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Dies ist der elfte Teil einer Übersicht meiner neueren Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie seit August 2002 gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



550
Der Schatten des Folterers Gene Wolfe: Der Schatten des Folterers
Heyne, 1984
350 Seiten

Urth ist eine Welt, die um eine erkaltende Sonne kreist. Die Menschheit ist auf eine mittelalterliche Entwicklungsstufe zurückgefallen. Das Zeitalter der Raumfahrt ist nur noch eine allmählich verblassende Erinnerung. Funktionsfähige Artefakte aus vergangenen Epochen sind noch vorhanden. Nur wenige Menschen sind mit ihrer Bedienung vertraut, und niemand könnte sie nachbauen.

Der Waisenjunge Severian wächst als Lehrling der Folterer-Gilde im Matachin-Turm auf, einem Teil der Zitadelle in der gigantischen Stadt Nessus. Über das Leben außerhalb der Zitadelle - oder gar jenseits der gewaltigen Stadtmauer - weiß er so gut wie nichts. Die Folterer sind gefürchtet und bei den Bewohnern von Nessus verhasst, denn sie sind ebenso effizient wie unbestechlich, wenn es um die Erfüllung ihrer Aufgaben geht. Bei einem unerlaubten Badeausflug mit drei Kameraden zum Fluss Gyoll entgeht Severian eines Tages nur knapp dem Tod durch Ertrinken. Danach beobachtet er, wie Leichenräuber von Wachsoldaten angegriffen werden. Einer der Grabräuber ist Vodalus, der Anführer einer Rebellengruppe. Severian steht Vodalus bei, tötet einen Wächter und erhält zum Dank eine Goldmünze. Wenig später wird die Chatelaine Thecla als Gefangene in die Verliese des Matachin-Turmes gebracht. Bis zu ihrer Folterung, deren Termin noch nicht feststeht, soll sie gut behandelt werden. Severian wird zu ihrem Gesellschafter bestimmt. Der junge Mann verliebt sich in die schöne Adlige und lernt viel von ihr.

Kurz nach Severians Beförderung zum Gesellen wird Theclas Folterung angeordnet. Sie überlebt die Prozedur, aber ihr Geist wird zerrüttet. Langsames Siechtum und ein qualvoller Tod stehen ihr bevor. Severian steckt ihr heimlich ein Messer zu, so dass sie Selbstmord begehen kann. Somit wird er zum Verräter an seiner Gilde. Er zögert nicht, seine Tat zu gestehen. Da die Gilde einen Ruf zu verlieren hat, wird die Sache vertuscht. Severian muss in die Verbannung gehen. Er soll das vakante Amt des Scharfrichters in der Provinzstadt Thrax übernehmen. Von seinem Meister erhält Severian beim Abschied das wertvolle Liktorenschwert "Terminus Est".

Für Severian beginnt eine lange, gefahrvolle Wanderung nach Norden. Dabei begegnet er einigen absonderlichen Gestalten, verliebt sich in die geheimnisvolle Dorcas, und gewinnt ein mächtiges Artefakt - die "Klaue des Schlichters"...

Dieser Roman bildet den Auftakt des fünfbändigen Zyklus "Die Urth der Neuen Sonne", in dem Severian als Ich-Erzähler seine Lebensgeschichte schildert. Ich kann den Roman nicht eindeutig der Science Fiction oder der Fantasy zuordnen. Im Klappentext ist zu lesen, die Handlung spiele in der Zukunft. Eine Million Jahre, steht da. Zumindest im ersten Roman der Reihe werden so eindeutige Aussagen niemals gemacht. Es sind jedoch einige Hinweise zu finden, die darauf schließen lassen, dass mit Urth die Erde gemeint ist, und dass unsere Gegenwart für die Bewohner dieser Welt tiefste Vergangenheit ist. So werden Namen und Begriffe verwendet, die wir kennen. Einmal wird sogar die Stadt Paris erwähnt. Es wird auf vergangene Zeitalter Bezug genommen, in denen es interstellare Raumfahrt gab. Offenbar wird Urth noch in Severians Zeit immer wieder einmal von Außerirdischen aufgesucht. Flugzeuge, Energiewaffen und andere technische Einrichtungen sind für Severian nichts Unbekanntes.

Die Vermischung der Rückständigkeit einer degenerierenden Zivilisation mit moderner, für Severians Zeitgenossen weitgehend unverständlicher Technik ist prägend für die Welt des Zyklus. Wolfe vermittelt das nicht zuletzt dadurch, dass er den Leser dieselbe Orientierungslosigkeit empfinden lässt, unter der Severian leidet. Es werden unzählige Bezeichnungen (viele Lehnwörter aus dem Lateinischen, Griechischen und aus anderen Sprachen) verwendet, die nicht unbedingt für sich sprechen und in der Regel nicht erläutert werden. Sie tragen zur besonderen, "archaischen" Atmosphäre bei. In der "Anmerkung zur Übersetzung" wird sogar behauptet, die Geschichte sei aus einer Sprache übersetzt worden, die es noch nicht gibt... Natürlich stammt die Anmerkung nicht vom deutschen Übersetzer, sondern von Gene Wolfe selbst. Leider wird die deutsche Übersetzung diesem anspruchsvollen Stil nicht gerecht. Ich kenne zwar das englische Original nicht, aber ich kann auch so erkennen, dass der Übersetzer in viele Fallen tappt und so manches Mal völlig falsche wörtliche Übertragungen verwendet.

Severian hat eine besondere Gabe: Ein absolutes Gedächtnis. Dieser Kunstgriff ermöglicht es ihm, alles genau so wiederzugeben, wie es sich ereignet hat. Er hat immer wieder merkwürdige Begegnungen, beängstigende Erlebnisse und bizarre Visionen, mit denen Bedeutungen und Zusammenhänge angedeutet, aber nur selten genauer erklärt werden. Nur ganz langsam erschließt sich somit für den Leser durch Severians Augen eine völlig neue Welt, und wenn Severian etwas nicht weiß, dann bleibt der Leser ebenfalls im Ungewissen. Im ersten Band der Reihe erfahren wir viel über Severian und wenig über die Welt Urth. Es gibt Kontinente im Norden, Osten und Westen, die Bewohner von Nessus führen im Norden Krieg. Wie sieht es außerhalb von Nessus aus? In welchem Gesellschaftssystem lebt Severian, d.h. welchen Stellenwert haben der Autarch, die "Beglückten" wie Thecla (das ist wahrscheinlich der Adel) und die verschiedenen Gilden wirklich? Hier bleibt das vom Autor gezeichnete Bild - wohl absichtlich - teilweise verschwommen. Manche Kapitel sind derart rätselhaft, dass sich ein Gefühl des Surrealen einstellt. Klingt kompliziert? Ist es auch. Gerade das macht die Faszination des Romans aus. (17.01.2013)


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549
Winnetou I Karl May: Winnetou I
Kindle Edition

Karl, ein junger Deutscher, arbeitet in St. Louis als Hauslehrer. Mr. Henry, ein Büchsenmacher, nimmt ihn unter seine Fittiche und vermittelt ihm eine Anstellung als Landvermesser bei der Atlantik und Pazifik-Company. Zusammen mit anderen Surveyors reist er in eine zwischen dem Quellgebiet des Rio Pecos und dem südlichen Canadian gelegene Gegend im Wilden Westen Amerikas, um dort den Verlauf einer großen Transkontinental-Eisenbahnstrecke zu planen. Mit Übergriffen durch die dort lebenden Indianer wird gerechnet. Der Trupp wird deshalb durch eine Gruppe von Westmännern beschützt. Die meisten erweisen sich als Trunkenbolde und Taugenichtse. Nur auf die erfahrenen Jäger Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker ist Verlass. Bald stellt sich heraus, dass die Surveyors ebenso faul sind wie ihre Beschützer. So muss Karl die ganze Arbeit allein erledigen. Hawkens macht es sich zur Aufgabe, ihn zu einem Westmann auszubilden. Die beiden werden zu guten Freunden. Die Tatsache, dass der Schüler den Lehrer bald überflügelt, hält Hawkens nicht davon ab, den jungen Mann stets als "Greenhorn" zu bezeichnen - selbst dann noch, als Karl einen Grizzlybären, der einen der Westmänner zerfleischt hat, nur mit dem Messer erlegt. Aufgrund seiner Körperkraft und der Fähigkeit, selbst den stärksten Gegner mit einem Hieb bewusstlos zu schlagen, erhält Karl den Rufnamen "Old Shatterhand".

Die Bahnstrecke verläuft mitten durch das Gebiet der Mescalero-Apachen. Deren Häuptling Intschu-tschuna, sein Sohn Winnetou und der bei den Indianern lebende Weiße Klekih-petra suchen die Landvermesser auf, um ihnen diesen Landdiebstahl zu verbieten. Old Shatterhand ist sofort fasziniert von Winnetou, mit dem ihn eine Seelenverwandtschaft verbindet. Das bleibt auch Klekih-petra nicht verborgen. Der alte Mann vertraut Old Shatterhand seine Lebensgeschichte an. Er war einst ein deutscher Revolutionär und Atheist. Er ist nach Amerika geflohen und hat den Glauben wiedergefunden. Er versucht nun seit Jahren, den Apachen das Christentum näher zu bringen. Winnetou ist sein liebster Zögling. Rattler, der Anführer der Westmänner, schießt im Rausch auf Winnetou. Klekih-petra fängt die Kugel mit seinem Körper ab. Im Sterben liegend bittet er Old Shatterhand, sein Werk fortzusetzen.

Intschu-tschuna und Winnetou betrachten die Weißen jedoch als Todfeinde. Sie reiten mit Klekih-petras Leiche davon, aber es ist klar, dass sie bald mit Verstärkung zurückkehren werden. Die Weißen verbünden sich deshalb mit Tangua, dem Häuptling der mit den Apachen verfeindeten Kiowas. Es gelingt ihnen, Intschu-tschuna und Winnetou gefangen zu nehmen. Old Shatterhand befreit sie, ohne sich zu erkennen zu geben. Wenig später greifen die Apachen an. Alle Weißen bis auf Old Shatterhand, Sam Hawkens, Dick Stone, Will Parker und Rattler werden getötet. Old Shatterhand wird lebensgefährlich verwundet und kann nicht sprechen. Er und die anderen Überlebenden sollen am Marterpfahl sterben...

Jahrzehntelang habe ich die Karl May - Romane, durch die ich erst so richtig zur Leseratte geworden bin, nicht mehr angerührt. Inzwischen sind sie alle urheberrechtsfrei und werden legal als Gratis-Download angeboten. Das war Grund genug für mich, endlich nochmal alles von Karl May zu lesen, was auf diese Weise erhältlich ist. Begonnen habe ich mit dem Orient-Zyklus, jetzt sind die Wildwest-Romane dran.

Ich glaube nicht, dass ich die Winnetou-Romane noch groß kommentieren muss. Old Shatterhand mit seinem Bärentöter (den Henrystutzen erhält er erst in Band 2) und sein Blutsbruder, der edle Apachen-Häuptling Winnetou, sind wahrscheinlich Karl Mays berühmteste Schöpfungen. Ihre bedingungslose Freundschaft ist legendär. Hinzu kommen der skurrile Sam Hawkens mit seiner Perücke, dem verschmitzten Kichern und der meist in unpassenden Momenten verwendeten Redewendung "wenn ich mich nicht irre", Winnetous schöne Schwester Nscho-tschi, die sich in Old Shatterhand verliebt, sowie ihr Mörder, der gewissenlose Santer. Das sind Romanfiguren, die plastisch vor dem inneren Auge des Lesers stehen und die man nicht wieder vergisst. Die Handlung ist recht düster und es kommt einiges an blutiger Gewalt vor, aber wie üblich folgt der Ich-Erzähler stets seiner christlichen Moral und versucht selbst die schlimmsten Gegner zu schonen. Gut und Böse sind klar voneinander getrennt, eine Figurenentwicklung gibt es allenfalls bei Winnetou. Aber gerade diese Einfachheit macht viel vom Reiz dieser Romane aus.

Generationen von Lesern haben sich - wie ich selbst - aufgrund der Winnetou-Romane ein zwar sehr romantisches, aber völlig falsches Bild des so genannten Wilden Westens und seiner Bewohner gemacht, denn Karl May lässt seine Protagonisten nicht einfach nur diverse Abenteuer erleben, sondern nimmt sich viel Zeit, Kultur und Lebensweise der Indianer sowie der Westmänner vorzustellen, Orte und Landschaften zu beschreiben und die Konflikte zwischen Weißen und Roten auszuarbeiten. Auch wenn ich längst weiß, dass Karl May zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Romane noch nie in den USA war und alles entweder frei erfunden oder teils fragwürdigen Quellen entnommen hat, so haben seine Romane doch noch immer nichts von ihrer Faszination eingebüßt. (07.01.2013)


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548
Etwas endet, etwas beginnt Andrzej Sapkowski: Etwas endet, etwas beginnt
dtv, 2012
429 Seiten

Diese sehr empfehlenswerte Kurzgeschichtensammlung enthält acht Storys von Andrzej Sapkowski. Zwei Kurzgeschichten gehören zum Story- und Romanzyklus um den Hexer Geralt von Riva. Die anderen sechs haben mit der Geralt-Saga nichts zu tun. Sie sind aber dennoch oder gerade deshalb interessant, denn sie sind ganz unterschiedlichen Spielarten der Phantastik zuzurechnen. Jede Story wird mit einem Vorwort eingeleitet. Sapkowski gibt Hinweise zur Entstehungsgeschichte, zur Bedeutung des Inhalts und streut amüsante Anekdoten ein. Die Storys im Einzelnen:

Der Weg, von dem niemand zurückkehrt

In dieser Story wird erzählt, wie sich Geralts Eltern kennen und lieben lernen. Die Zauberin Visenna und der Söldner Korin stehen Dorfbewohnern bei, die von Wegelagerern terrorisiert werden. Die Räuber blockieren einen Gebirgspass, so dass die abgelegenen Dörfer komplett vom Rest der Welt abgeschnitten sind. Visenna hat den Auftrag, die Angelegenheit zu untersuchen. Korin steht ihr bei. Die beiden bekommen es mit einem magischen Wesen, dem Knoch, zu tun. Während Visenna bereits in der Story "Etwas mehr" vorkommt (enthalten in der Kurzgeschichtensammlung Das Schwert der Vorsehung), war die Identität von Geralts Vater bisher meines Wissens nicht bekannt. Diese Lücke wird hier geschlossen.

Die Musikanten

Durch die Schreie der von Menschen gequälten Tiere entsteht eine Art Dimensionsriss, durch den grauenhafte Kreaturen in unsere Welt gelangen, um die Menschen zu bestrafen. Einige Tiere (die Musikanten) versuchen den Riss durch ihren Gesang wieder zu schließen. Eine waschechte, sehr düstere Horror-Geschichte. Typisch für Sapkowski sind die Bezüge zu bekannten Volksmärchen, hier zu "Die Bremer Stadtmusikanten".

Tandaradei!

Eine unattraktive Studentin glaubt die Liebe gefunden zu haben, muss aber feststellen, dass ihr vermeintlicher Verehrer nur ein böses Spiel mit ihr treibt. Dumm von ihm, denn die junge Frau ist die Reinkarnation einer mächtigen Hexe aus dem Mittelalter (oder etwas in der Art) und entwickelt magische Kräfte, mit denen sie Rache übt. Das Lied "Unter der Linden" des Minnesängers Walther von der Vogelweide spielt in diesem ganz speziellen Prozess der Selbstfindung eine wichtige Rolle.

Im Bombentrichter

Diese Alternativwelt-Geschichte spielt in Polen, aber nicht in dem uns bekannten Staat. Die fiktive Version von Sapkowskis Heimatland wird vom Bürgerkrieg und von den dort viel schlimmeren Folgen der Tschernobyl-Katastrophe gebeutelt. Verschiedene Großmächte sowie kleine ethnische Gruppen liefern sich heftige Kämpfe in Stadt und Land. Nur McDonalds-Restaurants sind sicher, denn die Fastfood-Lokale mit den goldenen Bögen gelten als exterritoriale Gebiete. So wird der Schulweg für die Hauptfigur zu einem wahren Spießrutenlauf.

Etwas endet, etwas beginnt

Die Geralt-Saga endet im letzten Roman (Die Dame vom See) damit, dass der Hexer und die Zauberin Yennefer bei einem Pogrom getötet werden - oder auch nicht, denn Ciri bringt die beiden zu einer geheimnisvollen Insel, und wie wir aus dem PC-Spiel The Witcher 2 wissen, kehrt Geralt danach in die Welt der Lebenden zurück, weil Yennefer von der Wilden Jagd entführt wurde. Mit der Story "Etwas endet, etwas beginnt" präsentiert Sapkowski ein alternatives Ende der Geralt-Saga, welches, wie der Autor selbst im Vorwort betont, aber nicht als kanonisch betrachtet werden kann. Mir persönlich gefällt es natürlich besser, denn ich liebe Happy-Ends. In der Story gibt es kein Pogrom, stattdessen wird Geralts und Yennefers Hochzeit vorbereitet. Viele alte Bekannte aus der Geralt-Saga treffen sich in einer Burg und lassen es sich gut gehen. Die Zeremonie verläuft allerdings nicht störungsfrei. Ciri muss ein Ungeheuer bekämpfen und bekommt unerwartete Hilfe von einem seltsamen Ritter namens Galahad...

Der goldene Nachmittag

Und wieder ein Beispiel für Sapkowskis Vorliebe, bekannte Mythen und Märchen in eigene Storys einzubauen oder auf eigenwillige Weise abzuwandeln. Diesmal wird nämlich die Geschichte von "Alice im Wunderland" neu erzählt, und zwar aus der Sicht der Grinsekatze (Ceshire Cat). Der Kater ist hier ein mit magischen Kräften ausgestatteter Gegenspieler der Herzkönigin, und das Wunderland ist ein weitaus gefährlicherer Ort, als es Charles Lutwidge Dodgsons Romane vermuten lassen. Die Herzkönigin tötet mit Vorliebe alle aus der Menschenwelt kommenden Besucher des Wunderlands, und Alice Liddell soll ihr nächstes Opfer werden. Der Kater - eine herrliche Figur mit trockenem, sarkastischem Humor - versucht Alice zu beschützen und muss zu diesem Zweck sogar in die Menschenwelt reisen, wo er Dodgson begegnet. Mit dieser Story wird erklärt, woher Dodgsons skurrile Ideen für das Wunderland kommen: Er war selbst dort!

Ein Vorfall in Mischief Creek

Wie man im Vorwort zu dieser Geschichte erfährt, ist es ausgerechnet in Nordamerika noch zu Hexenverfolgungen gekommen, als in Europa damit schon Schluss war. In Salem wurden noch Ende des 17. Jahrhunderts 20 Personen nach grausamen Verhören getötet. Die Story spielt einige Jahre später. Ein von fanatischen Puritanern angeführter Trupp dringt bei der Verfolgung einer Frau, die als Hexe angeklagt wurde, aber fliehen konnte, in eine abgelegene Region vor. Die Männer entdecken das Dorf Mischief Creek. Dort führen Frauen das Regiment, die nicht nur sehr genau über die Vorfälle in Salem unterrichtet sind, sondern eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass die gegen Hexen erhobenen Vorwürfe womöglich gar nicht so weit hergeholt sind...

Maladie

Noch ein bekannter Sagenstoff, der aus einem anderen Blickwinkel erzählt wird: Tristan und Isolde. Diese Figuren aus der Artus-Sage spielen hier nur Nebenrollen. Hauptfiguren sind der Ritter Morholt und Branwen von Cornwall. Ersterer wird in der Sage eigentlich von Tristan getötet. Bei Sapkowski überlebt er, hat aber mit den Folgen einer schweren Kopfwunde zu kämpfen. Branwen ist dafür verantwortlich, dass Tristan und Isolde den Liebestrank zu sich nehmen. In "Maladie" begegnen sich die beiden und verlieben sich ineinander. Sie besuchen den auf dem Krankenlager liegenden Tristan und sorgen nach dessen Tod dafür, dass die Legende von der ewigen Liebe weiterlebt. (03.01.2013)

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547
Das Labyrinth der träumenden Bücher Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher
430 Seiten, gebunden

Hildegunst von Mythenmetz, der größte Schriftsteller Zamoniens, lebt abgeschieden unter seinesgleichen in der Lindwurmfeste und beschäftigt sich fast nur noch mit dem Verspeisen von Leckereien und dem Lesen der täglich eintreffenden Berge schmeichlerischer Fanpost. Ein erwähnenswertes literarisches Werk hat er schon lange nicht mehr veröffentlicht. Mehr als 200 Jahre nach seinen Abenteuern in der Unterwelt von Buchhaim, der Stadt der Träumenden Bücher, erhält Hildegunst einen in unglaublich schlechtem Stil verfassten Brief, der mit den Worten "Der Schattenkönig ist zurückgekehrt" endet. Das Schriftstück ist unterzeichnet... von Hildegunst selbst! Als Anschrift ist die Lederne Grotte im Labyrinth von Buchhaim angegeben.

Umgehend macht sich Hildegunst auf den Weg nach Buchhaim. Die Stadt wurde nach dem verheerenden Brand wieder aufgebaut, aber es hat sich einiges verändert. Unter anderem gibt es mehrere so genannte "Rüssel" - tiefe Schächte, die als Zugänge zum Labyrinth genutzt werden können. Hildegunst erkundet die Stadt, erfährt die Geschichte ihres Wiederaufbaus und begegnet alten Bekannten, darunter dem Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer und der Schreckse Inazea Anazazi. Letztere hat den geheimnisvollen Brief von einem blinden Librinauten erhalten, und er stammt angeblich eindeutig aus den Katakomben. Hachmed liegt im Sterben. Er vermacht Hildegunst eine Karte des Labyrinths, auf der das Versteck eines Schatzes markiert ist.

Bevor Hildegunst darangeht, das Rätsel des Briefes zu lösen, wird er von Inazea in den Puppetismus eingeführt. Diese an eine Religion grenzende Modeerscheinung hat Buchhaim fest im Griff. Es gibt unzählige teils sehr bizarre Puppentheater, und das größte ist der Puppaecircus Maximus. Inazea lädt Hildegunst zu einer Aufführung ein, in der seine Abenteuer im Labyrinth wiedergegeben werden. Hildegunst ist begeistert und beschließt, ein Buch über den Puppetismus zu schreiben. Im Verlauf seiner Recherchen stößt er auf das Unsichtbare Theater, das nur für ausgewählte Personen zugänglich ist. Es gelingt Hildegunst, an einer dieser besonderen Vorstellungen teilzunehmen. Zu diesem Zweck muss er in den tiefsten aller Rüssel hinabsteigen...

Nicht nur Hildegunst von Mythenmetz hat das Orm (also die Inspiration, das dichterische Talent, den Kuss der Musen) verloren. Walter Moers hat anscheinend dasselbe Schicksal erlitten. Denn dieses Buch ist fast von der ersten bis zur letzten Seite eine einzige Mythenmetz'sche Abschweifung. Mehr noch: Moers ist sich nicht zu schade, die Handlung des vorherigen Romans (Die Stadt der Träumenden Bücher) zu wiederholen, wenn auch leicht abgewandelt in Form eines Puppentheaterstückes. Auch die ausschweifenden Beschreibungen der Stadt Buchhaim und ihrer Bewohner erinnern doch sehr an das letzte Buch. Hinzu kommen ausführliche Beschreibungen des Puppetismus in all seinen Erscheinungsformen. Die eigentliche Geschichte, also die Sache mit dem angeblich von Hildegunst selbst verfassten Brief, gerät dabei völlig in Vergessenheit. Wer sich nicht für diese Abschweifungen begeistern kann, dem sei die Handlungszusammenfassung in der Wikipedia empfohlen. Dort fehlen natürlich die vielen phantasievollen, von Moers selbst angefertigten Zeichnungen.

Wegen der Wiederholung des vorherigen Romans muss man "Die Stadt der Träumenden Bücher" im Grunde gar nicht lesen, um die Fortsetzung verstehen zu können. Leider ist der Roman nicht abgeschlossen, sondern endet mit einem Cliffhanger. Walter Moers erklärt im Nachwort des "Übersetzers" (er schreibt ja bekanntlich nicht selbst, sondern übersetzt nur Hildegunsts Werke aus dem Zamonischen), er habe den Roman massiv kürzen und aufteilen müssen. Die Wahrheit dürfte eher sein, dass er kein vollständiges Manuskript abliefern konnte – womöglich, weil er selbst nicht wusste, wie die Geschichte weitergehen soll. Lässt man nämlich die ganzen Wiederholungen und Abweichungen weg, dann bleibt von den über 400 Seiten höchstens die Hälfte übrig. Tatsächlich habe ich mich die ganze Zeit gefragt, wann denn die Story endlich losgehen wird!

Man könnte den Roman also als Zeitverschwendung bezeichnen. Allerdings könnte man auch sagen "Der Weg ist das Ziel", denn die detailreichen Beschreibungen Buchhaims, des Puppaecircus Maximus usw. sind durchaus amüsant und unterhaltsam. Dummerweise hatte ich sehr oft das Gefühl, all das schon einmal gelesen zu haben. So hinterlässt "Das Labyrinth der Träumenden Bücher" einen sehr zwiespältigen Eindruck. Ich kann nur hoffen, dass Moers bald wieder vom Orm durchströmt wird und im nächsten Roman eine richtige und vor allem neue Geschichte erzählen kann. (01.01.2013)


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546
Welt der Untoten David Wellington: Welt der Untoten
Piper, 2010
399 Seiten

Die Erde wird durch einen künstlich geschaffenen Riss in der Raumzeit mit Lebensenergie überflutet, so dass alle Toten wiederauferstehen. Es gibt nur noch wenige lebende Menschen, die sich in Verstecken verschanzt haben oder verseuchte Gegenden bewohnen, in die sich nicht einmal die lebenden Toten hineinwagen. Die meisten Untoten sind nichts anderes als stupide Fressmaschinen, die nichts Menschliches mehr an sich haben und nur ein Ziel kennen: Ihren unersättlichen Hunger zu stillen. Sie fallen über die Lebenden her, um sie zu zerfleischen und ihre Energie in sich aufzunehmen. Nur manchmal kommt es durch Zufall oder bewusst herbeigeführte Umstände dazu, dass das Gehirn eines Sterbenden weiterhin mit Sauerstoff versorgt wird. Wenn sich ein solcher Mensch nach dem Tod als Zombie erhebt, besitzt er zumindest noch Teile seiner Erinnerungen und seiner früheren Persönlichkeit. Er wird zu einem "Leichenherren" mit besonderen Fähigkeiten. Manche Leichenherren können Gedanken lesen, andere können Pflanzen wuchern lassen oder die Beweglichkeit normaler Untoter extrem beschleunigen.

Ein besonders mächtiger Leichenherr ist als "Der Zarewitsch" bekannt. Er kann Untote wie Marionetten fernsteuern und hat mit der Hilfe anderer Leichenherren eine gewaltige Armee erschaffen. Dazu gehören nicht nur wandelnde Tote, sondern auch Menschen, die ihm kultische Verehrung entgegenbringen. Ayaan, eine ehemalige Kindersoldatin aus Somalia, hat vor zwölf Jahren den UN-Waffeninspekteur Dekalb nach New York begleitet, um Medikamente für ihre Kriegsherrin zu beschaffen. Inzwischen ist Ayaan selbst Anführerin einer Gruppe von Überlebenden. Seit Dekalbs Tod kümmert sie sich um dessen Tochter Sarah, deren einziger Nutzen für die Überlebenden darin besteht, dass sie die dunkle Energie der Untoten wahrnehmen kann. Sie hat außerdem Kontakt mit dem Geist eines Untoten namens Jack, der in den letzten Jahren zu ihrem Mentor geworden ist. Sarah nimmt an einem von Ayaan geleiteten Kommandounternehmen teil, in dessen Verlauf es zu einem Gefecht mit der Untoten-Armee kommt. Ayaan bleibt zurück, um Sarah die Flucht zu ermöglichen. Wenig später erfährt Sarah von Jack, dass Ayaan noch lebt. Heimlich verlässt Sarah das Camp, um ihre Freundin zu retten.

Der dritte Roman der "Monster-Trilogie" spielt zwölf Jahre nach dem Ausbruch der Zombie-Seuche. Fast alle Hauptfiguren aus den ersten beiden Bänden spielen wieder eine Rolle - manche treten nur sehr kurz in Erscheinung (Bannerman Clark), manchen kommt aber entscheidende Bedeutung zu (Mael Mag Och), und selbst längst tot geglaubte Personen mischen wieder mit. So begegnen wir erneut dem untoten Gary - oder zumindest Teilen von ihm, denen bizarres neues "Leben" eingehaucht wurde. Die Begegnung mit dem Mann, der dafür verantwortlich ist, kommt für Sarah überraschender als für den Leser. Schließlich wissen wir, dass Dekalb am Ende von Band 1 dafür gesorgt hat, dass sein sterbendes Gehirn weiter mit Sauerstoff versorgt wird...

