobern und grausame Rache an den Völkern üben, denen sie ihr Exil zu verdanken haben. Von Marasin aus wollen sie dann auch die Völker der Milchstraße niederwerfen, allen voran das Solare Imperium der Terraner. Durch die Erschaffung genetisch veränderter Schemawesen ist es ihnen gelungen, die Hohrugk aufzuspüren. Diese Wesen, einst Sklaven der Illochim, sind organische Transmitter und erschaffen unter Zwang einen Dimensionskorridor, der direkt zum Planeten Kamsporn führt. Parjasthinas Kampfschiff, die MISTANNEN XVI, durchquert den Korridor. Sofort nach der Ankunft werden Abermillionen Illochim-Larven freigesetzt. Sie drohen den Planeten zu überschwemmen und kahlzufressen. Gleichzeitig werden alte Anlagen der Illochim reaktiviert, in denen Waffen und sonstige Ausrüstungsgegenstände lagern. Die Larven wachsen unglaublich schnell und werden schon bald eine unüberwindliche Streitmacht bilden ...

Haben mich die ersten beiden Romane der "Marasin"-Trilogie schon nicht vom Hocker reißen können, so ist der Abschlussband geradezu enttäuschend. Die vielen Beschreibungen exotischer Schauplätze und fremder Lebewesen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Rüdiger Schäfer herzlich wenig zu erzählen hat. Zudem sind die meisten beschriebenen Orte und Figuren allenfalls als "atmosphärisches Element" zu bezeichnen, für die Handlung dagegen sind sie komplett verzichtbar. Die Atlan-Handlungsebene plätschert so vor sich hin, sie wird durch den viel zu sehr in die Länge gezogenen Gefängnisaufenthalt inklusive Ausbruch arg gestreckt und auch danach kommt sie nicht richtig in die Gänge. So wird der unvermeidliche Showdown, bei dem die bösen Illochim natürlich fast restlos vernichtet werden, durch die lang und breit vorbereitete Kontaktaufnahme mit dem Medienmogul unnötig weiter hinausgezögert. Selbstverständlich wird Marasin am Ende gerettet, aber wen interessiert's? Es ist Schäfer nicht gelungen, mein Interesse für die dort lebenden Völker zu wecken. Da verwundert es denn auch nicht, dass Tschirque, die Haupt-Nebenfigur des zweiten Romans, fast völlig ignoriert wird.

Auch abseits der Atlan-Handlungsebene hat der Roman Längen. Es gibt eine Nebenhandlung rund um einen jungen Ertruser, der bei einem in Finanznot geratenen Mehandor anheuert. Beide fallen den Illochim in die Hände und dürfen deren Rückkehr nach Marasin miterleben. Aha. Ist ja spannend. Und wo ist der Sinn dieser Nebenhandlung für den Roman? Damit sich jene Leser nicht aufregen, die (wie ich) endlich Antworten auf die in den Trilogien Rudyn und Illochim offen gebliebenen Fragen haben wollten, werden erneut einige Rückblicke und erklärende Kapitel eingeflochten. Die Antworten werden also durchaus gegeben, aber sie werden nicht sinnvoll in die Handlung eingebettet. Da hätte ich ebenso gut die entsprechenden Artikel in der Perrypedia lesen und mir das Geld für die Taschenbücher sparen können! Und - ich hatte es befürchtet - auch diese Trilogie geht nicht zu Ende, ohne dass weitere Geheimnisse angedeutet werden. Es soll irgendwelche noch unbekannten Zusammenhänge von großer Tragweite geben, bei denen Trilith Okt eine wichtige Rolle zu spielen hat. Atlan ist schwer beeindruckt und der Leser soll neugierig gemacht werden, damit er weitere Romane kauft. Nicht mit mir. (05.10.2015)


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689
Teufelszeug Joe Hill: Teufelszeug
Heyne, 2011
543 Seiten

Ignatius Martin Perrish erwacht mit einem schlimmen Kater. Er weiß nicht mehr genau, was er in der vergangenen Nacht getan hat, kann sich aber noch daran erinnern, jenen Ort im Wald aufgesucht zu haben, an dem seine über alles geliebte Freundin Merrin Williams vor einem Jahr vergewaltigt und erschlagen worden ist. Ig war seinerzeit der Hauptverdächtige, denn kurz vor der Tat hatte er zahlreichen Zeugen zufolge einen heftigen Streit mit Merrin. Aus Mangel an Beweisen ist es nie zu einer Anklage gekommen, Igs Unschuld konnte aus demselben Grund aber nicht bewiesen werden. Tatsächlich hat Ig mit dem Mord nichts zu tun. Viele Einwohner seiner Heimatstadt Gideon, New Hampshire, sehen das noch immer anders. Nach Merrins Tod ist Igs Leben völlig aus den Fugen geraten. Die letzten Monate waren für ihn die Hölle auf Erden. Doch jetzt bekommt diese Redewendung eine ganz neue Bedeutung, denn beim Blick in den Spiegel stellt Ig fest, dass ihm Hörner gewachsen sind, wie man sie von Darstellungen des Teufels kennt.

Igs eilt ins Krankenhaus. Schon im Wartezimmer wird klar, dass er sich die Hörner nicht nur einbildet. In seiner Nähe geben die Menschen zwanghaft ihre schlimmsten Geheimnisse und dunkelsten Begierden preis. Sobald Ig jemanden berührt, kennt er sämtliche Erinnerungen dieser Person. Beim Pfarrer findet er deshalb alles andere als Absolution. Verzweifelt besucht Ig seine Eltern, nur um aufgrund des von den Hörnern ausgeübten Einflusses zu erfahren, dass sie von seiner Schuld überzeugt sind. Igs reicher Vater hat damals seine Beziehungen ausgenutzt, um alle Beweise zu vernichten - somit hat er unwissentlich den wahren Schuldigen gedeckt. All das ist nichts im Vergleich mit dem Entsetzen, das Ig empfindet, als sein Bruder Terry ihm eröffnet, dass er weiß, wer Merrins Mörder ist. Terry war selbst dabei, als sich Igs bester Freund Lee Tourneau, dem Ig sein Leben zu verdanken glaubt, über Merrin hergemacht hat.

Um sich an Lee zu rächen, erkundet Ig die Macht der Hörner genauer. Er kann die Menschen nicht zwingen, etwas zu tun, das sie nicht wollen. Er kann sie aber in Versuchung führen, und niemand erinnert sich daran, je mit ihm gesprochen zu haben. Ig ist außerdem in der Lage, mit der Stimme jeder beliebigen Person zu reden. Schlangen fühlen sich zu Ig hingezogen, sie sind seine neuen Freunde. Beim ersten Treffen mit Lee muss Ig erkennen, dass der Einfluss der Hörner diesmal versagt. Lee scheint unter einem besonderen Schutz zu stehen und holt prompt zum Gegenschlag aus. Ig soll in seinem Auto verbrennen. Flammen sind für den Teufel jedoch ein wahres Lebenselixier ...

"Joe Hill" ist ein Pseudonym, das Stephen Kings Sohn Joseph Hillstrom King benutzt, um nicht ständig mit seinem berühmten Vater verglichen zu werden. Solche Vergleiche sind aber angebracht, denn zumindest eine Eigenheit von Kings Romanen findet sich auch bei Hills Werken: Er braucht 500 Seiten zum Erzählen einer Geschichte, für die 250 Seiten mehr als ausgereicht hätten. Im Falle Stephen Kings kann man das in den meisten Fällen als Stärke der Romane bezeichnen, denn in der Regel sind sie aufgrund sorgfältiger, vielschichtiger Figurenzeichnung derart dick und werden aus demselben Grund trotzdem nicht langweilig. So ist es hier leider nicht, obwohl den Figuren recht viel Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Das Problem besteht zum Teil darin, dass sich keine Hauptfigur, auch nicht Ig, als Sympathieträger eignet. Ig wirkt unreif, fast kindisch. Das ist vermutlich beabsichtigt, aber diese Charaktereigenschaften verändern sich im Gegensatz zu Igs Äußerem bis zum Schluss nicht. Sein Bruder Terry bleibt sehr blass, muss aber beim Showdown fast wie ein Deus ex machina eingreifen. Lee ist derart überzeichnet, dass ich mich gefragt habe, warum Ig und Merrin ihn jahrelang für ihren besten Freund gehalten haben. Sie müssen wahrlich mit Blindheit geschlagen gewesen sein! Die einzige Figur, deren Schicksal mir nahe gegangen ist, ist ironischerweise gleichzeitig die einzige, die nicht selbst agiert und die man nur aus der Perspektive der anderen wahrnimmt: Merrin. Außerdem verwendet Hill einfach zu viele Rückblicke, in denen dieselben Geschehnisse aus verschiedenen Blickwinkeln wiedergegeben werden, ohne dass wirklich neue Aspekte hinzukommen. Schon die erste Wiederholung ist völlig überflüssig, die zweite ist ein einziges Ärgernis. Da steht dann nämlich Lee im Zentrum, den wir zu diesem Zeitpunkt bereits als Widerling kennengelernt haben. In teils denselben Dialogen und Beschreibungen wird einfach nur breit ausgewalzt, was der Leser längst weiß.

Igs langsame Verwandlung vom Menschen mit Hörnern in den leibhaftigen Satan liest sich dagegen ganz unterhaltsam, insbesondere dann, wenn Igs Gesprächspartner überraschende Phantasien und merkwürdige Wünsche offenbaren. Hill erklärt zwar nicht, warum das alles geschieht, es finden sich aber doch einige Andeutungen. Ein "magisches" Baumhaus, in dem Ig und Merrin erstmals miteinander schlafen, spielt eine wichtige Rolle. Darin findet Ig später einen von einem gewissen "L. Morgenstern" geschriebenen Text. Tja, und wie lautet wohl der lateinische Name des Morgensterns? Luzifer! Insgesamt ist "Teufelszeug" durchaus gutes Lesefutter, aber trotz übernatürlicher Elemente ist dies kein Horror-Roman. (28.09.2015)


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688
Berlin 2037 Frank Böhmert: Berlin 2037
Pabel-Moewig Verlag KG, 2014
Kindle Edition

Jahrhundertelang haben sich die Menschen für die Krone der Schöpfung und die Erde für den einzigen bewohnten Planeten im Universum gehalten. Dass sie sich in beiden Punkten geirrt haben, müssen die Erdbewohner im Juni 2036 erkennen, als eine von Perry Rhodan geleitete Mondlandemission der US Air Force auf dem Erdtrabanten ein riesiges außerirdisches Raumschiff entdeckt, das dort vor einiger Zeit unbemerkt notgelandet ist. Rhodan schließt ein Bündnis mit der Besatzung, den Arkoniden. Diese menschenähnlichen Wesen entstammen einer jahrtausendealten Kultur und betrachten die Menschen als Barbaren, sind jedoch auf ihre Hilfe angewiesen. Mit Hilfe der aus menschlicher Sicht unfassbar weit entwickelten Technik der Arkoniden gründen Perry Rhodan und seine Freunde die Terranische Union, um die Zersplitterung der Menschheit in verfeindete Nationalstaaten zu überwinden. Schon nach wenigen Monaten sieht es so aus, als könne Rhodans Vision Wirklichkeit werden. Doch die Existenz der Menschheit ist nun im Imperium der Arkoniden kein Geheimnis mehr. Tatsächlich hat auf der Erde vor langer Zeit eine arkonidische Kolonie existiert. Die amtierende Imperatrice beschließt, dass die Barbarenwelt wieder in das Imperium eingegliedert werden soll.

Berlin im Jahre 2037. Mia Weiss und ihr Freund Paul Gerver gehören zur Cyco-Szene, deren Mitglieder bestrebt sind, ihre Körper durch Implantate und sonstige Modifikationen aufzuwerten. Am 31. August hat Paul eine besondere Überraschung für Mia. Endlich konnte er einen Operationstermin in einer Untergrundklinik für sie klarmachen. Mia hat ihrem Äußeren bereits durch verschiedene Veränderungen einen katzenartigen Look verliehen. Jetzt sollen ihre Augen durch leistungsfähige Augmentierungen ersetzt werden. Doch der riskante Eingriff verläuft nicht störungsfrei. Ein Flugobjekt durchbricht direkt über Berlin die Schallmauer, so dass alle Fensterscheiben im weiten Umkreis zerbrechen. Hastig führt der Arzt Mias Operation zu Ende. Mia möchte jetzt nur noch nach Hause, doch Paul will wissen, was geschehen ist, und fährt mitten ins dickste Getümmel hinein. Fassungslos sieht er, dass ein 500 Meter durchmessender Kugelraumer über der Stadt Position bezogen hat. Bodentruppen werden ausgeschleust. In allen Nachrichten wird eine Botschaft des arkonidischen Gesandten Satrak gesendet, der verkündet, er sei mit seiner Flotte zur Erde gekommen, um der Menschheit die Segnungen der arkonidischen Zivilisation zu bringen. Widerstand gibt es praktisch nicht – die Erde wird zum Protektorat des Imperiums.

Paul sieht in der Ankunft der Arkoniden eine Chance und tritt der Terra Police bei. Sein Ausbilder ist Nahor, ein Flottenoffizier, der eine Schwäche für die Menschen entwickelt hat. Zwei Monate nach der Invasion nutzt Paul seine Stellung aus, um Mia zu helfen, deren neue Augen nicht richtig funktionieren und ständige Schmerzen verursachen. Paul nimmt Mia mit, als er in ein Lager eindringt, in dem eine Medoeinheit steht. Doch dadurch kommen sie Reekha Chetzkel in die Quere, dem Befehlshaber der arkonidischen Flotte. Er jagt allerdings nicht Paul und Mia, sondern einen Mann, der schon öfter Material aus dem Lager gestohlen hat und jedes Mal spurlos verschwunden ist. Nahor hat diese Vorfälle untersucht und herausgefunden, dass es sich um John Marshall handelt, einen Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten. Chetzkel, da ist sich Nahor sicher, will diesen Mutanten fangen und für seine eigenen Zwecke missbrauchen. Mitwisser wie Nahor und die zufällig in Chetzkels Visier geratenen jungen Leute kann der Reekha nicht gebrauchen ...

Dieser Roman ist als Band Nr. 76 der Serie Perry Rhodan Neo erschienen. PR Neo ist ein Reboot der seit 1961 laufenden Science-Fiction-Heftromanserie Perry Rhodan, ein Neustart also, in dem die Geschehnisse der klassischen PR-Handlung modernisiert und neu interpretiert werden sollen. Der Reboot hatte gleich zwei Vorteile: Die Autoren konnten das in über 2800 PR-Heftromanen und unzähligen anderen Publikationen gewachsene fiktive Universum ignorieren und unbelastet neue Geschichten erzählen. Die Leser brauchten daher keinerlei Vorkenntnisse und mussten sich nicht erst durch die Online-Enzyklopädie Perrypedia wühlen, um der Handlung folgen zu können. Jedenfalls galt das zu Beginn der Neo-Serie; inzwischen hat diese ja auch schon wieder Band 100 hinter sich gelassen! Band 1 von PR Neo ist Ende September 2011 erschienen. Die Serie läuft seitdem sehr erfolgreich.

Mich hat der Neustart damals nicht überzeugt. Ich bin im Mai 2012 mit Band 16 ausgestiegen und hatte nicht die Absicht, je wieder einzusteigen. Jetzt war Band 76 für kurze Zeit gratis erhältlich, geschrieben von Frank Böhmert, der einige erstklassige Romane zur PR-Serie beigesteuert hat. Da konnte ich nicht mehr widerstehen! Und ich habe die Lektüre sehr genossen – vielleicht gerade deshalb, weil ich PR Neo schon seit Jahren nicht mehr lese. Müsste ich den Roman im größeren Zusammenhang beurteilen, würde ich vermutlich bemängeln, dass Böhmert zu wenig "Butter bei die Fische tut", vor allem was die Reaktionen der Menschheit auf die Invasion der Arkoniden angeht. Kurz nach dem Erscheinen des Schlachtkreuzers über Berlin kommt es zu einem Zwischenfall. Ein Landungsboot wird abgeschossen, dabei geht die Quadriga auf dem Brandenburger Tor zu Bruch, Panik bricht aus. Das ist ein sehr eindrucksvolles Kaptiel, anschließend beschränkt sich Böhmert aber auf kurze Andeutungen in Nebensätzen. Man erfährt also nicht, welche Auswirkungen die Ankunft der Arkoniden auf das öffentliche und private Leben hat. Gar keine, würde ich sagen, denn es hat den Anschein, dass alles seinen gewohnten Gang geht. Im Kontext der Serie ist "Berlin 2037" vermutlich so etwas wie ein Lückenfüller, das heißt, wir erleben eher unbedeutende Episoden. "Große Politik" wird wahrscheinlich in anderen Romanen gemacht.

Das stört mich jedoch gar nicht. Die Story ist spannend, vor allem ist sie trotz aller Phantastik nah am Leben, und zwar sowohl dann, wenn Mia und Paul im Mittelpunkt stehen, als auch in den Kapiteln mit Nahor als Hauptfigur. Ich finde es schön, wenn so deutlich wie hier zu merken ist, dass die Hauptfiguren dem Autor wichtig sind und dass er die Handlung mitempfindet. Gerade das ist eine große Schwäche der PR-Hauptserie. Allzu oft werden wir da mit Textbausteinen aus Datenblättern abgespeist und es ist im Grunde völlig egal, ob Perry Rhodan an vorderster Front kämpft oder sonst irgendwer. Dass der Roman in Berlin spielt, ist nur am Anfang richtig zu spüren. Später spielt der Schauplatz kaum noch eine Rolle, zumindest ist bei mir nicht besonders viel Lokalkolorit angekommen. Das ist ein bisschen schade, vor allem hätte ich gern mehr über die interessante Subkultur gelesen, der Mias Mütter angehören. Noch viel bedauerlicher finde ich, dass Böhmert nicht mehr für die Hauptserie schreibt! (22.09.2015)


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687
Das Buch ohne Namen Anonymus: Das Buch ohne Namen
Luebbe, 2009
447 Seiten

Eines Tages kommt ein ungebetener Gast in die Tapioca Bar in der Stadt Santa Mondega und bestellt ein Glas Bourbon, das er mit einem Zug leert. Anschließend tötet er alle Anwesenden außer dem Barmann Sanchez. Die Gäste der Tapioca Bar sind nicht die ersten Opfer des Unbekannten, den man seit diesem Ereignis "Bourbon Kid" nennt, und sie bleiben nicht die letzten in dieser Nacht. In Santa Mondega ereignen sich Jahr für Jahr mehr Gewaltverbrechen als irgendwo sonst, dennoch wird der Amoklauf des Bourbon Kid zur Legende. Der Killer tötet jeden, der ihm über den Weg läuft. Nur eine junge Frau namens Jessica überlebt das Zusammentreffen, obwohl sie von Kugeln nur so durchsiebt wird. Sanchez bringt die Frau in Sicherheit und pflegt sie gesund. Sie erlangt das Bewusstsein zunächst nicht wieder. Erst fünf Jahre später erwacht Jessica aus dem Koma. Sie kann sich an nichts erinnern, nicht einmal an ihre eigene Identität.

In Santa Mondega haben sich jüngst fünf unvorstellbar grausame Morde ereignet, die die Handschrift des Bourbon Kid zu tragen scheinen. Miles Jensen, Chief Detective für übernatürliche Ermittlungen, wird mit dem Fall betraut. Er arbeitet mit Detective Archibald Somers zusammen, für den die Suche nach Bourbon Kid zu einer Besessenheit geworden ist. Jensen setzt seinen neuen Partner über einige nicht allgemein bekannte Zusammanhänge ins Bild. Santa Mondega erscheint aus gutem Grund auf keiner Landkarte. Alle fünf Jahre kommt es dort zu einer totalen Sonnenfinsternis. Dieses Ereignis steht jetzt unmittelbar bevor. Ein unermesslich wertvoller Stein, bekannt als "Das Auge des Mondes", wurde dessen Hütern, den Mönchen von Hubal, vor kurzem gestohlen. Genau dasselbe ist vor fünf Jahren, beim ersten Auftauchen des Bourbon Kid, ebenfalls geschehen. Damals konnten die Mönche den Stein kurz vor Eintritt der Sonnenfinsternis zurückgewinnen. Jensen nimmt an, dass die Morde mit dem Diebstahl des Steins zusammenhängen.

Die Jagd nach dem Stein ist schon in vollem Gange. Vater Taos, das Oberhaupt des Mönchsordens, hat seine Mitbrüder Kyle und Peto nach Santa Mondega entsandt, damit sie das Auge des Mondes wiederbeschaffen. Es befindet sich im Besitz des Kopfgeldjägers Jefe, der es an den lokalen Gangsterboss El Santino verkaufen will, jedoch von einem Gauner bestohlen wird. Dieser wiederum verliert den Stein an die Hotelangestellten Dante und Kacy. Jefe geht über Leichen, um das Auge des Mondes wieder an sich zu bringen. Man sagt, wer den Stein besitzt, sei unverwundbar und könne den Lauf des Mondes manipulieren. Somit könnte der Herr des Steines am Tag der Sonnenfinsternis ewige Nacht über Santa Mondega bringen ...

... und welche Kreaturen würden davon wohl profitieren? Die Antwort ist derart offensichtlich, dass ich mich frage, warum der Autor so ein Geheimnis darum macht. Den Autor selbst umgibt ebenfalls ein Geheimnis. Seine Identität wurde bis heute nicht enthüllt. Das titelgebende namenlose Buch ist neben dem Auge des Mondes der zweite McGuffin, dem in diesem Roman nachgejagt wird. Wer das Buch liest, ist dem Tode geweiht, denn es enthält jahrhundertealte Bilder von Personen, die immer noch in Santa Mondega leben.

Der Roman enthält einen ziemlich wirren Genremix, der mit ziemlicher Sicherheit stark von Tarantino-Filmen wie Pulp Fiction und vor allem From Dusk till Dawn inspiriert wurde. Tatsächlich lesen sich manche Kapitel ganz genau so, als wären sie einem dieser Filme entnommen worden. Ganz typisch ist folgende Situation. Personen, die sich eigentlich sofort gegenseitig in die ewigen Jagdgründe schicken müssten, treffen aufeinander. Der Moment wird durch ausufernde Dialoge und/oder das zufällige Hinzukommen weiterer Personen in die Länge gezogen. Doch irgendwann kommt es zum unvermeidlichen Gewaltausbruch, und was dann geschieht, ist stets sehr, sehr blutig. Der Roman ist somit definitiv nichts für zart Besaitete.

Der Leser soll glauben, Bourbon Kid stecke hinter allen Verbrechen, die sich in Santa Mondega ereignen. Es werden einige falsche Spuren gelegt. Die Auflösung konnte mich nicht ganz überzeugen. Mir ist schleierhaft geblieben, was Bourbon Kid eigentlich will. Es scheint um Rache zu gehen, aber die meiste Zeit bringt Bourbon Kid irgendwelche Leute um, die ihm überhaupt nichts getan haben, was umso unverständlicher ist, als er jene, an denen er sich wirklich rächen will, ständig vor der Nase hat. Seine Gegner verhalten sich nicht minder unlogisch. Statt ihre übermenschlichen Fähigkeiten zu nutzen, um an das Auge des Mondes heranzukommen, überlassen sie die Arbeit einem (menschlichen) Kopfjäger. Was hindert sie daran, sämtliche Mönche von Hubal niederzumetzeln und den Stein einfach mitzunehmen?

Klischeefiguren, die nur selten auf nachvollziehbare Art und Weise agieren, an den Haaren herbeigezogene Wendungen, großmäulige Revolverhelden, weltfremd-naive Kampfmönche, an Selbstüberschätzung leidende Kleinkriminelle, Vampire und andere Unsterbliche, explizite Gewaltdarstellungen, zynischer Humor – ich wundere mich ein wenig über mich selbst, dass mir der Roman trotzdem gefallen hat. Wahrscheinlich liegt's an der schieren Übertreibung und an dem nicht enden wollenden Ideenfeuerwerk. Man stelle sich nur den Showdown vor. Zur Sonnenfinsternisfeier kostümieren sich alle Stadtbewohner, und so treffen in der Tapioca Bar folgende Figuren zusammen: Batman, Robin, Catwoman, der Terminator, Gene Simmons mit Kiss-Gesichtsbemalung, der Lone Ranger (in doppelter Ausführung), Elvis Presley, zwei Kobra Kais aus dem Film "Karate Kid", Freddy Krueger und ein Pantomime. Alle sind bewaffnet, manche sind Vampire, und nur wenige werden überleben! (17.09.2015)


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686
Traveler. Das Finale John Twelve Hawks: Traveler. Das Finale
Goldmann, 2010
414 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Traveler und Dark River.

Maya hat Gabriel Corrigan zur Flucht aus der Ersten Sphäre verholfen, konnte diese höllische Parallelwelt, in der buchstäblich jeder gegen jeden kämpft, aber nicht mehr verlassen. Ihre Kräfte lassen allmählich nach, zudem droht sie die Erinnerung an ihr früheres Leben zu verlieren. Gabriel muss nun alles in die Wege leiten, um die Tabula aufzuhalten oder zumindest ihre wahren Ziele öffentlich bekannt zu machen. Mit Hilfe der Freerunner gründet er eine weltweit aktive Widerstandsorganisation und nimmt Kontakt mit dem genialen Hacker Nighthawk auf, der es ihm ermöglichen soll, Informationen über die Bruderschaft im Internet zu verbreiten. Gleichzeitig muss Gabriel eines der letzten für Nicht-Traveler nutzbaren Sphärenportale finden, um Maya zu retten. Es stellt sich heraus, dass die Bundeslade einen solchen Zugangspunkt in sich birgt. Währenddessen ist Hollis Wilson auf seinem eigenen Feldzug gegen die Tabula. Er hat sich geschworden, Vickys Tod zu rächen und nicht zu ruhen, bis die Bruderschaft vollständig vernichtet ist. Gabriel kann ihn dazu bewegen, nach Japan zu reisen und eine Itako zu besuchen - eine Frau, die mit den Toten spricht.

Michael Corrigan steigt schnell in der Hierarchie der Tabula auf und beseitigt einen Konkurrenten nach dem anderen. Die Bruderschaft hat einen zweiten Quantencomputer konstruiert und kann nun wieder Botschaften jener Wesen empfangen, denen sie einen nicht unerheblichen Teil ihrer technischen Überlegenheit verdankt. Diese Wesen wollen Michael unbedingt treffen. Deshalb reist der Traveler in die fünfte Sphäre, den Überlieferungen nach das Reich der "Halbgötter". Die meisten Bewohner der Fünften Sphäre sind einfache Bauern, die von den privilegierten Hirten und ihren Streitern kontrolliert werden. Doch die vermeintlichen Herrscher sind nur unwissende Marionetten. Michael lässt sich nicht von den Tricks und Illusionen der "Halbgötter" täuschen und schließt ein Bündnis mit ihnen. Die bisher von der Tabula ergriffenen Maßnahmen gehen Michael danach nicht mehr weit genug. Um eine globale Atmosphäre der Angst zu erschaffen, in der die Überwachung aller Bürger wünschenswert erscheint, werden Terroranschläge inszeniert. Nathan Boone erhält den Auftrag, einen Kindermörder namens Martin Doyle anzuwerben, der in den USA für Furcht und Schrecken sorgen soll. Doch damit wird Boones Loyalität auf die Probe gestellt, denn er hat sich nur aus einem Grund mit Leib und Seele der Tabula verschrieben: Um Monster wie Doyle unschädlich zu machen...

