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Dies ist der zehnte Teil einer Übersicht meiner neueren Bücher in der Reihenfolge, in der ich sie seit August 2002 gelesen habe. Jedes Buch erhält eine laufende Nummer, die "ältesten" Bücher stehen unten.



500
Sturm der Schwerter George R. R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer 5 - Sturm der Schwerter
Blanvalet, 2001
703 Seiten

Die Schlacht um King's Landing ist entschieden, aber ein Ende des Erbfolgekrieges ist immer noch nicht in Sicht. Den klugen Vorbereitungen Tyrion Lannisters (die allerdings weder von seinem Vater Tywin, inzwischen "Hand" König Joffreys, noch vom gemeinen Volk gewürdigt werden) ist es zu verdanken, dass Stannis Baratheon eine vernichtende Niederlage erleidet und sich geschlagen in seinen Stammsitz Dragonstone zurückziehen muss. Seine Beraterin Melisandre drängt auf eine Fortsetzung der Kämpfe, denn nur ein unter einem einzigen König vereintes Westeros wäre in der Lage, der schrecklichen Bedrohung standzuhalten, die Melisandres Visionen zufolge jenseits der Mauer im Norden heranwächst - und damit meint sie nicht das riesige Wildlingsheer, das Mance Rayder zusammengezogen hat und dessen Vorhut bereits dabei ist, die Mauer zu überqueren. Die wahre Gefahr entsteht durch die "Anderen" - seltsame Wesen mit übermenschlichen Kräften - sowie wandelnde Tote, die durch Schwerter oder Pfeile nicht aufgehalten werden können und alles angreifen, was sich ihnen in den Weg stellt.

Die von Lord Commander Mormont geleitete Expedition der Nachtwache wird von diesen grausamen Ungeheuern dezimiert und muss fliehen. Die Moral der Brüder ist am Boden. Es kann keine Rede mehr davon sein, dass sie sich den Wildlingen entgegenstellen. Immerhin hat Samwell Tarly herausgefunden, dass man die "Anderen" mit Waffen aus Obsidian effektiv bekämpfen kann. Mance Rayders Heer, zu dem inzwischen auch Jon Snow gehört, findet auf dem Weg nach Süden nur noch ein verlassenes Lager der Nachtwache vor. Jon hat seine Brüder nur zum Schein im Stich gelassen, aber er ist gezwungen, die Wildlinge zu unterstützen. Er verliebt sich in Ygritte, jene junge Kriegerin, die er vor seinem "Verrat" gefangen genommen hat. Allem Anschein nach gibt es nach der Niederlage der Nachtwache nichts mehr, was Mance Rayders Vormarsch noch aufhalten könnte.

Auch Catelyn Stark wird für eine Verräterin gehalten, denn sie hat Robbs Geisel Jaime Lannister eigenmächtig freigelassen. Brienne von Tarth soll den Königsmörder nach King's Landing eskortieren. Catelyn hofft, Tyrion auf diese Weise zur Freilassung ihrer Töchter zu bewegen. Sie ahnt nicht, dass Sansa bereits mit Tyrion verheiratet wurde. Außerdem fällt Jaime Häschern in die Hände, die zwar zu Robbs Verbündeten gehören, mit Jaime aber äußerst unsanft umgehen. Robb hat bis jetzt jede Schlacht gewonnen, gefährdet jedoch sein wichtiges Bündnis mit dem Adelshaus Frey, als er seine bisherigen Heiratspläne über Bord wirft und sich mit der jungen Jeyne Westerling vermählt. Zu spät erfährt Robb, dass Winterfell niedergebrannt wurde, so dass er jetzt mit schwindenden Kräften zwischen mehreren Fronten steckt.

Arya Stark gibt sich endlich als Tochter des alten Herrn von Winterfell zu erkennen. Sie wird von Kämpfern unter dem Kommando Lord Beric Dondarrions und des roten Priesters Thoros von Myr aufgenommen. Beide haben einst zu König Robert Baratheons Gefolge gehört, kämpfen jetzt aber für das unter den Kriegswirren leidende einfache Volk. Thoros hängt demselben Glauben an wie Melisandre.

Daenerys Targaryen hat unerwartete Hilfe in Form von neuen Gefolgsleuten und Schiffen voller Reichtümer erhalten, die ihr von ihrem alten Gönner Illyrio geschickt worden sind. Diese Mittel setzt sie ein, um in der Stadt Astapor eine Armee zu kaufen. Die dortigen Sklaven werden von Kindesbeinen an auf unmenschliche Weise auf absoluten Gehorsam und maximale Kampfkraft gedrillt. Um die benötigten acht Tausendschaften bezahlen zu können, müsste Daenerys einen ihrer Drachen hergeben...

Ich mach's kurz: Lest meinen Kommentar zu Band 4 der Reihe - er gilt fast genauso für Band 5. Die Ereignisse spitzen sich weiter zu, und es wird immer klarer, dass sich eigentlich alle Menschen zusammenschließen müssten, um eine Chance gegen die rätselhaften "Anderen" zu haben. Immer stärker rückt die Magie in den Vordergrund, viele Personen erscheinen plötzlich in neuem Licht, das Beziehungsgeflecht wird noch komplexer und erneut wird demonstriert, dass selbst Hauptpersonen nicht sakrosankt sind. In diesem Romanzyklus kann es jeden erwischen! Tatsächlich haben viele Hauptfiguren ziemlich herbe Schläge zu verkraften, und die meisten sind mir längst derart ans Herz gewachsen, dass ich wunderbar mitfiebern kann.

George R.R. Martin lässt sich wirklich sehr viel Zeit, um seinen Weltenentwurf zu erweitern und auszuschmücken, die unzähligen Haupt- und Nebenfiguren aufzubauen, alte Fragen zu beantworten und neue Rätsel einzuführen. Immer dann, wenn man meint, dass sich womöglich Längen einschleichen könnten, wird man von einer unerwarteten Wendung überrascht. Der Roman enthält wieder so manchen Aha-Effekt, und ich musste mich diesmal wirklich zwingen, nicht sofort mit Band 6 weiterzumachen! Das könnte ich natürlich tun, aber ich will es noch ein bisschen hinauszögern, denn in Deutschland sind erst acht der bis jetzt geplanten vierzehn Bände herausgebracht worden. (14.03.2012)


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499
Boneshaker Cherie Priest: Boneshaker
Heyne, 2012
512 Seiten

1863, Goldrausch am Klondike. Der ebenso geniale wie exzentrische Erfinder Leviticus Blue wird von russischen Investoren beauftragt, einen steuerbaren Bohrer zu konstruieren, der meterdicke Eisschichten durchdringen und die darunter vermuteten Goldadern erreichen kann. Blue macht sich mit Feuereifer in den Kellerräumen seines Hauses in Seattle ans Werk. Innerhalb weniger Wochen ist die gewaltige Maschine fertig: Dr. Blue's Incredible Bone-Shaking Drill Engine (kurz: "Boneshaker") wird zum Probelauf gestartet. Dabei geht etwas schief. Der Boneshaker gerät außer Kontrolle und frisst sich durch ein Stadtviertel. Fundamente werden zu Staub zermahlen, Häuserblocks stürzen ein, Straßen sacken ab. Aus den vom Boneshaker gerissenen Erdlöchern dringt ein Gas (der "Fraß") aus, das jeden tötet, der es einatmet. Bei Hautkontakt erleidet man schwere Verätzungen. Selbst Stein und Metall werden vom Fraß angegriffen und alle Opfer des Gases erheben sich nach kurzer Zeit als wandelnde Tote. Diese "Fresser" haben nichts Menschliches mehr an sich und werden nur von ihrer Gier nach frischem Fleisch angetrieben. Als sich herausstellt, dass das Gas relativ schwer ist, so dass es nicht verweht wird, werden die betroffenen Stadtviertel durch eine hohe Mauer abgeschottet. Der Fraß und seine Opfer sind innerhalb der Mauer eingeschlossen. Außerhalb geht das Leben weiter. Leviticus Blue bleibt unauffindbar, er gilt als tot.

16 Jahre später. Briar Wilkes, Blues Witwe, fristet ein entbehrungsreiches Leben am Stadtrand von Seattle. Sie leidet unter den Anfeindungen der überlebenden Stadtbewohner und hat ihrem Sohn Ezekiel ("Zeke") nie die ganze Wahrheit über die damaligen Ereignisse gesagt. Zeke reißt von zu Hause aus und dringt durch einen Tunnel in die Innenstadt ein, um Beweise für Blues Unschuld zu suchen. Er begegnet dem undurchsichtigen, aber nicht unfreundlichen Veteran Rudy, der Zeke zu dessen Elternhaus führen will. Als Briar Zeke zu folgen versucht, wird die Stadt durch ein Erdbeben erschüttert, das den Tunnel einstürzen lässt. Briar erfährt, dass es jenseits der Mauer außer Gas und Untoten noch ganz normale Menschen gibt, die in unterirdischen Gewölben oder abgedichteten Gebäuden leben und Frischluft durch hohe Schächte in ihre Unterkünfte leiten. Es findet sogar ein reger Austausch zwischen Innen und Außen statt. Schmuggler transportieren die "Zitronenmasse" nach draußen, eine Droge, die aus dem Fraß gewonnen wird. Captain Cly, Kommandant eines Schmuggler-Luftschiffes, erklärt sich bereit, Briar über die Mauer zu bringen, denn Briars Vater Maynard hat ihn damals vor dem Fraß gerettet und dafür mit dem eigenen Leben bezahlt.

Briar stellt fest, dass Maynards Name ihr in der Gesellschaft jenseits der Mauer Tür und Tor öffnet. Doch auch der Name ihres Mannes ist noch lebendig, wenngleich er weit weniger großes Ansehen genießt. Die Menschen in den abgeschotteten Stadtteilen werden von einem gewissen Dr. Minnericht beherrscht, der ihr Leben mit ausgeklügelten Erfindungen erleichtert. Viele glauben, Minnericht sei niemand anderer als Leviticus Blue. Aus bestimmten Gründen weiß Briar es besser – aber ihr ist ebenso klar, dass ihr Leben und das ihres Sohnes eng mit Minnerichts Interessen verknüpft sind.

Netter Steampunk-Roman mit leichten Längen – das ist mein Fazit. Und sehr viel mehr habe ich dazu gar nicht zu sagen, die Zusammenfassung spricht wohl für sich. Alle Steampunk-Versatzstücke sind vorhanden: Ein leicht abgewandelter historischer Hintergrund des allmählich zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts, dampfbetriebene Maschinen mit klobigen Kontrollgeräten aus Messing, Luftschiffe und andere altertümliche Gerätschaften, gleichzeitig ungewöhnliche technische Neuentwicklungen wie der Boneshaker sowie bestimmte von Dr. Minnericht konstruierte Waffen und dergleichen. Briar Wilkes ist eine starke Frauenfigur mit Ecken und Kanten, das Szenario und die Gesellschaft jenseits der Mauer sind ausreichend bizarr – und es gibt Horden von Zombies, wodurch zahlreiche Kämpfe vorprogrammiert sind.

Trotzdem wollte der Funke irgendwie nicht überspringen. Vielleicht liegt es daran, dass längere Zeit recht wenig geschieht - Figurenexposition und Einführung der Schauplätze gut und schön, aber etwas mehr Tempo hätte der Geschichte nicht geschadet. Vielleicht ist ja die Suche einer Mutter nach ihrem Sohn nicht ausreichend, um die Geschichte zu tragen - der Konflikt mit Minnericht kommt erst ziemlich spät hinzu und wird dann sehr schnell abgehandelt. Schade eigentlich, denn Minnericht ist eine durchaus interessante Figur. Die Zombies - pardon: Fresser - eignen sich als Bedrohung nicht besonders gut, denn niemand fällt ihnen zum Opfer. Stattdessen begegnen Briar und Zeke alle Nase lang rein zufällig irgendwelchen Leuten, die sich in ihrer Hilfsbereitschaft geradezu überschlagen. Gut, wenigstens einer verfolgt in Wahrheit andere Ziele, aber sonst… Das Erdbeben ist auch so ein unglaubwürdiger Zufall - es ereignet sich ausgerechnet in genau den wenigen Minuten, die Briar gebraucht hätte, um Zeke durch den Tunnel zu folgen. Na ja.

Dummerweise entwickelt sich Zeke schnell zur Nervensäge. Mal ist er unglaublich naiv und tölpelhaft, dann altklug und vorlaut. Viele Kapitel sind aus seinem Blickwinkel geschrieben, und diese Teile des Romans - jedenfalls einige davon - hätte man verlustfrei weglassen können. Die Übersetzung ist das i-Tüpfelchen. Ich weiß nicht, welcher Wortwahl sich Cherie Priest befleißigt, aber es wäre mir lieber gewesen, Frank Böhmert hätte auf Formulierungen wie "ich glaub", "ich mein" und vor allem "ich schwöre!" verzichtet. (13.03.2012)


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498
Tod unter fremder Sonne Marc A. Herren: Perry Rhodan Neo 12 - Tod unter fremder Sonne
VPM, 2012
Kindle Edition

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497
Der Anschlag Stephen King: Der Anschlag
Heyne, 2011
1056 Seiten, gebunden

Jacob ("Jake") Epping ist Lehrer in der Kleinstadt Lisbon Falls. Eines Tages wird er von seinem Freund Al Templeton aufgesucht, dem Besitzer eines Schnellimbiss-Wagens. Jake ist entsetzt angesichts des Zustands seines Freundes. Al ist scheinbar über Nacht durch eine Krebserkrankung abgemagert und sieht aus, als sei er um Jahre gealtert. Al bittet Jake, die Vorratskammer im Diner zu betreten. Jake kommt der Bitte nach, findet sich aber nicht in der kleinen Kammer wieder, sondern auf dem Hof der stillgelegten Fabrik, die als Stellplatz des Wagens dient. Und die Fabrik ist keineswegs verlassen, sondern in Betrieb. Vom Diner ist dagegen nichts zu sehen. Der Wagen ist aber immer noch vorhanden; Jake hört Als Stimme und ertastet Stufen, über die er in das Gefährt zurückkehren kann. Was Jake nun hört, stellt sein Weltbild auf den Kopf. Al erklärt, dass sich in der Vorratskammer eine Art Zeitportal befindet, das man nach Belieben in beiden Richtungen durchschreiten kann. So erreicht man immer denselben Augenblick in der Vergangenheit: Den 9. September 1958, 11:58 Uhr. Man kann sich beliebig lange in der Vergangenheit aufhalten. Wenn man in die Gegenwart zurückkehrt, sind dort nur zwei Minuten vergangen. Reist man dann erneut ins Jahr 1958, werden alle Veränderungen der Vergangenheit, die man zuvor möglicherweise bewirkt hat, vollständig rückgängig gemacht. Jede Zeitreise führt also zu einem kompletten Neustart.

Al nutzt das Portal schon seit Jahren, um im Jahre 1958 spottbilliges Fleisch besorgen und seinen berühmten "Fatburger" zu Preisen verkaufen zu können, die im Jahre 2011 konkurrenzlos sind. Bei seiner letzten Zeitreise hat er jedoch ein ganz anderes Ziel verfolgt. Er wollte die Ermordung John F. Kennedys am 22. November 1963 verhindern. Er hat sich ab 1958 jahrelang auf diese Aktion vorbereitet und umfangreiche Informationen über den Attentäter Lee Harvey Oswald gesammelt. Der Krebs hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht, er musste unverrichteter Dinge in die Gegenwart zurückkehren. Jake soll an seine Stelle treten. Al ist davon überzeugt, dass die Geschichte ohne den Mord an Kennedy einen besseren Verlauf genommen hätte. Seiner Meinung nach hätte auf diese Weise unter anderem der Vietnamkrieg verhindert werden können. Jake lässt sich überzeugen und begibt sich in die Vergangenheit. Als Aufzeichnungen sind ihm eine große Hilfe, denn dazu gehören die Ergebnisse wichtiger Sportereignisse - Jake kann diese Informationen nutzen, um riesige Wettgewinne einzustreichen. So bestreitet er seinen Lebensunterhalt.

Jake hat nun fast fünf Jahre Zeit, um sich ein eigenes Bild der Dinge zu machen. Vor allem muss er klären, ob Oswald der wahre Mörder ist und ob er allein gehandelt hat. Sobald beides feststeht, will Jake Oswald töten. In den folgenden Jahren lebt sich Jake gut in der Vergangenheit ein. Tatsächlich gefällt ihm diese Zeit besser als das Jahr 2011, zumal er sich in die junge Bibliothekarin Sadie Dunhill verliebt. Jake muss allerdings feststellen, dass sich die Vergangenheit nicht ändern lassen will. Sobald er versucht, entscheidend in den Ablauf der Geschehnisse einzugreifen, stellen sich ihm die unglaublichsten Hindernisse entgegen. So gerät nicht nur er selbst in tödliche Gefahr, sondern auch die Frau, die er liebt.

Das kurze Fazit vorab: Ich zähle "Der Anschlag" zu Kings besten Romanen und ich kann ihn uneingeschränkt empfehlen - sofern ihr keinen Horror-Roman erwartet und kein Problem mit der Zeitreisen-Thematik habt. "Der Anschlag" ist im Grunde klassische Science Fiction, jedenfalls gehören Zeitreisen und Alternativwelt-Geschichten dieser Art zum typischen SF-Fundus. Eine wissenschaftliche oder sonstige Erklärung für die Zeitreisen (Jack reist wirklich ins Jahr 1958 zurück, es ist keine Einbildung oder dergleichen) wird nicht geliefert, die Parallelwelten-Theorie wird nur angedeutet. Man muss diese Ausgangssituation also einfach als gegeben hinnehmen, was aber problemlos funktioniert. Kritisch ist nur anzumerken, dass Jake die Reset-Funktion des Zeitportals nicht konsequent genug nutzt. Er will ja vor allem herausfinden, ob Kennedy von Oswald ermordet wurde, ob der Täter einen Komplizen hatte, und ob vielleicht sogar die Verschwörungstheoretiker Recht haben, die annehmen, die CIA stecke hinter dem Attentat. Jake hätte einfach ins Jahr 1958 reisen, Oswald sofort erschießen und gleich ins Jahr 2011 zurückkehren müssen. Ein Blick in die Geschichtsbücher hätte ihm dann gezeigt, ob die Tötung Oswalds für Kennedys Rettung ausreichend war oder nicht - und welche Auswirkungen die Rettung des Präsidenten hatte. Im Fall eines Misserfolgs hätte Jake einfach erneut ins Jahr 1958 reisen müssen. Dann wären alle Uhren wieder auf Null gestellt worden.

Ein sehr großer Teil des Romans beschäftigt sich nicht mit dem Attentat oder den Plänen zu dessen Verhinderung, sondern mit Jakes Leben in der Vergangenheit. Für Jake, der als Ich-Erzähler auftritt, ist diese Zeit fast so etwas wie ein Paradies. Missstände wie die Rassentrennung werden zwar nicht ignoriert, aber man merkt doch, dass die späten Fünfziger und frühen Sechziger die "gute alte Zeit" des 1947 geborenen King sind - die nostalgische Verklärung dieser Zeit ist unübersehbar. Aber das kann man leicht verschmerzen, denn King baut seine Figuren mit der für ihn typischen Meisterschaft auf und steigert die Spannung bis zum furiosen Finale, das übrigens nur zu einem weiteren "Neustart" führt, immer weiter. Jedes Mal, wenn die Gefahr besteht, dass sich Längen einschleichen könnten, wartet die Handlung mit einer unvorhersehbaren Wendung auf. Aber Längen können eigentlich gar nicht entstehen, jedenfalls hätte ich kein Problem damit gehabt, weitere 1000 Seiten mit Geschehnissen aus Jacks und Sadies Leben zu lesen! Die Charakterzeichnung und die liebevolle Ausarbeitung einer vergangenen Epoche sind die größten Stärken des Romans.

Ich finde lediglich die Selbstverständlichkeit unglaubwürdig, mit der Al und Jake davon ausgehen, dass die Geschichte in bessere Bahnen hätte gelenkt werden können, wenn Kennedy 1963 am Leben geblieben wäre. Schließlich weiß man heute, dass Kennedy schwer krank war und vielleicht keine zweite Amtszeit hätte antreten können. Ganz abgesehen davon, dass sein Einfluss möglicherweise überschätzt wird. Aber der Glaube an eine von Kennedy gestaltete bessere Welt ist die Voraussetzung für einen entscheidenden Plot-Twist, zu dem ich nichts schreiben kann, ohne zu viel zu verraten. Ich sage nur: Jake hätte sich lieber die Mühe machen sollen, ein paar alternative Szenarien für den weiteren Verlauf der Geschichte zu durchdenken...

Erwähnenswert ist noch, dass es viele Parallelen zu anderen Werken Kings gibt. Derry, Schauplatz des Romans "Es", spielt zum Beispiel eine wichtige Rolle, dort begegnet Jake Beverly Marsh und Richie Tozier. Offensichtlich wurde Pennywise gerade erst besiegt, aber er schlummert nur, wie Jake selbst herausfindet. (29.02.2012)


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496
Schlacht um Ferrol Michael Marcus Thurner: Perry Rhodan Neo 11 - Schlacht um Ferrol
VPM, 2012
Kindle Edition

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495
Bloß weg hier! Frank Böhmert: Bloß weg hier!
Golkonda Verlag, 2011
Kindle Edition

West-Berlin, 25. November 1973. Oliver Karsunke und Bernd Seelhoff, beide elf Jahre alt und beste Freunde, radeln am ersten autofreien Sonntag durch die Stadt. Sie haben sich acht Wochen vorher kennengelernt:

Oliver, ein aufmüpfiger, etwas angeberischer Ausreißer mit der Ambition, Archäologe zu werden und Atlantis zu entdecken, hat Ärger mit seinem Lehrer, fühlt sich von seinen Eltern ignoriert und schwänzt die Schule. Er will es sich mit einem Comicheft, Brötchen und geklautem Fischfutter im Wald gemütlich machen. Daraus wird nichts, denn er begegnet dem braven, bänglichen Brillenträger Bernd, der sich im Wald verlaufen hat. Nachdem sich die beiden buchstäblich zusammengerauft haben, erklärt sich Olli bereit, Bernd nach Hause zu bringen. Bernds Adresse (Kreuzberg) sorgt bei Olli zwar zunächst für Nasenrümpfen, doch als der angehende Altertumsforscher erfährt, dass es in der Nähe der Seelhoff'schen Wohnung ein geheimnisvolles verlassenes Bauwerk gibt, das es zu erkunden gilt, ist er Feuer und Flamme. In der Ruine warten jedoch einige unangenehme Überraschungen auf die beiden Jungen…

Wenn ich Frank Böhmerts Blog richtig verstanden habe, dann ist dies der erste Band einer geplanten zehnteiligen Reihe. Jeder Roman soll den Zeitgeist einer jeweils anderen "Epoche" zwischen 1967 (mein Geburtsjahr, juhu!) und 1989 wiedergeben. Alle Bücher sollen außerdem autobiografisch gefärbt sein. Klingt spannend! Der erste Roman, mit ca. 140 Seiten nicht ganz abendfüllend, macht als Auftakt schon mal Appetit auf mehr. Er gewinnt seinen Reiz allerdings nicht zuletzt durch die im Leser erweckten nostalgischen Erinnerungen an die eigene Vergangenheit und ein gerüttelt Maß Lokalkolorit. Ja, dachte ich bei der Lektüre, genauso war das damals! Diese Ebene geht verloren, wenn man die Siebziger nicht selbst erlebt hat. Für mich besteht das Problem darin, dass ich mit Berlin nichts anfangen kann, und dass die Geschichte aus dem Blickwinkel der falschen Hauptfigur erzählt wird. Ich war nämlich eher so ein Typ wie Bernd, und mit einem Bengel wie Olli hätte ich nicht spielen dürfen...

Kann Kringel das Buch denn nun einem zu spät geborenen Nicht-Berliner empfehlen? Doch. Schon als kulturhistorisch bedeutsamen Rückblick auf die Zeit der geteilten Stadt und der Bonanzaräder, aber auch als Einblick in die kindliche Gefühls- und Erlebniswelt. Die wird - soweit ich das aus einem Abstand von mehreren Jahrzehnten noch sagen kann - überzeugend und glaubwürdig vermittelt. Dass der Ich-Erzähler einige Lautmalereien und fragwürdige Formulierungen verwendet, kann ich in diesem Zusammenhang verzeihen. Die Geschichte wird übrigens nicht vom elfjährigen Olli erzählt, sondern von seinem viele Jahre älteren Alter Ego. Warum eigentlich? Der Schluss (Ollis Familienproblem) kommt mir ein wenig wie nachträglich drangeklatscht vor, so als ob die Geschichte einen tieferen Sinn erhalten sollte. Das hätte sie eigentlich gar nicht nötig. Wegen des erwähnten Identifikationsproblems bin ich zwar nicht gleich in die Story "hineingekommen", aber dann hat's mich doch gepackt. Frank Böhmert erzählt einfach zu gut - er könnte auch über zwei Meter große Tausendfüßler schreiben, und ich würde es trotzdem spannend finden... (15.02.2012)


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494
Ritualmord Mo Hayder: Ritualmord
Goldmann, 2010
414 Seiten

Detective Inspector Jack Caffery wurde auf eigenen Wunsch nach Bristol versetzt. Er hat seine Freundin Rebecca verlassen, da er ihren Kinderwunsch nicht teilt und noch immer darunter leidet, das Verschwinden seines Bruders Ewan nie aufgeklärt zu haben. In der Umgebung von Bristol gibt es jemanden, mit dem Caffery unbedingt sprechen möchte: Einen als "Walking Man" bekannten Landstreicher, der ähnliches durchgemacht hat, sich im Gegensatz zu Caffery jedoch am Täter rächen konnte. Caffery arbeitet mit der Polizeitaucherin Phoebe Marley (genannt "Flea") zusammen. Beide fühlen sich zueinander hingezogen, denn sie haben einiges gemeinsam. Genau wie Caffery wird auch Flea von Schuldgefühlen geplagt. Sie hat ihre Eltern vor zwei Jahren bei einem Tauchgang in Südafrika verloren, an dem sie selbst nicht teilnehmen wollte. Die Leichen wurden nie gefunden. Flea glaubt, sie hätte damals zusammen mit ihren Eltern sterben sollen. Durch Einnahme spezieller Drogen versucht sie Kontakt mit den Toten aufzunehmen. Kaiser Nkuda, ein alter Freund ihres Vaters, soll ihr dabei helfen. Doch bald stößt sie auf ein dunkles Geheimnis in der Vergangenheit ihres Vaters, und auf erschreckende Parallelen zu ihrem aktuellen Fall.