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Ayaan und Sarah erzählt. Das Schicksal hält einige äußerst unangenehme Erfahrungen für beide bereit, und wie üblich geizt Wellington nicht mit expliziter Gewaltdarstellung. Leider bringt er immer mehr Magie ins Spiel. Es ist schwer, die Existenz der "Quelle" zu akzeptieren, also jenes infolge einer Vermischung von Magie und Wissenschaft erschaffenen Dimensionsrisses, durch den eine ebenfalls sehr an Magie gemahnende universelle Energie zur Erde strömt, die alle Toten aufweckt. Auch kann ich mir kaum vorstellen, wie es z.B. ägyptischen Mumien (die auch diesmal wieder mit dabei sind) ohne funktionierende Muskeln möglich sein soll, sich überhaupt zu bewegen. Aber jetzt kommen noch die Leichenherren mit ihren unterschiedlichen Superkräften hinzu - sozusagen untote X-Men! All diese denkenden, sprechenden Zombies sind für meinen Geschmack viel zu "menschlich". Auch wenn ihre Erscheinungsformen teils wirklich außergewöhnlich sind, ganz zu schweigen von dem seltsamen Kult um den Zarewitsch und der von ihm erschaffenen schönen neuen Zombie-Welt, so geht durch die Einführung mehrerer intelligenter Zombies doch das Alleinstellungsmerkmal dieser Kreaturen verloren.

Irgendwie konnte mich der Abschluss der Trilogie nicht überzeugen. Ohne zu viel zu verraten: Mael Mag Och steckt mal wieder hinter allem, und er verfolgt immer noch den Plan, die gesamte Menschheit auszurotten. Dabei haben Nilla und die "Quelle" wichtige Rollen zu spielen. Intrigen, Tricks und Täuschungsmanöver unter Zombies? Klingt komisch und wird nicht glaubwürdig rübergebracht. Die Auflösung wirkt herbeigezwungen und führt nicht einmal zu einem befriedigenden Ende. Im Grunde bleibt die Situation unverändert bestehen. Die Trilogie könnte also durchaus noch zu einem Vierteiler werden... (17.12.2012)


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545
Luzifers Hammer Larry Niven / Jerry Pournelle: Luzifers Hammer
Deutscher Bücherbund, 1980
675 Seiten, gebunden

Tim Hamner, wohlhabender Firmenerbe und Hobby-Astronom, entdeckt zeitgleich mit einem Teenager namens Brown einen neuen Kometen, der sich der Sonne nähert und schon bald, wie Fachleute zunächst annehmen, nahe an der Erde vorbeifliegen wird. Harvey Randall ist Reporter und wittert eine große Story. Er produziert eine mehrteilige Fernsehdokumentation über den Hamner-Brown-Kometen, so dass bald alle Welt über dessen Ankunft informiert ist. Das öffentliche Interesse ist so groß, dass in kürzester Zeit ein amerikanisch-russisches Raumfahrtprojekt zur Beobachtung des Kometen auf die Beine gestellt wird. Die vier Astronauten liefern neue, präzisere Messdaten aus dem Erdorbit. So wird klar, dass die Wahrscheinlichkeit eines Kometeneinschlages auf der Erde deutlich höher ist als bisher gedacht. Als diese Nachricht allgemein bekannt wird, beginnen sich viele Menschen durch Hamsterkäufe auf den Katastrophenfall vorzubereiten. Gleichzeitig entstehen neue radikale Sekten, die die Ankunft des Kometen als Strafe Gottes für die Sünden der Menschheit betrachten. Der Komet erhält einen neuen Namen. Man nennt ihn jetzt nur noch den Hammer.

Der Komet tritt in die Erdatmosphäre ein und zerfällt in unzählige Fragmente. Die Astronauten beobachten, wie ein Bombardement unterschiedlich großer Bruchstücke über Land und Meer niedergeht. Gigantische Flutwellen rasen um den Planeten und vernichten zahlreiche Küstenstädte, vor allem auf der Nordhalbkugel. Gewaltige Wassermassen werden in die Atmosphäre geschleudert und gehen als salziger Regen nieder, so dass es auch im Landesinneren zu schrecklichen Flutkatastrophen kommt. Erdbeben und Vulkanausbrüche erschüttern die Kontinente, der Himmel wird durch Gesteinsstaub verdunkelt. Millionen Menschen sterben allein am ersten Tag, weitere fallen den in den folgenden Wochen ausbrechenden Hungersnöten, Seuchen und Unruhen zum Opfer. Die Volksrepublik China und die UdSSR vernichten sich kurz nach dem Hammerfall mit einem nuklearen Schlagabtausch gegenseitig.

Die öffentliche Ordnung in den USA bricht zusammen. Es gibt keine Regierung mehr. Jeder Einzelne ist auf sich selbst gestellt. Niemand ist mehr vor seinen Mitmenschen sicher. Plünderer und Kannibalen durchstreifen das Land. Abgelegene Enklaven wie Senator Jellisons Ranch werden zur belagerten Zuflucht für Überlebende, die sich aus den Trümmern der Großstädte retten konnten. Doch Jellison kann nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Es gibt nicht genug Vorräte, um alle über den nahenden Winter zu bringen - und das ist nur der Vorbote einer neuen Eiszeit...

Dieser im Jahre 1978 für den Hugo-Award nominierte Roman (gewonnen hat "Gateway" von Frederik Pohl) zeichnet ein glaubwürdiges und recht düsteres Weltuntergangs-Szenario, das zwar nicht ganz ohne Zombies auskommt - hier übernehmen technikfeindliche Religionsfanatiker mit Appetit auf Menschenfleisch die Rolle der Untoten - in dem ansonsten aber auf Realismus gesetzt wird. Das Schicksal einer ganzen Reihe von Hauptfiguren wird über einen längeren Zeitraum hinweg verfolgt. Das sind nicht nur Hamner und Randall, sondern ein ganzes Ensemble der verschiedensten Typen. Dazu gehören neben den genannten positiven Figuren auch Antagonisten wie der Chef einer Plündererbande, sowie ziemlich skurrile Gestalten wie ein Briefträger, der sich sogar inmitten des postapokalyptischen Chaos noch mehr um die Post sorgt als um das eigene Wohlergehen.

Die Autoren nehmen sich viel Zeit für die Exposition. Der Figurenzeichnung wird große Aufmerksamkeit gewidmet, auch die Beschreibung des Kometen, der Apollo-Sojus-Mission usw. nimmt breiten Raum ein. So dauert es recht lange, für meinen Geschmack etwas zu lange, bis der Hammer endlich fällt. Andererseits wird es dadurch möglich, sich mit den Figuren zu identifizieren und ihre unterschiedlichen Reaktionen auf den Hammerfall zu verstehen. Die unmittelbare Katastrophe und ihre Auswirkungen haben es dann aber wirklich in sich. Den Autoren gelingen packende Kapitel, in denen vor drastischer Gewaltdarstellung nicht zurückgeschreckt wird. Wenn es ums nackte Überleben geht, bleiben Menschlichkeit und Nächstenliebe auf der Strecke, und viele Überlebenden nutzen die radikal veränderten Verhältnisse gnadenlos zum eigenen Vorteil aus - so mancher hat den Weltuntergang geradezu herbeigesehnt, um aus seinem alten Leben ausbrechen zu können. Selbst die "Guten" sind gezwungen, schreckliche Dinge zu tun, um zu überleben. Als die Konflikte in einem furiosen Entscheidungskampf kulminieren, setzen Jellisons Leute rücksichtslos Nervengas ein. Sie hatten natürlich keine andere Wahl, dennoch müssen sie sich fragen, inwieweit sie sich eigentlich von ihren Feinden unterscheiden.

Das Finale fällt vielleicht etwas zu optimistisch aus. Es scheint auszureichen, ein Atomkraftwerk und eine Bibliothek mit medizinisch-technisch-landwirtschaftlicher Fachliteratur zu retten - schon können die Überlebenden darangehen, eine neue Zivilisation aufzubauen. Der eine oder andere meint sogar, man könne bald andere Planeten besiedeln, um dem nächsten Kometeneinschlag zu entgehen. Das ist dann doch wieder mehr Fiction als Science.

Leider lässt der Stil oft sehr zu wünschen übrig. Das liegt hauptsächlich an der holprigen und stellenweise schlicht falschen Übersetzung. Der Übersetzer tappt in diverse Fallen - siehe Wikipedia-Artikel "Falscher Freund". Hinzu kommen unzählige Satzfehler: Fehlende Buchstaben, Worte und Interpunktion... (05.12.2012)


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544
Das große Hobbit-Buch J.R.R. Tolkien / Douglas A. Anderson: Das große Hobbit-Buch
Klett-Cotta, 2012
418 Seiten, gebunden

Passend zum baldigen Kinostart des ersten "Hobbit"-Films werden natürlich gleich wieder einige Neuausgaben von Tolkiens Kinderbuch-Klassiker auf den Markt geworfen. "Das große Hobbit-Buch" ist hierbei etwas Besonderes, weil nicht nur der eigentliche Roman enthalten ist, sondern auch Anmerkungen, Hintergrundinformationen, Erläuterungen und ergänzende Artikel von Douglas A. Anderson, außerdem zahlreiche Gemälde von Tolkien selbst (teils farbig) und von anderen Künstlern. Das Buch beginnt mit einer Einleitung über Tolkien, sein Werk und die Veröffentlichungsgeschichte des Hobbit. Zum Roman selbst muss ich wohl nichts mehr sagen. Die Geschichte vom Hobbit Bilbo Beutlin, dem Zauberer Gandalf und Thorin Eichenschilds Zwergengesellschaft, von der Reise zum Einsamen Berg, vom Ringfund und vom Kampf gegen den Drachen Smaug dürfte allgemein bekannt sein. Wer die Story noch nicht kennt, wird sie spätestens am 13. Dezember 2012 kennenlernen, wenn der Film in die Kinos kommt. Anzumerken ist lediglich, dass der Text in der Neuübersetzung von Wolfgang Krege vorliegt. Man kann sie zwar als die bessere der beiden Übersetzungen bezeichnen - in der älteren Scherf-Übersetzung fehlen einige Textstellen (Lieder) - aber perfekt ist sie keineswegs. So wirkt es zum Beispiel etwas merkwürdig, dass "Sie" als förmliche Anrede verwendet wird, und dass einige allzu moderne Begriffe vorkommen.

Die Anmerkungen (Text in blauer Farbe) lassen kaum eine Frage offen. So wird erläutert, welchen Ursprung die Personen und Orte im Hobbit wahrscheinlich haben, d.h. wo Tolkiens Ideen herkommen. Wenn Gedichte, Sagen und dergleichen als Inspirationsquelle Tolkiens angenommen werden bzw. wenn interessante Parallelen zu anderen Werken erkennbar sind, dann ist der entsprechende Text vorhanden, und zwar teils im englischen Original mit deutscher Übersetzung. Anhand der Anmerkungen kann man gut nachverfolgen, wie sich Tolkiens eigene Einstellung zum Hobbit verändert hat. Nicht nur Namen wurden in späteren Auflagen verändert, sondern auch ganze Handlungsabschnitte, um Widersprüche zum Herrn der Ringe auszuräumen. Es wird sogar auf kleine Details eingegangen, zum Beispiel auf die Frage, ob Elben denn nun spitze Ohren haben oder nicht. Die Anmerkungen sind zweifellos hochinteressant, aber beim Lesen des Romans stören sie, denn man wird ständig aus dem Erzählfluss herausgerissen. Am besten liest man zuerst nur den Roman, danach die Anmerkungen.

Hinzu kommen mehrere Anhänge. "Die Fahrt zum Erebor" ist eine Kurzgeschichte, in der Gandalf erklärt, wie es überhaupt zu seinem Besuch bei Bilbo gekommen ist, wo er Schlüssel und Karte gefunden hat und so weiter. Zweifellos wird ein Teil davon in die Hobbit-Verfilmung einfließen. Neben einer kurzen Erläuterung zur von Tolkien für Thrors Karte verwendeten Runenschrift und einer umfangreichen Bibliografie (Tolkiens eigene Werke sowie Sekundärliteratur) wird das Buch durch ein Nachwort von Lisa Kuppler zu den beiden Hobbit-Übersetzungen abgerundet.

Leider hat das Buch einen großen Mangel. Ein ganzer Textabschnitt fehlt! Ich habe dem Verlag eine Mail geschrieben und prompt ein Einlegeblatt mit dem fehlenden Text per Post erhalten (28.11.2012)

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543
Die Dunkle Königin George R. R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer 8 - Die dunkle Königin
Blanvalet, 2006
606 Seiten

Cersei Lannister fühlt sich von ihrem Bruder Tyrion bedroht, der nach dem Mord an ihrem Vater Tywin spurlos verschwunden ist. Cersei glaubt, damit bewahrheite sich eine Prophezeiung, die ihr vor vielen Jahren von einer Maegi aus dem Osten gemacht wurde. Die Blutmagierin hatte damals außerdem behauptet, eine jüngere Königin werde Cersei einst alles nehmen. Cersei ist deshalb sicher, dass Margaery Tyrell - Joffreys Witwe und Tommens Frau - an ihrem Sturz und an Tommens Ermordung arbeitet. Cersei versucht Margaery als Häretikerin und Hochverräterin hinzustellen und setzt ihren Bruder Ser Loras Tyrell außer Gefecht, indem sie seine Gier nach Ruhm ausnutzt. Sie schickt ihn in eine Schlacht, in der er erwartungsgemäß schwer verwundet wird. Cersei begeht jedoch einen schweren Fehler, als sie versucht, sich die zunehmende Religiosität der Bevölkerung zunutze zu machen. Infolge der Kriegswirren suchen viele Menschen Zuflucht im Glauben an die Sieben Götter, was Cersei sehr gelegen kommt. Sie genehmigt den Wiederaufbau eines schon vor langer Zeit verbotenen Ordens von Glaubenskriegern und erkennt nicht, dass sie ihre eigene Autorität schwächt, wenn sie die Macht der Septone stärkt. Das wiederum kommt Petyr Baelish zupass. Der neue Lord der Eyrie plant, Sansa mit einem Erben König Robert Baratheons zu verheiraten, sobald Cersei aus dem Weg geräumt ist.

Stannis Baratheon erhebt immer noch Anspruch auf die Königswürde, außerdem leisten die Tullys von Riverrun hartnäckig Widerstand. Jaime Lannister bemüht sich persönlich um die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung im zerfallenden Königreich, aber vom Westen her greifen die von Euron Greyjoy angeführten Eisenmänner an und vom Süden droht neues Unheil. Doran Martell von Dorne hat zwar die Intrige seiner Tochter Arianne durchkreuzt (Myrcella, Cerseis Tochter, hat dabei eine entstellende Gesichtsverletzung erlitten), strebt aber nach Rache für den Mord an seiner Schwester durch Gregor Clegane, einen Gefolgsmann der Lannisters, mit denen er sich nur zum Schein verbündet hat. Zur Verwirklichung ihrer Pläne streben Doran Martell und Euron Greyjoy unabhängig voneinander danach, die in Essos aufgetauchten Drachen in ihren Besitz zu bringen. Gleichzeitig treiben Geächtete, Gesetzlose und Überreste zerschlagener Heere in ganz Westeros ihr Unwesen. Einige haben sich in der Bruderschaft ohne Banner zusammengeschlossen. Unter der Leitung der von den Toten auferstandenen Catelyn Stark töten sie jeden, von dem sie glauben, dass er sich am einfachen Volk vergangen oder auf andere Weise gesündigt hat. Brienne von Tarth, immer noch auf der Suche nach Catelyns Töchtern, fällt der Bruderschaft in die Hände.

Maester Aemon, mit Samwell Tarly und der Wildlingsfrau Goldy unterwegs zur Citadel in Oldtown, hat von der Existenz der Drachen erfahren. Er glaubt, Daenerys Targaryen sei die prophezeite Königin, die Westeros vor der im Norden jenseits der Mauer lauernden Bedrohung retten könne. Nach Aemons Tod ist es Sams Aufgabe, die Erzmaester der Citadel hiervon zu überzeugen. Doch noch sitzen Sam und Goldy in Braavos fest, denn ihnen ist das Geld ausgegangen. In Braavos begegnet Sam einem Mädchen namens Cat. Er ahnt nicht, dass er Arya Stark gegenübersteht, die von den "Männern ohne Gesicht" aufgenommen wurde und nun versucht, selbst zu einer Assassinin zu werden...

Um der Story der Romane aus dem Zyklus "Das Lied von Eis und Feuer" gerecht zu werden, müsste ich eigentlich mindestens doppelt so lange Handlungszusammenfassungen schreiben, denn das Geflecht aus Bündnissen, Feindschaften, wechselnden Machtverhältnissen usw. wird immer komplexer, gleichzeitig kommen immer neue Haupt- und Nebenfiguren hinzu, deren Namen man sich eigentlich merken müsste. Mir gelingt das nicht immer, und wenn, dann bedeutet das, dass ich die betreffende Figur entweder überhaupt nicht mag oder ins Herz geschlossen habe. Man sollte aber vorsichtig sein, wen man lieb gewinnt oder hasst, denn bei George R. R. Martin gibt es selbst für Hauptfiguren keine Sicherheit, und der Sieg "der Guten" ist nicht garantiert. Von Gut und Böse kann man aufgrund des Realismus der Serie bekanntlich sowieso nicht sprechen. Natürlich gibt es durchaus viele eindeutig positiv und negativ besetzte Figuren, aber erstere haben meist eine dunkle Seite oder tun Dinge, die sich negativ auswirken, und letztere handeln meistens zumindest aus nachvollziehbaren Gründen. Das gilt selbst für Cersei, deren Machtgier der Angst um ihre Kinder entspringt. Ebenso wie Band 7 ist auch Band 8 hauptsächlich von Politik und Intrigen geprägt, aber sich darüber zu beklagen, würde Jammern auf hohem Niveau bedeuten!

Spätestens seit der "Roten Hochzeit", die zum Untergang des Hauses Stark geführt hat, ist der Grundton der Romane sehr düster. Das ist diesmal nicht anders, schon wegen des Todes wichtiger Handlungsträger. Tatsächlich frage ich mich, ob überhaupt ein gutes Ende möglich sein kann! Westeros liegt nach den Kriegswirren am Boden. Die Staatskassen sind leer, ganze Fürstentümer wurden verheert, und am Ende des Romans fällt selbst in den südlichen Regionen Schnee, so dass die Ernten verderben - der Winter kommt also tatsächlich. Hinzu kommen Horror-Elemente wie der Catelyn-Zombie und die düsteren Machenschaften von Ex-Maester Qyburn, der sich in Cerseis Auftrag mit der Erschaffung eines unüberwindlichen Kämpfers beschäftigt. Dazu braucht er Nachschub an menschlichen Opfern. Daran besteht unter Cerseis Regentschaft kein Mangel. Offenbar zimmert er so etwas wie Frankensteins Monster zusammen. Das wird nur angedeutet, wirkt deshalb aber nur umso gruseliger.

George R. R. Martins Romane werden in Deutschland immer gesplittet. Band 7 und 8 bilden eigentlich eine Einheit. Die Aufteilung in zwei Bände war noch nie so auffällig wie diesmal. Im ersten Kapitel von Band 7 wird ein Novize der Citadel namens Pate getötet. Im letzten Kapitel von Band 8 lernt Sam diesen Novizen kennen. Wie kann das sein? Nun, mir ist dieser scheinbare Widerspruch zuerst gar nicht aufgefallen, dieses Detail aus Band 7 habe ich mir nicht gemerkt. Jetzt ist mir klar, dass Sam wahrscheinlich einem Assassinen aus Braavos begegnet ist. Diesmal geht der Autor aber noch einen Schritt weiter, denn in Band 7/8 wird nur die Geschichte der Hälfte der bis Band 6 eingeführten Hauptpersonen weitergeführt. Daenerys, Tyrion und Bran - um nur die drei wichtigsten zu nennen - spielen überhaupt keine Rolle. Ihnen widmet sich Martin in Band 9/10. Das führt zu dem nicht ganz so schönen Effekt, dass einiges nur nebenbei angesprochen wird (z.B. der Tod einer weiteren Hauptfigur), worüber ich gern mehr gelesen hätte. (21.11.2012)


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542
Der Schut Karl May: Der Schut
Kindle Edition

Kara Ben Nemsi und seine Begleiter liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit Barud el Amasat, Manach el Barscha, den Aladschy-Brüdern und anderen Mitgliedern der Schut-Bande, deren Oberhaupt sie unschädlich machen wollen. Zunächst findet der Mübarek seine gerechte Strafe in den Armen eines Bären, der danach von Kara Ben Nemsi erlegt wird. In der Teufelsschlucht sollen die Gefährten wieder einmal in eine Falle gelockt werden, doch sie können ihre Widersacher überwinden. Manach el Barscha stürzt dabei in die Schlucht. Barud el Amasat erleidet das gleiche Schicksal im Zweikampf mit Osko, dessen Rachedurst damit befriedigt ist. Eine weitere Falle erwartet die Gefährten beim Köhler Scharka, einem Gefolgsmann des Schut. Scharka lockt immer wieder arglose Reisende in die so genannte Juwelenhöhle. Dort finden seine Opfer aber nicht die versprochenen Edelsteine, sondern den Tod. Scharka erpresst Lösegeld von ihnen und lenkt dann Rauch in die Höhle, so dass die Eingeschlossenen ersticken müssen. Kara Ben Nemsi erfährt, dass ein neues Opfer bereits auf dem Weg ist. Es handelt sich um einen englischen Lord namens Sir David Lindsay! Kara Ben Nemsi setzt alles daran, seinen alten Freund zu retten. An Lindsays Stelle werden der Köhler und dessen Spießgesellen eingesperrt.

Kara Ben Nemsi erfährt außerdem, dass der Schut ein in Rugowa wohnhafter persischer Pferdehändler namens Kara Nirwan ist. In seinem Geheimversteck, einem alten Wachturm, hält der Schut den Skipetaren Stojko und den reichen französischen Händler Henri Galingre gefangen. Letzterer ist der Vater des von Hamd el Amasat ermordeten Paul Galingre. Der Mörder ist derselbe Mann, der später Omar Ben Sadeks Vater erschossen hat. Hamd el Amasat ist nun dabei, die Familie des Franzosen ins Verderben zu locken. In Rugowa angekommen, beschuldigt Kara Ben Nemsi den Schut in aller Öffentlichkeit. Doch Kara Nirwan ist einflussreich und beliebt, außerdem gibt es keinen Beweis für seine Missetaten. Kara Ben Nemsi muss in den Wachturm vordringen, um die Geiseln zu befreien und somit den Schut zu überführen. Doch im Verlies wartet so manche Überraschung auf uneingeweihte Eindringlinge...

Alle Verbrecher finden im letzten Band des Orient-Zyklus ihre gerechte Strafe. Endlich wird auch der in Durch die Wüste beschriebene Mord aufgeklärt, so dass der Kreis sich schließt. Am Ende trennen sich die Wege der Gefährten. Kara Ben Nemsi kehrt nach Deutschland zurück. Hadschi Halef Omar schreibt ihm einige Zeit später einen Brief, und damit endet der Roman. So ist es jedenfalls in der Kindle Edition, die der Zeitschriftenfassung entspricht. Bekanntlich wurden Karl Mays Reiseromane zuerst als Fortsetzungsgeschichten in mehreren Jahrgängen der Zeitschrift "Der Deutsche Hausschatz in Wort und Bild" veröffentlicht. Die spätere Buchausgabe geht nach Halefs Brief noch weiter. In den zusätzlichen Kapiteln wird erzählt, wie Kara Ben Nemsi und Sir David Lindsay nach Jahren noch einmal zu den Haddedihn reisen. Natürlich werden sie prompt in ein neues Abenteuer verwickelt, in dessen Verlauf sie mit alten Feinden (den Bebbeh-Kurden aus Von Bagdad nach Stambul) zusammentreffen. Rih wird getötet. Am Ende erfährt man, dass Halef Scheik der Haddedihn werden soll.

Zu den Romanen des Orient-Zyklus habe ich ja in meinen bisherigen Kommentaren schon so einiges geschrieben. Im letzten Band werden im Grunde nochmal alle Elemente verwendet: Die Gefährten sollen in Hinterhalte gelockt werden, aber Kara Ben Nemsi erfährt vorher davon, woraufhin er die Bedrohung mehr oder weniger im Alleingang beseitigt. Er bemüht sich aber immer, seine Feinde zu schonen. Halef schwingt große Reden und die Nilpferdpeitsche. Ehrliche, intelligente oder auch nur saubere Bewohner des Orients sind die Ausnahme, meistens handelt es sich dann um Christen. Aber wie dem auch sei: Der Orient-Zyklus ist ein großes, farbenprächtiges Abenteuer mit viel Spannung und Humor. Die recht dialoglastigen Romane mögen ein antiquiertes Weltbild und die blühende Phantasie Karl Mays widerspiegeln, aber keineswegs die tatsächlichen Verhältnisse in den von Kara Ben Nemsi bereisten Ländern, dennoch habe ich mich wunderbar unterhalten gefühlt.

Der Text ist urheberrechtsfrei, kann im Internet gelesen werden (z.B. Projekt Gutenberg) und ist kostenlos als E-Book erhältlich. (15.11.2012)


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541
Haut Mo Hayder: Haut
Goldmann, 2011
384 Seiten

Detective Inspector Jack Cafferys letzter Fall gilt offiziell als abgeschlossen, doch Caffery sieht das anders. Er fühlt sich vom "Tokoloshe" verfolgt, einem missgebildeten Wesen, das etwas mit der Serie bizarrer Ritualmorde zu tun haben muss, deren Hintermänner Caffery gerade erst dingfest gemacht hat. Diese Kreatur scheint sich auch für mehrere Selbstmordopfer zu interessieren, die in der Umgebung von Bristol gefunden worden sind. Um mehr über den Tokoloshe herauszufinden, mischt sich Caffery in die diesbezüglichen Ermittlungen ein, obwohl er gar nicht dafür zuständig ist. Darüber vernachlässigt er seine aktuellen Pflichten, denn er sollte eigentlich das Verschwinden der Fußballergattin Misty Kitson aus einer Schönheitsklinik aufklären. Immerhin kann Caffery bald beweisen, dass die vermeintlichen Selbstmorde in Wahrheit Morde waren. Alle Opfer haben in irgendeiner Beziehung zur selben Klinik gestanden, in der Misty Kitson zuletzt lebend gesehen wurde.

Im Fall der Polizeitaucherin Phoebe Marley, genannt Flea, ist es genau umgekehrt. Ihr Team wird mit der Spurensuche in den Selbstmordfällen betraut. Flea entdeckt keine neuen Hinweise in dieser Angelegenheit, aber sie findet heraus, was mit Misty Kitson wirklich geschehen ist. Ihr Bruder Thom hat die junge Frau in jener Nacht überfahren, als er betrunken mit Fleas Wagen unterwegs war. Die Leiche liegt seit Tagen im Kofferraum. Um Thom zu schützen, verheimlicht Flea den Unfall. Sie packt die Tote auf Eis und beginnt mit der Beseitigung aller Spuren. Sie will die Leiche am Unfallort deponieren. Es soll so aussehen, als sei Misty Kitson von einem Unbekannten angefahren worden. Doch jemand hat den Unfall beobachtet. Ruth Lindermilk, eine eigenbrötlerische Tierschützerin, observiert ausgerechnet den betreffenden Abschnitt der Straße, weil dort immer wieder Tiere unter die Räder kommen. Ruth Lindermilk hat Thom fotografiert und erpresst Flea, denn sie braucht dringend Geld für eine Schönheitsoperation...

"Haut" bildet den Mittelteil der "Walking Man - Trilogie". Genau wie beim ersten Band dieser Trilogie (Ritualmord) gilt auch diesmal, dass man die beiden älteren, nicht zur Trilogie gehörenden Romane Der Vogelmann und Die Behandlung kennen muss, um zu verstehen, was für eine ambivalente Figur Caffery ist und von welchen inneren Dämonen er umgetrieben wird. Eigentlich haben wir es also mit einem fünfteiligen Romanzyklus zu tun.