Der finale Band der "Traveler"-Trilogie ist womöglich noch enttäuschender als der zweite. Jedenfalls bleibt mir nichts anderes übrig als festzustellen, dass der Autor insgesamt 1400 Seiten braucht, um die Handlung nach drei Bänden dorthin zurückzuführen, wo sie begonnen hat. Jedenfalls kann definitiv nicht die Rede von einem "dramatischen Showdown" sein, in dem sich der Kampf der Corrigan-Brüder und ihrer Anhänger für immer entscheidet, wie im Klappentext behauptet wird. Michael und Gabriel arbeiten gegeneinander, soviel ist richtig. Sowohl die Tabula als auch der Widerstand leiten wichtige Schritte ein, aber zu einer echten Entscheidung kommt es nicht. Am Ende werden die Machenschaften der Tabula aufgedeckt, die Öffentlichkeit ist nun zumindest teilweise informiert. Das war's aber auch schon! Und wir wissen doch, wie das ist: Nach ein paar Wochen schwächt sich jede noch so schlimme Schreckensmeldung ab. Das Leben geht weiter, und so wird auch der Widerstand gegen die Etablierung der Überwachungsgesellschaft bald einschlafen. Ein "Duell" der Traveler findet nicht statt. Zugegeben, auf den letzten Seiten begegnen sich Michael und Gabriel tatsächlich, aber diese Konfrontation ereignet sich in den Sphären und wird nicht abgeschlossen. Somit hat die Trilogie ein offenes, unbefriedigendes Ende.

Enttäuscht war ich auch von der Figurenzeichnung. Insbesondere Michael und Gabriel wirken viel zu holzschnittartig. Sie sind jetzt vollends auf die Rollen des guten und des bösen Travelers festgelegt und entwickeln sich nicht mehr weiter. Beide geben mehrere Seiten lange Reden von sich, in denen im Grunde nur nochmals zusammengefasst wird, wofür Tabula und Widerstand stehen. Doch auch Maya und Hollis haben nichts mehr zu bieten. Der Autor schildert ihre Erlebnisse so distanziert, dass ich mich nicht mehr in diese Figuren hineinversetzen konnte. Bei Hollis kommt ein nicht wirklich überzeugender Sinneswandel hinzu. Tja, und dann erweist sich auch noch Boone als Zünglein an der Waage. Boone agiert in allen drei Romanen als Bösewicht ohne Gewissen. Erst ganz am Schluss dichtet ihm der Autor noch schnell ein traumatisches Erlebnis an, durch das er erst zum moralbefreiten Erfüllungsgehilfen der Tabula geworden ist. Jetzt plötzlich soll der Leser Mitgefühl für diese eindimensionale Figur entwickeln. Das funktioniert nicht. Aber schlimmer noch - ohne sein Eingreifen zu Gunsten des Widerstands hätte die Tabula vermutlich doch Erfolg gehabt. Ich finde herbeigezauberte Auflösungen dieser Art richtig ärgerlich.

Aber der Roman hat durchaus interessante Kapitel. Besonders gut haben mir Michaels Erlebnisse in der Fünften Sphäre gefallen. Diese Welt ist ein auf die Spitze getriebenes Abbild unserer eigenen Gesellschaft, in der die Massen durch ein ausgeklügeltes System von Belohnung und Betrafung ruhig gehalten werden, komplett mit einem religiösen Überbau, der nicht in Frage gestellt werden darf. Alles in allem muss ich sagen, dass die Trilogie einerseits zu lang ist, weil dasselbe Schema mehrmals wiederholt wird, andererseits aber zu dünn, wenn es um Figurenentwicklung geht. (10.09.2015)


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685
Das Gottesmahl James Morrow: Das Gottesmahl
Heyne, 1999
494 Seiten

Gott ist tot. Seine 3,2 Kilometer lange nackte Leiche ist aus dem Himmel gestürzt und treibt nun mit dem lächelnden, bärtigen Gesicht nach oben im Atlantik vor der Westküste Afrikas. Die vor Trauer dahinsiechenden Engel haben jetzt nur noch den Wunsch, ihrem Schöpfer ein würdiges Begräbnis zu verschaffen. Sie bereiten eine Gruft in einem Eisberg bei der Svalbard-Inselgruppe vor, haben aber nicht mehr die Kraft, Gott dorthin zu transportieren. Das müssen die Menschen übernehmen. Zu diesem Zweck wenden sich die Engel an den Vatikan. Dort ist man nicht daran interessiert, Gott verschwinden zu lassen. Der Zentralcomputer OMNIPATER errechnet eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass einige göttliche Hirnzellen noch aktiv sind. Gott muss jedoch schnellstmöglich auf Eis gelegt werden. Daher arbeitet der Heilige Stuhl mit den Engeln zusammen und chartert den Supertanker Karpag Valparaiso, denn nur ein derart riesiges Schiff ist in der Lage, den gigantischen Leichnam in die Arktis zu schleppen, bevor er verwest oder von Raubtieren gefressen wird. Der Erzengel Rafael verpflichtet Anthony van Horne als Kapitän. Van Horne ist ein überragender Seemann, gibt sich aber die Schuld an einer katastrophalen Ölpest, die von der schon vor Jahren unter seinem Kommando gefahrenen Karpag Valparaiso ausgelöst worden ist. Die Engel gehen zu Recht davon aus, dass der Kapitän alles daransetzen wird, die ihm übertragene Aufgabe zu erfüllen, um sich von dieser Schuld reinzuwaschen.

Eine Mannschaft für den Supertanker ist schnell gefunden. Der Jesuitenpater Prof. Thomas Ockham geht als Verbindungsmann zum Vatikan an Bord. Zunächst verläuft alles nach Plan. Massive Ketten werden an den Gehörknochen Gottes verankert, zudringliches Meeresgetier wird abgewehrt. Doch Anno Postdomini 1 gelten die alten Regeln nicht mehr. Gottesfurcht ist obsolet geworden, kein Sünder muss sich mehr vor Strafe fürchten. Noch wurde die Öffentlichkeit nicht informiert, aber in der Besatzung der Karpag Valparaiso gärt es. Zudem rettet van Horne auf dem Weg nach Norden Dr. Cassie Fowler aus Seenot. Als die junge Atheistin und Feministin herausfindet, was der Tanker im Schlepp hat, setzt sie sich heimlich mit ihrem Freund Oliver Shostak von der Philosophischen Liga für moderne Aufklärung e.V. in Verbindung. Ihrer Meinung nach muss Gottes Leiche vernichtet werden, damit sich die Menschheit endlich von den Zwängen der Religion befreien kann. Shostak heuert Militaristen an, die Szenarios des Zweiten Weltkrieges mit echten Waffen nachstellen. Und so macht schon bald eine kleine, aber schwer bewaffnete Flotte Jagd auf die Karpag Valparaiso ...

Dieser kurze Handlungsanriss kommt euch schräg vor? Na, dann solltet ihr erst mal den ganzen Roman lesen! Der strotzt nur so vor verblüffenden Ideen und aberwitzigen Situationen. Morrow geht mit leichter Hand an die Religionskritik heran. Das fängt schon mit der Beschreibung des Leichnams an. Warum hat Gottes Leiche einen Penis - und einen Nabel? Aus naheliegenden Gründen möchte der Vatikan Gott entweder am "Leben" erhalten oder jeden Beweis für seinen Tod vernichten. Wer braucht schon einen real existierenden Gott, wenn die Religion auch ohne ihn bestens funktioniert? Auf der anderen Seite haben Atheisten wie Cassie jetzt trotz Gottes Tod ein echtes Problem. Schließlich ist Gottes Leiche der greifbare Beweis dafür, dass die Kirche zumindest nicht ganz Unrecht hatte! Bei Morrow bekommt also nicht nur die Kirche ihr Fett weg. Von "politischer Korrektheit" ist jedoch, da kann ich euch beruhigen, keineswegs die Rede!

Wenn Gott tot ist, warum sollte sich dann noch irgendwer an seine Gebote halten? Diese Ausgangssituation sorgt für reichlich Zündstoff und für Probleme, mit denen van Horne nicht rechnen konnte. Kants kategorischer Imperativ, auf den der ebenfalls nicht frei von Anfechtungen bleibende Pater Ockham hofft, ist auch keine Lösung. Wenn Gott allmächtig ist, warum konnte er dann sterben? Diese bohrende Frage stellt sich nicht nur Ockham. Als der Tanker auf einer möglicherweise von Gottes Leiche magisch angezogenen, aus den Tiefen des Ozeans aufgestiegenen Insel mit Hinterlassenschaften einer heidnischen Kultur aufläuft, gerät die Situation vollends außer Kontrolle. Die Mannschaft meutert. Eine Hungersnot bricht aus, was dazu führt, dass der Corpus Dei buchstäblich ausgeschlachtet und zu leckeren Gerichten verarbeitet wird - eine ganz neue Form der Eucharistie: Gottes Leib als Cheeseburger!

Trotz aller Widrigkeiten führt van Horne seinen Auftrag schließlich doch fort. Er verliebt sich in Cassie, für die Gottes (männlicher!) Leichnam ein einziges Ärgernis ist. Mit der Hinzuziehung einer schwer bewaffneten Zweiter-Weltkriegs-Theatergruppe erreicht der Wahnsinn eine neue, vielleicht etwas zu abgedrehte und auf vordergründige Komik ausgerichtete Dimension. Immerhin mündet der bizarre Showdown in ein versöhnliches Finale, in dem Gottes Tod eine plausible Begründung und van Horne seinen Seelenfrieden findet. Wer keine Scheu vor Religionssatire hat, ist mit diesem Roman gut bedient. Allerdings wäre zu wünschen, dass er in einer besseren Übersetzung neu aufgelegt wird. Abgesehen von unfassbar vielen Fehlern stören zahlreiche unpassende Eindeutschungen. Außerdem frage ich mich, ob der Autor ebenso viele wirre Schachtelsätze verwendet hat wie der Übersetzer. (31.08.2015)


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684
Mord auf der Leviathan Boris Akunin: Mord auf der Leviathan
Aufbau Taschenbuch Verlag, 2002
280 Seiten

Am 15. März 1878 ereignet sich in der Rue de Grenelle in Paris ein schreckliches Verbrechen. Die siebenköpfige Dienerschaft des bekannten Kunstsammlers Lord Littleby sowie zwei Kinder fallen einem Giftanschlag zum Opfer, der Lord wird erschlagen. Aus der Sammlung werden eine goldene Statuette des Gottes Schiwa sowie ein indisches Tuch gestohlen. Die Schiwastatue taucht schon zwei Tage später wieder auf; ein Angler zieht das wertvolle Stück aus der Seine. Der mit der Untersuchung des Massenmords beauftragte Kommissar Gustave Coche, erfahrenster Ermittler der Pariser Präfektur, hat nur einen einzigen Anhaltspunkt: Der Mörder hat eine goldene Anstecknadel in Form eines Wals am Tatort zurückgelassen. Hierbei handelt es sich um ein Geschenk, das jedem Erster-Klasse-Ticket des jüngst vom Stapel gelaufenen Luxusdampfers "Leviathan" beigegeben war. Das Riesenschiff geht am 19. März auf Jungfernfahrt nach Indien. Coche ist an Bord, denn er nimmt an, dass der Mörder nicht auf die Reise verzichten wird. Dummerweise gibt es vier Passagiere ohne Wal-Abzeichen. Die Überführung des Mörders wird also nicht so einfach sein wie gedacht.

Coche sorgt dafür, dass die in Frage kommenden Personen sowie einige weitere, die ihm auffällig vorkommen, alle Mahlzeiten zusammen mit ihm und dem Ersten Offizier Charles Regnier im Salon "Windsor" einnehmen. Coche selbst gibt sich als reicher Pensionär aus. So versammeln sich alltäglich der britische Baronet Sir Reginald Milford-Stokes, die schwangere Bankierstochter Renate Kleber aus der Schweiz, der japanische Adelige Gintaro Aono, die Engländerin Clarissa Stomp, der Bordarzt Monsieur Truffo mit Gattin, der Indologe Prof. Anthony F. Sweetchild sowie der Teehändler Etienne Boileau und werden unauffällig von Coche ausgehorcht. Boileau sieht zwar wie ein Schwerverbrecher aus, ist aber ein biederer Familienvater und Philantrop, scheidet also als Verdächtiger aus. Coches Ermittlungen verlaufen unbefriedigend. Doch in Port Said kommt ein neuer Passagier an Bord, ein gewisser Erast P. Fandorin, als Diplomat aus Konstantinopel kommend unterwegs nach Kalkutta, von wo aus die Reise nach Japan weitergehen soll. Fandorin trägt keine Anstecknadel, und kurz nach seiner Ankunft häufen sich an Bord merkwürdige Vorfälle ...

Schon im zweiten Roman der Fandorin-Reihe (Türkisches Gambit) war der junge Tausendsassa zwar eine Hauptfigur, die Geschichte wurde aber nicht aus seiner Perspektive erzählt, sondern aus der Sicht seiner unfreiwilligen Gefährtin Warja. Der dritte Band ist ganz ähnlich gestaltet, allerdings geht der Autor noch einen Schritt weiter, denn die Erzählperspektive wechselt ständig. Vom Jahrhundertverbrechen in der Rue de Grenelle erfahren wir aus Polizei- und Zeitungsberichten, danach nehmen wir den Blickwinkel des Kommissars ein, der die Verdächtigen unter die Lupe nimmt, womit die Figurenexposition recht schnell erledigt ist. Auch Renate Kleber, Clarissa Stomp, Sir Reginald und Gintaro Aono erzählen ab und zu aus ihrer Sicht, die letzteren beiden tun das in Form von Briefen und Tagebucheinträgen. Dabei lässt der Autor immer wieder kleine Hinweise einfließen, durch die sich abzeichnet, dass alle vier etwas zu verbergen haben. Aber in welcher Beziehung stehen diese Geheimnisse zu dem Mordfall? Ich will nicht zu viel verraten, daher sage ich nur, dass einige falsche Spuren gelegt werden und dass ich nicht drauf gekommen bin, wer hinter der Sache steckt. Ich finde die ungewöhnliche Erzählstruktur sehr interessant, weil für jede Figur ein eigener Stil gewählt wurde und weil sich auf diese Weise ein facettenreiches Bild von Fandorin ergibt.

Fandorin gerät diesmal rein zufällig in einen Kriminalfall hinein, dessen Eigenarten sicher nicht zufällig an Romane von Agatha Christie erinnern. Ich denke vor allem an "Tod auf dem Nil" und "Mord im Orient-Express". Die Umstände des Verbrechens sind zunächst rätselhaft, das Motiv kommt erst ganz am Ende ans Licht. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Verdächtigen. Sie alle befinden sich an einem Ort, von dem sie nicht ohne weiteres entkommen können. Ebenso wie Hercule Poirot löst auch Fandorin den Fall durch genaue Beobachtungen und logische Schlussfolgerungen. Eine klassische "whodunit"-Situation! Das Objekt der Begierde, ein märchenhafter, legendenumrankter Juwelenschatz, sorgt für zusätzlichen exotischen Reiz. Der "historisierende" Stil, die bildhaften Beschreibungen und der hintergründige Humor tragen ebenfalls nicht unerheblich zum Lesevergnügen bei. (24.08.2015)


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683
Dark River. Das Duell der Traveler John Twelve Hawks: Dark River. Das Duell der Traveler
Goldmann, 2008
444 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Traveler.

Es ist Gabriel und Maya gelungen, den Quantencomputer der Tabula zu zerstören, doch die Bruderschaft hat einen Plan B. In einem Rechenzentrum der Tabula in Berlin wird das Schattenprogramm entwickelt. Dieses Programm ist in der Lage, alle möglichen Überwachungsdaten auszuwerten und auf diese Weise ein genaues Bewegungsprofil beliebiger Personen zu erstellen. Sollte das Schattenprogramm flächendeckend eingesetzt werden, so wäre das ein entscheidender Schritt hin zum "Panopticon", einem im 18. Jahrhundert entwickelten Konzept des Juristen Jeremy Bentham für ein perfektes Gefängnis. Die Tabula beabsichtigt die ganze Welt in ein virtuelles Panopticon zu verwandeln, in dem alle Menschen davon überzeugt sind, jederzeit einer umfassenden Überwachung zu unterliegen, was dazu führen würde, dass tatsächlich nur sehr wenige Menschen zur Ausübung totaler Kontrolle gebraucht würden. Michael, Gabriels Bruder, hat sich auf die Seite der Tabula gestellt. Als Traveler ist es für ihn kein Problem, sich immer mehr Einfluss zu verschaffen und Rivalen aus dem Weg zu räumen.

Gabriels Travelerfähigkeiten wurden inzwischen erweckt. Er erfährt, dass sein Vater noch lebt und sich in Großbritannien aufhält. Er reist nach London und schließt sich dort einer Gruppe von Freerunnern an, deren Respekt er schon bald gewinnt. Die Parkour-Sportler versuchen außerhalb des Systems zu leben und sind die perfekten Verbündeten für einen Traveler. Maya und Vicky folgen Gabriel nach England. Sie haben Alice Chen bei sich, die einzige Überlebende eines vom Tabula-Sicherheitschef Nathan Boone geleiteten Angriffs auf die Kommune New Harmony, in der sich Gabriel vor einigen Monaten aufgehalten hat. Gabriel folgt einer Spur zur irischen Insel Skellig Columba, wo er seinen Vater findet. Matthew Corrigans Geist hat den Körper schon vor längerer Zeit verlassen; er ist vermutlich in der Ersten Sphäre gefangen. Mother Blessing, ein berühmter weiblicher Harlequin, beschützt den Traveler. Als sie erfährt, dass Gabriel und Maya ein Paar sind, was allen Regeln der Harlequins widerspricht, greift sie zu drastischen Maßnahmen. Maya muss die Insel verlassen. Um seinen Vater zu retten, reist Gabriel in die Erste Sphäre. Somit gelangt er buchstäblich in die Hölle - und nun gibt es keinen Traveler mehr, der ihm helfen könnte ...

Der zweite Teil der "Traveler"-Trilogie, enthalten in einem 1400 Seiten dicken Sammelband, ist ein typischer Mittelteil. Beziehungen entwickeln sich weiter, Machtverhältnisse verschieben sich, neue Bedrohungen werden deutlich - aber es kommt nicht zu einem entscheidenden Handlungsfortschritt. Maya bricht mit den Grundsätzen ihrer Zunft und wird prompt dafür bestraft, Gabriels tot geglaubter Vater taucht auf, Hauptfiguren auf beiden Seiten sterben. Die Freerunner werden sicherlich noch eine wichtige Rolle spielen und wir erfahren, wie es in der Ersten Sphäre zugeht. Außerdem wird das Geheimnis der Bundeslade erklärt: Sie enthält einen Zugang zu eben jener Sphäre! Die Suche nach einem für Nicht-Traveler passierbaren Zugang zu den Sphären erinnert ein bisschen an Indiana Jones. Sie verläuft für meinen Geschmack zu glatt und zu schnell. Wenn das Geheimnis so einfach zu lüften ist, warum ist das dann nicht schon längst geschehen? Ein wahrer Kern ist allerdings vorhanden. Eine gewaltige Sonnenuhr aus römischer Zeit, deren Bestandteile unter den Straßen Roms verborgen sind, spielt eine wichtige Rolle bei der Suche. Und diese Anlage gibt es wirklich. Sichtbarer Überrest ist der Obelisk auf der Piazza di Montecitorio!

Obwohl durchaus einiges geschieht und der Autor sich trotzdem einige Zeit für die Figurenzeichnung nimmt, hat mich der zweite Band weniger gefesselt als der Auftaktroman. Die Story ist durchaus unterhaltsam, aber irgendwie kommt sie mir arg gestreckt vor. Das Szenario ist etabliert, Band 2 hat dem wenig hinzuzufügen. Böse Zungen könnten sogar behaupten, die Handlung des ersten Bandes werde lediglich mit leichten Variationen wiederholt. Der Schlagabtausch zwischen der Tabula und ihren Gegnern zieht sich jedenfalls ziemlich in die Länge. Am Ende ist man nicht viel schlauer als am Anfang, der Roman endet mit einem Cliffhanger. Was wurde eigentlich aus den Fremden, mit denen die Tabula im ersten Band kommuniziert hat? Von denen ist jetzt nicht mehr die Rede und die Bruderschaft scheint nicht einmal den Versuch zu unternehmen, einen neuen Quantencomputer zu bauen. Warum? Ist der Kontakt mit einer technisch extrem weit fortgeschrittenen, möglicherweise außerirdischen Zivilisation plötzlich uninteressant geworden? (17.08.2015)


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682
Ayla und das Tal der Pferde Jean M. Auel: Ayla und das Tal der Pferde
Heyne, 2002
953 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Ayla und der Clan des Bären.

Ayla wurde von ihrem Clan verstoßen. Für die Neandertaler war das Cro-Magnon-Findelkind ohnehin immer eine Außenseiterin, jetzt jedoch ist Ayla für sie im wahrsten Sinne des Wortes gestorben. Ayla ist sich wohl bewusst, dass sie nie wirklich zum Clan gehört hat. Sie will "die Anderen" finden, jene Menschen, von denen sie einst getrennt wurde. Bei ihrer ziellosen Wanderung entdeckt sie ein Tal, das ihr ideale Bedingungen zum Überwintern bietet. Sie richtet sich in einer kleinen Höhle ein und legt Vorräte an. Bei der Jagd tötet Ayla eine Wildpferdstute, deren Fohlen sie bei sich aufnimmt, um es großzuziehen. Sie nennt das Pferd "Winnie" und gewinnt sein Vertrauen, so dass es Ayla bei der Arbeit hilft und eines Tages sogar zulässt, dass Ayla auf ihm reitet. Einen weiteren Gefährten in der totalen Einsamkeit, unter der sie sehr leidet, findet Ayla in "Baby", einem verletzten Höhlenlöwenjungen. Ayla pflegt die kleine Raubkatze liebevoll gesund. Baby bleibt auch als ausgewachsener Löwe bei Ayla. Die beiden gehen gemeinsam auf die Jagd. Allmählich fragt sich Ayla, ob es Sinn hat, weiter nach ihresgleichen zu suchen. Sie möchte am liebsten für immer im Tal der Pferde bleiben.

Eines Tages folgt Ayla dem Klang einer menschlichen Stimme - eines Menschen von ihrer Art! Es ist der Hilfeschrei eines Mannes, der von einem Höhlenlöwen angegriffen und schwer verwundet wird. Ayla kann den Fremden retten, denn der Löwe ist "Baby", der sich vor einiger Zeit selbstständig gemacht hat. Für den Gefährten des jungen Mannes kommt jede Hilfe zu spät - er wurde von "Baby" getötet. Ayla bestattet den Toten und bringt den Verwundeten in die Höhle. Sein Name ist Jondalar. Er und sein von "Baby" getöteter Bruder Thonolan sind vom Stamme der Zelandonii. Sie waren auf einer rituellen Reise entlang des großen Mutter-Flusses, haben beim Sharamudoi-Stamm überwintert und wären vielleicht für immer dort geblieben, denn Thonolan hatte sich in eine Sharamudoi-Frau verliebt. Diese war jedoch bei der Geburt ihres Kindes gestorben, und so waren die Brüder weitergewandert.

Durch Jondalars Gegenwart ändert sich alles. Ayla hat sich immer für hässlich gehalten, doch in Jondalars Augen ist sie eine wunderschöne Frau. Sie lernt seine Sprache und erkennt, dass ihre Andersartigkeit, aufgrund derer sie von einigen Clansmitgliedern geradezu gehasst wurde, für jemanden wie Jondalar völlig normal ist. Auch gilt die vom Clan geforderte Unterwürfigkeit der Frauen für seinesgleichen nicht. Die beiden verlieben sich ineinander, ohne sich das zunächst eingestehen zu können. Zudem ist Jondalar nicht frei von Vorurteilen. Als er erfährt, dass Ayla von einem Clansmitglied geschwängert wurde, reagiert er mit Abscheu. Für ihn sind die "Flachschädel" schlimmer als Tiere ...

Im zweiten Roman der Reihe "Kinder der Erde" werden zwei Geschichten parallel erzählt, nämlich einmal Aylas neues Leben im Tal der Pferde, zum anderen die Reise Jondalars und Thonolans, wobei hier der Schwerpunkt beim Aufenthalt im Sharamudoi-Dorf liegt. Obwohl somit für ausreichend Erzählstoff gesorgt wäre - und zumindest im Falle der Brüder kommt es ja auch zu dramatischen Ereignissen - krankt der Roman an denselben Schwächen wie der erste. Wieder wird die Handlung ständig unterbrochen, weil bis ins kleinste Detail beschrieben wird, wie die Steinzeitmenschen leben, welche Werkzeuge sie benutzen, was es mit ihrer Naturreligion sowie der Muttergottheit auf sich hat und so weiter und so fort. Das alles ist durchaus nicht uninteressant, auch nicht der abergläubische Hass von Jondalars Volk auf die "Flachschädel" (Neandertaler), es drängt die Handlung nur oft zu sehr in den Hintergrund.

Die Beschreibungen sind nicht nur bei den Sharamudoi so ausführlich. Auch Aylas Leben in der Höhle nimmt viele, viele Seiten in Anspruch. Lang und breit wird geschildert, wie sie durch Beobachtung und Überlegung herausfindet, zu welchem Zweck sie dies und das nutzen kann. So erkennt Ayla unter anderem, wie man aus Pyrit und Feuerstein Funken schlägt. Vor allem aber dürfte sie der erste Mensch sein, der Tiere domestiziert. Jedenfalls ist Jondalar mehr als nur verwundert, als er sieht, wie sich Ayla auf den Rücken Winnies schwingt und davonreitet. Hier wird Ayla mal wieder zur Superfrau, der alles gelingt. Aber nicht nur sie ist ziemlich schlau; gegen Ende des Romans erfindet Jondalar mal eben die Speerschleuder. Positiv hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass sich die Autorin bemüht, nichts hinzuzudichten, sondern bei den Erkenntnissen zu bleiben, die man zur Zeit der Entstehung des Romans über die Welt unserer Vorfahren gewonnen hatte.

Mit Jondalar kommt eine neue Hauptfigur hinzu. Er ist ein Frauenheld, leidet aber unter Bindungsängsten. Sexualität wird ziemlich freizügig geschildert, und zwar so explizit, dass man im Grunde schon von Pornographie reden kann. Jondalar macht die Frauen glücklich! Wahrscheinlich wird er derart als Loverboy vorgestellt, damit der Gegensatz in der Beziehung zu Ayla deutlicher wird. Bei ihr hat er es nämlich nicht so leicht, allerdings nicht nur deshalb, weil sie eine so starke Frau ist, sondern vor allem wegen der durch unzählige Missverständnisse geprägten Kommunikation. Tatsächlich verstehen sich Ayla und Jondalar ständig so gründlich falsch (die Autorin widmet den Gedankengängen der Protagonisten in diesen Situationen sehr viel Aufmerksamkeit), dass ich die beiden gern mal gepackt und gründlich geschüttelt hätte, damit sie endlich vernünftig miteinander reden, statt nur Gesten, Blicke und dergleichen völlig verkehrt zu deuten! (10.08.2015)


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681
Wilsberg und die Schloss-Vandalen Jürgen Kehrer: Wilsberg und die Schloss-Vandalen
Grafit-Verlag, 2000
164 Seiten

Zwei Jahre nach Koslowskis Tod wird Georg Wilsberg immer noch von Alpträumen geplagt, denn der Mörder seines alten Freundes und Partners konnte nicht überführt werden. Er bekommt deswegen sogar ernsthafte Herzbeschwerden. Wilsbergs Arzt rät dem Privatdetektiv, in nächster Zeit Stress zu vermeiden. Da kommt ein Angebot des im Wasserschloss Disselburg residierenden Grafen Joseph zu Schwelm-Legden gerade zur rechten Zeit. Der Graf und seine Gattin werden seit Wochen von Unbekannten terrorisiert, die nächtens Fensterscheiben zerschießen - vom erheblichen Sachschaden und der Tatsache, dass ein Erpresserschreiben eingegangen ist, ganz zu schweigen. Da die Polizei des Provinzstädtchens nicht weiterkommt, soll Wilsberg herausfinden, wer die Schloss-Vandalen sind. Die Aussicht auf einen ruhigen Job in angenehmer Umgebung wiegt mindestens ebenso schwer wie das saftige Honorar. Wilsberg nimmt den Auftrag an, bezieht ein Zimmer im Schloss und hört sich ein wenig in Disselburg um.