In diesem Fall, bei dem Caffery die Ermittlungen leitet, geht es um eine abgetrennte menschliche Hand, die von Flea im Hafenbecken entdeckt wurde. Wie sich herausstellt, wurden beide Hände eines Opfers, das schnell als polizeibekannter Drogensüchtiger mit dem Spitznamen "Mossy" identifiziert wird, unter dem Eingang eines nahegelegenen Restaurants vergraben. Durch Zufall ist eine davon in die Kanalisation geraten und ins Wasser gespült worden. Es wird vermutet, dass die Tat mit südafrikanischer Muti-Zauberei zu tun haben könnte. In Südafrika ist der Glaube an die magische Kraft menschlicher Körperteile weit verbreitet. Caffery findet Hinweise, die darauf schließen lassen, dass sich jemand die Angst der eingewanderten Afrikaner vor einem als "Tokoloshe" bekannten Dämon zunutze macht, um menschliches Blut und abgetrennte Körperteile als Schutzfetische zu verkaufen. Da diese Fetische besonders mächtig sind, wenn sie dem Opfer bei lebendigem Leib entnommen werden, geht Caffery davon aus, dass Mossy noch am Leben ist - und dass seine Peiniger ihn im wahrsten Sinne des Wortes weiter ausschlachten wollen...

"Ritualmord" ist zwar ein in sich abgeschlossener Roman, aber man sollte die ersten beiden Romane Mo Hayders (Der Vogelmann und Die Behandlung) gelesen haben, um den dritten richtig würdigen zu können. In den beiden genannten Romanen wird Cafferys abgründige Innenwelt einprägsam vermittelt - wenn man aber nicht weiß, was er seit Ewans Verschwinden durchgemacht hat, dann versteht man seine teilweise sehr extremen Reaktionen und seine selbstzerstörerische Art im aktuellen Roman möglicherweise nicht. Außerdem gerät der Kriminalfall, in dem Caffery diesmal ermittelt, gegenüber der weiteren Charakterentwicklung fast zur Nebensache. Im Zentrum steht neben Caffery eine neue Hauptfigur: Flea Marley. Auf ihre Art ist sie genauso angeknackst wie Caffery. Beide suchen nach einer Erlösung, die ihnen niemand außer ihnen selbst gewähren kann. Da haben sich zwei Seelenverwandte gefunden, und es bleibt nicht aus, dass sie sich ein wenig näher kommen. Eine Romanze entsteht aber zunächst noch nicht.

Die Charakterzeichnung ist durchaus gelungen, aber sie steht der Thriller-Handlung oft im Weg. Es werden zwar immer wieder Kapitel eingeschoben, die aus Mossys Perspektive erzählt werden oder in denen es um frühere Morde geht. Dann entsteht jene makabre Atmosphäre, angeheizt durch teilweise explizit geschilderte Grausamkeiten, die man aus den beiden ersten Romanen kennt. Die Spannung verpufft jedoch, wenn danach wieder für längere Zeit auf Fleas Sorgen und Nöte eingegangen wird. Gut - Flea gehört auch in den beiden folgenden Romanen zu den Hauptpersonen. Deshalb hat sie eine adäquate Einführung verdient. Es hätte der Story jedoch gut getan, wenn sich Mo Heyder mehr auf den Fall und weniger auf die beiden Hauptfiguren konzentriert hätte, denn irgendwie kommt mir das Endergebnis wie Stückwerk vor, bei dem die Einzelteile nicht hundertprozentig zueinander passen. Leider legt Mo Hayder außerdem - wie schon in "Die Behandlung" - bewusst falsche Spuren. Das hat mir nicht besonders gut gefallen, obwohl der eigentliche Kriminalfall am Ende schlüssig gelöst wird. (13.02.2012)


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493
Im Licht der Wega Christian Montillon: Perry Rhodan Neo 10 - Im Licht der Wega
VPM, 2012
Kindle Edition

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492
Tintenherz Cornelia Funke: Tintenwelt 1 - Tintenherz
Cecilie Dressler Verlag, 2003
575 Seiten, gebunden

Die zwölfjährige Meggie Folchart ist Büchernärrin. Diese Leidenschaft hat sie von Mortimer geerbt, ihrem Vater, der als Restaurator arbeitet. Meggies Mutter Teresa ist vor neun Jahren angeblich zu einer Reise aufgebrochen und nie zurückgekehrt.

Eines Nachts wird Mortimer von einem geheimnisvollen Fremden aufgesucht, der sich Staubfinger nennt und einen gehörnten Marder namens Gwin bei sich hat. Meggie belauscht das Gespräch der beiden Männer und hört Staubfingers Warnung vor einem gemeinsamen Feind namens Capricorn. Staubfinger behauptet, Capricorn habe Mortimer nach langer Suche aufgespürt. Alle drei fahren am nächsten Tag zu Meggies Großtante Elinor Loredan. Meggie erfährt, dass es Capricorn nicht unbedingt um Mortimer geht, sondern um ein Buch mit dem Titel "Tintenherz". Elinor soll das Buch in ihrer riesigen Sammlung verstecken. Als Meggie unerlaubterweise einen Blick in das Buch wirft, ist sie sehr überrascht, eine detailgetreue Abbildung Gwins darin zu sehen.

Wenig später erscheinen der Messerstecher Basta und andere Schergen Capricorns. Sie entführen Mortimer. "Tintenherz" fällt ihnen nicht in die Hände, weil Elinor es heimlich gegen ein anderes Buch ausgetauscht hat. Meggie will ihren Vater auf eigene Faust retten. Staubfinger führt sie und Elinor zu Capricorns Bergdorf. Von dort aus führt Capricorn eine grausame Schreckensherrschaft über die ganze Gegend. Staubfinger erweist sich als Verräter; er liefert Meggie und Elinor an Capricorn aus. Er war es, der Capricorn auf Mortimers Spur gebracht hat. Meggie und Elinor werden zu Mortimer in eine Zelle gesperrt. Jetzt endlich erfährt Meggie die Hintergründe für all diese Geschehnisse.

Vor neun Jahren hat Mortimer seiner Frau aus "Tintenherz" vorgelesen. Plötzlich sind Staubfinger, Capricorn und Basta erschienen, Teresa dagegen ist verschwunden. So hat Mortimer erfahren, dass er die Gabe besitzt, Gegenstände und Lebewesen aus Büchern "herauszulesen". Es muss jedoch immer ein Austausch stattfinden - für alles, was aus einem Buch herausgelesen wird, muss etwas anderes darin verschwinden. In den seither vergangenen Jahren hat Mortimer vergeblich versucht, Teresa wieder in die reale Welt zurückzuholen. Das ist ihm ebenso wenig gelungen, wie er es fertig gebracht hat, Staubfingers sehnlichsten Wunsch zu erfüllen und ihn wieder in das Buch "hineinzulesen". Capricorn dagegen will keineswegs in die Buchwelt zurückkehren. Er benötigt lediglich einen begabten Vorleser wie Mortimer, um Schätze und neue Gehilfen zu erlangen...

Soviel in aller Kürze zum Grundgerüst der Handlung; mehr kann ich nicht schreiben, ohne zu viel zu verraten. Genau genommen ist der Handlungsverlauf so vorhersehbar, dass ihr vermutlich schon nach den obigen Zeilen wisst, wie die Geschichte ausgeht. Obendrein dreht sie sich im Mittelteil praktisch einmal um sich selbst. Man ist nach einigen hundert Seiten genauso weit wie zuvor, ohne einen echten Handlungsfortschritt erlebt oder entscheidende neue Erkenntnisse gewonnen zu haben.

Auch ist die Idee, dass man Bücher "betreten" oder die Protagonisten einer fiktiven Geschichte in die Realität herüberholen kann, durchaus nicht neu - siehe "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende oder Jasper Ffordes Romane um die LiteraturAgentin Thursday Next. Außerdem bleiben die Hauptfiguren seltsam konturlos bzw. schablonenhaft. Das gilt weniger für Meggie, aus deren Sicht der größte Teil des Romans erzählt wird, dafür umso mehr für Mortimer und leider auch für die Schurken, deren Bösartigkeit nur behauptet, aber kaum wirklich gezeigt wird. Einzig Staubfinger ist eine etwas ambivalentere, undurchsichtigere und deshalb interessantere Figur.

Das klingt jetzt alles recht negativ, aber so mager die Story auch sein mag: Cornelia Funke erzählt so gut, dass ich trotzdem gefesselt war. Positiv hervorzuheben ist dabei, dass vor düsteren Tönen nicht zurückgeschreckt wird, obwohl sich das Buch an ein jugendliches Publikum richtet. Hinzu kommen einige köstliche Szenen, zum Beispiel mit der streitbaren Elinor. Und nicht zuletzt ist der Roman natürlich als Hommage an Bücher und Leseratten zu sehen. Kein Wunder, dass ich mich davon angesprochen fühle! Insgesamt muss ich sagen: Ich hätte mir zwar etwas mehr Tiefgang gewünscht, aber möglicherweise bin ich einfach nur zu alt für das Buch. Lesenswert ist es dennoch, und es macht auf jeden Fall Lust auf die beiden Folgebände. (31.01.2012)


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491
Der Schädelschmied Jens Lossau / Jens Schumacher: Der Schädelschmied
Egmont-Lyx, 2011
350 Seiten

Unweit von Nophelet, der Hauptstadt des Königreiches Sdoom, liegt die ausschließlich von Zwergen bewohnte Stadt Barlyn. Der autarke Zwergenstaat erstreckt sich über Dutzende Ebenen tief unter dem Gengostok-Gebirge und ist ein wichtiger Handelspartner für alle anderen Länder, denn in den Minen von Barlyn werden das wertvolle M'nir-Metall und das universell einsetzbare Grobonskonit abgebaut. Außerdem stehen praktisch alle Staaten bei der Barlyner Staatsbank in der Kreide. Der Reichtum Barlyns basiert auf ständigem Wachstum. Dies wiederum kann nur durch das reibungslose Funktionieren einer straff durchorganisierten Bürokratie erreicht werden. Deshalb ist das Entsetzen groß, als Schürfminister Borkudd, nach Lordprotektor Hindrych zweitwichtigster Mann im Staat, eines Nachts ermordet aufgefunden wird - im Inneren seines fensterlosen Büros, dessen einzige massive Tür von innen verschlossen und durch mehrere Riegel gesichert ist. Borkudds Schädel wurde von Dutzenden Sechs-Zoll-Nägeln durchbohrt. Als dies bekannt wird, geht in Barlyn die Angst vor einem Phantom um, das nicht einmal durch massiven Fels aufgehalten werden kann. Wenig später wird vom Erscheinen eines grauenhaften Ungeheuers in den Bergwerksstollen berichtet. Wie nicht anders zu erwarten, leiden darunter bald die so wichtigen Förderquoten.

Da sich niemand erklären kann, wie der Mörder vom hermetisch abgeschlossenen Tatort entkommen konnte und warum er den Mord auf so bizarre Art verübt hat, wird das Institut für angewandte investigative Thaumaturgie um Hilfe gebeten. IAIT-Chef Karliban entsendet Meister Hippolit, seinen besten Mann, der wie immer vom Troll Jorge begleitet wird. Die beiden IAIT-Agenten sind jedoch nicht die einzigen Ermittler vor Ort. General Glaxiko, unfähiges Oberhaupt der Nopheleter Stadtwache, sowie das Duo Oskulapius und Rekten sind nach Barlyn gereist, um die von Hindrych für die Lösung des Falles ausgelobten Goldkaunaps einzuheimsen. Hippolit ist nicht erfreut darüber, dass ihm andere Parteien ins Handwerk pfuschen, zumal er schon früher einmal auf sehr unangenehme Weise mit dem Privatdetektiv Oskulapius aneinandergeraten ist. Dieser kann nach kurzer Zeit mit einer Theorie aufwarten, die zwar nach Hippolits Meinung einige Lücken aufweist, aber immerhin plausibel genug klingt, um zur Beruhigung der Stadtbevölkerung ausgenutzt zu werden. Hippolit gibt sich nicht zufrieden, ermittelt weiter und stößt auf Hintergründe, durch die die gesamte Machtstruktur Barlyns in Frage gestellt wird. Selbst Jorge, der sich mehr für das Barlyner Bier und den Drollych-Schnaps interessiert als für mysteriöse Mordfälle, kann zur Aufklärung beitragen.

Dies ist der dritte gemeinsame Fall des ungewöhnlichsten Ermittlerduos im Fantasy-Genre. Womit Hippolit und Jorge es in ihren ersten beiden Fällen zu tun hatten, was es mit dem ungleichen Gespann auf sich hat und in welcher Beziehung diese Romane zu den früheren Werken von Lossau und Schumacher stehen, könnt ihr in meinen Kommentaren zu Der Elbenschlächter und Der Orksammler nachlesen.

Erneut kann ich eine klare Kaufempfehlung aussprechen, und wieder muss ich darauf hinweisen, dass man die beiden ersten Romane gelesen haben sollte, obwohl alle drei in sich abgeschlossen sind. Führt euch die ersten beiden köstlichen Fantasy-Krimis zu Gemüte, damit ihr alle Anspielungen und Querverweise verstehen könnt. Die Lektüre schadet aber auch aus einem anderen Grund nicht: Die Autoren wuchern quasi mit dem eigenen Pfunde und verlassen sich in Bezug auf Hippolits/Jorges Charakterzeichnung ein bisschen darauf, dass der Leser die beiden schrägen Typen schon kennt. Das ist aber eine kleine und vernachlässigbare Schwäche... "Schwäche" ist eigentlich sowieso schon ein zu schwerer Vorwurf. Man wird den Roman einfach besser zu schätzen wissen, wenn man Hippolit und Jorge bereits bei ihren früheren Abenteuern begleitet hat.

Ansonsten stimmt einfach alles. Die Story ist spannend, bleibt unvorhersehbar und ist wirklich gut erzählt - auch stilistisch hat sich das Autorengespann noch weiter verbessert. Das klassische "Mord im verschlossenen Raum" - Rätsel wird geheimnisvoll aufgebaut und plausibel gelöst - plausibel wohlgemerkt unter den Bedingungen des fiktiven Universums, das Lossau und Schumacher auch in diesem Roman weiter ausbauen. Ich finde es wirklich bemerkenswert, dass Lossau und Schumacher es immer wieder schaffen, mich mit originellen Ideen zu überraschen! Die komplett aus dem Fels gemeißelte Zwergenstadt mit ihrer so typisch "deutschen" Einwohnerschaft, ihrem thaumaturgisch-mechanischen Belüftungs- und Verkehrssystem und anderen liebevoll ausgearbeiteten Details kann rundum überzeugen. Das Ganze ist natürlich eine unverhohlene Parodie Bayerns und des Nationalsozialismus. Etwas mehr Subtilität hätte vielleicht nicht geschadet... Der Humor ist derb und manchmal ziemlich schwarz, erschöpft sich aber nicht in platten Kalauern und nimmt nicht überhand, sondern wartet vor allem mit merkwürdigen Charakteren, bizarren Situationen und viel Wortwitz auf. Sherlock Holmes und Dr. Watson (= Oskulapius und Rekten) werden ebenso auf die Schippe genommen wie übertriebene Bürokratie, das Münchner Oktoberfest, Fremdenfeindlichkeit und so manches Fantasy-Klischee. (26.01.2012)


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490
Rhodans Hoffnung Frank Borsch: Perry Rhodan Neo 9 - Rhodans Hoffnung
VPM, 2012
Kindle Edition

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489
Die Saat des goldenen Löwen George R.R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer 4 - Die Saat des goldenen Löwen
Blanvalet, 2000
606 Seiten

Die Königslande von Westeros zerfleischen sich gegenseitig in einem grausamen Erbfolgekrieg. Robb Stark, der zum König des Nordens ernannt worden ist, erzielt einige Erfolge im Kampf gegen die Lannisters, und noch immer ist Jaime Lannister Gefangener der Starks. Aber Cersei, Jaimes Schwester und Mutter des minderjährigen Königs Joffrey, hält Robbs Schwester Sansa in der Hauptstadt King's Landing als Geisel fest. Stannis und Renly, die verfeindeten Brüder des ermordeten Königs Robert Baratheon, rüsten sich zur Entscheidungsschlacht. Catelyn Stark, Robbs Mutter, versucht vergeblich zwischen den beiden zu vermitteln und eine Allianz gegen die Lannisters zu schmieden. In ihrem Beisein wird Renly von einer schattenhaften Gestalt ermordet. Prompt wechseln einige Lords aus Renlys Gefolge die Seiten, so dass Stannis plötzlich über das größte Heer von Westeros verfügt. Er hält sich jetzt für mächtig genug, King's Landing anzugreifen. Dort hat Tyrion Lannister jedoch trotz aller Schwierigkeiten und Widerstände eine schlagkräftige Verteidigung aufgebaut und neue Verbündete gewonnen. Er hält so manche im wahrsten Sinne des Wortes explosive Überraschung für die Angreifer bereit.

Entgegen anders lautender Befehle seines Vaters überfällt Theon Greyjoy, das ehemalige Mündel der Starks und Robbs Freund, die Burg Winterfell. Da fast alle kampffähigen Männer der Starks in den Krieg gezogen sind, gelingt es Theon mit einer Handvoll Soldaten, den Stammsitz der Starks zu erobern. Er hat jedoch Schwierigkeiten, die Burg auch zu halten - erst recht, als Bran und Rickon, Robbs jüngere Brüder, zusammen mit einigen Gefährten fliehen. Theon verfolgt die Flüchtlinge persönlich. Er kehrt mit zwei Kinderleichen nach Winterfell zurück, deren Köpfe er auf die Zinnen spießen lässt, um jeden weiteren Widerstand im Keim zu ersticken.

Nach der Enthauptung ihres Vaters ist Arya Stark, Robbs jüngste Schwester, von einem Bruder der Nachtwache aufgenommen worden, der neue Rekruten zur Mauer bringen sollte. Die Gruppe ist jedoch von feindlichen Söldnern aufgerieben worden. Arya ist den Lannisters in die Hände gefallen. Sie lebt nun unerkannt unter der Dienerschaft in der Festung Harrenhal. In dem mysteriösen Jaquen H'ghar, dem sie das Leben gerettet hat, findet sie einen wertvollen Verbündeten, der ihr schließlich die Flucht ermöglicht.

Jon Snow und die von Lord Commander Mormont angeführten Männer der Nachtwache dringen immer weiter nach Norden vor, finden aber keine Spur des verschollenen Benjen Stark. Es wird klar, dass Mance Rayder, ein abtrünniger Bruder der Nachtwache, alle Stämme der Wildlinge unter seiner Führung vereinigt hat und einen Feldzug gegen die Länder jenseits der Mauer vorbereitet. Rayder scheint in der Wildnis des Nordens irgendetwas gefunden zu haben, mit dem er die Mauer bezwingen zu können glaubt.

Daenerys Targaryens Traum von der Rückeroberung des Throns der Sieben Königreiche rückt in weite Ferne, denn in der Stadt Qarth findet sie nicht die erhoffte Unterstützung. Es scheint unmöglich zu sein, genug Kämpfer und vor allem Schiffe für einen Feldzug aufzutreiben. Daenerys sucht das "Haus der Unsterblichen" auf, wo sie Visionen der Vergangenheit und Zukunft hat. Sie sucht Antworten bei den Magiern, wird von diesen jedoch bedroht. Ihr Drache Drogon tötet die vermeintlich Unsterblichen mit seinem Feuer, wodurch Daenerys die Bewohner Qarths vollends gegen sich aufbringt.

Beim dritten Teil des Fantasy-Zyklus "Das Lied von Eis und Feuer" hatte ich bemängelt, dass kein richtiger Handlungsfortschritt erkennbar ist. Das liegt daran, dass Band 3 und 4 eigentlich ein einziges Buch sind - in Deutschland werden alle Originalbände in zwei Bücher aufgeteilt. Tja, und Band 3, also die erste Hälfte dieses Buchs, dient erst einmal dazu, die vielen verschiedenen Schachfiguren in die entsprechenden Ausgangspositionen zu bringen. In der zweiten Hälfte - also Band 4 - treffen die Schachfiguren aufeinander, und dann überschlagen sich die Ereignisse. Renlys Ermordung ist ein massiver Knalleffekt gleich zu Anfang des Romans, und in diesem Stil geht es bis zum Schluss weiter. Will sagen: Bei George R.R. Martin ist niemand sicher. Auch Hauptfiguren können sterben! Oder zumindest schwer verwundet werden oder sonstige äußerst schmerzliche Verluste erleiden. Das gilt nicht zuletzt für meinen Favoriten Tyrion. Dabei ist allerdings nicht immer alles so, wie es zu sein scheint. Jedenfalls kommt es zu einigen großen Schlachten, die ziemlich drastisch geschildert werden. Es geht brutal und blutig zur Sache - eine Verfilmung wäre mit Sicherheit nicht jugendfrei!

Wie ich früher schon einmal geschrieben habe, kann man keinen Roman dieser Serie isoliert lesen. Alle bauen aufeinander auf. Die Geschichte, die Beziehungsgeflechte und die Ausarbeitung der fiktiven Welt werden immer komplexer, vielschichtiger und interessanter. Deshalb ist es fast unmöglich, die Handlungszusammenfassung kurz und spoilerfrei zu halten. Auch muss man nicht selten ein bisschen grübeln oder in den vorherigen Romanen nachschlagen, um nachvollziehen zu können, wie es zu der einen oder anderen Entwicklung kommen konnte bzw. in welcher Beziehung Ritter X denn nun zu Lord Y steht... Und immer noch bleiben so manche Geschehnisse geheimnisvoll; sie werden noch nicht erklärt. Was geht jenseits der Mauer bei den Wildlingen wirklich vor? Welche Bedeutung hat das Erscheinen der Drachen und das Wiedererstarken der Magie? Über welche Fähigkeiten verfügen Menschen wie Melisandre, Bran und Jojen? Erstere scheint Dämonen gebären zu können, letzterer kann seinen Geist offenbar in den Körper der Schattenwölfe versetzen und letzterer sieht die Zukunft in prophetischen Träumen. Aber ist das alles wirklich so - oder ganz anders?

Wie immer wird die Geschichte aus dem Blickwinkel mehrerer Personen beleuchtet, die Anzahl der Handlungsebenen nimmt weiter zu. Der Schwerpunkt liegt diesmal auf den Geschehnissen rund um King's Landing (Tyrion, Cersei, Sansa und andere). Die Eroberung von Winterfell (Theon, Bran) sowie die Erlebnisse von Hauptfiguren wie Jon Snow, Arya, Catelyn und Daenerys sind zwar ebenfalls wichtig, nehmen aber bei weitem nicht so breiten Raum ein. Robb bleibt mehr oder weniger außen vor. Der ständige Wechsel der Erzählebenen führt dazu, dass man das Buch am liebsten in einem Rutsch durchlesen möchte. Und den nächsten Band gleich auch noch, denn am Ende sind die Karten wieder ganz neu gemischt!

Die vielschichtige, rätselhafte Handlung, die hervorragende Charakterzeichnung und der meisterliche Stil haben bis jetzt jeden Roman der Serie zu einem echten Genuss gemacht. Als Fantasy-Fan kommt man an diesem Zyklus definitiv nicht vorbei. Allerdings leidet der Stil auch diesmal wieder unter der Übersetzung. Tippfehler, falsch geschriebene Namen und dergleichen sind mir viel zu oft aufgefallen. (16.01.2012)


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488
Die Terraner Hubert Haensel: Perry Rhodan Neo 8 - Die Terraner
VPM, 2012
161 Seiten

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487
Blackwood Farm Anne Rice: Blackwood Farm
Blanvalet, 2007
672 Seiten

Der Vampir Lestat betrachtet New Orleans als seinen ureigenen Besitz und bedroht jeden Bluttrinker mit dem Tod, der es wagt, dort zu jagen. Dennoch dringt der junge Vampir Tarquin Blackwood, genannt Quinn, eines Nachts in Lestats Anwesen ein, um dort einen Brief zu deponieren. Darin bittet Quinn Lestat um Hilfe bei der Vernichtung eines Geistes, von dem er von Kindesbeinen an - schon vor seiner Umwandlung in einen Vampir - heimgesucht wird. Dieser Geist namens Goblin war früher Quinns unsichtbarer Freund und Gefährte, ist aber nach der Vampirwerdung immer mächtiger geworden und bedroht nun Quinns Familie. Quinn befürchtet, Goblin könne eine unheilige Verbindung mit dem Geist eingehen, der allen Vampiren innewohnt, so dass eine neue, noch gefährlichere Art von Vampiren entstehen könnte.

Lestat erscheint persönlich, als Quinn gerade dabei ist, sich an einem Mann von der Talamasca zu laben, der ebenfalls in das Haus eingedrungen ist. Lestat verhindert das Schlimmste, verschont die Eindringlinge und nimmt Quinn unter seine Fittiche. Quinn erzählt seine Lebensgeschichte sowie die Geschichte der Bewohner des Familienstammsitzes Blackwood Manor.

Ich habe ja nun schon einige Romane aus der "Chronik der Vampire" gelesen. "Blackwood Farm" ist der neunte Teil. Spätestens seit Band 8 frage ich mich, warum ich mir diesen todlangweiligen Schwulst noch antue. Immerhin muss man im Grunde keinen der bisherigen Romane aus der Chronik gelesen haben, denn es wird zwar immer wieder mal auf frühere Geschehnisse angespielt - hinzu kommen ein paar Querverbindungen zu den eigenständigen Büchern rund um die Mayfair-Hexen - aber diese Anspielungen sind für den Roman völlig unwichtig. Es geht ausschließlich um Quinns Lebensgeschichte, zu der diverse Rückblicke in frühere Zeiten (also in die Lebensgeschichten seiner Vorfahren) gehören. Dass Lestat und Merrick vorkommen, könnte man als "Namedropping" bezeichnen, denn sie spielen in der Rahmenhandlung zwar durchaus wichtige Rollen, im Grunde sind sie aber dennoch irrelevant.

Aber das wäre ja alles kein Problem, wenn Rice eine spannende oder wenigstens interessante Geschichte zu erzählen hätte. Dem ist aber nicht so. Stattdessen werden unzählige Seiten mit Nebensächlichkeiten verschwendet. Seitenweise wird der Luxus beschrieben, in dem Quinn lebt. Es werden entweder unfassbar banale oder vermeintlich tiefgründig-bedeutungsschwangere, letztlich aber einfach nur hohle Dialoge geführt. Quinn ergeht sich in nervtötenden Schwärmereien über Lestat, seine große Liebe Mona Mayfair und andere Partner - ich glaube, ich habe noch nie einen Roman gelesen, in dem so oft "Ah!", "Oh!", "reizend!", "entzückend!" usw. gerufen wurde! Und nicht zuletzt werden Quinns Sexualpraktiken bis in die glitschigen Details ausgebreitet. Quinn treibt es mit Gespenstern, mit dem Geist Goblin (also mit sich selbst, bzw. mit seinem Bruder), mit diversen lebendigen Partnerinnen und mit einem hermaphroditischen Vampir, dem er das Blut nicht aus dem Hals saugt, sondern aus einem weiter unten gelegenen Bestandteil der männlichen Anatomie. Auch für seine bald neunzigjährige Tante und seinen Hauslehrer hegt Quinn eindeutig-zweideutige Gefühle.