Außerdem ist "Haut" ein typischer Mittelteil, denn er schließt fast übergangslos an "Ritualmord" an und hat kein richtiges Ende, obwohl die vermeintlichen Selbstmorde aufgeklärt werden. Erneut treibt ein Serientäter sein Unwesen. Er hat es auf die Haut seiner Opfer abgesehen, die er sich auf recht ungewöhnliche Weise aneignet. Aber dieser Mörder bzw. seine Taten stehen in "Haut" zunächst einmal gar nicht im Mittelpunkt. Mo Hayder macht sich nicht einmal die Mühe, die Motivation des Hautsammlers näher zu beleuchten. Die Ermittlungen finden nur nebenbei statt, während Caffery vom Tokoloshe heimgesucht wird und während Flea nicht nur eine verwesende Leiche am Hals hat, sondern sich auch noch mit der intriganten Freundin ihres Bruders herumschlagen muss. Erst im letzten Drittel des Romans konzentriert sich die Handlung doch noch auf die Jagd nach dem Serientäter, um dann etwas abrupt mit einer herbeigezauberten Auflösung und einer überhasteten Abservierung des Mörders zu enden. Dann begegnen wir endlich dem wahren Tokoloshe, der natürlich keineswegs ein Dämon oder sonst irgendein übernatürliches Wesen ist. Wahrscheinlich wird erst im dritten Teil der Trilogie ("Verderbnis") erzählt, warum sich der Tokoloshe plötzlich als Retter in der Not erweist, ob Flea mit heiler Haut aus der Sache herauskommt, und aus welchem Grund der Walking Man immer wieder als allwissendes Orakel in die Handlung eingebaut wird.

Mehr als der holprige Handlungsaufbau stört die unglaubliche Dummheit, mit der sich die beiden Hauptpersonen ständig von allen möglichen Leuten austricksen lassen. Es würde den Rahmen dieses Kommentars sprengen, alles aufzuzählen. Jedenfalls erhält man nicht den Eindruck, man habe es mit professionellen oder wenigstens routinierten Polizisten zu tun! Auf der Habenseite ist die düstere Stimmung zu verbuchen. Besonders gewalttätig geht's diesmal aber nicht zur Sache, wenn man von der einen oder anderen Obduktion und der Beschreibung von Misty Kitsons Leiche absieht. Mo Hayder bleibt dabei wie immer sachlich, nimmt jedoch kein Blatt vor den Mund. "Haut" ist durchaus nicht langweilig, aber am Ende bleiben einfach zu viele Fragezeichen übrig - mal sehen, ob der nächste Roman die Handlung wenigstens zu einem akzeptablen Abschluss bringt. (07.11.2012)


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540
Abarat 2 Clive Barker: Abarat - Tage der Wunder, Nächte des Zorns
Heyne, 2007
574 Seiten

Candy Quackenbush und ihr neuer Gefährte, die Gesh-Ratte Malingo, fliehen vor den Häschern Christopher Carrions durch die Inselwelt des Abarat. Otto Houlihan ist Candy stets dicht auf den Fersen. Schließlich werden die Gefährten getrennt und es gelingt Houlihan, das Mädchen in die Enge zu treiben. Doch in dieser ausweglosen Situation entwickelt Candy unerwartete magische Kräfte, denen Houlihan nichts entgegenzusetzen hat. Der Kopfgeldjäger wird getötet. Doch damit ist Candys Flucht noch lange nicht zu Ende. Letheo, ein gestaltwandlerischer Junge in Carrions Diensten, lockt Candy in eine Falle, obwohl er sich zu ihr hingezogen fühlt. Selbst Diamanda, eine der drei Zauberinnen der Fantomaya, kann Candy nicht beschützen und verliert ihr Leben. Carrion glaubt, Candy sei das letzte Hindernis zwischen ihm und seinem großen Ziel. Gemeinsam mit seiner Großmutter, der grausamen Mater Motley, will er die Welt des Abarat zerstören, um sie nach seinen Vorstellungen neu erschaffen zu können. Doch er zögert, das Mädchen einfach zu töten, denn in sich trägt sie die Seele seiner großen Liebe, der Prinzessin Boa.

Malingo verbündet sich mit einigen alten Bekannten Candys, denen es endlich gelungen ist, Finnegan Hob aufzuspüren. Dieser unüberwindliche Kämpfer und Bräutigam Prinzessin Boas hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Drachen zu vernichten, denn eines dieser Wesen hat die Prinzessin am Tag der Hochzeit in Carrions Auftrag ermordet. Gemeinsam wollen Finnegan Hob, Malingo und die anderen Candy retten. In der Zwischenzeit reist Diamandas Geist ins "Hernach", um die Menschen vor einer unmittelbar bevorstehenden Flutkatastrophe zu warnen. Die Grenzen zwischen dem Abarat und der Menschenwelt sind durchlässig geworden - auch für das Izabella-Meer…

Meinem Kommentar zum ersten Abarat-Roman habe ich nur wenig hinzuzufügen. Für den zweiten Band (geplant sind fünf) gilt noch mehr als für den ersten: Der Weg ist das Ziel! Nach der Lektüre ist man mehr oder weniger genauso schlau wie zuvor. Schließlich ist die große Enthüllung dieses Romans - die Sache mit Prinzessin Boas Seele - für den Leser keine Neuigkeit mehr. Das ist schon im ersten Roman klar geworden. Christopher Carrion ist mit seinen Plänen nicht entscheidend weiter vorangekommen. Einige seiner Handlanger wurden getötet, die von ihm herbeigerufenen dunklen Mächte brüten weiter im Verborgenen, sein eigenes Schicksal bleibt am Schluss des Romans unklar. Mater Motley nimmt seinen Platz ein, so dass die Bedrohung im Prinzip dieselbe bleibt. Die Handlung schwappt zwar im wahrsten Sinne des Wortes vom Abarat in die Menschenwelt, aber selbst das bleibt ohne entscheidende Konsequenzen - am Ende nehmen alle Figuren so ziemlich genau dieselben Positionen ein wie am Anfang.

Der Roman dreht sich also einmal im Kreis, aber die Erzeugnisse der überbordenden Phantasie Clive Barkers sind derart faszinierend, dass er dennoch definitiv lesenswert ist. Viele Schwarzweiß-Illustrationen und der bereits im ersten Band veröffentlichte farbige "Reiseführer" runden das Erlebnis ab. Candy besucht neue Inseln des Abarat, so dass der Leser deren Eigenheiten und ihre meist wieder sehr bizarren Bewohner kennenlernt. Oft weicht Barker von der eigentlichen Handlung ab, um Geschichten über diese Bewohner zu erzählen. Die sind für den Roman zwar vielleicht nicht relevant, verleihen der Fantasy-Welt aber mehr Tiefe. Die Wunder des Abarat sind nicht immer angenehmer Natur, und so dürfen sich erwachsene Leser über viele düstere Kapitel freuen, werden aber womöglich wegen des Stils irritiert sein. Eigentlich ist dies kein Kinder- oder Jugendbuch, aber die Sprache wirkt manchmal kindlich, und zwar auch dann, wenn es nicht um Candy geht. Selbst sie ist ja im Grunde kein Kind mehr... (30.10.2012)


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539
Tintentod Cornelia Funke: Tintentod
Cecilie Dressler Verlag, 2007
761 Seiten, gebunden

Staubfinger hat sich geopfert, um Farid zu retten. Meggie und ihre Eltern sowie Fenoglio sind nicht in die reale Welt zurückgekehrt. Auch Orpheus ist in der Tintenwelt geblieben. Er arbeitet für den Hänfling, der seit dem Tod des Speckfürsten als Statthalter seines Schwiegervaters, des Natternkopfes, über Ombra herrscht. Orpheus hat Farid mit dem Versprechen in seine Dienste gezwungen, Staubfinger aus dem Reich der Toten zurückzuholen. Orpheus besitzt die Gabe, Fenoglios Worte aus dem Buch "Tintenherz" einzusetzen, um die Geschichte der Tintenwelt zu seinen eigenen Gunsten umzuschreiben. So wird er schon bald zum reichsten Mann der Stadt, aber es gelingt ihm nicht, Staubfinger wieder zum Leben zu erwecken. Fenoglio hat dem nichts entgegenzusetzen, denn die Inspiration hat ihn verlassen. Er bringt keine einzige vernünftige Zeile mehr zu Papier.

Das Volk wird vom Hänfling ausgequetscht, der die Steuern verprasst. Die Räuber des Schwarzen Prinzen versuchen den Menschen zu helfen. Ihnen zur Seite steht der legendäre Eichelhäher, in Wahrheit Mortimer Folchart, Meggies Vater. Der Hass lässt ihn zum unüberwindlichen Kämpfer werden. Das bleibt seiner schwangeren Frau Resa nicht verborgen. Sie möchte in die reale Welt zurückkehren, doch Mo verliert sich immer mehr in der Rolle des heldenhaften Räubers. Eines Tages geht Mo der Tochter des Natternkopfes in die Falle. Violante will den Eichelhäher aber nicht ausliefern, stattdessen schlägt sie ihm einen Pakt gegen den Natternkopf vor. Dieser ist zwar unsterblich, seit Mo ein magisches Buch für ihn gebunden hat, aber Mo muss nur drei geheime Worte in das Buch schreiben, um den Natternkopf zu töten.

Dieselbe Forderung stellt der Tod höchstpersönlich an Mo, als sich der Buchbinder in dessen Reich begibt, um Staubfinger zurückzuholen. Im Gegensatz zu Violante hat der Tod ein Druckmittel in der Hand, das Mo nicht ignorieren kann. Sollte er es nicht schaffen, das widernatürliche Leben des Natternkopfes zu beenden, dann muss nicht nur Mo sterben, sondern auch Meggie...

Der dritte und letzte Teil der Trilogie ist der erwachsenste von allen, außerdem findet die Handlung fast vollständig in der Tintenwelt statt. Das sind große Pluspunkte, die den Roman in meinen Augen zum stärksten der Trilogie machen. Der Ton ist durchweg so düster, dass ich mich bis zum Schluss gefragt habe, wie die Autorin wieder aus der Nummer herauskommen will! Im Bemühen, die Guten in eine aussichtslose Situation nach der anderen zu bringen, schießt sie ein wenig übers Ziel hinaus, so dass mich die vielen Rettungen in letzter Sekunde irgendwann nicht mehr so richtig überzeugt haben. Orpheus sowie der Natternkopf und dessen Schergen sind aber derart gut gelungene Gegenspieler, dass ich das verschmerzen kann. Die Bösen sind so richtig schön fies - jeder auf seine ganz eigene Weise. Orpheus macht sich besonders unbeliebt. Diesem schmierigen, eigensüchtigen Typen hätte ich ein ganz anderes Schicksal zugedacht als Cornelia Funke. Ohne zu viel zu verraten, kann ich sagen, dass der Roman zwar abgeschlossen ist, aber doch noch Raum für eine Fortsetzung lässt!

Der Plagiator Orpheus verhunzt Fenoglios Schöpfung, Fenoglio versinkt in Selbstmitleid, Mo steckt tief in einer Identitätskrise, der Natternkopf mutiert zu einer Art Zombie, Motorla hat ein gelungenes Comeback, Resa wird ungewöhnlichen Wandlungen unterworfen, Meggie ist zwischen zwei Männern hin- und hergerissen, Violante spielt ihr eigenes Spiel, das einfache Volk hat unter den Eskapaden der Herrscher zu leiden, die Räuber spielen Robin Hood, Elinor und Darius wechseln in die Tintenwelt über, Staubfinger kehrt von den Toten zurück, ausgestattet mit ganz neuen Fähigkeiten. Er ist übrigens nicht die einzige bekannte Figur, deren Tod nicht endgültig bleibt... All diese Verwicklungen, Intrigen und Wendungen sorgen dafür, dass sich die Story im Mittelteil ein wenig zieht. Durch das Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem die Bösewichte unseren Helden immer einen Schritt voraus zu sein scheinen, wird das aber wieder ausgeglichen. Außerdem bringt die Autorin immer wieder überraschende Ideen ein und führt die Protagonisten an neue, meist recht finstere Schauplätze. Mit Gewalt wird nicht gegeizt, Tod und Verzweiflung lauern an jeder Ecke. Trotz leichter Längen ist "Tintentod" ein fesselndes, in sich stimmiges Stück Fantasy, dessen morbide Thematik mich angenehm überrascht hat. (24.10.2012)


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538
Durch das Land der Skipetaren Karl May: Durch das Land der Skipetaren
Kindle Edition

Kara Ben Nemsi macht den Mübarek unschädlich, indem er den angeblichen Heiligen als Betrüger und Mitglied der Schut-Bande entlarvt. Der alte Sünder flieht mit den anderen, von Kara Ben Nemsi verfolgten Bandenmitgliedern, und sinnt auf Rache. Die Aladschy, zwei berüchtigte Skipetaren, sollen den Deutschen und dessen Begleiter ermorden. Es gelingt Kara Ben Nemsi jedoch, die Verbrecher zu überlisten. Durch einen Taschenspielertrick bringt er sich und seine Gefährten in den Ruf, kugelfest zu sein. In Verkleidung schleicht er sich bei den Aladschy ein, die einen Angriff aus dem Hinterhalt planen. Im Kampf gegen die hünenhaften Skipetaren bleibt Kara Ben Nemsi siegreich, verstaucht sich jedoch den Knöchel, wodurch er während der nächsten Tage stark eingeschränkt wird. Er fertigt sich einen Gipsverband an und sorgt damit beim Arzt Tschefatasch in Radowitsch, dem diese Behandlungsmethode bisher völlig unbekannt war, für eine medizinische Revolution.

Kara Ben Nemsi und seine drei Freunde werden vom Fleischer Tschurak in eine Falle gelockt. Sie werden in einer Schluchthütte eingeschlossen und sollen dort verschmachten. Sie können sich jedoch befreien. Es kommt zum Schusswechsel. Dabei wird der Mübarek verwundet, Tschurak wird erschossen. Der Bruder des Fleischers, ein Miridit, schließt sich den Banditen an, um Blutrache an Kara Ben Nemsi zu nehmen. Dessen Ziel besteht immer noch darin, den Schut zu finden. Der einzige Hinweis auf den Aufenthaltsort des Schut ist ein Zettel mit einer Geheimschrift, die darauf schließen lässt, dass die Bande einen Treffpunkt namens "Karanorman-Khan" unterhält. Der Schneider Suef soll die Reisegesellschaft dorthin führen. Der Mann ist ein Verräter und führt sie direkt in die nächste Falle. Im Anwesen des reichen Türken Murad Habulam in Kilissely sollen die Gefährten vergiftet werden...

Natürlich entgeht Kara Ben Nemsi auch dem Giftanschlag, schließlich ist er nicht nur kugelfest, sondern hat auch den "Bösen Blick", der ihm jede Schurkerei offenbart und durch den all seine Widersacher vernichtet werden. Jedenfalls glauben das seine Feinde und lassen sich durch Kara Ben Nemsis Hochstapelei (dieser Wesenszug scheint tief in Karl Mays Gedankenwelt verankert gewesen zu sein) regelmäßig ins Bockshorn jagen.

Der fünfte und somit vorletzte Roman des Orient-Zyklus ist in sich geschlossener als der vierte. Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar sind inzwischen ein eingespieltes Team. Sie ergänzen sich prächtig, während Omar Ben Sadek und Osko nur selten was zu tun bekommen. Halef sorgt für viele witzige Szenen, wenn er wieder mal eine großspurige, wohlgesetzte Rede vom Stapel lässt, seiner Nilpferdpeitsche Arbeit gibt oder sich Schabernack ausdenkt, durch den er sich und seine Gefährten nicht selten in neue Gefahren bringt. Wie immer gewinnt Kara Ben Nemsi durch seine Großherzigkeit, Ehrlichkeit und Freigiebigkeit wertvolle neue Freunde und überwindet sogar die Blutrache des Miriditen. Sehr oft wird auf der Überlegenheit der Nordeuropäer gegenüber den Orientalen herumgeritten - diese Textstellen wirken aus heutiger Sicht einigermaßen verstörend! Aber wie dem auch sei: Der Roman macht einfach Spaß, ist spannend und hat mir immer wieder ein Grinsen ins Gesicht gezaubert.

Der Text ist urheberrechtsfrei, kann im Internet gelesen werden (z.B. Projekt Gutenberg) und ist kostenlos als E-Book erhältlich. (15.10.2012)


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537
Schuß und Gegenschuß Jürgen Kehrer: Schuß und Gegenschuß
Grafit-Verlag, 1995
167 Seiten

Mit Wilsberg geht es bergab. Sein Konto hat sich in ein Schwarzes Loch verwandelt, in dem jede Mark, die er für das Aufspüren vermisster Schoßtiere und die Beobachtung untreuer Ehefrauen erhält, auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Sein Büro befindet sich im Vorraum einer Diskothek und sein ganzer Stolz ist ein fünf Jahre alter 286er PC. Bisher durfte Wilsberg bei seiner ehemaligen Sekretärin Sigi wohnen, aber jetzt gibt es Stress mit Sigis Freund, dem Möchtegern-Schriftsteller Fred. Rettung naht von unerwarteter Seite. Drehbuchautor Dieter Pierchowiak verschafft Wilsberg eine Rolle in einer neuen Reality-Fernsehserie. Wilsbergs Fälle werden für den Privatsender Kanal Ultra verfilmt. Der Clou: Wilsberg soll sich selbst spielen. Er ist skeptisch, denn die Fälle sollen mit reichlich Action aufgepeppt werden, aber die Entscheidung wird durch die Aussicht auf eine tägliche Gage von bis zu 500 Mark sowie freie Kost und Logis im Nobelhotel "Schloss Gallizin" erleichtert.

Schon am ersten Drehtag kommt es fast zur Katastrophe. Eine Schießerei wird gedreht, aber Wilsbergs Pistole ist mit scharfer Munition geladen. Schauspieler Karl-Heinz Becher wird angeschossen, wodurch der Drehplan über den Haufen geworfen wird. Bei der nächsten Actionszene geht ein Auto in Flammen auf, der Stuntman wird verletzt. Von seiner alten Flamme Gabi Gottschlich, neuerdings Produktionsassistentin, erfährt Wilsberg, dass das nicht die ersten derartigen Vorfälle waren. Offenbar versucht jemand, die Dreharbeiten zu sabotieren und Kanal Ultra in den Konkurs zu treiben. Produzent Franz Poppelhove möchte jegliches Aufsehen vermeiden und bittet Wilsberg, den Schuldigen zu finden. Wilsberg beginnt hinter den Kulissen zu recherchieren und stößt auf unschöne Verwicklungen. Becher hat dem Regisseur Charly Rommersberger die Frau ausgespannt. Heri Wildkat, Redakteur von Kanal Ultra, will den Sender verlassen, und lässt deshalb mehrere Aufträge platzen. Der Fall erhält eine ganz neue Dimension, als sich im Hotel ein Mord ereignet...

Es ist sicher kein Zufall, dass der sechste Wilsberg-Roman im Filmmilieu spielt, denn er wurde nach der Entstehung des ersten Wilsberg-Fernsehkrimis (Und die Toten lässt man ruhen) veröffentlicht. Und so erwähnt Wilsberg in diesem Roman selbst, man sage ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit dem damaligen Wilsberg-Darsteller Joachim Krol nach… Ob Jürgen Kehrer ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie Wilsberg? Man möchte es angesichts der ziemlich bissigen Kommentare zum Filmgeschäft fast vermuten. Am Set arbeitet praktisch jeder gegen jeden, die Hauptdarstellerin ist eine zickige Diva, die gesamte Produktion ist ein einziges Chaos und bei der Verfilmung von Wilsbergs Fällen interessiert sich niemand für Realitätsnähe. Action muss sein, damit die Einschaltquoten stimmen! Somit wird in diesem Wilsberg-Roman etwas mehr geschossen, gesprengt und gepoppt als in den bisherigen.

Aber davon abgesehen hat Wilsberg wieder einiges an solider und weniger solider Detektivarbeit zu leisten. Durch den chronischen Geldmangel muss er Jobs annehmen, die er früher mit Verachtung gestraft hätte. Ein entlaufener Hund muss gefunden und eine untreue Ehefrau muss in flagranti erwischt werden. Dabei greift Wilsberg auf nicht ganz legale Methoden zurück. Diese humorvollen Nebenhandlungen haben zwar mit dem Hauptfall nichts zu tun, aber sie dienen der Figurenzeichnung. Und wie immer taucht bei der Lektüre automatisch TV-Wilsberg Leonard Lansink vor meinem geistigen Auge auf, der den sympathischen Loser einfach perfekt verkörpert. So schlecht können die Verfilmungen also doch nicht sein. (08.10.2012)


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536
Nation der Untoten David Wellington: Nation der Untoten
Piper, 2009
383 Seiten

Captain Bannerman Clark ist als diensthabender Offizier der US-Nationalgarde immer als erster vor Ort, wenn sich irgendwo eine Katastrophe größeren Ausmaßes anbahnt. Er wird zu einem Hochsicherheitsgefängnis in der Stadt Florence, Colorado, gerufen. Dort haben sich zahlreiche Gefangene und Wärter in tobende Kannibalen verwandelt. Zunächst geht Clark von einer Krankheit aus, aber alle Untersuchungen führen zum selben erschreckenden Ergebnis. Die Infizierten sind keine Menschen mehr, sondern wandelnde Tote. Das Gefängnis wird abgeriegelt, aber der Direktor ist schon vor Tagen nach Kalifornien in den Urlaub gefahren. Um allen Eventualitäten vorzubeugen, muss Clark ihn dingfest machen, aber er kommt zu spät. Der Mann ist bereits zu einem Untoten geworden und gibt den Krankheitserreger weiter. Unter anderem bringt er einer jungen Frau eine tödliche Bisswunde bei. Sie flieht in eine Sauerstoffbar und setzt sich eine Atemmaske auf. Ihr Gehirn wird weiter mit Sauerstoff versorgt, so dass sie ihre Menschlichkeit bewahrt, als sie zur Untoten wird. Sie kann sich aber nicht an ihre Vergangenheit erinnern, nicht einmal an ihren Namen. Als sie von der Polizei aufgegriffen, ins Krankenhaus gebracht und nach ihrem Namen gefragt wird, nennt sie sich Nilla, abgeleitet vom lateinischen Wort nihil ("nichts").

Als Clark in der Stadt ankommt, ist das Krankenhaus bereits voller Untoter. Das Gebäude wird von der Polizei umstellt. Nilla, die inzwischen begriffen hat, was mit ihr geschehen ist, gerät in Gefahr, erschossen zu werden. Clark erkennt, dass Nilla anders ist als die anderen Infizierten, aber bevor er ihr beistehen kann, verschwindet sie - im Augenblick der höchsten Gefahr hat Nilla erkannt, dass sie sich quasi aus der Wahrnehmung von Lebewesen ausblenden kann. Sie flieht per Anhalter aus der Stadt, in der die Lage allmählich außer Kontrolle gerät. Alle Toten erheben sich, um über die Lebenden herzufallen. Die Zombies können nur durch Zerstörung des Gehirns aufgehalten werden. Die Infektion breitet sich schnell aus. Clark mobilisiert alle ihm zur Verfügung stehenden Kräfte, aber die Untoten überrennen schon bald mehrere Bundesstaaten an der Westküste. Clark bringt so viele Zivilisten wie möglich im Gefängnis von Florence in Sicherheit. Gleichzeitig sucht er nach Nilla, denn er glaubt, sie sei der Schlüssel zur Eindämmung der Apokalypse. Nilla ist auf dem Weg nach Osten, geleitet von der Stimme eines geheimnisvollen Mannes namens Mael Mag Och, der die junge Frau als Werkzeug zur Vernichtung der Menschheit benutzen will.

Dieser zweite Band der "Monster-Trilogie" ist eigentlich ein Prequel, er spielt einige Zeit vor dem ersten Band (Stadt der Untoten). Im ersten Band sind die USA schon von den Zombies überrannt worden und man erfährt nichts über die Hintergründe. Das wird jetzt nachgereicht. Diesmal erleben wir den Ausbruch der Seuche mit, und gegen Ende des Romans erfahren wir, wie es dazu gekommen ist. Ein etwas zu klischeehafter "verrückter Wissenschaftler" hat mit allen Mitteln versucht, das Leben seiner an Krebs erkrankten Frau zu verlängern. Irgendwie muss er dabei Wissenschaft und Magie vermengt haben, so dass es ihm gelungen ist, einen Riss in der Raumzeit zu erschaffen bzw. eine Art universeller Energie anzuzapfen, die man als Quelle allen Lebens betrachten kann. Diese ziemlich haarsträubende Erklärung ist so gut oder schlecht wie jede andere, die man sich für die Auferstehung der Toten ausdenken könnte. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn Wellington ganz darauf verzichtet hätte.

Während die aus Clarks Blickwinkel erzählten Kapitel die übliche Kost enthalten (das Unvermögen der Menschen, das Unglaubliche zu akzeptieren und entsprechend zu reagieren, aussichtsloser Kampf gegen die Zombie-Übermacht), dienen Nillas Erlebnisse zur Weiterentwicklung des Zombie-Mythos nach Wellingtons Diktion. Nilla, die sich im englischen Original übrigens nach einer Kekssorte benennt, muss sich mit ihrer untoten Existenz abfinden, ihre Schwächen / besonderen Fähigkeiten erkunden und sich gegen den immerwährenden Hunger nach lebendigem Fleisch wehren. Neben den Handlungsebenen mit Clark und Nilla gibt es noch eine dritte. Ein Typ namens Dick Walters macht unliebsame Bekanntschaft mit untoten Bergsteigern, wird in einen Zombie verwandelt und agiert danach als Mael Mag Ochs Marionette. Wellington versucht an Dicks Beispiel zu verdeutlichen, was in einem "echten" Zombie vor sich geht.

Der ständige Wechsel zwischen den drei Ebenen, meist mit Cliffhangern, erzeugt eine gute Dynamik. Die zahlreichen drastisch geschilderten Splattermomente, die Garnierung mit kurzen Schlaglichtern über den Verlauf der Pandemie (den Kapiteln werden Nachrichtentexte, Blogeinträge, Notrufe usw. vorangestellt) und der zynische Humor tragen ihr Teil dazu bei. Dennoch muss ich sagen: Dieser Rückblick wäre nicht nötig gewesen. Das Szenario wird schon im ersten Band zur Genüge ausgearbeitet. Wir wissen aus "Stadt der Untoten", dass man die Zombiefizierung unter bestimmten Bedingungen bei klarem Verstand überstehen kann. Selbst Mael Mag Och, ein in göttlichem Auftrag handelnder Druide, der die Jahrhunderte als Moorleiche überstanden hat, ist aus dem ersten Band bekannt. Was bleibt? Die Entstehung der Zombies wird erklärt und Nilla wird eingeführt. Auf ersteres hätte ich verzichten können. Nilla ist immerhin eine wirklich interessante neue Hauptfigur. Ein sympathischer Zombie! Mal was anderes. (01.10.2012)


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535
In den Schluchten des Balkan Karl May: In den Schluchten des Balkan
Kindle Edition

Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar, Omar Ben Sadek und Osko verfolgen die zur Bande des Schut gehörenden Verbrecher Barud el Amasat und Manach el Barscha, sowie einen Gefängniswärter, der die beiden befreit hat. Die drei Schurken haben den Schmied Schimin überfallen und sind bereits weitergezogen. Kara Ben Nemsi steht Schimin bei und macht mit seiner Hilfe einen gewissen Mosklan dingfest - auch er gehört zum Schut. Bei dieser Gelegenheit erhält Kara Ben Nemsi eine wichtige Information. Sie betrifft die Koptscha, ein Erkennungszeichen der Schut-Bande. Er bringt die Koptscha eines Anführers in seinen Besitz, als er gegen die Schmugglerbande des Bettlers Saban vorgeht. Dieses Abenteuer nimmt keinen guten Anfang, denn Kara Ben Nemsi wird von den Schmugglern fast erschlagen und hat es nur dem Eingreifen seiner tapferen Freunde zu verdanken, dass er mit heiler Haut aus der Sache herauskommt. Beim Kampf gegen die Schmuggler kommt einer der Verbrecher ums Leben, ein anderer wird schwer verwundet.

In Menelik gelingt es Kara Ben Nemsi und Halef, die entflohenen Sträflinge und ihren Helfershelfer von einem Taubenschlag aus zu belauschen. Das schmutzige enge Gelass erweist sich als instabil. Halef stürzt in die Tiefe - mitten unter seine Feinde. Kara Ben Nemsi muss ihn heraushauen. Immerhin haben die beiden erfahren, dass Ostromdscha das nächste Ziel der Banditen ist. Der Ort steht ganz im Bann des Mübarek, eines Mannes, der von den Einheimischen für heilig gehalten wird und gemeinsame Sache mit dem Richter macht. Man glaubt, der Mübarek könne Wunder vollbringen und nichts bleibe ihm verborgen. Tatsächlich haftet dem Mann etwas Unheimliches an, wie Kara Ben Nemsi feststellt, als er ihm zum ersten Mal begegnet. Doch warum verhält sich der Mübarek ihm gegenüber so, als habe er Grund, ihn zu hassen? Kara Ben Nemsi ahnt, dass er dem Mann nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal begegnet ist...