Normalerweise bleiben Geheimnisse in solch kleinen Ortschaften nicht lange geheim, aber in diesem Fall gibt es mehr Fragen als Antworten. Warum hat sich jemand ausgerechnet den äußerst beliebten Grafen als Ziel der Anschläge ausgesucht? Warum interessiert sich der zuständige Oberkommissar Fahlenbusch kaum für die Angelegenheit? Was wissen Max Mehring, der Reporter der Lokalzeitung, und Alex van Luyden, der im Bergfried wohnende Sohn des Hoteldirektors? In welchem Zusammenhang stehen die Attacken mit dem geplanten Bau einer Umgehungsstraße durch ein naturgeschütztes Moor, das zum größten Teil dem Grafen gehört? Wilsberg hat schon genug lose Fäden in der Hand, doch da nehmen die Vorfälle eine neue Dimension an. Als wieder einmal eine Scheibe zu Bruch geht, wird anschließend ein Karton vor dem Schloss gefunden. Darin befindet sich ein menschlicher Knochen ...

Bei den Ermittlungen zu seinem zwölften Fall kann Wilsberg es sich endlich mal so richtig gut gehen lassen. Er schläft lange im Bettchen seines Gratiszimmers im Viersternehotel des Schlosses und lässt sich die ebenfalls kostenlosen köstlichen Gerichte im angeschlossenen Gourmetrestaurant schmecken. Nebenbei schnüffelt er ein wenig im Kleinstädtchen herum. Sein stressgeplagtes Herz dankt es ihm - das ist etwas, das ich sehr gut nachempfinden kann! Doch mit der Ruhe ist es schon bald vorbei, und zwar nicht nur angesichts der Tatsache, dass sich der Fall nicht so leicht lösen lässt wie von Wilsberg gedacht. Plötzlich ist sogar eine Leiche im Spiel und bei den Recherchen begegnet Wilsberg einer Verflossenen, die die Vergangenheit nicht ruhen lassen will. Außerdem verschwitzt Wilsberg völlig, dass er sich am Wochenende eigentlich um seine Tochter hätte kümmern sollen.

Wieder fließen also Privatangelegenheiten ein, was am Ende sogar für etwas Action sorgt (Wilsbergs Auto landet mit manipulierter Lenkung in der Gräfte), aber nicht im Vordergrund steht. Die Mischung aus solider Detektivarbeit, bissigen Kommentaren, Lokalkolorit und kleinen Exkursen, diesmal zum Thema Vogelkunde und Naturschutz, funktioniert mal wieder bestens. Kehrer legt einige falsche Spuren aus - leider ergibt sich die Lösung nicht hundertprozentig aus den vorhergehenden Ereignissen. Aber das kann man verschmerzen. Besonders gut haben mir die humorvollen Reibereien zwischen Wilsberg und seiner neuen Partnerin Franka gefallen. Diesmal muss Wilsberg sogar einräumen, dass die bissige Emo-Punkerin entscheidend zur Aufklärung des Falles beiträgt. (03.08.2015)


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680
Traveler John Twelve Hawks: Traveler
Goldmann, 2006
542 Seiten

Traveler sind Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Sie nehmen die Welt um sich herum mit außergewöhnlicher Klarheit wahr, so dass sie jede Lüge durchschauen, Einfluss auf ihre Mitmenschen ausüben und große Weisheit gewinnen können. Außerdem können Traveler ihren Geist (oder ihre Seele - sie selbst nennen es "das Licht") vom Körper lösen und damit andere Welten durchreisen. Diese Paralleluniversen werden als "Sphären" bezeichnet. Die Welt, in welcher der Körper eines Travelers zurückbleibt, ist die vierte Sphäre. Auf diese Weise gewinnen die Traveler einen neuen Blickwinkel auf die Realität und können erkennen, dass die Menschen von einer Geheimorganisation namens Tabula kontrolliert werden. Diese Bruderschaft existiert schon seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden, benutzt Regierungen als Marionetten und setzt alles daran, die Traveler auszurotten, denn das von ihnen verbreitete Gedankengut stellt eine Bedrohung für die von der Tabula angestrebte Weltordnung dar - viele große spirituelle Führer der Vergangenheit waren Traveler. Die Harlequins stehen den Travelern zur Seite. Harlequins werden von Kindesbeinen an zu perfekten Kämpfern ausgebildet und kennen nur ein Ziel: Die Traveler unter allen Umständen zu beschützen. Die Harlequins setzen die verschiedensten Mittel ein, um sich der Kontrolle durch die Tabula zu entziehen. Sie werden ebenso gnadenlos gejagt wie ihre Schutzbefohlenen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat die Tabula die Oberhand gewonnen. Es gibt nur noch wenige Harlequins und seit Jahren wurde kein aktiver Traveler mehr gesehen. Mit den Mitteln der modernen Computer- und Überwachungstechnik hat die Tabula ihr Ziel zumindest in den Industrienationen der nördlichen Hemisphäre bereits erreicht. Mittels manipulierter Massenmedien hält die Tabula die Bevölkerung ruhig und erzeugt gleichzeitig eine Atmosphäre der Angst, in der die Menschen die von der Bruderschaft vorangetriebene totale Überwachung sogar gutheißen. Diese Technik hat eine entscheidende Schwäche, denn kein noch so leistungsfähiger Großrechner ist in der Lage, die unzähligen durch Videokameras, RFID-Chips, Telefonspionage, Internetkontrolle und dergleichen gesammelten Daten wie gewünscht auszuwerten. Doch unter der Leitung von General Kennard Nash hat die Tabula einen Quantencomputer entwickelt, mit dessen Hilfe dieses Problem gelöst werden könnte - oder vielmehr mit Hilfe einer unbekannten Zivilisation, die den Menschen Baupläne für noch leistungsfähigere Computer schickt. Die Fremden verlangen allerdings eine Gegenleistung. Sie möchten unbedingt in andere Sphären vordringen, doch bei ihnen gibt es keine Traveler...

Die junge Maya ist eine der letzten Harlequins. Sie hat vergeblich versucht, ein normales Leben zu führen, muss sich nun jedoch ihrem Erbe stellen. Sie muss Gabriel und Michael Corrigan finden, die Söhne des letzten bekannten Travelers, bevor die von Nathan Boone angeführten Häscher der Tabula die beiden jungen Männer gefangen nehmen können. Allein kann Maya diese Aufgabe nicht bewältigen. In Victory From Sin Fraser, einer jungen Anhängerin eines vor vielen Jahren getöteten Travelers, und dem Kampfsportler Hollis Wilson gewinnt sie treue Gefährten. Es gelingt ihr, die Corrigan-Brüder aufzuspüren, doch sie kommt zu spät. Michael ist der Tabula bereits in die Hände gefallen und Gabriels Traveler-Fähigkeiten sind noch nicht erwacht...

Dies ist der erste Teil der "Traveler"-Trilogie. Alle drei Romane sind in einem Band mit dem Untertitel "Im Auge des Bösen" erhältlich. Sie sind einzeln durchnummeriert, insgesamt ist das Opus 1400 Seiten lang! Der Autor war mir bis dato vollkommen unbekannt und interessanterweise scheint niemand zu wissen, wer er wirklich ist. Er ist nach eigener Aussage Amerikaner und der Name "John Twelve Hawks" ist ein Pseudonym. Google und Wikipedia wissen sehr wenig über ihn, aber was man weiß, lässt vermuten, dass genau das der Sinn der Übung ist. Genau wie die Harlequins in seinen Romanen will er "außerhalb des Rasters" leben und so wenige Informationen wie möglich über sich selbst preisgeben. Wer sich daran gewöhnt hat, ständig per Computer und Smartphone online zu sein, sein gesamtes Leben durch Text, Bild und Video in sozialen Netzwerken zu dokumentieren und freiwillig alle möglichen Datenschnüffeleien z.B. durch Onlinehändler über sich ergehen zu lassen, wird das vermutlich merkwürdig finden.

Damit will ich sagen: Was die in diesem zehn Jahre alten Roman beschriebene totale Überwachung angeht, ist unsere Realität womöglich sogar noch einen Schritt weiter. Fast alle von der Tabula eingesetzten Techniken gibt es heute schon. Man muss noch nicht mal Verschörungstheoretiker sein, um an die Existenz der Tabula zu glauben. Organisationen, die wie verrückt alle möglichen Daten sammeln - und zwar ohne wirksame staatliche Kontrolle - sind uns heutzutage ja nicht unbekannt! Und wir wissen, dass derartige Organisationen dasselbe Problem haben wie die Tabula. Wer soll all die Datenberge auswerten? Hier kommt denn neben den Fähigkeiten der Traveler, der Kontaktaufnahme mit einer möglicherweise außerirdischen Zivilisation und der Erschaffung genetisch manipulierter Killerbestien ("Splicer") doch noch ein Element der Science Fiction ins Spiel, aber nur insoweit, als es noch keine Quantencomputer gibt. Reine Erfindung sind derartige Superrechner nicht; der Wikipedia zufolge wird bereits daran gearbeitet. Von wem wohl? Lest selbst nach. Die Antwort wird euch nicht überraschen...

"Traveler" enthält die Expositionsphase der Trilogie, aber wenig Handlung. Der Weltenentwurf, die zugrunde liegenden Spielregeln und die Hauptfiguren müssen eingeführt werden. Das gelingt dem Autor nicht ohne längere erklärende Passagen, dennoch ist das Szenario faszinierend genug, um die relativ simpel gestrickte Story zu tragen. Viel mehr als die Suche Mayas nach den Corrigan-Brüdern ist nicht drin, fesselnd ist das Ganze aber auf jeden Fall. Die Geschehnisse werden aus verschiedenen Blickwinkeln vorangetrieben und der ständige Perspektivenwechsel sorgt für zusätzliche Spannung. Im Zentrum stehen Maya und Gabriel Corrigan. Bei ihnen passt die Figurenzeichnung. So manche Nebenfigur, vor allem auf der Schurkenseite, kommt dagegen etwas zu kurz. Für meinen Geschmack kommt Mayas Wandlung allerdings zu schnell. Eben war sie noch eine angepasste Bürgerin, im nächsten Moment ist sie ein vollwertiger Harlequin. Am Ende des Romans dringt sie in die Tabula-Zentrale ein. Angesichts der zuvor so ausführlich beschriebenen Überwachungsmöglichkeiten, die der Bruderschaft zur Verfügung stehen, geht das zu einfach vonstatten. Wie dem auch sei: Insgesamt halte ich den Trilogie-Auftakt für gelungen. In den nächsten Romanen muss die Story dann aber ein bisschen mehr Substanz bekommen! (27.07.2015)


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679
Satan und Ischariot III Karl May: Satan und Ischariot III
Kindle Edition

Zur Vorgeschichte siehe Satan und Ischariot II.

Die Jagd nach den Meltons verzögert sich, denn Winnetou hat die Reise in den Orient schlecht vertragen. Durch ein schweres Gallen- und Leberleiden wird der Häuptling der Apatschen so geschwächt, dass er dreizehn Wochen lang das Bett hüten muss. Winnetous Blutsbruder weicht selbstverständlich nicht von seiner Seite. So haben die Meltons nach der Ermordung Small Hunters genug Zeit, in die USA zurückzukehren und sich das gewaltige Erbe anzueignen, das rechtmäßig der mit Old Shatterhand befreundeten Familie Vogel gehört. Nach Winnetous Genesung geht die Reise nach New Orleans zum Advokaten Fred Murphy, der den Meltons bereits das gesamte Vermögen ausgehändigt hat. Judith Silberstein logiert noch in der Stadt. Ihr Gatte, der junge Yumahäuptling "Listige Schlange", ist tot, und nun beabsichtigt sie den falschen Millionenerben Jonathan Melton zu heiraten. Old Shatterhand klopft bei Judith auf den Busch, woraufhin sie per Eisenbahn flieht. Old Shatterhand, Winnetou und Sir Emery Bothwell folgen ihr bis Gainesville und finden heraus, dass sie ihre Spießgesellen in der Pueblofestung der Yumas treffen will.

Bei der Verfolgung der betrügerischen Dame werden Old Shatterhand und seine Gefährten von Komantschen überrumpelt, die eine alte Rechnung mit ihnen offen haben und gemeinsame Sache mit Jonathan Melton machen. Nachdem sie sich befreit haben, reiten die Freunde nach Albuquerque, wo sie Martha und Franz Vogel begegnen und einem Mordanschlag der Melton-Brüder entgehen. Die Meltons fliehen und werden umgehend verfolgt. Franz Vogel besteht darauf, mitkommen zu dürfen. Auf der Flucht sticht Thomas Melton seinen Bruder nieder, da sein eigenes Pferd gestürzt ist und sich ein Bein gebrochen hat. Im Sterben liegend verrät Harry Melton den Ort, an dem die Pueblofestung zu finden ist. Dort will Old Shatterhand die Übeltäter gefangen nehmen. Jonathan kann erneut entkommen, wobei er die Millionen mitnimmt. Er sucht Zuflucht bei den Mogollon-Indianern. Diese befinden sich auf einem Feldzug gegen die Nijora-Apatschen, denen Old Shatterhand und Winnetou natürlich beistehen.

Der Abschluss der "Satan und Ischariot" - Trilogie verläuft mehr oder weniger ohne große Überraschungen und ganz wie erwartet. Die Schurken werden bestraft und das Geld gelangt in die richtigen Hände. Ungewöhnlich außer der Tatsache, dass eine Frau zu Old Shatterhands Gegenspielern gehört, ist allenfalls Winnetous Krankheit. Es fällt nicht leicht, sich den großen Apatschenhäuptling bis zum Skelett abgemagert vorzustellen! Er kommt aber schnell wieder auf die Beine und ist dann ganz der Alte. Ansonsten habe ich irgendwann ein wenig den Überblick verloren. Wer da gerade von wem beschlichen und/oder gefangen genommen wird, welche Indianerstämme aus welchem Grund mit welchen anderen Stämmen im Clinch liegen, wer mit wem paktiert usw. - das alles war mir irgendwann nicht mehr geläufig, da ich den Roman mit großen Pausen zwischen den Kapiteln gelesen habe.

Die Pausen habe ich eingelegt, weil mich das sich ewig wiederholende Hin und Her auf die Dauer etwas gelangweilt hat. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, sehr ähnliche Geschichten schon mehrfach gelesen zu haben, sogar innerhalb dieser Trilogie. Mir scheint, May hat einfach ein bisschen in seinem Wildwestroman-Baukasten gekramt und alle Elemente zusammengepappt, die seine Fans damals schon erwartet haben. Originalität sieht anders aus! (21.07.2015)


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678
Maschinenmann Max Barry: Maschinenmann
Heyne E-Books, 2012
Kindle Edition

Dr. Charles Neumann ist ein genialer Ingenieur. Er schüttelt revolutionäre Erfindungen nicht nur wie beiläufig aus dem Ärmel, sondern besitzt auch die Fähigkeiten, die von ihm selbst erdachten Maschinen herzustellen. Mit Maschinen kommt Charlie sowieso besser zurecht als mit Menschen. Er versteht die komplizierten Regeln zwischenmenschlicher Beziehungen nicht. Somit ist er im Alter von mehr als 30 Jahren immer noch Jungfrau, lebt allein in einer kleinen Wohnung und konzentriert sich ganz auf die Arbeit bei "Better Life", einem mächtigen Konzern, der alle möglichen innovativen Geräte herstellt - auch Waffen für das Militär. Charlie hat bei der Arbeit völlig freie Hand, aber im Grunde interessiert er sich nicht besonders dafür, was aus seinen Erfindungen wird, sobald der Konzern sie übernommen hat.

Alles ändert sich, als Charlie ein Bein bei einem Arbeitsunfall verliert. Das Trauma sitzt tief; Charlie versinkt in Depressionen. Doch er hat Glück im Unglück, denn er ist einer der wichtigsten Mitarbeiter von "Better Life". Daher scheut der Konzern keine Kosten bei Charlies Rehabilitation. Die Prothetikerin Lola Shanks erhält den Auftrag, Charlie mit der besten derzeit erhältlichen Prothese auszustatten. Die beiden verlieben sich ineinander, außerdem findet Charlie das Kunstbein faszinierend. Er bastelt daran herum und verbessert es, stellt aber schnell fest, dass die Möglichkeiten einer künstlichen Gliedmaße, durch die das organische Glied nachgebildet werden soll, zu eingeschränkt sind. Deshalb verfolgt er einen ganz anderen Ansatz und konstruiert ein völlig neues biomechanisches Bein, das nicht den Limitierungen der menschlichen Anatomie unterliegt. Die neue Prothese ist allerdings zu leistungsfähig für sein gesundes organisches Bein. Auf einem Robot-Bein, so meint Charlie, kann man nicht stehen. Kurz entschlossen ergänzt er die Prothese durch eine zweite und wiederholt den Unfall mit voller Absicht.

Bei "Better Future" ist man besorgt, doch die Managerin Cassandra Cautery begreift schnell, dass Charlie nicht etwa selbstmordgefährdet ist, sondern sich nur perfektionieren wollte. Daraus kann Nutzen für den Konzern geschlagen werden. Man richtet eine eigene Forschungsabteilung für Charlie ein und teilt ihm zahlreiche Assistenten zu. Während Charlie die kybernetischen Beine immer weiter optimiert und an sein Nervensystem anschließt, entwickelt das Team andere "Verbesserungen", die auch Charlie gefallen. Bei "Better Future" hat man nichts dagegen, dass Charlie weitere Teile seines Körpers ersetzt, denn der Konzern will augmentierte Supersoldaten erschaffen und es gibt kein besseres Versuchskaninchen als Charlie, der sich mit Freuden nach und nach in einen Maschinenmann verwandelt. Tatsächlich meint Cassandra, dass der Umwandlungsprozess nicht schnell genug vorangeht...

...und so ist der weitere, konsequent weitergeführte Verlauf absehbar. Während Charlies Körper Stück für Stück durch verbesserte Gliedmaßen und Organe ersetzt wird, verändert sich auch sein Geist so sehr, dass er schließlich überhaupt nicht mehr auf einen lebenden Körper als Träger angewiesen ist. Charlies Bewusstsein passt auf eine Halbleiterplatte. Aber ist es überhaupt noch sein Bewusstsein? Oder nur noch ein Betriebssystem für die Maschine? Was ist das "Bewusstsein" eigentlich, wenn es möglich ist, es in einen Computer einzuspeisen? Darf alles realisiert werden, was technisch machbar ist? Das sind Fragen, die sich bei der Lektüre stellen, allerdings werden sie nur am Rande gestreift. Die Story wird aus Charlies Blickwinkel erzählt, er ist der Ich-Erzähler und er selbst erkennt nicht, welchen (geistigen) Veränderungen er unterworfen ist. Außerdem sind diese Veränderungen gar nicht so umfassend, denn man erhält von Beginn an den Eindruck, dass Charlie fast so etwas wie ein Autist mit einer Inselbegabung ist. Emotionen sind nicht sein Ding, mit den Kollegen (Freunde hat er ja nicht) kommt er nur zurecht, solange sie auf dieselbe Weise funktionieren wie Werkzeuge, und sein Körper ist für ihn nur ein oft störrisches und somit verbesserungswürdiges Hilfsmittel.

Der Roman liest sich irgendwie uneinheitlich, was der Entstehungsgeschichte geschuldet sein mag. Laut Nachwort hat Barry den Text erstmals kapitelweise im Internet veröffentlicht und danach zu einem "richtigen" Roman ausgearbeitet. Was wie eine Studie über einen kontaktgestörten Supernerd beginnt, wird zu einer etwas aufgesetzt wirkenden Liebesgeschichte, die immer wieder von den Machenschaften des Konzerns gestört wird, und entwickelt sich gegen Ende zu SciFi-Action, bei der Cyborgs gegeneinander kämpfen. Spaß macht das Ganze aber durchaus, vor allem wegen des ironischen, oft auch zynischen Humors. (16.07.2015)


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677
Das Messias-Gen James Rollins: Das Messias-Gen
Blanvalet, 2012
574 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Der Judas-Code.

Die SIGMA-Force ist eine Spezialeinheit des US-Verteidigungsministeriums. Ihre Aufgabe besteht in der Sicherstellung neuer Forschungsergebnisse und Technologien, die nicht in falsche Hände geraten dürfen oder zu einer Gefahr für die USA werden könnten. Üblicherweise kämpft SIGMA gegen Agenten feindlicher Mächte, Terroristen oder Geheimbündler. Doch diesmal kommt der Gegner aus den eigenen Reihen. Alles beginnt damit, dass ein vermeintlicher Obdachloser vor dem Eingang des geheimen SIGMA-Hauptquartiers in Washington von einem Scharfschützen erschossen wird. Der Mann stirbt in den Armen von Grayson Pierce, der irrtümlich glaubt, der Anschlag habe ihm gegolten. Bevor er stirbt, drückt der Mann Gray eine antike Münze in die Hand. Es stellt sich heraus, dass der Tote niemand anderer ist als Archibald Polk, Professor für Neurologie am M.I.T. - er ist jener Mann, der SIGMA quasi erfunden hat! Polk ist schwer radioaktiv kontaminiert, deshalb gelingt es Gray und seinem Kameraden Joe Kowalski mittels eines Geigerzählers, seine Bewegungen bis zum Museum für Naturgeschichte zurückzuverfolgen. Dort begegnen sie Dr. Elizabeth Polk, der Tochter des Professors. Sie hat bis vor einem Monat auf Vermittlung ihres Vaters im Delphi-Museum in Griechenland gearbeitet.

Während Grey, Kowalski und Elizabeth noch überlegen, in welchem Zusammenhang Polks Ermordung mit dem Orakel von Delphi stehen könnte, wird das Museum gestürmt. Polks Tochter und die SIGMA-Agenten entkommen nur knapp. Auf Polks Spuren reisen sie nach Indien, wo sie prompt wieder in Gefahren geraten, aber auch Verbündete finden und Erkenntnisse gewinnen, die ein neues Licht auf die Weltgeschichte werfen. Gleichzeitig wird die SIGMA-Zentrale überfallen. Dahinter steckt John Mapplethorpe vom militärischen Abschirmdienst. Er arbeitet mit russischen Wissenschaftlern zusammen, die seit Jahrzehnten menschenverachtende Experimente mit den Nachkommen von Kindern eines Roma-Stammes machen, um ihre latenten paranormalen Fähigkeiten zu wecken. Eines dieser Kinder befindet sich in den USA und wurde in die Obhut von SIGMA übergeben. Mapplethorpe setzt alles daran, das Mädchen in seine Hände zu bekommen und SIGMA zu vernichten. Die unterirdische Forschungseinrichtung, in der die anderen Kinder auf eine große Aufgabe vorbereitet werden, befindet sich in der Gegend des radioaktiv verstrahlten Karatschai-Sees. Dort bereiten Dr. Sawina Martowa und der Politiker Nicolas Solokow einen Anschlag nie dagewesenen Ausmaßes vor. Sie wollen eine neue Weltordnung mit einem wiedererstarkten russischen Reich an der Spitze errichten.

Irgendwo in dem Bunker kommt ein Mann ohne Erinnerungen zu sich. Drei der begabtesten Kinder befreien ihn und fliehen mit seiner Hilfe aus der Einrichtung.

Es ist kaum möglich, Romane von James Rollins spoilerfrei vorzustellen und sich dabei kurz zu fassen, denn sie bestehen in der Regel aus zahlreichen ineinander greifenden Handlungsebenen, die ständig wechseln, so dass fast jedes Kapitel mit einem Cliffhanger endet. Meine Kurzzusammenfassung entspricht deshalb nicht genau dem chronologischen Handlungsverlauf und gibt nur einen Bruchteil der Handlung wieder. Das Spannungsrezept geht auch im fünften Band der Reihe "SIGMA-Force" bestens auf. Der Roman ist perfektes Lesefutter, wenn man actionreiche Wissenschaftsthriller mag. Die Story schließt zeitlich nahtlos an "Der Judas-Code" an, kann aber problemlos ohne Kenntnis dieses oder eines früheren Romans gelesen werden. Natürlich ist es besser, wenn man die Hauptfiguren bereits kennengelernt hat, denn sehr viel Zeit für die Figurenzeichnung nimmt sich Rollins nicht mehr. Wer zumindest den vierten Band kennt, darf sich über eine Art Happy End für zwei Haupt-Nebenfiguren freuen. Kowalski, der im vierten Band seinen ersten Auftritt hatte, darf wieder mitmischen und mit der SIGMA-Agentin Shay Rosauro kommt eine kampfstarke neue Frauenfigur hinzu. Andere bekannte Figuren wie Lisa Cummings werden dagegen eher stiefmütterlich behandelt. Hauptwidersacher ist diesmal übrigens nicht die Gilde. Seichan wird nur ein einziges Mal kurz erwähnt.

Nach und nach sammeln die Protagonisten Informationen, bis nie geahnte geschichtliche Zusammenhänge deutlich werden. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass die Roma Nachkommen griechischer Flüchtlinge aus Delphi sein könnten, die sich mit der Bevölkerung einer bestimmten Region Indiens vermischt haben? Dieses Detail fällt sicherlich in den Bereich der Fiktion, aber wie ich es von Rollins inzwischen nicht anders erwarte, ist nicht alles reine Erfindung. Rollins lässt stets gut recherchierte Tatsachen einfließen, und diese Mischung ist wie immer besonders reizvoll. Im Anhang wird unter anderem darauf verwiesen, dass Gehirnmanipulationen, wie sie an den Roma-Kindern vorgenommen wurden, durchaus möglich wären, und dass es die JASONS (Wissenschaftler, die das US-Militär beraten - Prof. Polk war einer von ihnen) wirklich gibt. Das kann man sogar in der Wikipedia nachlesen. Das gilt auch für den Karatschai-See, der eine zentrale Rolle im vielleicht etwas arg klischeehaften Welteroberungsplan der Russen spielt. Laut Wikipedia ist das der am stärksten verschmutzte Ort der Welt und die Annahme, das extrem verstrahlte Wasser könnte sich bis in den Arktischen Ozean ausbreiten, ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Das ist ziemlich beunruhigend! Ich möchte gar nicht wissen, wie viele tickende Zeitbomben dieser Art es sonst noch auf der Erde gibt... (15.07.2015)


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676
Kill Decision Daniel Suarez: Kill Decision
Rowohlt Digitalbuch, 2013
Kindle Edition

Eine Predator-Kampfdrohne feuert eine Rakete auf einen Pilgerzug in Kerbela ab. Tausende Menschen sterben. Man lastet dieses schreckliche Attentat den USA an, denn die Drohne war entsprechend gekennzeichnet, doch die US-Streitkräfte haben nichts damit zu tun. Tatsächlich sind die USA Ziel ähnlicher Angriffe. Jüngste Opfer sind einige Softwareentwickler, die einen Code zur automatischen Erkennung von Objekten und zur Interpretation menschlicher Handlungen entwickelt haben, der jüngst gestohlen wurde. Durch einen Drohnenangriff soll auch die in Afrika forschende Insektenkundlerin Linda McKinney ermordet werden. Odin, Anführer einer US-Spezialeinheit für verdeckte Operationen, hat den Auftrag erhalten, die unbekannten Attentäter unschädlich zu machen. Er hat Linda als mögliches Ziel identifiziert und rettet sie in letzter Minute. Odin braucht Lindas Hilfe, denn sie hat das Schwarmverhalten von Weberameisen analysiert und offensichtlich wird ihr Algorithmus von den Attentätern missbraucht. Diese sind dabei, autonome Killerdrohnen zu entwickeln, die in Schwärmen angreifen, untereinander kommunizieren und ihre Ziele identifizieren können, ohne auf die lenkende Hand eines Menschen angewiesen zu sein.