Ein klein wenig Fahrt nimmt der Roman nur dann auf, wenn es um die Geheimnisse rund um "Sugar Devil Island" geht, ein im Sumpf verborgenes Eiland, auf dem der Vampir haust, der Quinn später umwandelt. Auf den letzten paar Dutzend Seiten wird Goblin im Schnellverfahren unschädlich gemacht, wobei Merrick gleich mit draufgeht. Ansonsten ist das endlose nichtssagende Geschwafel so unerträglich, dass ich mich zwingen musste, nicht mittendrin abzubrechen. Aus demselben Grund habe ich auch keine Lust, mich hier noch weiter mit diesem Mist zu beschäftigen, obwohl er noch zahlreiche weitere Aufreger enthält - ich habe schon genug Zeit damit verschwendet. (04.01.2012)


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486
Der Golem Gustav Meyrink: Der Golem
Kindle Edition

Ein Mann träumt in Prag von den mehr als dreißig Jahre zurückliegenden Erlebnissen des Gemmenschneiders Athanasius Pernath, der Ende des 19. Jahrhunderts im Prager Ghetto gelebt hat.

Durch seine Freundschaft mit dem jungen Studenten Charousek und der adligen Angelina wird Pernath in eine tödliche Intrige hineingezogen. Charousek lebt in alles verzehrendem Hass gegen den Trödler Aaron Wasserturm, der seinerseits Angelina wegen eines außerehelichen Verhältnisses mit einem gewissen Dr. Savioli erpresst. Seltsame Visionen quälen Pernath, in denen der legendäre Golem eine Rolle spielt. Dieses Wesen aus Lehm soll vor Jahrhunderten von Rabbi Löw im Judenviertel erschaffen worden und dann außer Kontrolle geraten sein; es taucht immer dann auf, wenn es zu einer Mordserie im Viertel kommt.

Eines Tages erfährt Pernath durch Zufall, dass man ihm vor geraumer Zeit aufgrund drohenden Wahnsinns durch Hypnose die Erinnerungen an die eigene Vergangenheit genommen hat. Pernaths einzige Stütze ist der Schriftgelehrte Schemajah Hillel, ein weiser Mann, in dessen Tochter Mirjam sich Pernath verliebt. Pernath schützt Angelina vor Wasserturm, indem er verhindert, dass dem Trödler kompromittierende Briefe in die Hände fallen. Dadurch gerät er selbst in Gefahr. Als sich im Judenviertel ein Mord ereignet, schiebt Wasserturm Pernath ein Besitzstück des Opfers unter. Pernath wird verhaftet und muss Monate im Gefängnis verbringen, ohne zu wissen, was Wasserturm in der Zwischenzeit seinen Schützlingen Angelina und Mirjam antun mag...

Der Text dieses Romans ist gemeinfrei. Er ist kostenlos für Amazons E-Book-Reader Kindle erhältlich, und in dieser Version habe ich ihn gelesen. Ihr findet den vollständigen Text im Internet, zum Beispiel auf den Seiten des Projekts Gutenberg.

Dieser 1914 erstmals erschienene Roman ist keine Version der alten Legende von Rabbi Löw und dem Golem. Er hat auch nichts mit dem gleichnamigen Stummfilm von Paul Wegener aus dem Jahre 1920 zu tun. Der Golem kommt im Roman praktisch nicht vor, nur in Pernaths Visionen tritt er in Erscheinung. Trotzdem könnte man die Geschichte der Phantastischen Literatur zurechnen, denn bestimmte Elemente wie Hypnose, Gedächtnisverlust, Somnambulismus und Kabbala-Mystik sowie der mysteriöse Mord und die irgendwie surreale oder kafkaeske Beschreibung des Prager Judenviertels vermischen sich wie in einem Alptraum derart, dass man – ebenso wie Pernath – bald nicht mehr weiß, wo die Realität endet und wo die Phantasie beginnt.

Genau wie in einem Traum wirkt die Handlung teilweise unzusammenhängend. Immer wieder treten Personen auf, die zuvor keine Rolle gespielt haben, unerwartete und manchmal auch unlogische Wendungen ereignen sich, Gefahren entstehen scheinbar aus dem Nichts und lösen sich auf dieselbe Weise wieder auf. Der Roman ist deshalb teilweise etwas schwer verdaulich, aber gleichzeitig entsteht dadurch eine faszinierende Atmosphäre des Unheimlichen, durch die man bis zum Schluss gefesselt bleibt. (01.01.2012)


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485
Flucht aus Terrania Arndt Ellmer: Perry Rhodan Neo 7 - Flucht aus Terrania
VPM, 2011
161 Seiten

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484
Das Labyrinth der Ratten Philip K. Dick: Das Labyrinth der Ratten
Goldmann, 1979
186 Seiten

Anfang des 21. Jahrhunderts ist das Wettrüsten in Ost und West zu einer Farce geworden und wird nur noch weitergeführt, um der Öffentlichkeit das Bild einer gut funktionierenden Abschreckung zu vermitteln. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gibt es so genannte "Waffenmodedesigner", die sich regelmäßig durch die Einnahme bestimmter Drogen in Trance versetzen und dabei Konzeptzeichnungen für immer schrecklichere Waffensysteme anfertigen. Die Waffen sind tatsächlich funktionsfähig, aber es wird immer nur ein einziges Exemplar hergestellt, dessen Wirkung dann publikumswirksam im Fernsehen demonstriert wird. In Wahrheit sind die Großmächte der Welt (Wes-Block und Foks-Ost) schon vor Jahren zu der Einsicht gekommen, dass ein mit Massenvernichtungswaffen geführter Krieg aus ökonomischer Sicht nicht sinnvoll wäre. Sie haben insgeheim ein Abkommen geschlossen, das die Konstruktion solcher Waffen ausschließt und vom globalen privaten Polizeidienst KACH überwacht wird: Alle von den Designern in Trance entdeckten Waffen werden "umgeschmiedet" - sie werden in harmlose Alltags-Gebrauchsgegenstände umgewandelt.

Lars Powderdry ist der Waffenmodedesigner des Westblocks. Die relative Sinnlosigkeit seines Tuns ist ihm wohl bewusst und macht ihm schwer zu schaffen. Seine Tätigkeit wird jedoch plötzlich zur letzten Hoffnung der Menschheit, als mehrere Raumschiffe eines feindlichen außerirdischen Volkes im Erdorbit auftauchen. Ganze Städte mitsamt ihrer Einwohner werden entführt und es gibt nichts, was die Menschen den Fremden entgegensetzen könnten. Powderdrys geheimste Wünsche gehen in Erfüllung, als seinem Gesuch nach Zusammenarbeit mit der jungen russischen Waffenmodedesignerin Lilo Toptschew stattgegeben wird, in die er sich verliebt hat. Die beiden versetzen sich gemeinsam in Trance, um die ultimative Abwehrwaffe zu entwickeln. Sie haben zumindest teilweise Erfolg, müssen aber feststellen, dass die Quelle ihrer bisherigen "Inspirationen" keineswegs in einer anderen Dimension oder dergleichen zu suchen ist, sondern einen sehr viel profaneren Hintergrund hat...

Dieser aus dem Jahre 1967 stammende Roman mit dem Originaltitel "The Zap Gun" ist eine köstliche Abrechnung mit dem Rüstungswahn des Kalten Krieges; er treibt sowohl den absurden Gedanken der Kriegsverhinderung durch Abschreckung als auch die Idee "Schwerter zu Pflugscharen" auf die Spitze. Die Weltmächte haben sich längst mehr oder weniger friedlich geeinigt. Das Wettrüsten findet nur noch statt, damit die durch Massenmedien verdummten Durchschnittsbürger im beruhigenden Gefühl der Überlegenheit ihrer Nation schwelgen können. Gleichzeitig werden gängige Science-Fiction-Klischees durch den Kakao gezogen: Alle von Lars und Lilo entdeckten Superwaffen entstammen der Phantasie eines Comiczeichners, dessen Gehirn sie in all den Jahren unbewusst angezapft haben! Die Entwürfe wurden für jedermann sichtbar in den entsprechenden Comics veröffentlicht - man hätte sich den ganzen Aufwand, der um Lars und Lilo betrieben wird, also auch sparen können. Die Invasoren sind - ein weiteres Klischee - insektoide Sklavenhändler vom Sirius. Aber sie werden nicht etwa durch eine der Superwaffen besiegt, sondern durch ein Spielzeug, durch das im Benutzer Mitgefühl für andere Lebewesen geweckt wird...

Der Roman enthält viele Elemente, die in Dicks Romanen immer wieder vorkommen: Androiden, die nicht von Menschen unterschieden werden können, aufmüpfige quasi-intelligente Gebrauchsgegenstände, allgegenwärtige Geheimdienste, die Beeinflussung der Massen durch das Fernsehen, das scheinbare Erkennen einer Wahrheit, die sich später als weitere Täuschung herausstellt, Drogenkonsum, Zeitreisen, überlegene Frauenfiguren, einen tragischen "Helden" und einen bei aller Kürze des Romans recht komplexen Weltenentwurf. Der ironische Humor und der klare Erzählstil (der allerdings in der Übersetzung oft leidet) machen den Roman, der übrigens keineswegs so wirkt, als sei er schon genauso alt wie ich, zu einem überraschend spaßigen Lesegenuss. (21.12.2011)


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483
Die Kolonie des Königs Wil McCarthy: Sol 3 - Die Kolonie des Königs
Heyne, 2007
478 Seiten

Zur Vorgeschichte siehe Die Rebellion des Prinzen.

Zur Strafe für ihre gescheiterte Rebellion werden Prinz Bascal und seine Gefährten aus dem Königinreich Sol verbannt. Insgesamt 4000 junge Menschen werden gezwungen, mit dem Raumschiff "Neue Hoffnung" zum sechs Lichtjahre von der Erde entfernten System der Sonne Barnards Stern auszuwandern. Sie sollen eine Kolonie auf dem zweiten Planeten dieses Systems errichten. Das Ziel wird erst nach 123 Jahren erreicht. Die meisten Kolonisten verbringen die Flugzeit im Faxspeicher. Nur die wechselnden Mitglieder der Stammbesatzung sind aktiv, der große Rest wird erst in den Jahren nach der Ankunft schubweise "erweckt". P2, wie die Welt zunächst genannt wird, ist nur bei großzügiger Betrachtung als erdähnlich zu bezeichnen. In der giftigen Atmosphäre können Menschen nicht überleben. Die Kolonisten nutzen deshalb die Faxtechnik zur Modifizierung ihrer Körper, um sich ohne Atemgeräte oder jahrhundertelanges Terraforming im Freien aufhalten zu können. Bascal wird König der neuen Kolonie, sein Freund Conrad Mursk leitet den Aufbau als Erster Architekt.

Nach einiger Zeit zeigen sich gravierende Mängel in der kolonialen Ökonomie. Es gelingt den Siedlern nicht, ein auf Dauer funktionierendes Wirtschaftssystem aufzubauen. Vor allem kann der Bedarf an jenen Geräten, die die Rekonstruktion des menschlichen Körpers ermöglichen und somit die Unsterblichkeit garantieren, nicht mehr gedeckt werden. Bald arbeitet der größte Teil der Industrie nur noch an der Herstellung dieser Geräte, wodurch der wirtschaftliche Abschwung weiter verschärft wird. Immer weniger Menschen können sich die regelmäßige Erneuerung ihrer Körper noch leisten. Viele Menschen altern und sterben nach der normalen menschlichen Lebensspanne eines natürlichen Todes oder kommen bei Unfällen ums Leben. Die Ressourcen zum "Ausdruck" eines neuen, mit einem Bewusstseins-Backup ausgestatteten Körpers sind nicht vorhanden. Die Toten werden deshalb eingefroren. König Bascal verspricht Besserung - aber erst in Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Conrad erkennt, dass es in Wahrheit keine Hoffnung auf "Wiederauferstehung" gibt, denn es ist unmöglich, die Toten bis zur Erfüllung von Bascals Langzeitplan zu konservieren. Die einzige Rettungsmöglichkeit besteht in der Rückkehr nach Sol, doch Bascal lehnt dies ab. Conrad ist gezwungen, seinen alten Freund zu verraten...

Dieser dritte von vier Romanen rund um die Geschehnisse im Königinreich Sol und den Kolonien enthält genau wie Band zwei eine Rahmenhandlung, die vermutlich Jahrhunderte nach der Haupthandlung spielt. Darin bringt Conrad Mursk, der sich jetzt "Radmer" nennt, den genialen Wissenschaftler Bruno de Towaji (Hauptfigur des ersten Buches) aus dem Exil zum terrageformten Mond. Offenbar wurde die Erde vernichtet, und die Bewohner des Mondes - womöglich die gesamte Menschheit - werden von autonomen Robotern bedroht, die ihre eigene Zivilisation aufgebaut haben. Nur Bruno kann die Menschen retten. Beide Handlungsstränge haben ein offenes Ende - und der vierte Band, in dem sie vermutlich zum Abschluss gebracht werden, ist in Deutschland noch nicht erschienen! Ich werde ihn wohl im englischen Original lesen müssen, denn der Autor hat es wieder einmal geschafft, mir die Hauptfiguren so plastisch vor Augen treten zu lassen und meine Sympathie für sie derart zu wecken, dass ich unbedingt wissen will, wie es mit ihnen weitergeht.

Im ersten Band wurden die wissenschaftlich-technischen Grundlagen des fiktiven Universums eingeführt, im zweiten wurden die Auswirkungen dieser Technik auf Mensch und Gesellschaft ausgearbeitet. Im dritten Band wird gezeigt, welche weiteren Anwendungsmöglichkeiten der Technik noch denkbar sind, und was geschieht, wenn sie eines Tages versagt oder schlicht nicht mehr zur Verfügung steht. Bascal reagiert mit der Einführung einer totalen Planwirtschaft. Nur er allein, so glaubt er, kann die Kolonie retten. Seine Planung, die eines fernen Tages für Aufschwung und Wohlstand sorgen soll, wird mit brutaler Gewalt durchgesetzt. Trotzdem wird er nicht zum zweidimensionalen Bösewicht; er ist ein viel komplexerer Charakter. In Anbetracht der Tatsache, dass in der Kolonie nur noch ein Bruchteil der Menschen hoffen darf, die Erfüllung des Planes zu erleben, erscheint es aber etwas merkwürdig, dass nur Conrad an Widerstand denkt. Gut, es gibt Piraten und Meuterer, aber im Großen und Ganzen scheinen sich die Siedler in ihr Schicksal zu fügen. Andererseits handelt es sich bei vielen um Siedler der zweiten, dritten oder noch späterer Generationen, die nie unsterblich waren...

Auch im dritten Band nehmen technische und sonstige Erläuterungen breiten Raum ein. Natürlich gibt's außerdem ein Glossar. Immer wieder werden Dialoge eingeflochten, in denen sich die Protagonisten diese Dinge gegenseitig erklären - derartige Dialoge, die natürlich nur der Vermittlung der entsprechenden Informationen an den Leser dienen, wirken oft ziemlich gezwungen. McCarthy ist aber ein viel zu guter Erzähler, als dass solche Stellen überhand nehmen würden. Feinsinniger Humor und geschliffene Formulierungen machen jedes Buch der Serie zu einem besonderen Lesevergnügen. Übrigens werden diesmal endlich konkrete Zeitangaben gemacht: Die Auswanderer erreichen ihr Ziel nach 123-jährigem Flug im Jahr 416 des Königinreiches, was dem Jahr 2860 n.Chr. entspricht. (14.12.2011)


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482
Die dunklen Zwillinge Frank Borsch: Perry Rhodan Neo 6 - Die dunklen Zwillinge
VPM, 2011
161 Seiten

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481
Die Rebellion Joseph Roth: Die Rebellion
Kindle-Edition

Andreas Pum hat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren. Ausgestattet mit einem Orden, einer Krücke und einer Lizenz zum öffentlichen Betrieb einer Drehorgel wird er aus dem Spital entlassen. Als er der attraktiven Witwe Katharina Blumich begegnet, die ihn kurzerhand heiratet, scheint sein Glück vollkommen zu sein. Pum hat nun ein echtes Zuhause und einen amtlich beglaubigten Platz in der Gesellschaft. Ein Esel zum Schleppen des Leierkastens wird angeschafft. Das Drehorgelspiel erweist sich als gute Einnahmequelle. Somit könnte Pum zufrieden mit sich und der Welt sein. Doch es kommt anders.

Pum wird von einem Fremden in der Straßenbahn als Simulant bezeichnet. Es kommt zu einer tätlichen Auseinandersetzung, in die zu allem Unglück auch noch der Schaffner und ein Polizist hineingezogen werden. Letzterer nimmt Pum die Lizenz ab. Prompt wird Pum von seiner Frau verstoßen. Ein Gerichtstermin wird angesetzt, gleichzeitig wird Pum jedoch wegen des Angriffs auf den Polizisten verhaftet. Man lässt ihn zwar bald wieder laufen, aber Pum kann den Gerichtstermin nicht wahrnehmen. Deshalb wird er in Abwesenheit zu mehreren Wochen Zuchthaus verurteilt. Als er aus dem Gefängnis entlassen wird, hat Pum den Glauben an Gott und die Obrigkeit verloren.

Der Text dieses Romans ist gemeinfrei. Er ist kostenlos für Amazons E-Book-Reader Kindle erhältlich, und in dieser Version habe ich ihn gelesen. Ihr findet den Text auch im Internet, zum Beispiel auf den Seiten des Projekts Gutenberg.

Um zu begreifen, dass Andreas Pums doch eher unspektakulär wirkender Gesinnungswandel in der Tat einer Rebellion gleichkommt, muss man sich vergegenwärtigen, dass der Roman im Jahre 1924 entstanden ist, einer Zeit also, in der viele Menschen noch davon überzeugt waren, eine gütige Obrigkeit werde schon nach Recht und Gesetz für sie sorgen. Dass dem nicht so ist, muss Pum am eigenen Leib erfahren. Er wird zwischen den Mühlrädern zweier staatlicher Organisationen zermahlen, die unabhängig voneinander agieren und sich nicht für die Tätigkeit der jeweils anderen interessieren. In seiner Naivität gelingt es Pum nicht, der Polizeibehörde klarzumachen, dass er eine Vorladung des Gerichts für denselben Tag in der Tasche hat...

Pums Gedankenwelt, seine Lebensumstände und sein Schicksal werden eindrucksvoll beschrieben. Pum schließt sich allerdings nicht etwa irgendeiner Untergrundbewegung an, er rebelliert nur innerlich. Das Äußerste an aktivem Tun besteht für ihn darin, dass er Einbrecher beobachtet, aber nicht anzeigt. Doch schon am Verlust seiner gesellschaftlichen Stellung sowie seines Glaubens an irdische und himmlische Mächte, mithin an eine "gerechte" Ordnung, zerbricht er schon nach kurzer Zeit. Interessanterweise hadert Pum am Ende nicht mit der Obrigkeit, sondern mit Gott, den Pum kurz gesagt deshalb anklagt, weil er das Leid zulässt - ein Thema, das schon seit Jahrhunderten diskutiert wird! (05.12.2011)


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480
Schule der Mutanten Michael Marcus Thurner: Perry Rhodan Neo 5 - Schule der Mutanten
VPM, 2011
161 Seiten

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479
Die wilde Gabe Ursula K. Le Guin: Die wilde Gabe
Piper, 2007
295 Seiten

Die Bewohner des unwirtlichen Hochlands sind Bauern, Viehzüchter und Jäger. Sie leben in verschiedenen Clans, die jeweils einen kleinen Landstrich beherrschen. Jede Familie verfügt über eine besondere Gabe, die stets vom Vater auf den Sohn und von der Mutter auf die Tochter vererbt wird. Manche Menschen können Tiere herbeirufen und kontrollieren, andere können Gedanken lesen, Krankheiten verbreiten oder ihren Willen wie eine Klinge einsetzen. Die Clans werden deshalb von den zivilisierteren Bewohnern des Tieflandes für abergläubische Hexenmeister gehalten. Die Gabe der Familie des jungen Orrec von Caspromant ist das "Auflösen". Die Männer dieser Sippe müssen einen Menschen oder einen Gegenstand nur ansehen, um ihn völlig zu vernichten. Orrec, Sohn des Clanführers Canoc, kann dies jedoch nicht kontrollieren. Er hat eine "wilde Gabe" und es gelingt ihm nicht, seine Kräfte gezielt einzusetzen. Mal geschieht trotz aller Anstrengungen gar nichts, dann wieder bricht die Kraft ungezügelt aus und zerstört alles, was Orrec ansieht. Er ist somit eine Gefahr für alle und muss ständig eine Augenbinde tragen. Seine Freundin Gry aus der benachbarten Domäne Roddmant hilft ihm und richtet den Hund Coaly als Führer für Orrec ab.

Eines Tages kommt es aufgrund eines Viehdiebstahls zum Zerwürfnis mit Ogge, dem Herrscher der mächtigen Domäne Drummant. Ein Besuch in Ogges Familiensitz verschlimmert die Situation nur noch. Als Canoc, seine aus dem Tiefland stammende Frau Melle Aulitta und Orrec nach Hause zurückkehren, wird klar, dass Ogge seine Gabe des "Dahinsiechens" gegen Melle eingesetzt haben muss. Sie wird krank, verliert ihr ungeborenes Kind und stirbt genau ein Jahr nach dem Besuch. Im folgenden Jahr der Trauer konzentriert sich Orrec ganz auf Bücher, die seine Mutter für ihn geschrieben hat. Er nimmt die Augenbinde heimlich ab, um sie lesen zu können. Auf diese Weise entdeckt er einerseits seine zweite Gabe - er ist ein begnadeter Geschichtenerzähler - andererseits wird ihm allmählich bewusst, dass er die selbst auferlegte Blindheit einer Lüge zu verdanken hat...

Dies ist das erste Buch einer Trilogie, allerdings sind die Folgebände ("Voices" und "Powers") noch nicht in Deutschland erschienen. Das Ende von "Die wilde Gabe" ist zwar offen, aber das ist nicht weiter schlimm. Orrec und Gry machen sich auf den Weg in eine ungewisse, aber hoffnungsvolle Zukunft. Da braucht man eigentlich gar keine Fortsetzung.

Wären da nicht die besonderen Kräfte der Hochlandbewohner, dann könnte man annehmen, die Handlung spiele in den schottischen Highlands, irgendwann im Mittelalter. Das tägliche Leben in der Domäne und das komplexe Beziehungsgeflecht ihrer Bewohner wird prägnant und ohne ausufernde Beschreibungen ungemein realistisch vermittelt. Die "Gaben" sind aber nicht nur irgendwelche Zauberkräfte. Vielmehr sind sie ein bestimmendes Element dieser Kultur, und sie prägen Orrecs Leben. Der Junge kann die Erwartungen seines Vaters nicht erfüllen und wird von ihm quasi wie eine Vogelscheuche benutzt: Mit seiner vermeintlich unbeherrschbaren Gabe ist Orrec ein perfektes Instrument der Abschreckung. Mehr kann ich ohne zu spoilern nicht verraten...

Genauso einprägsam wie das Leben im Hochland werden auch die Gedanken und Gefühle der Hauptpersonen aus der Sicht des Ich-Erzählers Orrec geschildert. Dazu werden aber nicht lang und breit irgendwelche Charakterbeschreibungen heruntergebetet. Ein kurzer Dialog, eine Geste, die Art und Weise, wie eine Person handelt - das genügt schon, um eine Figur zum Leben zu erwecken. "Die wilde Gabe" ist keine 08/15-Fantasy. Es finden keine großen Schlachten statt und es gibt keinen epischen Kampf zwischen Gut und Böse. Es geht vielmehr ums Erwachsenwerden, um Identitätsfindung in einer Welt starrer Traditionen, und nicht zuletzt um die Macht der Geschichten. Sehr empfehlenswert! (21.11.2011)


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478
Credo Douglas Preston: Credo - Das letzte Geheimnis
Droemer, 2008
586 Seiten, gebunden

Wyman Ford, Ex-CIA-Agent und Privatdetektiv, erhält einen Geheimauftrag von Dr. Stanton Lockwood, dem wissenschaftlichen Berater des US-Präsidenten. Ford soll als Ethnologe zu einem Forschungsteam stoßen, das mit dem riesigen Teilchenbeschleuniger "Isabella" in der Wüste von Arizona arbeitet. Sein offizieller Auftrag besteht darin, Kontakt mit den Navajo-Indianern aufzunehmen, auf deren Land Isabella errichtet wurde. Das Gebiet - die Red Mesa - ist den Indianern heilig. Sie fühlen sich übervorteilt, befürchten schädliche Auswirkungen der Tätigkeit Isabellas und wollen in wenigen Tagen einen Protestmarsch veranstalten. In Wahrheit soll Ford herausfinden, was mit Isabella nicht stimmt. Das von dem Nobelpreisträger Dr. Gregory Hazelius geleitete Team konnte bisher keine Ergebnisse vorweisen und liefert nur Ausflüchte. Lockwood ist davon überzeugt, dass Hazelius ihm etwas verschweigt. Der Bau Isabellas hat 40 Milliarden Dollar verschlungen. Damit sollen der Urknall erforscht und neue Energiequellen erschlossen werden. Ein Scheitern kommt nicht in Frage, ebenso wenig darf die Angelegenheit an die große Glocke gehängt werden. Ford ahnt, warum man ausgerechnet ihn angeheuert hat: Seine Ex-Freundin Kate Mercer ist stellvertretende Leiterin des Teams.

Kurz nach Fords Ankunft kommt es zu einem tragischen Zwischenfall. Der Software-Ingenieur Peter Wolkonski begeht Selbstmord, aber die Umstände seines Todes sind so merkwürdig, dass das FBI eingeschaltet wird. Ford entdeckt in Wolkonskis Wohnung eine kryptische Botschaft, die weitere Fragen aufwirft. Erwartungsgemäß ist Kate der Hebel, an dem Ford ansetzen kann. Sie weiht ihn in das Geheimnis des Teams ein. Isabella konnte erfolgreich gestartet werden, aber offenbar hat jemand den Kontrollcomputer gehackt. Jedes Mal, wenn der Teilchenbeschleuniger auf volle Leistung hochgefahren wird, erscheint Text auf dem Überwachungsmonitor. Die erste Botschaft lautete "Seid gegrüßt". Es kommt zu einem Gespräch mit dem Unbekannten - und dieser bezeichnet sich selbst als Gott. Man geht von einer raffinierten Schadsoftware aus, aber die Fehlerquelle kann nicht lokalisiert werden.

Nicht nur die Navajo-Indianer agitieren gegen das Isabella-Projekt. Angestiftet von dem Lobbyisten Booker Crawley schießt sich der Fernsehprediger Don Spates auf das angeblich gotteslästerliche Tun der Wissenschaftler ein. Eine werbewirksam präsentierte Kampagne spült die erhofften Spendengelder in die leeren Kassen des Demagogen, ist aber erfolgreicher als gedacht. Pastor Russ Eddy, der mehr Informationen über Isabella beschaffen sollte, bekommt Wind von den wahren Ereignissen und ruft zum Kreuzzug gegen die teuflische Maschine in der Red Mesa auf. Dort sind die Wissenschaftler inzwischen selbst davon überzeugt, wirklich mit Gott zu sprechen...