...und dem ist wirklich so, denn dieser gefährliche Gegner macht Kara Ben Nemsi das Leben nicht nur im vierten Band des Orient-Zyklus schwer, sondern auch noch später. Der Roman liest sich ziemlich episodenhaft, und einzelne Episoden (die Überführung eines falschen Vampirs, der Tod einer Christin) tragen nichts zur eigentlichen Handlung bei. Die Düsterkeit des vorherigen Romans findet sich hier nicht mehr wieder; die abenteuerlichen und humoristischen Elemente stehen wieder deutlich im Vordergrund. Ich muss aber sagen, dass Karl May es mit dem Humor auf Kosten der ach so rückständigen Orientalen manchmal übertreibt. Die Menschen, denen Kara Ben Nemsi begegnet, sind - wenn es keine gewissenlosen Schurken oder korrupten Beamten sind - durch die Bank ungebildet, schmutzig und so strunzdumm, dass der überlegene Deutsche problemlos seine Scherze mit ihnen treiben und sie derart beeindrucken kann, dass sie in Ehrfurcht erstarren. So kann er fast überall schalten und walten, wie es ihm beliebt. Nur selten hat Kara Ben Nemsi es auch mal mit guten, ehrlichen Leuten zu tun.

Hier muss man dem Autor zugutehalten, dass die braven Leute nicht immer nur Christen sind. Allerdings gibt es mehrere Textstellen, an denen der Missionierungswahn überhandnimmt. Hat Halef im ersten Band des Zyklus noch mit seinen Versuchen genervt, Kara Ben Nemsi zum muslimischen Glauben zu bekehren, so nervt diesmal Kara Ben Nemsi, indem er versucht, irgendwelchen Leuten den christlichen Glauben näherzubringen. Auch in der Darstellung Halefs, der seit dem Weggang Sir David Lindsays mehr in den Mittelpunkt rückt, schießt Karl May deutlich übers Ziel hinaus. Halef legt hier eine geradezu hündische Ergebenheit gegenüber Kara Ben Nemsi an den Tag. Das wirkt gelinde gesagt irritierend.

Der Text ist urheberrechtsfrei, kann im Internet gelesen werden (z.B. Projekt Gutenberg) und ist kostenlos als E-Book erhältlich. (27.09.2012)


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534
Necromancer Martha Wells: Necromancer
Heyne, 2008
702 Seiten

Die Anwendung von Magie ist im Königreich Ile-Rien eine Alltäglichkeit. Totenbeschwörung gilt als schlimmstes aller Verbrechen. Vor Jahren ist Edouard Viller, Naturphilosoph und väterlicher Mentor des Studenten Nicholas Valiarde, wegen Nekromantie hingerichtet worden. Der zuständige Polizeibeamte, Inspektor Ronsarde, hat zwar weiterermittelt und Beweise für Villers Unschuld gefunden, doch der wahre Schuldige ist nie zur Rechenschaft gezogen worden. In Wahrheit ist Viller einer Intrige zum Opfer gefallen, die der verbrecherische Count Montesq eingefädelt hat. Seit dieser Zeit führt Nicholas in der Tarnexistenz des Meisterdiebs Donatien einen Rachefeldzug gegen den Count. Zu seinen Gefährten gehören die Schauspielerin und Verkleidungskünstlerin Madeline Denare, der dandyhafte Ex-Offizier Reynard Morane, und der drogensüchtige Meisterzauberer Arisilde Damal. Nach erfolgreichen Aktionen gegen Handlanger des Count holt Nicholas zum finalen Schlag gegen seinen Erzfeind aus. Montesq soll - genau wie Viller - wegen eines Verbrechens verurteilt werden, das er nicht begangen hat. Nicholas und seine Gefährten stehlen die Juwelen der Duchess of Mondollot, um sie später dem Count unterzuschieben. Der Einbruch ins Mondollot House verläuft erfolgreich, aber es zeigt sich, dass schon vor ihnen jemand dort war und den magischen Wächter ausgeschaltet hat. Außerdem werden sie von einer untoten Kreatur angegriffen, die nur durch Nekromantie erschaffen worden sein kann.

Nicholas wird danach von einem gewissen Dr. Octave bedroht, der spiritistische Sitzungen für zahlungskräftige Adlige abhält. Als Nicholas ihn bei einer solchen Sitzung beobachtet, sieht er, dass Octave einen Gegenstand benutzt, der seinerzeit von Edouard Viller erschaffen worden ist. Das Gerät sollte es Nicht-Zauberern ermöglichen, Magie einzusetzen. Nicholas forscht weiter und stößt auf grausig verstümmelte Leichen - die Opfer wurden offensichtlich bei nekromantischen Ritualen ermordet. Als Nicholas und seine Freunde von einem mörderischen Sendzauber verfolgt werden, wird klar, dass Octave einen mächtigen Magier als Verbündeten haben muss. Er geht nach genau demselben Muster vor wie ein Nekromant, der Ile-Rien vor Jahrhunderten in Angst und Schrecken versetzt hat und seinerzeit hingerichtet worden ist. Doch in welcher Beziehung stehen der Unbekannte und Octave zu Edouard Viller, und warum verfolgen sie Nicholas mit solch unerbittlichem Hass?

Diese in sich abgeschlossene Geschichte ist Bestandteil einer ganzen Reihe von Romanen, die in derselben fiktiven Welt spielen. Weitere Bücher von Martha Wells sind in Deutschland aber noch nicht erschienen. Schade eigentlich, denn die interessante Mischung aus düsterer Fantasy und Kriminalroman ist wirklich lesenswert. Das liest sich so, als ob Sherlock Holmes und Arsene Lupin in Romane von Bram Stoker oder Edgar Allan Poe versetzt worden wären. Ähnlichkeiten mit dem Roman Jonathan Strange & Mr. Norrell von Susanna Clarke sind nicht zu leugnen.

Die Handlung spielt in Vienne, der Hauptstadt des Landes Ile-Rien, welches man mit England oder Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts vergleichen kann. Der Adel gibt sich rauschenden Festen hin, das einfache Volk ist ungebildet und teils bettelarm. Nicholas gehört zu beiden Welten. Als Meisterdieb Donatien treibt er sich in verrufenen Spelunken, finsteren Gassen und der labyrinthischen Kanalisation herum, während er sich als ehemaliger Schützling Edouard Villers in den höchsten Kreisen bewegen kann. Pracht und Dekadenz auf der einen Seite, Dreck und Armut auf der anderen - das Szenario wirkt trotz der allgegenwärtigen Magie durchaus realistisch. Der historisch-politische Hintergrund der fiktiven Welt bleibt etwas nebulös, ein Konflikt mit dem Land Bisra wird nur angedeutet. Das ist aber nicht weiter tragisch, denn die Andeutungen reichen völlig, um eine überzeugende, stimmungsvolle Atmosphäre mit leichten Steampunk-Einschägen zu erschaffen.

Die Figurenzeichnung ist ebenfalls gut gelungen. Alle Hauptfiguren - neben Nicholas sind das Madeline, Reynard, Arisilde und Inspektor Ronsarde, sind vielschichtig und keineswegs auf eine einzige Funktion festgelegt. So wird Ronsarde vom Gegenspieler zum Verbündeten, und Nicholas muss erkennen, dass er sich mit seinem fanatischen Rachefeldzug womöglich selbst zerstört. Der große Gegenspieler bleibt bis zum Schluss im Hintergrund, Octave ist nur seine Marionette. Pointierte Dialoge und eine gute Prise Humor, überraschende Wendungen und Action mit Horror-Elementen machen diesen Roman zu einem kurzweiligen Lesevergnügen. (24.09.2012)


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533
Die Straße Cormac McCarthy: Die Straße
rororo, 2010
253 Seiten

Ein Mann und sein Sohn wandern Richtung Süden. Sie gehören zu den wenigen Überlebenden einer Katastrophe, durch die Amerika – wahrscheinlich die ganze Welt – in eine Einöde verwandelt wurde, in der nichts mehr wächst und in der es keine Tiere mehr gibt. Was nicht durch schreckliche Brände vernichtet wurde, ist tot und verdorrt. Asche bedeckt das Land, der Himmel ist grau, und es wird immer kälter. Der Mann weiß, dass er und der Junge einen weiteren Winter nicht überleben werden, wenn es ihnen nicht gelingt, das Meer zu erreichen. Dort, so hofft der Mann, wird es wenigstens wärmer sein.

Vater und Sohn versorgen sich mehr schlecht als recht mit Vorräten, die sie in den wenigen noch nicht geplünderten Häusern entlang der Straße und in den verlassenen Städten finden. Ihre wenigen Habseligkeiten transportieren sie mit einem alten Einkaufswagen. Sie müssen immer auf der Hut sein, denn marodierende Banden durchstreifen das Land, und viele von ihnen sind zu Kannibalen geworden. Für den äußersten Notfall trägt der Mann einen Revolver mit nur noch zwei Schuss Munition bei sich - genug für seinen Sohn und sich selbst. Aber er weiß nicht, ob er in der Lage wäre, die Waffe auch einzusetzen.

Das Kind wurde nach der Katastrophe geboren und weiß nichts von der alten Welt. Seine Mutter hat schon vor Jahren Selbstmord begangen, weil sie die erbärmliche Existenz nicht mehr ertragen konnte. Der Junge ist alles, was dem Mann noch geblieben ist. Ihn zu beschützen ist sein ganzer Lebensinhalt, doch diese Aufgabe verlangt ihm Dinge ab, die den Jungen allmählich daran zweifeln lassen, dass sie noch zu "den Guten" gehören...

Normalerweise lese ich einen Roman immer zuerst, bevor ich mir die Verfilmung anschaue. Diesmal war es umgekehrt, aber das ist nicht weiter tragisch, denn der Film The Road mit dem überragenden Viggo Mortensen fängt den Geist des Romans so gut ein, dass es völlig in Ordnung ist, die Bilder des Films während der Lektüre des Romans im Kopf zu haben.

Selten wurde die absolute Hoffnungslosigkeit einer irreparabel zerstörten Welt nach einer nicht näher bezeichneten globalen Katastrophe so glaubwürdig und bedrückend vermittelt wie in diesem Roman. Und das, obwohl sich der Autor nicht in weitschweifigen bzw. emotionalen Beschreibungen verliert, sondern alles mit kurzen, sachlichen Sätzen und knappen, realistischen Dialogen auf den Punkt bringt. Anders als im Film wird genauer angedeutet, was eigentlich geschehen ist; vermutlich ist es zu einem Atomkrieg gekommen. Die Überlebenden sind nichts weiter als zerlumpte, völlig heruntergekommene Kreaturen, die ihre Menschlichkeit längst verloren haben. Den Luxus von Nächstenliebe oder gar Kultur kann man sich nur leisten, wenn die eigene Existenz einigermaßen gesichert ist.

Tatsächlich kann ich nicht umhin, mich zu fragen, was ich in einer solchen Situation selbst tun würde. Würde man die einzige Nahrungsquelle nutzen, die noch existiert (Menschenfleisch), oder lieber verhungern? Warum sollte man sich überhaupt an den erbärmlichen Rest von Leben in einer toten Welt klammern, wenn der nächste Tag nur neue Qualen bereithält? Für den Vater gibt es nur einen Grund. Er muss seinen Sohn beschützen. Zwangsläufig führt der Überlebenskampf bei ihm zur Verrohung, und es ist der Junge, der immer wieder an seine Menschlichkeit appellieren muss.

"Die Straße" ist ein unglaublich fesselndes, tieftrauriges, unvergessliches Meisterwerk. Muss man gelesen haben. (09.09.2012)


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532
Der grüne Phönix Andreas Weiler: Die Terranauten - Der grüne Phönix
Bastei Lübbe, 1982
174 Seiten

Im 26. Jahrhundert werden zwei grundverschiedene Techniken der überlichtschnellen Raumfahrt eingesetzt: Kaiserkraft und Treiber-Raumfahrt. Die parabegabten Treiber nutzen die Misteln des Urbaums Yggdrasil, um Raumschiffe auf "sanfte" Weise durch eine übergeordnete Dimension zu lenken. Durch die Nutzung der Kaiserkraft dagegen wird das Raum-Zeit-Gefüge geschädigt. Das führt zur Zunahme der Entropie und gefährdet die Existenz des Universums. Ein uralter, von einer Pflanzen-Zivilisation installierter Abwehrmechanismus wird in Gang gesetzt, der zum Ende der Kaiserkraft und zum "Öko-Schock" auf der Erde führt. Der Planet ist danach nicht mehr wiederzuerkennen. Die Städte sind unter einem dichten Dschungel verschwunden. Intelligente Pflanzen leben in Symbiose mit den Menschen, die keine technischen Hilfsmittel mehr zum Leben brauchen. Die Terranauten wollen diese Lebensweise in der ganzen Galaxis verbreiten. Es gibt jedoch noch viele Planeten, die nicht auf Technik verzichten wollen, obwohl es seit dem Zusammenbruch der Kaiserkraft-Raumfahrt auf vielen Welten zu Versorgungsengpässen und Hungersnöten kommt.

Im Jahre 2510 soll das angespannte Verhältnis zwischen Terranauten und Techno-Welten mit einer Friedenskonferenz geklärt werden. Doch beide Parteien werden gegeneinander ausgespielt. Der Grüne Phönix, ein geheimnisvoller Mann, der schon seit einiger Zeit von sich reden macht und viele Anhänger gewonnen hat, verfolgt insgeheim das Ziel, das gesamte "carnivore Leben" auszulöschen, um der Pflanzen-Zivilisation zu neuer Blüte zu verhelfen. Er paktiert mit Chan de Nouille, der im Exil lebenden Anführerin der Grauen Garden. Der Grüne Phönix plant, die Erde in eine Wüste zu verwandeln und die Konferenz zu sabotieren. Beide Parteien sollen an die Schuld der jeweils anderen glauben, so dass ein Krieg unvermeidlich wäre. Dann sollen Chan de Nouilles Garden eingreifen. Nur Merina DeNeuven, eine ehemalige Anhängerin des Grünen Phönix, kennt die Wahrheit. Sie versucht die Terranauten zu warnen, kommt aber zu spät zur Erde. Die Saat der Vernichtung wurde schon ausgebracht, und bei der Konferenz haben sich bereits mehrere Morde ereignet...

"Der grüne Phönix" ist das zweite von 18 Taschenbüchern, mit denen die Terranauten-Heftromanserie in den Achtzigerjahren weitergeführt wurde. Es ist das erste, das als echte Fortsetzung bezeichnet werden kann. Das erste Taschenbuch (Sternenstaub) ist ein Prequel. Wenn "Sternenstaub" ein Musterbeispiel für die Schwächen der Serie ist, dann ist "Der Grüne Phönix" ein Beispiel für die Stärken, denn hier werden die der Serie zugrunde liegenden Ideen wirklich in eine interessante Story mit faszinierenden Schauplätzen und ungewöhnlichen Figuren fernab von eingefahrenen Space-Opera-Schienen eingearbeitet. Auch wenn man über die Lebensverhältnisse der Menschen auf der Erde nach dem Öko-Schock nicht wirklich viel erfährt - irgendwie wirkt es so, als sei der planetenweite Dschungel menschenleer - so kann man doch sagen: Das Ziel, "grüne" SF zu schreiben, hat Andreas Weiler (alias Andreas Brandhorst) definitiv erreicht.

Es wird zwar einiges an Schwarzweißmalerei betrieben (böse Technos, liebe Terranauten), aber immerhin sind die Intrige des Grünen Phönix und die verzweifelte Flucht Merina DeNeuvens interessant genug, um den Roman zu tragen. Auch stilistisch kann dieser Roman eher überzeugen als der vorherige. Hier gibt es keinen Haudrauf-Humor und keine Machosprüche, höchstens einige etwas allzu salbungsvoll geratene Abschnitte. Übrigens hat es keinen Sinn, das Taschenbuch zu lesen, ohne die Heftserie zu kennen, denn auf die Hintergründe des Terranauten-Universums und der Serien-Hauptfiguren (Llewellyn 709 und einige andere Terranauten kommen vor, David ter Gorden nicht) geht der Autor kaum ein. (02.09.2012)


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531
Horror Cinema Jonathan Penner / Steven Jay Schneider: Horror Cinema
Taschen, 2012
192 Seiten, gebunden (Großformat)

Im Taschen-Verlag erscheinen immer wieder hochwertige, aber sehr preisgünstige Bildbände. "Horror Cinema" kostet nur zehn Silberlinge und enthält auf dickem Kunstdruckpapier großformatige Szenenfotos aus zahlreichen bekannten und weniger bekannten Horrorfilmen. Oder besser gesagt: Aus Filmen des Phantastik-Genres, denn die Grenzen zwischen Horrorfilm, Psychothriller, Fantasy / Science Fiction und Krimi sind fließend.

Die Autoren beschränken sich nicht auf die Auflistung von Filmen. Sie haben ihr Buch - soweit das überhaupt möglich ist - nach Unter-Genres gegliedert, erläutern deren typische Eigenheiten und versuchen zu erklären, wodurch "Horror" überhaupt entsteht bzw. warum diese Filme seit über hundert Jahren so erfolgreich sind. Sie gehen außerdem auf die Entwicklung des Horrorfilms seit den frühesten Gehversuchen im Stummfilm bis hin zur Wiederbelebung des Slasher-Films und zur Renaissance des Zombiefilms ein. Neue Spielarten ("Torture Porn") werden nur kurz angesprochen. Die wichtigsten Beispiele der jeweiligen Unter-Genres werden kurz zusammengefasst und in den Kontext ihrer Entstehungszeit gestellt. Dabei bleiben die Autoren allerdings so oberflächlich, dass der Kenner zwar Bescheid weiß, der Genre-Fremdling aber verständnislos mit den Schultern zucken wird.

Die Bilder reißen es wieder raus. Brillante Großaufnahmen, die selbst kleine Details erkennen lassen, viele Szenenfotos sowie Aufnahmen, die während der Dreharbeiten gemacht wurden und zum Beispiel belegen, dass auch ein Vampir mal eine Pause braucht (eine Dame liegt im Sarg und genehmigt sich ein Tässchen Tee), Kinoaushänge, Werbeplakate... sehr schön! (27.08.2012)

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530
Die Flusswelt der Zeit Philip Jose Farmer: Die Flusswelt der Zeit
Piper, 2008
252 Seiten

Sir Richard Francis Burton, der berühmte britische Abenteurer und Orientalist, stirbt im Jahre 1890 in Triest. Er kommt in einem unbegreiflichen Raum wieder zu sich, in dem er zwischen unzähligen schlafenden Menschen schwebt. Er verliert das Bewusstsein, als er von zwei plötzlich auftauchenden Unbekannten beschossen wird. Erneut wacht Burton in einer fremdartigen Umgebung auf, diesmal am grasbedeckten Ufer eines eine Meile breiten Flusses. Er ist nicht allein: Tausende nackte, völlig haarlose Menschen sind zusammen mit ihm erwacht. Zunächst weiß niemand, was geschehen ist. Allmählich wird jedoch klar, dass alle Menschen, die in den letzten zwei Millionen Jahren auf der Erde gelebt haben, auf einem fremden Planeten zu neuem Leben erweckt worden sind. Über 35 Milliarden Menschen aller Epochen leben jetzt an den Ufern eines gewaltigen Flusses, der sich über den gesamten Planeten schlängelt und zahlreiche voneinander abgegrenzte Bereiche bildet. Unbezwingbare Gebirgszüge säumen das Flusstal.

Kein Wiedererweckter ist älter als 25 Jahre. Alle körperlichen Gebrechen, Verstümmelungen und Narben, selbst Gendefekte, sind verschwunden. Die Wiedererweckten werden nicht krank, sind aber unfruchtbar. Außer verschiedenen Fischarten und Würmern gibt es keine Tiere auf dieser Welt, die keine Jahreszeiten kennt und ein immer gleiches, angenehmes Klima bietet. Die Menschen finden alles Lebensnotwendige (neben Kleidung und Nahrungsmitteln auch Tabak, Alkohol und andere Genussmittel sowie Feuerzeuge) in zylindrischen Behältern vor, die an so genannten "Gralsteinen" mehrmals am Tag aufgeladen werden können. Die Bedingungen könnten also besser nicht sein. Dennoch kommt es schon sehr bald zu Konflikten. Neue Staaten entstehen, Kriege werden geführt. Der Tod ist auf der Flusswelt nicht endgültig. Wer stirbt, findet sich innerhalb von 24 Stunden an einem anderen Ort entlang des Flusses wieder - erneut verjüngt und völlig gesund.

Burton schließt sich mit dem Schriftsteller Peter Frigate, dem Neandertaler Kazzintuitruaabemss (genannt Kazz), der viktorianischen Lady Alice Liddell und anderen Menschen verschiedener Nationalitäten zusammen. Zu seiner Gruppe gehört auch der Außerirdische Monat Grrautut, der dafür verantwortlich ist, dass die gesamte Menschheit im Jahre 2008 ausgelöscht wurde. Burton geht davon aus, dass die Unbekannten (die "Ethiker"), die er bei seinem ersten Erwachen gesehen hat, ein Experiment mit den Wiedererweckten durchführen. Er will den Ursprung des Flusses erreichen, um den Sinn dieses Experiments zu ergründen. Unterwegs gerät Burtons Gruppe in Konflikt mit einem von Hermann Göring und einem frührömischen Despoten gegründeten Sklavenhalterstaat. Burton wird von einem Fremden kontaktiert, der behauptet, ein Renegat unter den Ethikern zu sein. Burton, so behauptet er, ist anders als alle anderen Wiedererweckten und wird deshalb von Spionen der Ethiker verfolgt...

Dies ist der erste von fünf Romanen des zwischen 1971 und 1983 erstmals erschienenen "Flusswelt"-Zyklus. Ich habe alle Romane in den Achtzigern gelesen, sie sind damals bei Heyne erschienen. Sie wurden 2008 bei Piper neu aufgelegt. Allerdings hat mir damals nur der erste Band richtig gut gefallen. Wenn ich mich richtig erinnere, dann waren mir die Folgeromane teils zu langatmig und teils zu mystisch-abgehoben. Teil 2 liegt schon im SUB, die restlichen Bände werde ich mir voraussichtlich sparen.

Die Ausgangssituation für den Zyklus ist faszinierend. Menschen aus den verschiedensten Epochen erwachen gleichzeitig zu neuem Leben, werden deshalb mit völlig neuen (oder alten) Weltanschauungen konfrontiert und müssen sich mit Lebensbedingungen anfreunden, die ihren althergebrachten Moralvorstellungen und Anstandsregeln widersprechen. Alice Liddell zum Beispiel hat zwar kein Problem mit der Nacktheit - schließlich sind alle Wiedererweckten zunächst nackt - aber als sie und Burton den so genannten "Traumgummi" kauen und es daraufhin wild miteinander treiben, da ist das für sie eine absolute Katastrophe. Die Menschen müssen erkennen, dass ihr Glaube nur Selbsttäuschung war, zumindest was das Leben nach dem Tod angeht. Sie müssen sich die Frage nach dem Sinn des Lebens also völlig neu stellen. Bei alldem sind interessante Konflikte und ironische Seitenhiebe auf unsere und frühere Religionen / Gesellschaften vorprogrammiert.

Außerdem erfindet Farmer nicht nur fiktive Hauptfiguren wie Frigate (eine autobiografische Figur) und Kazz, sondern setzt vor allem historische Persönlichkeiten ein. Alice Liddell war das reale Vorbild für "Alice im Wunderland" und auch Richard Burton hat wirklich existiert. Er hat nach den Quellen des Nils gesucht (kein Wunder, dass er in diesem Roman auch wieder eine lange Flussreise unternimmt), hat die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht übersetzt und viele Bücher geschrieben. Die Idee, reale Personen in ein SF-Szenario zu versetzen, verleiht der Geschichte einen zusätzlichen Reiz.

Die Story erfährt nach ungefähr zwei Dritteln einen abrupten Bruch. Burton trennt sich von seinen Gefährten, weil er auf die originelle Idee kommt, durch Selbstmord vor seinen Verfolgern zu fliehen, wenn diese ihm auf die Spur kommen. Man erwacht ja nach dem Tod irgendwo anders auf der Flusswelt. Das macht Burton sehr oft - und dadurch wird die Erzählweise irgendwie überhastet und episodenhaft, so als ob Farmer das letzte Drittel nicht mehr richtig ausgearbeitet hätte.

Das Buch enthält als Bonusmaterial die ebenfalls zum Zyklus gehörende Story "Auf dem Fluss". Hauptperson ist neben dem Western-Schauspieler Tom Mix, der auch in den Folgebänden vorkommt, ein gewisser Jeschua, der vor ca. 2000 Jahren gelebt hat. Der arme Mann wird von schrecklichen Selbstzweifeln gequält. Kein Wunder, hat er sich doch Zeit seines Lebens für den Sohn Gottes gehalten... (22.08.2012)


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529
Von Bagdad nach Stambul Karl May: Von Bagdad nach Stambul
Kindle Edition

Kara Ben Nemsi und seine Gefährten werden auf dem Rückweg zu den Haddedihn in Auseinandersetzungen zwischen Bejat-Turkomanen und Bebbeh-Kurden verwickelt. Es gelingt Kara Ben Nemsi zwar, den rachsüchtigen Bebbeh-Scheik Gasahl Gaboya gefangen zu nehmen, aber er verhält sich in den Augen Scheik Mohammed Emins zu nachsichtig gegenüber diesem Feind. Kara Ben Nemsi tritt die Führung an Mohammed Emin ab, der Gasahl Gaboya leichtsinnigerweise freilässt, um zu beweisen, dass auch er fähig ist, einen Gegner zu schonen. Die Bebbeh überfallen die Karawane des reichen Persers Hassan Ardschir-Mirza. Kara Ben Nemsi und seine Gefährten stehen den Persern bei. Dabei wird Mohammed Emin getötet. Während Amad el Ghandur die Gruppe verlässt, um die Mörder seines Vaters zu verfolgen, schließen sich Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar und Sir David Lindsay den dankbaren Persern an. Hassan Ardschir-Mirza musste seine Heimat verlassen, da er Blutrache am vermeintlichen Mörder seines Vaters genommen hat. Er vertraut Kara Ben Nemsi den Verkauf einiger wertvoller Besitztümer in Bagdad an.

Kara Ben Nemsi deckt einen Verrat gegen Hassan Ardschir-Mirza auf, doch der Perser glaubt ihm nicht. Er schließt sich einer Todeskarawane an, um seinen Vater in Kerbela zu beerdigen. Unterwegs wird er von seinen Feinden angegriffen. Kara Ben Nemsi kann seinen neuen Freund und dessen Familie nicht retten, zumal er selbst und Hadschi Halef Omar an der Pest erkranken. Nur knapp überwinden sie die Krankheit und reisen nach einem Abstecher zu den Haddedihn weiter über Damaskus nach Istanbul, wo sie alten Freunden wiederbegegnen: Omar Ben Sadek, der auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters ist, sowie Isla Ben Maflei. Kara Ben Nemsi steht Isla Ben Mafleis Familie gegen eine Räuberbande bei, deren Oberhaupt als "Der Schut" bekannt ist.

Der dritte Band des sechsbändigen Orient-Zyklus enthält zwar wieder einige humoristische Elemente (der Köhler Allo, Lindsays Aleppo-Beule), aber es werden vorwiegend düstere Töne angeschlagen. So wird Kara Ben Nemsis Führungsanspruch wegen seiner gegen alle Feinde geübten Milde in Frage gestellt (der Gute reagiert ganz schön eingeschnappt), was natürlich prompt dazu führt, dass alles noch schlimmer wird. Kara Ben Nemsi verliert in Mohammed Emin einen guten Freund und versagt später bei der Verteidigung Hassan Ardschir-Mirzas. Erstmals wird somit der Grundsatz durchbrochen, dass Kara Ben Nemsi problemlos jede noch so verfahrene Situation meistern kann, solange er nur seiner christlichen Moral treu bleibt. Natürlich ist er immer schuldlos. Mohammed Emin verhält sich geradezu absurd dämlich und Hassan Ardschir-Mirza nimmt Kara Ben Nemsis Warnungen wider besseres Wissen nicht ernst. Dann erkranken Kara Ben Nemsi und Halef auch noch an der Pest, und schließlich geraten sie einer gefährlichen Räuberbande ins Gehege.

Hier werden einige Fäden aus Band 1 (Durch die Wüste) wieder aufgegriffen: Barud el Amasat und Hamd el Amasat (Senitzas Entführer und Sadeks Mörder) gehören zur Bande des Schut, mit der sich Kara Ben Nemsi bis zum Ende des Orient-Zyklus wird herumschlagen müssen. Die Verfolgung dieser Schurken wird zum roten Faden, der sich durch die restlichen Bände zieht. Leider verlässt Sir David Lindsay die Gruppe. Neue Gefährten sind Omar Ben Sadek und Osko, Senitzas Vater. Die abenteuerliche Geschichte bietet wie immer beste Unterhaltung.