Gegen ihren Willen wird Linda genötigt, untergetaucht zu bleiben und Odins Team zu unterstützen. Kurz nachdem sie in Odins Geheimbasis gebracht wurde, gelingt ihr die Flucht. Polizei und FBI glauben ihr nicht. Dann erscheint Ritter, ein Agent der Homeland Security, dem sie sich anvertrauen zu können glaubt. Doch Ritter entführt Linda, um sie verschwinden zu lassen. Odin rettet Linda ein weiteres Mal. Nun ist klar, dass es sich bei den unbekannten Attentätern keineswegs um ausländische Terroristen handelt. Es muss vielmehr eine Verschwörung innerhalb höchster Militär- und Regierungskreise geben, die sich neue Technologien aneignet und deren Urheber beseitigt. Die öffentliche Meinung wird geschickt manipuliert, so dass eine Behauptung Ritters wahr wird: Alle wollen autonome Killerdrohnen. Odin erhält den Befehl, seine Mission abzubrechen. Doch er macht weiter, und diesmal unterstützt Linda das Team nach Kräften. Beiden ist klar, dass die Drohnen aufgehalten werden müssen. Maschinen, die selbst entscheiden, ob und wen sie töten, würden eine neue Dimension des Schreckens in der Kriegsführung eröffnen...

Auf Daniel Suarez bin ich durch den genialen Doppelroman Daemon / Darknet aufmerksam geworden. Darin geht es um die konsequente Extrapolation bereits existierender Technologien und aktueller gesellschaftlicher/wirtschaftlicher Entwicklungen, eingebunden in eine vielschichtige, extrem spannende Thrillerhandlung. Der Doppelroman ist somit Science Fiction in ihrer besten Form. In "Kill Decision" geht Suarez ähnlich vor, beschränkt sich aber auf ein einziges Thema: Drohnen. Auch diesmal geht Suarez vom heutigen Stand der Technik aus. Laut Wikipedia konstruiert das amerikanische Militär bereits autonome Drohnen, wie sie im Roman beschrieben werden. Suarez geht im Grunde nur einen Schritt weiter, und ich halte es für durchaus denkbar, dass Drohnen eines Tages wie Ameisen mittels Duftstoffen miteinander kommunizieren werden. Dann trennt uns nur noch eines vom Krieg der Menschen gegen die Maschinen wie im Film Terminator, denn noch können sich die Drohnen nicht selbst vervielfältigen. Hier ist die Realität schon weiter als der Roman, denn mit vorprogrammierten 3D-Druckern könne man das sicherlich hinkriegen!

Die an sich faszinierende - wenn auch sehr beängstigende - Grundidee wird allerdings bei weitem nicht so gut umgesetzt wie in "Daemon / Darknet". Die Handlung konzentriert sich fast ganz auf Odin / Linda, komplett mit einer wenig glaubwürdigen Liebesbeziehung der beiden Protagonisten, und ist für meinen Geschmack zu klischeehaft. Zumindest fällt es mir immer schwer, mein Missfallen zu unterdrücken, wenn von aufrechten US-Spezialeinsatzkräften die Rede ist, die mit schier unerschöpflichen Ressourcen sowie völliger Handlungsfreiheit ausgestattet sind, nach eigenem Gutdünken über Leben und Tod entscheiden oder welche Kollateralschäden in Kauf genommen werden sollen usw., und die selbstverständlich stets genau wissen, wer die Bösen sind. Der Roman hat leider sogar einige Längen, insbesondere bei der ausführlichen Schilderung zahlreicher Kämpfe und Verfolgungsjagden zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Die pausenlose Action ist mir irgendwann zu viel geworden. "Kill Decision" bietet viel Stoff zum Nachdenken und ist näher an der Realität, als ich zunächst dachte (durch ein wenig Internet-Recherche wurde ich eines Besseren bzw. Schlechteren belehrt), erreicht aber nicht die Komplexität und Spannung von "Daemon / Darknet". (15.07.2015)


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675
Die Nacht Guillermo del Toro und Chuck Hogan: Die Nacht
Heyne, 2013
426 Seiten

Zur Vorgeschichte, siehe Die Saat und Das Blut.

Der Meister beherrscht mit seinen Vampirhorden die gesamte Erde. Mit der Sprengung mehrerer Atomkraftwerke hat er zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die "Alten" wurden vernichtet und der Planet liegt nun unter einer dichten Wolkendecke, so dass das für die Vampire tödliche Sonnenlicht nur noch während der Mittagsstunden hindurchdringen kann. Ein Drittel der Menschheit wurde ausgelöscht. Die Überlebenden versuchen so etwas wie Normalität zu bewahren und erdulden alles, was der Meister ihnen auferlegt, sofern sie nicht sogar offen mit ihm kollaborieren. Da die Vampire ohne menschliches Blut nicht existieren können, hält der Meister seine Brut unter strikter mentaler Kontrolle, um eine ungehemmte Ausbreitung der Saat zu verhindern. Blutfarmen wurden eingerichtet, in denen Menschen als Nahrungsquelle für die Vampire gezüchtet werden.

Zwei Jahre nach der Machtübernahme gibt es nur noch wenige Menschen, die offen gegen die Vampire kämpfen. Zu ihnen gehören Ephraim Goodweather, Nora Martinez, Vasily Fet und Gus Elizalde sowie Quinlan, der blutgeborene Sohn des Meisters - ein Halbvampir, der einst in den Diensten der "Alten" gestanden hat. Sie alle wurden als Staatsfeinde gebrandmarkt und sind vogelfrei. Eph hat sich seinen Freunden entfremdet. Er leidet darunter, seinen Sohn Zachary an den Meister verloren zu haben. Der Junge wurde entführt, aber noch nicht verwandelt, denn dem Meister ist daran gelegen, Zachs Charakter nach seinem Willen zu formen. Die Kluft zwischen den Kampfgefährten vergrößert sich, als Eph herausfindet, dass Nora und Vasily ein Paar geworden sind.

Doch die Widerständler müssen zusammenarbeiten, um überhaupt eine Chance gegen den Meister zu haben. Sie durchforsten das uralte Buch Occido Lumen nach Hinweisen auf jenen Ort, an dem der Meister einst entstanden ist. Nur dort kann er endgültig besiegt werden, und zu diesem Zweck wird eine Nuklearwaffe benötigt. Mit Quinlans Hilfe machen die Widerständler einige Fortschritte, doch der Keim des Verrats wurde bereits gelegt...

Im letzten Teil der Vampir-Trilogie wird womöglich noch mehr gemetzelt als in den beiden ersten Romanen zusammen, so dass ich mich irgendwann gefragt habe, wie es die Vampire überhaupt geschafft haben, die Weltherrschaft zu übernehmen. Die vier Haupthelden (plus Quinlan, eine Figur, die mich stets an Blade erinnert hat) schnetzeln mit ihren Silberschwertern unzählige Vampire und werden selbst nie angekratzt. Die zahlreichen Abschnitte mit Schwertkämpfen und Geballer wären selbst in einem Actionfilm irgendwann ermüdend geworden. Bei der Lektüre des Buches musste ich mich zwingen, diese Seiten nicht einfach zu überblättern.

Trotzdem hat mir der dritte Roman am besten gefallen. Das liegt zum größten Teil am postapokalyptischen Szenario. Eine im nuklearen Winter versinkende Welt, ein von Untoten und Kollaborateuren beherrschter Polizeistaat, in dem man entweder zum Nutzvieh gehört oder Sklavenarbeit leisten muss, wenn man nicht als Vampirsnack enden will… das hat was. Die Endzeitstimmung wird ganz gut vermittelt. Ich muss aber sagen, dass die Welt außerhalb der Blutfarmen (eine davon wird genauer beschrieben) und der von den Widerständlern bewohnten Verstecke seltsam gesichtslos bleibt. Ich konnte mir nicht so recht vorstellen, wie das tägliche Leben der noch nicht verwandelten Menschen aussieht, zumal die Protagonisten praktisch nie irgendwem begegnen, dem kein Vampirstachel aus dem Maul hängt.

Die Hauptfiguren dürfen sich ein bisschen weiterentwickeln. Zachs Nervensägendasein wird grotesk übersteigert, Eph mutiert zum drogen- und sorgenzerfressenen Beinahe-Verräter... Außerdem erfahren wir endlich, wie die allerersten Vampire entstanden sind. Rückblicke in biblische Zeiten offenbaren, dass Ozryel, der Engel des Todes (unter anderem zuständig für die Vernichtung von Sodom und Gomorrha) hierbei eine große Rolle gespielt hat. Auch in der Handlungsgegenwart greifen Engel ins Geschehen ein, wenn nicht gar Gott persönlich. Gut, es wäre vielleicht nicht nötig gewesen, die Internationale Raumstation zu einer Waffe Gottes gegen Ozryels Nachkommen umzufunktionieren, aber wenigstens wird die Geschichte doch zu einem in sich schlüssigen Ende gebracht. Insgesamt muss ich leider sagen: Auf diese Trilogie hätte ich auch verzichten können. (15.06.2015)


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674
Zeit des Sturms Andrzej Sapkowski: Zeit des Sturms
dtv, 2015
447 Seiten

Zur Hauptfigur Geralt von Riva und seiner Welt siehe Der letzte Wunsch.

Nachdem er das Land von einem besonders gefährlichen Monstrum befreit hat, reitet der Hexer Geralt zur Stadt Kerack. Dort herrscht König Belohun, ein ehemaliger Pirat, dessen Heirat kurz bevorsteht. Dies ist nicht Belohuns erste Ehe. Seinen ältesten Sohn hat er bereits verbannt und dessen jüngeren Brüdern blüht dasselbe Schicksal, denn der König beabsichtigt, das erste Kind seiner neuen Frau zum Erben zu erklären. Wie alle Besucher Keracks muss Geralt seine Waffen in der Wachstube zurücklassen. Kurz nach der Ankunft wird er verhaftet. Man wirft ihm vor, er habe sich von seinen Auftraggebern überhöhte Rechnungen für erfolgreiche Ungeheuerjagden ausstellen lassen und den Überschuss mit ihnen geteilt. Mit diesem Betrug habe er die Staatskasse geschädigt. Geralt landet im Kerker, kommt aber auf Kaution frei. Gezahlt hat die Zauberin Lytta Neyd, genannt "die Koralle". Merkwürdigerweise ist das dieselbe Frau, die ihn denunziert hat. Als Geralt seine wertvollen Hexerschwerter zurückfordert, erlebt er die nächste böse Überraschung. Die Waffen wurden bereits von jemandem abgeholt, der im Gegensatz zu Geralt eine (wenn auch gefälschte) Quittung vorweisen konnte!

Weder sein alter Freund, der Barde Rittersporn, noch die Behörden Keracks können Geralt helfen. Deshalb wendet er sich an Lytta, die jedoch behauptet, mit dem Diebstahl der Schwerter nichts zu tun zu haben. Geralt, der sich erst jüngst von seiner Geliebten, der Zauberin Yennefer, getrennt hat, beginnt ein Verhältnis mit Lytta. Sie nutzt ihre magischen Fähigkeiten, um Geralt bei der Suche nach den unverzichtbaren Waffen zu helfen. Geralts Bemühungen bleiben jedoch vergeblich und führen sogar dazu, dass er in die Thronfolgestreitigkeiten hineingezogen wird. Schließlich räumt Lytta ein, mit ihren Konfratres vom nahen Schloss Rissberg gemeinsame Sache gemacht zu haben, um Geralt für eine gefährliche Aufgabe zu gewinnen. Der Rat der Zauberer ist mehr als besorgt, denn jemand aus ihren Reihen hat einen Dämon beschworen und wurde von diesem unterjocht. Seitdem richtet er schreckliche Gemetzel unter der Landbevölkerung an. Geralt patrouilliert in der Gegend und wird Zeuge, wie der Besessene erneut zuschlägt. Der Hexer versucht den Magier zu packen, tappt dabei aber selbst in eine Falle...

Mit dem Roman Die Dame vom See war der Zyklus um den Hexer Geralt von Riva eigentlich abgeschlossen. Die Geschichte wurde in den Spielen The Witcher (2007) und The Witcher 2 - Assassins of Kings (2011) fortgesetzt, allerdings nicht von Sapkowski, sondern von den Spieleentwicklern. Danach wurden noch zwei lose mit dem Zyklus verknüpfte Kurzgeschichten Sapkowskis veröffentlicht, zu finden in der Sammlung Etwas endet, etwas beginnt. Pünktlich zum Release des dritten Witcher-Spiels ("The Witcher 3 - Wild Hunt") findet sich ein neuer Roman in den Regalen. Es handelt sich um ein Prequel, trotzdem wird der Abschluss des Zyklus dadurch in Frage gestellt. Die Haupthandlung von "Zeit des Sturms" endet, kurz bevor sich Geralt auf den Weg nach Wyzima macht, um Prinzessin Adda von einem Fluch zu befreien. Dieses Ereignis wird in der Kurzgeschichte "Der Hexer" beschrieben. Sie ist enthalten in der Sammlung Der letzte Wunsch, welche ich als ersten Band des Zyklus bezeichne. Nach dem Ende der Haupthandlung von "Zeit des Sturms" erfolgt ein Zeitsprung. 100 Jahre später begegnet Nimue einem Mann, bei dem es sich eindeutig um Geralt handelt. Er scheint nicht gealtert zu sein und tötet das letzte jener Ungeheuer, die vom Rat der Zauberer erschaffen worden sind. Mit dem ersten kämpft er zu Beginn von "Zeit des Sturms". Somit ist der Weg frei für eine echte Fortsetzung des Zyklus!

Soviel zur Einordnung des Romans. Aber keine Angst: Ihr müsst keines der sieben anderen Bücher aus dem Hexer-Zyklus gelesen haben und es ist auch nicht nötig, die Spiele zu kennen. Es sind gerade so viele Informationen enthalten, dass Neuleser verstehen, um wen und was es geht, und dass Altleser nicht gelangweilt werden. Langjährige Fans wie ich dürfen sich natürlich noch mehr freuen, denn es gibt nicht nur ein "Wiedersehen" mit Geralt, sondern auch mit anderen bekannten Figuren, allen voran Rittersporn. Nimue kommt im Roman "Die Dame vom See" vor. Auch Lytta Neyd ist keine Unbekannte. Die Zauberin Koralle - also wohl Lytta, wenn nicht noch eine Zauberin diesen Namen hatte - ist eine derjenigen, die bei der zweiten Schlacht von Sodden gegen Nilfgaard ums Leben gekommen sind. Den Beschreibungen im Roman Das Erbe der Elfen zufolge hatte sie einen äußerst unschönen Tod...

Der Roman enthält alles, was das Fanherz begehrt: Mal trockener und mal zotiger Humor, Sex und Gewalt. Eine düstere, schmutzige, "erwachsene" Fantasywelt ohne klare Trennung von Gut und Böse. Verzwickte Intrigen, wahre Freundschaft, Liebesaffären und Verrat. Sapkowski hat ein ganz eigenständiges Universum erschaffen, das sich nicht vor Tolkiens Mittelerde und George R.R. Martins Westeros verstecken muss! Und Geralt ist derselbe Antiheld wie eh und je, ein Ungeheuertöter mit Herz, dem allzu oft klar wird, dass seine Auftraggeber die eigentlichen Monster sind. Ich muss aber sagen, dass mir die Geschichte etwas zerfahren vorkommt. Ich vermisse den roten Faden, ein zugrunde liegendes Thema, ein echtes Ziel. Am Ende, soviel kann ich verraten, bekommt Geralt seine Schwerter zurück und bereinigt das Dämonen-Problem auf seine Weise. Schön und gut, aber irgendwie war mir das zu wenig. (11.06.2015)


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673
Der Hobbit - Die Schlacht der fünf Heere. Das offizielle Filmbuch Brian Sibley: Der Hobbit - Die Schlacht der fünf Heere. Das offizielle Filmbuch
Klett-Cotta, 2014
168 Seiten

Die "offiziellen Filmbücher" zur Hobbit-Trilogie sind jeweils vor der Kinopremiere der Filme erschienen, und so ist es nicht verwunderlich, dass auch diesmal wieder viel mehr Rückblicke auf den vorherigen Film enthalten sind als Ausblicke auf den neuen! Es durfte nicht "gespoilert" werden. Die titelgebende Schlacht der fünf Heere bleibt deshalb fast vollständig ausgeklammert, jedenfalls wird sie immer nur am Rande erwähnt und Bilder werden schon gar keine gezeigt. Also müsste eigentlich noch ein viertes offizielles Filmbuch erscheinen, in dem dann endlich auch mal das abgebildet ist, was man angesichts des Titels erwartet. Nichtsdestotrotz ist natürlich auch dieses Buch wieder ein sehr schönes Erinnerungsstück.

Viele Aspekte der Entstehungsgeschichte werden erläutert, insbesondere wird der Erschaffung Smaugs einige Aufmerksamkeit gewidmet. Viele (wenn auch nicht alle) Hauptfiguren werden ausführlich vorgestellt, und zwar nicht nur mit Texten, sondern auch mit tollen ganz- oder gar doppelseitigen Stand- und Szenenfotos. Hinter-den-Szenen-Material kommt noch hinzu. Der Untertitel des Bildbandes lautet ja "Wie der Film gemacht wurde". Nun, ein richtiges Making of dürft ihr nicht erwarten - wenn ihr wissen wollt, wie der Film gemacht wurde, dann müsst ihr die Extended Edition der DVD bzw. Blu-ray kaufen, die später im Jahre 2015 erscheinen wird. Darin werden dann Dokumentationen enthalten sein, die den Namen wirklich verdienen. Das Buch bleibt in dieser Beziehung eher oberflächlich, aber dem Team, das die DVD-Dokumentationen produziert, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Interessante Informationen sind sowieso vorhanden. Hättet ihr zum Beispiel gedacht, dass die Stimmen der Düsterwald-Spinnen aus den Lauten komponiert wurden, die Delphine und Killerwale von sich geben, vermischt mit Geräuschen von Raubkatzen, Schlangen und Dachsen? (02.06.2015)

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672
Die Augen des Drachen Stephen King: Die Augen des Drachen
Heyne, 2011
509 Seiten

König Roland von Delain braucht einen Erben. Er heiratet Sasha aus der Westlichen Baronie, eine junge Frau, die ihm zunächst ebenso wenig bedeutet wie die zur Zeugung eines Nachfolgers unerlässliche Prozedur. Tatsächlich hat Roland Angst vor Frauen. Mit ihrer Güte und Klugheit gewinnt Sasha jedoch schon bald das Herz des Königs. Sasha schenkt Roland zwei Söhne: Peter und Thomas. Peter ist der perfekte Thronerbe, was nicht zuletzt der Erziehung zu verdanken ist, die seine Mutter ihm angedeihen lässt. Er ist klug, mutig, gutaussehend und hat Manieren. So verzichtet er nach keinem Mahl auf die Benutzung einer Serviette. Dass Peter begeistert mit dem bis ins kleinste Detail voll funktionsfähigen Puppenhaus seiner Mutter spielt, wird von Roland gern geduldet. Sasha ist in ganz Delain äußerst beliebt. Sie bewirkt viel Gutes und berät ihren mehr an der Jagd und am Wein als an seinen Aufgaben als König interessierten Gatten in allen Dingen. Damit ist sie dem dämonischen Hofzauberer Flagg ein Dorn im Auge, denn vor Sashas Ankunft war er es, der die Regierungsgeschäfte geführt hat. Flagg verfolgt nur ein Ziel. Er will das Königreich zugrunde richten. Chaos und Gewalt sollen in Delain herrschen. Durch Sashas Einfluss werden Flaggs Pläne nachhaltig gestört. Deshalb muss die Königin beseitigt werden. Der Zauberer sorgt dafür, dass Sasha bei der Geburt ihres zweiten Sohnes stirbt.

In den folgenden Jahren stellt Flagg fest, dass Peter, der zu einem stattlichen Prinzen heranwächst und trotz seiner Jugend großes Ansehen beim Volk gewinnt, eine mindestens ebenso große Gefahr für ihn darstellt wie seine Mutter. Nach Flaggs Willen soll Thomas auf dem Thron Platz nehmen, denn es ist ihm schon gelungen, den schwachen, von Neid auf Peter erfüllten Jungen nach seinen Wünschen zu formen. Als Peter 16 Jahre alt ist, erkennt Flagg, wie er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Peter hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seinem Vater einen Abendtrunk zu bringen. Unbemerkt (wie er glaubt) kredenzt auch Flagg dem König ein Glas Wein, sobald Peter gegangen ist. Darin befindet sich ein langsam wirkendes tödliches Gift, an dem Roland vor aller Augen stirbt. Flagg hat alles so arrangiert, dass der Verdacht auf Peter fällt. Der Prinz landet im Gefängnis an der Spitze eines hohen Turmes. Thomas wird gekrönt. Während der neue König unter Flaggs "Beratung" immer höhere Steuern fordert und unzählige missliebige Personen hinrichten lässt, ersinnt Peter einen Fluchtplan, bei dem Servietten und Puppenhaus wichtige Rollen zu spielen haben. Außerdem gibt es jemanden, der Flaggs Tat beobachtet hat - durch die Augen des Drachen, dessen Kopf als Trophäe im Gemach des Königs hängt...

Stephen King wird allgemein als Horror-Autor bezeichnet, aber er kann auch anders. "Die Augen des Drachen" ist waschechte Fantasy! Horror-Elemente kommen durchaus vor, aber man könnte die Geschichte eher als Märchen für Erwachsene bezeichnen. Der Roman ist übrigens schon in den Achtzigerjahren erschienen. Die erste deutsche Ausgabe soll stark gekürzt gewesen sein. Die Neuauflage aus dem Jahre 2011 ist ungekürzt.

Wer Kings Zyklus "Der Dunkle Turm" kennt, wird einen ähnlichen Stil sowie einige Namen wiedererkennen (König Roland hat aber nichts mit dem gleichnamigen Revolvermann zu tun) und im Roman "Das letzte Gefecht" heißt der Hauptwidersacher Randall Flagg. Tatsächlich gibt es - typisch für King - eine ganze Reihe gegenseitiger Bezugnahmen, die vermuten lassen, dass "Die Augen des Drachen" zumindest im selben fiktiven Universum spielt wie der Turm-Zyklus. So heißt es am Ende von "Die Augen des Drachen", Thomas und sein Diener Dennis hätten Flagg verfolgt und eines Tages gestellt. Im Turm-Roman "Drei" erinnert sich der Revolvermann daran, dass ein gewisser Randall Flagg von zwei jungen Männern namens Thomas und Dennis verfolgt worden sei. In der zum Turm-Zyklus gehörenden Kurzgeschichte "Die kleinen Schwestern von Eluria", enthalten in der Kurzgeschichtensammlung Im Kabinett des Todes, begegnet der Revolvermann jemandem, der aus Delain stammt. In diesem Zusammenhang werden einige Geschehnisse aus "Die Augen des Drachen" erwähnt.

Trotz allem kann man "Die Augen des Drachen" auch ohne jegliche Vorkenntnisse genießen. Mit gewohnter Meisterschaft erweckt King zahlreiche Haupt- und Nebenfiguren zum Leben, zeichnet ein plastisches Bild der Gesellschaft Delains und erzeugt durch geschickt eingesetzte Vorab-Andeutungen, häufige Perspektivwechsel sowie andere Stilmittel eine bis zum Schluss anhaltende Spannung. Natürlich ist eine klare Gut-Böse-Abgrenzung vorhanden (so gehört es sich für ein gutes Märchen), es gibt aber auch ambivalente Figuren wie zum Beispiel Thomas. Wer bereit ist, sich mal auf einen "anderen" King einzulassen, wird sich bestimmt bestens unterhalten fühlen! (26.05.2015)


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671
Im Verborgenen John Ajvide Lindqvist: Im Verborgenen
Bastei Lübbe, 2010
508 Seiten

Der Klappentext suggeriert, bei den zehn Kurzgeschichten dieser Sammlung handele es sich um Horrorstorys. Das stimmt nicht ganz. So handelt "Majken" lediglich von alten Damen, die Ladendiebstahl betreiben, um sich an der Gesellschaft zu rächen, und die einen besonders großen Coup vorbereiten. In "Pappwände" geht es um einen kleinen Jungen, der in einem großen Pappkarton campt und nachts merkwürdige Geräusche hört. "Dich zu Musik umarmen zu dürfen", der kürzeste und zugleich rätselhafteste Text, dreht sich vermutlich um jemanden, der sich ans Kreuz nageln lassen möchte. Schon eher ins Horror-Genre passen "Äquinoktium", "Sieht man nicht! Gibt es nicht!" und "Die Vertretung". In allen drei Storys könnte es sich bei den unerklärlichen Begebenheiten ebenso gut um Wahnvorstellungen handeln: Eine Frau entdeckt eine Leiche, mit der sie allerlei merkwürdige Dinge anstellt und von der sie sich verfolgt fühlt. Ein Fotoreporter glaubt phänomenale Skandalbilder geschossen zu haben, aber die Negative zeigen etwas völlig anderes. Ein altes Schulfoto dient als Beweis für die These, dass eine Vertretungslehrerin kein echter Mensch ist.

Bleiben vier Kurzgeschichten, die man eindeutig der Phantastik zuordnen kann. In "Grenze" erfährt die Hauptfigur, eine schwedische Zollbeamtin, warum sie ein unfehlbares Gespür für Menschen hat, die etwas an ihr vorbeischmuggeln wollen, und wie dies mit den in Schweden weit verbreiteten Legenden von Trollen und Wechselbälgern zusammenhängt. Der Protagonist von "Ewig/Liebe" glaubt herausgefunden zu haben, wie man den Tod überlisten kann, muss aber feststellen, dass das nur für das Ertrinken gilt, und dass er trotzdem keineswegs für immer mit der geliebten Frau zusammenleben kann. "Dorf auf der Anhöhe" ist die erste von zwei Geschichten, in denen Zusammenhänge mit anderen Werken des Autors hergestellt werden. Darin geht es um einen Bewohner des Stockholmer Stadtteils Blackeberg, der bemerkt, dass sich ein Hochhaus zu neigen beginnt, weil sich eine formlose Kreatur darin breitmacht. Blackeberg ist auch Schauplatz von So finster die Nacht und der Protagonist der Kurzgeschichte erinnert sich an die inzwischen viele Jahre zurückliegenden Geschehnisse. Wir erfahren, dass man nie wieder etwas von Oskar und Eli gehört hat.