"Credo" wirft interessante Fragen auf. Worin unterscheidet sich eine Wissenschaft, die so weit entwickelt ist, dass sie von "Normalsterblichen" nicht mehr durchschaut werden kann, vom Glauben an Gott? Können Wissenschaft und Religionen parallel existieren? Welchen Stellenwert können Religionen in der modernen Gesellschaft überhaupt noch haben? Was würde geschehen, wenn Gott wirklich Kontakt mit den Menschen aufnehmen würde? Wie weit würden Fundamentalisten gehen, um ihren Glauben zu verteidigen? Wyman Ford bringt die nur vermeintliche Unvereinbarkeit von Naturwissenschaften und Gottesglauben auf den Punkt. Die Urknalltheorie widerspricht nicht der Schöpfungsgeschichte, wenn man annimmt, dass Gott sich des Urknalls bedient hat, um das Universum zu erschaffen. Nur wer dumm genug ist, die Bibel wörtlich zu nehmen, kann das als Blasphemie bezeichnen.

Das Christentum kommt nicht gut weg. Ein Weltuntergangsprophet führt einen fanatischen Mob gegen die Isabella-Anlage. Seine Gefolgsleute lassen sich zu Mord und Totschlag anstiften, werfen alle christlichen Glaubensgrundsätze über Bord und wollen alle "Ungläubigen" (zu denen sie übrigens auch die Katholiken zählen) vernichten. Somit ist für reichlich blutige Action gesorgt. Am Ende kommt es zu geradezu apokalyptischen Momenten, gewaltigen Explosionen, riesigen Feuersbrünsten und unzähligen Toten. Die Regierung steht den Ereignissen mehr oder weniger hilflos gegenüber, denn - kleiner ironischer Seitenhieb - die meisten Helikopter sind im Mittleren Osten gebunden, so dass die benötigten Transportkapazitäten nicht zur Verfügung stehen... Dieser Teil des Romans mag arg plakativ, vereinfachend und übertrieben daherkommen, aber man kann nicht umhin, den schmierigen Fernsehprediger und den durchgeknallten Wüstenpastor zu hassen.

Auf der anderen Seite stehen die Wissenschaftler. Auch sie lassen sich nur allzu leicht verführen. Ein paar fadenscheinige Beweise und viel hochphilosophischer Output der "Gott-Maschine" reichen aus, um aus ihnen Anhänger einer neuen Religion zu machen. Einer Religion der Wissenschaft - eigentlich ein Widerspruch in sich. "Gott" fordert die Wissenschaftler auf, die alten Religionen durch den Glauben an die Naturwissenschaften zu ersetzen. Nur so, behauptet er, kann das Universum vor dem Untergang bewahrt und die wahre Transzendenz erreicht werden. Dass das Ganze kein Zufall ist, d.h. dass hinter alldem ein genialer Plan steckt, und dass alles mit rechten Dingen zugeht (mehr kann ich nicht verraten, ohne dem Roman den Reiz zu nehmen), hat mich mit dem nicht ganz glaubwürdigen Ende versöhnt. Bis dieses Ende erreicht ist, zieht Preston die Spannungsschraube geschickt immer ein Stückchen weiter an - man kann das Buch kaum wieder aus der Hand legen. Da stört es fast gar nicht, dass die positiven Hauptfiguren im Gegensatz zu ihren Widersachern etwas blass bleiben. (17.11.2011)


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477
Ellerts Visionen Wim Vandemaan: Perry Rhodan Neo 4 - Ellerts Visionen
VPM, 2011
161 Seiten

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476
Der Thron der Sieben Königreiche George R.R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer 3 - Der Thron der Sieben Königreiche
Blanvalet, 2000
543 Seiten

Seit dem Tod von König Robert Baratheon herrscht Bürgerkrieg in den sieben Königslanden von Westeros. Roberts minderjähriger Sohn Joffrey hat die Thronfolge angetreten, wird aber nicht von allen Adligen anerkannt. Stannis und Renly, Roberts Brüder, erheben unabhängig voneinander Anspruch auf die Königswürde und sammeln mächtige Heere um sich. Stannis wird außerdem von Melisandre unterstützt, einer Priesterin des Gottes R'hllor, die die Statuen der alten Götter verbrennen lässt. Robb Stark, Sohn des ermordeten Lords Eddard Stark von Winterfell, wurde von seinen Gefolgsleuten bereits zum König des Nordens erhoben. Als das Gerücht verbreitet wird, Joffrey sei nicht Roberts leiblicher Sohn, sondern das Ergebnis einer inzestuösen Beziehung zwischen Roberts Gattin Cersei Lannister und deren Bruder Jaime, wird die Lage noch unübersichtlicher. Ein roter Komet, der wochenlang den Nachthimmel erleuchtet, wird von vielen Menschen als böses Omen betrachtet. Manche Adelshäuser sehen in dieser unruhigen Zeit ihre Chance gekommen, sich ganz aus dem Reich zu lösen. So bereitet Balon Greyjoy von den Iron Islands einen eigenen Feldzug vor.

Tyrion Lannister, Cerseis zwergwüchsiger Bruder, wird zum Stellvertreter König Joffreys ernannt und versucht die Lage in King's Landing zu stabilisieren. Die Situation in der Stadt wird allmählich unerträglich, denn die meisten Nachschubwege sind abgeschnitten. Tyrion durchschaut das von den Ratsmitgliedern geknüpfte Netz aus Intrigen und schmiedet eigene Bündnisse, um den launischen Joffrey bzw. dessen Mutter zu entmachten. Da Robb den Feldzug gegen die Lannisters persönlich anführt, ist sein jüngerer Bruder Brandon Herr von Winterfell. Bran ist zwar seit einem von Jaime Lannister verschuldeten Sturz von der Hüfte abwärts gelähmt, doch mit der Unterstützung seiner Berater schlägt er sich wacker. Eines Tages treffen die Geschwister Jojen und Meera als Abgesandte des mit den Starks verbündeten Hauses Reed von Greywater Watch in Winterfell ein. Bran freundet sich mit den beiden an. Jojen hat manchmal prophetische Träume. Der junge Mann erkennt, dass auch Brans Alpträume eine ganz besondere Bedeutung haben.

Derweil ist Jon Snow mit einer von Lord Commander Mormont geleiteten Expedition unterwegs in das weitgehend unerforschte Gebiet jenseits der Mauer. Die Männer der Nachtwache wollen das Schicksal Benjen Starks klären, dessen Patrouille schon vor Wochen spurlos verschwunden ist. Sie finden alle Siedlungen verlassen vor - offenbar sind die Wildlinge vor einer unbekannten Bedrohung geflohen.

Khal Drogo ist tot. Seine Witwe Daenerys durchquert mit den kläglichen Resten des Stammes die Wüste. Daenerys ist der letzte Spross des von Robert Baratheon gestürzten alten Königsgeschlechts, und sie hat ihren Traum von der Rückeroberung des Eisernen Throns noch nicht aufgegeben. In den Menschen der großen Stadt Qarth, die sie als "Mutter der Drachen" verehren, sucht sie neue Verbündete.

Im dritten Teil des Fantasy-Zyklus "Das Lied von Eis und Feuer" kommt die Handlung zwar nicht so recht von der Stelle - kein Wunder, denn das Buch ist ja nur die erste Hälfte eines Romans; hierzulande wurden bisher alle Romane dieser Reihe in zwei Bände aufgeteilt - das heißt aber nicht, dass das Buch weniger faszinierend wäre als die ersten beiden. Die muss man allerdings gelesen haben, denn alle Romane dieses Zyklus erzählen eine einzige, fortlaufende Geschichte, keiner ist in sich abgeschlossen. Wie ich in meiner Review zum ersten Band (Die Herren von Winterfell), schon schrieb, geht es in diesem Zyklus weniger um Magie, Fabelwesen und ähnliche Fantasy-Versatzstücke, sondern vorwiegend um politische Verwicklungen, Kriege, Intrigen und Ränkespiele. Allerdings treten immer mehr typische Elemente des Genres zu Tage. Da wären die drei von Daenerys "ausgebrüteten" Drachen und die geheimnisvollen Wesen nördlich der Mauer, denen wir bereits in Band 2 begegnet sind. In Melisandre kommt eine neue Figur hinzu, die möglicherweise magische Fähigkeiten hat. Auch Jojen und Bran scheinen übernatürliche Begabungen zu besitzen.

Die realistische, glaubwürdige Schilderung der Bürgerkriegswirren auf der einen und die meisterhafte Charakterzeichnung auf der anderen Seite machen auch diesen Band wieder zu einem wahren Lesegenuss. Durch den häufigen Wechsel der Schauplätze reißt die Spannung nie ab. In jedem Kapitel werden die Geschehnisse aus dem Blickwinkel einer anderen Hauptfigur erzählt. Jeder Leser wird andere Figuren sympathisch oder unsympathisch finden. Theon Greyjoy, der bisher immer nur am Rande erwähnt wurde, wird zu einem wichtigen Handlungsträger, während Daenerys diesmal ein wenig stiefmütterlich behandelt wird. Von Catelyn ist nur sehr wenig zu erfahren, und Robb hat nur einen einzigen kurzen Auftritt. Das stört mich aber gar nicht, denn Tyrion, mein Favorit, wird noch mehr in den Mittelpunkt gestellt als bisher. Arya, die aus King's Landing geflohen ist, erlebt die Schrecken des Krieges hautnah mit, und so ist auch für einige recht drastisch geschilderte Action gesorgt.

Bei George R.R. Martin gibt es keine klare Trennung zwischen Gut und Böse. Alle Parteien vertreten lediglich ihre eigenen, meist nachvollziehbaren und aus ihrer Sicht durchaus legitimen Interessen. Bei all den vielen Adelshäusern und Einzelpersonen kann man zwar wie üblich leicht den Überblick verlieren, aber die bekannten und lieb gewonnenen (oder verhassten) Hauptfiguren funktionieren bestens als Fixpunkte in der vielschichtigen Handlung. Nach und nach entfaltet sich außerdem ein immer komplexeres Bild der fiktiven Welt. Das ist epische Fantasy der Spitzenklasse!

Die Übersetzung lässt leider etwas zu wünschen übrig. Unzählige Tippfehler, falsch geschriebene Namen und dergleichen schmälern den ansonsten so positiven Gesamteindruck. (07.11.2011)


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475
Der Teleporter Leo Lukas: Perry Rhodan Neo 3 - Der Teleporter
VPM, 2011
161 Seiten

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474
In Arms we trust Vasilis Afxentiou: In Arms we trust
Xlibris, 2000
383 Seiten

Mitte des 21. Jahrhunderts steht die Welt am Rande des Abgrunds. Die westlichen Industrienationen sind zu totalitären Unterdrückungsstaaten geworden und hängen am Gängelband einer von Xenon Glixxon gegründeten neuen Weltreligion. Die öffentliche Ordnung wird durch extreme Maßnahmen aufrechterhalten. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte und Söldner herrschen mit brutaler Gewalt auf den Straßen der großen Städte. "Freiheit" ist für viele Menschen nur noch ein Fremdwort. Lediglich kleinere Staaten wie Griechenland haben sich eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt, sofern sie nicht von den skrupellosen "NewStates" (ehem. USA) geschluckt oder vernichtet worden sind.

Als unumstößlich feststeht, dass die Erde wegen der Folgen des jahrzehntelangen Raubbaus an den natürlichen Ressourcen und der massiven Umweltverschmutzung in wenigen Jahrzehnten endgültig unbewohnbar sein wird, initiieren die Mächtigen der Welt ein ehrgeiziges Programm zur Besiedlung geeigneter Planeten in anderen Sonnensystemen. Prof. Anthony G. Lovesigh nimmt eine zentrale Rolle in diesem Projekt ein. Er hat die Existenz einer als "Fringe" bezeichneten Grenzschicht des Universums postuliert, die im Kleinen nachgebildet werden und für die überlichtschnelle Raumfahrt genutzt werden kann. Gigantische Weltraum-Archen, die im Orbit der Erde gebaut werden, sollen diese Grenzschicht durchqueren und die Weltbevölkerung evakuieren.

In Athen, Austragungsort der Olympischen Spiele des Jahres 2052, kommt es zu beunruhigenden Ereignissen. In einem bestimmten Gebiet scheint die Schwerkraft in regelmäßigen Abständen aufgehoben oder gar umgekehrt zu werden, so dass Menschen und Gegenstände in die Höhe schweben und bei der Normalisierung der Verhältnisse zu Boden stürzen - mit fatalen Folgen. Dieses Phänomen führt nach kurzer Zeit zu chaotischen Verhältnissen in der Stadt. Scharen von Wissenschaftlern aus aller Welt versammeln sich in Athen, finden jedoch keine Erklärung für die immer bedrohlicher werdenden Vorkommnisse.

Niemand ahnt, dass die "Starseed"-Maschine, Produkt einer unfassbar weit entwickelten außerirdischen Technologie, für das Phänomen verantwortlich ist. Vor dreißig Jahren ist die tief unter dem heiligen Berg Athos in Griechenland verborgene Maschine nach einer langen Phase der Inaktivität wieder zum Leben erwacht. Ihre Aufgabe besteht darin, die Menschheit für die Aufnahme in die Gemeinschaft galaktischer Zivilisationen vorzubereiten. Schon vor Jahrtausenden wurden aus diesem Grund zwölf Menschen mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet - sie sind als Götter in die griechische Mythologie eingegangen. Genauso verfährt Starseed jetzt erneut. Doch bei Thalia Rhodes, einer der sieben neuen Auserwählten, kommt es infolge einer Fehlfunktion zur unkontrollierten Freisetzung von Energie...

Science Fiction aus Griechenland? Ich wusste lange Zeit gar nicht, dass es das überhaupt gibt. Erst durch Andreas Eschbachs Anthologie Eine Trillion Euro, in der eine Story von Thanassis Vembos enthalten ist, habe ich das erfahren. Durch etwas Internet-Recherche und Hinweise anderer SF-Fans bin ich dann auf Vasilis Afxentiou gestoßen. "In Arms we trust" ist nur eines von mehreren Werken dieses Autors, inzwischen sind diese allerdings nur noch in Form von E-Books erhältlich. Sie liegen nur in englischer Sprache vor. Vermutlich hat der Autor hat das Buch direkt in dieser Sprache verfasst. So manche Formulierung kommt mir derart gedrechselt und umständlich vor, dass ich mir einbilde: Der Autor kann das Buch nicht in seiner Muttersprache geschrieben haben. Hinzu kommen teilweise schlicht falsche Wortwahl sowie diverse Tippfehler und fehlende Satzzeichen. Dadurch wird das Verständnis nicht unerheblich erschwert.

Afxentiou entwirft zwar ein faszinierendes dystopisches Bild der Welt in naher Zukunft, macht dabei aber gleich mehrere Fehler, die den Lesegenuss ganz abgesehen von den textlichen Schwächen deutlich schmälern. So kann er sich offensichtlich nicht entscheiden, wer die Hauptfigur der Geschichte sein soll. Zu Beginn wird ein gewisser Patrick P. Chickbrow groß eingeführt, ein Mitarbeiter des Raumfahrtprogramms. Er wird dann längere Zeit zu Gunsten einer ganzen Reihe anderer Personen ignoriert. Das sind vor allem die sieben "neuen Götter", deren Bedeutung für die Story aber erst recht spät in der zweiten Hälfte des Romans deutlich wird. Gegen Ende des Romans treten sie dann aber wieder fast völlig in den Hintergrund, dann werden wieder Chickbrow und Prof. Lovesigh in den Mittelpunkt gestellt. Der ständige Wechsel zwischen den Hauptfiguren führt zu derart abrupten Sprüngen in der Handlung, dass man manchmal mitten im Kapitel gar nicht mehr weiß, um wen es gerade geht.

Hinzu kommt noch ein allwissender Erzähler, der viele lange Kapitel mit geschwätzigen, mehrfach redundanten und viel zu pathetischen Anklagen der Verhältnisse des fiktiven 21. Jahrhunderts füllt. Fast ausschließlich auf diese Weise werden die Hintergrundinformationen vermittelt, das heißt, sie werden behauptet, aber nicht gezeigt. So kann man in weitschweifig-dozierenden Kapiteln lesen, wie furchtbar schlecht es um die Welt bestellt ist und wie schrecklich das Leben in den NewStates sein soll - aber man merkt nichts davon, wenn man von den Erlebnissen der Protagonisten liest. Zumindest in Griechenland ist die Natur noch intakt, das Meer ist sauber... von annähernder Unbewohnbarkeit keine Spur. Aber auch sonst kommen bemerkenswert wenige Naturkatastrophen, gesellschaftliche Unruhen und dergleichen in der eigentlichen Handlung vor. Angesichts der aktuellen Verhältnisse des realweltlichen Jahres 2011 kommen einem die Schilderungen, denen zufolge Griechenland im Jahre 2052 einer der letzten Horte von Freiheit, Vernunft und Demokratie ist, übrigens etwas gar zu optimistisch vor. Aber das konnte der Autor im Jahr 1999 ja noch nicht ahnen! Dass Afxentiou den Grundsatz "show, don’t tell" leider nicht berücksichtigt, macht sich auch und gerade am Schluss des Romans unangenehm bemerkbar. Auch da wird wieder einfach zusammengefasst, was weiter geschieht - Handlung im eigentlichen Sinne gibt es nicht mehr. Der Schluss wird nicht mehr richtig ausgearbeitet. Mir hat sich der Eindruck aufgedrängt, dass da noch mindestens 100 Seiten fehlen.

Interessante Konzepte sind durchaus vorhanden, aber sie werden einfach nicht gut genug in eine fesselnde Handlung eingebunden. Die einzelnen Elemente wollen irgendwie nicht so richtig zusammenpassen. So wirkt die ganze Starseed-Geschichte wie nachträglich aufgepfropft. Einige Ideen sind aber wirklich köstlich. So war Jesus Christus nichts anderes als eine weitere Fehlfunktion von Starseed... (24.10.2011)


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473
Utopie Terrania Christian Montillon: Perry Rhodan Neo 2 - Utopie Terrania
VPM, 2011
161 Seiten

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472
Stadt der Untoten David Wellington: Stadt der Untoten
Piper, 2008
351 Seiten

Durch eine Epidemie, die sich in kürzester Zeit über die ganze Welt verbreitet, werden die Toten zu neuem Leben erweckt. Die Untoten haben jedoch nichts Menschliches mehr an sich. In ihrer Gier nach Fleisch fallen sie über die Lebenden her, die sich nach dem Tod ebenfalls in Zombies verwandeln. Europa und die USA werden von den Untoten überrannt. In anderen Teilen der Welt, zum Beispiel Afrika, kann der Ansturm der Zombies zum Stehen gebracht werden. Zu den Überlebenden gehört der mit seiner Familie in Nairobi lebende UN-Waffeninspekteur Dekalb. Als Dekalbs Frau infiziert wird, flieht er mit seiner Tochter Sarah nach Somalia. Dort fallen beide den Truppen der "Free Women's Republic" in die Hände. Diese können sich nicht mit hinderlichen Gefangenen belasten, und so muss Dekalb seine Nützlichkeit beweisen, um nicht zurückgelassen zu werden. Zu seinem Glück wird jemand mit seinen Kenntnissen dringend gebraucht, denn Mama Halima, die somalische Kriegsherrin, ist an AIDS erkrankt. Niemand darf von ihrer Schwäche erfahren, aber die Medikamente, mit denen die Krankheit eingedämmt werden kann, gehen zur Neige. Da es nirgendwo in Afrika mehr Nachschub gibt, sieht Dekalb nur noch einen Ausweg: Er muss das UN-Hauptgebäude in New York erreichen. Dort gibt es eine medizinische Abteilung, in der alle möglichen Medikamente gelagert werden.

Dekalb macht sich auf die Reise. Er wird von einem Trupp weiblicher Kindersoldaten begleitet. Sarah bleibt derweil als Geisel in Afrika zurück. In New York wird schnell klar, dass es kein Durchkommen gibt. Gegen die millionenfache Übermacht der Zombies kann selbst die Feuerkraft der gut ausgebildeten und bewaffneten Kindersoldatinnen nichts ausrichten. Doch nicht alle Zombies sind hirnlose Kannibalen. Dem Arzt Gary gelingt es, kontrolliert Selbstmord zu begehen und sein Gehirn während der Phase zwischen Tod und "Wiederauferstehung" künstlich mit Sauerstoff zu versorgen. Somit verwandelt er sich zwar in einen Untoten, aber Persönlichkeit und Intelligenz gehen nicht verloren. Gary wird von den Kindersoldatinnen aufgegriffen. Sie verschonen ihn, da er im Gegensatz zu den anderen Untoten nicht aggressiv ist und sprechen kann. Gary bietet Dekalb seine Hilfe an. Als Zombie kann er sich frei unter Zombies bewegen. So könnte er das UN-Gebäude problemlos erreichen. Dekalb nimmt das Angebot an. Er ahnt nicht, dass der unersättliche Hunger nach lebendem Fleisch auch in Gary tobt...

Zombie-Romane gibt es inzwischen reichlich. Das Szenario ist bekannt: Die menschliche Zivilisation ist unter dem Ansturm der lebenden Toten zusammengebrochen, Zombies beherrschen weite Teile der Welt, und die wenigen Überlebenden müssen sich mit aller Härte zur Wehr setzen, wenn sie den fleischfressenden Ungeheuern nicht ebenfalls zum Opfer fallen wollen. Bei David Wellington hat sich die Katastrophe allerdings schon vor längerer Zeit ereignet, d.h. er schildert nicht den Ausbruch der Seuche, so dass der Leser nicht erfährt, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Die Handlung scheint vorhersehbar zu sein. Zünftiges Zombieschnetzeln und die unvermeidbaren Verluste unter den Menschen nehmen erwartungsgemäß breiten Raum ein. Wellington hält sich mit blutigen Details nicht zurück und verleiht dem Roman somit die nötige Härte. Eine gute Portion Zynismus ist ebenfalls dabei: Die Zombieplage kann dort am besten aufgehalten werden, wo es ohnehin schon kaum so etwas wie öffentliche Ordnung gibt, dafür aber umso mehr frei verfügbare Waffen...

Aber schon gleich zu Anfang kommt mit Gary, dem mehr oder weniger Mensch gebliebenen Untoten, ein Element hinzu, das man so üblicherweise in Zombiegeschichten nicht antrifft. Und so sind die Textstellen, die sich mit den Tücken des untoten Daseins und Garys Weiterentwicklung beschäftigen, durchaus originell. Wellington geht aber noch weiter, indem er die Existenz einer geistigen Verbindung zwischen allen Untoten annimmt, die es Gary ermöglicht, eine quasi ferngesteuerte Zombie-Armee aufzustellen. Genau wie in seiner Vampirroman-Reihe (siehe Der letzte Vampir) fügt Wellington einem alten Mythos also neue Aspekte hinzu. Diesmal gleitet er aber ein wenig ins Lächerliche ab. Es erheben sich nämlich nicht nur die jüngst Verstorbenen, sondern auch Mumien und Moorleichen. Die sind dann genauso bei Bewusstsein wie Gary. Ähm, ja, klar: Mit vertrocknetem Brägen kann man bestimmt viel besser denken als mit kleinen grauen Zellen, die nur ein paar Minuten lang nicht mit Sauerstoff versorgt worden sind. Für wen das logisch klingt, der wird auch akzeptieren können, dass eine Mumie stärker und agiler ist als ein vergleichsweise "frischer" Untoter, und nicht etwa bei der ersten Bewegung zu Staub zerfällt...

Egal. Geradlinige Action ist bei Wellington immer garantiert, und da er darüber hinaus einiges an Charakterzeichnung einfließen lässt, sind einem die Protagonisten nicht völlig egal. Irgendwie liest sich der Roman zwar so, als hätte Wellington auf eine mögliche Verfilmung geschielt, aber das schadet der Spannung nicht. Im Gegenteil! Ich habe den Roman jedenfalls mit Vergnügen gelesen und mir die beiden Folgebände bereits zugelegt. (10.10.2011)


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471
Sternenstaub Frank Borsch: Perry Rhodan Neo 1 - Sternenstaub
VPM, 2011
161 Seiten

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470
Das Herz Tad Williams: Shadowmarch 4 - Das Herz
Klett-Cotta, 2011
878 Seiten, gebunden

Tief unter der Südmarksfeste, dem Stammsitz des Königshauses Eddon, noch weit unterhalb der Stadt der Funderlinge, liegt der Ort, an dem Kupilas vor ungezählten Jahrtausenden alle anderen Götter aus der Welt verbannt und in ewigen Schlaf versetzt hat. An diesem Ort will sich Sulepis, der Autarch von Xis, die Macht eines Gottes aneignen. Doch um dorthin vordringen zu können, muss Sulepis zuerst die Südmarksfeste erobern, die bis vor kurzem von den Qar belagert worden ist. Die Burg wird vom Thronräuber Hendon Tolly verteidigt, doch auch er scheint sich mehr für bizarre Rituale als für die Abwehr der gewaltigen xixischen Übermacht zu interessieren. Tatsächlich haben Tolly und der Autarch dasselbe Ziel. Beide brauchen das Blut eines Gottes zur Vollendung ihrer Pläne, oder zumindest eines Angehörigen der Familie Eddon, denn zu deren Ahnen gehört eine Qar - und die Zwielichtler stammen in direkter Linie von Kupilas ab. Somit sind sowohl die Tage König Olin Eddons, der sich in der Gewalt des Autarchen befindet, als auch seines jüngsten Sohnes Alessandros gezählt, der sich in Tollys Händen befindet.

Angesichts der übermächtigen Xixier haben sich die von Hauptmann Ferras Vansen angeführten Funderlinge mit den Qar verbündet und ihnen Zuflucht in ihrer unterirdischen Stadt gewährt. Fürstin Yasammez zögert noch, in die Kämpfe einzugreifen. Da treten Barrick Eddon und die Qar-Königin Saqri auf den Plan. Barrick ist nun Träger der "Feuerblume" - der gesamten Erinnerungen aller männlichen Qar, die jemals gelebt haben - und hat sich auf Kosten seiner Menschlichkeit in einen unüberwindlichen Kämpfer verwandelt. Saqri ist über die Pläne des Autarchen im Bilde und setzt alles daran, ihn aufzuhalten. Ihr ist klar, dass seine Machenschaften zum Erwachen der Götter führen würden - und das wäre gleichbedeutend mit dem Ende der Welt. Theoretisch muss der Vormarsch des Autarchen nur lange genug verzögert werden, denn das Ritual muss in der unmittelbar bevorstehenden Mittsommernacht beginnen.

Prinzessin Briony Eddon ist in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie will den Usurpator bestrafen und ihr Erbe zurückgewinnen. Sie ist nicht allen; Prinz Eneas von Syan und eine Tausendschaft seiner Elitesoldaten begleiten sie. Auch Qinnitan gelangt auf der Flucht vor Daikonas Vo zur Südmarksfeste - allerdings unfreiwillig, denn sie fällt xixischen Soldaten in die Hände. Den gewaltigen xixischen Heeren, die durch Magie sowie riesige Ungeheuer verstärkt werden und vom Autarchen ohne Rücksicht auf Verluste in die Schlacht geworfen werden, sind selbst die vereinten Streitkräfte der Menschen, Qar und Funderlinge nicht gewachsen. Sie stehen auf verlorenem Posten und erleiden große Verluste. In dieser Situation entwickelt Chert Blauquarz einen verzweifelten Plan...