Der Text ist gemeinfrei, kann im Internet gelesen werden (z.B. Projekt Gutenberg) und ist kostenlos als E-Book erhältlich. (20.08.2012)


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528
Der ultimative Ratgeber für alles Dieter Nuhr: Der ultimative Ratgeber für alles
Lübbe Paperback, 2011
302 Seiten

Wer ein Buch von Dieter Nuhr kauft und sich dann darüber wundert, dass der Inhalt relativ wenig mit dem Titel gemein hat, der hat vermutlich noch nie ein Buch des Comedians unter den Kabarettisten (oder ist Nuhr der Kabarettist unter den Comedians? Ich kann mich nie entscheiden) gelesen. Natürlich ist dies kein Ratgeber irgendeiner Art. Es sei denn, man betrachtet es als hilfreichen Hinweis, wenn Nuhr von weiterem Alkoholgenuss abrät, sofern der Leser unter religiösen Visionen leidet und sich für den Stellvertreter Gottes auf Erden hält. Oder wenn er Selbstmordattentätern im Hinblick auf die Evolution empfiehlt, Samenspenden zu hinterlegen. Zugegeben: Der von Nuhr propagierten Erkenntnis, dass man es im Leben leichter hat, wenn man doof ist wie ein Stapel Brennholz und deshalb nicht von lästigen Selbstzweifeln und der bohrenden Frage nach dem Sinn des Lebens geplagt wird, wohnt eine tiefe Weisheit inne. In der Einleitung wird nur ein Versprechen gemacht: Dass man nach der Lektüre des Buches zahlreiche neue Wörter kennengelernt und Buchstaben in einer Konstellation erlebt haben wird, die die Welt noch nicht gesehen hat. Ich habe das Buch durchgelesen und kann bestätigen: Das stimmt! Und es ist auch noch witzig. Außerdem kommt am Ende doch noch der ultimative Rat: Tun Sie einfach, was Sie nicht lassen können!

Allerdings nutzt sich der von Nuhr so gern eingesetzte Effekt, den er durch das Verknüpfen alltäglichster Banalitäten mit hochphilosophischen Überlegungen erzielt, bei mir allmählich ab. Das liegt daran, dass ich schon drei seiner Bücher gelesen und einige seiner Kabarettprogramme gesehen habe, die alle mehr oder weniger dieselben Inhalte haben.

Das Buch enthält außerdem einige Fotos, mit denen verblüffende Informationen vermittelt werden. Zum Beispiel die, dass Wurstpelle Schleifen in der Raumzeit bildet. Der gedruckte Text wird durch "handschriftliche" Anmerkungen ergänzt, die den Lesefluss ein wenig stören.

Diese Kurzrezension kommt euch wie wirres Gefasel vor? Dann werdet ihr bei der Lektüre des ultimativen Ratgebers für alles vermutlich denselben Eindruck haben... (16.08.2012)

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527
Zeit der Krähen George R. R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer 7 - Zeit der Krähen
Blanvalet, 2006
570 Seiten

In Westeros herrscht trügerische Ruhe. Stannis Baratheons Heer ist in den Norden marschiert, um Mance Rayders Angriff abzuwehren. Das Haus Stark existiert praktisch nicht mehr. Die Bewohner der Iron Islands müssen nach dem Tod ihres Königs Balon Greyjoy zunächst die Erbfolge klären, bevor sie entscheiden, ob sie über das geschwächte Festland herfallen sollen. Cersei Lannister übernimmt die Regierungsgeschäfte stellvertretend für ihren minderjährigen Sohn Tommen. Ihr Urteilsvermögen wird durch die Angst vor ihrem Bruder Tyrion getrübt, der Lord Tywin getötet hat und spurlos verschwunden ist. Cersei glaubt, Tyrion halte sich in den unerforschten Geheimgängen des Red Keep versteckt, um Tommen und sie selbst zu ermorden. Die Regentin und der ihr hörige Rat treffen einige fatale Entscheidungen. Unter anderem weigern sie sich, der Bank von Braavos die noch von König Robert Baratheon gemachten Schulden zurückzuzahlen. Sie benötigen Geld für die Aufrüstung, denn ihnen ist klar, dass der Krieg noch nicht vorbei ist.

Tommens ältere Schwester Myrcella wurde zur Festigung eines Bündnisses mit Trystane Martell verheiratet, dem Sohn Doran Martells, des Herrschers von Dorne. Das Bündnis droht zu zerbrechen, weil Prinz Oberyn Martell zu Tyrions Verteidigung gegen Gregor Clegane angetreten ist und von diesem getötet wurde. Oberyns Töchter versuchen das Volk zu einem Rachefeldzug gegen die Lannisters aufzustacheln. Dorans eigene Tochter Arianne verfolgt den Plan, Myrcella an Tommens Stelle zur Königin von Westeros zu krönen.

Jon Snow, neuer Lord Commander der Nachtwache, schickt Samwell Tarly zur Citadel. Sam soll dort studieren, damit er den greisen Maester Aemon ablösen kann. Brienne von Tarth sucht in den vom Bürgerkrieg verwüsteten Fürstentümern nach Sansa Stark, wobei sie von Tyrions Knappen Podrick Payne begleitet wird. Die Suche bleibt erfolglos, denn Sansa wird von Littlefinger in der Eyrie versteckt. Littlefinger hat Lysa Arryn ermordet, aber niemand außer Sansa und einem Sänger, dem der Mord angelastet wird, kennt die Wahrheit.

Arya Stark hat sich von Sandor Clegane getrennt, der in einem Kampf schwer verwundet wurde. Mit Hilfe des Kennworts "Valar morghulis" und einer geheimnisvollen Münze, die sie von Jaqen H'ghar erhalten hat, gelangt Arya nach Braavos. Sie findet Zuflucht im Tempel der "Männer ohne Gesicht". Von diesen Assassinen hofft sie die Fähigkeiten zu erlernen, die sie für ihre Rache an denjenigen braucht, die ihr alles genommen haben - allen voran Königin Cersei...

Was soll ich zu Band 7 des Fantasy-Zyklus "Das Lied von Eis und Feuer" noch sagen? Lest meine Kommentare zu den letzten sechs Bänden - ich möchte mich nicht dauernd wiederholen. Im Grunde könnte ich mir jeglichen Kommentar sparen, denn wenn ihr in Betracht zieht, diesen Roman zu lesen, dann müsst ihr ja schon die ersten sechs Bände kennen, und dann wisst ihr sowieso, was ihr zu erwarten habt. Dazu gehören leider auch die Schwächen (viele Schreibfehler!) der Übersetzung.

Einige Hauptpersonen wie Daenerys, Bran und meine Lieblingsfigur Tyrion kommen überhaupt nicht vor, während anderen (Jon Snow, Arya und Sansa) nur ganz wenige Kapitel gewidmet werden. Das ist ungewöhnlich, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass man der Geschichte leichter folgen kann, weil sich der Autor auf einige wenige Schauplätze konzentriert. Man erfährt sehr viel mehr über Völker, die in früheren Bänden etwas stiefmütterlich behandelt wurden. So geht Martin ausführlicher als bisher auf die merkwürdige Kultur der "Eisenmänner" ein, zeigt uns, wie die Dornischen leben, und führt uns übers Meer nach Braavos.

Der Zyklus bleibt auf gewohnt hohem Niveau. Man könnte höchstens einwenden, dass es diesem Roman ein bisschen an Action mangelt - Figurenzeichnung, Intrigen, politische Wirren usw. stehen deutlich im Vordergrund. Wieder einmal werden zunächst die Weichen für entscheidende zukünftige Ereignisse gestellt. Inzwischen sollte jeder wissen, dass dies nur die erste Hälfte eines viel längeren Romans ist: In Deutschland werden die Romane immer in zwei Bände aufgeteilt. (13.08.2012)


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526
Eine Billion Dollar Andreas Eschbach: Eine Billion Dollar
Bastei Lübbe, 2003
887 Seiten

John Salvatore Fontanelli, ein junger italienischstämmiger New Yorker, ist pleite. Gerade hat er seinen Job als Pizzabote verloren und weiß nicht, wie er sich weiter über Wasser halten soll. Da wird er von der Florentiner Anwaltsfamilie Vacchi zu einem Treffen ins Hotel Waldorf Astoria eingeladen. Man eröffnet John, er sei der Erbe des Kaufmanns Giacomo Fontanelli. Dieser habe im 16. Jahrhundert 300 Florin zu einem Zinssatz von vier Prozent angelegt. Das bescheidene Vermögen sei nun im Verlauf von 500 Jahren durch Zins und Zinseszins auf die unfassbare Summe von mehr als tausend Milliarden Dollar angewachsen. Die Aufgabe der Vacchis hat in den vergangenen Generationen nicht nur darin bestanden, das Vermögen zu schützen und zu mehren, sondern auch in der Suche nach dem rechtmäßigen Erben Giacomo Fontanellis. Die Billion soll an den jüngsten männlichen Nachfahren gehen, der an einem bestimmten Tag im Jahre 1995 am Leben ist. Nur John kommt in Betracht. Johns Urahn hatte seinerzeit eine Vision, in der ihm neben dem weiteren Verlauf seines eigenen Lebens auch das Schicksal der Menschheit offenbart worden ist. Er hat eine Zukunft gesehen, in der die Menschheit am Rande des Abgrunds steht. Seinem letzten Willen zufolge ist es die Aufgabe des Erben, der Menschheit die verlorene Zukunft zurückzugeben. John ist jetzt im Besitz des gewaltigsten Vermögens, das es jemals gegeben hat, und er muss nicht einen Finger rühren, um minütlich reicher zu werden, denn das Vermögen verzinst sich immer weiter.

John wirft einige Millionen zu seinem Vergnügen aus dem Fenster und richtet sich standesgemäß ein. Er fühlt sich aber auch der Prophezeiung verpflichtet und sucht nach Wegen, die Billion ihrer wahren Bestimmung zuzuführen. Ihm ist klar, dass es nicht ausreicht, alle möglichen Umweltschutzprojekte zu fördern, caritative Einrichtungen zu unterstützen und Aufbauhilfe in Drittweltländern zu betreiben. Nur durch einen grundlegenden Eingriff in die Weltwirtschaft könnten die Voraussetzungen für eine sichere Zukunft geschaffen werden. Dieser Meinung ist jedenfalls Malcolm McCaine, Chef einer Investmentfirma, der das Geheimnis der Vacchis kennt. Er nimmt Kontakt mit John auf und bringt ihn dazu, das Firmenimperium Fontanelli Enterprises zu gründen, einen Moloch, der in den folgenden Jahren derart große wirtschaftliche und somit auch politische Macht gewinnt, dass er ganze Volkswirtschaften nach Johns - oder vielmehr McCaines - Willen beeinflussen kann. Ein komplexes Computerprogramm soll Zukunftsszenarien simulieren und es McCaine ermöglichen, geeignete Maßnahmen zu ergreifen. John gibt sich und sein Vermögen ganz in McCaines Hände. Nur langsam wird ihm klar, dass er möglicherweise einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat. Außerdem finden sich Neider, die Johns Vermögen an sich reißen wollen...

Das ist nur die Ausgangssituation, das grobe Handlungsgerüst für einen weitaus vielschichtiger konstruierten Roman. Ganz außen vor gelassen habe ich zum Beispiel Ursula Valen, eine junge deutsche Geschichtsstudentin, die sich zu Johns Love-Interest mausert und herausfindet, dass Giacomo Fontanelli hoch verschuldet war. Der Grundstock für Johns unglaubliches Vermögen stammt in Wahrheit von Jakob Fugger. Das ist zwar eine kleine Überraschung im Roman, aber man kann sie dennoch erwähnen, denn für den weiteren Verlauf der Handlung ist sie nicht von Belang. Auch ein jüngerer Verwandter Johns, der das Erbe an seiner Stelle hätte antreten können (und Johns Meinung nach besser geeignet gewesen wäre), aber kurz zuvor verstorben ist, spielt zwar eine relativ große, letztlich aber vernachlässigbare Rolle. Wichtiger ist da schon eine Nebenhandlung mit einem Freund Johns aus Pleitegeier-Tagen, die sich, nachdem sie geraume Zeit nicht weiterverfolgt wurde, doch noch als entscheidend für den Ausgang der Geschichte erweist. Dass bewusst falsche Fährten gelegt werden, möchte ich dem Autor aber gar nicht ankreiden. Sie machen die Story spannender.

Andreas Eschbach versteht es meisterlich, einen fesselnden Roman rund um eine einzelne ungewöhnliche Idee herum zu stricken, bzw. eine einzige Frage konsequent weiterzuführen. Was wäre, wenn die Ölquellen versiegen würden (Ausgebrannt)? Kann man den Nobelpreis kaufen (Der Nobelpreis)? Wie würde sich ein Außerirdischer auf der Erde zurechtfinden (Exponentialdrift, Kelwitts Stern)? Was wäre, wenn jemand Filmaufnahmen von Jesus Christus finden würde ("Das Jesus-Video")? Diesmal: Was fängt man mit einem Privatvermögen an, das so hoch ist wie das Bruttoinlandsprodukt einer Industrienation? Ich verstehe nicht annähernd genug von Wirtschaftswissenschaft, Geldpolitik und ähnlichen Themen, um erkennen zu können, ob das Anwachsen eines Vermögens mit Zins und Zinseszins wirklich so möglich ist, wie es hier beschrieben wird, und ob die verschiedenen Theorien zur Weltrettung, mit denen John konfrontiert wird, funktionieren können. Eschbach bettet diese doch eher trockene Thematik aber so gut in die Handlung ein, dass sie mir zumindest ahnungsweise einleuchtet.

Die Figurenzeichnung ist Eschbachs zweite Stärke. Er entwickelt glaubwürdige Figuren und nimmt den Leser für sie ein. Lediglich John wird oft als derart naiv dargestellt, dass es manchmal wehtut. Zu leicht gelingt es McCaine, ihn nach Belieben zu lenken. Immerhin durchschaut John mit der Zeit (wie auch der Leser), worauf die Vermehrung seines Vermögens wirklich basiert, und dass Geld nicht einfach aus dem Nichts kommen kann. Eschbach baut sogar reale Persönlichkeiten ein, deren Schicksal in ganz neuem Licht erscheint. So waren Lady Dis tödlicher Unfall und die Kampagne gegen Bill Clinton nur Mosaiksteinchen in McCaines Masterplan... (06.08.2012)


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525
Die Arena Stephen King: Die Arena
Heyne, 2009
Kindle Edition

Dale Barbara, genannt "Barbie" ist ein heimatloser Irakkriegs-Veteran. Er streift als Gelegenheitsarbeiter durchs Land und hat zuletzt als Koch in der Kleinstadt Chester's Mill, Maine, gearbeitet. Nach einem unangenehmen Zusammenstoß mit dem Sohn des Gebrauchtwagenhändlers "Big Jim" Rennie bricht Barbie seine Zelte in Chester's Mill ab. Rennie ist zweiter Stadtverordneter, in Wahrheit tanzt in Chester's Mill aber alles nach seiner Pfeife, denn der erste Stadtverordnete Andy Sanders ist ein inkompetenter Weichling, und die dritte Stadtverordnete Andrea Grinnell ist tablettenabhängig. Mit Big Jim möchte sich Barbie daher lieber nicht anlegen. Doch er kann Chester's Mill nicht verlassen, denn das von einem Moment zum anderen stülpt sich eine transparente Kuppel, ein Art Energiefeld, über das Stadtgebiet. Kurz nacheinander zerschellen ein Sportflugzeug, mehrere Autos und unzählige Vögel an dem unsichtbaren Hindernis. Mehrere Menschen sterben, darunter auch Polizeichef Howard Perkins. Sein Herzschrittmacher explodiert, als er sich dem Energiefeld nähert. Nur langsam wird den Menschen klar, was geschehen ist.

Das Energiefeld ist unzerstörbar und fast undurchdringlich. Licht und Schallwellen gelangen hindurch, aber es kommt nur zu einem minimalen Austausch von Luft und Wasser. Rauch und Staub werden bereits von der Kuppel abgefangen. Niemand kann das Stadtgebiet verlassen oder betreten, die Luft wird stetig schlechter, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Wasser- und Lebensmittelvorräte aufgebraucht sein werden. Das Militär setzt schwere Waffen ein, aber die Kuppel hält allem stand. Für Big Jim ist diese Situation ein gefundenes Fressen. Er hat schon seit Jahren in seine eigene Tasche gewirtschaftet und giert nun nach der absoluten Macht im Mikrokosmos unter der Kuppel. Da Perkins, sein einziger ernstzunehmender Widersacher, nicht mehr am Leben ist, gelingt es Big Jim problemlos, Panik zu schüren, die Bürger gegeneinander auszuspielen und eine neue Polizeitruppe aus ihm hörigen Schlägern zusammenzustellen. Dazu gehört sein eigener unzurechnungsfähiger Sohn, der gerade erst zwei junge Frauen umgebracht hat, was bislang völlig unbemerkt geblieben ist.

Nur wenige Menschen können dem Kleinstadtdespoten noch gefährlich werden, vor allem Barbie, der vom US-Präsidenten in den Militärdienst zurückberufen und offiziell zum Stadtkommandanten erklärt wird. Julia Shumway, Herausgeberin einer Lokalzeitung, die schon seit Jahren gegen Big Jim agitiert, und einige andere Bürger unterstützen Barbie, bringen sich damit aber selbst in tödliche Gefahr. Noch ahnt niemand, wie skrupellos Big Jim wirklich ist und wo sich die für den Betrieb von Notstromaggregaten so dringend benötigten, scheinbar spurlos verschwundenen Propangasflaschen befinden: Big Jim betreibt insgeheim ein Drogenlabor. Er setzt nun alles daran, alle unliebsamen Mitwisser und Widersacher zu beseitigen. Die Situation spitzt sich unaufhaltsam zu. Recht und Ordnung verlieren ihre Gültigkeit. Viele Menschen, vor allem Kinder, haben Visionen von einem alles verzehrenden Feuer - Visionen, die sich bald als allzu wahr erweisen...

Wenn man einmal von der nicht hundertprozentig überzeugenden Erklärung für die Entstehung der Kuppel absieht (eine für King nicht untypische Schwäche), dann kann man "Die Arena" als neuen Höhepunkt in Kings Gesamtwerk betrachten, der nur noch von dem aktuelleren Roman Der Anschlag übertroffen wird. Das in der Print-Version mehr als 1200 Seiten starke Buch wird niemals langweilig, die Spannungsschraube wird bis zum apokalyptischen Finale immer stärker angezogen. Es gibt keine Längen, jedenfalls hätte ich auf kein einziges Kapitel verzichten wollen. Sämtliche Haupt- und Nebenpersonen sind ein Musterbeispiel für Kings größte Stärke: Die Figurenzeichnung. Besonders gelungen sind wie so oft die Schurken. Bigotte Religionsfanatiker, gierige Kommunalpolitiker, kleingeistige Waffenfreaks, opportunistische Mitläufer, jugendliche Schläger, mörderische Psychopathen... es ist alles dabei. Selbst Barbie hat seine Leichen im Keller.

Ich mach's kurz: Kauft das Buch! "Die Arena" wird euch von der ersten bis zur letzten Seite fesseln. Ihr werdet lernen, Big Jim und seine Schergen zu hassen, um das Schicksal Barbies und seiner kleinen Schar aufrechter Bürger zu bangen und den langsam unerträglich werdenden Druck, dem die unter der Kuppel gefangenen Menschen ausgesetzt sind, fast selbst zu spüren. Man müsste schon mit Blindheit geschlagen sein, um in Chester's Mill nicht eine Miniaturausgabe dessen zu sehen, was derzeit in den USA und praktisch überall sonst in der Welt geschieht. (30.07.2012)


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524
Durchs wilde Kurdistan Karl May: Durchs wilde Kurdistan
Kindle Edition

Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar begleiten Scheik Mohammed Emin, um dessen Sohn Amad al Ghandur aus türkischer Gefangenschaft zu befreien. Sie haben erfahren, dass Amad al Ghandur in der Grenzfestung Amadijah festgehalten wird. Unterwegs dorthin werden sie als Gastfreunde der als "Teufelsanbeter" verunglimpften Dschesidi in einen Angriff der Truppen des Paschas von Mossul verwickelt. Kara Ben Nemsi trägt entscheidend zum Sieg der Dschesidi bei, indem er die Kanonen der Türken erobert. Danach geht die Reise weiter nach Amadijah. Dort kommt es zur Wiederbegegnung mit Sir David Lindsay. Alle vier wohnen bei Selim Agha, dem Befehlshaber der Arnauten, und dessen Wirtschafterin Mersinah. Während Kara Ben Nemsi die Lage erkundet, wird er zu einem im Sterben liegenden Mädchen gerufen. Er erkennt, dass sie Tollkirschen gegessen hat, und kann sie retten. So gewinnt er die Gunst der Großmutter des Kindes, der alten Christin Marah Durimeh. Zum Dank für seine Hilfe verspricht sie ihm, der Ruh'i kulyan ("Geist der Höhle") werde ihm helfen, sollte er je in Schwierigkeiten geraten.

Nachdem Amad el Ghandur durch eine wagemutige Aktion aus den Händen des Mutesselim von Amadijah befreit worden ist - wobei ein gehaltvoller, für Muslime eigentlich verbotener Wein eine wichtige Rolle zu spielen hat - reisen die Gefährten weiter durchs wilde Kurdistan. Sie geraten zwischen die Fronten eines Konflikts zwischen christlichen Nestorianern und muslimischen Kurden. Kara Ben Nemsi wird von ersteren gefangen genommen, gewinnt aber die Wertschätzung ihres Anführers, des Melek von Lizan. Kara Ben Nemsi versucht zwischen ihm und dem kurdischen Bey von Gumri zu vermitteln, doch die Fronten sind verhärtet. Jetzt kann nur noch der Ruh'i kulyan helfen...

Der zweite von sechs Bänden des Orient-Zyklus wirkt einheitlicher und nicht mehr so episodenhaft wie der erste (Durch die Wüste). Im Gegensatz zum ersten Band spielt Hadschi Halef Omar kaum noch eine Rolle, stattdessen rückt der schrullig-spleenige Sir David Lindsay deutlich in den Vordergrund. Dieser sehr exzentrische, aber ebenso großzügige und fähige englische Gentleman mit der hageren Statur, der riesigen Nase und dem parallelogrammförmigen Mund ist eine meiner Lieblingsfiguren des Zyklus.

Ansonsten könnte ich nur wiederholen, was ich schon zum ersten Band geschrieben habe. Die exotischen Abenteuergeschichten des Orient-Zyklus werden von Karl May so meisterlich erzählt, dass man sich jede Figur, jeden Schauplatz und jedes Ereignis plastisch vorstellen kann. Kara Ben Nemsi, der Alleskönner, stößt diesmal ein wenig an die Grenzen des Machbaren und braucht fremde Hilfe, um Frieden zwischen Kurden und Nestorianern stiften zu können. Man kommt zwar ein bisschen durcheinander bei all den vielen verfeindeten Parteien und Personen, am Ende fügt sich aber alles zum Guten. Außerdem enthält der Roman einige unvergessliche Szenen, etwa mit dem schlitzohrigen, aber unter dem Pantoffel stehenden Selim Agha und seinem Hausdrachen Mersinah. Oder mit der zahnlosen alten Madana, die ein gruseliges, von Kara Ben Nemsi verschmähtes Gericht - Schnecken in Knoblauch - unter großem Geknatsch verputzt. In solchen Momenten beweist Karl May großes komödiantisches Talent.

Der Text ist gemeinfrei, kann im Internet gelesen werden (z.B. Projekt Gutenberg) und ist kostenlos als E-Book erhältlich. (24.07.2012)


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523
Der Krater Douglas Preston: Der Krater
Knaur, 2011
523 Seiten

Abbey Straw, Studiums-Abbrecherin und Hobby-Astronomin, lebt bei ihrem Adoptivvater in dem Kleinstädtchen Round Pond. Sie gibt ihr sauer verdientes Geld für ein gebrauchtes Teleskop aus und beobachtet eines Nachts im April zusammen mit ihrer Freundin Jackie zufällig den Absturz eines großen Meteoriten vor der Küste Maines. Abbey wittert ihre große Chance, denn nur sie weiß, dass der Meteorit keineswegs ins Meer gefallen ist, wie allgemein angenommen wird, sondern auf einer der kleinen vorgelagerten Inseln niedergegangen sein muss. Ihr ist bekannt, dass Meteoritenjäger viel Geld für derartige Objekte zahlen, aber um den Brocken bergen zu können, braucht sie das Hummerfangschiff ihres Vaters. Sie muss daher einige Wochen warten, bis ihr Vater wegfährt. Dann brechen die beiden jungen Frauen auf. Sie ahnen nicht, dass sie von jemandem verfolgt werden, der Wind von der Sache bekommen und noch eine persönliche Rechnung mit Abbey offen hat.

Im Mai erhält Mark Corso, leitender Techniker der Marsmission an der National Propulsion Facility in Pasadena, Post von seinem jüngst verstorbenen Mentor Prof. Jason Freeman. Freeman ist kurz vor seinem Tod aufgrund angeblicher Unregelmäßigkeiten gefeuert worden (Corso soll jetzt auf Freemans Posten befördert werden) und hat es irgendwie geschafft, eine Festplatte mit streng geheimen Daten mitgehen zu lassen. Dieses brisante Material trifft nun bei Corso ein. Allein die Tatsache, dass ein solches Sicherheitsleck existiert, könnte das Aus für das Marsprojekt bedeuten, und es ist unmöglich, die Festplatte einfach wieder zurückzubringen. Als sich Corso mit den darauf gespeicherten Daten beschäftigt, wird ihm klar, dass er auf eine wissenschaftliche Sensation gestoßen ist, die seine Karriere in völlig neue Bahnen lenken könnte. Er präsentiert Freemans Forschungsergebnisse über eine Gammastrahlungsquelle auf dem Mars als seine eigenen und ahnt nicht, dass er damit in ein Wespennest sticht.

Ungefähr zur gleichen Zeit wird Ex-CIA-Agent Wyman Ford vom wissenschaftlichen Berater des US-Präsidenten mit einem geheimen Auftrag betraut. Seit einigen Wochen werden radioaktive Edelsteine einer zuvor nicht bekannten Art auf dem Schwarzmarkt gehandelt, so genannte "Honeys". Aus solchen Steinen hergestellter Schmuck ist extrem gesundheitsschädlich, vor allem aber lassen sich die Honeys leicht zu Staub zermahlen, so dass man sie als Bestandteil schmutziger Bomben verwenden könnte - ein gefundenes Fressen für Terroristen. Die Mine muss sich irgendwo in Kambodscha befinden. Ford soll sie suchen, aber sonst nichts unternehmen. Als Ford die Mine mit Hilfe eines einheimischen Freundes ausfindig macht, muss er feststellen, dass sie in der Hand eines ehemaligen Mitglieds der Roten Khmer ist, der die lokale Bevölkerung mit brutaler Gewalt zur Arbeit zwingt und für den maximalen Ertrag über Leichen geht. Die Mine ist in Wahrheit ein Krater, der sich bei genauerer Untersuchung aber nicht als Stelle eines Meteoriteneinschlags erweist, sondern als Austrittsloch...

Es bleibt lange unklar, welche Zusammenhänge zwischen diesen drei scheinbar grundverschiedenen Handlungssträngen bestehen, die nach der Hälfte des Romans schlüssig zusammenlaufen. Sobald die wahren Hintergründe enthüllt werden, was erst gegen Ende der Geschichte geschieht, wird klar: Dieser Roman ist pure Science Fiction! Bis dahin verläuft die Story nach dem für so genannte "Wissenschafts-Thriller" üblichen Strickmuster: Es wird nach wissenschaftlichen Erklärungen für ungewöhnliche Phänomene geforscht, gleichzeitig versuchen Glücksritter das große Geld damit zu machen, so dass es zu einem Wettlauf kommt, der mörderische Züge annimmt. Im ersten Drittel werden Abbey und Jackie von Abbeys Ex-Freund verfolgt. Zwischendurch hebt Ford in James-Bond-Manier das Arbeitslager in Kambodscha aus - eine recht unglaubwürdige Aktion. Im letzten Drittel werden Corso, Ford und Abbey von einem Auftragskiller gejagt. Das Katz-und-Maus-Spiel nimmt breiten Raum ein. Das Ganze ist durchaus nicht unspannend, eine Straffung hätte diesen Abschnitten, vor allem im ersten Drittel, aber nicht geschadet. Immerhin: Ford und Abbey werden zu einem ungewöhnlichen Team und sorgen aufgrund ihrer grundverschiedenen Persönlichkeiten für nette Reibereien. Auch sonst kann man mit der Figurenzeichnung sehr zufrieden sein; man kann schön mitfiebern. Wyman Ford war übrigens schon in Credo die Hauptfigur.

Nur tröpfchenweise wird enthüllt, was es mit dem Meteoriten und der Gammastrahlungsquelle auf dem Mars (bzw. auf einem Marsmond) auf sich hat. So wird die Neugier des Lesers immer wieder neu angestachelt. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass der vermeintliche Meteoriteneinschlag keiner ist. Stattdessen ist ein Strangelet-Bröckchen quer durch den gesamten Planeten geschossen. Strangelet? Kannte ich zuvor nicht, ist aber keine Erfindung des Autors. Laut Wikipedia hat diese "seltsame Materie" äußerst ungewöhnliche Eigenschaften. Man nimmt sogar an, dass seltsame Materie normale Materie bei Berührung in ihresgleichen umwandeln und gleichzeitig extrem verdichten kann. Das ist nur eine Hypothese, die im Roman zur Tatsache erklärt wird. Wäre der Strangelet-Brocken in der Erde steckengeblieben, dann wäre der Planet zur Größe eines Fußballs zusammengeschnurrt!