Alle Storys sind auf ihre Weise fesselnd, faszinierend, sehr düster und auch dann gruselig, wenn es nicht um Übernatürliches geht, sondern um den ganz normalen Wahnsinn. Mein Highlight ist "Die Entsorgung", denn diese 130 Seiten starke Geschichte ist eine direkte Fortsetzung des Romans So ruhet in Frieden! Sie bringt den Roman zu einem befriedigenden Abschluss und enthält neben einigen köstlichen Momenten (ein schmieriger Schlagersänger hilft bei der Lösung des Untotenproblems) weit bessere Figurenzeichnungen als der Roman. Es gibt ein Wiedersehen mit Flora und ihrer Oma Elvy, außerdem kommt mit Kalle Liljewall eine derart sympathische neue Hauptfigur hinzu, dass ich mir gewünscht hätte, diese Story wäre schon im Roman enthalten gewesen. Kalle, ein schüchterner Bär mit Dreadlocks und großem Herzen, arbeitet als Roadie für die Tanzcombo "Tropicos". Eines Tages erhält er von seinem Vater den Auftrag, verschlossene Kisten aus dem Lager abzuholen, in dem die Wiederlebenden eingesperrt sind. Bei dieser Gelegenheit begegnet er Flora. Die beiden verlieben sich auf den ersten Blick. Kalle erfährt, dass Flora ein persönliches Interesse an den lebenden Toten hat. Mit ihren besonderen Sinnen hat sie erkannt, dass grausame Experimente an ihnen durchgeführt werden. Nur sie wäre in der Lage, die bedauernswerten Kreaturen zu erlösen. Sie ahnt nicht, dass Kalles Vater tief in die Angelegenheit verwickelt ist und sich zum Handlanger des absolut Bösen gemacht hat... (19.05.2015)

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670
Chasing the Dragon Justina Robson: Chasing the Dragon
Gollancz, 2010
393 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Willkommen in Otopia, Unter Strom und Elfentod.

Bei der Rückkehr aus Feenland hat Lila Black 50 Jahre verloren. Alle Menschen, die sie je gekannt hat, sind längst tot, so auch ihre Schwester. Von ihren nichtmenschlichen Gefährten sind nur der Dämon Teazle und Malachi, ein Bewohner des Feenlandes, übrig geblieben. Tath und Lilas geliebter Ehemann Zal (beides Elfen) sind verschollen. Lila und die aus unbekannter Quelle stammende Technologie, die den größten Teil ihres Körpers ausmacht, sind nun zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen. Noch hat Lila den Verlust von Verwandten und Freunden nicht überwunden, da ist sie schon wieder gezwungen, sich mit neuen Problemen auseinanderzusetzen. Teazle ist dabei, die Herrschaft über alle Adelshäuser Daemonias an sich zu reißen. Außerdem soll er die Seherin Madame Des Loups ermordet haben, womit er sein eigenes Todesurteil ausgestellt hat. Um Teazle aufspüren zu können, muss Lila mit der Behörde zusammenarbeiten, der sie ihre Cyborg-Existenz zu "verdanken" hat. Der einstige Geheimdienst ist in dieser Epoche allerdings eine Agentur, die sich mit übernatürlichen Krisen beschäftigt. Die "Mottenplage" konnte seinerzeit durch Lilas Bemühungen eingedämmt werden, doch das ist nicht ohne Auswirkungen auf Otopia geblieben. Die verschiedenen Welten sind näher zusammengerückt, die Grenzen sind durchlässiger geworden. Geisterhafte Erscheinungen materialisieren immer öfter in der Menschenwelt.

Lila übernimmt die Räumlichkeiten ihres vor Jahrzehnten verschwundenen Mentors Sarasilien, macht ihrem Chef Temple Greer aber klar, dass sie sich nie mehr kontrollieren lassen wird. Sie lässt sich nicht daran hindern, eigene Ziele zu verfolgen. Sie sucht nach dem Ursprung eines unverständlichen Signals, das sie mit ihren Maschinensinnen wahrnehmen kann und das von einigen der nach ihr erschaffenen Androiden geradezu verehrt wird. Vor allem jedoch will Lila Zal retten, der sich im Feenland für sie geopfert hat. Sie weiß nicht, ob er die damaligen Geschehnisse überlebt hat und wo er sich jetzt befindet. Als ein Dämon eine Nachbildung Zals benutzt, um ein Attentat auf Lila auszuüben, wird ihr klar, dass sie nach Daemonia reisen muss, um das Rätsel zu lösen. Dass sie einen Widersacher hat, der die Auslöschung aller Welten in Kauf nehmen würde, um sich buchstäblich in einen Engel zu verwandeln, ahnt Lila zu diesem Zeitpunkt nicht...

In deutscher Übersetzung sind bis jetzt nur drei der fünf Romane aus der Lila-Black-Reihe (engl.: "Quantum Gravity") erschienen. Es sieht nicht so aus, als solle sich daran je etwas ändern. Deshalb habe ich mir den vierten Band im englischen Original zugelegt. Wie immer gilt: Man muss alle bisherigen Romane gelesen haben, wenn man eine Chance haben möchte, die Handlung zu begreifen. Daran ändert auch ein Kunstgriff nichts, mit dem die Autorin den Lesern hilft. Das Buch beginnt mit dem Bericht einer Psychiaterin, bei der eine verzweifelte und scheinbar verwirrte junge Frau erscheint. Diese Frau ist Lila. Die Psychiaterin glaubt, der verworrene Bericht ihrer Patientin sei Ausdruck einer schweren seelischen Störung, es ist aber eine sehr kurze Zusammenfassung der Geschehnisse seit "Willkommen in Otopia". Ich kenne alle Romane, aber selbst ich hatte leichte Schwierigkeiten, allen mäandrierenden Verwicklungen der Story (auch in Bezug auf die vorherigen Bände) zu folgen. Ich dachte erst, das liege an meinen mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen, aber nachdem ich einige englischsprachige Reviews gelesen habe, kann ich feststellen, dass dem nicht so ist!

Dabei ist die vordergründige Handlung durchaus verständlich, wenn auch zu langatmig in der ersten Hälfte und zu verworren in der zweiten. Es dauert sehr lange, bis Lila "ankommt" und wirklich zu handeln beginnt. Die Figurenzeichnung ist dagegen sehr gut gelungen. Nicht nur Lila hat starke Momente, sondern auch Malachi und vor allem Zal, für den sich die Autorin etwas besonders abgedrehtes ausgedacht hat (siehe unten). Hinzu kommt wieder recht viel teils extrem blutige Action, aber auch eine gute Portion Humor. Was mir Schwierigkeiten bereitet, ist der Symbolismus - sofern ein solcher überhaupt beabsichtigt war. Zum Beispiel hat Lila zwei seltsame Gegenstände aus Feenland mitgebracht. Das eine ist ein Kleid, das ein eigenes Bewusstsein zu besitzen scheint und sich ständig verändert, wodurch Lila in manche peinliche Lage gerät. Man stelle sich einen sexy Cyborg in Korsett, Schärpe und umfangreichem Reifrock vor! Das andere ist ein gigantisches Schwert, das Lilas Gegner buchstäblich aufsaugt und sich nach Gebrauch in einen Füllfederhalter verwandelt, mit dem man, wie sich am Ende des Romans herausstellt, die Geschichte neu schreiben kann. Die Feder ist also wahrhaftig mächtiger als das Schwert, und auf diese Weise wird ein Ende herbeigezwungen, das ich für ziemlich unbefriedigend halte.

Erneut bewegen sich die Protagonisten in Welten, die sich an Irrealität nur so überbieten. Zal befindet sich in einem traumartigen Zwischenreich bei drei Frauen, die vermutlich so etwas wie die Moiren sind, die Schicksalsgöttinnen aus der griechischen Mythologie. Sein Geist ist in einer Stoffpuppe gefangen und ein Spiegel erweist sich als Tür in die nächste, mindestens genauso merkwürdige Welt. Faszinierend ist das alles durchaus, aber welche Bedeutung es hat - für die Story oder sonst wie? Ich weiß es nicht. Und ich bezweifle allmählich, dass die Autorin selbst es weiß! Geister, unwirkliche Welten, Visionen, Träume innerhalb von Träumen, Selbstmitleid und Weltschmerz... das ist mir alles zu metaphysisch, zu wenig greifbar. Sicher werde ich auch den letzten Band lesen - aber nur, weil ich es nicht mag, eine Serie unvollendet zu lassen und nicht zu wissen, was aus Lila wird. (14.05.2015)


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669
Mission - Spiel auf Zeit Douglas Preston / Lincoln Child: Mission – Spiel auf Zeit
Knaur, 2011
419 Seiten

Gideon Crew hat eine bewegte Vergangenheit. Er war Kunstdieb, ist zum Meister der Tarnung und Täuschung geworden, konnte so aber nicht weitermachen und hat sein Leben geändert. Nach einem Studium am MIT hat er einen Doktortitel erworben. Jetzt forscht er im Los Alamos National Laboratory an streng geheimen Projekten. Jüngst hat er den Ruf seines Vaters wiederhergestellt, der vor vielen Jahren von einem hochrangigen Offizier als Sündenbock für einen Fehler des Geheimdienstes missbraucht und erschossen worden ist. Durch die Art und Weise, wie er den wahren Schuldigen entlarvt und unschädlich gemacht hat, qualifiziert sich Gideon ohne es zu wissen für eine ebenso mächtige wie mysteriöse private Organisation namens Effective Engineering Solutions Inc., die zurzeit für das Department of Homeland Security arbeitet. EES-Direktor Eli Glinn bietet Gideon einen lukrativen Job an. Er soll einen Überläufer aus China abfangen, der in wenigen Stunden in den USA ankommen wird, angeblich Unterlagen über eine Superwaffe im Gepäck hat und vom chinesischen Geheimdienst verfolgt wird.

Gideon könnte das Honorar nach seinem kostspieligen Rachefeldzug gut gebrauchen, würde sich aber lieber zur Ruhe setzen und eine Familie gründen. Warum also sollte er sich auf eine derart riskante Mission einlassen? Da legt Glinn Untersuchungsergebnisse auf den Tisch, die belegen, dass Gideon an einer tödlichen Krankheit leidet. Er hat nur noch ungefähr ein Jahr zu leben. Da Gideon somit nicht auf ein normales Leben hoffen darf, aber auch nichts zu verlieren hat, lässt er sich auf die Sache ein. Als er den Chinesen am Flughafen abpasst und beschattet, wird dessen Taxi von einem anderen Auto abgedrängt, so dass es sich überschlägt, in eine Menschenmenge rast und Feuer fängt. Gideon zieht den schwer verletzten Chinesen aus dem Fahrzeugwrack. Der Mann hält Gideon für seine Kontaktperson und diktiert ihm eine lange Ziffernfolge. Sonst ist nichts von ihm zu erfahren, er stirbt wenig später im Krankenhaus. Gideon versucht herauszufinden, wo die Waffenpläne versteckt sein könnten. Dabei kommt er der CIA-Agentin Mindy Jackson in die Quere, die dasselbe Ziel verfolgt. Außerdem wird er zum Ziel des Auftragsmörders Nodding Crane...

Douglas Preston und Lincoln Child haben eine Reihe von Romanen mit einer Hauptfigur geschrieben, die selbst Sherlock Holmes noch in den Schatten stellt. Aloysius Pendergast, ein mit zahlreichen ungewöhnlichen Begabungen und enzyklopädischem Wissen gesegneter FBI-Agent, Abkömmling einer noblen Familie mit dunklem Hintergrund, hat so manche merkwürdige Charaktereigenschaft und bringt seine Freunde regelmäßig in Gefahr. Er eignet sich bestens als Held für die typischen Preston/Child-Mysterythriller, zumal er selbst noch so manches Geheimnis hat. Offenbar wollte das Autorenduo jetzt einen neuen Protagonisten einführen, um Romane mit etwas anderem Ansatz schreiben zu können - leider ist das meiner Meinung nach gründlich in die Hose gegangen.

Gideon Crew existiert im selben fiktiven Universum wie Pendergast. Die Verbindung wird durch Eli Glinn hergestellt. Glinn kommt in den Romanen Ice Ship, Dark Secret und Maniac vor, in den letzten beiden ist Pendergast die Hauptfigur. Crew ist in meinen Augen nur ein überdrehter Pendergast-Klon. Ebenso wie Pendergast ist Crew ein Meister der Maske, erfindet ständig irgendwelche Lügengeschichten, um sich irgendwo Zutritt zu verschaffen oder jemanden zu einer bestimmten Handlung zu bewegen, hat Freunde, die für ihn die Recherchearbeit erledigen und so weiter. Schon beim Tausendsassa Pendergast hat die Glaubwürdigkeit bei alldem ab und zu ziemlich gewackelt, aber was Crew anstellt, ist derart übertrieben, dass ich mich gefragt habe, ob "Mission" eine Agentenroman-Parodie sein soll. Crew ist James Bond, Simon Templar und Fantomas in Personalunion, tappt aber immer wieder in Fallen und lässt sich von seinen Gegnern an der Nase herumführen. Verfolgungsjagden, Explosionen, Schießereien und dergleichen werden lang und breit beschrieben. Das würde vielleicht in einem Agentenfilm funktionieren, aber hier wirkt es ermüdend.

Schlimmer noch: Crew ist im Gegensatz zu Pendergast einfach unsympathisch und zudem trotz absoluter Eindimensionalität nicht glaubwürdig. Jedenfalls haben es die Autoren nicht geschafft, mich für ihn einzunehmen. Die Sache mit seiner tödlichen Krankheit (die ich übrigens für einen Trick Glinns halte) ändert daran nichts und wird zumindest in diesem Roman sowieso eher stiefmütterlich behandelt. Gelangweilt habe ich mich nicht, aber ganz so seicht hätte die Unterhaltung denn doch nicht sein müssen. (06.05.2015)


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668
Tschirque, der Kreuzwächter Achim Mehnert: Tschirque der Kreuzwächter
Fanpro, 2010
304 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Im Schutz des Paladin.

Atlan hat erfahren, dass Trilith Okt von den Illochim erschaffen wurde, um als Katalysator für die Hohrugk zu dienen. Diese Wesen sind organische Transmitter und sollen den Illochim die Reise zur zerrissenen Galaxie Marasin ermöglichen. Von dort sind die Illochim vor langer Zeit verbannt worden. Bisher haben sie vergeblich nach den von Innis betreuten Hohrugk gesucht, doch jetzt steht ihre Rückkehr unmittelbar bevor. Die Transmitterfähigkeit der Hohrugk Jamanastan wird aktiviert. Atlan, Trilith Okt und der Paladin werden zum Planeten Kamsporn in Marasin versetzt. Bevor der Transfer beginnt, hört Atlan noch, wie Innis ihn vor dem Illochim Parjasthina warnt. Er sagt, Lupenchoi müsse gehalten werden. Lupenchoi ist, wie die Gefährten schon bald herausfinden, ein gewaltiger künstlich erschaffener Ring, der den gesamten Planeten umgibt und bis zur Oberfläche reicht. Die Gefährten reisen in die von einem Vielvölkergemisch bewohnte Stadt Avironda und erfahren, dass die meisten Einwohner Angst vor der Wiederkehr der Illochim haben. Es gibt aber auch eine Sekte, die die Illochim als Erlöser betrachtet.

Atlan und seine Begleiter bekommen Probleme, weil sie kein "Legitim" besitzen, das man zur Einreise in die Hauptstadt Chamenspall braucht. Sie werden Lop vorgeführt, dem Stellvertreter des Kreuzwächters Tschirque. Dieser ist die einzige Person mit offiziellem Amt vor Ort, interessiert sich aber nicht für Atlans Warnungen, denn er sieht sich nach einem folgenschweren Unfall im Transportnetz Lupenchois, der ihm zur Last gelegt wird, als Opfer einer medialen Hetzkampagne. Atlan wiederum hat weder Zeit noch Lust, sich mit Tschirques Handlangern herumzuschlagen. Tschirque wird kurzerhand entführt. Der Paladin klemmt sich das humanoide Wesen unter den Arm, wirbelt die angreifenden Sicherheitskräfte durcheinander und ermöglicht Atlan sowie Trilith Okt die Flucht in die subplanetaren Verkehrstunnel. Dort gelingt es Tschirque, die drei Fremden in eine Falle zu locken. Er gibt seine Position an Lop durch, doch der spielt falsch. Er verachtet seinen Herrn und will sich selbst an dessen Stelle setzen...

Im zweiten Band der "Marasin"-Trilogie wird nun das geboten, was ich wissen wollte, nämlich die Hintergrundgeschichte der Illochim. Wie es bei Romanen aus dem Perryversum allzu oft geschieht, sind diese Informationen aber nicht sinnvoll in die Story eingebettet, sondern sie werden jemandem erzählt. Die entsprechende Nebenhandlung dreht sich um einen Bewohner Lupenchois namens Maudi-Haup Maon. Der junge Kalfater ist krank und liegt im Bett. Seine Oma Shapda-Shapda Maon kümmert sich um ihn und erzählt ihm Parjasthinas Geschichte. Die ist gar nicht so uninteressant, vor allem werden die Illochim nicht als grausame Eroberer und Unterdrücker dargestellt, d.h. sie merken gar nicht, wie sehr sie die Völker Marasins bei ihrem Streben nach Ordnung und Sicherheit drangsalieren. Erst am Ende wird auf den Boden der Trivialität zurückgekehrt. In der Gegenwart wollen sich die Illochim nämlich einfach nur noch für die Verbannung aus Marasin rächen. Nun gut, irgendeine Bedrohung wird wohl für den unvermeidlichen Showdown in Band 3 gebraucht. Bis dahin darf nicht allzu viel passieren. Ich will nicht behaupten, dass Band 2 abgesehen von den Illochim-Rückblicken größtenteils aus Fülltext besteht, muss aber sagen, dass das Hin und Her mit und ohne Tschirque auf mich etwas ermüdend gewirkt hat. Insoweit folgt die Trilogie den zu erwartenden Mustern.

Erneut hat mir gut gefallen, wie der Paladin und seine Zwergenbesatzung dargestellt werden. Die Siganesen sind schon eine witzige Truppe! Was sie mit der vier Meter großen Kampfmaschine anrichten können, wird anschaulich beschrieben. Den Vogel schießt Mehnert aber mit Tschirque ab. Dieses merkwürdige Lebewesen ist so etwas wie ein Bahnhofsvorsteher. Der Unfall, den er nach Meinung der Medien zu verantworten hat, ist eine Anspielung auf den Einsturz des Kölner Stadtarchivs, zu dem es im Jahre 2009 wegen verpfuschter Bauarbeiten an der Stadtbahn gekommen ist. Ich fand die Leiden des chronisch erfolglosen Kreuzwächters höchst amüsant. Ob es für diese Figur ein reales Vorbild gibt? Das würde mich mal interessieren. (02.05.2015)


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667
Die Vermessung der Welt Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt
rororo, 2012
302 Seiten

Nachdem er Karriere im Staatsdienst gemacht und den Bergbau revolutioniert hat, bricht der adlige Naturforscher Alexander von Humboldt zu einer mehrjährigen Entdeckungsreise auf, die ihn unter anderem in die spanischen Kolonien und nach Lateinamerika führt. Humboldt ist Preuße durch und durch, und so schont er weder sich selbst noch seinen Reisegefährten, den französischen Botaniker Bonpland. Er macht Selbstversuche, die ihn an den Rand des Todes bringen, dringt immer tiefer in unerforschte Urwaldregionen vor und nimmt dabei extreme Entbehrungen auf sich. Humboldt und Bonpland fahren auf dem Orinoco stromaufwärts, sammeln Pflanzen und Tiere, sprechen mit den Eingeborenen und vermessen das Land. Briefe, in denen Humboldt von seinen Expeditionen berichtet, werden in den Zeitungen veröffentlicht und sorgen für großes Aufsehen. Als Humboldt in die Heimat zurückkehrt, wird er wie ein Held gefeiert.

Humboldts Zeitgenosse Carl Friedrich Gauß gilt als "Fürst der Mathematik". Schon in früher Jugend zeigt der in einfachen Verhältnissen aufgewachsene Junge eine phänomenale Auffassungsgabe und denkt schneller als seine Mitmenschen. In der Schule stellt Gauß eine außergewöhnliche mathematische Begabung unter Beweis, als Student der Universität Göttingen macht er sensationelle Entdeckungen und nach der Promotion veröffentlicht er sein Lebenswerk, die "Disquisitiones Arithmeticae". Damit begründet er die moderne Zahlentheorie. Seine geistige Überlegenheit führt allerdings auch dazu, dass er sich seinen Mitmenschen gegenüber ungnädig verhält und kaum Freunde findet. Im Jahre 1828 begegnen sich Humboldt und Gauß, als letzterer zu einer Tagung nach Berlin reist. Gauß wird von seinem Sohn Eugen begleitet, der zufällig in eine geheime Studentenversammlung hineingerät und von der Polizei verhaftet wird...

Ich kann weder die historische Korrektheit dieses Romans noch seine literarische Bedeutung beurteilen oder ihn deuten. Mit etwas Internetrecherche werdet ihr genug Informationen dazu finden. Ich beschränke mich auf meine persönlichen Eindrücke, und die sind absolut positiv. Schon der Stil hat mich überzeugt. Die Reise von Vater und Sohn Gauß nach Berlin, das Treffen mit Humboldt und die folgenden Ereignisse bilden nur die Rahmenhandlung für die Lebensgeschichten der beiden Wissenschaftler, die in rasch wechselnden Kapiteln erzählt werden, und zwar in kurzen Sätzen und klarer, schnörkelloser Sprache. Besonders fällt das vollständige Fehlen direkter Rede auf. Auf mich hat der Roman deshalb wie ein Bericht gewirkt, der tatsächlich zu Lebzeiten der beiden Protagonisten hätte erschienen sein können.

Kehlmann langweilt den Leser nicht mit der Aufzählung von Daten und Fakten. Ihm geht es mehr darum, Stimmungen und Gefühle zu vermitteln, die Eigenschaften und Einstellungen der Figuren zu verdeutlichen. Dass Kehlmann nur 300 Seiten braucht, um die Hauptfiguren und ihre Welt vor meinem inneren Auge erstehen zu lassen, mir ihre Lebensumstände sowie ihre Leistungen vor Augen zu führen, vielleicht auch noch das Interesse für die jeweiligen Forschungsgebiete zu wecken, ist schon phänomenal. Der ironische Umgang mit dem Thema ist für mich das i-Tüpfelchen, das den Roman zu einem echten Genuss macht. Gauß und Humboldt haben (zumindest in diesem Roman) ganz spezielle Eigenheiten, die für viele humorvolle Begebenheiten sorgen. Der Wikipedia zufolge ist einiges davon übertrieben oder gar erfunden, aber dies ist ja keine Abhandlung über Gauß und Humboldt, sondern ein Roman. (20.04.2015)


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666
Naokos Lächeln Haruki Murakami: Naokos Lächeln
btb, 2003
416 Seiten

Toru Watanabe ist eng mit dem Liebespaar Kizuki und Naoko befreundet. Im Alter von siebzehn Jahren begeht Kizuki Selbstmord. Dadurch wird die introvertierte Naoko, für die Kizuki ein Teil ihres Selbst war, völlig aus der Bahn geworfen. Auch Toru leidet unter dem Verlust des Freundes. Er zieht nach Tokio um, studiert dort Theaterwissenschaften und verliert Naoko vorübergehend aus den Augen. Als sie sich wieder begegnen, verliebt sich Toru in Naoko, schläft auch einmal mit ihr und träumt von einer gemeinsamen Zukunft. Doch Naokos Trauma sitzt tiefer als gedacht. Sie gilt als selbstmordgefährdet und wird in ein abgeschiedenes Sanatorium in den Bergen bei Kyoto gebracht. Toru hat nun zunächst nur noch brieflichen Kontakt mit Naoko.

In dieser Zeit lernt Toru die Kommilitonin Midori Kobayashi kennen. Sie ist das genaue Gegenteil Naokos. Obwohl Midori genug eigene Probleme hat - sie und ihre Schwester müssen ihren schwer kranken Vater pflegen - steckt sie Toru mit ihrer Fröhlichkeit an. Er verbringt viel Zeit mit der lebenslustigen, selbstsicheren, alles andere als zurückhaltenden Frau und fühlt sich immer stärker zu ihr hingezogen. Doch er kann nicht von Naoko lassen, was Midori natürlich nicht verborgen bleibt...

Der Untertitel des Romans lautet "Nur eine Liebesgeschichte" und viel mehr steckt wohl wirklich nicht dahinter. Die Dreiecksbeziehung findet vor dem Hintergrund der Studentenunruhen der späten Sechzigerjahre statt, die bleiben aber nur Kulisse. Das ist schade, denn an Murakamis Romanen finde ich die Einblicke ins moderne japanische Alltagsleben immer besonders interessant.

Tatsächlich wird nicht nur eine Dreiecksbeziehung geschildert, denn Torus Entwicklung wird von zahlreichen Personen geprägt, deren Vorstellung Murakami viel Aufmerksamkeit widmet und die einer nach dem anderen aus Torus Leben verschwinden. Das Thema "Verlust" spielt also eine große Rolle. Natürlich sind Naoko und Midori die wichtigsten Personen für Toru und sie stehen für die beiden Extreme, zu denen hin sich sein Leben entwickeln könnte. Naoko verkörpert die ebenso tiefsinnige wie lebensabgewandte Seite. Sie scheint seit Kizukis Tod nicht mehr in der Lage zu sein, sich an jemanden zu binden oder auch nur mit anderen Menschen zu kommunizieren. Wenn Toru Naoko besucht, wird die Stimmung des Romans düster und melancholisch, so dass man quasi befreit aufatmet, wenn Toru wieder bei der mitten im prallen Leben stehenden Midori ist. Sobald die beiden zusammen sind und sich gegenseitig veräppeln, verändert sich auch der Stil des Romans. Bei Midoris Verrücktheiten musste ich manchmal losprusten - etwa wenn sie einen Pornofilm begeistert kommentiert, und zwar mitten in einem ansonsten nur von Männern besuchten Kino! (13.04.2015)


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665
Vergebung Stieg Larsson: Vergebung
Heyne, 2009
862 Seiten

Lisbeth Salander wurde von ihrem Vater Alexander Zalatschenko und ihrem Halbbruder Ronald Niedermann niedergeschossen und verscharrt. Sie hat überlebt, konnte sich aus dem flachen Grab befreien und Zalatschenko mit einem Axthieb niederstrecken. Niedermann ist geflohen. Lisbeth und Zalatschenko landen in der Intensivstation desselben Krankenhauses. Mikael Blomkvist konnte beweisen, dass Niedermann alle Morde begangen hat, die man Lisbeth zur Last gelegt hat. Dennoch wird Lisbeth im Krankenhaus wie eine Gefangene behandelt. Ihr steht eine langwierige Gerichtsverhandlung bevor, denn es gibt noch andere Anklagepunkte und Zalatschenko behauptet, Lisbeth habe versucht, ihn zu töten. Damit hat er durchaus Recht, doch im Grunde ist Lisbeth in der ganzen Affäre nicht Täterin, sondern Opfer. Um eine vollständige Rehabilitation Lisbeths herbeizuführen, wendet sich Mikael an seine Schwester, die Anwältin Annika Giannini. Dass sie keine Strafrechtlerin ist und hauptsächlich misshandelte Frauen vertritt, passt genau in Mikaels Strategie.

Während sich Annika mit dem schwierigen Fall und der noch schwierigeren Mandantin befasst, sammelt Mikael Beweise gegen die wahren Schuldigen in der Zalatschenko-Affäre und bereitet eine Enthüllungsstory für die Zeitschrift "Millenium" vor. Lisbeths Vater, ein ehemaliger Killer des russischen Militärnachrichtendienstes, ist vor Jahrzehnten übergelaufen und wurde als Informant der schwedischen Regierung von der Sicherheitspolizei (SiPo) geschützt. Er hat Lisbeths Mutter jahrelang misshandelt und vergewaltigt. Lisbeth hatte in dieser Zeit Todesängste auszustehen. Eines Tages hat sie mit einer Brandbombe zurückgeschlagen. Die Sache wurde vertuscht. Mit Hilfe des Psychiaters Dr. Peter Teleborian wurde Lisbeth seinerzeit in die Kinderpsychiatrie eingewiesen, dort jahrelang äußerst fragwürdigen Behandlungsmethoden unterzogen und bei der Entlassung für geschäftsunfähig erklärt. Da Mikael ohne Lisbeths besondere Fähigkeiten nicht weiterkommt, schmuggelt er einen internetfähigen Minicomputer in ihr Krankenzimmer. So kann Lisbeth mit ihm und ihren Hackerfreunden in Kontakt treten.