Das ist er nun endlich, der lang erwartete Abschluss der "Shadowmarch"-Tetralogie, die eigentlich eine Trilogie hätte sein sollen. Immerhin mussten wir auf den letzten Band nur ein Jahr lang warten, nicht drei Jahre wie bei Band 3! Tad Williams bedient sich nach wie vor fröhlich bei allen möglichen anderen Werken der Fantasy. Eine große Inspirationsquelle ist Das Lied von Eis und Feuer von George R.R. Martin. In diese Serie bin ich jüngst erst eingestiegen, und jetzt wird mir erst klar, wie viele Parallelen hier zu finden sind!

Tad Williams lässt sich Zeit, bis er zum Ende kommt. Sehr viel Zeit. Während sich die Geschehnisse in Band 3 fast gar nicht entscheidend weiterentwickelt haben, dreht sich in Band 4 alles um den Endkampf in und unter der Südmarksfeste. Somit gibt es viel Action und drastisch geschilderte Gewalt. Nach dem gefühlten hundertsten Rückzugsgefecht der Funderlinge habe ich mir gewünscht, der finale Showdown möge endlich kommen! Ich muss aber sagen: Ich könnte nicht unbedingt den Finger auf die Stellen legen, die reiner Füllstoff sind. Will sagen: Ich wüsste nicht, auf welche Kapitel Tad Williams verlustfrei hätte verzichten können. Schließlich nutzt Tad Williams die Zeit, um die Hauptfiguren noch plastischer/glaubwürdiger zu zeichnen und weiterzuentwickeln. Man erfährt immer wieder neue Details über Ziele, Gedanken und Gefühle der Protagonisten. Wahrscheinlich darf man wohl vor ein wenig Weitschweifigkeit nicht zurückschrecken, wenn man eine wahrlich epische Geschichte erzählen will - und das ist Tad Williams auf jeden Fall gelungen. Durch den häufigen Wechsel zwischen Handlungsebenen und Schauplätzen wird es bei aller Redundanz in den Action-Kapiteln nie wirklich langweilig.

Auch muss man Tad Williams zugestehen, dass er all die vielen Erzählstränge zu einem schlüssigen Ganzen verknüpft. Alle Fragen werden beantwortet und das Ende kann überzeugen. Aber ich frage mich, ob dieses Ende von Anfang an beabsichtigt war, d.h. ob die Götter ursprünglich wirklich eine so große Rolle hätten spielen sollen. Man kann nicht behaupten, Tad Williams habe nicht schon in den vorherigen Bänden auf diesen Verlauf hingearbeitet, aber zumindest nach den ersten beiden Bänden hätte man eine "bodenständigere" Auflösung erwarten können. Der Grund des Feldzugs der Qar gegen die Menschen wirkt nicht so ganz schlüssig: Vor Jahrtausenden wurde eine von ihnen entführt, außerdem hat Yasammez gesehen, dass das Ende aller Tage naht. Hm. Warum der unnötig umständliche "Pakt des Spiegelglases" geschlossen wurde, ist mir auch immer noch nicht ganz klar geworden. Das hätten die Qar auch einfacher haben können.

Egal - schon allein durch die liebevolle Charakterzeichnung, sowohl bei den Hauptfiguren als auch bei den unzähligen teils sehr skurrilen Nebenfiguren, ist unterhaltsamer Lesespaß auch im letzten Band der Reihe garantiert. Im Vergleich mit anderen Werken des Autors könnte man sagen: Der Zyklus ähnelt sehr den Osten Ard-Romanen, und an die grandiose Otherland-Reihe (die allerdings SF ist und nicht Fantasy) kommt er nicht ansatzweise heran. (28.09.2011)


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469
Perry Rhodan - Die Chronik Michael Nagula: Perry Rhodan – Die Chronik Band 1: 1961 – 1974
Hannibal, 2011
527 Seiten, gebunden

Sekundärliteratur über Perry Rhodan, die größte Science Fiction-Serie der Welt, gibt es reichlich. Jetzt kommt eine neue mehrbändige Chronik hinzu. Warum sollte man die auch noch kaufen? Zumal sie von Michael Nagula verfasst wurde, den ich seit "Tolkiens Welt" nicht als ernstzunehmenden Verfasser von Sachbüchern sehen konnte? In der ersten Auflage von "Tolkiens Welt" hat Nagula Handlungszusammenfassungen von Der Herr der Ringe abgedruckt, die er offenbar im Internet gefunden hat – und ihm ist nicht einmal aufgefallen, dass diese Texte mehr als Parodie oder als alternativer Entwurf von Tolkiens Hauptwerk gedacht sind, und nichts mit den Original-Romanen zu tun haben. Eigentlich hat sich Nagula damit selbst disqualifiziert. Diesen Fehler begeht Nagula in der PR-Chronik aber nicht. Im Gegenteil! Er hat akribisch unzählige Daten und Fakten zusammengetragen, mit den Machern der PR-Serie gesprochen oder gemailt usw., auch konnte er auf den gesamten Briefwechsel zwischen William Voltz und dem Verlag zurückgreifen. So ist eine umfassende Abhandlung über die "frühen Jahre" der PR-Serie mit vielen noch nicht allseits bekannten Informationen und Anekdoten entstanden. Das Buch ist allerdings nicht nur eine Chronik der PR-Serie, sondern ein Sachbuch zur gesamten deutschen SF-Szene seit den Fünfzigerjahren.

Dieser Blick über den Tellerrand ist es, der die Chronik zu etwas Besonderem macht. Man erfährt so einiges über die deutsche SF der damaligen Zeit und fühlt sich fast in eine Epoche zurückversetzt, die so ganz anders war als unsere heutige Zeit, und die für uns quasi im Nebel der Legende verschwimmt. Nagula konzentriert sich natürlich auf die PR-Serie, aber die Schwesterserie Atlan, weitere Reihen (auch anderer Verlage) und Produkte werden umfangreich gewürdigt. Die Aktivitäten der Autoren abseits von PR werden beleuchtet, das damals erst im Entstehen begriffene Fandom wird unter die Lupe genommen, ebenso das Merchandising. Die damals schon absurden Vorwürfe durch die Presse werden noch einmal aufgerollt, auch die Reaktionen des Verlags. Ausländische Ausgaben werden vorgestellt, die Entstehung des ersten und einzigen PR-Films wird geschildert. Das Privatleben der Autoren, Querelen, kleine Intrigen und persönliche Differenzen bleiben ebenfalls nicht unerwähnt. Jedes Kapitel entspricht einem Jahr und wird mit einigen zeitgeschichtlichen Informationen eingeleitet.

Den roten Faden bilden die stetige Weiterentwicklung der PR-Serie und ihr phänomenaler Erfolg. Die Handlung der Zyklen wird kurz und prägnant zusammengefasst (stets zum jeweiligen Jahr passend) und durch Detailinformationen zu wichtigen Personen, Völkern usw. erweitert. Hinzu kommen Interviews mit Autoren und Redaktionsmitarbeitern sowie zahlreiche schwarzweiß-Fotos, die zumindest ich noch nicht alle kannte. Die Chronik ist zwar nicht ganz fehlerfrei – manche Namen sind falsch geschrieben u.a. – aber das sind Details, über die man hinwegsehen kann. Trotz der Fülle doch eher trockener Fakten bleibt das Buch stets gut lesbar und unterhaltsam. Super gemacht! Damit hat sich Nagula in meinen Augen mehr als rehabilitiert! Band 1 der Chronik deckt die "Ära Scheer" ab. Am Ende übernimmt William Voltz das Zepter – aber das ist eine andere Geschichte, die in Band 2 erzählt wird. (09.09.2011)

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468
Ein Abend beim Chinesen Frank Böhmert: Ein Abend beim Chinesen. Beste Geschichten.
p.machinery, 2009
231 Seiten

Gute Kurzgeschichten sind eine feine Sache. Der Autor kann sich kein langweiliges Geschwafel leisten, sondern muss schnell auf den Punkt kommen. Mit Kurzgeschichtensammlungen kann er die ganze Bandbreite seiner Kreativität präsentieren. Man kann so eine Story mal eben zwischendurch lesen, und wenn man schon wieder am Ende angelangt ist, wo man doch gerade erst angefangen hat, sich in die Handlung "hineinzufühlen", dann wird die eigene Phantasie zum Weiterspinnen der Geschichte angeregt. Ich muss aber gestehen, dass ich seit vielen Jahren kaum noch Anthologien lese.

Ich hätte auch "Ein Abend beim Chinesen" nicht angerührt, wenn mir Frank Böhmert nicht durch seine (leider nicht besonders zahlreichen) Perry Rhodan - Romane aufgefallen wäre, die sich angenehm vom serienüblichen Einheitsbrei abheben. Da wäre mir ein echtes Lese-Highlight entgangen, denn die Sammlung erfüllt alle Wünsche, die man als Leser von Kurzgeschichten nur haben kann! Und das auf gerade mal ca. 200 Seiten, wenn man das Vorwort von Hannes Riffel und Frank Böhmerts Anmerkungen abzieht. Viele Storys sind nur vier bis fünf Seiten lang! Trotzdem setzen sie sich sofort in den Hirnwindungen fest und wollen, dass man erst einmal ein wenig über sie nachdenkt, bevor man die nächste Geschichte liest.

Man kann fast nicht glauben, dass alle 24 Storys dieser Sammlung vom selben Schriftsteller stammen. Stil und Inhalt variieren so sehr, dass ich Böhmert ganz schnell aus der Science-Fiction-Schublade herausholen musste, in die ich ihn gesteckt hatte. Phantastik bleibt allerdings nicht außen vor. Da geht es um virtuelle Realitäten, postapokalyptische Welten und Vampire. "Ihre Körper" - ein Musterbeispiel für eine Story, die man problemlos zu einem 400-Seiten-Wälzer aufpusten könnte - ist sogar lupenreine SF. Aber Böhmert kann auch ganz anders. Da gibt es düstere Märchen, böse Pointen, subtilen Horror, melancholische Beziehungskisten, misanthropische Monologe, amüsante Anekdoten und autobiografische Jugenderinnerungen. Plötzlich stolpert man über experimentelle Texte, die sich wie Drehbücher von (Alp)Träumen lesen. Nur um gleich wieder von einer treffsicheren Satire des staubtrockenen Alltags in einer Körperschaft des öffentlichen Rechts überrascht zu werden. Böhmert muss hier ungefähr dieselben Erfahrungen wie ich gemacht haben...

Klare Kaufempfehlung, nicht nur für SF-Fans! (29.08.2011)

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467
Die Rebellion des Prinzen Wil McCarthy: Sol 2 - Die Rebellion des Prinzen
Heyne, 2007
510 Seiten

Im Königinreich Sol herrschen Frieden und allgemeiner Wohlstand. Krankheiten und selbst der Tod sind besiegt. Möglich gemacht wird dies einerseits durch "W-Stein": Programmierbare Materie, durch die alle denkbaren Werkstoffe, Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände im Handumdrehen erschaffen werden können, andererseits durch die Faxgates: Teleportationsportale, mit denen Menschen nicht nur zeitverlustfrei von Ort zu Ort versetzt, sondern auch nach gespeicherten Mustern neu erschaffen und vervielfältigt werden können. Die Menschen sind somit praktisch unsterblich und können sich jahrhundertelang mit allen möglichen Projekten beschäftigen oder ihrem Privatleben widmen. Genau damit hat die jüngere Generation allerdings ein Problem. Kinder können niemals die Nachfolge ihrer Eltern antreten, weil diese ewig jung und aktiv bleiben. Jugendliche wurden zwar zu allen Zeiten bevormundet, aber im Königinreich Sol können sie nicht darauf hoffen, dass die ältere Generation irgendwann abtritt. Somit wird Prinz Bascal Edward de Towaji Lutui immer Thronfolger bleiben, den Thron aber nie selbst besteigen.

Auf einem kleinen künstlichen Planeten, der euphemistisch als "Ferienlager" bezeichnet wird, soll Prinz Bascal und anderen Jungen etwas Disziplin beigebracht werden. Die Jungen leben dort unter vergleichsweise einfachen Bedingungen und werden ständig überwacht, auch dürfen sie den Himmelskörper nicht verlassen - Mädchen gibt es dort natürlich nicht. Als die Jungen eines Tages die Nase voll von Gartenarbeit und Spielen haben, überwältigen sie unter Bascals Leitung ihre Aufseher und springen durch ein Faxgate nach Denver, wo sie einiges Unheil anrichten. Sie werden verhaftet und zum Ferienlager zurückgeschickt. Doch Bascal gibt nicht auf, denn er will ein Zeichen setzen und alle Menschen auf die Nöte der perspektivlosen Jugend aufmerksam machen. Mit den Mitteln, die ihnen vor Ort zur Verfügung stehen, konstruieren die Jugendlichen ein primitives Raumschiff und fliehen zum zweiten Mal aus dem Lager. Somit ist die Rebellion im vollen Gange. Bascals Freund Conrad Mursk stellt jedoch bald fest, dass der Plan des Prinzen nicht wirklich durchdacht ist und mehr Gefahren birgt, als die anderen Jungen ahnen. Außerdem geht Bascal sogar über Leichen, um sein Ziel zu erreichen...

Dies ist nach Der Schöpfer der Ewigkeit der zweite Roman einer vierteiligen Hard-SF-Serie, von der bislang nur drei Bücher in Deutschland erschienen sind. Im ersten Band wurden vor allem die wissenschaftlichen Grundlagen des Königinreiches ausgearbeitet. Im zweiten Band geht es um die gesellschaftlichen Auswirkungen der neuen Technologien. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr der geniale Wissenschaftler Bruno de Towaji und Königin Tamra, sondern Prinz Bascal und dessen Freund Conrad. Der Roman beginnt und endet allerdings mit Kapiteln, die noch weiter in der Zukunft liegen. Offenbar ist es infolge der Rebellion des Prinzen (die rückblickend erzählt wird) zu Umwälzungen und Auseinandersetzungen gekommen, durch die die Existenz des terrageformten Mondes bedroht wird - wieder einmal wird Bruno de Towaji im selbstgewählten Exil um Hilfe gebeten, weil nur er die Menschheit retten kann. Diese Handlungsebene bleibt offen, wahrscheinlich geht es damit erst in Band drei weiter. Die Ebene mit Bascals Rebellion ist zwar mehr oder weniger in sich abgeschlossen, allerdings hat sie Konsequenzen, die wohl ebenfalls erst im dritten Band weiter beleuchtet werden.

Konflikte zwischen den Generationen sind in der Literatur schon x-mal abgehandelt worden. Der Roman bietet hier nichts wirklich Neues - abgesehen davon natürlich, dass es infolge der Unsterblichkeit keine "natürliche" Lösung des Problems gibt. Die Kinder bleiben zwar nicht ewig minderjährig, aber wenn sie erwachsen sind, dann sind ihre Eltern körperlich nicht älter geworden und haben ihnen dennoch viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte an Lebenserfahrung voraus. Die nachfolgende Generation wird also bis in alle Ewigkeit die zweite Geige spielen müssen - bestenfalls! Keine angenehme Vorstellung… Leider ist der Roman trotz dieses Grundthemas noch "technischer" als Band 1. Die Schwierigkeiten, mit denen die Flucht vom Ferienlager-Planetchen verbunden ist, werden lang und breit erörtert. So gut die technisch-wissenschaftlichen Voraussetzungen der Geschichte auch durchdacht sein mögen, hätte eine Straffung dem Erzählfluss an manchen Stellen doch gut getan. Die Handlung stockt öfter mal, nur um schließlich zu einem etwas überhastet wirkenden Ende gebracht zu werden. Am Schluss ist Bascal, der in den vorangegangenen Kapiteln mehr und mehr zum rücksichtslosen, fast grausamen Despoten aufgebaut wurde, plötzlich ein prima Typ, alles ist in Butter und alle haben sich wieder lieb. Das fand ich ziemlich irritierend. McCarthys eloquenter, humorvoller Erzählstil reißt es aber immer wieder heraus. (22.08.2011)


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466
Abarat Clive Barker: Abarat
Heyne, 2006
430 Seiten

Die sechzehnjährige Candy Quackenbush verzweifelt schier an ihrer neuesten Hausaufgabe. Sie soll zehn interessante Fakten über ihre Heimatstadt Chickentown zusammentragen. Über die Stadt gibt es aber kaum mehr zu sagen, als dass sie der größte Hühnerfleischproduzent des Staates Minnesota ist. Von der Hoteldirektorin Norma Lipnik, einer alten Freundin ihrer Mutter, erfährt Candy, dass die Stadt ursprünglich den Namen "Murkitt" getragen hat. Henry Murkitt, letzter Nachfahre des Stadtgründers, hat sich vor Jahren in Normas Hotel das Leben genommen. In seinem Zimmer wurden ein Sextant und ein Abschiedsbrief gefunden. Offenbar hat Murkitt darauf gewartet, dass "sein Schiff einlaufen" werde - was angesichts der Tatsache, dass die Küste zweitausend Meilen entfernt ist, mehr als merkwürdig erscheint. Jetzt hat Candy zwar genug Stoff für ihre Schularbeit, aber ihre Lehrerin ist alles andere als begeistert und demütigt Candy vor der ganzen Klasse. Als Candy sich verteidigt, wird sie zum Rektor geschickt. Sie entschließt sich jedoch, die Schule zu verlassen. Außerhalb der Stadt stößt sie mitten im Nichts auf einen verrotteten alten Turm. Dort begegnet sie John Mischief, einem äußerst ungewöhnlichen kleinen Mann, der so etwas wie ein Geweih trägt. Auf jedem der sieben Enden sitzt ein kleiner, lebender Kopf - Johns Brüder. Mischief bittet Candy um Hilfe, denn er wird von dem monströsen Mendelson Shape verfolgt. Candy soll für Mischief einen Schlüssel aufbewahren und auf dem Turm, bei dem es sich um einen Leuchtturm handelt, ein Licht entzünden. Als ihr dies gelingt, erscheint ein Meer - der Ozean von Abarat. Candy folgt Mischief nur zu gern in diese magische Welt, denn neben den Problemen in der Schule hat sie auch unter ihrem arbeitslosen, alkoholsüchtigen Vater zu leiden.

Abarat ist ein Archipel aus 25 Inseln im Ozean Izabella. Jede Insel ist einer Stunde des Tages zugeordnet, und die fünfundzwanzigste liegt außerhalb der Zeit. Menschen und Fabelwesen, die aus einer Vermischung von Mensch und Tier hervorgegangen sind, bevölkern den Archipel. Der Magier Christopher Carrion, Fürst der Mitternacht, und Rojo Pixler, ein technikverliebter Wirtschaftsmagnat, sind Konkurrenten um die Vorherrschaft. Noch leben die Bewohner des Abarat in Freiheit und relativem Frieden, doch Carrion sammelt eine Armee um sich, und Pixler ist auf dem besten Wege, den Archipel mit seinen Produkten zu überschwemmen. Kurz nach ihrer Ankunft werden Candy und Mischief getrennt. Candy findet sich auch allein schnell im Abarat zurecht - so schnell, als sei sie hier zu Hause. Ihre Anwesenheit bleibt Carrion nicht verborgen. Er glaubt, in Candy den einzigen Menschen wiederzuerkennen, den er je geliebt hat und für dessen Tod er verantwortlich ist. Er setzt alles daran, sie in seine Hände zu bekommen...

In den Achtziger- und Neunzigerjahren war Clive Barker vor allem als Autor harter Horror-Kurzgeschichten bekannt. Die Novelle Hellraiser - von ihm selbst verfilmt - dürfte sein bekanntestes Werk sein. Er hat sich aber schon früh mehr zum Fantasy-Genre hin orientiert. Mit "Abarat", dem ersten Teil einer auf fünf Bände angelegten Serie, schlägt er nun den Weg der "All-Age-Fantasy" ein. Dass sich das Buch hauptsächlich an Jugendliche richtet, ist unverkennbar. Es ist aber auch für Erwachsene geeignet. Denn immer wieder schimmern kunstvoll-lyrische Formulierungen durch, wie man sie aus Barkers "Büchern des Blutes" kennt, und einige Elemente des Romans sind nicht unbedingt was für Kinder. Dazu gehören neben den Problemen in Candys Elternhaus vor allem Christopher Carrion und seinesgleichen. Carrions Welt ist grausam, dunkel und auf besondere Weise alptraumhaft: Seine Alpträume nehmen die Gestalt von Würmern an, die über Schläuche aus seinem Kopf geleitet werden. Seine Großmutter ist nicht minder bizarr. Sie näht Soldaten aus Stoff- und Fleischfetzen zusammen, die sie mit belebtem Lehm füllt. Gemeinsam wollen sie den Archipel erobern - legendäre Wesen von unvorstellbarer Grausamkeit, die am Grunde des Ozeans leben, sollen bei diesen Plänen eine wichtige Rolle spielen. Hier fühlt man sich ein wenig an H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos erinnert.

Aber auch sonst lässt Barker seinem Einfallsreichtum freien Lauf. Er präsentiert eine fantasievolle Welt mit eigener Mythologie und mit geschichtlichem / kulturellem Hintergrund, die von Candy stellvertretend für uns erkundet wird. Barkers Ideenfülle ist schon phänomenal, und es macht einfach Spaß, hinter jeder Ecke etwas Neues zu entdecken. Candys Abenteuer in Abarats surrealer Inselwelt wirken manchmal aber auch etwas episodenhaft, die Welt wird trotz aller Komplexität etwas skizzenhaft gezeichnet. Candy selbst ist zwar eine interessante Figur, aber irgendwie nimmt sie für meinen Geschmack alles viel zu selbstverständlich hin, was ihr in Abarat widerfährt. Gut, sie scheint die Reinkarnation einer Prinzessin des Abarat zu sein... Leider ist die Geschichte nicht in sich abgeschlossen, das Ende bleibt offen. Band 2 liegt zum Glück schon in deutscher Übersetzung vor (und befindet sich in meinem SUB), aber Band 3 ist noch nicht mal im englischen Original erschienen.

Clive Barker hat das Buch übrigens selbst illustriert. Die Innenillustrationen der Taschenbuchausgabe sind nur schwarzweiß, es sind aber 25 Farbseiten angehängt, die eine Art Reiseführer durch die bunte Inselwelt bilden. (15.08.2011)


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465
Ein Yankee aus Connecticut an König Artus Hof
Mark Twain: Ein Yankee aus Connecticut an König Artus' Hof
dtv, 2004
396 Seiten

Der Waffen- und Maschinenfabrikant Hank Morgan ist ein echter Yankee aus Hartford, Connecticut. Irgendwann gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhält er bei einer Schlägerei einen Hieb auf den Kopf und verliert das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, findet er sich in idyllischer Natur wieder, wird plötzlich von einem gepanzerten Ritter angegriffen, gefangen genommen und in eine Burg gebracht. Von einem jungen Höfling namens Clarence erfährt er, dass er sich in Camelot befindet, am Hof des legendären Königs Artus - man schreibt das Jahr 528! Auf Betreiben des Magiers Merlin wird er zum Tode verurteilt und in den Kerker geworfen. Nachdem Hank erst einmal akzeptiert hat, dass er wirklich in die Vergangenheit versetzt worden ist, erkennt er schnell, dass er mit seinen technischen Kenntnissen und dem Wissen über künftige Ereignisse unschätzbare Trümpfe gegen die wundergläubigen Menschen des frühen Mittelalters in der Hand hat. Er weiß zum Beispiel, dass es am Tag seiner Hinrichtung zu einer totalen Sonnenfinsternis kommen wird. Als es soweit ist, nutzt er die angeblich von ihm selbst herbeigeführte Verfinsterung so effektvoll aus, dass er künftig von allen Menschen gefürchtet wird. Er wird zum Minister und Stellvertreter des Königs ernannt. Als er wenig später auch noch Merlins Turm in die Luft sprengt und andere vermeintliche Wunder vollbringt, ist seine Stellung endgültig gefestigt. Schon bald ist er im ganzen Land als allmächtiger "Sir Boss" bekannt und beliebt.

Hank erlebt einige Abenteuer als fahrender Ritter, wobei er von seiner späteren Frau Alisande ("Sandy") begleitet wird, und reist inkognito mit Artus durchs Königreich. Er führt einige Neuerungen ein, zum Beispiel Telegraphen und Fahrräder. Es geht ihm aber nicht nur um eine Verbesserung der Lebensumstände des Volkes - in erster Linie will er die menschenverachtende mittelalterliche Klassengesellschaft abschaffen, in der immer noch Sklaven gehalten werden, und in der selbst die so genannten "Freien" alles für Adel und Kirche opfern müssen. Sein Endziel besteht in der Umwandlung des Königreiches Britannien in eine aufgeklärte und industrialisierte demokratische Republik. Insgeheim beginnt er mit dem Aufbau eines Bildungssystems, gleichzeitig setzt er alles daran, die Macht des Rittertums zu untergraben. Doch mit seinen Umtrieben schafft er sich nicht nur Freunde. Vor allem der Kirche sind seine Aktivitäten ein Dorn im Auge, außerdem hat sich Merlin noch immer nicht geschlagen gegeben. Zu allem Übel kommt es infolge einer Affäre zwischen Königin Ginevra und Lanzelot zum Bürgerkrieg, während Hank im Ausland weilt. Als er zurückkehrt, hat die Kirche bereits ein Interdikt verhängt und der König ist tot. Für Hank ist die Zeit gekommen: Er ruft die Republik aus. Doch er hat den gesamten Adel gegen sich...

Der Text dieses im Jahre 1889 erstmals veröffentlichten Romans ist gemeinfrei. Er kann komplett auf der Homepage des Projekts Gutenberg gelesen werden. In der Wikipedia gibt es sogar einen Link zu einem Audiobuch, das man sich kostenlos herunterladen kann. Meine Ausgabe des Romans enthält einige interessante Anmerkungen und Erläuterungen.

Man kann das Buch als humoristischen Abenteuerroman lesen, denn Hanks Erlebnisse im Mittelalter sind einfach köstlich. Der besondere Reiz besteht neben dem lockeren Erzählstil (Hank tritt als Ich-Erzähler auf) vor allem im Kontrast zwischen Mittelalter und Moderne. Hank führt diverse technische Neuerungen ein, die zu wundervollen Anachronismen führen - im womöglich besten Moment des ganzen Buches werden Sir Boss und der König im letzten Moment von 500 gepanzerten und gegürteten Rittern gerettet, die auf Fahrrädern herangebraust kommen! Das muss man sich mal bildlich vorstellen. Dazu dann noch die vielen vergeblichen Versuche Merlins, Sir Boss mit irgendwelchem Abrakadabra auszustechen. Natürlich hat der alte Hofzauberer gegen Pyrotechnik, elektrischen Strom und dergleichen keine Chance... Ich weiß nicht, ob dies die erste Geschichte ihrer Art ist - also eine Zeitreise in die Vergangenheit, die zu einem alternativen Verlauf der Geschichte führt - aber es ist sicher eine der bekanntesten.