Insgesamt ist "Der Krater" gutes Lesefutter, bestens geeignet für einen langen Tag am Strand. (19.07.2012)


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522
So ruhet in Frieden John Ajvide Lindqvist: So ruhet in Frieden
Bastei Lübbe, 2008
446 Seiten

Im Sommer des Jahres 2002 stöhnt ganz Stockholm unter einer Hitzewelle. Am 13. August spitzt sich die Situation dramatisch zu. Die Luft scheint sich elektrisch aufzuladen, was dazu führt, dass Elektrogeräte nicht mehr ausgeschaltet werden können und heißlaufen. Alle Bewohner der Stadt bekommen schreckliche Kopfschmerzen, viele verlieren das Bewusstsein. Plötzlich ist alles wieder völlig normal, so als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte. Doch wenig später ereignet sich etwas noch viel unglaublicheres: Die Toten erwachen! Nur Eva, die erst vor wenigen Stunden bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommene Frau des Stand-up-Comedians David, kann sich artikulieren. Alle anderen bleiben stumm. Sie sind nur noch Schatten ihres früheren Selbst, versuchen aber aus den Leichenhallen zu entkommen und nach Hause zurückzukehren. Diese Erfahrung machen Elvy und deren Enkelin Flora, als Elvys vor einigen Tagen verstorbener Gatte plötzlich vor der Tür steht und schnurstracks in sein Arbeitszimmer geht, als ihm geöffnet wird. Aber auch längst beerdigte Tote kehren ins Leben zurück, so auch der schon vor Wochen tödlich verunglückte Enkel des pensionierten Journalisten Gustav Mahler. Nachdem ihm klar geworden ist, was die Stunde geschlagen hat, exhumiert Mahler die schon stark verweste, aber "lebendige" Leiche und nimmt sie mit nach Hause.

Ärzte und Wissenschaftler sind ratlos. Niemand weiß, was die Auferstehung der Toten verursacht hat und wodurch die Leichen am "Leben" erhalten werden. Nur innerhalb der letzten acht Wochen verstorbene Personen sind von dem Effekt betroffen. Sie sind nicht aggressiv, haben aber einen unheilvollen Einfluss auf alle Menschen, die sich längere Zeit mit ihnen beschäftigen. Offenbar werden die Gedanken der Lebenden in der Nähe der Toten so verstärkt, dass sie "hörbar" werden. Das sorgt für derart große Konflikte, dass die insgesamt ca. 2000 "Wiederlebenden" in einem verlassenen Wohnblock interniert werden. Doch viele Angehörige können sich weder mit der Trennung noch mit der Vorstellung abfinden, dass nicht die geliebten Verstorbenen zurückgekehrt sind, sondern nur seelenlose Hüllen. Mahler gehört zu denjenigen, die sich weigern, die Toten herauszugeben. Er flieht mit der Leiche und seiner Tochter Anna auf eine einsame Insel. Dann hat Elvy eine Vision. Sie glaubt, dass die Auferstehung der Toten ein Beweis für das Nahen des Jüngsten Tages und die bevorstehende Wiederkehr Jesu Christi ist. In ihrer Vision sieht sie die Jungfrau Maria, die ihr die Aufgabe erteilt, alle Menschen zum Glauben zu bekehren, weil sie sonst verloren wären...

Dies ist Lindqvists zweiter Roman, und ebenso wie der dritte (Menschenhafen) reicht er zwar nicht an sein geniales Erstlingswerk So finster die Nacht heran, ist auf seine Art aber durchaus faszinierend. Es gibt keine Bezüge zwischen den drei Romanen, man kann sie also einzeln oder in beliebiger Reihenfolge lesen. Eine Gemeinsamkeit ist aber doch vorhanden: Alle drei behandeln klassische Horror-Thematiken auf eigenwillige Weise. Bei "So finster die Nacht" geht es um Vampire, bei "Menschenhafen" um Geister, bei "So ruhet in Frieden" um Zombies. Diese Bezeichnung wird in der Story aber nie verwendet, denn es handelt sich keineswegs um einen Zombie-Roman nach dem allseits bekannten Strickmuster. Hier geht es nicht um die ansonsten übliche Zombie-Apokalypse, also das Ende der von fressgierigen Zombies überrannten Welt, in der die letzten Menschen ums Überleben kämpfen müssen. Die Wiederlebenden sind nicht bösartig, im Grunde geht keine echte Gefahr von ihnen aus. Probleme entstehen nur durch das, was die Lebenden in den (Un-)Toten sehen, bzw. dadurch, dass sie sie nicht "loslassen" können. Wer also einen Gruselschocker oder einen Thriller (steht auf dem Cover) erwartet, dürfte enttäuscht sein. Lindqvist befasst sich vielmehr mit den unterschiedlichen Reaktionen auf den Verlust geliebter Menschen, den Umgang mit Trauer, der Frage nach dem Menschsein und den religiösen Implikationen der Wiederauferstehung.

"Technisch" gesehen sind die Wiederlebenden definitiv Zombies: Sie atmen nicht, brauchen keine Nahrung, haben Zimmertemperatur, "leben" trotz schlimmster Verletzungen oder Verwesungsfolgen, sind nicht ansprechbar und zeigen praktisch keine menschlichen Reaktionen, folgen aber gewissen Instinkten oder Verhaltensmustern, an die sie sich zu erinnern scheinen. Warum das so ist, wird nicht genau erklärt. Es wird nur angedeutet, dass irgendwas im größeren kosmischen Zusammenhang schiefgegangen ist, was dazu führt, dass die noch nicht ins Nirwana (oder so) eingegangenen Seelen der Verstorbenen quasi in die körperlichen Hüllen zurückfallen, ohne diese endgültig wiederbeleben zu können. Eigentlich hätte es der Wiederauferstehung gar nicht bedurft. Lindqvist hätte praktisch dieselbe Geschichte mit Hirngeschädigten erzählen können, die ihre Persönlichkeit verloren haben. Wer je einen Demenzkranken gepflegt hat, der weiß, was ich meine.

Die Geschichte hat mich stark an die Story "Der Styx fließt bergauf" von Dan Simmons erinnert. Die habe ich allerdings als sehr viel eindringlicher und beunruhigender in Erinnerung. "So ruhet in Frieden" hat zu viele Längen; nur in den Kapiteln mit David und Eva konnte ich mitfühlen. Ansonsten war mir das Schicksal der Protagonisten - lebend oder tot - eher egal. (18.07.2012)


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521
Cult Douglas Preston / Lincoln Child: Cult - Spiel der Toten
Knaur, 2011
499 Seiten

Bill Smithback wird in seiner Wohnung ermordet. Seine Frau Nora Kelly wird ebenfalls angegriffen, überlebt jedoch und kann den flüchtigen Angreifer, der außerdem von Überwachungskameras gefilmt wird, zweifelsfrei identifizieren. Als Täter kommt nur Colin Fearing in Betracht, ein Bewohner desselben Mietshauses. Allerdings hat Fearing schon vor zwei Wochen Selbstmord begangen - er ist tot und beerdigt. Wurde der Mord also von einem Untoten begangen? Die Presse stürzt sich begeistert auf den bizarren Mordfall, so dass bald von Zombies die Rede ist, die in New York ihr Unwesen treiben. Smithbacks Witwe will den Fall auf eigene Faust klären, denn sie fühlt sich von dem Zombie verfolgt. Die junge Reporterin Caitlyn Kidd macht sich an Nora heran; sie behauptet, ihr helfen zu können und möchte sich im Gegenzug die Exklusivrechte für die Sensationsstory sichern.

Detective Vincent D'Agosta und Special Agent Aloysius Pendergast ermitteln gemeinsam, denn Smithback war mit beiden befreundet. Pendergast kennt sich gut mit dem haitianischen Zombie-Glauben aus und hält es nicht für ausgeschlossen, dass derartige Riten im Spiel sein könnten. Tatsächlich ist Fearings Leiche verschwunden. In seinem Grab befindet sich nur ein kleiner Voodoo-Fetisch. Am Tatort werden ähnliche Objekte gefunden. Pendergast und D'Agosta stellen Querverbindungen zu Recherchen her, die Smithback kurz vor seinem Tod betrieben hat. Offenbar ist Smithback einer obskuren Sekte in die Quere gekommen, die schon seit Jahrhunderten in völliger Abgeschiedenheit mitten in Manhattan lebt: In einer als "Das Ville" bekannten Siedlung tief im Dickicht eines unzugänglichen Parkgebietes. Gerüchten zufolge werden dort grausame Tieropfer dargebracht. Smithback wollte diese Machenschaften aufdecken.

Schon bald dringen Gerüchte über Tierquälerei im Ville an die Öffentlichkeit, außerdem ereignen sich weitere Morde mit okkultem Hintergrund. So gerät die Sekte in den Blickpunkt erzürnter Bürger und militanter Tierschützer, die das Ville stürmen wollen. Die Polizei nimmt diese Situation nicht ernst. Für Pendergast und D'Agosta sieht es jedoch so aus, als sei in New York nicht nur ein einziger Zombie unterwegs, sondern mehrere...

Nachdem sich Preston / Child mit ihrem letzten Roman (Darkness) aufs Glatteis des fernöstlichen Mystizismus gewagt und erstmals wirklich übernatürliche Elemente verwendet haben, kehren sie diesmal auf den Boden der Tatsachen zurück. Ohne zu viel zu spoilern kann ich verraten, dass es für alle Geschehnisse in "Cult" logische Erklärungen gibt. Und das ist auch gut so! Allerdings wird der Leser bewusst auf falsche Fährten gelockt, und das ist weniger gut. Erst ganz am Schluss wird eine Auflösung präsentiert, die zwar schlüssig ist, aber ziemlich weit hergeholt wirkt. Es ist sogar ein Kapitel nötig, in dem Pendergast die Hintergründe lang und breit erläutert, obwohl er im Grunde kaum etwas zur Klärung des Falles beiträgt. Gut, er überführt den Täter, aber das wirkt dann nicht besonders überzeugend. Bis dahin plätschert die Handlung - nach dem Knalleffekt zu Beginn - lange recht unspektakulär vor sich hin und nimmt erst im letzten Drittel Fahrt auf. Preston / Child schrecken leider nicht vor Effekthascherei zurück. Beispielsweise wird Nora Kelly im Krankenhaus von einem Zombie bedroht. Das Ungeheuer kommt näher und näher… dann wacht Nora auf. Alles nur ein Traum. Tolle Idee.

Das seit langem bekannte Handlungsschema praktisch aller Romane dieser Reihe kommt einmal mehr zum Einsatz, allerdings ist Pendergast nicht so dominant wie sonst. Tatsächlich tritt er zu Gunsten von D'Agosta und Kelly etwas in den Hintergrund. Es werden allerdings wieder einmal finstere Ereignisse aus Pendergasts Vergangenheit angedeutet. Offenbar hat seine Familie irgendetwas mit Voodoo-Kulten zu tun und er scheint die Existenz von Untoten wirklich für möglich zu halten. Am Ende erhält er eine Nachricht, die zweifellos auf Folgeromane überleiten soll. Dennoch steht "Cult" noch isolierter da als "Darkness", will sagen: Man kann die Story problemlos verstehen, ohne einen der anderen Pendergast-Romane zu kennen. (17.07.2012)


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520
Spurensuche im All - Perry Rhodan Studies Klaus Bollhöfener, Klaus Farin und Dierk Spreen (Hrsg.): Spurensuche im All - Perry Rhodan Studies
Archiv der Jugendkulturen Verlag KG, 2003
Kindle Edition

Dieses 2003 erstmals erschienene, seitdem vergriffene und jetzt als E-Book erhältliche Buch enthält folgende Artikel, die das Phänomen Perry Rhodan aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten:

Dierk Spreen: Perry Rhodan Studies – einleitende Bemerkungen
Dietmar Dath: Simile venit ad simile: Warum man Superintelligenzen nicht vergleichen kann
Hans Esselborn: Topoi der Perry-Rhodan-Forschung seit den 60er Jahren
Rainer Nagel: Perry Rhodan in der Übersetzung. Perspektiven der internationalen Rezeption aus linguistischer Sicht
Bernhard Kempen: Archive des Imperiums. Die Publikationsgeschichte der Perry-Rhodan-Serie
Dierk Spreen: Kleine Massenmedien. Zum Verhältnis von produktiver Rezeption und massenkultureller Vergesellschaftung am Beispiel der Perry-Rhodan-Heftserie
Hartmut Kasper: Robby, ES und THOREGON – die Entwicklung der Superintelligenz im Perry-Rhodan-Kosmos
Regina Schleicher: Gender mit wenig Sex. Geschlechterverhältnisse in der Heftserie Perry Rhodan
Rainer Stache: Der Leser als Maßstab. Die Serie muss die Leser ernstnehmen, sonst wird sie von den Lesern nicht mehr ernstgenommen werden
Gregor Sedlag: Der Perry-Rhodan-Kosmos als Reflex der politischen Geschichte der BRD
Alexander Seibold: Der Gott der Terraner


Die Artikel sind allesamt lesenswert, aber es wäre mir lieber gewesen, wenn sich mancher Autor um bessere Allgemeinverständlichkeit bemüht hätte. Zumal die wissenschaftliche Herangehensweise bei der Kürze der Artikel ohnehin meist im Ansatz stecken bleibt. Wer gehört eigentlich zur Zielgruppe des Buches? Die geschraubten Formulierungen, Fachbegriffe und Verweise auf diverse philosophische Werke in manchen Artikeln scheinen sich an Akademiker zu richten, sofern es sich nicht nur um Selbstdarstellung handelt. Der Gegenstand der Artikel - die PR-Serie an sich und bestimmte Elemente des Perryversums - ist aber so speziell, dass man Leser dieser Serie sein müsste. Wer die Serie nicht kennt, wird sich fragen, wovon zum Teufel denn da überhaupt die Rede ist, wenn es um Superintelligenzen, Hyperphänomene und ähnliches Brimborium geht, oder warum man sich für die unreflektierte, ideologisch geprägte Polemik in den PR-Kritiken der Sechziger- und Siebzigerjahre interessieren sollte. Wer nicht Philosophie studiert hat, wird wiederum mit den kommentarlos in den Raum geworfenen Begriffen und Namen wenig anfangen können.

Eine sachliche Auseinandersetzung mit der PR-Serie, bei der die Ergebnisse nicht schon im Voraus feststehen, ist selten - hier findet sie statt. Sehr löblich! Besonders gut gefallen haben mir die Beiträge von Hans Esselborn, der sich mit den PR-Kritiken im Wandel der Zeiten beschäftigt, von Rainer Nagel, der einige (für mich) neue Details zur US-amerikanischen PR-Ausgabe beisteuert, und von Rainer Stache, der hart mit den PR-Autoren ins Gericht geht, obwohl er der Serie gegenüber eigentlich sehr positiv eingestellt ist.

Der Text der ca. 181 Seiten umfassenden Druckversion wurde anscheinend nicht sorgfältig für die E-Book-Auswertung konvertiert. Einzelne Leerzeichen fehlen, aus dem Buchstaben "l" wird manchmal "i". (21.06.2012)

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519
Spellforce Uschi Zietsch: Spellforce Shaikan-Zyklus Buch 1 - Windflüsterer
Panini Verlags GmbH, 2006
313 Seiten

Alle dreitausend Jahre wird Aonir, die Sonne der Welt Eo, durch einen Kometen verfinstert. Einer Weissagung zufolge werden bei dieser so genannten Konvokation gewaltige magische Kräfte freigesetzt. Wer diese Kräfte bündeln und nutzen kann, so heißt es, gewinnt gottgleiche Macht. Eine Gruppe von Magiern will sich diese Macht aneignen, doch der Magierzirkel zerbricht schon Jahre vor der Konvokation, da jeder die Macht für sich allein gewinnen will. Die Konvokationskriege ziehen den gesamten Kontinent Fiara in Mitleidenschaft. In dieser Zeit machen die Shaikan von sich reden, ein stolzes, freies Volk im nördlichen Menschenreich Nortander. Ihr Hauptsitz ist die uneinnehmbare Gebirgsfestung Shaikur. Die Shaikan gelten als hervorragende, aber nicht vertrauenswürdige Kämpfer. Man nennt sie "die Drachenblütigen", denn die ersten Shaikan sind vor Jahrhunderten infolge eines Pakts entstanden, den der Alchimist Janus Malacay mit dem Drachen Ur geschlossen hat. Dabei hat Malacay das Blut des Drachen mit seinem eigenen vermischt, um Unsterblichkeit zu erlangen. Malacays Geist ist nach seinem körperlichen Tod in einen männlichen Nachkommen übergegangen, wird stets von einer Generation zur nächsten weitergegeben und kann die volle Kontrolle über seinen "Wirtskörper" übernehmen.

Die neunzehnjährige Derata, Tochter von Darmos Eisenhand, des Herrn von Shaikur, ist eine Shaikan-Kriegerin mit ehrgeizigen Zielen. Sie will die Fürstenhäuser Nortanders sowie die anderen Völker Fiaras für den Kampf gegen die Zirkelmagier vereinen und so die Konvokationskriege beenden. Darmos verfolgt andere Pläne. Er will Derata mit dem zehn Jahre älteren Fürsten Ruorim verheiraten, um einen Vorteil für Verhandlungen mit den Zirkelmagiern zu gewinnen. Derata hat keine Lust, mit einem Mann verheiratet zu werden, den sie nicht liebt und dessen Absichten ihr suspekt sind. Das sagt sie Ruorim eines Nachts klar und deutlich. Der Fürst beweist unerwartete Größe, gewährt Derata Bedenkzeit und bewirtet sie mit süßem Wein. In derselben Nacht hat Derata einen beunruhigenden Traum, aber erst mehrere Wochen später erfährt sie, was wirklich geschehen ist: Ruorim hat Derata ein Schlafmittel verabreicht und vergewaltigt. Die junge Frau ist schwanger. Sie verlässt ihre Heimat und bringt ihren Sohn Goren in einer fernen Stadt zur Welt. Goren wächst in dem Bewusstsein auf, anders als alle anderen Kinder zu sein, aber selbst als er eine fremde Stimme in seinem Geist hört, kann er noch nicht ahnen, was es wirklich mit seiner Herkunft auf sich hat. Er ist Malacays jüngster Nachkomme und trägt den Geist des Alchimisten in sich. Aus genau diesem Grund hat Gorens Vater jahrelang nach ihm gesucht. Eines Tages wird die Stadt von Ruorims Armee belagert...

Dies ist der erste von drei Romanen, in denen die Vorgeschichte der PC-Spiele Spellforce und Spellforce 2 - Shadow Wars erzählt wird. Im ersten Spiel sind die Konvokationskriege bereits Vergangenheit. Ein Kämpfer aus dem Volk der Shaikan und Malacay sind zentrale Figuren im zweiten Spiel. Leider sind zu viele Jahre vergangen, seit ich die beiden Games gezockt habe, denn zweifellos hätte mir der Roman besser gefallen, wenn die Erinnerung an die Spiele noch frisch gewesen wäre. Die Story ist kaum mehr als eine Ansammlung der altbekannten Fantasy-Klischees: Kryptische Prophezeiungen und Konflikte von epischem Ausmaß, ein Auserwählter, der zunächst nichts von seiner Bestimmung ahnt, böse Magier und edle Kämpfer, treue Gefährten aus den üblichen Völkern (Menschen, Elfen, Zwerge), die sich gegen die ebenfalls üblichen Schergen behaupten müssen (Orks, Trolle, Untote). Das ist mir alles zu beliebig und zu vorhersehbar. Der Weltenentwurf und das Konzept der Seelenwanderung sind nicht uninteressant, aber das reißt es nicht heraus, denn beides wird nicht gut genug ausgearbeitet.

Ich schätze Uschi Zietsch (Pseudonym: Susan Schwartz) als Perry Rhodan - Autorin. Ihre Beiträge zu dieser Serie waren fast immer echte Highlights; die Figurenzeichnung ist ihre besondere Stärke. Leider merkt man davon in "Windflüsterer" nur wenig. Mit Ausnahme von Derata, einer wirklich starken Frauenfigur, sind praktisch alle Figuren platte Fantasy-Versatzstücke ohne Tiefgang. Wir haben die jugendliche Helden-Nervensäge mit Selbstfindungsproblemen und Rachegelüsten, den derb-freundlichen Zwerg, die zarten Elfen, die hässlichen Orks und so weiter - man kann stets vorhersagen, was jeder von ihnen sagen und tun wird. Alles schon x-mal in anderen Romanen gelesen. Leider greift Uschi Zietsch außerdem mehrmals zu dem nicht sehr eleganten Kniff, Hintergrundinformationen durch erklärende, aus der Ich-Perspektive bestimmter Figuren erzählte Kapitel zu vermitteln. Der Roman hat durchaus einzelne starke Abschnitte und mag als Lesefutter für unterwegs durchgehen, ist letzten Endes aber inhaltlich und stilistisch unbefriedigend. Schade! (18.06.2012)


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518
Unter Strom Justina Robson: Lila Black 02 - Unter Strom
Blanvalet, 2008
448 Seiten

Lila Black hat bei ihrer Mission in Alfheim den Plan einer Separatistengruppe durchkreuzt, deren Ziel in der endgültigen Trennung aller sechs Welten bestand. Sie hat dadurch aber einen Bürgerkrieg unter den verschiedenen Elfenvölkern ausgelöst. Immerhin konnte sie ihren Geliebten Zal retten. Außerdem wurden Lilas Cyborg-Bestandteile durch Metallelementare so verändert, dass sie endlich vollständig mit den Überresten ihres menschlichen Körpers verschmolzen sind. Während der Mission hat sich der Geist des Nekromanten Tath in Lilas Körper eingenistet. Er dient ihr als Ratgeber und kann durch Ausdehnung seines Andalun-Körpers auch selbst aktiv werden. Lila muss seine Existenz jedoch geheim halten. Obwohl Lila ihren Körper nun perfekt beherrscht, leidet sie noch immer unter der Vorstellung, kein echter Mensch zu sein, keinen Kontakt mit ihrer Familie aufnehmen zu können (man hält sie für tot) und dem Geheimdienst Incon, dem sie nicht mehr vertraut, ausgeliefert zu sein. Tatsächlich betrachtet Lilas Vorgesetzte Cara Delaware die junge Frau als Eigentum von Incon und schickt sie schon kurz nach ihrer Rückkehr aus Alfheim in den nächsten Einsatz. Diesmal soll Lila in Begleitung von Zals "Schwester" Sorcha nach Daemonia reisen. Sie soll herausfinden, wie es Zal seinerzeit gelungen ist, zu einem Elfen-Dämonen-Hybridwesen zu werden.

Lila ist kaum in Daemonia angekommen, als sie schon zur Adressatin für unzählige Heiratsanträge und Duellaufforderungen wird. Mit Taths Hilfe tötet sie einen Attentäter auf spektakuläre Weise, gewinnt dadurch den Respekt der Dämonen und wird gleichzeitig in eine Vendetta hineingezogen, in deren Verlauf sie den Dämon Teazle aus der Familie des getöteten Attentäters unfreiwillig an sich bindet. Außerdem wird der redselige Kobold Thingamajig zu ihrem ständigen Begleiter. Lila erfährt, dass Zal buchstäblich durch die Hölle gehen musste, um zum Dämon zu werden. Wenn sie diesen Prozess ergründen will, muss sie das Gleiche tun. Auf ihrer Suche nach einem Weg in die Hölle wird Lila in eine Auseinandersetzung mit einem mächtigen Nekromanten verwickelt, wodurch ihre eigene Familie in tödliche Gefahr gerät...

Der zweite von bislang fünf Romanen der Lila-Black-Reihe ist im Gegensatz zum ersten nicht in sich abgeschlossen. Es ist zwar ein einleitendes Kapitel vorhanden, in dem die Hintergründe und die Vorgeschichte aus dem ersten Band in aller Kürze rekapituliert werden, dennoch sollte man Willkommen in Otopia gelesen haben, um die Fortsetzung richtig würdigen zu können. Außerdem hat "Unter Strom" ein offenes Ende: Es bleibt das Problem bestehen, dass sich Lila nicht ganz aus der durch Incon ausgeübten Kontrolle lösen kann. Ein geheimnisvoller Gegenstand, das Rosetta-Artefakt, muss etwas damit zu tun haben. Es gibt eine isolierte siebte Daseinssphäre, die gefunden und in das Gefüge der sechs anderen Welten eingebettet werden muss, denn dieses Gefüge ist instabil und droht zusammenzubrechen.

Die Originaltitel der Lila Black - Romane geben den Inhalt viel treffender wieder als die deutschen Versionen. Band 2 der Reihe heißt eigentlich "Selling out", und damit wird auf eines von Lilas Problemen angespielt: Entweder sie verkauft sich quasi selbst, um ihrem Pflichtgefühl Genüge zu tun und die übersteigerten Erwartungen ihrer Vorgesetzten zu erfüllen (immerhin hat es Abermillionen gekostet, ihr Leben zu retten und den Cyborg zu konstruieren), oder sie bricht mit allem, was sie einmal für gut und richtig gehalten hat, um ein eigenständiges Leben führen zu können. Das ist - neben den inneren Widersprüchen einer jungen Frau, die im Körper einer mächtigen Kampfmaschine gefangen ist - im Grunde auch schon das Hauptthema der Lila-Handlungsebene, und es wird bestens in eine spannende Handlung eingebaut. Lilas Abenteuer in Daemonia, bei denen ihre Superkräfte mehrmals effektvoll eingesetzt werden, sind einfach köstlich. Der sexy Dämonen-Popstar Sorcha, das pralle Leben im von Hedonismus, Kunst und Gewalt geprägten Daemonia, die Fehden und Kämpfe, der freche Kobold Thingamajig und Taths zynische Kommentare sorgen für viele packende und humorvolle Kapitel.

Es gibt aber noch zwei weitere Handlungsebenen, die mir weniger gut gefallen haben. So gelangt Zal unabsichtlich nach Zoomenon, also in eine Existenzsphäre, in der er nicht lange überleben kann, und begegnet Göttern. Gleichzeitig reist Lilas Feenkollege Malachi in eine noch irrealere Region, in der Jagd auf Geister gemacht wird. Hier machen sich leichte Längen bemerkbar bzw. es wird etwas zu sehr mit nebulösen magischen Energien und anderen unerklärlichen Phänomenen herumhantiert. Zweifellos werden damit die Weichen für künftige Ereignisse gestellt, ganz überflüssig sind diese Kapitel also nicht. Ein nach ganz besonderen Regeln geführtes Kartenspiel zwischen Zal und Malachi, bei dem es nicht um Geld geht, sondern um Informationen, ist sogar ein Highlight des Romans.

Trotz kleiner Schwächen macht der zweite Band aufgrund einer ungewöhnlichen Vermischung von Science Fiction und Fantasy mit unzähligen überraschenden Ideen, der vielschichtigen Hauptfigur, der geschliffenen Dialoge und der knackigen Action noch mehr Spaß als der erste. (12.06.2012)

Gastkommentar von Claus (23.07.2012):

Hallo,

Aufhänger für diese Mail ist die Rezension von "Lila Black 02".
Mir fällt immer wieder auf, dass Verlage ihre Serien nicht weiterführen. So scheint auch Lila Black nach dem dritten Buch nicht weiterzukommen. So etwas ist keine Ausnahme.
Schon vor einiger Zeit gab es z.B. ein neues Buch in der Vorkosigan/Barrayar- Saga (Lois McMaster Bujold - "CryoBurn", 2010), Fortsetzungen der Miles Flint-Serie (Kristine Kathryn Rusch - "Duplicate Effort", 2009 und "Anniversary Day", 2011) oder den abschließenden Teil der Gibraltar-Trilogie (Michael McCollum - "Gibraltar Stars", 2009).
Ich selbst habe mit Absicht abgewartet wie sich unter anderen die Lila Black Serie entwickelt, da ich schon mit so etwas gerechnet habe. Inzwischen fasse ich Serien, gerade von großen Verlagen nur noch mit spitzen Fingern an.
Natürlich könnte man argumentieren, die Serien werden nicht weitergeführt, weil viele so denken, es deshalb zu wenig Verkäufe gibt und daher die Serie eingestellt wird. Eine "Katze beißt sich in den Schwanz" - Sache.
Man könnte aber auch damit werben, dass man Geld zurückgelegt hat, um speziell die Serien zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen, wenn es in die roten Zahlen geht. Der Comicverlag "Splitter" macht genau das.
Solange es unsicher ist, die Fortsetzung bzw. den Abschluss einer Geschichte lesen zu können, bleibe ich bei meiner Kaufpolitik.