Doch Lisbeth, Mikael und alle anderen, die die Wahrheit ans Licht bringen wollen, haben mächtige Feinde, von deren Existenz sie nichts wissen. Hinter der Zalatschenko-Affäre steckt die "Sektion", eine streng geheime Unterabteilung der SiPo. Die Sektionsmitglieder glauben, dass sie über dem Gesetz stehen. Sie schrecken vor Mord nicht zurück und setzen jedes Mittel ein, um alle Mitwisser zu beseitigen. Zalatschenko wird im Krankenhaus erschossen. Mikaels Wohnung wird verwanzt, die von ihm zusammengetragenen brisanten Unterlagen sollen vernichtet oder unglaubwürdig gemacht werden. Staatsanwalt Richard Ekström wird aufgrund seiner Geltungssucht zum willfährigen Werkzeug der Sektionsmitglieder. Da man an Lisbeth nicht so leicht herankommt, wird ein Prozess in Gang gesetzt, der dazu führen soll, dass sie wieder am Ort ihrer Alpträume landet - in Teleborians Klinik - diesmal aber für immer...

Mit diesem Roman endet die "Millenium-Trilogie". Die Geschichte ist in sich abgeschlossen; alle Handlungsstränge werden zu einem befriedigenden Ende gebracht. Verblendung, der erste Roman, bildet praktisch nur die Expositionsphase. Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist sowie das Umfeld dieser beiden Hauptpersonen werden eingeführt. Es wird zwar auch ein Kriminalfall gelöst, der hat mit dem Rest der Trilogie aber nichts zu tun. In Band 2 - Verdammnis - wird Lisbeth Salanders Vergangenheit aufgedeckt. Man erfährt, wie sie zu der Person geworden ist, die der Leser im ersten Band kennengelernt hat, und dass dieses Kapitel von Lisbeths Leben noch keineswegs abgeschlossen ist. Aber erst im letzten Band, mit dem die Handlung von Band 2 ohne Unterbrechung weitergeführt wird, legt Larsson alle Karten auf den Tisch. Endlich erfahren wir, wer wirklich hinter allem steckt. Gar so unrealistisch wirkt die Verschwörung der Sektionsmitarbeiter vor dem Hintergrund dessen, was wir heute über so manchen Geheimdienst wissen, eigentlich gar nicht, dennoch ist das schon ein harter Brocken, den der Leser schlucken muss. Der Autor konstruiert den ganzen Hintergrund aber so geschickt, dass die Kontinuität gewahrt bleibt. Jedenfalls laufen jetzt alle Fäden zusammen. Man fragt sich, wie Lisbeth aus der Nummer herauskommen soll, aber sie hat mehr Freunde, als sie selbst je angenommen hätte. Und obwohl sie die meiste Zeit handlungsunfähig ist, steht sie auch im letzten Band eindeutig im Mittelpunkt. Somit müsste die Trilogie eigentlich ihren Namen tragen! Da Lisbeth eine der schillerndsten Figuren der Krimigeschichte ist, die ich kenne, ist das völlig in Ordnung.

Larsson lässt sich viel Zeit damit, alle Schachfiguren in die richtigen Positionen zu bringen, so dass es lange dauert, bis die Handlung Fahrt aufnimmt. Dann aber richtig! Die Gerichtsverhandlung, in der Annika Giannini ihre Widersacher eloquent in den Boden rammt, während draußen Jagd auf die eigentlichen Bösewichte gemacht wird, ist für mich eines der großen Highlights dieser Trilogie. Ich bin sehr gespannt, wie das wohl in der Verfilmung umgesetzt worden sein mag - die Blu-ray liegt schon bereit! Der Showdown zwischen Lisbeth und Niedermann hat sich ebenfalls gewaschen, wenn ich auch sagen muss, dass dieser Verlauf vorhersehbar war. So vorhersehbar, dass ich mich gefragt habe, warum Lisbeth nicht selbst auf die Idee gekommen ist, wo sich Niedermann wohl versteckt halten könnte. Ein bisschen Spannung geht übrigens dadurch verloren, dass der Leser von Anfang an mehr weiß als die Protagonisten. Vielleicht wäre es schlauer gewesen, die Identität der Hintermänner nicht so früh zu enthüllen.

Angeblich wollte Stieg Larsson, der im Jahre 2004 gestorben ist, eine zehn Bücher umfassende Reihe schreiben. Das könnte die Erklärung für so manche lang und breit ausgewalzte Nebenhandlung in allen drei Büchern sein, deren Sinn für die Story sich mir bis heute nicht erschlossen hat. Diesmal ist das der gesamte Subplot rund um Erika Berger, die die Redaktion von "Millenium" verlässt, um bei einer großen schwedischen Zeitung als Chefredakteurin anzufangen, dort aber auf unerwartete Schwierigkeiten stößt und sogar persönlich in Gefahr gerät. Es gibt nicht die geringsten Berührungspunkte mit der Haupthandlung und Erika Berger wird für die Trilogie im Grunde überhaupt nicht gebraucht, höchstens als Love-Interest für Blomkvist, um dessen Einstellung in Beziehungsfragen zu verdeutlichen. Ich kann nur vermuten, dass diese Elemente in einem späteren Roman noch irgendeine Bedeutung erhalten hätten. Das soll jetzt nicht heißen, dass die Nebenhandlungen und Details dem Roman oder der Trilogie schaden würden. Ganz und gar nicht! Sie verleihen der von Larsson erdachten Welt und den Hauptfiguren mehr Tiefe und Glaubwürdigkeit.

Die "Millenium-Trilogie" war für mich ein wunderbares Leseerlebnis. Faszinierende Hauptfiguren, die mir sicher lange in Erinnerung bleiben werden, eine vielschichtige, vielleicht etwas weitschweifig erzählte, dennoch spannende und (soweit ich das beurteilen kann) gut recherchierte Story mit Tiefgang... perfekt! (09.04.2015)


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664
Terra in Trance Robert Feldhoff: Terra in Trance
Pabel-Moewig, 2011
Kindle Edition

In ferner Zukunft hat sich die Menschheit über zahlreiche Sonnensysteme der Milchstraße ausgebreitet. Die Liga Freier Terraner (LFT) wurde gegründet, ein Sternenreich, das nicht auf militärische Expansion aus ist, sondern friedliche Handelspolitik betreibt. Der unsterbliche Terraner Perry Rhodan ist die maßgebliche Triebfeder hinter dieser Entwicklung. Doch Mitte des 5. Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung (NGZ), im Jahre 4035 n.Chr., kehrt Rhodan von einer Expedition nicht zurück. In den folgenden Jahrzehnten toben schreckliche Kriege in der Milchstraße, ganze Welten werden entvölkert. Die selbsternannten Herren der Straßen übernehmen die Macht und schotten die gesamte Galaxis mit undurchdringlichen Wällen ab. Die Erde - Terra - nimmt eine Sonderstellung ein. Niemand kann den Planeten erreichen oder verlassen. Terrania City, einst Hauptstadt der LFT, wird systematisch zerstört. Nach und nach werden alle Menschen im Simusense vernetzt, einer virtuellen Realität, in der den in Ruinen vor sich hin vegetierenden Terranern eine heile Welt vorgegaukelt wird.

Im Jahre 570 NGZ ist das System aus Abschottung Terras, Vernichtung der Infrastruktur und Simusense noch nicht perfekt. Es gibt noch freie Menschen in Terrania, allerdings wagen sich die Erwachsenen nur tagsüber ins Freie, um ihre kargen Nahrungsmittelrationen in Empfang zu nehmen. Nachts werden die Straßenschluchten von Drogensüchtigen, Räubern und Hehlern unsicher gemacht. Kaum jemand derjenigen, die sich nach Einbruch der Dunkelheit ins Freie wagen, ist älter als zwölf Jahre, denn Robotkommandos machen Jagd auf Kinder und Jugendliche. Wer den Robotern in die Hände fällt, wird in "Internate" gebracht, aus denen noch niemand zurückgekehrt ist. Auch Erwachsene werden regelmäßig abgeholt und tauchen nie wieder auf. Oderik Stern, zehn Jahre alt, lebt mit seinen Eltern in der zerfallenden Stadt. Bisher hat er den allnächtlichen Überlebenskampf gut überstanden, doch jetzt sollen er und seine Eltern sich an Sammelstellen melden. Stattdessen schlagen sie sich zu einer zwanzig Kilometer entfernten Schutthalde durch, unter der sich Gerüchten zufolge eine Zufluchtsstätte befinden soll. Tatsächlich finden die Flüchtlinge dort eine alte Station, doch sie tappen in eine Falle und werden von Robotern betäubt.

Als Oderik wieder zu sich kommt, hat er keine Erinnerung mehr an sein früheres Leben. Sein Name lautet jetzt Sebastian Detchev und es ist seine Pflicht, glücklich zu sein - denn er befindet sich im Simusense...

Wer zu irgendeinem im Perry Rhodan - Universum spielenden Roman greift, muss wissen, dass er damit nur den Bruchteil eines gewaltigen Mosaiks in der Hand hält und möglicherweise nur Bahnhof verstehen wird. Mit "Terra in Trance" haben Neuleser eine gute Gelegenheit, doch mal in die Serie hineinzuschnuppern, denn die Story ist in sich abgeschlossen und spielt in einer dunklen Epoche, über die selbst "Altleser" wie ich nur wenig wissen. Zunächst einmal kommen weder Perry Rhodan noch irgendwelche anderen Hauptfiguren der Serie vor, außerdem spielen die komplexe Kosmologie und die nicht immer leicht verständliche Technik des Perryversums keine Rolle. Zu guter Letzt muss man keinerlei geschichtliche Vorkenntnisse haben. Was man wissen sollte, wird durch kurze Artikel eines fiktiven Historikers vermittelt, die jedem Kapitel vorangestellt sind.

Feldhoff schildert das erbärmliche Leben und den Überlebenskampf der letzten "freien" Menschen recht eindringlich. Die vernetzte Existenz im Simusense erinnert an den Film Matrix - der ist aber erst einige Jahre später erschienen. "Terra in Trance" wurde erstmals im Jahre 1993 als Planetenroman Nr. 368 veröffentlicht. Im Jahre 2011 wurde der Roman als Taschenheft Nr. 13 neu aufgelegt. Die düstere postapokalyptische Atmosphäre gefällt mir, Feldhoff leistet sich jedoch die eine oder andere stilistische Entgleisung. Er schildert die Geschehnisse aus der Perspektive Oderiks und versucht dies durch eine Art "Jugendsprache" zu verdeutlichen. Manche Formulierungen und Slangausdrücke wirken unfreiwillig komisch. Leider muss ich sagen, dass ich den Roman kaum spannend gefunden habe, denn der ganze Ablauf ist vorhersehbar. Das kann natürlich daran liegen, dass ich weiß, wie sich der große Handlungrahmen weiterentwickelt. (30.03.2015)


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663
Lux perpetua Andrzej Sapkowski: Lux perpetua
dtv, 2011
715 Seiten

Ende der zwanziger Jahre des 15. Jahrhunderts toben in Europa noch immer die Hussitenkriege. Kirchentreue Katholiken unternehmen mehrere Kreuzzüge gegen die böhmischen Reformatoren, können diese aber nicht aufhalten. Prokop der Große führt sein Heer von Sieg zu Sieg. Er stößt bis nach Schlesien und Polen vor, erobert eine Stadt nach der anderen und richtet schreckliche Verwüstungen an. Wer sich nicht bekehren lassen oder Lösegeld zahlen will, wird erbarmungslos niedergemetzelt. Da die Katholiken mit ebenso großer Härte zurückschlagen, steigert sich das Leid der Bevölkerung in Stadt und Land ins Unermessliche.

Der junge Medicus Reinmar von Bielau, genannt Reynevan, steht als Geheimagent in den Diensten der Hussiten und wird deshalb exkommuniziert. Dennoch wird Reynevan von den Hussiten mit zunehmendem Misstrauen behandelt, weil er eigene Interessen verfolgt. Seine Geliebte Jutta de Apolda wurde verschleppt - Reynevan geht davon aus, dass die Inquisition dahintersteckt - und wird nun an einem unbekannten Ort gefangen gehalten. Reynevans Gefährten, der Demerit Scharley und Samson Honig, ein von einem Astralwesen besessener Riese, haben ihr Glück gefunden und könnten nun in Frieden leben. Doch sie stehen ihrem Freund weiterhin bei, womit sie sich in große Gefahr begeben, denn Reynevan hat mächtige Feinde. Am gefährlichsten ist Birkhart von Grellenort, der dämonische Handlanger des Bischofs von Breslau und Mörder von Reynevans Bruder Peterlin. Mit schwarzer Magie und tödlichen Giften geht der Gestaltwandler gegen alle vor, die seinen Interessen im Wege stehen. Reynevan steht ganz oben auf seiner Todesliste. Unerwartete Hilfe erhält Reynevan von Rixa Cartafila de Fonseca, einer jungen Agentin, deren Absichten er nicht ganz durchschaut.

Während Reynevan nach Jutta sucht, wird er immer wieder in Kampfhandlungen und Intrigen verwickelt. Angesichts der Grausamkeit der eigenen Leute verliert er allmählich den Glauben an die Rechtmäßigkeit des hussitischen Feldzuges...

Auch im letzten Band der "Narrenturm"-Trilogie wird im Prinzip wieder genau dasselbe geboten wie in den ersten beiden Bänden. Ich habe inzwischen sogar das Gefühl, dasselbe Buch dreimal gelesen zu haben! Auf insgesamt über 2100 Seiten muss Reynevan unzählige Irrungen und Wirrungen, Kämpfe und Verfolgungsjagden, Feldzüge und Intrigen überstehen, bis am Ende alle Hauptfiguren tot, verschwunden, ins Kloster gegangen oder vom Autor ignoriert worden sind. Die Handlung verläuft nach altbekanntem Schema, das heißt, sie wird nicht von den Protagonisten vorangetrieben. Ständig wird Reynevan von irgendwem gefangen genommen und von seinen Freunden oder von aus dem Nichts hervorgezauberten Figuren (Rixa) oder von den Gegnern derjenigen befreit, in deren Gewalt er sich gerade befindet - nur um gleich wieder in die nächste Bredouille zu geraten und am Ende alles zu verlieren. Versteht mich nicht falsch: Ich verlange kein Happy End und ich erwarte auch nicht, dass der Held persönlich mit den Bösewichten abrechnet, aber wenn es wie gesagt 2100 Seiten lang nur darum geht, dass jemand hinter der geliebten Frau herjagt und von einem oder zwei Erzfeinden belästigt wird, dann ist das, was Sapkowski hier bietet, einfach nur enttäuschend.

Hat Sapkowski lediglich eine nicht richtig ausgearbeitete Rahmenhandlung zusammengebastelt, um mit seinen Kenntnissen glänzen zu können? Dieser Eindruck hat sich mir aufgedrängt, während ich mich durch endlose Kapitel mit ausufernden Beschreibungen des Kriegsverlaufs, Diskussionen über historische Ereignisse, Auflistungen unzähliger Namen (die man sich unmöglich alle merken kann) und ähnlichen Details gekämpft habe, die historisch korrekt sein mögen, für die Story aber größtenteils bedeutungslos sind und den Lesefluss ebenso sehr stören wie die vielen fremdsprachigen Einschübe. Als historischen Roman kann man keines der drei Bücher bezeichnen, denn Magie, Fabelwesen und so weiter spielen wichtige Rollen. Natürlich war das im Mittelalter durchaus genauso, das heißt, die Menschen haben geglaubt, dass derlei existiert. In den Romanen geht es aber nicht nur um die Wundergläubigkeit der Menschen, abergläubische Vorstellungen und so weiter. Nein, Magie "funktioniert" in Reynevans Welt wirklich. Also ist dies Fantasy!

Wären nicht der hintergründige Humor, der Wortwitz und Sapkowskis Gabe, eine längst vergangene Zeit vor dem inneren Auge des Lesers neu erstehen zu lassen, dann müsste ich den Roman und rückschauend betrachtet die gesamte Trilogie als Totalverlust verbuchen, denn alles wiederholt sich ständig, schon im zweiten Band ist der Rote Faden verloren gegangen, im letzten wird die Geschichte noch wirrer und am Schluss verweigert uns der Autor eine befriedigende Auflösung. (16.03.2015)


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662
Satan und Ischariot II Karl May: Satan und Ischariot II
Kindle Edition

Old Shatterhand erfährt, dass die entführten Siedler in der Quecksilbermine Almaden alto Zwangsarbeit leisten sollen. Er setzt alles daran, seinen Landsleute zu helfen, denn in dem Bergwerk würden sie nicht lange überleben. Die Mine wird schwer bewacht. Old Shatterhand kennt jedoch einen Geheimgang, kann in die Mine eindringen und die Befreiung der Deutschen vorbereiten. Dabei findet er einen Brief, in dem es um eine neue Schurkerei der Meltons geht. Jonathan, Harrys Neffe, ist ein Doppelgänger des Millionenerben Small Hunter und will diesen Umstand nutzen, um an dessen Vermögen heranzukommen. Old Shatterhand gewinnt die Freundschaft des Yuma-Häuptlings "Listige Schlange", der sich in Judith Silberstein verliebt hat und diese heiraten will. Die Befreiung der Siedler gelingt nicht zuletzt durch die Hilfe des ehrenhaften jungen Indianers. Old Shatterhand stellt den Deutschen das von den Schurken geraubte Geld zur Verfügung, damit sie sich eine neue Existenz aufbauen können. Nachdem Don Timoteo Pruchillo seine Herden zurückerhalten hat und Frieden zwischen den Indianerstämmen geschlossen wurde, kehrt Old Shatterhand in die Heimat zurück.

Dort erhält er nach einiger Zeit unerwarteten Besuch. Winnetou ist nach Deutschland gereist, um seinem Blutsbruder eine wichtige Nachricht zu überbringen. Vor Jahren hat Karl May den Geschwistern Martha und Franz Vogel unter die Arme gegriffen. Martha hat über May den Ölprinzen Konrad Werner kennengelernt und geheiratet. Die ganze Familie Vogel ist in die USA ausgewandert, doch jetzt hat Werner sein gesamtes Vermögen durch Betrug verloren. Das erfährt May von Winnetou und Franz Vogel, der den Apatschen begleitet. Es besteht Hoffnung, denn ein reicher Onkel der Geschwister Vogel ist jüngst gestorben. Allerdings hatte er einen Sohn, der bei einer Orientreise verschollen ist. May interessiert sich für den Fall, denn der Name des Verschollenen lautet Small Hunter! Er reist mit Winnetou nach Kairo. Dort begegnet er einem alten Freund, dem reichen Engländer Sir Emery Bothwell. Wie es der Zufall will, ist dieser unterwegs nach Alexandrien, um dort seinen Reisegefährten zu treffen: Small Hunter! Der wiederum will einen Hauptmann in den Diensten von Mays Freund Krüger Bei namens Kalaf Ben Urik besuchen. Allmählich durchschaut May die Zusammenhänge. Entweder hat Jonathan Melton bereits den Platz Small Hunters eingenommen oder bereitet dies vor, und dabei soll ihm sein Vater Thomas helfen. Letzterer ist mit Kalaf Ben Urik identisch...

Dieser Roman, der auch unter dem Titel "Krüger-Bei" veröffentlicht wurde, bildet den Mittelteil der "Satan und Ischariot" - Trilogie. Deren Titel bezieht sich übrigens auf die Gebrüder Melton. Harry ist der Satan, weil er Dutzende Menschen in der Quecksilbermine zugrunde richten wollte, Thomas ist (Judas) Ischariot, weil er Krüger Bei verraten und ans Messer liefern will. In den ersten beiden Kapiteln werden die Ereignisse des ersten Bandes abgeschlossen. Einige Figuren finden ihr endgültiges Ende. Vater und Sohn Weller haben versucht, den Herkules zu ermorden. Er wurde von Old Shatterhand gerettet und rächt sich jetzt, indem er die Wellers erwürgt. Als der Kraftmensch erfährt, dass Judith zur Frau der "Listigen Schlange" werden soll, begeht er Selbstmord. Nachdem all das bereinigt ist, folgt ein Zwischenspiel, in dem das Schicksal der Familie Vogel geschildert wird.

Dann erleben wir gleich mehrere Premieren. Winnetou besucht Old Shatterhand in Dresden. Er tritt dort in "zivilisierter" Kleidung inklusive Zylinderhut auf. Als er seinem ähnlich gekleideten Blutsbruder in dieser Aufmachung gegenübersteht, muss der sonst stets so ernste Apatschenhäuptling herzlich lachen! Dieses Kapitel ist das absolute Highlight des Romans, tatsächlich hätte ich gern noch mehr von Winnetous Erlebnissen in Deutschland gelesen. Anschließend bereisen die beiden den Orient, wo Winnetou etwas gehandikapt ist, weil er die dortigen Sprachen nicht versteht. Noch genialer wäre ein Zusammentreffen Winnetous mit Hadschi Halef Omar gewesen, aber dazu kommt es leider nicht.

Das Intrigenspiel der Meltons bildet den Hintergrund für die folgenden Kapitel, in denen die üblichen Versatzstücke immerhin so arrangiert werden, dass man sich nicht allzu sehr an den Orient-Zyklus erinnert fühlt. Ein Bündnis mit guten Beduinen wird geschlossen, böse Beduinen werden überlistet. Mal werden Schurken gefangen genommen und ausgehorcht, dann geraten Kara Ben Nemsi und seine Gefährten selbst in Gefangenschaft. Das sind Handlungselemente, die bei Karl May immer wieder auftauchen, aber es gelingt ihm jedes Mal, sie so abzuwandeln, dass man doch wieder gefesselt ist. (09.03.2015)


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661
Der schwarze Herrscher Andreas Weiler: Der schwarze Herrscher
Bastei Lübbe, 1984
157 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Kosmisches Labyrinth und Monument der Titanen.

David ter Gorden hat Tirion - das fünfte Spektrum - in sich aufgenommen. Er hat einen im Monument verborgenen Schlüssel erhalten, mit dem es ihm möglich ist, die von Djunath blockierten Transitschleifen zu nutzen. Außerdem erhält David Zugang zu den im Monument gespeicherten Erinnerungen längst toter Lenker. So erfährt er, dass Djunath nur der unfreiwillige Helfer eines mächtigen Wesens ist, das man nur unter dem Namen "Der Falsche" kennt. Der Falsche hat seinerzeit mehrere Planeten zur Welt Ohne Grenzen zusammengeschlossen, um allen eine Falle zu stellen, die die Lange Reihe instandsetzen wollen. Er wurde danach von den Lenkern in eine andere Dimension verbannt. Um in die von ihm selbst erschaffene Welt zu gelangen, braucht er 99 Malachittränen, die alles sind, was von den im Kampf gefallenen Lenkern noch übrig ist. David muss Djunaths Macht brechen, um der Welt Ohne Grenzen Frieden und Freiheit bringen zu können - und um das sechste Spektrum zu finden, das sich irgendwo in dieser Welt befindet. Dazu benötigt David die "Jadefigur des Erweckers". Als David die Transitschleife im Monument der Titanen durchquert, kommt es zu einer Katastrophe. David verschwindet mit unbekanntem Ziel. Seine Terranauten-Gefährtinnen Narda und Nayala können ihm nicht folgen.

Die Katastrophe wurde von Djunath ausgelöst. Er hat 98 Malachittränen gesammelt und ins Weise Mosaik eingefügt, musste aber feststellen, dass er getäuscht und ausgenutzt wurde. Doch als er das Mosaik blockiert, beraubt er sich damit fast all seiner Macht, denn das Weltenkonglomerat wurde vom Mosaik stabilisiert. Die Welt Ohne Grenzen zerfällt in unzählige Bereiche mit eigenem Zeitablauf. Djunaths Meherin-Dämonen erstarren, sein Reich existiert praktisch nicht mehr. Auf der Suche nach der positiven Hälfte seines Ichs, die ihm einst entrissen wurde, schließt sich Djunath dem Heiligen Heer an, einer riesigen wandernden Armee, die sich aus einstigen Schergen des Dunklen Herrschers und Verzweifelten zusammensetzt, die versuchen wollen, die Welt Ohne Grenzen wieder zusammenzusetzen. Wer dem Heer begegnet, wird von diesem aufgenommen, ob er will oder nicht. So ergeht es auch Narda und Nayala, die David gefolgt sind und mehrere Monate im Chaos der verschiedenen Zeitabläufe verloren haben.

Nach dem misslungenen Transfer findet sich David in einem uralten Raumschiffswrack wieder, das einen gasförmigen Riesenplaneten umkreist. Es wird von merkwürdigen Wesen bewohnt und angeblich gibt es keine Möglichkeit, das Wrack zu verlassen. Allmählich wird David klar, dass er im Gefängnis des Falschen gelandet ist...

150 Seiten stehen Andreas Weiler zur Verfügung - das muss zur Verknüpfung der in den ersten beiden Romanen ausgeworfenen Fäden reichen. Das sechste Spektrum (Djunath) wird am Ende von David vereinnahmt, Spektrum Nr. 7 ist mit "dem Falschen" identisch, bleibt aber zunächst unangetastet, und zu guter Letzt sind alle zurück im Terranauten-Universum. Das war's! Somit werden die nächsten Terranauten-Taschenbücher vermutlich wieder mehr Science Fiction und weniger Fantasy enthalten. Doch mir reicht es jetzt erst einmal. Sieben Taschenbücher habe ich bis jetzt gelesen, keines hat mich richtig vom Hocker gerissen. Weitere Romane aus dieser alten Serie werde ich mir vorerst nicht antun.

Der letzte Band der nur lose mit dem Terranauten-Universum verknüpften Trilogie strotzt wieder nur so vor Ideen/Subplots/Nebenfiguren. Auf den insgesamt ca. 460 Seiten der Trilogie findet sich genug Stoff für einen Roman mit dreifachem Umfang! Das ist ja gut und schön, aber Weiler hätte erkennen müssen, dass er nichts davon in den drei dünnen Bänden wirklich ausarbeiten kann. Statt ein Fantasy-Klischee nach dem anderen zu bedienen, hätte er sich aufs Wesentliche konzentrieren sollen, zum Beispiel auf das Konfliktdreieck David-Djunath-der Falsche. Da er das nicht getan hat, bleiben sämtliche Protagonisten (insbesondere Narda und Nayala) seltsam gesichtslos - erst recht für all jene Leser, die die Terranauten-Heftserie nicht kennen. Und obwohl im dritten Band durchaus einige offene Fragen beantwortet werden, kann ausgerechnet dieser am wenigsten überzeugen. Zu glatt und überhastet wird das Ende herbeigeführt, zuviel muss erklärt werden und wird nicht schlüssig im Handlungsverlauf offenbart. Schade! (03.03.2015)


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660
Herr aller Dinge Andreas Eschbach: Herr aller Dinge
Bastei Lübbe, 2013
687 Seiten

Hiroshi Kato wächst in Tokio als Sohn einer in der französischen Botschaft beschäftigten Wäscherin auf. Das Botschaftsgebäude liegt auf der anderen Straßenseite und Hiroshi schleicht sich manchmal in den riesigen Garten des Anwesens. So kommt es, dass er Charlotte Malroux kennenlernt, die Tochter des Botschafters. Trotz des Widerstands beider Elternhäuser entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den gleichaltrigen Kindern. Die beiden verstehen sich so gut, dass Charlotte ihren Freund in ein Geheimnis einweiht, das sie noch mit niemandem geteilt hat. Sie besitzt eine besondere Gabe, die es ihr erlaubt, die Erinnerungen, Gedanken und Gefühle lebender oder längst verstorbener Menschen wahrzunehmen, wenn sie Gegenstände berührt, die von diesen Menschen benutzt worden sind. Auch Hiroshi hat ein Geheimnis, das er allerdings nicht zur Gänze mit Charlotte teilt. Er erzählt ihr lediglich von einer Idee, die er noch genauer ausarbeiten muss. Hiroshi glaubt zu wissen, was man tun muss, damit alle Menschen reich sind. Eines Tages berührt Charlotte in einem Museum ein uraltes Messer. Dabei strömen Unmengen von Erinnerungen auf sie ein, so dass sie einen Schock erleidet. Nicht lange danach endet Hiroshis und Charlottes Freundschaft vorläufig, denn Botschafter Malroux wird in ein anderes Land versetzt und die Familie muss umziehen.