Tatsächlich ist der Roman jedoch als Gesellschaftskritik und Veralberung der romantischen Ritter-Literatur gemeint. Mark Twain lässt uns immer wieder überdeutlich den erhobenen Zeigefinger spüren, wenn die Errungenschaften des 19. Jahrhunderts am Beispiel der betont schrill dargestellten Missstände des Mittelalters glorifiziert werden. Gut - Mark Twains Schilderungen von allgegenwärtigem Dreck, Krankheiten, Grausamkeiten, Wunderglauben, Unterdrückung usw. dürften näher an der Realität sein als die Werke von Thomas Malory oder Sir Walter Scott mit ihren noblen Rittern in strahlender Rüstung. Aber oft schießt Mark Twain deutlich übers Ziel hinaus. Die Menschen des Mittelalters sind bei ihm durchweg entweder degenerierte adlige Blutsauger oder arme duckmäuserische Opfer, und alle zusammen sind sie unfassbar dumm, begriffsstutzig, leicht zu beeindrucken und grenzenlos naiv. Dem gegenüber brüstet sich der Yankee mit seinen ach so fortschrittlichen Ideen und seiner im Grunde nicht minder naiven Vorstellung von einer demokratischen Republik als Allheilmittel für alle gesellschaftlichen Probleme. Ich betrachte das als Mangel, der den Lesegenuss nicht unerheblich schmälert.

Die Frage, ob Mark Twains Bild des Mittelalters der Realität entspricht, stellt sich aber eigentlich gar nicht, denn es ist ja noch nicht einmal sicher, ob König Artus wirklich je existiert hat. Mark Twain hängt seine Gesellschaftskritik also an einer Fiktion auf und führt Hanks aufklärerische Bemühungen am Ende selbst ad Absurdum, als es Merlin gelingt, den Zeitreisenden in einen magischen Schlaf zu versetzen, durch den Hank schließlich wieder ins 19. Jahrhundert gelangt. Aber vielleicht ist ja alles sowieso nur Einbildung, denn die ganze Geschichte ist nur ein von Hank geschriebenes und von einem Unbekannten gelesenes Manuskript... (08.08.2011)


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464
Volontäre der Ewigkeit Max Frei: Das Echo-Labyrinth 4 - Volontäre der Ewigkeit
Blanvalet, 2008
255 Seiten

Da Max zum wichtigsten Mitarbeiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps aufgestiegen ist, wird ihm eine besondere Ehre zuteil: Sein Kollege Kofa Joch führt ihn ins Restaurant "Juffins Dutzend", das nach dem Chef des KGS benannt wurde. Dorthin eingeladen zu werden, kommt einem Ritterschlag gleich. Max wird zum Stammgast und stellt eines Tages eine merkwürdige Veränderung im Verhalten des normalerweise stets muffeligen Besitzers Mochi Fo fest. Der Mann ist plötzlich überfreundlich und kann seinen Gästen keinen Wunsch abschlagen - dann wird er auch noch entführt. Bei seinen Ermittlungen kommt Max einem besonders bizarren Fall von Kannibalismus auf die Spur.

Wenig später wird Max zum Stellvertreter seines Chefs ernannt, der für zwei Wochen anderswo beschäftigt ist. Prompt erscheinen Horden von Zombies auf dem Friedhof der Stadt Echo. Max und seine Kollegen müssen sich bei der Vernichtung der Untoten zwar nicht besonders anstrengen, aber in der darauf folgenden Nacht sind genau dieselben wandelnden Leichen wieder da. Erneut werden sie unschädlich gemacht - nur um in der nächsten Nacht nochmals zu erscheinen. Und in der nächsten… und der nächsten… und der nächsten... Die ständige Anstrengung zehrt nun doch an den Kräften der KGS-Mitarbeiter. Max verrennt sich in die Idee, dass die Zombies nur durch Weihwasser endgültig zurück ins Grab geschickt werden können. Da es in Echo und Umgebung kein Weihwasser gibt, muss Max in seine alte Heimat reisen. Der Schritt in die andere Welt gelingt, aber der Rückweg ist nicht so einfach...

Band 4 der Abenteuer Max Freis enthält wie alle anderen Bücher zwei Kurzromane und beginnt im Grunde auch genau wie die bisherigen. Man fühlt sich wie in einer Endlosschleife. Es wird viel gegessen und Kamra getrunken, die Skurrilitäten der KGS-Agenten werden ausgiebig beschrieben, Max und seine Kollegen sind mehr damit beschäftigt, sich gegenseitig aufzuziehen und zu veralbern, als irgendwelche Fälle zu lösen. Die Sache mit dem entführten Restaurantbesitzer und die Probleme mit den immer wieder auferstehenden Toten erledigen sich mehr oder weniger von selbst. Am Ende wird Max, der sich schon in den früheren Romanen allzu sehr zum alleskönnenden Tausendsassa entwickelt hat, buchstäblich zum König. Welche Steigerung soll da noch möglich sein?

Aber dann überrascht zumindest die zweite Novelle doch noch, denn sobald Max in die "reale Welt" zurückgekehrt ist, ändert sich der Ton grundlegend. Da ist dann nichts mehr von alberner Flachserei zu bemerken, stattdessen schleicht sich - passend zur Story - eine nachdenkliche, fast depressive Note ein. Max muss sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, über die der Leser bislang nur sehr wenig erfahren hat. Er sehnt sich nach Echo zurück, aber etwas hält ihn in der "realen Welt" fest. Wie es scheint, muss er dort sterben, um nach Echo zurückkehren zu können... Der recht plötzliche Wechsel von locker-flockigem Wortgeplänkel zu einer ernsthaften Stimmung verfehlt seine Wirkung nicht. Am Schluss, soviel sei verraten, ist Max aber wieder ganz der Alte. Sein Wechsel nach Echo ist jetzt wahrscheinlich endgültig, so dass es in den folgenden Romanen im Stil der ersten drei Bücher weitergehen dürfte. Schade eigentlich. (01.08.2011)


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463
Das Erbe von Winterfell George R.R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer 2 - Das Erbe von Winterfell
Blanvalet, 1998
478 Seiten

Die Jahre des Sommers in Westeros gehen zu Ende, und mit dem Winter naht eine neue Bedrohung aus dem Norden. Die Brüder der Nachtwache finden zwei Kameraden, die zu einer verschwundenen Patrouille gehören, tot jenseits der großen Mauer. Die Leichen werden nach Castle Black gebracht. Dort erheben sie sich und beginnen zu toben. Die Untoten sind praktisch nicht umzubringen - gerade noch rechtzeitig findet Jon Snow heraus, dass sie mit Feuer vernichtet werden können.

Eddard Stark erkennt, warum sein Schwiegervater Jon Arryn sterben musste: Der frühere Stellvertreter des Königs hat erfahren, dass Prinz Joffrey und all seine Geschwister nicht etwa Kinder Robert Baratheons sind, sondern der inzestuösen Beziehung Königin Cerseis mit ihrem Bruder Jaime entstammen. Als der König bei einer Wildschweinjagd verwundet wird und wenig später stirbt, steigt Eddard zum Reichsprotektor auf. Er steht jedoch vor einem Dilemma. Er weiß, dass Joffrey nicht Roberts Erbe sein kann - wahrer Thronfolger ist Roberts älterer Bruder Stannis. Eddard konfrontiert Cersei mit der Wahrheit, will ihr aber die Gelegenheit geben, die Stadt mit ihren Kindern zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Da sie sich weigert, muss er sich offen gegen Joffrey stellen. Er glaubt, dies mit der Unterstützung Lord Baelishs und der Stadtwache wagen zu können, aber er wird betrogen und landet als Hochverräter im Kerker. Während Eddards Tochter Sansa als Geisel in King's Landing gefangen gehalten wird, gelingt seiner jüngeren Tochter Arya die Flucht.

Durch die Gefangennahme Tyrion Lannisters, den Catelyn Stark für den Hintermann des Mordanschlags auf ihren Sohn Bran hält, kommt es zum offenen Krieg in Westeros. Dass Tyrion freikommt und sich seinem Vater Tywin anschließt, ändert daran nichts. Robb, Eddards ältester Sohn, sammelt Verbündete, um den Lannisters entgegenzutreten und seinen Vater zu befreien. Obwohl er eigentlich noch ein Kind ist, gewinnt Robb den Respekt der Gefolgsmänner seines Vaters. Durch geschicktes Taktieren erzielt er große Erfolge in der Schlacht, so dass der Sieg nahe zu sein scheint. Doch König Joffrey stellt schon bald seine Grausamkeit unter Beweis, außerdem erklärt sich überraschenderweise Robert Baratheons jüngerer Bruder Renly zum rechtmäßigen König.

Jenseits des Meeres: Daenerys Targaryen ist schwanger von Khal Drogo, den sie inzwischen liebt. Der Herr der Dothraki ist bereit, Daenerys und ihrem Bruder Viserys bei der Rückeroberung des Eisenthrons von Westeros zu helfen, doch alles kommt anders. Nachdem all ihre Hoffnungen gestorben zu sein scheinen, wendet sich Daenerys dem Erbe ihrer Familie zu. Drei uralte Dracheneier, die sie als Geschenk erhalten hat, spielen eine entscheidende Rolle in ihren Plänen...

"Das Erbe von Winterfell" ist eigentlich kein eigenständiger Roman, sondern nur der zweite Teil des ersten Buches aus der Reihe "Das Lied von Eis und Feuer". Der Verlag hat dieses Buch für die deutsche Veröffentlichung einfach in zwei Hälften aufgeteilt. Aus diesem Grund möchte ich euch hier gar nicht weiter vollquatschen - lest einfach, was ich zum ersten Band (Die Herren von Winterfell) geschrieben habe. Dasselbe gilt für Band 2, allerdings mit dem Unterschied, dass mehr "echte" Fantasy-Elemente vorkommen, und dass der Roman jetzt von einem Höhepunkt zum nächsten jagt - die Geschichte ist noch spannender als im ersten Band. Mir ist übrigens absolut schleierhaft, was den Verlag dazu bewogen haben mag, zwei der wichtigsten Geschehnisse des Romans im Klappentext zu verraten - zumal das zweite Ereignis erst ganz am Ende eintritt. Am besten ignoriert ihr den Klappentext vollständig und lest die ersten beiden Bücher direkt hintereinander.

Wieder musste ich oft im Anhang nachschlagen, um den Überblick über die unzähligen Haupt- und Nebenfiguren zu behalten, aber die wichtigsten Personen sind mir inzwischen sehr vertraut. Das sind vor allem Eddard, Catelyn, Daenerys, Sansa, Arya, Bran, Jon Snow und Tyrion, denn aus ihrer Sicht werden die verschiedenen Kapitel erzählt und sie werden meisterhaft charakterisiert. Eddard ist im Beharren auf ehrenhaftes Handeln fast genauso naiv wie seine Tochter Sansa, die ich am liebsten mal ohrfeigen würde, um sie zur Vernunft zu bringen. Jon Snow begreift allmählich, dass der Erbfolgekrieg womöglich nicht die schlimmste Bedrohung für die Sieben Königreiche ist, Catelyn muss sich vorwerfen, selbst Schuld an den schrecklichen Ereignissen zu sein, die ihrer Familie widerfahren. Nur Bran und Arya bleiben in der zweiten Hälfte des Romans ein wenig blass. Nach wie vor ist Tyrion mein Favorit. Er mag ein Zwerg sein, aber innerlich ist er "größer" als die meisten Männer in seiner Umgebung - und sein zynischer, sarkastischer Witz ist einfach köstlich.

Die nächsten Bände dieses wundervollen Zyklus liegen bereits in meinem SUB. Sie werden dort nicht lange liegen bleiben, denn ich kann es kaum erwarten, mehr über den Bürgerkrieg, die im Norden lauernden "Anderen" und das weitere Schicksal des Drachengeschlechts zu erfahren! (25.07.2011)


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462
Sternenstaub Rolf W. Liersch: Die Terranauten - Sternenstaub
Bastei Lübbe, 1981
182 Seiten

Im 22. Jahrhundert kommt es zu einem globalen Atomkrieg. Der nukleare Schlagabtausch dauert nur wenige Tage. Dennoch liegen danach viele Großstädte in fast allen Ländern der Erde in Trümmern, außerdem kommt es zu einer Verschiebung der Erdachse, die zu weltweiten Naturkatastrophen führt. Die Eiskappen der Pole schmelzen ab, so dass sich die Küstenlinien der Kontinente verändern. Die Menschheit erholt sich zwar allmählich vom Chaos dieses Beinahe-Weltuntergangs, doch die alten Regierungen und Nationalstaaten existieren nicht mehr. Stattdessen übernehmen die großen multinationalen Wirtschaftskonzerne die Macht. Nach dem Verbot der Kernkraft wird der Kaiser-Konzern, dem die Energiegewinnung und -verteilung obliegt, zu einer der einflussreichsten Machtgruppen. Ein Kastensystem entsteht, in dem die rechtlosen, ausgestoßenen "Nomans" die unterste Stufe bilden. Eine Stufe darüber stehen die "Relax", deren Einkommen zumindest für eine gewisse Zeit gesichert ist, die aber keinen Nutzen für die Gesellschaft haben und nicht arbeiten. Die "Arbiter" bilden den erwerbstätigen Kern der Bevölkerung. Durch Drogen und sinnlose Spiele werden alle Bevölkerungsschichten ruhig gestellt...

Ein ehemaliger Söldner namens Mayor, der sein Gedächtnis verloren hat, wird in der Zentrale des Kaiser-Konzerns in Berlin für grausame Experimente missbraucht. Mit Hilfe der Krankenschwester Jana, die in Wahrheit zu den Nomans gehört, gelingt ihm die Flucht. Er erkennt, dass sowohl er selbst als auch Jana und mehrere andere Nomans übernatürliche Fähigkeiten besitzen. Mayors Flucht war inszeniert. Baldur von Trottlenburg, Gehilfe des Kaiser-Vorstandsvorsitzenden, hat Mayors Psi-Potential erkannt und wollte sich von ihm zu anderen Parabegabten führen lassen, um diese in ein ehrgeiziges Forschungsprojekt einzubinden. Ziel dieses Projekts ist die Nutzbarmachung der Parafähigkeiten für die bemannte Raumfahrt, denn für von Trottlenburg steht fest, dass die Menschheit nur eine Zukunft haben kann, wenn sie andere Planeten besiedelt. Als die Söldner des Kaiser-Konzerns das Versteck der Nomans angreifen, setzen diese ihre besonderen Kräfte ein und fliehen. Der Chef von Kaiser, genannt "der Alte", setzt alles daran, sie wieder einzufangen.

Unter dem Titel "Die Terranauten" erschien von 1979 bis Ende 1981 eine Heftromanserie, die es auf 99 Ausgaben gebracht hat. Sie wurde mit 18 Taschenbüchern fortgesetzt, ist aber bis heute unvollendet geblieben. Die Serie war als Konkurrenzprodukt für "Perry Rhodan" gedacht und sollte ganz bewusst eine völlig andere Richtung einschlagen als die erfolgreichste SF-Serie der Welt. Salopp gesagt, sollte "grüne" Science Fiction dabei herauskommen. Gewalthaltige Space Operas sollte es ebenso wenig geben wie "Superhelden" nach dem Vorbild Perry Rhodans. Stattdessen sollten gesellschaftskritische Töne angeschlagen werden. Themen wie Umweltverschmutzung, atomare Bedrohung, Globalisierung und dergleichen, die in der damaligen Zeit heiß diskutiert wurden, waren somit Grundlage der Serie. Den titelgebenden Terranauten ging es nicht um Eroberungsfeldzüge, sondern um den Kampf gegen die "Kaiserkraft" - Synonym für die ultimative Zerstörung der Umwelt.

"Sternenstaub" ist das erste der 18 Taschenbücher. Darin wird ein Teil der Vorgeschichte der Heftromanserie erzählt. Am Ende steht der erste mit Parafähigkeiten durchgeführte Raumflug. Die so genannte Treiber-Raumfahrt wird in den nächsten Jahrhunderten zum bestimmenden Faktor im fiktiven Universum der Terranauten. Die Hauptfigur des Buchs taucht unter dem Namen "Major Gorden" in der Heftromanserie auf. In Rückblicken wird in einem Heftroman erzählt, wie Major Gorden den Urbaum Yggdrasil entdeckt, der die Treiber-Raumfahrt erst möglich macht. Man erfährt aber nichts über Gordens Vergangenheit. Diese Lücke wird in "Sternenstaub" zumindest zum Teil geschlossen. Hinzu kommen Einschübe eines Historikers namens Arno Zoller, in dem die Entwicklungen auf der Erde seit dem Atomkrieg beschrieben werden. Arno Zoller ist ein Pseudonym, unter dem Rolf W. Liersch (einer der Erfinder der Terranauten-Serie) zwei Heftromane geschrieben hat.

Das Buch ist meiner Meinung nach geradezu symptomatisch für die Stärken und Schwächen der Terranauten-Heftromanserie. Auf der einen Seite das Bemühen, engagierte SF zu schreiben, dazu ein gut ausgearbeitetes Grundkonzept mit ungewöhnlichem Setting, auf der anderen Seite eine bestenfalls maue Umsetzung in den Einzelromanen. Es ist weder den Autoren der Heftromanserie noch Liersch im Fall dieses Taschenbuchs gelungen, aus der durchaus faszinierenden Idee eine überzeugende Geschichte zu machen. Letzten Endes liest man doch wieder nur von Schießereien, Faustkämpfen und dergleichen - auch stilistisch vermag das Endprodukt leider ganz und gar nicht zu überzeugen. Das gilt vor allem für die Dialoge. Man fühlt sich manchmal an die auf "witzig" getrimmten deutschen Synchronisationen englischsprachiger Filme erinnert, die in den Siebzigern beliebt waren... (18.07.2011)


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461
Menschenhafen John Ajvide Lindqvist: Menschenhafen
Bastei Lübbe, 2009
556 Seiten

Anders Ivarsson, seine Frau Cecilia und Tochter Maja leben auf der kleinen schwedischen Insel Domarö. Im Februar 2004 ist die ganze Insel tief verschneit, das Meer ist teilweise zugefroren. An einem herrlichen Wintertag macht die Familie einen Ausflug zum Leuchtturm. Das kleine Mädchen sieht irgendetwas auf dem Eis und rennt los. Die Eltern sind nur einen Moment lang unaufmerksam - als sie sich wieder nach Maja umsehen, ist die Kleine spurlos verschwunden. Eine Suchaktion bleibt ergebnislos. Maja kann eigentlich nicht eingebrochen sein, denn das Eis ist überall sehr dick. Es ist, als habe sich das Kind in Luft aufgelöst. Anders und Cecilia verlassen die Insel, doch Anders wird von den Erinnerungen verfolgt und verkraftet den Verlust nicht. Er versinkt in Depressionen und beginnt zu trinken, seine Ehe zerbricht. Zwei Jahre später kehrt Anders nach Domarö zurück, denn er hat erkannt, dass er so nicht weiterleben kann. Seine Großmutter Anna-Greta und deren Lebensgefährte, der einst berühmte Illusionist Simon, unterstützen ihn, so dass sich sein Zustand stabilisiert.

Doch dann geschehen seltsame Dinge auf Domarö. Eine Frau, die schon vor langer Zeit verschwunden ist, wird ertrunken im Meer gefunden - aber die Leiche ist frisch. Mehrere Inselbewohner beginnen sich seltsam zu verhalten, sie werden aggressiv und es werden Anschläge verübt. Zunächst scheint es sich nur um Dummejungenstreiche zu handeln, doch dann brennt ein Haus nieder. Anders nimmt eine unsichtbare Präsenz wahr und fühlt sich beobachtet, wenn er allein ist. Simon glaubt, dass Anna-Greta etwas über diese Vorfälle weiß. Obwohl er schon seit Jahrzehnten auf Domarö lebt, gilt Simon immer noch als Außenseiter und wird nicht eingeweiht. Er zwingt Anna-Greta, ihm endlich die Wahrheit zu sagen, und erfährt von einer stillschweigenden Übereinkunft, die die Menschen von Domarö vor Jahrhunderten mit dem Meer geschlossen haben sollen. Ist Maja ein Opfer dieses Pakts geworden?

Eines Tages erwacht Anders, nachdem er am Tisch eingeschlafen ist. Jemand hat die Worte "Trag mich" in die Tischplatte gekratzt, und zwar mit einem für Maja typischen, unverwechselbaren Schreibfehler. Allmählich erkennt Anders, was damit gemeint ist: Er ist von Majas Geist besessen. Er setzt alles daran, seine Tochter zu retten, denn er ist fest davon überzeugt, dass sie noch lebt. Er fordert das Meer selbst heraus, auch wenn das möglicherweise die Vernichtung von ganz Domarö bedeutet...

Dies war meine vierte Urlaubslektüre im Sommer 2011.

Hätte ich nicht vor einiger Zeit Lindqvists genialen Vampir-Roman So finster die Nacht gelesen, dann hätte ich "Menschenhafen" wahrscheinlich nicht angerührt, denn ich bin kein großer Freund von klassischen Meeres-Geistergeschichten – und genau das ist der Kern dieses Romans. Alle Klischees sind da: Ein mit dem Meer geschlossener finsterer Pakt, der den kauzig-einsiedlerischen Bewohnern einer abgelegenen Insel Wohlstand bringt und mit Menschenopfern bezahlt werden muss, rachsüchtige Geister der Opfer, die aus dem Meer zurückkehren und die Lebenden heimsuchen... Aber Lindqvist lässt sich eben nicht in eine Schublade stecken und macht aus diesem Stoff nicht etwa den x-ten x-beliebigen Gruselschocker, sondern konstruiert eine derart vielschichtige und gut erzählte Story, dass man von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt ist. Im Grunde hätte Lindqvist die Elemente der Phantastik sogar ganz weglassen können - der Roman wäre nicht weniger faszinierend gewesen.

Zunächst werden die Hauptfiguren und der Schauplatz eingeführt. Ebenso wie Stephen King gelingt es auch Lindqvist, all seine Haupt- und Nebenfiguren so meisterhaft zu zeichnen, dass man sie schließlich gut zu kennen glaubt. Dasselbe gilt für die Insel Domarö. Ich konnte nicht herausfinden, ob sie wirklich existiert, aber ich weiß genau, wie es dort aussieht. Das Grauen sickert buchstäblich nur ganz langsam in die Realität ein, so dass es leichter fällt, das Phantastische als gegeben hinzunehmen. Nur ein seltsames magisches Wesen in Simons Besitz sticht hier ein wenig heraus. Es wird schon sehr früh in die Handlung eingeführt, und es verleiht seinem Besitzer Gaben, die etwas zu mächtig geraten sind – dummerweise sind genau diese Fähigkeiten entscheidend für den Ausgang der Geschichte.

Ich habe mich bei der Handlungszusammenfassung auf die Haupt-Erzählebene beschränkt, um nicht zu viel zu verraten. Anders ist nur eine von mehreren Hauptpersonen, zeitweise tritt er zu Gunsten Simons und Anna-Gretas ganz in den Hintergrund. Immer wieder werden kleine Mosaiksteinchen durch Rückblicke in verschiedene Zeiten enthüllt, eingeschobene Anekdoten aus dem Inselleben vervollständigen das Bild noch weiter. Aber nicht genug damit: Lindqvist, geboren 1968, zeichnet gleichzeitig ein lebendiges Bild der Achtzigerjahre, seiner Jugendzeit also, und ich gehe davon aus, dass – wie bei "So finster die Nacht" - einige autobiografische Elemente mit verarbeitet wurden. Jedenfalls kann ich, ebenfalls ein Kind der Achtziger, genau nachvollziehen, was er meint. "Menschenhafen" ist übrigens das erste mir bekannte Buch, für dessen Verständnis es nicht schadet, Texte der von mir sehr geschätzten Band "The Smiths" zu kennen! (13.07.2011)


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460
Puls Stephen King: Puls
Heyne, 2006
529 Seiten

Clayton Riddell hat gerade in Boston seine erste Graphic Novel verkauft und wünscht sich jetzt nichts sehnlicher, als zu seiner Frau Sharon und seinem Sohn Johnny zurückzukehren. Clay hofft, mit diesem Erfolg seine in die Krise geratene Ehe zu retten – doch plötzlich verwandelt sich der ruhige, sonnige Herbstnachmittag in einen Alptraum, so dass Clay sich erst einmal selbst retten muss. Alle Menschen, die um 15:03 Uhr mit einem Handy telefonieren, empfangen ein Signal, das ihre Persönlichkeit, ihre Erinnerungen und ihre Menschlichkeit vollständig löscht. Die Handy-Verrückten, wie sie später genannt werden, beginnen übergangslos wie Berserker zu toben. Sie ignorieren selbst schwerste Verletzungen, scheinen schmerzunempfindlich zu sein und schlachten jeden ab, den sie sehen. Da Handys praktisch allgegenwärtig sind und ständig benutzt werden, sind Millionen Menschen in den USA, womöglich in der ganzen Welt, von dem "Puls" betroffen. In kürzester Zeit bricht die öffentliche Ordnung zusammen. Boston wird zu einem Schlachthaus. Brände verschlingen ganze Stadtteile, unzählige Menschen sterben.

Clay gehört zu den normal gebliebenen Überlebenden. In Tom McCourt und der jungen Alice Maxwell findet er Schicksalsgenossen, die sich ihm anschließen. Clay hat nur ein einziges Ziel: Er muss seine 150 Meilen nördlich von Boston gelegene Heimatstadt Kent Pond erreichen, um seinen Sohn zu retten. Die drei Schicksalsgenossen fliehen zu Toms Haus, wo sie übernachten. Sie stellen fest, dass die Handy-Verrückten nachts nicht aktiv sind. Schon am nächsten Tag bemerken die Gefährten eine Veränderung im Verhalten der Handy-Verrückten. Ihr wahnsinniges Toben hat nachgelassen. Sie fallen nicht mehr übereinander her und bilden stattdessen regelrechte Schwärme, die sich wie von einem unsichtbaren Signal geleitet in bestimmte Richtungen bewegen. Normal gebliebene Menschen werden aber immer noch sofort angegriffen und getötet.

Nachdem sie sich bewaffnet und mit Vorräten ausgerüstet haben, machen sich die Gefährten in der nächsten Nacht Richtung Norden auf den Weg. Unterwegs begegnen sie dem Schulrektor Charles Ardai und dessen Schüler Jordan. Ardai hat eine Theorie entwickelt, die sich schon bald als zutreffend erweist: Die Schwärme verfolgen eine bestimmte Absicht, haben merkwürdige Fähigkeiten erlangt und sind dabei, sich zu einem Superschwarm zusammenzuschließen. Ardais Meinung nach müssen die Schwärme schnellstmöglich vernichtet werden. Es gelingt den Gefährten tatsächlich, ungefähr eintausend Handy-Verrückte eines Schwarms auf einen Schlag zu töten, aber die Vergeltung lässt nicht lange auf sich warten...

Dies war meine dritte Urlaubslektüre im Sommer 2011.

Das Buch ist Richard Matheson und George Romero gewidmet, und in der Tat könnte man "Puls" als Hommage an I am Legend und Dawn of the Dead betrachten – wenn man das Wort "Plagiat" nicht in den Mund nehmen möchte. Parallelen zu einem eigenen Werk Stephen Kings, nämlich "The Stand – Das letzte Gefecht", sind ebenfalls unübersehbar. Am Anfang steht bei allen drei Autoren eine globale Katastrophe, der die meisten Menschen zum Opfer fallen. Genau wie bei Romero taumeln danach Zombies durch die Straßen der Stadt – OK, technisch gesehen sind die Handy-Verrückten keine Untoten, aber im Prinzip läuft alles auf dasselbe hinaus – um einige Zeit später wie bei Matheson zu einer bizarren neuen Gesellschaftsform zu finden. Und genau wie in Kings genanntem Werk kommt es zu einem tödlichen Konflikt zwischen beiden Gruppen, wobei die "Bösen" von einer dämonischen Gestalt angeführt werden.