Grüße

Claus


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517
Vergeltung der Vampire David Wellington: Vergeltung der Vampire
Piper, 2011
366 Seiten

Laura Caxton hat im Kampf gegen die Vampire zu illegalen Mitteln gegriffen und wurde zu fünf Jahren Haft im Frauengefängnis SCI Marcy verurteilt. Als ehemalige Polizistin ist sie bei den anderen Insassen besonders unbeliebt. Guilty Jen, Kopf einer Gefangenengang, will ihr eine Lektion erteilen. Laura setzt sich mit der nötigen Härte gegen Jen und deren Schergen zur Wehr, erhält aber postwendend die Quittung: Die Gefängnisdirektorin Augie Bellows ordnet Lauras Verlegung in den Hochsicherheitstrakt an. Dort muss sich die ehemalige Vampirjägerin eine Zelle mit der drogensüchtigen Kindermörderin Gertrude ("Gert") Stimson teilen.

Clara Hsu arbeitet immer noch in Lauras Spezialeinheit, die jetzt von Deputy Marshal Fetlock geleitet wird. Man geht davon aus, dass Justinia Malvern der letzte noch existierende Vampir ist. Die uralte Vampirin muss einen Helfer haben, der es ihr ermöglicht, Unmengen von Blut zu sich zu nehmen, so dass Malvern bald nicht mehr an ihren Sarg gefesselt ist und selbst auf die Jagd gehen kann. Als Clara ihre Freundin Laura im Marcy besucht, wird sie selbst gefangen genommen. Eine Armee von Halbtoten überrennt das Gefängnis. Malvern erscheint persönlich, um die Kontrolle zu übernehmen und ihrer Erzfeindin ein Ultimatum zu setzen. Laura hat 23 Stunden Zeit, um den Vampirfluch anzunehmen. Clara muss ebenfalls dazu bereit sein. Weigert sich eine der Frauen, müssen beide sterben.

Mit Gerts Hilfe kann Laura ausbrechen. Um Clara zu befreien, muss sie sich mit völlig unzureichender Bewaffnung gegen Halbtote, andere befreite Gefangene sowie von Malvern neu erschaffene Vampire zur Wehr setzen. Das gelingt ihr überraschend leicht. Laura argwöhnt deshalb, dass sich Malvern nicht einfach nur rächen will, sondern einen ganz anderen Plan verfolgt…

Das erfährt der Leser erst auf den letzten Seiten. Man soll glauben, dass es Malvern nur darum geht, Laura zu demütigen und gänzlich zu vernichten. Die Wendung am Ende dieses vierten Romans der Vampir-Serie kommt zwar durchaus überraschend und klingt nicht unlogisch, ist aber viel zu konstruiert, um glaubwürdig zu wirken. Der Roman endet jedenfalls mit einem Cliffhanger. Band vier ist also immer noch nicht der Abschluss der Vampir-Serie; tatsächlich ist Band 5 in den USA schon erschienen.

"Vergeltung der Vampire" beginnt vielversprechend, denn er enthält eindringliche Schilderungen des Gefangenenalltags, so dass eine bedrückende Atmosphäre entsteht. Auch auf die problematische Beziehung zwischen Laura und Clara geht Wellington ein, wenn auch nur mit wenigen Worten. Der weitaus größte Teil des Romans besteht aus vielen ausufernden und sehr drastisch geschilderten Kampfszenen, deren für Laura stets positiver Verlauf selbst dann nicht hundertprozentig überzeugen kann, wenn man berücksichtigt, dass alles von langer Hand geplant wurde. Gert, Lauras neuer Sidekick, entwickelt sich schnell zur Nervensäge und zeigt eine wenig glaubwürdige Opferbereitschaft.

Ein aufgrund des ungewöhnlichen Szenarios interessanter, trotz einiger Längen im Mittelteil kurzweiliger Roman. Leichte Enttäuschung nur wegen des schon aus den ersten drei Bänden hinlänglich bekannten Handlungsverlaufs und des offenen Endes. (04.06.2012)


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516
Die Königin der Drachen George R. R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer 6 - Die Königin der Drachen
Blanvalet, 2002
799 Seiten

Daenerys Targaryen ist die Königin der Drachen. Mit ihrer Armee aus befreiten Sklaven erobert sie die Stadt Yunkai. Dabei schließen sich ihr zahlreiche Söldner an, die bisher für Yunkai gekämpft haben. Danach wird Meereen belagert, eine weitere Stadt der Sklavenhändler, die Daenerys schon deshalb erobern muss, weil sie dringend Vorräte für die unzähligen Menschen braucht, die sich ihr angeschlossen haben. Nach dem Fall der Stadt erfährt Daenerys die Wahrheit über Ser Jorah Mormont und Arstan, zwei ihrer engsten Vertrauten und wertvollsten Berater. Mormont hat König Robert Baratheon von Anfang an mit Informationen über die letzten Nachkommen der Targaryen-Dynastie versorgt. Arstan ist Ser Barristan Selmy, einstiger Kommandant der Königsgarde. Beide beteuern, keine Verräter zu sein - Mormont liebt Daenerys und hat seine Informantentätigkeit längst eingestellt. Selmy wurde verbannt und hat keine Veranlassung, dem neuen König Joffrey Baratheon zu dienen. Daenerys muss entscheiden, was mit den beiden Männern geschehen soll. Kurz nach Daenerys' Abzug aus Astapor wird der von ihr eingesetzte Rat durch einen Usurpator gestürzt, der sich zum neuen Herrscher aufschwingt und die Bevölkerung genauso knechtet, wie es zuvor die Sklavenhändler getan haben. Daenerys erkennt, dass sie die Bevölkerung der befreiten Städte im Stich lassen müsste, um ihre Pläne zu verwirklichen und den Thron von Westeros zurückzugewinnen.

In Westeros leidet das einfache Volk zunehmend unter dem immer grausamer werdenden Bürgerkrieg. Keine Partei konnte bisher die Oberhand gewinnen. Robb Stark benötigt die Unterstützung der Freys, um sich gegen die Greyjoys behaupten zu können. Deshalb soll Edmure Tully, Catelyns Bruder, eine Tochter Lord Walder Freys heiraten. Gleichzeitig will sich Robb dafür entschuldigen, dass er seine eigenen Heiratspläne durch die Vermählung mit Jeyne Westerling über den Haufen geworfen hat. Robb und Catelyn begeben sich mit dem größten Teil ihrer Streitmacht zu den Twins, um an Edmures Hochzeit teilzunehmen. Sie gehen in eine Falle, die später als "Rote Hochzeit" bekannt wird. Arya ist ebenfalls vor Ort. Sie wurde von Sandor Clegane entführt, der sie gegen ein Lösegeld zu ihrer Familie zurückbringen wollte. Nur knapp entkommen die beiden dem Gemetzel.

Zufrieden können die Lannisters zusehen, wie sich ihre Konkurrenten gegenseitig zerfleischen. Jaime, der die rechte Hand verloren hat, nimmt seine Stellung als Kommandant der Königsgarde wieder ein. Der Hochzeit König Joffreys mit Lady Margaery Tyrell steht nichts mehr im Wege. Doch bei den Feierlichkeiten wird Joffrey vergiftet. Cersei gibt Tyrion und Sansa die Schuld am Tod ihres Sohnes. Mit der Hilfe Petyr Baelishs entkommt Sansa aus King’s Landing. Littlefinger versteckt Sansa bei ihrer Tante Lysa Arryn, die er heiratet. Tyrion hat weniger Glück; ihm wird der Prozess gemacht. Sogar seine Geliebte Shae sagt gegen ihn aus. Kurz vor seiner Hinrichtung erhält er Hilfe von gänzlich unerwarteter Seite.

Der vermeintliche Verräter und Deserteur Jon Snow kehrt nach Castle Black zurück. Die wenigen dort verbliebenen Brüder der Nachtwache glauben seine Version der Geschichte. Er verteidigt die Mauer erfolgreich gegen Mance Rayders Übermacht, doch dabei wird Ygritte getötet. Samwell Tarly und Bran Stark, der von Jojen und Meera Reed sowie dem Diener Hodor begleitet wird, begegnen sich an einer anderen Stelle der Mauer. Bran hat immer wieder Träume von einer dreiäugigen Krähe und glaubt, diese jenseits der Mauer suchen zu müssen. Sam ist einige Zeit vorher nur knapp einem Angriff der Wiedergänger entgangen. Er wurde von einem geheimnisvollen Elchreiter gerettet, der sich jetzt bereit erklärt, Bran nach Norden zu führen.

Meine Güte! Man könnte fast glauben, George R. R. Martin wolle dafür sorgen, dass der Anhang mit den Angehörigen aller Adelshäuser kürzer wird, denn er beseitigt in einem gnadenlosen Rundumschlag zahlreiche Hauptpersonen! Es werden mehrere Ehen geschlossen, aber keine endet glücklich. Der selbstzerstörerische Bürgerkrieg fordert unzählige Opfer, Gewalt und Tod prägen diesen sehr düsteren Roman. Der Tod ist aber nicht immer endgültig, denn zur "Bruderschaft ohne Banner" gehört jemand, der die Toten ins Leben zurückrufen kann.

So manche Intrige wird erst jetzt durchschaubar. Es wird klar, wer hinter dem Mordanschlag auf Bran steckt - Catelyn war ja der Meinung, Tyrion sei verantwortlich. Durch seine Festnahme wurde der Bürgerkrieg erst ausgelöst. Aber Catelyn hat sich geirrt! Außerdem erfährt man, was es mit Tyrions erster Frau wirklich auf sich hatte und wer Jon Arryn ermordet hat: Es war seine eigene Frau, sie wurde von Littlefinger angestiftet.

Ich müsste mich dauernd wiederholen, wollte ich erklären, warum dieser geniale Romanzyklus zur Pflichtlektüre eines jeden Fantasy-Fans gehören sollte. Ich verweise deshalb auf die Kommentare zu den letzten Bänden. George R. R. Martin ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern zieht die Spannungsschraube immer weiter an. Ich frage mich, welche Schicksalsschläge den Protagonisten wohl noch bevorstehen mögen! (29.05.2012)


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515
Der Hund der Baskervilles Arthur Conan Doyle: Der Hund der Baskervilles
Kindle Edition

Mr. Sherlock Holmes erhält einen neuen Auftrag, der sich schnell zu einer besonderen Herausforderung für den berühmten Privatdetektiv entwickelt, denn Holmes bekommt es mit einem ungewöhnlich geschickt vorgehenden Gegner zu tun. Holmes soll die Umstände des Todes von Sir Charles Baskerville klären und dessen Erben Henry beschützen. Henry Baskerville hat bisher im Ausland gelebt und will jetzt sein Erbe als Baronet von Baskerville Hall antreten. Allen Anzeichen nach ist Sir Charles einem Fluch zum Opfer gefallen, der angeblich seit hunderten von Jahren auf der Familie lastet. Seinerzeit soll Sir Hugo Baskerville eine junge Frau zu Tode gehetzt haben und einer dämonischen Bestie in Gestalt eines riesigen Hundes zum Opfer gefallen sein. Offenbar wurde Sir Charles bei einem nächtlichen Spaziergang von einem ebensolchen Hund angegriffen und ist aus purer Angst gestorben. Das Tier soll sich noch immer in den Mooren bei Baskerville Hall herumtreiben; sein grauenerregendes Heulen ist immer wieder zu hören.

Schon kurz nach der Ankunft Henry Baskervilles stellt Holmes fest, dass der junge Baronet von einem Unbekannten beschattet wird. Ein anonymer Brief trifft ein, in dem er eindringlich davor gewarnt wird, in Baskerville Hall einzuziehen. Holmes glaubt zwar nicht an eine übernatürliche Gefahr, sorgt sich jedoch um die Sicherheit seines Schützlings und stellt ihm Dr. Watson zur Seite, da er selbst in London unabkömmlich ist. Watson und Henry Baskerville reisen nach Dartmoor. Sie machen die Bekanntschaft des undurchsichtigen Schmetterlingssammlers Stapleton, der zusammen mit seiner Schwester Beryl unweit von Baskerville Hall wohnt. Watson stellt eigene Ermittlungen an und stößt auf mehrere verdächtige Vorgänge: Warum schleicht der alte Butler Barrymore jede Nacht durch den Landsitz? Warum wollte sich Sir Charles in der Nacht seines Todes mit einer zwielichtigen Frau namens Laura Lyons treffen? Und warum reagiert Stapleton mit übertriebener Eifersucht, als sich Henry Baskerville in Beryl verliebt?

All diese Fragen werden beantwortet, und zwar größtenteils von Sherlock Holmes persönlich. Er selbst liefert die genauen Erklärungen in einem abschließenden Kapitel. Zuvor ermittelt hauptsächlich Watson, denn Holmes ist ja, wie Watson und der Leser glauben sollen, nicht vor Ort. Holmes greift erst wie ein Deus ex machina ein, als Watson nicht mehr weiterkommt. Dieser Handlungsaufbau gefällt mir nicht besonders. Mir ist es lieber, wenn sich die Aufklärung eines Kriminalfalles aus der Handlung selbst ergibt, und nicht durch weitschweifiges Dozieren.

Ansonsten bietet der Roman genau jene unverwechselbare Mischung aus scharfsinnigen Schlussfolgerungen infolge genauer Beobachtungen, spitzfindigen Bemerkungen und rationalen Erklärungen für vermeintlich übernatürliche, unbegreifliche Geschehnisse, die man von einem Sherlock-Holmes-Roman erwartet. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Vergleich mit Guy Ritchies Film Sherlock Holmes (keine Verfilmung dieses Romans), in dem Robert Downey jr. den Meisterdetektiv spielt. Die pointierten Wortgefechte mit Dr. Watson (Jude Law) sind beim Film ja das Salz in der Suppe, und sie sind auch typisch für Arthur Conan Doyles Geschichten. Mehr noch: Wenn man den Film-Holmes mit den Beschreibungen im Roman vergleicht, stößt man nicht auf Widersprüche, obwohl die Figur im Film ziemlich modern angelegt zu sein scheint. Guy Ritchies Interpretation steht also durchaus im Einklang mit dem literarischen Vorbild.

Der Text des Romans ist im Internet (Projekt Gutenberg) frei verfügbar und ist kostenlos als E-Book erhältlich. (24.05.2012)


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514
Der Anschlusszug kann leider nicht warten Lutz Schumacher / Mark Spörrle: Der Anschlusszug kann leider nicht warten
Goldmann, 2012
219 Seiten

Nach mehr als zwanzig Jahren des Wochenend-Pendelns sowie unzähligen Dienstreisen und anderen Fahrten mit der Deutschen Bahn sind sie mir wohlbekannt, die lieben kleinen Tücken: Ominöse Störungen im Betriebsablauf, fehlende Waggons und somit nicht vorhandene reservierte Plätze, Zugverspätungen und -ausfälle, verpasste Anschlusszüge, kryptisch formulierte oder akustisch unverständliche Lautsprecherdurchsagen, falsche Informationen, technische Defekte der unterschiedlichsten Art, mangelhafter Service, unfreundliche/inkompetente/desinteressierte Zugbegleiter - von den durch die anderen Reisenden ausgehenden Belästigungen gar nicht zu reden. Dass ich schon so einigen Spaß mit der Deutschen Bahn hatte, könnt ihr in meinen Kommentaren nachlesen. Oder ihr kauft dieses Buch, denn auch darin geht es um den alltäglichen Wahnsinn, den man bei Bahnreisen erleben kann.

Vieles von dem, was hier kolportiert wird (es sind mehrere Erlebnisberichte von Reisenden abgedruckt) wird sich so oder so ähnlich wohl wirklich ereignet haben. In ihrem fröhlichen Einprügeln auf die Deutsche Bahn schießen die Autoren aber deutlich übers Ziel hinaus. Pünktliche Züge und hilfsbereites Personal sind nach meinen Erfahrungen absolut keine Seltenheit, aber diese durchaus vorhandenen positiven Seiten werden fast völlig ignoriert. Man muss das Buch wohl als Satire verstehen, als übertriebenes, oft polemisches Anprangern der bekannten Probleme also, und nicht als Tatsachensammlung. Trotzdem kann ich über die unzähligen völlig an den Haaren herbeigezogenen Vorwürfe, absurden Verschwörungstheorien und nicht nachvollziehbaren Vorstellungen der Autoren nur irritiert den Kopf schütteln. Ich glaube, ihnen sind bei der Suche nach möglichst pointierten Formulierungen die Gäule durchgegangen. Sie teilen wild nach allen Seiten aus, vergessen dabei aber die Gebote der Fairness und begeben sich regelmäßig in den Bereich der reinen Fiktion. Meckern gut und schön, aber man sollte doch bei der Wahrheit bleiben. (22.05.2012)

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513
Durch die Wüste Karl May: Durch die Wüste
Kindle Edition

Unter dem Namen Kara Ben Nemsi bereist Karl May mit seinem Diener und Führer Hadschi Halef Omar ben Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah verschiedene Gegenden Nordafrikas. Der Deutsche will Land und Leute kennenlernen sowie Material für seine Romane sammeln. Er ist mit den aus dem Wilden Westen mitgebrachten Waffen (Bärentöter und Henrystutzen) sowie einem Schutzpass des Padischah ausgestattet und erwirbt sich überall einen glänzenden Ruf. Halef - der sich eigentlich ebenso wenig wie seine Vorfahren als "Hadschi" bezeichnen darf, weil weder er noch sie jemals nach Mekka gepilgert sind - ist zwar klein und dünn, aber sehr tapfer, treu und verlässlich. Trotz einer gewissen Großspurigkeit und der ständigen Versuche, seinen Herrn zum Islam zu bekehren, wird Halef schon bald zum engen Freund Kara Ben Nemsis.

In der Nähe des Schott el Dscherid finden die beiden Männer eine Leiche. Sie verfolgen die Mörder und geraten beim Ritt über den Salzsee in einen Hinterhalt. Dabei wird ihr Führer Sadek ermordet. Dessen Sohn Omar kommt später hinzu, rettet die Gefährten und schwört den Mördern Rache. Einige Zeit später befreien die Gefährten eine junge Christin aus dem Harem Abrahim Mamurs. Nachdem sie dem Mann mit Hilfe eines befreundeten Kapitäns entkommen sind, unternimmt Halef endlich die Pilgerfahrt nach Mekka. Dabei verliebt er sich in die schöne Hanneh, die er später heiratet. Kara Ben Nemsi lernt am Tigris den nach Altertümern suchenden britischen Lord Sir David Lindsay kennen, steht den Haddedihn-Beduinen gegen feindliche Stämme bei und erhält zum Dank den unvergleichlichen Hengst Rih als Geschenk von Scheik Mohammed Emin.

Um den Sohn des Scheiks aus türkischer Gefangenschaft zu befreien, reisen Kara Ben Nemsi, Halef und Mohammed Emin nach Kurdistan. Dort werden sie von den als "Teufelsanbeter" verunglimpften Dschesidi gastfreundlich aufgenommen, denn Kara Ben Nemsi hat dreien von ihnen vor einiger Zeit das Leben gerettet.

Dies ist der erste von sechs Bänden des so genannten Orient-Zyklus. Er ist nicht in sich abgeschlossen, sondern wird durch den nächsten Band ("Durchs wilde Kurdistan") direkt fortgesetzt. Der Roman hat also kein echtes Ende, außerdem wirkt er etwas episodenhaft, denn die Schauplätze werden recht abrupt gewechselt und auf die dazwischen liegenden Ereignisse wird nicht eingegangen. Trotzdem sind die meisten Geschehnisse eng miteinander und mit späteren Romanen verknüpft.

Durch die Karl May - Romane bin ich erst so richtig zur Leseratte geworden. Seit Jahrzehnten habe ich sie nicht mehr angerührt, aber jetzt, da sie gratis für Amazons E-Book-Reader Kindle erhältlich sind, habe ich mich endlich dazu durchgerungen, alle noch einmal zu lesen. Ich beginne mit dem Orient-Zyklus, denn diese Romane haben mich - vielleicht wegen der größeren Exotik - damals noch mehr begeistert als die Wildwestgeschichten um Winnetou und Old Shatterhand. Was soll ich sagen? Selbst mit dem Abstand von dreißig und mehr Jahren finde ich "Durch die Wüste" immer noch klasse. Man muss sich bewusst machen, dass Karl May alles frei erfunden oder angelesenes Halbwissen eingesetzt und keinen Schauplatz seiner Romane jemals gesehen hat. Jedenfalls nicht zum Zeitpunkt der Romanveröffentlichung. Aber er beschreibt den Orient so detailreich, farbenprächtig und eindringlich, dass man sich alles sehr gut vorstellen kann - auch wenn womöglich nichts mit der Realität übereinstimmt.

Kara Ben Nemsi kann alles, weiß alles und bezwingt jeden Gegner. Er ist jeder Situation gewachsen, überall gewinnt er problemlos Anerkennung und Respekt. Das ist natürlich blanker Unsinn, aber Karl May lässt es plausibel erscheinen. Außerdem brauchen Abenteuergeschichten wie diese einen starken Helden, um richtig zu funktionieren. Kara Ben Nemsi ist Pazifist, er sucht immer nach friedlichen Lösungen. Der christliche Glaube spielt immer wieder eine Rolle. Diverse Überlegungen dieses Ich-Erzählers zu anderen Religionen und zu den verschiedenen Volksgruppen klingen aus heutiger Sicht bestenfalls antiquiert, aber darüber kann man leicht hinwegsehen. Halef ist zu Anfang noch eine etwas eindimensionale Figur, entwickelt aber bald eigene Charakterzüge und wächst dem Leser schnell ans Herz. Der Roman ist leicht zu lesen, spannend, amüsant und hat das unvergleichliche "orientalische" Flair vergangener Tage. Ich war zunächst skeptisch, aber Karls Mays Erzählkunst hat mich einmal mehr in ihren Bann gezogen! (14.05.2012)


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512
1Q84

1Q84 Buch 3
Haruki Murakami: 1Q84
Dumont, 2011
1024 Seiten (Buch 1 und 2), bzw. 572 Seiten (Buch 3), gebunden

Im Jahre 1964 besuchen Masami Aomame und Tengo Kawana, beide zehn Jahre alt, dieselbe Schulklasse. Tengo ist ein Wunderkind. Er hat in allen Fächern Bestnoten, löst komplexe mathematische Probleme schneller als Erwachsene, beweist musikalisches Talent und ist eine Sportskanone. Außerdem ist er bei allen Mitschülern beliebt. Aomame dagegen wird von allen gehänselt und gemieden. Ihre Eltern sind Zeugen Jehovas und zwingen das Kind, in der Schule laut zu beten, außerdem nimmt Aomames Mutter ihre Tochter stets mit, wenn sie zu Missionierungszwecken im Viertel unterwegs ist. Eines Tages bemerkt Tengo, dass Aomame Schwierigkeiten beim Lösen einer Aufgabe hat, und hilft ihr. Sie bedankt sich, indem sie seine Hand drückt. Das bleibt der einzige Kontakt der beiden Kinder. Tengo und Aomame sehen sich in den folgenden zwanzig Jahren nicht mehr wieder, aber sie vergessen dieses Ereignis nie. Obwohl jeder im anderen die große Liebe sieht, machen sie nie den Versuch, sich zu finden.

Tengo

Tengo wird Verlagslektor, versucht sich als Schriftsteller und gibt Mathematikstunden. Von seinem Mentor, dem Redakteur Komatsu, wird er Anfang 1984 gebeten, den Roman "Die Puppe aus Luft" zu überarbeiten. Das Manuskript stammt von der siebzehnjährigen Eriko Fukada, die unter dem Pseudonym Fukaeri schreibt. Sie hat einen vielversprechenden, aber stilistisch völlig unzureichenden Roman vorgelegt. Tengo soll das Buch praktisch neu schreiben, so dass es Chancen hat, in einem von Komatsus Verlag ausgeschriebenen Wettbewerb zu gewinnen. In dem Roman geht es um ein Mädchen, dessen Eltern zu einer abgeschieden lebenden Sekte namens "Die Vorreiter" gehören, und das den geheimnisvollen "Little People" begegnet. Diese Wesen besitzen große Macht und können einen Kokon aus Luft erschaffen, in dem nach einiger Zeit die Kopie eines Menschen erscheint. Diese "Daughter" nimmt eine besondere Stellung in der Sekte ein und ermöglicht es deren Führer, "Stimmen" zu hören. Tengo ist fasziniert von dem Roman und geht auf Komatsus Ansinnen ein, obwohl es sich um Betrug handelt. Er will Fukaeri aber zuvor kennenlernen. Dabei stellt sich heraus, dass der Roman autobiografisch ist. Fukaeri ist vor einiger Zeit aus dem Refugium der Sekte geflohen und lebt bei Professor Ebisuno, einem Freund ihres Vaters. Sie glaubt, dass die Little People wirklich existieren. Der überarbeitete Roman stürmt die Bestsellerlisten, Fukaeri wird über Nacht zum Star. Doch dann verschwindet sie spurlos.

Aomame

Aomame macht sich als erfolgreiche Fitnesstrainerin einen Namen und wird zur Auftragskillerin, als sie eine reiche alte Dame kennenlernt, die ein Asyl für weibliche Opfer häuslicher Gewalt eingerichtet hat. Im Auftrag der Dame beseitigt Aomame mehrere besonders gewalttätige und gefährliche Männer, wobei sie eine Technik einsetzt, die keine Spuren hinterlässt, so dass stets von natürlichen Todesursachen ausgegangen wird. Im April 1984 stellt Aomame auf dem Weg zu ihrem jüngsten Auftrag fest, dass etwas mit der Realität, wie sie sie kennt, nicht stimmt. Die Polizei verwendet plötzlich völlig andere Uniformen und Waffen als bisher. Der Grund dafür ist eine länger zurückliegende Schießerei mit dem radikalen Flügel einer Sekte - und an dieses Ereignis, das Aomames Recherchen zufolge tagelang die gesamte Presse beherrscht hat, kann sie sich nicht erinnern. Nachdem sie ihren Auftrag erledigt hat, beobachtet Aomame etwas, durch das ihr klar wird, dass sie wirklich nicht nur Erinnerungslücken hat: Am Himmel stehen zwei Monde - der bekannte große und ein kleinerer, grünlicher und deformiert wirkender Mond. Da Aomame nicht weiß, inwieweit sich diese Welt sonst noch von der ihr bekannten Wirklichkeit unterscheidet, nennt sie das aktuelle Jahr "1Q84", wobei das Q für "Question Mark" (Fragezeichen) steht. Schon bald erhält sie einen neuen Auftrag. Sie soll den Führer der Sekte "Die Vorreiter" töten, der die eigene Tochter und zahlreiche weitere Kinder sexuell missbraucht hat.

Ushikawa

Die Sekte verheimlicht den Mord und setzt den Privatdetektiv Ushikawa auf Aomame an. Ushikawa findet zwar zunächst keine Spur der jungen Frau, braucht aber nicht lange, um eine Verbindung zu Tengo herzustellen. Er beginnt damit, Tengo zu observieren. Somit sind beide in tödlicher Gefahr...

Faszination und Ratlosigkeit - das waren meine Empfindungen bei der Lektüre von "1Q84", wobei die Faszination überwog und sich die Ratlosigkeit nicht störend auf den Lesegenuss auswirkte. Die drei Bücher wurden hierzulande in zwei Bänden veröffentlicht - dass ich sie innerhalb kürzester Zeit direkt hintereinander verschlungen habe, kann vielleicht an sich schon als Qualitätsurteil gewertet werden. Obwohl mir bis zur letzten Seite nicht wirklich klar geworden ist, was das Ganze eigentlich bedeuten soll, konnte ich die Bücher doch kaum aus der Hand legen. Auch wenn es mir nicht gelungen ist, die zweifellos vorhandene symbolische Bedeutung der rätselhaften Geschehnisse zu deuten, den Subtext zu verstehen und die Metaebene zu durchschauen, so hat mich die Geschichte doch von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Vielleicht macht gerade die Tatsache, dass praktisch nichts erklärt wird, dass die Geheimnisse also gewahrt bleiben, den besonderen Reiz aus. Woher die "Little People" kommen, was sie wollen und was es mit den "Puppen aus Luft" auf sich hat? Wie das Konzept der parallelen Welten funktioniert und wie bzw. warum Tengo sowie Aomame von der einen in die andere gelangt sind? Warum es so wichtig für die Vorreiter ist "Stimmen" zu hören oder was diese Stimmen ihnen sagen? Keine Ahnung. Und das sind nur die wichtigsten von vielen Fragen, die am Ende offen bleiben - zumindest für mich.