Jahre später treffen sich Hiroshi und Charlotte zufällig wieder. Beide studieren und leben in mehr oder weniger festen Beziehungen. Die lange Trennung hat ihrer Freundschaft nicht geschadet, sie ist vielmehr zu echter Liebe geworden. Doch nach einer ersten gemeinsamen Nacht beendet Charlotte die Sache, bevor sie richtig beginnen kann. Hiroshi ist davon überzeugt, dass er und Charlotte durch das Schicksal miteinander verbunden sind. Er meint, die gesellschaftliche Kluft zwischen ihm, dem Mann aus einfachen Verhältnissen und ihr, der in den höchsten Kreisen verkehrenden Diplomatentochter, sei die Ursache für die erneute Trennung. Für ihn existiert nur eine Möglichkeit zur Überwindung dieser Gegensätze: Er muss seine vor vielen Jahren entwickelte Idee verwirklichen. Weil das nicht so einfach ist, wie er es sich als Kind vorgestellt hat, geht er auf das Angebot eines Investors ein und verlässt das Land. Dass Charlotte es sich inzwischen anders überlegt hat, ahnt er nicht.

Erneut vergehen Jahre, bis sich Hiroshi und Charlotte wieder begegnen. Hiroshi hat es durch verschiedene Erfindungen zu Reichtum gebracht und kann seiner Jugendfreundin nun endlich zeigen, wie er seine Idee umzusetzen gedenkt. Er hat winzige autonome Roboter entwickelt, die im Verbund agieren, verschiedene Aufgaben ausführen, Rohstoffe sammeln und daraus Kopien von sich selbst erschaffen können. Auf diese Weise könnten Schwärme von Mikrorobotern entstehen, die in der Lage wären, die Menschheit von jeglicher Arbeit zu befreien und jedes beliebige Konsumgut in unbegrenzter Menge herzustellen. Doch es gibt eine ganze Reihe von Problemen. Hiroshis Roboter arbeiten nicht präzise genug, so dass sie schon in der dritten Generation nicht mehr funktionsfähig sind. Außerdem haben Hiroshis Konkurrenten und die Geheimdienste Wind von der Sache bekommen. Vor allem aber wurde dieselbe Erfindung schon einmal gemacht. Die Produkte dieser längst in Vergessenheit geratenen Technologie befinden sich im wahrsten Sinne des Wortes im Winterschlaf und warten nur auf eine günstige Gelegenheit, um alles Leben auf der Erde zu vernichten...

Selbst bei den weniger guten Romanen aus Andreas Eschbachs Feder gefallen mir fast immer zumindest einzelne Elemente, und zwar dann, wenn eine verblüffende Idee konsequent ausgearbeitet, ein ungewöhnliches Szenario weitergesponnen, eine bestimmte Frage aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird. Beispiele: Was geschieht, wenn die Ölquellen versiegen (Ausgebrannt)? Kann man den Nobelpreis kaufen (Der Nobelpreis)? Was wäre, wenn jemand Filmaufnahmen von Jesus Christus finden würde ("Das Jesus-Video")? Was fängt man mit einem Vermögen an, das so groß ist wie das Bruttoinlandsprodukt einer Industrienation (Eine Billion Dollar)? In "Herr aller Dinge" lautet die Frage: Was wird aus der Welt, wenn jemand perfekte selbstreplizierende Nano-Arbeitsroboter erfindet? Leider geht Eschbach im ersten Drittel des Romans überhaupt nicht auf diese Frage ein. Hiroshis Idee wird ab und zu erwähnt, sie geht aber in der ausschweifenden Expositionsphase unter. Sobald die Katze erst einmal aus dem Sack ist, schlägt der Roman im letzten Drittel einen Weg ein, der mir nicht gefällt. Ich habe nichts gegen unerwartete Plot-Twists und ich kann Eschbach nicht vorwerfen, dass seine Story nicht in sich schlüssig oder nicht nachvollziehbar wäre. Ich hatte nur gehofft, Eschbach werde die Grundidee weiter ausarbeiten - und das geschieht eben nicht. Um das Ende vorwegzunehmen und trotzdem nicht zu viel zu verraten: Die Nanoroboter werden nicht auf die Welt losgelassen. Ich finde das sehr schade, denn ich hätte gern gelesen, wie Eschbachs Vision von einer Welt aussieht, in der Hiroshis Idee verwirklicht worden ist. Stattdessen entwickelt sich der Roman viel deutlicher in Richtung Science Fiction, als ich es nach der Lektüre der ersten 300 bis 400 Seiten erwartet hatte. Das ist zwar durchaus in Ordnung, trotzdem war ich enttäuscht.

Auch gegen sorgfältige Figurenexposition habe ich nichts einzuwenden, wenn sie denn dazu führt, dass ich mich mit den Protagonisten identifizieren kann, dass mir ihr Schicksal am Herzen liegt und ich den bösen Buben alles Schlechte wünsche. Eschbach gibt sich alle Mühe, das zu erreichen (wenigstens verwendet er viele, viele Kapitel dafür), und zum Teil gelingt es ihm auch. Er verzettelt sich jedoch meiner Meinung nach in zu vielen Nebenkriegsschauplätzen. Es ist akzeptabel, dass Hiroshis und Charlottes Familienverhältnisse ausführlich dargestellt werden, denn dadurch wird zum einen deutlich, wie sehr sich ihre Lebensumstände voneinander unterscheiden, zum anderen ist ja genau das der Grund dafür, dass Hiroshi überhaupt auf seine revolutionäre Idee kommt. Vieles ist aber nur Füllsel, das für die Story nicht gebraucht wird. Dazu gehören unter anderem die gesamten Subplots um Hiroshis Vater, Charlottes Beziehung mit einem Mann namens Gary und einen Konkurrenten, der vergeblich versucht, hinter Hiroshis Geheimnis zu kommen. Noch breiteren Raum nimmt Charlottes Verlobter James Michael Bennett III. ein. Ich weiß nicht, ob Eschbach dieses heillos überzeichnete Ekelpaket als Hiroshis Gegenspieler aufbauen wollte. Wenn ja, dann hat das nicht funktioniert. Der Typ wird zuerst groß eingeführt, richtet aber nichts aus und spielt dann längere Zeit keine Rolle mehr. Gegen Ende hat er eine Art Comeback, erreicht aber wieder nichts, wenn man einmal davon absieht, dass seine Aktivitäten dazu führen, dass die Geheimdienste Hiroshi aufspüren. Anschließend wird er komplett ignoriert.

Am schlimmsten fand ich allerdings Charlottes übersinnliche Begabung. Es ist schon ziemlich viel verlangt, dass der Leser so etwas als gegeben hinnehmen soll. Ansonsten bewegt sich der Roman ja auf dem Boden wissenschaftlicher Tatsachen, Charlottes Superkraft fällt da total aus dem Rahmen. Es wird nicht erklärt, warum sie diese Kraft hat. Aber ich könnte das noch akzeptieren, wenn die Fähigkeit irgendeinen Sinn für den Roman hätte. Den hat sie aber nicht. Erst ganz am Schluss zwingt Eschbach so etwas wie einen "Sinn" in ein paar kurzen Sätzen herbei:

Achtung Megaspoiler: Auf der Erde befinden sich Nanomaschinen, die von einer technisch weit fortgeschrittenen "Ersten Menschheit" entwickelt worden sind. Hiroshi vermutet, dass das von Charlotte im Museum berührte Messer ebenfalls ein Produkt dieser Zivilisation ist. Er nimmt an, die Erinnerungen seien von diesem Messer nicht nur auf Charlotte übergegangen, sondern teilweise auch auf ihn, weil er seine Freundin im entsprechenden Moment festgehalten hat. Und er geht davon aus, dass dabei Baupläne für Nanomaschinen und andere Errungenschaften in sein Gehirn übertragen wurden. Somit hätte er all seine Erfindungen gar nicht selbst gemacht - er hätte sich sozusagen nur an das "erinnert", was vor Jahrzehntausenden von der Ersten Menschheit erfunden worden ist. Spoiler Ende.

Damit diese Review nicht allzu negativ klingt, gehe ich nicht näher darauf ein, dass für meinen Geschmack zu viele Zufälle nötig sind, damit alle losen Enden zusammengeführt werden können. Dass zu viel in langen Monologen erklärt werden muss. Dass ich mich bei der Lektüre mancher Textstellen gefragt habe, wie tief man eigentlich in die Kitsch-und-Klischee-Kiste greifen kann. Oder dass Hiroshis Idee zur Lösung des Armutsproblems reichlich naiv ist. Er ignoriert völlig die menschliche Natur, in der die Gier nach Macht, die sich auf genau das gründet, was Hiroshi abschaffen will, fest verdrahtet zu sein scheint. Und er berücksichtigt nicht die Tatsache, dass nicht jeder Mensch seine Arbeit hasst. Die Annahme, dass sich eine von jeglicher Arbeit befreite Menschheit automatisch auf wichtigere Dinge (Wissenschaft, Forschung, Kunst usw.) konzentrieren würde, gehört ins Reich der Märchen. (25.02.2015)


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659
Der Minister und das Mädchen Jürgen Kehrer: Der Minister und das Mädchen
Grafit-Verlag, 2013
156 Seiten

Der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Schwarz aus Münster hat gute Aussichten auf einen Ministerposten. Flecken auf seiner weißen Weste kann er nicht gebrauchen und einen Skandal in der heißen Phase des Wahlkampfs schon gar nicht. Doch die Katastrophe steht unmittelbar bevor, denn Schwarz' Sohn Christian soll die Studentin Gudrun Benningdorf gefesselt, vergewaltigt und verprügelt haben. Till Geskamp, Büroleiter des Abgeordneten, bietet Georg Wilsberg fünftausend D-Mark, damit der Privatdetektiv Beweise findet, die Christian entlasten oder zumindest das Opfer unglaubwürdig wirken lassen. Im Erfolgsfall winken weitere fünf Riesen, aber Wilsberg darf sich nicht auf seine prominenten Auftraggeber berufen. Außerdem muss die Sache in wenigen Tagen erledigt sein, solange noch keine Anklage erhoben wurde.

Christian beteuert seine Unschuld. Wilsberg hält ihn für glaubwürdig. Schwarz junior gibt zu, mit Gudrun zusammen gewesen zu sein, behauptet aber, die Initiative zu den brutalen Fesselspielen sei von ihr ausgegangen und er habe sie nicht geschlagen. Dummerweise gibt es einen Zeugen namens Sebastian Prückner. Die Beweislage, so erfährt Wilsberg von seinem Freund Hauptkommissar Stürzenbecher, spricht gegen Christian. Wilsberg stattet dem Zeugen einen Besuch ab und erfährt durch einen Bluff, dass der Mann wegen Körperverletzung vorbestraft ist.

Auf einer Prominentenparty, zu der er von Schwarz eingeladen wurde, lernt Wilsberg die Politikergattin Linda Terhaar kennen. Die beiden beginnen ein Verhältnis. Linda liefert Wilsberg einen entscheidenden Hinweis, den sie von einer Freundin erhalten hat: Ein Mann namens Ibrahim Garcia bestätigt Gudruns perverse Neigungen. Wilsberg setzt Prückner unter Druck, bis dieser zugibt, Gudrun in der Tatnacht selbst misshandelt zu haben - und zwar auf ihren Wunsch. Damit ist der Fall klar. Wilsberg wird jedoch das dumpfe Gefühl nicht los, dass alles viel zu glatt verlaufen ist...

Schon in seinem achten Fall (Das Kappenstein-Projekt) hat sich Wilsberg aufs schlüpfrige kommunalpolitische Parkett gewagt. Im aktuellen elften Band gerät der sympathische Privatdetektiv in den Sumpf der Bundespolitik und ins Rampenlicht der Massenmedien. Dementsprechend schmutzig läuft die ganze Sache ab. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass Wilsbergs Gefühl nicht täuscht. Der Fall scheint schon sehr früh gelöst zu sein, doch als Leser weiß man natürlich gleich, dass da noch etwas kommen muss. Für Wilsberg ist das die bittere Erkenntnis, nur eine Marionette in einer Schmierenkomödie gewesen zu sein. Aber es steckt noch eine andere, bösere Wahrheit dahinter. Die wird für meinen Geschmack etwas zu schnell aufgedeckt und war vorhersehbar, bewegt sich aber immerhin im für die Wilsberg-Romane typischen realistischen Rahmen.

Die Handlung beginnt ein Jahr nach Koslowskis Tod. Franka, die eigentlich studieren sollte, aber viel zu viel Spaß an der Arbeit für Wilsberg findet, mausert sich allmählich zu einer echten Partnerin. Sie darf eigene Fälle übernehmen und leistet wertvolle Hilfe. Zwischen der inzwischen nicht mehr so streng vegan lebenden Emo-Punkerin und dem knurrigen Zyniker ergeben sich immer wieder amüsante Reibereien. In Wilsbergs Familienleben tut sich auch was, denn der Freund seiner Ex-Frau hat sich vom Acker gemacht...

Der Roman wurde im Jahre 1998 erstmals aufgelegt und enthält einen Monolog des leicht betrunkenen und deshalb ausnahmsweise Klartext sprechenden Abgeordneten. Das sind geradezu prophetische Abschnitte - oder war die große Politik Ende des vorigen Jahrtausends etwa schon genauso verlogen wie heute? (17.02.2015)


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658
Der Feuergott der Marranen Alexander Wolkow: Der Feuergott der Marranen
Fischer, 2011
359 Seiten

Urfin Juice, der gestürzte Eroberer der Smaragdenstadt, kehrt zu seinem Haus in der Nähe des Käuerdorfes Kogida zurück. Nur der mit dem Zauberpulver zum Leben erweckte Holzclown Eot Ling und Meister Petz sind ihm treu geblieben. Jahrelang grübelt Urfin über sinnlosen Racheplänen. Eines Tages rettet er das Leben des Riesenadlers Karfax. Urfin täuscht das mächtige Tier und nutzt dessen Dankbarkeit aus, um sich mit seiner Hilfe zum Herrscher der Marranen aufzuschwingen. Diese etwas einfältigen Menschen sind bei den anderen Bewohnern des Zauberlandes unter dem Namen "Springer" bekannt. Sie haben früher im selben unterirdischen Reich gelebt wie die inzwischen zur Oberwelt umgesiedelten Erzgräber. Die Marranen wissen nicht, wie man sich das Feuer zunutze macht, und haben große Angst vor Flammen. Das kommt Urfin gut zupass, denn er besitzt ein Feuerzeug, das einst Charlie Black gehört hat. Als Urfin auf den Schwingen des Adlers und mit Flammen in den Händen aus dem Himmel zu den Marranen herabsteigt, halten diese ihn für einen Gott und folgen ihm bereitwillig in den Kampf. Das Violette Land und die Smaragdenstadt fallen, der Eiserne Holzfäller und der Scheuch werden gefangen genommen.

In Kansas sind sieben Jahre vergangen. Während Ellis letztem Aufenthalt im Zauberland ist ihre Schwester Ann zur Welt gekommen. Das Mädchen wächst mit Ellis Geschichten vom märchenhaften Land jenseits der Berge auf und wünscht sich nichts sehnlicher, als selbst einmal dorthin zu reisen. Die Gelegenheit dazu erhalten Ann und ihr bester Freund, der etwas ältere Tim O'Kelli von der Nachbarsfarm, als sie die Schulferien bei Ellis Cousin Fred verbringen. Der angehende Ingenieur konstruiert zwei mechanische Maultiere, die nur das Licht der Sonne als "Nahrung"brauchen, um ihre Reiter unermüdlich und schnell wie der Wind überallhin zu tragen. Da die Eltern einverstanden sind, können Ann und Tim schon bald aufbrechen. Das Hündchen Arto, ein Enkel Totoschkas, kommt mit. Im Zauberland rettet Ann den Fuchskönig Nasefein XVI aus einer Falle und erhält zum Dank einen Silberreif, mit dem sie sich unsichtbar machen kann. Von der Zauberin Willina erfahren Ann und Tim von Urfins Untaten. Sie zögern nicht, Ellis Freunden beizustehen.

Ebenso wie bei den letzten beiden Bänden wurde auch der vierte Zauberland-Roman in früheren Ausgaben gekürzt. Rückblicke, mit denen die Geschehnisse aller bisherigen Romane miteinander verknüpft werden, sind gestrichen worden. Die Taschenbuch-Neuauflage ist aber zum Glück ungekürzt!

In Die sieben unterirdischen Könige wurde Elli prophezeit, dass sie nicht ins Zauberland zurückkehren werde, und so kommt es wirklich. Elli und Fred studieren. Elli möchte Lehrerin werden, Fred hat die Ingenieurslaufbahn eingeschlagen. Ann und Tim treten an ihre Stelle, bleiben aber identitätslos. Die Bewohner des Zauberlandes verwechseln Ann mit ihrer älteren Schwester, weil sie ihr sehr ähnlich sieht, und auch für den Leser ist es irgendwann so, als seien beide Mädchen identisch. Anders war das wohl nicht machbar, denn es durfte nicht so aussehen, als sei das Zauberland jederzeit problemlos erreichbar. Es mussten ein paar Handlungsjahre ins Land gehen, und da mussten dann eben andere Protagonisten her.

Dass Fred Reitroboter konstruieren kann, die von echten Maultieren nicht unterschieden werden können, mit Solarenergie laufen und praktisch unverwüstlich sind, ist ein kleiner Stilbruch. Bisher sind derart phantastische Dinge nur im Zauberland vorgekommen, nie in der recht strikt von diesem Märchenland getrennten "realen Welt". Aber irgendwie müssen die Kinder ja ins Zauberland kommen - der Tunnel, den Elli und Tim einst durchquert haben, ist immer noch verschüttet. Die übrige Story ist leider arg vorhersehbar, außerdem verläuft sie in sehr ähnlichen Bahnen wie die Geschichte von Urfins erstem Eroberungsfeldzug. Es sind aber zahlreiche neue Ideen vorhanden, die es wieder herausreißen. So bekämpft der Scheuch die Langeweile, indem er die Smaragendstadt in eine Insel umwandelt. Von der Fee Stella bekommt er einen magischen Fernseher geschenkt. Und am Ende sorgt ausgerechnet ein Volleyballspiel dafür, dass Urfin doch noch seine gerechte Strafe erhält. (09.02.2015)


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657
Zwischen Nacht und Dunkel Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel
Weltbild, 2010
527 Seiten

Diese Sammlung enthält vier Storys von Stephen King.

1922: Der ehemalige Maisfarmer Wilfred James sitzt in einem schäbigen Hotelzimmer und schreibt ein Geständnis nieder, während er den Geräuschen lauscht, die von den in den Mauern umherhuschenden Ratten verursacht werden. Vor einigen Jahren hat James seine Frau Arlette ermordet und mit Hilfe seines Sohnes Henry in einem Brunnen versenkt. Der Tat ist ein längerer Streit um 40 Hektar Land vorausgegangen. Dieses Land hat Arlette von ihrem Vater geerbt. Sie wollte es verkaufen - zusammen mit den 30 Hektar, die von James bewirtschaftet wurden - um ein neues Leben in der Stadt zu beginnen. James wollte seinen Besitz erhalten, hat nach dem Mord aber alles verloren. Sein Sohn ist auf die schiefe Bahn geraten, er selbst ist in finanzielle Schwierigkeiten gekommen. Und Arlette hat in ihrem Grab keine Ruhe gegeben. James fühlt sich noch immer von ihr und ihren Sendboten - den Ratten - verfolgt...

Big Driver: Auf dem Rückweg von einer Lesung nimmt die Autorin Tessa Jean eine Abkürzung, die ihr von der Veranstalterin empfohlen wurde. An einer unübersichtlichen Stelle auf der einsamen Straße liegen Bretter, aus denen Nägel hervorstehen. Tess kann nicht ausweichen und bleibt mit einem platten Reifen liegen. Ein hilfsbereiter Autofahrer, ein wahrer Riese, kommt vorbei und bietet an, den Reifen zu wechseln. Zu spät erkennt Tess, dass sie in eine Falle getappt ist. Die Bretter wurden absichtlich ausgelegt. Der Riese ist ein Vergewaltiger und Mörder. Tess wird niedergeschlagen, brutal misshandelt und in ein verborgenes Abflussrohr gestopft, in dem bereits zwei verwesende Frauenleichen liegen. Der Täter hält Tess für tot, doch sie überlebt und entwickelt einen Racheplan, den sie gnadenlos durchzieht...

Faire Verlängerung: Dave Streeter hat Krebs und nur noch wenige Monate zu leben. Er begegnet dem Straßenhändler George Elvid, der ihm eine "Verlängerung" anbietet. Es gibt zwei Bedingungen. Streeter muss Elvid künftig 15 Prozent seines Einkommens überweisen, und Streeters Unglück muss auf eine andere Person übertragen werden. Streeter glaubt zunächst an einen schlechten Scherz. Dennoch fällt ihm ein geeigneter Kandidat ein. Sein Freund und Nachbar Tom Goodhugh hat alles, was Streeter nicht hat: Reichtum, Gesundheit, gutes Aussehen. Außerdem hat Streeter vor vielen Jahren seine Jugendliebe an Goodhugh verloren. Der Handel wird besiegelt. Kurz danach verschwindet der Krebs völlig. In den folgenden Jahren wird Goodhugh von einem Unglück nach dem anderen heimgesucht...

Eine gute Ehe: Darcy und Bob Anderson sind seit 27 Jahren glücklich verheiratet. Während Bob eine mehrtägige Dienstreise macht, stolpert Darcy auf der Suche nach Batterien für die Fernbedienung in der Werkzeugkammer über einen Karton voller Kataloge, die Bob anscheinend wegwerfen wollte. Zuunterst liegt ein Bondage-Magazin. Da es zu einer guten Ehe gehört, wohlwollend über kleine Geheimnisse dieser Art hinwegzusehen, schiebt Darcy den Karton unter die Werkbank zurück. Dabei erklingt ein Poltern. Darcy kann ihre Neugier nicht bezwingen, schaut nach und entdeckt ein Versteck, in dem Bob Papiere aufbewahrt. Es sind Ausweise einer Frau namens Marjorie Duvall. Diese Frau ist das jüngste Opfer eines unter dem Namen "Beadie" bekannten Serientäters, der schon mindestens zwölf Frauen zu Tode gequält hat...

Insgesamt 527 Seiten und nur vier Geschichten? Das passt schon, denn "1922" und "Big Driver" haben fast Romanumfang! Die beiden anderen Storys fallen kürzer aus. Alle Storys drehen sich mehr oder weniger um die Frage, ob man einen Menschen je wirklich kennen kann - einschließlich sich selbst. Rache und Gerechtigkeit sind ebenfalls zentrale Themen. Die Geschichten sind sehr böse, wenn auch mit humoristischem Unterton im Falle von "Faire Verlängerung" - sofern man genug Schadenfreude aufbringt, um den allmählichen Niedergang einer vom Glück bisher allzu sehr verwöhnten Familie lustig zu finden. Die Geschichten gehören eher ins Krimi-Genre, ebenfalls wieder mit der Ausnahme "Faire Verlängerung". Natürlich könnte es reiner Zufall sein, dass Streeter plötzlich völlig gesund wird und nur noch Glück hat, während es mit Goodhugh stetig bergab geht. Mr. Elvid hat jedoch bemerkenswert viele spitze Zähne und wenn man die Buchstaben seines Namens etwas anders arrangiert, erhält man ein vielsagendes Ergebnis.

In "1922" wird James vom Geist seiner ermordeten Frau heimgesucht, oder vielmehr von Ratten, die er für ihre Sendboten hält. Das könnte er sich allerdings auch nur einbilden. Das Ende der Geschichte ist diesbezüglich nicht ganz eindeutig. Ob Arlette nun aus dem Grab heraus Rache übt oder ob James unter Wahnvorstellungen leidet, die von seinem schlechten Gewissen erzeugt werden, ist allerdings nicht so wichtig. King versteht es meisterhaft, den allmählichen Abstieg von Vater und Sohn in Wahnsinn und Kriminalität, die Unausweichlichkeit ihres Schicksals und die bittere Ironie des Ganzen zu schildern. Das geschieht aus dem Blickwinkel des Täters. Obwohl James seine Frau grausam umgebracht hat (King geizt nicht mit blutigen Details), kann man nicht umhin, Mitleid zu empfinden. Mir ist übrigens auch die Stimmung der 20-er Jahre so plastisch vor Augen getreten, als würde ich einen Film sehen. "1922" ist für mich das Highlight dieser Sammlung. Das ist King in Bestform!

"Big Driver" und "Eine gute Ehe" sind natürlich auch nicht schlecht. Erstere ist eine typische Rachestory, in der die Protagonistin völlig neue Seiten von sich selbst entdeckt, während sich die Hauptfigur der zweiten Story fragen muss, warum sie in all den Ehejahren nichts von der besonderen Veranlagung ihres Gatten und seinem "Hobby" bemerkt hat. Beide Geschichten kommen ganz ohne übernatürliche Elemente aus und sind trotzdem spannend - oder gerade deswegen. (02.02.2015)


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656
Verdammnis Stieg Larsson: Verdammnis
Heyne, 2008
751 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Verblendung.

Der Journalist Dag Svensson und dessen Freundin, die Studentin Mia Bergman, wenden sich an das Team der Zeitschrift Millenium. Die beiden haben sich seit längerer Zeit mit dem Thema Mädchenhandel beschäftigt, Beweise zusammengetragen und Täter identifiziert. Millenium soll ihre Erkenntnisse veröffentlichen. Seit mehr als einem Jahr versucht Mikael Blomkvist vergeblich, Lisbeth Salander zu erreichen. Er ahnt nicht, wie nahe er ihr während der Ermittlungen im Fall "Harriet Vanger" wirklich gekommen ist und wie sehr er sie enttäuscht hat. Lisbeth hat die Wennerström-Affäre geschickt ausgenutzt und ein gewaltiges Vermögen für sich selbst abgezweigt. Nach einer mehrmonatigen Reise durch die ganze Welt kehrt sie nach Schweden zurück. Sie richtet sich eine neue Luxuswohnung ein, behält aber die bisherige Unterkunft, um sie als Postadresse zu benutzen. Sie verkauft die alte Wohnung zum symbolischen Preis von einer Krone an ihre Freundin Miriam Wu, die dort einzieht. Als Lisbeth erfährt, dass ihr früherer Betreuer Holger Palmgren noch am Leben ist und in einer Rehaklinik untergebracht wurde, beginnt sie ihn regelmäßig zu besuchen. Mit ihren unerschöpflichen Geldmitteln verschafft sie ihm die bestmögliche Behandlung, so dass er die Folgen seines Schlaganfalles allmählich überwindet.