Ausgehend von diesen bekannten Versatzstücken entwirft King dann doch noch ein eigenständiges, ziemlich bizarres Szenario. Es wird nie geklärt, wie der "Puls" wirklich entstanden ist, aber für jemanden wie mich, der vom Handy-Wahn seiner Mitmenschen mehr als nur genervt ist, ist allein die Grundidee schon köstlich genug. Nicht die Menschen werden von einem Virus befallen, sondern ihre Handys… Letztlich ist es ohnehin egal, ob es sich beim "Puls" um einen Terroranschlag, ein schiefgegangenes Experiment oder sonst irgendwas handelt. Es kommt darauf an, was der Autor daraus macht. Und er schafft es wieder einmal, das trotz aller phantastischen Elemente realistische Bild einer zusammenbrechenden Gesellschaft zu entwerfen. King erzählt seine Geschichte konsequent und schnörkellos durch. Ich war sogar etwas überrascht, wie unvermittelt er mit der Story gleich in die Vollen geht: Der Puls schlägt gleich ganz am Anfang zu, die Protagonisten werden sofort ins Chaos geworfen. Das ist untypisch für King, normalerweise entwickelt er seine Geschichten langsamer. Die Charakterzeichnung bleibt dennoch nicht auf der Strecke – wie immer baut King glaubwürdige Figuren auf, mit denen man sich identifizieren kann. Sie sind keine kampfstarken Helden, die ordentlich unter den "Phonies" aufräumen. Es fällt ihnen schwer, sich gegen die Verrückten zu wenden, auch wenn diese kaum noch etwas Menschliches an sich haben.

Insgesamt ein für King vielleicht etwas ungewöhnlicher, nichtsdestotrotz spannender Roman, allerdings mit offenem Ende. Angehängt sind einige Seite aus dem Roman Love, sowohl im handschriftlichen englischen Original, als auch in deutscher Übersetzung. (13.07.2011)


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459
Die Behandlung Mo Hayder: Die Behandlung
Goldmann, 2003
498 Seiten

Detective Inspector Caffery wird mit den Ermittlungen in einem besonders grausigen Fall von Kindesmissbrauch betraut. In London geht ein Pädophiler um, der im Volksmund als "der Troll" bezeichnet wird. Der Troll späht geeignete Familien aus, um sie anschließend tagelang in ihrem eigenen Haus ohne Wasser und Nahrung gefangen zu halten und sich brutal an den Kindern zu vergehen. Im Fall der Familie Peach wird er gestört und flieht, wobei er den kleinen Rory mitnimmt. Eine fieberhafte Suche nach dem Jungen beginnt, doch er wird nicht mehr lebend gefunden. Die Untersuchung seiner Leiche erbringt schockierende Ergebnisse, die ein ganz neues Licht auf die Tat werfen. Was der Troll im Haus der Peaches getan hat, macht nicht nur deutlich, dass er kein "normaler" Triebtäter ist; für Caffery ist außerdem klar, dass er es mit einem Serientäter zu tun hat, der bald erneut zuschlagen wird. Tatsächlich ist der Troll bereits dabei, eine weitere Familie zu beobachten. Er wartet nur auf eine günstige Gelegenheit.

Für Caffery hat der Fall aber noch aus einem anderen Grund eine ganz besondere Brisanz. Er fühlt sich an seine eigene Vergangenheit und an das spurlose Verschwinden seines Bruders Ewan erinnert. Dieses Ereignis hat er noch immer nicht verwunden, was auch seine ohnehin problematische Beziehung zu Rebecca Morant belastet. Rebecca leidet nach wie vor unter den traumatischen Erlebnissen des vergangenen Sommers; seinerzeit war sie von einem Wahnsinnigen entführt und vergewaltigt worden. Jack hatte sie für tot gehalten und Selbstjustiz am Täter verübt - niemand hat je davon erfahren. Jack befürchtet, er könne erneut die Beherrschung verlieren, sollte es ihm nicht gelingen, den aktuellen Fall und seine eigene Vergangenheit voneinander zu trennen. Jacks Nachbar Ivan Penderecki, den er verdächtigt, etwas mit Ewans Verschwinden zu tun zu haben, und mit dem er sich seit Jahren einen bizarren Kleinkrieg liefert, heizt alles mit mysteriösen Botschaften noch weiter an, doch Jack erkennt nicht, wie sehr beide Fälle wirklich miteinander verknüpft sind...

Dies war meine zweite Urlaubslektüre im Sommer 2011.

Auch im zweiten Jack Caffery - Roman (Nr. 1 ist Der Vogelmann, und diesen Roman sollte man kennen, wenn man "Die Behandlung" liest) nimmt Mo Hayder kein Blatt vor den Mund. Die Taten des Trolls und die Leiden seiner Opfer werden zwar ebenso explizit geschildert wie zum Beispiel Leichenöffnungen, aber diese Schilderungen wirken nie selbstzweckhaft, sondern ergeben sich schlüssig aus der Handlung und dienen dem Spannungsaufbau. Außerdem bleibt Mo Hayder stets irgendwie sachlich, was bei einem Thema wie Pädophilie und Kindesmisshandlung nicht selbstverständlich ist. Da wird weder auf die Tränendrüse gedrückt, noch wird die Keule der moralischen Entrüstung geschwungen. Natürlich ist der Roman starker Tobak, und mancher zart besaitete Leser wird so seine Schwierigkeiten mit den menschlichen Abgründen haben, die hier ausgelotet werden...

Die Handlung wird auf mehrere parallel verlaufende Erzählebenen verteilt. Cafferys zunehmende Schwierigkeiten, sich auf den Fall zu konzentrieren und gleichzeitig nach Ewan zu forschen, sind nur ein Teil davon. Rebeccas Traumatisierung und die sich daraus ergebenden Folgen nehmen ebenfalls breiten Raum ein. Zum Teil wird der Roman aus der Sicht der Opfer des Trolls erzählt, hinzu kommen noch die Blickwinkel zahlreicher anderer Personen. Dazu gehört auch der Täter selbst. Und damit wären wir beim einzigen echten Kritikpunkt, den ich anzubringen habe: Mo Hayder führt den Leser gezielt in die Irre, was die Identität des Trolls angeht. Die Art und Weise, wie sie das tut, lässt sich nur dadurch erklären, dass der Troll selbst nicht weiß, wer er ist bzw. was er getan hat. Das hat mich nicht wirklich überzeugt.

Mo Hayder baut ihre Hauptfigur Jack Caffery konsequent weiter auf und konstruiert ein Handlungsgeflecht, durch das alle offenen Fragen beantwortet werden - auch zu Ewan. Es ist fast unmöglich, diesen Roman zu kommentieren, ohne zu viel über die Handlung zu verraten. Nur so viel: Der Leser weiß am Ende, was mit Ewan wirklich geschehen ist, Caffery aber nicht. Und genau das macht den Roman noch viel böser, als er es allein mit Cafferys aktuellem Fall und Ewans Schicksal schon wäre!

Zum Roman gehören übrigens noch einige nicht nummerierte Seiten mit Tagebucheinträgen des Trolls. Die sollte man erst nach dem Roman lesen! Sie verraten einiges über die schwer gestörte Innenwelt des Täters und seine Vorgehensweise. (11.07.2011)


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458
Der Nobelpreis Andreas Eschbach: Der Nobelpreis
Bastei Lübbe, 2005
555 Seiten

Professor Hans-Olof Andersson ist Mitglied jenes elitären Personenkreises, der alljährlich über die Vergabe des Nobelpreises zu entscheiden hat. Die Preisverleihung erfolgt stets unabhängig, frei von politischen, diplomatischen oder sonstigen Interessen. Deshalb traut Andersson seinen Ohren nicht, als er eines Tages von einem Unbekannten aufgesucht wird, der den Nobelpreis für Medizin kaufen will. Andersson soll für Professor Sofia Hernandez Cruz stimmen, dafür winken ihm drei Millionen Kronen. Natürlich lehnt Andersson ab; dass er sich ohnehin längst für Hernandez Cruz entschieden hat, spielt dabei keine Rolle. Doch dann wird seine Tochter Kristina entführt. Zur Polizei kann Andersson nicht gehen, denn zufällig erfährt er, dass der Unbekannte, der ihm das Geld angeboten hat, Polizeibeamter ist. Ein Journalist, den er einweiht, stirbt unter ungeklärten Umständen. Bei der Abstimmung stellt Andersson fest, dass es noch mehr Bestechungsversuche gegeben haben muss, denn 24 weitere Mitglieder der Nobelversammlung stimmen für Hernandez Cruz, die zuvor als chancenlos gegolten hat.

Obwohl Andersson nach dem Willen der Entführer handelt, denken diese nicht daran, Kristina freizulassen. Sie wollen sicherstellen, dass Andersson nicht mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit geht, was zu einem Skandal und zur Disqualifizierung der Gewinnerin führen würde. Andersson zweifelt nicht daran, dass die Entführer zu allem bereit sind, denn kurz vor der Abstimmung ist es zu einem Flugzeugunglück gekommen, dem drei Mitglieder der Nobelversammlung zum Opfer gefallen sind - offenbar hatten die Unbekannten auch hier ihre Hände im Spiel. Andersson ist verzweifelt und wendet sich an seinen im Gefängnis sitzenden Schwager Gunnar Forsberg, einen berüchtigten Einbrecher und Industriespion, der Andersson hasst. Forsberg gibt seinem Schwager die Schuld am Tod seiner Schwester Inga, Anderssons Frau, und hat bereits einmal versucht, Andersson deswegen umzubringen. Trotz aller Differenzen ist Forsberg bereit, Andersson zu helfen, denn er liebt Kristina wie eine eigene Tochter.

Andersson lässt seine Beziehungen spielen, um Forsbergs vorzeitige Haftentlassung zu bewirken. Für Forsberg steht fest, dass die Entführer sowohl Kristina als auch Andersson sofort nach der Preisverleihung töten werden. Er hat nur noch wenige Tage Zeit, um die Verschwörung aufzuklären und beginnt umgehend mit den Ermittlungen. Er findet heraus, dass der Pharmakonzern Rütlipharm, für den Hernandez Cruz arbeitet, hinter der Angelegenheit stecken könnte. Der Nobelpreis wird bereits werbewirksam für eine Kampagne ausgenutzt, die den Aktienkurs von Rütlipharm in die Höhe treiben soll. Allmählich wird Forsberg klar, dass er es mit Gegnern zu tun hat, die möglicherweise zu mächtig für ihn sind. Mehrmals entgeht er nur knapp der Verhaftung - die Polizei scheint über jeden seiner Schritte informiert zu sein. Es gelingt ihm zwar, brisante Informationen aus der Rütlipharm-Zentrale zu entwenden, aber als er endlich erkennt, wer wirklich sein Widersacher ist, bricht für ihn eine Welt zusammen...

Dies war meine erste Urlaubslektüre im Sommer 2011.

Ich hatte angenommen, ein Eschbach-Roman sei bestens als Unterhaltung für ein paar faule Strandtage geeignet. Und tatsächlich beginnt der Roman durchaus spannend. Zunächst wird ein wenig über den Nobelpreis und die Zeremonien im Zusammenhang mit der Preisverleihung referiert, dann geht es Schlag auf Schlag: Bestechung, Erpressung, Skandale. Gut hundert Seiten lang ist die Welt in Ordnung, man freut sich auf einen spannenden Thriller mit Verschwörungstheorien und dergleichen. Doch dann schleicht sich ein ungutes Gefühl ein, denn es folgt ein Perspektivenwechsel. Plötzlich wird Forsberg zum Ich-Erzähler; alles, was zuvor geschehen ist, wurde ihm lediglich von Andersson erzählt. Gut, mit diesem ersten Bruch könnte man noch leben. 400 weitere Seiten lang werden Forsbergs Vorbereitungen und Einbruchsversuche lang und breit geschildert. Seine ganzen Aktionen führen praktisch zu nichts, es geschieht nichts und er erfährt nichts. OK, auch mit dieser überflüssigen Streckung der Geschichte hätte man sich noch abfinden können.

Eschbach belässt es aber nicht dabei. Stattdessen setzt er einen Kniff ein, der zu etwas führt, das ich immer als "Bobby-Ewing-Effekt" bezeichne. Solltet ihr beabsichtigen, euch den Roman irgendwann anzutun (wozu ich euch aber leider nicht raten kann), dann lest den nächsten Absatz nicht, sondern glaubt mir einfach: Ihr werdet euch ärgern! Und zwar nicht nur wegen des Plot-Twists, den ich im nächsten Absatz beschreibe, sondern auch wegen des irgendwie unbeholfenen, amateurhaften Stils, der sich beim Wechsel in die Ich-Perspektive einschleicht. Ich kann nur hoffen, dass Eschbach diesen Stil bewusst eingesetzt hat, um Forsbergs Charakter herauszustellen, aber ich glaube es ehrlich gesagt nicht. Das würde ja nur einen Sinn ergeben, wenn Forsberg ein Naivling wäre, der sich selbst maßlos überschätzt. Dem ist aber nicht so.

Zur Sache: Kurz vor Schluss stellt sich heraus, dass alles, was Andersson seinem Schwager erzählt hat, von A bis Z gelogen war. Er hat Forsberg auch gar nicht aus dem Gefängnis geholt, tatsächlich sollte Forsberg aufgrund einer Gesetzesänderung vorzeitig auf Bewährung entlassen werden. Das kam Andersson ungelegen, denn in einer schwachen Stunde hätte er fast seine eigene Tochter geschändet. Dazu ist es dann zwar doch nicht gekommen, Kristina ist aber davongelaufen. Hätte Forsberg davon erfahren, dann hätte er Andersson garantiert getötet. Also hat sich der gute Professor die ganze Geschichte von der Erpressung usw. nur ausgedacht, um Forsberg zu diversen Einbrüchen zu verleiten. Andersson war derjenige, der stets die Polizei alarmiert hat. Wäre Forsberg während seiner Bewährungszeit auf frischer Tat ertappt worden, dann wäre er für immer hinter Gittern verschwunden, und Andersson wäre in Sicherheit gewesen.

Ätsch, reingelegt! Weder der Nobelpreis noch Kristina waren je in Gefahr. Dieser lächerliche Bluff kommt einer Verhöhnung des Lesers gleich. Ich nehme an, Eschbach sind auf halbem Weg die Ideen ausgegangen und er wusste nicht mehr, wie er die ursprüngliche Idee vom gekauften Nobelpreis plausibel zu Ende bringen sollte. Also hat er sich darauf verlegt, die Geschichte eines traumatisierten Jugendlichen zu erzählen, der zu einem desillusionierten, kaputten Typen geworden ist – Forsbergs Vergangenheit und seine etwas verschrobenen Ansichten nehmen breiten Raum ein. Am Ende ist aber alles wieder in Butter, Eschbach schließt den ohnehin schon schwer zu ertragenden Roman mit süßlichem Heile-Welt-Geschwafel ab. Sorry, aber das war gar nichts. Ab damit ins Altpapier. (11.07.2011)


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457
Ein Biss sagt mehr als tausend Worte Christopher Moore: Ein Biss sagt mehr als tausend Worte
Goldmann, 2011
319 Seiten

Das vampirische Liebespaar Jody Stroud und Tommy Flood ist im wahrsten Sinne des Wortes unzertrennlich: Allison Green, besser bekannt als Abby Normal, die menschliche Helferin der beiden, und ihr Freund Fu Dog (Stephen Wong) haben die Vampire mit Bronze umhüllt, so dass sie für immer in der Pose der Rodin-Statue "Der Kuss" verharren müssen. Abby und Fu Dog können somit das Luxus-Appartement der Vampire zu einem Liebesnest umfunktionieren. Da Jody von ihrem Schöpfer, dem uralten Vampir Elijah ben Sapir, ein wahres Vermögen erbeutet hat, können das Grufti-Mädchen und der begabte Biochemiker sorgenfrei leben, solange ihre Eltern nichts von der ganzen Sache mitbekommen. Soweit der Plan, doch es kommt alles ganz anders, denn es gibt noch andere Vampire in San Francisco - Katzen!

Die Vampirkatzen wurden von Chet erschaffen, einem fetten rasierten Kater, der versehentlich von Elijah ben Sapir, der kurz danach verschwunden ist, verwandelt wurde. Die Plage breitet sich rasend schnell aus, und bald gehören nicht mehr nur Tiere zu Chets Speiseplan, sondern auch Obdachlose und Prostituierte. So ist es unvermeidlich, dass die Cops Rivera und Cavuto Wind von der Sache bekommen. Da die Polizisten wissen, was es mit Jody auf sich hat, ist das Liebesnest bald nicht mehr sicher - außerdem wird versehentlich die Bronzestatue beschädigt, so dass Jody in ihrer Nebelgestalt entkommen kann. Nur in dieser Form konnte sie das wochenlange Eingeschlossensein bei klarem Verstand überstehen. Sie befreit auch Tommy, doch ihm ist es weniger gut ergangen, denn er hat nie gelernt, sich in Nebel zu verwandeln. Er ist wahnsinnig geworden und greift Abby an. Jody wirft ihn aus dem Fenster, dann verschwindet er. Jody macht sich umgehend auf die Suche nach ihm.

Gefahr droht noch von anderer Seite. Drei alte Vampire, die vor einiger Zeit Elijah ben Sapir abgeholt haben, sind zurückgekehrt, um das von ihm hinterlassene Durcheinander aufzuräumen und alle Zeugen zu beseitigen. Außerdem findet Fu Dog heraus, dass nur Vampire, die von Elijah ben Sapir selbst verwandelt wurden, längere Zeit überleben können. Vampire der "dritten Generation" wie Tommy sterben spätestens nach wenigen Monaten....

Im englischen Original heißt dieser Roman "Bite me", aber seit die "Twilight"-Bücher, die hierzulande immer das Wort "Biss" im Titel tragen, so unglaublich erfolgreich sind, hält man dieses Wort offenbar für so zugkräftig, dass man es auch anderen Vampirgeschichten aufprägt. Wer jedoch erwartet, es handele sich hier um romantischen Schwulst nach dem Vorbild der "Biss"-Romane, der wird enttäuscht sein. Liebe und Romantik sind zwar durchaus im Spiel, aber Christopher Moore schreibt Komödien, keine Schnulzen. "Ein Biss sagt mehr als tausend Worte" ist kein weiterer Abklatsch altbekannter Klischees, sondern eher eine Parodie des Vampirroman-Genres. Außerdem muss man zwei frühere Romane mit den beiden untoten Hauptfiguren gelesen haben, um zu verstehen, was da überhaupt passiert: In Lange Zähne und Liebe auf den ersten Biss (sic!) wird erzählt, wie Jody zum Vampir wurde, wie sie Tommy verwandelt hat und wie sich die beiden gegen Elijah ben Sapir sowie andere Vampire wehren mussten. "Ein Biss sagt mehr als tausend Worte" führt die Handlung unmittelbar fort.

Im dritten Band sind alle Figuren etabliert, aber manche von ihnen machen doch noch interessante Entwicklungen durch. Tommy ist nach seiner Befreiung nur noch ein instinktgesteuertes Raubtier und muss erst wieder zu sich selbst finden. Somit fällt seine Sexbesessenheit weg, auf die in Band 2 allzu oft eingegangen worden ist. Abby, die sich schon immer bemüht hat, besonders düster und mysteriös zu wirken, erhält die Chance, wirklich zu einer Kreatur des Bösen zu werden - aber mit unerwarteten Nebenwirkungen. Diesmal wird die Geschichte stringenter weitergeführt als in Band 2, und sie entwickelt sich ungemein spannend. Es schadet nicht, dass sie in zahlreiche parallel verlaufende Handlungsstränge aufgeteilt ist, denn alle Fäden werden am Ende sinnvoll miteinander verknüpft. Es werden auch ein paar in Band 2 offen gebliebene Fragen beantwortet, zum Beispiel die Herkunft der drei anderen alten Vampire.

Das Highlight sind aber wieder einmal die "Chroniken der Abby von Normal" - Abbys Tagebucheinträge. Mit ihrer überdrehten Art (sie selbst bezeichnet sich als "komplex") treibt sie Rivera und Cavuto zum Wahnsinn, mich jedoch zu Lachtränen. Die Tagebucheinträge sind in einem schrägen Stil verfasst, auf den ich - außer in Band 2 dieser Trilogie - noch nirgendwo sonst gestoßen bin; eine Mischung aus Teenie-Sprache, SMS- Abkürzungen, altklugen Sarkasmen und Grufti-Romantik, wobei man merkt, dass Abby selbst manchmal gar nicht weiß, wovon sie überhaupt redet. Herrlich! Viele weitere verrückte Ideen, merkwürdige Situationen und abgefahrene Charaktere runden den Spaß ab. Moore in Höchstform - so könnte es ruhig weitergehen. (18.06.2011)


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456
Der Schöpfer der Ewigkeit Wil McCarthy: Sol 1 - Der Schöpfer der Ewigkeit
Heyne, 2009
493 Seiten

In der achten Dekade des Königinreiches Sol lebt die Menschheit in einer Ära des Friedens und Wohlstands. Alle Probleme, die in der Vergangenheit durch Energie- und Rohstoffknappheit entstanden sind, wurden durch die Entwicklung von "W-Stein" gelöst. Diese Substanz ist leicht herzustellen und steht in unbegrenztem Umfang zur Verfügung. Sie kann die Eigenschaften jeglicher Materie emulieren und ist programmierbar. So können alle denkbaren Werkstoffe, Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände im Handumdrehen quasi aus dem Nichts erschaffen werden. Winzige Schwarze Löcher, genannt "Kollapsium", ermöglichen die lichtschnelle Übertragung materieller Objekte von einem Ort zum anderen. Auch Menschen können sich mittels der so genannten Faxgates teleportieren. Da die zu transportierende Person im Ausgangsportal quasi vernichtet und am Ziel nach einem gespeicherten Muster neu zusammengesetzt wird, wobei Bewusstsein und Erinnerungen erhalten bleiben, kann der Vorgang gleichzeitig zur Ausmerzung von Krankheiten und sonstigen Gebrechen eingesetzt werden. Außerdem lassen sich die gespeicherten Muster zur Erzeugung mehrerer Exemplare ein und desselben Menschen nutzen. Somit haben die Menschen praktisch Unsterblichkeit erlangt. Das Kollapsium wurde gebändigt und nutzbar gemacht vom genialen Wissenschaftler Bruno de Towaji. Er hat damit ein unfassbar riesiges Vermögen erwirtschaftet und ist zu einer geradezu legendären Heldenfigur geworden.

Mehrere Planeten des Sonnensystems wurden besiedelt. Als Galionsfigur der Regierung dient Königin Tamra-Tamatra Lutui, deren Geliebter Bruno einst war. Seit zehn Jahren lebt er jedoch in selbstgewählter Isolation auf einem von ihm konstruierten Planetoiden im Kuiper-Gürtel und arbeitet an der Verwirklichung seines größten Traums: Der Erschaffung eines "Arc de fin", der es ihm ermöglichen soll, Einblick in das Ende der Raumzeit zu nehmen. Eines Tages erscheint Tamra persönlich auf Brunos kleiner Welt und bittet ihn um Hilfe. Marlon Sykes, ein ehrgeiziger Nachfolger Brunos, arbeitet an einem neuen Kollapsiter-Netzwerk, das den interplanetaren Austausch beschleunigen und vereinfachen soll. Das erste Teilstück ist bereits fertig: Ein Kollapsium-Ring wurde rund um die Sonne gelegt. Er wurde beschädigt, und Sykes kann ihn nicht reparieren. Bruno ist zwar nicht begeistert von der Vorstellung, in die Zivilisation zurückkehren zu müssen, begleitet Tamra jedoch und findet die Lösung des Problems noch am selben Tag. Einige Jahre später wiederholt sich der Unfall - der Ringkollapsiter droht in die Sonne zu stürzen, was gleichbedeutend mit der Vernichtung des gesamten Sonnensystems wäre. Bruno erkennt, dass es sich nur um Sabotage handeln kann. Er ahnt aber nicht, dass er den Verräter in seinem unmittelbaren Umfeld suchen muss, und dass er auf eine viel persönlichere Art und Weise betroffen ist, als er es sich je hätte vorstellen können...

Dies ist der erste Roman einer vierteiligen Serie, von der bislang nur drei Bücher in Deutschland erschienen sind. Im ersten Band werden vor allem die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlagen des Königinreiches ausgearbeitet, die Hauptpersonen vorgestellt und die Schauplätze eingeführt. Das Konzept des "Faxens" von Gegenständen und Menschen und der Erzeugung aller möglichen Objekte durch Nanotechnologie ist zwar nicht neu, selten wurde es aber so genau erklärt. Manchmal schwirrt einem etwas der Kopf, wenn der Autor mit realen und fiktiven Fachbegriffen nur so um sich wirft und bis ins Detail erklärt, wie W-Stein und Kollapsium funktionieren. Aber immerhin kann man ihm nicht den Vorwurf machen, dass er diese phantastischen Technologien einfach als gegeben voraussetzt. Stattdessen extrapoliert er aktuelle realweltliche Erkenntnisse bis zu einem Level, auf dem fast schon die Grenzen zur Magie verschwimmen - ob das Ganze wirklich funktionieren könnte und in sich schlüssig ist (es klingt jedenfalls so), kann ich nicht beurteilen, denn von (Quanten-)Physik habe ich so gut wie keine Ahnung. Jedenfalls arbeitet McCarthy die Implikationen und Anwendungsmöglichkeiten der beiden grundlegenden Supertechnologien seines fiktiven Universums so gut aus, dass man sie problemlos akzeptieren kann.

Und wenn es ein wenig zu "technisch" zu werden droht, kriegt McCarthy doch immer die Kurve, indem er sich wieder mehr auf die Menschen konzentriert. Im Mittelpunkt steht natürlich Bruno de Towaji, ein etwas kauziger, exzentrischer Einsiedler mit Ecken und Kanten, der dem Leser sofort sympathisch wird, manchmal aber etwas zu genial zu sein scheint. Es gibt kein Problem, für das er nicht innerhalb kürzester Zeit die Lösung finden würde - durch seine etwas tollpatschige Art und seine Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen wird das ein wenig kompensiert. Aber auch die anderen Hauptpersonen prägen sich dem Leser schnell ein. Die Charakterzeichnung ist also schon mal ein Pluspunkt.