Aber im Grunde ist das alles egal. Man muss die phantastischen Elemente des Romans einfach genauso als gegeben hinnehmen, wie es die Hauptfiguren tun. In den ersten beiden Büchern wird die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive von Tengo und Aomame erzählt. Manchmal tritt der allwissende Erzähler in den Vordergrund, indem er sich direkt an den Leser wendet und erklärt, in welcher Beziehung bestimmte Ereignisse zueinander stehen. Im dritten Buch kommt mit Ushikawa eine neue Erzählebene hinzu, in der sich leichte Längen bemerkbar machen. Es wird alles noch einmal aus Ushikawas Sicht rekapituliert. Das wäre in Ordnung, wenn die bisherigen Geschehnisse durch Ushikawas Blickwinkel in ein völlig neues Licht gerückt werden würden, aber das ist nicht der Fall. Ushikawas Ermittlungsergebnisse sind nur Wiederholungen der Handlung von Buch 1 und 2. Ushikawa wird aber benötigt, um ein Bedrohungsszenario zu erschaffen - außerdem ist er eine auf seine Art ebenso interessante Figur wie die Hauptpersonen. Er sorgt außerdem, wenn auch ungewollt, für das Happy End. Somit bin ich wieder mit ihm versöhnt.

Murakamis vergleichsweise einfache, aber prägnante Sprache, der feine Humor, die schnörkellose Erzählweise und die Einblicke in die japanische Gesellschaft/Mentalität sind ein ebenso großes Faszinosum wie die Geschichte. Murakami verweilt sehr lange bei der Figurenexposition, aber umso mehr kann man Tengo und Aomame ins Herz schließen, umso besser versteht man ihre Motivationen und Handlungsweisen. Außerdem widmet Murakami der minutiösen Schilderung ganz alltäglicher Verrichtungen große Aufmerksamkeit - es wird genau beschrieben, wie diverse Mahlzeiten zubereitet werden, welche Kleidungsstücke jemand trägt, wer wann und wie lange zur Toilette geht usw. - ebenso großes Augenmerk wird auf Aomames und Tengos Sexualpraktiken gelegt. Der nüchterne, klare Stil sorgt dafür, dass der Roman in solchen Momenten nicht schlüpfrig wird und auch dann nicht ins Kitschige abgleitet, wenn es um große Gefühle geht. (09.05.2012)


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511
Finale für Ferrol Christian Montillon: Perry Rhodan Neo 16 - Finale für Ferrol
VPM, 2012
Kindle Edition

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510
Perry Rhodan - Die Chronik Michael Nagula: Perry Rhodan – Die Chronik Band 2: 1975 – 1980
Hannibal, 2011
573 Seiten

Der zweite Band der Perry Rhodan - Chronik ist eine für Fans der Serie unverzichtbare und für Freunde der Science Fiction außerhalb der PR-Szene ebenfalls sehr interessante Lektüre, denn in der Chronik dreht sich nicht alles ausschließlich um Perry Rhodan, es geht um die Entwicklung der Science Fiction in Deutschland insgesamt. Perry Rhodan steht diesmal aber deutlich stärker im Mittelpunkt, was nicht zuletzt daran liegt, dass der hier dokumentierte Zeitraum die erste Hälfte der "Ära Voltz" umfasst, also das goldene Zeitalter von Perry Rhodan. Wer die Achtzigerjahre selbst miterlebt hat, bekommt fast zwangsläufig feuchte Augen, wenn Michael Nagula diese Zeit beschreibt. Damals wurden die Weichen für eine Ausrichtung gestellt, durch die die Serie bis heute geprägt wird. Bis Mitte der Achtzigerjahre hat die Serie einen Höhenflug erlebt, der seitdem meines Wissens nicht wieder erreicht worden ist. Riesige Verkaufszahlen, vier (bzw. fünf) gleichzeitig laufende Auflagen der Heftromane, zwei gleichzeitig laufende Auflagen der Schwesterserie Atlan, jeden Monat Taschenbücher in drei Auflagen, ein sehr erfolgreiches Magazin und vieles mehr. Dann im Jahre 1980 der legendäre Weltcon in Mannheim... Es waren tolle Jahre. Autor und Expose-Redakteur William Voltz war maßgeblich für diesen Erfolg verantwortlich. Was für ein unglaubliches Arbeitspensum er geleistet hat, wird in diesem Buch so richtig deutlich.

Man darf sich über eine Vielzahl von Daten, Fakten und Anekdoten freuen, genau wie beim ersten Band hat Nagula auf umfangreiches Quellenmaterial zurückgreifen können. Für jedes Jahr gibt es ein Kapitel, eingeleitet durch dazu passende zeitgeschichtliche Informationen. Die Handlung der Serie wird kurz und prägnant zusammengefasst, Detailinformationen zu Hauptpersonen, Völkern und Autoren runden das Bild ab. Außerdem sind viele Auszüge von Interviews zu lesen, die mit Voltz geführt wurden, sowie nicht verwirklichte Entwürfe für die Handlung ab Band 1000. Man spürt quasi den Wertewandel der damaligen Zeit, den geänderten Zeitgeist, der sich auch in der Serie niedergeschlagen hat. Unter der Leitung von William Voltz wurden Wege weg von der militaristischen Space-Opera nach Scheer'schem Vorbild und hin zu einem humanistischen Weltbild eingeschlagen. Die Kosmologie des Perryversums wurde ausgearbeitet, Themen wie Ökologie, Präastronautik usw. wurden angeschnitten. Letzteres wurde wahrscheinlich nicht zuletzt durch Erich von Däniken beeinflusst, der mit Clark Darlton (Walter Ernsting) befreundet war und dem Verlag wohl recht nahe gestanden hat.

Leider wiederholen sich viele Detailinformationen mehrfach, ein paar (Schreib-)Fehler haben sich auch wieder eingeschlichen. Durch die Werbung wird ein falscher Eindruck erweckt, denn in den Anzeigen sind Farbbilder zu sehen - in der Chronik sind die Fotos aber nur schwarz-weiß. Diesmal handelt es sich außerdem vor allem um Coverbilder der verschiedenen Publikationen. Aber das sind nur kleine, vernachlässigbare Mängel, die den äußerst positiven Gesamteindruck nur unwesentlich schmälern.

Mir ist nicht klar, ob die Chronik fortgeführt wird. Laut Perrypedia sollen weitere Bände angekündigt sein, aber weder in Band 2 noch anderswo lassen sich nähere Informationen darüber finden. Ich kann nur hoffen, dass Nagula seine Fleißarbeit fortführt, denn die Zeit nach 1980 ist "meine" Zeit! Darüber möchte ich bitte auch noch was lesen! (25.04.2012)

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509
Blues für Vollmond und Kojote Christoper Moore: Blues für Vollmond und Kojote
Goldmann, 2008
415 Seiten

Sam Hunter ist ein erfolgreicher Versicherungsmakler in Santa Barbara, Kalifornien. Mühelos schlüpft er in die verschiedensten Rollen, um sich seinen Kunden anzupassen. Er täuscht allerdings nicht nur seine Mitmenschen, sondern nicht zuletzt auch sich selbst. Er bemüht sich zu vergessen, wer er wirklich ist: Ein Crow-Indianer, der als Teenager aus dem Reservat geflohen ist, weil er einen Stammespolizisten getötet hat. Normalerweise lässt Sam aus demselben Grund niemanden an sich heran und ist nicht fähig, eine engere Bindung einzugehen. Doch eines Tages verliebt er sich auf den ersten Blick in die ebenso schöne wie naive Calliope. Von diesem Moment an gerät Sams wohlgeordnetes Leben aus den Fugen. Schuld daran sind aber weder Calliopes Reize noch Sams Gefühle, sondern seine Vergangenheit. "Old Man Coyote", ein Gott aus der indianischen Mythenwelt, heftet sich an Sams Fersen - angeblich, um seine Wünsche zu erfüllen.

Coyote ist kein gewöhnlicher Gott, sondern ein Trickser und Spieler, dem nichts heilig ist. Er kann verschiedene Tiergestalten annehmen und begattet alles, was nicht schnell genug auf den Bäumen ist, unter anderem Sams Sekretärin. Coyotes Aktionen führen dazu, dass Sam seine luxuriöse Wohnung, seinen Job und seine Scheinidentität als weißer Mann verliert. Von seinem guten Ruf ganz zu schweigen. Allerdings muss Sam zu seiner eigenen Überraschung feststellen, dass er darüber gar nicht unglücklich ist. Tatsächlich fühlt er sich so frei wie nie zuvor, und da Calliope seine Gefühle erwidert, scheint sich alles zum Guten zu wenden. Doch es gibt jemanden, der den Liebenden dieses Glück missgönnt. Calliopes Exfreund, Mitglied einer Biker-Gang, schnappt sich das gemeinsame Kind und macht sich auf den Weg zu einem Drogendeal. Calliope folgt ihm und wird ihrerseits von Sam verfolgt. Eine unglaubliche Jagd nach Las Vegas, ins Indianer-Reservat und in die Unterwelt beginnt...

Dies ist Christopher Moores zweiter Roman nach Der kleine Dämonenberater. Meiner Meinung nach ist es einer seiner besten. Vielleicht der zweitbeste nach Ein todsicherer Job, und zwar aus denselben Gründen: Bei allem Humor bleiben Gefühl, Figurenzeichnung und Tiefgang nicht außen vor. Moore erschafft Figuren, die dem Leser ans Herz wachsen, gleichzeitig aber auch wieder solche, die einfach nur skurril oder schlicht verrückt sind. Der Humor wird jedoch nicht herbeigezwungen, sondern ergibt sich schlüssig aus der Handlung. Gut, der für Moore typische Aberwitz findet sich auch diesmal wieder - meist in Gestalt von Coyote, der sich ja buchstäblich alles erlauben kann. Ein gefundenes Fressen für Moore, der diese Gelegenheit weidlich ausnutzt. Es klingen aber immer wieder ernste Töne an. Sams Reise zu sich selbst ist alles andere als einfach, und bis kurz vor Schluss dachte ich wirklich, ein Happy End sei diesmal nicht drin...

Nebenbei erfährt man so einiges über die indianische Kultur. Der schelmische Schwindlergott zum Beispiel existiert in der Legendenwelt wirklich. Ein paar (wahrscheinlich von Moore erfundene) Episoden aus Coyotes Vorleben werden ab und zu eingeschoben. Mit der Nebenfigur Minty Fresh gibt es übrigens in "Ein todsicherer Job" ein Wiedersehen. Detective Rivera hat ebenfalls einen ganz kleinen Auftritt. (18.04.2012)


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508
Schritt in die Zukunft Bernd Perplies: Perry Rhodan Neo 15 - Schritt in die Zukunft
VPM, 2012
Kindle Edition

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507
Das Dschungelbuch Rudyard Kipling: Das Dschungelbuch
Kindle Edition

Wer nur den gleichnamigen Film von Walt Disney kennt, der kennt das Dschungelbuch nicht, denn es ist eine Zusammenstellung von sechs Geschichten sowie ebenso vielen Gedichten, und nur in drei Geschichten kommt Mogli vor. Im Film werden die Geschehnisse dieser drei Storys sehr frei zu einer einzigen zusammengefasst, vor allem aber stark verharmlost und verniedlicht.

In den Geschichten "Moglis Brüder", "Kaas Jagd" und "Tiger! Tiger!" wird erzählt, wie der kleine indische Junge Mogli vor dem Tiger Schir Khan in den Dschungel flieht und dort Schutz bei einem Wolfsrudel findet. Von den Wölfen, dem schwarzen Panther Bagheera und dem Bären Balu lernt Mogli die Sprache der Tiere und die Gesetze des Dschungels. Nur vor den Affen muss er sich in Acht nehmen, außerdem ist Schir Khan immer noch sein Feind. Mit Hilfe des Feuers gelingt es Mogli, den Tiger zu vertreiben. Dennoch wird er verstoßen und lebt danach bei den Menschen, aber auch dort ist er nicht willkommen. Nachdem er Schir Khan getötet hat, kehrt Mogli in den Dschungel zurück.

Hinzu kommen die Erzählungen "Die weiße Robbe", "Rikki-Tikki-Tavi" und "Toomai von den Elefanten". Sie stehen nicht im Zusammenhang mit den Mogli-Geschichten. Es geht darin um die Erlebnisse der im Nordmeer lebenden Robbe Kotick, die nach einer sicheren Heimat für ihr Volk sucht, um die Abenteuer des tapferen Mungos Rikki-Tikki-Tavi, der eine Menschenfamilie vor Giftschlangen schützt, und um einen jungen Elefantenführer, der als erster Mensch den legendären Tanz der Elefanten beobachten darf.

Besonders im englischsprachigen Raum ist das Dschungelbuch eines der wichtigsten Kinderbücher überhaupt. In allen Geschichten geht es ums Erwachsenwerden, um die Übernahme von Verantwortung und die Anpassung an die Regeln einer Gemeinschaft. Der durchweg ernste Ton wird nur durch einzelne humoristische Einsprengsel aufgelockert; jedenfalls hat z.B. Kiplings Balu rein gar nichts mit der tollpatschigen Witzfigur des Films zu tun, ebenso die Riesenschlange Kaa. Im Gegensatz zum Film wird Mogli von Kaa vor der Affenbande gerettet. Die Schlange schickt Mogli weg, denn das, was dann kommt (die Affen werden verschlungen) ist nicht für die Augen des Kindes bestimmt. Somit erhält das Buch einen völlig anderen Charakter als der Film. Durch die poetische, etwas altertümlich wirkende Sprache und die Vermenschlichung der Tiere, deren individuelle Eigenarten dennoch nicht verloren gehen, wird eine ganz spezielle Stimmung erzeugt, die das Buch auch für Erwachsene lesenswert macht.

Das Buch ist gemeinfrei. Es ist kostenlos als E-Book erhältlich. Ihr findet den vollständigen Text im Internet, zum Beispiel beim Projekt Gutenberg. (12.04.2012)

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506
Tintenblut Cornelia Funke: Tintenwelt 2 – Tintenblut
Cecilie Dressler Verlag, 2005
731 Seiten, gebunden

Ein Jahr nach Capricorns Ende findet Staubfinger endlich eine Möglichkeit, in seine Heimat zu gelangen, denn es gibt noch jemanden, der die Gabe hat, Figuren aus Büchern herauszulesen und sie wieder hineinzuschicken. Ein junger Mann, der sich selbst Orpheus nennt und ein großer Fan des Romans "Tintenherz" ist, erklärt sich bereit, seinen Helden (der das letzte Exemplar dieses Buches besitzt) zurückzulesen. So kann Staubfinger in die Tintenwelt und zu seiner geliebten Roxane zurückkehren. Farid will Staubfinger begleiten, doch Orpheus hintergeht ihn und sorgt dafür, dass Staubfingers Lehrling zurückbleibt. Das Buch übergibt er Basta. Der Messerstecher und Motorla wollen Rache für Capricorns Tod.

Farid kann entkommen, als Basta von einem wilden Tier angegriffen wird, das im Austausch für Staubfinger aus der Tintenwelt herausgekommen ist. Farid flieht zu Elinor Loredans Anwesen, das zum neuen Zuhause der Folcharts geworden ist. Meggie soll Farid in die Tintenwelt lesen, damit er Staubfinger vor Basta – der ihm mit Orpheus' Hilfe jederzeit folgen könnte – zu warnen. Meggie ist einverstanden. Sie will Farid begleiten und die Wunder der Tintenwelt mit eigenen Augen sehen. Meggie verändert den Text von "Tintenherz" und liest sich selbst, Farid und den Marder Gwin in die Tintenwelt. Sie treffen dort den Schriftsteller Fenoglio, der "Tintenherz" erschaffen hat. Er lebt in der Stadt Ombra im Reich des Speckfürsten. Der einst fröhliche Herrscher ist nach dem Tod seines Sohnes, des Prinzen Cosimo, in Trauer versunken.

Kurz nach Meggies und Farids Verschwinden treffen Farids Verfolger bei Elinor ein. Orpheus versetzt Basta, Motorla, Mo und Resa in die Tintenwelt. Motorla schießt Mo nieder und macht sich auf die Suche nach Staubfinger. Resa, die die Sprache zurückerlangt hat, bleibt bei Mo zurück. Er liegt im Sterben, wird aber von einer alten Heilerin gerettet und beim Fahrenden Volk in Sicherheit gebracht. Der Schwarze Prinz, ein alter Freund Staubfingers, nimmt Mo und Resa unter seine Fittiche. Die Spielleute halten Mo für einen mysteriösen Gesetzlosen, der unter dem Namen "Eichelhäher" bekannt geworden ist, denn sein Aussehen entspricht den Beschreibungen in Fenoglios Liedern. Der Eichelhäher kämpft diesen Liedern zufolge für die Armen und Rechtlosen. Sein größter Feind ist der in der Nachtburg residierende Fürst Natternkopf. Dieser setzt alles daran, den Eichelhäher gefangen zu nehmen.

Meggie erfährt vom Schicksal ihrer Eltern und will ihren Vater retten, während Farid sich wieder Staubfinger anschließt. Als Fenoglio versucht, die Geschichte von "Tintenherz" so umzuschreiben, dass sie ein für seine Freunde gutes Ende nimmt, macht er alles nur noch schlimmer...

Der zweite Teil der "Tintenwelt"-Trilogie ist komplexer, spannender und insgesamt lesenswerter als der erste, was einerseits an der größeren Anzahl parallel verlaufender Handlungsebenen liegt, andererseits daran, dass der Löwenanteil der Handlung in der Tintenwelt spielt, die im ersten Roman nicht besucht wurde. Es macht Spaß, diese fantastische Welt zu erkunden, denn sie wird mit viel Liebe zum Detail beschrieben. Dabei geht es sehr ernsthaft zur Sache, was dem Roman einen "erwachsenen" Touch verleiht, der im Vorgänger zwar auch vorhanden, aber noch nicht ausgeprägt genug war. Diesmal stoßen die Schurken nicht nur finstere Drohungen aus und fuchteln mehr oder weniger harmlos mit Messern herum. Nein, diesmal geht es wirklich um Leben und Tod, und die Finsterlinge sind wirklich bedrohlich. Ihre Gefährlichkeit wird nicht mehr nur behauptet, sondern gezeigt.

Die Tintenwelt ist also ein gefährlicher Ort, aber auch ein faszinierender Tummelplatz absonderlicher Gestalten. Magie ist zwar vorhanden, steht aber nicht im Vordergrund. Endlich erhalten die Helden mehr Profil, vor allem Mo, der sich am Ende sogar vom Weichei-Image befreien kann, das er in meinen Augen hatte. Gut und Böse sind vielleicht etwas allzu klar getrennt, aber die Handlung findet ja in einem Roman innerhalb des Romans statt, und Fenoglio hat nun einmal ein Faible für besonders schurkische Schurken. Elinor und Darius bleiben in der "realen Welt" zurück und haben nicht viel zu tun. Im Grunde hätte man auf die entsprechenden Kapitel komplett verzichten können, jedenfalls hätte ich es vorgezogen, dass die Geschichte ohne Brüche vollständig in der Tintenwelt angesiedelt wäre. Egal - fesselnd ist die Geschichte allemal, und im Finale wird ein Cliffhanger präsentiert, der sich gewaschen hat. Insoweit ist "Tintenblut" ein typischer Trilogien-Mittelteil, der Lust auf den letzten Band macht!

Wie Fenoglio, der Autor des fiktiven Romans "Tintenherz", selbst herausfinden muss, schlägt die Geschichte Bahnen ein, die er nicht vorgesehen hat. Interessanter Effekt! Man liest ja immer wieder, dass Autoren behaupten, die von ihnen erfundenen Figuren würden sich ihrer Kontrolle entziehen und plötzlich ein Eigenleben führen. Ob es Cornelia Funke genauso ergangen ist? (11.04.2012)


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505
Die Giganten von Pigell Wim Vandemaan: Perry Rhodan Neo 14 - Die Giganten von Pigell
VPM, 2012
Kindle Edition

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504
Die geheimnißvolle Insel Jules Verne: Die geheimnißvolle Insel
Kindle Edition

Fünf Nordstaatler, die während des amerikanischen Bürgerkrieges in Gefangenschaft geraten sind, fliehen im Jahre 1865 mit einem gekaperten Fesselballon: Der Ingenieur Cyrus Smith, der von ihm befreite ehemalige Sklave Nab, der Seemann Bonadventure Pencroff, dessen junger Schützling Harbert Brown, und der Journalist Gedeon Spilett. Smiths Hund Top ist mit an Bord. Der Ballon gerät in einen Sturm und wird weit über den Südpazifik hinausgetrieben. Dabei wird er beschädigt und verliert Gas. Die Flüchtlinge müssen auf einer unbewohnten, auf keiner Karte verzeichneten Vulkaninsel notlanden. Dabei werden sie getrennt; Smith verschwindet spurlos. Auf mysteriöse Weise finden die anderen den tot geglaubten Gefährten einige Zeit später wieder.

In den folgenden vier Jahren leben sich die Männer immer besser auf der Insel ein, die sie nicht mehr verlassen können. Sie geben ihr den Namen "Lincoln", richten sich eine sichere Unterkunft in einer Höhle ein, bauen Getreide an und nutzen die verfügbaren Ressourcen sowie Smiths Ideenreichtum, um sich alles zu verschaffen, was sie zum Leben brauchen. Mit Werkzeugen, die sie in einer angespülten Truhe finden, konstruieren sie ein kleines Segelschiff, das sie zur Erkundung einer Nachbarinsel nutzen. Dort stoßen sie auf den völlig verwahrlosten Schiffbrüchigen Ayrton, der sich ihnen anschließt, zunächst aber verschlossen bleibt und nichts über seine Vergangenheit verrät. Immer wieder glauben die Gefährten das Wirken eines Unbekannten zu bemerken, der sie beschützt. Diesen Schutz haben sie bitter nötig, als ein Schiff eintrifft, das keineswegs Rettung, sondern Zerstörung bringt: Piraten haben Lincoln entdeckt und wollen die Herrschaft über die Insel an sich reißen...

Auch in dieser Situation greift der namenlose Wohltäter wieder entscheidend ein, aber es dauert noch lange, bis der Leser endlich erfährt, wer der Unbekannte ist. Der größte Teil des Romans besteht aus Schilderungen, die die Erschließung der Insel zum Inhalt haben - "Robinson Crusoe" für Fortgeschrittene, könnte man sagen, denn die Fähigkeiten des Ingenieurs scheinen unerschöpflich zu sein. Es gelingt ihm buchstäblich, aus Dreck und ein paar Pflanzen eine kleine Kolonie aufzubauen, komplett mit Ackerbau und Viehzucht, Telegraphenleitungen, diversen Luxusgütern und einer Mini-Industrie. Ob das alles glaubwürdig ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls schleichen sich durch diese ausufernden Beschreibungen einige Längen ein. Erst durch die Einführung Ayrtons und den Angriff der Piraten kommt im letzten Viertel Schwung in die Geschichte.

In den letzten Kapiteln folgt dann die große Enthüllung. Der Unbekannte ist niemand anderer als Kapitän Nemo, der Herr des Unterwasserfahrzeugs Nautilus aus dem Roman 20.000 Meilen unter dem Meer. Man könnte "Die geheimnisvolle Insel" somit als Fortsetzung des genannten Romans betrachten. Es gibt auch Querverbindungen zu "Die Kinder des Kapitän Grant", einem weiteren Roman Jules Vernes. Jetzt erst erfahren wir die wahre Identität des menschenscheuen U-Boot-Kapitäns. Daraus macht Verne in "20.000 Meilen unter dem Meer" ja ein großes Geheimnis. Nachdem das geklärt ist, geht es Schlag auf Schlag: Der Vulkan bricht aus, die gesamte Insel wird vernichtet und die Gefährten werden von einem Schiff gerettet. Ein etwas hektisches Finale.

Insgesamt ein durchaus lesbarer Abenteuerroman, der allerdings unter der altertümlichen deutschen Übersetzung und unzähligen Schreibfehlern leidet. Der Buchstabe "f" wird regelmäßig zu "s", immer wieder fehlen Buchstaben und Satzzeichen. Immerhin ist der Text gemeinfrei, somit wird die Kindle Edition kostenlos angeboten. Diese Version enthält sämtliche Illustrationen der Originalausgabe aus dem Jahre 1874. (29.03.2012)


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503
Tagebuch der Apokalypse J.L. Bourne: Tagebuch der Apokalypse
Heyne, 2010
335 Seiten

Mit zunächst nur geringer Sorge verfolgt ein US-Marinepilot die Meldungen über merkwürdige Vorgänge in China. In seinem Tagebuch notiert er, dass dort eine unbekannte Krankheit ausgebrochen ist, die bald auch in den USA erste Todesopfer fordert. Sicherheitshalber legt der Soldat umfangreiche Nahrungsmittel- und Munitionsvorräte an. Als die Öffentlichkeit allmählich über die wahre Natur der Krankheit und das Ausmaß der Pandemie informiert wird, ist es bereits zu spät. Die Menschen werden aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen und jeden Kontakt mit den Erkrankten zu vermeiden. Die Krankheit wird vor allem durch Bisse übertragen. Infizierte sterben innerhalb kurzer Zeit, erheben sich dann aber als wandelnde Tote, die nach dem Fleisch der Lebenden gieren. Die Seuche breitet sich rasend schnell aus. Die Lage gerät außer Kontrolle und die öffentliche Ordnung bricht zusammen.

Der Soldat verwandelt sein Haus in eine Festung. Massen von Untoten durchstreifen das Viertel, so dass er bald glaubt, der einzige Überlebende zu sein. Im Haus gegenüber lebt jedoch noch jemand: Der Ingenieur John. Die beiden Männer (und ein Hund) fliehen aus der Stadt, als in den immer spärlicher werdenden Nachrichtensendungen verkündet wird, dass alle Großstädte des Landes mit Nuklearwaffen vernichtet werden sollen. Nach dem Atomschlag, der die Lage nur verschlimmert, retten John und der Soldat eine Kleinfamilie aus einem von Untoten belagerten Haus. Wenig später befreien sie eine junge Frau aus einer ähnlich aussichtslosen Situation. Die Überlebenden richten sich in einem verlassenen Bunker ein, der ihnen alles bietet, was sie zum Überleben brauchen. Doch die Untoten sind nicht die einzige Bedrohung. Plünderer sind unterwegs, die vor Mord nicht zurückschrecken und ebenfalls ein Auge auf das bestens ausgestattete Versteck geworfen haben...

Eine Seuche, die alle Infizierten in fleischfressende Zombies verwandelt, was zum Untergang der Zivilisation führt - das wurde schon in so vielen Romanen, Filmen, Games und Comics abgehandelt, dass es schon erstaunlich ist, wenn jemand diesem ausgelutschten Szenario noch neue Aspekte abgewinnen kann. Im Fall von "Tagebuch der Apokalypse" gelingt dies aufgrund des Tagebuchstils, d.h. durch die Schilderung der Ereignisse aus der Sicht eines Durchschnittsbürgers, der zunächst einmal gar nicht weiß, was überhaupt vorgeht. Das Tagebuch ist naturgemäß ein vergleichsweise nüchterner, schnörkelloser Tatsachenbericht; Pathos und Tränendrüsendrückerei bleiben ebenso außen vor wie übertriebene Horror-Elemente. Beim Überlebenskampf bleibt keine Zeit für Sentimentalitäten oder geschraubte Formulierungen!

Gerade deshalb wirkt alles sehr realistisch, und die Spannung lässt bis zum Finale nicht nach. Dass der Autor angeblich US-Marineoffizier ist (über seine in Widmung und Nachwort zum Ausdruck kommend politische Überzeugung breite ich mal den Mantel des Schweigens) und somit genau weiß, wovon er schreibt, wenn es um die Funktionsweise verschiedener Waffen usw. geht, trägt nicht unerheblich zur glaubwürdigen Atmosphäre bei. Sachlich wird beschrieben, wie man die Untoten am besten endgültig erledigt. Erst am Ende, wenn es nicht mehr nur gegen nichtmenschliche Kreaturen geht, wird der Erzählstil des namenlosen Soldaten emotionaler. Dann folgt ein ziemlich gemeiner Cliffhanger - der zweite Band steht schon in den Buchhandlungen, ein dritter soll noch 2012 erscheinen.

Der Band ist übrigens auch optisch wie ein Tagebuch aufgemacht: Unterstreichungen, handschriftliche Ergänzungen und Skizzen, "hineingeklebte" Bilder, Schmutzflecken usw. finden sich immer wieder darin. (28.03.2012)


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502
William Shakespeare William Shakespeare: Sämtliche Werke
Melzer-Verlag, 2006
1296 Seiten

In diesem voluminösen und preiswerten Band sind alle Komödien, Historienstücke, Dramen und poetischen Werke William Shakespeares in deutscher Übersetzung und mit Titel-Illustrationen zusammengefasst. Leider enthält der Text zahlreiche Tippfehler.

Einen Kommentar kann ich mir wohl sparen - nur so viel: Die Lektüre hat mir einmal mehr gezeigt, dass man dem englischen Original den Vorzug geben sollte, und dass man Shakespeare besser nicht liest, sondern hört, denn seine Stücke sind für das Theater bestimmt. (25.03.2012)

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501
Schatten über Ferrol Hermann Ritter: Perry Rhodan Neo 13 - Schatten über Ferrol
VPM, 2012
Kindle Edition

Infos zu diesem Buch findet ihr in einer anderen Ecke meines Archivs. Hier klicken!

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