Es könnte also nicht besser für Lisbeth laufen, doch sie wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde sie vom Rechtsanwalt Nils Bjurman grausam vergewaltigt. Sie erpresst Bjurman seitdem mit Filmaufnahmen, die sie heimlich von der Tat angefertigt hat. Von Hass zerfressen versucht Bjurman nun, Lisbeth zu vernichten und den Film in seinen Besitz zu bringen. In den als streng geheim klassifizierten Akten über die Vorfälle, die damals zu Lisbeths Einweisung in eine psychiatrische Anstalt geführt haben, findet Bjurman die für sein Vorhaben benötigten Informationen und Namen von Kontaktpersonen. Als sich Blomkvist wieder einmal in der Nähe von Lisbeths alter Wohnung aufhält, sieht er, wie die junge Frau von einem Unbekannten angegriffen wird, aber entkommen kann. Wenig später werden Dag Svensson, Mia Bergman und Nils Bjurman tot aufgefunden. Alle drei wurden mit derselben Waffe erschossen. Es handelt sich um Bjurmans Pistole, auf der aber nicht nur seine Fingerabdrücke gefunden werden. Die fremden Abdrücke sind bei der Polizei gespeichert - sie gehören Lisbeth Salander!

Da Lisbeth außerdem in der Nähe eines Tatortes gesehen wurde und als gewaltbereit sowie möglicherweise geistesgestört gilt, avanciert sie zur Hauptverdächtigen der von Kriminalinspektor Jan Bublanski und Staatsanwalt Richard Ekström geleiteten Ermittlungen. Aufgrund einer undichten Stelle bei der Polizei dringen Lisbeths Name und weitere brisante Informationen an die Massenmedien, so dass eine Hetzjagd beginnt. Lisbeth bleibt untergetaucht. Blomkvist hält Lisbeth für unschuldig und ermittelt auf eigene Faust, außerdem führt er Svenssons und Bergmans Arbeit weiter. Da Lisbeth seinen Computer schon vor langer Zeit gehackt hat und immer wieder mal hineinschaut, stößt sie auf einen Namen, den sie nur zu gut kennt. Lisbeth beschließt, dass es an der Zeit ist, einen alten Feind endgültig unschädlich zu machen...

Mit dem zweiten Band der "Millenium-Trilogie" beginnt eine neue Geschichte, die kaum Berührungspunkte mit dem ersten Buch hat. Der von Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander in Verblendung gelöste Fall hat mit der jetzigen Story jedenfalls rein gar nichts zu tun. Was man wissen muss, zum Beispiel bei welcher Gelegenheit sich Blomkvist und Lisbeth kennengelernt haben, wie Lisbeth zu so viel Geld gekommen ist usw., wird durch kurze Einschübe erklärt. Diesmal ist die Geschichte aber keineswegs in sich abgeschlossen. Im Gegenteil! "Verdammnis" endet mit einem fiesen Cliffhanger, so dass ich mich wirklich zwingen musste, nicht sofort mit der Lektüre des letzten Bandes anzufangen - ich will den Genuss noch ein wenig herauszögern! Außerdem ist mir unklar geblieben, welche Bedeutung die ersten Kapitel des Romans haben. Darin wird geschildert, wie Lisbeth Urlaub auf der Insel Grenada macht. Sie findet heraus, dass ihr Hotelnachbar, ein gewisser Dr. Forbes, seine Frau misshandelt. Lisbeth beobachtet, wie Forbes seine Frau während eines Hurrikans zu ermorden versucht. Sie schlägt den Mann nieder (er stirbt dann im Sturm) und rettet die Frau, die sich anschließend an nichts mehr erinnern kann. Diese Kapitel stehen in keinem wie auch immer gearteten Zusammenhang mit dem restlichen Roman, jedenfalls habe ich keinen erkennen können. Ob diese Ereignisse im dritten Band noch eine Rolle spielen werden?

Es gibt noch mehr "Nebenkriegsschauplätze" dieser Art. Etwa die Sache mit Palmgren. Außerdem erhält Erika Berger ein verlockendes Jobangebot und will Millenium verlassen. Auch werden immer wieder ganz alltägliche Ereignisse ausführlich beschrieben. Bei Lisbeths Ikea-Einkaufsbummel zum Beispiel werden die Bezeichnungen sämtlicher Möbel aufgeführt, die sie für die neue Wohnung kauft. Eins der genannten Regalsysteme steht übrigens auch bei mir herum… Man könnte also behaupten, der Autor schweife zu sehr ab, fülle zu viele Seiten mit Details, die nicht der Handlung dienen, konzentriere sich nicht genug auf die Geschichte und so weiter. Genau dieser Weitschweifigkeit - ich sollte vielleicht besser von Detailverliebtheit und Komplexität sprechen - ist es jedoch zu verdanken, dass man sich mit den Protagonisten identifizieren und richtig in die Story eintauchen kann. Und umso wirkungsvoller sind die überraschenden Wendungen. Wenn Mikael Blomkvist vor den Leichen seiner erschossenen Freunde steht, dann ist das schon ein enormer Knalleffekt, aber die eigentlichen Highlights folgen erst noch. Endlich wird Lisbeths Vergangenheit aufgedeckt, gleichzeitig werden neue Gegenspieler eingeführt, die auf ihre Weise ebenso faszinierend sind wie Lisbeth selbst. Der Leser wird längere Zeit im Unklaren gelassen, was die Identität des Mörders angeht. Lisbeth könnte schuldig sein oder auch nicht - selbst Blomkvist weiß zunächst nicht, was er von der Sache halten soll. Erst nach geraumer Zeit folgen wieder Kapitel aus Lisbeths Blickwinkel, dann sieht man klarer.

Leider wird die Geschichte am Ende unglaubwürdig. Eine Hauptfigur landet mit durchlöchertem Schädel und zwei weiteren Schusswunden in einem Grab im Wald, überlebt das Ganze, befreit sich, macht trotz ihrer schweren Verwundung einen Widersacher kampfunfähig und schlägt einen zweiten (körperlich weit überlegenen) Feind in die Flucht. Das wäre selbst für James Bond ein wenig übertrieben… Wie dem auch sei: "Verdammnis" fesselt wiederum wegen starker Hauptfiguren, diesmal ist aber auch die Story extrem spannend. "Verdammnis" ist ein echter Pageturner! (27.01.2015)


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655
Der Hobbit - Die Schlacht der fünf Heere. Das offizielle Begleitbuch Jude Fisher: Der Hobbit - Die Schlacht der fünf Heere. Das offizielle Begleitbuch
Klett-Cotta, 2014
88 Seiten, gebunden

Wie schon im Falle der Begleitbücher zu den ersten beiden Hobbit-Filmen ist auch dieser großformatige Bildband hauptsächlich für Leute gedacht, die Tolkiens Roman Der Hobbit noch nicht gelesen und noch keinen der Filme gesehen haben, denn Spoiler sind praktisch nicht vorhanden. Weder wird verraten, was aus den Haupt- und Nebenfiguren (einschließlich Smaug) wird, noch erfährt man, wie die Schlacht der fünf Heere letztlich verläuft. Tatsächlich drehen sich die sehr oberflächlichen Texte größtenteils gar nicht um den dritten Film, sondern um den zweiten, dasselbe gilt für die Bilder! Besonders schade finde ich, dass Dain Eisenfuß, Thorins Vetter, in diesem Buch überhaupt nicht vorkommt. Von der Schlacht selbst findet man kein einziges Bild. Das Buch wurde vor der Kinopremiere des Films veröffentlicht und sollte vermutlich als Appetitanreger dienen. Dabei durfte natürlich nicht zu viel verraten werden.

Ich kann nur wiederholen, was ich schon zu den ersten beiden Bänden geschrieben habe: Die prächtigen, teils doppelseitigen Bilder sind wirklich schön anzuschauen, manche sind allerdings etwas unscharf. Wer erwartet haben sollte, mit diesem Band ein Nachschlagewerk oder zumindest ein Erinnerungsstück zum dritten Film der Hobbit-Trilogie in Händen zu halten, wird sicher enttäuscht sein. Eigentlich müsste noch ein viertes Begleitbuch veröffentlicht werden, in dem dann auch wirklich Szenen des dritten Films abgebildet sind! (19.01.2015)

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654
Eine andere Welt Philip K. Dick: Eine andere Welt
Heyne, 2011
285 Seiten

Jason Taverner hat alles erreicht, was man sich nur wünschen kann. Er ist der Star einer wöchentlich ausgestrahlten Fernsehshow, hat 30 Millionen Fans und lebt im absoluten Luxus. Als genoptimierter "Sechser" ist er allen anderen Menschen körperlich und intellektuell weit überlegen. Doch eines Tages verübt ein erfolgloses Starlet, mit dem er eine Affäre hatte, einen Mordanschlag auf ihn. Taverner überlebt und wird ins Krankenhaus gebracht, wo er das Bewusstsein verliert. Er erwacht in einem schäbigen Hotelzimmer in Los Angeles, ohne zu wissen, wie er dorthin gelangt ist. Alle Ausweise sind verschwunden. Schlimmer noch: Niemand scheint Jason Taverner zu kennen. Sein Agent und langjähriger Freund, den er sofort anruft, hat Taverners Namen noch nie gehört. Auch in der Kanzlei seines Anwalts kennt man ihn nicht. Vom Zentrum für Geburtenerfassung erhält er die Auskunft, dass eine Person mit seinem Namen und Geburtsdatum nicht registriert ist. Allmählich kommt er zu der Erkenntnis, dass er in ein Paralleluniversum geraten ist, in dem Jason Taverner nicht existiert - er ist zur "Unperson" geworden.

In dem Überwachungsstaat, zu dem sich die USA entwickelt haben, darf Taverner es nicht wagen, ohne Papiere auf die Straße zu gehen. Bei der ersten Polizeikontrolle würde er verhaftet werden und in einem Arbeitslager landen. Zum Glück besitzt er noch fünftausend Dollar in Bar. Vom Hotelportier lässt er sich zu der Fälscherin Kathy Nelson bringen, die neue Papiere für ihn anfertigt. Doch Kathy und der Portier sind Polizeiinformanten und hängen Taverner einen Peilsender an. So dauert es nicht lang, bis die Behörden auf die Unperson aufmerksam werden. Taverner flieht nach Las Vegas, aber Polizeigeneral Felix Buckman ist schon auf seiner Spur. Buckman glaubt, Taverner gehöre zu einer Verschwörung der "Sechser". Nur Buckmans Schwester Alys kennt die Wahrheit - und die ist phantastischer, als Taverner und Buckman ahnen...

...tatsächlich ist die Wahrheit so phantastisch, dass ich sie nicht hundertprozentig verstanden habe. Achtung, Spoiler: Taverner wurde nicht wirklich in ein fremdes Universum versetzt. Stattdessen wird er irgendwie Bestandteil drogeninduzierter Halluzinationen einer anderen Person. Im Roman heißt es, der Konsument der Droge KR-3 werde gezwungen, "latente räumliche Möglichkeiten" wahrzunehmen, also etwas anderes zu sehen als das, was für alle anderen Menschen Realität ist. Alle Menschen, mit denen der Konsument der Droge zu tun hat, müssen sich ebenfalls so verhalten, als befänden sie sich in einer fremden Welt, weil sie zu seinem Wahrnehmungssystem gehören. Sie befinden sich also quasi gleichzeitig in ihrer Realität und in der alternativen Realität der Person, die KR-3 genommen hat. Spoiler Ende. Das Grundprinzip ist mir klar, aber ich begreife nicht, wie es funktionieren soll. Ist aber nicht so wichtig. Im Grunde hätte Dick sich diesen Kniff ebenso gut sparen können. Taverners Versuch, die eigene Existenz zu beweisen oder wenigstens eine falsche Identität anzunehmen ist trotz der Dialoglastigkeit des Romans auch ohne die Erklärung fesselnd.

Der Weltenentwurf ist sehr düster: Die USA des Jahres 1988 sind ein totalitärer Polizeistaat, in dem die Macht nach einem Bürgerkrieg in Händen eines Diktators und der ihm direkt unterstellten Polizeimarschälle/-generäle liegt. Abweichler werden in Arbeitslagern interniert. Die Schwarzen wurden fast völlig ausgerottet. Die Universitäten werden streng bewacht, damit sich die Studenten nicht mit der "normalen" Bevölkerung vermischen. Eine sehr zynische Zuspitzung der Nixon-Ära, in welcher der Roman entstanden ist! Taverners Problem ist heute womöglich noch aktueller als damals. Der Wert eines Menschen bemisst sich nicht nach seinen Leistungen, sondern nur nach den Dokumenten, die er vorlegen kann! (12.01.2015)


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653
Satan und Ischariot I Karl May: Satan und Ischariot I
Kindle Edition

Old Shatterhand ist nach Mexiko gereist, um Berichte über den Aufstand des mexikanischen Generals Jargas für eine Zeitung in San Franzisko zu schreiben. Nach dem Ende des Generals hat er sich auf den Weg nach Guaymas gemacht, um von dort per Schiff weiterzureisen und sich am Rio Gila mit Winnetou zu treffen. Er quartiert sich für einige Tage in einem schäbigen Hotel ein und lernt dort einen Mormonen namens Harry Melton kennen. Dieser hat arbeitssuchende deutsche Emigranten für den Haziendero Don Timoteo Pruchillo angeworben und bietet Old Shatterhand, den er nicht erkennt, eine Stelle als Buchhalter auf der Hazienda an. Die Sache kommt Old Shatterhand verdächtig vor. Er geht zum Schein und ohne einen Vertrag zu unterschreiben auf das Angebot ein. An Bord des Emigrantenschiffes lernt er einen hünenhaften Deutschen kennen, der früher Kraftmensch im Zirkus war und sich bei Melton verdingt hat, um seiner Ex-Geliebten Judith Silberstein folgen zu können. Old Shatterhand belauscht ein Gespräch Meltons mit einem Komplizen namens Weller. Danach steht fest, dass seine Landsleute in eine Falle gelockt werden sollen. Melton und Weller sowie dessen Vater arbeiten hierbei mit einem Stamm der Yuma-Indianer zusammen.

Auf dem Weg zur Hazienda rettet Old Shatterhand zwei Knaben und deren ältere Schwester vor zwei Indianern und einem Weißen, die sie umbringen wollen, und nimmt sie unter seine Fittiche. Die jungen Leute sind die Kinder des Mimbrenjo-Häuptlings "Starker Büffel", eines alten Freundes Old Shatterhands. Die Angreifer sind "Großer Mund" (Häuptling der Yumas) und dessen Sohn, sowie Weller senior. Old Shatterhand ist gezwungen, den Häuptlingssohn zu erschießen. Die anderen beiden entkommen. Um seine Landsleute zu schützen, versucht Old Shatterhand Don Timoteo zu warnen, doch der ist von der Rechtschaffenheit Meltons überzeugt und jagt Old Shatterhand davon. Dieser beschleicht die unweit der Hazienda lagernden Yumas, wird aber entdeckt und gefangen genommen. Mit der Hilfe des älteren Knaben (der andere ist mit der Schwester weitergeritten, um die Mimbrenjos als Verstärkung zu holen) kann er sich befreien und zu den Mimbrenjos fliehen, die von Winnetou angeführt werden. Es ist jedoch schon zu spät: Die Yumas haben die Hazienda niedergebrannt, das Vieh davongetrieben und die Emigranten entführt.

Dieser Roman wurde auch unter dem Titel "Die Felsenburg" veröffentlicht und bildet den Auftakt einer Trilogie, in deren weiterem Verlauf Winnetou zu seinem Blutsbruder nach Dresden kommt und mit ihm nach Kairo reist! Auch die Handlung des ersten Bandes ist nicht im Wilden Westen angesiedelt, sondern in Mexiko. Die dortigen Indianer sind Karl May zufolge nicht mit ihren viel edleren Pendants der "dark and bloody grounds" zu vergleichen. Deshalb haben Old Shatterhand und Winnetou noch weniger Probleme als sonst, ihre Gegner zu belauschen, gefangen zu nehmen, einzuschüchtern und so weiter! Selbst die befreundeten Mimbrenjos sind zweifelhafte Verbündete und der jähzornige "Starke Büffel" treibt allerlei Unsinn. Über diese merkwürdigen Vorstellungen muss man großzügig hinwegsehen. Ansonsten ist die Story ganz im Stile der bekannteren Wildwest-Geschichten Karl Mays gehalten. Ich fand sie jedenfalls ebenso unterhaltsam wie diese.

Eine Besonderheit besteht darin, dass sich Old Shatterhand als Erzieher betätigt. Die beiden Häuptlingssöhne wachsen ihm ans Herz und natürlich verehren sie Old Shatterhand wie ein übermenschliches Idol. Er nimmt denn auch oft nicht Winnetou mit, wenn es auf Erkundung geht, sondern einen der beiden Jungs. Im Gegensatz zu den Sidekicks anderer May-Romane machen sie keine Schwierigkeiten, sondern entpuppen sich als wertvolle Helfer. Es sind noch weitere Subplots eingewoben, etwa die oben erwähnte Sache mit dem Kraftmenschen "Herkules" und Judith. Diese lockern das ansonsten etwas redundante Geschehen auf. (07.01.2015)


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652
Türkisches Gambit Boris Akunin: Türkisches Gambit
Aufbau Taschenbuch, 2011
245 Seiten

Im Jahre 1877, während des Russisch-Omanischen Krieges, macht sich die junge Russin Warwara Andrejewna Suworowa als Mann verkleidet auf den Weg von Sankt Petersburg nach Zarewizy in Bulgarien. Im dortigen Armeehauptquartier ist ihr Geliebter Petja Jabloko, den sie baldmöglichst heiraten möchte, als Chiffrierer stationiert. Warja ist ein fortschrittlich denkendes Mädchen (von ihrem Vater wird sie allerdings eher als "verrückte Nihilistin" bezeichnet), das nicht an die Unterlegenheit des "schwachen Geschlechts" glaubt und davon überzeugt ist, sich allein durchschlagen zu können. Als sie jedoch von ihrem betrügerischen Kutscher ohne Geld, Papiere und Gepäck in einem Gasthof irgendwo im Nirgendwo sitzengelassen wird, bekommt sie es mit der Angst zu tun. Dann fliegt auch noch ihre Tarnung auf und die Situation wird bedrohlich. In letzter Minute steht ein junger Mann ihr bei. Er luchst einem der zudringlichen Zecher beim Glücksspiel einen Esel für Warja ab und nimmt sie mit, als er davonreitet. Der Name des wortkargen neuen Weggefährten lautet Erast Petrowitsch Fandorin.

Nach dem tragischen Ende Jelisawetas hat sich Fandorin freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet, ist in Gefangenschaft geraten und konnte sich durch sein Glück im Spiel wieder befreien. Nun ist er mit einer wichtigen Botschaft unterwegs ins Hauptquartier. Er und Warja werden von Baschi Bosuks angegriffen und von einer russischen Einheit gerettet. Fandorin kann seine Botschaft, der zufolge die bulgarische Stadt Plewna so schnell wie möglich eingenommen werden muss, rechtzeitig abliefern. Der Befehl wird sofort weitertelegrafiert. Im Verlauf dieser Geschehnisse wird Warja zu Fandorins Assistentin ernannt, was ihr angesichts der Aussicht auf weitere Abenteuer (von der Gesellschaft zahlreicher hochrangiger Verehrer, zu denen auch Fandorins alter Freund Graf Surov gehört, ganz zu schweigen) gar nicht so sehr missfällt. Doch dann kommt die Nachricht, dass nicht Plewna erobert wurde, sondern der völlig unwichtige Ort Nikopol. Postwendend setzen sich Osman Paschas Truppen in Plewna fest, so dass eine langwierige, verlustreiche Belagerung unausweichlich wird. Es stellt sich heraus, dass die Namen der beiden Orte im Telegramm vertauscht worden sind. Der Verdacht fällt auf Petja. Fandorin und Warja versuchen seine Unschuld zu beweisen. Dabei stellt Fandorin fest, dass seine alten Feinde von der Geheimorganisation Asasel ihre Hände im Spiel haben…

Fandorins zweites Abenteuer wird nicht aus seiner Sicht geschildert, sondern aus der Perspektive seiner unfreiwilligen Assistentin. Fandorin ist oft gar nicht zugegen, er agiert im Hintergrund, während Warja nicht selten an vorderster Front dabei ist. Für Warja ist Fandorin zunächst ein völlig Fremder, und so kann der Leser die Hauptfigur dieser Reihe ganz neu kennenlernen. Durch Jelisawetas Tod wurde er vorübergehend aus der Bahn geworfen, außerdem hat er bei der Explosion, in der seine geliebte Frau ums Leben gekommen ist, eine Hirnkontusion erlitten und stottert nun manchmal ein wenig. Von der Unsicherheit, dem Übereifer und der schwärmerischen Veranlagung, die in Fandorin beschrieben wurden, ist jetzt aber nichts mehr zu spüren. Fandorin tritt weltmännisch auf und ist sehr selbstbewusst. Warja findet ihn erst unausstehlich, verliebt sich aber allmählich in ihn. Durch die ironisch-humorvolle Art und Weise, wie dies geschildert wird, und durch Warjas Charakterzüge (sie möchte als emanzipierte Frau wahrgenommen werden und reagiert schnippisch, wenn man das nicht akzeptiert, genießt aber die Aufmerksamkeit ihrer Verehrer, nur um sich dann wieder über sich selbst zu ärgern) erhält der Roman seinen besonderen Reiz.

Ich würde den Roman weniger als Krimi, sondern vielmehr als historischen Spionagethriller bezeichnen. Es ereignen sich mehrere Morde, im Mittelpunkt stehen aber der Kriegsverlauf, die Machenschaften des unbekannten Verräters und dergleichen. Tatsächlich werden die Schlachten recht ausführlich geschildert – alles historisch korrekt übrigens, soweit ich das nach etwas Wikipedia-Recherche sagen kann. Ich habe nur zwei Kritikpunkte anzubringen. Einige Hintergrundinformationen zu wichtigen Personen und Geschehnissen werden in langen Monologen vermittelt, ergeben sich also nicht direkt aus der Handlung. Auch die Aufklärung der verzwickten Spionagegeschichte erfolgt in dieser Weise. Außerdem wird sehr früh ein Hinweis auf den wahren Täter gegeben. Trotzdem ist auch "Türkisches Gambit" wieder beste Unterhaltung mit unverwechselbarem Stil. Übrigens wird zwar auf Geschehnisse des ersten Bandes Bezug genommen, man muss diesen aber nicht unbedingt gelesen haben, um die Handlung zu verstehen. (04.01.2015)


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Das Königshaus der Monster Jonathan Barnes: Das Königshaus der Monster
Piper, 2010
396 Seiten

Henry Lambs Leben verläuft in geregelten (um nicht zu sagen todlangweiligen) Bahnen. Er wohnt zur Untermiete in London und ist heimlich in Abbey verliebt, die junge Zimmerwirtin. Bei seinem Job im Depot und Urkundenregister der staatlichen Archivverwaltung besteht seine größte Sorge darin, in den Postraum geschickt zu werden, denn in diesem abgelegenen Teil des Gebäudes haust eine merkwürdige Frau, die ihm nicht geheuer ist. Henrys Alltagstrott gerät gewaltig ins Schlingern, als sein Großvater ins Koma fällt. Bei Henrys erstem Besuch im Krankenhaus stürzt ihm ein Fensterputzer direkt vor die Füße. Der schwer Verletzte hat eine Botschaft für Henry, an die er sich später selbst nicht mehr erinnert. Sie lautet "Die Antwort ist ja". Danach erhält Henry immer wieder Anrufe von einer Unbekannten, und als er im Haus seines Großvaters nach dem Rechten sieht, wird er von einem gewissen Mister Jasper belästigt, der unbedingt eingelassen werden möchte. Henry schickt den Mann weg, nur um ihm am nächsten Tag im Büro seines Vorgesetzten erneut zu begegnen. Jasper verkündet, Henry sei "befördert" worden und arbeite jetzt für eine mächtige Behörde, die als "das Direktorium" bezeichnet wird.

Als Henry Dedlock gegenübersteht, dem Leiter des Direktoriums, wird ihm klar, dass er im wahrsten Sinne des Wortes dabei ist, den Boden der Realität zu verlassen. Die Zentrale des Direktoriums befindet sich in einer getarnten Gondel des Riesenrads "London Eye" und Dedlock ist ein uralter Mann mit Kiemen, der in einem mit Nährflüssigkeit gefüllten Tank schwimmt. Er berichtet von einem Krieg, der seit der Zeit Königin Victorias zwischen dem Direktorium und dem Haus Windsor tobt. Das Schicksal ganz Londons steht dabei auf dem Spiel. Henrys Großvater war einst ein Meisteragent des Direktoriums und hat eine Frau namens Estella sowohl vor dem Feind als auch vor den eigenen Leuten versteckt. Sie ist eine Schlüsselfigur in dem Konflikt und muss schnellstens gefunden werden. Nur Henry, so meint Dedlock, kann das vollbringen, und zu diesem Zweck muss er mit zwei unheimlichen Killern sprechen, die tief unter dem Haus des Premierministers gefangen gehalten werden. Dies sind die Dominomänner, auch bekannt als "die Präfekten", und sie kennen Henry sehr gut. Tatsächlich haben sie einen Deal mit Henrys Großvater abgeschlossen. Als Lohn für ihre Dienste hat er ihnen seinerzeit sein eigen Fleisch und Blut versprochen...

Dies ist der zweite Roman von Jonathan Barnes. Sein erster ist in Deutschland unter dem Titel "Das Albtraumreich des Edward Moon" erschienen. "Das Königshaus der Monster" ist keine direkte Fortsetzung, aber eindeutig im selben Universum angesiedelt (jedoch nicht mehr im Jahre 1901, sondern im 21. Jahrhundert), denn sowohl die Dominomänner Hawker und Boon als auch Dedlock und das Direktorium spielen im ersten Roman wichtige Rollen.

Der Reiz des Romans besteht zum Teil darin, dass der Leser zunächst einmal überhaupt nicht weiß, was eigentlich gespielt wird, denn zumindest im ersten Drittel geschieht recht wenig. Hier geht es vor allem um die Einführung der Hauptfiguren. Henry Lamb, der Ich-Erzähler, ist ein sympathischer, etwas gehemmter Durchschnittsbürger, den man sofort ins Herz schließt. Die Geheimnisse werden dann häppchenweise entschleiert, was in einem apokalyptischen Finale gipfelt. Allerdings bleibt einiges ungeklärt, zum Beispiel wer Hawker und Boon wirklich sind und was sie überhaupt wollen. Sie scheinen zu keiner der beiden Krieg führenden Parteien zu gehören und einfach nur tödlichen Schabernack treiben zu wollen. Welchen Sinn ihr Tun und Treiben für die Handlung haben sollte, hat sich mir nicht erschlossen. Der Erzählfluss wird ab und zu durch Einschübe unterbrochen, in denen Henrys Erzählung kommentiert und eine Nebenhandlung erzählt wird. Protagonist ist Prinz Arthur, dessen Weltbild ebenso zerstört wird wie das von Henry.

Die Story wird durch so manche abgedrehte Idee, schwarzen Humor sowie einige drastische Gewaltspitzen gewürzt - und nicht zuletzt durch sehr böse Seitenhiebe in Richtung Monarchie. Man stelle sich vor: Der Prinz von Wales als gehörnter Ehegatte, der von seiner eigenen Mutter in die Drogensucht getrieben wird... die Queen als Abkömmling eines Monarchengeschlechts, das schon vor 150 Jahren ein Abkommen mit einer uralten monströsen Entität lovecraft'schen Ausmaßes geschlossen hat... das Haus Downing Street No. 10 als Gefängnis für durchgedrehte Minister und unsterbliche Killer aus einer anderen Dimension... Köstlich! Trotz allem fehlt der Geschichte irgendwie der letzte Schliff. Das allzu absurde Finale, bei dem nicht wirklich erklärt wird, wie London zu guter Letzt doch noch gerettet werden konnte, hat mich nicht so ganz überzeugt. (29.12.2014)


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