Der Roman besteht aus drei Teilen, wobei sich erst im dritten abzeichnet, was wirklich hinter den "Unfällen" steckt. In den ersten beiden Teilen wiederholt sich die Handlungsstruktur mehr oder weniger: Bruno brütet in der Abgeschiedenheit seines Refugiums über dem "Arc de fin"-Problem und wird dabei gestört, weil er den Ringkollapsiter vor dem Absturz bewahren muss. Hier wirkt der Roman etwas episodenhaft. Erst im dritten Teil nimmt die Handlung richtig Fahrt auf und wartet dann mit einem Plot-Twist auf, der sich gewaschen hat. Der ironische, humorvolle Stil gefällt mir aber noch besser als die Handlung selbst. Er macht den Roman zu einem wirklich amüsanten Lesevergnügen. (14.06.2011)


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455
Die Herren von Winterfell George R.R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer 1 - Die Herren von Winterfell
Blanvalet, 1997
544 Seiten

Viele Jahre lang war Sommer in Westeros, doch diese Zeit geht jetzt zu Ende. Bald wird das Land fest im Griff eines Winters sein, der ebenso lange andauern wird. Jenseits der gewaltigen, aber nur noch schlecht bewachten Mauer, die die unbekannte nördliche Wildnis von den zivilisierten Gegenden trennt, regt sich ein uralter Feind. Doch davon wissen die Menschen von Westeros noch nichts, zumal sie ihre eigenen Sorgen haben. Vor fünfzehn Jahren hat Lord Eddard Stark, Oberhaupt eines großen Adelshauses von Westeros, seinen Freund Robert Baratheon im Krieg gegen das Königshaus der Targaryen unterstützt und ihm die Usurpation des Eisenthrons ermöglicht. Jetzt wird er in den Süden an den Königshof berufen. Lord Jon Arryn, die Rechte Hand des Königs, ist plötzlich verstorben, und Eddard Stark soll diesen Platz einnehmen. Obwohl er somit zum zweitmächtigsten Mann im Reich aufsteigt, verlässt Stark seine Heimat nur ungern, denn sein Sohn Bran liegt seit einem Sturz im Koma. Einer Nachricht der Witwe Lord Arryns zufolge, die Starks Frau Catelyn - Lady Arryns Schwester - erhalten hat, ist Lord Arryn keines natürlichen Todes gestorben. Niemand ahnt, dass hinter alldem Königin Cersei aus der Familie Lannister und deren Bruder Jaime stecken. Jaime Lannister hat bereits eine äußerst unrühmliche Rolle bei Roberts Aufstand gespielt und leitet jetzt eine Intrige ein, um selbst die Macht zu übernehmen. Robert, einst ein mächtiger Krieger, ist nach jahrelangen Ausschweifungen nicht mehr in der Lage, sich gegen Catelyn durchzusetzen oder auch nur zu erkennen, dass sie an seinem Sturz und Eddards Beseitigung arbeitet.

Während Eddard mit seinen Töchtern Sansa und Arya nach Süden zieht, bleibt Catelyn in Winterfell zurück, der Stammburg der Familie Stark. Ihr älterer Sohn Robb vertritt seinen Vater als Herrscher des Nordens. Jon Snow, Eddards Bastard, schließt sich der schrumpfenden Wache auf der Mauer an. Es wird klar, dass im unerforschten Norden eine unbekannte Bedrohung lauert, denn eine von Eddards Bruder Benjen angeführte Patrouille verschwindet dort spurlos. Catelyn vereitelt einen Mordanschlag auf Bran. Offenbar war der Sturz des Jungen kein Unfall; jemand will das Kind endgültig zum Schweigen bringen. Doch Bran, der schließlich aus dem Koma erwacht, aber gelähmt bleibt, kann sich an nichts erinnern. Catelyn folgt ihrem Mann nach King's Landing, um die Sache aufzuklären. Die einzige Spur ist ein wertvoller Dolch, der Tyrion Lannister gehört, Cerseis zwergwüchsigem Bruder. Als Catelyn Tyrion gefangen nimmt, spielt sie damit unwissentlich Cerseis und Jaimes Machenschaften in die Hände.

Weit im Osten, auf dem Kontinent Essos, bereitet Viserys Targaryen, Erbe des ermordeten alten Königs, seine Rückkehr nach Westeros vor. Seine Schwester Daenerys wird zur Ehe mit Khal Drogo gezwungen, dem Herrscher der nomadischen Dothraki. Viserys will sich die riesigen Reiterheere Khal Drogos zu Nutze machen, um den Thron zurückzugewinnen...

Wie konnte ich diesen großartigen Fantasy-Zyklus nur all die Jahre ignorieren? Der erste Band wurde schon vor fünfzehn Jahren veröffentlicht, und inzwischen sind sieben weitere Romane erschienen. Wahrscheinlich ist genau das der Grund dafür, dass ich mich nie an den Zyklus herangewagt habe: Ich mag es nicht, in noch laufende Großzyklen einzusteigen, wenn nicht abzusehen ist, dass sie überhaupt jemals enden werden... Dabei muss man allerdings beachten, dass der Zyklus in Wahrheit nicht etwa acht Bände umfasst, sondern nur vier (Band 5 soll im Juli erscheinen). Die englischsprachigen Originalausgaben wurden hierzulande in je zwei Bücher aufgeteilt. Deshalb endet "Die Herren von Winterfell" sehr abrupt - es ist ja eigentlich nur die erste Hälfte eines Romans.

"Das Lied von Eis und Feuer" muss zwar als Fantasy bezeichnet werden, weil die Handlung in einer fiktiven mittelalterlichen Welt angesiedelt ist, in der es - soweit ich das nach der Lektüre des ersten Bands sagen kann - übernatürliche Elemente wie die untoten Wesen jenseits der Mauer und Drachen gibt, und in der die Jahreszeiten nicht so schnell vergehen wie auf der Erde, sondern viele Jahre andauern können. Dennoch darf man nicht erwarten, auf Schritt und Tritt mit Magie oder Fabelwesen konfrontiert zu werden. Diese Elemente schwingen zwar im Hintergrund mit, aber im Mittelpunkt stehen Eddard Stark, seine Familie und seine Widersacher, sowie die verwickelten Intrigen, in denen sie gefangen sind. Schon im ersten Band entfaltet sich ein sehr komplexes Handlungsgeflecht mit mehreren Ebenen: Eddard am Königshof, Catelyn in Winterfell, Jon Snow auf der Mauer und die Targaryen-Geschwister bei den Dothraki - das sind die wichtigsten Erzählstränge, um die herum die Ereignisse kreisen. Bei der Vielzahl der Haupt- und Nebenfiguren aus den verschiedensten Adelshäusern kann man schon mal den Überblick verlieren; ich musste jedenfalls mehrmals in den entsprechenden Aufstellungen nachschlagen, die dankenswerterweise als Anhang abgedruckt sind.

George R.R. Martin erweckt all diese Figuren meisterlich zum Leben. Alle haben ihre Ecken und Kanten, Gut und Böse sind nicht immer klar voneinander getrennt. Natürlich sollen vor allem die Starks als positive Identifikationsfiguren dienen, aber selbst in ihrer Geschichte gibt es dunkle Punkte, auf die immer wieder angespielt wird. Mein Favorit ist allerdings nicht Eddard Stark, sondern der ebenso intelligente wie zynische und witzige Tyrion Lannister. Der Ausarbeitung der fiktiven Welt widmet der Autor zwar nicht ganz so viel Aufmerksamkeit wie der Figurenexposition und dem Intrigenspiel, dennoch ist diese Welt ein faszinierender Schauplatz mit ganz eigenem Charakter. Da gibt es den unwirtlichen Norden, der den Winter früher zu spüren bekommt als der teils idyllische, teils aber auch ziemlich dekadente Süden. England und Frankreich des Mittelalters könnten hier Pate gestanden haben. Auf dem gar nicht so weit entfernten Kontinent finden sich orientalisch wirkende Kulturen, Reiterstämme und dergleichen. Ich bin mir noch unschlüssig, ob Magie in dieser Welt wirklich "funktioniert", aber dass mehr dran ist als das rational Fassbare, steht wohl fest.

All-Age-Fantasy ist "Das Lied von Eis und Feuer" übrigens definitiv nicht. Das ist Fantasy für Erwachsene! Und zwar nicht nur wegen der Handlung, die doch einiges an Aufmerksamkeit erfordert. Sex- und Gewaltdarstellungen haben es ebenfalls in sich, der Autor hält sich da nicht zurück und schildert beides oft recht unverblümt und drastisch.

Der erste Band hat mich schon gepackt - der Rest wird in den nächsten Monaten nach und nach gelesen. Bin gespannt, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Mal sehen, ob das hohe Niveau gehalten wird, ob sich die vielen Figuren realistisch weiterentwickeln, ob die Geschichte zu sehr ausufert oder in Wiederholungen erstickt... (06.06.2011)


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454
Hellraiser Clive Barker: Hellraiser
Edition Phantasia, 2006
126 Seiten

Frank Cotton glaubt, alles ausgekostet zu haben, was die Welt zu bieten hat. Desillusioniert stellt er nach Jahren der Ausschweifung fest, dass ihn weder sexuelle Perversionen, noch Drogen oder Verbrechen mehr reizen können. Doch dann gelangt er in den Besitz einer geheimnisvollen Rätselbox, vor langer Zeit erschaffen von einem gewissen Lemarchand. Dieses kunstvolle Puzzle ist ein Schlüssel zu einer anderen Dimension, zur Sphäre der Zenobiten, Theologen des "Ordens von der klaffenden Wunde". Die Zenobiten versprechen jedem, der sie ruft, unaussprechliche Wonnen jenseits aller menschlichen Erfahrung. Sorgfältig bereitet Frank das Ritual im leer stehenden Haus seiner Eltern vor und enträtselt das Puzzle. Vier Zenobiten erscheinen. Als Frank diese grausig verstümmelten Wesen sieht, wird ihm klar, dass sich ihre Definition fleischlicher Genüsse nicht mit seiner eigenen deckt. Dennoch will er erfahren, was sie zu bieten haben. Die Zenobiten erfüllen seinen Wunsch und steigern all seine Sinneswahrnehmungen bis zum Äußersten, bevor sie ihn in ihre Welt holen, in der Lust und Qual ein und dasselbe sind. Für Frank beginnt ein Martyrium unfassbarer Folterungen, das nach dem Willen der Zenobiten ewig währen soll.

Doch drei Jahre später ergibt sich für Frank eine Chance zur Flucht. Sein Bruder Rory und dessen frustrierte Ehefrau Julia ziehen in das Haus ein. Bei den Renovierungsarbeiten zieht sich Rory eine böse Schnittwunde zu. Sein Blut tropft auf den Boden des Zimmers, in dem Frank das Ritual durchgeführt hat - und Franks klägliche Überreste, die noch immer an diesen Raum gebunden sind, saugen das Blut auf. So gewinnt Frank genug Kraft, um sich Julia zu erkennen zu geben, und ihr mitzuteilen, dass er mehr Blut braucht, um in die reale Welt zurückkehren zu können. Julia, die an ihrem Hochzeitstag von Frank verführt worden ist und Rory verachtet, führt Frank mehrere Opfer zu, so dass der zerstörte Körper allmählich wiederhergestellt wird. Julias Verhalten weckt in Rorys Freundin Kirsty Misstrauen. Die junge Frau glaubt, Julia habe einen Liebhaber, und folgt ihr insgeheim. So wird sie Zeuge eines Mordes und fällt Frank fast selbst zum Opfer. Ihr gelingt jedoch die Flucht, wobei sie die Puzzlebox mitnimmt, deren Geheimnis sie wenig später enträtselt. Die von ihr unwissentlich herbeigerufenen Zenobiten lassen sich auf einen Handel ein. Sie werden vielleicht darauf verzichten, Kirstys Seele zu zerreißen, wenn sie ihnen bei der Jagd auf Frank hilft...

Dieser Kurzroman stammt aus einer Zeit (späte Achtziger), in der Clive Barker einer der prominentesten Vertreter eines Horror-Subgenres war, das man als "Splatterpunk" bezeichnet hat. Die bizarre, bis ins absolute Extrem gesteigerte sadomasochistische Welt der Zenobiten mag als Musterbeispiel für die ganz besondere "Körperlichkeit" gelten, die Barkers Romane und Storys zu etwas Besonderem macht: Explizite Gewaltdarstellungen in Verbindung mit Sexualität, wobei die Grenzen zwischen Lust und Qual, Schönheit und Hässlichkeit verschwimmen oder ganz aufgehoben werden. Der gleichnamige Film, bei dem Barker selbst Regie geführt hat, gilt zu Recht als einer der einflussreichsten Horrorfilme der Achtziger- und Neunzigerjahre. Man kann ihn als stilbildend bezeichnen, und "Pinhead", Wortführer der Zenobiten, ist zu einer Ikone dieses Genres geworden. Genau wie der Film entfaltet auch der Roman seine größte Wirkung, wenn die Zenobiten auftreten und wenn es um ihre grausame Philosophie der Schmerzen geht. Sie verbreiten eine Faszination, der man sich nicht entziehen kann, obwohl man gleichzeitig davon abgestoßen ist.

Die menschlichen Protagonisten sind auf ihre Art nicht weniger abstoßend - genau genommen gibt es keine einzige positive Figur. Allen voran natürlich Frank, der wie Goethes Faust einen Pakt mit dem Teufel schließt, aber aus ganz anderen Gründen als dieser, und für den alle anderen Menschen nur Mittel zum Zweck sind. Julia, eine eiskalte und berechnende Mörderin, bildet sich ein, sie könne sich Frank gefügig machen. Rory ist ein Schwächling, der Julia nicht wirklich liebt (wodurch er sie wohl erst zu ihren Taten treibt), sondern nur in ihr hübsches Gesicht vernarrt ist. Selbst Kirsty, die auf den ersten Blick unschuldig wirkt, hat ihre dunklen Seiten. Nur zu gern würde sie Julia des Ehebruchs überführen, um selbst bei Rory landen zu können. Gier und Selbstsucht sind die einzigen Triebfedern des Handelns aller Hauptfiguren. Gefühle und Moral spielen bei ihnen keine Rolle. Barker bringt all das in seinem unnachahmlichen Stil mit vergleichsweise wenigen Seiten auf den Punkt und erzeugt dabei eine ungemein fesselnde, düstere Atmosphäre - Stephen King hätte dafür hunderte von Seiten benötigt. "Hellraiser" ist ein moderner Horror-Klassiker, der in keiner Sammlung fehlen sollte.

Der Kurzroman ist schon 1992 unter dem Titel "Das Tor zur Hölle" bei Heyne erschienen. Die Ausgabe der Edition Phantasia wurde neu übersetzt. Dabei soll es sich um die erste ungekürzte Version handeln. Ich besitze zwar beide Ausgaben, habe sie aber nicht verglichen, jedenfalls habe ich nicht auf den ersten Blick sehen können, welche Stellen in der alten Ausgabe fehlen. In der Edition Phantasia sind einige Zeichnungen Clive Barkers enthalten - die sind in der Heyne-Ausgabe nicht enthalten. Einige Fehler in der Neuübersetzung trüben den Lesespaß ein wenig. (30.05.2011)


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453
Die Füchse von Mahagon Max Frei: Das Echo-Labyrinth 3 - Die Füchse von Mahagon
Blanvalet, 2008
380 Seiten

General Bubuta Boch, Polizeichef der Stadt Echo, hat sich noch nicht von seiner Beinahe-Verwandlung in eine Pastete erholt und bleibt - nicht zuletzt durch die Intervention seines Retters Max - zunächst dienstunfähig. Deshalb können sich Bochs Untergebene endlich ungehindert einem geheimnisvollen ungelösten Fall widmen. Im Wald von Mahagon treiben Räuber ihr Unwesen, die von einem gewissen Dschifa Savancha angeführt werden. Das wäre an sich schon schlimm genug. Da Savancha jedoch schon seit Jahrzehnten tot ist, so dass vom unerlaubten Einsatz schwarzer Magie ausgegangen werden muss, fühlt sich die Ordnungsmacht überfordert und schaltet den Kleinen Geheimen Suchtrupp ein. Max und Lady Melamori übernehmen den Fall. Ande Pu, ein Reporter, der sich bei Max einquartiert hat und einen Artikel über dessen berühmte Katzen schreiben will, ist mit von der Partie. Wieder einmal überrascht Max seine Kollegen mit unerwarteten Begabungen. Diesmal stellt sich heraus, dass er Verbrechern genauso gut "auf die Spur treten" kann wie Melamori.

Nachdem dieses Abenteuer überstanden ist, fällt Max in Schlaf und verschwindet. Sein Chef erklärt ihm später, dass es Max gelungen ist, die Tür zwischen den Welten zu öffnen. Er kann das Weltenlabyrinth somit genauso bereisen wie Sir Juffin Halli selbst. Max verbringt ein Jahr damit, diese Fähigkeit zu perfektionieren. Als er wieder zurückkommt, wartet ein neuer Auftrag auf ihn. Ein Schiff aus dem Nachbarland Arwaroch ist in Echo eingetroffen. Die Seefahrer suchen nach einem Flüchtling, und Max soll ihnen helfen. Im Verlauf dieser Ereignisse kommt Lady Melamori (in die Max unglücklich verliebt ist) einem der Ankömmlinge näher, während Max im wahrsten Sinne des Wortes sein Herz an Lady Techi Scheck verliert, die ein nach seinen Katzen Ella und Armstrong benanntes Wirtshaus betreibt.

"Max Frei", Ich-Erzähler der "Echo-Labyrinth"-Romane und gleichzeitig Pseudonym des russischen Autorenduos Svetlana Martynchik / Igor Stepin, entwickelt sich mehr und mehr zum alleskönnenden Tausendsassa. Inzwischen beherrscht er praktisch alle Zauberkünste seiner illustren Kollegen, kann von einer Welt in die andere greifen und nach Belieben alle möglichen Gegenstände herüberholen, und ist nun auch in der Lage, körperlich zwischen den Welten zu wechseln. Wenn sich die Autoren da mal nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt haben - je mächtiger Romanfiguren werden, desto schwerer wird es automatisch für die Autoren, sie noch sinnvoll in eine Geschichte zu integrieren. Und so erledigt Max seine Ermittlungsarbeit wieder einmal eher nebenbei; er ist mehr mit dem Verzehr von Piroggen und mit Herzensdingen beschäftigt, als sich irgendwie um die Lösung der verschiedenen Fälle zu kümmern.

Diese Schwäche zieht sich durch alle drei mir bislang bekannten Romane dieser Reihe. Sie bestehen hauptsächlich aus Wortgeplänkel zwischen Max und seinen mehr als nur spleenigen Kollegen, der Beschreibung ausschweifender Tafelfreuden und anderen Nebensächlichkeiten. Eher beiläufig werden ein paar neue Informationshäppchen über die Parallelwelt eingestreut, in der Max nun schon seit mehreren Jahren lebt, und die Fälle werden am Ende nebenbei mit ein paar Sätzen aufgeklärt. Deshalb ist es auch gar nicht so einfach, eine Handlungszusammenfassung zu schreiben. Es wird viel geredet, aber es geschieht wenig.

Positiv hervorheben kann man wie immer die Eigenständigkeit der fiktiven Welt. Die üblichen Fantasy-Versatzstücke findet man hier nicht; immer wieder gelingt es den Autoren, den Leser mit neuen Ideen zu verblüffen. Erneut hatte ich auch diesmal bei so manchen Textstellen das Gefühl, dass ich das Gelesene wahrscheinlich witzig finden sollte - aber der Witz erschloss sich mir nicht. Unübersetzbare Wortspiele? Für Nicht-Russen unverständliche Anspielungen? Ich weiß es nicht. (23.05.2011)


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452
Nuhr auf Sendung Dieter Nuhr: Nuhr auf Sendung
WortArt, 2010
366 Seiten

Es lebe das Radio! WDR 2 sendet täglich um zehn vor elf Kabarett. Donnerstags ist Dieter Nuhr dran, einer meiner Lieblings-Kabarettisten. Dummerweise habe ich zu spät erfahren, dass man diese Sendungen auf der WDR-Homepage herunterladen bzw. als Podcast abonnieren kann, denn wochentags um zehn vor elf mache ich alles Mögliche, aber Radiohören gehört nicht dazu. Da kommt mir dieses Buch gerade recht, denn es enthält die von Dieter Nuhr beigesteuerten Texte aus den Jahren 2000 bis 2009. Da ich so ziemlich alle seine Bühnenprogramme aus dieser Zeit kenne, und da ich mich schon über seine Bücher Gibt es intelligentes Leben? und Wer's glaubt, wird selig köstlich amüsiert habe, kommt mir zwar so einiges bekannt vor. Dennoch ist das Buch empfehlenswert, denn wie immer bringt Nuhr banale Alltagsthemen, Beziehungsprobleme etc. gekonnt auf den Punkt und schlägt immer wieder gleichzeitig einen Bogen zu existenzialistischen Fragen und philosophischen Betrachtungen. Genial! (16.05.2011)

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451
Flowers for Algernon Daniel Keyes: Flowers for Algernon
Harcourt Books, 2004
311 Seiten

Prof. Nemur und Dr. Strauss leiten ein Forschungsprojekt am New Yorker Beekman College, das die Entwicklung einer Therapie zur Intelligenzsteigerung zum Ziel hat. Eines ihrer Versuchstiere, die Maus Algernon, spricht äußerst positiv auf die Behandlung an. Algernon lernt schnell und löst schon bald jedes noch so komplizierte Labyrinth. Der Effekt scheint von Dauer zu sein. Die Forscher suchen deshalb nach einer menschlichen Versuchsperson. In Charlie Gordon, einem geistig zurückgebliebenen Mann in den Dreißigern, finden sie einen geeigneten Patienten. Charlie ist nett und strebsam, hat aber nur einen Intelligenzquotienten von knapp 70. Er arbeitet als Gehilfe in einer Bäckerei und ist Schüler in einer von der jungen Lehrerin Alice Kinnian geleiteten Klasse im Center for Retarded Adults des Beekman College. Charlie wünscht sich nichts sehnlicher, als klug zu werden, um neue Freunde zu finden. Er wird den Forschern von Miss Kinnian empfohlen. Erste Tests belegen seine große Motivation und den hohen Grad der Retardierung. Beim Labyrinth-Test hat er keine Chance gegen die Maus Algernon.

Die Behandlung beginnt. Charlie wird gebeten, ein Tagebuch über seine Fortschritte zu führen. Innerhalb weniger Wochen steigert sich seine Intelligenz dramatisch. Bald überflügelt er sowohl seine Lehrerin, in die er sich verliebt, als auch Prof. Nemur. Er absorbiert Wissen in unglaublichem Tempo und entwickelt eigene wissenschaftliche Theorien, die die Fachwelt in Erstaunen versetzen. Doch der Therapieerfolg hat auch Schattenseiten. So erkennt Charlie, dass sich alle Menschen, die er einst für seine Freunde gehalten hat, nur über ihn lustig gemacht haben. Nach und nach erinnert er sich an seine Vergangenheit und begreift, dass er von seinen Eltern abgeschoben wurde. Auch kann seine emotionale Entwicklung nicht mit seinen geistigen Fähigkeiten mithalten. Der "alte" Charlie ist immer noch präsent, beobachtet ihn und verhindert, dass er Alice näher kommt.

Charlie entdeckt einen Fehler in Prof. Nemurs Therapieansatz. Ihm wird klar, dass die Intelligenzsteigerung nur vorübergehend sein kann, und dass sich der Effekt irgendwann umkehren wird. Da er nicht weiß, wie viel Zeit ihm noch bleibt, sucht Charlie fieberhaft nach einer Lösung. Eines Tages bemerkt er, dass sich Algernon merkwürdig verhält. Die Maus bleibt mitten in einem Labyrinth stehen, das sie schon einmal gelöst hatte, und findet den Weg nicht mehr...

"Blumen für Algernon" (in Deutschland auch unter dem Titel "Charly" erschienen) ist zwar über 40 Jahre alt und basiert auf einer Kurzgeschichte desselben Autors, die sogar schon über 50 Jahre alt ist, hat aber nichts von seiner Aktualität verloren und ist einer der traurigsten Romane, die ich kenne. Ein unvergesslicher Klassiker, den ich schon immer mal im englischen Original lesen wollte - was sich als gar nicht so einfach herausgestellt hat. Die gesamte Geschichte wird aus Charlies Sicht erzählt, und zwar in Form seiner Fortschrittsberichte. So kann der Leser seine Entwicklung mitverfolgen. Zu Beginn kann Charlie gerade mal mehr schlecht als recht schreiben, die Berichte strotzen nur so vor Fehlern. Das macht die Lektüre im englischen Original etwas schwierig. Ganz allmählich verbessern sich Rechtschreibung, Grammatik und Stil, bis die Texte eine Komplexität erreichen, die Charlies IQ von über 180 entspricht. Immer wieder bindet Charlie Träume und Erinnerungs-Visionen ein, durch die seine problematische Vergangenheit nach und nach ans Licht kommt. Dann schlägt das Pendel in die andere Richtung aus, was an den fehlerhafter werdenden Berichten erkennbar wird.

Vor der Veränderung lebt Charlie im Zustand der mehr oder weniger glücklichen Einfalt. Seine Existenz ist gesichert, er hat Freunde (glaubt er jedenfalls). Er weiß zwar, dass er anders ist als seine Mitmenschen, aber er ist nicht unbedingt unglücklich. Dennoch wünscht er sich natürlich, so zu sein wie alle anderen. Als er dieses Ziel erreicht, tritt das genaue Gegenteil ein. Er wird seinen einstigen "Freunden" unheimlich, so dass sie ihn ablehnen. Seinerseits erkennt er, dass es mit der Freundschaft nie weit her war. Er fühlt sich allen Menschen in seiner Umgebung weit überlegen und distanziert sich selbst von ihnen. Gleichzeitig wird er von Traumata aus seiner Jugend gequält, die seine emotionale Weiterentwicklung behindern. So vereinsamt er immer mehr. Auf dem Gipfel seiner Entwicklung erkennt er, dass er diesen Erfolg Menschen zu verdanken hat, die keine rechte Ahnung von ihrer eigenen Tätigkeit haben; Nemur und Strauss sind keineswegs die allwissenden Halbgötter, für die er sie gehalten hat. Ein größeres Problem hat er aber damit, dass sie ihn vor der Intelligenzsteigerung gar nicht als vollwertiges menschliches Wesen wahrgenommen haben, und dass sie ihn auch jetzt, da er ihnen weit überlegen ist, immer noch als Versuchsobjekt betrachten. Charlies Verzweiflung angesichts des geistigen Verfalls wird besonders eindringlich vermittelt. Er weiß zunächst genau, was mit ihm vorgeht, kann aber nichts dagegen tun.

Eine betroffen machende gesellschafts- und wissenschaftskritische Fallstudie, die zum Nachdenken anregt und trotz aller Traurigkeit nicht auf die Tränendrüse drückt. Ist der "dumme" Charlie weniger menschlich oder weniger "normal" als der "kluge" Charlie? Er ist glücklich, solange er gar nicht begreift, was um ihn herum vorgeht. Er wandelt sich vom liebenswerten Tölpel zum arroganten Superhirn - jedenfalls reagieren seine Mitmenschen in dieser Weise auf ihn. Ausgegrenzt wird er immer, nur aus verschiedenen Gründen. Seine Genialität bringt ihm jedenfalls nur neue Qualen ein, aber weder Zufriedenheit noch Freunde. Doch nur so ist er in der Lage, sich selbst zu erkennen, und immerhin gelingt es ihm vermutlich, die Wissenschaftler davon abzuhalten, ihr Verfahren bei anderen Menschen anzuwenden. (10.05.2011)


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